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Handwörterbuch
des deutschen Aberglaubens
Herausgegeben von
Hanns Bächtold-Stäubli
unter Mitwirkung von
Eduard Hoffmann-Krayer
mit einem Vorwort von
Christoph Daxelmüller
Band 7
Pflügen - Signatur
Walter de Gruyter • Berlin ■ New York
1987
Unveränderter photomechanischer Nachdruck der Ausgabe
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
herausgegeben unter besonderer Mitwirkung von E. Hoffmann-Krayer
und Mitarbeit zahlreicher Fachgenossen
von Hanns Bächtold-Stäubli, (Handwörterbücher zur deutschen Volkskunde,
herausgegeben vom Verband deutscher Vereine für Volkskunde,
Abteilung 1, Aberglaube), erschienen 1927 bis 1942 bei
Walter de Gruyter & Co. vormals G. J. Göschen’sche Verlagshandlung -
J. Guttentag, Verlagsbuchhandlung - Georg Reimer - Karl J. Trübner -
Veit & Comp., Berlin und Leipzig.
Abbildung auf dem Einband:
Geflügelter Drache, nach Conrad Gesner, Schlangenbuch, Zürich 1589.
Die Originalausgabe dieses Bandes erschien 1936
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens / hrsg.
von Hanns Bächtold-Stäubli unter Mitw. von Eduard
Hoffmann-Krayer. Mit e. Vorw. von Christoph Daxel-
müllcr. - Unveränd. photomechan. Nachdr. - Berlin;
New York: de Gruyter
ISBN 3-11-011194-2
NE: Bächtold-Stäubli, Hanns [Hrsg.]
Bd. 7. Pflügen - Signatur. - Unveränd. photomechan.
Nachdr. d. Ausg. Berlin u. Leipzig, de Gruyter, Gutten¬
tag, Reimer, Trübner, Veit, 1936. - 1987.
© 1935/1936/1986 by Walter de Gruyter 6c Co., Berlin.
Printed in Germany.
Alle Rechte des Nachdrucks, der photomechanischen Wiedergabe, der Übersetzung, der Herstellung
von Photokopien - auch auszugsweise - Vorbehalten.
Druck: H. Heenemann GmbH & Co, Berlin
Einbandgestaltung: Rudolf Hübler
Bindearbeiten: Lüderitz & Bauer, Berlin
pflügen. An bestimmten Tagen ist das
P. verboten, so am Markustag, da sonst
die Ochsen und anderes Vieh fallen 1 ), am
Dreifaltigkeitssamstag, an Mariä Heim¬
suchung und am Wendelinstag 2 ). Am
Karfreitag, wie überhaupt in den Tagen,
in denen Jesus im Grabe ruhte 3 ), darf
man ,,keine Erde öffnen“ 4 ); doch lebt
noch die ältere Vorstellung, daß Festtags¬
arbeit Segen bringt, in der Vorschrift,
gerade am Karfreitag oder doch in der
Morgendämmerung bis zum Sonnenauf¬
gang zu p., um den Acker fruchtbar zu
machen 5 ). Im Dezember als dem zwölften
Monat muß der Acker ruhen und darf
nicht bepflügt werden 6 ). Das gleiche Ver¬
bot gilt, solange eine Leiche im Hause
ist 7 ). Um fruchtbarkeitszauberisch seine
und des Brotes magischen Kräfte auf den
Acker zu übertragen, muß sich der Pflüger
beim Essen auf den Pflug setzen 8 ), wie
man sich andererseits nicht auf den Pflug
setzen soll, um analogiezauberisch die
Arbeit nicht zu erschweren 9 ). Wer
Schnee einpfiügt (d. h. die Beackerung zu
früh beginnt), hat eine schlechte Ernte 10 ),
was ursprünglich wohl nur Erfahrungs¬
wetterregel ohne glaubensmäßige Be¬
gründung ist. Wird der Acker im Früh¬
ling mit zwei roten Zwillingsochsen ge¬
pflügt, so kann der Hagel der Saat nicht
schaden u ). Der Bauer schützt sich
magisch vor dem P. durch Essen dreier
kleiner in Wein getauchter Stücke Brot,
damit ihm der Teufel nicht schaden
kann 12 ). Beim P. durch Zufall aus der
Erde gerissenes Eisen hilft, bei sich ge¬
tragen, als Heilzauber gegen Rotlauf 13 ).
Wenn der Acker zur Saat gepflügt wird,
darf das Kind nicht von der Brust ent¬
wöhnt werden; es muß geschehen, wenn
das Getreide reif ist oder im Winter
Schnee liegt 14 ). Wird beim P. eine
Furche vergessen, so wird das als Vor-
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
Zeichen für den bevorstehenden Tod eines
Hausgenossen angesehen 15 ). Träume vom
P. bedeuten Tod 16 ).
Vgl. Pflug, Pfluggang, erster, Pflugbrot, Pflug¬
ziehen.
] ) Boeder Ehsten 85. 2 ) Meyer Baden 418.
3 ) ZdVfV. 14, 145. 4 ) Pollinger Landshut 210;
Meyer Baden 418. 6 ) Sartori Sitte 3, 145.
6 ) Fogel Pennsylv. 195. 7 ) Höhn Tod Nr. 7
S. 324; Heckscher Hannov . Vkde. 1, § 57.
8 ) Nilsson Jahresfeste 51. 9 ) ZdVfV. 3, 33.
10 ) Müller Isergebirge 8; ZdVfV. 24. 194.
11 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 131. 12 ) Rogasefler
Fambl. 3 (1899), 31. 13 ) Schönwerth Ober-
Pfalz 3, 233. 14 ) Leoprechting Lechrain 238.
15 ) Höhn Tod Nr. 7 S. 313; Heckscher
Hannov. Vkde. 1 § 35. lö ) ZdVfV. 22, 163.
Heckscher.
Pfluggang, erster. Wie in agrarreli¬
giöser Zeit der e. P. Kulthandlung,
mit Gebeten, Weihen, Opfern und an¬
deren kultischen Übungen verbunden war
(siehe Pflug § 1) 1 ), so ist er auch heute
noch heilige Handlung 2 ). Wie im
alten Indien der Pflug durch Berührung
des Priesters geweiht werden 3 ), und wie
in Rom das Darbringen des Trankopfers
zum e. P. mit gewaschenen Händen ge¬
schehen mußte 4 ), so muß der e. P. nooh
heute vom Hausvater selbst vorgenom¬
men werden 5 ). Der e. P. ist zunächst
zeitzauberisch gebunden. Mußte er im
alten Indien an einem ,,günstigen Tage“
stattfinden 6 ), so geschieht es bei uns
zu Lichtmeß 7 ), am Gertrudentage
(17. März) 8 ), zumeist jedoch zu Mariä
Verkündigung, welcher Tag deshalb , ,Pflug-
marien“ heißt 9 ). Weiter sind die Wochen¬
tage maßgebend: es muß an einem
Dienstag, Donnerstag oder Sonnabend ge¬
schehen 10 ), wie auch die Tierkreiskon¬
stellation : mußte es im alten Indien
unter dem Indrasternbild geschehen 11 ),
so darf bei uns der Acker nicht im Zeichen
des Skorpions oder Krebses zuerst ge¬
brochen werden, damit analogiezaube¬
risch die Wirtschaft nicht rückwärts
1
3
Pfluggang, erster
Pflugziehen
6
gehe 12 ). Gesprochener Wortzauber
wird angewandt, wenn das Frühlings¬
pflügen 13 ) wie das Umackern des Stoppel¬
feldes 14 ) mit kurzen Segensprüchen be¬
gonnen wird, wenn beim Einspannen zum
e. P. die Hausgenossen ein gemeinsames
Gebet verrichten 15 ) oder mit den Nach¬
barn vor dem Tenn knieend fünf Vater¬
unser beten 16 ), wenn man nach der Aus¬
fahrt des dritten Pfluges von Haus zu
Haus ziehend den Rosenkranz betet 17 ),
geschriebener Wortzauber, wenn man im
christlichen Griechenland den Namen
Raphaels auf die Pflugschar schreiben
muß 18 ). Als Lärmzauber wurden zur
Zeit der Gemein Wirtschaft, wenn die
Bauern geschlossen und in feierlichem
Zuge zum e. P. gingen, die Kirchen¬
glocken geläutet 19 ), als Zeichen za über
werden vor dem e. P. mit dem Peitschen¬
stiel drei Kreuze vor dem angespannten
Zugvieh gemacht 20 ), die ersten Pflug¬
furchen in Kreuzesform gezogen 21 ), auf
dem Pfluge wächserne Kreuze 22 ), aus dem
Wachs der Lichtmeßkerze hergestellt 23 ),
angebracht, als Feuerzauber werden vor
dem e. P. gesegnete Wachskerzen an¬
gezündet 24 ), wird der Pflug vor der Aus¬
fahrt auf der Tenne bei brennender Weih¬
kerze besegnet 25 ), wird Holzkohle vom
Osterfeuer 26 ), vom kirchlichen Karsams-
tagsfeuer 27 ), vom Bakenbrennen, dem
Dithmarsischen Frühlingsfeuer 28 ) wie auch
ein Stück Holz von einem vom Blitz ge¬
troffenen Baum (siehe Pflug § 4) 29 ) am
Pfluge angebracht, als Pflanzenzauber
versieht man den Pflug mit an Fastnacht
zubereiteten Holzpflöcken 30 ), mit zauber¬
kräftigen Würzpflanzen 31 ), benutzt zum
Besprengen mit Weihwasser einen Palm¬
sonntagzweig 32 ), als Pflanzen- in Ver¬
bindung mit Metallzauber muß der
Pflug beim e. P. über einen Besenstock,
ein Messer oder Pflugeisen, die ins Tor
gelegt werden, ziehen 33 ). Als Tier opfer¬
zauber werden den Zugochsen bei den
Hörnern einige Haare abgebrannt 34 ),
wird die Pflugschar, um die Saat zu
schützen, mit Fastnachtsfett 35 ), mit
Schmalz, in dem die Fastnachtskuchen
gebacken sind 36 ), mit Speck, der am
ersten Ostertage geweiht ist 37 ), ein¬
gerieben. Als kultische Speise er¬
halten die alt indischen Pflug ochsen Honig
und Schmalz, auch die römischen werden
festlich bewirtet, und die deutschen mit
Pflugbrot (siehe daselbst), dem alten
Speiseopfer, mit geweihtem Brot und
Salz gefüttert 38 ), wie auch die Pferde
eine Kanne Roggen mehr bekommen,
damit die Frucht gut gerät 39 ). Regen-
zauber liegt außer dem Trankopfer
(siehe Pflug § 1) vor *°), wenn vor der
ersten Ausfahrt im alten Indien der
Vorderochse einen Wasserguß bekommt 41 ),
wenn in Litauen die Pflüger von den
Weibern mit Wasser beschüttet 42 ), wenn
heute bei der Rückkehr vom e. P. der
Pflug 43 ), der Bauer 44 ), der als erster
heimkehrende Pflüger 45 ) oder Bauer,
Zugvieh und Pflug gemeinsam 46 ) als
Partizipanten der ackerlichen Vegetations¬
kraft mit Wasser, zauberverstärkend mit
Weihwasser 47 ), wie schon bei der Aus¬
fahrt zum e. P. 48 ), auch wohl mit Butter¬
wasser 49 ), Wein 5 °) oder Branntwein 51 )
begossen werden, was, zuweilen unter
einem Zauberspruch 52 ), als Fruchtbar¬
keitszauber immer von Mädchen und
Frauen oder der Hausfrau als Trägerin
der Lebenskraft in Familie und Haus
geschieht 53 ), wie denn hinwiederum bei
den alten Litauern die Bäuerin von den
Pflügern in den Teich geworfen 54 ) und
heute von ihnen begossen wird, wenn sie
Vesper aufs Feld bringt 55 ). Dieser Wasser¬
zauber hat überall, was auch zumeist die
volksmäßige Interpretation ist, den
Zweck, den Saaten Gedeihen durch
Schutz vor Dürre zu sichern; doch wird
er auch als Liebeszauber angewandt,
wenn das Begießen des Pfluges heimlich
und in Eile von einem Mädchen ge¬
schieht, das dem pflügenden Knechte
gewogen ist 58 ). Andererseits wirkt der
Pflüger als Teilhaber der Wachstumskraft
fruchtbarkeitszauberisch auf die Mäd¬
chen, wenn er beim e. P. eine Jungfrau
küßt 57 ), wenn er die Mädchen nach der
Rückkehr vom e. P. mit seiner Peitsche
schlägt, die, ursprünglich jedenfalls eine
grünende Gerte, als Lebensrute zu ver¬
stehen ist, wie ja auch der Bauer vor dem
e. P. seine Geißel segnet 58 ); volkser¬
klärungsmäßig geschieht das, um die
Flöhe auszuklopfen 59 ), die ebenso als
Dämonensubstitut in der Vorstellung er¬
scheinen, daß man sie aus der Stube ver¬
treibt, wenn man Erde, die beim e. P.
mit einem ungekeilten Pflug gebrochen
ist, in die vier Stubenwinkel streut 60 ).
Schadenverhindernde Schutzvorschrift
bestimmt, den Acker nicht mit einer
neuen oder frisch geschärften Pflugschar
zu brechen, sondern einen solchen Pflug
erst in Rasen stechen zu lassen, damit
kein Brand ins Getreide kommt 61 ). Vor¬
zeichenkündend wirkt der erste Pflug,
wenn er liegend gesehen Unglück, im
Zuge gesehen Glück für das kommende
Jahr verheißt 62 ).
l ) ZdVfV. 14, 7. 11 f. 14. 171. 140 ff. 148 ff.;
Sartori Sitte 2, 60. 62. 2 ) Sartori Sitte 2, 60;
John Westböhmen 187; Meyer Baden 417.
•) ZdVfV. 14, 14. 149 h 4 ) Ebda. 11 f. 5 ) Sar¬
tori Sitte 2, 62. ®) ZdVfV. 14, 7. 7 ) Heckscher
517. 8 ) Ebda.; Wrede Rhein. Vkde 2 201.
•) Heckscher 181. 287. 517; Maack Lübeck
30; Bartsch Mecklenburg 2, 256; Wuttke 84
§ 99 * 10 ) Wrede Eifeier Vkde . 2 176. J1 ) ZdVfV.
14, 7. 12 ) Frischbier Hexenspruch 133.
18 ) Drechsler 2, 49. 14 ) ZdVfV. 24. 194.
I§ ) Ebda. 14, 138. 16 ) SAVk. 11, 251 = Baum¬
berger St. Galler Land 145. 17 ) Meyer Baden
119. 18 ) ZfdMyth. 2 (1854), 418; ZdVfV. 14,
10. 149. 19 ) Maack Lübeck 29 f. 20 ) John
Westböhmen 186. 21 ) Drechsler Schlesien
2, 49. 22 ) Schmitz Eifel 1, 94; Wrede Eifeier
Vkde 2 176; Sartori Sitte 2, 59. 23 ) Wrede
Rhein. Vkde 2 201. 24 ) ZdVfV. 14, 137. 25 ) SAVk.
11, 251 = Baumberger 145. 26 ) John Erz-
gebirge 220; Wuttke 71 § 81; 418 § 651;
Mannhardt 1, 504. 554; Sartori Sitte 2, 60.
* 7 ) Kück u. Sohnrey Feste 3 187; Mann¬
hardt 1, 504; ZdVfV. 14, 137. 28 ) Maack
Lübeck 30. 29 ) Drechsler Schlesien 2, 49.
• 0 ) Wuttke 84 § 98. 31 ) ZdVfV. 14, 149.
**) SAVk. 11, 251. "J Haltrich Siebenb.
Sachsen 305. M ) ZdVfV. 14, 138. 35 ) Fogel
Pennsylvania 199. 36 ) Eberhardt Landwirt¬
schaft 1. 37 ) Grimm Myth. 3, 416; Meyer
Deutsche Vkde. 219; Bohnenberger 24.
*•) ZdVfV. 14, 7 f. 11 f. 14. 141. 130. 39 ) Strak-
kerjan 1, 54. 40 ) Vgl. Frazer 1, 282. 41 ) ZdVfV.
14, 7. 18. 141. 42 ) Ebda. S. 18. 43 ) John Erz¬
gebirge 220; ZdVfV. 14, 5. 138. 149 h; Gese-
mann Regenzauber 35 f. 44 ) ZdVfV. 14, 142;
Frischbier Hexenspruch 133; John West¬
böhmen 187; Kuhn Westfalen 2, 153; Reins¬
berg Festjahr 2 175; Kück u. Sohnrey Feste 2
122. 45 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 400.
4S ) Kolbe Hessen 51; Mülhause 130; Kuhn
Westfalen 2, 153. 428; Mannhardt 1, 332;
ZdVfV. 14, 142. 47 ) ZdVfV. 14, 137 f. 149.
«) SAVk. 11, 251. «) ZdVfV. 14, 138. 60 ) Ebda.
51 ) Gesemann Regenzauber 36. 52 ) Ebda. 35.
63 ) A. a. O. M ) ZdVfV. 14, 18. ») Ebda. 142.
M ) Gesemann Regenzauber 36. 57 ) Meyer
Baden 417. 58 ) Schmitz Eifel 1, 94 = Sartori
Sitte 2, 59. *•) Mannhardt 1, 268. 280 = Lyn-
cker Hess. Sagen 257. 341. 60 ) Grimm Myth.
3, 476. 81 ) ZdVfV. 7, 149; Eberhardt Land¬
wirtschaft 1. 82 ) Strackerjan 1, 38; Heck¬
scher Hannov. Vkde. I § 35. Heckscher.
Pflugziehen. Das im Vorfrühling statt¬
findende Umführen eines Pfluges um die
Fluren ist ein alter als Ackerungsvorfest
geübter Abwehrzauber, nach welchem
die heilige Furche (siehe daselbst) als
magischer Kreis die Felder von den
die künftige Saat bedrohenden Schaden¬
geistern reinigen und sie an die Gemar¬
kungsgrenzen bannen sollte. Dieses
Frühlingsabwehrpflügen meinte vielleicht
der Indiculus superstitionum in seinem
Verbot de sulcis circa villas x ), wie es noch
im 15. und 16. Jh., zur Fastnachts¬
belustigung geworden, auch von Be¬
wohnern der Städte geübt wurde. Dabei
eingerissener Mißstände wegen wird die
Pflugumfahrt zu Fastnacht 1530 in Ulm,
1578 in Neustadt an der Saale, 1580 in
Freiburg in der Schweiz verboten 2 ).
Trotz solcher Verbote hat sie sich in
ländlichen Gemeinden bis in die Jetzt¬
zeit erhalten, auch die einstigen, ebenso
von den geschichtlichen Belegen über¬
lieferten kultischen Reminiszenzen be¬
wahrend. Überall sind die Pflugumzüge
Frühlingsbräuche. Das bei ihnen
genossene Pflugbrot (siehe daselbst) wird
am Fastnachtmontag gebacken 3 ). In der
Rhöngegend finden sie an Petri Stuhl¬
feier (22. Febr.) statt 4 ), unter Jauchzen
und Lärmen als Lärmzauber im Ziller¬
tal am Aschermittwoch 5 ), im Stanzertal
in Tirol am Ostermontag oder -dienstag 6 ),
in den bayrischen Alpen wird Ostern ein
bekränzter, also mit der Frühlingsmaie
versehener Pflug umgeführt, der durch
die kultische Umfahrt tabu wird und
deshalb nicht zur gemeinen Arbeit ver¬
wandt und als Schutz vor zauberzeit¬
licher Gefährdung Ostern nicht im Acker
gelassen werden darf 7 ). In Rhöndörfern
ziehen im März die sogenannten Pfingst-
buben mit einem kleinen Pflug auf einem
Brett, also einer Ablösung des Zauber-
1*
7
Pflugziehen
8
pfropfen—Pharaildis
10
mittels, gabenheischend von Haus zu
Haus 8 ), in der Gegend von Hall und
Innsbruck erscheint unter den Fastnachts¬
schemen ein Bauer mit einem von Schim¬
meln gezogenen Pfluge und streut als
Säezauber Sägespäne aus 9 ), im Ans-
bachischen wird zu Pfingsten der anthro-
pomorphe Wachstumsgeist als geschwärz¬
ter Pfuigstlümmel auf einem Wagen um¬
geführt, der aus zwei lärmzauberisch mit
Rollen, Schellen und Klingeln behängten
Pfluggestellen zusammengesetzt ist 10 ).
Bei den in den österreichischen Alpen im
Fasching oder am Aschermittwoch ge¬
übten Wiederherstellen des Pfluges ziehen
die Burschen jubelnd und von der ganzen
Dorfgemeinde begleitet als magische Um¬
wandlung um die Ackergrenzen, wobei mit
einem Pfluge, von dem alle Eisenteile weg¬
geschlagen sind, der ,,Schnee eingepflügt“
wird, um das Erscheinen des Frühlings ma¬
gisch zu erzwingen; dem Pfluge folgt neben
dem Führer und dem mit einer Flasche
versehenen Wirt als kultische Person der
Baumann, der Spaßmacher, der wie der
Spielmann in den Pflugumzügen des
MA.s die Stelle der im Heidentum die
kultischen Funktionen ausübenden Per¬
son, des Priesters, vertritt n ), in der
Hand den genetisch als Frühlingsmaie
zu erklärenden Stock, der beim Pflügen
zum Abstreichen der Erde vom Pflug¬
eisen dient 12 ). Ein wesentliches kultisches
Moment liegt alsdann darin, daß der
Pflug zur Verstärkung des Fruchtbar¬
keitszaubers von Mädchen gezogen
wird 13 ). Hans Sachs und Chroniken des
15. und 16. Jh.s überliefern, daß in Süd-
und Mitteldeutschland heiratsfähige Mäd¬
chen, die im letzten Jahre nicht geehe-
licht hatten, fastnachts vor den Pflug
gespannt werden 14 ). Nach einer Nach¬
richt vom Jahre 1553 rissen zu Fastnacht
die Burschen die Mädchen aus den
Häusern, spannten sie vor den Pflug und
ließen sie diesen, auf dem ein Spielmann
singend und spielend saß, durch die
Straßen ziehen, wobei ihn ein Bursche,
die Mädchen mit der Peitsche treibend,
lenkte und ihm ein Säemann Sand oder
Asche, nach einem Bericht von 1592
Häckerling und Sägespäne streuend,
folgte 15 ). Die Pflugbespannung mit
Mädchen hat sich vereinzelt bis in die
neueste Zeit bei Frühlingspflugfesten er¬
halten. Noch in den achtziger Jahren des
vorigen Jh.s fand in einem unterfrän¬
kischen Dorfe alle sieben Jahre im Fe¬
bruar ein Pflugfest statt, bei welchem
neben andern Umzügen ein Pflug von
sechs ausgesucht schönen Mädchen in
ländlicher Festtracht dahergezogen wurde,
gefolgt von einer ebenfalls mit vier Mäd¬
chen bespannten Rübenschleife und be¬
gleitet von Geräte tragenden Bauern,
Säeleuten, Schnittern, Dreschern, Heu¬
machern, Winzern usw. 16 ). Daß auch
kult ische Nacktheit mit solchen Pflug¬
umzügen verbunden gewesen ist, beweist
ein Brauch, der bis ins 19. Jh. in Böhmen
bestand: bei der ersten Aussaat zog man
mit einem Pfluge, dem ein nacktes Mäd¬
chen voraufging und dem ein ganz
schwarzer Kater mit einem Schloß am
Halse voraufgetragen wurde, in großem
Zuge aufs Feld, um dort den Kater als
Opferzauber lebendig zu begraben 17 ).
Regenzauber wird bei den Pflugum¬
zügen darin geübt, wenn der Pflug mit
der auf ihm sitzenden kultischen Person,
dem Spielmann oder dem Pfingstlümmel,
ins Wasser gezogen wird 18 ), was eben¬
falls schon aus dem 15. und 16. Jh. über¬
liefert wird 19 ). Feuerzauber ist end¬
lich die ebenso aus dem ausgehendem MA.
bezeugte Umfahrt mit einem feurinen
pflüg, einem Pflug, auf dem ein Feuer
brannte, bis er in Trümmer fiel 20 ), wie
die 1493 in England belegte zum Jahres¬
beginn stattfindende Umführung eines
Pfluges um ein Feuer 21 ), mit der der Pflug
feuerzauberisch gereinigt und zauber¬
zwangsmäßig die warme Frühlingssonne
dem Acker zugeführt werden sollte, wie
endlich die ebenfalls aus dem ma.lichen
England überlieferte Stiftung eines „Pflug¬
lichtes“ an die Kirche aus dem Ertrag
der Sammlungen, die mit dem am Montag
nach Epiphanias, dem Pflugmontag, statt-
findenden Umzug mit dem Narrenpflug
verbunden waren 22 ). In diesem tritt
der Vegetationsdämon, der hier die Funk¬
tionen der kultischen Person übernimmt,
trachtmäßig als theriomorpher Wachs¬
tumsgeist auf: dreißig bis vierzig Bur¬
schen, das weiße Hemd über der Weste
tragend, ziehen an langen Stricken einen
mit Bändern geschmückten Pflug, be¬
gleitet von einem alten Weibe oder einem
als solches verkleideten Burschen, der
Old Bessy, der Verkörperung des aus¬
zutreibenden Winters, in hohem zucker¬
hutförmigen Hut und närrischem Auf¬
putze, weiter von einem ganz in Felle
gekleideten und mit einem Schwanz ver¬
sehenen Narren und befehligt von einem
Burschen, der ebenfalls einen Kalbs¬
schwanz trägt 23 ). Ein Frühlingspflugfest,
bei dem der bewegliche Pflug zu einem
festen verblaßt ist, ist das oberhessische
Rückersfest, das am 10. März, dem Tag
der 40 Ritter stattfindet, und bei dem
für 40 Tage auf dem First des Hauses
ein von Holz geschnitztes Bild befestigt
wird, das einen von fünf Pferden, näm¬
lich zwei Rappen, zwei Füchsen, die ge¬
ritten werden, und einem Schimmel an
der Spitze, gezogenen Pflug mit einem
Pflüger im weißen Kittel und einen Brot¬
beutel um die Schulter tragend dar-
stellt 24 ).
l ) Mannhardt 1, 563; vgl. die Belege bei
Furche Anm. 7. 2 ) Grimm Myth. 1, 219; 3, 87;
Mannhardt 1, 554 t.; ZdVfVk. 14, 144; SAVk.
xi, 253. 3 ) Höfler F astengeb äcke 60. 4 ) Mann¬
hardt 1, 556; Sartori Sitte 3, 88. 6 ) Mann¬
hardt 1, 555. 6 ) Zingerle Tirol 150; Höfler
Ostergebäcke 61. 7 ) Albers Jahr 189. 8 ) Panzer
Beitrag 1, 240; 2, 445; Mannhardt i, 556;
Sartori Sitte 3, 105. 9 ) Sartori Sitte 3, 100.
10 ) Panzer Beitrag 2, 91, 445; Mannhardt
I, 55 6 - u ) Simrock Myth . 2 555. 12 ) ZdVfVk.
X4, 18; ZföVk. 3, 12 f.; Mannhardt 1, 556;
Sartori Sitte 3, 105. 13 ) Meyer Germ. Myth.
290; Sartori Sitte 3, 105. 14 ) Grimm Myth.
X, 219; 3, 87; ZdVfVk. 14, 144. 15 ) Mannharut
x, 554 - 16 ) Ebda. 556. 17 ) Grohmann 143 f.
= Mannhardt 1, 560 f.; ZdVfVk. 14, 18.
w ) Mannhardt 1, 563 f.; Meyer Germ. Myth.
290. 19 ) Grimm Myth. 1, 219; 3, 87; ZdVfVk.
14, 144; Mannhardt 1, 554. 20 ) Grimm
Myth. 1, 219; 3, 87; Wolf Beiträge 1, 72;
Meyer Germ. Myth. 290; ZdVfVk. 7,234; 14,144;
Jahn Opfergebräuche 91. 21 ) Mannhardt 1,
553 f* 564- 22 ) Ebda. 1, 558; ZdVfVk. 14, 137;
Reinsberg Festjahr 2 37. 23 ) Mannhaidt
X, 557 f.; Meyer Germ. Myth. 290; Frazer
12, 415; Liebrecht Gervasius 187; Reins¬
berg Festjahr 2 36 f. 24 ) Kolbe Hessen 52.
Heckscher.
pfropfen. Das P. als eine nicht recht
volkstümliche gartenbauliche Tätigkeit
spielt im Volksglauben keine wesentliche
Rolle. Nach der Chemnitzer Rocken¬
philosophie darf man Pfropfreiser nicht
auf die Erde fallen lassen, da sonst auch
analogiezauberisch die Früchte vorzeitig
fallen x ).
1 ) Grimm Myth. 3, 447. Heckscher.
Phallus s. Nachtrag.
Pharaildis ist ein Beiname der nächt¬
lichen Dämonenführerin Herodias (s.
d.), der uns zum ersten Male um 1100
in dem in den Niederlanden verfaßten
Gedicht „Rein(h)ardus“ begegnet 1 ). Ph.
hat somit viele Züge mit Diana (s. d.),
Holda, Perchta (s. d.) und Abundia
(s. d.) gemeinsam. Auf Ph. überträgt
der Dichter des Reinardus die Sage von
Herodias, der Tochter des Herodes, und
Johannes dem Täufer 2 ). Ph. stürmt
u. a. an der Spitze des wilden Heeres
(s. d.) 3 ) oder als dämonische Hexen¬
führerin durch die Lüfte 4 ), umgeben
von Scharen zauberhafter Weiber, die
auf wilden Tieren reiten 5 ). Die Hexen¬
salbe, die die Hexen bei ihren Fahrten
durch die Lüfte benutzen und „ungentum
Pharelis“ nennen 6 ), kann mit Ph. in
Zusammenhang gebracht werden. Den
Glauben, daß der dritte Teil der Mensch¬
heit Ph. dient 7 ), bezieht Simrock auf
die Seelen der Verstorbenen 8 ).
Auf Grund ihrer Funktion als An¬
führerin des wilden Heeres bzw. der
Hexenfahrt und als Urheberin des Wirbel¬
windes (Windsbraut) 9 ) führen einige For¬
scher ihren Namen Ph. auf Farahild 10 )
= Fahrende Hilde zurück u ), die meisten
aber erklären ihn als latinisierte Form
von „Frau Hilde“, vrouwa Hiltia, dem
mnl. Vereide, d. i. Ver Heide, niedersächs.
Verheilen, Ver Wellen, entspricht 12 ). Für
die zweite Erklärungsmöglichkeit spricht,
daß die Milchstraße (der Seelenweg) in
den Niederlanden Vroneldenstraet (oder
ver Broeneldenstraete, s. u. Brünhild),
d. i. Frau Hildenstraße, genannt wird 13 ).
Selbständigere Züge bekommt Ph. als
Heilige in einer flandrischen Legende.
Dort wird erzählt, daß eine Gans ver¬
zehrt und nachher von der hl. Ph. wieder
ins Leben gerufen wird 14 ).
II
Phialomantie—Philomantie
12
x ) Reinardus i, 1139—64; Grimm Myth.
1, 235!.; Golther Myth. 496 Anm. 2 ) Wilh.
Müller Geschichte und System der altdeutschen
Religion, Göttingen 1844, S. 112; Grimm Myth.
1, 236. 3 ) Vgl. Simrock Myth. 396 = 6 367.
4 ) Vgl. Sepp Religion 211 ff. cap. 80. 5 ) Mann¬
hardt Götter 301. 6 ) Hansen Hexenwahn 131.
Grimm Myth. 3, 427. „Zu sölichen farn nützen
auch man und weib, nemlich die vnhulden,
ain salb die haissen vngentum pharelis“.
7 ) Reinardus 1160; Müller aaO. 113; Hansen
Zauberwahn 133. Vgl. die Praeloquia des Ra-
therius u. den Isengrimus, zit. bei Hansen
Zauberwahn 133. 8 ) Simrock Myth . 397; *367.
9 ) Grimm Myth. 1, 526; Sepp Religion 211 ff.
cp. 80; Müller aaO. 112; Mannhardt Götter
301. 10 ) Unter den mit Fara- zusammen¬
gesetzten germ. Namen erwähnt Henning
(ZfdA. 36, 325) auch Farohildis. n ) Golther
Myth. 496 Anm.; Meyer Germ. Myth. 273.
12 ) Grimm Myth. 1, 236; Mannhardt Götter
301; Mannhardt Germ. Mythen 293; Sepp
Religion 211 ff. cp. 80. Verheilen u. Ver Wellen
sind für Simrock (Mythologie 397; 6 3Ö7) Ent¬
stellungen des Namens „Frau Hilde“, die Frau
in „Ver“ abschwächen. Er glaubt, daß der
Dichter des Reinardus Ph. aus Vereide u. Frau
Hilde gebildet hat. 13 ) Mannhardt Germ.
Mythen 293; Mannhardt Götter 301; Meyer
Germ. Mythologie 273 (vgl. § 123); Meißner in
ZfdA. 56, 83. 14 ) Mannhardt Germ. Mythen
61. An anderer Stelle (Götter 301) berichtet
Mannhardt, daß Ph. zusammen mit ihrem Ge¬
folge von zauberhaften Weibern auf dem Markt
zu Ferrara einen Ochsen schlachtet und ver¬
zehrt, ihn dann aber mit ihrem Stabe aus den
in die Haut gewickelten Knochen wieder ins
Leben zurückruft. Lincke.
Phialomantie s. Philomantie.
Philipp von Flandern. Der Name
des sagenhaften Grafen, der im sog.
Grafenamulett (s. d.) auf tritt. Mit ihm
ist ein Wundsegen verknüpft x ).
x ) A. Baumgarten Aus der Heimat 2,93.
f Stübe.
Philippine s. Vielliebchen.
Philippus hl.
1. Apostel und Märtyrer aus Bethsai-
da 1 ). Er wird mitunter verwechselt mit
dem „Evangelisten“ P., einem der
„Sieben“ 2 ). Die beiden Apostel P. und
Jakobus der Jüngere haben als Gedächt¬
nistag den 1. Mai, an dem ihnen beiden
im 6. Jh. in Rom eine Kirche erbaut
wurde. Sie treten aber in den volks¬
mäßigen Vorstellungen und Bräuchen
dieses Tages, der auch der h. Walpurga
(s. d.) gehört, nicht besonders hervor.
In Oberösterreich erzählt man: Als
der Apostel Jakobus enthauptet worden
war, wollten die Juden dasselbe auch
mit P. tun und sperrten ihn in ein Haus
Jerusalems. Um sich dieses zu merken,
stellten sie einen kleinen Baum, nach
andern einen abgehauenen Wipfel, vor
die Tür. Am andern Tage aber standen
vor allen Häusern Bäume oder Wipfel 3 ).
In katholischen Orten der Magyaren
will man wissen, daß einst Jakobus und
P. mit der h. Walpurga das Land durch¬
reisten und die Leute die h. Walpurga
deshalb schmähten. Da habe sie am
1. Mai ihren Stab in die Erde gesteckt
und gebetet, worauf der Stab grünes
Laub getrieben habe. Zum Andenken
pflanze man am 1. Mai die Maibäume
vor den Häusern auf 4 ). Am P.tage soll
man nicht flicken, nicht nähen und
stricken, überhaupt nicht arbeiten, weil
P. das Getreide „ausflickt“ 5 ). An diesem
Tage sollen die Halme schon in die Ähren
gehen 6 ).
*) Ev. Joh. 1, 44; 12. 21. *) Apostelgesch.
6 , 5; 8, 5 ff. 26 ff.; 21, 8 ff. Vgl. Boy 6 Heilige
u. Selige d. röm.-hathol. Kirche 2, 175. 177;
Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone
339 ff.; Kellner Heortologie 222. 3 ) Baum ¬
garten Jahr u. seine Tage 24; vgl. Wlislocki
Magyaren 49. 4 ) Wlislocki a. a. O. 5 ) Baum¬
garten a. a. O. 6 ) Landsteiner Nieder¬
österreich 67 Anm. 3.
2. In Zell in der Pfalz ist der h. P.
begraben, der im Zellertal (Nordpfalz)
das Christentum gepredigt hat. Man
spendete ihm besonders silberne, auch
vergoldete Knäblein als Ausdruck der
Bitte um die Geburt eines Sohnes oder
des Dankes dafür 7 ).
7 ) BayHfte. 8 (1921), 145 ff.; NddZfVk. 9, 17.
Sartori.
Philomantie, Liebeswahrsagung. Ein
Rezept des Großen Pariser Zauber¬
papyrus (4. Jh. n. Chr.) trägt die Über¬
schrift „ Liebesorakel der Aphrodite“
(ÄcppoSnnfjS cptXopavtsiov). In dem für
die Zauberhandlung vorgeschriebenen
Gebet wird die angerufene Göttin ange¬
fleht: „Bring mir Licht und dein schönes
Antlitz und mache wahr die Liebeswahr¬
sagung“ (a$ov ixoi cptu;.xal dXrji)?] xrjv
cptXop.'xvtsi'fav]). Da in dem Rezept
sonst von Liebe nicht die Rede ist, und
es sich anderseits um einen hydromanti-
*
, 3 Phitomantie
sehen Zauber handelt, bei dem in einer
mit Wasser und öl gefüllten Schale
(9ia'X?j) das Bild der wahrsagenden Göttin
auftaucht, hat man durch Korrektur
an beiden Stellen (cpiaXojxavTsiov und
<ptaXop.avx£tav) eine „Phialomantie“-
Schalen Wahrsagung erschlossen, etwa
gleichbedeutend mit der bereits im
Altertum als „Lekanomantie“ (XexavTj
M Schale“) bezeichneten Unterform der
Hydromantie (s. d.) x ). In den Divi-
nationslisten späterer Zeit ist weder
Philo- noch Phialomantie vertreten, was
sich selbstverständlich daraus erklärt,
daß jene Verzeichnisse lediglich aus lite¬
rarischen Quellen geschöpft sind.
*) Pap. Graec. Mag. ed. Preisendanz 1 (1928),
179. Die dort aufgenommene Konjektur
„Phialomantie“ vorgeschlagen von Hopfner
Offenbarungszauber 2 (1924), 121 § 245.
Zwischen Philo-, Phialo- und Phyllomantie
schwankt die Lesart der Handschriften für
die Hauptbelegstelle der Phyllomantie (s. d.).
Vgl. ferner Abt Apologie 173; Eitrem Opfer¬
ritus 115. Boehm.
Phitomantie s. Pithomantie.
Phol (Pol). Der Name Ph., nur im
zweiten Merseburger Zauberspruch (s. d.)
überliefert und selbst dem Norden unbe¬
kannt, ist vielumstritten. Endgültige
Sicherheit können wir aus der umfang¬
reichen wissenschaftlichen Literatur erst
dann gewinnen, wenn die weitere Frage
geklärt ist, ob wir in den beiden Merse¬
burger Zaubersprüchen rein heidnisch¬
germanische Zauberformeln vor uns
haben x ) oder ob wir in ihnen Über¬
setzungen und Kontrafakturen fremder
Muster erblicken und eine christliche
Vorlage annehmen dürfen, wie es die
jüngere Forschung zum Teil will 2 ) auf
Grund der zahlreichen deutschen (ins¬
besondere des zweiten Trierer Zauber¬
spruchs 3 )), englischen, schottischen, fin¬
nischen, estnischen, isländischen, nor¬
wegischen und schwedischen Varianten,
die sämtlich christlichen Inhaltes sind 4 ).
Halten wir uns an das Denkmal selbst,
so erhellt aus der Tatsache, daß uns dort
nur germanische Götternamen begegnen,
daß es sich auch bei Ph. um einen germa¬
nischen Gott handelt, der wahrscheinlich
mit Balder identisch ist 5 ). Wir können
Phol (Pol) 14
in Ph. weder eine verkümmerte Form
von Apollo 6 ) noch den Apostel Paulus 7 )
sehen, ebenso lehnen wir jede natur-
mythologische Deutung ab 8 ). Mogk
läßt zwar offen, ob Ph. mit Balder gleich¬
zusetzen ist, hält ihn aber für eine Lokal¬
gottheit, deren man in den Inschriften
der Votivsteine viele findet und deren
Bedeutung und Wesen immer verschlossen
bleiben wird 9 ). Auf Grund von etymo¬
logischen und mythologischen Kriterien
kommt neuerdings W. Steller zu der An¬
sicht, daß Ph. = Fohlen, „Pferd“ (vgl.
Pferd) sei und erklärt die eigentümliche
Tatsache, daß mit dieser Deutung dem
Pferd die Stelle vor Wodan zuteil wird,
mit der mythischen Priorität des dämo¬
nischen Rosses gegenüber der anthropo-
morphen Erscheinungsform des Toten¬
gottes Wodan 10 ).
Etwaige Zeugnisse für die Möglichkeit
des Fortlebens des germanischen Gottes
Ph. im späteren Volksglauben sind sehr
dürftig und äußerst unsicher. Inwieweit
sein Vorkommen in einigen alten deutschen
Orts- undFamiliennamengesichert ist,
bleibt einer kritischen Untersuchung der
mit Ph. gebildeten Namen Vorbehalten
(vgl. Balder, Anm. 4). J. Grimm, E. H.
Meyer, Quitzmann, Grienberger u. a. sehen
in ihnen wichtige Spuren von einem Gott
Ph. Sie erwähnen einen dem Ph. geweih¬
ten Ph.esbrunnen in Thüringen 11 ), einen
Volenbrunn (Ph.enbrunn) unweit Reut¬
lingen 12 ), einen Ph.tag, in rheinischen
Gegenden Pfultag, Pulletag genannt, der
gerade auf den 2. Mai fällt 13 ), und einen
Ph.mänöt (Mai und September) u ), ferner
die Ortsnamen Ph.esouwa (Ph.esauwa)
aus dem 8. Jh., jetzt Pfalsau bei Passau 15 ),
Ph.espiunt aus dem 12. Jh., jetzt Pfalz¬
point a. d. Altmühl (Bayern), Ph.es-
brunno, jetzt Pfulsbom in Thüringen 16 ),
die Dörfer Phulsbom (Pfolczborn), Fals-
brunn (Falsbronn), ein Pfahlbronn bei
Lorch und ein Pohlbronn in der Wet¬
terau 17 ). In dem Namen des Johannes
de Palebome (um 1300) sieht Grimm
Paderborn, das nd. Palbom, Baiborn,
Padelbon heißt und von ihm mit Balders-
brunnen zusammengebracht wird 18 ). Als
bäuerliche Familiennamen begegnen Voll-
*5
Phol (Pol)
Phönix
18
stedt in Westfalen, Vollborn und Polbem
in Berlin 19 ), ein Berg bei Trier wird Puls¬
berg genannt, bei Waldweiler liegt ein
Pohlfels, im Kreise Prüm ein Pohlbach 20 ).
Der Wirbelwind trägt den Namen Pul-
hoidche, Pulhaud, und Grimm spielt mit
der Möglichkeit, daß Ph., ähnlich wie
Herodias (s. d.), als Urheber des Wirbel¬
windes anzusprechen sei 21 ). Quitzmann
bringt Ortsnamen wie Ph.inchofa, Pfoeln-
choven, Ph.ingen, Phoelinge, Pfolingen,
ferner Phulle, Phuel, Phalhof und Phal
mit dem Lichtgott Ph. in Zusammen¬
hang 22 ). Weitere Belege s. Grimm,
Myth. 1,1870.; 3, 79ff.; Grimm, Kl.Sehr.
2, 14 ff.; ZfdA. 2, 252 ff.; Grienberger, Die
Merseburger Zaubersprüche (ZfdPh. 27,
449). Grimm gibt die Möglichkeit vieler
Deutungen bei Ph. zu, entscheidet sich
aber dahin, daß Ph. und Paltar ,,zwei
von einander laufende historische Ent¬
faltungen desselben Wortes“ seien 23 ).
Golther weist auf den ags. ,,Poies leah“,
Hain des Pol, hin, der dem Sinn und der
Bildungsweise nach genau mit ,,Balderes
leg“, Hain des Balder, übereinstimme,
und sieht darin eine Verbreitung des
Gottes Balder-Pol über Süddeutschland
hinaus 24 ), im übrigen ist für ihn die Zu¬
sammengehörigkeit des Gottnamens mit
den Ortsnamen nicht sicher, und er er¬
wägt die Möglichkeit, daß diese mit Pfahl
(oder auch Pfuhl) 25 ) Zusammenhängen
können, insbesondere erinnert er an den
Pfahl- oder Pohlgraben, die Teufels¬
mauer 26 ). Daß Pfalzpoint nicht weit von
dieser Teufelsmauer liegt, ist für Bugge
der Beweis, daß Ortsnamen mit Pholes-
einen anderen Ursprung als von dem
Gottnamen Ph. haben können 27 ). Ent¬
sprechend ihrer Deutung von Ph. als
,,Fülle“ (s. oben Anm. 8) sind für Wacker¬
nagel, Mannhardt und Scherer in Orts¬
namen keine Spuren von einem Gott Ph.
vorhanden 28 ).
Der Name Pol begegnet heute noch in
niederdeutschen Segens- und Bespre¬
chungsformeln. In einem Segensspruch
gegen den Wurm im Finger (Adel) heißt es:
De Adel und de Paul (oder Pol)
De güngen beid tau Staul 29 ).
Oder gegen Aufblähen (gegen die Pogge):
De Pogg un de Pol
De güngen in de Schöl
De Pol de sang
De Pogg de slang 30 ).
Weil in anderen Besprechungsformeln
St. Paulus in Begleitung von Petrus auf-
tritt (z. B. Besprechungsformel gegen
die Gicht 31 )) oder weil in einer belgischen
Sage St. Paul zu Pferd Ratschläge und
Hilfe gegen eine pestartige Krankheit
erteilt 32 ), glaubt Bugge, daß ,,de Pol“
St. Paulus sei, und folgert weiter, daß Ph.
(Pol) des Merseburger Zauberspruchs
der Apostel Paulus sein müsse 33 ). Ver¬
gleichen wir diese Besprechungsformeln,
deren es im Volksmund unzählige gibt,
mit einer weiteren aus Mecklenburg,
De Klocken de schiahn
De Gesang de klingt.
Peter un Pagel (Paul)
De will dat Ding stilln.
Dat reten Ding, dat spleten Ding,
Dat ecken Ding, dat stecken Ding 34 ),
so ergibt sich deutlich, daß es sich bei
diesen Vierzeilern um Kinderreime, um
zersprochene Segenssprüche handelt, bei
denen der Inhalt Nebensache ist und die
Wörter und Namen nach äußeren Assozia¬
tionen aneinandergereiht sind, um primi¬
tive Kleinpoesie also (wie schon die Mund¬
art verrät), die weder mit dem mythischen
Ph. noch mit dem hl. Paulus etwas zu
tun hat.
Erwähnt sei noch, daß in Agrippas von
Nettesheim Magischen Werken sieben
Herrschaften im Firmament aufgeführt
sind, deren sichtbare Gestirne Aratron,
Bethor, Phaleg, Och, Hagith, Ophiel und
Phul sind, und daß Phul dabei als Be¬
herrscher der dem Monde zukommenden
Dinge erscheint 35 ). Ein Zusammenhang
mit Ph. ist unwahrscheinlich.
4 ) J. Grimm Kl. Sehr. 2, 1 ff.: Über zwei
entdeckte Gedichte aus der Zeit des deutschen
Heidentums; Fr. Kauffmann (ZfdPh. 26, 456:
Noch einmal der zweite Merseburger Spruch);
R. M. Meyer (ZfdA. 52, 390 ff.: Trier und
Merseburg) u. a. 2 ) J. Schwietering (ZfdA.
55, 1480.: Der erste Merseburger Spruch)', E.
Schröder (ZfdA. 52, 180: Althochdeutsches
aus Trier) u. a.; vgl. G. Ehrismann Gesch.
d. d. Lit. 1, 115. 3 ) E. Schröder ZfdA. 52,
169 ff., bes. 174; R. M. Meyer ebd. 390 ff.;
W. v. Unwerth Der zweite Trierer Zauber -
Spruch (ZfdA. 54, 195 ff.). 4 ) Grimm Myth .
1, 185 f.; ZfdA. 52, 169 ff.; J. Zacher ZfdPh,
4, 468 f.; Norske Hexefml. nr. 40; Palästra 24,
X903; Paulus Cassel Paulus oder Phol,
Guben-Berlin 1890, 12 ff.; W. Steller Phol
4 nde Wodan (ZfVk. 40, 61 ff.); S. Bugge
Heldensagen 301 f.; Hylten-Cavallius 1, 211;
Kuhn Westfalen 2, 197; Grimm Kl.Sehr.
2 , 12ff.; Meyer Germ.Myth. 262 u. a.
•) Grimm Myth. 1, XVI; 1, 185 f. 189 Anm. 1;
Kl. Sehr. 2, 14 ff.; Meyer Religgesch. 311;
Losch Balder 7 f.; Golther Mythologie 384;
Grienberger ZfdPh. 27, 449; Quitzmann
96; Pfannenschmid Weihwasser 81 f. Einige
»ehen in Ph. eine ungenaue Schreibung für
Vol und deuten Ph. entweder als die im Nord¬
germanischen als Fulla bekannte Vertraute
der Frigg, somit Vol als Nominativ zu dem
angeblichen Genitiv Volla der fünften Zeile
(Steinmeyer AI SD. 2, 47; Kauffmann Der
weite Merseburger Zauberspruch, PBB. 15,
208 ff.) oder als das männliche Seitenstück der
Volla (Mannhardt, zit. bei H. Gering Der
sweite Alerseburger Spruch, ZfdPh. 26, 463 f.);
Kauffmann Balder 221. 6 ) Gering ZfdPh.
26 , 145 ff.; Zacher ebd. 146, Anm.; Zacher
ZfdPh. 4, 467; Cassel a. a. O. 28; Golther
Mythologie 384 f.; Gering ZfdPh. 26, 463 f.
Früher auch Bugge Heldensage?i 301. Vgl.
Grienberger ZfdPh. 27, 457 ff. 7 ) Nach
Bugge (Heldensagen 301) steckt in Ph. Paulus,
der einen heidnischen, mit F, V beginnenden
Namen, etwa Frija, verdrängt habe; E. Hoff-
mann-Krayer (ZfdA. 61, 178) macht auf
einen Segen gegen Verrenkung aus dem Berner
Jura aufmerksam. 8 ) Kuhn-Schwartz
XXVI ff.; Cassel a. a. O. 17 (vgl. 28). Oder
man hat Ph. als Vol erklärt, als ,,eine Personi¬
fikation dem Sinne nach wie griech. Plutos
(Emtefülle, dann Wohlstand in Friedenszeit)“;
Mannhardt Myth. Forschung XXVII.
f ) Hoops Reallex. 3, 423; ebenso Meyer Germ.
Myth. 2S2. 10 ) ZfVk. 40, 61 ff. Gegen eine
Ähnliche Deutung F. Wächters hat sich be¬
reits J. Grimm gewandt (Myth. 3, 79).
n ) Pfannenschmid Weihwasser 82. 12 ) Ebd.
207 . 13 ) Grimm Myth. 1, 511; Kl. Sehr. 2, 15 f.;
Meyer Germ. Myth. 262; Laistner Nebelsagen
202. 14 ) Grimm Myth. 1, 511; 2, 658; Kl.
Sehr. 2, 16. 15 ) Bugge Heldensagen 298;
Meyer Religgesch. 311; Meyer Germ. Myth.
262; Grienberger ZfdPh. 27, 453 ff. u. a.
le ) Meyer Religgesch. 311; Meyer Germ. Myth.
202; Grienberger ZfdPh. 27, 436 f. 17 ) Grimm
Myth. 1, 187. 1S ) Ebd. 3, 79. 19 ) ZfdMyth.
3, 79 f. 20 ) Grimm Myth. 3, 80. 21 ) Grimm
Myth. 1, 189 Anm. 2; 1, 236 Anm.; 1, 526.
f> ) Quitzmann 96. 23 ) Grimm Myth. 1, 189.
34 ) Golther Alythologie 384. 385; vgl. Meyer
Religgesch. 312. 25 ) Vgl. Cassel a. a. O. 4. 5.
* 6 ) Golther Mythologie 385; Grimm Alyth.
I, 189 Anm. 2; Kl. Sehr. 2, 16. In diesem Zu¬
sammenhänge erwähnt Grimm (Kl.Sehr. 2,
i6f.), ob nicht Ph. mit mhd. Välant, Volant,
nhd. Volland, zusammenhängt, zumal im Henne-
bergischen und Thüringischen Fäl, Fahl, der böse
Fal für ,»Teufel“ gesagt wird. 27 ) Bugge Helden¬
sagen 299. 28 ) Vgl. Bugge Heldensagen 300.
29 ) Bartsch Mecklenburg 2, 368 Nr. 1726.
30 ) Schiller Tierbuch 2, 3 f.; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 446; Frischbier Hexenspr. 80 Nr. 3,
vgl. Nr. 2 4 . 5. 31 ) Schiller Tierbuch 1, 14;
vgl. Möllenhoff Sagen 514. 32 ) Wolf Nie¬
dert. Sagen 248 f. 33 ) Bugge Heldensagen
301. 34 ) Bartsch Mecklenburg 2, 419. 35 )
Agrippa von Nettesheim 5, 109 f. 116.
Lincke.
Phönix. Der P. 1 ) ist ein sagenhafter
Vogel, dessen Sage im Orient entstanden
ist 2 ). Er soll eine außerordentlich lange
Lebensdauer, die sog. Phönixperiode 3 ),
haben und sich dann im Feuer verbrennen
lassen, um verjüngt ins Leben zurück¬
zukehren. In einfacher Form, d. h. ohne
Verbrennung und Wiederbelebung, führt
Herodot (2. 73) die P.sage in die Welt¬
literatur ein 4 ). Erst Plinius (10. 2. 3)
kennt die Verjüngungsgeschichte, die im
MA. in erster Linie durch den Physio-
logus 5 ) verbreitet wurde. Der Gebrauch
des P. in der christlichen Symbolik bot
sich von selbst 6 ). Der ewig lebende Vogel
in der Arche Noahs ist als der P. gedeutet,
der allein nicht von der verbotenen Frucht
aß 7 ). Der P. kommt in Märchen vor 8 ).
*) Roscher Lex. 3, 34301!.; Fr. Schöll
Vom Vogel Phönix, Heidelberg 1890; C. Koch
Fugten Fenix. Kopenhagen 1909; Spiegelberg
Festschrift zur 46. Versammlung dt. Philologen
1901, 163 ff.; Zimmer mann Die P.sage, Theo¬
logie u. Glaube 4, 202 ff. Ältere Lit. bei Ro¬
scher 3, 3465; s. auch Feldman de phenice
Rigae 1687; R. I. F. Henriksen De Phoenicis
Fabula. Kopenhagen 1825—27. 2 ) Ägypten
als Ursprungsland sowie die Zusammenstellung
mit ägypt. bennu ist wohl unmöglich, s. Ro¬
scher Lex. 3, 3462 ff.; Spiegelberg Zu den
Namen des P. Ägypt. Zs. 46, 142; Hommel
Athiop. Physiologus S. XV. 3 ) Keller Tiere
253. 441 Anm. 180; Bischoff Jenseits der
Seele 257; Lauchert Physiologus 12; Roscher
Lex. 3, 3460 f. Gewöhnlich wird die Zeit als
500 Jahre angesetzt, doch schwanken die An¬
gaben zwischen einem Jahr und 972 Menschen¬
altern. 4 ) Die klassischen Zeugnisse findet
man bei Roscherto. 3, 3450 ff. 5 ) Lauchert
Physiologus, Index; Bolte u. Polivka 1, 513.
6 ) Piper Alythologie der christlichen Kunst 1,
446—71; Lauchert Physiologus 152. 173.
2n ff.; besonders Lactantius de ave Phoenice
(dazu Fehrle Keuschheit 17 Anm. 4); Klapper
Erzählungen 410, 4 ff.; Megenberg 154 ff. Auch
in der Liebeslyrik des MA.s, s. Lauchert 1870.
193. Vgl. noch Lauchert 198. 203. 218 ff.;
Gerhardt Frz. Novelle 75. 7 ) ZfVk. 16, 391.
8 ) Bolte u. Pohvka 1, 513; Feilberg Bidrag
3, 812; 4, 319. Taylor.
19
Photographie—Phylakteria
20
Phyllomantie
22
Photographie.
1. An die Ph. eines Menschen knüpft
sich zunächst jene uralte und über den
ganzen Erdball verbreitete Vorstellung,
die sich ursprünglich auf jedesBild (s.d.7)
eines bestimmten Menschen bezog: es sei
gefährlich sich ph.ren zu lassen, weil
der Besitzer des Bildes Macht über
den Dargestellten gewinne. Die
Scheu vor dem Ph.ren erscheint besonders
berechtigt, wenn man die unheimliche
Ähnlichkeit des Lichtbildes sowie die
Schnelligkeit und Mysteriosität des ganzen
Verfahrens in Betracht zieht. Diese Scheu
tritt nicht nur bei Naturvölkern auf 1 ),
sondern ist auch z. B. aus Westböhmen
bezeugt, wo sie freilich damit motiviert
wird, daß der Betreffende bald sterben
müsse 2 ); bei den Kaschuben darf nur
eine schwangere Frau kein Bild von sich
anfertigen lassen — ohne nähere Begrün¬
dung 3 ). Andererseits wird aus dem
schweizer. Wehntal berichtet, daß man
dort nur vor Verbreitung der photogra¬
phischen Kirnst geglaubt habe, wer ein
Bild von sich anfertigen lasse, sei dem
Bösen verfallen, und gerade die Ph. hat
dort um 1860 diesem Aberglauben ein
Ende gemacht 4 ).
*) Andree Parallelen 2, 18—20; Seligmann
Zauberkraft 221 f.; Urquell 3 (1892), 85; ARw.
5, iof.; Frazer 3, 96—100. 2 ) John West¬
böhmen 251. 3 ) Seefried-Gulgowski 120.
4 ) SchwVk. 7, 31.
2. In manchen Gegenden (z. B. Heidel¬
berg) heißt es, wenn jemandes Ph. her¬
unterfalle, so sterbe der Betreffende 5 ).
Auch dies ist ein allgemeiner Bildaber¬
glaube (s. Bild 7 F).
5 ) Alemannia 33 (1905), 301.
3. Interessant ist die Vorstellung, daß
man, um sein Leben zu schützen,
die Ph.en lieber Angehöriger bei
sich tragen müsse —- natürlicherweise
vor allem im Kriege 6 ). A. Hellwig
betont sehr richtig, daß es sich hier um
einen psychologisch naheliegenden Über¬
gang von einem bloßen Erinnerungsgegen¬
stand zu einem wirklichen Amulett han¬
delt.
•) Hellwig Weltkrieg 26—29; de Cock
Volkssage 172; SAVk. 19, 216 Nr. 1.
4. Ein merkwürdiger Fall wird aus
Galizien berichtet: 1910 erklärte der
Redakteur einer polnischen Zeitung, er
habe seiner Frau ,,als Zeichen der Ver¬
söhnung seine Ph. mit ein paar Zeilen,
daß er ihr verzeihe, in den Sarg ge¬
legt“ 7 ).
7 ) ARw. 16, 306.
5. Tagwählerei. Ein Wiener Photo¬
graph berichtet im J. 1890: ,,An Mitt¬
wochen und Freitagen haben unsere
Wiener ph.sehen Ateliers unfreiwillige
Ferien; denn selbst sehr gebildete Leute
aus hohen Ständen scheuen sich an diesen
Tagen, mag die Sonne noch so schön
scheinen, sich ph.ren zu lassen, ,,weil es
kein Glück bringt““ 8 ).
8 ) Urquell 1 (1890), 157.
6. Die sporadisch — z. B. in der Schweiz,
| Thüringen, Ostdeutschland, Polen und
Litauen — vorkommende Sitte, Gräber
mit der Ph. des Toten zu
schmücken 9 ), kann entgegen der An¬
nahme H. Naumanns wohl kaum für
einen abergläubischen Brauch, für ein
,,uraltes Motiv in aller j üngster Stil¬
form“ (vgl. z. B. die Mumienportraits!)
angesehen werden: dagegen spricht schon
die mangelnde historische Kontinuität
mit den alten Bräuchen, und das ein¬
fache Pietätsgefühl erklärt das Auf¬
tauchen der Ph.en auf Gräbern in völlig
befriedigender Weise.
®) Naumann Gemeinschaftskultur 40 (u.
Fußnote 6). Anderson.
Phrenologie s. Nachtrag.
Phylakteria. Das griechische Wort
phylakterion bezeichnet jedes Schutz¬
oder Abwehrmittel, insbesondere das
Amulett, das schädigende Wirkungen
böser Mächte, wie den ,,bösen Blick“,
abwehrt. Im MA. sind Ph. Anhänger
oder Amulette aus Holz, Knochen, Bern¬
stein, Silber, Gold, Pflanzen und mit ge¬
heimen Zeichen versehene Blätter, die
ihren Träger sichern und schützen sollen.
Nicht immer ist der Zweck Heilung oder
Schutz, es gibt auch Ph., die durch Zau¬
ber einen Schaden verursachen sollen x ).
Eine umfangreiche Liste hierher gehöriger
Bräuche, gegen die oft kirchliche Ver¬
bote erlassen sind, enthält der sog.
,,Indiculus superstitionum et pagani-
21
tnim“ (Cod. Palatinus No. 577 der
Vaticana), ein Verzeichnis heidnischer
Und abergläubischer Bräuche um die
Zeit Karls des Gr. 2 ). In diesem Sammel¬
werk finden sich auch Verbote gegen
magische Schutzmittel aus verschiedenen
Stoffen, die angehängt oder angebunden
(s. dd.) werden (daher lat. ligaturae).
J ) Grimm Mythologie 2, 982. 2 ) Müllen-
hoff und Scherer Denkmäler S. 494 ff.; Aus¬
gabe: Monumenta Paderbornensia ed. Fürsten¬
berg S. 336; Binterim Denkwürdigkeiten der
Christi-kathol. Kirche XI, 2, S. 537 ff. 3 ) Saupe
Jndiculus (Progr. Leipzig 1891) S. 14 f.
f Stübe.
Phyllomantie, Blätterwahrsagung (?uX-
Xov „Blatt“). Die Bezeichnung findet sich
zuerst im 11. Jh. bei dem Byzantiner
Michael Psellos 1 ); in der Divinations-
literatur der Humanistenzeit tritt sie
nur einmal und ohne Beziehung auf jenes
entlegene Zeugnis auf 2 ), aller Wahr¬
scheinlichkeit nach als spontane Neubil¬
dung zwecks gelehrter Benennung des in
der antiken Literatur vorkommenden
Klatschmohnorakels (s. u.). Inhaltlich
wird sie sonst meist durch die Botano-
mantie (s. o. 1,1482, vgl. a. Sykomantie)
ersetzt, bei deren Schilderung gerade die
mantische Verwendung von Blättern an
erster Stelle steht. Ob der byzantinische
Autor die Bezeichnung aus antiker Quelle
übernahm, ist nicht festzustellen; un¬
möglich ist dies nicht, da er die Ph. neben
der Aeromantie u. der Lekanomantie
erwähnt, die beide als antik belegt sind
(s. o. 1, 203; 5, 1205). Leider sagt er
nichts über die Praxis der Ph. Tatsache
ist, daß im Orakelwesen der Griechen und
der Römer die Anwendung von Blättern
verbreitet war. So scheint das Orakel
in Delphi in ältester Zeit kein ekstatisches,
sondern ein mit Blättern ausgeführtes
Losorakel gewesen zu sein 3 ), am Par-
nassos beim Orakel der Thriai verwendete
man Feigenblätter (vgl. Sykomantie),
beim Zeusorakel in Dodona kündeten
irgendwie die „redenden Eichen“ die
Zukunft. Das Orakel der Sibylle in
Cumae war in historischer Zeit gleich¬
falls ein Losorakel mit Palmblättern,
und was in den Beschreibungen der
Botanomantie über die Praxis der Blätter-
mantik zusammengefabelt wird, dürfte
letzten Endes auf die Schilderung in
Vergils Aeneis (3, 444 f.) zurückgehen,
freilich mit arger Entstellung des Sinnes.
Bei Vergil heißt es, daß die cumäische
Sibylle ihre Prophezeiungen stückweise
auf einzelne Palmblätter schreibt und
diese dann, zu einem Orakelvers zu¬
sammengefügt, in ihrer Grotte hinlegt.
Wenn dann bei Öffnung der Tür ein
Luftzug die Blätter verweht, so denkt
die Prophetin nicht daran, die frühere
Ordnung wiederherzustellen, und die Be¬
fragenden „inconsulti abeunt sedemque
oderunt Sibyllae“. Dagegen ist in den
zur Botanomantie ausführlich wieder¬
gegebenen Beschreibungen dem Wind
eine beabsichtigte, auslesende und dadurch
erst das Orakel schaffende Rolle zuge¬
wiesen 4 ). Eine genaue Anweisung für
omrvr* HroVAlTonKpr mit fl PT“ QlTivIlim-
sehen Praxis gewisse Berührungspunkte
zeigt, enthält ein griechisch-ägyptischer
Papyrus des 3. Jh.s n. Chr. 5 ). Die
alleinige Beziehung der Ph. auf das im
Altertum wie in heutigem Volksglauben
bekannte Liebesorakel mit dem Blumen¬
blatt des Klatschmohns, die ihr bei ihrer
ersten Erwähnung in der humanistischen
Literatur und von Späteren gegeben
wird 6 ), ist zweifellos zu einseitig. Wie
im Orakelwesen des klassischen Alter¬
tums und des alten Orients, der Israeliten
und der Araber 7 ), so spielen auch bei
den Germanen prophetische Bäume eine
bedeutende Rolle 8 ). Mit Ph. im engeren
Sinne könnte man zahlreiche abergläubi¬
sche Vorstellungen und Gebräuche be¬
zeichnen, die mit Baum- oder Blumen¬
blättern Zusammenhängen. Verbreitet
ist z. B. die Sitte, bestimmte Blätter ins
Feuer oder auf die heiße Herdplatte zu
werfen und aus ihrem Verhalten die Zu¬
kunft zu deuten, was auch in antiken
und neugriechischen Gebräuchen seine
Entsprechung hat 9 ). So bezeichnet es
Antonin von Florenz (1389—1459) a ^ s
Aberglauben „si frondes olyve bene-
dicte... posuit super ignem“ 10 ). Man
legt in der Neujahrsnacht Immergrün¬
blätter auf die Feuerst eile oder auf die
heiße Feuerschaufel. Kräuseln sie sich.
23
Phyllorod omantie—Pibaktoromantie
24
so bedeutet es Glück, verbrennen sie:
Tod n ). Beispiele für andere Grund¬
formen sind folgende: In der Matthias¬
nacht (24. Februar) wirft man drei Blätter
aufs Wasser, mit dem Namen der Mutter,
des Vaters und des Kindes bezeichnet,
und späht, welches zuerst untergeht 12 ).
Gleichfalls am Matthiasabend legte man
Efeublätter in eine Schüssel mit Wasser,
bestreute sie mit Salz und eignete jedem
Familienmitglied eins zu. Wessen Blatt
am nächsten Morgen schwarz oder naß
geworden war, der sollte noch im selben
Jahr sterben 13 ). In Braunschweig ließ
man in der Matthiasnacht Immergrün¬
oder Efeublätter auf Wasser aus bestimm¬
ten Brunnen schwimmen. Vereinigten
sie sich, so deutete dies auf Hochzeit im
laufenden Jahr 14 ). Auch die Beob¬
achtungen- über die abnorme Färbung
von Blättern infolge Chlorophyllmangels
u. dgl. 15 ) könnte man zur Ph. rechnen.
Doch ist selbstverständlich diese ge¬
lehrte Bezeichnung im 16 Jh. nicht im
Hinblick auf gleichzeitigen Volksglauben
aufgenommen oder neugeschaffen worden.
*) De operatione daemonum, ed. Boissonade 42.
Nach Ausweis der Ausgabe von J. Bidez,
Catalogue des manuscrits alchimiques grecs 6
(Brüssel 1928), 129 bieten einige Handschriften
die Lesart Phialo- oder Philomantie (s. d.).
a ) Camerarius De generibus divinationum
(1576) 129. 3 ) Diels Sibyllinische Blätter
(1890) 56 f.; Losorakel mit Weidenblättern:
Grimm Myth. 3, 321. 4 ) Vergils Schilderung
wird von Rabelais Gargantua 3, 17, dt. Ausg.
von Gelbcke 1, 371, in grotesker Weise paro¬
diert, vgl. Gerhardt Franz . Novelle 107.
ft ) Pap. Graec. Mag. ed. Preisendanz 2 (1931),
* 5 *» v gl- ebd. 1 (1928), 20 ff.; Hopfner
Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 2
(•924), 142 § 29S f. und bei Pauly-Wissowa
PF. 14, 1286. 6 ) Camerarius a. a. O.;
Fabricius Bibliogr. antiquaria z (1760) 608;
1 heokrit Idyll. 3, 29 (mit Scholien); oben
4 * 1444. 7 ) Lenormant Magie und Wahr¬
sagekunst der Chaldäer (1878) 468. 8 ) oben
*. 957 >' Freudenberg Wahrsagekunst 114t.
•) Kustathios zu Ilias 1, 62; Polites in
J.aographia 3 (1911), 349 ff. 10 ) Klapper in
Mk hlesVk. 21, 68. 21 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 284. 12 ) Grimm Myth. 3, 465;
Schell in ZfrwVk. 3, 63. Auf diesen oder auf
den folgenden Brauch bezog sich vermutlich
dir Verfügung des Großen Kurfürsten für die
Gialschaft Mark v. J. 1669, in der davon die
Krdr ist, ,,daß auf Matthiasabend Blätter in
Wuiaer gelegt werden“. I3 ) bezeugt für Köln
i. J. 1580: Wrede Rhein.Vkde. 2 126: oben
5, 1870; Gaßner Mettersdorf 80 (ähnliches für
die Neujahrsnacht). l4 ) And ree Braunschweig
335 15 ) oben 5, 72. Boehm.
Phyllorodomantie, Rosenblattwahr¬
sagung (poSov „Rose“, cpuXkov ,,Blatt“)
als Bezeichnung für eine angebliche
Sonderform der Phyllomantie (s. d.), an¬
scheinend erst im 17. Jh. erfunden. Der
vermutliche Urheber x ) beruft sich auf
das 53. Gedicht der Pseudo-Anakreonteen,
ein Preislied auf die Rose, die in Vers 11 f.
bezeichnet wird als „süß auch für den,
der einen Versuch auf dornigen Pfaden
macht“ (jkuxi> xccl roioüvxt Tretpav ev
axavhtvats aTapTrots). Er schließt daraus,
daß die Griechen für das sonst mit
dem Klatschmohn (s. d.) angestellte
Liebesorakel, auf das von manchen die
Phyllomantie (s. d.) bezogen wurde, auch
Rosenblätter verwendet hätten, und ver¬
weist auf gleichzeitigen (französischen)
Volksbrauch; vgl. Rose.
*) Bouhours Remarques ou Reflexions (1692)
114; Fabricius Bibliogr. antiquaria 3 (1760)
608. Boehm.
Physiognomik s. Nachtrag.
Physiologus. Der Physiologus ist „das
mittelalterliche Lehrbuch der Zoologie“.
Das griechische Original entstand x ) im
zweiten Jahrhundert in Alexandrien,
wurde in verschiedene morgenländische
Sprachen und bald nach 400 auch ins
Lateinische übertragen, aus dem Lateini¬
schen kam es in die Literatur des Abend¬
landes: deutsche Übertragungen besitzen
wir aus aus dem n. und 12. Jh. drei 2 ).
Die Tendenz des Physiologus war von
Anfang an christlich, doch ist das Material
z. B. viel älter und erst christlich aus¬
gedeutet. Sagen und abergläubische Vor¬
stellungen von Tieren (Pelikan, Einhorn,
Phönix usw.) sind von hier aus in spätere
naturgeschichtliche Schriften, in Werke
der schönen Literatur und schließlich
in die Volksvorstellung übergegangen.
J ) T. Lauchert Geschichte des Physiologus
Straßburg 1889. 2 ) Ehrismann Gesch. d.
deutschen Literatur II, 1, 224—231, wo auch
sc ästige Literatur bequem verzeichnet ist.
Helm.
Pibaktoromantie, Unterform der Hy-
dromantie, wie die Lekano-, Gastro-
und Phialomantie, benannt nach dem
25
Pilatus
26
dabei verwendeten Gefäß (spätgriech.
icißaxxopiov, Trtßakcapi). Die in späten, aber
vermutlich auf byzantinische Quellen zu¬
rückgehenden griechischen Handschriften
unter diesem Namen beschriebene Praxis
(Knabe als Medium, dem von einem
Zaubermeister geheime Worte ins Ohr
geflüstert werden usw.) erinnert gleich¬
falls aufs genaueste an hydro- und lekano-
mantische Rezepte 1 ). In den Divi-
nationslisten der Humanistenzeit und
späterer Autoren wird diese Bezeichnung
nirgends erwähnt.
l ) Delatte Anecdota Aiheniensia 1 (1927),
37 * 430; Beschreibung bei Pfister in Philol.
Wochenschrift 1929, 10. Boehm.
Pilatus.
1. Der Landpfleger Pontius P. ist im
Mittelalter Gegenstand vieler Sagen ge¬
worden 1 ). Er soll Sohn eines Fürsten
in Mainz und in Forchheim in Ober-
franken zu Hause gewesen sein 2 ). In
Hausen bei Forchheim soll er geboren
sein. Hier heißt eine Flur Pilatus (Pilo-
tes), und in Forchheim zeigt man seine
roten Hosen 3 ). Nach der Kreuzigung
Christi wurde P. nach Gallien verbannt
und endete dort durch Selbstmord 4 ).
In die Schweiz ist die P.sage nicht vor
dem 13. Jahrh. aus Italien eingewandert 5 ).
Ortsnamen ähnlichen Klanges haben zu
ihrer Verbreitung Anlaß gegeben 6 ).
Auf dem P.berge bei Luzern und in
seiner Umgebung muß nun P. ruhelos
wandern und zeigt sich in allerlei Ge¬
stalten 7 ). Alljährlich um Neujahr kommt
vom Berge durchs Aargau ein nicht un¬
freundlich aussehender Mann an den
Rhein gereist. In den Freienämtem heißt
er P.; anderswo bezeichnet man ihn als
den Ewigen Juden 8 ). Schon im 14. Jh.
wird der P.see bei Luzern genannt. Wenn
man in diesen Steine wirft oder den Na¬
men des P. ruft, so entstehen Unwetter 9 ).
Der Besuch des Sees war daher zeitweilig
strenge verboten 10 ). Zur Beruhigung
des Tobgeistes hat man ein Pferd in das
Gewässer versenkt n ). Alle Mittage 12 )
oder alljährlich am Karfreitage 13 ) zeigt
sich der Geist in der Mitte des Sees auf
einem purpurnen Sessel. Teufel setzen
ihn darauf, deren Klauenspuren man
ringsumher an den Felsen wahmimmt 14 ).
Auch andere Seen werden als Aufent¬
haltsort des P. genannt 15 ). Im Pillersee
muß er besonders in der Karwoche leiden;
da hört man die ganze Woche hindurch
den See brüllen 1Ä ). Im Jocher See, eine
Stunde von Meran, liegen P. und ein Graf
Fuchs. Wenn der See murrt und wogt,
so raufen die beiden mit einander 17 ).
Bei Kufstein im Tale Tiersee muß P. in
schrecklicher Stiergestalt wild brüllend
umgehen 18 ). Von der Scheibenfluh im
Emmental erzählt man, daß dort ein
Loch sei, und wenn man mutwillig etwas
darein werfe, so gebe es ungestümes Wet¬
ter. Auch soll P. dort begraben liegen 19 ).
Nach anderm Bericht ist sein Leichnam
in die Alpen hach dem Septimer geschafft,
wo er noch spuken soll. Denn sowie man
den P. nennt oder ruft, entsteht dort ein
heftiger und lärmender Streit des Land¬
pflegers mit seinem alten Feinde He-
rodes 20 ).
P. ist also Wetterherr wie der Berg
bei Luzern Wetterprophet 21 ). Im allge¬
meinen sagt die Kalenderregel vom Wetter
in der Osterwoche: P. wandert nicht aus
der Kirche, er richtet denn zuvor noch
einen Lärmen an, das will sagen, daß kein
März oder April ohne Unwetter ablaufen
werde 22 ).
Auch an der Saar geht P. um. Er
wurde in Pachten (Kr. Saarlouis) „auf
Maul und Nase liegend“ begraben, nach¬
dem er durch Selbstmord geendet hatte.
Nachts hört man den Ruf: „Ich bin
unschuldig an dem Blute dieses Gerech¬
ten“ 23 ). — Bei den Ehsten sagen alte
Leute, P. sei zur Rohrdommel geworden 24 ).
*) Lütolf Sagen 7 ff. 14 ff.; Herzog Schwei¬
zersagen 1, 145 ff.; Bäßler Legenden 57 ff.;
Niderberger Unterwalden 1, 152 ff.; Laistner
Nebelsagen 2145.; Menzel Symbolik 2, 231 ff.;
Sepp Religion 2iif.; Creizenach Legenden
und Sagen von P. im PBB. 1, 89 ff.; ZfVk. 10,
435 fri ! 7 > 45 ff- 2 ) Schöppner Sagen 3,113!.
( I 959 )i ZfVk. 17, 48; Laistner Nebelsag. 214!.
3 ) Panzer Beitrag 2, 23. 4 ) Alpenburg Tirol
47. 5 ) ZfVk. 17, 49. 6 ) Ebd. 7, 50. 7 ) Roch-
holz Sagen 2, 23 f. Der Berg bei Luzern heißt
übrigens erst seit dem 18. Jh. P., früher hieß er
Fräckmont, Fräckmünt, Frackmünt — Mons
fractus. Ursprünglich hieß nur der See nach P.:
Laistner Nebelsag. 215; ZfVk. 17, 52 t.
27 Pilger
8 ) Rochholz Sagen 2, 306. 308 f. ; Niderberger j
Unterwalden 1, 166 f. ®) Lütolf Sagen 274 ff.;
Rochholz Sagen 2, 309; ZfVk. 17, 55 ff. 62 1 ;
Laistner 13. 215 f.; Niderberger 1, 1630.;
Sepp Religion 211 ff.; Birlinger A. Schwaben
i, 78; Meyer Mythol. d. Germanen 206. 10 ) ZfVk.
17, 52 f.; Birlinger A. Schwaben 1, 78; Nider¬
berger 1, 163 f.; Meyer Mythol. d. Germ. 206.
u ) Rochholz Sagen 2, 25; Meyer Indogerman.
Mythen 2, 453 f. 12 ) Rochholz Sagen 2, 309.
13 ) ZfVk. 17, 63. 14 ) Menzel 2, 234. 15 ) ZfVk.
17, 51 ff. (1362 und 1367 wird der Monte di
Pilato und ein dämonischer See bei Norcia ge¬
nannt). Auch in Tiber und Rhone hat P. Über¬
schwemmungen und Gewitter erregt: Menzel
Symbolik 2, 234. 16 ) Heyl Tirol 64 f. 17 ) Zin-
gerle Sagen 102; Laistner Nebelsagen 12 f.
18 ) Alpenburg Alpensagen 24; Laistner 93.
19 ) Rochholz Naturmythen 176; Laistner 15.
20 ) ZfVk. 17, 50. 21 ) Niderberger Unter¬
walden 1, 170; ZfVk. 17, 62; Sepp Religion 213;
Laistner 215. 22 ) Rochholz Naturmythen 3.
23 ) Fox Saarland 284. 24 ) D ahn har dt Natur¬
sagen 2, 290.
2. In dem kleinen See neben dem
größeren auf dem P.berge soll die Frau
des P. liegen 25 ). In Tirol wird oft die
Perchte als Frau des P. ausgegeben 26 ).
25 ) Sepp Religion 213. 26 ) ZfdMyth. 3, 205;
Alpenburg Tirol 46 f.; Zingerle Tirol 127 f.
3. Die abessynischen Christen haben
P. als Heiligen in ihrem Kalender
{19. Juni), weil sie seine Unschuld am
Tode Jesu voraussetzen 27 ). Bei den
Südslaven in der Lika gilt P. als Schic k-
salsbestimmer für die Menschen. Man
sagt sprichwörtlich: „Wie dir Urias am
Geburtstage zuerteilt und P. zufeilt, so
wird es dir dein Leben lang ergehen“ 28 ).
Vereinzelt kommt P. im Diebssegen vor 29 ),
auch mit Petrus zusammen in der Be¬
sprechung der Rose 30 ). Manche leiden
es nicht, daß die Kinder „in den April
geschickt“ werden, weil am 1. April einst
Christus zu P. geschickt worden sei 31 ).
27 ) Menzel Symbolik 2, 235. 28 ) Krauß
Relig. Brauch 26 f. 29 ) Kuhn Westfalen 2, 195
(546)- 30 ) Bartsch Mecklenburg 2, 416 (1929).
31 ) Rogasener Familienblatt 1 (1897), 8.
4. In der Nacht vor Georgi und auch
Johanni machen die Schäfer Feuer aus
Zweigen von neunerlei Holz, um die
Schafe vor Schaden zu bewahren. Das
nennen sie im Kalotaszeger Bezirk „Pila¬
tusbrennen". In manchen Gegenden
verbrannte die Jugend früher am Oster¬
tage eine Strohpuppe, den P. 32 ).
32 ) Wlislocki Magyaren 64.
Pilze
Pilze
5. Als Verstümmelung eines unver¬
ständlich gewordenen Ausdrucks kommt
der jedem Christen geläufige Name P. im
Kinderliede vom „Herrn von Ninive"
vor: „Heissassa P. (= jubilate)" *»). Auf
Amrum hört einer die Unterirdischen
über den Tod ihres Königs klagen: „Pi-
lat je as duad". Er erzählt es im Dorfe;
da rufts: „As Pilatje duad, Hatje Pilatje
duad?" 34 ).
33 ) ZfVk. 4, 181. 34 ) Müllenhoff Sagen 292.
Sartori.
Pilger s. Wallfahrt.
Pilze (Schwämme; Fungi).
1. An das Sammeln der P. knüpft
sich vielfacher Aberglauben. Eingehend
hat darüber F. Ferk x ) gehandelt. Nach
dem (steirischen) Volksglauben hängt das
Wachstum der P. von gewissen Vege¬
tationsgeistern, den „Schwammzwergein,
-mandeln, -letterin" ab 2 ). Die Holz¬
fräulein zeigen die guten Plätze, wo es
zahlreiche P. gibt 3 ). Als „Schwamm¬
heilige" gelten besonders der hl. Petrus
(29. Juni) und der hl. Veit (15. Juni).
Daher wallfahren am Peterstag die Weiber
von ferne her nach St. Peter bei Graz und
bitten um Verleihung von „Schwamm¬
samen". In Oberbayern heißt es auch
„St. Veit baut die Recherl (= Eierpilze)
und Schwammerl an” 4 ). St. Veit reitet
in der Nacht des 15. Juni auf einem
blinden, weißen Roß und sät Schwamm¬
samen 5 ). In Steiermark gilt auch noch
der hl. Antonius der Einsiedler als
Schwammheiliger. Wer „nicht richtig
getauft ist" (d. h. bei dessen Taufe der
Geistliche etwas übersehen hat), findet
viele P. 6 ), ebenso wer gut (viel) lügt 7 ).
Ferk erklärt dies wohl irrtümlich damit,
daß „lügen" hier „lugen" (= schauen)
bedeuten soll. Eine Analogie dazu bildet
der Glaube, daß man beim Setzen der
Kürbisse (s. d.) und der Bohnen lügen
müsse 8 ). In Frankreich heißt es, daß
man lügen müsse, um viele Morcheln zu
finden 9 ). Beim Suchen der P. muß man
die drei ersten gefundenen in einen hohlen
Baum legen und drei Vaterunser beten 10 )
oder den ersten hinter sich werfen n ).
Den ersten gefundenen P. darf man nicht
brechen, sondern muß ihn stehen lassen 12 ).
In all diesen Bräuchen dürfen wir das
Rudiment eines Opfers an die Waldgeister
sehen, s. Beere (1, 974). Viele P. findet
man auch, wenn man ungewaschen und
schlecht angezogen auf die Suche geht,
wenn man sich die Schürze umgekehrt
umbindet oder barfuß den Wald betritt.
Die „Schwammzeit" beginnt, wenn der
erste Donner vernommen wird; der beste
Tag zum Suchen ist der Donnerstag;
ebenso steht eine reiche P.emte bevor,
wenn man sich bei dem ersten Donner,
den man im Jahre vernimmt, auf der
Erde wälzt 13 ). Da die P. oft innerhalb
ganz kurzer Zeit in größter Zahl aus dem |
Boden schießen, gelten sie als Fruchtbar¬
keitssymbol (s. auch Donner, Donners-
tag). Als „Angang" beim Suchen der P.
ist günstig die Begegnung mit einem
Jäger, einem Eichhörnchen, einem Manne,
einem Düngerhaufen, einem Heuwagen.
Vor dem Eintreten in den Wald soll man
mit bloßem Fuße auf die Erde ein Truden¬
kreuz (Trudenfuß) machen, auch ist es
gut, vor dem Suchen in den Wald hinein¬
zukrähen (Verjagung der bösen Gei¬
ster?) 14 ). P. findet man mit Hilfe der
Schwammuhr": Man bricht von einem
dünnen, runden Grashalm ein Stück ab,
das etwas länger ist als der Nagel des
linken Daumens. Nun benetzt man den
Fingernagel gut mit Speichel und legt
den Grashalm darauf; er wird sofort die
Richtung einnehmen, nach der hin P.
stehen 15 ). Damit an einem „Schwamm¬
platz" viele P. wachsen, muß man ihn
mit einer Wacholder- oder Haselrute
(Lebensrute, s. d.) schlagen. Kein P.
wächst weiter, wenn ihn einmal ein
menschliches Auge erblickt hat, daher
muß man jeden gefundenen guten P.
brocken, sei er noch so klein. Mit dem
ersten gefundenen P. soll man sich die
Augen auswischen, das schärft den klaren
Blick, um viele P. zu finden. In der Um¬
gebung von Sauerbrunn-Rohitsch (Unter¬
steiermark) sucht man sich zu Beginn der
Schwammzeit einen Fliegenschwamm,
hält ihn zuerst vor sich hin gegen den
Wald gewendet, dann bewegt man ihn
hin und her und spricht zu ihm: „Wenn
du mir nicht die guten Schwämme zeigst.
dann schleudere ich dich auf die Erde,
daß du zu Staub und Asche zerfällst" 16 ).
Auch existieren verschiedene „Schwamm¬
gebete" (Zaubersprüche), die halb singend
morgens, während des Suchens usw. ge¬
sprochen werden müssen, z. B.
Haliga sankt Veit!
Gib uns Schwamm auf freier Weit’:
Kloane Schwamm, große Schwamm,
Oll' in mein Binkerl z'samm.
In Nordmähren rufen die Kinder beim
P.sammeln, wenn sie einen P. gefunden
haben, „Noba, komm azu" (Nachbar,
komm herzu), dann finden sie noch an¬
dere 17 ). Ähnlich ruft man in Frankreich:
„Champignon, Champignon, montre-moi
ton compagnon" 18 ).
Volkstümliches aus dem Reiche der Schwäm¬
me, in Mitteilungen des Naturwissensch. Ver¬
eines für Steiermark 47 (1910), 18—52. 2 ) Ferk
33 - 3 ) J°l i n Westböhmen 200. 4 ) Marzell
Bayer. Volksbotanik 120. 6 ) Ferk a. a. O.
6 ) Ferk 38. 7 ) Ferk a. a.O.; John West¬
böhmen 228. 8 ) S. auch Marzell Fluchen,
Zornigsein, Lachen bei der Aussaat von Kultur¬
pflanzen in BayHfte. 1, 200 f. 9 ) Rolland
Flore pop. 11, 179. 10 ) Grohmann 96 =
Wuttke 289 § 437. n ) Drechsler Schlesien
2, 75. 12 ) Ferk 46. 13 ) Ferk 40 f. 14 ) Ferk 42.
15 ) Mittelsteiermark: Ferk 43. 16 ) Ferk 46.
17 ) Orig.-Mitt. von Jorde 1919. 18 ) Rolland
Flore pop. n, 131.
2. Über die Entstehung der P. er¬
zählt man sich im (früheren) österrei-
chisch-Schlesien die Sage, daß Petrus
einst drei Kuchen erhielt, aber nur einen
davon dem Herrn gab. Als er den zweiten
Kuchen insgeheim essen wollte, fragte
ihn Christus dieses und jenes. Petrus
mußte antworten und warf das angebissene
Stück rasch weg, bis er den ganzen Kuchen
weggeworfen hatte. Aus diesen wegge¬
worfenen Bissen entstanden die eßbaren
P. 19 ). In Deutsch-Böhmen (Leipa) ent¬
standen die ungenießbaren P. aus den
Kuchenbrocken, die aus schwarzem Mehl
gebacken waren, die genießbaren aus den
aus weißem Mehl gebackenen Kuchen¬
brocken 20 ). Auch sonst erscheinen ab
und zu P. in Sagen. Im Walde bei Viech-
tach (Niederbayern) verwandeln sich gelbe
P. (Cantharellus cibarius) zu Dukaten,
aber bösartige Eulen hindern die beute¬
lustigen Pflücker 21 ). Eine Pilzsammlerin
aus Pohlsdorf (Schlesien) sah im Walde
3i
Pilze
33
Pimpinelle—Pirmin, hl.
34
32
» I
einen Herrenpilz (Steinpilz, Boletus edulis),
der vor ihren Augen so groß wurde, daß er
über sie hinwegragte. Plötzlich ist der P.
verschwunden und an seiner Stelle stand
ein Knabe, der sich aber nicht fassen ließ
und rief: „Kennst du den Vogelhannes
nicht ?“ Im Jauersberger Holz erwächst
aus einem P. eine Riesengestalt und ver¬
geht schnell wieder 22 ). Die sog. „Hexen¬
ringe“ (im Volksaberglauben als die nächt¬
lichen Tanzplätze der Hexen gedeutet)
entstehen dadurch, daß das Fadengeflecht
(Myzelium) gewisser P. sich zentrifugal
ausbreitet und dann an der Peripherie die
Fruchtkörper trägt. Infolgedessen sind
dann die P. auffallend kreisförmig ange¬
ordnet. Wenn der „Hexenring“ sich
schließt (verwächst), stirbt der Eigen¬
tümer der Matte 23 ).
19 ) Peter Österreichisck-Schlesien 2, 133;
ähnlich auch in Oberösterreich: Hmtg 4, 194
und bei den Ungarn u. Ruthenen: Dähnhardt
Natur sagen 2, 107. 109. 2 ) Dähnhardt a. a. O.
2, 110. 21 ) Bayld 19, 93. 22 ) Kühnau Sagen
1, 468 t. 388. 23 ) Schweizld. 6, 1091.
3. Im Wetter- und Ernteorakel treten
die P. vielfach auf. Wenn es an Prokopi
(4. Juli) 24 ) oder Peter und Paul (29. Ju¬
ni) 25 ) viel regnet, „regnet es Schwämme“,
d. h. es wachsen viele P. Wenn es viele
P. gibt, dann wird das Jahr ungeraten
und es entsteht eine Teuerung 26 ), es
sterben im folgenden Jahr viele Leute
besonders Kinder 27 ), daher auch der
Spruch „Viel Schwamma — viel Jam-
ma“ 28 ). Desgleichen heißt es in Italien
„Anno fungato (Pilzjahr) — anno tribo-
lato“ 29 ) und in Frankreich: „An de
cepere (= Steinpilz) —an de misere“ 30 ).
Es ist dies wohl so zu verstehen, daß in
regenreichen Sommern, die ja der Ent¬
wicklung der P. günstig sind, die Ernte
schlecht ist. Gibt es im Oktober viel
Steinp., so wird die spät gesäte Winterung
gut schütten 31 ). Viele P. verkünden
einen schneereichen Winter 32 ). Ebenso
gibt es einen strengen Winter, wenn die
P. recht fest sind 33 ). Zeigen die P.
schlechte und faule Stiele, so steht ein
nasser Winter bevor 34 ). Alt und weit
verbreitet ist der Glaube, daß man aus
den „Teuerlingen“ (im Niederdeutschen
auch „Hungerpöttkens“ genannt) den
[ Ausfall der Ernte erkennen könne. Es
sind dies Becherp. (Cyathus-Arten usw.),
deren becherförmige Fruchtkörper („Peri-
dien“) im reifen Zustand mehrere kugelige
Körner („Peridiolen“) enthalten. Schon
die Chemnitzer Rockenphilosophie
sagt: „So viel die Teuerlinge Körner in
sich haben, so viel Groschen wird das
Korn hinfort gelten“ 35 ). Auch jetzt heißt
es noch, daß so viel Taler der Scheffel
Korn kosten werde, oder ganz allgemein,
daß viele „Peridiolen“ eine gute Ernte
prophezeien usw. 36 ). Wer auf dem Feld
„Glückshäfeli“ trifft, dem lacht an jenem
Tag das Glück 37 ), oder der Finder hat
Glück in der künftigen Ehe 38 ). — Man
suche auf der Wiese einen Johanniskopf
(d. i. ein „Schwamm auf den Wurzeln
der Bäume“), kratze mit dem rechten
Daumennagel die obere Haut weg und
lege ihn in das Wasser des Jungfern¬
brunnens. Versteckt man ihn dann zu
Hause unten im Bett, so wird man jene
Nummern sehen, die „kommen wer¬
den“ 39 ).
24 ) John Westböhmen 228. 25 ) Schramek
Böhmerwald 160. 26 ) Grob mann 96; vgl. da¬
gegen ebd. 144: Wenn es viel P. gibt, so wird
das Getreide viel schütten. 27 ) John West¬
böhmen 164. 28 ) Ebd. 228. 29 ) Yermoloff
Volkskalender 553. 30 ) Rolland Flore pop .
11, 161. 31 ) Frischbier Naturkunde 332.
32 ) Peter Österreichisch-Schlesien 2, 261;
Drechsler Schlesien 2, 206; DVköB. 11, 171;
MnböhmExc. 11, 297. 33 ) Peuckert Schles.
Vk. 1928, 108. 34 ) Drechsler 2, 206. 35 ) Rok-
kenphilosophie 1707, 3, 175 = Sterzinger
Aberglaube 168 = Grimm Myth. 3, 442.
36 ) MschlesVk. 27, 232; Spieß Obererzgebirge 20;
John Erzgebirge 224; Geschichtsbl. f. Stadt u.
Land Magdeburg 16 (1881), 242; Schulen¬
burg Wend. Volkstum 163; Köhler Voigtland
392; Urquell N. F. 1, 269 (Melnik in Böhmen);
Regel Thüringen 1895, 677; Marzell Bayer .
Volksbot . 128; Schweizld. 2, 952. 1012 f.
37 ) Aargau: Schweizld. 2, 1012. 38 ) Ebd. 952.
39 ) Vernaleken Mythen 5.
4. Volksmedizinisches. Die Hirsch¬
trüffel (Elaphomyces granulatus) wird im
Volk hie und da als Aphrodisiacum ge¬
braucht. Sie wurde daher in getrocknetem
Zustand von Burschen auf den Tanzboden
gestreut (Ettenheim in Baden) 40 ), auch
geben die Burschen das Pulver den Mäd¬
chen, deren Liebe sie erwerben wollen,
zu trinken. Das Mädchen kann dann
1 nicht mehr von dem Burschen lassen 41 ).
Wenn eine Frau in schwerer Geburt liegt,
soll sie von einem Hirschschwamm ein
erbsengroßes Stück nehmen, von diesem
die Hälfte kauen und mit der anderen
Hälfte den herausgetriebenen Nabel ein¬
streichen. Dann gebiert sie das Kind ohne
große Arbeit (Oberösterreich) 42 ). Den
als „Schapp“ bezeichneten P. darf man
nicht anfassen, weil man sonst die
„Schapp“ (Krätze) bekommt (Dith¬
marschen) 43 ). Gegen Kröpfe legt man
im abnehmenden Mond zu Kohlen ge¬
brannten Buchenschwamm auf 44 ).
40 ) Archiv d. Pharmazie 260 (1922), 151.
4l ) ZrwVk. 3, 62. 42 ) Anthropophyteia 3, 39.
48 ) Urquell 6, 44 = ZfVk. 23, 282. 44 ) Höhn
Volksheilkunde i, 87.
5. Verschiedenes. Ein Gewehr muß
man mit Birkenschwamm ausräuchern,
dann trifft man immer (aus einem Zauber¬
buch) 45 ). Wem der Feuerschwamm
(Zunder) nicht brennen will, der zeugt
keine Kinder mehr 46 ). An manchen Orten
von Oberbayern und Tirol bringen am
Karsamstag die Knaben Buchenschwäm¬
me (Polyporus-Arten) zur „Feuerweihe“;
dort werden die Schwämme teilweise an¬
gebrannt, beim Herannahen von Ge¬
wittern wird damit geräuchert 47 ). Wer
am Weihnachtsabend viel P. ißt, dem
stehen das ganze Jahr die Kleider gut 48 ),
vgl. auch Hirse.
45 ) John Westböhmen 325. 46 ) Treichel
Westpreußen V, 52. 47 ) Gierl Kiefersfelden
1899, 51; Marzell Bayer. Volksbot. 26; BayHfte.
6 , 117. 48 ) Drechsler Schlesien 1, 34; 2, 209;
MnordbExc. 28, 416. Marzell.
Pimpinelle s. Bibernelle.
Pimpernuss (Staphylea pinnata).
1. Botanisches. Zierstrauch mit un¬
paarig gefiederten Blättern und weißen,
außen rötlich angehauchten Blüten. Be¬
sonders kennzeichnend ist die Frucht,
die eine kugelige, häufig aufgeblasene
Kapsel ist x ).
*) Marzell Kräuterbuch 143 f.
2. In Böhmen kann man am 1. Mai
in der Kirche mit einem neunmal ge¬
weihten Zweig der P. die Hexen erkennen:
sie tragen einen Pferdefuß statt eines
Menschenfußes 2 ). Mit dem am Palm¬
sonntag geweihten P.zweig kann man den
Bächtold-Stäubli , Aberglaube Vl l
„Hast ermann“ (Wassermann) erschla¬
gen 3 ). Auch in der Mieser Gegend (West¬
böhmen) ist die P. ein Bestandteil des
Palmbuschens 4 ). Die Slovaken schlagen
den Ohnmächtigen mit einer P.gerte 5 ).
Ein Besitzer auf Bösegg (b. Willisau) hat
auf seiner Pilgerreise einen Stab von
einer P. geschnitten und ihn daheim in
die Erde gesteckt. Er wuchs und die
Früchte sind gut gegen Grimmen 6 ).
Nach einer Sage aus Steyr schnitten sich
einst Nonnen, in deren Kloster der Feind
eindrang, die Nasenspitzen ab, um sich
vor Schändung zu bewahren. Aus diesen
Nasenspitzen erwuchs ein P.strauch 7 ).
2 ) Grohmann 101 — Wuttke 256 §373.
3 ) Ebd. 13. 4 ) ZföVk. 15, 154. 5 ) Hovorka
u. Kronfeld 2, 196. 6 ) Lütolf Sagen 367.
7 ) ZföVk. 13, 116.
3. Je mehr „Glücksnüßchen“ (Samen)
sich in der Frucht befinden, um so mehr
Glück wird man haben. Man trägt daher
solch ein „Glücksnüssel“ bei sich in der
Tasche oder Geldbörse 8 ).
8 ) MschlesVk. 16, 71; Drechsler Schlesien
2, 216; John Erzgebirge 244. Marzell.
Pirmin, hl., Abt und Wanderbischof
von unbekannter Herkunft, f um 753.
Er wirkte namentlich unter den neube¬
kehrten Alemannen und auch unter Fran¬
ken und gründete das Kloster Reichenau
im Bodensee 4 ). An der Stelle, wo er hier
ans Land stieg, ließ sein Stab eine Quelle
hervorsprudeln 2 ). Er segnete eine im
Kanton Wiltz in Luxemburg auf dem
„Permesknupp“ fließende Quelle, durch
deren Wasser Kranke, besonders skrophu-
löse Kinder, geheilt wurden 3 ). Gegen
Ende des 16. Jh. wurde von den Jesuiten
in Innsbruck (wohin 1575 seine Reliquien
übertragen worden sind) P.wasser durch
Eintauchung einer Reliquie des Heiligen
geweiht 4 ). Bei seiner Ankunft auf Rei¬
chenau verließ alles Ungeziefer und giftige
Gewürm die Insel 5 ). P. wird in Ehren¬
stetten (Staufen) im Haussegen ange¬
rufen 6 ). Er ist Patron gegen Schlangen.
Sein Gürtel soll glückliche Entbindung
schwangerer Frauen bewirkt haben. Sein
Gedächtnistag ist der 3. November 7 ).
4 ) Wetzer u. Welte 10, 18 f.; Menzel Sym¬
bolik 2, 438. Über Herkunft und Namen: ARw.
23, 160; BoudriotD. altgerman. Religion 15
A. 3. Über seine Schrift „Dicta abbatis P.“:
2
35
Pirol—Planeten
36
ARw. 20, 108 f.; Boudriot 15. Über ihren
Wert für die Kenntnis der Glaubensverhältnisse
des deutschen Volkes im 8. Jh.: Fehrle in
OberdZfVk. 1 (1927), 97 ff. 2 ) Elsäss. Monats¬
schrift 1913» 574 ; Birlinger Volkst. x, 408
Anm. 3 ) Wirtz Heilige Quellen im Moselgau
(1926) 19; Sepp Religion 294; Fontaine Lu¬
xemburg 110; Weinhold Verehrung d. Quellen
43. 4 ) Franz Benediktionen 1, 215. ö ) Bir¬
linger A. Schwaben 1, 40 f.; Meyer Baden
80; Beißel Heiligenverehrung 2,80. 6 ) Meyer
Baden 359. 7 ) Doye Heilige u. Selige d. röm.
kath. Kirche 2, 186. Sartori.
Pirol x ) (Bruder), Piro 2 ), Pirolf,
Pirolt 3 ), Biereule 4 ) u. ähnl., Bier¬
esel (Vogel), Bülow, Vichaus, Fiaus 5 ),
Gugelf achaus 6 ), Gugelflichauf u. ä.,
Pfingst-, Kirsch-Vogel, Gold-Am¬
sel, -Merle, -Drossel, mhd. wite-
wal 7 ) (Oriolus oriolus s. galbula), Pli-
nius: chlorion.
Von naturgeschichtlichem Aber¬
glauben erwähnt Konr. v. Megenberg
(216), der P. lebe nur von Luft, Gesner
sagt (Vogelb. 229): „Etliche liegend ...
daß seine jungen in 4 Teil zerteilt geboren
werdind / vnd von eitern mit dem Kraut,
Herba Julia genennt widerumb zusamen
gefügt werdind 44 . Beide ohne Quellen¬
angabe.
In Frankreich gilt der Glaube, daß
der Blick des „loriot“ die Gelbsucht an¬
ziehe 8 ). Dagegen beziehen sich die
Angaben von Hovorka-Kronfeld (2, 108)
und oben 3, 585 wohl eher auf die Gold¬
ammer (Emberiz citrinella) 9 ).
Als Orakeltier verkündet er Regen 10 ).
Darauf hin deuten auch estnische Er¬
zählungen von dem P. u ). Fliegt er gegen
die Gebäude, so verkündet er Blitzschlag
(wegen seiner gelben Farbe) 12 ). Er ist
der späteste Sommerverkünder: erscheint
er, so bleibt es warm 13 ).
Eigentliche Sagen über den P. sind
spärlich. Bei Birlinger (Aus Schwaben
1, 400) wird erzählt, daß ein Knabe von
Hertfeld auf einem Baum eine „Gold¬
amsel“ gesehen habe, hinaufgestiegen
sei, aber plötzlich sei ein großer schwarzer
Mann statt des Nestes zu erblicken ge¬
wesen. Er stürzte vom Baum und brach
den Fuß. Im Schloß von Frankenstein
(Schlesien) haust eine gespenstische
„Biereule“ 14 ).
Die übrigen Erzählungen sind mehr
spaßhafte Tiergeschichten. So die vlä-
mische vom Sperling, der Amsel und dem
Pirol 15 ). Zuweilen sind solche Geschich¬
ten mit der Deutung seines Rufes oder
Gesanges verbunden 16 ).
1 ) Verschiedene Namen: Suolahti Vogelnamen
169 ff.; DWb. 7, 1867; Weigand Dt. Wb} 2,
431. 2 ) Megenberg 216. 3 ) Frisch Wb. 1,
161 b; Gesner Vogelb. 268 b. 4 ) MBöhmExc.37,
7. 6 ) Baumgarten A. d. Heimat i, 94. 6 ) Ebda.
7 ) Suolahti 169; Mhd. Wb. 3, 464; Lexerß, 952.
8 ) Sebillot Folk-Lore 3, 205. 9 ) oben i, 368.
10 ) Baumgarten A. d. Heimat 1, 94 (in Alt¬
münster Ober-Österreich: ,, Schauer vogel");
Drechsler Schlesien 2, 231; Rogasener Farn.
Bl. 1 (1897), 40; Gesner Vogelbuch 229.
1J ) Dähnhardt Natursagen 3, 315. 316. 318.
12 ) Baumgarten aaO. 13 ) Ebda.; Hopf
Tierorakel 128 (nach Aldrovandus); Gesner
Vogelbuch 229. 14 ) Drechsler 2, 231. 15 )
Dähnhardt Natursagen 3, 369; Estnische,
lettische, rumänische Sagen ebd. 315 ff. 362.
369. 382. 398. 400. 16 ) Ebda.; Baumgarten
aaO.; Wossidlo Meckl. 2, 1, 1240.; Ost¬
deutscher Naturwart 3, Heft 3 (Ober-Schlesien);
ZfVk. io, 222; Der Vogelbrehm (1927) 549;
Megenberg 217; Schulenburg Wend. Vt.
155 f.; Ders. Wend. V.sagen 262.
Hoffmann-Krayer.
Pithomantie. In der „Biga Salutis“,
einer Sammlung von Fastenpredigten
aus dem 15. Jh., wird im 8. Sermon über
das 1. Gebot unter den 13 Künsten der
Hexen die „Phitomantie“ an 5. Stelle
genannt x ). Es dürfte sich um eine Ver¬
schreibung für „Pithomantie 44 handeln,
womit man vermutlich die Wahrsagung
mit Hilfe eines prophetischen Dämonen
(pithon, python) bezeichnen wollte,
und zwar wahrscheinlich die durch Bauch¬
reden vorgetäuschte Prophetie, da python
vorzugsweise in diesem Zusammenhang
gebraucht wird 2 ).
*) Verfaßt von einem „Frater ordinis Minorum
de observantia familiae Hungaricae (Frater
Hungarus), Geffcken Bilderkatechismus 32, 55.
2 ) oben 3, 313 unter Gastromantie. Boehm.
Planeten (PI. = Planet, -en; pl. =
planetarisch.)
A. Der Gegenstand des Artikels. — B. Die
Pl. in der Laienastrologie. — C. Die Pl. in der
höheren Astrologie und deren Einwirkung auf
die Laienastrologie. D. Die bildlichen Dar¬
stellungen der Pl. und der Pl.kinder im deut¬
schen Sprachbereich. — E. Gereimte Über¬
lieferung in Deutschland. — F. Anhang: Pl.ge-
bete; Pl. und Zauber.
Planeten
38
A. Der Gegenstand des Artikels.
Wenn heute die Amme etwa in Mecklen¬
burg oder einer anderen deutschen Land¬
schaft nach der Geburt eines Kindes ein
Pl.büchlein auf schlägt, um die Natur
dieses Kindes zu enträtseln 1 ), so wird
damit in Ehrfurcht vor traditionell ge¬
heiligten Überlieferungen ein ganz alter
Glaube bekannt und erhalten. Das ge¬
schieht freilich jetzt kaum anders mehr
als mechanisch. Daß aber diese Stern¬
befragung noch verbreitet ist und so aus¬
geübt wird, wie manche Völker den ge¬
heiligten Ritus einer ihrem Sinn nach er¬
starrten Kirche vollziehen, beweist die
Hoheit dieses Glaubens in vergangenen
Zeiten. Durch Jahrhunderte hindurch
hat dieser daher an Kraft kaum verloren.
Die Bücher, die ihn überliefern, stehen
heute noch in Ansehen.
Die Gründe für diese Hochachtung er¬
geben sich aus der Auffassung vom Wesen
solcher pl. Sternorakel, die die Quellen,
aus denen die heutigen Bücher entstanden
sind, vortragen. Diese Quellen sind hier
vor allem zu untersuchen.
Der Stamm des deutschen noch heute
gepflegten Pl.glaubens geht zunächst auf
die sog. Laienastrologie des Mittelalters
und der Spätantike zurück. Sie haben
wir nach Inhalt und Form hier zuerst zu
beschreiben.
Seit dem 14. Jh. aber gewinnt die durch
die Araber vermittelte höhere Astrologie
sehr an Einfluß. Sie stellte ein enormes
Material aus den Arabern zur Verfügung
oder erneuerte astrologische Gedanken¬
gänge der griechisch-römischen Zeit oder
verband schließlich beides. Es wird dem¬
nach die zweite Aufgabe sein, die hier
erkennbare griechische Systematisie¬
rung des Daseins unter der Herrschaft der
Pl. einschließlich der Verarbeitung der
neuen Materiahen in den Aberglauben der
deutschen Allgemeinheit des MA.s und
der anschließenden Zeiten zu veran¬
schaulichen.
Um die Gründe für den entscheidenden
Einfluß der höheren Astrologie im MA.
und der Renaissance aufzuzeigen, muß
kurz der Wesensunterschied dieser beiden
Formen der Astrologie klargelegt werden.
Dies geschieht in einer knappen histori¬
schen Darlegung der wissenschaftlichen
Bemühungen um die Daseinssystemati¬
sierung unter den Pl. am Anfang des
dritten Teils des Artikels. Wenn man in
dieser unserer so gerichteten Betrachtung
sogleich auch aufmerksam wird auf den
Diesseitigkeitsgehalt der Lehre, der die
Kräfte mit nährte, die das ma. Weltbild
zerstörten — (eine Entwicklung, die durch
die Verbreitung der Astrologie in jener
Zeit zu einem erheblichen Teil mit¬
bewirkt wurde und die den eigentlichen
Grund auch für den Aufschwung der da¬
maligen Laienastrologie enthält) —, so
sei angedeutet, daß dieser Vorgang das
interessanteste Problem der Geschichte
des deutschen Pl.aberglaubens darstellt
(s. Sterndeutung).
Die Geltung der nun auch in der Laien¬
astrologie verarbeiteten Daseinssystematik
beweisen die zahlreichen Versuche bild¬
licher Darstellungen, die wir im vierten
Teil besprechen. Ebendasselbe gilt von
der gereimten Überlieferung (Teil E). Das
besondere Problem des Glaubens an PL-
geister, die man beschwören kann, ist
in einem Anhang kurz behandelt. Denn
diese Anschauung ist unabhängig von der
direkten Tradition des antiken Pl.glaubens
in das abendländische MA.
Es sei ausdrücklich bemerkt, daß diese
Monographie den Einfluß der antiken
Lehren über die Pl.Wirkungen auf das
abendländische MA. und die späteren
Jh.e vor allem in Deutschland darsteilen
will. Es wird hier also nur das behandelt,
was mit dieser Tradition und diesem
Zweig der Pl.vorstellungen zusammen
hängt. Wer die Vorstellungen der Völker
über die Pl. überhaupt kennen lernen will,
muß zu W. Gundels Büchern über diesen
Gegenstand greifen 2 ). Auch die natur¬
wissenschaftlich-physikalischen Theorien
können hier als zu speziell nicht be¬
schrieben werden. Über die dem PL-
glauben zugrunde liegenden Ansichten
von dem Wesen der Pl.kräfte wird im
Zusammenhang mit den ähnlichen An¬
schauungen vom Wesen der Tierkreis¬
bilder s. v. Sterndeutung gehandelt.
39
Planeten
40
J ) Stemplinger Aberglaube m. w.
Gundel Sterne und Sternbilder 1922; ders.
Sternglaube, Sternreligion und Sternorakel 1933.
B. Die Pl. in der Laienastrologie.
Die Laienastrologie des Mittelalters 3 )
knüpft ihre Aussagen an Mond- und
Planetentage an. Die Aussagen werden
tabellarisch festgelegt und tradiert. Was
man im Bereich des Abendlandes, mithin
auch in Deutschland, an Mondtabellen
oder Pl.tabeilen kennt, stellt seiner Form
und seinem Inhalt nach das Stück einer
Tradition dar, die über die Völkerwande¬
rung in die spätantike und hellenistische
Kultur zurückreicht. Denn hier findet
man fast alle die Erzeugnisse der Laien¬
astrologie bereits vor, die in den Jahr¬
hunderten der deutschen Geschichte immer
wieder bis auf die Gegenwart begegnen.
Wir behandeln demnach als Grundlage
die uns bekannten Formen der antiken
Laienastrologie in der Zeit des Spät¬
hellenismus und des römischen Kaiser¬
tums. Es wird sich dabei nicht ver¬
meiden lassen, unter den Belegen zuweilen
byzantinische Exzerpte mit zu ver¬
wenden; aber diese gehen ihrerseits auf
antike Vorlagen selbst zurück. In einer
Reihe von Fällen ist das deutlich zu
sehen 4 ).
I. Die antiken Listen.
1) Lunare.
In den Listen der Laienastrologie neh¬
men die Listen mit Prognosen nach dem
Mond — sog. Lunare — zweifellos den
breitesten Raum ein. Den Listen eignet
Offenbarungscharakter 5 ); ihr Inhalt, der
sowohl meteorologisch wie politisch’ wie
auch in Richtung auf das Individual¬
schicksal orientiert ist, gilt somit als zu¬
treffend. Die Lunare haben ihrerseits
Verschiedene Formen, je nach dem, ob
man die sog. beleuchteten oder unbe¬
leuchteten Tage des Mondes, oder den
Mond in den Tierkreisbildern oder in
Kombination mit Pl. zum Ausgangspunkt
der Antwortsuche auf eine Frage machte.
a) Mondwahrsagung nach belichteten
Und unbelichteten Tagen.
Das Prinzip ist dieses: ist ein Tag be¬
leuchtet 6 ), so güt er in seinem Einfluß
auf das vorgehabte Tun als gut, ist er
unbeleuchtet 7 ), so gilt er als schlecht
Es gelten in der Regel der i., 2., 3., 7., 9.,
n., 13., 14., 16., 17., 18., 20., 22., 23., 26.
und 28. Tag als belichtet und glückbrin¬
gend; die anderen sind unbelichtet und
unglücklich. Die nach diesem Prinzip
aufgestellten Listen bieten entweder nur
die Zahlen der Tage in der genannten
Teilung (zuweilen übrigens unter Hervor¬
hebung bestimmter Stunden) 8 ), oder sie
geben einzelne Ausführungen teils zum
Leben überhaupt 9 ), teils etwa hinsichtlich
des Wohlergehens eines Kranken 10 ) u. a.
Ein Beispiel, es lautet auf den alten Namen
des Melampus 11 ), macht das deutlich:
a) Der erste Tag des Mondes ist in seiner
ganzen Bildung glücklich; der 2. von der
6. Stunde bis zu Abend; der dritteTag ist in seiner
ganzen Bildung unbrauchbar usw. 12 )
b) Der erste Tag ist schön für alle'an ihm
c 11 S enommen en Dinge. Handeltreiben,
Schiffahrt und über-Land-gehen, Sklaven -
kaufen, Verträge-schreiben, Kinder zum Unter¬
richt geben, Sold empfangen, Grundstein¬
legung. Km Flüchtling wird in wenigen Tagen
gefunden. Wer krank zu werden anfing, stirbt
schnell. Wer geboren wird, ist aufziehbar.
Verlorenes wird gefunden. Ein neugeborenes
Kind wird gewandt und leicht veränderlich
sein und ein Jäger und groß im Leben, . . es ist
ein Gotteskind und den Menschen sehr lieb
■ ■ ' e s stirbt jung und auf den Tag seiner Ge-
burt 13 ).
b) Der Mond in den Tierkrcisbildern.
a) Man verfolgt die Stellung des
Mondes in den Tierkreisbildern,
und zwar sieht man zunächst einfach auf
die jeweiligen Tierkreisbilder,
| ohne auf bestimmte Räume in
ihnen Rücksicht zu nehmen oder
Zeichen am Mond zu beachten.
Zu den einzelnen Tierkreisbildern finden
sich dann wie oben die Angaben über das,
was man tun und lassen soll. Dabei ist
für diese Angaben des öfteren Einwirkung
der astrologischen Natur des betreffenden
Tierkreiszeichens zu erkennen. Eine
solche (wie sie hier vorhegt, freilich erst)
byzantinischer Zeit angehörige Liste findet
man CCA V 3,94ff. aus einer Hs. im
Vatikan (14. Jh.), deren Vorlage wohl
schon die aus allen möglichen griechischen
und arabischen Autoren gemachten Aus¬
sagen unserer Hs. enthielt.
41
Planeten
42
1 ? i
fi:
Beispiel:
Der Mond in der Jungfrau ist geeignet zum
S&en .. . zum Besuch verwitweter Frauen,
tum Ankauf von Schiffen. Die Zeit ist günstig,
Kinder in den dialektischen Unterricht zu
E hen und sie zu erziehen, Sklaven frei zu
ufen und Purgiermittel zu gebrauchen.
Dieselbe Zeit ist ungeeignet, um auf dem
Markt Besorgungen zu machen und hoch¬
gestellte Personen zu besuchen 14 ).
ß) Verwandte Listen beobachten Mond¬
finsternisse (s. a. Finsternisse) oder auf¬
fällige Anzeichen am Mond in den ein¬
feinen Tierkreisbildern (bzw. deren Mo¬
naten).
I. Beispiel: November (Skorpion): Wenn
der Mond sich verfinstert, kommt Zorn über
alle Menschen, in den Städten wird Hungers¬
not sein; es gibt große Kriege. Und ein sehr
großer Mann wird wider den König auftreten
Und zu ihm sagen: ,,ich bin König“. Hernach
aber wird er in die Hände des Königs fallen l5 ).
2. Beispiel. Schütze. Dezember: Erscheint
der Mond blutig, so werden große Städte auf¬
rührerisch sein. Ist der Mond um die erste
Nachtwache und Monatsmitte dunkel, werden
die Leute im Palast aufrührerisch gemacht.
Ist der Mond aber um die 2. Nachtwache
dunkel, so deutet dies auf Krieg für die Küsten¬
bewohner usw. 16 ).
Von den beiden Beispielen ist das erste
einer griechischen Hs. des 15. Jh. ent¬
nommen, die heute im Escorial auf¬
bewahrt wird; für das Alter der Über¬
lieferung beweist das aber nichts. Das
zweite Beispiel stammt aus Laurentius
Lydus, dessen zerstörte Kapitel nun mit
Hilfe der gleichen Hs. so glücklich ergänzt
werden können. Wie alt das Material
in diesen Listen ist, beweist die von Boll
und Bezold gemachte Entdeckung von
wörtlichen Zitaten babylonischer Mond¬
wahrsagelisten bei Lydus 17 ). Auch bei
Lydus werden die Mondfinsternisse mehr¬
fach berücksichtigt (CCA XI 1, 155, 15).
7) Eine weitere Gruppe der Lunare
behandelt den Mond in den Tier¬
kreisbildern hinsichtlich seiner
Bedeutung für einzelne Fragen¬
komplexe, wie Landbau, Auffindung
von Gestohlenem, Heirat, Dauer des Ge¬
fängnisaufenthaltes usw. 18 ). Einer der
Hauptvertreter dieser antiken Lehre war
Dorotheos von Sidon (1. Jh. n. Chr.) 19 ),
den ich schon deshalb hier zum Beleg
heranziehe, weil er einer der griechischen
Astrologen ist, dessen „Lehren“ die Araber
ungemein stark verarbeitet haben. Durch
ihre Vermittlung ist mit Namenszitat oder
ohne dieses dann vieles von ihm in dieHss.
des Mittelalters und die Prognostiken der
Renaissance gekommen. Das 5. Buch
seines den Elektionen gewidmeten Werkes
enthält sehr instruktives Material, von
dem hier aus dem Kapitel „über den
Eingekerkerten“ einiges angeführt sei 20 ):
Ist der Mond (in der Stunde, in der einer
eingekerkert wird) im Widder, so bezeugt er
schnelle Lösung. Ist er im Stier, bleibt er lange
Zeit im Kerker; leidet er hinwiederum dieses
wegen seines Vermögens, so wird er dieses
verlieren, später aber wird er dem Kerker und
den Schmerzen entrinnen. In den Zwillingen
wird er in seinem schlechten Ergehen auf-
gerieben, wenn er nicht in den ersten drei Tagen
freikommt. Der Krebs wiederum wird ihn
lange Zeit mit Ungemach festhalten usw.
Diese Versifikationen werden hernach
für den praktischen Gebrauch paraphra-
siert; die astrol. Sammelhss. der byzan¬
tinischen Zeit enthalten viele Dorotheos-
kapitel in Prosa, die dann unabhängig
vom metrischen Grundtext ihre eigene Tra¬
dition haben 21 ). Teilweise sind sie auch
den arabischen Astrologen entnommen;
eine Paraphrase des eben angeführten Ka¬
pitels existiert z. B. bei Abu ’l-Hasan ‘Ali
ibn abi 'r-rigäl (alias: Albohacen). Ähn¬
liches ist am Text des Maximus zu be¬
obachten, dessen Paraphrase in cod. Laur.
28, 34 fol. 164fr (vgl. CCA I 71) enthalten
ist 22 ). Daraus wurden dann durch ta¬
bellarische Kürzung des Textes neue
Nachschlagetexte gewonnen; solche findet
man CCA XI 1, 165 f. zum Säen, Pflanzen
und Heiraten.
Beispiel; Ist der Mond in den Zwillingen,
ist es sehr schön, alle Landarbeit zu tun, zu
säen und zu pflanzen; ist er im Krebs, soll man
Gärten bestellen, Gräben ziehen und unbear¬
beitetes Land urbar machen 23 ). — Ist der
Mond im Widder, so wird der Bräutigam ge¬
schädigt; denn seine Frau wird unbeständig,
ihren Entschluß ändernd, lieblos sein und den
Mann verlassen; ist der Mond im Stier, so wird
der Bräutigam geschädigt; denn seine Frau
wird ehebrecherisch sein und vielen gehören;
sie ist lästig 24 ).
Bei Dorotheos folgt auf die Liste, die
die Bedeutung des Mondes allein in den
Tierkreisbildern erörtert, stets in dem
genannten 5. Buche zu den einzelnen
43
Planeten
44
Fragebereichen eine zweite, die die plane¬
tarischen Aspekte zum Monde beachtet.
Dadurch ergibt sich eine Vielfalt von Be¬
ziehungen, die indes nur die höhere Astro¬
logie ausdeuten kann (vgl. Antiochos CCA
VII, 107h.).
Die Tierbilder bleiben dann außer acht.
Diese Listen sind indes wieder vereinfacht
worden in Lunare, die die plan et arischen
Freundschaften und Feindschaften des
Mondes in den Tierkreisbildem behan¬
delten. Eine solche Liste liegt CCA VIII i,
200ff. vor; Cumont vermutet arabischen
Ursprung; für die tabellarische Form mag
das zutreffen 25 ); der Sache nach gehen
diese Lunare auch auf die Antike zurück.
So heißt es im Kapitel über das See¬
reisen bei Dorotheos (CCA VI iio, 5ff.):
Nicht sei der Mond in Synaphie 26 ) mit dem
Saturn, wenn er stillsteht, oder in Quadratur
zu ihm. Denn — so sagt er —, selbst wenn er
im Trigonalaspekt 27 ) steht, werden die Reisen¬
den kaum sich retten, nachdem sie von ihrer
Last manches herausgeworfen haben. Steht
aber noch Merkur, ebenfalls im Augenblick
des Stillstands, mit ihnen in Aspekt, wird das
Unglück noch größer und widerwärtiger sein;
nur wenn ein guter Stern in Aspekt steht, ist
das Unheil gering usw.
Man vergleiche die erwähnte Liste der
Freund- und Feindschaften z. B. Kap. 13:
Mond und Saturn im Diagonalschein bedeutet
volle Feindschaft.
Ist der Mond im Widder, so ist das schlecht
für alles. Schön ist diese Konstellation nur zum
Trinken von Arznei und Einkauf von Sklaven.
Ist der Mond im Stier, schlechter Tag. Es ist
nicht zuträglich, sich eine Frau zu suchen.
Ist der Mond in den Zwillingen, schlimm für
alles 28 ).
Das ist aus solchen bei Dorotheos vor¬
liegenden Angaben exzerpiert und nach
Konstellationen geordnet (Hingegen ist
die laienastrologische Auswertung der
28 Mondstationen sicher erst arabischen
Ursprungs; vgl. weiter unter Sp. 49ff.)
S) Wahrsagung des kommenden Jahres
aus dem Mondstand zur Zeit des Siriusauf-
g a n g s (20. Juli) oder zu Beginn des Neuen
Jahres (21. März, selten 1. Januar).
Beispiel aus dem Werke des Astrologen
Antiochos (zwischen 100 v. u. 50 n. Chr.) 29 ):
Ist der Mond zur Zeit des Siriusaufgangs im
Löwen, dann wird eine reiche Ernte an Getreide,
öl und Wein zu erwarten sein, und alle übrigen
Sachen werden billig sein. Es wird Unruhe in
der Luft herrschen und ein weiches Klima vor¬
herrschen; es gibt einen Überfall von Völkern;
auch Erdbeben und Stürme auf der See werden
kommen. In der Jungfrau wird es viel Regen
geben, Frohsinn wird herrschen, aber auch
Sterben von Kindsmüttern ist zu erwarten;
Sklaven und Vierfüßler werden nicht käuflich
sein, usw. 30 ).
2) Sonnenfinsternistexte.
Wie es Wahrsagungen aus der Kom¬
bination einer Mondfinsternis mit einem
Tierkreisbild gibt, so auch aus den Sonnen¬
finsternissen in den Zeichen. Eine solche
auf das Werk des Nechopso-Petosiris 31 )
zurückgehende Liste enthält CCA VII 132
nach einer Münchener Hs.; die Liste deckt
sich weitgehend mit derjenigen, die von
Hephaistion I 21 überliefert ist. Ihre Vor¬
aussagen umfassen den ganzen Erdkreis
und sind vor allem politisch orientiert.
Beispiel: Wenn im Löwen sich die Sonne in
der 1. oder 2. oder 3. Stunde verfinstert, wird
das Heer der Barbaren die Griechen belagern,
und es werden die Barbaren siegen. Wenn dies
in der 4. oder 5. oder 6. Stunde geschieht, wird
in Ägypten ein großer Mann umkommen usw. 32 ).
Weitere Listen berücksichtigen Donner,
Blitz oder Erdbeben zur Zeit der Sonne
in den einzelnen Tierkreisbildern; sie
sind aber, so viel ich sehe, ohne größere
Nachwirkung geblieben 33 ).
3) Planetenbücher.
Neben den Listen, die in den aufgezeig-
ten mannigfachen Kombinationen den
Mond oder die Sonne zu Wahrsage¬
zwecken ausdeuten, gibt es viele andere,
die die pl. Tages- und Stundenregenten 34 }
mit ihren Kraftauswirkungen auf zählen.
a) Hebdomadenlisten für Stunden und
Wochentage.
Das zugrunde liegende Prinzip ist das
der Tages- und Stundenherrschaft der
Planeten. Jeder Tag wird regiert von dem
Planeten, dem die erste Stunde zukommt;
die folgenden Stunden beherrschen die
Planeten nacheinander in der Reihenfolge
der Sphären des ptolemäischen Welt¬
bildes. Das System, nach dem die Auf¬
teilung der Planeten auf die Woche vor¬
zunehmen ist, erklären Vettius Valens
(I 10) und Cassius Dio (38, 18) 35 ). Dar¬
nach kommt jeweils die 1. Stunde des
folgenden Tages auf den vierten Planeten
der Reihe, ausgehend von dem, der die
1. Stunde des vorhergehenden Tages be-
Planeten
46
45
4*. m V»
in 0
I herrscht. Man beginnt die Verteilung mit
|idem Saturn als dem entferntesten Pla-
f Beten; dieser Reihenanfang ist in den
|> Bieisten astrologischen Planetenlisten üb-
| hch. Folgendes Schema läßt das Prinzip
p leicht erkennen:
) I. Saturn, 2. Jupiter, 3. Mars, 4. Son¬
ne, 5. Venus, 6. Merkur, 7. Mond,
ii 8 . Saturn, 9. Jupiter, 10. Mars,
‘ XX. Sonne, 12. Venus, 13. Merkur,
X4- Mond, 15. Saturn, 16. Jupiter,
*7- Mars 18. Sonne, 19. Venus,
•0. Merkur, 21. Mond, 22. Saturn,
*7- Mars 18. Sonne, 19. Venus,
• 0 . Merkur, 21. Mond, 22. Saturn,
03. Jupiter, 24. Mars, 25.(1.) Sonne,
0 . Venus, 3. Merkur, 4. Mond.
Steht also die erste Stunde unter dem
Saturn, so die 25., d. h. die erste des
nächsten Tages, unter der Sonne, die erste
des übernächsten Tages unter dem Mond
Mars
Merkur, 21.
22.
USW. Man erkennt leicht, daß hier die
Reihenfolge unserer Tage auf Grund der
Sphärenordnung des ptolemäischen Welt¬
bildes festgelegt ist. Cassius Dio glaubt
tn altägyptischen Ursprung des Systems,
Was Boll mit Recht bezweifelt hat 36 ). Viel¬
mehr deutet alles auf den Hellenismus als
Zeit der Entstehung. Valens weist darauf
hin, daß die Länge der Stunden sich nach
der Jahreszeit und der geographischen
Breite richte, man es also mit „kairischen“
Stunden zu tun habe. Nach ägyptischer
Weise beginnt er die Zählung mit der
X. Stunde nach Sonnenuntergang. Schon
Serapion — wohl Schüler des Astronomen
Hipparch — forderte die Beachtung des
noXeutov und oisttcov bei jeder Unter¬
nehmung, verlangte aber dazu die Be¬
obachtung des Planetenortes 37 ). Als zu
kompliziert strich die Laienastrologie
diese detaillierten Auslegungsprinzipien.
Dies System erst ermöglichte genaue
Feststellungen über günstigen oder un¬
günstigen Verlauf der geplanten Unter¬
nehmungen. Juvenal erzählt, von keiner
römischen Dame seiner Zeit sei etwas aus¬
geführt worden, ehe sie ihre Ephemeriden
befragt und daraus die dem Unternehmen
günstige Stunde des Petosiris erfahren
habe 38 ).
Eine einfache Liste mit Angaben über
die Natur des Neugeborenen legt Anti¬
ochos vor:
Ist Saturn Tagesgott, so sind die in der
1. (— dem Saturn gehörigen), 3. (= dem Mars
gehörigen), 8. (= dem Saturn gehörigen),
10. (= dem Mars gehörigen) Stunde geborenen
Kindern unedel und schädlich, und sterben
gewaltsam. Ist Jupiter Tagesgott, so sind die
in der 1., 4., 10. und 11. Stunde geborenen
Herrscher berühmte Leute, jugendlich schön
und anmutig 39 ).
Die Verteilung der Stunden geschah
früher nach Tag und Nacht getrennt
(vgl. CCA IV I36ff.); eine Liste bei He¬
liodor (ca. 500 p. Chr.) gibt danach die
Übersicht über die Stundenherrscher der
Woche, eine zweite die Bedeutung der
Planetenstunden. Danach gilt:
Wer in der Stunde der Sonne etwas Heim,
liches tun will 40 ), dem wird es nicht gut gehen-
Sie bewirkt Vereinigung, gewährt Gastfreund¬
schaft; mache dich auf, wo du auch willst, zu
Wasser oder zu Land, beginne Hausbau, lege
Fundamente, kaufe Pferde, gib Kinder in den
Unterricht; ein von dir gestohlener Gegenstand
wird gefunden werden 40 ).
Später zählte man die Stunden durch.
Eine sehr übersichtliche Ephemeris liegt,
nach älteren Materialien gearbeitet (vgl.
Boll in CCA VII 88) aus byzantinischer
Zeit vor 41 ). Man liest:
Übersicht über die Planeten und über das,
was man in ihren Stunden tun muß, in denen
sie die 7 Tage der Woche beherrschen.
Den Tag des Herrn beherrscht die Sonne.
O» am 1 • Tag herrscht die Sonne in der 1. Stunde
(Wertung fehlt).
5 , in der 2. Stunde herrscht Venus: schön. Sie
bringt Zuneigung der Herrn, der Großen
und der Tyrannen.
§, in der 3. Stunde herrscht Merkur: sie ist
nützlich durch die Bekanntschaft mit den
Herrn.
(£, in der 4. Stunde herrscht der Mond: ge¬
eignet, um mit dem Herrn zu verkehren,
in der 5. Stunde herrscht der Saturn:
verbirg die Bekanntschaft,
in der 6. Stunde herrscht Jupiter: geeignet,
um zu den Herrn zu gehen.
(?. in der 7. Stunde herrscht Mars: sieh dich
vor; unternimm nichts,
usw. durch alle Stunden der Woche.
Dieselben Listen erscheinen mit christ¬
lichem Einschlag z. B. CCA VII 90, 20ff.
So ist z. B. zum Tag des Mondes gesagt
Stunde 7 und zugehörige unterstehen Merkur:
der Flüchtige hält sich im Tempel (Kapelle)
oder in einem Kloster auf. Der Erkrankte
stirbt usw. 42 ).
b) Listen mit J ahresregenten.
Eine andere Gruppe solcher Planeten¬
listen verzeichnet Jahresregenten. Von
47
Planeten
Planeten
50
ihnen ist das Werden des Jahres abhängig
gedacht. Man errechnet diese entweder
nach bestimmten Methoden oder gewinnt
sie aus dem Wochentag der Kalenden.
Für die erste Form kenne ich zwar nur
ein ganz junges griechisches Exemplar,
das in einer athenischen Hs. des anfangen¬
den 18. Jh. enthalten und für die Jahre
ab 1722 aufgestellt ist 43 ). Aber die Ge¬
wohnheit, sich den Jahresregenten zur
Grundlage der meteorologischen Gestal¬
tung des Jahres zu machen und von da
auf das Leben des einzelnen zu schließen,
ist ebenfalls antik. Galater 4,10 ruft
Paulus den Galatern ironisch zu: „Be¬
obachtet doch Tage und Stunden und
Monate und Jahre“; nach der Darlegung
versteht man, daß auf die Lehre von den
7roXetSovi£c und Sisttgvtss einerseits und
die Lunare andererseits angespielt wird.
Als Jahresregenten kennen wir an sich
die Tierkreisbilder 44 ), die übrigens in
der genannten Liste der Athener Hs. mit
verarbeitet sind; aber erstens ist es nicht
konsequent, dieselben auch planetarisch
zu denken, und zweitens ist jene byzan¬
tinische Liste (am Wortschatz) erkennbar
aus Überarbeitung älterer Listen ent¬
standen. Wir dürfen sie hier einreihen
und zitieren den Anfang:
Der Planet des Jahres ist der Mond mit dem
Tierkreisbild des Schützen, dem Haus des Ju¬
piter. Die Zeit wird gut sein für die Früchte
und schön. Der Winteranfang ist gemäßigt,
die Mitte (des Jahres) regen- und windreich.
Das Ende mit Regengüssen usw.
Die andere Methode ist schon mit dem
Namen des Astrologen Antiochos über¬
liefert, Ein Beispiel erklärt das Ver¬
fahren :
Fallen die Kalenden (des Januar) auf den
1. Tag (nämlich den der Sonne) so gibt es einen
brauchbaren Winter; nassen, aber ertrag¬
reichen Frühling, einen trockenen Sommer und
gemäßigten Herbst. Tiere gehen zugrunde,
jüngere Leute sterben, ganz geringe Winde 45 ).
Andere Listen verarbeiten andere Aus¬
legungen; so ist in CCA VIII 3, 191L auch
politische Prognose wie Krieg usw. ent¬
halten 46 ). Interessant ist eine Liste, die
die Witterung und die damit zusammen¬
hängenden Geschehnisse nach den Tages-
herrschem der Kalenden des Oktober
beurteilt 47 ).
Der Kalendenaberglaube war bekannt¬
lich in Rom sehr verbreitet 48 ); es ist das
CCA VIII 3, 191 durchaus empfunden,
wo das Kalendolegion als ofomapoc
pcojAGdxos (= Römische Weissagungs¬
methode) überschrieben ist. Damit läßt
sich auch dieser Text als antik erweisen.
c) Chronokratorien.
Es gibt noch größere Einteilungen, in
denen die Planeten u. a. als Regenten von je
1000 Jahren erscheinen 49 ). Möglich, daß
auf diese Idee das Bibelwort von den
1000 Jahren, die vor Gott wie ein Tag
sind, eingewirkt hat 50 ); nahe scheint
auch der Gedanke zu liegen, daß die in
der iranischen Zeitmystik verbreitete
Vorstellung von den 1000 je einem Tier¬
kreisbild unterstellten Jahren hier über¬
tragen ist 51 ), zumal CCA IV 115, 31 eine
solche Liste als „Philosophia Chaldae-
orum“ bezeichnet wird. Die Chrono¬
kratorien reichen erkennbar bis ins 4. Jh.
n. Chr. zurück; das Weltbild des Nonnos
(5. Jh. n. Chr.) fußt auf dieser Vorstellung.
Firmicus Maternus gibt eine solche Liste
für 5 Planeten (III1, 10) 52 ). Ob man sich
vor dieser Zeit im Abendland mit ihnen
beschäftigte, ist fraglich, da die mehr¬
fachen Belege gerade aus dem 475. Jh.
auf fallen. CCA IV ii4ff. findet man zwei
Listen mit Aussagen über das Werden
des neugeborenen Kindes. Nach der
ersten Liste sind die in der Chiliade des
Saturn geborenen Menschen langlebig;
sie treiben im Gleichmaß ihres Lebens
dem Kronos zugehörige Dinge. Die unter
der Chronokratorie des Jupiter sind im
Verhältnis zu jenen kurzlebiger, indem
der Umlauf des Jupiter kürzer ist als
der des Saturn usw. Indes blieb dieses
System großzügige Spekulation und ohne
erkennbare Nachwirkung auf die fol¬
genden Zeiten.
Zu der Geschichte der Lunare haben
Boll und Bezold 53 ) interessante Aufdeckungen
gemacht, die die Übernahme und Weiter¬
bildung meteorologischer und politischer Weis¬
sagungen der Babylonier und Assyrer durch die
Griechen evident erwiesen haben. Nicht nur,
daß die Terminologie griechischer Lunare z. T.
vollkommen ungriechisch ist (vgl. z. B. Laurent.
Lyd. de ostent. ed. Wachsm. p. 54, 20 mit
Sitzber. S. 32 Nr. 25), sondern die Texte
decken sich geradezu. Man vgl. „Wenn
im Monat Elul (Aug.—Sept.) eine Verfinsterung
(des Mondes) in der mittleren Nachtwache
Stattfindet, wird meine Festung der Feind
nehmen“ mit Lydus de ost. p. 48, 7 ff. z{ oe ev t r t
^lutEpa cpuXcc/Tj ojxotüi; ccuuopd cpavT}, ecpooov
KoXejjiujüv d-EiAtl (nach dem nun vollständig
vorhandenen Text in CCA XI 1, 148, 13ff.).
Bei Boll weitere Beispiele a. a. O. Auch von
Bearbeitung des babylonischen Materials
unter den Händen der griechischen Übersetzer
und Redaktoren hat sich eine Spur gefunden 54 ).
Die antiken Übersetzer, die in Betracht kommen,
gruppieren sich wesentlich um Laurentius Lydus'
Buch de ostentis, das seine Lunare auf die -aXatof
lurückführt, wie oft bei Astrologen 55 ). Eine
wichtige Notiz weist darauf hin, daß schon
Eudoxos v. Knidos solche Wahrsagetexte
kannte 56 ); so kann man annehmen, daß in dem
3. Jh. v. Chr. die Lunare des Zweistromlandes
bei den antiken Völkern durch Übersetzen ver¬
arbeitet wurden. Daneben wurde manches auf
dem Umweg über Nechopso-Petosiris (ca. 150
v. Chr.) vermittelt.
II. Arabische Listen; ihr Ein¬
dringen ins Abendland.
Diese im späten Altertum im wesent¬
lichen so ausgebildeten Listen der Laien¬
astrologie vermehrten die Araber, die
auch diesen Orakeln neben der höheren
Astrologie ihre Aufmerksamkeit zuge¬
wandt haben 57 ), um eine neuartige Orakel-
methode. Ihr Prinzip ist, aus den Mond¬
stationen (s. d.) zu weissagen. Wann das
genau zum erstenmal geschah, weiß ich
nicht zu sagen; es gibt aber einen sicheren
Anhalt, daß man bei den Arabern schon
im 879 * Jh. (273. d. H.) 4 diese Listen ver¬
wandte (s. u. Sp. 51). Sie sind wohl
noch älter und werden später gern Völkern
oder gelehrten Männern, die in der Astro¬
logie etwas bedeuteten, untergeschoben.
So lernt sie die Zeit des 11. Jh. kennen.
Eine solche Liste, auf den Namen der
Inder und des Dorotheus lautend, liegt bei
Abu T-Hasan ‘Ali ibn abi ’r-rigäl (1016—
1062 in Tunis) vor; er hat sie, wie fast
alles andere Detail seines großen Werkes,
von einem früheren Astrologen über¬
nommen. Cap. 101 des VII. Buches dieses
4 Liber magnus et completus’ trägt in der
lateinischen Übersetzung 58 ) die Über¬
schrift: In electionibus secundum motum
lunae per mansiones. Es wird stets zuerst
der Name der Station samt seiner Grad¬
ausdehnung genannt, darauf folgt die
Auslegung.
Beispiel für den Widder:
Alnath 5d ), a principio Arietis usque ad 12° 11' 26''
est mansio prima. Dicunt Indi quod quando
luna fuerit in hac mansione, bonum est
bibere medicinas, pönere bestias ad pas-
cendum, iter facere in illa die nisi secunda
ho ra diei. — Dixit Dorothius non est bonum
facere coniugum usw.
Albethain, a 12 0 11' 26" usque ad 25° 22 / 52 / '
ipsius. Dicunt Indi quod quando luna
fu erit in hac mansione, bonum est Seminare,
itinera facere. — Et dicit Dorothius, quod
non est bonum facere in ea coniugum usw.
Athoraie, a 25 0 22' 52" usque ad 8° 34' 18" Tauri.
Dicunt Indi quod quando luna fuerit in
hac mansione, bonum est mercari ac vin-
dicare se de suis inimicis; est mediocris
pro itinere. — Dicit Dorotheus usw.
28 Mondstationen gibt es im ganzen;
zu allen äußern sich die bei ‘Ali ibn abi
’r-rigäl kombinierten Listen ähnlich.
Joh. Hispalensis, der als einer der
ersten Abendländer 1135—1153 in Toledo
im Aufträge des Erzbischofs Raimund
mit Übersetzungen arabischer Astro¬
logen beschäftigt war, hat seinerseits eine
‘Epitome totius astrologiae’ verfaßt
(1142) 60 ). Diese ist z. T. aus arabischen
Autoren zusammengearbeitet; sie enthält
am Ende eine Tafel der 28 Mansionen,
die die lateinischen Namen der Stationen,
die Gradausdehnung in den Tierbildem,
die Natur sowie Glück oder Unglück an¬
zeigt. Die Gradangaben weichen von
ibn abi ’r-rigäl ab. Der Tabelle voran
geht eine ausführliche Beschreibung der
Mansionen, wie bei ibn abi ’r-rigäl. Es
werden wieder die Aussagen der Inder
und des Dorotheus zitiert; der Einfluß
von ibn abi T-rigäls Buch ist unverkenn¬
bar. Die erwähnte Tafel unterscheidet
sich von den Prosakapiteln nur insofern,
als sie auch die Natur der Stationen nach
den Begriffen „frigidus, siccus, tempera-
tus, humidus, calidus“ und deren Mischun¬
gen bestimmt. Dafür kann ich noch keine
Quelle erkennen. Da es von der Epitome
des Johannes Hispalensis etliche Hss.
auch in deutschen Bibliotheken gibt 61 )
und das Buch schließlich 1548 in Nürn¬
berg gedruckt wurde, ist sein Verfasser
u. a. (etwa neben ibn Esra) als Vermittler
arabischer Laienastrologie anzusehen.
Guido Bonatti beispielsweise, dessen gro¬
ßer Einfluß auf die Entwicklung der
Planeten
Planeten
Astrologie in Italien immer deutlicher
wird 62 ), zitiert in seinem ‘Liber de muta-
tione' nach der Epitome des Joh. Hispa-
lensis die Mondstationen unter Reduzie¬
rung der 5 die Natur bezeichnenden Be¬
griffe auf drei, nämlich: humidus, siccus,
communis. Dies hat später Gültigkeit
erhalten.
Auch byzantinische Hss. mit ähn¬
lichen Listen sind ans Licht gezogen wor¬
den. Im Cat. codd. astrol. Graec. findet
man zwei; sie stehen CCA V 3, 90 und
VIII 1, 217. Die Einleitung zu letzterer
Stelle enthält Cumonts Hinweis auf den
arabischen Ursprung der astrologischen
Verwendung solcher Listen und stellt
eine ausführliche Erörterung des Problems
für den IX. Band des Catalogus in Aussicht.
Die beiden griechischen Listen hängen
sachlich zusammen; von der Pariser Hs.
(VIII 1, 217) gibt es Abschriften in einer
Venetianischen und einer Münchener Hs.,
sie hatte also Verbreitung gefunden; Grad¬
angaben fehlen; die Namen der Mansionen
decken sich freilich mit der Liste des ibn
abi ’r-rigäl so wenig wie die Auslegungen.
Es gab also auch hier verschiedene Ver¬
sionen, von denen eine vom 12. Jh. an
über Spanien bekannt wurde, während
die andere seit dem 14. Jh. mit den griechi¬
schen Sammelhandschriften von Byzanz
aus in Italien, Frankreich und Deutsch¬
land eindrang. Aus dem Zustand der
griechischen Überlieferung ist zu schließen,
daß in Byzanz die Lehre im 13. Jh. sicher
bekannt war 63 ).
Der schon im 9. Jh. (Karolingerzeit)
durch einen Juden (?) verfaßte ‘über Alex-
andri’, ein auf Grund hellenistischer und
arabischer Astrologie (syrische Vermitt¬
lung) kompiliertes Werk, enthält freilich
die früheste Auslegung der arabischen
Mondstationen im Abendland. Die Namen
berühren sich mit den Namen bei ibn abi
T-rigäl. Das Buch existiert jetzt in lateini¬
scher Übersetzung in einer Pariser Hs.
des 10. Jh. Seine Wirkung neben Manilius
und Firmicus ist schwer zu beurteilen.
Das Kapitel über die Mondstationen fand
in der breiteren Öffentlichkeit keinen An¬
klang. Erwähnt wird der ‘liber Alexan-
dreus’ erstmalig von dem 1142 gestorbenen
Wilhelm von Malmesbury 64 ).
III. Deutsche Zeugnisse. 1) Mittel¬
alterliche Materialien.
Das Gesamt dieser Listen der Laien¬
astrologie hegt vom 14. Jh. an in Hss. des
deutschen Sprachgebiets vor; die Haupt¬
masse der handschriftlichen Zeugnisse
gehört sogar dem 15. Jh.an. Ähnliche Er¬
gebnisse erhält man durch Einblick in
die Bestände der römischen Bibliotheken.
Danach sieht es nun so aus, als ob eine
Bekanntschaft mit diesen Dingen erst
mit dem Eindringen der höheren Astrolo¬
gie ins Abendland stattgefunden habe;
daß dem nicht so ist, sondern daß eine
ununterbrochene Linie auf die west¬
ländische Spätantike zurückgeht, be¬
weist die Polemik der abendländischen
Kirchenfürsten gegen die Laienastro¬
logie 65 ). So bekämpft um 520 Caesarius
von Arles den Brauch, den Reiseantritt
vom Tagesregenten abhängig zu machen;
ähnliche Polemik findet man bei Eligius
(ca. 650), dem Reichenauer Abt Pirminius
(753) und Hrabanus Maurus im 9. Jh.
In einer römischen Hs., die 1077 in Ober¬
bayern geschrieben wurde, ist ein Lunar
enthalten 66 ). Ähnliche Lunare lassen
sich ausHss. des 11., 12. und 13. Jh. nach-
weisen 67 ). Auch die Überlieferung der
auf Tagwählerei beruhenden, ebenfalls
im ganzen Altertum gepflegten Weis¬
sagung in lateinischen Hss. des 9. und 10.
Jh. wird man als Beweis dafür heran¬
ziehen dürfen, daß die im Prinzip ähn¬
lichen antiken Orakel nach den Lunaren
oder dem Wochentagsplaneten des Neu¬
jahrstags von der Spätantike her direkt
übernommen worden sind 68 ).
Aber es ist unzweifelhaft, daß die
Beschäftigung mit der arab. Astrologie,
die in Südeuropa seit dem 12./13. Jh.
in Übung kam, hier belebend wirkte.
Sicher ist die Ausarbeitung eines großen
Teils der in den Hss. etwa von 1400 an
erhaltenen laienastrologisch orientierten
Texte hierdurch erst angeregt worden, sei es,
daß diese Anregungen direkt aus Spanien
über Italien oder auch über Frankreich
kamen, dessen Beziehungen zu Böhmen
und Süddeutschland im 14. und 15. Jh.
beachtlich sind 69 ), oder vielleicht auch
direkt aus Byzanz, nachdem einmal die
neue Lehre in Südeuropa Anhänger ge¬
funden hatte. Mannigfache Zeugnisse der
Renaissance berichten dann, wie sehr
man das Leben nach den Lunaren ein¬
richtete 70 ).
Um nur an einer Stelle einen Blick in
das nun reichliche Material tun zu lassen,
seien nach einigen deutschen und römi¬
schen Hss. die in ihnen enthaltenen
laienastrologischen Texte dieser Art auf¬
gezählt ; das Ergebnis dieser kleinen Liste
vervielfacht die Durchsicht j eder größeren
Bibliothek oder des Zinner'sehen Ver¬
zeichnisses 71 ); das Material ist noch gar
nicht systematisch ausgewertet worden.
Cod. Pal. germ. 214 Heidelb. (geschr.
X321) enthält zwei Drittel eines nach Neu¬
jahr orientierten Kalandologions 72 ), ein
solches bietet vollständig der Codex
Monac. germ. 398 in München (1435);
ein nach dem Christtag orientiertes Ka-
landologion ist in dem Cod. Pal. germ. 577
in Heidelberg (15. Jh.) aufgefunden wor¬
den. Mondwahrsagebücher eines be¬
stimmten Typus (vgl. Losbücher) ent¬
halten der Heidelberger Cod. Pal. germ. 3
( 14 - Jh-). die Berliner Hs. Ms. germ. fol.
563 (15. Jh.) und fragmentarisch eine Hs.
in Gießen (U. B.) (14. Jh.) 73 ). Cod.
Vindob. 2378 (geschr. ca. 1400) enthält
fol. 23 ein Kapitel über Planetenstunden,
eine Beurteilung der Qualität des Jahres
nach der Stellung des Mondes und einen
‘libellus de planetis’; in cod. Vindob. 2683
(vom Ende des 15. Jh.) findet sich fol. 31
eine Kalenderauslegung nach dem Monde,
in cod. Vindob. 3094 (einer italienischen
Hs. von 1420) eine Mondstationenliste
(fol. 238). Cod. Vind. 5327 (15. Jh.) ent¬
hält Planetentabellen, aufgestellt für die
Jahre 1451—1550 (fol. 160ff.), fol. i6if.
findet sich eine Bauempraktik (s. d.)
mit Auslegungen der planet arischen Wo¬
chentage, auf die die Januarkalenden
fallen 74 ). Zwei Erfurter Hss. (13./14. und
14 - Jh.) kennen die Auslegung der Mond¬
stationen 75 ). Der im Vatikan befindliche,
aber in Deutschland geschriebene cod. Pal.
Lat. 1369 (ca. 1444) enthält ebenfalls eine
Liste der Mondstationen 76 ) usw. usw.
Als einzigen Beleg führen wir den An¬
fang eines mittelalterlichen Textes über
Planetenstunden an; nach ihm und den
unter c) gegebenen Zeugnissen aus den
gedruckten Büchern wird man sich auch
von den andern Formen dieser der Laien¬
astrologie dienenden Texte ein richtiges
Bild machen können. In der Wiener Hs.
Cod. 2378 (geschr. ca. 1400) liest man
fol. 23 V. —24 r. 77 ):
Cum fuit horas atumi, bonum est emere res gra-
vis naturae, ut ferram stannum plumbum et om-
nia metalla et lapides et pannos nigoos, et incipe
ortos födere, et aliquas f rau des exeogitare
contra inimicum. Et non est bonum sanguinem
minuere, nec medicinam accipere nec potenti
loqui nec praelato monacho ypocrite nec pisca-
tori nec venatori nec alicui amico loqui nec
aliquod opus mulierum construere et edificare.
Nullum quidcumque opus incipere est bonum
nec aliquam societatem facere nec uxorem
accipere quia nunquam erunt concordes nec
pannos incidere nec novos.
Hora Iovis bonum est emere et cambiare argen-
tum.est bonum et omnia negocia trac-
tare que pertinent ad argentum.
Ein ähnliches Bild der Kontinuität der
Überlieferung erhält man bei einem Blick
auf die Reste der Laienastrologie, die in
englischen Hss. des MA. enthalten sind.
Das Material ist zusammengestellt von
M. Förster 78 ). So gibt es auch hier alt¬
englische Prognosen aus dem Wochentage
der Geburt 79 ), Weissagungen aus dem
ersten Wochentag (d. h. dessen Planeten),
dem ersten Donner (ca. 1400) 80 ). Ka-
landologien mit Weissagungen aus dem
Wochentag des 1. Januar enthält eine
große Sammelhs. desBrit.Mus. (11. Jh. 81 )).
In demselben Codex sind enthalten Nati-
vitätsprognosen aus dem Monatstage,
T7 Ain Tronmlnnor
Lunar ‘de rebus agendis’ usw. und zwar
teils in lateinischer und teils in altengli¬
scher Sprache. Der oben erwähnten
antiken Liste von der Sonne in den 12
Zeichen entspricht mittelenglisch ein
Donnerbuch des 15. Jh. (Univ. Bibi.
Cambridge), das den Donner in jedem
Monat auslegt, wobei zum Monatsnamen
immer hinzugesetzt ist ‘Sol in Aquario,
piscibus’ usw. In andern Büchern der
Art begnügt man sich mit dem Anführen
55
Planeten
56
des Monatsnamens 82 ). Ganz antik sind
ebenfalls die verifizierten Prognostica-
tionen aus den planetarisch orientierten
Wochentagen (15. Jh.) 83 ). Vor allem
sind interessant die sehr alten (n. Jh.)
lateinischen und englischen Geburts- und
Krankheitslunare, Aderlaß- und allge¬
meinen Lunare (Mond in den 30 Tagen),
die in verhältnismäßig großer Zahl belegt
sind 84 ). Eine größere Anzahl moderner
englischer Listen der Laienastrologie ver¬
mochte Förster in dem Zusammenhang
mit nachzuweisen. Eine englische Mond¬
stationenliste ist mir nicht in diesen Ar¬
beiten begegnet.
2) Nachmittelalterliche Texte.
Wir kommen zu den bis in die Gegen¬
wart reichenden gedruckten Pl.büchem.
Auch hier liefert die Durchsicht selbst
kleinerer Bibliotheken, die reichliche
Bestände aus dem 15.—18. Jh. enthalten,
das Material, das die Kontinuität der
Überlieferung erweist 85 ). So wie die Hss.
zeigen, daß bestimmte Formulare immer
weiter von Jahrhundert zu Jahrhundert
gegeben werden, werden auch die Pl.-
bücher, die jene laienastrologischen Listen
enthalten, immer wieder neu aufgelegt.
Dieselben Listen mit Mond- und Wochen-
tagsprognosen, die in dem sog. „Großen
Planetenbuch“ des 16. Jh. enthalten
sind 86 ), erscheinen in der 1724 gedruckten
Auflage wieder 87 ). Andere solche der
Laienastrologie dienenden Werke zeigen j
das gleiche Verhältnis zwischen älteren
und jüngeren Auflagen. Eine genauere
Durchforschung des hs. Materials wird die
Zusammenhänge mit dem MA. noch
deutlicher machen können. Überall sind
zu den antik-mittelalterlichen Lunaren
nunmehr die durch die Araber ver¬
mittelten Materialien (u.a. Mondstationen)
getreten. Wir zitieren einige Sätze aus den
Listen solcher Pl.bücher, um den Zusam¬
menhang zu veranschaulichen. Die Listen
sind in der Reihenfolge der oben be¬
sprochenen antiken Listen aufgeführt.
a) Lunare, oc) Bekannt ist mir erstens
eine Liste, die den Mond in den Tier¬
kreisbildern beurteilt 88 ).
Der Mon hat in jedem Zeichen seine Wirkung. J
So kein hinderniss zwischen kompt / Als:
So der Mon ist im Widder / fahe an was du
bald zum end bringen wilst / was lang währen
soll / meide. Hab gespräch mit Fürsten vnd
Gewaltigen / bad / beschere das Haupt nicht /
schrepffe keinem kranken am hals oder ohren.
So der Mon im Ochsen ist / fahe langwirige
ding an / pflantze bäum / Weingärten / sähe das
erdtrich / bhw heuser / rede mit frawen / biss
frölich / kauff Ochsen vnd Rinder.
So der Mon im Zwilling ist / fahe an was nicht
lang weren soll / thu Kinder zur Schul / hüte
dich vor bluten.
Wann der Mon im Krebs / ziehe vber Landt /
brauche Latwergen.
So der Mon im Löwen / was lang weren soll
fahe an / schneid oder leg keine newe Kleider an /
Artzney zum vndewen vermeide.
So der Mon in der J ungfrawen / ist am besten
die Kinder zur Schul thun / nimm kein Weib.
So der Mon in der Wag / was bald naher gehn
soll fah an / ziehe vber land / schlaff bey / handel
mit Geistlichen / kauff / verkauft.
So der Mon im Scorpion / fahe gar nichts
guts an.
So der Mon ist im Schützen / ziehe auffs
schiessen / schlaff bey / handel mit Richtern
und Juristen / treib kauffmanschafft.
So der Mon im Steinbock / thue dich zun
Alten / pfiantze äcker / weingart vnd gärten.
So der Mon im Wasserman / lege grundfesten /
stette / heuser / vnd thürn / pfiantze bäum vnd
Weingärten.
So der Mon im Fisch / stricke Fischgarn /
ziehe vber Land.
Ein Vorbild der Liste kann ich unter
den griechischen nicht nachweisen; einige
ihrer Aussagen findet man in dem Lunar
CCA V 3, 94 ff.
(3) Listen mit den Namen der Mond¬
stationen und den Auslegungen im Stil
der beschriebenen arabischen Listen gibt
es in Hss. des deutschen MA.s seit dem
I 4 - Jh. In einer der erwähnten Erfurter
Hss. (Ms. Ampi. 4 0 351 fol. 85 V.) beginnt
die Liste folgendermaßen (14. Jh.) 90 ):
Prima mansio lune ab antiquis philosophis
vocatur alnach qui est facies martis 89 ) et est
mala.
Secunda albuta et est fortuna a(fyba,
facies solis et est bona.
Tertia alcoraye qui a nobis dicitur pliades
et est facies veneris fortuna alba, bona.
Quarta aldebaram sive(?) cor tauri, facies
Mercurii, mala.
Quinta almeicen (fortuna) rubea, facies
lunae, mala.
Sexta chara etc.
Planeten
58
♦ f
^ .
i Die Liste fällt dadurch auf, daß sie wie
£ h. Hispalensis Identifikationen der
indstationen mit Stembildergruppen
d Einzelstemen durchführt 91 ) und daß
4e arabischen Namen wenigstens zur
HAlfte in einer den originalen Namen
iügenäherten Form erscheinen. Sie
Icheint also nicht sehr fern von einer
irabischen Quelle zu sein.
Dieselben Mondstationennamen wurden
ill einer andern Hs. des 14. Jh.s, von der
wir eine Abschrift in einer andern Mund¬
art aus dem 15. Jh. besitzen, in Los-
büchem (s. o. Sp. 53 und Art. Losbücher
Sp. 1396h) verarbeitet 92 ). Im 16. Jh.
erscheinen die Aussagen nach den Man-
lk>nen in den populären Druckwerken.
So ist in der ‘Astronomia Teutsch' von 1592
eine Liste der Mondstationen abgedruckt
(fol. 52). Die Beziehung zu den oben
erwähnten arabischen Listen ist nicht
deutlich zu erkennen; es muß hier ein
drittes Schema vorliegen. Das System
wird wie bei ibn abi T-rigäl auf die Inder
ZUriickgeführt. Die Einleitung enthält
eine klare Auseinandersetzung des Sy¬
stems; dessen nächste Quelle ist vielleicht
Agrippa von Nettesheim (de occulta
philosophia II 33). Da sowohl ibn abi
'r-rigäl wie Joh. Hispalensis nur die Orakel
zu den Mansionen geben, sei diese Ein¬
leitung des Lunars abgedruckt:
Die Weisen auss India haben dem Mon
XXVIII Mansiones / das seind Wohnung dess
Mons genannt / zugeeygnet / welche in der
achten Spher dess Himmels verfasset / haben
denen zugeben mancherley Natur / Krafft vnd
Neimen / von mancherley Gestirns wegen. Dann
80 Luna / der Mon (welcher / wie Galenus der
berühmpte Artzet / spricht / hat die vollkömm-
lichste Wirkung vnd Operation / nach der
Sonnen / auff das Erdtreich / darvmb / dass
Luna dem Erdtreich / vor andern Planeten /
aller nehest ist) in der Mansion einer gesatzt ist /
werde alsdann auss derselbigen Mansion der
Mon vberkommen eine sonderliche Kräht /
Natur vnd Eygenschafft / mit welcher der Mon
starck vnd kräflftig wircke auff das Erdtreich /
als jetzundt die Feuchtigkeyt / jetzundt mit
Truckenheyt / Kält vnd Wärme / jetzundt
temperirtem Lufft vnd Wetter / nicht zu nassz /
nicht zu trucken. Als wann ein new Liecht /
das Voll / oder ein Quartier / in einer feuchten
Mansion dess Mons erscheine / In eim feuchten
weiblichen Zeychen / Sol man achten / vnd
sagen / dass zur selbigen zeit folgen werde /
feucht / nassz Wetter / nach Art vnd Natur dess
Zeychens. So du dann funden hast die warhaff-
tige Mansion dess Mons / so besihe denn / was
Natur vnd Eygenschafft die habe / was dir in
deinen Geschäften zu thun vnd zu lassen sey.
Die erste Mansion ist temperiert. In der
Mansion ist gut wandern / Artzney nemmen /
neuwe Kleyder anthun / dinge nicht Knecht
oder Mägde.
Die ander ist trucken. In der Mansion wander
nicht zu Wasser / kauff zame Thier usw.
b) Sonnentexte.
Außer dem ständig tradierten Text der
Bauempraktik „von der Sonne (in den)
12 Zeichen“, der Witterungsprognosen
enthält, kennt das große Planetenbuch
eine Liste, in der nach der Stellung der
Sonne in den Tierkreisbildern Vorschriften
meist medizinischen Inhalts zu den ein¬
zelnen Monaten gegeben sind, z. B.: 93 )
Im Jenner werden die Tage länger, die Sonne
erhöht. Man soll nüchtern einen guten Trunk
Wermuthwein tun, nicht Aderlässen, es sey
denn Noth, so lass man an der Leber Ader,
saure Tränke soll man nicht nehmen, mittel
Speiss soll man essen, die weder kalt noch warm,
selten baden, Ingwer, Poley, Isopp, Fenchel
mit Wein temperiert solt du gemessen, es reinigt
die Brust usw.
Hornung. So die Sonne in die Fische kommt,
mehret sich die Feuchtigkeit ... Man soll, wenn
es Noth ist, auff der Hand und Daumen Ader¬
lässen, .vor Meth und Bier hüte dich ....,
halt dich warm, iss nicht zu viel, trinck über
Odermännig.
c) Planetenlisten.
a) Die Planetenstunden.
In den vulgären astrologischen Werken
sind die pl. orientierten Prognosen am
häufigsten. Meist erscheinen freilich
keine geschlossenen Hebdomadenlisten;
vielmehr hat man unter die in diesen
Handbüchern enthaltenen Kapitel, in
denen das Wesen der Pl. ausführlich ge¬
schildert wird und die den gelehrten
astrologischen Werken entnommen sind,
die für die Praxis der Allgemeinheit viel
wichtigeren Pl.stundenlisten aufgeteilt.
Ein Beispiel 94 ) (vgl. o. Sp. 54):
In den Stunden Satumi ist gut schwere Dinge
kauffen und verkauften, als Eysen, Bley, allerley
Metall und schwer Ertzt, schwere Steine,
schwärtz Gewand, gut Garten bauen, Weyer
graben, Ertzt graben und was in der Erden zu
handeln, ist gut seine Feind mit List bekriegen,
graue Tier reiten, Esel, Ross und Maulesel, gut
59
Planeten
6o
allerlei Speiss einkauffen, gut säen, pflantzen
und Ackerbauen. In der Stund Saturni ist nicht
gut Artzney nehmen, neue Kleider schneiden
noch anlegen, Haar abschneiden; gehe in kein
Schiff, reise nicht über Feld, suche keinen Feind,
mache keine Ehe, wirff oder schiess niemand,
nicht Ader lasse, nicht schröpfe, ist nicht gut
Geleit fordern noch nehmen, er geneust seyn
nicht. Wer in der Stund krank wird, lieget
lange, stirbet zuletzt. Es ist bös mit großen,
besonders geistlichen Herrn handeln, mit
Fischern, Jägern und freunden, böss anfahen
zu bauen Mauerwerk, nicht gut Gesellschaft
machen, Weiber nehmen, sie leben sonst in
Unfriede.
Es folgt jeweils die Schilderung des
Planetenkindes; diese Listen sind im ge¬
nannten Planetenbuch ebenfalls auf¬
geteilt. Auch hier erscheinen die Angaben
erheblich erweitert; überall kann man
den Einfluß und die Durchforschung ge¬
lehrter astrologischer Bücher (Ptole-
maios, vor allem die Araber) wahmeh-
men; man vergleiche nur unsere Listen
in den vorigen Abschnitten. Wir zi¬
tieren die Fortsetzung der angezogenen
Stelle:
Ein Kind geboren in Saturnus Stund, wird
ein träger und schwermütiger Mensch, mit
einem dünnen Bart, bleicher, gelber Färb, dick,
hart, schwartz Haupthaar, ist hochmütig, fähet
viel an, sieht nichts aus, will über andere Leute
sein, wird selten reich, wohnet gern bey Wasser,
ist von Natur diebisch, Räuberisch, Neidisch
und hässig, er sticht gern, Unglückhaftigkeit
in allen Sachen, hat viel unreiner Hitz, wird
schnell krank, zürnet nicht leichlich, hält lange
Zorn, ist seines Guts nicht Herr, Lügenhaftig,
hat tiefe mörderische Augen, ist ungern bei
vielen Leuten, trägt gern schwartz, grauet bald,
ist kein Frauenmann, redet gern mit ihm
( = sich) selbst, ist wohl beredt, siehet gern
unter sich.
Die folgenden Abschnitte zu zitieren,
erübrigt sich, weil die in Abschnitt C
folgenden Listen das Material, das hier ver¬
arbeitet worden ist, vollständig enthalten.
Aber auch die eben zitierte Liste selbst
ist Nachdruck einer bereits in der Astro-
nomia Teutsch von 1592 vorliegenden
Liste; weiter zurück vermochte ich sie
noch nicht zu verfolgen. Doch hat hier
fast jeder Satz seine Vorläufer bereits in
ähnlichen Sammelkapiteln, die in Hss.
vor allem des 15. Jh. enthalten sind.
Ein Fall genauer Tradierung einer
ma.en Liste bis ins 18. Jh. sei erwähnt.
Für ein solches lateinisch abgefaßtes
Kapitel einer alchemistischen Hs. in St.
Gallen (1465 geschr.) konnte ich kürzlich
weitere Verbreitung in süddeutschen Hss.
feststellen und mit einer oberdeutschen
Übersetzung in einer Hs. in Tübingen
(1404) einerseits bis ins 14. Jh. zurück¬
verfolgen 95 ); andererseits fand ich es in
einem anderen, 1769 gedruckten Pl.-büch-
lein wieder 96 ). Man gewahrt auch hier über¬
all starke Einwirkung der gelehrten Astro¬
logie auf die antik-mittelalterlichen Texte
der Laienastrologie. Dem letzterwähnten
Kapitel liegen die arabischen Übersetzun¬
gen des Abu ma'Sar und ‘Ali ibn abi ’r-ri-
gäl deutlich erkennbar zugrunde, ob direkt
oder durch Vermittlung etwa des Abraham
ibn Esra, bleibt noch zu untersuchen.
Die arabischen Kapitel ihrerseits stellen
nur Variationen der entsprechenden Ka¬
pitel des Ptolemaios, Valens und Rheto-
rios dar (s. Teil C). Nach dem Bekannt¬
werden dieser Dinge in der Renaissance
ergänzt man dann auch aus ihnen, was
mir am deutlichsten in dem Pl.büchlein
von 1769 erschien. So erklärt es sich
leicht, warum man in den nachrenaissancis-
tischen Handbüchern bei Texten der
Laienastrologie die Materialien der höhe¬
ren Astrologie eingearbeitet findet, deren
Orakelgebung ein logisches Prinzip zu¬
grunde hegt, was man von einem guten
Teil der Orakel der eigentlichen Laien¬
astrologie nicht eben sagen kann.
ß) Die Tag- und Nachtstunden
der PI.
Die pl. Laienastrologie der Antike wirkt
ferner nach in den Listen, die die Tag- und
Nachtstunden der Pl. nennen. Das Prin¬
zip der Aufteilung ist das antike, das wir
schon in der Liste des Antiochos kennen
lernten 97 ). Eine geschickte Tabelle läßt
sofort die Stunden finden, und ,,welcher
Planet regieret, darnach der Mensch in
allen anfahenden Werken sich zu richten
hab“.
Ich teile die Tabelle nach der Astro-
nomia Teutsch von 1592 mit:
Planeten
62
6l
10
11
12
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
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I—XII Nacht-
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c*
0)
0Q
Y) Planeten als Jahresregenten.
Endlich sind bis heute die Weissagungs¬
bücher nichts Unbekanntes geblieben, die
nach dem Jahresregenten die Witterung
des Jahres Voraussagen (auch in Kom¬
bination mit den Mondphasen). Mir liegt
eine solche ,,genaue Wetterbeobachtung
nach der Regierung der sieben Haupt¬
planeten 4 ‘ vor, die für den Horizont von
Augsburg ausgearbeitet in Augsburg 1780
erschienen ist 98 ). Das 370(!) Seiten
starke Buch enthält genaue Ausführungen
nach den Witterungsbeobachtungen der
Jahre 1775—1781. Es ist wie jene neu¬
griechische Liste (Sp. 47*) getragen von
der Anschauung, daß je nach dem pl.
Jahresregenten die folgenden Jahre ähn¬
lich ausfallen werden;,,sollte die Änderung
des Wetters“, heißt es in der Vorrede,
p ,nicht fast allzeit auf den Tag inskünftige
zutreffen“, dann solle man auf die Mond¬
wechsel, die sich bekanntlich verschöben,
außerdem achten, „und sodann wird alles
ziemlich wohl ausf allen“. Im übrigen
aber sei das Büchlein „durch bishero
ohnverdrossene Beobachtung“, abgefaßt,
um „denen Liebhabern eines freund liehen
Wetters so viel anzuzeigen: wenn solche
sich auf ein solches getrosten, und wie
lang sie sich desselben bedienen können.
Und dieses beliebe sowohl zur Winterszeit,
zu einer Reise oder Schlittenfahrt, als
auch Sommerszeit zur vorhabenden Reise
oder Recreation zu gebrauchen“. Frucht¬
barkeitsorakel werden abgelehnt, weil
sie jeder selbst aus der Trockenheit oder
Nässe der Monate ableiten könne. Le¬
diglich eine kurze Rekapitulation politi¬
scher Ereignisse ist zu jedem Jahres¬
regenten eingereicht. Ein Stück zum
Mars, dessen Regentschaft am 21. März
1778 begann (nach uralter Astrologen¬
sitte beginnt das Jahr am 21. März),
sei zitiert, um den Charakter dieses
Buches deutlich zu machen:
Mars. 3. Welcher ein heller, wie auch ein
feuerbrennender Stern ist, auch seinen Lauf
alle zwei Jahre endet. Seine Natur ist sehr
hitzig.ein böser Anstifter des Kriegs,
wie dann in diesem 78. Jahr nicht nur allein
in Europa, sondern auch in Amerika sehr blutige
Auftritte sich ereigneten . Wird in
diesem Säculo noch folgende Jahr sein Re¬
giment haben, als im Jahre 1785, 1792 und 1799.
Mit seiner Witterung hat er sich verhalten wie
folgt.
Der 22. März brach an trüb, mit unfreund¬
lichem, kaltem Wind, welcher nach und nach
ein wenig gelinder wurde. Gegen 9 Uhr kam
die Sonne ganz unkräftig. Der 23. brach
erträglich an mit baldiger Sonne, allein nach
7 Uhr wurde der Wind heftiger und unfreund¬
licher, welcher jedoch wider alles Verhoffen die
viele Regenwolken zerteilet .der Abend
wurde trüb und um 8 Uhr Nachts fing es an
zu regnen. Nach Mitternacht da und dort was
von Sternen. Der 24. hingegen brach frei an
usw. usw.
Es ist schwer, den heutigen Stand des
Glaubens zu übersehen — vorhanden ist
er sicher. Die Kalender mit den Schil¬
derungen der Planetenbücher sind noch
immer verbreitet"), auch Listen mit
guten und bösen Tagen und pl.en Stun¬
den 10 °) sollen zuweilen immer noch Grund¬
lage der Entscheidungen abgeben.
Lunare werden in der volkskundlichen
Literatur mehrfach in Beziehung zu
menschlicher Tätigkeit, wie Aderlässen,
Feldbestellung u. a. erwähnt 101 ). Die
primitive Idee von der guten Wirkung
des zunehmenden, der hemmenden Wir¬
kung des abnehmenden Mondes (s. Art.
Mond Sp. 486) läßt vor allem die Land¬
bevölkerung an den gelehrteren Lunaren
03
Planeten
64
der Laienastrologie festhalten. Sonst ist
aus planetarischen Listen vor allem
die Tatsache bekannt, daß jedes Jahr
von einem PI. regiert wird: „Der Mond“
z. B. heißt es, „liebt das Wasser; das Jahr,
das er regiert, ist ein Regenjahr“ 102 ).
Die gedruckten Kalender sorgen dafür,
daß diese Ansichten nicht aussterben 103 ).
Auch die Lehre von den Mondstationen
scheint noch nicht verschwunden; und
wie viel Jahrmärkte und Messen unserer
Tage kennen nicht den ‘Astrologen’,
der aus dem Tagesregenten des Geburts¬
tages einem nach einer der erwähnten
PI. Kinderlisten das eigene Wesen und
Geschick weissagt!
3 ) Allgemein: Boll-Gundel Sternglaube 4
185Ö. 4 ) Boll-Bezold Reflexe astrol. Keil¬
inschriften bei griechischen Schriftstellern (=
Sitzungsb. Heid. Akad. d. Wiss. 1911, phil.-hist.
Kl. 7) 5 ff. 5) CCA VIII 4, 105, 4 f. 256,30.
6 ) r^epat TrecptuTia^evai CCA III 40, 22. 7 ) r^spat
accumsTot ebda. 8 ) CCA III 40; V 3, 128. 9 ) CCA
IV 142; VII 101. 10 ) CCA III 40; X 136. n) Vgl.
Lyd. de ost. c. 16a (nach Wachsm.) Ende in
der Fassung der Escorialhs., s. CCA XI 1, 148.
9. Dazu Boll-Bezold Reflexe usw. (s. A. 3)
5f-; Kroll in PW. s. v. Melampus Sp. 404 u. die
Ausführungen vonCumont CCA IV 110 Anm.
u. CCA VIII 4, 102. 12) CCA vm 4 IO - ß
13) CCA VIII 4, 105. 14 ) CCA V 3, 95. 19ff.
15 ) CCA XI 1, 164, 20ff. (15. Jh.), vgl. VII 132ff.
16 ) CCA XI 1, 155, 5ff. 1 7 ) Darüber vgl. Mond
i®) Ein solches Lunar in Versen hinterließ der
astrologische Dichter Maximus (ed. A. Ludwich,
Teubner). 19 ) Über ihn Kroll PW. Suppl. III
s.v.; V. Stegemann Astrologie und Universal¬
geschichte (Stoicheia IX) uff.; die Lebenszeit
bestimmte P. Boudreaux CCA VIII 4, 233^.
20 ) Dies Kapitel sowie das Nachleben des Doro-
theos bei den Arabern und im MA. habe ich
untersucht in Beiträge zur Gesch. der Astro¬
logie I. Der griechische Astrologe Dorotheos
v. Sidon und der arabische Astrologe Abu
’l-Hasan ‘ Ali ihn abi ’r-rigäl (1935). — Abdruck
des griechischen Textes (ed. Kroll) CCA VI 112 f.
21 ) z. B. CCA V 1, 240; I 29. 154 usw. Fast jeder
Band des Catalogus enthält solche Paraphrasen,
die einzelnen Stücke z. T. in mehreren Hss.
22 ) Ediert v. A. Ludwich in Maximi et Ammonis
. .. reliquiae (Teubner) p. 79 ff. 23) CCA XI 1,
166, 4 ff. 24) Ebda l6y> l£f 25) CCA y m lf 2QO
28 ) Darüber vgl. Bouche-Leclerq L’Astro-
logie Grecque (Paris 1899) 245—247. 27 ) Dieses
ist an sich günstig; aber Saturn ist ein böser
Planet. 28 ) CCA VIII 1, 209, 7 ff. 28 ) Fr. Cumont
Antiochus d'Ath&nes et Porphyre in L’Annuaire
de l'Institut de Philologie et d’Histoire orientales
f- II (1933—34); Melanges Bidez 135h. 144.
30 ) Nach der Übersetzung von W. G u n d e 1 in Stern¬
glaube, Sternreligion und Sternorakel 68 f. Text CCA
IV 155» 1 ff- 31 ) s. Art. Horoskopie Sp. 352. 354.
32 ) CCA VII 135,1 ff.; vgl. H e p h. ed. Engelbrecht
I 21 p. 84, 26ff. 33) ygi Laur. Lydus ed.
Wachsm. 570. ioiff.io7ff. 34) Tagesgott 6
Stundengott 6 oie tuov. 33) Vgl. CCA VII 113, 27
aus Heliodor. Ferner Boll in PW. s. v. Hebdo¬
mas Sp. 2556. 36) s A 33^ 37) CCA j 99 38)
luven. 6, 569h. 576—581; eine solche Liste
CCA VII 88ff. 39) CCA VII II4f l8 40j Dazu
vgl. die babylonische Anschauung über Samas:
Erleuchter der Dunkelheit, Erheller des Him¬
mels, / Vernichter der Bösen droben und
drunten. (A. Ungnad Die Religion der Baby¬
lonier und Assyrer 185.) S-u.Sp.171f. Dazu
Fr. Dölger Die Sonne der Gerechtigkeit u. der
Schwarze 86ff. 41 ) CCA VIII 2, 144. 42 ) CCA VII 92,
2ff. 43 ) CCA X i 5 6ff. 44 ) CCA II 144ff. Dazu
Boll bei PW. s. v. Dodekaeteris und meine Be¬
merkung in Astrologie u. Universalgeschichte
166, 1 und 201. 45 ) CCA VII 126. 46 ) Vgl. auch
CCA X I5if. 47 ) CCA X 153. 48 ) Bilfinger Das
german. Julfest (Programm Stuttgart 1906)
40 ff. Vgl. auch Art. Bauernpraktik A. 4 ff.
49 ) CCA V 2, 135. 50 ) Ps. 90, 4; R. Reitzenstein
Poimandres 270 A. 3 behandelt die Sache zu
summarisch. 51 ) s. meine Astrologie u. Universal¬
geschichte 200ff. 52 ) Gegen Bouche-Leclerq
L’astrologie Grecque 498 sqq. u. 187,1; s. die
Bemerkung von Fr. Cumont CCA IV 114 o.
53 ) Vgl. o. A. 4. 64 ) Ebda 42f. 55 ) Ebda 5. 5 «>
Ebda 8 ff. 67 ) Vgl. die Liste mit den PI.stunden
bei Abu ’l-Hasan Ali ibn abi-'r-rigäl (Albohacen)
‘Liber magnus... de iudiciis astrorum' (Venedig
1485) Teil VII cap. 100. Anfang: He sunt signi-
ficationes accepte de libro abable9 filii 9aed
(wer das ist, weiß ich nicht) et de libro al-
bumasar (Abu Ma‘§ar) qui nominatus est über
naturarum. Ferner Bethem de horis planetarum
in der FirmicusMaternus-Ausgabe von Pruckner
(Basel 1533) 110 ff. 58 ) Eine zuverlässige
Übersetzung gibt es nicht; immerhin kann man
nach den Drucken von 1485 (in Venedig) und
1501 (in Basel) zitieren, da sie dem arabischen
Original (beste Hs. trotz der Lücken ms. Ad¬
ditional 23, 399 des British Museum) am nächsten
kommen. Der Druck von 1571 ist gänzlich
unbrauchbar. Darüber vgl. meine oben A. 20
zitierte Schrift. 59 ) Die arabischen Namen
der Mondstationen in Ginzeis Aufsatz über
Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier
u. ihre kulturhistorische Bedeutung Klio 1 (1901).
Die lateinischen Texte des MA. haben die Namen
sehr entstellt. Dies zeigt die übersichtliche
Tabelle bei R. Vian Ein Mondwahrsagebuch
(Halle 1910) 68 f. Die Namen sind an sich
arabische Bezeichnungen von Sternen in den
Tierkreisbildern. 60 ) Das Material über ihn s. Art.
Nativität A. 3. «) Aufgezählt bei E. Zinner
Verz. d. astron. Hss. des deutschen Kulturgebiets
München 1925 Nr. 2243—2258. 62 ) s. Fr. Saxl
Verzeichnis astrol. u. mythol. Hss. des lat. Mittel¬
alters II (= Sitzungsber. d. Heid. Ak. d. Wiss.
1925/26. Phil.-hist. Kl. 2) 4 9ff.; R. Vian Ein
Mondwahr sagebuch 66. ® 3 ) Vgl. Fr. Boll u.
C. Bezold Sternglaube u. Sterndeutung 1 32f.
Planeten
66
‘■m'h
%
/i?;
•1
.« 1
V
es
*) Fr. Cumont Asirologica in Revue archeolo-
gique V. ser. tcm. 3 (1916), 16—22. 66 ) Die
(teilen hei W. Gundel in Boll-Bezold Stern-
f taube u. Sterndeutung* 1830. 66 ) Cod. Vat. lat.
AIOl fol. 26r—28r bei Saxl Verzeichnis 1, 84.
•f) Zinner a. a. O. (s. A. 61) Nr. 8o6off.
*j W. Gundel bei Boll-Bezold Sternglaube
B»W. 4 187. 69 ) S. a. A. Hauber Pl.kinderbilder
I put Sternbilder (= Stud. z. deutschen Kunst¬
geschichte 194) 2 4 6ff. 70 ) Vgl. ThomasNaogeor-
fUB Regnum papisticum (i553) P-*3 I: Haud
Yenam incidunt nec eunt ad balnera lotum /
#ec demunt ungues resecant nec forpice crines /
Non etiam ablactant pueros, nec stercore terram /
leetificant, sua nec medicinis corpora sanant /
Necquidquamfaciunt aliud, nisi sedulolunam/
Observant .cursusque astrorum,ortusque obitus-
S ue, nachMeyer Aberglaube 22 (vgl. 21). 71 ) s. A.
I. 72 ) M. Förster in ArSpLit. 120 (1908), 299.
*) R. Vian Ein Mondwahr sagebuch (Halle 1910).
I 4 ) Fr. Saxl Verzeichnis II. 75 ) Am 4 °35 I fol.
83t—88, deren Anfang wir unter Sp. 56 zitieren;
Am 4*361 fol. 24°—26° ( = Zinner Verzeichnis
Nr. 8211 und 8216). 76 ) Fr. Saxl Verzeichnis I.
W) Unediert. 78 ) ArSpLit. pass. (s. die folg.
Anm.). 79 ) a.a.O. 110 (1903) 354 f -I 128 (*9i*).
896 und sonst. 80 ) a. a. O. 120 (1908), 45!. 52.
•*) a. a. O. 121 (1908), 3off. ® 2 ) a. a. O. 128
(1912), 285. 83 ) a. a. O. 128 (1912), 292. 84 ) a. a.
0. 129 (1912), i6ff. 85 ) Von mir wurden probe¬
weise die Leopold-Sophien Bibliothek in Über¬
lingen und die Stadtbibliothek ‘Vadiana’ in
St. Gallen daraufhin durchgemustert. 86 ) Titel:
Das gross Planetenbuch sampt der Geomanci,
Physiognomi, und Chiromanci / allezs auss
Platone, Ptolemaeo, Hali, Albumasar und Ioanne
Kunigsperger aufs kürzest gezogen usw. Hand-
fchriftlich anscheinend zuerst in München Astr.P.
4 ° 337 vom Jahr 1554. 87 ) Erschienen bei Johann
Herbordt Klossen in Leipzig, benutzt wurde
das Exemplar der Stadtbibliothek zu Überlingen
(Signatur Hb 194). — Ferner ist mir von diesem
Werk bekannt der Druck von 1599 bei Josias
Richelen in Straßburg (benutzt wurde das
Exemplar der Stadtbibliothek zu Überlingen
Mb 193)- 88 ) Asironomia Deutsch. Himmels
Lauff, Wirckung j vnd Natürliche Influentz der
Planeten, vnd Gestirn usw. Getruckt zu Franck-
fort / bey Martin Lechler . . . Anno 1592. fol. 67
(Exemplar der Stadtbibi, in Überlingen Mb 12).
•*) Zur Zuweisung der ‘facies’ zu den PI. vgl. die
Ausführungen bei Abu ’l-Hasan Ali ibn abi
'r-rigäl im Liber magnus Teil I cap. 3 (vgl.
A. 58). ") Unediert. 91 ) Zu den Identifizierungen
Vgl. die Listen in der Epitome totius astrologiae
des J oh. Hispalensis (s. o. Sp. 50) Buch IV
am Ende. 92 ) Weitere Listen bei R. Vian Ein
Mondwahr sagebuch (Halle 191°) 67- 93 ) Großes
Planetenbuch, Ausgabe von 1599, *95; von 1724
362. B4 ) Großes Planetenbuch, Ausgabe von 1724
19. 95 ) Beide Fassungen abgedruckt in Teil C
hinter den einzelnen Planetentabellen. — Der
Codex Monac. lat. 4394 ( I 5- Jh ) 2. B. enthält
fol. 65rff. denselben Text. Die Zusammenhänge
JC4- 'T ßvtoc r>orli rtQ miH
rückwärts werde ich demnächst in einer beson¬
deren Untersuchung erörtern. M ) Neuvermehrtes
und verbessertes Pl.büchlein usw., ohne Ort 1769
20 ff. (Exemplar der Stadtbibliothek zu Über¬
lingen, Mb 195). 97 ) Großes Planetenbuch (1724)
11 ff. 98 ) Marquard Adelkofers genaue
Wetterbeobachtung usw. Augsburg 1780. ") Be¬
kannt sind die Ausdrücke wie Sonntagskind,
Montagskind usw. s. Stemplinger Aberglaube
114f.; John Westböhmen 262. 1CC ) Bohnen¬
berger 19; Sartori Sitte u. Brauch 2, 47!.;
SchwVk. 4, 12, wonach man aber den pl. Ein¬
fluß mit dem eigenen Willen aufheben kann.
101 ) Drechsler 2, 50; Wuttke 453 § 719
(Ostpr.); And ree Braunschweig 415. 10a ) ZVfVk.
14 (1904), 275. 1C3 ) Ebd. 14 (1904), 22 4 - 1W ) Vgl.
E. Tiede Astrol. Lexikon (Leipzig) s. v.Mond¬
stationen und die Einzelartikel unter den Namen
der einzelnen Stationen. Bindeglied zwischen
diesem modernen Werk und der Liste der Astro -
nomia Deutsch von 1592 ist etwa der Abschnitt
‘Von der Ordnung der zwölf! Zeichen mit den
Sternen, sampt ihrer Würckung' im Großen
Planetenbuch (Ausgabe von 1724 S. 59 ff.).
C. Die Planeten in der höheren
Astrologie und deren Einwirkung
auf die Laienastrologie des späten
Mittelalters.
1. Kann man, wie schon betont, bei
den Orakeln der Laienastrologie im all¬
gemeinen keinerlei System erkennen, nach
dem die Aussagen zu den Stellungen der
Pl. gemacht werden, so liegt der Fall für
die höhere Astrologie, deren Aufgabe das
Horoskopieren ist (s. Horoskopie) großen¬
teils ganz anders. Denn für die wissen¬
schaftlich arbeitende Astrologie der Grie¬
chen, auf deren durch die Araber ver¬
mittelten Voraussetzungen die spätere
abendländische Astrologie fußt, war mit
Weitergabe eines etwa geoffenbarten Wis¬
sens nichts gewonnen, da dieses ihrem
Versuch einer wissenschaftlichen Bewälti¬
gung der planetarischen Kräfte und
Wirkungen im Bereich des Irdischen
widersprach. Sie versuchte naturwissen¬
schaftlich das Wesen der Gestirne zu er¬
gründen und darnach deren Kräfte in
ihrer individuellen Wirkung zu begreifen,
und zwar auf Grund der medizinischen
Theorien vom Zusammenhang der vier Ele¬
mente und ihrer Mischungen mit phy¬
sischen und psychischen Qualitäten, de¬
ren Wesen und Zusammenhang For¬
schungsgegenstand der antiken Philoso¬
phie war 105 ). Und selbst die auch bei den
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
67
Planeten
68
Griechen des Hellenismus nebenher gepflo¬
gene höhere Astrologie m i t Offenbarungs¬
charakter 106 ) ist immerhin in den Fest¬
stellungen der Kräfteeinwirkungen im
allgemeinen insofern systematisch ver¬
fahren, als die Grundlage dieser Fest¬
stellungen das mythologische Gotteswesen
abgab, dem der Pl. zubenannt war 107 )
und das man schließlich — was sehr nahe
lag — mit dem Stern gleichsetzte 108 ).
Daß diese beiden Haltungen, die in der
Ansicht der Gelehrten ursprünglich, als es
sich um ein forschendes Verhalten zu dem
Phänomen der planetarischen Einwirkung
auf die Erde handelte, sicher getrennt
waren, auf die Dauer nicht auseinander¬
gehalten werden konnten, beweist sogar
die Tetrabiblos des Ptolemaios, dessen
Denken an sich ganz naturwissenschaft¬
lich gerichtet ist. Indes ist diese Ent¬
wicklung aus dem Wissenschaftsverfall
in der Kaiserzeit infolge der spekulativen
Neigungen der damaligen Zeit sehr ver¬
ständlich. Die Offenbarungsastrologie be¬
mächtigt sich auch der naturwissenschaft¬
lich gerichteten Astrologie, bezieht sie in
das eigene Erbgut ein, ohne sich um die
Möglichkeit oder Unmöglichkeit des syste¬
matischen Zusammenhangs mehr zu küm¬
mern 109 ).
So geformt gelangte diese Weisheit zu
den Arabern; wie sie sie selbst weiter¬
bildeten, vermag man ohne eingehende
Untersuchung der Abweichungen kaum
zu sagen. Feststeht, daß sie erweiterten
und damit den Weg weitergingen, den schon
die späteren Griechen gegangen waren.
Je mehr man sich von der Antike der by¬
zantinischen Zeit nähert, umsomehr werden
die Begriffe der Interpretation zerspalten.
Bei den Arabern lag das auch darum nahe,
weil ihre Sprachbegriffe sich des öfteren
mit denen des Griechischen nicht decken.
Noch deutlicher wird dieser Grund zu
Erweiterungen bei den Rückübersetzem
des späten MA.s wahrnehmbar: Joh. Hi-
spalensis z. B., aber zuweilen auch der
griechische Übersetzer 110 ) scheinen Abu
Ma'sars Text geradezu zu interpretieren,
wenn sie ein arabisches Wort durch mehrere
lateinische bzw. griechische übertragen 111 ).
2. Was die höhere Astrologie der Grie¬
chen vor allem bei diesen Spekulationen
über die Art der Kräfteeinwirkung der Pl.
fesselte, und was somit ins abendländische
MA. weitergeleitet wurde, war zunächst die
Möglichkeit, aus den Konstellationen das
Schicksal von Reichen und Städten zu
erfahren. So formulierte man die Serien
von Begriffen, die man kurz als 'Er¬
eignisse* bezeichnen kann, seien diese nun
meteorologischer Art wie Sturm, Hagel¬
schlag, Schneefall, oder politisch-geschicht¬
licher, wie Krieg, Überfall, Gewalttätig¬
keit 112 ). So sehr indes z. B. Ptolemaios
die Wichtigkeit gerade dieses Zweiges der
Astrologie gegenüber der Individualho-
roskopie 113 ) betonte, weil das Schicksal
des Individuums nicht denkbar sei ohne
das Schicksal des Ganzen, so wenig be¬
hauptete sich dieser Gesichtspunkt her¬
nach in der Praxis; denn hier herrschte
das Interesse des Einzelnen an seinem
privaten Ergehen bei weitem vor. Es ist
solches nur zu menschlich; die Laien¬
astrologie, die wesentlich älter sein muß als
die höhere Astrologie, ist fast ausschlie߬
lich auf personales Verhalten und Er¬
gehen abgestellt. Diese Haltung wirkt
sich auch in der höheren Astrologie, durch
die Haltung der sie befragenden Menschen
und deren Gesichtskreis bezwungen, nun¬
mehr spürbar aus. Daher ergibt sich auch
für diese Astrologie ein hervorstechendes
Interesse am Individuum und seinem We¬
sen, sei es nun, daß man nach moralischen
Wertungen aufteilte, sei es, daß man nach
typischen Lebensgewohnheiten, anthro¬
pologischen und medizinischen Gesichts¬
punkten oder Berufen gliederte. Zu be¬
achten ist, daß man gliederte. Wie man
diese Abteilungen fand, indem man das
mythologische Wesen des Stemgottes
zugrunde legte oder die naturwissenschaft¬
lich ermittelten Qualitäten, soll erst im
Art. Stemdeutung beschrieben werden.
Hier ist die Beobachtung wichtig, daß die
nachptolemäische Astrologie mehr und
mehr in ihren Analysen an die Stelle der
Ereignisse die Menschen mit ihren Einzel¬
tätigkeiten, Berufsarten, moralischen Qua¬
litäten setzt, so daß der Einzelne hier für
sich Material zur Deutung seines Wesens
gewinnt.
Planeten
70
I t- Nachdem sich in der Antike die Not¬
wendigkeit der Erforschung des Einzel-
IChicksals aus den Pl. durchgesetzt hatte,
"Mißte man die Aufteilung der Men-
KfJChennatur zu den einzelnen Pl. deshalb
KpiO zielbewußt versuchen, weil nach der
Doktrin der Astrologie im allgemeinen
m fber jedem Menschen ein Hauptpl. als
mki Erzeuger seines Temperaments steht,
% 4 bm entscheidend dessen Wesen prägt.
» Dieser ist „sein Stern", und sind es
® Wahrere, so wird doch der Mensch vor-
||f Wehmlich nach dem Pl. beurteilt, der die
jjl Haupteinwirkung hat 114 ), wie auch die
i| Antike Medizin ein Temperament bei
Mt Mischung als herrschend ansieht.
T* Ei muß auffallen, daß wir in dieser Betrachtung
4 k babylonischen Auffassungen vom Wesen
W '* 4 k einzelnen Pl. bisher nicht gedacht haben,
KO doch die Übernahme babylonischer Astrologie
' dmrch die Griechen eine unbestreitbare Tatsache
W irt* Dies hat seinen Grund darin, daß für
^f\ 4ie Bildung der Planetenvorstellungen im
Abendland die babylonischen Anschauungen mit
\ einer einzigen Ausnahme ohne größere Wirkung
j Waren. Die astrologischen Wahrsagungstexte der
A? Babylonier lassen keinerlei systematische Auf-
* tiilung des Irdischen zu den einzelnen Pl. er-
p kennen. Über eine Wertung der Pl. als gut
’ Oder schlecht und über eine Zuweisung weniger
beetimmter Wirkungen gehen die babylonischen
Aitrologen nicht hinaus. Man muß sich daher
* fragen, ob überhaupt das Wesen des Gottes,
/• dom je ein Pl. zugeteilt war, bei der Auswertung
5? dar Pl.enkraft in der Schicksalsbestimmung der
i Babylonier berücksichtigt worden ist. Nur die
ijntematische Bezugsetzung zwischen den Pl.en-
* kraften und den einzelnen Erscheinungsformen
dos irdischen Daseins, die die Griechen in der
, beschriebenen Weise durchführten, wirkte sich
la der Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit
für die Weltanschauungsbildung entscheidend
aus. Andererseits ist es kaum zu bezweifeln,
r daß die Griechen, die seit dem 6. Jh. die Pl. mit
ihren Göttern gleichsetzten, bestimmte Wesens¬
auffassungen dieser Pl.-Götter vom Osten über¬
nommen haben. — Wenngleich das Wesen der
7 Götter, für die die Griechen schließlich die
7 Pl. als zugehörig in Anspruch nahmen, von dem
Wesen der babylonischen Götter, denen die
7 Pl. zu gehören, erheblich weit entfernt ist,
* SO sei doch das Wesen dieser 7 babylonischen
Götter zum Vergleich, kurz umrissen, unseren
Pl. tabeilen (s. u.) vorangestellt. Außer zum
Vergleich geschieht dies auch deshalb, weil die
bildliche Tradition der Pl. im Mittelalter an
Ofner Stelle deutlich die Nachwirkung der baby¬
lonischen Auffassungen vom Wesen der dort
den Pl. gleichgesetzten Götter erkennen läßt.
So entstand im Bereich des Grieche ntums
in Jahrhunderte langer Arbeit die Systematisie¬
rung des Daseins unter den Pl., deren Geschlossen¬
heit imponiert. Jeder Pl. hat seinen Bereich
und ist im harmonischen Zusammenklang des
Kosmos nötig, ohne eine überragende ausschlie߬
liche Stellung einzunehmen. Ein Vergleich mit
den viel totaler aufgefaßten babylonischen Pl.-
göttern zeigt deutlich die große Veränderung
in der Auffassung vom Regiment der Pl., die die
Griechen herbeiführten. Dabei ist die pytha¬
goreische Idee von der Sphärenharmonie als
dem Inbegriff der Welt zweifellos von ausschlag¬
gebender Wichtigkeit gewesen. Genauere Be¬
handlung der Entstehung dieser griechischen
Daseinssystematisierung steht noch aus. All¬
gemein vgl. Roscher Myth. Lex. s. v. Planeten;
Bouche-Leclerq L’ astrologieGrecque und Gun-
de! bei Boll-Bezold Sternglaube 4 87 —106.
3. Das späte Mittelalter und die Renais¬
sance erbten die planetarische Anthro¬
pologie der Griechen — man erlaube um
der Kürze willen dieses Wort zur Bezeich¬
nung der von der Astrologie den einzelnen
Pl. unterstellten Menschentypen in der
nach ihren moralischen Qualitäten, Be¬
rufen, Tätigkeiten usw. durchgeführten
Aufteilung; die Araber vermittelten sie: die
genannten Menschentypen nannte man Pl.-
kinder. Es ist gar keine Frage, daß der
Reichtum an menschlichen Möglichkeiten,
von dem das Mittelalter nichts wußte und
wenn, nichts wissen wollte, im 12. und 13.
Jh. zunächst für die Lehre einnahm, die
eine Stärkung des menschlichen Selbstge¬
fühls auslöste und damit grundsätzlich Vor¬
aussetzung einer neuen forschenden Hal¬
tung wurde. Vom 11. Jh. an scheint diese
Wandlung sich anzukündigen. Aber Ma-
nilius und Firmicus Maternus, die jener
Zeit einzig bekannt waren 115 ), führen
keine prinzipiellen Wesensbestimmungen
der Pl.enkinder durch; sie brachte erst
die auf der antiken Astrologie erwachsene
Astrologie der Araber, vor allem des Abu
Ma'sar berühmtes Madhal (Introductorium
in astrologiam). Teils ward dies selbst
zugänglich, teils vermittelte gerade diese
Lehre Abu Ma'sars des erwähnten Abu
T-Hasan Ali ibn abi *r-rigäls „Großes und
vollständiges Werk", das hierin weit¬
gehend auf Abu Ma'sar fußt. Auch Juden,
die die arabische Astrologie ausbeuten
und in eigenen Arbeiten weiter ausbilden,
kommen als Vermittler in Betracht, wie
der berühmte Abraham ibn Ezra, genannt
Avenares (12.—13. Jh.).
1
7i
Planeten
72
Der Einfluß dieser Werke vornehmlich
ist in den Prognostiken, Horoskopanaly¬
sen, Planetenbüchem mit dem ausgehen¬
den Mittelalter auch in Deutschland zu
spüren 116 ); daß freilich die vor allem
vom Ende des 15. und am Anfang des
16. Jh.s begegnenden Darlegungen der
allgemeinen Schicksale mit dem E infl uß
der neuentdeckten Tetrabiblos des Pto-
lemaios und deren prinzipiell anderer
Haltung zusammenhängt 117 ), kann man
nicht ohne weiteres von der Hand weisen,
die Behauptung bedarf aber der Sicherung
durch Einzelforschung.
Aus den arabischen Büchern vor¬
nehmlich stammt die nunmehr alles über¬
ragende Vorstellung vom Hauptpl. des
Menschen und der Glaube an die in ihm
eingeschlossenen Möglichkeiten. Hier
hat die diese Zeit beherrschende Idee
von den Pl.kindem, die in der Antike
niemals so folgerichtig ausgebildet war,
ihre Wurzel.
Die Idee von den Pl.kindem ist also
zweifellos die wichtigste, in der der Ein¬
fluß der höheren Astrologie vom 13. Jh.
ab sich äußert; wie die arabische und
griechische Astrologie die Menschen klassi¬
fizierte, so tat man es hernach auch unter
Angleichung an die eigenen sozialen Ver¬
hältnisse, die sich mithin hier spiegeln.
Hierin d. h. in der Fortbildung des
griech.-arab. anthropologischen Systems
liegt der Sinn einer forschenden Beschäfti¬
gung mit den Planetenkindervorstellungen
jener Zeit in Deutschland, Italien und den
anderen Ländern, die damit weit über die
Kenntnis des Systems des Horoskopierens
als des eigentlichen Gebiets der Astrologie
hinausgreift in die Ergründung allgemein
menschlicher Zustände.
4. Bei der für die Geistesgeschichte des
Abendlandes ausschlaggebenden Wichtig¬
keit dieses Vorgangs halten wir eine
genauere Kenntnis des „Systems der
planetarischen Anthropologie der Grie¬
chen“ und ihres Zustandes bei der Über¬
nahme in die abendländische Bildung für
unerläßlich. Wir haben dieses „System“
der Araber auf den folgenden Tabellen
jeweils in den Spalten 8 und 9 veranschau¬
licht und zwar haben wir, weil es sich um
„Wissen" handelt, das sich im Laufe der
Jahrhunderte entwickelnd zu der bei den
Arabern faßbaren Eigentümlichkeit formte,
dies System mit samt der Tradition dar¬
gestellt, die von den Griechen zu den
Arabern führte und deutlich die Richtung
der Rhetorios, Firmicus, Valens als Quelle
der Araber erkennen läßt. Man braucht
die deutschen Beschreibungen zu den Pl.-
kindern, die hinter jeder Pl.tabelle folgen,
nur mit dem Material dieser Tabellen zu
vergleichen, um den skizzierten Ent¬
wicklungsgang bestätigt zu finden.
Es sei bemerkt, daß die 4 Gruppen, auf
die die 9 Spalten jeweils durch einen
dickeren Strich geschieden sind, 4 Ent¬
wicklungsstufen veranschaulichen: 1) die
Gruppe 1 (Antiochos und Dorotheos)
kennt nur ganz allgemeine planetarische
Wirkungen; 2) Gruppe 2 (Ptolemaios und
Julianos) enthält die für uns faßbaren Ver¬
treter der wissenschaftlich eingestellten
Astrologie; 3) Gruppe3 (Valens, Firmicus,
Rhetorios) ist Vertreterin der spezialisier¬
ten aus mythologischer und wissenschaft¬
licher Interpretation vermengten Astrolo¬
gie der Kaiserzeit; 4) Gruppe 4 umfaßt
die vor allem diese Richtung be¬
erbenden Araber. Damit wird auch
klar, weshalb die Tetrabiblos des Ptole¬
maios später neben den Arabern Geltung
errang; sie wich erheblich ihrem Wesen
nach von den andern Gruppen in der
Richtung auf das Wissenschaftliche ab
und vermochte so neben den Arabern
ihre Selbständigkeit darzutun, als in der
Renaissance die Notwendigkeit der eigenen
Forschung erkannt war. Denn die Re¬
naissance selbst war von der Idee der
Autorität nicht in jeder Hinsicht mehr
überzeugt; hinzukam aber, daß Ptolemaios
die Spekulation wirklich in eine andere
Richtung wies 118 ).
Den einzelnen Pl.tabellen voran geht
eine summarische Beschreibung des baby¬
lonischen Pl.gottes, der dem griechischen
Gott zugrunde hegt.
Die an die Tabellen angeschlossenen
Texte aus deutschen Hss. des 15. Jh.
glaubte ich nicht auf teilen zu dürfen, da
sie eben das älteste zu kommentierende
deutsche Material dieses Pl.-glaubens ent-
i
Planeten
74
tten. Die Durchforschung der Excerpte
t noch kaum begonnen; immerhin dürfte
I den beiden, einer St. Galler, Tü-
Iger und Wiener Hs. entnommenen
rsionen solcher Schilderung der Pl.-
ider und pl.n Wesens Etliches zu
nen sein. Derartige Kompilationen er-
lien die weiteste Verbreitung und ziehen
b, wie wir sahen (Sp. 59f.), bis in die
kuckten Bücher des späten 18. Jh.
tein; vielleicht auch noch weiter —,
ht anders als die Texte der Laien-
dogie, in denen sie schließlich auf-
;n.
In den Verbindungen mehrerer PI.
Ineinander durch Aspekte oder in der
Verbindung eines PI. mit einem Ort des
loroskops berücksichtigt die höhereAstro-
Igie die vermischten Qualitäten der
■L. die dadurch die Güte eines ver-
mehrerer PI.
itündeten Ereignisses fördernd oder hem-
tnend beeinflussen. Dieses Stück der
[^Astrologie ist nur im
und kaum wirkt
^Worden : es hat rein t<
k itond ist demzufolge s. v. Horoskopie be
t handelt (Sp. 362«.) 119 ). Nur die Ver
ubindung eines PI. mit einem Tierkreisbilc
ij
F wird gelegentlich in einer Regel des
• Wetterglaubens erwähnt. Da in diesen
Fällen das Zodiakalbild Grundlage der
Weissagung ist, haben wir solche Weis¬
sagungen unter 'Sternbilder I’ behan-
f delt uo ).
j[. *«) Näheres darüber s. v. Sterndeutung.
L **) Die sog. Astromantik des Nechepso-Petosiris.
* Über die Ofienbarung an König Nechepso vgl.
* Horoskopie Sp. 352. 107 ) s. Horoskopie 363; Fr.
1. Cumont Antiochos d’Athönes et Porphyre
' < 8 . A. 29) glaubt, daß die Bezeichnung ‘Stern
' des Kronos’ usw. nicht über das 1. kaiserzeitliche
Jahrhundert hinausreicht. Im übrigen Boll-
Bezold Sternglaube 4 47h 108 ) Vgl. die Satum-
tabelle in Panofsky-Saxl Dürers Melencolia 1
(Warburgstudien Bd. 2) 82ff. 109 ) Man sehe
in unsem Tabellen, wie z. B. Rhetorios (6. Jh. n.
Chr.) Valens und Ptolemaios exzerpiert. 101 ) CCA
XI1, 178 ff. U1 ) Man vergleiche die Texte, wie
sie für Saturn Panofsky-Saxl a. a. O. bieten.
Das Bild wiederholt sich für alle folgenden
Pl.beschreibungen des Abu Ma‘sar. Doch ist
Vorsicht im Urteil zunächst noch geboten, weil
möglicherweise eine uns unbekannte Text¬
fassung des Abu Ma‘sar existierte, über die uns
bekannte vgl. Boll-Dyroff in Fr. Boll Sphaera
482ff. na ) Das Prinzip ist babylonisch, s. Horos-
. X i
kopie 344ff. 113 ) s. Horoskopie 354. 114 ) Die
medizinische Lehre von den Temperamenten
bei Galen, de temperam. I 1 liest man,
daß die Bezeichnung tfojpprfv, tkj^pov, £r]pdv
u. uypov nur eine allgemeine sei, die auf den
Menschen nach dem überwiegenden Element
der wirklich vorhandenen Mischung angewandt
wird. Beleg für die ähnliche Anschauung in
der Astrologie des deutschen MA.s aus Cod. Pal.
Germ. 226 (Heidelberg) f. 25r bei Hauber
PI. hinderbilder usw. S. XI. llß ) L. Thorn-
dike A history of Magic and experimental
Science 1 , 689 f. 118 ) Vgl. die auf den arabischen
Beschreibungen der Pl.wirkungen erwachsenen
Beschreibungen in der Epitome iotius astrologiae
des Joh. Hispalensis (Isagoge cap. XIII ff.).
Aber auch eine Analyse des Pl.textes der alche-
mistischen Hs. der Vadiana in St. Gallen Nr. 429
(s. die Tabellen) zeigt dies deutlich. Eine Zu¬
sammenstellung mehrerer zufällig gefundener
Zitate von arabischen Astrologen im MA. und
der Renaissance gab ich in meinem Aufsatz
Beitr. z.Gesch.d. Astrol.I. Der griechische Astro¬
loge Dorotheos v. Sidon und der arabische Astro¬
loge Abu 'l-Hasan Ali ibn abi ’r-rigal S. 38 A. 2.
117 ) s. ebd. S. 40 Anm. 1. Charakteristisch ist in
diesem Sinne, so unbewiesen die Behauptungen
oft sind, doch das Werk des Cardanus de
septem erraticis stellis (= Opera ed. Sponius,
Lugduni 1663 tom. V p. 3690.). 118 ) s. ebd.
lie ) Vgl. CCA II 160 ff. 12C ) Folgende Materialien
liegen den Tabellen zugrunde: Babylonische
Vorstellungen sind entwickelt nach den Götter¬
beschreibungen bei Chantepie de la Saus-
saye Lehrbuch d. Religionsgeschichte 1, 562f.
(Satum-Ninurta). 559 ^- (Jupiter-Marduk). 565!.
(Mars-Nergal). 549 ff. (Sonne- 5 ama§). 553 (Ve-
nus-Istar). 563!. (Merkur-Nebo). 546 ff. (Mond-
Sin). Dazu die Texte bei A. U n g n a d Die Religion
der Babylonier undAssyrer 165ff. — Antiochos:
CCA VIII3, inf. XI 2, 109 ff.; Dorotheos nach
al-Qabi§i (Alcabitius) Introductorium (übers.
v. Joh. Hispalensis, gedruckt 1481 Venedig)
10a; Ptolemaios: ed. Melanchthon i7f.
83—88. 142ff. 1480. 157—168; Julian CCA I
i34ff.; Valens CCA II 88ff.; Firmicus Math.
IV 19, 5ff.; Rhetorios CCA VII 2140.; Abu
Ma‘§ar wurde von mir z. T. (Kapitel über
Jupiter bis Mond) übersetzt nach Ms. Leiden Or.
47 Gol. Der Text (Teil IX, Abschn. VII) steht
S. 255—261; das Saturnkapitel trug ich ein nach
der Übersetzung von Schaade bei Panofsky-
Saxl Dürers Melencolia 1, 4f. Der Text des
Abu ’l-Hasan Liber magnus Teil I cap. 4,
ist zitiert nach der lateinischen Übersetzung des
Aegidius de Tebaldis und Petrus Reginus
(Venedig 1485) aus dem Altkastilischen (s. o.
A. 58). Die Pl.beschreibungen des Abu ’l-Hasan
zitiert in der altkastilischen Fassung aus Hs.
3065 in der Bibliotheca Nacional zu
Madrid: Manuel Rico y Sinobas Libros
Alfonsies del saber (Madrid 1867) Bd. V 1, 289
(Saturn). 283 (Jupiter). 277 (Mars). 166, Ai
(Sonne). 269 (Venus). 263 (Merkur). 175 A. 1
(Mond). — Zur der Hs. Biblioth. Vadiana (St.
-I
75
Planeten
76
Gallen) 429 vgl. den Katalog. Die Beschreibung
der Tübinger Hs. bei A. Hauber Pl.kinder-
bilder usw. 3ff.; die Stellen 22ff. Die Wiener Hs.
beschreibt Saxl Verzeichnis II, 1170. —
Weitere Ausführungen zur pl. Daseinssystema¬
tisierung können hier nicht gegeben werden.
Es gibt ja schlechterdings nichts, was nicht den
Pl. unterstellt gewesen wäre. Dafür sind Zeugnis
die aus einer athenischen Hs. ans Licht gezogenen
Texte in CCA X 76 ff. Ein sehr übersichtlicher
und ausführlicher Text, der von dem auf den
Tabellen verzeichneten Schema sehr weit ab-
Ninurta ist eine merkwürdig komplexe
Erscheinung. Der Gott wird gepriesen (a) als
Kriegsgott. Er ist der König der Waffen (ein
Hymnus nennt ihrer 22!). Daneben erscheint er
Planet Satumus
1. Babylonische
(b) als Flurengott, der den Ackerbau schützt und
Feld und Kanal gedeihen läßt; man erblickt in ihm
den König der Pflanzenwelt. Dieser vegetations¬
beherrschende Charakter hängt mit seinem Cha-
2. Griechisch-arabische
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
4
Iulianos
5
Valens
I. Physikalische
herrscht über
Nässe und Kälte
größere Macht im
Kühlen und im
ganz geringfügi¬
gen Dörren
sehr naß und sehr
kalt
herb
windig
ganz geringes
Licht
Farbe wie Biber
geil
eisartig
Ursache der auf
Kälte beruhen -
den Vernichtung,
im besonderen
von
II. Allgemeine Wirkungen:
(langwierige
Dinge)
langen Krank¬
heiten
a) Krankheiten:
Belästigungen
durch Wasser
Wassersüchtige
rheumatische
Krankheiten
Podagra
Schwindsucht
Nervenschmerzen
viertägige Fieber
Planeten
78
177
I weicht, ist CCA VII 96ff. abgedruckt. Eine
E tolche Liste aus dem 18. Jh. im Neu-vermehrten
I und verbesserten Pl.büchlein von 1769 (ohne
[ Ort) Kap. 4—10. Die Moderne kennt sie ähnlich:
I* vgl. Karl Brandler-Pracht Kleines astrol.
Lehrbuch (= Astrol. Bibi. I) 18 ff. — Über die
Lebensalter und die Pl. s. die große Abhand¬
lung von Fr. Boll Die Lebensalter (Lpz. 1913),
über Pl. und Kometen vgl. Art. Kometen
Sp. 106 f. und Boll Antike Beobachtungen
farbiger Sterne (= Abh. d. Bayer. Ak. d. Wiss.
XXX 1) 26 f.
Th
i
(Kronos, -ft )
Auffassung.
nkter (c) als Unterweltsgott sicher zusammen.
Seinem Wesen nach wird er im Gegensatz zu Ner-
& als gütig, barmherzig und Leben schenkend,
als Heilgott und vergebender Gott besungen.
Tradition:
Vielleicht hängt seine Ackerbau fördernde Macht
mit seinem Wesen als (d) Wettergott zusammen:
er ist, nach einigen Angaben zu schließen, auch
der Wolkensturm und reitet auf Sturmfluten.
6
Firmicus
Rhetorios
Abu ma’sar
Ali ibn-abi T-rigal
Beschaffenheit:
der Melancholie ver¬
gleichbar, die er von
allen Säften beherrscht
hat kein Licht zum
Leuchten um sich
1. auf die Menschheit
1. Wesen derselben
— lange Krankheiten
langdauerndes Mi߬
geschick mit langem
Brauchen von Arzneien
Wassersüchtige —
an Podagra leidende Fußgicht
— Handgicht
— Nervenleiden
(verändert das Leben
des Neugeborenen; we¬
nig Krankheiten, die es
nicht schlecht erträgt)
Lungen süchtige
I
79
Planeten
80
Planeten
82
I
2
3
4
5
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
Iulianos
Valens
--
t.; .»
i,
V- ;
' {
1
• V*
*
6
1
7
8
9
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'sar
Ali ibn-abi 'r-rigal
ich)echter Saft
--
—
Leute, die im Innern
tt&ndig starker Schmerz
quält
—
2. Einzelne
Krankheiten
(Leute mit:)
kaltem Magen
Leiden, die in
Kälte und Nässe
bestehen
*
1
kalter Magen
Leiden, die in Kälte und! —
Nässe bestehen 1
(Erkältungen) 1 —
--
—
viel Schleim
—
--
i
_ _
-*
—
an Rheuma lei¬
dende
—
—
—
Rheuma 1 —
--
—
schwache
—
--
hinfällig am Körper
Schwächen verborgener! —
Stellen 1
--
—
hustende
—
Husten
—
-
—
—
sehr magere
• —
—•
—
-
—
1
an Dysenterie
leidende
—
Dysenterie
—
“ f
t
—
Schleim aus¬
werfende
—
—
Ständiger Auswurf
!
--
—
an Darmkatarrh
leidende
—
—
!
-
-.
Aussätzige *
-*
-*
—
_
1 ■
Frauen, die an
Gebärmutter¬
beschwerden
leiden
1
f
l
Epileptiker
—
-.
—-
—
—
an Krämpfen leidende.
-
—
—
--
--
—
vgl. bleich aussehende
— 1 —
Verbannungen
hilflose Lagen
b) Sonstige
Demütigungen
Anklagen
langdauemde
Prozesse
Zerstörungen von
Geschaffenem
Ereignisse:
Gefahren aus alten, ver¬
jährten (?) Darlehens¬
geschäften; Gefahren
seitens Gewalthaber oder
älterer Leute
Verbannungen
Verblüffung
Verwicklungen, schwie¬
rige Lage, Schikanen,
Bedrängnis, Verderben,
Täuschung (?)
(Große Armut)
Planeten
furchtbare Kä
Eis
Nebel, Pest
schlechte Luft
U mwölkungen
Dunkelheiten
verheerend wir¬
kende Schnee -
massen
Dunkelheiten
(finstere Wolken)
Stürme
Schiffbrüche
Winde
Erdbeben
(Einstürze, Erd
schlünde)
wildbewegtes
Meer, Wirbelwin-
I de. Wirbelstürme
schlechte
fahrt
Mangel und Un¬
tergang der Fi¬
sche
Ebbe und Flut
Verheerungen
durch Über¬
schwemmungen
(Flüsse)
Mangel und Ver¬
nichtung an Feld¬
früchten, beson¬
ders der lebens¬
notwendigen
durch Spannen¬
raupen
| Heuschrecken
Zerstörer mannig- I
facher Früchte I
f
88
5
Valens
3. in der
I.
8
*7 t
r* ^
1
^ 1
Planeten
Firmicus
Witterung:
Rhetorios
Abu ma'äar
90
Ali ibn-abi ’r-rigal
Schöpfer der Kälte des
Wassers
Schöpfer des Nebels
Schöpfer der Finsternis
4. auf
Gewässer:
Vv
',h
t 1
%•
V' • I
5. auf
Pflanzen usw.
93
Planeten
678
Firmicus Rhetorios Abu ma'sar
Menschentypen:
schaffenheit nach entstehen:
dunkelfarbige
mäßig große —
— schmutzige
— schwarze
— klein von Wuchs
mit spärlichem Haupt- mit spärlichem Bart
haar
Kahle —
mit struppig herab- wild (wie Gorgo) aus¬
hängendem Haar sehende;
mißgestaltete
— hohläugige
bleiche —
nach entstehen:
99
Planeten
100
Planeten
102
SOI
Erbschaft
solche, die an der
Spitze von Wer¬
ken stehen
Befehlshaber
Bestrafer
Länder und was
mit Ländern zu¬
sammenhängt
Vormundschaften
Verwaltung
fremden Gutes
Väter fremder
Kinder
Seefahrer
Leute, die feuch
te Dinge tun
hervorragende
Stellungen
großes Ansehen
Erdarbeiten,
Ackerbauer
(Verleumdung)
(Sykophantie)
Verleumder
sehr verhaßte
Tagelöhner, Zoll
ner
Leute mit ver¬
leumderischem
Blick
ihre Verschlagen¬
heit verbergende,
Leute mit
senkte m Blick
6
Firmicus
7
Rhetorios
8
Abu ma*§ar
9
Ali ibn-abi T-rigal
—
Erben
Erbschaft
Erbschaften
—
—
—
Teilung der Ländereien
—
—
—
Abschätzung der Sachen
—
Lebenserwerb auf dem
Wasser oder in dessen
Umgebung
Seefahrer
Seereisen, lange Ab¬
wesenheit von der Hei¬
mat, weite und schlimme
Reisen
—
—
—
bezeichnet die Werke
der Feuchtigkeit
—
—
—
Bautätigkeit, Wasser,
Flüsse
—
geehrte, gute, gewich¬
tige Persönlichkeiten
Ränke, andere zu unter¬
werfen und zu beherr¬
schen
machen sich Menschen
dienstbar und lenken
die Herrschaft
will herrschen
berühmte, vornehme
Landbau
Landwirtschaft
bezeichnet die Werke
des Pflügens
dem König vergleichbar
niedrige, unberühmte
I
bei allen verhaßte
Sklaven, entehrte, Plebs
—
—
Leichenschänd er
—
schlechte Kaufleute
Diebe
Landstreicher
Räuber
—
—
Verächter
Verrat
Verräter
—
Heuchler, auch: Traum¬
deuter
Täuschung
dienerisch
Sykophanten
List, Ränke
Lügner
Schaden
4 *
103
Planeten
104
Antiochos
Dorotheos
(Foltern)
Ptolemaios
gewalttätige
grausame
4
Iulianos
5
Valens
gewaltsame
Dinge
Schamlosigkeit
schamlose
Unzucht
Unreinheit
Mühe
Arbeit
Übles redende;
solche, die ihren
Angehörigen
nachstellen
Mühsal beladene
die Mühsal lie¬
bende
gern klagende
freudlose
Böses leidende
die Einsamkeit
liebende
einsame
trotziges Wesen
den Leib hassende
Selbstveräch¬
ter (?) .mürrische,
dünkelhafte
gleichgültige
schurkisches Leben
gewalttätige
boshaft handelnde
j ederlei Anwendung von weiß um kein
Bösem, Gewalt, Ver¬
gewaltigung
Schlechtigkeit —
Aufrührer (?)
Eunuchen
meineidige
kirchliche
wünscht niemandem et¬
was Gutes
mühevolles Leben
Sorgen, Trauer
in Sorgen
traurige
Leute, deren Leben viel
seelischen Schmerz aus¬
zustehen hat
verhaßte (traurige (?))| Traurigkeit
kein Ergötzen mit ir¬
gend jemandem; keiner
ergötzt sich mit ihm
abgesonderte und für einsame
sich allein seiende
Einsamkeit, Menschen-| sucht keine Gesellschaft
scheu
abgesondert
in ihrer Art vorsichtige Wortkargheit Wortkargheit
oder auch allein blei- Fernsein des Sprechens benommen zu reden
bende
er teilt niemandem mit,
was er denkt oder emp¬
findet und läßt es nie¬
manden merken
mürrische
aufgeblasene
dünkelhafte
Hochmut, tyrannisches
Wesen, Stolz, An¬
maßung, Prahlerei
furchtsam in seinen
Handlungen und 3
wegungen
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
4
Iulianos
5
Valens
zudringliche
Trägheit
Firmicus
Rhetorios
langsame
Abu ma'sar
Ali ibn-abi ’r-rigal
Langsamkeit
Bedächtigkeit
schwerfällige (
Leute
langsam im Verständnis,
kein leichtes Verstand -
müßige) nis
gegenüber Frauen und
Kindern keinerlei Lei¬
denschaft
Leute, denen die Weiber bedarf wenig der Frauen
<nicht>am Herzen liegen
große Armut
stumpfsinnige
schwarz geklei¬
dete
dürftige, arme
Tagelöhner
Zöllner
stumpfsinnige
schwarz gekleidete
Feinde von Brüdern und
Eltern
Bedürfnis;
große Armut
Wahrhaftigkeit
ist treu in der Freund
schaft
Verständnis, Erfahrung,
Rücksichtnahme (?)
wird nicht leicht zornig;
wenn er aber zornig
wird, kann er sich nicht
beherrschen
hält lange Wut
Knochen
IV. Herrschafts-
i. Körper-
Schenkel
bereiche.
teile.
Kniee
Sehnen
Blase
Lymphen
Blase
wie bei Valens
Schleimhäute
Milz
Nieren
Schleim
das im Innern
Verborgene
rechtes Ohr
Hs. St. Gallen 429 fol. 94 v ff. (geschr. 1465).
Saturnus est supremus planetarum et currit
per 12 zodiaci signa in 30 annis et est in quolibet
signo per 2 1 / 2 annos. et magnum habet pote-
statem in libra, quia est eius elevacio, et adhuc
maiorem habet potestatem in capricomo et in
aquario, quia illa duo signa sunt eius domus.
in aquario tarnen maiorem habet potestatem
quam in capricorno. et magnum habet diffor-
tinium in cancro, in leone et ariete; et multum
gaudium in aquario.
Saturnus est planetarum pessimus et con¬
trarius omnibus naturis omnium rerum viven-
tium. et principaliter, quando ipse regnat,
etiam anichilat omnes creaturas viventes inter-
ficiendo cum esurie et labore. et ergo puer qui
nascitur sub tali planeta, est pessime nature.
habet barbam tenuem, caput rotundum, pallide
disposicionis, crines nigros, densos ac duros.
libenter habitat in aquis vel in terra. raro
ridet. habet rimas in pedibus, habet parvum
cor et parvum pectus, habet magna supercilia,
magnas scapulas et asellas. frigide est nature.
communiter est für et mendax; iracundus si
provorabitur in iram, licet difficulter provocetur
in eam. et est homo parcus in rebus propriis,
sed largus et mitis in alienis. est homo audax,
habens oculos ut latro. habet mirabiles sensus
et cogitaciones. immo semper similis est homini
malo, opus matum valenti perpetrare; et raro
3. Deutsche Sammel¬
est in consortio et communitate hominum.
non curat vestes nec ornamenta, sed prope
immunde incedit in distortis vestibus, et
principaliter inclinatus est ad nigras vestes.
cito canescit et statim inveteratur. non habet
delectaciones et libidines mundanas, sed est
homo astutus, invidus ac infidelis, lassus et
piger in omnibus artibus, eorum est . .. planeta.
non gaudium nec delectaciones muliebres, sed
habet semper curas magnas et anxietates
cogitando praeterita et futura. quando transit,
frequenter inspicit terram et nunquam vel raro
moritur bono fine.
Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 266 verso (Hauber
S. 22f.), geschr. 1404.
Saturnus ist der oberst planete und leuft
durch die 12 Zeichen in 30 jaren <und ist in
eym iglichen Zeichen) 1 ) 2 1 / 2 jare, und hat ser
großen gewalt in der woge, want er ist sin
erhohunge und hat noch grossem in dem
steynbocke und in dem wasserman, want die
Zeichen sint sine huser, doch hat er in dem
wassermon (so!) mer gewalt dan in dem steyn¬
bocke und hat unglucke in dem krebse in dem
lewen und in dem wieder und frauwet sich in
dem wassermont. der planet ist böse und
1 ) Von Hauber nach dem Wortlaut der
folgenden Kapitel mit Recht ergänzt.
zen:
1 - 1
(vgl. Horoskopie Sp. 366):
wie bei Dorotheos I — I
kapitel des MA.s:
widerwirtig der naturen und allen lebendigen
dingen. Und sunderlich so er richset (!) und
gewalt hat, so verderbet er alle lebendige dinge
mit hunger dot und arbeit. Syn kinder sint
brüne und hant eynen dynnen bart eyn synne-
wels heupt bleicher färben und wonent gern by
wasser oder in erde. Er lachet selten. Ge-
schrunden füße, eyn cleyn hertze cleyn brust,
grosse lange brawen. Von natur eyn diep,
cleffig hessig lugenhaftig, richtig in zome, nyt
gut zu erzürnen und doch nach zorn mulich zu
versünen; sins eigen guts karg, fremdes guts
myld; frech, mit dürftigen äugen als eyn
morder, eyns ungestymmen hyrns, böses willen,
ungeme by den luden und treit gern unsauber
böse gewant, swartze färbe und grawet schiere
und hat eyn böse gestalt. Er hat nit lust des
iibes, listig hessig und ungetruwe, trege lang¬
sinn in allen dingen und hat nit lust mit wiben.
Er hat alzit sorge und anxst und gedenket
und redet zu ihm selbst und so er gat, so ist
sin angesicht alles geneiget zu der erden. Er
ist wol gespreche und nympt selten eyn gut
ende, syn kinder werdent gewonlichen er¬
hängen. Die nature haben sie von dem planeten
Saturno.
Cod. Vind. 3085 fol. 19 verso (geschr. ca. 1475).
Saturnus ist der obrist planet vnd der
gröst vnd der vntügent/hafftiges vnd ist chalt
vnd trucken saturnus vnder den pla/neten vnd
seine chinder Dy vnder im gepom werden sein
gewö/lich rauber vnd morder vnd wan er
regnirt so ist gut reden mit vbeln/leutten
Der planet ist vnser natur veint albeg vnd
stet (?) gen Orient/ vnd ist ain planet pöser
lewt vnd untügenthaffter dy mager swartz/
vnd dur sein vnd ist ain planet der mänen dy
nit part haben vnd we/ysse har Vnd dy ire
clayder vnsawber tragen Dy chinder dy vnder
de/ saturno werden geporen dy werden prawn
am dem leib vnd swartz/mit swärtzm har
Vnd haben hert (?) part auff dem hawbt vnd
wenig/ har an dem part mit ayner smalen prüst
vnd wirt hassig vnd vn/tügenthafft vnd auch
traurig Vnd hört gern alle vnrayne ding vn/
tregt lieber vnsaubre clayder dan schöne vnd
er ist aüch nit vnkeusch/ vnd mag nit wöll mit
fraue wandeln Vnd churtzbeill treiben vnd /
hat auch von nat(ur) alle pösse ding an im
saturnus erfüllet seinen/ lauf! in dreyssig iaren
Vnd in etlichen monadtn Vnd von seiner
hö/che wegen mag mä in gar selten sechen vnd
sein auch seynner nat(ur)/ zaichen des saturnus
der staynpock vnd der wasserman dy sein
chalt/ vnd trücken vnd an irer natür Vnd
gleicht sich aüch dem melon/colicus mit seiner
natur.
H5
Planeten
Il6
1x7
Planeten
118
Marduk ist wieder eine komplexe Ge¬
stalt. Es eignet ihm (a) die Würde des Götter¬
königs, überhaupt des Königs über das kosmische
Planet
I. Babylonische
Leben. So gebietet er den Bergen und lenkt
die Ströme, er schenkt den Menschen das Korn,
den Weizen und die Gerste. Mit der Königswürde
2. Griechisch-arabische
Jupiter (Zeus, 2|).
Auffassung.
paart sich (b) die Priesterwürde und damit die
Weisheit und die Beschwörung. Ganz anderer
Einschätzung gehört es an, wenn er schließlich
Tradition:
(c) als Lebensbringer und -erhalter Dämonen
vertreibt, Menschen rettet und Krankheiten
bannt.
I
Antiochos
2
Dorotheos
3 j
Ptolemaios
4
Iulianos
5
Valens
6
Firmicus
7
Rhetorios
8
Abu ma’Sar
9
Ah ibn-abi ’r-rigal
—
—
gemäßigt
gemäßigt
I. Physikalische
Beschaffenheit.
gemäßigt
gemäßigt
wärmt u. feuch¬
tet, durch Über¬
wiegen der Wär¬
me verursacht er
kalter u. feuriger
bzw. warmer Na¬
tur
|
f
warmer Natur
heiß u. feucht
Kindersegen
fruchtbare Winde
' verursacht Ge¬
burt d. Lebe¬
wesen
(vgl. Geburt)
fruchtbarer Natur
1
1
1
—
windiger Natur
atmosphärischer Natur
es erklären die Weisen,
daß Jupiter von der
Klarheit des Aer u. von
dessen klaren u. ge¬
reinigtem Wind entstan¬
den ist
•
l
•
1
/
|
Farbe: ins Graue
gehend, aber mehr
weiß
Geschmack: süß
Farbe: ins Graue gehend
Geschmack: süß
r\
II. Allgemeine Wirkungen,
a) Krank-
1. Auf die Menschheit,
heiten:
Gesundheit
verbirgt Krank¬
heiten u. Leiden,
körperliches und
seelisches Wohl¬
befinden
gibt Gesundheit
!
- -
Magenkrankheiten in¬
folge Weingenusses u.
Überladung des Magens
—
verursacht allge¬
mein Wachstum
Wohltäter
b) Ereig-
nisse:
vgl. er erreicht alles,
was er erreichen will
• -
Huhm,Herrschaft
im besonderen bei
den Menschen: j
Glück, Ruhm j
■
'i
Ruhm, Herr¬
schaft, Staaten,
V orst eherschaf t
von Tempeln
ruhmreiches Leben, be-!
achtet
Ruhm, Herrschaft,
Staaten, Vorsteher¬
schaft, Priestertum
Ruhm, Lob, Glück,
Macht
—
1
'
*
- —
--
Siege
Sieg, plötzlicher Unter¬
gang aller Gegner
Gesund an Körper u.
Gliedern — Jupiter ver¬
mindert Krankheiten,
Epidemien u. Sterblich¬
keit
Guter Zustand, Gedei
hen; erfolgreich in sei
nen Taten
Leitung, Frömmigkeit
bevölkert, aber zerstört
nicht
H9
Planeten
120
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
F reundschaften
4
Iulianos
5
Valens
Verkehr
Überfluß
Reicht ümer
Friedliche
stände
Zu-
Festigkeit der Zu¬
stände
gute Ernährung
Neigung zum Gu
ten
Fruchtbarkeit,
Vermehrung des¬
sen, was zweck¬
mäßig ist
blühende Um¬
stände, guter Er¬
trag der Früchte,
Leckerbissen
Gerechtigkeit
Freigebigkeit
Anerkennung bei
den Führern
Wohltaten
Geschenke von
Königen, Förde¬
rung u. Beweise
von Freigebigkeit
u. hoher Gesin¬
nung seitens der
Könige
große Geschenke,
Freundschaft mit
großen Männern,
Garantie der Gü¬
ter
Kinderreichtum
Hervorbringen le¬
bender Wesen
Geburt
Treue
Liebe, Leiden¬
schaften
Adoption
Vermittlung
(Maß) im Urteil,
Befreiung vom
Bösen, Lösung
der Fesseln,
Freiheit
Vertrag, Bürg¬
schaften
Erbschaften,
rechtsverbind¬
liche Maßnahmen
Einsichten
121
Planeten
122
7
8
9
Rhetorios
Abu ma*§ar
Ali ibn-abi 'r-rigal
umgängliche Leute, ge¬
ehrt durch guten Verkehr
Reichtum, Überfluß
Verlangen nach Gesel- Verkehr
ligkeit
Reichtum, Schönheit
des Zustandes im Wohl¬
stand
Festigkeit der Zustände Friedfertigkeit, Frieden
stiften unter den Men¬
schen
Anwachsen des Glük- glücklich in seinen Ta
kes(?) in allen Dingen ten u. Werken
Gerechtigkeit
Recht, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit, verwirft
Liebe zum Guten, Wi- nicht
derwillen gegen das Böse
Geschenke
Schutz durch den Na¬
men großer Männer
Freundschaft mit gro¬
ßen Männern
gute Aufnahme bei Kö¬
nigen u. Großen
Geburt
ständige zarte Liebe zu
Gattinnen u. Söhnen
Neigung zu den Höch¬
sten unter den Mächti¬
gen u. Vornehmen,
Freigibigkeit, Hilfsbe¬
reitschaft (?); läßt bei
sich eintreten, wer sich
ihm nähert
Leben; Körper der Tiere
u. Kinder u. der Kindes¬
kinder insgesamt
Keuschheit, vgl. viele Keuschheit
Ehen
vgl. Gerechtigkeit
Richteramt unter den hindert das
Menschen; vgl. Recht, schreckt vor
Gerechtigkeit; unterläßt rück; Gesetz;
Übertretung des Ge- rechtigkeit
setzes
Böse u
ihm zu-
vgl. Ge-
man schenkt ihnen stets Bürgschaften
Glauben
Treue in der Verpflich- treu
tung, Schuldzahlung der
Treue
Einsichten
Intelligenz, Weisheit, Einsichten, Verstand
Klugheit in religiösen
Dingen, Macht im Wissen
Einfachheit
123
Planeten
I
2
3
4
5
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
Iulianos
Valens
(Würde)
2. auf die
i
• >
;ir.
t?
6
Firmicus
7
Rhetorios
8
Abu ma'äar
Tiere:
Förderung der
dem Menschen
nützlichen Tiere,
die zahlreich wer¬
den
Vernichtung der
schädlichen Tiere
i
3. in der
wohltemperierte,
gesunde, wind¬
reiche Witterung,
feucht u. gedeih¬
lich für das Ir¬
dische
wohlte mperierte
Luft
Witterung:
4. auf
gute Schiffahrt
gleichmäßiges
Steigen derFlüsse
(in guten Tier¬
bildern) :
wohl gemischtes
Ergießen der
Wasser
(in schlechten
Tierbildem um¬
gekehrt)
5- auf
Schaffung von
i. ihrer körperlichen Be-
große Augen,
breiter Augapfel
in östl. Stellung:
weiß bei schöner
Hautfarbe
mittlerer Haar¬
wuchs
schwarzäugige
ansehnlich große
ehrwürdige
in westl. Stellung:
weiße Körperfarbe
aber unschön
glatthaarige
vorn kahle, halb
kahle
Gewässer:
Pflanzen:
Menschentypen.
schaffenheit nach entstehen:
weiße,
Leute mit schönem
Fleisch
weiße, schmucke
pergestalt
dichter Haarwuchs
Augen
schöne Gestalt
hellblickende
ansehnlich große
ehrwürdige
Kahlköpfigkeit vorne
Ali ibn-abi 'r-rigal
klärt die Luft, durch
seine Gleichheit und die
Temperierung seiner An¬
lage werden Sommer¬
hitze u. Winterkälte ge¬
mäßigt; Winde u. ge¬
sunde Regen
—
Reichtum an
—
gute Erträge der —
—
—
Früchten
Früchte, Ein¬
%
käufen der Zu¬
1
kost
r
129
Planeten
130
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'Sar
Ali ibn-abi ’r-rigal
Schöllköpfige
festen Schrittes einher¬
gehende
großköpfige
Leute mit großem und
schönem Bart, mit brei¬
ter Stirn, mit Haaren in
den Nasenlöchern
(Temperamenten) nach entstehen:
Haltung (bzw. ihrem
Leute, die stets zu gro-;
ßen Arbeiten auf gelegt 1
sind !
Beruf) nach
entstehen:
Eile; Kühnheit d. Seele,
stürzt sich kopfüber in
Gefahren
gute, von edlem Charak- Schönheit des Charak- wahrhaftig in Wort und
ter ters Tat
Menschen, die hochge-j Leute mit erhabener Freigibigkeit
mut Großes erstreben (großmütiger) Seele
geehrte
Frömmigkeit: mit Prie- Religion, Gottesglaube, fromm
steramt geehrte Priester
beliebte, mit Denkmä¬
lern geehrte
verdienen
aus den
Söhne
große Würde
Ehren ihrer
Verehrung, Sympathie
u. stärkste Liebe u.
Hilfe von seiten der
Menschen in allen Din¬
gen
vornehme, einflu߬
reiche
ruhmreiche
Ruhm; er ist gepriesen,
Lob ist auf ihm
tut gewöhnlich Gutes
läßt alle bei sich ein- zeigt das Gute, hindert
treten, die sich ihm das Böse (ausführlich
nähern erörtert)
— wahrhaftig in Wort und
Tat
H £ c i. 11 1 d • ? t Lu L 1 i , Al crthulc VII
5 ^
Planeten
132
Dorotheos
Ptolemaios
freie
Gerechte
raenschenliebende
schamhafte, ehr¬
würdige
den eigenen Din¬
gen lebende
mitleidige
Gelehrte, Erfin¬
der
zärtlich (Eltern,
Kinder, Geschwi¬
ster) liebende
Anführer
in schlechter
Stellung :
liederliche
Geselligkeit,
Weichlichkeit,
Liebe zu Lust¬
leben, Dünkel
Gleichgültigkeit
Feigheit
Gespensterfurcht
laut redende (?)
4
Iulianos
5
Valens
(Freiheit)
(Gerechtigkeit)
Geschw isterliebe
Herrschaft
*33
Planeten
134
Firmicus
Rhetorios
Abu ma*§ar
Ali ibn-abi 'r-rigal
(Gerechtigkeit)
unterläßt Übertretun- gerecht, liebt die Ent-
gen (des Gesetzes) Scheidungen u. Be¬
schlüsse des Gerichts
ehrwürdige
mit allen zusammen- Verlangen nach Gesel
kommende ligkeit
— Emst
Barmherzigkeit (Almo- hilft den Armen
sen), Geduld
Gelehrsamkeit, Klug¬
heit in religiösen Din¬
gen, Rechtsgelehrsam-
Gattinnen u.
lieben sie zart
lieben die Freunde
Anführer, Adlige
zärtlich die Familien¬
glieder hebende, Freude
an Frau und Kindern
Wohltäter der Freund¬
schaft
Große; solche, die über
das Vermögen die Dinge
der Städte u. Volks¬
haufen glücklich leiten
Führertum, Sultanat,
Königtum, Adel
gute Liebe
gute u. wahre Freund
schaft ohne Trug
leitet
schön ratende
in schlechter Stellung: in schlechter Stellung:
nichts Großes, Vermin¬
derung der Lebensjahre
gesellige, freudige; ver¬
langen, sich auf alle Art
zu amüsieren; Liebha¬
ber von weichlichen Ge¬
nüssen; vielessende
dieselben Typen, aber
mit verminderter Macht
in der Großmut, dem
Neid wegen ihrer Erfolge
ausgesetzt
in westl. oder schlechter
Stellung:
Schädigung der Tätig¬
keit, Verminderung des
Lebens
Freude, Scherz, Joviali¬
tät, Lachen; Liebe zum
Leben in guten Verhält¬
nissen u. zu prächtigen
u. blühenden Häusern
deutliche, laute (? )
Sprache, Wortreichtum
135
Planeten
136
Hs. St. Gallen 429. fol. 95 recto.
Jupiter est infra Saturnum proximus. et
currit per 12 signa in 12 annis et est in qualibet
parte unum annum. et magnam habet pote-
statem in sagitario et pisce quia sunt sua domus.
magnam habet potestatem in cancro quia est
eius elevacio. magnum habet diffortunium seu
nullam potestatem in geminis, libra et aquario.
multum gaudet in sagitario.
Jupiter est bonus planeta obtemperans
malitiam Satumi. Unde puer qui nascitur sub
eo, est bonus, habens barbam rotundam, oculos
claros, magna supercilia deorsum flexa et
depressa, et pulcher adulescens mediocris
stature. habet latam frontem et discretum
visum ac honestum. habet labia rubea, fatiem
claram, rnembra disposita. erit honeste con-
versacionis, habet nasum dispositum et rotundum
et fatiem aequaliter longam. est homo multum
amans iustitiam; et homo multum fidelis, nulli
noxius, secrete amans mulieres. homines per-
3. Deutsche Sammel¬
versos multum habet exosos. Item ut com-
muniter huius dentes anteriores sunt lucidiores
aliis et modicum scissos et divisos. habet
multos et longos crines. et homo misericors
ut communiter dives et raro pauper. et pro-
motor iudicii et iustitie. estimat se ipsum
multum famosum et dispositum. et homo
sapiens, iocosus et a omnibus amabitur.
Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 267 verso.
Jupiter stet under Satumo allernest und
laufet durch die 12 Zeichen in 12 jaren und
ist in iglichem Zeichen eyn jare und hat ser
grossen gewalt im schützen und in dem fisch
wan die 2 Zeichen sint sin hu ser. Er hat auch
grossen gewalt in dem krebse, want das Zeichen
ist sin erhohunge, und hat Unglücke in dem
zwyling und in der jungffrauwen und in dem
steynbocke und er frauwet sich in dem schützen.
Der planete ist gut und darumb ist er der erste
nach Satumo, das er ym sin bossheit beneme.
kapitel des MA.s:
Jupiters kint ist eyn gut mensch mit eynem
ründen bart, und hat schon äugen und grosse
brawen gebogen, schon von gestalt, eyner
mitteler masse,. eyn breite styrn, zuchtlichs
gesiechts, eyn siecht nase und eyn lang antütz
und münt, nit zu groß noch zu cleyn, rot lefzen,
eyn schon antlitz, slechter glieder, eyns züch¬
tigen wandeis und hat gerechtigkeit liep,
nyemant schedelich und hat f rau wen heymlich
liep, und gerechte lüde hat er auch liep und
hasset böse lüde. Die zwen forderen zendhe
sint ime breiter {!) dan die andern und eyn teil
gespalten und hat lang hare. Er ist vast barm¬
herzig und werdent gewonlichen rieh und
selten arme, eyn mytteler und furer des rechten
gerichts und dunket sich selber schon. Er ist
wise fruntlich und fröhlich und gefeit den luden
gemeynlich wol mit synem wesen und wandel.
Cod. Vindob. 3085, fol. 20 verso,
lupiter der ander planet der ist gluck-
hafftig tugenthafit warme vnd frisch vnd
etwen träg an seinem lauff vnd gehört den zw
dy da tugenthafftig sein. Vnd herlichn manen
dy da gross dick part haben vnd werden nit
kall vnd wan er regnirt so get es frauen
woll dy mit knaben gent. Vnd ist dan güt,
vor fürsten frid vnd recht suchen, dyser planet
haltet aüch seinen lauff mit den dy da haissent
Colerici, dy helffent aüch den lewten vnd den
iren vnd thün doch dem nit geleich vnd thün
ir hilff haimlich vn (vn cod.)uerporgenlich
gegen den leüten vnd aller maniglich. Vnd
sein auch vast getrew frewnt und nit offenlich.
Das chind das vnder dem planeten geborn
wirt das wirt güet massig, vnd wirt ere vnd
recht lieb haben vnd hat aüch geren schone
klayder vnd waz da woll smeckt vnd rayn ist,
das hat es geren. Es wirt auch mit parm-
hertzig vnd frolich vnd hat dy zaichen der
sünnen, den schützen vnd den fisch. Jupiter
erfüllet seinen laüff in zwelff jaren.
*41
Planeten
142
1. auf die Menschheit:
j. Wesen derselben :
— verursacht, was durch — (Zerstörer)
Brand u. maßlose Hitze
entsteht
bewirkt, daß durch allzu Krankheiten, Leiden; viel Mühe und Leiden Krankheiten
BtarkeFieberhitzeWahn- Tod durch anhaltende
•inn entsteht Fieberhitze
— u. dreitägige Fieber — —
— Tod durch Blutstürze — Schmerzen infolge Blut¬
sturzes (die von Natur
warm und feucht sind)
gewaltsamer Tod Tod durch plötzliche
Schläge
l
1
Krankheiten :
I
3 »
Planeten
146
JS.
1
145
m *1
3*1
ti
s
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'Sar
Frühgeburt d. Embryo
Ali ibn-abi ’r-rigal
Zerschneiden des Kindes Zerschneiden des Kindes
im Mutterleib
Vernichtung der Früh- Ungerechtigkeit, ge-
geburten tätigt im Augenblick
der Geburt
Wahnsinn (s. o.) —
schlaffe — —
hinfällige — —
Wunden durch Schwert Wunden am Körper Wunden (in Aufständen)
Krankheit durch Kälte
oder vierfüßige Tiere
Ereignisse :
jede Sache, die plötz¬
lich geschieht
Kriege, Anrücken von Krieg, Waffen
Soldaten
Kriege, Heldentaten,
Schlachten
Kriegsgefangenschaft
Wunden in Aufständen
Fesseln, Gefängnis, Ver¬
urteilungen, vgl. An¬
geklagte
Fesselung, Gefängnis,
Gefangensetzung, Wie
dergef an gensetzung,
Prozeß
Verbannte
Verbannungen
Flucht
vgl. plötzlicher oder ge- Tod durch plötzliche Schläge; vgl. jede Sache,
waltsamer Tod Unglücksschläge die plötzlich eintritt
Gewalttat
Vernichtung der
völkerungen
Bichtold-Stiubli, Aberglaube VII
Tyrannei, hochmütige
Behandlung
Erregung von Unord-i
nung bei Dingen, die in
gutem Zustand sind
5 b
147
Planeten
148
Antiochos
Ptolemaios
4
Iulianos
Brandschatzun
gen
Männerraorde
Räubereien, Über¬
fälle
Begattung
5
Valens
Planeten
150
• »p
Brandschatzungen,
Feuersbrünste
Morde
Brennen, Brandschatzen,
Feuer, Feuersbrunst
Mord
liebt zu töten, Ermor-
d ungen
Verstümmelungen — —
Tötung durch Straßen- Räubereien, Diebstähle, Dieb-sein, gestohlenes
räuber Beutezüge, Überfälle Gut
irren in fremden Län- weilen gern in der
dem Fremde
viel üble Nachrede, ge¬
meine Sprache, üble
Redeweise, Rohheit und
Ungebührlichkeit der
Sprache |
Reisen und Verlassen
des Landes
A
schlechte Empfindungen Ehebruch, unstät gegen- Ausschweifung;
gegenüber Frauen, Söh- über Frauen Schmähung von
nen und Freunden rühmten Frauen
Ver-
be-
wendet sich ab von
Eltern u. seinem Haus
verliert Gattin u. Söhne I Untergang der Frauen
vgl. wenig Erfüllung
eines Versprechens
Reitkunst, Pflege der
Reittiere
Schafhirten
Würfelspiel
Durchgrabung
Mauern
von
Aufgraben der Gräber Aufgraben der G
deren Plünderung
Streben nach Bekannt¬
werden und hohemRang
r
151
Planeten
Planeten
I
2
3
4
5
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
Iulianos
Valens
1
2. auf
LI
6
7
8
9
Fiimicus
Rhetorios
Abu ma'Sar
Ali ibn-abi 'r-rigal
Tiere:
3. auf die
Witterung:
— 1 *
Trockenheiten
Hitze
1 hB *
—
—
-
heiße, pestreiche,
Luft: feurig, pest-
1 1
^^ T •
verzehrende Win¬
reich, schwer und
*
1
de
krankheitserre¬
l!’i
V*
—
—
gend
i # -
!•
h
1
■
—
Donner, Blitze
Donner
1
' !*
t ;
—
—
—
Regenlosigkeit
_ irr a
t
%
*-
e
L _
steigend: Erhöhung von
Hitze u. Trockenheit
fallend: er feuchtet und
es vermindert sich seine
Warme
Donner; Blitze (? =
scintillationes, radios)
4. auf
Gewässer:
1
auf dem Meere
plötzliche Schiff¬
brüche durch :
Wirbelstürme,
Donner u. ähnl.
— Schiffbrüche
A
"
Wassermangel d.
Flüsse, Austrock¬
nen der Quellen,
das Flußwasser
verdirbt
11
Mangel u. Zer¬
störung der un¬
vernünftigen Tie¬
re
zerstört alle Tiere
auf der Erde
u. der aus der
Erde gewachse¬
nen Früchte
durch Hitze
u. mannigfacher
Früchte infolge
der übermäßigen
Gewalt seines
Feuers
oderVerbrennung
der Feldfrucht in
den Scheunen
5. auf
Pflanzen:
, Schaffung von
1. Ihrer körperlichen
Menschentypen.
Beschaffenheit nach entstehen:
in östl. Stellung: !
1
1
■ 1
—
weißrote
—
!
—
stattlich große
- -
stattlich große
—
—
gesunde
—
- -
—
—
155
Planeten
156
mit scharfem blau-(scharf-) -
Blick äugige
— mit vielem Haar
Beweglichkeit
mit mittlerem
Haarwuchs
in westl. Stellung:
nur rote
mäßig große
mit kleinem Kopfe
etwas kahle
mit rötl. Haaren !
ohne Runzeln
2. ihren Qualitäten
in östl. Stellung:
mehr warm und — —
trocken
in westl. Stellung:
mehr trocken — —
3. ihrem Charakter und ihrer psychischen
in guter Stellung:
edle, zu Staats- — —
ämtem befähigte,
Herrscher
Mut
Führer
mutige
Kriegsführer,
Heerführer
Reichtum lieben¬
de
Kühnheit, wag¬
halsige Unterneh¬
mungen, Gefahren
Kühnheit
sehr genährte
kräftige
waghalsige, sich
in Gefahr stür¬
zende
ungehorsame
157
Planeten
158
I6l
Planeten
IÖ 2
6
Firmicus
Rhetorios
Heißsporne, erregbare
wenig aufmerksamePrü- s. vorstehendes Zitat
fung der Dinge
anmaßende
vgl. stolzer Gang des
Anführers
V erächter
Härte des Hochmuts
glückliche, tapfere.. An¬
führer im Kriege, deren
Zomausbrüche durch
Entrüstung hervorgeru¬
fen werden
Zorn, Zornesausbruch zürnt schnell in starkem
Zorn
rohe, gewalttätige Ver¬
brecher, Erfinder von
Schandtaten
Streben nach Unrecht,
Bedrückung, Gewalt¬
tätigkeit, für Erlaubt-
Finden des Verbotenen
Mörder
Verschwender
viel Schlemmerei
streitsüchtige
sorgfältige Ausarbeitung
in der Rede, Verschla-,
genheit im Drängen auf
Antwort, improvisierte
Reden I
Zänkerei, Streit
Mörder, Folterer
Wahnsinn
beständige
viel Unrecht tuende
leicht umzulenkende
gottlose
gewaltige Trinker
Soldaten, Athleten
Aktionen der Bosheit,
Streben nach Unrecht,
wenig Edelmut
minderen Sinnes (?)
wenig Gottesfurcht
vgl. wenig aufmerksame bedenkt nicht den Aus-
Prüfung der Dinge gang der Dinge
Festigkeit
zieht nicht die Hand
von seinem Beginnen
zurück; ist ganz an sein
Tun hingegeben
geschickte Reiter, Sol¬
daten ; Armee, Beglei¬
tung d. Sultans
Bäebtold-Stäubli, Aberglaube VII
6
163
Planeten
164
Hs. St. Gail en 429 fol. 95 recto.
Mars currit per 12 signa in duobus annis,
et est in quolibet signo per 2 menses. Magnam
habet potestatem in ariete et scorpione quia
illa duo signa sunt eius domus. magnam habet
potestatem in scorpione (!) quia est eius elevatio.
Nullam habet potestatem in libra, thauro et
cancro. Mars est malus planeta siccae naturae.
Pu er qui nascitur sub tali planeta est iracundus
et austerus in grandi calore vel ruber / habens
longam frontem: directa supercilia et longam
fatiem: parvos et austeros oculos ac profundos /
habet longum nasum et medio elevatum, habet
os pro maiore parte aptum aut multum re>
clausum. habet longos dentes / Est homo
garulus, multa loquitur / macer et indolis et
acuti ingenii et multum velox et festivus / omni
tempore impetuosus / inclinatus ad gwerras,
Iitem faciens et discordias. multum prodigus /
se ipsum laudans in singulis / habens distortum
corpus / non potest bene dormire pluries dolet
caput. Et tirannus et inmisericors / Cupit
multum luxurias, sed modicum potest / Libenter
est in multitudine hominum / raro devenit ad
etatem.
3. Deutsche Sammel-
Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 26 vef so.
Mars steht allereest nach Jupiter und durch-
leuft die 12 Zeichen in zweyn jaren und ist in
eynem iglichen Zeichen 2 monet und hat grossen
gewalt in dem wieder und im scorpion, want
die zwey Zeichen sind sin huser, der steynbocke
ist sine erhohunge, und hat Unglücke und
wenig glucks oder gewalts oder keynen in der
wige in dem stiere und in dem krebes. Der
planete ist böse und ist heißer und druckener
naturen.
Syn kynt ist synnerich zornig eyns scharfen
angesicht, eyner brünen färben oder eyner
roten, als die an der sonnen verbrant sint mit
roten sprunkelin an dem antlitz, eyn lange
styrn, siechte brauwen, cleyn scharfe äugen
und diese, ein langes antlitz und eyn lange
nasen und hoch, eyn grossen münt das merteil
o0en, lange zende kleffig mager und eyn güder
(wohl = Verbraucher, Verschwender; Anm.
Haubers) sins guts, gach zornig und lat nichts
ungerochen, alzit wetig und ungestymme,
geneiget zu Unfrieden, eyn betrupsamer der
friedlichen, giftig, eyn berümer siner bozheit
und ander syner werke, eyns krommen libes
und mag nit wol slafen, syn heupt dut ime
I69
Planeten
170
7
1 8
Rhetorios
I Abu ma' §ar
Ali ibn-abi 'r-rigal
talle:
zen
1 •
"i
n
Tierkreisbilder:
S. 207); für Ptolemaios s. Tetrab. I 20 p. 49 Mel. (= Bouche-Leclerq a. a. O. S. 211).
L*
•1 •'
i
kapitel des MA.s:
gern wee. Er ist eyn harte unbarmherzig mensche
und begert der mynne und mag doch nit also
vil. Er ist gern da der lüde vil by eynander
sint und wirt gewöhnlich nit alt.
Cod. Vindob. 3085 fol. 2 verso .
Mars ist der drit planet vnd der ist hais
vnd trücken vnd geluckhäfftig pösse doch
mittelmässig in seine laüff vnd ist ain planet
zornig’ lewt. Vnd dy da geren kriegen vnd
töbe vnd kall sein vnd dy kraüs har haben
vnd wenig vnder dem planeten ist güt in streit
zw gen. Vnd stelen raüben vnd prenen vnd
wuntten dy lewt. Mars ist ain pöß planet vnd
darüb wan er regnirt vnder den siben plänetn
so sprechent dy maister das mä in sech ob der
sünne so wedent er grös nyderlegug vnd’
dem adell also das dy Hern ritter vnd knecht
des selbign Jares nit schullen kriegen. Dan sy
ligent darnyder aber des selben Jars haben dy
pauren güt kriegen wan als ding get väst näch
Irm willen vnd darüb dy menschn dy da en-
pfangen werdent. Daii mars regnirt dy werdent
gar’ steytper vnd als vörmäln gesprochen ist.
Dan man in siecht ob der sünnen so hat er
etlich nätur mit de dy haissent sangwiney wan
dy sein gar streitper vnd verlirent doch vill
vnd dick an ihren kriegn. Dan man in aber
siecht vnder d’sünnen sö hat er etlich natür
mit den dy da haissent meloncolia. Dy sein
Stile vnd sweigent vnd streitn vnd gelyngt in
wol aü im kriegn vnd streitn vn des jars wan
mars regnirt so regnirt gewönlich ain stern
haist Cometa vnd in welchem land dan der
stern wirt gesechn in de selben land wirt an
zweiffell grös tewrug vnd hüng. Wan man
mag in mit allen lande gesechn wä er ist nyd ah
dem himell vn nähet pey dem mäneh also
des mäne schaden in vmb geit dz nä in nit
woll mag gesechen vnd wann dy sun ist in dem
zaichen Cancer oder leo vnd welchs jars er
regnirt so ist gern der man vnd dy sün prechen
hälftig. Der vnd’ dem planeten geporn wirt
der wirt rot mit etlichr vinsternüs als dy ander
sün praii werden nach dem dz chind wirt
vntugethafft vnd vnstchauig. Es wirt hoffertig
vnd macht albeg krig vn vnsabrkait vnder
de leüte vrid hät vnder den zwelfif zaichen den
wider vn den scofpian vh ir coplex(io)n vnd ir
nat(ur). Vnd Mars erfüllet seinen laufi in fünff
hundert vnd dreyssig tagen.
m
Planeten
172
Öama§, die Sonne, charakterisiert a) seine
Eigenschaft als Richter in der himmlischen und
irdischen Welt, deren Gesetzgeber er zugleich
ist. Weil er alles sieht, haben Lumpen, Ver¬
planet Sonne
1. Babylonische
brecher, Räuber, Diebe, Lügner usw. allen Grund,
ihn zu fürchten; für alle Gerechten ist er ein
großer und geliebter Freund. Diese Idee läßt
2. Griechisch-arabische
Planeten
174
$1
f
; *73
i
(Helios, Sol, ©).
Auffassung.
fiamas werden b) zum gütigen Helfer der Schwa¬
chen. Er heilt Krankheiten, bringt Freude
und Heil und schützt die Wanderer. Daß er
Tradition:
Tote lebend macht, wird mit seinem c) Charakter
als Unterweltsmacht Zusammenhängen. Auch
gilt er wie Sin d) als Erforscher aller Geheimnisse,
denn er sieht alles.
i««
i
i
... ?,
R
l 6
7
8
9
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'Sar
Ah ibn-abi 'r-rigal
Beschaffenheit u. Wesen.
>
fehlt bei Firmicus
warmer und trocknerl
Natur: heiß, trocken
1 _
Natur
[vgl. IV 19, 31 Sonne
(u. Mond) erhalten nie¬
mals den dominatus
geniturae = Hausherr-
•chaft über das Horo¬
skop. Mit dem dominus
geniturae in gutem
Aspekt bringt die Sonne
unten Stehendes hervor]
bewirkt die J ahreszeiten
der mittlere von den
7 Planeten; vgl. wie ein
weiser König, der ver¬
standesmäßig sein Kö¬
nigreich in der Hand
hat und zur Beobach¬
tung seine Residenz in
der Mitte seines König¬
reichs hat, um alle
Seiten (dieses Reiches)
zu berühren
Herr
intelligibles Licht
Herrscher der Welt;
durch ihn werden die
Planeten östl. u. westl.,
sichtbar u. verborgen,
durch ihn bewegt sich
jede Sache, die sich
selbst bewegt, durch ihn
wird jede entstehende
Sache hervorgebracht
große Seele des Him¬
mels, Licht u. Leuchte
des Himmels
Leiter der Seele
175
Planeten
176
177
Planeten
178
179 Planeten 1 80
i
2. Wirkung
erzeugt die Lebe- —
wesen u. vernich-
{ tet sie wiederum
3. Wirkung au f
11
regiert den Jah¬
reszeitenwechsel
vollendet Winter
und Sommer und
die beiden da¬
zwischenliegen¬
den Zeiten
regiert über Win¬
de?
L
11
4. Wirkung auf
erweicht die
Früchte u. trock¬
net sie wieder
Bewegung des
Atems
Sinneswahrneh¬
mung
m. Herrschaftsbereiche.
Sehen i — rechtes Auge
Gehirn — Kopf
Herz — Herz
Sehnen — —
alles, was rechts ist — —
— — Rippen
—. — Bewegung des
i Atems und der
Wahrnehmung
— — Sinneswerkzeuge
I
| Gold
2. Me-
;•
181
Planeten
182
talle:
Gold
| Gold (gier)
183
Planeten
184
Hs. St. Gallen 429 fol. 95 verso,
Sol movetur per 12 signa in uno anno, hoc
est in 365 diebus. Et est in quolibet signo per
unum mensem / magnam habens potestatem in
ariete quia id signum est eius elevacio / Et
acriorem potestatem habet in leone quia est
eius domus. Nullam habet potestatem in libra
vel saltem modicam et adhuc minorem in
aquario. Unde puer qui nascitur sub tali planeta
habet dispositam fatiem: barbam pulchram /
homo est mansuetus / magne capacitatis / bone
industrie / multum facundus / bone eloquencie /
libenter interrogans de magnatibus et officiis
eorum / ocultus amator mulieris / habet os
mediocrem / habet frontem lotundum et con-
petentia supercilia / oculos rotundos nonlongos/
nasum parum elevatum / collum directum
magnos pedes / iocundus hylaris / libenter
deffert vestes preciosas et pulchras / unde sol
est planeta malus et diffortunio plenus coram
aliis planetis et sub aspectu eorum bonus.
3. Deutsche Sammel-
Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 269 vcr s°.
Sol die Sonne ist allemeste under Mars und
durchleufet die 12 Zeichen in eym jare und ist
in eym iglichen Zeichen eyn manet als vor
geseit ist und hat grossen gewalt in dem wieder,
want er ist der sonnen erhohunge und hat noch
grosseren gewalt in dem lewen, want er ist sin
huß und hat unglucke und lutzel gewalts in
der woge und noch myner gew r alts in dem
wassermon.
Der Sonnen kynt hat eyn breit schon antlitz
und ist senftmutiger und guter synne und
ungelemig, wolgespreche schöner rede, wise,
gerne fragen, grosser heren amptman, frauwen
heymlich liep, schönes hare, eyeründe styrne,
gefuge brawen und äugen, eyn siechte nasen
nit zu lang in mytten dein hoch, eyns runden
kynnes, schöner roselechten färben, eyn münt
nit zu groß noch zu cleyn, sin lefzen cleyn hoch,
sin halß ist siecht, eyn schonen bart, grosse fuße
und große beyn, eyn grosse stymne. Bescheiden
und senftmütig, vast wise frolich und wol gemüt
und hat gern gut köstlich gewant liep. Und
Planet
1. Babylonische
Istar ist a) die Göttin der Fruchtbarkeit. Leben hängt zweifellos ihre Beziehung zum Tode
Es unterstehen ihr Ehe und Liebe. Man kann als dessen Gegenpol zusammen: so ist sie b) Un-
sie als Göttin der Mütter bezeichnen: sie steht in terweltsgöttin. Diese Vollmacht über das Leben
Geburtsnöten bei. Mit ihrer Beziehung zum in seiner Totalität hat sie wohl einerseits zur
2. Griechisch-arabische
1 2 3(4 5
Antiochos Dorotheos Ptolemaios Iulianos Valens
I. Physikalische
-— I — gemäßigt in gemäßigter —
i Luft; gemäßigt
—- — wärmt zuweilen hat Teil an der —
i Sonnenwärme
I
— — feuchtet meistens j und an einiger —
Feuchte vom
i Merkur
— — — ! feucht —
I
Planeten
186
r
j
185
'
Ä" » ^
6
7
8
9
Firmicus
Rhetorius
Abu ma’äar
Ali ibn-abi ’ r-rigal
Tierkreisbilder:
kapitel des MA.s:
die sonne ist eyn planet by andern planeten
ungluckhaftig und böse und mit angesichte der
planeten auch gut.
Cod. Vindob. 3085 fol. 22 vcrs <>.
Die sünn ist der vierde planet der ist haiß
vnd trücken vnd ist lustlich vnd ist ain eyn-
fliessends liecht vnd ayn leben allen den dy
da lebent vnd in allen natürlichen dingeh. Er
ist ain planet schon vnd lustlichn leüchten
der lewt antlitz vnd aüch den leittn Dye mit
allen erbern gedencken vmb geht vnd mit
erbern lewttn die sünn ist ain chuniglicher
Stern ain liecht vn ayn aug der weit ist sy
genant vnd scheinet durch sy selber Vnd
erleüchtet dy andern stern vnd ist aüch vnder
den siben plänetn' der miltest vnd zertailt dy
feit Vnd erfult seinen lauft in aine gätzn Jar
vnd dy Sün mächt den meschen zw leib voll
vnd sein antlitz mächet sy im gar schön vnd
wöllgeschaffen mit grossen aügen vnd mit
aynem grossen pärt vnd mit lange har Vnd
mächet den meschn näch der sele näch im
geleich vnd machet In näch andern Sachen aüch
weys vnd das mä in gar lieb hat Vnd mächt
in künstreich vnd listig in allen dingn vnd
näch dem plänetn sein genät dy sangwiney
wann dy selbigen leut sein gar wegriffen in
allen kunsten Vnd sein aber an gütlichen
dingen vnd articklen zweiffelhafftig vnd sein
aüch vnkeüsch leWt vnd werdent gär leicht
ertzürnt vnd nypt doch gar pald ab an yn das
chind das darvnder gepören wirt des Jars vn
dy sünn herd ist das wirt fleischolt Vnd gewint
ayn schön antlitz vnd grosse aügen Vn ayn
weisse värb mit aynem wenig röttes gemischt
Vnd mit vill partes vnd häres nach der sünnen
geleichnüs vn scheinet aüswendig gär guet vnd
sein leut nach Irm haübt das sprecheht etlich
maister So sprechent auch dy andern dy vnder
der sün gepören werden sein gar weis vnd
frölich vnd haben güet lewt lieb vnd hässeh
dy pöseh Vnd hat vnder den zwelff zaichen
den leö mit seiner natur vnd aüch mit seiner
Complexion.
Venus (Aphrodite, O).
Auffassung.
(c) Himmelskönigin werden lassen, als welche
sie die Sterne anführt, andererseits zur (d) Herrin
der irdischen Länder und Göttin der Schlacht
(was für diese Zeit zusammengehört), so daß
sie kriegerisch, kampfesfroh und als Brandfackel
erscheint.
Tradition:
6
Firmicus
Rhetorios
Abu ma’Sar
Ali ibn-abi 'r-rigal
Beschaffenheit. Wesen.
: Mischung gemäßigt
;emäßigt
feucht
kalt u. feucht
; kalt u. feucht
■*
glänzendes Leben vgl. in guten Tier
bildern: heitere
Seelen
Tragen von
Kränzen u. gol¬
denem Schmuck
(Üppigkeit)
I89
Planeten
190
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'sar
Ali ibn-abi T-rigal
Farbe: weiß
Geschmack: fettig (?)
vgl. oft brennende Sehn¬
sucht nach Beilager
vgl. bezeichnet
Begierde
Liebe,
vgl. Liebe zu Knaben u. Liebe
Menschen; Bekundung
der Liebe eines unsterb¬
lich Verliebten; fragt
nach allen Dingen und
ist gierig nach ihnen
gut wirkend
vgl. kann Übel, Zorn u
Streit nicht ertragen
phlegmatisch
1. auf die Menschheit:
guten Ruf, gelobt
übervoll von Würdi¬
gung, des Lobes ge¬
würdigt bei den Massen
u. hochstehenden Per¬
sonen; vgl. Priester oder
mit solchen Ehren ge¬
schmückte
Freude, Heiterkeit (der Freude, Fröhlichkeit, liebt Kurzweil, heiter
Seele) Feste, Ferien, Spielen
von Trick-track
Lachen
Lachen, viel Freude an
allen Dingen
mit Diademen, goldenen Tragen von Diademen weiblicher Putz, Um-
Kronen gezierte binden(?) von Kronen
trinken viel
Gelage
verlangen häufige Bei-j Liebkosungen, Liebe
Jäger
Ehen
Wein, Honig, Getränke,
Trunkenheit
vgl. Liebe zu Knaben u.
Menschen, Bekunden
der Liebe eines un¬
sterblich Verliebten
Menge der Heiraten
I 9 I
Planeten
192
Antiochos
Doratheos
Ptolemaios
4
Iulianos
5
Valens
193
Planeten
194
6789
Firmicus Rhetorios Abu ma*§ar Ali ibn-abi ’r-rigal
fruchtbar, sich an zahl- Kinder Schwangerschaft
reicher Nachkommen¬
schaft freuend
I
1
unberührte u. unzer- Freundschaften
störte Freundschaft
saubere Lebensführu ng
i
1
1
I
1
1
— schöne Gestalt
I
# «
1
— Versöhnungen
Erfinder heiliger Lehren Priestertümer, Gottes¬
verehrer |
sein Leben erfreut an Musik
musischen Freuden
I
Maler, naturgetreues Malerei, Mischung der
Malen Farben
— Stickereien
— Färberei
bedeutet viel für die
Aufziehung der kleinen
Neugeborenen
Zartheit gegen Freunde Freundschaften, Verbin¬
dung
1
1
I
I
Schönheit •—
— wird geliebt von allen,
die ihn sehen u. von ihm
sprechen hören
Ausübung des Kultus; —
Festhalten an der Reli¬
gion. Enthaltsamkeit
vom Unerlaubten; Apo¬
theose
Süße der Sprache, Ge- Gesänge, Lieder, Spie-
sang, Liebe u. Gesang, len von Instrumenten
Schlagen der Lauten- wie Tamburin, Posau-
saiten nen u. ähnl.
Gemälde zeichnen, malen
I
i
Stickereien —
Färberei, Gefärbtes (?) —
Parfüm ! —
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube VII.
7
195
Planeten
196
I
2
3 !
4
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
Iulianos
5
Valens
bei den Nutz¬
tieren meistens
Überfl u ß, Fru cht-
barkeit, Nutzen
(Glück)
temperierte Win¬
de
feuchte, sehr
fruchtbare Winde
milde Luft
heiterer Himmel
überreichliche
Regengüsse mit
fruchtbarem Re¬
gen
starkes Steigen
der Flüsse, Fahr¬
ten, gute See¬
fahrt
gewinnbringen¬
der Erfolg
2. auf die
3. auf die
4. auf
197
Planeten
198
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'Sar
Ali ibn-abi 'r-rigal
199
Planeten
200
Planeten
202
201
203
Planeten
204
205
Planeten
206
J+<
Planeten
210
211
Planeten
212
1 2 3
Antiochos Dorotheos Ptolemaios
3 -
sehr wertvolle
Edelsteine
4 -
I I — I — | ölbäume
5. Bereiche der
s. Bemerkungen
3. Deutsche Sammel-
Hs. St. Gallen 429 fol. 95 verso se p e palescit / habet frontem mediocrem,
Venus currit per 12 signa sicut sol magnam supercilia conpetentia / oculos claros albedine
habens potestatem et fortunam in thauro et mixtos ac sunt rubedine. / habet nasum acutum,
libra, quia est elevacio eius. Quasi nullam os mediocre. Valde conatur corpus suum ornare
habet potestatem in scorpione ariete et aquario /. et principaliter crines / Et diligit viridem
Unde puer qui nascitur sub tali planeta est colorem.
iocosus hylaris diligens omnem ludum citha-
rarum nam gaudet et quaerit deductus tem- Hs. Tübingen M. d. 2.
poris in suis artibus omnibus / Est fornicator: _ „ J _
luxuriosus et omnem suam diligentiam in luxu- ,, ^ as ±51att ' auf dem die Beschreibung der
riam ponit / Est bomo curialis. se ipsum VeI ? us stand * ist ” seit Jahrhunderten“ heraus-
libenter audiens laudare. Et homo eloquens gerissen (Hauber a. a. O. 22)].
et affabilis / de facili non irascitur, sed si quan-
doque irascitur, statim cessat ab ira / Est Cod. Vindob. 3085 fol. 23 verso,
homo mitis, fatiem habens claram, sed tarnen Venus der planet ist chalt vnd feucht vnd
Nebo ist eine wichtige Gestalt als a)
Schreiber der Geschicke; sein Wesen drückt
sein Schreibgriffel aus. Indem er Schicksale
mitbestimmt, wird er zum Ordner des Alls.
Den Göttern übermittelt er Marduks Weisungen.
Planet
1. Babylonische
Diese Beziehung zu den Schicksalen des Daseins
hat sich wohl aus seinem ursprünglichen Charak¬
ter als Totengeist oder -geleiter entwickelt. Da
das Schicksal des Landes vom Schicksal des
Königs bestimmt ist, ist Nebo geradezu b) Ver-
2 . Griechisch-arabische
Antiochos
Dorotheos
Ptolemaios
4
Iulianos
1
5
Valens
I. Physikalische
zuweilen wär¬
mend
ruft das Feuchte
auch hervor
wechselt schnell
zwischen beiden
der Natur nach
windreich
Planeten
214
6
7
8
9
Firmicus
Rhetorios
i
Abu ma'§ar
ibn-abi 'r-rigal
talle:
— | Zinn
Steine:
Pflanzen:
Tierkreisbilder:
bei Mars.
kapitel des MA.s:
volpringt seinen lau ff in drewn hundert vnd
XLIII tägen vnd er ist auch geluckhafftig Venüs
ist ain gueter vnd gemaynner steril vnd tem-
perirt mars pöshait vnd hat ain wolscheinende
väib vn scheint vnder dem gestim gar milt-
samiglich Vnd ist als der sünnen an schein ist
an jungen leüten vnd sein gelb lewt vnd ve-
kensch vnd dy geren pey frauen wönen Vnd
aüch geren fraüenarbait thuen Wan venus
regnirt so ist güet ne^ve clayder chaüffen vnd
anlege Item waü venüs vor der sünne get so
haisset sy lucifer vnd wän sy dan näch get so
haisset sy vesper vnd venus macht den meschen
ayner schönen person Vnd mit väst grossen
1
1
aügen vnd aüg prägen als dan der sünen an
schein ist vnd mächt den menschen mit der
sele weitschaffen vnd aüch näch geistlichen
dingen gierig vnd sein dye dy da haissen Colerici
dy haben synne dy da zwifeltig sind vn welci-
bent doch nit aüff irem zweiffell vor dem ende
vnd davon sein sy aüß geschaiden von den
sangwiney Dy peleibent zwifaltig pis an ir endt
wer darvnd’ geboren wirt der waxet nit zw
langk Mittelmässig vnd mit grossen äugen vnd
aüg praüen näch der sünnen als dan vor stet
vnd wirt senffmütig vnd woll redent vnd züchtig
Vnd zeücht sich aüch rayniglich vnd hört geren
saitenspill vnd tantzen der plänet hät vnder
im den ochssen vnd dy wag mit Irer natur.
Merkur (Hermes o).
Auffassung.
leiher des Königtums und seiner Insignien, wie Priesterweisheit, ebenso die Schreibkunst: so
des Szepters. Als Schicksalbestimmer ist er wird Nebo Gott der Priester im besonderen;
natürlich derjenige, der c) alle Geheimnisse der d) wird seine Güte und Barmherzigkeit hervor-
Beschwörungen und Orakel kennt und der weis- gehoben,
sagende Träume sendet. Das ist eigentliche
Tradition:
6
7 !
8
9
Firmicus
Rhetorios !
Abu ma'sar
Ali ibn abi 'r-rigal
Beschaffenheit.
——
Natur: zuweilen warm
1
Trockenheit
warm und trocken
! zuweilen feucht
Kälte
I
I
i
1
1
215
Planeten
216
der Planet, mit
dem er sich mischt,
zu dessen Natur
neigt er jedesmal
hin; er ist aber
mehr beweglich
als alle
- | Gemeinschaft-
I lieh. Vgl. dieser
I Stern hat die
I Macht zu viel-
I fähiger Art und
I bewirkt gemäß
I dem Wechsel der
I Tierkreisbilder u.
I der wechselnden
I Aspekte zu den
I anderen Planeten
I die Angelegen-
I heiten
D. Allgemeine
1. auf die Menschheit;
im Aspekt
schlechten
neten:
Atemnot
zu
Pia
verursacht
Krankheiten,
die trocken( ?)sind
und
tägliche Fieber
Husten
Atemholen (Er¬
sticken) (?)
Schwindsucht
b) im tätigen
in menschlichen
Angelegenheiten
ist Merkur schnell
tätig und klug
bei den Unter¬
nehmungen
hinterlistig bei
Straßenräube¬
reien,
Diebstählen und
Überfällen von
Seeräubern
Diebstahl
kümmert sich
um gottesdienst¬
liche Sprache
und um die Ver¬
ehrung der Götter
an Heiligem er*
baute Leute; vgl.
Opferer, Vogel¬
schauer, Traum¬
deuter
217
Planeten
218
219
Planeten
220
I
2
3
4
5
Antiochos
Dorotheos
i 1
Ptolemaios
i---—---
Iulianos
Valens
Klugheit, Ver¬
stand, Denken u.
was durch den
Verstand geleitet
wird; Erziehung
Dienstleistung
Einkünfte
Könige
der
Veränderung von
Einrichtungen u.
dem, was Brauch
ist, je nach Zeit
(Verständige,
Denker)
Schreiber
Rechner
(Naturwissen¬
schaftler)
Bildung,
schäften, Unter¬
suchung u. Be¬
weis, Verstand,
Denken, Über¬
legung
Darstellungsgabe
Heroldsamt, Bot
schaft
Zahl, Rechen¬
stein
Geometrie
(Kenner und
Erforscher des
Himmels)
Scherze, Gesellig¬
keit
mühsame
leistung
Gewinn, Ränke
Gehorsam
Athletenkampf,
Ringkampf
Singübung
Arbeit der Sticke-
221
Planeten
6
7
8
9
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'äar
Ali ibn abi 'r-rigal
Gefahren, Anklagen
Bildung,
Weisheit
Wissenschaft,
Beredsamkeit
! Botschaft
Rechenstein
Geometrie
(solche, die die Geheim¬
nisse des Himmels er¬
forschen)
Astronomie
Athletenkampf
Prozesse (?)
Schönheit der Unter¬
weisung, Wissenschaft,
Forschung, Für-wahr¬
halten, Scharfsinn,
Klugheit, Schreiben,
Philosophie
Sprache u. Rede, Süße
der Rede, Feinheit der
Redeweise
vgl. Überlieferung
Geometrie
Wissenschaften,
Schreibkunst, Verstand
(zusammen mit Jupiter)
Berechnungen
Astronomie
Dichtung, Poesiesa:
1 ungen
miii
Geselligkeit
vgl. viel Furcht vor
Sklaven u. Dienern
Ränke, Täuschung, Ver¬
schlagenheit
Gehorsam
Ringer
Kenntnis d. Melodien
der mit Gesticktem ar¬
beitet
223
Planeten
Planeten
I
Antiochos
2
Dorotheos
3 !
Ptolemaios
4
Iulianos
5
Valens
Handel, Waren¬
austausch
1
Kauf und Ver¬
kauf (Kaufleute)
|
5
4
Handel, gewandt
in jeder Art des
Markt- u. Bank¬
geschäfts
—
■-
—
1
1
1
1
l —
1
i
1
1
Geschwisterliebe
jüngere Menschen
—
— ■
—
Jugend
Kinder
“
—
—
Brüder u. jüngere
Kinder
—
—
1
atppayiCeaöat
—
--
—
—
^naTEXXciv
—
—
—
—
fcsxdvai
—
—
-
—
xpEf&aa&ai
—
—
—
■——
SoxijjloCsiv
—
—
- - -
ctxoueiv
2. auf die
bewirkt zuweilen
Vernichtung der
Nutztiere
' in schlechtenTier-
kreisbildem
macht er die Tiere
krank, in guten
Tierkreisbildern
gibt er den Tieren
starke Seelen
3. auf die
zuweilen Ver¬
nichtung der
Nutzpflanzen
I *
m schlechten
Tierkreisbildern
zerstört er die
Erdfrüchte, in
guten vermehrt,
pflegt er sie und
bringt sie zur
Reife
'*!
► 1
A
Ifl* *
M
i,
*
!
I
f
••
.1
1
S
l
*
Tiere:
Pflanzen
6 1
7
Rhetorios
8
Abu ma' sar
9
Ali ibn abi ’r-rigal
Handel
Märkte, Handeltreiben,
Kaufen, Verkaufen,
Nehmen, Empfangen,
Gesellschaft (der Kauf¬
leute ?)
i
Unglück von Feinden,
Furcht vor ihnen, Skla- i
ven und Dienern
i
freudige u. traurige Er¬
regung
■
Brüder liebende
1
Zuneigung
'1
’
1
1
Milde, Erbarmen
-- -
1
1 _
I
s
Vertrauen, Ruhe
——-
U
1
enthält sich des Bösen
—
—
—
J ugend
—
—
jüngere Brüder
jüngere Brüder
vgl. Anhang zu Merkur
1
Frauen
— -
_ 1
•
vgl. das Für-wahr-halten
—
8
Bichtold - Stäubli, Aberglaube VII
227
Antiochos
Dorotheos
Planeten
Ptolemaios
unregelmäßige
Winde,die schnell
dahersausen und
plötzlich wech¬
seln
4
Iulianos
in schlechtenTier-
bildem:
plötzliche Winde,
die die Luft ver¬
wirren, Staub¬
wolken, Wirbel¬
stürme
228
5
Valens
4. auf die
229
Firmicus
Witterung:
Planeten
230
Rhetorios
Abu ma'Sar
Ali ibn abi 'r-rigal
Gewitter
Gewitter
Blitze, einschla- Blitze, einschla¬
gende und zün- gende, zündende,
dende : leuchtende
Dunkelheit
Hagelschlag
Regengüsse
in guten Tier
bildern:
gemäßigte Luft
Regengüsse
Erdspalten
Erdbeben
Erdbeben
5. auf die
Erde:
6. auf die
Gewässer
in westl. Stellung:
Austrocknen der
Gewässer und
Flüsse
in östl. Stellung:
Füllen der Ge¬
wässer u. Flüsse
vgl. in schlechten
Tierbildern:
Erregung des
Meeres;
in guten Tier¬
bildern :
heiteres Wetter
über dem Meere
in östl. Stellung
dunkelhäutige
gut proportio
nierte in der
Größe
III* Schaffung von
1. ihrer körperlichen
Menschentypen.
Beschaffenheit nach entstehen
vgl. schöne Erscheinung,
ebenmäßige Gestalt
8 *
I
Antiochos
2
Dorotheos
3
Ptolemaios
4
lulianos
5
Valens
1 _
wohl proportio¬
niert
—
— —
mit kleinem Kopf
•-
—
- —
mit Haaren in
der Mitte i
—
1
in westl. Stel¬
lung:
honigfarbene
"
—
—
Mangel leidende
--
—
lilagCIC
—
—
hohläugige
•-
—
—
etwas rote
P
1
I
)
\
1
—
6
Firmicus
Rhetorios
8
Abu ma‘ §ar
Ali ibn abi 'r-rigal
gut proportionierte
kraushaarige
magere
mit schönem Bart
Sommersprossen im Ge
sicht
dicke
2. ihren Qualitäten
(Temperamenten) nach entstehen:
—
in östl. Stellung: j
mehr Wärme j —
!
—
—
|
in westl. Stellung:
mehr Trocken- —
•
1
heit |
3. ihrem Charakter und ihrer psychischen
Haltung (bzw. ihrem Beruf) nach entstehen:
—
in guter Stellung:
edle (?)
1
verständnisvolle.
scharfsinnige,
Denker, Viel¬
wisser, Erfinder,
Erfahrene, über-
legende, scharf¬
sinnige
Naturwissen¬
1
schaftler
talentierte
1
•
•
1
1 _
i
1
i
Wohltäter
eifrige
»
r ““ “
1
1
gerechte
Philosophen, Me¬
thodiker
geistreiche
es gefallen ih:
Dinge
gute
kundige, vernünftige I Klugheit
vgl. Kenner und
Erforscher des
Himmels
solche, die des Himmels
Geheimnisse erforschen
Astronomen usw.
Leute, denen man das
Amt der Schenkungen
anvertraut
talentierte zu allem
sich erbarmen, Milde
üben
*
Planeten
Antiochos
Dorotheos
Freundschaft
führende, beleh¬
rende
Mathematiker
bzw. Astrologen
an Mysterien hin
gegebene
Opferpriester,
Wahrsager
erfolgreiche
Grammatiker
3
4
5
Ptolemaios
Iulianos
Valens
überlegende
--
ein Leben geisti-
! -
—
Kenner und Er¬
forscher des
Himmels
Leute, die mit
Heiligen um¬
gehen :
Wahrsager, Opfe-
rer, Vogel¬
schauer, Traum¬
deuter
Bildhauer, Bild
Schnitzer
Ärzte
Grammatiker
Advokaten
Redner
Baumeister
Tonkünstler
Flechter u. Weber
Kenner d. Kriegs¬
und Feldherm-
werks
Minnesänger,
Witzbolde (!)
237
Planeten
238
6
7
8
9
Firmicus
Rhetorios
Abu ma'Sar
Ali ibn abi ’r-rigal
alles Lernende
Leute mit Überlegung
Wohlgebildete
Mathematiker, Astro¬
logen
Leute, die begierig
die Geheimnisse aller
Dinge zu erlernen: Re¬
ligiöse, den Religions¬
übungen Hingegebene,
Opferschauer
Advokaten
Redner, deren Reden
mit Anmut sind
erfolgreiche
Kenner der Wissen
schäften
Advokaten, Notare
Wohlberedte, vgl.
Schwätzer
Dichter
Beschäftigung mit den
Wissenschaften
Astronomen
Göttlichkeit, Inspiration
der Propheten, Apothe¬
ose
das Kind liebt die Bü¬
cher, die Rechnungen
und die Lehrämter
vgl. verschiedene Hand
werker
schröpfen
Wissenschaften
Rede, Schönheit der
Rede
Architektur (?)
Kenntnis der Melodien
schön Redende, im Re¬
den wagemutig, schöne
Reden
feste Freundschaften
bescheidene
Leute mit vielen Freun¬
den, die die Gesellschaft
lieben
von Vielen geehrte
Dichtung, Poesiesamm
lungen
Zuneigung, Vertrauen,
Ruhe
liebende
außer Landes reisende
239
Planeten
24O
I
Antiochos
2
Dorotheos
3
Ptolemaios
4
lulianos
5
Valens
in ungünstiger
Stellung:
Übeltäter, geneigt
zu Verbrechen
—
——-
voreilige
-■
--
——-
vergeßliche
-■
--
--
Leute mit schnel¬
len Vorsätzen
--
——
--
— alberne
—
—
—
— unbeständige
—
--
—
— Leute, die etwas 1
bereuen
—
—
—
— törichte, dumme
—
1 — Leute, die Böses
tun
—
—
—
— Lügner
—
—
—
—
gleichgültige
—
—
—
unbeständige
—
—
—
--
habgierige
—
—
—
—
ungerechte
--
Leute, die gefähr¬
lich in ihrer Ge¬
sinnung sind
solche, die ver¬
suchen, das Wi¬
dersinnige und
Methodische
durch Abstim¬
mung oder falsche
Schlüsse sinnvoll
zu machen
—
—_
Bankiers i
1
4
■-
Leute, die ihr
Leben hinbringen
mit Irrfahrt, Un¬
stetigkeit
vgl. Kauf und
Verkauf jeder
Geldsorte {?)
1
241
Planeten
242
ft
Firmicus
Rhetorios
Abu ma‘§ar
Ali ibn abi ’r-rigal
! Leute, die in vielen
Wechselfällen vieler
Dinge kundig geworden
I sind
Übeltaten
sich eilen im Arbeiten
beweglich, geistig leben¬
dig
Lügner, Betrüger
Lüge, Unwahrheit
schwachen Herzens:
lügnerisch
vgl. Schreiben und Er¬
finden von übler Nach¬
rede
i Reiche, große Bankiers
Würfelspieler
vgl. Erregung von Un¬
ordnung beim Vermö¬
gen
gewitzigt in betrügeri¬
schen Aktionen
247
Planeten
se de calculacione. Diligens depingere florem
et huiusmodi varia et diversa. quia est homo
speculantius quam speculatur in singulis supra-
scriptis et defacili capit quicquid volit et est
bone memorie. / Est homo mobilis et inconstans
diligens iter agere per diversas terras / habet
parvam frontem: longa supercilia: oculos nigros:
nasum directum: fatiem claram: labia magna:
dentes equales / habens rimam subter labia in
loca quae dicitur mentum / habet digitos
longos: barbam tenuem / non est nimis albus
nec nimis niger / amat mulieres et vestes nigras.
habet pedes longos et collum longum: crines
crispos: / Est homo iocundi animi / multum
inconstans in factis suis / defacili mobilis de
proposito in aliud.
Hs. Tübingen M. d. Nr. 2, fol. 270 verso.
Mercurius ist under Venus allerneste und
hat grossen gewalt in dem zwylinge, wan das
248
ist sin huß und hat noch grossem gewalt und
glucke in der junffrauwen, want sie ist sin
erhohunge und hat keynen gewalt in dem
schützen noch in dem fische. Mercurius ist gut
by den guten und böse mit den bösen und ist
doch gut von syner naturen. Syn kynt ist
wolgespreche und meisterlich und rümet sich
gern und fraget gern nach grossen Sachen und
künsten und ist eyn meister siner reden und
hubscher fremder kunste bisunder in den
Sachen, dar inne man künftige dinge befindet
und in allen natürlichen Sachen und eyn meister
hubscher reden und dichtens und grosser
rechenongen, snytzen, graben, malen, urgel-
machen, sie hant (!) wunderlich betrachtunge
uf die kunst und eynen unmüssigen synne und
begriffet an leren was er will und behelt es
lange und ist unstede und bewegelich und
wandert gern in fremde lant. Syn stirn ist
breit, sin brawen lang, syn äugen swarz, sin
Planet
1. Babylonische
Sin, der Vater, dessen ‘Symbol' der Mond ist, Er selbst ist der erhabenste Herrscher im Hirn-
stellt das Urbild königlicher Würde dar. Er mel und auf Erden; denn er allein hat keinen
verleiht das Szepter und beruft zur Herrschaft. Richter über sich; selbst SamaS, die Sonne,
2 . Griechisch-arabische
I. Physikalische
größere Macht im | Natur: naß und I —
Feuchten i I
1 — hat aber zuweilen
• Teil am Wärmen |
! I i
!
1
1
v
I
leitet mit der
Sonne die übrigen
Planeten
gemäßigt
Luna führt den
ganzen Kosmos
in dem Range
einer Königin
sein Licht ent¬
steht durch Re¬
flexion des Son¬
nenlichts u. ist
unecht
Farbe:lauchgrün
Geschmack: sal¬
zig
r
Planeten
nase siecht, syn antlitz clare bleich, sin lefzen
groß> syn zende glych, sin kynne gespalten,
syn finger lang; er achtet nit vil uf frauwen
und treit gern grawes gewant und hat vil
fründe und auch zu keynem glucke. Und hat
lange beyn und etlich sagen, er habe eynen
langen halß und eyn geringes gemute und eyn
dynne har und ist unstete.
Cod. Vindob. 3085 fol. 24 verso.
Mercurius der planet Ist getemperirt mit
seinet nat(ur) Also kumpt er zw ainem gueten
so ist er güt kumpt er zw aynem pösen so ist
er pöß Mercurius machet den meschen enphenck-
lich an seinem leib von äyner starcken vnd
herlichen person vnd macht den menschen
schön mit lutzell hars vnd mächt In näch der
seil gar weiß vnd subtill vnd das er weishait gar
lieb hat vnd aynnes gute siten Vnd äynner
güten red Also das er wöll sprechent wirt vn
doch nit vill redet vnd gewint vill frewde vnd
wirt gütz rätz vnd näch der lere der weysen
maister vnd stern secher So get mercurius der
Sün nach vnd hat äyne schein denn man selten
siecht därüb er der sünnen also nahent ist Dey
vnd (er) dem planeten mercürio gepören werden
dy gewynen grösz end vnd werde red sprachig
vnd weis vnd leicht pey den lewten vnd plaich
an der varb vnd studiren geren Vnd sein still
vnd subtill vnd wirt vill an in sten vn sein
gütz rats vnd haben doch nit vill gelucks vnd
haben doch nit pöshait in In selber mercurius
erfüllet seine laüff In drewn hüdert vnd in
acht vnd dreissig tage vnd dy melancolici sein
gar geturstig Vnd aines güeten rätz vnd gerecht
an in selber vnd dy lutzell reden vnd auch alle
ding haymlich volpringn vnd regnirt vnder
den zwelff zaichen mit der Junckfraüen vnd
mit dein zwiling vnd mit iren naturenn.
251
Planeten
252
I
2
3
4
Antiochos !
Dorotheos
Ptolemaios i
Iulianos
verwaltet den
Raum rings um
die Erde, ist der
Erde am nächsten
und nimmt mit
seiner Größe die
'Abflüsse' aller
(Planeten ?) auf
der Mond als das
erdnaheste Ge¬
stirn gibt dem
Irdischen seinen
Zufluß, indem mit
ihm das meiste
sowohl Beseelte
wie Unbeseelte in
Sympathie steht
und sich mit ihm
wandelt. Die
Flüsse wachsen
u. fallen mit sei¬
nen Phasen in
ihren Strömun¬
gen, die Meere
wechseln mit sei¬
nen Auf- u. Un¬
tergängen ihre
Gezeiten, Pflan¬
zen u. Tiere . . .
kommen in ihrer
Fülle mit ihm u.
verkümmern mit
ihm
von mannigfa¬
cher Wirkung auf
das Irdische und
das Entstehen in¬
folge der Schärfe
seiner Bewegung;
zu beachten bei
jeder Geburt
nach dem Voll¬
mond, der Kon¬
junktion mit der
Sonne und der
Zu- bzw. Ab¬
nahme usw.
5
Valens
II. Allgemeine
1. in der
[fehlt bei
Qabisi]
al-
herrscht über den
ganzen mensch¬
lichen Körper
Mutter, führende
Frauen
[fehlt bei Ptole-
maios]
wirkt mannig¬
fach auf das Ent
stehen (s. u.)
2. im mensch-
Leben der Men¬
schen gemäß der
Geburt
Körper
Mutter, Herrin
Schwangerschaft
Gestalt
Antlitz, Anblick
gesetzliche Ehe
Aufziehung
größerer Bruder
Leben in häus
licher Stille
Geld (Vermögen)
253
Planeten
254
678
Firmicus Rhetorios Abu ma'äar
Wirkungen.
Natur:
— —. — fügt sich dem Menschen
in Entstehen u. Ver¬
gehen an, weil er klein
beginnt und zunimmt
usw. wie bei Ptolem.
Luna ist Königin der
Nacht und hat Macht
über das Wachsen u.
Fallen des Meeres (wie
bei Ptolem.)
j
1
• 1
! i
;
• i
1
, — — bewirkt Regengüsse
9
Ali ibn abi 'r-rigal
255
Planeten
256
257
Planeten
258
Firmicus
Rhetorios
Abu ma*§ar
Ali ibn abi T-rigal
Glück
Glück; er vermehrt den!
Menschen, indem er
stolz ist und gesund an
seinem Herzen, indem
er . . . geehrt ist bei den|
Menschen und aufge¬
nommen wird von ih¬
nen ; nicht verbirgt er
seine geheimen Gedan¬
ken
Königin
v !
i 4
vgl. Könige, Adlige;
Prinzessinnen
hat die Oberhand über
das, was er will von den
Dingen
[er ist weise geworden in
der Religion u. den ho¬
hen (?) Wissenschaften
u. der Magie u. die Men¬
ge der Täuschungen in
den Dingen, in der Geo¬
metrie u. in der Wissen¬
schaft der Länder und
Meere u. seine Vorbe¬
stimmung u. im Rech¬
nen (Rechnungen). —
Vielleicht falsch von
Merkurlisten hierher ge¬
stellt.]
weist auf den Anfang
aller Handlungen
i t
Menschentypen.
Beschaffenheit nach entstehen:
— Leute mit breiten Schen¬
keln, breiten Knien !
* *
B ächtold - Stäublj , Aberglaube VII
er ist König mit den
Königen, Sklave mit den
Sklaven, u. er ist mit
allen Menschen I
9
Hs. St. Gallen 429 fol. 96 ™cto m
Luna currit per 12 signa in 27 diebus, in
septem horis et 24 minutis / Et est in quolibet
signo per 2 dies: 6 horas et 38 minuta. Magnam
habet potestatem in thauro quia est eius elevacio
et adhuc acriorem in cancro quia est eius
domus / magnum diffortunium habet in scorpione
et capricomo /
Luna plus influit nobis quam aliquis aliorum
planetarum, quia nobis proximus et in suo
cursu velocissimus.
3 . Deutsche Sammel-
Unde puer natus sub tali planeta est in-
constans. libenter speculatur ab intra, sed
indeliberate tarnen communiter loquitur. pluries
et facitur. infirmatur / de facili irascitur et
proturbatur, sed statim cessat / Non con-
cupiscit res alienas / raro efficitur 60 annorum
in etate / Inclinatus est ad mercimonia et ad
navigandum. Imo est Cursor per diversas
terras. habet fatiem claram et rotundam /
frontem latam / supercilia crispia et sepius
coniuncta: oculos mediocres. Et unum oculum
261
Planeten
262
Firmicus
Rhetorios
Abu ma‘§ar
Ali ibn-abi 'r-rigal
knorpelige
mit schönen Augen
mit weiblichem Gesicht
frauenhafte
—• wohlgenährte
1. Körperteile (Krankheiten):
Magen
linkes Auge
Blähung
talle:
Glas
erkreisbilder:
kapitel des MA.s:
acriorem alio. habet nasum <et> os parvum
et communiter aliquam specialem maculam in
fatie / statim canescit et multum appetit res
temporales, sed modicam. habet fortunam.
(Hier scheint z. T. eine ganz andere Über¬
lieferung vorzuliegen, deren Tradition für mich
noch nicht klar erkennbar ist.)
Hs. Tübingen M. d. 2 fol. 271 verso.
Luna der Mone ist der nyderste planete und
uns allerneste und leuft durch die 12 Zeichen
in 27 tagen und ist in eym iglichen Zeichen
2 tage 6 stunden 38 mynuten und hat grossen
gewalt in dem wieder, want er ist sin erhohunge
und hat noch grossem gewalt in dem krebs,
wan er ist sin huss und hat unglucke und wenig
gewalts in dem tarrant (NB. Tarantel, Skorpion)
und in dem steynbocke. Der mone ist uns
zugefuget alles gestyraes und aller planeten
influsse, want er uns allernest ist mit synem
lauf aller snellichste.
Myn (!) kint ist unstede als der Mone und
263
Planeten
264
blibet selten an eyner stat und fahet vil an.
er ist lugenhaftig. wiser rede, kalter nature,
lichtlich ungesunt, umb cleyne ding zornig und
ungemut und wirt selten 60 jar alt, und ist
gern eyn kaufman eyn schiffman ein leufer
oder bote. Sin antlitz ist rünt bleich und clare,
sin styme breit, eyn äuge grosser dan das
ander nyder nase mit wyten naselochern, eyn
dicken münt, sin antlitz hat dicke Zeichen und
wirt bezitlich gra und hat seiten glucke. (Hier
scheint z. T. eine ganz andere Überlieferung
vorzuliegen.)
Cod. Vindob. 3085 fol. 25 verso.
Der man ist der nidrest plänet er ist feücht
vnd chalt vnd tugenthafft vnd ist herr aller
feüchten ding vnd ist aüch aller schnellest an
seinem laüff Dan er laüfft in aynnem mönad
als vill als dy Sün in ainem Jar er richtet aüch
an alle chalte lewt dy da flüssig sein vnd auch
gesiecht haben vnd churtzlich alle dye dy da
pösse feuchtikait an in haben wan er vber
alle feüchtikait regnirt vnd allermaist des
meschen von seine plüet Daromb so ist es
nütz däs wir seine laüff mer wissen vnd in
welchem zaichen er gang wan es ist gar sorcklich
das man seins laüffs nit wämympt wan er der
nydrest plänet ist Es ist er aüch als ain richter
vnd aller plänetn natur an sich zeücht ain taili
vnd darüb müessen wir seinen laüff mer wissen
dan der anderer pläneten wan er vb (er) alles das
regnirt das in vns ist Der man macht den
meschen weitschafft vnd also das er nit mäg
peleiben an ayner stat vnd macht auch den
menschen vnderweillen frolich vnd vnder-
Weg in die Kunst. Sie objektiviert sub¬
jektive Gehalte und gibt ihnen für ihre
Zeit das Recht der Gültigkeit.
Erklären sich aus einem ähnlichen Ver¬
halten des Menschen zur Vorstellung des
pl. Weltregiments die zahllosen echt
deutschen Darstellungen der Pl. in
Handschriften, Blockbüchem, Holzschnit¬
ten, Drucken, in der Skulptur und im
Relief, die man in dem Deutschland des
14.—16. Jh.s schuf und die die Formtypen
entstehen ließen, die dann in den folgenden
beiden Jahrhunderten jedes primitive
Pl.buch nachdruckte ? Denn von antiker
Nachwirkung ist oft gar nichts in den
Formen zu spüren. Geht doch die schöp¬
ferische Kraft der Umprägung uralten
Inhalts in dieser Zeit so weit, daß man
vielfach nicht einmal mehr mit den für
die Götter typischen Attributen der Antike
etwas anzufangen weiß.
Dies erklärt sich so: hier wurde in der
deutschen Kunst ein Weg zu Ende ge¬
gangen, den die Araber und das abend¬
ländische MA. betreten hatten. Der
griechische Inhalt der astralen Dar¬
stellung als objektiver Abspiegelung der
himmlischen Wirklichkeit bleibt unbe¬
weillen traürig Vnd doch des merern tails
frolich vn mächt dem menschen ain krümpe
nasen mit krumpen naslochern Vnd gar feüch-
ter natur vnd hayssen dy selben menschen
flegmatici vnd sein gar trag vnd der selbig mensch
hat albeg vngeleiche aügen Also das im ayns
grösser ist dan das ander vnd erfült seine laüff
alle monad vnd erleücht dy nacht vnd entlehet
sein liecht von der Sünnen vnd mert sich vnd
mynert sich vnd dy chind dy er machet vnd
gepirt das werden gemyncklich knäben Vnd
gar vill gemaynschafft mit den menschen vmb
dy nachte so der man hat wö (?) vnd mit der
Sünne vnd wan der man regnirt so ist nit gut
an zw heben noch an zw vachen wed paüen noch
kaynerlay Sachen Dan es ist vnstat vnd
vnbeleiblich vnd der man macht auch plaich
vnder' dem antlitz Vnd mit flecken gemischt
vn macht in gar vnsynnig also das er gar pöß
vnd czomig wirt Vnd das ist vö irs wandeis
wegen es ist zwe wissen das der man ist in
äynem yettlichen Zaichen ayn monad vnd
hat vnder Im den Crebs mit seiner natur.
D. Die bildlichen Darstellungen
der Pl. und Pl.kinder im deutschen
Volksbereich.
Was den Menschen wirklich seehsch
erschüttert und umprägt, findet seinen
rührt; die von den Griechen geschaffene
anthropomorphe Form der Dar¬
stellung dieses Inhalts indes wird ab¬
geworfen ; man prägt den Inhalt in eigene
Form. Dasselbe tut nach dem Ein¬
dringen der arabischen Astrologie ins
Abendland das abendländische Mittel-
alter nochmals mit den arabischen Illu¬
strationen. Kaum etwas anders dürfte
die Intensität der Einschmelzung der
astrologischen Lehren in das abend¬
ländische Bewußtsein deutlicher spüren
lassen.
Es bedeutet etwas Ähnliches, wenn
unter dem Einfluß der Rückwendung der
Renaissance zu antiker Form nun dieses
Gesetz wiederum Geltung erhält und
erneut die Formen der Darstellung ver¬
ändert. Auch hier betätigt sich nochmals
schöpferischer Wille; es wird nicht wesen¬
los tradiert.
Nur die historische Analyse des Tra-
dierungsprozesses der Pl.bilder läßt die
hinter den Bildern stehende Haltung
265
Planeten
266
— 9
deutlich werden. Sie erst zeigt, was die
aus antiken und arabischen Astrologen
übernommenen anthropologischen Inhalte
der Pl.systematik, die wir in Abschnitt C
beschrieben, dem 14.—16. Jh. bedeu¬
teten m ).
I. Die Anwendung der bildlichen
Darstellung der PL in Deutsch¬
land ist zunächst naturgemäß auf be¬
stimmte Stellen beschränkt.
1) Zunächst illustrieren sie die deut¬
schen Texte, von deren formaler und in¬
haltlicher Seite wir oben in unseren Ta¬
bellen durch Abdruck zweier Typen, die
damals weitere Verbreitung gefunden
hatten, einen Begriff zu geben suchten.
Man wird also viel Material in den Hss.
des ausgehenden Mittelalters vorfinden.
2) gibt es Pl.darstellungen auf Block¬
büchern, die wie eine Art Zeitung die
Lehre verbreiteten, und auf Prognostiken.
3) begegnen sie in ähnlicher Absicht
nach der Erfindung der Buchdruckerkunst'
in den gedruckten astrologischen Werken
höheren und niedrigeren Inhalts; die
Nachwirkung dieser Gewohnheit ist bis
in die Pl.bücher des 18. Jh. und wohl
noch darüber hinaus spürbar. Der leben¬
digen Vielfalt der hs. Illustration gegen¬
über ist in den späteren Pl.büchem deut¬
lich die Erstarrung der Typen zu be¬
obachten.
4) Aber diese Illustrationskunst ist nicht
auf die „Fachwerke" beschränkt. Sie
löste sich früh aus ihnen, und ward in
der Kunst des Reliefs, der Plastik und
des Bildfrieses, die alle drei der Aus¬
schmückung öffentlicher Gebäude dienten,
schon vom 14. Jh. an Ausdruck von welt¬
anschaulichen Denkinhalten der All¬
gemeinheit jener Zeit. Gerade die Tat¬
sache der Loslösung aus den Fachwerken
beweist zur Genüge, wie stark und lebendig
die Auseinandersetzung mit dieser Lehre
im Abendland vor sich ging; vor Deutsch¬
land haben namentlich Spanien und
Italien daran Anteil.
II. Zum Wesen
der bildlichen
in Mittelalter
Wiedergabe der Pl. in Mittelalter
und Renaissance. Im echten Bild liegt
Gehalt eingeschlossen. Der Gehalt ist
der der Darstellung zugrunde liegende
Gedanke. Die Bildwiedergabe ist somit
Gestaltwerdung des Gedankens. Die PL-
bilder machen die Kräfte, die dem ein¬
zelnen Pl.wesen zugrunde liegen, sichtbar
und objektivieren sie. So wie sie Tat¬
sachen werden, machen sie erst die An¬
thropologie der neuen Lehre, die von
den Kräften gestaltet wird, eigentlich
verstehbar. Ausdruck der Kräftedeutung
durch den Künstler ist im Gesamt die
Form, die im einzelnen das Attribut als
ein Sinnbild abstrakter Gehalte verwendet.
Die Büder der Pl. haben alle einen ab¬
strakten Gehalt, weil sie eigenschafts¬
wirkende Kräfte darstellen; konkret wird
dieser in den irdischen Wirkungen; die
Darstellungen der pl. bestimmten An¬
thropologie in den sog. Pl.kinderbildern
gehören also unmittelbar zu den Ver¬
suchen der bildlichen Darstellung pl.
Wesens, denn es sind die auf der Welt
sichtbaren Zeugen bestimmter pl. Kraft¬
äußerungen. Gerade diese Bilder be¬
weisen, daß das vomehmliche Interesse
der anthropologischen Seite des Pl. galt,
also den vom Schicksal gewollten In¬
dividuen.
Die unter keinerlei historisierender Be¬
trachtungsart leidende Zeit der Araber
und des späteren Mittelalters brachte die
Kraft auf, „artgemäß" mit dem antiken
Inhalt siderischer Bilder umzugehen. Das
heißt nicht, daß die Antike ihrer Vor¬
stellung von den Pl.göttern keinen gültigen
Ausdruck verliehen hätte. Im Gegenteil:
die Tatsache, daß die sieben Sterne be¬
stimmten dem griechischen Bewußtsein
konkreten Göttergestalten zugewiesen
wurden, ließ nach der Gleichsetzung von
Stern und Gottheit in Hellas den Pl.gott
in der bildlichen Vorstellung, die bisher
der vom Pl. unabhängigen Gottheit galt,
aufgehen. Diese Bilder haben formal
natürlich ihre Nachwirkung im Mittelalter
gehabt; aber nach dem Gesagten ist es
begreiflich, wenn es nur dort geschieht,
wo mittelalterliche Menschen in erster
Linie sich als Fortsetzer antiker Kultur
in schlechteren Zeiten verstanden, also
‘historisierend’ sahen. Und selbst hier
werden die antiken Formelemente nur
mit Mühe festgehalten. In ähnlicher
1
26 j
Planeten
269
Planeten
270
Weise liegen den arabischen Bildern
(syrische) Bilder zugrunde, die nicht ohne
griechische Anschauung entstanden waren.
Die Araber fanden sie schon orien-
talisiert vor, weil man im Orient die
babyl. Anschauungen über die PL nie
vergessen hatte, so daß den arabischen
Illustrationen die Umprägung in arabi¬
sches Formempfinden noch leichter fiel.
Auch hier ist der Grundzug unhistori-
sierenden Selbstgefühls unverkennbar; das
Abendland machte sich ebenso aus dem
Gefühl unnatürlichen Formzwanges her¬
aus selbst in der direkten antiken Tradition
von den gegebenen Formen der Bilder
unabhängig. Wie aber mußte sich dieses
unhistorische Gefühl erst in der künst¬
lerischen Formgebung siderischer Ge¬
stalten auswirken, wenn dem Abendland
die antiken Pl.gestalten in den arabisierten
Typen bekannt wurden! Da erst, wo
fern von der Möglichkeit, eine historische
Kontinuität zu erkennen, die Pl.bilder
übernommen wurden, waren die Vor¬
bilder so weit von antiker Formgebung
entfernt, daß diese nicht mehr hemmte,
zumal man sich nun auch mit eigenen
Wertmaßstäben hatte sehen lernen: so
entstehen die deutschen Pl.bilder des
14. Jh. in ihrer so echten deutschen Le¬
bendigkeit.
III. Die doppelten Bildformen
der ma. und renaiss. Pl.darstel-
lungen.
1) Antike Formen und ihre abend¬
ländische Tradition.
Antike Bilder der PL enthalten die Hss.
der Arat-Übersetzung des Germanicus,
die Hyginhss., sowie die Scholiensamm¬
lungen zu beiden Werken 122 ). Diesen im
Anschluß an Arat entstandenen Schriften¬
komplex faßt man unter dem Namen
Aratea zusammen. Was die Zeichnungen
angeht, so berücksichtigen diese, von den
Stembüdem in den astronomisch orien¬
tierten Arbeiten dieser Literatur ab¬
gesehen, mehr das stark mythologische
Interesse der Antike als das astronomische,
aus dem heraus freilich auch zuweilen
illustriert wurde 123 ).
Die Vermischung des mythologischen
268
Gehalts mit dem astronomischen ist in
allererster Linie für die Darstellung der
Pl. gegeben, weil die antike Identifizierung
von Stern und Gott auch in der bildlichen
Vorstellung naturgemäß dazu führen
mußte, das Bild des Sterngottes in An¬
lehnung an irgend eine plastische Dar¬
stellung jener Zeit oder aus mythologi¬
schem Relief (Bildfries) zu gestalten.
Einen antiken Saturn haben wir er¬
halten in einem Fresko aus der Casa dei
Dioscuri in Pompei 124 ). Stil der Körper¬
haltung, Gewandung, Kopfbildung, Haar¬
behandlung entsprechen samt der Farbe
dem, was man sonst auch von den vielen
pompeianischen Fresken kennt. Der Ein¬
fluß der Statue scheint auf die Zeichnung
in der Körperhaltung unverkennbar; damit
ist die Figur entwickelt aus einer von Um¬
gebung unabhängigen Plastik.
Neben die antiken (in ma. Hss. über¬
lieferten) männlichen Sternbilderzeich¬
nungen gehalten, lassen die antiken Pl.-
darstellungen genau denselben Form¬
typus wie die männlichen Sternbilder¬
darstellungen erkennen. Der für die
antiken Bilder charakteristische Rahmen
und blaue Untergrund ist für die Kopien
der Pl.bilder im Mittelalter freilich nicht
mehr vorauszusetzen 125 ).
Abgesehen von der Tradierung der Bil¬
der in den Aratea ist die neuschöpferische
Nachgestaltung antiker Pl.gestalten im
Mittelalter nur deutlich erkennbar in den
Büdern von zwei im 14. Jh. in der Pro¬
vence entstandenen Hss. der National¬
bibliothek zu Wien, die u. a. auch Pl.-
figuren enthalten. Auch unter diesen
naturgemäß (s. o.) fremder gewordenen
Gesichtern tritt der antike Typus deutlich
hervor in Haltung oder Gewand; vor
allem bleibt wichtig die noch hier wahr¬
nehmbare Vereinzelung der Figur. Eine
drei Jahrhunderte ältere Hs. (Cod. Reg.
123) vom Jahre 1056 (wohl im Kloster
Rip^ 1 * * den Pyrenäen entstanden) kennt
wie jüngere den antiken Rahmen,
den einfarbigen Hintergrund und den
mythologischen Inhalt. Die Figur ist
ebenfalls in statuarischer Selbständigkeit
gezeichnet 126 ). Ähnlich verhält es sich
'i
mit dem Merkur des Cod. Mutin. lat.
210 m ).
In diesem Zusammenhang ist besonders
interessant ein Überblick über die Nach¬
wirkung der Venus als Anadyomene bis
in diese Zeit in den genannten Wiener Hss.
Eine weibliche Figur taucht wirklich aus
dem Meere auf; in einem Fall ist das
Stemrund, das schon in Cod. Reg. 123
die Gottesdarstellung umschloß — Wan¬
del des viereckigen antiken Rahmens —,
zum Rahmen der ganzen Szene geworden:
Fische deuten realistisch das Meer an,
aus dem die Göttin emporsteigt; die
andere Darstellung verfährt ähnlich mit
der Komposition, faßt aber das Rund
wieder als Bildrahmen und läßt die in
diesen hineingestellten Figuren den Stern
in der rechten Hand tragen 128 ).
Es wäre zu untersuchen, wo zuerst der
antike Rahmen, der kompositionellen An¬
sprüchen dient, zum Stemrund geformt
wird und somit selbst Bild wird. Sicher
mittelalterlich, hängt diese Erscheinung
mit dem Abwerfen der antiken Kompo-
sitions- und Gestaltungselemente zusam¬
men, die Fritz Saxl auch bei dem Ver¬
gleich früherer und späterer Stembüder-
zeichnungen, deren antike Grundlage un¬
bestreitbar ist, nachgewiesen hat. Aber
während dort der Rahmen gänzlich in
Fortfall kommt, wird er hier als Stück des
Sterns aufgefaßt, den die Figur — einst
die Hauptsache — verständlich macht 129 ).
Daß im Mittelalter die antike Form
schließlich verloren gehen konnte, wo der
Inhalt so sorgfältig tradiert wird, hängt
auch damit zusammen, daß die Illustra¬
toren ihre Darstellungen antiker Götter
oft nach Beschreibungen in Prosa ab¬
faßten, die sehr genau das Detail der
antiken Gestalt in ihrer Haltung angaben,
aber infolge der ganz unhistoristischen
Sehweise des Mittelalters naturgemäß
„modern“ gesehen wurden 13 °).
Von der größten Bedeutung sollte für
diese Kunstäußerung der mythologischen
Gestaltung das Buch eines irischen Mönches
namens Albericus (12. Jh. ?) werden; dies
wirkte weitgehend auch auf die bildliche
Pl.Schilderung ein. Man wird nach den
Beschreibungen dieses Buches immer so¬
fort genau die antiken Vorlagen erkennen;
der Stil der Bildbeschreibung erinnert
etwa an Philostrat; andrerseits ist eine
antikem Stilgefühl entsprechende Zeich¬
nung nicht zu erzeugen, wenn bildliche
Vorlage fehlt. Ein solches formal un¬
antikes zeichnerisches Beispiel für die
Venus findet man bei A. Warburg, Ges.
Schriften II Taf. LXIV Abb. 112 (teil¬
weise auch Saxl I A. 1). Wir zitieren teil¬
weise die Beschreibung der Gestalt:
„Venus hat unter den Pl. den 5. Platz-
Sie wurde gemalt als allerschönste Jung¬
frau, nackt und im Meere schwimmend,
und in der rechten Hand hält sie eine
Muschel, mit einem Kranz aus weißen
und roten Rosen war ihr Kopf geschmückt,
und von Tauben, die sie umflatterten,
war sie begleitet. Vulkan, der Feuergott,
roh und scheußlich, war ihr angetraut
und stand zu ihrer Rechten usw.
Danach hat A. Warburg bis ins 12. Jh.
den Typus dieser Anadyomene des Alberi¬
cus in der Miniaturmalerei wiedererkannt
(vgl. Ovide moralise), ferner in den
sog. Mantegna-Tarockkarten Oberitaliens
(1465) und in der Venus auf dem Schiffs¬
wagen über dem Märzfresken im Palazzo
Schifanoia zu Ferrara 131 ).
2) Die arabisierende Linie,
a) Historische Grundlage .
Eine starke Veränderung der mytho¬
logischen Auffassung der Aratea- und
Albericusgruppe bewirkte Michael Scotus,
der Hofastrologe Kaiser Friedrichs II.
Er läßt in die abendländischen Anschauun¬
gen „die pl.en Elemente des arabischen
Orients“ dringen. Er entkleidet u. a. so
die Pl. eines Teils ihres antik-heidnisch¬
mythologischen Gehalts und setzt dafür
mit christlicher Interpretation neue astro¬
logische. Er hat Merkur zum Bischof,
Jupiter zum Geistlichen usw. gemacht 1S2 ).
Wie solche und ähnliche ganz anders
geartete Typen möglich wurden, versteht
man, wenn man sich die Art des arabi¬
schen Bildmaterials ansieht. Selbst der
kunst geschieht liehen Betrachtung fern¬
stehend, versuche ich, die Ergebnisse
Fr. Saxls, der dies Problem eingehend in
mehreren Arbeiten untersuchte, folgender¬
maßen zusammenzufassen 133 ):
271
Planeten
272
Merkur mit dem Buche, Jupiter mit
dem Buche, Sol en face auf einem Sessel
oder dem Löwen thronend mit Kaiser¬
krone auf dem Haupte, Szepter und
Reichsapfel in den nach der Seite ge¬
streckten Händen haltend, sind deshalb
keine antiken Typen, weil die antike
Mythologie keine Züge enthält, aus denen
sich diese ganz andere Gesamtauffassung
der Pl. erklären läßt. Die Schwierig¬
keiten waren immer den Interpreten
deutlich; ihre vor Saxl versuchten Rück¬
führungen auf die Antike befriedigen
nicht. Z. B. glaubt man es Fuchs S. 22
nicht ganz bei der Erklärung des Merkur
der Sala della pace zu Siena, daß das
Buch des Pl.gottes eine naive Anspielung
auf den buchführenden Kaufmann sei,
der zu den Pl.kindern des Merkur gehört.
Saxl wies dagegen hin auf die Pl.-
illustrationen der Kosmographie des Qaz-
wlnl (f 1283), von dessen Werk die Wiener
Nationalbibliothek allein über vier Hss.
verfügt, was von seinem Einfluß
deutlich Zeugnis ablegt. Die dort ent¬
haltenen Typen (— sie sind nicht die
Quelle — ) weisen die Richtung, aus der
die unantiken Illustrationen der Scotushss.
stammen. Die Typen sind:
1. Mondgott, mit Mondscheibe als Kopf,
die von beiden Armen gehalten wird;
Frontansicht.
2. Merkur als Schreiber, Profilansicht.
3. Venus, reich geschmückt mit Ohr¬
gehängen, Armband und Haarschmuck,
spielt auf einem Musikinstrument;
Frontansicht.
4. Sol, mit einer Krone auf dem Haupt,
hält ein Schwert auf den Knien;
Frontansicht.
5. Mars, gekrönt, hält in der einen Hand
an den Haaren ein abgeschlagenes
Haupt, in der anderen ein Schwert;
Frontansicht.
6. Jupiter hält ein halbgeöffnetes Buch,
in das er hineinsieht, Halbseitenansicht.
7. Saturn sitzt, im Gegensatz zu den
anderen, die (meist mit untergeschlage¬
nen Beinen) auf Polsterthronen sitzen,
auf einem Klappstuhl, hat die Rechte
erhoben und hält in der Linken an
langem Stil eine Spitzhacke. Fast
Profilansicht.
Stilistisch fällt das Bild des Saturn
merkwürdig aus dem Rahmen.
Für diese Pl.gestalten ist man sehr an
die babylonischen Stemgötter,zu denen
die Pl. gehören, erinnert. Da haben wir
den Mondgott (männlich) Sin; Merkur ist
Nebo, der Schreibergott; Venus könnte,
obwohl sie auch im Orient die Göttin des
Frohsinns und der Liebe ist, aus abend¬
ländischem Empfinden erklärt werden,
wenn die Laute nicht wäre (s. u.); der
Sonnenkönig ist Samas, der einmal
schlechtweg 'malik' „König" heißt; Mars
entspräche mit dem Haupt des erlegten
Feindes dem Ninib-Nergal; Jupiter mit
dem Buch läßt an Marduk's Rolle der
Schicksalsverkündung denken, die der
Gott aufgezeichnet durch seine Priester
an den Neujahrsfesten dem König über¬
gibt.
Saxl hat die naheliegende Folgerung —
man vergleiche unsere Beschreibung der
den Pl. gleichgesetzten babylonischen
Götter — gezogen, daß die Qazwlnl-
Darstellungen der Pl. inhaltlich die nach-
lebenden Pl.götter Babylons zeigen. Na¬
türlich ist die Tradition nicht rein orien¬
talisch geblieben; die Vorstellungen, die
die Griechen sich zu den Pl.göttern ge¬
schaffen hatten, wurden auch im Osten
aufgenommen, wenngleich dort das orien¬
talische Empfinden in Form und Inhalt
immer stärker blieb. Bei den Pl.darstellun-
gen des Qazwlnl ist zunächst wenig
Antikes zu erkennen; aber auf islami¬
schen Gegenständen weist Saxl Pl.brust-
bilder in Verbindung mit den Tierkreis-
häusem nach, bei denen formal antiker
Einfluß ganz unverkennbar ist, und die
dem Abendland bekannt wurden wie die
Darstellungen der Qazwlmkosmographie.
Es fragt sich, wer die Vermittler dieser
synkretistischen Pl.Vorstellungen waren.
Daß nur Orientalen in Betracht kommen,
zeigen allein die babyionisierenden Nei¬
gungen der Qäzwinthss.; aber eben im vor¬
deren Orient waren auch die griechischen
Formen eingedrungen. Saxl weist auf
die aus antiken und orientalischen Ele¬
menten gemischte Sassanidenkunst hin.
Ein merkwürdiger Zufall hat nun auf die
harranischen Ssabier geführt, eine heidni¬
sche Insel mitten in dem christlichen
Mesopotamien, die noch im 10. Jh. ihre
Eigenart bewahrt haben muß. Deren
Religion gipfelte in einem auf ägyptische
Offenbarung zurückgeführten Pl.kult. Die
Namen der PL Ilios, Sin, Ares, Nabug,
Bai, Balth’i und Kronos zeigen die syn¬
kretistischen Einflüsse von Ost und West;
neben griechischen Namen stehen die
babylonischen Namen. Der Zufall hat uns
genaue Nachrichten über die Vorstellun¬
gen der Ssabier zu den PL erhalten; man
weiht ihnen Tempel und bringt ihnen
unter Gebeten Opfer dar (s. u. Sp. 293).
Diese Pl.vorstellungen entsprechen etwa
den Qazwimdarsteliungen. Man ver¬
gleiche etwa dessen Mars und sein blut¬
bestrichenes Schwert und blutendes Haupt
mit einem jener Berichte: „Am Diens¬
tag ... kommen sie (die Harranier) in
den Tempel des Mars, rot gekleidet, mit
Blut bestrichen und mit Dolchmessern
und entblößten Schwertern in den Hän¬
den." Aus diesem Bericht allein erklärt
sich auch die Laute der Venus; denn —
heißt es in der Beschreibung des Venus¬
tempels a. a. O.: „Es befinden sich dort
verschiedenartige.musikalische In¬
strumente, und die Dienerschaft des Tem¬
pels, von denen die meisten.schöne
Mädchen sind, hört nicht auf,.auf
musikalischen Instrumenten zu spielen.“
Den Merkur bezeichnet der genannte
arabische Bericht als „Schreiber". Über
die Einzelheiten der Übernahme von
Babylon-Hellas und die Weiterwirkung
auf die arabische Astrologie vermag man
im einzelnen noch nichts zu sagen. Hier
hat sicher auch die Anonymität des heim¬
lichen oder öffentlichen Glaubens an die
astrologische Gedankenwelt gearbeitet.
Im 11. Jh. hat man in dem islamischen
Buche Pikatrix (s. u.) wichtige Spuren des
auf lebenden Pl.glaubens in Verbindung mit
später neuplatonischer Kosmologie, aber
ohne Anschauungsmaterial. Doch kann
die Auffassung der Pl. als Engel und per¬
sönliche Dämonen der Menschen zur bild¬
lichen Verdeutlichung des pl. Wesens ge¬
drängt haben. Die ersten Darstellungen
im islamischen Kulturkreis stammen aus
dem 12. Jh. Seitdem muß es sich um
richtiges Traditionsgut der arabischen
Kultur handeln, was man in Spanien so
gut wie in Mesopotamien kannte. Das
Abendland erhielt Kenntnis über Spanien,
vielleicht auch über Sizilien.
b) Das Eindringen der orientalischen
Phantastik in das Abendland .
a) Scotushss.
Betrachtet man nun die Bilder der
Scotushss., etwa des Liber introductorius,
so erkennt man deutlich, daß die Form-
und Inhaltsveränderung der Pl.darstellung
hier ihre Wurzel hat. Die Quelle selbst
ist bisher nicht aufgedeckt worden. Indes
hegt für Scotus der Fall so: er steht auf
der Basis der antiken Aratea und stößt
mit den orientalischen Bildern zusam¬
men 134 ). Nun versuchte er von hier aus
bei den Sternbildern Erweiterungen der
Aratea, und fand neue Sternbilder (die
im Grunde doch nur griechische mit ver¬
änderten arabischen Namen waren). Doch
war bei den Sternbilderdarstellungen eine
bestimmte Bindung durch die bestimmte
Sterne umschreibende Figur gegeben.
Hingegen konnte bei der Pl.gestalt sich
die Phantasie austoben. So wird aus
Saturn der alte Kämpe mit Schild und
Sichel, Merkur der Mann des Buches,
Jupiter ein Gelehrter am Eßtisch. Denn
natürlich verstand Scotus und wohl auch
seine arabische Vorlage die Bilder und
Attribute aus dem astrologischen Wesen
des PL dergestalt, daß die Attri¬
bute und die Teile der Gestalt Symboli¬
sierungen seiner Wesens- und Wirkungs¬
bereiche sind.
Die Nachwirkung dieser Bildneugestal¬
tung war ungeheuer. Abgesehen davon,
daß es fast 20 Scotushss. gibt, beugten
sowohl Italien wie Deutschland sich dieser
neuen Formgebung, die zweifellos des¬
halb ungleich lebendiger war, weil sie mit
der neuen Astrologie zusammen das
Abendland eroberte.
ß) D ie arabisierenden Pl.typen
in Italien.
Die Einflüsse sind schon in der frühesten
bildlichen Darstellung deutlich: die Fres¬
ken des Lorenzetti in der Sala della pace
275
Planeten
276
im Rathaus zu Siena (1338—41) kennen
Merkur mit dem Buche, Venus mit der
Laute, Helios in Vorderansicht auf dem
Sonnen wagen, Saturn mit schwarzen un¬
geordnet herabhängenden Haaren und
dunklem Gesicht, Jupiter im Kaiserornat
mit Krone und Szepter und Reichsapfel
(diese Verwechslung mit Sol geschieht
unter antikem mythologischem Einfluß
öfters) 135 ). Ähnliche Einflüsse zeigen die
Reliefs am Florentiner Kampanile, der
„steingewordenen Encyklopädie“. Merkur
mit dem Buche wird hier zum Lehrer der
Wissenschaften; Venus ist ein schönes
Mädchen in fließend herabfallendem Ge¬
wände; Sol ein jugendlicher König mit
den Reichsinsignien; Jupiter ein Mönch
mit Kelch 136 ). Jupiter als Mönch mit
Kelch und Kreuz leitet Saxl von dem
Bericht über die harranischen Ssabier ab,
daß diese in Jupiter den Schutzpatron
der Christen gesehen hätten. „Demütig,
bekleidet wie die Mönche der Christen“ 137 ).
Saturn ist fast ein jüdischer Patriarch,
mit dem antiken Attribut des Kindes,
das er verschlingt, und dem Rad, das
sicher ein Mißverständnis der sich in den
Schwanz beißenden Schlange, des Attri¬
buts des Kronos, ist 137a ). So ähnlich ist es in
der spanischen Kapelle zu Florenz (1330),
am Dogenpalast zu Venedig auf dem
Pl.kapitell (1400) und im Salone von
Padua. Wir können Einzelheiten hier nicht
erwähnen 138 ).
Y) Deutsche Pl.typen mit orien¬
talischem Einfluß.
Wie die sachlichen Inhalte der Astrolo¬
gie nach Deutschland von Italien oder
Frankreich wanderten, so auch ihre bild¬
liche Vergegenwärtigung in diesem neuen
Stil. Hier kommt wohl in erster Linie
der Weg über die Alpen in Betracht, auf
dem die Scotushss. den Eingang fanden.
Wir gewahren nun auch hier die Ver¬
wendung der neuen Typen: der Bischof
Merkur in Monac. lat. 10268; in einem
Exemplar der Bibliothek Wenzels (Monac.
lat. 826) schreitet er mit zwei Kerzen auf
das auf einem Pult hegende offene Buch
zu; eine andere Hs. Wenzels (Vindob. 2352)
wahrt den Typus des Mannes mit dem
Buche und der Virga duplicis rami (Relikt
des alten Heroldstabs bei Scotus), aus der
der Maler des vorigen Codex die beiden
Kerzen entwickelt haben muß: ein deut¬
liches Beispiel dafür, wie schwer man die
neuen Formen inhaltlich festhalten konnte,
da klar verständliche mythische Bindung
für diese Auffassungen im Abendland un¬
bekannt waren. Jupiter tritt in beiden
letztgenannten Hss. an einen Eßtisch in
priesterlicher (bischöflicher) Tracht, Sol
ist in Monac. lat. 826 ein junger gekrönter
König mit den Reichsinsignien. Man
gewahrt dasselbe Bild wie in Italien. Auch
die Kleinkunst des Holzschnitts und fol¬
genden Buchdrucks kann sich der neuen
Richtung nicht entziehen: so ist in Leopol-
dis ‘Compilatio’ Jupiter der Mönch mit
dem Buche, er steht auf einem kasten¬
artigen Gebilde, das deutlich das Polster
der ßazwinizeichnung ist. Interessant ist
die Zusammenstellung dieser Typen auf
dem sog. Glücksrad, einem Augsburger
Holzstock. Verwechslungen untereinander
bleiben natürlich nicht aus: so wird Sol
in einer Kasseler Hs. mit dem neuen
Jupiter verwechselt, während auf dem
Glücksrad Mars in Harnisch mit Schwert
und Reichsapfel thront, was stark an
eine Umstilisierung des abgeschlagenen
Kopfes der Qazwinlhs. denken läßt.
Typisch ist auch Saturn mit der Hacke
(später dann auch mit der antiken Sichel)
auf den Prognostikondrucken des aus¬
gehenden 15. und anfangenden 16. Jh.
Selbst das erwähnte große Pl.buch sowie
die Astronomia Teutsch blieben nicht
unberührt. Zwar sind hier manche Ge¬
stalten wie Saturn, Mars, Jupiter und
Venus unter neuen antikisierenden Ein¬
flüssen der Renaissance wieder an die
antik-mythologische Auffassung ange¬
nähert 140 ); aber dieser Sol geht noch
unverkennbar auf den altorientalischen
Typus des auf seinem Tier reitenden
Gottes zurück, der gerade neben dem
von dem stehenden oder jugendlichen
Herrscher sich entwickelte und tradiert
wurde; man vergleiche nur den Sol auf
dem Löwen als Herrscher in dem Cod.
Havn. Thottske St. 40, 833 141 ). Erst der
Neudruck des Pl.büchleins von 1724 kehrt
277
Planeten
278
ganz zu antikisierten, der Renaissance
verdankten Gestalten zurück.
Schließlich kennen auch Pl.darstellun-
gen auf deutschen Häusern die Pl.typen
der Scotushs.; an dem Hause in Eggenburg
in Österreich ist Sol deutlich als Herrscher
zu erkennen; ebenfalls trägt wie bei
Scotus Jupiter eine Krone und Mars ein
Schwert 142 ). Am Göttinger Junkerhaus
ist derselbe Typus vertreten 143 ). Beide
Häuser zeigen im übrigen die antiken
mythologischen Gestalten in den Formen
der Renaissance; die Rückbewegung muß
in Italien eingesetzt haben und ist auf
Spielkarten faßbar. Die neuantiken Typen
wirkten bis in norddeutsche Bauern¬
kalender. Es ging hier ähnlich wie mit
den Sternbildersphären 144 ).
c) Die spätmittelalterlichen PL zu Pjerde.
Endlich gibt es noch eine freilich weniger
populäre Darstellungsform, die die PL auf
Pferde setzt. Hier wirkt sicher keinerlei
antike Tradition ein. Nicht ganz aus¬
sind selten, so daß hier diese Übersicht
abschließen kann.
IV. Die Pl.kinderbilder.
Es können bei dieser komplizierten
Sachlage die vielen bildlichen Wieder¬
gaben der PL im Abendland hier nicht
nach den einzelnen Pl. geordnet beschrie¬
ben werden. Auch die vor allem mit den
Pl.darstellungen des 15. und 16. Jh.s ver¬
bundenen Pl.kinderbilder, deren früh-
renaissancistische Auffassung zuweilen
ganz allerliebste Kompositionen hat ent¬
stehen lassen, bieten zu viele Probleme,
um auf alle einzugehen. Drei seien, ab¬
gesehen von den alle umgreifenden kunst¬
historischen Fragen des Stils und Vorbilds
herausgestellt: 1. Wo stammen die Pl.-
kinderbilderdarstellungen in den deutschen
Hss. her? 2. Was trieb zu dieser Illustra¬
tion der Pl.texte ? 3. Wie verhält sich der
Inhalt zu dem begleitenden Text und
wo ist der Text zu suchen, wenn der bei¬
geschriebene Text mit dem Bild nicht
restlos zur Deckung gebracht werden
geschlossen scheint orientalischer Einfluß kann?
einer andern Richtung. In einer Wiener 1. Zur ersten Frage ist allgemein zu
Hs. sitzen sämtliche Pl. auf Pferden in sagen, daß man wenigstens teilweise
mittelalterlicher Kleidung; Merkur ist sehr
orientalisch (Turban) gekleidet, der Mond
männlich 14S ). Alle Pl.gestalten tragen an
Speeren Fahnen wie zum Turnier 146 ).
Solche fahnentragenden Planeten begeg¬
nen nun im Text desPikatrix, jenes schon
einmal erwähnten magisch-astrologischen
Handbuchs arabischer Herkunft, das, im
11. Jh. geschrieben, im 13. unter Alfons X.
übersetzt wurde und in Deutschland unter
dem Titel „puch aller verpotten kunst,
Unglaubens und der zauberey“ bekannt sehen Pl.kinderbilder Einfluß auf die
ward 147 ). In ihm ist von den Engeln des deutschen gewonnen haben.
Saturn die Rede, die herabsteigen und die Man vermutet als stilistische Grundlage
Leiber töten und die auf schwarzen Reit- kleine Genrebildchen, wie sie z. B. in
tieren reiten, geführt von einem Engel, einer Hs. aus dem Kreise Alfons X. von
der eine schwarze Fahne in der Hand hält Kastilien bekannt geworden sind, die nach
mit der Inschrift des mohammedanischen Italien gewandert ist 149 ). Es handelt sich
Glaubensbekenntnisses 148 ). Hier muß um mittelalterliche stilisierte Paranatel-
ein Zusammenhang bestehen, so daß man lontenbilder, die später im Astrolabium
sich weiter fragt, ob die Bilder der Kyeser- planum des Pietro d’Abano gedruckt er-
hss. in Göttingen, obwohl sie die Fahnen schienen. Ähnliche Genrebilder finden
nicht haben, doch auch auf solche reiten- sich in einer Bonattihs. des 14. Jh. zu den
den Pl. der arabischen Phantasie zurück- Häusern des Horoskops. Es ist in letzteren
gehen können. Aber die Darstellungen bildlich der astrologische Sinn des Hauses
wieder mit arabischen Produkten zu rech¬
nen hat; die ersten Versuche solcher Illu¬
strationen in deutschen Hss. scheinen von
süddeutschen Meistern des ausgehenden
14. Jh. gemacht worden zu sein. Hauber
ist nach weit schichtigen Vergleichen dafür
eingetreten, daß es die Umgebung von
Passau sein müsse, in der zuerst deutsche
Pl.kinderbilder entworfen und gezeichnet
wurden. Damit erhebt sich aber sofort
die Frage, wie die nachgewiesenen arabi-
279
Planeten
280
Planeten
282
dargestellt: z. B. das XI. Haus der Freund¬
schaft wird durch eine Initiale mit dem
Bilde zweier sich begrüßender Freunde
veranschaulicht 150 ). Dieser Typus des
Genrebildes begegnet nun auch in den
PL kinderbilderdarStellungen des Salone
zu Padua, dessen Ausmalung gleichfalls
im Anfang des 14. Jh. erfolgte 151 ). In der
drei-streifigen Komposition sind eine Un¬
menge solcher kleinen durch Rahmen
gegeneinander abgegrenzter Bildchen vom
Typus der Bonattihs.-Illustrationen ent¬
halten, und zwar, wie eindringliche For¬
schungen ganz allmählich erkennen lehr¬
ten, enthält der oberste Streifen die Pa-
ranatellontenbilder, der zweite und dritte
neben Monatsbildem sowie PL-, Apostel-
und Engeldarstellungen die Bilder der Pl.-
kinder. Sie entsprechen den Berufen und
Tätigkeiten, die wir von den Texten
der Araber her kennen. Die Verwendung
dieses künstlerischen Typus getrennter
Einzelbilder bei den Arabern ist aus einer
arabischen Hs. mit Darstellungen der Pl.-
kinder 152 ) bekannt; man vergleiche mit
ihnen die Beschreibung, die Dimisqi (1300)
von den Darstellungen in den ssabischen
Tempeln zu Harran gibt 153 ): Saxl glaubt
in ihnen letztlich die antiken Berufs¬
darstellungen wiederzuerkennen 154 ). Eine
Linie jener italienischen Freskenkompo¬
sitionen führt also in den Orient; das ent¬
spricht dem bisherigen Büde des astro¬
logischen Überlieferungsweges. Es scheint
aber noch eine zweite zu geben. Saxl
vermutet, daß die Berufskompositionen
frühmittelalterlicher Hss. des Abendlandes,
die die Stationen der abendländischen
Tradition der antiken Berufsdarstellung
sein könnten, die zweite Quelle für die
Inhalte jener italienischen Genrebilder
sind. Unter dem Einfluß des Orients
müssen dann die abendländischen Dar¬
stellungen, die z. B. in den Bonattihss.
nachwirken, bildlicher Veranschaulichung
astrologischer Weltbetrachtung dienstbar
gemacht worden sei. Für Saxl ist der
Salone zu Padua das Beispiel dieser
Synthese. — Von hier wurde diese Kunst¬
übung und ihre Form auch den Deutschen
bekannt.
2. Nun will der Künstler des Salone
durch die Gesamtkomposition, in die
jene vielen Bildchen aufgenommen sind,
mehr als nur Teilillustrationen zu Ab¬
schnitten der astrologischen Lehre liefern:
Er veranschaulicht ein kosmologisches
System.
Da das auf diesen drei Bildstreifen
veranschaulichte kosmologische System
Himmel und Erde von pl. Kräften zu¬
sammengehalten zeigt, wäre der geistige
Gehalt des Bildes der Glaube an die die
Erde durch waltenden Kräfte der Pl.;
dabei fällt das Schwergewicht des In¬
teresses auf die berufliche Differenziert¬
heit der irdischen Bereiche: weitaus der
größte Teil der Bildchen gehört ihnen an.
In der Idee der Illustration scheinen mir
die deutschen Darstellungen der Idee der
Salonefresken verwandt zu sein; in der
Zeichnung und Gesamtkomposition sind
sie gänzlich anders. In Deutschland hat
man von der ersten Zeit an fast nur
Kompositionen versucht, die die pl. Be¬
ruf stypen in einem Büde vereinigen.
(Spätere Aufteilung scheint mir einfach
Kopie des italienischen Kompositions¬
prinzips, das z. B. wie in Salone auch in
der lateinischen Hs. zu Modena sich
findet 155 )). In diesen Bildern gibt es eine
Entwicklung von einem primitiven Neben¬
einander gleichsam einzelner Szenen in
einem großen Bildrahmen zu beachtlich
einheitlichen Kompositionen. Die In¬
halte der Berufs- und Lebenstypen finden
sich im Süden wieder; diese Beziehung ist
wohl nicht zu bestreiten. Aber den deut¬
schen Kompositionen, die Wesentliches
der Niederländer Kunst jener Zeit ver¬
danken, Hegt doch etwas ganz anderes
zugrunde. Hier soll nicht der wichtigste
Zweig einer mathematischen Doktrin, die
Differenzierung der Berufe, zur Darstellung
gebracht, sondern ein einheithches Stim-
mungsbüd geschaffen werden 156 ). Damit
ist aber gesagt, daß hier ein anderes Welt¬
verhältnis deutlich wird. Gerade die Tat¬
sache, daß die neue Komposition der
Pl.kinderbüder dann im Süden aufgenom¬
men wird (Palazzo Schifanoia, Ferrara;
Flor. Kupferstecher), beweist, daß es sich
tatsächHch hier um mehr handelt als um
Illustration pl. erzeugter und geleiteter
281
Berufstypen. Das erwachende Gefühl der
Freude am irdischen Daseih fand in
Itahen seine Richtung und Klarheit in
der astrologischen ÜberUeferung der pl.
Wirkungsbereiche und deren Illustration
(Salone); diese ÜberUeferung Heß den
Reichtum des Irdischen erkennen. Aber
indem so differenziert wurde, wurde auf¬
gelöst. VieHeicht sind die deutschen
IHustratoren die ersten gewesen, die wieder
den Kosmos als Einheit und die Pl.kräfte
als zahlenmäßig übersehbare Teilkräfte,
die jene Differenzierung des Irdischen
erst bewirken, sie aber durch den Kraft-
anteü eines Pl. übersehbar machen, aufzu¬
spüren unternahmen. Hier muß man
natürHch nach der literarischen Anregung
fragen, aus der diese wichtige Korrektur
der ersten Zeit astrologischer Weltan¬
schauung des Mittelalters erfolgte. Man
kann an ibn Ezras Einfluß denken, der
bekanntlich früh ins Französische über¬
setzt wurde 157 ); Beziehung französischer
BibHotheken zu Süddeutschland (Prag)
weist Hauber nach 158 ). Bei diesem ibn
Ezra finden sich Pl.kapitel 159 ), die sich
dadurch von Abu Ma'sar und Ali ibn abi
’r-rigäl unterscheiden, daß sie (vieHeicht
unter dem Einfluß byzantinischer Astro¬
logie) die Wirkungsbereiche der Pl. syste¬
matisch unter größeren Gesichtspunkten
zusammenfassen, während Abu Ma'sars
wie Abu 'l-Hasans Text keinerlei Syste¬
matisierung der Wirkungsbereiche er¬
kennen lassen. ÄhnHches gewahrt man
auch in dem auf dem späten Neuplatonis¬
mus erwachsenen Pikatrix. Dessen Pl.-
gebete (s. u.) lassen deutlich die Vielfalt
der irdischen Erscheinungen je als Werk
eines pl. Geistes (Engels) erscheinen 16 °).
SchließHch fordert der tiefe Sinn der
Dürerschen MelencoHa I, des edelsten
Erzeugnisses dieser Richtung, die die
Pl.kräfte und damit die Welt zu syste¬
matisieren unternahm, ähnliche Über¬
legungen; denn hier ist nach Saxls und
Panofskys eindringlicher Untersuchung
die weltanschauliche Auseinandersetzung
deutHch, indem im Saturnwesen der
Mensch aus seiner schwer zu ertragen¬
den Doppeltheit als metaphysischem
Denker und naturwissenschaftlich sich
bindendem Realisten die EigentümHchkeit
seines Welt Verhältnisses begreift. Indem
sich nun dieses Denken über PL und
irdische Berufsbereiche zu einer kosmo¬
logischen Deutung ausformt, ist eben
dieses Tun satumisch: denn Saturns Mann
denkt und bHckt auf alte Dinge. Vielleicht
erklärt es sich auch daraus, daß man im
anfangenden 16. Jh. gerade diesen Pl.
als den undeutbarsten empfand und sei¬
nem Wesen und Temperament, der Me-
lanchoHe, das besondere Augenmerk zu¬
wandte.
Es wäre zu fragen, ob bei jener Rück-
übemahme nach ItaHen die treibende
Kraft das Neue im Bereich der astrolo¬
gischen Literatur war und ledigHch Sach-
kopien vorHegen, oder ob ähnliche speku¬
lative Neigungen dahinter zu suchen
sind, da der geistige Kosmos ItaHens von
ähnlichen philosophischen Mächten (Mar-
siüo Ficino!) gestaltet wird. Ferraras und
Paduas riesige Kompositionen sprechen
für letzteres. Ferrara hatte außerdem
ebenfalls intensive Beziehungen zum fran¬
zösischen Hof; man hat vermutet, daß die
indischen Dekane dieser Fresken, die auf
der Lektüre Abu-Ma'sars beruhen, dem
Künstler Cossa durch die französische
Übersetzung des von ibn Esra ins Hebräi¬
sche übertragenen Werkes des genannten
arabischen Astrologen zugänglich wur¬
den 161 ). Und eben hier sind die freiHch
nach den Monatsherrschem des ManiHus
gruppierten KinderbilderdarsteHungen wie
in den deutschen Darstellungen einheitHch
zusammengefaßt 162 ).
Was ein Pl.kinderbüd stüistisch ist,
vermittelt nur die büdHche Wiedergabe;
bei Hauber findet man deutsches Material
zusammengesteüt und beschrieben; vieles
steckt in den Hss. von Wien, München,
Heidelberg usw.
Ebenso wird das Thema in Holzschnitt¬
folgen behandelt, deren bekannteste die
von S. H. Behaim ist. ItaHenisches Ma¬
terial bei Saxl-Panofsky, Dür. Mel. I und
bei Hauber (Hs. v. Modena). Die Typen
entstammen seit der Bonattihs. dem Leben
der Zeit, weshalb die Büder ein unschätz¬
bares Material der Sitten- und Kostüm-
• geschichte sind 163 ).
283
Planeten
3. Damit kommen wir zur Frage des
Verhältnisses zwischen Bildinhalt und
Text. Es ist sicher, daß die Bilder einer
Hs. mit PI.texten oft nach einer andern
halt der einst neuen Welterkenntnis war
in den Kreisen derer, auf die sich die
astrologische Praxis im primitivsten Sinne
seit der Renaissance zu beschränken be¬
Vorlage (Quelle) geschaffen wurden als
dem Text der zu illustrierenden Hs., denn
man stellt häufig Unterschiede zwischen
Bild und Text fest. Zunächst sind die Bilder
oft reicher an Typen (= Wirkungsberei¬
chen). Zuweilen wiederum fehlen Motive,
die der zugehörige Text und andere Bilder
aufweisen. So steht im Saturntext der
Tübinger Hs. nichts vom Geldwechsel,
Backen und Gerichtsverfahren (außer dem
Erhängen), das Bild zeigt indes diese
Wirkungen 164 ), von denen auch bei den
Arabern die Rede ist. Es liegt also
zweifelsfrei dem den Tübinger Text be¬
gleitenden Bild ein anderer Text zu¬
grunde. Der Wiener Cod. 3085 (1475)
bezieht seine Bilder ebenfalls nicht auf
den zugehörigen großen Prosatext; sie
sind vielmehr auf den ärmeren und inhalts¬
leeren Versen, die dem Prosatext folgen,
erwachsen. Sicher wirkt bei der Ver¬
ringerung der Motive, die die Pl.kinder-
bilder der Wiener Hs. aufweisen, das
künstlerische Moment der Stimmungs¬
gestaltung mit ein; denn künstlerisch ist
zwischen den Bildern der Tübinger Hs.
und der genannten Wiener Hs. ein weiter
Unterschied.
Das umgekehrte Verhältnis, die Er¬
weiterung, kann nur philologische Quel¬
lendurchsicht und Aufzeigung weiterer
kunst geschichtlicher Vorbilder klären.
Solche Arbeiten hätten z. B. auch das
Verhältnis der Zeichner zu ibn Ezra,
Bonatti und Pietro d’Abano deutlicher
herauszuarbeiten.
Die abendländischen Pl.kinderbilder
sind eine ausgesprochene Eigentümlichkeit
des 14.—16. Jh.s. Sie stellen vielleicht in
jener Zeit das eindringlichste Zeugnis für
die Anteilnahme der abendländischen Welt
an dem Pl.glauben dar 165 ). Die großen
zusammenfassenden Handbücher der
astrologischen Lehre, die seit dem 16. Jh.
in Deutschland gedruckt wurden, nehmen
sie nicht mehr auf. Das Interesse am
künstlerischen Ringen um den tiefen Ge¬
gann, geschwunden, weil das neue natur¬
wissenschaftliche Denken und die erneuerte
religiöse Gesinnung der Renaissance und
Reformation die echten Menschen, die
auch allein künstlerischer Vollendung
fähig sind, einen neuen Weg zur Wahrheit
als dem obersten Korrektiv der welt¬
anschaulichen Seite hatten einschlagen
lassen, der von dem der Astrologie weit
abwich 166 ). Daher können die Pl.-
bilder, an denen noch länger in den Kreisen
der Astrologen Interesse bestand, wohl
weil die Bilder das Wesen des PL leichter
verstehen halfen, seitdem nur mehr als
Schemata tradiert werden. Erst ein
moderner Künstler hat eine neue Aus¬
einandersetzung mit dem Wesen des
Saturn versucht 167 ).
121 ) Die Materialien findet man vor allem bei
A. Hauber Pl.kinderbilder usw., in den Auf¬
sätzen von Fritz Saxl ( Beiträge zu einer Ge¬
schichte der PI.dar Stellungen im Orient u. Occident
~ Der Islam 3 [1912] 151 ff., Einführung u.
Bemerkungen zu den Tafeln in Verzeichnis I
Vff. 1070., Einleitung in Verzeichnis II 7Ü.)
sowie bei Saxl-Panofsky Dürers Melencolia I
(= Warburgstudien 2). Außerdem wurden die
Bilder von zwei Wiener Hss. (cod. Vindob. 3085
fol. ig r ff. u. cod. Vindob. 3068 fol. 8orff.) ver¬
wendet, die ich in Photographien besitze. Für
die sog. Hauspl. vgl. die Arbeit von O. Behrend-
sen Darstellungen von Pl.gottheiten an und in
deutschen Bauten (= Stud. z. deutsch. Kunst-
gesch. 236). Wichtig als Materialsammlung auch
das Werk von Bruno A. Fuchs Die Ikono¬
graphie der 7 PL in der Kunst Italiens bis zum
Ausgang des Mittelalters (Diss. München 1909).
122) Fuchs a. a. O. Anm. 44. 123 ) Grundlegend
A. Thiele Antike Himmclsbilder. 124 ) Bequem
zugänglich bei Boll-Bezold Sternglaube 4 Taf.IV
Abb. 7. 125 ) Saxl Verzeichnis II 8ff. 125 ) Ebd. II
13. 127 ) Saxl Islam Taf. 8. 128 ) Saxl Verz.II
Taf. III. m ) Vgl. auch den Merkur des Cod.
Mutin. Lat. 210 bei Saxl Islam Taf. 8. 130 )
Saxl Verz. I VHIff. 131 ) Dazu s. A. Warburg
Ges. Schriften II 471 ff. 132 ) Saxl Verz. II 19;
vgl. Islam a. a. O. 166. 133 ) s. A. 120. Einzel¬
belege erübrigen sich daher. 134 ) Saxl Verz. II
i5ff. 135 ) Fuchs a. a. O. i8ff. 136 ) Ebd. 29!!.;
Islam a. a. O. 168. 137 ) Islam a. a. O. 169.
Doch war dem Jupiter der Priester und fromme
Mensch unterstellt (s. o. Sp. 129L). 137a ) Der
erst während der Korrektur erschienene Auf¬
satz von A. Greifenhagen, Zum Saturn¬
glauben der Renaissance (Antike XI 67 s.)
« I
Planeten
enthält eine andere Erklärung. Doch kann
hier nicht näher darauf eingegangen werden.
138 ) Fuchs a. a. O. 32ff. 42s. 13 ®) Zum folgenden
vor allem Islam a. a. 0.1650. u. Bilder. 14 °)
Saxl Verzeichnis II 21 ff. 141 ) Saxl Islam a. a. O.
Abb. 35; vgl. Astronomia Teutsch fol. 64.
142 ) Behrendsen a. a. O. Taf. XVIII. l43 ) Ebd.
Taf. XXI. l44 ) A. Warburg Ges. Schriften II
4830.; Behrendsen a. a. O. 140.; Saxl Verz. II
21 ff. 39f. 145 ) Mond männlich geht auf den
babyl. Sin zurück. 146 ) Cod. Vindob. lat.
3068 fol. 8o r ff.; die andern Darstellungen zählt
Behrendsen a. a. O. 9 A. 1 auf, vgl. daselbst
Taf. I—VII. 147 ) Genauere Angaben s. A. 197.
148 ) Vorträge d. Bibi. Warburg 1921/22, io2f.
Dazu beispielsweise die Verse in der Göttinger
Kyeserhs. (Hauber a. a. O. 55): Sideris supremi
Saturni summum vexillum / Sum senioris color
nigri etc. 149 ) Vgl. dazu Saxl Verz. II 65;
A. Warburg Ges. Schriften II 516 u. Taf. 79.
iso) Saxl Verz. II Taf. XV Abb. 26. 151 ) Saxl
Verz. II 49 ff. Vollkommene Abbildung in leider
technisch unschöner Ausführung bei Antonio
Barzon I cieli e la loro inßuenza negli afjreschi
del Salone in Padova (Padova 1924). 152 ) Saxl-
Panofsky Dürers Melencolia I Taf. XIX Abb.
34. 1S3 ) Islam a. a. O. 156f. 154 ) Zum Folgenden
Saxl-Panofsky Dürers Melencolia I 123s.
iss) Hauber a. a. O. Taf. XXXII. 156 ) Saxl-
Panofsky Dürers Melencolia I 134. 157 ) Boll
Sphära 4190. 15S ) Hauber a. a. O. 244—251.
1S9 ) Das Saturnkapitel ist abgedruckt bei Saxl-
Panofsky Dürers Melencolia I 79f. 160 ) Vor¬
träge d. Bibliothek Warburg 1921/22, 1170.
181 ) A. Warburg Ges. Schriften 459ff- 162 ) Ebd.
469b 163 ) Saxl Verz. II 49h u. Taf. XV. 164 )
Bei Hauber a. a. O. Taf. XIII. 165 ) Am schön¬
sten vielleicht im sog. deutschen Hausbuch des
MA.s, jetzt bequem zugänglich in der Ausgabe
der Inselbücherei (Nr. 452). 16S ) Diese Aus¬
einandersetzung habe ich beleuchtet in meinem
Aufsatz Beitr. z. Gesch. d. Astrol. I. Der griech.
Astrologe Dorotheos v. Sidon u. der arabische
Astrologe Abu 'l-Hasan Ali ibn abi ’r-rigal S.
38 ff. 167 ) Goya. Das Bild im Museo del Prado
zu Madrid. Abb. bei Boll-Bezold Sternglaube 4
Taf TV Abb.
E. Gereimte Überlieferung.
Wie im Bild, so findet dieser Aberglaube
auch im Reim seinen Niederschlag. Solche
Versfolgen sind künstlerisch keine wert¬
vollen Produkte, aber sie enthalten in ge¬
formter Gestalt etwas, was dem Bewußt¬
sein der Allgemeinheit wichtig ist und was
es zu erhalten gilt. Die Abfolge etlicher
Verse läßt den schwierigen und trockenen
Stoff, wie etwa die Wirkungen der ein¬
zelnen PL, zunächst besser dem Gedächt¬
nis eingehen; aber man hat zweifellos auch
aus Freude an dem mit diesem Inhalt
dahinfließenden Vers solche Versifikatio-
nen gepflegt.
Die Antike kennt keine kurzen Gedichte,
die in diesem spielenden und mnemotech¬
nischen Sinne astrologische Inhalte ver¬
arbeiten. Manilius' poetisches Werk über
das ganze Gebiet der Astrologie ist zweifel¬
los künstlerischen Antrieben entsprungen,
aber es entbehrt des Momentanen, Apergu-
haften, das jenen spätmittelalterlichen
Versen eignet.
Die Verse entstanden im 14./15. Jh*>
sicher im Anschluß an die oben Ab¬
schnitt C abgedruckten Exzerpte aus
den gelehrten ,,wissenschaftlichen“ Wer¬
ken der Araber. Man kennt sie in allen
Ländern des Westens. Wie bei den Prosa¬
exzerpten ist man auch hier vom Lateini¬
schen zur Sprache des Volkes fortgeschrit¬
ten. In Deutschland wurden die Verse
nach den lateinischen Kompilationen zu¬
nächst lateinisch abgefaßt, meist in hexa¬
metrischer Form. Mit dem Augenblick,
in dem man jene Aussagen zu den Pl.-
wirkungen ins Deutsche übertrug oder
neue Auszüge deutsch anfertigte, hatte
auch schon der deutsche Vers sein Recht
erkämpft. Dazwischen gibt es eine Über¬
gangserscheinung, die lateinische und
deutsche Verse mischt (in Nachahmung
ähnlicher Dichtungen des Mittelalters) 168 ).
In beiden Sprachen geht man bei diesen Ver-
sifikationen zunächst meist davon aus, den
ganzen zu einem Pl. vorliegenden Stoff
poetisch zu verarbeiten. Dies macht die
Gedichte zu den einzelnen Pl. sehr un¬
gleich lang. Hernach beginnt hier Neigung
zur Vereinfachung sich durchzusetzen,
bis man mit dem Beginn des 16. Jh.
allenthalben schlichte deutsche Vier¬
zeiler dichtet. Diese halten sich und
finden in den Volkskalendern und Pl.-
büchem ihre Stätte; in ihnen werden sie
dann seit dem Druck ziemlich unverändert
den folgenden Jahrhunderten weitergege¬
ben. Es ist nun wie in der Bildtradition
Erstarrung eingetreten; bis zum beginnen¬
den 16. Jh. waren noch gestaltende Kräfte
überall lebendig am Werke gewesen.
Davon legen die vor dem Druck im ganzen
deutschen Sprachgebiet verbreiteten poeti-
28 7
Planeten
288
sehen Versuche zu diesem Thema Zeugnis
ab.
Wir geben einige Beispiele. Vollstän¬
digkeit hier für alle Formen zu er¬
streben, ist unmöglich; die Aufzählung
wäre auch, da es sich schließlich doch um
Variationen über einen etwas eintönigen
Stoff handelt, zu langweilig. Auch wird
es sich kaum lohnen, zu j edem PL einen
metrischen Beitrag zu liefern.
1. Lateinische Proben, a) Dreizeiler.
Ymbriferem aquarum Saturnus habet simul ac
capricornum
Est dolor hinc aries, gloria libra seni.
Dat anime virtutem discernendi ac racioci-
nandi.
Jupiter ille iuvans retinet cum pisce sagittam
Est Jovis in thauro gracia, capra malum
Dat magnanimitatem anime.
Cuncta regunt regulant rutilancia sydera
septem,
Influunt virtutes anime, dant prosperitatem,
Erecto sydere virtus duplatur amanti;
Sed si cadit maius minus moveri desit
Pu lehr i pusiones sic temere vates,
Quorum tu casus sic noscas et erecciones.
Kyeserhs. Göttingen (NB: cod. philos.
63, fol. 5 V ) 14. Jh. — Die Verse sind ferner
wenn auch schlecht, wiedergegeben im Hei¬
delb. cod. pal. Germ. 226 fol. 42* und
Stuttgart. Landesbibi. cod. theol. et phil.
4 0 201 (in beiden verkürzt) 169 ).
b) Dieselbe Hs. enthält auf den folgen¬
den Blättern mehr in epischer Form und
mit ganz unterschiedlichem Umfang (Ju¬
piter 13 Verse; Sonne 26 Verse!) andere
lateinische Beschreibungen der Pl.wirkun-
gen; insbesondere sind die Pl.kinder be¬
rücksichtigt. Wir zitieren die Marsverse
(fol- V) ■
Zodyacum totum Mars bini pervolat annis
Loquax elatus mendax Martis sistit natus.
Albos habet crines, magnam frontem sibi-
latam,
Aspectum pulchrum retinet, dorsum sibilatum
Felix, instabilis, grossus rubeique coloris.
Es folgen je 2 Verse zum Widder und
Scorpion, den Häusern des Mars, dann
dessen Bild mit den Versen:
Generi Martis vexillum cruore depictum
Sum ego qui milito adversos neceque sterno.
In septentrione traho moram et in occidente,
Nam scorpius aries domus mihi sunt attribute.
Einen aus demselben Verskranz stammen¬
den gegen Schluß abweichenden Vierzeiler
über Jupiter (Göttinger Hs. fol. j y ) fand
ich einzeln verwendet in dem Wiener
Codex 3068 (ca. 1440) 17 °) unter sonst
deutschen Versen (s. u.) neben einem
Jupiterbild (Jupiter als Ritter mit der
Fahne auf einem Roß dahersprengend) 171 ):
Sum Jovis vexillum viridi depictus colore
Dux ego stellarum, dominus sum, princeps
eorum(sic)
In Oriente pridem domus in sep<ten>trione
Architenentem pisces simul gradiorque 172 ).
Während der letzte Vers in der Göttinger
Hs. lautet:
Sagittam cum piscibus altus mihi dedit
messe (?) 173 )
c) Schließlich seien noch einige hexa¬
metrische Zweizeiler nach einer Münchener
Hs. angeführt:
Marskinder.
fallax instabilis grossus rubeique coloris
estque loquax natus Martis mendax latro
furque 174 )
Sonnenkinder.
Natum quem genuit Sol hic prudens fitque
loquax,
Tristis sic talis, pulcher, bonus, et regalis 175 )
Es besteht hier sichtlich die Neigung zu
kürzen.
2. Deutsche Verse.
Deutsche Pl.verse sind mir von der
Mitte des 15. Jh. an bekannt.
Cod. Vindob. 3068 (ca. 1440) fol. 83 Tl76 )
berichtet über die Sonne:
Der Sternen keiser heiss ich wol
Die Sunne man mich heissen sol
Min farw ist golt für mich gezelt
Ich bin das liecht in gantzer weit
Ich bin gelückig edel vnd fin
Also sind auch die kinde min
Gel wis gemenget schön angesicht
Glich gebart wis klein hör geschlicht
Ein feisten Lib mit scharpfem aten
Mittel äugen ein grosse stim
Vor mittag dienent sy got vil
Darnach Lebent sy wie man wil
Ich durchgan die zwölf Zeichen
In drinhundert vnd LXV tagen.
Ähnlich ausführlich wird über die Venus
und ihre Kinder berichtet (fol. 84 v ):
Venus der fünfte planete fin
Heiss ich vnd bin der minne schin.
Min farw ist grün fücht kalt mit krafft
Bin ich dick mit meist erschafft.
289
Planeten
29O
Was kinde vnder mir gebom wern
Die sint fröhlich vnd singent gern
Süsslich reden vnd klaffen lang
Sie tribent fröidenspil mit hohem klang
Ein zit arm, die andern rieh
In miltekeit ist nieman ir gelich
Ein schönen lib in rechter lang
Hüpsch äugen vnd feiste wang
Ougbrowen gros ein hübschen mund
Welgefar lib vnd angesicht rund
Vngelich an grosse füs vnd bein
Sie sind zarter natur gemein
Vnküsch vnd der minne pflegen
Sind Venus kint ailwegen.
Ich durchlouff die zwölff Zeichen in drin¬
hundert vnd acht vnd nüntzig tagen.
Stücke aus diesen Venusversen unter¬
mischt mit anderen Versen über die Venus¬
kinder findet man wiederum in der Kas¬
seler Hs. Ms.astron. 1. 2° fol. 53 r (Landes¬
bibliothek). Sie sind teilweise abgedruckt
bei Hauber 51; wie weit der ganze Zyklus
über ein stimmt, kann nach Haubers An¬
gaben nicht festgestellt werden; man
müßte die Hs. einsehen. Auch die un-
edierten Verse des Cod. Vind. 3085
(1475) 177 ) fol. 20 r ff. gehören, wie man
an den Venusversen vergleichen kann,
demselben poetischen Zyklus an, ohne
ganz genau übereinzustimmen. Wir
zitieren aus dieser Hs., die die Verse un¬
mittelbar in Verbindung mit einem jener
kompilierten Pl.kapitel und den Illustra¬
tionen, also noch gleichsam im Entstehen
zeigt, die Verse zum Merkur 178 ):
Mercurius der sechst planet
Haiss ich vnd macht wint hert.
Warm pin ich pey ainem warmen Stern
Vnd chalt pey ainem chalten geren.
Dy zwiling vnd dy magt vein
Sein geheissen dy hewser mein
Darin gan ich [gan ich, cod.] gar tugenlich
So Jupiter nit irret mich
Mein erhochung ist in der magt
In den visch wirt ich verzagt
Durch dy zwelff zaichen ich lauff jagen
In drewn hündert vnd vier vnd sechzig
tagen (!).
Getrew wehent ich geren leren.
Meine chinder sich zw hubschait keren
Woll zw eren vnd darczw weisse
Frewde chunst subtill mit preysse
Ir angesicht das ist rot voll vnd plaich
Min höchstem geluar( ?) har waich
Sy sein wöll gelert vnd güt Schreiber
Goltschmid maler vnd pildsnitzer
Orgeln machen vnd orgeln aüch vein
Fro (?) mainger hant sy listig sein
Ir frewnt in hilffig sind
Arbaitsam seyn mercurius kind.
E ächtold -Stäubli, Aberglaube VII.
Mit dem Ende dieses Jahrhunderts treten
häufiger die Vierzeiler auf. Die Bilder
Behaims 179 ) kennen solche schon:
Mercurius kind sind künstenreich.
An behendigkeyt ist yhn nymant gleich,
Inn 365 tagen lang
Verbring ich meinen lauff vnd gang.
Luna- Kind man nicht zemen kan
Ihre kind seind nyemandt vntherthan.
In acht vnd zwentzig tag vnd nacht
Wirt auch mein gantzer lauff verbracht.
Auch sie scheinen an sich schon älteren
Datums. Wenigstens enthält der Cod.
Berolin. lat. 115, eine Sammelhs. aus dem
14./15. Jh. 7 Blätter mit solchen Vier¬
zeilern zu den sieben PI. in niederdeut¬
schem Dialekt. So heißt es über Satur¬
nus 180 ):
Alt, kalt, lelic unde onreyne.
Hat unde nyt ich oec meine
Also synt oeck al min kint.
Die onder my gheboren sint.
Eine Sammelhs. des 15. Jh. in Salzburg
(Studiumbibliothek V 1 36/8) hat neben
lateinischen Versen deutsche Drei- und
Vierzeiler: z. B.
Saturnus mit seiner kraft
Ist allem leben schadehaft
Gefarlich vnd unverstanden
Sine kint.gern mit schänden 181 ).
Das 16. Jh. kennt viele Formen solcher
Vierzeiler, so die ‘AstronomiaTeutsch' 182 )
vor ihren Pl.kapiteln 183 ):
Von dem Jupiter.
Vemünötig, gelehrt, verschwiegen, gerecht.
Also seind all mein Kind vnd Knecht.
Langwierig, trefflich Ding treib an,
Mit Kauffmanschaft wol gewinnen kann.
Von dem Mars 184 ).
Ein nasser Knab, man kennt mich wol,
Pferd, harnisch, krieg ich brauchen soll.
Sonst gehet zurück alls was ich treib.
Mit unglück lacht mirs hertz im leib.
Dieselben Verse liest man im ‘Neuver¬
mehrten und verbesserten Pl.büchlein’
von 1769 185 ). Der Druck verhindert jetzt
die stärkere Veränderung.
Ähnlich reproduziert auch die Auflage
des ‘Großen Planetenbuchs’ von 1724 die
entsprechenden Verse der Auflage des
16. Jh.; es wird lediglich die Orthographie
verbessert 186 ). In diesem Volksbuch
lauten die Jupiter-Verse so:
10
291
Planeten
292
J upiter.
Ansehnlich, reich, klug und gelehrt.
Sind meine Kinder und geehrt.
Bey Fürsten, Herrn bring ich an.
Den so was lernet, weiss und kann.
Die Marsverse sind die gleichen wie oben.
Also auch hier wird kompiliert; man ver¬
tauscht jetzt ganze Versgruppen.
Ein Zeichen für die große Beliebtheit,
deren sich diese Poeterei erfreute, sind
endlich die Hausinschriften 187 ). An einem
Haus in Eggenburg in Niederösterreich,
das mit geschnitzten Gestalten der PL,
die an künstlerische Entwürfe der Zeit
anschließen, geschmückt ist, liest man
zugleich die Vierzeüer, die die Pl.kinder
beschreiben (1547). Bis auf den Mond,
dessen Text bei einer Restauration des
Hauses teilweise zerstört wurde, sind die
Strophen zu allen Pl. erhalten 188 ). Sie
sind denen in den Pl.büchem nahe ver¬
wandt. Man vgl.
zum Mars:
Zu unfrit streit bin ich bereit
Als euch bedeit mein wapenclait
Rauben prenen Wirgen Reissen
Ist mein gefert vnd umb mich beisen.
zu Venus:
Mein Stern bedeut freut vnd mut
Verschwint lib sei eer vnd gut
Mit essen trinken buler sein
Also zeuch ich die Kinder mein.
zu Merkur:
Zu kauffmanschafit bin ich gericht
AU Künstler haben mir verpflicht
Cluger sinn vnd rechnen geschwind
Die aüe seind Mercurio kindt.
Alle diese Vierzeiler lassen eine gewisse
Herbheit verspüren. Die Kinder, die die
Pl. meist redend und, man möchte sagen,
befehlend als ihre unkorrigierbaren Er¬
zeugnisse hinstellen, sind wirklich so,
und es scheint ein rechtes Stück von der
Unbedingtheit der astrologisch bestimm¬
ten Weltführung aus diesen Versen zu
sprechen. So sehr die Vier- und Zweizeiler
das Material, das vorliegt, vereinfachen,
so geschlossen sind sie. Das ist der Weg:
der erst enzyklopädischem Wissen dienende
Vers wird schließlich Gefäß einer Empfin¬
dung. Der Empfindungsinhalt ist mit dem
15./16. Jh. deutlich spürbar, bis schlie߬
lich der Druck ebenso deutlich spürbar
die Verse inhaltsleer macht, weil sie in
die Zeit des 18. Jh. nicht mehr passen.
Diese Verse bedürfen der herben Sprache
des 15./16. Jh., um echt zu wirken; jede
spätere Sprachverbesserung ist stüwidrig
und unecht. Bezeichnend genug für die
astrologischen Handbücher des 18. Jh.,
daß es ihnen, wie den ersten Versifikatio-
nen des Mittelalters, auf den Inhalt allein
ankam. In der Zwischenzeit empfand
man mehr, wie bei der Illustration 189 ).
!68) Vgl. A. Ha über Planetenkinderbilder u.
Sternbilder 89 f. 169 ) Ebd. 54. 17 °) Beschreibung
bei Fr. Saxl Verzeichnis II 116. m ) s. o. Sp. 277.
172 ) Die Verse unediert. 17S ) Hauber a. a. O. 54.
174 ) Cod. Monac. lat. (15. Jh.) 4394 ( = Zinner
Nr. 8344) fol. 67 r (unediert). 176 ) Ebd. fol. 70*
(unediert). 176 ) s. z. A. 3. 17? ) Beschreibung bei
Fr. Saxl Verzeichnis II 117. 178 ) a. a. O. fol.
24 r /25 r . 179 ) Die Bilder bei G. Hirth Kultur¬
geschichtliches Bilderbuch I 193—196; dann
auch bei H. A. Strauß Der astrol. Gedanke
in der deutschen Vergangenheit am Ende.
18 °) Hauber a. a. O. 82. 181 ) Hauber a. a. O.
84. 182 ) Titel s. o. A. 88. 183 ) a. a. O. fol.
61 ▼. 184 ) a. a. O. fol. Ö2 V . 186 ) Titel s. o. A. 96;
die Stelle 22 u. 25. 18ft ) Titel s. o. A. 86; die Stelle
21 u. 24. 187 ) Vgl. darüber die Bilder in der
schönen Abhandlung von O. Behrendsen Dar¬
stellungen von Pl.gottheiten an und in deutschen
Bauten (= Studien zur deutschen Kunst¬
geschichte Heft 236) Tafel XVIII—XX. 188 )
a. a. O. 34. 189 ) Vgl. auch die Kometenpoeterei
der Zeit im Art. Kometen 1440.
F. Anhang.
Pl.gebete. PL und Zauber.
Wesentlich auf den orientalischen Kul¬
turkreis beschränkt sich die Einbeziehung
der Pl. in den Zauber; dieser Zweig des
Pl.glaubens ist im einzelnen noch wenig
erforscht. Da er außerdem in Deutsch¬
land wenig in die Breite gewirkt hat, be¬
schränken wir uns auf einige Bemerkungen
und Materialangaben. Sterngebete hat
es zu allen Zeiten bei vielen Völkern ge¬
geben (Babylonier, Ägypter, Griechen,
Italiker, Indianer) 190 ). Vor allem sind sie
an Sonne, Mond, Morgenstern und Sirius
gerichtet. Die Planetengebete mit Zügen
der typischen astrologischen Lehre, die
wir hier meinen, gehen auf Babylonien
(und Ägypten) zurück. Die mittelalter¬
lichen Pl.gebete in griechischer Sprache
293
Plantago—plätten
294
fassen die Pl. als Götter mit der kosmi¬
schen Machtfülle der babylonischen Pl. 191 ).
Hier liegt eine orientalische Tradition
vor, wie sie ähnlich bei den orientalischen
Pl.bildern beobachtet werden konnte.
Der Pl.kult der Ssabier ist wohl sicher als
eines der Vermittlungsglieder anzuse¬
hen 192 ). Opfer vor den Pl.göttern, wie
sie Büdercodices zeigen 193 ), vollzog man
auch bei den Ssabiem. Diese sind natür¬
lich von Gebeten an den göttlichen Geist
des Pl. begleitet. Dieser göttliche Geist
des Pl. wurde dabei wohl unter dem Ein¬
fluß der hellenistischen Idee von den
Gestimseelen als von dem Stern getrennt
gedacht 194 ). Wenn also ein Zauberer den
Pl. zu sich wie einen Dämon beschwörend
zitiert, so ist es der Geist des Sterns, der
vor ihm erscheint 195 ). Im Orient hat man
in diesen Gestirngeistem irgendwo (Gno¬
sis ?) Engel erkannt: so ist Anael der Engel
des Pl. Venus. Eben diese Engel werden
in Gebeten angerufen 196 ). Das ist nicht
viel anders wie in dem magischen Buche
Pikatrix, das um die Mitte des II. Jh.s in
Spanien in arabischen Kreisen entstand:
hier wird gezeigt, wie die Stemgeister mit
Gebeten zu beherrschen sind 197 ).
Diese orientalischen Lehren wirken seit
dem 11. Jh. auf das Abendland (über
Spanien). Man kann es wohl nicht ganz
von der Hand weisen, daß Michael Scotus
in dem Prooemium seines Liber introduc-
torius unter dem Einfluß solcher orien¬
talischen Ideen 198 ) seine These von den
astrologiekundigen Engeln, zu denen
eben die Pl. nach Gottes Weltordnung
gehören würden, entwickelt. Daß im
Abendland Interesse an solchen magischen
Lehren des Orients und an dem so er-
öffneten Wege eines Eindringens in die
Geheimnisse der Welt bestand, wird man
zunächst aus der damaligen Zuneigung
zur arabischen Astrologie erklären können;
vor allem aber beweist es die Tatsache,
daß Alfons X. 1252 auch den Pikatrix
übersetzen ließ 199 ). Die Übersetzung ver¬
breitete sich. Pietro d* Abano besaß ein
Exemplar. Hernach wurde das Buch
auch in Deutschland bekannt. 1456 warnt
•der bayerische Hof- und Leibarzt Hartlieb
•den Markgrafen Johann von Brandenburg,
der sich mit alchemistischen und wohl
auch astrologischen Studien befaßte, vor
dem „volikomnest püch", das er je in der
Kunst gesehen habe, das aber nur zur
Verdammnis führe und vor dem der Fürst
sich hüten müsse. Kaiser Maximilians
Bibliothek verfügte indes gleich über zwei
Exemplare, Agrippa von Nettesheim besaß
eines; auch Rabelais kannte das ominöse
Werk 2°°).
Gerade die Pl.gebete, so meinte vor
Jahren H. Ritter, werden das Buch, in dem
eine ganze Weltdeutung enthalten ist,
im Abendland in Verruf gebracht haben.
Weiter als beschrieben kann ich die
Wirkung der Pl.gebete nicht absehen.
Bekannt blieben sie über das 16. Jh. hin¬
aus in bestimmten Zirkeln. Das beweisen
die stark christianisierten Pl.gebete des
17. Jh.s und die der hermetischen Bruder¬
schaft des 20. Jh.s 201 ).
19 °) Vgl. W. Gundel Sternglaube , Stern¬
religion u. Sternorakel 38ff. m ) Texte CCA VIII 2,
1540. 1720. 192 ) Fr. Saxl in Islam 3 (1912),
i57ff. 183 ) Abb. in Boll-Bezold Sternglaube
u. Sterndeutung* Taf. XXIV. 194 ) Boll-Bezold
Sternglaube* 19!. 185 ) So wird die Venus be¬
schworen im Großen Pariser Zauberpapyrus
(ed. K. Pr eisend anz Papyri Graecae magicae I
Nr. IV) Z. 28910. Vgl. den Berliner Zauber¬
papyrus (ebd. Nr. I) Z. 154—172. 1Ä6 ) Solche
Pl.engelgebete in einer athenischen Hs. CCA X
80ff. Anael als Engel der Venus ebd. 81, 32.
Vgl. das Gebet CCA VII 245. 187 ) Der arabische
Text, herausg. v. H. Ritter mit deutscher
Übersetzung von Plessner erscheint als Bd. 12
der Warburgstudien. -— Über das Buch handelt
H. Ritter in seinem Vortrag Picatrix, ein
arabisches Handbuch hellenistischer Magie ( =
Vorträge der Bibi. Warburg 1921/22) 94s.
Sterne, Sterngeister und Sternbeschwörungen
1170. 188 ) Er war in Toledo längere Zeit gewesen,
der Hochburg arabischer Wissenschaft: Hauber
a. a. O. 242. Cod. Bodley 266 fol. 2 r b Ende:
cum angelica vero natura deus creavit et or-
dinavit planetas ut Solem et Lunam et omnes
stellas celi omniaque aüa fecit similiter propter
hominem quem prius amavit quam cetera usw.
189 ) H. Ritter Picatrix usw. (Vorträge d. Bibi.
Warburg 1921/22) 94!. 2C0 ) Ebd. 201 ) W. Gundel
Sternglaube , Sternreligion u. Sternorahel 54.
S. die Artikel Abendstern, Horosko-
pie, Mond, Morgenstern, Sonne usw.
Stegemann.
Plantago s. Wegerich.
plätten. Aberglaube der Deutsch-
Amerikaner, der wohl durch praelog ischen
Analogieschluß entstanden ist: Wenn
IO*
295
Plötze—Polei
296
man die Rückseite von Männerhemden
plättet, so werden sie faul oder zornig
oder bekommen Rückenweh 1 ).
1 ) Fogel Pennsylvania 361 Nr. 1527.
Tiemann.
Plötze f. oder Plötz m. (Leuciscus
rutilus). Die Sage, weshalb die P. blut¬
unterlaufene Augen hat, s. bei Barsch
(i, 928). Hoffmann-Krayer.
Plumpsack. Ein der Sache nach
wohl schon im Altertum und im Mittel-
alter bekanntes Spiel x ). P. oder Klump¬
sack heißt zunächst das zusammenge¬
drehte und eingeknotete Taschentuch,
das bei manchen Spielen als Strafinstru¬
ment dient. In dem danach benannten
Spiele stehen die Teilnehmer im Kreise,
die Hände hinter sich. Einer geht mit
dem P. außen herum. Wer von den Mit¬
spielern dabei lacht oder sich umdreht,
kriegt einen Schlag. Schließlich legt der
außen Herumgehende den P. unbemerkt
einem in die Hand. Dieser jagt dann
seinen rechten Nachbarn mit Schlägen
um den Ring zurück bis an seinen Platz 2 ).
An manchen Orten geht ,,der Fuchs“
herum 3 ). In Westfalen ist das Spiel
beim aufgeschichteten oder schon bren¬
nenden Osterfeuer üblich: „Kik di nitt
üm, das Fößken dat küemt“ 4 ) oder: „de
Knüppel geiht üm“ 5 ). In Ganderkesee
in Oldenburg spielten die Erwachsenen
vor dem Osterfeuer Ball, und wenn es
abgebrannt war, gingen sie ins Wirts¬
haus und spielten P., woran auch die
jungen Mädchen teilnahmen 6 ). Auch
andere Tiere werden (als umgehende
Dämonen?) genannt 7 ). Nach älteren
Berichten aus dem Osnabrückischen und
Lippischen bildete den Schluß der Hoch-
zeit ein Tanz in einer langen Reihe. Der
Aufwärter mit dem P. beschloß diese
und prügelte die Langsamen 8 ). In Brilon
(Westf.) wurde bei der Leichenwache
unter andern ausgelassenen Spielen auch
„Dreh di mal rum, der Klumpsack geht
rum“ gespielt 9 ). Vielleicht darf man in
den Schlägen bei diesen Bräuchen die
Absicht der Abwehr des Bösen und Le¬
bensfeindlichen vermuten.
*) Pollux (2. Jh. n. Chr.) 9, 115 erwähnt es
in einer adverbialen Form a/otvo^piXtvSa. In
einer dem 13. Jh. zugeschriebenen Reichenauer
Glosse heißt es: ,,Gurtulli, trag ich dich“:
Rochholz Kinderlied 392 f. Der Name P. für
das Spiel erscheint zuerst 1663: ZfVk. 4 (1894),
184; vgl. 19 (1909), 402 (26). 2 ) Böhme Kin¬
derlied u. K.spiel 556 ff.; Handelmann Volks -
u. Kinderspiel aus Schleswig-Holstein 2 58 f. ;
JbNdSpr. 13 (1887), 102; Wehrhan Kinderlied
u. K.spiel 67; Ders. Frankfurter Kinderleben
298; Andree Braunschweig 323; Rochholz
Kinderlied 392 f.; Schumann Lübeckisches
Spiel- u. Rätselbuch 47h 193; ZfVk. 17 (1907),
278; 13 (1903), 58 f.; Tetzner Slaven 262
(Tschechen). 3 ) Kuhn Westfalen 2, 136 (Bre¬
men); Wehrhan Frankf. Kinderl . 298; ZfVk.
17, 278 (Großschwabhausen i. Thür.). 4 ) Kuhn
Westf dl. 2, 136. 5 ) Hüser Beiir . 2, 35 (12).
8 ) Strackerjan 2, 78. 7 ) ZfVk. 13 (1903). 58 k
Das Fößken bezog Woeste auf Donar: ZfdMyth.
1, 392. Vgl. Toppen Masuren 22. ®) Jostes
Westfälisches Trachtenbuch 105. 8 ) Mündlich.
Ähnliches bei den Bojken (Ruthenen): Globus
79 , 152. ^ Sartori.
Pockenstein. Der P. ist ein sehr
harter, dunkelgrüner Stein, der auf der
einen Seite etwas erhabene Flecken hat
und zwar der aus Indien stammende
grüne, der sächsische (ein mit Granaten
durchsetzter Serpentin) rote. Da diese
hervorragenden Flecken den Blatter¬
pusteln gleichen, die bereits reif und platt
sind, glaubt man nach dem Grundsatz
„similia similibus curantur“, der Stein
sei ein gutes Mittel gegen die Pocken, und
gab ihm den Namen P. Man legte ihn in
laues Wasser und wusch mit diesem an
Pocken krank liegenden Kindern das
Gesicht, damit sie keine entstellenden
Narben bekämen. Nach Zedier hing
man den P. so an den Hals, daß er die
Herzgrube berührte; dann zog er das
Pockengift aus dem Leibe. Die franzö¬
sische Bezeichnung des Steins ist variolite
(verschiedenfarbiger Stein), in der Pro¬
vence nennt ihn das Volk pierre picot
(Prickelstein, picot er) 4 ).
*) Zedier 16, 752 s. v. Pockenstein; Berg¬
mann 388 s. v. Pockenstein u. 93 s. v. Blatter¬
stein. f Olbrich.
Pol ei (Mentha pulegium). Mit den
Minzen (s. d.) nah verwandter Lippen¬
blütler, der gestielte, eiförmige Blätter
und kleine rosafarbige Blüten besitzt.
Der P. stammt aus Südeuropa und wächst
ab und zu an Ufern, auf nassen Wiesen
usw. 1 ). Noch im 16. Jh. war er eine häu¬
fige Gartenpflanze 2 ). Hin und wieder
findet er noch in der Volksmedizin Ver-
Polterabend— Poenitential ia
Wendung. Der P. ist keine Pflanze des
deutschen Aberglaubens. In der Antike
genoß er großes Ansehen 3 ). Im alteng¬
lischen Herbarius des Apuleius heißt
der P. „dweorge-dwostle“ (Zwergkeh¬
richt?), was vielleicht auf mythologische
Beziehungen hinweisen könnte 4 ). Mög¬
licherweise bezieht sich aber das „Zwerg“
nur auf den niederen Wuchs der Pflanze. !
Einen ,,P.-Segen“ bringt Clm. 7021 5 ).
Im italienischen Aberglauben spielt der
P. noch eine große Rolle 6 ).
l ) Marzell Kräuterbuch 421. 2 ) Christ
Z. Gesch. d. alten Bauerngart. d. Schweiz 1923, 36.
*) Dioskurides Mat. med. 3, 31; Plinius Nat.
hist. 20, 152; (Pseudo-)Apuleius Herbarius
cap. 93 edd. Sigerist et Howald 1927, 168 ff.
4 ) Grimm Myth. 2, 1017; Meyer Germ. Myth.
136; Hoops Pflanzennamen 49; Cockayne
Leechdoms 1, 205. 5 ) Schönbach Berthold
v. R. 148. 6 ) Pitre Med. pop. 407; Usi 3, 113.
250 = Dähnhardt Natursagen 3, 259; ATrad-
pop. 5, 187; Gubernatis Plantes 2, 306 t. =
Reinsberg-Düringsfeld Kuriositäten 1
(1879). 34. Marzell.
Polterabend s. Nachtrag.
Poltergeist s. Geist (3, 480 h).
Poenitentialia.
Wasser sc hieben Bußordnungen, Halle
1851. — H. J. Schmitz Die Bußbücher 1883.
1898. — E. Friedberg Aus deutschen Bu߬
büchern, Halle 1868. — Ders. Bußbücher, Real¬
enzyklopädie für prot. Theologie 3 3, 581—584.
— P. Fournier Etudes sur les pinitentials ,
Revue d'hist. et de littörature religieuse VI—IX
(1901—1904). — H. v. Schubert Geschichte
der christl . Kirche im Frühmittelalter, Tübingen
1920.
Bußbücher, Bußordnungen, Bußspiegel,
Beichtbücher, Poenitentialia — in den
Namen liegt kein sachlicher Unterschied
— sind, z. T. recht umfangreiche, auf
alten Einzelbestimmungen aufgebaute
Sammlungen von Bußvorschriften zum
Zwecke, den Geistlichen jedes Grades für
die Praxis verläßliche und einigermaßen
erschöpfende Richtlinien zu geben. Ihre
Geschichte und die sehr verwickelten
Zusammenhänge der zahlreichen Texte
sind trotz vielen gründlichen Unter¬
suchungen noch nicht in allem restlos
geklärt. Eine kurze Skizze dessen, was
als gesichert und fast allgemein aner¬
kannt J ) gelten darf, gibt H. v. Schubert
a. a. O., S. 684 ff. Danach liegen die
Anfänge in der irisch-keltischen Kirche
des 6. Jh.s: wichtig sind hier vor allen
das P. Finniani 2 ) aus dem 6., das P.
Cummeani 3 ) aus dem 7. Jh. und als be¬
reits festländischer Ausläufer der Gruppe
das P. Columbani 4 ). Von der irischen
Kirche griff der Brauch hinüber auf die
angelsächsische, wo das P. Theodori 5 )
(Bischofs von Canterbury) niedergeschrie¬
ben von Eoda, auf irischen und griechi¬
schen Quellen beruhend, die Grundlage
für alle späteren P. 6 ) wurde. Im Franken¬
reich erwuchs aus diesen Materialen und
den Bestimmungen der heimischen Bu߬
praxis im Laufe des 8. Jh.s eine ganze
Reihe einschlägiger Sammlungen 7 ), auch
solche, die wegen ihrer nachgiebigen Hal¬
tung von der Kirche abgelehnt wurden,
so daß seit 813 sogar mehrmals der Ge¬
brauch solcher P. verboten wurde 8 ).
Einen gemeinsamen Grundstock der frän¬
kischen P. wollte Schmitz in einigen
Dutzend Bestimmungen erblicken, die er
als P. Romanum bezeichnete; doch wird
diese Ansicht jetzt abgelehnt 9 ).
Unter den P. des 9. Jh.s, welche ihre
Entstehung den Bestrebungen verdanken,
für das fränkische Reich ein seinen Ver¬
hältnissen entsprechendes neues offizielles
P. zu schaffen, ist das P. des Halitgar
von Cambrai 10 ) aus der Zeit um 830 das
wichtigste. Auch dieses fußt auf sehr
verschiedenartigen, nur z. T. fränkischen,
im übrigen vielfach irischen Quellen, selbst
das von Halitgar als P. Romanus bezeich¬
nete sechste Buch. Von anderen großen
Kompilationen des 9. Jh.s ist das Pseudo-
Gregorianische P. für das fränkische Reich
bedeutungslos, auch das Pseudo-Theo¬
dorische; erst zu Beginn des 10. Jh.s
entstand im zweiten Band von Reginos
von Prüm (s. d.) großem Werk De syno -
dalibus causis et disciplina ecclesiastica
ein P., das den Bedürfnissen der Zeit
entsprach, viel benutzt wurde und seiner¬
seits auf spätere (s. Burchard von Worms)
wirkte.
Die P. beschäftigen sich natürlich mit
der Gesamtheit der Vergehen gegen die
religiösen und kirchlichen Vorschriften.
In den frühen Jahrhunderten bildet dabei
die Idolatrie im weitesten Sinne, vor allem
zauberische Handlungen der verschie-
299
Popanz—Präanimismus
300
densten Art, Gegenstand der Bekämpfung.
Der Quellenwert der einzelnen Sätze
der P. ist wegen der angedeuteten lite¬
rarischen Abhängigkeiten, auch von land¬
fremdem Material, vielfach unsicher und
stets von Fall zu Fall zu untersuchen.
Konkordanzausgaben und -tabeilen, wie
sie in gewissen Grenzen da und dort schon
gegeben sind u ), wären noch in weiterem
Umfang dringend zu wünschen.
l ) Anders jedoch Schmitz a. a. O. 2 ) Hrsg,
von Wasserschieben a. a. O., 108—119. 3 ) Hrsg,
von Zettingen, Arch. f. kathol. Kirchenrecht 82
(1902), 501—540. 4 ) Hrsg, von Seebaß, Zeitschr.
f. Kirchengesch. 14 (1894), 44* ff- 5 ) Hrsg, von
Wasserschieben a. a. O. 182—219. Vgl. W. v.
Hör mann MHanges Fitting 2, 1 ff. *) v. Schu¬
bert a. a. O. 685. 7 ) a. a. O. 8 ) Aufzählung
a. a. O. S. 686. 9 ) Schmitz 1, 193; dazu v.
Schubert a.a.O. S.685. 10 ) Hrsg, von Schmitz
a. a. O. S. 252—300. u ) Bei Wasserschieben
S. 438 ff., bei v. Hörmann, Zeitschrift für
Rechtsgeschichte 46, 135. 150. 161—163.
Helm.
Popanz, Popelmann, s. Meuli oben
5,1799 u. Anm. 352; dazu Urquell 3, 255;
Panzer, Beitrag 2, 107 t. 109; Klingner,
Luther 19; Weigand-Hirt, Dt. Wb. 2 s. v.
Popel s. 5, 1793. 1804 ff.
Poppele s. Nachtrag.
Poppelgebet s. Nachtrag.
Porst (Gräntze, Sumpfporst; Ledum
palustre). Niedrige, holzige, stark rie¬
chende Pflanze mit schmalen, lederartigen
Blättern und weißen, in Doldentrauben
angeordneten Blüten. Der P. wächst vor
allem in den norddeutschen Torfmooren 1 ).
In Mecklenburg verwenden abergläubische
Landleute den P. zu Räucherungen in
den Ställen 2 ). Die Pflanze gilt wohl
wegen des starken Geruches als hexen¬
vertreibend. Eine zu Braunau i. J. 1617
peinlich verhörte Hexe gibt zu, daß sie
u. a. P. gesammelt habe, um Krankheiten
zu kurieren 3 ). Bei den Giljaken (Amur,
Sachalin) betäubt sich der Teufelsaus¬
treiber mit dem Rauch von Sumpfp. und
kaut die Wurzel des Gewächses 4 ).
a ) Mar zell Kräuterbuch 391 f. 2 ) Schiller
Tierbuch 3, 40. 3 ) Kühnau Sagen 3, 20.
4 ) ARw. 8, 462. Marzell.
P ortiunculafes t. Die Marienkirche
„zu den Engeln“ bei Assisi wird gewöhn¬
lich Portiuncula genannt, angeblich wegen
ihrer einstmaligen Kleinheit oder von
dem kleinen Ackerstücke, das zu ihr ge¬
hörte. Sie war die Lieblings- und Sterbe¬
stätte des h. Franziscus von Assisi. Dieser
soll von Christus einen vollkommenen
Ablaß erwirkt haben für alle, die jene
Kirche besuchten, jedoch nur vom Vesper¬
geläute des 1. August bis zur Vesper des
2. August J ). Auch außerhalb Italiens
spielt der Tag eine Rolle 2 ). An ihm steht
der Himmel offen; wer da stirbt, kommt
gleich hinein (Leobschütz) 3 ). Wer Bir¬
nen ißt und darauf nicht gleich Wasser
trinkt, bekommt das Fieber 4 ). Neckende
Elben heißen in Baden Portiunculaweib-
lein, weil sie sich vorzugsweise am P.
zeigen 6 ).
*) Hase Franz v. Assisi 6. 9 ff. 29 t. 135;
Wetzer u. Welte 10, 194 ff.; Künstle Ikono¬
graphie d. Heiligen 247 f. 2 ) Leoprechting
Lechrain 189 t.; Niderberger Unterwalden 3,
401; Reinsberg Böhmen 381 f. 3 ) Drechsler
1, 149. 4 ) ZfVk. 4 (1894), 405 (Ungarn). *) Wolf
Beiträge 2, 278. Sartori.
Posterli s. 5, 1793. 1794.
Praanimismus ist eine Anschauungs¬
weise, welche in der Erklärung des Aber¬
glaubens vieler zauberischer und reli¬
giöser Bräuche neuerdings eine große
Rolle spielt. Die Bezeichnung ist aller¬
dings wenig glücklich und daher auch
nicht von allen, die sie verwenden, ein¬
heitlich gemeint. Der Name ist dadurch
entstanden, daß die scharfe Kritik an der
animistischen Theorie (s. Animismus) seit
Ende des 19. Jh.s zu einer gegensätz¬
lichen Formulierung benützt wurde.
Während die Vorsatzsilbe prä zuerst be¬
sagen sollte, daß die durch die neuere
ethnologische und religionshistorische
Forschung betonte „Machtreligion“ den
animistischen Anschauungen in der Ge¬
samtentwicklung des menschlichen Gei¬
stes voraufgegangen war, so ist der Name
P. sofort nach seiner Einführung in die
wissenschaftliche Sprache dadurch be¬
denklich geworden, daß die Mehrzahl
der Forscher sich von solchen Versuchen
zeitlicher Fixierung überhaupt abgewandt
hat und unter P. nunmehr diejenige
teils magische, teils religiöse primitive
Anschauungsform versteht, welche so¬
wohl durch ihre Verbreitung als vornehm-
<un*<
301
Präanimismus
302
.«r t
lieh durch ihren Einfluß auf die folgende
Entwicklung der Religion den Vorrang
besessen zu haben scheint. Hauptsächlich
soll dieser P. ein Gegengewicht gegen die
auf Tylor zurückgehende Meinung sein,
daß der Glaube an die Existenz von
Seelen wesen, seien sie mit oder ohne
Körper, die erste Stufe menschlicher
Weltansicht war, aus der sich alle reli¬
giösen und magischen Vorstellungen ent¬
wickelt hätten (s. Animismus 2 a). Bei
jenem Animismus wird nämlich vor allem
nicht in Erwägung gezogen, daß in ganz
primitiven Lagen vielfach die Auffassung
der Beseelung zurücksteht hinter der
Ansicht, daß etwas Unsinnliches und
Ungreifbares, das man aber nicht begriff¬
lich näher bestimmen darf, vorhanden
ist, und zwar seinen mächtigen Einfluß
cnwnhl im TTnivpr<;tim als auch auf he-
wahmehmbaren Macht, die sich aus
Dingen und Begebenheiten heraus äußert,
und ist durch die Entdeckung des mela-
nesischen Mana in Schwung gekommen.
Darauf folgte die Entdeckung der Ent¬
sprechungen bei nordamerikanischen In¬
dianern (orenda, manitu, wakonda) (s.
Orendismus). Das mit diesen Begriffen auf¬
gegebene Rätsel lag darin, daß sie sowohl
magisch wie religiös sind, sowohl Zauber¬
kraft, die man durch einige erprobte Riten
lenkt und stärkt, als auch eine gottheit¬
ähnliche Macht, der man sich zu- und
unterordnet, bedeuten. Viele ,,Präani¬
mist en“ deuten auch diese Anschauung
so um, daß durch diesen Machtglauben
die Theorie gesichert werde, daß die
Zauberei vor der Religion und ihr Wurzel¬
boden sei. Davon darf freilich nicht im
Fmcf Hip "RpHp epin \Vic:cpri«rhaft1irh
stimmte Körper, Menschen, Dämonen nüchterne Forschung kann immer nur
und durch diese hindurch äußert, wodurch das Nebeneinanderbestehen dieser Doppel-
diese letzteren zu Trägern jener unsinn- bedeutung des Managedankens fest¬
lichen Kraft werden und zu besonderer stellen und zum Ausgangspunkt für
Wirksamkeit gelangen. Zudem konnte weitere Erwägungen nehmen. Für die
der Animismus vieles nicht erklären, Theorie des Aberglaubens ist wichtig, daß
was er zu erklären vorgibt, z. B. warum der Mana-ismus (dieser Tatbefund, aus
die abgeschiedenen Seelen, wenigstens dem die präanimistische Theorie ent¬
eine große Anzahl derselben, nach dem standen ist) dartut, wie ungeheuer stark
Tode verehrt werden, während doch die das Erlebnis der Macht unter den In-
Vorstellung vom Sein nach dem Tode stanzen vorwiegt, welche zu den Urdaten
ganz allgemein auf Schwächezustand von Religion wie auch manchem anders¬
deutet. Nur durch Hinzufügung der Macht- artigen Glauben gehören, und daß diese
idee wird ersichtlich, daß gewisse Tote Idee der überragenden Macht, die ge-
wegen der bei Leibesleben ihnen zuer- heimnisvoll durch Natur und kosmisches
kannten Macht-Ausgezeichnetheit auch Geschehen wirkt, zu vielen Maßnahmen
jetzt eine erstaunliche Überlegenheit be- Anlaß geworden ist, durch welche man
sitzen (s. Manismus); sie sind mana - diese Macht entweder im günstigen, ihre
Persönlichkeiten vor wie nach dem Tode. Art befördernden, oder im abwehrenden
Die ungeheuere Einschlagsbreite des Sinne zu beeinflussen trachtet. Hiemit
präanimistischen Anschauens und Den- hängt eine besondere Eigentümlichkeit
kens fordert eine allgemeine Berück- der präanimistischen Anschauungsweise
sichtigung dieser Denkweise auch bei zusammen. Entgegen dem Animismus,
Vorstellungen von der Macht innerhalb welcher das primitive Denken immer als
des Aberglaubens. Seiner Eigenart nach ein kausales zu verstehen sucht, hat der
ist dieses Denken nicht rationalistisch P. gesehen, daß die Feststellung und Be-
und nicht stark reflektierend wie das handlung solcher unsinnlichen Macht
animistische Denken, sondern irrational, Hand in Hand geht mit dem Erleben
unmittelbar erlebnisgezeugt und erlebnis- eines unmittelbaren Berührtseins von ihr
gebunden. Es beruht auf der Wahr- und einer unmittelbaren Verbundenheit
nehmung und Anerkennung und even- mit den Teilen der Natur und dieser
tuellen Verehrung einer nicht sinnlich selber untereinander, ein psychischer
303
Prätorius, J ohann
304
Komplex, den Levy-Bruhl als participation
mystique, ich als symbiotisch-sympathe¬
tisches Grundgefühl bezeichnet haben.
Die Leben der 12 Lilien, an welche die
Leben der 12 Brüder im Märchen ge¬
bunden sind, die Seelen Verstorbener,
die zu Blumen und Bäumen auf den
Gräbern werden, die ungeborenen Seelen
der Kinder in Bäumen oder im Wasser
zeigen ebenso wie die Vorstellung, daß
ein kürzlich Verstorbener an irgend einen
seiner Gebrauchsgegenstände gebunden
bleibt und daß der Verlust des Geschenkes
einer geliebten Person ihren Tod zur Folge
hat oder andeutet, diese präanimistische
Denkweise. Man vergleiche die als wun¬
dertätig verehrten Werkzeuge und Waffen
(Bumerang, Schwert, Keule), die Gewalt
des Auges (s. d.), das Auge geradezu als
Symbol für die persönliche Übergewalt
einer Person, eines Gottes, das Horus-
auge bei den Ägyptern als Symbol der
unsinnlichen göttlichen Energie. Die
Bätyle (griech. baitylos, von hebr. beth-el
nach 1. Mos. 28, 17 der Stein, auf dem
Jakob schlafend die Himmelsvision hatte,
„Gotteshaus“ genannt, eigentlich ein mit
unsinnlicher Gottkraft geladener Stein)
werden heute in der Regel präanimistisch
erklärt, Meteore, Blitzsteine, in denen
man infolge ihrer mysteriösen Herkunft
besondere Kraft vermutete. Bäume, in
die der Blitz geschlagen, sind vom Him¬
melsfeuer getränkt, ihr Holz daher wirk¬
sames Zaubermittel; ein Span von ihnen
kann Felder vor Unkraut schützen. Ein
solcher Span verleiht dem Menschen,
der ihn trägt, ebenso wie ein Donnerkeil
(s. d.) ungeheure Kraft.
Vgl. G. van der Leeuw Einführung in die
Phänomenologie der Religion 1925; L. L6 vy-
Bruhl Les fonctions mentales 1910;R. R. Marett
The threshold of religion 1909, 1914; Beth Reli¬
gion u. Magie 1927; Über Bätyle z. B. O.
Gruppe Griech. Mythol . 775 ff.
K. Beth.
Prätorius, Johann.
F. Zarncke, ADB. 26, 520—529; Georg
Witkowski, Geschichte des literar. Lebens
in Leipzig. 1909 S. 170 ff.
Joh. Prätorius (Hans Schultze), geb.
1630 zu Zethlingen in der Altmark, 1656
Magister, doziert wenig und ohne äußeren
Erfolg zu Leipzig, vorübergehend in
Dänemark 1 ), 1659 Poeta laureatus,
gest. 25. Okt. 1680 zu Leipzig. Gelehrter,
Dichter und außergewöhnlich frucht¬
barer Vielschreiber.
Die Gesamtzahl seiner Werke steht
noch nicht fest. Zarncke zählt 39 ihm
bekannte auf 2 ), etwa ebensoviele ent¬
hält die Liste von Hayn 3 ). Beide
Listen sind nicht vollständig. Die Rübe¬
zahlschriften sind bei de Wyl aufge¬
zählt 4 ). Manches ist von ihm anonym,
manches unter einem Decknamen er¬
schienen und z. T. festzustellen auf Grund
seiner eigenen Angaben in anderen Wer¬
ken 5 ), z. T. ist der Name irgendwie im
Titel versteckt wie bei der Philosophia
Colus. Manche Schriften erwähnt er
selbst als bald erscheinend oder geplant;
so am Schlüsse der Gematria (Zarncke
Nr. 30) allein 37, die uns z. T. unbekannt,
wohl auch gar nicht alle wirklich fertig
gestellt worden sind 6 ).
Von seinen Schriften sind einige wenige
naturwissenschaftlich (Zarncke Nr. 1.
32), andere historisch geographisch (Nr.
10. 19. 23. 27), Nr. 9 bringt eine Samm¬
lung von Lobreden bei Begräbnissen, Nr. 8
scheint lediglich Unterhaltungszwecken
zu dienen. Wenn schon in den „wissen¬
schaftlichen“ Werken das Gebiet des
Aberglaubens gestreift wird, so steht in
der Mehrzahl seiner Werke der Aber¬
glaube im Mittelpunkt.
In einer größeren Reihe von Schriften
handelt er von astrologischen Dingen
und besonders von Kometen und Kometen¬
glauben (Zarncke Nr. 7. 8. 13. 17. 21. 25.
35); andere sprechen von Vorzeichen
und Wahrsagung verschiedenster Art:
die Chiromantie (Zarncke Nr. 2 und be¬
sonders Nr. 3 der thesaurus Chiromantiae ),
die Metoscapia seu Prosopomantia (Nr. 41),
die Schrift de Coscinomantia oder vom
Sieb-Laufe (Nr. 34), die Alectryomantia
seu divinatio magica cum gallis peracta
(Nr. 39). Von Wünschelruten handelt
Nr. 24, von vielerlei zauberischen Hand¬
lungen und Vorstellungen der Anthro-
podemus plutonicus (Nr. 20), eine Auf¬
zählung wunderbarer Geschöpfe: Schretel,
Bergmännlein, Zwerge. Von den aber¬
gläubischen Bräuchen bei der Geburt
4
Preiselbeere—prellen, schnellen
handelt z. T. die Wochenkomödie 7 ).
Der abenteuerliche Glückstopf (Nr. 28)
ist eine Sammlung von 118 abergläubischen
Bräuchen mit Widerlegung. Auch Nr.
6 die Philosophia Colus ist eine solche
Sammlung, in die Gruppe der Rocken¬
philosophie (s. d.) gehörend 8 ). Die Schrift
Blocksbergs Verrichtung (Nr. 26) berichtet
von Hexenfahrten. Am bekanntesten
unter Pr.s Werken ist die Dämonologia
Rubinzali Silesii (Nr. 5) und ihre Er¬
gänzungen 9 ), die ersten Sammlungen
von 250 Rübezahlgeschichten, teils nach¬
erzählt, teils von Pr. erfunden (s. Rübe¬
zahl).
Die Stellung, die Pr. persönlich zum
Aberglauben einnimmt, ist die selbe, die
wir von Chr. Lehmann und andern seiner
Zeitgenossen kennen: er glaubt an Geister,
Kobolde, Dämonen und vor allem an
den Teufel, erklärt aber die große Masse
des Aberglaubens der Zeit als Teufels¬
werk, verspottet und bekämpft ihn.
Das bei Pr. erhaltene Material ist sehr
bunter Herkunft. Vieles beruht auf
eigener Beobachtung, wie es für die Dar¬
stellung in der Wochenkomödie von
Hepding sehr hübsch nachgewiesen ist.
Sehr viel mehr ist gewiß kompiliert aus
älteren Schriften; so ist der Inhalt der
Philosophia Colus größtenteils fremder
Herkunft. Im einzelnen wissen wir über
die Quellen noch wenig Bescheid, zumal
eine Monographie über Pr. und ein Neu¬
druck seiner Schriften noch fehlt und
die alten Ausgaben z. T. nicht leicht
zugänglich sind. Das Verzeichnis Zarn-
ckes enthält auch Angaben über die Auf¬
bewahrungsorte der ihm bekannten
Schriften.
*) Ohrt Danske Studier 1930. 2 ) a. a. O-
523 ff. 3 ) Zeitschr. f. Bücherfreunde 12 (1902/3),
I. 78ff. 4 ) de Wyl Rübezahlforschungen, Bt^s-
lau 1902. 5 ) So in den Nummern Zarncke
20. 22. 28. 30. 6 ) Witkowski a. a. O. 179;
Müller MsäVk. 7 (1918), 193 h 7 ) Vgl. Helm
HessBl. 5, 40—61; Hepding HessBl. 23,
125—129. 8 ) Müller a. a. O. 9 ) de Wyl
a. a. O. Helm.
Preiselbeere (bayerisch-österreichisch:
Granten; Vaccinium vitis idaea).
1. Botanisches. Niedriger Halb¬
strauch mit eiförmigen, lederartigen,
immergrünen Blättern. Die Blüten sind
glockenförmig, weiß und sitzen in Trauben
an den Stengelspitzen. Die Frucht ist
eine rote Beere. Die P. ist (besonders auf
kalkarmem Boden) in Wäldern häufig 1 ).
1 ) Marzell Kräuterbuch 447 f.
2. Nach einer Tiroler Sage erschuf der
Teufel die roten P.n und sprach den
Fluch aus, daß jeder, der davon koste,
ihm verfallen sein solle. Der liebe Gott
machte aber, um dem Fluch die Kraft
zu nehmen, ein Kreuzlein auf die Beeren
(gemeint ist der kreuzähnliche Rest des
vertrockneten Kelches, der an den Beeren
I stehen bleibt). Seitdem kann man die
1 P.n ohne Gefahr essen 2 ). Nach einer
I bergischen Sage trug der „Mägdepalm“,
wie die P. auch heißt, auf die Bitten
eines frommen Klausners durch die Gnade
der Mutter Gottes die eßbaren Früchte 3 ).
2 ) Schrank u. Moll Natur hi st. Briefe über
Österreich usw. 2 (1785), 348; Alpenburg Tirol
254; Heyl Tirol 86; Zingerle Sagen 371; ZfVk.
4, 128; Gräber Kärnten 313; Rochholz Glaube
2, 280. 3 ) Montanus Volksfeste 158 = Schell
B er gische Sagen 145.
3. Tee aus P.nkraut ist gut gegen allerlei
Krankheiten und Behexung 4 ), die Beeren
gelten als Schutzmittel gegen seuchen¬
artige Krankheiten 5 ). Auch gegen Blut¬
speien werden die P.n (rote Farbe!)
empfohlen 6 )
4 ; Drechsler Schlesien 2, 211. 6 ) Schreiber
Wiesen 98. 6 ) Das Kuhländchen 9 (1927), 100.
4. In manchen Gegenden (z. B. in
Mittelfranken) sind die immergrünen
Blätter der P. ein Bestandteil des „Palms“
(s. d.). In Thüringen wird bei der Kon¬
firmation (Palmsonntag) mit P.kraut ge¬
streut 7 ). In der Amberger Gegend
„pfeffert“ man mit ein paar Zweiglein
des P.Strauches 8 ). Im Bergischen stellt
der Bursche, der unglücklich liebt, den
,,Mägdepalm“ an das Fenster des Mäd¬
chens 9 ).
7 ) MdBlfVk. 1, 69. 8 ) Heimatbilder aus
Oberfranken 3 (1915), 123. 9 ) ZfVk. 10, 40.
Marzell.
prellen, schnellen. Ein heute noch
hauptsächlich in der Schweiz geübter
Brauch ist es, beim ,,Todaustragen“
zur Fastenzeit die Strohpuppe dadurch
symbolisch zu „töten“, daß man sie
durch ein aufgespanntes Tuch wiederholt
307
Priester
Priester
310
in die Luft emporschnellt und wieder
auf fängt 1 ). Daß der Brauch früher weiter
verbreitet war, beweist seine Erwähnung
im Weltbuch des Sebastian Frank 2 ). In
Norddeutschland 3 ) ebenso wie in Nord¬
frankreich 4 ) ist der Brauch auf die
Beendigung der Ernte übertragen worden;
die Gutsherrschaft muß sich das P. so
lange gefallen lassen, bis sie sich los¬
kauft. In Südfrankreich 5 ) werden bei
dem Erntefeste oft Haustiere solange
geprellt, bis sie tot sind.
Es ist wohl kaum anzunehmen, daß,
wie Allmers es wollte 6 ), dieser Brauch
auf die altgermanische Sitte, den Fürsten
mit Geschrei auf den Schild zu heben (s. d.),
zurückgeht. Wahrscheinlicher ist es doch,
daß wir es hier mit dem erstarrten Über¬
rest einer mittelalterlichen Strafe zu tim
haben. Allerdings sind die Überliefe¬
rungen in dieser Hinsicht spärlich. So
heißt es in der ,,Alten Verfassung der
Burg und Stadt Cronenberg (0.0. 1748)
„sehenden, uff schnellen oder sunst hert-
lichen strafen“ 7 ). Bei den Bäckern in
München war die „Prelle“ noch am An¬
fänge des 19. Jh. in Gebrauch; der Delin¬
quent wurde in einen Korb gesteckt, am
Galgen hochgezogen und in die Isar ge¬
schnellt 8 ). Auch in Zürich war eine
ähnliche Strafe für falsch Maß und Ge¬
wicht 1821 noch üblich 9 ).
x ) Hof f mann-Krayer 134; SAVk. 11,
239 - 2 ) Grimm Myth. 2, 639; Schmidt
Volksk. 121. 3 ) Maack Lübeck 84. 4 ) Mann¬
hardt i, 612. ß ) Söbillot Folk-Lore 3, 112.
6 ) Almers Marschenbuch (1857), 237. 7 ) Grimm
RA. 2, 1324 f. 8 ) Ebda.; Delling Beyträge
zu einem bayrischen Idiotikon (München 1820)
unter dem Stichwort ,,schupfen'*. 9 ) Vema¬
le ken Alpensagen 423 Tiemann.
Priester. Im folgenden handelt es
sich allein um den katholischen P., da
nur er der Träger eines besonderen P.tums
ist; das evangelische Christentum aner¬
kennt kein solches (s. Geistlicher 3,
561 ff.). Es ist von größter Wichtigkeit
bei Beurteilung der Stellung des katho¬
lischen P.s im deutschen Aberglauben, daß
man beachtet, daß 1. sein P.amt nach der
kirchlichen Lehre von Jesus Christus ein¬
gesetzt ist, 2. er dazu berufen und aus¬
erwählt und durch die Handauflegung
des Bischofs in sichtbarer und offizieller
Form (P.weihe) bestellt wurde zu seinem
Lehr- und Königsamt, Träger göttlicher
Vollmachten zu sein, nämlich, die Sakra¬
mente zu spenden und das Opfer darzu¬
bringen. Dieser Glaube an das besondere
und geweihte P.tum ist von der katho¬
lischen Kirche dauernd und mit Erfolg
verteidigt worden. Dieses Weihebewußt¬
sein bildet einerseits den stärksten und
unzerstörbarsten Kern im Glaubens¬
bewußtsein des einzelnen P.s selbst, es.
ist aber auch für seine ganze Stellung in
den Augen der Nichtgeweihten von größter
Bedeutung gewesen; schließlich knüpfte
sich gerade daran die Bildung von aber¬
gläubischen Anschauungen über den P.
Ferner ist zu beachten, daß mit dieser
kirchlichen Auffassung von der Ein¬
setzung des P.amtes durch Jesus Christus
die Annahme seiner Weiter- oder Heraus¬
entwicklung aus primitiven oder den
antiken Religionen unvereinbar er¬
scheint 1 ). Dies zu beachten ist weiters
wichtig für die Frage der Stellung des
christlichen P.s zu dem germanischen,
vor allem für die Frage, ob sich von dem
germanischen P. noch ein Niederschlag
im deutschen Aberglauben findet. Man
muß fest st eilen, auch mit Berücksichtigung
der mangelhaften Überlieferung über den
germanischen P„ daß das christliche
P.tum alles germanisch Priesterliche
gründlich weggeräumt hat — auch sein
Name ist fremden Ursprunges —, und
daß keineswegs nur die kirchliche Über¬
deckung weggeschafft zu werden braucht,
um die Spuren des germanischen P.s zu
finden. Es ist begreiflich, daß gerade er,
als der Vertreter seiner Religion von der
neuen Religion beseitigt werden mußte;
das scheint im allgemeinen durchaus
keine große Schwierigkeiten gemacht zu
haben, da den von einem starken Standes¬
bewußtsein und von dem Gedanken an
ihre Sendung erfüllten christliche P.n
auf Seite der Germanen kein P.stand
entgegenstand 2 ).
*) J.Lippert Allgem. Geschichte des Priester¬
tums, Berlin, 1883 u. 1884 (für den christlichen
P. 2, 639 ff. unzureichend); A. Horneffer
Der Priester, Jena 1912 (vom völkerpsycholog.
Standpunkt; ohne Quellen, daher eine Nach¬
prüfung der vielen anfechtbaren Behauptungen
des Verf. schwer möglich); R. Ch. Darwin
Die Entwicklung des Priestertums u. d. Priester -
voürde, Leip. 1929 (wissenschaftlich wertlos
rez. O. Weinreich ARw. 28, 362); Pauly-Wis-
sowa 11, 2, 2125 ff.; RGG. 2, 552 ff. (beide
grundlegend, mit weiterer Lit.); Lehmann
Mana 27 ff. (Orenda des P.s bei Tiefkultur-
völkern); Frazer 1, 231; Nilsson Religion
84 ff.; Chantepie Religionsgesch. 4 1, 46 ff. u.
passim; Fehrle Keuschheit 66 ff. J ) Grimm
Myth. 1, 72 ff.; 3,38; Hoops Realiex. 3, 426 ff.;
Helm Religgesch.; Wein hold Frauen 2, 345;
v. d. Leyen Sagenbuch 1, 47 ff.; Jeremias
Religgesch. 243.
A. Abergläubische Anschauungen
über den P.
I. Allgemeines. Wichtig ist die Fest¬
stellung, daß sich an den P. dieselben
Anschauungen knüpfen wie an den P.
der primitiven und antiken Religionen
und daß die kirchliche Lehre von der Ein¬
setzung des P.amtes durch Christus auf
diese ohne Einfluß war. Allerdings scheint
die Ansicht, daß das christliche P.tum
eine Weiterentwicklung aus primitiven
Religionsformen ist, in ihnen die stärkste
Stütze zu finden; die Erklärung dieser
Erscheinung fällt verhältnismäßig leicht,
wenn man den christlichen P. in die Ent¬
wicklungslinie von einem niederen zu
einem höheren P.tum hineinstellt und
ihm eine bestimmte Stelle anweist. Die
Schwierigkeit der kirchlichen Lehre gegen¬
über wird dabei nicht berücksichtigt;
auffällig erscheint aber dabei die Tatsache,
daß der germanische P., den man doch
sicherlich auch in eine solche Entwick¬
lungslinie hineinstellen muß und der sich
vom christlichen P. nicht durch einen
absoluten Gegensatz unterscheiden konnte,
von diesem so vollkommen überwunden
wurde.
Unter den Ursachen für die Entstehung
dieser abergläubischen Anschauungen
über den P. ist die grundlegendste, daß
es sich in erster Linie um niedere Volks¬
schichten handelt, in denen sich zu allen
Zeiten und unabhängig von der kirch¬
lichen Lehre nicht nur vorchristliche
Glaubensreste, sondern auch solche von
primitiv religiösen Urformen unausrott¬
bar erhalten haben. Diese dringen immer
wieder vor und setzen sich auch an eine
kirchliche Lehre an; die niederen, primitiv
religiösen Volkselemente können an den
schwierigen und oft nur wenigen und zwar
religiös Begabten zugänglichen Inhalt des
Dogmas nicht herankommen und deuten
sich diesen in ihrer Weise mit den ihnen
zur Verfügung stehenden religiösen Grund¬
formen um. So steht auch beim P. der
kirchlichen Lehre eine Art Dublette des P.s
im Volksglauben gegenüber, wie sich ihn
das Volk, indem es das Dogma nach eigener
Auffassung umbildete, geformt hat. Eine
solche Umdeutung geschah mit der Weihe.
Nicht zufällig besteht gerade hier der
grundlegende Unterschied in der Auf¬
fassung der katholischen und der prote¬
stantischen Lehre. Hinzu weisen ist ferner
darauf, daß die P. die abergläubischen
Anschauungen des niederen Volkes unter¬
stützten, indem sie, oftmals in dem Aber¬
glauben ihrer Zeit befangen, abergläu¬
bische Bräuche ausführten oder diese
wenigstens duldeten 3 ).
II. Besonderes; Die P.weihe oren-
distisch umgedeutet. In der dem P.
durch die Weihe übertragenen göttlichen
Vollmacht zur Spendung von Sakramenten
und zur Darbringung des Opfers sieht
das Volk eine Kraft, aber nicht in dem
Sinne, daß sie ihm durch den P. als Gnade
vermittelt wird, sondern daß sie der P.
für sich und für seine und ihre Lebens¬
notwendigkeiten gebrauchen kann. Es
erkennt nicht die Quelle der Kraft-Gnade,
sondern schreibt sie dem Vermittler selbst
zu; es tritt damit jene Auffassung vom
primitiven P. hervor, wonach er ein mit
besonderer Kraft begabter Mensch ist.
Daß nach der kirchlichen Lehre zu schei¬
den wäre zwischen der dem P. über¬
tragenen Vollmacht und der Kraft (oren-
distische Auffassung) ist einer allzu pri¬
mitiv religiösen Volksschicht nicht er¬
faßbar.
So wird die Weihe und die durch sie
dem P. übertragene Vollmacht als etwas
rein Äußerliches, ihm Anhaftendes auf¬
gefaßt, denn nach Tiroler Aberglauben
(Lüsen) kann ihm ein Weib die Weihen
nehmen, indem es ihm ihr Fürtuch um
den Kopf wirft 4 ). Andererseits zeigt
der Aberglaube der Luzemer Bauern 5 ),
wonach der P. bei seiner Weihe die Wahl
Priester
312
311
zwischen drei Dingen hat, entweder Un- ; testamentlichen Schriften oftmals in oren-
wetter femzuhalten oder den Verlust von j distischem Sinne umgedeutet haben, und
Seelen der Sterbenden zu hindern oder j es dürfte dadurch der Glaube an die Heil¬
gestohlene Gegenstände durch Messelesen kraft des P.s gesteigert worden sein,
wieder herbei zu schaffen, daß das Wesen Gerade der Unterschied, daß nämlich
der P.Vollmacht nicht ganz erfaßt ist, j diese Heilkraft nur manchen P.n zuge-
sondern im Sinn jener primitiven Kraft, schrieben, schließlich als Zauber betrachtet
die zur Zaubermacht werden kann, um- und von der Kirche ihrerseits bekämpft
gedeutet ist. So kann sich der P. diese wurde, zeigt, daß die P.weihe, — die
auf geheimnisvollem aber menschlichem jedem in gleicher Weise verliehen ist, —
Wege erwerben durch Lernen und Lesen zum Teil in dem orendistischen Sinn ver-
in Zauberbüchern und durch den Besuch standen wurde. Nur in diesem Fall wird
sog. „höherer Schulen“. Sie äußert sich man von abergläubischen Anschauungen
beim P. in gutem Sinn als sog. weiße über eine Heilkraft des P.s sprechen
Magie zum Nutzen der Gläubigen. Doch dürfen, so, wenn man sich auf den Platz
sagt man ihm auch nach, daß er sie setzt, wo beim Neujahrsumgang ein P.
manchmal nicht anwenden sollte. Man gesessen ist, damit man das ganze Jahr
schreibt ihm zu: gesund bleibt (Ullendorf am Queis) 6 ).
a) Heilkraft. Man wird die Beschäf- Vgl.: In Rumänien wendet man gegen
tigung des P.s mit der Heilkunst, die in Fieber und Anämie folgendes Mittel an:
früherer Zeit stärker war, nicht ohne Wenn der P. in der Kirche mit den Sakra-
weiteres vergleichen dürfen mit der Heil- menten seinen Umgang zu halten be-
tätigkeit des Medizinmannes bei den heu- ginnt, werden alle kranken Kinder auf
tigen Tiefkulturvölkem, oder mit der des die Erde ihm in den Weg gelegt, daß er
P.s in gewissen antiken Religionen. über sie hinwegschreiten muß 7 ) (Kraft¬
in früheren Epochen deutscher Ge- Übertragung durch Berührung mit dem
schichte waren die Beziehungen des P.s Fuß, s. Fuß, Fußtreten). Hierher gehört
zur Heilkunde kulturgeschichtlich be- es auch, wenn das evangelische Landvolk
gründet, insofern als er durch seine höhere dem katholischen P. größere Kraft zu-
Bildung,' seine Naturerkenntnis, den Men- schreibt und sich an ihn wendet 8 ). Fer-
schen in erster Linie helfen konnte. Der ner, wenn die Litauer ihm zuschreiben,
Anbau fremder Arzneipflanzen in deut- daß er den Feinden böse Krankheiten
sehen Klöstern und die Führung einer auf das Haupt bete 9 ). Er kann also seine
Apotheke durch einen Kleriker erfolgte Kraft in gutem und bösem Sinne ge¬
rn Befolgung der christlichen Mission brauchen, was der P.vollmacht vollständig
bei den Deutschen und des Gebotes der widerspricht; hier haben wir es mit einer
Nächstenliebe; die Heilpraxis gründete Zauberkraft zu tun, die diese zwiespältige
sich auf die dem Wissen der Zeit ent- Anwendung dem Willen des Zauberers
sprechende Heilerfahrung. Man mag ver- anheimstellt. Gefördert wurde dieser
gleichen, daß auch der heutige Missionar Aberglaube bezüglich ihrer Heilkunst
mit medizinischen Kenntnissen für seinen auch sicher durch die P. selbst, da sie,
Beruf ausgerüstet wird, Kenntnisse, die befangen in den Anschauungen ihrer
vor allem dem leiblichen Wohl der Tief- Zeit, von der magischen Entstehung der
kulturvölker zugute kommen. Daß diese Krankheiten jene Heilpraxis an wendeten,
dem weißen P. eine besondere Heilkraft die in Besprechungen bestand. Dabei
zuschreiben und zwar eine größere als das hat manche Segnung der kirchlichen
Orenda des Medizinmannes, zeigt die Lehre entsprochen und ist nicht als
gleich verlaufende Entwicklung wie bei Aberglauben im Sinne des Handwörter-
den Deutschen. In der ärztlichen Hilfe buches anzusprechen, so die Benediktion
des P.s sah man eine höhere Kraft zutage des Wassers für den Kranken 10 ). Wenn
treten. Sicherlich wird sich das Volk aber z. B. ein P. das Wechselfieber durch
auch die Wunderheilungen in den neu- Umhängen eines an einem Faden befestig-
313
314
ten, beschriebenen Zettels vertrieb, und :
sich infolge dieser Heilmethode eines |
guten Rufes erfreute 11 ), so ist das Volks¬
medizin, die nicht wesentlich mit dem P. ;
zusammenhing, denn dasselbe Verfahren
kannten und wandten auch Laien an;
jedenfalls hat aber eine solche Tätigkeit
den Glauben an die Heilkraft des P.s
gesteigert. Auch deshalb, weil Geistliche,
die schriftkundig waren, die verschiedenen
Zauberformeln nicht nur abschrieben und
übersetzten, sondern auch die germani¬
schen und antiken christlich umformten,
erscheinen die P. mit größerer Heilkraft
ausgestattet 12 ).
3 ) Friedberg Bußbücher 60; Meyer Aber¬
glaube 322; MschlesVk. 30,90 ff. ( Der katholische
Geistliche im Volksglauben von Karl Olbrich.
Diese wichtige Arbeit scheidet nicht immer
genau den Pr. und den Geistlichen und Pfar¬
rer). 4 ) Heyl Tirol 803 Nr. 267. 6 ) Mey¬
er Aberglaube 230 — Lütolf Sagen 555 N. 568
= K. Pfyffer Der Kanton Luzern 1, 246.
6 ) Drechsler 1, 50; 2, 122. 7 ) Hovorka u.
Kronfeld i, 155. 8 ) ZfVk. 19, 126; 21, 114 =
Wuttke 148 §207. 9 ) Frischbier Hexenspr.
25. 10 ) Urquell 2,130.; Zingerle Tirol 59
Nr. 492. n ) Hovorka u. Kronfeld 1, 204.
12 ) Fehrle Zauber 43.
b) Feuerzauber. Es bestand die
Vorstellung, daß das Feuer ein Werk
böser Dämonen sei und daß ihm durch
Bannung Einhalt geboten werden könne.
Man glaubte aus dem Feuerlärm ein merk¬
würdiges Brüllen und Tosen in der Luft
zu vernehmen und sah darin den Lärm
der bösen Geister 13 ). Diesen hat man
angeblich bei einem großen Brand des
Marktes Lembach (ob. Mühlviertel) ver¬
nommen; weil es kein „rechtes“ Feuer ge¬
wesen sein soll, war der Feuer bann des
Ortspfarrers mit geweihtem Brot und der
Monstranze erfolglos 14 ). Dasselbe ge¬
schah 1750 in Rastatt 15 ). Man verlangt,
daß der P. den Brand mit der Monstranze
umschreite, besonders, wenn die Kirche
vom Feuer bedroht ist. Wirft er das ge¬
weihte Brot (Agathenbrot) hinein, so ist
das wirksamer 16 ). Der Pfarrer muß drei¬
mal im Ornat den Brand umschreiten,
damit dieser nicht weiter greift. Der
Pfarrer muß aber so schnell als möglich
davon eilen, denn das Feuer läuft ihm
ellenlang nach und würde ihn verbrennen.
wenn es ihn erreichte 17 ). Dieser Feuer¬
exorzismus ist auch bei den Protestanten
in Verwendung und wurde vor nicht allzu
langer Zeit in Schäßburg (Siebenbürgen)
angewendet 18 ). Ob dies eine Inkonsequenz
oder ein Relikt aus der Zeit vor der Refor¬
mation ist, kann schwer entschieden
werden.
13 ) Haupt Lausitz 1, 109 ff. 14 ) Mündl. von
einem 90jährigen Obermühlviertler. 15 ) Meyer
Baden 376 = Birlinger Schwaben 2, 179. 16 )
Wuttke 401 § 618; Schönwerth Oberpfalz 2,
84 ff. 17 ) Müllenhoff Sagen 258 ff. Nr. 348.
349. 18 ) Haltrich Siebenbürg. Sachsen 309.
c) Wetterzauber. Diese Funktion
des Wettermachens ist bekanntlich bei
den Tiefkulturvölkern und ebenso in den
antiken Religionen mit der priesterlichen
vereinigt und tritt auch im deutschen
Aberglauben zutage 19 ). Ein solcher ist
es, wenn das Volk seiner Gewalt allein
und seinem Einfluß die Kraft zuschreibt >
a) das Unwetter, Hagel abzuwenden. Das
Gebet deutet es sich als Zaubergebet (Ja¬
kobssegen, Wettersegen). Er ist wetter¬
gerecht (Oberbayern), schauerfest (Ober¬
öster.) 20 ). Diese Kunst verlangte manche
Gemeinde von ihm, sie gehörte oft gerade¬
zu zu den amtlichen Pflichten des Pfarrers,
(s. d.), und sein Einfluß hing davon ab 21 ).
Jede Gemeinde wollte in ihrem P. den
mächtigen Wetterzauberer haben, der
das Wetter von ihrem Gebiet abwehren
konnte. Er sollte ein sogenannter De¬
fensor sein 22 ). Andere Gemeinden da¬
gegen, die vom Unwetter verwüstet wur¬
den, beschwerten sich dann über einen
solchen P.; z. B. schrieb 1820 eine ver¬
wüstete Gemeinde im Luzernerland ihr
Unglück einem benachbarten Pfarrer zu,
der angeblich das Unwetter aus seinem
Kirchspiel weg und ihnen zugeschoben
hatte 23 ). Als einem die Kunst versagt,
das Hagelwetter zum Abzug von seiner
Gemeinde zu bringen, gelingt es ihm nur
so weit, daß es sich in seinem Garten
entladet (Voralpengebiet) 24 ). Wenn sie
in Kärnten der in sie gesetzten Hoffnung
nicht entsprachen, dann brachten ihnen
die Weiber ihrer Gemeinde Schürzen
voll Schloßen als Zehnten ins Haus 25 ).
Diese Abwehrkraft des P.s ist für eine
Gemeinde an seine Anwesenheit gebun-
Priester
*
Priester
Y) Er kann regnen lassen (Scharten¬
o) Seine Reise bringt Regen. Es ist
den, denn in Birkingen (Waldsh.) hagelte
es nur einmal, als er auswärts war 26 ).
Ein anderer (Jesuit, Kapuziner) schießt
auf die Hexe in der Wetterwolke 27 ).
Besonders in Bayern gilt mancher P. als
besonders erfahren im Bekämpfen der
Wetterhexe 28 ). Ein Pfarrer wird von
den Hexen deshalb getötet, weil er ihnen
das Wett er machen verleidet hat 29 ).
ß) Er kann aber auch andererseits Ge¬
witter machen und Hagel senden 30 ) und
nähert sich so der Hexe (s. d.). Es tritt
somit auch hier die Möglichkeit einer
guten und schädigenden Anwendung der
Kraft hervor, wodurch sie als Zauber¬
kraft charakterisiert wird. Die aber¬
gläubische Anschauung besteht darin,
daß man dem P. selbst die Kraft zu¬
schrieb und nicht dem Himmel die Ent¬
scheidung überließ. Pfarrer, die bei der
Bevölkerung unbeliebt waren, wurden
deshalb verdächtigt. So erklärten noch
zu Beginn der 6oer Jahre des vorigen
Jahrhunderts Theißenegger Bauern (Kärn¬
ten), daß sie ihren Pfarrer in einem
Schauergewölke reitend gesehen hätten,
und daß er ihnen so den Hagel bringe.
Er mußte wegen der Volkswut sein Amt
auf geben 81 ). Im französischen Aber¬
glauben werden die Gewitterwolken von
P.n gelenkt; man schießt sie mit einer
geweihten Kugel herab 32 ). Mancher P.
wurde verdächtigt, daß er das Wetter
hätte abwehren können, wenn er die be¬
treffenden Gebete verrichtet hätte. Des¬
halb vergriffen sich im Jahre 1870 in
Stranice (Jugoslawen) Bauern an ihrem
Pfarrer, der sich ihrer nur mit Mühe er¬
wehren konnte 33 ). Vgl. denselben Aber¬
glauben bei den Franzosen, die Drohungen
ausstießen und von ihren P.n die Abwehr
des Unwetters erzwangen, ihn bei Erfolg
liebten und bei Katastrophen verjagten.
Seltsame Beschwörungsformeln und Riten
waren üblich. Ein savoyischer Pfarrer
drohte, die zu Beschwörungszwecken mit¬
gebrachte Hostie bei Mißerfolg in den
Schlamm zu werfen. Die Monstranze
wird den Wolken gezeigt (Provence).
Der P. muß das Passionsevangelium
lesen, er wirft seinen Schuh, seine Mütze,
seine Socken in die Richtung der Wolken 34 ).
berg, O.-Oe. 35 ) und auch sonst). Wie fest
dieser Regenzauber am P. haftet, zeigt
die Geschichte von Luther, der deshalb,
weil er während eines Jahrmarktes in
Rudolstadt gewässertes Bier bekommen
habe, angeblich den Markt und das Ge¬
tränk verwünscht hat, weshalb seither
jeder Markt im Wasser schwimme 36 ).
Der Zauberer aus dem Erzgebirge, P.
Hahn, läßt regnen, um die Leute zu
narren und für die Sonntagsarbeit zu
strafen 37 ).
Neben der Abwehr steht die Hervor¬
bringung des befruchtenden Regens. Er
hat dieselbe Verantwortung, zur rechten
Zeit den Regen herbeizuzaubern, wie dies
der P. auf der primitiven Stufe zu tun
hat (s. Regenzauber). Meist ist der ur¬
sprüngliche Grund verdunkelt, und es
werden die verschiedensten Gründe für
den Regenzauber durch einen P. angegeben.
Der P. kann seine Macht über den Regen
auch dazu benützen, ihn fernzuhalten;
so ,,stellte“ einer das ,.Wetter ein“, weil
ihn seine Pf arrkinder böse gemacht hatten,
und es regnete viele Monate nicht und
alle Feldfrüchte verdorrten. Er konnte
nicht früher regnen lassen, als bis ihm
ein anderer P. den Bann abnahm 38 ).
Besonderen sympathetischen Einfluß auf
den Regen hat die Farbe des Meßge¬
wandes. Wenn es an einem Sommer¬
sonntag regnet, an dem der P. ein grünes
Meßgewand trägt, regnet es noch längere
Zeit (O. A. Leutkirch 39 ) und sonst:
Landshut 40 ), Mailberg, N. Oe.) 41 ). Es
regnet 8 Tage, wenn dies an einem Regen¬
tag geschieht (Oberschwaben) 42 ), neun
Wochen (Tirol und Baden) 43 ). Die regen¬
kündende Bedeutung ist sogar auf die
Pfarrerwiese übergegangen; wenn sie ge¬
mäht wird, regnet es. Die Schuld daran
hat stets der Pfarrer M ). Vgl. den Regen¬
zauber, der an einem Geistlichen in Süd¬
rußland bei der anhaltenden großen Dürre
im Jahr 1892 zur Erlangung von Regen
vollzogen wurde. Nach den allgemeinen
Gebeten in der Kirche wurde er im vollen
Ornat auf die Erde geworfen und hierauf
mit Wasser begossen, daß keine Stelle
seiner Kleidung trocken blieb 45 ).
begreiflich, daß der Aberglaube an seine
Kunst, Regen zu machen, auch seinem
Erscheinen dieselbe Kraft zuschreib c.
Diese allgemein verbreitete Anschau-
ung 46 ) wird gegenwärtig noch scherz¬
haft auf den P. angewendet und lebt
in der Schweiz in dem Sprichwort fort:
Regen gibt es, sooft die Pfarrer zu¬
sammen über Land gehen. Viele Schrift¬
steller beweisen das Alter und die Ver¬
breitung dieser Ansicht 47 ). Wenn sich
mehrere Geistliche an einem Ort treffen,
zufällig oder auf Verabredung, dann gibt
es Regen (Münsterland) 48 ). Diese Auf¬
fassung mag ursprünglich nicht in einer
einzigen Anschauung wurzeln. Nach der
einen sind an die Stelle des Gottes, der
durch die Lande zieht und den Frucht-
regen bringt, seine Nachfolger, die P., ge¬
treten. Einen Naturmythos (Rochholz)
mag man aus der Sage erschließen, daß es
in einem Lande, wo nach der Abreise des
P.s Dürre eingetreten war, erst wieder
bei dessen Rückkehr regnet 49 ). Diese
mythische Grundlage wäre dann nicht
mehr verstanden worden und die Reise
als Zukunft kündend, bzw. wetterkündend
angesehen worden. Das Erscheinen des
P.s mit seinem allgemein ungünstigen
Angang habe das schlechte Wetter be¬
deutet, denn als solches wird der Regen
aufgefaßt. Ein Epigramm auf die Geist¬
lichkeit von dem Appenzeller Joh. Grob
v. Herisau sagt: ,,daß euch der Himmel
haß, ist unschwer zu erweisen, es ist ja
weltbekannt, ihr könnet nimmer reisen,
daß nicht die güldne sonn ihr wertes
liecht versteck und euch ein Wolkenbruch
als nasses volk bedeck“ 50 ). Zu dem un¬
günstigen Angang reisender P., der schlech¬
tes Wetter bringt, s. ferner die Anweisung,
daß man denselben Weg, den ein reisen¬
der P. oder Mönch geht oder reitet, nicht
machen soll, weil meist schlechtes Wetter
ist 51 ). Vgl.: auch in Rabelais Gargantua
lib. 4 wird die Begegnung mit einem
Schiff voll P., die zu einem Konzil fahren,
zuerst als von guter Vorbedeutung auf¬
gefaßt, nachher folgt aber ein großer
Seesturm 52 ).
1# ) Bavaria 1,1, 321 = Wuttke 149 § 207; SA-
Vk. 8,309 (P. Laurenz in Einsiedeln); Stracker-
jan 2, 4 Nr. 262. 20 ) Baumgarten Aus der
Heimat 1, 65. 21 ) Rosegger Steiermark 68.
22 ) Rochholz Sagen 2, Nr. 372. 23 ) Ebd.
2, 148. 24 ) ZföVk. 7, 239. 25 ) Meyer Aberglaube
230 = Fr. Sartori Reise durch Österreich
2, 153 ff. 28 ) Meyer Baden 364. 27 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 183 ff. Nr. 2, 126; John
Westböhmen 199. 28 ) Andrian Wetter Zauberei
98. 29 ) Heyl Tirol 434 Nr. 124. 30 ) Andrian
Wetterzauberei 102; Endt Sagen 41 Nr. 4.
31 ) Waizer Kulturbilder 25. 32 ) Sebillot
Folk-Lore 1, 108 ff. 33 ) Andrian Wetter¬
zauberei 106; Krau ss Relig. Brauch 118.
34 ) Sebillot Folk-Lore 1, 108 ff. 35 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 1, 65. 38 ) Rochholz
Naturmythen 8. 37 ) Endt Sagen 39 h. 38 ) Fi¬
scher Oststeirisches 120. 39 ) Bohnenberger
18. 40 ) Pollinger Landshut 230. 41 ) ZföVk.
33 » 93 - 42 ) Birlirger Schwaben 1, 402.
43 ) Zingerle Tirol 75 Nr. 622; Meyer Baden
157 1 = Gesemann Regenzauber 64. 44 ) ZfVk.
6, 182. 45 ) ZfVk. 3, 84. 46 ) Grimm Myth.
3» 959 » 960 — Alte Weib. Phil. 107k = Meyer
Aberglaube 143. 230 = Praetorius Anthr.
pluton. 1, 399; Schultz Leben 242. 47 ) Roch¬
holz Naturmythen 8; Wettstein Disentis
175 48 . 48 } Strackerjan 1, 30. 49 ) Rochholz
Naturmythen 8. 50 ) s. Nr. 46. 61 ) ZfdMyth.
3, 316. 52 ) Rochholz Naturmythen 8.
d) Die Bannkraft. Allgemeines:
Die katholische Lehre anerkennt die
Wirklichkeit böser Dämonen und des
Teufels; daher ist die exorzisierende Tätig¬
keit des P.s kein Aberglaube im Sinn des
Handwörterbuches (s. Exorzismus). Das
Volk aber deutete auch die exorzistische
Vollmacht des P.s nur als eine geheime
Kraft. Auf katholischer Seite wird es erst
Aberglaube, wenn das Volk annimmt,
daß die exorzistische Macht unter den P.n
nicht gleich ist, ganz in der Art des Oren-
das; dahin gehört es, wenn man den P.n
eine verschieden starke Macht für die
Bannung zuschreibt. Manche sollen sie
in besonders starkem Grad besitzen, so
die Ordensp. und unter ihnen die Jesuiten
(s. d.) und Kapuziner (s. d.). Eine andere
abergläubische Anschauung ist es, wenn
ein Mißerfolg bei einer Teufelsbeschwö¬
rung nur mit einem wenig heiligmäßigen
Leben begründet wird. Vgl. die zahl¬
reichen Sagen über Teufelsbeschwörungen.
Mag diese Motivierung auch auf den ersten
Blick sehr nach kirchlicher Lehre aus-
sehen, daß Sakramentalien durch die
persönliche Würdigkeit beeinflußt werden,
es tritt auch hier jene Anschauung zutage,
319
Priester
320
die sich die exorzistische Gewalt um- bei der Luftfahrt dahin verkehrt auf dem
deutet und ihre Wirkung abhängig macht Reittier sitzen und seine Tonsur mit einer
von der Einhaltung von Geboten bzw. Mütze zudecken 61 ); sie belästigen ihn 62 ).
Verboten wie sie der Steigerung des Ofen- ß) Er bannt Geister jeder Art.
das bei den Tiefkulturvölkern dienen Hierfür eignen sich neben den vorher er-
sollen. Die Keuschheitsvorschrift vor j wähnten besonderen Kategorien unter
allem steht für den P. jeder Religion im j den P.n vor allem die Frühmesser w ).
Vordergrund 53 ). Sie hat eine Umwertung Der Vorgang dabei ist, daß der P. den
im ethischen Sinn erfahren, daß der P. G^ist als Tier hervorruft, ihn in einen
nicht die kleinste Sünde begangen haben Behälter hineinspricht und ihn entweder
darf. Mancher mag auch selbst seine selbst verträgt oder einem sog. Ranzen-
exorzistische Vollmacht in dem volks- mann (Feilenhauer, Fahrender, Kamin-
tümlichen Sinne aufgefaßt haben — die feger) zu diesem Zweck übergibt. Er kann
äußere Entfaltung des P.tums ist zeit- Seelen, die herumirren, ohne erlöst zu
bedingt —, wenn er zum Exorzismus ge- w T erden, dem Teufel übergeben. Den
wisse äußere Vorbereitungen traf, die Geistern gleich zu halten sind auch die
abergläubisch waren, so wenn er sich am Zwerge, die der P. ebenfalls bannen kann,
ganzen Körper mit dem heiligen öl be- Der Glaube an die exorzistische Kraft
streicht und auf den Fußboden ein weißes des P.s ist auch unter den Protestanten,
Kreuz mit Kreide macht. Weil er ver- besonders unter der Landbevölkerung
gessen hat, eine Stelle am rechten Fuß wach. Sie schreibt dem katholischen P.
zu bestreichen, schlägt ihn dort der Teufel, höhere exorzistische Gewalt zu als dem
daß er sein Leben lang hinkte und einen evangelischen Geistlichen (s. Pfarrer).
Verband tragen mußte, der ihm nicht Die Ostfriesen wenden sich an den katho-
einmal beim Tod abgenommen werden lischen P. und an Klöster um Rat bei
durfte 54 ). Behexung 64 ), ebenso macht man es in
a) Teufels- und Hexenbanner 55 ) gemischt konfessionellen Gebieten, wie
(s. Hexe u. Teufelsbeschwörung). Als im Hildesheimischen, in allen Fragen,
abergläubisch sind demnach erst die über die Zauber und abergläubische Hand-
den Exorzismus (in kirchlichem Sinne) lungen angehen 65 ). Dasselbe ist es, wenn
hinausgehenden Anschauungen zu be- man in Ostpreußen gegen den Wieder¬
trachten, wo beim Exorzismus noch wei- gänger ebenfalls den P. holt, weil ein
tere Bedingungen zum Bannen des Teufels lutherischer Geistlicher dies nicht kann,
oder der Hexen notwendig sind. So wenn obwohl dort die Bannung von Wieder -
die Macht des P.s über sie abhängig ge- gängern auch von evangelischen Geist¬
macht wird von einem vollkommen reinen liehen vorgenommen wird 66 ). Es kommt
und schuldfreien Leben, ferner davon, auch das Gegenteil vor, daß der evan-
daß er frei sein muß von Unrechtem Gut gelische Geistliche geholt wird, weil der
und eine sogenannte „lange Wandlung" 56 ) katholische wegen seiner Sündhaftigkeit
hat, er muß mit dem Teufel unter körper- nichts ausrichtet 67 ).
liehen Anstrengungen kämpfen 57 ). Hier- 7) Bannung von Landplagen. Man
her gehört es auch, daß man dem P. zu- nimmt an, daß diese von verschiedenen
schreibt, er erkenne die Hexen, wenn er bösen Geistern verursacht sind oder von
durch die Monstranze durchblickt; sie ihnen geschickt sind. Wie für das Wetter
trügen Korbschwingen auf dem Kopf trägt der P. auch für den Schutz des Lan-
(Westfalen 58 )) oder Milcheimer (Kuiavi- des gegen Landplagen die Verantwortung,
scher Volksglaube 59 )); sie säßen mit Er soll seine Kraft zu dessen Nutzen in
dem Rücken zum Altar gewendet (Neu- Anwendung bringen. Als in den 30er
markt) 60 ). Mit den Hexen wird er auch Jahren des vorigen Jahrhunderts in West-
außerhalb seiner Tätigkeit als Banner in preußen plötzlich eine Heuschreckenplage
Verbindung gesetzt; so nimmt er an verschwand, wurde das damit erklärt,
einem Hexensabbat teil. Er muß aber daß ein katholischer P. durch besonders
321
Priester
322
kräftige Beschwörungsformeln das Unge¬
ziefer in einen benachbarten See getrieben
habe, in welchem es umgekommen wäre 68 ).
Er kann die Raupen von einem Feld ver¬
treiben, w r enn ihm dort am Morgen ein
nacktes Mädchen begegnet 69 ). Diese
Auffassung der p.lichen Gewalt hat nichts
mehr zu tun mit der exorzistischen Ge¬
walt; sie ist gänzlich umgedeutet im oren-
distischen Sinn und ist Zaubermacht.
0) Das Bannen der Diebe. Diese
Kunst ist ebenfalls nur mehr reine Zauber¬
macht; es ist begreiflich, daß man dem
P., sobald er einmal mit einer Kraft in
diesem Ausmaß ausgestattet war, auch
diese Zaubermacht zusprach. Vielleicht
war sein Bücher wissen die ursprüngliche
Wurzel zur Bildung dieser abergläubischen
Anschauung. Doch muß der P. Zeit zur
Vorbereitung beim Bannen der Diebe
haben 70 ). Berühmt als Diebsbanner war
P. Hahn, der Zauberer aus dem Erzge¬
birge 71 ). In West preußen wandte man
sich auch diesbezüglich lieber an den
katholischen als an den evangelischen
Geistlichen 72 ).
e) Er kann Schätze heben. Man wen¬
det sich deshalb um Hilfe an ihn, auch von
seiten der Protestanten, die ihm eine
höhere Macht zusprechen als ihrem Geist¬
lichen, der diese verloren haben soll 73 ).
Zur Frage nach Herkunft des Schatzes
an den Teufel verwendet man am besten
einen würdigen P., weil ihm der Teufel
Rede stehen muß 74 ). Der Schatz kann
nur von einem P. gehoben werden, der in
einer aus Kirschbaumholz verfertigten
Wiege geschaukelt wurde 75 ). Unter den
schatzhebenden P.n kommen in den vielen
Sagen vor allem die Jesuiten vor 76 ).
Unter den Opfern an den Teufel für den
Schatz wird an Stelle des 13., des roten
Schneiders, auch der P. genannt 77 ). Er
kann den zum Schatzhüten verurteilten
Geist eines Schloßherrn erlösen und er¬
hält dafür den Schatz. Er muß der Erst¬
geborene sein und in einer Wiege gelegen
sein, die aus dem Holz eines auf der Burg¬
mauer gewachsenen Baumes gemacht
wurde 78 ).
* 3 ) Fehrle Keuschheit 68 ff. (mit reicher Lit.).
64 ) Blümml Forschungen 6, 7. ö6 ) ZföVk.
Bächtold - Stäubli, Aberglaube VII.
24, 52 Nr. 4; ZfVk. 3, 175; 3, 3S5 (evangel.);
die Lit. kann nicht vollständig gegeben werden.
56 ) Meyer Baden 537. 67 ) Zingerle Tirol
59 Nr. 511. 58 ) Wuttke 237 § 374. 5e ) ZfVk.
22, 95. 60 ) Zingerle Tirol 35 Nr. 281. 61 ) Heyl
Tirol 699 Nr. 85. 62 ) Ebd. 299 Nr. 118.
63 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 113. 116. 119.
128. C4 ) Meyer Aberglaube 296 = Frisch¬
bier Hexenspr. 24. 23; Wuttke 148 § 207;
ZfVk. 2i, 114 = Andree Braunschweig 2 377;
Kuoni St.Galler Sagen 16; Müllenhoff Sagen
258 f. Nr. 348. 349; Niderberger Unterwalden
3, 527 h. 65 ) ZfVk. 2i, 114. 6e ) Wuttke 148
§ 207; 473 § 754; Eisei Voigtland 51 Nr. 116;
84 Nr. 217; 85 Nr. 220; Müllenhoff Sagen
194. 67 ) Eisei Voigtland 234 Nr. 587; Kühnau
Sagen 3, 208. 68 ) Tettau u. Temme 267 —
Frischbier Hexenspr. 24 = Wuttke 148 §207.
«») Weinhold Ritus 32. 70 ) Schell Bergische
Sagen 293 Nr. 1 c. 71 ) Endt Sagen 63 ff.
72 ) Frischbier Hexenspr. 24 = ZfVk. 21,
i 44 = Wuttke 148 § 207. 73 ) Mühlhause
321 = Waldmann 7 = Wuttke 148 § 207.
74 ) ZföVk. 4, 234- 76 ) Se PP Sa S en 61 ff -
7 «) ZföVk. 4, 226; 7, 229 ff. 77 ) Eisei Voigtland
179 Nr. 478. Heyl Tirol 643 Nr. 110.
f) P.angang. Aus der Vorstellung
vom Besitz einer Kraft erklärt sich, daß
der P. das Objekt eines Anganges wird:
dieser ist durchwegs ungünstig. Die
Gründe dafür dürften mehrfach sein.
Außer der aus der Antike ererbten An¬
schauung, welche die Grundlage bildet,
! werden noch andere Gesichtspunkte später
| hinzugekommen sein (s. Angang). Be¬
züglich des ungünstigen Anganges besteht
kein Unterschied zwischen dem katho¬
lischen und dem protestantischen Geist¬
lichen, er ist allen Kirchenleuten gemein¬
sam ; auch Mönch und Nonne haben ihn
(s. d.) in Deutschland, Frankreich, Eng¬
land und darüber hinaus, auch schon in
der Antike, wo P. und Eunuch im An¬
gang gleich sind 79 ). Nachrichten dar¬
über stammen bereits aus dem frühen
MA.: sacerdotem obvium aliumve reli-
giosum dicunt esse infaustum (Johannes
Sarisberiensis 1182) und die Klage des
Berthold v. Regensburg, ,,daz ein gewihter
priester boesen aneganc habe, an dem
glaube lit" 80 ). Im einzelnen bringt a) die
Zeit des Anganges, ß) die Kleidung des
P.s und 7) die Berufszugehörigkeit des
Objektes Modifikationen mit sich.
a) Zeit. Der Angang am Morgen be¬
deutet Unglück für den ganzen Tag
(allgemein) 81 ). Drei P. zugleich bedeuten
I I
323
Priester
324
den Tod (Wiener Kinderglaube) 82 ). Am
schlimmsten ist es, wenn man außerdem
noch von ihm angeredet wird (von einem
walach. Popen in Siebenbürgen) 83 ). Am
Neujahrstag bedeutet sein Angang den
Tod 84 ); man kommt vor das Gericht
(Halle) 85 ).
ß) Kleidung. Besonders nachteilig
ist es, wenn der P. im Talar ist. Es ist
das ein schon im frühen MA. bestehender
Aberglaube 86 ).
7) Der Nachteil für gewisse Beschäf¬
tigungen. Sein Erscheinen unterbricht
und vereitelt Geschäfte 87 ); bei seinem
Erscheinen wird die Arbeit unterbrochen,
weil die schuldige Ehrfurcht beobachtet
wird. Besonders Fischer (s.d.), Jäger (s.d.)
und Schiffer (s.d.) sehen in seiner Begegnung
eine nachfolgende Schädigung. Auf der See
dürfen die Fischer beim Angelheben nicht
das Gespräch auf einen Geistlichen kom¬
men lassen, weil sonst der Seehund die
Fische fressen würde 88 ). Der Walfisch¬
fang würde nicht glücken, wenn ein Geist¬
licher vom Strand aus zusähe (Färöer) 89 ).
Besonders ungünstig ist er für eine Reise;
seine Anwesenheit bringt ein Schiff ins
Verderben; es geht unter, während er
gerettet wird; so soll ein hoher französi¬
scher Geistlicher im Jahre 1868 einem
Überseedampfer zum Verderben geworden
sein. In Italien und Griechenland soll
er nicht einmal von der Rhede aus der
Abfahrt beiwohnen; in diesem Fall wird
sie sogar verschoben 90 ); deshalb ver¬
wenden die Schiffer nach französischen
und schwedischem Aberglauben für P.
bezw. Geistlicher irgend eine ihn bezeich¬
nende Umschreibung 91 ).
Abwehrmittel gegen den ungün¬
stigen Angang. Will man nicht auf die
Ausführung eines Planes am Tag eines
ungünstigen Anganges verzichten und
eine Reise 92 ) oder die Jagd 93 ) nicht ver¬
schieben, so kehrt man wenigstens für
kurze Zeit nach Hause zurück 94 ).
Die ungünstige Wirkung sucht man
auch abzuschwächen dadurch, daß man
dreimal ausspuckt oder eine Nadel fallen
läßt 95 ) oder ein wenig Heu vom Reise¬
wagen wirft. Dies geschieht in Sieben¬
bürgen allgemein gegenüber einem wa-
lachischen 96 ), in Polen gegenüber einem
russischen Popen 97 ).
Der Besitz seiner Macht schützt nicht
nur den P. selbst, sondern auch seinen
Besitz und sogar sein Vieh. Seinem Vieh
können nämlich die Hexen und Teufel
nichts anhaben (fast allgemein) 98 ). Der
Grund ist der, weil er mit dem Heiligen
umgeht 99 ). Dasselbe ist es, wenn die
Landbevölkerung in vielen Gegenden
Preußens und besonders in Litauen wegen
der gutartigen Zauberkraft des P.s ihrem
Vieh von diesem geweihte Kräuter zu
fressen geben. Der Litauer läßt sich dazu
einen katholischen P. mit großen Kosten
von auswärts kommen, weil der evan¬
gelische Prediger angeblich das Weihen
nicht mehr versteht 10 °).
79 ) Liebrecht Zur Volksk. 359; Leoprech-
ting Lechrain 88; Drechsler 2, 121; Heck¬
scher 347 132 . 348; Stemplinger Aberglaube
45. 80 ) Grimm Myth. 2, 938 ff. = Wuttke
208 § 288; Schönbach Berthold v. R. 32. 32 ff.
81 ) Grimm Myth. 3, 440 Nr. 177. 82 ) ZföVk.
33, 12. 83 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 316 ff.
84 ) Wuttke 208 § 288. 85 ) Ebd. 8ti ) John
Erzgebirge 34. 87 ) Grimm Myth. 2, 941 ff.
88 ) Frischbier Hexenspr. 158 = Sartori Sitte
2, 162. 89 ) ZfVk. 3, 289 = Sartori a. a. O.
®°) Seligmann Blick 1, 229. 91 ) Liebrecht
Zur Volksk. 359; Heckscher 118. •*) Haltrich
Siebenb. Sachsen 316 ff.; Leoprechting Lech¬
rain 88. 93 ) Grimm Myth. 2, 941 ff. 94 ) S.
Belege oben 4. 575 ff. 95 ) ZföVk. 3. 21.
96 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 316 ff. 97 ) Münd¬
lich von Fr. Thommen aus Pabianice i. Polen.
98 ) Wuttke 148 § 207. ") Ebd. 260 § 380.
10 °) Frischbier Hexenspr. 24.
g) Die mantische Kraft. Da dem
P. in der hl. Messe bei der Wandlung
die höchste Kraft der Verwandlung ge¬
geben ist und der Gegensatz zwischen
Göttlichem und Menschlichem aufgehoben
erscheint, so glaubt man, daß er die Gabe
des Blickes ins Jenseits habe und bei der
Totenmesse das Schicksal der Verstor¬
benen erfahren könne. Dies war ein dem
Volk tief eingewurzelter Glaube; doch
darf der P. von seinem ihm während
der Wandlung zuteil gewordenen Wissen
nichts weiter sagen. Einige behaupten,
der P. lese dies während der Messe aus
dem Kelch, andere, er erkenne bei der
ersten Totenmesse an einem weißen, roten
oder schwarzen Tüpfelchen, dessen er im
Meßbuch ansichtig wird, ob die Seele
325
Priester
326
im Fegefeuer oder in der Hölle sei. War
der Verstorbene ein großer Sünder, so
kann der P. bei der ersten Totenmesse
oft den Kelch gar nicht oder nur mit
Mühe und Anstrengung aufwandeln. Von
der aufgewandelten Hostie sollen schon
Öfters Blutstropfen herabgefallen sein 101 ).
Wenn die Seele verloren ist, kommt der
P. bei der Messe, die er für sie liest, nicht
weiter (Ranggen). Er sieht diese Seele
während der Wandlung bei den drei
Seelenmessen (Unterinntai) 102 ). Er kann
die Seele während des Totenamtes zi¬
tieren 103 ).
101 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 123.
102 ) Zingerle Tirol 50 Nr. 443. 444. 445;
Schönwerth Oberpfalz 1, 276. 103 ) Stracker-
jan 2, 131 Nr. 461.
B. Gegenüber dieser ersten Gruppe
von abergläubischen Vorstellungen, die
sich einheitlich aus einer Quelle herleiten
lassen, knüpft eine zweite
1. an die Ausübung der kultischen
Handlungen durch den P. an.
a) Von Bedeutung für den Menschen
ist ihr genauer Vollzug. Aus der Vor¬
schrift, die Handlungen genau zu ver¬
richten und die Gebete genau zu sprechen,
leitet man die Schädlichkeit einer Unge¬
nauigkeit des P.s für die Zukunft des
Menschen ab, für den sie vollführt wird
(s. reden).
a) Wenn er bei der Taufe ein Wort
ausläßt, hat das zur Folge, daß das Kind,
wenn es herangewachsen ist, eine Drud
oder mondsüchtig wird. Oder das Kind
kann nicht im Bett liegen bleiben, es steigt
immer mit den Füßen nach oben, oder
es wird von der Drud erdrückt oder ein
Mädchen wird zur Drud 104 ). Sein Stot¬
tern und Stammeln hat zur Folge, daß der
Täufling sein ganzes Leben lang Vieh
und Mensch beschreit (s.beschreien), wenn
er sie ansieht oder anspricht und nicht
sogleich ,,pföds God“ sagt.
ß) Macht er bei der Trauung einen
Fehler, kommen die Kinder ins Zucht¬
haus. Verspricht er sich, so hat das erste
Kind einen Sprachfehler (Wiener Kinder¬
glaube) 105 ).
b) Nach kirchlicher Lehre ist der Le¬
benswandel des P.s ohne störende Wir¬
kung auf die von ihm gespendeten Sakra¬
mente; es ist eine zwar sinnige aber doch
abergläubische Meinung, daß er vor seinem
Gang zum Altar von seinen Sünden ge¬
reinigt wird, indem nach Unzhurster
Glaube ein Engel mit einer Schüssel
hinter ihm einhergeht und ihn von seinen
Sünden reinwäscht 106 ).
c) Behinderung in seiner priest erlichen
Handlung: Wenn der Ministrant ohne
Wissen des P.s einen Vierklee in das
Meßbuch legt, so wird der P. beim Messe¬
lesen nicht mehr weiterkommen, sondern
wie verzaubert innehalten. Der Ministrant
muß ihn dann beim Meßkleid zupfen und
ihn so zum Bewußtsein zurückrufen 107 ).
d) Der P. mißbraucht die heilige Hand¬
lung. Dies geschieht in den Sagen von
der Taufe in Teufelsnamen. Er nimmt
diese im Einvernehmen mit der Hebamme
vor, damit alle Kinder bis zum siebenten
sterben; bei diesem wird er durch einen
frommen P. verhindert. Sehr häufig
findet sich dieser Glaube in der Ober¬
pfalz 108 ). Solch ein P. muß die Taufe
nach dem Tode als Geist wiederholen 109 ).
Vgl. den südslavischen Aberglauben, daß
der P. mit der Messe seinem Feinde aller¬
lei Unglück, Krankheit u. a. m. antun
kann uo ).
104 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 168 ff.
10S ) ZföVk. 33, 102. 106 ) Meyer Baden 538.
107 ) Zingerle Tirol 66, 531; Baumgarten
Aus der Heimat 1, 40. 108 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 202; 3, 110. 109 ) Ebd. no ) ZföVk. 4, 305.
2. An die Priesterkleidung 111 ). An
die liturgische Kleidung knüpft sich der
Aberglaube, daß das Meßkleid zum
Schatzheben verwendet 112 ) wird (s. regen-
kündend, oben Spalte 316). Zu den Glocken
am Saume von liturgischen P.kleidern
und ihrer als Abwehr für den Träger auf¬
gefaßten Bedeutung s. Eisler 113 ). Die
sonstigen Tierdarstellungen gehören in
die Darstellung der kirchlichen Kunst.
Die Bevorzugung der schwarzen Kleidung
bei der außerdienstlichen Kleidung wird
mit Trauer über den Verlust des heiligen
Landes erklärt 114 ).
in ) Gihr Meßopfer 221 ff.; Fehrle Keusch¬
heit 70 (röm.); Wächter Reinheit 13. 18;
Lauffer Deutsche Altertumsk. 125. 112 ) Wai-
belu.Flamm2, 266. 113 ) Weltenmantel 1, 25 ff.
114 ) Lütolf Sagen 535 Nr. 569.
3*7
Priester
328
3. An den P.beruf im allgemeinen.
Einzelnes. P. wird, wer als einjähriger
Knabe unter drei vorgelegten Dingen
nach dem Rosenkranz gegriffen hat (Angel¬
tal) 115 ).
Ehelosigkeit gilt als ein so feststehendes
allgemeines Gebot, daß ihm ein Scherz¬
wort die Ehe erlaubt, wenn er männliche
Drillinge tauft 116 ). Eine P.erbschaft
bringt nie Glück 117 ). Eine scheinbar
auf eine heidnische Sage zurückgehende
ist die unter alten selbst frommen Katho¬
liken verbreitete Sage von der P.schlacht,
wonach eine Zeit kommen wird, in der
die P. von den Bauern erschlagen wer¬
den U8 ).
Wer mit einem P. zankt oder ihn ver¬
folgt, stirbt jäh und erlangt keinen geist¬
lichen Beistand auf dem Totenbett (Pitz¬
tal) 119 ).
4. P. im Traum. Die ungünstige Be¬
deutung des Anganges erstreckt sich
auch auf den Traum. Im allgemeinen
bedeutet er den Tod des Träumenden 12 °),
wenn er im Talar gesehen wird 121 ); oder
den eines Verwandten 122 ), Hausgenos¬
sen 123 ), Zank 124 ); dasselbe, wenn man
ihn auf der Kanzel sieht 125 ); eine große
Kränkung, wenn man mit ihm im Traume
spricht 126 ).
5. Dem Kranken verkündet er, wenn
er ungerufen kommt, den Tod (Solin¬
gen) 127 ). Dieselbe Bedeutung hat sogar
das Pferd des gerufenen P.s, wenn es das
Haupt senkt 128 ).
116 ) ZföVk. 11, 191. 116 ) Baumgarten Aus
der Heimat 3, 19. 117 ) Wolf Beiträge 1, 253.
118 ) Schell B er gische Sagen 538 Nr. 6. m ) Zin-
gerle Tirol 25. 12 °) ZföVk. 33, 102. m ) John
Erzgebirge 29. 122 ) Drechsler 2, 122 = Wutt ke
228 § 325. 123 ) Urquell 4, 91. 124 ) Ebd. 125 ) Ebd.
1, 203. 128 ) ZföVk. 3, 371 Nr. 406 (Rumänen
i. d. Bukowina). 127 ) Urquell N. F. 1, 17 =
ZfrwVk. 1908, 242. 128 ) Ebd.
6. P. nach dem Tode, a) Gleich
anderen Berufs- und Standesgruppen¬
angehörigen läßt der Volksglaube auch
die P. nach dem Tode spuken und sie
müssen gebannt werden 129 ). Auch sie
setzen ihre Tätigkeit fort, schweben über
Gräber, besprengen sie mit Weihwas¬
ser 13 °); in diesen Sagen ist keine nähere
Motivierung angegeben 131 ); sie erscheinen
in der Kirche 132 ) ohne Kopf in priester-
lichem Kleide 133 ), teilen angesprochen
Ohrfeigen aus, die den Tod nach sich
ziehen, wie dies auch andere Gespenster
tun 134 ). Das Erscheinen eines P.s (Mönch),
der den Kopf unter dem Arm trägt, soll
drohendes Unglück anzeigen; so soll er
1832 den Brand von Komotau angezeigt
haben 135 ).
b) Meist handelt es sich um Verletzung
der Standespflichten und zwar
a) wegen eines den Volksanschauungen
vom geistlichen Stand (s.Geistlicher) wider¬
sprechenden Lebenswandels. Sie müssen
ewig kegeln 136 ); leichtfertige katholische
P. gehen zu des Teufels Orgien 137 ) (gleich
der Nonne); ein Bischof muß als drei-
beiniger Hase spuken 138 ); ein trunk¬
süchtiger jammert im Grabe 139 ).
| ß) Der P., der bezahlte Messen nicht
gelesen hat, muß sie um Mitternacht
nachlesen, bis er erlöst wird; denn er hat
diejenigen, welche diese Messen gezahlt
haben, um die aus ihnen erfließenden
Gnaden betrogen 14 °). Dasselbe geschieht,
wenn er eine Messe vergessen hat 141 );
irgend ein während des Gottesdienstes
Eingeschlafener wird als Ministrant ver¬
wendet ; erlöst wird er, wenn er bis 1 Uhr
fertig ist, was ihm aber aus irgend
einem Grund nicht gelingt 142 ). Oder
auch, wenn ihm ein Soldat bis zu
Ende ministriert 143 ). Bedankt er sich
bei dem Ministranten, so darf ihm dieser
nicht die Hand, sondern nur den rechten
Rockflügel geben 144 ).
7. Er hat sein Brevier nicht ge¬
betet. Er muß es nachbeten und „ves¬
pert“ von Mitternacht bis zum Früh¬
läuten 145 ). Er muß die Taufen nachholen,,
die er im Namen des Teufels vollzogen
hat 146 ).
Bestrafung für ungetreue Amtsfüh¬
rung. Diese Strafe gehört zu den häufig¬
sten Erscheinungen im Volksglauben 147 ),.
betrifft aber den beamteten P., den
Pfarrer (s. Pfarrer).
Eine im evangelischen Sinn erfolgte
Umbildung ist es, wenn ein P. in der evan¬
gelischen Kirche spukt, weil er sich der
Reformation nicht angeschlossen hat 148 ).
12») Witz sehe 1 Thüringen 2, 51 Nr. 56..
329
Priesterkönig—Primel
330
150 ) Schönwertli Oberpfalz 1, 280 Nr. 1.
m ) SAVk. 8, 296; Strackerjan 1, 296;
Bohnenberger 8; Köhler Voigtland 512.
lM ) Witz sehe 1 Thüringen 2, 51. 133 ) Ebd. 2, 11;
Reiser Allgäu 1,320ff.; Bohnenberger 8. 134 )
Witzschel Thüringern, 130. 135 ) Gr oh mann
Sagen 282. 136 ) Eisei Sagen 72, 174. 137 ) Kohl-
rusch Sagen 54. 138 ) Eisei Sagen 141^.380.
13# ) Meyer Aberglaube 157. 14 °) Reiser Allgäu
1, 64. 141 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 291 Nr. 10.
142 ) Strackerjan 1, 226. 143 ) Lehmann
Sudetend. Volksk . ui. 144 ) Waibel u. Flamm
2, 240. 145 ) Birlinger Schwaben 1, 204.
l46 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 110 Nr. 14;
3, 133 Nr. 13. 147 ) Wuttke 474 § 755. 147 )
Meiche Sagen 159 Nr. 212. 148 ) Ebd.
8 . Sonstiges; a) Donner-P. Wenn
es bei einem Gewitter im Gebirge heftig
dröhnt, sagt der Bauer (Schweiz): Der
Pf aff rührt sich. Dies soll ein P. aus dem
Engelberger Kloster gewesen sein, der
wegen einer Wette um Wein, daß er Salz¬
fässer auf den Berg tragen werde, mit
dem Tod bestraft wurde 149 ).
b) Pfaffensprung. Der Name von
Schluchten wird in Sagen damit erklärt,
das ein P. darüber sprang, um mit seiner
geraubten Geliebten den Verfolgern zu
entkommen oder als Gottesurteil zur
Widerlegung dieses angedichteten Ver¬
gehens 15 °). Zur Erklärung als Nebel¬
sagen s. Laistner 151 ).
c) Wenn in einem Kreis von Leuten
plötzlich Stille eintritt, sagt man, es geht
ein P. (auch Prädikant) vorüber und
gleichwertig: ein Engel flog durchs Zim¬
mer (Redensarten). Vgl. 'Epp); iTreiarjX-
8e 152 ).
d) Einzelnes zum P. in psychoana¬
lytischer Auffassung s. Storfer 153 ).
14# ) Lütolf Sagen 397. 15 °) Nebelsagen 278.
151 ) Rochholz Naturmythen 11. 162 ) Grimm
Myth. 2, 942. 153 ) Jung fr,-Mutter schaft passim.
Jungwirth.
Priesterkönig vereinigt in sich die
königliche und priesterliche Funktion;
beide erscheinen als Ausfluß und Offen¬
barung der nach primitiv-religiöser An¬
schauung gewissen Personen zugesproche¬
nen Kraft (Orenda). Aus ihrem einheit¬
lichen Besitz kann der König (Häuptling)
auch Priester sein, und umgekehrt erfüllt
der Priester die Aufgaben des Königs.
Eine Abspaltung einer dieser Gewalten
aus dem ursprünglichen Kraft besitz ist
noch nicht eingetreten.
Spuren eines P.s sind in Hochkulturen
nachweisbar; so waren die ältesten Be¬
herrscher Babylons, weiters Melkisedek,
die griechischen und römischen und ebenso
die altgermanischen Könige x ) auch mit
dem Gottesdienst betraut. Die ihm zuge¬
schriebenen höheren Kräfte (s. Priester)
hat er zum Schutz und zur Wohlfahrt
des Landes anzuwenden, besonders zur
Sicherung der Ernten, weshalb ihm be¬
sonders der Regenzauber obliegt. Bei
Mißernten wurde er abgesetzt und manch¬
mal gegen Hungersnot geopfert. Davon
ist in der nordischen Sage Yngl. c. 18, 47
ein Rest im Königsopfer von Upsala er¬
halten 2 ),und daß sich noch der schwedi¬
sche König Gustav Wasa bei seiner Thron¬
besteigung 1523 gegen eine derartige
Verantwortung wehrt 3 ). Auch der Tod
des P.s. als Vegetationsopfer ist dem
germanischen Norden bekannt gewesen;
s. über die Beziehung des Opfertodes
von Balder zu den alt germanischen
Königsopfern R. Much 4 ).
P. Johannes 5 ).
In derselben Anschauung von der Ver¬
einigung von Priester- und Königtum
wurzelt zwar auch diese Sage vom P.
Johannes, doch hat diese, mit orien¬
talischen und christlichen Ideen ver¬
mengt, das zweite Motiv von dem Para¬
dieseszustand und dem glücklichen Ur¬
zustand, der durch den P. Johannes ge¬
schaffen wird, in den Vordergrund gestellt
und über das ursprüngliche P.tum ge¬
schichtet. In dieser Form ist sie ein Be¬
standteil der deutschen Kaisersage 6 ) und
des Parzifalepos 7 ).
l ) Pauly-Wissowa 11, 2, 21250.; RGG.
2, 551; Chantepie Religionsgesch. 1, 48 ff. 525.
576. 620; Grimm RA. 1, 338; Nilsson Religion
92; Griech. Feste 12. 232; Frazer 1, 44 ff.; Leh¬
mann Mana 30; Lippert Gesch. des Priester¬
tums i, 134 ff.; Jeremias Religionsgesch.
verschied. 2 ) Meyer Germ. Myth. 199. 3 ) Lip¬
pert Priestertum 2, 606. 4 ) ZfdA. 61, 93 ff.
6 ) F. Zarncke AbhLpz. Phil.-hist. Kl. 7
(1873—79); 8 (1876—1883); Arnold v. Harff
140, 17; Lippert Priestertum 1, 136; SchwVk.
10, 15. 44. 79 (Literatur, Anfragen u. Nach¬
träge). *) Kampers Kaiseridee 78 ff. 103;
Kaisermystik 113 ff. 7 ) MschlesVk. 21, 37 ff.
Jungwirth.
Primel s. Schlüsselblume.
33i
Primiz
332
Primiz.
1. Die P. in volkstüml. u. kirchl. Auffassung.
— 2. Vorbereitung der P. — 3. Feierlicher Ein¬
zug, P.messe u. Prozession. — 4. Die weltl.
Feier der „geistl. Hochzeit“. — 5. Der P.segen.
I. Die Feier einer P., d. i. des ersten
Meßopfers eines Neupriesters, wird be¬
sonders in Landorten von der ganzen Ge¬
meinde festlich begangen, ein Beweis
der Hochschätzung des Priestertums. Oft
kommt man in Scharen aus den Nachbar¬
orten, besonders viel wird auf drei gleich¬
zeitige P.n in der nächsten Umgebung
gehalten a ). Man betrachtet und be¬
zeichnet die P. als eine „geistliche Hoch¬
zeit“, gleichsam die Vermählung des
Neugeweihten mit der Kirche. Das wird
symbolisiert durch eine „geistliche Braut“,
das sog. P.bräutle, die den Primizianten
begleitet 2 ). Die Kirche hat diese Feier
einer geistlichen Hochzeit, zugleich eine
Verherrlichung der Jungfräulichkeit, ge- !
stattet und auch ihrerseits die P. feierlich
ausgestaltet: dem Primizianten darf bei
seiner ersten hl. Messe außer den zwei
mit Triumphbogen 4 ). Auch richtet man
da und dort einen großen „Maien“ vor dem
Haus des Gefeierten auf 5 ) oder auch
(im Unterinntal) zwei blumen- und bän¬
dergeschmückte Tannenbäume 6 ). Am
Vorabend des Festes wird der Primiziant
von einer Abordnung der Gemeinde feier¬
lich „eingeholt“ und zur Kirche geleitet,
wo er seine Heimatgemeinde erstmals
segnet.
4 ) O. Menghin Eine P.feier im Burggrafen¬
amte und ein P.tajellied aus dem Pustertale
ZfVk. 24, 71 ff.; Kohl a. a.O. 277. 5 ) Künzig
Alte Frühlingsbräuche aus einem fränkischen
Dorf. Hmtl 10, 20. 6 ) Kohl a. a. Ö. 281.
3. Am Tag der P.feier, gewöhnlich
einem Sonn- oder Feiertag, in Südtirol
am liebsten an einem „Baueinfeiertag“,
d. i. an einem in Abgang gekommenen,
offiziell nicht mehr gehaltenen Festtag 7 ),
holt eine festliche Prozession den Neu¬
priester an seinem Hause ab. Der Fest¬
zug zieht unter Böllerschüssen zur Kirche,
vor dem Primizianten geht das P.bräutle,
das auf goldgesticktem Kissen ein Kränz¬
Leviten noch ein „Patrinus“, d. h. ein
Priester in Chorrock u. Rauchmantel
dienen, wie es sonst nur kirchl. Würden¬
trägern vom Domherrn aufwärts gestattet
ist 3 ). Die bei der Primizmesse anwe¬
senden Verwandten können einen beson¬
deren Ablaß gewinnen; vor allem darf
der Neupriester nach eigenem Formulare
den P.segen erteilen (s. Abschnitt 5).
*) Mündl. aus Kirchen, A. Engen. 2 ) Kohl
Die geistliche Hochzeit in: Die Tiroler Bauern¬
hochzeit. Wien 1908, S. 275 ff. 276 ff.:
ausführliche Schilderung von Südtiroler P.-
feiem. Schon Seb. Francks Weltbuch Fol.
130b: „Wenn ein Pfaffe seine erste Messe liest,
feiert er seine „Hochzeit“: die Kirche ist an
diesem Tage sein, er muß sie kaufen. Da setzt
er sich eine Kugelkappe auf und sieht heraus
wie eine Spinne aus der Logei. Reinheit muß
er schwören und geloben und gibt sich die
Kirche zum Weibe. Jedoch gibt man dem
andächtigen Priester auf diesen seinen Hoch¬
zeitstag eine Braut zu, etwa eine schöne Jung¬
frau, die den Namen hat, die ihm auch lieber
wäre als seine Kirche“ (Zitiert nach Schmidt
Volksk. S. 126 fg.). ») KohI a a. O. S. 275.
2. Das Fest wird tage- und wochenlang
vorbereitet: man flicht Kränze, windet
Guirlanden und schmückt die Dorfstraße,
das Elternhaus, die Kirchtüre, das Pfarr¬
haus, in Südtirol auch das Friedhofstor
chen (in Südtirol turmartig, in der Mitte
als P.insignie einen Miniaturkelch) 8 ) trägt
als sinnbildliches Zeichen der bräut¬
lichen Vereinigung mit der Kirche. In
den meisten Gegenden ist das „Bräutle“
ein Kind aus der Verwandtschaft des
Primizianten, in Tirol aber ein erwachsenes
Mädchen, als Braut geschmückt und von
einem Brautführer, einem Geistlichen
oder jungen Theologen begleitet. Da¬
hinter folgen zwei Nachjungfrauen und
mehrere Kranzeijungfern 9 ). Auch in
anderen Gegenden ist die P.braut hoch¬
zeitlich geschmückt, trägt weißes Kleid,
einen Schleier und im Salzburgischen eine
P.kröne, d. i. eine regelrechte Braut¬
krone 10 ). Der Primiziant trägt am lin¬
ken Arm ein künstl. Sträußchen oder den
sog. P.kranz, ebenso die an der Feier
teilnehmenden Geistlichen. Letztere le¬
gen indes den Kranz während der Messe
ab, nur der Neupriester behält ihn bei n ).
Zur P.messe, die meist als levitiertes
Hochamt gefeiert wird, kommen oft viele
Leute von auswärts, um des neupriester-
lichen Segens, dem man besondere Kraft
zumißt, teilhaftig zu werden. Ein in
Böhmen und Tirol geläufiges Sprichwort
333
Primiz
334
sagt: „Zu einer P. soll man ein Paar neue
Schuhsohlen durchlaufen“ 12 ). Bei der
Opferung legt in Böhmen, Bayern, Tirol 13 ),
auch in Baden 14 ), das P.bräutle den
Kranz auf den Altar, um anzudeuten,
daß der junge Priester seine Jungfräulich¬
keit Gott zum Opfer dar bringe 15 ), an
manchen Orten auch eine brennende
Kerze. Das Kränzchen pflegt der Neu¬
priester ehrenvoll aufzubewahren, ja man
trägt es zuguterletzt vor seinem Sarge
her und gibt es ihm ins Grab mit 16 ). In
Westfalen trägt beim Begräbnis eines
Priesters die P.braut die myrtenge¬
schmückte P.kerze im Leichenzug mit 17 ).
Die Wandlung, der Höhepunkt der
Feier, wird mit Böllerschüssen weithin
verkündet. Ältere Frauen achten darauf,
ob der Primiziant eine „lange Wandlung“
hat, denn solchen Priestern schreibt
man eine besondere Kraft zu, Hexen und
Geister zu bannen 18 ). In einer mittel¬
alterlichen Sammlung von Predigtexem-
peln wird erzählt, wie ein Neupriester
während der P.messe von einem Engel
entrückt wird und seine Mutter, die mit
dem Teufel im Bunde gewesen war, nahe
der Hölle in entsetzlichen Qualen er¬
blickt. Trotzdem aber ist sie froh und
glücklich, denn sie weiß, daß ihr Sohn sie
nun durch dreißig Messen erlösen kann.
Nach Lesung der Messen fällt der Ver¬
trag Luzifers als Zeichen der Erlösung auf
den Altar nieder 19 ). Auch in Schwaben
glaubt man, daß der Primiziant während
der ersten Messe seine verstorbenen Eltern
sehen könne 20 ).
In Tirol findet anschließend an die
Messe eine Prozession durch das Dorf
statt, ähnlich der an Fronleichnam. Der
Primiziant trägt dabei die Monstranz
unter dem „Himmel“ (Baldachin) und
spendet damit den Segen an vier blumen¬
geschmückten Altären, die längs der
Dorfstraße errichtet sind 21 ). Bei der
Segenserteilung geben die Schützen eine
Salve ab.
7 ) Kohl a. a. O. 277. 8 ) Ebda. 278. 9 ) Piger
Eine P. in Tirol. ZfVk. 9. 397 - 10 ) Eine solche
P.kröne befindet sich im Museum des Monats¬
schlößchen zu Hallbrunn, vgl. Schreiber
Nationale u. internationale Volkskunde (1930),
S. 94. n ) Kohl a. a. O. 278. 12 ) Meyer Baden
537; Kohl a. a. O. 276. 13 ) ZfVk. 9, 397 und
24, 74. 14 ) Meyer Baden 537. 16 ) ZfVk. 9,
397. 16 ) Eigene Beobachtung aus dem bad.
Frankenland. 17 ) Schreiber a. a. O. S. 74.
18 ) Mündlich aus Unzhurst, A. Bühl. 19 ) Klap¬
per Erzählungen 399 Zeile 6 ff. 20 ) Birlinger
Aus Schwaben 1, 396. 21 ) ZfVk. 9, 397 f.
4. Ein ausgedehnter, oft sehr üppiger
Fest schmaus folgt, häufig im Wirtshaus
abgehalten. Ist die geistl. Braut be¬
gütert, bestreitet sie oft selbst das Fest¬
mahl; andernfalls geben die Gäste reich¬
liche Geldgeschenke. In Südtirol wird
der Beginn des Mahls durch Böllerschüsse
verkündet, ebenso wird beim Aveläuten
das Fest „ausgepöllert“ 22 ). In der Mera-
ner Gegend lädt man zur P.feier feierlich
ein, ähnlich wie zu einer Hochzeit. Bei
dieser Gelegenheit wird dem Ladenden,
einem Burschen in Tracht mit großem
Buschen auf dem Hut, und dem Pfarrer
nur w'eißer Wein angeboten 23 ). Auch
im Eisacktal tragen die P.lader Kränze
auf dem Hut und in der Hand einen reich
gezierten Stab 24 ). Vielerorts sind für
die Einladung herkömmliche Reimreden
in Gebrauch, wie übrigens auch das
P.bräutle für die Begrüßung gereimte
Sprüche können muß 25 ). Bei der Tafel
sind im Puster- und Eisacktal noch be¬
sondere geistliche Tafellieder üblich 26 ).
Die Anlehnung an die weltl. Hochzeit
ging mitunter in Tirol soweit, daß man
selbst das Brautstehlen übte 27 ). Damit
war freilich ein mit der Würde der Feier
nicht mehr zu vereinbarender Weg ein¬
geschlagen, und so wurde die Sitte einer
geistlichen Braut mehrfach verboten, z. B.
in der Diözese Brixen; auch in der Diözese
Trient ist sie in Abgang begriffen 28 ).
22) Kohl a. a. O. 279 t- 23 ) ZfVk. 24, 73.
24 ) Kohl a. a. O. 280. 25 ) Kohl a. a. O. 186
bis 199. 26 ) Kohl a. a. O. 87; Blümml Drei
P.lieder. ZfVk. 18, 88 ff.; ebda. 24, 76. 2? ) Ebda.
398 und 24, 75; Kohl a. a. O. 276. 28 ) Über
große Ausgelassenheit bei P.en, wie man sie
nur in Oberdeutschland kenne, berichtet Cleß
Kulturgeschichte 3 , 4 68 (abgedr. bei Bir¬
linger Aus Schwaben 2, 231).
5. Den P.segen, für den die Kirche
eine eigene Formel geprägt hat, erteilt
der Neupriester am Schluß der P.messe
der ganzen Gemeinde; nach der P. be¬
sucht er alle Freunde und Verwandten
und spendet auch ihnen seinen Segen,
335
Prognostikum
336
wovon man eine starke Wirkung erhofft. | des 14. Jh.s sind sicherlich nicht die äl-
Nicht selten ruft man den Neupriester zu testen ihrer Art. Sie zeigen bereits einen
Siechen und hoffnungslos Kranken: denn ausgebildeten Typus, der sich auch später
man traut seinem Priestersegen mehr zu bei Theophrastus Paracelsus und Kepler
als einem Geistlichen, der schon länger nicht verändert. Die Prognostika der
geweiht ist. Künzig. | Renaissance, denen der Druck für die
Prognostikum. Das anscheinend von j Verbreitung zur Verfügung stand, sind
dem medizinischen irpoyvo>3i£ (Voraus- ■ nur ausführlicher, weil Ausführlichkeit
sage) abgeleitete Wort 2 ) begegnet in der nicht mehr, wie zweifellos früher, ein
Literatur der Alten seit dem 1. Jh. v. Hindernisgrund weiter Verbreitung ist;
Chr. auch in dem mantischen und astrolo- denn das Drucken ging schneller vor sich
gischen Schrifttum. Wie TrpoyvuxjTixaiTaT'K als das Abschreiben 12 ). Die Disposition
Epimenides heißt, weil er die Athener zu- | pflegt so angeordnet zu sein, daß nach
kunftssehend vor den Gefahren warnen einer Vorrede des Verfassers die Beschrei-
kann, die der Hafen von Munychia ihnen bung der Wunderzeichen (Finsternisse,
bringen werde 2 ), bezeichnet man als Kometen, astrologische Konstellationen)
itpoyvcixJtixov u. a. jede Liste, mit folgt; dann findet man die Auslegungen
deren Hilfe man etwas über die Zukunft derselben angeschlossen. Die Darlegung
erfährt 3 ). Daneben wird der Ausdruck der Konstellationen wie deren Ausdeu-
für drei besondere Fälle angewendet, tung ist im allgemeinen unendlich gelehrt
nämlich 1. zur Bezeichnung der Wetter- und stark von dem Autoritätsgedanken
Vorzeichen überhaupt 4 ), insbesondere der des MA.s getragen 13 ); was bei Griechen,
Übersetzung Ciceros von Arats Werk vor allem aber bei Arabern als Beleg ge-
über diesen Gegenstand 5 ), 2. in der Be- funden wird, ist im allgemeinen als un-
deutung ,,Methode vorauszuwissen“ (etwa bezweifelbar angesehen worden. Ähn-
ein Sterbedatum 6 )), 3. in der Bedeutung liches kann man bis in die Renaissance
„Omen“ 7 ). So soll es ein rpoyvcoSTtxov beobachten; noch den Arzt Cardanus
gewesen sein (in welchem Sinne, wird leitet trotz vorübergehender Zweifel bei
nicht gesagt), daß Anaxagoras im Jahr seinen Horoskopauslegungen dieselbe An-
von Platons Geburt (428) gestorben ist 8 ). schauung 14 ).
In der abergläubischen Literatur hat sich Die Vorreden sind z. T., besonders in
hernach ,,prognosticon“ nur in der Be- den aus dem 14. Jh. bekannt gewordenen
deutung ,,Zukunftskündung“ zur Be- Texten von einem starken, religiösen Ge-
zeichnung von Listen und Auslegungen von fühl, nicht selten von ausgesprochen
Vorzeichen gehalten. Dabei gebrauchen christlichem Sündenbewußtsein getragen,
byzantinische Hss., wie mir scheint, das Die Angst vor den Konstellationsfolgen
Wort mehr zur Bezeichnung der Listen war echt; nicht selten begegnet daher der
von Vorzeichen 9 ); die lateinischen Texte Gedanke, nur Gott könne helfen 15 ),
des MA.s und der Renaissance (Hss. und Der diese Vorreden beherrschende Geist
Drucke) verwenden es vor allem im Titel dürfte beeinflußt sein von den Versuchen
der Auslegungen von W T underzeichen einer Synthese zwischen Christentum und
eines bestimmten Jahres 10 ). Astrologie (vgl. z. B. die Einleitung zu
Kulturgeschichtlich sind natürlich die Michael Scotus „über introductorius“ 16 );
astrologischen Jahresprognosen weitaus dabei sieht der Astrolog sich als Warner
am interessantesten. Solche gibt es seit der Menschheit, der nicht selten wegen
den Zeiten der Babylonier, wo die Hof- ihrer Sünden zittert und bebt. Ja, er
astrologen dem König berichten 11 ). Seit wird geradezu zum Bußprediger, und der
wann sie im MA. hergestellt werden, ver- zukunftsweissagende Text erhält bei
mag ich angesichts der Tatsache, daß dieser Auffassung der Schreiber solcher
bisher fast jede Untersuchung zu diesem Prognostiken etwas vom Ton der Pro-
Gegenstand fehlt, nicht zu sagen. Die phetie 17 ); er blieb infolgedessen nicht
von Pruckner behandelten Prognostiken unbeeinflußt von Bibel und Liturgie 18 ).
Prophet, Prophetie
Noch Keplers Prognostika zeigen bei j
aller naturwissenschaftlichen Haltung
diese Stimmung ganz deutlich.
Beispiele für Prognostiken findet man
in jeder Bibliothek, die Materialien aus
derZeit des MA.s und der Renaissance ent¬
hält. In meinen einschlägigen Artikeln
dieses Lexikons habe ich öfter längere
Zitate aus dieser Literatur eingeflochten,
auf die für das erste als Beleg der typi¬
schen Schreibweise verwiesen werden
kann 19 ).
Die Verfasser dieser Prognostiken sind
durchweg gelehrte Männer. Nicht nur die
in den Traktaten enthaltenen astrono¬
mischen Diskussionen beweisen dies; vor
allem geht solches aus der gelehrten Lite¬
ratur hervor, die unter den die Ausdeu¬
tungen erhärtenden Belegen angeführt
wird. Universitäten werden meist daher
als die Stätten anzunehmen sein, wo solche
Traktate entstanden; daher verfügen die
älteren Universitätsbibliotheken auch über
mannigfache handschriftliche und ge¬
druckte Texte dieser Art 20 ).
Die Art der Aussagen ist meistens auf
sehr allgemeine Ereignisse wie Gefahr,
Hungersnot usw. abgestellt. Doch ist
interessant, daß Prognostika auch in der
Politik verwendet wurden. Ein Pariser
Kometenprognostikon vom Jahre 1368
zeigt ausgesprochen england-feindlichen
Charakter 21 ).
Für die Geschichte der Umbildung des
abendländischen Geistes seit dem 12. Jh.
im Zusammenhang mit der Astrologie,
deren prinzipielle Gesichtspunkte wir s.
v. Planeten, Sternbilder und Stern-
deutung behandelt haben, ist eine ge¬
naue Durchforschung der Prognostiken
als einer der verbreitetsten Gattungen
astrologischer Literatur sehr wichtig; vor
allem sind die Vorreden hinsichtlich ihrer
Quellen und der Frage der autoritären
Geltung dieser zu untersuchen.
Neben ‘Prognostikon’ findet sich in der
Renaissance öfter die Bezeichnung ‘Prac¬
tica' ohne Unterschied gebraucht 22 ). Was
Practica im speziellen bedeutet, ergibt sich
aus dem Art. Bauernpraktik.
x ) Vgl. das Verzeichnis der Schriften Demo¬
krits bei Diog. Laert. 9, 48 und Galen.
IX 426 B (ed. Chartier, Paris 1679); lat. bei
dem Arzt Caelius Aurel, chron. 4, 8, 112.
2 ) Diog. Laert. 1, 114. 3 ) s. u. und toü Ej-
öo 2 to*j /ettxöivo; Tcprrfwoatixa CCA. VII, 181.
4 ) Quint. 5, 9, 15. 5 ) Cic. de div. 1, 8, 13. 6 ) Pap.
magic. Leid. ed. Dieterich col. 11, 1; CCA.
VIII, 3, 166. 7 ) Hippol. refut. 1, 8, 13 (bei
Diehls Fragm. d. Vors . 3 1, 385, 25 ff.). 8 ) Ebda.
») s. CCA. III 39; VII 181; X 170. 10 ) Solche
sind jetzt bequem zugänglich bei Hub.Pruckner
Studien zu den astrol. Schriften des Heinrich
v. Langenstein (Studien d. Bibi. Warburg 14),
sodann bei H. A. Strauß Die Astrologie des
Johannes Kepler (1926). Theophrastus
Paracelsus' Prognostika s. in der Ausgabe
von Huser. n ) H. Zimmer Das babyl. Neu¬
jahrsfest (= Alter Orient 25, 3). Beispiele von
Berichten über augenblickliche Beobachtungen
u. deren Erklärung, wie sie babyl. Astrologen
an den König sandten, bei Br. Meißner Baby¬
lonien u. Assyrien 2, 251 ff. l2 ) Vgl. Pruckners
Ausführungen a. a. O. 85. 13 ) Ebda S. 83.
14 ) Vgl. meinen Aufsatz Beiträge zur Geschichte
der Astrologie I. Der griech. Astrologe Dorotheos
von Sidon und Abu 'l-Hasan Ali ihn abi ’r-rigal
— Quellen u. Studien zur Geschichte u. Kultur
des Altertums und des Mittelalters. Reihe D,
Heft 2, Heidelberg 1935 - 15 ) Pruckner a. a. O.
S. 84. 16 ) s. Art. Planeten. 17 ) s. die Beispiele
im Art. Kometen Sp. 12 f. 144 f. 18 ) Einen Beleg
bringt Pruckner a. a. O. S. 84 A. 1. 19 ) Außer
dem A. 17 genannten Artikel vgl. Finster¬
nisse Sp. 1523. 20 ) Pruckner 83; vgl. auch
A. Hauber Planetenkinderbilder u. Sternbilder
(— Stud. z. deutsch. Kunstgesch. 194) S. 49. 69.
73. Nur Gelehrte sind als Kenner und Besitzer
dieser Literatur denkbar. 21 ) Pruckner a. a.
O. 74. 22 ) z. B. von Paracelsus.
Stegemann.
Prophet, Prophetie (s. Weissagung,
Volkspropheten).
1. Name und Umfang der Bezeichnung.
I. Der erste Sinn des Wortes
ist unsicher 1 ); die Schwierigkeit der
Deutung liegt in der Sinnbestimmung
der Vorsilbe: Ttpo „vor“ —„heraus“ oder
„vorher“; „Zukunftsweissagung liegt ur¬
sprünglich nicht im Begriff des irpo-
? 1 3 T7 F 2 )* Diesen Sinn erhält das Wort
erst in der spät jüdisch-christlichen Zeit 3 ),
und zwar zuerst in der Septuaginta 4 ).
Als ersten Sinn für ttoo ermittelt Fascher
„heraus“; demnach sei der P. ein Sprecher,
Verkünder gewesen 5 ). Aber in diesem
Verkünden liegt doch, daß er das Unbe¬
kannte, Verborgene verkündet und damit
auch das in der Zukunft Verborgene, so
daß das Wissen um diese zumindest in
den Begriff mit eingeschlossen gewesen
339
Prophet, Prophetie
340
sein muß 6 ). Daß der P. der Zukunfts- von „Vorzeichen“ handelt, die sich von
wissende sei, wird später immer stärker selbst darbieten (s. Vorbedeutung, Vor¬
betont, und beispielsweise im Deutschen Zeichen), oder um Schlüsse und * Fest¬
gilt der P. als der „Verkünder der Zu- Stellungen aus Vorgängen, Zeichen, die
kunft“, „der aus heiligem Geistestriebe man herbeiführt (s. Wahrsagen). Peucer
Gottes Wort verkündigt und bezeugt“ 7 ), in seinem Commentarius de praecipuis
prophezeien als: ,,in die Zukunft sehend, | divinationum generibus schied 1591 ganz
Vorhersagen 8 ). ähnlich in 1 . jjiavTtxTj 7rveojj.aTtx7] oder rpo-
Sehen wir im P.en den, der der Zukunft cpYjxsta, 2. fpuatxT) oder ts/vixtj, 3. Öiaßo-
kundig ist, so kann doch diese Inhalts- Xixt) und 4. xmvt) oder Ö7jpa>%, d. tu
bestimmung nicht genügen, denn auch Angang und dergleichen 15 ). Schließlich
der Wahrsager erkennt die Zukunft vor- ist auch vom Inhalt des Vorhergesagten
aus. Faschers Bestimmung: ji.avTtc ist eine gewisse Scheidung möglich. Es
einer, der die Zukunft erkennt, P. der, handelt sich für uns heute bei der P.ie
der sie verkündet 9 ), ist zu stark durch zumeist um die Voraussage von Ereig-
seine Etymologie eingeengt und kann nissen weittragender Art (Schicksale des
für unsere Zeit auch nicht ausreichen, Volkes usw.) oder um solche eschato-
da wir^ keine derartigen reinen „Ver- j logischer Natur 16 ), welche Voraussage
künder“ mehr kennen. Aalders warf in engem Zusammenhang mit einem
P.ie und „Mantik“ völlig zusammen 10 ); sittlichen Grundgedanken steht 17 ); das
Orelli begriff P.ie als eine höhere Stufe | ist zwar eine willkürliche Begrenzung,
des Hellsehens n ). Näher kommt Lübkers, die aber durch den Einfluß der biblischen
der als den Unterschied zwischen griechi- P.ie gegeben ist; — bei der Wahrsagung
sehen und jüdischen Propheten den fest- zumeist um Angaben, die sich auf ein
stellt, daß jene ein Erfragtes verkünden, Einzelnes, Privates beziehen,
diese spontan aussagen 12 ). Der grie- II. In unseren bisherigen Erörterungen
chische p.avxtc erfragt die Zukunft; fiel P.ie und „Weissagung“ zusammen;
der P. bedarf dessen nicht, ihm ist sie stillschweigend wurde die eine der andern
offenbar 13 ). Ebenso scheidet Bouche- gleich gesetzt, denn beide verkünden nach
Leclercq zwischen intuitiver und induk- landläufigem Meinen größere Ereignisse
tiver Schau der Zukunft. Das Wesen der Zukunft, ohne daß eine Befragung
der intuitiven besteht darin, daß ihre geschah; auch decken die beiden Begriffe
Ergebnisse dem Menschen unmittelbar, sich im täglichen Sprachgebrauch. Hin-
gleichsam innerlich, bewußt werden, das gegen hat die Theologie beide geschieden:
der induktiven, daß der Seher die Zu- Weissagung ist die Zukunfts-Voraussage,
kunft auf Grund von Zeichen oder Vor- P.ie die eifernde, vom göttlichen Geist
gängen seiner äußeren Umgebung, nicht entzündete Rede 18 ). Hier also ist der P.,
aber durch innere Wahrnehmung, er- um es kraß auszudrücken, nichts anderes
kennt 14 ). Damit deckt sich z. T. die als ein ekstatisch-erregter Prediger. Diese
Einteilung bei Cicero (de divinatione), Begriffsbestimmung ist weiteren Kreisen
der die kunstlose, natürliche und die fremd. Hier findet sich vielmehr, daß man
kunstmäßige divinatio unterscheidet 14 ), die reine, intuitive Voraussage der Zukunft,.
Die natürliche umfaßt Ekstase und In- wie sie etwa von elbischen Wesen, von
spiration; ihre Ursache ist das Einströmen Sterbenden geschieht, als Weissagung, —
des göttlichen Geistes in den Menschen diese Voraussage aber auf Grund, in Folge,
(I 49). Man darf diese Bestimmungen oder verbunden mit einem Erlebnis Gottes
hierherziehen und als Wesen der P.ie (vgl. Kotter) als P.ie bezeichnet. So
die natürliche, kunstlose (svxs^vo;), in- spricht die Kühnausche Sagensammlung
tuitive, spontane Erkenntnis der Zukunft von einer „Weissagung“ der Heiden-
ansprechen. Ihr gegenüber steht die Jungfrau von Glatz über den eschato-
induktive Erkennntis, bei der es sich logischen Türkenkrieg 19 ), hingegen von
entweder um Beobachtung und Deutung dem „Propheten Böhme“ als einem mit
341
Prophet, Prophetie
342
Gott sich innig verbunden wissenden
Menschen 20 ), von dem Propheten Kot¬
ter 21 ). Es ist hier auch auf die vor¬
hin schon angezogene Formulierung des
Grimmschen Wörterbuches hinzuweisen,
in welcher beide Seiten, Zukunftsvoraus-
sage und göttlicher Trieb, genannt werden.
Ist der P. des Gottes voll, dann läßt
es sich verstehen, daß man — im Gegen¬
satz zum Weissager — einen P.en auch
am Anders-Sein erkennt. Dies Anderssein
läßt sich am einfachsten, wenn auch ein
wenig roh, als das eines ekstatischen
Menschen bezeichnen (s. u.); der Gott
hat ihn ergriffen oder besessen. Der Weis¬
sager, der allein sieht, kann dieses Er¬
griffenseins entraten. So wird man schon
rein äußerlich die beiden Gestalten schei¬
den dürfen, wenn ganz gewiß auch Über¬
gänge vorhanden sind. In diesem Zu¬
stand stehen P. und der sich selbst in
eine Ekstase steigernde Wahrsager ein¬
ander näher als Weissager und P.; doch
darf man dabei nicht übersehen, daß
beider Ekstase aus einem ganz anderen
Grunde kommt; der Wahrsager will sehen,
der P.ist vom Gott ergriffen; die P.ie ist
nicht gewollt, aber ersehnt.
x ) Erich Fascher 7ipocpV]T7]g 1927, 2. 2 ) Ebd.
2—6. 3 ) Fascher 3. 170 ff.; vgl. auch Wetzer-
Welte 10, 464. 4 ) Fascher 148. *) Fascher
6; ebenso Lorenz Dürr Wollen und Wirken
d. alttestamenilichen Propheten 1926, 3 t 6 ) S.
auch Herrn. Gunkel bei Hans Schmidt
Die großen Propheten 1923 (Die Schriften d.
AT. . . v. H. Gunkel etc. Göttingen II 2),
XXXII. XXVI f. 7 ) DWb. 7, 2166. 8 ) DWb. 7,
2168. 9 ) Fascher 12 f. 10 ) G. Ch. Aalders De
Profeten des ouden verbonds 1918, 235. n ) Her-
zog-Hauck RE. 16, 81. P.ie als eine höhere
Art der divinatio gegenüber Wahrsagen = A.
Tholuck Die Propheten u. ihre Weissagungen
1860, 1. 73 ff. 12 ) Fascher 4. Vgl. Wuttke
194 §261; Beth Religionsgesch. 58!.; Eduard
König Die messianischen Weissagungen des
Alten Testaments 1923, 3 f. 13 ) Fascher 8.
14 ) Hopfner bei Pauly-Wissowa 14, 1261.
Vgl. auch dieselbe Scheidung in „mittelbare“
und „unmittelbare Offenbarung“ bei Ernst Sellin
Der alttestamentliche Prophetismus 1912,200 ff. 15 )
Vgl. Maximilian Perty Die mystischen Erschei¬
nungen d. menschlichen Natur 1861, 629. 16 ) Da¬
gegen Joh. Viator (Bilger) Veridicus Germa¬
nus 1630, 137 f. 17 ) Joh. Hänel Das Erkennen
Gottes b. d. Schriftpropheten 1923, 240. 18 ) Aug.
Frh. v. Gail BaaiXefa toü #eoü 1926, 51; Hugo
Greßmann D. älteste Geschichtsschreibung u.
Prophetie Israels 1921, 40; H. W. Hertzberg
Prophet u. Gott 1923, 12; Hänel Erkennen
Gottes 204 f. 224. 46. 19 ) Kühn au Sagen 3, 520L
| == Peuckert Schlesien 16. 20 ) Kühnau Sagen
3, 522; vgl. oben 1, 1468!. 21 ) Kühnau Sagen
| 3 , 533 -
i 2. Echte und Schein-P.ie.
; Wir unterscheiden eine „wahre“, „echte“
I P.ie, von der allein in diesem Artikel zu
| handeln ist, — und eine P.ie ex eventu,
fingierte oder Schein-P.ie, welche ge¬
schehene Dinge so berichtet, als seien
i sie vor ihrem Eintritt von einem P.en
| vorhergesagt und ausgesprochen worden
i (Literarische Weissagung: Vaticinium ex
S eventu).
I S. Weissagung, literarische, — und als Bei-
i spiel den Artikel: Lehninsche Weissagung.
■ Jene, vor allem ältere theologische Streit-
i Schriften, welche die P.ie im Titel führen
! und unter dem Vorgeben einer geschehe¬
nen P.ie oder der Auslegung eines p.ischen
Textes ihre Kämpfe treiben, gehören
nicht hierher.
!
3. Historische Vorfragen.
Zum Verständnis der Erscheinung kann
ein Rückblick auf die historische Ent¬
wicklung der israelitisch-jüdischen P.ie —
ebenso um ihres Einflusses auf die Bibel
willen, als weil sie die best erforschte ist, —
helfen 22 ). Die Berechtigung dazu gibt
uns die Feststellung, daß das prophetische
Erlebnis zu allen Zeiten gleich und seine
Äußerungen letztlich darum sehr ähnlich
sind; was Lindblom in diesem Sinne für
die Übereinstimmung mittelalterlicher und
alttestamentlicher P.ie sagt 23 ), gilt ebenso
für die neuzeitlichen P.en.
Am Anfang dürfte die Mantik gestanden
haben. Sie findet sich schon früh und ist
uns noch heut bei beinah allen primitiven
Völkern bezeugt; so kennt das Ebertsche
Reallexikon, das frühgeschichtliche und
ethnologische Artikel enthält, keinen Ar¬
tikel P.ie oder Weissagung, sondern nur
einen „Wahrsagen“. Früh dürfte die
zuerst privat geübte Mantik an Priester
oder andere berufsmäßige „Seher“ über¬
gegangen sein. Die Seherpraxis war in
Babylonien stark ausgebildet 24 ); sie fin¬
det sich im ganzen alten Orient. Der
König ZKR aus Hamat befragt die Seher
nach dem Ausgang eines Krieges gegen
Benhadad III 25 ); Benhadad von Da-
343
Prophet, Prophetie
344
maskus erforscht den Ausgang seiner
Krankheit auf diese Weise 26 ); in Ägypten
wird sie geübt; aus Israel-Juda haben
wir mannigfache Belege 27 ). Aber sie
ist auch sonst bekannt 28 ).
Diese Seher sind „Gelehrte“, die die
Bedeutung der einzelnen Omina erlernten,
zuweilen literarisch fixierten (ähnlich den
Astrologen der Chaldäer usw.) 29 ), und
meist an Kultorten zu finden sind. Da¬
neben gibt es ein freies Wahrsagertum 30 ),
dessen Männer bereits Empfänger von
Offenbarungen sind. Es darf hier an
Gestalten wie Bileam, Elias oder an Samuel
erinnert werden, der sieht, wo die ver¬
lorenen Eselinnen Sauls sind, und den
man nach dergleichen befragt (I. Sam.
9, 1—10, 16) 31 ). Manches an ihm läßt
einen „Hellseher“ vermuten 32 ). Hell¬
sehen kann man nicht nach Wunsch;
hingegen scheinen ekstatische Zustände
es zu begünstigen 33 ), das führt zu einer
Art Schamanentum; der Seher versetzt ;
sich künstlich in den hellseherischen
Zustand ^). Der Überwindung des Rau¬
mes gesellt sich die Überwindung der
Zeit; der Seher sieht nicht nur, wo die
verlorenen Eselinnen sich augenblicklich
finden; er sieht auch, was geschehen
wird.
Dieses ekstatische Prophetentum
(I. Sam. 10,5) scheint aus Kleinasien
gekommen zu sein 35 ) (den ältesten Se¬
miten war es wohl fremd, zumindest be¬
richten die literarischen Quellen nichts
von ihm 36 )), und es hat sich bis in unsere
Zeit erhalten 37 ). Man bringt die Bakis, —
ein Name für ekstatische Wanderprediger
des 6.—8. Jh.s 38 ), —die dionysischen Scha¬
ren 39 ), und die zu Sauls Zeit durch das
Land streifenden Banden mit ihm in
Verbindung 40 ). Besonders früh liegt
eine phönikische Nachricht über einen
in der Verzückung redenden Jüngling,
freilich keinen P.en 41 ), vor. ZudenHebrä- j
em ist die Ekstase wohl in der Samuelzeit
(I. Sam. 10,5 ff.) gekommen. Diese
Ekstatiker versetzen sich durch Musik 42 ),
Tanz 43 ), Selbst Verwundungen 44 ) usw. 45 )
in einen Rauschzustand und sprechen
dann aus diesem, — des Gottes voll 46 ).
Denn Gott verkehrt mit ihnen anders,
| näher, als mit gewöhnlichen Menschen.
Sie sind nicht die Erfinder eines eksta¬
tischen Sehens, das findet sich bereits
bei Primitiven, — aber sie üben es be-
j wußt; die alte mantische Praxis nimmt
jetzt dies Mittel auf 47 ), sie bilden end¬
lich Schulen.
j Unter den alten Formen der Mantik
; existierte eine besondere, das Nachtge-
| sicht (Hiob 4, 12 ff.) 48 ). Das Wesent-
i liehe in ihm ist das Hören einer Stimme,
der der Gottheit 49 ), des Dämons 50 ),
welcher dem Menschen Offenbarungen
| schenkt, und zwar ist es ein Dämon,
welcher den Menschen stets begleitet.
Der Schritt von hier zum offenbarenden
Gotte Jahve ist nicht mehr groß.
Man hat die jüdischen P.en vom Range
eines Arnos, Hosea, Jesaja u. a. mit den
Ekstatikern in einen Zusammenhang
bringen wollen 51 ). Ich glaube, das ist
verfehlt. Zwar, ihre P.ie erscheint der
der Ekstatiker oft gleich, sie handelt
von dem, was werden wird, — deshalb
wird Amos auch als nebiim, d. h. als einer
dieser P.en bezeichnet, — aber er wehrt
sich gegen diese Einordnung (Amos 7,
12 ff.). Er wendet keine Mittel an, um
eine Ekstase zu erzwingen; „der Herr hat
ihn hervorgeholt hinter der Herde“,
Gottes Geist senkte sich, ohne daß er es
wollte, auf ihn, er mußte weissagen; er
ist das Werkzeug dieses Gottes. Die
schamanistische Ekstase ist durch die
innere Erregung, die Entzückung, er¬
setzt 52 ). Aus dieser Erregung heraus
straft der P. die Schäden seiner Zeit, droht
er mit Gottes Zorn und Strafgericht 33 ).
Die äußere Ekstase und die Hüfsmittel
sind geschwunden; — „sie haben nur eine
Quelle der Verkündigung: Gott; Vision
und Audition, in denen er sich ihnen
offenbart, bleiben also“; doch werden
die Visionen seltener 54 ).
Die Theologie legt bei Betrachtung
der P.en das Hauptgewicht auf ihre
Lehrtätigkeit; sie sind ihr die religiösen
Erzieher des jüdischen Volkes. Wie weit
das richtig ist, geht uns nichts an, für
unser Volk sind die P.en vor allem die
gewesen, die in die Zukunft sahen und
das enthüllten, was Gott geschehen lassen
345
Prophet, Prophetie
346
I
II
t!
wollte. „Mit Recht haben daher Well¬
hausen und Smend betont, daß das erste
im Berufe des Propheten wirklich die
Vorahnung des Kommenden gewesen
sei“ 55 ). Budde behauptet sogar, sie
hätten nur deshalb ihre Reden aufge¬
schrieben, damit spätere Generationen
erkennen sollten, daß sie in ihren Unheils-
Die griechischen Mantiker! 29 ) Hölscher
Profeten 107. 126 f.; Jastrow 2, 1560. 192 f.;
Zimmern Beiträge 82h.; H. Duhm Verkehr
Gottes mit den Menschen im AT. 1926, 460.;
König 18 f. 33 f.; Fascher 96 ff. Sitzen an
Kultorten: Hölscher Geschichte 82 0 . Hof¬
propheten: I. Reg. 22, 10. Vgl. die Hofpropheten
sibirischer Khane: Radloff Proben d. Volks -
liieratur 4, 164. 31S. (In späterer Zeit:) Fascher
150 f. 152.
3(J
) Hölscher Profeten n8ff.;
i
P.ien Wahres gesagt 56 ). Ja, die escha- j
tologischen Momente treten bei späteren
P.en immer mehr in den Vordergrund
(Deut ero-Jesaja, der erste Apokalyp-
tiker 57 )), und zur Zeit Jesu Sirach liegt
auf ihnen allein der Ton 58 ). Das ist auch
die Zeit, in der das Wort rpocp^tTjc den
Zukunftskündiger bezeichnet. Die weitere
Entwicklung mag hier nicht interes¬
sieren, ebensowenig wie die Frage, ob es
bei andern Völkern des Altertums P.en
und Prophezeiungen gegeben habe. Es
handelt sich hier nicht darum, eine Ge- ;
schichte der P.ie zu schreiben, sondern
allein darum, aus einem historischen Ab¬
lauf, der besser als andere erforscht ist,
die beiden Begriffe klar zu machen, so¬
wie die Stelle kennen zu lernen, aus der
sich oft genug ein neues P.entum ent¬
zündete.
22 ) Gustav Hölscher Die Profeten 1914, iooff.
89 ff. 154 ff. 23 ) Über die Berechtigung, beide
mit einander zu vergleichen: Joh. Lindblom
Die Literarische Gattung d. prophet. Literatur 1923,
16ff. 24 ) Hugo Greßmann Altorientalische
Texte und Bilder zum Alten Testament 1926.
1, 281 ff.; Arthur Ungnad Die Religion der
Babylonier und Assyrer 1921, 2990.; Carl
Frank Studien zur Babylonischen Religion 1
(1911), 16 f.; Otto Weber Die Literatur der
Babylonier und Assyrer 1907, i7öff.; Eduard
König Die messianischen Weissagungen 1923,
11 f. Vgl. auch Hölscher Profeten 139 f.
(keine Ekstase am Euphrat); Johannes Hänel
Das Erkennen Gottes b. d. Schriftpropheten (Bei¬
träge z. Wissensch. v. A. T. N. F. 4) 1923, 8;
König 17 f. 2S ) Alfred Jeremias Das alte
Testament im Lichte des alten Orients 1930, 551
N. 4. 26 ) II. Reg. 8, 9. 27 ) Hölscher Profeten
101. 105 ff.; Ders. Geschichte der israelitischen
u. jüdischen Religion 1922, 63. 65 f. 73. 82 ff.;
Paul Scholz Götzendienst und Zauberwesen bei
den alten Hebräern 1877; Jirku Mantik in
Altisrael; Hölscher Geschichte 82 ff. 63. 65 f.
73; Ders. Profeten 107 ff. 151. 156 ff.; I. Sam.
9.9: 28,3; Hugo Greßmann Die älteste Ge-
Fascher 148 f. (Elia und Elisa): Hans Duhm
Verkehr Gottes 66 ff.; Elisas Sehergabe: II. Reg.
3, 15; 5, 26; 6, 12. 32 f.; 8, 7—15; 3, 1 ff.; 7, 1 ff.;
8, if.; 13, 14—19; Fascher i2if.; Wundt
Mythus u. Religion 3 (1909), 640 f. 31 ) I. Sam.
28, 3 ff.; Fascher 117. 118. 121. 123; H. Gre߬
mann Schriften des A. T. Abtlg. II Bd. i 2 ,
257 ff.; Hölscher Profeten 121 ff. 32 ) Hellseher:
Ernst Sellin Der alttestamentl. Prophetismus
1912, 4 ff. 311 ff.; dagegen: Hölscher Profeten
121 ff. 123. 325 ff. 129. 33 ) Hölscher Profeten
1460. 149 f. 154. 34 ) Hölscher Profeten
132 ff. 147Ü i43ff.; Hans Duhm Der Verkehr
Gottes mit d. Menschen im A. T. 1926, 20. Zur
Technik: Jes. 29,10; Fascher 127 f.; Gre߬
mann Älteste Geschichtsschreibung u. Prophetie
Israels 37; H ö 1 s c h et Geschichte 83 .Vgl. unten Ab¬
schnitt 4. 35 ) Hölscher Profeten 14öS.; Fascher
119. 149; Hölscher Geschichte 83 f.; Gre߬
mann Texte u. Bilder 1, 225 ff. Vgl. Sellin
9 ff. (doch) 213. 36 ) Hölscher Profeten 129 ff.;
Geschichte 85 N. 68; H. Duhm Verkehr Gottes
m. d. Menschen 1926, 61 ff. Dagegen Gunkel
bei Schmidt XXVIII f. 37 ) Pauly-Wissowa
14, 1263 f. (bis neuplat. Zeit); noch 2. Jh.:
Sach. 13, 1 ff.; Hölscher Profeten 130; Gre߬
mann Ält. Geschichtsschreibg. u. Prophetie
Israels 37 f. 38; Sellin 8 f. 38 ) Fascher 55.
w ) Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff Der
Glaube der Hellenen 2 (1932), 3 1 - 63. 67; Pauly-
Wissowa 14, 1263. 1266; Fascher 54 f. 66;
vgl. auch Samter Religion 35. 36t. 4Ü ) Fa¬
scher 122 f.; Hölscher Geschichte 96; Ders.
Propheten 1520.; Greßmann Älteste Ge¬
schichtsschreibg . u. Prophetie 39; Alfr. Jeremias
Alte Test, im Lichte d. alt. Orients 513 f.; Sellin
9; Wundt Mythus u. Religion 3 (1909), 640.
4l ) Greßmann Texte u. Bilder 1, 328 ff.; Ders.
Propheten 38; Fascher 119; Günther Roeder
Ägypt. Märchen 77; Alfr. Jeremias Handbuch d.
altoriental.Geisteskultur 226;Ders .AlteTestament
im alt. Orient 12. 234 ff.; Hölscher Profeten 24.
133. J 33 ff.; Hänel Erkenn. Gottes 181; Ekstat.
Propheten zur selben Zeit wie in Kanaan:
G. Contenau La civilisation pMnicienne 1926,
131. — Vom Orakelgeben in der Verzückung
sprach Eduard Meyer Die Israeliten u. ihre
Nachbarstämme 1906, 87. 42 ) Hölscher Ge¬
schichte 84; Ders. Profeten 144; Alfred Jere¬
mias a.a.O. 607; I. Sam. 10,5; dazu Gunkel
bei Schmidt XVIII; Sellin 8; II. Reg. 3, 15;
Schichtsschreibung und Prophetie Israels 1921, i dazu Fascher 122. 43 ) Hölscher Geschichte
36 f.; König Messian. Weissagungen 13 ff. 28 ) 84; Ders. Profeten 144. 152; Hauer 75 ff.;
(Wahrsager am Hof sibirischer Fürsten): I. Reg. 18, 26, dazu Gunkel bei Schmidt
Radloff Proben d. Volksliteratur 4, 164. 318. XIX; I. Sam. 10, 5; dionys. Banden: Fascher
Prophet, Prophetie
55. n8f. 44 ) Hölscher Profeten 131. 144; Ders.
Geschichte 84; Jer. 23, 9; Sach. 13, 6 (I. Reg.
18, 28). 45 ) Vgl. zu diesen und andern ekstat.
Hilfsmitteln unten Abschnitt 4. 46 ) Fascher
151. 142; dagegen Greßmann Alt. Geschichts-
schreibg. u. Prophetie Israels 40. 47 ) Vgl. Fa¬
scher 131 ff.; Orelli in Haucks RE. 16, 82 f.;
Sellin 18 ff.; Hölscher Profeten 1520.177 f.;
Hans Duhm Verkehr Gottes 61 ff. 48 ) Höl¬
scher Profeten 82 ff.; Hänel Erkennen Gottes
H5ff. 49 ) Hölscher Profeten 84. 5ü ) Ebd.
84 ff. 99 f.; Hans Duhm Verkehr Gottes 20 ff.
:ßl ) Gunkel bei Schmidt XXIX; Greßmann
Propheten 37; vgl. auch v. Gail in ARw. 4 (1901),
365 ff. Das wird auch durch Lindbloms Nach¬
weis (Lindblom 97 ff.) des Gebrauches der
,,Orakelformel'‘ versucht. Dagegen: Hölscher
Profeten 197 f.; Ders. Geschichte 84; Lorenz
Dürr Wollen u. Wirken der alttest. Propheten
1926, 6; Greßmann Ält. Geschichtsschreibg. w.
Prophetie Israels 37; Gunkel bei Schmidt
XXIX. Elias u. Elisa Übergangsstadien: Duhm
Verkehr Gottes 66 ff. 52 ) Gunkel bei Schmidt
XIX; Hölscher Geschichte 1035.; Ders. Pro -
feten 188. 63 ) Fascher 154 f.; Hölscher Ge¬
schichte 103 ff.; Sellin 219; vgl. H. Duhm
Verkehr Gottes 94; Fascher 124!. ßS ) Sellin
239; s. auch Tholuck 23; W. H. Hertzberg
Prophet u. Gott 1923, 12 f. 56 ) Karl Budde
Gesch. d. althebräischen Literatur 67 = Lind¬
blom 9. 59. 57 ) Sellin 81. ß8 ) Fascher 146.
4. Psychologische Grundlagen.
Mehrere Möglichkeiten einer Erklärung
scheinen gegeben:
Die P.ie ist eine göttliche oder dämo¬
nische Offenbarung. Sie setzt das Dasein
eines übernatürlichen Wesens und dessen
Geneigtheit, sich zu äußern, voraus.
Die P.ie und Weissagung beruhen mit
dem ,,Hellsehen" (s. d.) auf irgendwelchen
geheimnisvollen Kräften ,,der Nachtseite
der Kultur" 59 ), um deren Erforschung
sich die „Okkultisten" bemühen 60 ).
Die P.ie läßt sich mit den vorhandenen
Mitteln der psychologischen Forschung
erklären oder doch wenigstens notdürftig
verdeutlichen. D. h. man leugnet die
übernatürlichen Mächte und Kräfte und
sieht in ihr Begreifliches.
Bei einem Versuche, den Vorgang zu
verstehen, dürfen wir zuerst sagen, daß
hier ein „religiöses Erlebnis" zugrunde
liegt. Der Mensch wird überwältigt von
der Gottheit, zugleich bezwungen, zum
Nichts gemacht und wieder doch er¬
hoben 61 ). Vielleicht bleibt es nur beim
Erlebnis des Numinosen an sich; viel¬
leicht aber auch „offenbart" sich der
Gott, offenbart seinen Willen, läßt sich
und seinen Willen erkennen. Das sind
im letzten graduelle Unterschiede, Fort¬
schritte zu einem mehr bewußten Er¬
leben. Man nimmt nicht nur mehr hin.
Von außen gesehen, erscheint ein solches
Erlebnis als ein Zustand gesteigerten
„Gefühlslebens" 62 ). In diesem ist das
Denk- und Willensleben mehr oder weni¬
ger auf bestimmte Dinge konzentriert,
der Ablauf anderer Vorstellungen ge¬
hemmt; das Unterbewußtsein schlägt
durch; parapsychologische Momente
setzen ein; es zeigen sich ferner körper¬
liche Rückwirkungen (starrer Blick, be¬
schleunigter Puls usw.) 63 ). Die Ent¬
ladung dieser starken Affekte hat man
als Ekstase bezeichnet 64 ), ein fast-reli-
giöses Erlebnis 65 ); Ekstase gilt als eine
Grundbedingung der P. 66 ). Aber das rückt
ein Äußerliches an die Stelle des Grund¬
erlebnisses 67 ). So weist auch Lindblom
darauf hin, daß es sich nicht immer um
das handelt, was wir im technischen Sinne
Ekstase nennen, sondern auch um seelische
Zustände, die mehr ... an die energische
Konzentrierung der Phantasie und des
Gedankens oder an die künstlerische
Inspiration erinnern. Einmal wird der
Mystiker ohne Vorbereitung von dem
überfallen, was er raptus mentis nennt,
. . . ein andermal setzt er sich selber hin,
die Feder in der Hand und das Tintenfaß
vor sich auf dem Schreibtisch. Er konzen¬
triert die Aufmerksamkeit auf ein be¬
stimmtes Thema, eine gewisse Erregung
tritt in seinem Seelenleben ein, Vorstel¬
lungen und Gedanken strömen über ihn.
Es ist ihm, wie wenn aus einem wunder¬
baren Vorrat eine Fülle von Ideen über
ihn ausgegossen sei. Dies ist nicht Ek¬
stase, sondern eine Erfahrung geistiger
Eingebung 68 ).
Eine häufige Äußerungsform „eksta¬
tischer Zustände" sind „Sinnestäuschun¬
gen" 69 ). Die Religionspsychologie be¬
schreibt als solche, d. h. als Visionen im
weiteren Sinne nach alter Einteilung
(Augustinus contra Adimantum): Hallu¬
zination (Illusion), Imagination und intel¬
lektuelle Visionen. Halluzinationen und
Illusionen verlegen den Vorgang in die
Prophet, Prophetie
Außenwelt, und zwar gilt als Halluzination
•das Sehen von (nicht-wirklichen) Ge¬
stalten inmitten der den Visionär um¬
gebenden realen Welt 70 ) (Kotters Engel,
der als Jüngling erscheint und sich als
solcher bewegt). Unter Illusion begreift
man die Umdeutung realer Wahrneh¬
mungen 71 ) (Rauschen der Bäume =
Stimmen), während man unter Imagi¬
nation bloße Vorstellungen versteht, die
sich durch eine abnorme Deutlichkeit
und Lebhaftigkeit auszeichnen 72 ) (Es
däuchte ihm — Seuse — im inneren Ge¬
sichte, daß ein stattlicher Jüngling von
•oben herabkäme); das ist, was Hänel als
„innere Wahrnehmung" bei den P.en
bezeichnete 73 ). Als letzte erscheinen
•die intellektuellen Visionen, in denen
nichts der Art im Bewußtsein vorhanden
ist und der Visionär dennoch etwas wahr¬
nimmt oder erfährt, Hänels unmittelbarer
Offenbarungsempfang 74 ). Die Visionen
können ebenso zeitlich wie räumlich die
Nähe und die Feme treffen. Doch haftet
•dieser Systematisierung etwas Gezwunge¬
nes an; sie ist von außen her gegeben;
es ist wohl besser mit Hauer hier nur
von „Gesichten" zu sprechen 75 ). Auf
•den „prophetischen Traum" 76 ), der letzt¬
lich zur Inkubation (Tempel-,Gräberschlaf)
führt, soll hier nur hingewiesen werden.
Zum Wahrnehmen der transzenden¬
ten Welt tritt ein Ergriffensein des Men¬
schen durch diese: die Inspiration, eine
durch das Uberweltliche vermeintlich
herbeigeführte Erregung des Menschen
zu besonderen Leistungen 77 ), die mei¬
stens als „ekstatische" (s. vorhin) be¬
zeichnet werden. Als eine dieser Lei¬
stungen ist die prophetische Rede zu
betrachten 78 ).
Die hier skizzierten psychologischen
Vorgänge dürften an ganz bestimmte
Personen gebunden sein. Nicht jeder
beliebige kann zum P.en werden. Es
sind psychisch labile Menschen, oft
Frauen 79 ). Wenn nur der Saitenspieler
die Saiten rührte, kam die Hand Jahves
über Elisa (II. Reg. 3, 15). Häufig sind
•es sexuell Erregte 80 ), und die Pubertäts¬
zeit zeichnet sich besonders aus 81 ); die
Heidewetter beginnt mit elf Jahren zu
prophezeien und schweigt später 82 ); die
Poniatowski mit sechzehn, um ebenfalls
mit der Heirat die Gabe zu verlieren .
Auch Schwangere heben sich als P.innen
hervor 84 ). Schließlich sind Kranke 85 )
oder von einem Schreck Gepackte 86 ) zu
erwähnen; Heinrich Fitzner war blind;
die Vetter war als wahnsinnig angekettet
gewesen 87 ). Oder es ist ein ganz beson¬
deres, den Menschen durchrüttelndes Er¬
lebnis, das ihn aus seinem Gleichgewichte
wirft, durch welches er als P. „berufen"
wird 88 ), so die hl. Birgitta durch den
Tod ihres Mannes 89 ).
Manchmal bleibt die Berufungsvision
die einzige, zuweilen wieder ist sie die
erste vieler sich folgenden. Psychisch
reizbaren Personen mögen sie ohne ihr
Zutun kommen; oft aber werden sie
herbeigeführt, in primitiven Zeiten durch
Schamanisieren 90 ), Tanz 91 ), Maskenver¬
kleidung und -tanz 92 ), dann durch Mu¬
sik 93 ), asketische Übungen wie Fasten 94 ),
sexuelle Enthaltsamkeit 95 ), dauerndes
Wachen 96 ), Baden, vielleicht gar in be¬
stimmten Quellen 97 ), durch Opiate und
Betäubungsmittel 98 ), Blut 99 ), Selbstver¬
wundungen 10 °), „Übungen" 101 ) wie
die „Yoga-Praxis", Tempel- 102 ) und
Gräberschlaf 103 ), aber das meiste da¬
von gehört doch noch älterer Zeit
an. Näher liegt, wenn die Offenbarung
ausgelöst wird durch einen Aufenthalt
in der Einsamkeit 104 ), an einem Berge 105 ),
einem Strom 106 ), auf freiem Felde 107 ),
in der Wüste 108 ), unter einem bestimm¬
ten Baume 109 ); so irrte Kotter tagelang
in der Heide herum 110 ). In tiefer Nacht 111 ),
wie bei Gewittern 112 ), endlich am frühen
Morgen überkommt den P.en der Geist 113 ).
Zu diesen Stimulantien gehört auch
Nacktheit 114 ), das Zerreißen der Klei¬
der 115 ) oder das Tragen von bestimmter
Kleidung 116 ).
Zu den gröberen treten geistige „Er-
regungsmittel‘ 4 : die Konzentration 117 ),
womöglich mit geschlossenen Augen 118 ),
die Autohypnose 119 ), der Einfluß der
Opferhandlung 120 ), des Gebetes 121 ), der
Bibel 122 ) oder einer Predigt 123 ), derjenige
des Gottesdienstes an sich 124 ), des Sakra¬
mentgenusses 125 ), der „fromme, sitten-
35i
Prophet, Prophetie
reine Wandel“ 126 ). Viele der gröberen
Mittel sind eher als dem P.en dem Wahr¬
sager eigentümlich, die geistigen Stimu-
lantien hingegen mehr dem P.en, doch
dienen alle, wie Hauer sagt, zur Er¬
weckung oder Bloßlegung des Unter-
bewußtseins. Oder, vom Religiösen her
gesehen, sie dienen dazu, den Menschen
für die Gottheit bereit zu machen (nicht,
diese herbeizuzwingen, zur Äußerung zu
zwingen).
Es ist verständlich, daß psychisch
labile Menschen, die öfters den Erregungs¬
zustand herbeigeführt, in einen Zustand
äußerster Reizbarkeit geraten, in dem
sie bei geringster Reizung schon rea¬
gieren 127 ). Und das macht auch ver¬
ständlich, daß dem Erwachen so oft die
schwersten Depressionen und Ermüdungs¬
zustände folgen 128 ). Der „Prossener“
Mann, der freilich nur selten Offenba¬
rungen hatte, verspürte nach ihnen ein
immerwährendes Anregen in ihm und
eine Freudigkeit, die Sache bald anzu¬
zeigen 129 ).
89 ) Tholuck 4 ff. nach Carus. M °) Alexander
Spesz Okkultismus u. Wunder (1929), 54 ff.
57ff. 61 ) J. W. Hauer Die Religionen 1 (3923);
Rudolf Otto Das Heilige 8 1922. ® 2 ) Wundt
Mythus u. Religion 2 (1906), 97 f.; danach Höl¬
scher Die Profeten 1914, 16 ff. 1 ff. Dazu
Hänel Erkennen Gottes 62. 63 ) Hölscher
Profeten 5 f. 14 ff. 18 ff. 64 ) Hölscher Profeten
4; vgl. Hänel 62f. 65 ) Hauer 94h. 98. 66 ) Gun¬
kel bei Hans Schmidt Die großen Propheten
1923,XVIII; Robinson inZtschr.alttestamentl.
Wiss. 45, 4; Tholuck 56 ff. So ist Müller bei
seinen Gesichten ,,entrückt": M. Kemmerich
Prophezeiungen (1911), 285. ® 7 ) Vgl. auch die
Kritik Hänel Erkennen Gottes 42 f. 61 ff. an
Hölscher. ® 8 ) Joh. Lindblom Die Literarische
Gattung d. prophet. Literatur 1924, 27. 41 ff.; dort
auch Belege; ferner zu Jak. Böhme: Peuckert
Die brennende Nacht (1919), 12. Vgl. hierzu
auch: J. Hänel Das Erkennen Gottes bei d.
Schriftpropneten 1923, 62 f. und Lindbloms
Einwände: Lindblom 44; Knut B. Westman
Birgitta-Studier 90 f. 69 ) Hölscher Profeten
35; Hauer 87 f. Zu ,,Vision": Traugott Kon¬
stantin Oesterreich Einführung in die Reli¬
gionspsychologie 1917, 25 ff. 70 ) Oesterreich
28ff. Vgl.Hölscher Profeten 35ff. 450., wo auch
die Imagination zugerechnet wird, und Wundts
Scheidung in Wach- und Traumvisionen:
Wundt Mythus und Religion 2 (1906), 94 ff.;
Hänel 42 ff.; Westman Birgitta-Studier 87 f. 1
u. (wichtig!) 88 f. Zu Augustins Visiones corpo-
rales, imaginariae et intellectuales vgl. Joh.
^ £ 'y
Lindblom 30. Als Beispiel neuerer Zeit: Bauer
I Martin: Friedr. Bülau Geheime Geschichten u.
rätselhafte Menschen 11 (1864), 394!. 447.
71 ) Oesterreich 30 f.; Hölscher Projeten 45 ff.
Hierher zählt Oesterreich auch die Massen¬
visionen. 72 ) Oesterreich 31 ff. Ebendort
über das Verhältnis von Ort und Zeit, Wach¬
visionen. 73 ) Hänel Erkennen Gottes 83 ff. 85.
100. 74 ) Oesterreich 46 ff.; Hänel Erkennen
Gottes 143 ff. 145; Duhm Verkehr Gottes 94;
Knut B. Westman Birgitta-Studier 1911, 81;
Joh. Pordage Göttliche u. wahre Metaphysica
3 (1715), 539 ff.; Schnitzer Savonarola Aus¬
wahl 29. 78 ) Hauer 208 ff. 7 ®) Hauer 227 ff.
240. 257 ff.; Hänel Erkennen Gottes 128 ff.
77 ) Oesterreich 50. 78 ) Ebd. 49 ff. 7S> ) Höl¬
scher Profeten 41; Gunkel bei Schmidt
XXII; Hans Duhm Verkehr Gottes 18 ff.;
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff Glaube
d. Hellenen 2 (1932), 34. 67; Somnambule: Char¬
les Riehe t Traili de Metapsychique 1923, 468 ff.;
Joh. Heinr. J ung-Stillings Theorie d . Geister¬
kunde (Sämtt. Schriften 1837) 6, 408 f.; Tholuck
61 .; Westman Birgitta-Studier 99 ff.; Hans
Engel brecht Warhafftige Geschieht u. Ge¬
sicht 1640 F4 A.; Spesz Okkultismus «.
Wunder 69 ff. Dagegen Johansen: Max Des-
soir Vom Jenseits d. Seele 1931, 147. 80 ) So die
Vetter: Gottfr. Arnold Unparteyische Kirchen -
u. Ketzer-Historie 3 (1700), 2730.; Guyon:
Perty 638; Westman Birgitta-Studier (104 ff.)
n6ff. 81 ) Hölscher Profeten 41; Pauly-
Wissowa 14, 1264; Hauer 2i6f.; Jeanne
d\Arc(?): Perty 628; Dessoir 2; Tholuck 7;
Westman Birgitta-Studier 100; Arnold 3, 225.
227. 82 ) Göttliches Wunder-Buch 1629 (Breslau
Univ.-Bibl. Theol. ree. X Qu. 139) Hmj R.
83 ) Revelationes Christinae Poniatoviae in (Arnos
Comenius) Lux e tenebris 1655 P. II, 5 ff.;
Arnold 3, 22 § 16 — S. 217. 84 ) H. Duhm
Verkehr Gottes 19; Hölscher Profeten 37; Die
Vetterin: Arnold 3, 273 f.; Birgitta fühlt
Kindsbewegungen (nicht schwanger): West¬
man Birgitta-Studier 93 h Kindbetterin: Mei-
che Sagen 452 f. — Cecile V6 während den Men¬
struationen: Dessoir 2. 8S ) Greulich: Arnold
3, 2480.; die epileptische Anna Fleischer:
Arnold 3, 208. Poniatovska: Comenius 5 f.
8 ®) J. W. Hauer Die Religionen 1 (1923), 64 f.
nach Frobenius Weltanschauung d. Natur¬
völker 1898, 256 ff.; Hauer 382!.; Meiche
Sagen 452 f. 87 ) Fitzner: H(einrich) F(itz-
ner) Dreyfaches Gespräch zwischen einem flüch¬
tigen Pater aus Rom 4 (1744), 45. Vetter: Ar¬
nold 3, 274 f.; Gunkel bei Schmidt XXII.
XXIV. 88 ) Hölscher Profeten 470; Hauer
(s. o.) 99 f. 89 ) Frederik Hammerich St. Bir¬
gitta 1872, 73 ff.; Westman Birgitta-Studier
103 ff. 9Ü ) Hauer 331 f.; ZfdMyth. 4, 160 f.
(ob Weissagen oder Wahrsagen?); Georg Nio-
radze Der Schamanismus bei d. sibirischen
Völkern 1925, 99; Stoll Suggestion 36; Perty
576 f.; Meiche Sagen 5 f.; Tholuck 8 ff.; über
das Recht, den Schamanen hierher zu ziehen:
Wundt Mythus u. Religion 3 (3909), 636 f. 640.
353
Prophet, Prophetie
354
* l ) Hölscher Geschichte 84; Ders. Profeten
152; Hauer 7 ff. 10 ff. 17 f. 75 ff. 239 f.;
Gunkel bei Schmidt XIX; Greßmann
Alteste Geschichte u. Prophetie in Israel 39;
Hauer 401 ff.; I. Reg. 18, 26; I. Sam. 10, 5 ff.;
19, 18 ff.; Derwische usw.: Greßmann Alt.
Geschichte 38, Hauer 383; Perty 578; Antike:
Pauly-Wissowa 14, 1266; Fascher 119.
118 f. 59; Kregel wird der Abendtanz verboten.
•*) Wundt Mythus u. Religion 2 (1906), 103;
Hauer 81 f. 396 ff. 93 ) Hölscher Geschichte
«41 Ders. Profeten 11. 473; Alfr. Jeremias
Alte Test, im Licht d. alt. Orients 607; 1 . Sam. 10,
5; dazu Gunkel bei Schmidt XVIII; Sellin
8 ; Orelli in Haucks RE. 16, 83; II. Reg. 3,
15, dazu Fascher 122; Derwische: Greßmann
Alt . Gesch. 38; Hauer 383 ff.; Engelbrecht
singt und hört Engel musizieren: Engelbrecht
Geschichte HA. Ich rechne hierher auch die
..Lärminstrumente": Hauer 383 ff. 94 ) Höl¬
scher Profeten 36 f. 471; Gunkel bei Schmidt
XIX; Daniel 9, 3. 21; 10, 2 ff.; IV. Esra 5, 20;
6, 35 ; Apoc. Baruch 9, 2 f.; 12, 5; 20, 5; 43, 3;
47, 2; 48, 1. 25; Tylor Anfänge d. Kultur 2, 18;
Antike: Pauly-Wissowa 14, 1265. 1274;
Poniatowska: Comenius 6. 15; unfreiwillig
Kotter: Wunderbuch 6; Engelbrecht als Beweis
der Wahrheit seiner Gesichte: Engel brecht
Brief A2 A; A4 A; Johansen (s. Welt¬
kriegsprophetie): Dessoir 147 (trank und
rauchte nicht); Pordage 1, 680; Westman
Birgitta-Studier 79. Vgl. ZfEthnol. 56 (3924),
56 ff. 95 ) Kregel 24; (Swedenborg:)
Perty 643. 644; Johansen: Dessoir 147;
Pordage 1, 680. Müller enthält sich 7 Tage
seiner Frau: M. Kemmerich Prophezeiungen
(1911), 243. Vgl. ZfEthnol. 56 (1924), 56 f.
M ) Engelbrecht Brief B 4 R; Ders. Geschichte.
S7 ) Didyma, Klaros: Pauly-Wissowa 14,
1265. 98 ) Vgl. Perty 625 t.; Hölscher Pro¬
feten 36; Hauer 73 h.; Gase einatmen (Delphi
usw.): Pauly-Wissowa 14, 1264. 1265;
Samter Religion 37; Dunst aus Wasser Didy¬
ma, Wasser bestimmter Quellen getrunken
(Kassotis usw.); Pauly-Wissowa 14, 1264;
Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff Glaube
d. Hellenen 2 (1932), 27 f.; Perty 626;
Karl Buresch Klaros 1889, 29C; Bier: Kotter:
Wunderbuch 45; Wein: Hölscher Profeten
3i f.; Trunkenheit: Jes. 28,7 h.; Hauer 383;
ZfdMyth. 4, 160 f.; Kaffee: Swedenborg, s.
Perty 643; Lorbeerblätter, Gerste kauen
(Delphi): Pauly-Wissowa 14, 1265; Wilamo¬
witz-Moellendorff 2, 30 f.; Samter Religion
37; narkot. Räuchermittel: Pauly-Wissowa
34, 3261. 1275; Hauer 383; Perty 578; Pflanzl.
Narkotika: Revue Metapsychique Juli-Aug.
1926; Datura sanguinea: Tylor Anfänge 2,
418 = ZfVk. 2, 418; Arsenik: Perty 577 f.;
Tabak: Hauer 54. 386; ZfdMyth. 4, 160 f.
Dutry: John Fryer A new account of East
India 1698, 33 — ZfVk. 15, 88 (vgl. Barg-
heer-Freudenthal Handwörterbuch III).
") Hauer 69; in Aigeira trank die Orakel¬
priesterin frisches Stierblut: Pauly-Wissowa
Bachtold-Stäubli, Aberglaube VII.
14, 3266. 10 °) Hölscher Profeten 12 f. 19;
Ders. Geschichte 84; Jer. 23, 9; Sach. 13, 6;
I. Reg. 38, 28; Perty 577; H. Duhm Verkehr
Gottes m. d. Menschen 62. Verwundung
| macht prophezeien: Perty 621 f.; die gekreuzig-
! te Pariser Spitzenwäscherin: Fr. Bülau
Geh. Geschichten u. rätselh . Menschen 1 (1863),
409. l01 ) Hauer 72 ff.; Pordage 675 ff. (das
■ jungfräuliche Leben). 102 ) Hauer 2580.;
Stoll Suggestion 51 f.; Paul Scholz Götzen¬
dienst 11. Zauberwesen bei d. alten Hebräern
1877, 93; Samter Religion 35 f. 40 ff.; Beth
Religionsgesch. 62; Wilamowitz-Moellen¬
dorff Glaube d. Hellenen 2, 28; Fr A. Wolf
Vermischte Schriften 1802, 382 — Tholuck
3.6; Hieronymus ad Jes. 65,4. 103 ) Hauer
1 258 ff. 240. 257 ff.; Fascher 149; Stoll
! Suggestion 51 f.; Scholz 93; Pauly-Wissowa
14, 1273 f. 104 ) Hölscher Profeten 39. So
auch Delphi: Wilamowitz-Moellendorff
Glaube d. Hellenen 2 (1932), 27!. 105 ) II. Reg.
1, 9; 4, 25; in Höhle: Hölscher Geschichte 62;
Ders. Profeten 39; I. Reg. 19, 9; Exodus 33,
22; Apoc. Baruch 21, 1; 31 2; Rischmann:
Kühnau Sagen 3, 524 ff. 106 ) (Ezech. 1, 1 f.;
3o, 20 ff ); Dan. 10, 4; Aeth. Henoch 13, 7;
Apoc. Baruch 5, 5; Kotter: Wunderbuch 32.
36. 39. 107 ) Hölscher Profeten 39; Ezech. 3,
22; 37, 3; IV. Esra 9, 26; 32, 40; 34, 3; Engel¬
brecht Brief A2 R; A4 A; Heinr. Federer
Niklaus von Flüe (3928), 312. lc8 ) Matth. 3, 1;
I. Reg. 39, 4. 8. 109 ) I. Reg. 39, 4; IV. Esra
14, 3; Apoc. Baruch 6,2; Kotter: Wunderbuch
72. Uü ) Wunderbuch 63. 72. in ) Hölscher
Profeten 39 f. (Sacharia); I. Sam. 3,3; IV. Mose
12, 8f.; Joh. Pordage Göttliche u. wahre
Metaphysica 1 (3735), 653. Drabic: (A. Co¬
menius) Lux e tenebris 8; Kotter: Wunder¬
buch 96 f.; Greulich: Arnold 3, 248 ff. Gill-
hausen (s. Weltkriegsprophetie): Dessoir 145;
Johansen (s. Weltkriegsprophetie) ebd. 148;
Charles Riehe t Traite de Metapsychique 3923,
496; Schnitzer Savonarola Auswahl 32; (Kar¬
freitagnacht) ebd. 35 (Meiche Sagen 646);
vgl. ,,Nachtgesicht": s. Abschnitt 3; 135 ff.
112 ) Kotter Wunderbuch 72 f. 113 ) Wunderbuch
26. 32. 97; Johansen: Dessoir 348. U4 ) I. Sam.
39, 24; Jes. 20; vgl. Gunkel bei Schmidt
XXI. U5 ) Apoc. Baruch 9, 2. ll6 ) Pauly-
Wissowa 34, 1265. 117 ) Hauer 83 f.; Gunkel
bei Schmidt XIX f.; Greulich: Arnold 3,
248. 118 ) Bileam: Num. 24, 3. 35. 119 ) Höl¬
scher Profeten 40. 58 ff. 66 ff.; H. Duhm
Verkehr Gottes 20; Ansehen einer Wolke: Kotter:
Wunderbuch 30; Greulich muß stets den Himmel
ansehen: Arnold 3, 2480., ,,wie er so blutig
ist"; den Himmel ansehen muß auch der
anonyme niederdtsch. Visionär: Arnold 3,
Additamenta; Georg Reichart Erster Theil
Etzlicher sehr nachdenckl. Visionen 3640 Ciij A.;
Starren in glänzende Gegenstände: Hauer
67. 79. 276 ff. 3830.; Horst Deuteroskopie
3, 60 — Tholuck 58. Nabel: Perty 628.
(Auch Hypnose der Umstehenden:) Hölscher
Profeten; Joh. Pordage Götti, u. wahre Meta-
12
355
Prophet, Prophetie
356
physica 1 (1715), 654; Engel brecht Ge¬
schichte HR seq.; philadelph. Gesellschaft
Pordages: Perty 637; s. ebd. 653 ff. 120 ) Hauer
68 ff.; Kühnau Sagen 3, 500 t. (Messe).
121 ) Jer. 11, 18 ff.; 14, 130.; 32, 16 ff. 42;
Poniatowska: Comenius 6; Wunderbuch 170;
Drabic: Revelationes in (Comenius), Lux e
tenebris 8; Greulich: Arnold 3, 248; Engel¬
brecht A4 A; Kühnau Sagen 3, 500; Bauer
Martin: Friedr. Bülau Geheime Geschichten u.
rätselhafte Menschen 1 (1864), 464 f. Vgl. das
gemeinsame chor. Beten der Derwische: Greß-
mann Alt. Geschichte 37 f. 122 ) Engelbrecht
Geschichte F5 R; Johansen: Dessoir 1475.;
Savonarola scheint sich an der Apoc. Johann, ent¬
zündet zu haben: Schnitzer Savonarola Aus¬
wahl 30 f.; s. auch Müller: Kemmerich Prophe¬
zeiungen 243 f. 265. 245. Vgl. die dauernden
bibl. Zitate in den Prophetien. 123 ) Kotter:
Wunderbuch 2. 30. 124 ) Gunkel bei Schmidt
XIX. 125 ) Greulich: Arnold 3, 248. 128 ) Kre¬
gel 1. 9; Johansen: Dessoir 147; Joh. Heinr.
Jung-Stillings Theorie d. Geisterkunde
(Sämtl. Schriften 1837) 6, 410 f. 463 ff. ^Höl¬
scher Profeten 149 f. 154; Ludwig Stauden¬
maier Die Magie als experimentelle N aturwissen-
schaft 1912, 36 ff.; II. Reg. 6, 32 ff.; Ez. 8, 1 ff.
(am Tag unter gleichgültigen Zuschauern); die
Poniatowska: Wunderbuch 213. 216. 128 ) Höl¬
scher Profeten 15 f. 26 ff. 40 f. 470 unter Er¬
schöpfung usw.; vgl. auch ebd. 69 f.; Hänel
63 ff. 129 ) Fr. Bülau Geh. Geschichten u. rätsel¬
hafte Menschen 7 (1864), 436 = Max Kemme¬
rich Prophezeiungen (1911), 231.
5. Begleiterscheinungen.
Der ekstatische Zustand ist häufig von
einer Reihe besonderer Erscheinungen
begleitet. P.en „rasen** 13 °), verfallen
in Krämpfe und Zuckungen 131 ), ihre
Gesichtszüge entstellen sich 132 ). Sie er¬
scheinen wie „trunken* * 133 ) und ver¬
spüren einen besonderen Geschmack auf
der Zunge 134 ); ihr Atem stockt 135 ), die
Sinne schwinden 136 ); die Poniatowska
empfindet ein Erstickungsgefühl, als sei
sie im tiefen Wasser 137 ). Andere sind
wie blind 138 ) und stumm 139 ); Levita¬
tionen stellen sich ein 14 °), und sie sind
gegen Verwundungen fest 141 ). Zu diesen
Erlebnissen passiver Art treten Hand¬
lungen. So rennt Elias meilenweit vor
Ahabs Wagen her 142 ); andere (Kotter)
wandern tagelang ziellos hin und her 143 ):
Kotters Irrfahrten
7.—17. August 1622
7. August 1622 von Sprottau über Weichau bis
Eckersdorf. 8. August Eckersdorf — Neu¬
hammer. 8./9. 9. /io. in Neuhammer. 10. Au-
We/chau
er
MusJcau
So rau \
Zckersdorf/ V
Sagau f Mal/rmfz
AA^P
RauscAa
^ Sprottau
Weuhammer 8. -JO.
r*
&
Pen 7J^f K0h/furf Bunz/au
JrX Ungenau
»
\acnsen
GÖRLITZ
Lauban
gust Neuhammer—Penzig. 11. August Penzig
—Zodel. 12. August Zodel—Görlitz—Langen¬
au. 13. August Langenau—Kohlfurt. 14.
August Kohlfurt—Penzig. 15. August Penzig
—Ludwigsdorf er Berg—Langenau. 16. August
Langenau—Mallmitz. 17. August Mallmitz—
Rauscha—und mit Wagen nach Görlitz.
Johann Adam Müller ist unstet und un¬
ruhig 144 ). Der Geist Gottes trägt sie an
einen fremden Ort 145 ). Sie reißen sich
die Kleider ab 146 ), verwunden sich
selbst 147 ), und schließlich ergreift ihr
Zustand auch andere 148 ).
Aber das wichtigste sind doch ihre Ge¬
sichte 149 ). Besonders Visionen sind häufig
belegt 150 ). Der Heimgesuchte sieht grelle
Lichter, Wetter leuchten, die Gestirne,
göttliche Wesen im Licht 151 ), wie der Bauer
Martin 152 ), weiter erscheinen ihm Ge¬
stalten, besonders solche göttlicher Art 153 ),
ganze Geschehnisse 154 ), Bilderreihen 155 )
rollen sich vor ihm ab, und er durch¬
wandert Himmel und Hölle 156 ), ist hier
und da im Geist 157 ). Zuweilen auch
sieht er nur symbolische Dinge 158 ), so wie
die P.en des 17. Jh.s Wappentiere, — wie
ja auch die Geschehnisse symbolisch ge¬
deutet werden 159 ). Oft sind es nur all¬
tägliche Dinge; aber Gott läßt den P.en
„die Dinge und ihre Bedeutung
sehen** 160 ). Auch von Auditionen ist
oft die Rede 161 ). Der Entzückte hört
das Brausen der Winde 162 ), Knattern
und Krachen 163 ), ungeheuer laute Töne 164 ),
Posaunen 165 ), das brausende Gewühl der
357
Prophet, Prophetie
358
Völker 166 ), Stimmen 167 ) in den Lüften,
Geschrei der Geister 168 ), Gesänge von
oben 169 ), Stimmen am Ohr 170 ); er hört
in Gottes Rat zu 171 ), dessen Engel unter¬
weisen ihn 172 ), ja zuletzt werden die
Offenbarungen oft nur noch Unter¬
weisungen 173 ), wobei, wie schon häufig
zu bemerken Gelegenheit war, die Bibel
Vorbild ist, der P. sie — unbeabsichtigt —
kopiert 174 ). Abweichend von andern ist
der Fall Georg Reicharts, des sächsischen
Schulmeisters um 1640, welchem der
Geist allezeit nach Empfahunge eines
schönen lieblichen Geschmacks im Munde
und gar herrlichen Geruchs in seiner
Nasen, erschien 175 ). Das Gefühl, daß
der Dämon, Gott ihn ergreife, tritt ein 176 ).
130 ) Greßmann Ält. Geschichte 38; Höl¬
scher Profeten 20 f. 131 ) Hölscher Pro¬
feten 13 ff.; Jes. 21, 1 ff., vgl. Gunkel bei
Schmidt XXI; Dan. 10, 11; Aeth. Henoch 14,
14; 60,3; Jer. 23, 9; Hiob 4, 14; Derwische:
Greßmann Ält. Geschichte 38; Poniatowska:
Wunderbuch 172; Rischmann: Kühnau Sagen
3, 525; Heidewetter: Wunderbuch. 132 ) Dan.
7, 28; 10, 8. 133 ) Jer. 23, 9; Gunkel bei
Schmidt XXI. 134 ) Ezech. 3, 2; Apoc. Jo¬
hannes 10, 10. 135 ) Dan. 10, 8. 136 ) IV. Esra
IO, 30. 137 ) Wunderbuch 172. 174. 138 ) II. Mak-
kab. 3, 27; Jes. 21, 3; Acta apost. 9, 8f.; 9, 18;
22, 13; Hölscher Profeten 14. 139 ) Hölscher
Profeten 14 f.; Bscherer: Arnold 3, 219.
M# ) Hauer 89; Ezech. 8, 3; 11, 24; 40, 1 f.; aber
doch nur das subjektive Empfinden derselben.
141 ) Engelbrecht Brief B 5 A; Perty 628!.
142 ) I. Reg. 18,46; vgl. Gunkel zu Schmidt
XXI; Hauer 89. I43 ) I. Sam. 19, 23; Höl¬
scher Profeten 29 f.; Kotter: Wunderbuch 19.
35 f. — Ich habe aus den Angaben Kotters
für einen bestimmten kurzen Zeitraum eine
Kartenskizze seines Umirrens gezeichnet, die
das besser als Worte zeigt. 144 ) Kemmerich
Prophezeiungen 246 f. 145 ) Ezech. 3, 14;
I. Reg. 18, 12; II. Reg. 2, 16; Hölscher Pro¬
feten 67!.; Alfr. Jeremias Alte Test, im Lichte
d. alt. Orients 605; Rischmann: Kühnau 3,
525. 530; Zeller Hirschbergische Merckwürdig -
keiten 1 (1720), 181. 14Ä ) I. Sam. 19, 24.
l47 ) I. Reg. 18, 28; Sach. 13, 6. 148 ) I. Sam. 10,
10; 19, iS ff.; Gunkel bei Schmidt XIX;
Greßmann Ält. Geschichte 40; Derwische:
Ebd. 38; Stoll Suggestion 33 f. 149 ) Lind-
blom 38 f. 68. 150 ) Hölscher Profeten 16 ff.
37 ff. 41 ff. 151 ) Ezech. 1; Dan. 10, 5 f. 15;
Aeth. Henoch 14; Hölscher Profeten 42 f.;
Hänel 65!.; Kotter: Wunderbuch 152; Müller:
Kemmerich Prophezeiungen 243; Poniatowska:
Ebd. 171; Anna Fleischer: Arnold 3, 208 ff.;
Georg Reichart Erster Theil Etzlicher sehr
nachdencklicher Visionen und Offenbahrungen
1640 AijA AiijR. Greulich: Arnold 3,
248 ff.; Engelbrecht Brief Ä2 R. A 4 A.
A5A; Lindblom 20 N. 3; Westman Birgitta-
Studier 82 f.; Wetterleuchten: Greulich: Ar¬
nold 3, 258. Blitz: Müller: Kemmerich
Prophezeiungen 242. 287. Gestirne: ebd.;
Kotter: Wunderbuch 6. 15. 18. 152 ) Bülau
Geheime Geschichten 1, 415 f. 153 ) Dan. 10,
2 ff.; 9, 3 ff.; Hölscher Profeten 27; Kotter
durchgängig; Westman Birgitta-Studier 83;
der „Prossener Mann“: Bülau Geh. Geschichten
7, 424. 425 ff.; (Der Prossener Mann sieht nicht
im Traum, sondern im Wachen, kennt auch
keinen Offenbarungsmittler); dieselben An¬
gaben: Kemmerich Prophezeiungen 211 f. 232.
154 ) Hölscher Profeten 37; Kotter: Wunder-
buch 3; Westman Birgitta-Studier 83 f.;
der „Prossener Mann“: Kemmerich Prophe¬
zeiungen 231 1.; Müller: ebd. 242. 244!. 287.
155 ) Kotter durchgängig. 15# ) Die Apokalyptiker;
Hölscher Profeten 72 f.; Schnitzer Savona¬
rola 1, 292 f.; Joh. Lindblom Die Literarische
Gattung d. proph. Literatur (Uppsala Universitets
Ärsskrift 1924), 21; Westman Birgitta-
Studier 84!.; Heyl Tirol 35 Nr. 40. 157 ) II. Reg.
5, 26; Ezech. 8; Hölscher Profeten 70 ff.
lbS ) Hauer 217 ff. Kotter; Westman Bir¬
gitta-Studier 84. Vgl. auch Hölscher Profeten
30 f. 45 ff. 159 ) Hölscher Profeten 45 ff.;
Hosea 1; Jes. 7, 14 ff. usw. 18 °) H. Duhm
Verkehr Gottes 98; vgl. Peuckert Carl Haupt¬
manns Sendung 1933. 181 ) Hölscher Profeten
38 f.; der „Prossener Mann“: Fr. Bülau Geh.
Geschichten u. rätselhafte Menschen 7 (1864),
436; Müller: Kemmerich Prophezeiungen
247. 182 ) Greulich: Arnold 3,258. 183 ) Ezech.
3, 12 f. 164 ) Hölscher Profeten 44. Dagegen
„Flüstern“: Johansen: Dessoir 148. 185 ) Jer.
4, 19; Kotter: Wunderbuch 43. 62. 188 ) Jes. 17,
12; 6, 3 f.; Ezech. 1, 24; 3, 12 f.; 10, 5. l87 ) Jes.
40, 3 ff.; Lindblom 20. 22; Westman Bir¬
gitta-Studier 81. 188 ) Kotter: Wunderbuch 40.
176!. I89 ) Kotter: Wunderbuch 120; Georg
Reichart Erster Theil Etzlicher sehr nach¬
dencklicher Visionen 1640 AiijA. 17 °) Bauer
Martin: Bülau Geh. Geschichten 11, 441;
Lorenz Clasen: H. Duhm Verkehr Gottes 96
nach Enno Nielsen Das große Geheimnis in
Neuzeit u. Gegenwart 266 f. 171 ) Jer. 23, 118.
22; I. Reg. 22, 19; Jes. 6; Gunkel bei Schmidt
XXIV; Hölscher Profeten 72; Pauly-
Wissowa 14, 1263. Heidewetter: Wunderbuch
Liiiij A (nach Apoc. Jo. 4). 172 ) Dan. 10, 7 ff.
Kotter, Kregel; Engelbrecht Brief A2 R;
Schnitzer Savonarola-A uswahl 30; ders. Savon¬
arola 1,537!.; Lindblom 22; Westman Bir¬
gitta-Studier 9. Nachw. 185. 173 } Kotter;
Westman Birgitta-Studier 81; Georg Reichart
Erster Theil Etzlicher sehr nachdencklicher Visionen
Hall 1640. 174 ) Schnitzer Savonarola-Auswahl
32 f. IV; Kemmerich Prophezeiungen 216
über den „Prossener Mann“. 175 ) Reichart Vi¬
sionen Aij A. 176 ) Hölscher Profeten 22 fl. 31;
Dürr 8; Jer. 20, 7; Hertzberg. 44; Lind¬
blom 41 f. 43f.; Wundt Mythus u. Religion
359
Prophet, Prophetie
360
2 (1906), 96. Die Initiative für das „Wissen”
des P.en geht, so empfindet er es, gänzlich von
der Gottheit aus, er will nicht in deren Wissen
eindringen; Hertzberg 28 f. 29 p 46 f.
6. Der p.ische Geist. Der P. ist
von einem überirdischen Wesen „be¬
sessen“ 177 ), vielleicht von einem Toten¬
geiste 178 ), von Dämonen 179 ), Teufeln
oder Lügengeistern, die Gott zuläßt 180 ),
zumeist natürlich von Gott 181 ); er ist
von Gottes Geist 182 ) voll, wie ja seine
Seele in Gottes Gemeinschaft weilt (s. o.).
Nach griechischem Glauben enthalten
die Elemente göttliche Kraft und ema¬
nieren sie auf den Mantiker 183 ). Die
Heidewetter sprach erst aus sich selbst,
dann sprach Jesus aus ihr; eine französi¬
sche Bäuerin sprach 1913, als ob sie die
Jeanne d\Arc sei 184 ). Dem französischen
Bauer Martin (um 1830) erschien der
Engel Raphael, der ihn aussandte und
ihm die zu verkündenden Worte eingab 185 ),
dem Joh. Adam Müller „der Geist
Gottes“ I86 ), der Anna Fleischer ein
„Glanz“ in Gestalt eines Kindes 187 ),
häufig „ein Engel“ 188 ). j
177 ) Hauer 375 ff.; H. Duhm Verkehr Gottes
mit den Menschen 21. 178 ) Pauly-Wissowa 14,
1260. 1272; I. Sam. 28. Dazu Wundt über den j
Seelenvogel: Mythus u. Religion 2 (1906), 73;
Beth Religionsgesch. 61. 179 ) Hölscher Pro¬
feten 85 f.; Beth Religionsgesch. 58;Tholucki.
J8 °) I. Sam. 18, 10 (der böse Geist); I. Reg. 22,
20 ff. Die Anna Fleischer: Arnold 3, 208 f.
(Lügengeist); Meie he Sagen 452 f. Daneben
gibt es „falsche” P.en. 181 ) Micha 3, 5; Pauly-
Wissowa 14, 1260. 1259. 1262 f.; Hölscher
Profeten 24. 25 f.; Beth Religionsgesch. 58;
Hauer 4i6ff.; Dessoir 5; Tholuck 44ff.;
Lindblom 19. 25. 182 ) Hölscher Profeten
24 f.; Fascher 151. 141 f.; Beth Religions- j
gesch. 58. 183 ) Pauly-Wissowa 14, 1265 t. I
184 ) Richet 511. 185 ) Fr. Bülau Geh. Geschichten
u. rätselhafte Menschen 11 (1864), 401. 417. 18 ®)
Kemmerich Prophezeiungen 287. 242. 243. 275.
281.288. X87 ) Arnold 3, 209. 188 ) Martin Drö-
scher in Goglau (Schweidnitz): Arnold 3, 211;
Bscherer: ebd. 3, 219; Brigel: ebd. 3, 225; Sophie
Lotter: ebd. 3, 225; Hans Engelbrecht Brief,
Warhafftige Geschieht u. Bericht 1640 an vielen
Orten; Georg Reichart Erster Theil Etzlicher
sehr nachdencklicher Visionen 1640 AiijR.
7. Die Formen der P.ie. Der
Theologe scheidet im alten Testament ein
Wort- und Schriftpropheten tum, eine
Scheidung, die auch hier Wert hat. Wir
kennen P.ien, die nur zu den Umstehenden
gesprochen (Rischmann), und andere, die
vom P.en aufgezeichnet wurden (Kotter).
Hieraus erklären sich Verschiedenarten
des Stiles. Ein schreibender P. kann in
Bilderreihen, Symbolen schwelgen; der
Wort-P. gebraucht die kurze Rede, wenn
auch Vermischungen (etwa bei Risch¬
mann) erscheinen. Man könnte auch
sagen; der Wort-P. sagt, was er eben
sieht; der Schrift-P. teilt mit, woran er
sich noch zu erinnern weiß. Dabei wird
seine Rede sinnvoller, logischer, aber auch
leerer, symbolistisch 189 ); der wahre P.
ist der Wort-P. Als charakteristisch für
den Ekstatiker gilt, daß er, dem
Zungenredner ähnlich, verkündet; Aus¬
rufe 190 ), laute Schreie 191 ) werden häu¬
fig erwähnt. Aber die ekstatische Glos-
solalie steht doch unterhalb der
Grenze des Prophetentums; keine halb¬
verständlichen Laute begegnen, son¬
dern die klare Aussage 192 ). Höchstens
spricht der P. in metrischen Formen 193 )„
singt 194 ); meist aber berichten die P.en
ihre Gesichte 195 ), reden und lehren mit
gewaltig erhobener Stimme 196 ).
Das, was wir kennen, sind aber nicht
Äußerungen der Wort-P.en; wir müssen
ihre Tätigkeit erst mühsam rekonstru¬
ieren. Die Stilform der Schrift-P.ie, die
einige Aufschlüsse über ihr Wesen geben
könnte, bedarf noch eingehender Unter¬
suchungen. Bisher liegt lediglich ein
Aufsatz von Lindblom vor, der sie der
Revelationsliteratur zuordnet, was zwei¬
fellos zu Recht geschieht, aber ihr Eigent¬
liches zu wenig deutlich macht, denn
jede Offenbarung, Revelation faßt Gegen¬
wärtiges, Zukünftiges, Erzählung usw.
in sich, während uns hier nur die „P.ie“
an sich angeht 197 ). Eine gute Beobach¬
tung machte Duhm 198 ); die apokalyp¬
tischen, barock überladenen Gesichte
späterer P.en des AT. erklärt er als
entstanden dadurch, daß sie durch die
Bibel, jetzt festgelegt, eingeengt waren,
und daß die P.en nun stärkere Mittel
anwenden, sich als Inspirierte zu legi¬
timieren. Der Gedanke ist auch für
unsere pr.ische Literatur und ihr Ver¬
ständnis nutzbar zu machen.
189 ) Vgl. Wundt Mythus u. Religion 2 (1906),
100 f. 19 °) Ezech. 2i, 31 f.; Gunkel bei Schmidt
361
Prophet, Prophetie
362
XXII; Hölscher Profeten 31 ff. 33 ff.; Oester¬
reich 49 ff.; unartikulierte Laute bei Risch-
mann: Kühn au Sagen 3, 527. 191 ) I. Reg.
18, 28; Rischmann: Kühnau Sagen 3, 525. 526;
Poniatowska redet zuweilen überlaut: Come-
nius 6. x9 ' 2 ) H. W. Hertzberg Prophet u. j
Gott 1923, 51 f. 193 ) Gunkel bei Schmidt
XXII; Ztschr. f. wissenschaftl. Okkultismus
I (1926), 304. l94 ) Jes. 5, 1; I. Chron. 25,1 ff.;
Greulich: Arnold 3, 255; Rischmann: Küh- ;
nau Sagen 3, 527. X95 ) Lindblom 54 ff.
1W ) Jes. 1, 2; Micha 6, 1; Gunkel bei Schmidt
XXII; Rischmann: Kühnau Sagen 3, 525 ff.
187 ) Joh. Lindblom Die literarische Gattung d.
Prophet. Literatur (Uppsala Universitets Ärs-
skrift) 1924. 198 ) H. Duhm Verkehr Gottes 151.
8 . Inhalt der P.ie: Reden und Schrif¬
ten unserer P.en ähneln denjenigen des
AT.s. Auch bei uns eifern P.en gegen
die Zustände der jeweils augenblick¬
lichen Zeit, die sie in religiöser 199 )
wie sittlicher 200 ) und sozialer Bezie¬
hung 201 ) tadelnswert finden. Ihre „poli¬
tischen“ Auslassungen sind oft vom
Sozialen und Ethischen ihres persön¬
lichen Erlebniskreises her bestimmt.
Schon darin verrät sich ein primitiver
Denkschluß. Da eine Besserung, auch
auf die prophetische Warnung hin, meist
nicht zu erwarten ist, droht der P. an
und weissagt die Strafgerichte Gottes.
Es ist bezeichnend, daß er diese nicht
als die etwaige Konsequenz sittlicher
oder sozialer Verwilderung kommen sieht, j
sondern als eine Willenshandlung des
wegen der Sünde erzürnten Gottes, daß
also — abgesehen vom Religiösen —
wieder eine verhältnismäßig primitive
Gedankenwelt auf scheint. Es ist dabei
zu beachten, daß solche Gedankenbil¬
dungen durch die besondere Stellung des
P.en als „Mund Gottes“ eine weitgehende
Unterstützung finden. Die Drohungen
beschränken sich meist auf die Vorher¬
sage der bekannten eschatologischen Er¬
eignisse: Not, Hunger, Seuchen, Krieg,
„das Ende“ 202 ). Dabei sind diese Vor¬
hersagen, auch wenn sie allgemeinerer
Natur sein wollen (Einfall der Fremd¬
völker), meist lokal gefärbt (Untergang
Hirschbergs: so Rischmann). Gewiß
gibt es daneben P.ien rein eschatologischer
Art, aber die sind verhältnismäßig selten.
Selten ist auch die Voraussage einer
späteren Heiiszeit 203 ). Dagegen finden
sich Ratschläge, wie „man dem zukünf¬
tigen Zorn entrinne“, auch diese meist
recht naiv (Flucht auf nächste Berge
usw.: Spielbähn), zuweilen allgemeiner ge¬
halten (Erwarten der letzten Zeiten in
Palästina: so H. Schul). Häufig, das
ist noch zu bemerken, geben die P.ien
sich im biblischen Stil 204 ), wie schon in
biblischen Zeiten gewisse Visionen als
stereotyp bezeichnet werden können 205 ).
Man kann hieraus —* wie schon vorhin —
entnehmen, daß die Bibel durchaus be¬
stimmend, formend wirkt.
199 ) (Mohamedanische) Strafrede an Istam-
bul: Tholuck 18 f.; Bauer Martin: Bülau
Geh. Geschichten 397. 409; Müller: Kemmerich
Prophezeiungen 244. 260. 272; Bscherer: Arnold
3, 219. 2dd ) Hänel 202 ff.; Bauer Martin:
Bülau Geh. Geschichten 11, 397. 409. 2 ° l ) Vgl.
Nachw. 199; Kotters Reden; Amos usw.
202 ) Wundt Mythus u. Religion 3, 467 ff.;
Tholuck 78 ff. 203 ) Schnitzer Savonarola-
Auswahl 36. 39; Schnitzer Savonarola 1, 298 f.
204 ) Vgi Kotter; Heinrich Fitzner 4, 57.
205 ) Hölscher Profeten 44 f.
9. Der P. als Magier. Der P. ist nicht
nur der Beauftragte, der Sprecher Gottes;
er ist von diesem auch mit übermensch¬
lichen Fähigkeiten begabt. Die sind ja
schon dazu nötig, um seine Worte als
göttlich zu verifizieren 206 ), wie um ihm
die Möglichkeit des Einflusses auf Gott
zu verschaffen 207 ). Dann weiß er alles 208 ),
sieht in die Ferne wie ins Innere der
Menschen 209 ), ja kann die Zukunft zwin¬
gen 210 ). Er verflucht, d. h. treibt Bos¬
heitszauber durch Wunsch und Wort 211 ),
heilt (durch Suggestion ?) Kranke 212 ),
ja gebietet über Tod und Leben 213 ).
Ihren ekstatischen Geist vermögen P.en
andern mitzuteilen 214 ). Wie weit in
diese Dinge Suggestion und Hypnose
spielt, — was ja bei allen P.en als psy¬
chisch abnormen Personen nahe liegt, —
ist hier nicht zu erörtern 215 ).
Viele Zaubergeschichten gehen von
den alten P.en. Schlägt Elia mit seinem
Mantel das Wasser, so teilt es sich 216 );
wirft er ihn auf einen, so muß der ihm
folgen 217 ). Elisa zaubert dem König
Sieg 218 ), ein Jeremia versenkt eine Fluch¬
rolle in den Strom 219 ), ähnlich wie Zau¬
berer noch heut Zaubermittel ins fließende
Wasser versenken, um eine Aufhebung
363
Prophet, Prophetie
364
des Zaubers zu verhindern. P.innen,
von denen Ezechiel redet, vermögen mit
Zauberbinden Seelen zu fangen 220 ). Savo-
narola soll nach den Behauptungen seiner
Gegner Zauberei und Nekromantie ge¬
trieben haben 221 ). Birgitta trieb Dä¬
monen aus 222 ). Der Bauer Martin er¬
schien nach seinem Tode, um den an
ihm geschehenen Mord zu offenbaren 223 );
Müllers Anwesenheit sicherte das Schiff,
in dem er fuhr 224 ); Engelbrecht aß und
trank über 14 Tage nicht, ohne daß sein
Fleisch verfiel 225 ).
2ce ) Deuteron. 18, 22; Schnitzer Savonarola
Auswahl 42; Schnitzer Savonarola 1, 507;
Wundt Mythus u. Religion 2 (1906), 107t.;
Hauer 65 f. 207 ) W. H. Hertzberg Prophet
u. Gott 1923, 13. 208 ) I. Sam. 9, 19; II. Reg.
6, 12. 209 ) I. Sam. 9, 19; I. Kor. 14, 24; Höl¬
scher Profeten 70 ft. 21 °) Jes. 55, iof.; Gun¬
kel bei Schmidt XXVI. 21 *) Jer. 51, 59«.;
vgl. Tholuck 16 f. 212) II. Reg. 5. ioff.;
20,7; 4, 34 ff-; I. Reg. 17, 21 f.; Hölscher
Profeten 68 f.; Westman Birgitta-Studier 96.
97 ff- 213 ) II. Reg. 1; Jer. 28, 16; I. Reg. 17, 21 ff.
214 ) Peuckert Leben J. Böhmes 1924, 63 f.
216 ) Hölscher Profeten 66 ff. 2 *«) II. Reg. 2. 8.
Siehe auch H. Duhm Verkehr Gottes 68 ff. 95:
,,Ihre (der älteren P.en) Lebensluft ist das Wun¬
der“. 2 i 7 ) I. Reg. 19, 19 ff. 2 i8) II. Reg. i 3>
14 ff. 21# ) Jer. 51, 59 ff. 22 °) Ezech. i 3 , 17 ff.
221 ) Schnitzer Savonarola 1, 519 f. 539.
22Z ) Westman Birgitta-Studier 96 f. 223) p r
Bülau Geh. Geschichten n, 470. 224) Max Kem¬
merich Prophezeiungen (1911), 2550. 225 ) Hans
Engelbrecht Warhafftige Geschieht u . Gesicht
1640 D 3 A.
10. Überzeugung vom P.entum.
Der P. selbst ist von seinem Beruf über¬
zeugt. Man spricht von seinem Sendungs¬
bewußtsein 226 ); er weiß, daß Gott aus
ihm spricht, daß er der Dolmetsch Gottes
ist 227 ), daß Gott ohne sein Wissen nichts
tut 228 ). Ja Gott zwingt ihn zu seinem
Amt 229 ). Die Vetterin nennt sich das
Licht der Stadt 23 °), die Poniatowska
weiß sich die Braut Jesu 231 ); Georg
Reichart ist seit vielen Jahren von Gott
erwählt zu seinem Amt 232 ). Die alten
Propheten — Kotter, der Prossener Mann
wie Müller und viele andere — werden
beauftragt, mit ihrem Wissen zum König
zu gehen, und gehen ohne Weigern 233 ).
Aber auch der Hörer ist davon über-
zeugt, daß ein göttlicher Geist aus dem
P,en spricht 234 ). Man holte ehemals
nicht nur Orakel bei ihm ein 235 ), sondern
befragt ihn auch sonst um Rat 236 ).
Es bilden sich — vor allem in unsern
Zeiten — Gemeinden oder Kreise von
Gläubigen um ihn 237 ) und seine P.ien
wie Schriften werden noch lange kolpor¬
tiert, so heut in Schlesien noch die Risch¬
manns, im Rheinland die Spielbähns und
anderer. Man weiß, daß des P.en Worte
von Gott und außergewöhnlich sind, und
hält sie vor den Welt klugen, vor Pfarrern
und „Gebildeten", geheim. Immer in
Notzeiten erinnert man sich ihrer, sucht
man sie wieder hervor, prüft nach, was
etwa schon erfüllt und was noch kommen
soll; die eschatologische Spannung trägt
sie empor.
Aber das gilt nur von den „Laien";
die Geistlichkeit ist stets in Babel er¬
soffen und trunken von der Hure; sie
sperrt sich gegen den P.en, verfolgt ihn
mehr oder weniger schroff und schilt seine
Worte erlogen, ihn selbst verblendet.
So war es schon im alten Jsrael, so auch
im Laufe der Jahrhunderte bei uns 238 ).
226 ) I. Reg. 18, 17L; 21, 19 f.; I. Sam. 15,
14 ff.; Ztschr. f. syst. Theol. 5, 176 ff.; vgl. G. Ch.
Aalders De Profeten des ouden Verbonds 1918,
26, vor allem aber Lindbloms Ausführungen;
Hänel Erkennen Gottes 190 ff.; Bauer Martin:
Bülau Geh. Geschichten 11, 433. 227 ) Aalders
6. 20; Gunkel bei Schmidt XXXI. XXVI;
I. Reg. 22, 14; IV. Mose 22, 18; 23, 12;
24,13; Lindblom '97 ff.; Westmann 108 f.
129 ff. Der „Prossener Mann“: Kemmerich
Prophezeiungen 233 f. 228 ) Amos 3, 7. 229 ) Kot¬
ter: Wunderbuch 3; Müller: Kemmerich
Prophezeiungen 246; Georg Reichart Erster
Theil Etzlicker sehr nachdencklicher Visionen
1640 BiijA. 230 ) Arnold III, 282. 23 *) Beinah
iü jeder Revelatio. 232 ) Erster Theil Etzlicher
sehr nachdencklicher Visionen Vnd Offenbah¬
rungen , Welche mir Georgio Reicharten . . .
sind eröffnet worden. Hall 1640, Visio II.
233 ) Prossener Mann: Kemmerich Prophe¬
zeiungen 213. 217; Müller: ebd. 247!. 243.
234 ) Gunkel bei Schmidt XXV. 235 ) Gunkel
bei Schmidt XXVI. 236 ) Vgl. Samuel, Elias
usw. 237 ) So um die Schul. 238 ) Peuckert
Leben J. Böhmes 1924; Müller: Kemmerich
Prophezeiungen 269 f.; H(einrich) F(itzner)
Dreyfaches Gespräch zwischen einem flüchtigen
Pater aus Rom . . . 1744. 4, 45 ff. 62 ff.; Hans
Engelbrecht Eine Warhafftige Geschieht und
Gesicht vom Himmel u. d. Hellen 1640 DA.
11. Der Wahrheitsgehalt der P.ie.
Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt der
P.ie ist für die Volkskunde verhältnismäßig
365
Prophetenkuchen—Psychoanalyse
366
gleichgiltig. Im allgemeinen wird er, d. h.
die Möglichkeit des Blickes in die Zukunft
abgelehnt, — so wie das in Bezug auf die
der biblischen P.en Hölscher tut 239 ), — j
obwohl hier 24 °) manchem Möglichkeiten
gegeben scheinen. Richet erklärt: Si nous
connaissions la totalite des choses pre¬
sentes, nous connaitrions du meme coup
la totalite des choses ä venir, sieht also
die Zukunft kausal vom Heute be- !
dingt 241 ). Aber hier handelt es sich viel J
mehr um die Tatsache, daß weite
Kreise — unter den „Gebildeten" be¬
sonders Gläubige 242 ) und Okkultisten 243 )
—, vor allem auch weitere Schichten des
Volkes an dem Satze, P.en vermöchten
die Zukunft vorauszusehen, halten. „Das
hat schon Rischmann gesagt", „das hat
der alte Schäfer Thomas schon gesagt"
und ähnliche Äußerungen kann man
häufig hören 244 ). Dabei gesteht man,
nicht nur in „gebildeten" Kreisen, son¬
dern ganz allgemein, daß P.ien dunkel
seien, daß man oft erst nach der Erfüllung
ihren Sinn verstehe; kritisch gefaßt:
sie werden in weitem Maße den Ereig¬
nissen angepaßt 245 ).
239 ) Hölscher Profeten 74 ff. 24 °) Nach
Ztschr. f. Parapsychologie 2 (1927), 100.
241 ) Charles Richet Traite de Mttapsychique
3923, 452; s. auch seinen Hinweis auf Laplace
ebd. 242 ) Hier handelt es sich zumeist darum,
daß die biblischen, besonders die messianischen,
Weissagungen für eingetroffen gehalten werden.
S. auch Tholuck 78 ff. 134 ff. 146 ff.; Deuteron.
18, 22; Schnitzer Savonarola 1, 192. 243 ) Vgl.
Max Kemmerich Prophezeiungen (1911).
24< ) Vgl. etwa Peuckert Schles. Volkskd. 1928, ;
171 f.; Tholuck 76 ff. 105 ff.; H. Duhm Ver-
kehr Gottes 108 f. uof. 151 f. Schon bei den
Primitiven: Hauer 280 ff. 245 ) Richet 484;
Perty 623. 624 f. 634 f.; Ztschr. f. wissenschaftl.
Okkultismus 1 (1926), 377 ff.; 2 (1927), 156;
Johansen: Max Dessoir Vom Jenseits d. Seele
1931, 150; vgl. ferner die Artikel „Lehnin“, j
„Nostradamus“, „Weltkriegsprophetie“ usw.
So Tod Friedrichs sub flore: Histor. Jahrb. 49
(1929), 49 N. 33.
12. Man wird zum Schluß zusammen¬
fassend sagen dürfen, daß für das Volk
P.en außergewöhnliche, der breiten
Masse entwachsene Menschen sind, —
man kennt sie charakteristischer Weise
stets bei Namen, — und daß aus ihnen
eine göttliche Stimme spricht, die, meist
in scheinbar klarer Rede, und doch ver¬
schleiert, den Schleier von der Zukunft
hebt. Eine Erscheinung, die schon in
frühen Zeiten möglich ist, hat bis in die
heutigen Geltung bewahrt.
Peuckert.
Prophetenkuchen. Um 1679 in Sach¬
sen. Eine im Geschmack ausdrucks¬
lose Erinnerung an die jüdischen Matzen;
dünne, breite, hart knusprige, ungesäuerte
Fladen aus Mehl, Ei und Zucker.
Höfler Ostergcbäcke 40. Peuckert.
Prostituierte s. Hure.
Prozeß s. Gericht.
Prozession s. Nachtrag.
prügeln s. schlagen.
Psalm s. Nachtrag.
Psychoanalyse (PsA.).
1. Die auf Sigmund Freud zurück¬
gehende, vor allem durch C. G. Jung
weitergebildete PsA. hat zum Gegen¬
stand ihres Forschens und Beschreibens
ursprünglich nur den neurotisch er¬
krankten Menschen, besonders den mit
hysterischen Phänomenen, sie überträgt
jedoch viele der Züge des Krankheits¬
bildes verallgemeinernd auf den gesunden
Menschen. Indessen sind auch abge¬
sehen von solchen nicht immer unbedenk¬
lichen Verallgemeinerungen seitens der
mit psychoanalytischen (psa.sehen) Er¬
kenntnissen arbeitenden Psychopatho¬
logie wichtige Entdeckungen gemacht
worden, die ins Seelenleben des nor¬
malen Menschen hineinleuchten. So ist
die psa.sehe Methode schon lange auf
den normalen Menschen angewandt zum
Zweck der Feststellung psychischer Ver¬
haltungsweisen und ihrer Verkettung mit
anderen individuellen Phänomenen. Daher
läßt sich PsA. als die erstmalig von
Freud 1893 durch seine ersten Studien
über „den psychischen Mechanismus
hysterischer Phänomene" begründete, an
geistig Abnormen wie Normalen aus¬
geübte wissenschaftliche Methode be¬
zeichnen, welche durch Sammlung, ex¬
perimentelle Herbeiführung und Deutung
assoziierter Einfälle unter Vermeidung
der gewaltsamen Suggestion und Hypnose
die unter der Bewußtseinsschwelle be-
1 findlichen Triebkräfte und Seeleninhalte
Psychoanalyse
Psychoanalyse
zunächst eingehend zu erforschen und
danach zu beeinflussen strebt (Wiener
Schule). Ihr Hauptaugenmerk richtet
sich auf die Erschließung des „Unbe¬
wußten“ im Sinne des unter die Bewußt¬
seinsschwelle herabgedrängten seelischen
Erfahrungsinhalts und seiner Trieb¬
komponenten 1 ).
Eine der wichtigsten ersten Fest¬
stellungen war die, daß manchmal ein
stark affektbetonter seelischer Vorgang
gleichsam „eingeklemmt“, d. h. an der
normalen Abreaktion verhindert und da¬
durch auf die Suche nach einem Ausweg
aus seiner behinderten Lage gedrängt
wird. Diese abnormale Beeinträchtigung
des Triebablaufs wird Trauma, Ver¬
wundung, genannt. Solche verdrängten
Komplexe sind aber mit der Verdrängung
selber nicht erledigt. Sie streben viel¬
mehr wieder ins Bewußtsein hinauf, er¬
fahren dabei jedoch den Widerstand des
Ich, das die unentstellte Bewußtwerdung
der aus bestimmten, weiter zu respektie-
rendenGründen unter dasBewußtsein hinab¬
geschalteten Komplexe nicht dulden will;
und dieser Widerstand erzeugt durch die
Verletzung von deren Geltungswert patho¬
gene Zustände und Vorstellungen. Neue
Versuche, sich durchzusetzen, stoßen auf
den nämlichen Widerstand, vermögen
aber den Trieb nicht überhaupt abzu¬
töten, sondern zwingen ihn, sich aus dem
Unbewußten allein zur Geltung zu brin¬
gen. Seine latent gemachte Energie
sucht immer wieder vorzubrechen und
erscheint gelegentlich in verkleideter
Form (in Fehlleistungen oder sog. komi¬
schen Situationen, die der Mensch sich
‘selber’ schafft). Wenn die Maskierung
sehr vollkommen wird, so tritt eine merk¬
liche Konvertierung des Triebes ein, der
anstelle seines ihm eigenen Ergebnisses
eine eigenartige Idealleistung, etwa eine
hohe Kulturleistung hervorbringt; in die¬
sem Falle spricht man von einer Subli¬
mierung des Triebes, die eine Umsetzung
des Triebzieles in ein heterogenes Gebiet
bedeutet.
*) Die grundlegende Lit. zur PsA.: außer
Sigmund Freud Vorlesungen zur Einführung in
die PsA., und: Neue Folge der Vorlesungen zur
Einführung in die PsA.; dess. Totem und Tabu;
Theodor Reik Probleme der Religionspsycho¬
logie 1919 (2. Aufl. u. d. Titel; Das Ritual 1928);
Dogma und Zwangsidee 1927. Otto Rank
Psychoanalytische Beiträge zur Mythenforschung
1919; ders. Seelenglaube und Psychologie
1930; Leo Kaplan Die göttliche Allmacht
1926; ders. Das Problem der Magie 1927:
Oskar Pfister Die Liebe des Kindes u. ihre
Entwicklungen 1922; ders. Der psychologische
u. biologische Untergrund des Expressionismus
1920; ders. Die Liebe vor der Ehe 1925; ders.
PsA. und Weltanschauung 1928; C. G. Jung
Psychologische Typen 4 1929; ders. Das Unbe¬
wußte im normalen und kranken Seelenleben :t
1929; ders. Über die Energetik der Seele 192S;
Ernest Jones Zur PsA. der christlichen Re¬
ligion 1928; Har. Schu 1tz-Hencke Einfüh¬
rung in die PsA. 1927; Carl Clemen Die An¬
wendung der PsA. auf Mythologie und Relig-
gesch. (Arch. f. d. ges. Psychologie 1928).
2. Was hiermit für das Verständnis des
Menschen und seiner Vorstellungsbil¬
dungen und Handlungen geleistet ist,
das wird durch einen Vergleich mit der
vor auf gegangenen Periode deutlich. Die
Zeit vor der PsA. war dadurch charakte¬
risiert, daß man das Wirken geistiger
und rationaler Kräfte als solcher im
Menschen für ausgeschlossen hielt. Man
kannte z. B. keinen Zugang für direkte
geistige Beeinflussung in einem Indivi¬
duum und war erst recht zaghaft gegen¬
über dem Gedanken an eine seelische
\ Beeinflussung von Individuum auf Indi¬
viduum. Die Behauptung, daß Angst
oder Furcht imstande seien, körperliche
Zustände von tiefergehender Tragweite
auszulösen, hatte bis dahin nur mit¬
leidiges Lächeln erweckt. Die Zellular¬
biologie und -pathologie jener vor-psa.-
schen Zeit schätzte Geist wie Leib als
physisch-materielle Zellhaufen in dem
Grade, daß es schon eine gewisse Schwie¬
rigkeit war, zuzugeben, daß der Ver¬
stand oder etwa der Wille den Organismus
wirklich beherrsche und bestimme. Auf
solchem Standpunkt war aber auch der
Zugang zum Verständnis des Aberglau¬
bens ziemlich verschlossen, wie ja denn
auch zumeist in der zünftigen Wissen¬
schaft das Wort Aberglaube mit dem
Prädikat der Sinnlosigkeit bedacht, volks¬
tümlicher Brauch und zugehörige Vor¬
stellung für Geistesschwachheit und
Wahnsinn erklärt wurde. Es ist ein
wirkliches Verdienst der psa.sehen Ar¬
beitsweise am Unterbewußten, daß man
darauf achten lernte, daß seelische Triebe
und Kräfte im Zustande ihrer Zurück¬
gezogenheit aus der unmittelbaren Tages¬
bewußtheit und -betätigung besondere
Ergebnisse zeitigen können. Wir ver¬
stehen daraufhin viel Abergläubisches
als Ausfluß solcher Wirksamkeit des aus
der Aktivitätsrolle verdrängten Seeli¬
schen, das aus dem Unterbewußtsein
heraus zu neuen Formen hervordrängt.
Man denke nur an die Konvertierung der
früheren Göttergestalten und Dämonen
in die mannigfachsten Figuren hinüber.
Man denke an die Prozesse der Um¬
gestaltung alter Opferbräuche bei völligem
Verschwinden der Opferhandlungen als
solcher aus unserer Lebenssphäre (s.
Füttern der Elemente). Die PsA. und
die durch sie angeregte Psychologie des
Unbewußten weiß von einer Welt, in der
Kräfte seelischer, jedoch unpersönlicher
Art wirken, welche die Grenzen gewöhn¬
lichen menschlichen Seelenlebens bis¬
weilen überschreiten, durchdringen, über¬
spielen und überspringen. So steht die
psa.sehe Anthropologie der Welt des
Aberglaubens viel näher als die voran¬
gegangene Psychologie und wird für das
Verständnis mancher Phänomene mit
Erfolg herangezogen. Denn diese Metho¬
de macht mit dem starren Rationalismus,
der alles aus vernünftigen Gründen er¬
klären will, ebenso wie mit dem Materia¬
lismus, der die Psyche nur nach kaltem
Schematismus arbeiten läßt, ein Ende.
Das muß anerkennend gesagt werden,
obgleich andererseits die PsA. ganze
Gebiete des eigentlichen Seelischen noch
unbeachtet und unverstanden liegen läßt,
namentlich für die eigentlichen religiösen
Erscheinungen des Seelischen keinen Blick
gezeigt hat. Die PsA. hat deutlich zu
machen verstanden, daß außer Vernunft
und Leib ein seelisches Gebiet vorhanden
und führend tätig ist, welches, uns selber
eigentlich unbekannt seiend und bleibend,
minimale Reize registriert, fühlt, apper-
zipiert, darauf reagiert; ein Gebiet aber,
welches gleichzeitig auch mit den Neben¬
menschen in eine enge Verbindung treten
kann. Und dies Unbewußte, das, sofern
wir jetzt in der ursprünglichen ps.a.schen
Definition bleiben, jenes Unterbewußte
ist, das sich in der Hauptsache aus ver¬
drängtem Bewußten zusammensetzt und
zu welchem das Unbewußte im Sinne des
gar nicht mit dem Bewußtsein in Be¬
rührung Stehenden nur ganz nebenbei
mitbefaßt wird, ist durch die PsA. als
eine starke geistige Macht nachgewiesen
worden, welche die Gehalte der ver¬
drängten Masse wieder und wieder in die
Lebensbewußtheit emporschleudert 2 ).
Kein Wunder also, wenn es sich auch in
der Form der verdrängten Inhalte von
Gattung und Volksbewußtsein, der in
Glaubensrevolutionen und gewaltsamen
Glaubensänderungen verdrängten Glau¬
bensgüter wieder und wieder zur Geltung
bringt und wenn dabei jene alten Glau¬
bensvorstellungen in mangelhaft er¬
innerter Gestalt auf scheinen, die dazu
dienen soll, untergegangene Handlungs¬
weisen und Vorstellungsformen wach zu
erhalten — was wir dann Aberglauben
zu nennen pflegen. Besonders fruchtbar
können für die Erhellung mancher aber¬
gläubischer Vorstellungen die Bemühun¬
gen Jung’s (schweizerische Schule der
PsA.) werden, archaische Momente des
unpersönlichen kollektiven Unbewußten
hie und da hervortauchen zu sehen
(vgl. Nr. 4).
2 ) Maag PsA. u. seelische Wirklichkeit
(1930) 11 ff.
3. Hiernach ist verständlich, daß die
PsA. selber sich berufen fühlt, religiöse
Ideen zu verstehen und zu beurteilen
und daß ihr von vielen diese Fähig¬
keit zuerkannt wird. Seit ihren Anfängen
greift sie in die Deutung von Glaubens¬
vorstellungen von religiösen Menschen
und volkstümlichen Anschauungsweisen
ein und macht dabei den Versuch, die
nicht an sich aufgeschlossenen, vielmehr
oft zunächst sinnlos erscheinenden Ge¬
dankenkomplexe aufzuschließen. Dabei
ist sie allerdings auf den harten Wider¬
stand der überwiegenden Gruppe von
Spezialforschern auf den betreffenden
Gebieten gestoßen. Schon der Umstand,
daß das psa.sehe Material zuerst an
*
T
a
271 Psychoanalyse 272
Kranken gewonnen wurde, gab einer ge- tiven diese hiernach also normal ab¬
wissen Voreingenommenheit Raum, da laufenden sexualen Triebe infolge der
der Gesunde in medizinischer Beleuch- Kleinheit primitiver Volksstämme be-
tung von dem Kranken, zumal dem merkbar und werden sie infolge der ge-
psychisch Kranken, durch eine breite ringen Anzahl ihrer Sippen bisweilen
Kluft getrennt erscheint. Dem gegen- gestaut, so treten sie bei den Menschen
über kann die PsA. darauf hinweisen, der höheren Zivilisationsstufen infolge
daß, was inzwischen fachmännisch all- der mit sogenannter Kultur eingetretenen
gemein erkannt worden ist, keine scharfe moralischen Gesetzgebung besonders
Grenzlinie zwischen Gesunden und Kran- scharf in einem Zustande der Verdrängt-
ken zu ziehen ist und daß die Psychologie heit hervor. Sonach gelten für die PsA.
des normalen und des abnormalen Men- folgende durch wissenschaftlich nicht ge¬
sehen in einander überlaufen, wie sie rechtfertigte Verallgemeinerung ent-
einander zu ergänzen haben. Ist sonach standene Leitsätze: „Jedesmal werden
dieser Widerstand gegen psa.sche Deu- wir durch die Analyse in die sexuellen
tungen in gewissem Ausmaße selbst Erlebnisse und Wünsche des Kranken
korrekturbedürftig, so war und ist der eingeführt werden, und jedesmal müssen
Grundzug der psa.sehen Deutung der wir fest stellen, daß ihre Symptome der
in die Untersuchung gezogenen psychi- gleichen Absicht dienen. Als diese Ab¬
sehen Phänomene nachhaltiger ange- sicht gibt sich uns die Befriedigung sexueller
griffen. Hier handelt es sich darum, daß Wünsche zu erkennen; die Symptome
Freud und seine Mitarbeiter sich bei den dienen der Sexualbefriedigung der Kran¬
krankhaften seelischen Erscheinungen, ken, sie sind ein Ersatz für solche Be-
von denen sie ihren Ausgang nahmen, friedigung, die sie im Leben entbehren“,
stets auf ein besonders in der Sphäre des „Die Symptome beabsichtigen entweder
Sexualtriebes aufgefundenes Trauma eine sexuelle Befriedigung oder eine Ab-
hingewiesen sahen und deshalb jede wehr derselben; sie sind Kompromiß-
neurotische Anomalie auf fehlerhaft ver- ergebnisse, aus der Interferenz zweier
drängte Sexualität zurückführten. Hierauf gegensätzlicher Strebungen hervorge-
beruht die Betonung des sogenannten gangen, und vertreten ebensowohl das
Oedipuskomplexes, da Freud in dem Verdrängte wie das Verdrängende, das
antiken Oedipusmythus eine vorbildliche bei ihrer Entstehung mitgewirkt hat“ 3 ).
Beschreibung der Grundursachen aller Bedeutsam wurde die mit diesem
sowohl männlichen wie weiblichen Neu- Schlüssel betriebene Freud’sche Mythen-
rotiker erblickte — bei männlichen auf deutung durch den Anteil, den das
Grund vermeintlich typischer gewalt- Unbewußte dadurch an der Mythen-
samer Einstellung gegen den Vater bis bildung erhielt. Denn damit war ein
zur Todesbedrohung desselben, bei weib- bisher gar nicht berücksichtigter Faktor
liehen auf Grund gleicher Einstellung herangezogen. Dieser führte dazu, die
gegenüber der Mutter, jedoch auch mit Mythen als die entstellten Überreste
umgekehrter sexueller Besetzung. An- von Wunschphantasien nicht nur einzelner
geblich typische Träume männlicher Indi- Individuen, sondern ganzer Nationen,
viduen vom Tode des Vaters und dem sozusagen als die „Säkularträume der
geschlechtlichen Verkehr mit der dadurch jungen Menschheit“ aufzufassen 4 ). Hier¬
frei gewordenen Mutter legen nach dieser zu gesellten sich natürlich leicht die nach
Theorie die tiefsten im Unterbewußtsein demselben Schema vorgenommenen „Er-
verschlossenen Motive der eingekapselten klärungen“ aller abergläubischen Vor-
Triebrichtungen bloß und sollen als all- Stellungen und Riten. Es war eine be-
gemein menschlicher Ausdruck solcher stechende Theorie, wie der Traum bei
sexualen Bezogenheiten an den Lebens- dem Individuum ontogenetisch, so reprä-
beziehungen der Primitiven veranschau- sentiere der Mythos beim Volk phylo-
licht werden. Machen sich bei den Primi- genetisch ein ins Unterbewußte herab-
jf 373
-3 ♦
*
J
4. Wesentlicher als die wenig durch¬
dachte Theorie des Unbewußten bei
Freud ist die genauere Darlegung bei
Jung, der den Versuch unternimmt,
den Geisterglauben und die Geister¬
visionen als „unbewußte autonome
Komplexe“ anzusehen, welche der Mensch
nach außen projiziert, damit sie eine
direkte Assoziation mit seinem Ich ge¬
winnen. Jedoch befindet sich der Mensch
an dem sexualpsychischen Komplex, an im Banne des Geisterglaubens auf der
dem sie leidet, wird man zugeben müssen, absteigenden Linie. Denn — so etwa
daß mit dieser energischen Durchleuch- führt Jung aus — während durch Er-
tung unterbewußter und unbewußter fassung der Idee der Seele eine geistige
psychischer Zusammenhänge manche Er- Erstarkung ein tritt, bedeuten die Geister¬
hellung solcher Vorstellungen geboten komplexe in ihrer Beziehung zum Ich
wird, welche in ihrer einfachen Tag- Krankheit. Daher eben kommt es, daß
bewußtseinslage nicht durchsichtig wer- Besessenheit durch einen Geist in primi-
den. Aber es ist doch sofort die Ein- tiver Pathologie ganz mit Recht zu den
gedrängtes Bestandstück des kindlichen
Seelenlebens. Die PsA. macht sich
daraufhin anheischig, die aus persön¬
licher Analyse gewonnene Erkenntnis
des unterbewußten Seelenlebens in den
mythischen und sagenhaften, auch mär¬
chenhaften Überlieferungen der Vorzeit
vollinhaltlich wiederzufinden. Und selbst
bei aller scharfen Kritik an den Einseitig¬
keiten der psa.sehen Theorie, vor allem
Schränkung hinzuzufügen, daß die PsA.
sich bisher viel zu einseitig auf eine einzige
Betrachtungslinie und eine einzige heraus¬
gestellte Motivenlinie bezogen hat, durch
welche sie die verschiedenartigsten For¬
men von Vorstellungen zugleich er¬
klären möchte, nämlich auf das ambi¬
valente Verhältnis zu den Eltern und
weiterhin zur übrigen Familie.
Auch hierin liegt wieder so viel Wahres,
als die Sippe von ur an dem heran-
wachsenden Menschen der nächstliegen¬
dere Interessengegenstand neben seinem
in der Regel noch nicht ganz erfaßten Ich
ist und daher innerhalb desselben die
meisten Regungen ihre inhaltliche Be¬
stimmtheit erfahren. Manche psa.sche
Begreifung eines Ritus wird man zu
billigen geneigt sein, wie z. B. die Ranks,
daß das zwischen die beiden Gattenlager¬
stätten gelegte Schwert, das durch den
historischen Brauch des Brautwerbens
vergeblich zu erklären versucht worden
ist, ursprünglich nicht symbolum casti-
tatis, also auch gar nicht von „trennen¬
der“ Wirkung sei, sondern vielmehr Be¬
fruchtungsmittel 5 ), symbolum oder
besser causa efficiens der ehelichen Frucht¬
barkeit (also Weiterbildung der ursprüng¬
lichen Fruchtbarkeitszweige und -gerten).
3 ) Freud Vorlesungen 4 340 fr.; Totem u.
Tabu 16. 67; 4 ) Rank Psa. Beiträge 4.
6 ) Rank ebd. 372 Anm.
Ursachen der Krankheit gehört.
In diesem Zusammenhang wird Jungs
Theorie des Unbewußten bedeutsam.
Nach ihr zerfällt das Unbewußte in zwei
scharf zu unterscheidende Teile: a) Das
persönliche Unbewußte; dies enthält in
weitem Umfange alle diejenigen psychi¬
schen Inhalte, welche im Laufe des Lebens
vergessen worden sind; ferner alle subli-
minalen Eindrücke oder Wahrnehmungen,
die zu geringe Energie besaßen, um das
Bewußtsein erreichen zu können; sodann
solche Vorstellungskombinationen, welche
zu schwach und undeutlich sind, um
die Bewußtseinsschwelle überschreiten zu
können, b) Das überpersönliche oder
kollektive Unbewußte, das nur solche
Inhalte hat, welche nicht einem Indi¬
viduum allein zugehören, sondern min¬
destens einer bestimmten Gruppe von
Individuen, meist einem ganzen Volke,
ja sogar der ganzen Menschheit. In diesem
Teile des Unbewußten finden wir also
keine Erwerbungen der Individualexistenz,
sondern angeborene geistige Formen
(‘Instinkte 1 ). In einem kindlichen Ge¬
hirn liegen schon drin die Instinkte und
alle „Urbilder, auf deren Grundlage die
Menschen stets gedacht haben, als der
ganze Reichtum an mythologischen Mo¬
tiven“. Ist es beim normalen Menschen
nicht leicht, die Existenz eines kollek¬
tiven Unbewußten nachzuweisen, so
375
Psychoanalyse
376
melden sich doch schon in seinen Träu¬
men von Zeit zu Zeit mythologische Vor¬
stellungen. Bei Geisteskranken kann man
leicht feststellen, wie in ihren Ideen Ver¬
bindungen primitives mythologisches
Denken seine Urbilder reproduziert und
keineswegs etwa, wie der medizinische
Laie meinen möchte, eigene persönliche
Erfahrungen. —* Wenn es nun vorkommt,
daß irgendwelche persönlich verankerte
Komplexe durch Verdrängen unbewußt
werden, so fühlt das Individuum einen
Verlust. Und wenn ihm etwa durch
therapeutische Behandlung ein solcher
Komplex wieder bewußt gemacht wird,
so empfindet es dadurch einen Kraftzu¬
wachs. Wenn dagegen ein Komplex der
zweiten, kollektiven Kategorie des Unbe¬
wußten sich dem Ich assoziiert, d. h. ins
tagtägliche Bewußtsein eintritt, dann
empfindet das Individuum diesen Inhalt
als fremd, als unheimlich; das Bewußt¬
sein wird da schädlich, unangenehm beein¬
flußt. Das ist nach dieser Theorie etwa
der Ort, welcher von aus der Stammes¬
vergangenheit bisweilen hervorschau¬
enden abergläubischen Vorstellungen ein¬
genommen wird. In der Tat findet
man hier einen recht beachtlichen Bei¬
trag zur Aufhellung der psychischen
Gebiete, in denen das Abergläubische
vorwiegend anzutreffen ist 6 ).
Es lag für die PsA. nahe, sich auf die
Märchenmotive zu stürzen, die in der
Konstruktion entgegenzukommen schie¬
nen. Spielen doch die Geschehnisse des
Märchens (s. d.) in dem Reich, wo der
bloße Wunsch schon seine Erfüllung be¬
deutet und wo alles das, was das gewöhn¬
liche Leben versagt, in üppiger Fülle dem
Glückskinde zu Gebote steht. Während
aber sonst Wünsche in der Regel jene
einfachen Lebenswünsche wirklich be¬
deuten, in deren Sphäre sie in der Er¬
zählung des Märchens auftauchen, deutet
die PsA. die meisten dieser Wünsche in
sexuale um, die wesentlich durch die
von der hausbackenen Moral gezogenen
„Inzestschranken" aus dem Unterbewußt¬
sein emporstiegen. Gemäß dem „Oedi-
puskomplex" werden alle möglichen Ge¬
stalten der Märchen, Sagen und Mythen '
1 als Vater- (bzw. Mutter-) Surrogate und
die Handlungen in den Sagen und Mär¬
chen als „verkappte Rachehandlungen
j des Sohnes gegen den bösen Vater (der
| Tochter gegen die böse Mutter)“ gedeutet
— der Titel der „bösen Stiefmutter
scheint das ursprüngliche Mißverhältnis
zur eigenen Mutter umdeutend zu recht-
fertigen. Die Aussetzung und, auf spä¬
terer Erzählungsstufe, Ausschickung des
Sohnes auf Heldentaten wird als ge¬
milderte Form der ursprünglichen Aus¬
treibung der nach dem sexualen Besitz
der Mutter trachtenden Söhne gedeutet 7 ).
Wie hier, so kann man in den meisten
Fällen sagen, daß die Anwendung der
sexuellen Vorstellung auf die Gegenstände
der Sagen, Mythen und Märchen auf
starke Widerstände in den Stoffen stößt.
Im besonderen ist auch die sexuelle
Ausdeutung der Naturgegenstände in der
Regel gesucht 8 ). So, wenn unter dem
Felde oder dem Garten das weibliche
Genitale verstanden werden soll und
diese Vorstellung sexueller Verdrängung
zugeschrieben wird, nämlich in diesen
Fällen namentlich der Verdrängung der
gegen die Mutter empfundenen oder ge¬
äußerten Libido zugeschrieben wird. Wenn
wir die aus dem wirtschaftlichen Leben
hervorgegangenen Riten der Feldbe¬
stellung und der Ernte näher ansehen, so
zeigt sich immer, daß, wenn hiermit ein
sexualer Gedanke verbunden wird, der¬
selbe verhältnismäßig spät zu der ur¬
sprünglich rein agrikultureilen Bedeutung
des Ritus hinzugekommen ist. Wenn wir
bedenken, daß viele Indianer das Gras
nicht schneiden mögen, weil es das Haar
der Mutter Erde ist, so sehen wir in diesem
psychischen Zusammenhang die viel
naivere Verbundenheit mit der Mutter
Erde. Nicht an einen möglichen Koitus
denkt der Indianer, sondern der Kult
der Mutter Erde und was damit zusam¬
menhängt, ist, genau besehen, außer¬
halb geschlechtlicher Empfindungen,
wenn auch natürlich innerhalb geschlecht¬
licher, besser allerdings familiärer Sym¬
bolik. Die Phantasie Freuds und der von
ihm in diese Interpretationsmethode ein¬
geführten Forscher gefällt sich in der
377
Psychoanalyse
378
Entdeckung von sexuellen Empfindungs- |
analogien, zu deren Erregung die Men- '
sehen, um die es sich handelt, viel zu
gesund sind. Darf aber bei den Primi¬
tiven eine solche sexuelle Ausdeutung
zum mindesten nicht verallgemeinert
werden, so läßt sich auch die infantile
Erotik nur in ganz vereinzelten Fällen
als Ansatzpunkt für eine sexuell ab¬
gestimmte Natur Symbolik verwerten. Die
PsA. legt Wert darauf, daß es für das
aufkeimende menschliche Lebewesen eine
Priorität besitzt, als vielmehr Jung (die
schweizerische Richtung), welcher hier
neue Wege eingeschlagen hat. Jung ist
derjenige Psychoanalytiker, der diese
ganze Bewegung in die engere wissen¬
schaftliche Bahn gelenkt hat, vor allem
durch Betonung der Einsicht, daß auch
dem Unbewußten die aktive Betätigung
nach Zwecken und Absichten zukommt,
und daß es deshalb bisweilen eine finale
Führung übernehmen kann. Während
Freud den Traum immer wieder aus der
Außenwelt nur in ganz beschränktem
Maße gibt und daher sein ganzes Be¬
dürfnis nach Schutz, Wärme und Nah¬
rung von der Mutter gedeckt wird. Das j
Verhalten der Kinder unmittelbar nach I
der Geburt spreche dafür, daß von der
embryonalen Entwicklung her sich kon- |
tinuierlich das Bewußtsein erhalte, daß j
alle Lebensbedürfnisse im unmittel¬
barsten körperlichen Bereich befriedigt
werden können, woraus eine Art von
Allmachtsbewußtsein entstehe 9 ). Auf \
diese Weise erkläre sich auch die Ein- !
9
Schätzung der Erde, die den Menschen
ebenfalls ernährt und „in ihren Grotten,
in ihren Wäldern und auf ihren Bergen"
schützt, als Parallele bzw. Fortsetzung
der mütterlichen uterinen Behausung
des Kindes. In diesem Sinne spricht man
von der zentralen mütterlichen Potenz
der Erde und findet selbst in den sakral
verwendeten Schluchten und Höhlen
eine mütterliche Symbolik, welche aus
der im Unterbewußten sich erhaltenden
Verbundenheit des Menschen mit dem
1
Mutterleib seines vorgeburtlichen Zu- |
Standes verstanden werden soll 10 ). 1
®) Jung Energetik 213 ft. 7 ) Rank Bei - 1
träge 3810. 8 ) Maag 143 ff. 9 ) Ferenczi
in Internat. Ztschr. f. ärztl. PsA. 1, 127.
10 ) Lorenz in Imago 6, 60 ff.
5. Da die Träume im Aberglauben eine
große Rolle und in die Entstehung bzw.
Weiterbildung der Mythen und Sagen
hinein spielen, so ist die Traumtheorie
der PsA. auch für die Erhellung der hinter
dem Aberglauben liegenden Gedanken¬
gänge von Bedeutung. Es ist aber unter
den Psychoanalytikern nicht sowohl
Freud, dessen Traumanalyse die zeitliche
letzten Vergangenheit des Träumenden
herleiten will (also ihn eben rein kausal
verstehend), erkennt Jung klar, „daß der
Traum auch eine Kontinuität nach vor¬
wärts besitzt". Die Freud’sche Auf¬
fassung der Träume als infantiler Wunsch-
erfüllungen ist für Jung viel zu eng; die
im Traum vorhandene finale Seelen¬
haltung in jener Theorie zu bedeutungs¬
schwach. Freuds rein kausale, rück¬
wärtsschauende Betrachtung des Traumes
geht ganz allein vom triebhaften Be¬
gehren aus d. h. vom verdrängten und im
Traum wieder vorscheinenden Wunsch,
der sich hinter mannigfachen Hüllen
verbergen kann; diese Verhüllung wird
darauf zurückgeführt, daß der Wunsch
stets etwas verbotenes Sexuelles ist und da¬
her die „Traumzensur" gegen den Wunsch
selber ein Veto einlegt 11 ). Alle Einzel¬
heiten des Traumes werden dann in der
Wiener PsA. auf Sexuelles bezogen. Hin¬
gegen die finale Jung'sehe Auffassung
strebt gerade nach einer Vieldeutigkeit
der Traumsymbolik, kennt überhaupt
keine festen, ein für allemal stigmati¬
sierten Symboldeutungen. Der Traum¬
sinn ergibt sich hiernach direkt aus der
Deutung des Symbols. Jung vermutet
in der Gleichnissprache unserer Träume,
die zudem vielfach typische Gleichheit
; zeigt, ein phylogenetisch organisches
! Überbleibsel, welches uns Verständnis
für die Entwicklung und Struktur der
menschlichen Seele vermittelt, ebenso
wie die vergleichende Anatomie das Ver¬
ständnis des Körpers. Die beiden Schu¬
len stimmen wieder darin überein, daß
der Traum seine zweckmäßige Reak¬
tionsbedeutung als Kompensation zur
379
Psychoanalyse
380
Bewußtseinslage erweist. Er führt z. B.
in einer gegebenen Bewußtseinslage das
unbewußte dazu passende Material dem
Bewußtsein in einer symbolischen Kom¬
bination zu. Diese kompensatorischen ;
Momente sind von sehr individueller I
Natur, wodurch der Nachweis ihrer
momentanen Bedeutung erschwert wird. :
Weil nun das Unbewußte, wie eben gesagt,
auch direkt zweckmäßige Führung im
Leben übernehmen kann, dürfte auch
<ler Traum wegen des starken und be¬
wußten Einschlages in ihm die Stelle
^iner positiv leitenden Idee oder Ziel¬
vorstellung einnehmen. Diese „pro¬
spektive Funktion des Traumes“ ist
eine im Unbewußten auftretende Ante-
zipation zukünftiger bewußter Leistun¬
gen, so daß sein symbolischer Inhalt
gelegentlich der Entwurf einer Lösung
des seelischen Konfliktes des Träumenden
ist. Mehrere Märchen lassen erkennen,
wie weit diese Bedeutung seit alters durch
das Volksbewußtsein erfaßt worden ist.
Der Traum ist nach Jung eine Resultante
der psychischen Totalität; daher auch
manches aus dem Leben der Menschheit
seit uralters darin einschlägt. Ein wirk¬
liches Durchdringen dieser psa. sehen
Traumtheorie müßte daher manche Ein¬
blicke in das Werden abergläubischer j
Ideen ermöglichen 12 ).
n ) Freud Vorlesungen 4 145 ff. 12 ) Jung
Energetik 141 ff.
6 . Eine besondere psa.sche Erklärung
ist für die sog. Fehlleistungen ver¬
sucht worden. Unter diese Kategorie
fällt z. B. das eigentümliche Vergessen
von ganz Bekanntem, das im Aberglauben
eine nicht geringe Rolle spielt, ferner das
Sich-Versprechen, -Verlesen, -Verhören,
-Verschauen sowie das Verlegen und Ver¬
lieren einer Sache. Diese Gruppe von
auf den ersten Blick rätselhaften Ver¬
haltungsweisen wird zwar manchmal
durch psychische Absorption hinreichend
erklärlich. Häufig ist jedoch solche Er¬
klärung nur eine scheinbare und wird die
Hinzunahme von Einwirkungen des Un¬
bewußten ins Bewußte notwendig 13 ).
Die Fehlleistungen haben also, insoweit
bei ihnen die Annahme einer Herauf¬
wirkung des Unterbewußten zulässig ist,
eine dem Individuum nicht bewußte
Absicht zur Voraussetzung, die, obwohl
oder gerade weil zurückgedrängt, auf
Verwirklichung heimlich drängt. Allein
durch die Verdrängung aus ihrer Bahn
gelenkt, ist sie nicht wirksam genug, sich
vollständig durchzusetzen. Freud meinte
mit Recht, daß sich diese Fehlleistungen
in den meisten Fällen nicht rein physiolo¬
gisch und auch nicht psychophysiologisch
erklären lassen, d. h. nicht daraus, daß
der Betreffende abgespannt, ermüdet oder
aufgeregt und von anderen Gegenständen
in Anspruch genommen ist. Denn ab¬
gesehen davon, daß ein Sich-Versprechen
oder Sich-Verhören auch unter anderen
Umständen vorkomme, wird mit der
anderweitigen psychischen Inanspruch¬
nahme noch nicht verständlich gemacht,
daß sich der Betreffende gerade in dieser
und keiner anderen Weise verspreche
oder verhöre. Wenn man der Art und
Weise oder der Richtung nachgehe, wie
ein Sich-Versprechen oder Sich-Verhören
usw. erfolgt, dann werde deutlich, daß
verborgene Motive die Lenkung über¬
nommen hatten, und von da aus ließe
sich etwa behaupten, „daß jede Fehl¬
leistung sinnreich“ sei 14 ). Nehmen wir
zunächst ein Beispiel, auf das die spezi¬
fische psa.sche Erklärungsweise sehr wohl
zu passen scheint. Wenn ein Mädchen
das Salzfaß auf den Tisch zu stellen ver¬
gißt und dieses Verhalten nach dem
Aberglauben anzeigt, daß sie keine Jung¬
frau mehr ist, so würde die psa.sche Inter¬
pretation voraussetzen, daß der gedeckte
Tisch Symbol des bereiteten Ehebettes sei,
bei dessen Anblick in der unbewußten
Sphäre sich ein Skrupel über die eigene
körperliche UnVollständigkeit (Versehrt¬
heit) emporringt und die Un Vollständig¬
keit des Tischgedeckes zur Folge habe.
Man könnte meinen, das Volk selbst habe,
indem es diese Gedankenverbindung zwi¬
schen dem unvollständig gedeckten Tisch
und der verlorenen Virginität aussprach,
an solche unbewußte Regungen ge¬
dacht. Sehr anders scheint es sich aber
in einem anderen Falle zu verhalten:
Wenn der Umstand, daß man beim Aus-
Pudel—Pulver
382
gehen etwas vergessen hat und umkehren j
muß, Unglück auf dem Wege anzeigt, j
so wird, wer nicht der PsA. von vorn¬
herein anhängt, ein sexuelles Motiv nicht
zugestehen wollen, sondern dabei be¬
harren, daß eben die Unterbrechung des
eingeschlagenen Weges selber die Unter¬
brechung der glücklichen Beendigung
bedeutet; und so auch in einer Reihe von
anderen Fällen: etwa, wenn der Bauer,
weil er ein Beet zu besäen vergißt, in dem
Jahre sterben muß oder den Tod irgend¬
eines Mitgliedes seiner Familie im Laufe
des Jahres dadurch verschuldet; oder
wenn man, um etwas sich immer wieder
Aufdrängendes endlich zu vergessen, den
Pantoffel in dem Augenblick, wo man
wieder daran denkt, rückwärts über den
Kopf werfen muß. Bei Berücksichtigung
%
der psa.sehen Deutungstheorie wird die
Wissenschaft vom Aberglauben nach ;
allem, was hier vorgeführt worden ist,
vielfach von den Spezialisierungen,
namentlich den aus der sexuellen Sphäre
hergeholten, verzichten müssen, sie wird
aber dessen eingedenk bleiben, daß die
PsA. das Verdienst hat, darauf hinge¬
wiesen zu haben, daß außerordentlich
häufig gerade auch in populären Ge¬
dankengängen und Vorstellungen das sich !
regende Unterbewußtsein es ist, das als j
eigentliches Motivenbereich im Unter¬
grund vorhanden und aufzusuchen ist.
13 ) Maag 59 ff. 14 ) Freud Vorlesungen* 55.
K. Beth.
Pudel. Vom P. gehen ähnliche Volks¬
sagen, wie von den schwarzen Hunden
überhaupt L ); er tritt hier stets als
Geistertier und Spukerscheinung auf 2 ).
Insbesondere nimmt der Teufel, wie jeder¬
mann aus Goethes „Faust“ weiß, gern
die Gestalt eines schwarzen P.s an 3 ) ;
manchmal ist er dann sogar mit Hörnern
vorgestellt 4 ). Auch von feurigen P.n
mit glühenden Augen fabelt das Volk 5 ).
Besonders häufig ist ein solch dämoni¬
scher P. der Hüter eines Schatzes 6 ).
Der schwäbische Schimmelreiter er¬
scheint gleichfalls als P. 7 ). Natürlich
gehen auch Geister als P. um 8 ). Hat
ein P. einen weißen Brustfleck, dann
kann man ihn erlösen 9 ). Sehr selten
wird von einem weißen P. eine Spuk¬
geschichte berichtet 10 ). Vgl. im üb¬
rigen Hund.
*) Mschles. Vk. 21 (1919), 160 f.; ARw. i, 204;
Alemannia 7 (1879), 213s.; 8 (1880), 29; Schön¬
werth Oberpfalz 3, 56; Marzell Pflanzennamen
225. 2 ) Strackerjan 1, 268; Birlinger
Schwaben i, 199.238 f. 238.326; ZföVk. 23 (1917),
125; Panzer Beitr. 1, 156; Kühnau Sagen
1, 68 ff. 255. 271. 278. 281. 298 ff. 526 f.; Leo-
prechting Lechrain 50 f.; Vonbun 105;
Reiser Allgäu 1, 281 ff. 282; SAVk. 2, 276.
3 ) Pollinger Landshut 99 b; Urquell 4(1893),
168; Heyl Tirol 526 Nr. 95. 4 ) SAVk. 21
(1917), 195 ff. 5 ) Kühnau Sagen 1, 295.
6 ) Birlinger Volkst. 1, 91 ff. 101; Bartsch
Mecklenburg i, 245 h; Panzer Beitr. 1,29. 158t.
177; Rochholz Schweizer sagen 1, 262 h;
Reiser Allgäu 1, 82, 86; Kühnau Sagen 3,
718; Waibel und Flamm 1, 108 f.; 2, 68.
7 ) Rochholz Schweizersagen 2, XXXV.
8 ) Strackerjan 1, 229; Jecklin Volkstüm¬
liches 1916, 345 f.; Quitzmann Baiwaren 177;
Laistner Nebelsagen 45. 48; Reiser Allgäu
i, 170. 9 ) Leoprechting Lechrain 50. 10 ) Boh¬
nenberger 7; Meiche Sagen 52 Nr. 52.
Güntert.
Pudelmutter, eine Weihnachtsmaske
in der (Unter-) Steiermark. Sie erscheint
als altes, dickes, zottiges Weib in zer¬
rissenem Gewand, mit einem Buckelkorb
auf dem Rücken und einer Rute in der
Hand in Häusern, wo Kinder sind, fragt
nach bösen Kindern (die sie in ihrem
Sack mitzunehmen droht), beschenkt die
frommen mit Nüssen, Äpfeln, Birnen oder
Geld und segnet die Hausgenossen mit
einem frommen Spruch. Den Kindern
sagt man, die P. habe ihren mit zwei
Ziegen bespannten „Kobelwagen“ vor
dem Hause stehn 1 ). — P. ist in Unter¬
steiermark aber auch Benennung einer
unsichtbaren Perchte. Als solche holt sie
aus Häusern, die zu Weihnachten nicht
sauber sind, die Kinder und teilt durch
die Fenster Spindeln zum Überspinnen
aus 2 ).
*) ZfVk. 8, 445 (= Sartori Sitte 3, 47);
ZföVk. 2, 303. 2 ) Wein hold Weihnachtsspiele
11 (= ZfVk. 8, 445).
Ranke.
Pulver. Die Kraft des Pulvers sucht
der Jägeraberglaube durch Beimischung
pulverisierter Tiere oder Teile von Tieren
(bes. Herz, Leber) zu erhöhen; dabei
bedient er sich gern gew. Vögel (Schwal¬
ben, Wiedehopf), der Fledermäuse, der
Würmer und Schlangen; aber auch ge-
383
Pumpernickel
384
mahlene Knochen von Toten und Ge¬
henkten werden gebraucht.
Im Soldatenaberglauben der Schweiz
ist aus dem Jahre 1914 — aber „als alter
Brauch“ — aus dem Berner Oberland,
der Gegend von Thun und im Emmen¬
tal bezeugt, daß Schießpulver in Wein
gemischt getrunken wurde, um mutig zu
machen x ).
In der Volksmedizin wird Schießpulver
vielfach angewandt, in Wasser oder
Branntwein, evtl, in Essig gelöst, gegen
Krämpfe 2 ), Halsweh 3 ), Wechselfieber 4 ),
Verstopfung 5 ); aufgelegt auf blutende
Schnittwunden 6 ); allgemein wird es (mit
andern Mitteln zus.) in Pestzeiten zu
einem Rezept 7 ) genommen. Als Haus¬
mittel dient es wider den Milzbrand der
Schweine 8 ) und den kalten Brand des
Rindes, wie überhaupt bei allen Blähungen
und Verstopfungen der Haustiere 9 ).
*) SAVk. 19 (1915),218. — AberMessikom-
mer berichtet ( Aus alter Zeit 1,177), daß auch
unter den Knaben in Zürich beliebt gewesen
sei, Schießpulver zu essen, um mutig zu werden.
2 ) John Erzgebirge 53. 3 ) Hovorka u. Kron-
feld 2, 11 (Beleg aus Wien). — Allg. gegen Er¬
kältung, wenn der Aderlaß nicht hilft, bei den
Bosniaken: Stern Türkei 1,209. 4 ) Lammert
261; Hovorka u. Kronfeld 2, 324. 5 ) Ho¬
vorka u. Kronfeld 1,172 (in Szabadka u. im
Csiker Komitat). 6 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 374 (Slovenen: Pulver über Kuhmist ange¬
zündet). 7 ) Höhn Volksheilkunde 1, 150 (nur
aus Hausbüchern bekannt). 8 ) Romanusbüch¬
lein 41 f.; Kuhn u. Schwartz Nordd. Sagen
450. 9 ) ZföVk. 4 (1898), 307. Basler.
Pumpernickel.
a) P. als Weihnachts- und Ostergeschenk:
Im Sechsämterbezirk in der Oberpfalz ist
der P. beliebt, eine Art gewürzreicher
Lebkuchen, ein Geschenk der Paten J ).
Im Bezug auf die Bezeichnung wären zu
vergleichen: Pauternickel in Bayern, ein
durchmachen muß 6 ). Die Bezeichnung
P. ist nicht alt und wurde vor allem im
Süden diesem westfälischen, aber auch
\ anderem schwarzen Brot des Nordens
| gegeben: Gerardus Mercator in seinem
Atlas minor (1611), der sich ziemlich
derb und ausführlich über die Lebens¬
weise der Westfalen äußert, spricht nur von
„schwartz Brot“ 7 ). Logau und Christian
Günther bezeichnen mit Pompernickel
das rauhe Soldatenbrot 8 ). In dem la¬
teinischen Wörterbuch von Merk (Ulm
1646) wird panis ater mit „Chrobatisch
oder westphälisch Brod“ glossiert 9 ).
Erst gegen Ende des 17. und im Laufe
des 18. Jh.s finden wir das Wort P.
häufig als abfällige Bezeichnung des
westfälischen Schwarzbrotes 10 ). An Er¬
klärungen des Namen gibt es folgende:
F. Hoffmann 11 ), der in seiner gelehrten
Monographie den „Pompurnickel“ als sehr
gesund bezeichnet wegen der Kleien¬
schale und ein daraus präpariertes heil¬
sames Wasser gegen hektische Hitze
empfiehlt, will das Wort aus dem
westfälischen Dialekt erklären und denkt
offenbar auch an die Zusammensetzung
Bon-pour-Nikel. Von Eye aber weist
nach, daß das Wort nicht westfälisch
ist 12 ). Eine andere Monographie stammt
vom Osnabrücker Rektor Zacharias
Götze 13 ); dieser vergleicht Saunickel,
Hurennickel mit P. = liederliches Gesindel.
Aloysius Charitinus 14 ) verteidigt die
Deutung: Bon-pour-nicol; so soll ein
; Franzose das Brot genannt haben: gut
I für sein Pferd 15 ). Dazu bemerkt J. L.
Frisch (1741) 16 ): Wenn einige das Wort
1 P. von den Worten eines Franzosen (Bon-
; pour-Nickel) herleiten und verstehen
darunter seinen Knecht, der Nikolaus
Pfannkuchen 2 ), Biernickel, Brot in Bier S geheißen, so ist der anderen Meinung
gebrockt 3 ), Nigl, ein Österreich. Kuchen wahrscheinlicher, es werde durch Nickel
und der kärntnerische Haidnickel 4 ).
Staub weist noch auf den Commisnickel
hin 5 ).
b) Obwohl pemmatologisch auf voll¬
kommen anderer Basis stehend, ist dieses
Gebäck dem Namen nach mit dem west¬
fälischen P. zusammenzustellen. Dies
ist das schwarze, schwerverdauliche Brot,
das einen langen Gär- und Backprozeß
hier ein ... Pferd verstanden. Noch
Krünitz erklärt: Bon-pour-Nickel 17 ),
| dagegen Zedier 18 ). Hofier 19 ) und
Wasserzieher 20 ) nehmen eine bei Brock¬
haus 21 ) und E. Wilke 22 ) zitierte Er¬
klärung an: Die Stadt Osnabrück backte
1400 (1540) zur Zeit einer Hungersnot
bona panicula; der Turm, in dem der
i Backofen lag, heißt noch heute PernikeL
385
Pump(h)ut
386
P. Branscheid bringt eine neue Inter¬
pretation : wie in der Kölner Gegend
Pfund-Birnen „Pompieren“ heißen, so
ist P. auf Pfund-Panikel (Brötchen)
zurückzuführen 23 ). K. Friedrichs 24 )
kommt auf eine Deutung, die der von
L. Weise 25 ) nahekommt. P. ist der
polternde Hausgeist. Das Brot wurde
drei Tage im Backofen eingemauert
sich selbst überlassen. Da knisterte
und krachte der Ofen, was man wohl
jenem Hausgeist zuschrieb. Weise 1 . c.
stellt P. zu den Gebäcken, die den
Namen von einem Kobold haben,
dem man ein Speiseopfer darbrachte(?).
Wahrscheinlicher ist folgende Deutung:
Nach dem Material bei Grimm 26 ),
Staub 27 )), Wendeier 28 ), Wacker nagel 29 )
und Hüffer 30 ) bedeutet P. 1. ein kleines
Kind. 2. ein grobes Landsknechtslied.
3. einen groben Kerl. So wurde dann
der Name P. auf das grobe Brot über¬
tragen. Nickel oder Niggl kann einen
Kobold bedeuten und als Übername
gebraucht werden (Sauniggel, Huren-
niggel 31 ). Der Nickel spielt auch beim
Dreschritus eine Rolle 32 ), vgl. das Aus¬
dreschen des Pumpernickels 33 ). Den
ersten Teil deutet Staub als plump 34 ),
ebenso Weigand 35 ); Paul 36 ) und Wilke 37 )
denken an pumpern (Lärm machen),
Jostes 38 ), Kluge 39 ), Adelung 40 ), Woeste 41 )
und Kügler 42 ) an pumpern — suppedere
(Stinkfritze wegen der Wirkung des gro¬
ben Brotes). Zu der Übertragung des
Namens P. auf eine grobe Gebäckart
ist zu vergleichen: In Warmbrunn im
Hirschbergischen in Schlesien wird der
Tallsack gebacken, ein Männchen mit
Rosinenaugen; tallsack aber heißt auch
ein alberner Kerl 43 ).
2 ) Bavaria 1a, 386; Höfler Weihnachten 30.
Vgl. 32. 2 ) Schmeller Wb. 1, 414; Germania
5, 352; Staub Brot 122. 3 ) Schmeller Wb.
1, 1722; Staub I. c. 122. 4 ) L. Weiser in NdZf-
Vk. 1926, 14. 5 ) 1 . c. 6 ) Beschreibung bei
Jostes Westfälisches Trachtenbuch 1904»
60—68; Krünitz Enzyklopädie 118, n6ff.;
Zedier 4, 1448; ZrhwVk. 3, 53; Sartori West¬
falen 9. 109 ff., vgl. Abb. 22: P.backen im
Ravensburgischen; vgl. Niedersachsen 16, 233.
7 ) Atlas Minor , das ist, Ein kurtze jedoch gründt - i
liehe Beschreibung der gantzen Welt .... über¬
setzt durch Jodocum Hondium; der lat.
Titel lautet: Atlas Minor Gerardi Mercatoris
a J. Hondio plurimis aeneis tabulis auctus
atque illustratus Amsterodami 1611; darüber
H. Hüffer in Monatsschrift für rheinisch-west¬
fälische Geschichtsforschung 2 (1876), 274 ff.
8 ) Hüffer 1 . c. 276. 9 ) 1 . c. 274. lK> ) A. v. Eye
in Frommanns Mundarten 2, 276. 279; Hüffer
277 ff.; L. Frisch Deutschlateinisches Wb.
B. 1741; Jostes 1. c. 60 — 64; Globus 59, 208.
J1 ) Propempticon de pane grossiore Westfalorum
vulgo Bompournikel als Anhang zu: Disputa-
tio de prudenti medicamentorum applicatione
Halle 1695; vgl. Zedier 4, 1448; Staub 1 . c.
119. 12 ) 1 . c. 13 ) Über den Bompernickel Pro¬
gramm Osnabrück 1725; daraus Auszug von
J. Gottlieb Bidermann Acta scholastica 7
(Nürnberg 1747), 99 ft. 14 ) Von betrüglichen
Kennzeichen der Zauberey Stargard 1708, 74;
Korrespondenzblatt des Vereins für nieder¬
deutsche Sprachforschung 13, 10. 15 ) Diese
Geschichte vom Franzosen, der das landübliche
Brot als „pain-pour Nicole“ bezeichnet, wurde
auf Hannover übertragen, als im siebenjährigen
Krieg eine Hetze gegen das Haus Hannover
getrieben wurde: Lord Mahon History of
England 3 (L. 1853), 384; Hüffer 1 . c. 278.
16 ) Bei Hüffer 1 . c. 277. 17 ) Encyklop. 118, 716.
18 ) 4, 1448. 19 ) Höfler Weihnachten 30.
2(l ) Ztschr. d. d. Sprachver. 1927, Sp. 24; Täg¬
liche Rundschau 24 u. 26, 21. August 1926; West-
fäl. Zeitg. Nr. 222 vom 23. 9. 1926. 21 ) Alte Auf¬
lage 13, 513. 22 ) Deutsche Wortkunde (L. 1925 ®)
376. 23 ) ZddSprachver. 1927 Sp. 24. 24 ) Bei
Wilke 1 . c. 25 ) NZfVk. 1926, 14. 26 ) Wb. 7, 2,
2231; vgl. 2, 236 ff.; vgl. Schultz Alltagsleben
176. 216; Höfler Weihnachten 32. 27 ) 1 . c.
120 ff.; Lütolf Sagen 511 Nr. 467. 28 ) Korre¬
spondenzblatt des Vereins für niederdeutsche
Sprachforschung 5, 44 ff. 29 ) Germania 5, 350ff.
3U ) 1 . c. 273 ff. 31 ) Staub 1 . c. 120; vgl. Westische
Zeitschrift 25, 146. 32 ) Sartori Sitte 2.101.104.
33 ) Panzer Beitrag 2, 236. 34 ) 1 . c. 122. 35 ) Wb.
2, 491 ff. 36 ) Wb. 400. 37 ) 1 . c. 38 ) 1 . c. 60 ff .
39 ) Wb. 380. 40 ) Wb. 3, 1177. 41 ) Korr. d. Ver.
f. niederd. Sprachforsch. 1, 62 ff. 42 ) D. Allg.
Zeitung vom 21. 2. 26 Nr. 86; ZddSprach-
vereins 1927 Sp. 150; vgl. 24. Abzulehnen
ist Benary in ArchStudnSpr. 1928 (154),
271 ff. 43 ) Drechsler 1, 76 Nr. 77.
Eckstein.
Pump(h)ut. Martin P. (auch Pumpot),
zauberkundiger Müllergeselle in der Volks¬
überlieferung vor allem der Lausitz, des
sächsischen Voigtlandes, der Ucker- und
Neumark, soll in dem Dörfchen Spuhle
bei Hoyerswerda geboren sein und schon
in der Wiege seine Eltern durch seine
zauberischen Gaben erschreckt haben;
später spielte er bes. den Müllern der
genannten Gegenden manchen Possen
(darunter das aus dem apokryphen Kind¬
heitsevangelium stammende Motiv von
der Streckung der Mühlwelle), bannte
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
387
Puppe
388
Spatzen und Fliegen, war kugelsicher
(Kugeln im Hut aufgefangen), konnte
aus jeder Ecke seines dreieckigen (nach
anderen spitzen, breitrandigen) Hutes
andere Kugeln schießen, soll auch mit
dem polnischen General Sybilski von
Wolfsberg (1677—1763) und dem alten
Dessauer um die Wette gezaubert und
andere Kraft- und Zauberstücke voll¬
bracht haben (darunter: Beil durch die
Beine hindurch auf den Kirchturm ge¬
schleudert) und zuletzt vom Teufel geholt
worden sein 1 ).
Jacob Grimm sah in P. einen Mühlen¬
kobold 2 ), Veckenstedt den slavischen
Korn- und Kulturdämon (lit.) Pümpas 3 ),
andere stellten ihn mit Wodan zusam¬
men 4 ). — Die Überheferung von P.
ist in einem geschlossenen geographischen
Gebiet zu Hause, dessen Zentrum die
Lausitz zu bilden scheint, und das im
Süden bis nach Nordböhmen 5 ), im Nor¬
den bis in die Ucker- und Neumark reicht
(hier z. T. mit der Namensform Pump¬
fuß) 6 ); abgesplittert ist je ein Beleg aus
Mecklenburg(-fut) 7 ) und aus Westfalen
(desgl.) 8 ). — Der gut wendische Name
(wörtlich etwa: Poltern; vgl. wend.
pumpotas = rumpeln, undeutlich reden;
pumpac, pumpak = Schmerbauch 9 ),
die Formen mit -hut und -fut sind Ein¬
deutschungen) deutet doch eher auf einen
Kobold (vgl. Pölterken) , an den sich aller¬
lei auch sonst bekannte Zauberergeschich¬
ten gehängt haben, als auf eine historische
Person l0 ).
1 ) Gräve Volkss. d. Lausitz (1839) S. 83 f.
88 1 ; Haupt Lausitz 1, S. 51. 185 f. 218. 220;
Schulenburg 2 (193°) S. 34 — 36; Vecken¬
stedt Sagen S. 861 ; Gander Niederlausitz
S. 27 Nr. 58. 146; Meiche Sagen Nr. 645.
646. 652. 666. 678; Kühnau Sagen 2, 222;
3, 162; Köhler Voigtland 542 1 ; Eisei Voigt¬
land 218 {.; Sieber Sachsen 225 f. 335; Köhler
Sagen Nr. 220; Grässe Preußen 2, 672. 673;
ZfVk. 12 (1902), 68. 69. 2 ) Grimm Myth.
3, 146 1 ; ähnlich Petsch ZfVk. 26. 331;
Siebert Sachsen 335. 3 ) Veckenstedt
Pumphut, ein Kulturdämon der Deutschen
und Wenden, Litauer und Zamaiten (= 54.
u - 55 - Jahresb. d. Voigtländ. altertumsfor¬
schenden Vereins) 1887/88 S. 1 ff. 4 ) Menzel
Odin S. 168; vgl. Brunner Ostdtsche Volkskde.
S. r 37 - 5 ) Ant. Hoc kauf Heimatkde d. Bez. Rum¬
burg (Rumbg. 1885) S. 209 1 6 ) W. Schwartz
Sagen u. Gesch. d. Mark Brandenburg (Berl.
1895) Nr. 78. 79; Handtmann Brandenburg
208 1 261; Kuhn u. Schwartz S. 60 f. Nr. 65.
66; Landeskde d. Provniz Brandenburg 3, S.
206 f. 7 ) Bartsch Mecklenburg 1, 228 Nr 296
= Niederhöffer Meckl. Sagen 4, 35 1
8 ) Kuhn Westf. 2, 279 Nr. 28. 9 ) Mucke
Wb. d. nieder wend. Sprache 2 (Prag 1928),
S. 275. 10 ) Ältester Beleg: Insel Felsenburg 2
(Nordhausen 1746) S. 366 —370 (nach Grimm
Mylhol. 3, 146; mir nicht zugänglich).
Ranke.
Puppe la ). Der Ausdruck P., der heute
am häufigsten für Spiel-, Kleider- und
Insektenpuppe verwendet wird, stammt
aus dem mlat., wo pupa Insektenhülle
bedeutet lb ). Für eine Darstellung mensch¬
licher Figur scheint der Ausdruck ge¬
nommen worden zu sein auf Grund des
volkstümlichen Glaubens, daß die kleinen
Dämonen (Zwerge, Elben u. a.) mit Vor¬
liebe in Insektengestalt erscheinen 2 ).
Fassen wir die einfachsten Formen der
P. ins Auge, wie sie unter andern die
,,Zauberpuppen von Celle“ 3 ) oder heutige
bäuerliche Spielp.n vorstellen, so ist ja
die Ähnlichkeit mit der Insektenp. tat¬
sächlich gegeben.
Der alte Ausdruck für den Inhalt
unseres heutigen Wortes P. freilich ist
dokke 4 ); die Mundart kennt im all¬
gemeinen nur dieses Wort, das alle Be¬
deutungen von P. aufweist 5 ), insbe¬
sondere auch die eines elbischen Geistes
(Rumexpflanze) 6 ).
P. zeigt Verwendung für Spiel-,
Glieder-, Garbenp. 7 ); diese letztere, die
uns der Erntep.n wegen mehr interessiert,
besteht aus mehreren zu einem Schaub
zusammengebundenen Garben 8 ). Im
Galloromanischen gibt es eine aus dem
Mohnkopf gefertigte P. 9 ). — Ferner
bedeutet P. Wickelkind, Schnurbündel,
Insektenlarve, Klumpen, Rohrkolben
u. ä. 10 ), aber auch Kobold 11 ), und wird
in einer Linie mit Götze, Abgott, Ko¬
bold, Butz und Tattermann genannt 12 )
Die Verbindung wird herzustellen sein,
wenn wir an die älteste Darstellung der
Göttergestalt überhaupt denken: das
Götterbild geht vom verehrten Pflock
oder Pfahl aus Holz oder Stein aus 13 )
(vgl. Kegel), der späterhin mit Kleidern
behängt wird 14 ). Im Volke finden sich,
wie ja das Folgende noch zeigen wird.
389 Puppe 390
diese einfachen Darstellungen der Dä- I Kinder mit P.n aus Ton, Wachs oder
monen als P.n noch allenthalben; in
Schweden geht der Elf aus dem kranken
Kinde in Gestalt einer P. heraus 15 ), und
wenn ein Elf den Menschen befallen hat,
so trägt man ihn als Zeugp. in den Wald
zurück 16 ).
Natürlich spielt die P. auch in das Ge¬
biet der Vermummung hinüber, auf dem
ja der Zusammenhang mit dem Dämonen¬
glauben reichlichst gegeben ist, soll doch
auch gerade durch die Vermummung
der Dämon irre geführt werden 17 ).
Spielp. Da die Spielp., die aus der
Darstellung des Dämonen sich ent¬
wickelt haben dürfte 18 ) (Dämon-Haus-
geist-Popanz-Spielzeug), doch eine Reihe
von mehr oder weniger ersichtlichen
Beziehungen zum Aberglauben aufweist,
muß sie kurz berührt werden.
Schon sie hat hohes Alter. In Ägypten
sind hölzerne Gelenkp. bereits um 1900
v. Chr. belegt 19 ), Griechen und Römer
kannten die Spielp. 20 ), in prähistorischer
Zeit findet sie sich, vgl. die P. von Rhi-
now i. d. Mark 21 ); in Deutschland ist
die Spielp. seit dem 9./10. Jahrh. all¬
gemein; gemalte P.-n treten im 14. Jh.
auf 22 ), für dieselbe Zeit sind Handp.-n
zum Kasperltheater in Nordeuropa be¬
legt 23 ). Besonders auch Tonp.n als
Patengeschenke kennt man, sie tragen
eine Vertiefung zum Einlegen des Paten¬
pfennigs und stellen vor nackte Kinder,
Wickelkinder, Reiter, Heilige u. a. 24 ).
Daß gerade hier eine Beziehung zum
Dämonischen vorliegt, ist mehr als wahr¬
scheinlich. Nicht geklärt scheint mir
die Frage der Kinderp.ngräber („Gredl-
gräber“) u. a. in Niederösterreich 25 ).
Gelenkp.n sind in Nürnberg fürs 14. Jh.
bezeugt, während sonst — wie heute unter
dem Landvolke genau wie bei primitiven
Völkern •— die Spielp. nur hausgefertigt
und zwar überaus einfach erscheint als
Fetzenkopf, Kartoffelkopf, aus Binsen,
Holz u. a. 26 ).
Spielp.n kennt Schweden, Japan 27 ),
Indien 28 ), ja fast jedes Volk 29 ), insbe¬
sondere auch als Grabbeigaben in Eu¬
ropa 30 ) und außerhalb 31 ). Bekannt ist
ja das P.nfest im alten Rom, wobei die
Teig beschenkt wurden 32 ). Eine be¬
sondere Form der Spielp. ist die Leb¬
kuchen p. (,,Leb-Dockn“), die z. B.
die Taufpaten am 1. Weihnachtsfeiertage
den Mädchen bringen 33 ); der Kärntner
hat seine Popalan am Kirchtag (Wickel¬
kinder aus Lebzelt 34 )), die, etwa vom
Burschen der Geliebten geschenkt, nahe
Beziehung zum Fruchtbarkeitskult zu
haben scheinen. Zum Teile Spielp., zum
Teile wohl auch schon ins Dämonische
übergehend, sind die Christkindp.n, die
die Äugsburgerinnen in die Kirche mit-
nahmen 35 ), und die in steirischen Bauern¬
häusern und Kirchen vorkommenden
Christkindlp.n aus Holz, bunt bemalt,
oder aus Wachs mit Faschenkleidern 38 ).
Übrigens hieß ein altes Marienbild in
einer Kirchennische die P. 37 ).
Die Fahrenden hatten P.n aus Holz,
Lappen oder Wachs, die an Fäden gezogen
wurden und auch vielleicht Gestalten
der Geister der Volkssage vorstellten 38 ).
Spottp. Wenn auch # die Spottp. in
erster Linie natürlich dem Kapitel Brauch
zuzuweisen ist, so nimmt doch manche
Spottp. bereits den Charakter einer Ge¬
stalt an, die sympathetisch-symbolisch
wirken soll, so daß ich auch dies Kapitel
kurz streifen muß.
Eine P. aus Stroh wird als Symbol des
unehelichen Kindes auf einem Baume
in der Nähe der Wohnung der ledigen
Mutter angebracht 39 ), im Mai 40 ); einem
unbeliebten Mädchen, das als Braut zur
Kirche geht, hängt man eine weibliche
Strohp. auf einen am Wege stehenden
Baum oder es wird ein Strohweib zer¬
rissen 41 ); auch legt man einem solchen
in Gottschee am Aschermittwoch eine
Mannsp. vor die Türe 42 ); ähnlich wird
in Südtirol der ,,Egerthansl“ alten Jung¬
frauen ans Haus genagelt 43 ), in Süd¬
böhmen und sonst tritt eine Verbindung
mit dem Maibaume ein 44 ).
Im Eifelgebiet wird in der Hillichs-
nacht dem ehemaligen Geliebten der
Braut eine weibliche Strohp., der früheren
Geliebten aber eine männliche aufs Dach
gesetzt 45 ), ähnlich in Niederösterreich 46 ).
Noch ist zu nennen die Strohp. „Lippö“,
39 i
Puppe
392
die dem schwerfälligen Liebeswerber gefühlt 59 ). Eine ähnliche Abwehrma߬
gilt 47 ), sowie das Speikmandl, eine Art nähme kennt der germanische Norden,
Hasen = oder Vogelscheuche, die einem wenn z. B. in Schweden die P. in eine
Faulen gesetzt wird, der das Grumet sogenannte Elfenmühle gelegt wird und
auswachsen ließ; sie hat den Speikbrief zwar an drei Donnerstagen nacheinander
in der Hand mit Spottsangln 48 ) und bei Sonnenuntergang; gilt das Opfer
kommt so fast einer Rachep. gleich. für ein Kind, so sagt man dabei: „Spiel
Zauber. Mit P.n wird allerlei Weis- mit dem, was ich gebe, laß mein Kind in
sagung und Zauber getrieben 49 ). Beim Frieden“ 60 ). Ähnlich mit P.n aus Nä-
Orakel wird die P. verwendet am An- geln, Haaren und Wäsche des Kindes
dreasabend: fängt nämlich das Mädchen unter Laubbäumen 61 ). Zur Seuchen-
aus einer Schüssel mit buntem Inhalte abwehr wurde in Böhmen alljährlich eine
eine P. heraus, so bedeutet dies ein unehe- „Tod“ genannte P. ertränkt; man wird
liches Kind; auch sonst versinnbildlicht dabei an das Wasser als Sitz des Toten-
die P. beim Orakel das weniger Erfreu- gottes denken dürfen 62 ); ähnliches wird
liehe 50 ); beim Liebesorakel bringt man aus der Umgebung von Gera gemeldet 63 ).
durch zwei P.n zur Entscheidung, wer Abwehr böser Geister hat offenbar
sich von den Liebenden rascher ent- auch die Flachsp. („Haarfräul"), die
zündet 51 ). neben dem zum Bioaken ausgelegten
Abwehrzauber. Dämonen und Gei- Flachs gestellt wird, im Sinne 64 ). Die
ster sollen durch P.n getäuscht werden; dem verstorbenen Kinde mit dem Sauger
so auch bei den römischen Compitalien, i ins Grab mitgegebene P. soll verhindern,
wobei wollene P.n den Laren an Kreuz- daß das Kind wieder „aufwache" 65 );
wegen und Haustüren aufgehängt wurden als Abwehr eines ev. zurückkehrenden
in der Absicht, daß sich die Laren mit Seelendämons ist der Brauch anzusehen,
den P.n begnügen sollen 52 ); man hat wenn bei den Alten der Verstorbene als p!
bei solchen Gelegenheiten an Ersatz ehe- i nachgebildet und diese versteckt, gesucht
maliger Menschenopfer gedacht 53 ), was j und bestattet oder ins Wasser geworfen
aber doch zurückgewiesen wurde mit der wurde 66 ); ähnliches machte man mit
besonderen Begründung, daß es sich bei der „Kermesp." in der Eifel 67 ). Als Ab-
den Compitalien um das Aufhängen der wehrzauberp. ist auch die moderne Auto-
Jugendsymbole handelt 54 ). Auf eine fetischp. zu werten.
Abwehr bezweckende Täuschung geht Glückbringende Zauberp.n sind das
es wohl auch hinaus, wenn während der Allerürken, eine kleine, im Koffer ver-
Taufe eine P. ins Kinderbett gelegt wird, schlossene P. 68 ), verwandt mit dem
damit der Wechselbalg das Kind nicht Alraun 69 ) (Ditmarschen); die Reich¬
vertausche 55 ); man täuscht mit der P. tum bringende, aus weißem Wachs ge-
die Drud 56 ); schließlich ist die eine oder fertigte Teufelsp. Mönöloke (manna¬
andere P.nverbrennung selbstverständ- lihho, Menschenbild) 70 ), eine Zauber-
üch auch eine Abwehrmaßnahme, be- j gestalt, die nach Berichten des beginnen-
sonders die Verbrennung des Toddämons, den 18. Jh.s von selbst auf den Reichtum
da die Unterlassung der Zeremonie den ihres Besitzers hinarbeitet 71 ). Auch
Tod eines jungen Menschen oder irgend j die niedersächsischen Zauberp.n von Celle
ein anderes Unglück zur Folge hat 57 ), werden als Heckemännchen aufgefaßt 72 ),
Der Abwehrzauber nimmt oft den Cha- wie sie als „Dragedukker“ (Tragp.n, die
rakter einer P.-nopferung an. Reichtümer ins Haus bringen) in Däne-
Um unruhige oder kranke Kinder zu mark bekannt waren, aus Knochen
beruhigen, wirft man in Tirol eine oder aus Alraunwurzeln 73 ) gefertigt.
Strohp. mit der Haube des Kindes in die Wachsp.n wurden im Mittelalter zum
Ziller, indem man es der „Nachtwuone“ Liebeszauber verwendet 74 ). Scha-
weiht 58 ); dabei hat man sich an die im denzauber verursachen P.n, die die
Indiculus erwähnten Fetzenp.n erinnert Hexen den kleinen Kindern' ins Bett
393
Puppe
394
A
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oder in die Wiege legen, wodurch die
Kleinen krank werden oder gar sterben;
diese P.n machen den Menschen sym¬
pathetisch krank, sie können nur ver¬
brannt werden 75 ). — Die P. übernimmt
in gewissen Fällen die Rolle des Men¬
schen: was ihr angetan wird, erleidet
gleichzeitig die ins Auge gefaßte Person.
So gilt der einer Wachsp. zugefügte
Herzstich dem, den sie vorstellt, der da¬
her auch krank wird oder stirbt 76 ), nach
alter Methode 77 ), denn schon im alten
Rom benützte man Bilder aus Wachs
oder Blei zu demselben Zwecke 78 ) wie
auch im Mittelalter und in neuer Zeit
solche aus Wachs oder Lehm 79 ). So haben
wir uns Rachep.n (s. d.) zu denken, wie
eine im Stettiner Museum sich findet,
ein Bleikästchen, in das eine mensch¬
liche gefesselte Figur eingezeichnet ist 80 ).
Manches auf diesem Gebiete wird als
Analogiezauber zu werten sein, so wenn
jemand in dem Hause sterben muß, in
dessen Nähe Kinder mit P.n Begräbnis
spielen 81 ).
Eine ganz eigene Art von Zauberp.n sind
die Leben annehmenden. Übermütige
Sennen 82 ) oder Jäger 83 ) schnitzen eine
einen Dämon vorstellende P., füttern
sie, tränken sie mit Schnaps, sie erwacht
zum
A 1—.
putz 84 ), ein Almgeist 85 ), ein Kaser¬
männlein 86 ), ein Strohmännlein „Han¬
sel“ 87 ), die Unze 88 ). Dieser Dämon
bringt ein Strafgericht über die Frevler 89 ).
Diese P. stellt bei mädchenlosen Sennen
eine Dirne vor, der sie ebenfalls zu essen
geben, aber vorzüglich mit ihr Unsitt¬
lichkeit treiben 90 ). Die P. kann aber
unter Umständen auch eine gewöhnliche
Spielp. sein 91 ). Jedenfalls ist damit
der Übergang von der Spielp. zur dä¬
monischen gegeben.
Eine ähnliche Vorstellung kennen auch
die Esten, die Hauskobolde aus Werg,
Lumpen und Tannenrinde fertigen und
sie vom Teufel beleben lassen 92 ); zu ver¬
gleichen ist ferner die in Teufels Namen
bekleidete Wachsp. 93 ).
Der dem Donar heilige Hirschkäfer,
der auch Donnerp. heißt 94 ), bringt als
Feuerträger den Blitz ins Haus 95 ).
Auch im Bereiche des Fruchtbar¬
keitszaubers wird die P. vielfach ver¬
wendet. Und zwar zur Hebung der Frucht¬
barkeit beim Menschen; so wird im
Gasteinertale beim Perchtenumzug ein
P.nwickelkind den Weibern zugewor¬
fen 96 ), in der Schweiz erscheint ein
maskierter Narr mit großer P. vor dem
Hause Neuvermählter und zeigt der Frau
die P. 97 ). Damit sind wohl auch die
kleinen P.n bei der Weinlese im Prättigau
zu vergleichen 98 ). Kinderlose Eltern
brachten ein Kind aus Wachs, Holz oder
Silber dar "); eine P. mit Kinderkleidem
wird beim Hochzeitsmahl an der Stuben¬
decke befestigt, liegt auf dem Hochzeits¬
kuchen, kommt ins Brautbett 10 °) oder
wird zum Mahlgeld gelegt 101 ). In Meck¬
lenburg steht neben dem Brautbett eine
Wiege mit männl. und weibl. P., der kleine
Bub ins Hochzeitsbett gelegt, bedeutet
einen Knaben als Erstgeburt 102 ).
In der Fruchtbarkeit verleihenden P.
hat man den Ersatz eines lebenden Men¬
schen sehen wollen 103 ). — Von solchen
Zauberp.n spricht auch der Bericht über
die Zauberp.n von Celle auf Grund münd¬
licher Angaben, allerdings habe es auch
solche zur Verhinderung der Empfängnis
gegeben 104 ). Auch die am Totensonntag
verwendete P. scheint Beziehungen zum
Fruchtbarkeitskult beim Menschen zu
haben, da sie von Ungleichgeschlechtigen
getragen wird 105 ).
Die P. stellt aber mit Vorliebe auch
einen Dämon dar, der mit Pflanzen¬
wuchs und Ernteertrag in Zusammen¬
hang steht, so den Vegetationsgeist, der
die Fruchtbarkeit der Bäume fördert 106 ),
oder einen Emtedämon.
Schon in der Synode zu Lestines (743)
wird von einem „simulacrum quod per
campos portant“ gesprochen, wobei an
eine mit dem Emtewuchs zusammen¬
hängende P. (aus Stroh oder Ähren) zu
denken sein wird 107 ).
Naturgemäß findet diese P. vorzüglich
Verwendung im Rahmen der Frühlings¬
feier vom März bis in den Mai hinein in
verschiedenen Gestalten und unter den
verschiedensten Namen, so als Tod,
Winter, Fastnachtsbutz, Wilder Mann,
395
Puppe
398
Tattermann, Hexe u. a. Ich reihe nur
in aller Kürze die wichtigsten Bräuche
nach dem Kalender.
Eine P. erscheint am Marientag (25. 3.)
als Frauenp. 108 ), in Schlesien am Ruper-
tustage (27. 3.) 109 ), besonders beim Tod¬
austragen 110 ), auch als Hansl und Gretl 111 ),
am Faschingdienstag 112 ) beim Faschings¬
zug 113 ), in der Fastnacht 114 ), wobei
Gericht über sie gehalten wird (wird er¬
schossen oder verbrannt 11S ), als Stroh¬
mann 116 ) begraben oder ertränkt 117 ));
als Fastnachtsbutz 118 ) (1614), am letzten
Tage der Fastnacht als Strohmann 119 ),
beim Faschingbegraben 12 °), Fastnacht¬
vergraben 121 ), am Aschermittwoch 122 ),
am Hirßmontag (Montag nach Ascher¬
mittwoch) als Kridigladi 123 ), sie erscheint
als Döll oder Löll zu Eichstädt 124 ); eine
P. wird beim Sommerdockenaustragen
in Böhmen als Tödin verwendet 12S ),
weibliche Todp.n kennt man unter ande¬
rem noch in Mähren und Schlesien 126 );
eine P. tragen Mädchen in einer Schachtel
(Franken, Nürnberg) 127 ), sie wird als
strohenes oder hölzernes Bild ins Wasser
geworfen 128 ); ähnliche Beziehungen
dürfte wohl auch die Wendung „tricas
ymagines in terram fodere“ bei Bert-
hold v. Regensburg haben 129 ). Ferner
ist hier zu erwähnen die P. aus Stroh und
Lumpen am Totensonntag 130 ), der Ju¬
das 131 ) am Karsamstag 132 ), die Winterp.
am 1. Ostertag am Kyffhäuser 133 ), bei
der Sommertagfeier 134 ), beim Winter¬
ersäufen im Gailtale 135 ), die Fetzenp.
(Hexe) am Walpurgisabend 136 ), die in
verschiedenen Formen erscheinende P. auf
dem Maibaume 137 ), beim Maifeuer 138 ); die
im Pfingstbrauch übliche P., die Pfingst-
p. 139 ), der Pfingstl 140 ), der Pfingst-
butz 141 ), der Pfingstlümmel 142 ), als Hansl
und Gretl 143 ) (München), ins Wasser ge¬
worfen 144 ) am unsinnigen Pfinnstag 145 );
die P. im Sonnwendbrauch (Hansl und
Gretl 146 ), Tattermann 147 ), Luther und
Kathei 148 ), Lotter 149 ), zu Peter und
Paul 150 ), als Verkörperung des Kirmes 151 ));
wohl auch die Mannsp. zu Mosigkau in
einem Julispiel 152 ), ähnlich der alte
Mann zu Pistorf 153 ).
Wollen diese und andere P.n den Er-
Puppe
trag der kommenden Ernte im guten
Sinne beeinflussen, so gibt es eine Reihe
von dämonischen P.n, die während der
Ernte und bei Ernteschluß Vorkommen.
Die P. erscheint als Korndämon 154 )
j als der Alte 155 ) (Westfalen) 155 ), eine
Mannsp., mit bunten Bändern aufge¬
putzt, gefertigt aus dem letzten Bü¬
schel 157 ); als ein einem Menschen glei¬
chendes Bäumchen auf der letzten
Fuhre 158 ) u. a.
Beim Dreschschluß wird in der Um¬
gebung des Kyffhäusers eine männliche
P. mit Arbeitsgeräten ausgestattet 159 ),
bei der Mahlzeit nach dem Ausdreschen
sitzt eine P. bei Tisch, der von allen
Speisen vorgesetzt wird 160 ); in Ober¬
österreich kennt man das ,,Drescher¬
mandl“ 161 ) aus Stroh, es heißt auch
„Leoblmann“ 162 ), und wird jenem Bauern¬
höfe zugetragen, der mit dem Dreschen
noch nicht fertig ist, damit es mithelfe 163 ).
Auch auf außerdeutschem Gebiete
finden wir die P. im Aberglauben der ver¬
schiedensten Formen.
So im Fruchtbarkeitszauber für den
Menschen; die Chinesinnen tragen eine
P. zu diesem Zwecke auf dem Rücken 164 ),
ähnlich auch sonst noch 165 ); hierher ge¬
hört die P. im Frauenkloster zu Smolensk,
die Unfruchtbarkeit abwendet 166 ); bei
den Römern wurden die oscilla als mem-
bra virilia bezeichnet 167 ); in Kleinrußland
wird die Jarilo-P. als Mann mit unge¬
heurem Phallus in den Sarg gelegt und
von Weibern beweint 168 ); als deutlicher
Übergang zum Vegetationsgeist er¬
scheint der Sommergott Kupala in Wei߬
rußland, eine Weiterbildung des Jarilo 169 ).
Beim Todaustragen auf tschechischem
Gebiete finden wir eine weibliche Lumpen-
P. 170 ), in der mährischen Walachei die
weibliche Tod-P. Marena 171 ), verwandt
damit ist der Lito 172 ); ähnliches bei den
Wenden 173 ), daneben Smrt oder Muriena
bei Slaven überhaupt 174 ); ferner die
P. im Mitfastenbrauche der Südslaven 175 );
aber auch bei Italienern und Spaniern
taucht die P. in solchen Zusammen¬
hängen auf 176 ). Hierher stellt sich der
russ. Semikbaum 177 ), die russ. Frau P.
im Pfingstbrauch 178 ), der estnische Vege¬
tationsgeist Metsik 179 ), die bei den Wen¬
den auf der bunten Kuh sitzende P. 180 );
die in Frankreich und Belgien bekannte
Riesen-P. „le gaiant“ 181 ), der Stroh¬
mann „grand mondard“ 182 ); die P.n
im Brauch zu Cambrai und Valenci-
ennes 183 ), zu Bourbonnais 184 ) und
Meurs 185 ); schließlich die schwedische
Johannisstange 186 ). Aus griechischem
Brauche gehört hierher das auf dem
Gipfel des Kithairon verbrannte Dai-
dalon 187 ) (Frühlingsfeier mit Feuer 188 )),
vielleicht auch die P. ,,Hellotis“ 189 ), ge¬
wiß aber der Sühnritus des P.nvergrabens
im Charila-Festbrauch zu Delphi 19 °)
(vgl. Todaustragen). Als Weih Sym¬
bol finden wir die P. im alten Rom,
wo an den Maiiden für jede Kurie eine
P. in den Tiber geworfen wurde 191 ); in
Auxerre um 400 n. Chr. 192 ). — Be¬
merkenswert ist der Brauch der Gil-
jaken auf Sachalin, die bei dem Tode
von Zwillingen — von denen ein Kind als
das eines Berggeistes gilt — eine Holz.-P.
als Kind bis ins dritte Geschlecht weiter
füttern und sie dann erst feierlich be¬
graben 193 ).
In Paris trug man zwei Püppchen
(männl. u. weibl.) gegen die Wirkung
der Fliegerbomben und Ferngeschosse 194 ),
in Basel ca. 1919 gegen Grippe (mündl.).
ia) Laufend zu vgl. Boehn Puppen- u.
Puppenspiele (München 1929) 2 Bde., bes. Bd. 1.
*b) Güntert Kalypso 229. 238; DWb. 7, 2244.
2 ) Güntert Kalypso 229 f.; über Etymologie
vgl. 230. 3 ) Vgl. die Abbildungen ZfVk. 9, 334;
vgl. 10, 99 f. 4 ) Beleg bei Heckscher 440
Anm. 21; Haltrich Siebenb. Sachsen 191;
Weinhold Frauen 1, 101 f. 5 ) Vgl. Adelung
Wb. i, 1180 f.; DWb. 7, 2244; Güntert Ka¬
lypso 229 f. •) Höf ler Botanik 28. 7 ) Vgl. DWb.
a. a. O. 8 ) John Oberlohma 118; Meyer Baden
431; ZfVk. 25, 366 ff. 9 ) Schroef 1 Mohn 73;
Sebillot Folk-Lore 3, 523. 10 ) DWb. 7, 2244.
13 ) Grimm Mythologie 1, 414 h 12 ) Saupe
Indiculus 31; vgl. Widlak Synode v. Liflinae
33; DWb. 2, 239. 1208; ZföVk. 31, 87. 13 ) WS.
1, 39 ff.; 1, 199. 14 ) WS. i, 39 ff. (mit zahlr.
Literatur). 15 ) Mannhardt i, 62. 16 ) Ebd.
1, 63. J7 ) Vgl. i. allg. WS. 5. 98 ff. 18 ) Vgl.
ZfVk. 25, 126. 19 ) Ebd. 25, 127. 2u ) Ebd. 25,
127; 5, 186. 21 ) Ebd. 22 ) Schultz Leben 140.
23 ) ZfVk. 22, 295; vgl. Rabe Kasper Putschen¬
eile. Hamburg 1912. 24 ) Weinhold Frauen
1, loi. 25 ) ZfVk. 9, 333 f. 2# ) Vgl. ZfVk. 21,
109; 25, 126 ff.; Andree Parallelen 2, 89.
27 ) Vgl. Ploß Kind 2 2, 257. 28 ) Ders. 240.
33 ) John Westböhmen 23; Engelien u.
238 (Brandenburg). 34 ) Krobath
*•) Weinhold Frauen 102; vgl. Globus 75, 354.
* Ä ) Reichhardt Geburt, Hochzeit und Tod 143.
31 ) ZfVk. 5, 186; 25, 129. 32 ) Vgl. Albers Jahr
3 * 7 -
Lahn
Kärntnervolk 110. 35 )Birlinger^ 4 w 5 Schwaben
2, 11. 3e ) Reiferer Ennstalerisch (Graz 1913)
25. 37 ) Köhler Voigtland 448. 38 ) Weinhold
Frauen 2, 136. Zum P.nspiel i.a.: Kollmann
Deutsche P.nspiele (Leipzig 1891); Lei¬
brecht Zeugnisse u . Nachweise zur Geschichte
des P.nspieles in Deutschland (Freiburg i. B.
1919). 39 ) Wrede Eifler Volksk. 135. 40 ) Mann¬
hardt 1, 165. 167. 41 ) Hauffen Gottschee 81;
Heimatgaue 8, 95. 42 j Hauffen Gottschee 72.
43 ) Hörmann Volksleben 17; Sartori 3, 122.
44 ) Gallistl Heimatkunde des polit. Bezirkes
Krummau (1903) 240; Sartori 3, 175. 45 ) Wre-
de Eifel 159, vgl. Heimatgaue 8, 96. 46 ) Ver-
naleken Alpensagen 396. 47 ) Heimatgaue
2, 252; 8, 95 f. 48 ) Adrian Salzburg (Wien
1924) 203 f. 49 ) ZfVk. 10, 100. 60 ) Köhler
Voigtland 379 f. 61 ) Ploß Weib 8 638. 62 ) ZfVk.
17, 470; Gruppe Griech. Mythol. 2, 907; Gün¬
tert Kalypso 229 f.; Samter Familienfeste
m ff. 63 ) ZfVk. 10, 100; Samter Familien¬
feste in ff. bi \ ZfVk. 17, 470; ARw - 7 . 53 Ü-;
Frazer 2, 344. 352. 55 ) John Erzgebirge 62.
Vgl. Pollinger Landshut 240. 58 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 211. 67 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 285. 58 ) Zingerle Tirol 7. 53; Zfd-
Myth. i, 237; ZfVk. io, 419h; Mannhardt
1, 62. 69 ) Meyer Mythol. d. German. 221.
80 ) Ebenda; ZfVk. 10, 99 f. 4*8 f. Ä1 ) ZfVk. 10,
419. 62 ) Bertsch Weltanschauung 9. e3 ) Köh¬
ler Voigtland 171; vgl. Sepp Religion 88, Pestp.-
in Frankfurt a. M. **) Adrian Salzburg 192.
65 ) Drechsler 1, 297. 66 ) Gruppe Griech.
Mythologie 2, 972. 67 ) Wre de Eifler Volksk.
230. 68 ) Grimm Mythologie 3, 148 = Müllen-
hoff Sagen 209 Nr. 285. 69 ) Müllenhoff Sagen
210 Nr. 285. 7Ü ) ZfVk. 11, 217 f. 71 ) Müllen¬
hoff Sagen 209 Nr. 284. 72 ) ZfVk. 9, 335.
7S ) ZfVk. 10, 420; Güntert Kalypso 229 L ;
vgl. Quitzmann Baiwaren 27 = Vernaleken
Mythen 258. 74 ) Höfler Volksmedizin 196
(nach Ploß Weib). 75 ) Strackerjan 1, 381 —
Wuttke §396 = ZfVk. 10, 100; Strackerjan
2, 234 Nr. 497; vgl. Pollinger Landshut 240.
7 *) ZfVk. 7, 252; Grimm Mythol. 1045; Müllen¬
hoff Sagen 223 Nr. 303; Güntert Kalypso
229 f. 77 )ARw. 5, 8. 78 )ARw. 5, 8. 79 ) ARw.
5, 9; Meyer Aberglaube 35; Stemplinger
Volksmedizin 77. 80 ) ARw. 20, 417 (Referat).
81 ) Andree Braunschweig 224; Birlinger
Schwaben 1, 391; Naumann Grundzüge 70.
82 ) Alpenburg Alpensagen 283 Nr. 299; Laist-
ner Sphinx 2, 189. 83 ) Heyl Tirol 75 f. Nr. 38.
84 ) Ebd. 85 ) Zingerle Tirol 169 Nr. 292; vgl.
Laistner Sphinx 2, 189. 86 ) Zingerle Tirol
85; Laistner Sphinx 2, 189. 87 ) Vernaleken
Alpensagen 203. 88 ) Heyl Tirol 611 Nr. 75.
8Ö ) Vgl. Meiche Sagen 139 Nr. 185. 90 ) Heyl
Tirol 610 Nr. 75. 91 ) Ebd. 76 Nr. 39. 92 ) Grim m
Mythologie 3, 148. 93 ) Ebd. 94 ) Simrock
399
purpur—Pyromantie
400
Mythologie 237. 95 ) Grimm Mythologie 1, 152.
96 ) Andree-Eysn Volkskundl. 183. 97 ) SAVk.
8, 88; 11, 268 = Andree-Eysn Volkskundl.
183. 98 ) SAVk. 11, 268; auch als Phallen ge¬
deutet: Bühler Davos (1872) 373. ") Grimm
Myth. 2, 987. ll)0 ) ZfVk. 13, 298 ff. = Reu-
schel Volksk. 2, 28. 101 ) Öst.-ungar. Monarchie
i. W. u. B. f Oberösterr. u. Salzburg 439 =
Meyer Volksk. 181; vgl. Höfler Hochzeit 55
(P. in Gebäckform). 102 ) ZfVk. 13, 300 Anm. 1.
103 ) Ebd. 104 ) Ebd. 9, 333 f.; 10, 100; 13, 300.
105 ) Mannhardt 1, 421. 106 ) Ebd. 1, 605.
107 ) Ebd. 1, 405; vgl. Saupe Indiculus
28. 31 f. lt8 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 285.
109 ) Vernaleken Mythen 293. llu ) Bronner
Sitt’ u. Art nof.; Reu sehe 1 Volksk. 2, 52 ff.;
Vernaleken Mythen 69; Pritz Überbleibsel
aus d. hohen Altertum 63; Schultz Leben 415;
Sartori 3, 130 ff.; Waltinger Bauernjahr
(1914)22. in ) Sepp Religion 68. 167. 112 )John
Westböhmen 50 ff. 56 (Literatur). 113 ) Sepp
Religion 109; Mannhardt 1, 498; Liebrecht
Zur Volksk. 437; Öst.-ungar. Monarchie Bd.
Oberöst. u. Salzburg 151; Heimatgaue 7, 23.
lu ) Sartori 3, 97. 109. 123 ff. 115 ) Bertsch
Weltanschauung 124; Haltrich Siebenb. Sachsen
284; Vernaleken Mythen 294 ff.; Wrede
Eifler Volkskunde 209. 210 f. 116 ) John West¬
böhmen 42 (Literatur). 117 ) Köhler Voigtland
171; Birlinger Volksthüml. 2, 41; John West¬
böhmen 46 ff. 118 ) Vernaleken Alpensagen 363;
Reuschel Volkskunde 2, 52. 119 ) Vernaleken
Alpensagen 364. 12 °) Andrian Altaussee 122.
m ) Bronner Sitt* und Art 81; Hörmann Volks¬
leben 25; Mannhardt 1, 498. 122 ) Haltrich
Siebenb. Sachsen 284; Sartori 3, 124. 123 ) Ver¬
naleken Alpensagen 364. 365; Mannhardt
1, 523 (imbesond. alsRegenzauber-p. aufgefaßt).
124 ) Bronner Sitt* und Art 78. 125 ) John West¬
böhmen 54 ff.; Sartori 3, 133. 126 ) Vernaleken
Mythen 294 ff. 127 ) Grimm Mythologie 2, 639L
27. 316 ff. 326 ff.; Sepp Religion 284; Sartori
2, 91; Wuttke § 434; ZfVk. 7, 91. 156 ) Mann¬
hardt 1, 196. 210. 157 ) Simrock Mythologie
590. 158 ) Mannhardt 1, 200. 156. 158.
159 ) Kuhn u. Schwartz 370 Nr. 7; darnach
Mannhardt Forschungen 29. 18 °) Panzer
Beiträge 2, 217 f. = Sartori 2, 104; vgl. oben
die zu Leben gekommenen Puppen. 161 ) Hei¬
matgaue 2, 123. 162 ) Ebd. 1, 303; Oest.-ung.
Monarchie, Salzb.-Oberöst. 165; Meyer Volks¬
kunde 237. lft3 ) Mannhardt Forschungen 27.
164 ) Floß Weib 8 749. 165 ) Vgl. Frazer 9, 243.
249. 166 ) ZfVk. 17, 162. 167 ) Gruppe Griech.
Mythologie 2, 907 Anm. 7. 168 ) Globus 33, 317
— Mannhardt 1, 416 = Ploß Kind 2 2, 367L
Vgl. Mannhardt 2, 186. 268. 286 ff. 169 ) Glo¬
bus 48, 252 f. 17u ) Mannhardt 1, 156; Reins¬
berg Böhmen 86 ff. m ) ZföVk. 2, 244; Mann¬
hardt 1, 156. 172 ) Mannhardt 1, 156.
173 ) Kühn au Sagen 2, 546. 174 ) Grimm Myth.
2, 643; Globus 48, 252 f.; Mannhardt 1, 413.
175 ) Grimm Myth. 2, 682; Ploß Kind 2 2, 367t.
17 ®) Grimm Myth. 2, 682. 177 ) Mannhardt
1, 200 f. 178 ) Ebd. i, 157. 179 ) Ebd. 1, 408 f.
18 °) Kuhn Mark. Sagen 315 f. = Sartori
3, 194; Kuhn u. Schwartz 388, 72; Mann¬
hardt 1, 390. 181 ) Mannhardt 1, 523.
182 ) Ebd. 1, 408 f. 183 ) Wolf Beiträge 2, 392;
Mannhardt 1, 513. 184 ) Mannhardt 1, 205.
210. 185 ) Ebd. 1, 200. 186 ) Ebd. 1, 200. 187 ) Nils-
son Griech. Feste 52 ff. 55. 188 ) Vgl. Frazer
2, 3 * 239 f- 248. 271. 281 f. 189 ) Nilsson Griech.
Feste 95. 19l> ) Ebd. 467; Gruppe Griech. Myth.
2, 907. 191 ) Sepp Religion 338. 192 ) Grimm
Mythologie 1, 63. 3, 35. 193 ) Ploß Kind 2, 154L
194 ) RTradpop. 33, 136. Webinger.
purpur s. rot.
Purzelbaum s. wälzen,
pusten s. blasen.
X28 ) Ebd. 640 ff. 644. 129 ) Schönbach Berthold
50. 13 °) Sepp Religion 68. 167. 131 ) Bronner
Sitt* und Art 130 f. 132; Sartori 3, 148.
132 ) John Oberlohma 150; Mannhardt 1, 504L
133 ) Bronner Sitt* und Art 354. 138 f. = Sar¬
tori 3, 151. 134 ) Bronner Sitt* u. Art 108.
135 ) Gera mb Brauchtum 21. 136 ) John West¬
böhmen 71 (Literatur!. 137 ) Andrian Altaussee
125; Mannhardt 1, 181. 408; Sartori 3, 176.
138 ) Mannhardt 1, 513. 139 ) Albers Das Jahr
226; Hüser Beiträge 2, 36; Sartori 3, 191.
14 °) Mannhardt 1, 320. 141 ) Ebd. 1, 321; vgl.
Sartori 3, 200 ff. 142 ) Pollinger Landshut
214; Mannhardt 1, 321. 143 ) Sepp Religion
182. 144 ) Ebd. 179. 145 ) Ebd. 173. 146 ) Heimat¬
gaue i, 105. l47 ) Ebd. 7, 105; Öst.-ung. Mo¬
narchie, Ober.-Salzburg 156. 148 ) Hörmann
Volksleben 119. 149 ) Mannhardt 1, 513.
15 °) Heimatgaue 1, 292. 151 ) Sartori 3, 254 ff.
152 ) ZfVk. 7, 90. 153 ) Ebd. 154 ) Gesemann
Regenzauber 50. 155 ) Kuhn Märk. Sagen 341 f.;
ders. Westfalen 2, 184 Nr. 512 b; Kuhn u.
Schwartz Nr. 102; darnach Jahn Opferge¬
bräuche 171L; Mannhardt Forschungen 19 ff.
Pyromantie. Angesichts der Erschei¬
nungsfülle antiker und mittelalterlicher
Divination ist es nicht ganz einfach, den
sprachlich eindeutigen Begriff auch sach¬
lich genau zu umreißen. Nach Bouche-
Leclercq x ) könnte man eine Pyromantie
und eine Empyromantie dahin unter¬
scheiden, daß die erstere eine Ausdeutung
des Feuers selbst, die letztere eine Wahr¬
sagung aus dem Verhalten der ins Feuer
geworfenen Stoffe umfaßt; doch ist die Be¬
schaffenheit der Flamme nicht unab¬
hängig von der Art dieser Stoffe. Ein
anderer Einteilungsgrund ließe sich mit
Ganszyniec 2 ) darin finden, daß man die
bloße Ominaschau des sakralen und pro¬
fanen Feuers abtrennt von der Praxis
der geheimwissenschaftlich betriebenen
Mantik; aber auch dann würde man dem
401
Pyromantie
402
einheitlichen Charakter einer durchgehen- 2, 753 f.) oder Kristall (vgl. Krystallo-
den Grundvorstellung nicht gerecht. mantie) ist 12 ). Es geht also lediglich um
Immerhin werfen beide Vorschläge für die akustisch und visuell wahrnehmbaren
eine in diesem Rahmen durchaus not- Erscheinungsformen des gewöhnlichen
wendige arbeitshypothetische Ein- Leuchtfeuerbrandes,
grenzung schon einiges ab. Es soll hier Der Ursprung der P. ist dunkel; doch
nicht alles zusammengetragen werden, was sind sich die Bearbeiter 13 ) der Divina-
,,ex omnibus Ignis affectionibus fieret, siue tionen des Altertums im allgemeinen einig
lux ex cineribus emiseuisset, siue in ara in der Vermutung, daß, wenn man nicht
affulsisset, aut in capite, in mucronibus, autochthone Mehrbildung annehmen will,
ex igneis impressionibus, stellis caudatis, aus den Feuerkulten des Orients, ins-
Cometis, et id genus meteoris existeret“ 3 ); besondere der Perser, Anregungen für
vielmehr ist hier nur die Rede von einer eine mantische Ausdeutung der Flamme
P. im engsten Sinne des Wortes, d. h. als einer Erscheinungs- oder Mitteilungs¬
in der Beschränkung auf eine unmittelbare form der Gottheit ins Abendland ge-
Vorzeichenschau aus dem irdischen, künst- langten. Unmittelbare Überlieferungen
lieh genährten Leuchtfeuer größeren Aus- jedoch fehlen. Sowohl die babylonisch-
maßes. Demnach scheiden aus: die Deu- assyrischen Inschriften 14 ) als auch die
tung der ,,ostenta ignea“ 4 ), nämlich Zauberpapyri 15 ) geben nur Kunde von
feuriger (s. d.) Himmelserscheinungen 5 ) einer allerdings reich ausgestalteten Lych-
(s. Komet usw.), insbesondere die ob- nomantie (s. d.), die sich von der amt-
servatio fulminum 6 ) oder Keraunoscopie 7 ) liehen und privaten Feuerschau der
(vgl. Blitz, oben 1, 1416 h), und natür- Griechen nicht nur in der Technik, son-
licher Licht- und Feuerquellen auf der dern auch in der Deutungstheorie unter-
Erde 8 ), z. B. des Ätna 9 ) (vgl. außerdem scheidet. Zwingt man dort die Gottheit,
Irrlicht, oben 4, 784, Elmsfeuer, oben sich als Licht zu manifestieren und im
2, 791 f., Licht, feurig), sodann die Rauch- Licht zu offenbaren, so handelt es sich hier
(s. d. und Kapnomantie) und Aschen- nur um die Bereitung eines gegenständ¬
es. oben 1, 616) Wahrsagung (s. Tephra- liehen Zwischenträgers, durch den man
mantie), ferner die Divinationen aus der den Willen Gottes erforscht, den Ausgang
in der Sonderform des Kerzen- (s. d. und zukünftiger Unternehmungen vorerkundet.
Licht) und Lampen- (s. d.) Lichtes auf- Und über die Praxis dieser griechi-
tretenden Leuchtflamme (s. Lampado- sehen P., als deren sagenhafter Begründer
mantie, Lychnomantie) sowie der am Amphiaraos 16 ) oder Prometheus 17 ) gilt,
glühenden Eisen sichtbar werdenden sind wir gut unterrichtet 18 ). Sie ist un-
Zündhitze (s. Sideromantie 10 ), führt hin- trennbar verbunden mit dem Opfer-
über zum Feuerordal: s. Gottesurteil, oben dienst 19 ) und scheint nach den überkom-
3, 1016 ff.), des weiteren die Ausdeutung menen Belegen vorwiegend an die be-
des Verhaltens von nicht zum eigent- rühmten Opferstätten gebunden zu sein,
liehen Brennmaterial gehörenden Stoffen, Neben der Priesterschaft des Poseidon
wie von Lorbeerzweigen (s. Daphno- in Delphi und des Apoll in Theben sind
mantie, oben 2, 172 f.), Weihrauch (s. vor allem die olympischen Seher 20 ) des
Libanomantie), Getreidekörnern und Mehl Zeus begnadete Träger der Feuerschau
(vgl. Aleuromantie, oben 1, 258 ff.; Alphi- (I(X 7 ropoc ^/vy]), die sich zusammensetzt
tomantie i,3iof.; Krithomantie 5,594ff.), aus der Beobachtung der Flamme und
Tierteilen (Kephalomantie u )oben5,204ff.) des von ihr verzehrten Opferstückes. Der
und schließlich die mannigfachen man- rasche, gleichförmige, leuchtend auf-
tischenAnweisungen,in denen das Feuer nur lodernde Brand des vorsorglich geschich-
eine nebensächliche Rolle spielt, das offen- teten Holzstoßes galt als günstiges, ein
barende Medium hingegen der von ihm langsam sich entwickelnder, unregelmäßi-
bestrahlte Spiegel (vgl. Katoptromantie), ger, schwelender, vorzeitig verlöschender
Fingernagel (vgl. Onychomantie und oben I als ungünstiges Vorzeichen; besondere
403
Pyromantie
Pyromantie
406
Ausdeutung fand das Verhalten von
Schwanz, Galle und Blase der Opfer¬
tiere in der Glut.
Haben wir es hier mit einer zweifellos
echten und unmittelbaren Überlieferung
zu tun, so wird die Annahme eines tat¬
sächlichen Brauchtums unsicher, wo es
in den Zeugnissen nicht mehr um die Dar¬
stellung der Opferschau geht, sondern die
P. zusammen mit anderen Divinations-
arten in der dialektischen Philosophie auf-
tritt. Von der Vierelementenlehre her ge¬
sehen und durch die Auffassung von der
feurigen Natur der Seele und des Lebens
(vgl. Lebenslicht, Licht) beeinflußt 21 ),
wird sie, vor allem in der römischen Lite¬
ratur, außer in ihrer konkreten Erschei¬
nungsform 25 ) auch nach ihrem theoreti¬
schen Standort in der philosophischen
Systematik aufgeführt; dergestalt gehört
sie, seit Varro (1. Jh. n. Chr.) 23 ) klar
belegbar, zusammen mit Hydro-, Aero-
und Geomantie zu den „elementarischen“
Divinationen.
Dies Schema geht als verdammens-
werter heidnischer Aberglaube in das
christliche Schrifttum ein und wird,
seitdem Isidor es in seinen Kompilationen
brachte ?3 ), nahezu wörtlich in den dogmati¬
schen Auslassungen von Hrabanus Maurus
bis Thomas von Aquino 24 ) weiterge¬
schleppt und vom Humanismus wieder 1
aufgenommen 25 ), ohne daß wir über die
Technik Näheres erfahren.
Das ist um so bedauerlicher, als damit
die wichtigste Frage keine Beantwortung
findet: ob diese Überlieferung eine rein
literarische ist oder ob sie ähnliche Er¬
scheinungen im germanischen Kult vor¬
gefunden und sich mit ihnen verschmolzen
hat. Eine klare Entscheidung darüber
ist vorerst noch nicht möglich. In Betracht
kommen für die Frühzeit vor allem zwei
Hauptquellen. Die eine ist Eligius-Pirmin
und etwaige Vorläufer. „Nullus Christi¬
an 5 inpuras credat“, heißt es bei
Eligius 26 ) und in Pirmins Zusammen¬
stellung 27 ): „Tempistarias nolite credere
. . . neque inpurias, que dicunt ho-
mines super tectus mittere, ut aliqua fu-
tura possint eis denunciare.
Caspari 28 ) und Boudriot haben sicher mit
404
( Recht inpur (i)as mit Ijiirupct gleichgesetzt
und ein Feuerorakel, vielleicht in der be¬
sonderen Form des Rauchauguriums, an¬
genommen; der letztere will, obwohl
keine unmittelbare Entsprechung nach¬
zuweisen ist, auf Grund sonstiger Über¬
einstimmungen auch hier als gemeinsame
Quelle Cäsarius von Arles ansehen, was
für ihn zur Folge hat, daß es sich nicht um
germanischen Glauben handelt, da die
griechischen empyra „natürlich auch in
der Griechenkolonie Arelate Namen und
Art beibehielten . . . Germanische Über¬
lieferung ist ausgeschlossen“ 29 ). Das
dürfte jedoch nicht so unbedingt sicher .
sein; denn einmal ist uns diese Form der
P. aus dem Altertum nicht bezeugt; zum
andern wird sie bestätigt durch eine zweite
Quelle, die wesentlich stärkeren germafti-
schen Einschlag hat, den Indiculus super-
stitionum (s. d.), der unter XVII an¬
führt: „De observatione pagana in foce
vel in inchoatione rei alicuius“ 30 ). So
ist es nicht von der Hand zu weisen, daß
sich die in die Bußbücher, Traktate, Pre¬
digten usw. eindringende literarische Über¬
lieferung der Antike an germanischen und
insbesondere auch deutschen Bräuchen
ausrichtete, die der P. der Alten zwar nicht
in den Formen, wohl aber in der Grund¬
auffassung von der mantischen Kraft des
Feuers ähnlich sind, nur daß sie sich auf
eine bloße Vorzeichendeutung beschränken
und mehr häuslichen als öffentlichen Cha¬
rakter tragen. Das gilt von der einfachen
Feuerschau wie von Abarten unter Zu¬
hilfenahme besonderer Offenbarungs¬
mittel. Beides ist bezeugt im Corrector
Burchardi 3l ): „Fecisti, quod plures fa-
ciunt, scopant locum, ubi facere solent
ignem in domo sua, et mittunt grana ordei
adhuc loco calido, et si esalierint grana,
periculosum erit, si autem manserint,
bonum erit“ ? Diese Nachricht gewinnt
dadurch an Wert, daß ihr neuzeitliche
Aufzeichnungen (s. unten) völlig ent¬
sprechen; zudem wird das Gerstenkom-
orakel selbst von Boudriot 32 ) für ger¬
manisch gehalten.
Ein solcher Sachverhalt ist von Be¬
deutung für die Beurteilung der weiteren
mittelalterlichen Zeugnisse. Im Gegen-
405
Satz zu Klapper 33 ), für den die wenigen
deutschen Belege romanischer Herkunft
sind, ist zu betonen, daß sie doch zahl¬
reicher auftreten, als er annimmt, und daß
sie bei aller etwaigen Abhängigkeit von
außerdeutschen Vorlagen 34 ) im Einzel¬
fall doch insgesamt eine einfache, volks¬
tümliche Feuerschau auch auf deutschem
Boden wohl auszuweisen vermögen. Über
ihre Elemente wird allerdings nur wenig
ausgesagt. Vom St. Trudpert er Hohen
Lied 35 ) über Bruder Rudolf 36 ), Nikolaus
von Dinkelsbühl 37 ), Martin von Am¬
berg 38 ), Hans Vintler 39 ), Stephan von
Landskranna 40 ), Willem van der Tave-
rijen 41 ) und anonymen Traktaten 42 ) ist
bis zum Ende des Mittelalters nur die
Rede von einem „inspicere ignes“, einem
„fiur sehen“, bei dem man „sonitu ignis
aut ex figura eius“, „auß dem sauß oder
gestalt des fewers“ künftige oder ver¬
borgene Dinge erkennen, bei der man er¬
fahren könne, „wie sich die sach hie sol
enden“ 43 ). Aber solche summarischen Er¬
wähnungen sprechen nicht ohne weiteres
gegen das tatsächliche Vorhandensein einer
pyromantischen Übung; was sie berichten,
gleicht durchaus der schlichten Vor¬
zeichendeutung im späteren und heutigen
Volksbrauch.
Neben derartige Aufzeichnungen setzt
sich nun aber in der Folgezeit die huma- i
nistische Divinationsliteratur, die in
mehr oder weniger breiter Darstellung
das mantische Erbe der Antike beackert,
vor allem unentwegt begriffsfreudig syste¬
matisiert und für den deutschen Glauben
kaum Zeugnis ablegt. An der Schwelle
dieser Zeit steht in verhältnismäßig
selbständiger Stellung Johann Hartlieb.
Im 80. Kapitel seines Buches 44 ) schreibt
er „von der verpotten kunst, die man
haißt Pyromancia“, das ist „als ain
Weissagung von dem fewr“: „Got wolt,
das jch das wol künde, wann gar vil
menschen durch die kunst verlait vnd
verfürt werden vnd zu gar grossem vn-
gelouben chomen ... es sind frawen vnd
man, die sich vnderwinden fewre zu
machen vnd jn dem fewr dann sehen
geschechne vnd künftige ding, die maister
vnd maistrin diser tewfflischer kunst
haben besunder tag, darynn lassen sy
jn holtz zu beraitten vnd wenn sy jr
kunst treiben wollen, so gänd sy an ain
gehaime stat vnd füren mit jn die armen,
torhaftigen menschen, den sy dann wär
sagen süllen. sy haissen sy nider knyegen
vnd dem engel des fewrs, den sy eren
vnd anbäten, äch opffern. mit dem opffer
zünden sy das holtz an, vnd sicht der
maister gar genaw jn das fewr, er merckt
wol, was jm daynn erscheint.“ Im 81. Ka¬
pitel ergänzt er, „wie die kunst zugätt“:
„Ettlich sprechent, das sy jn dem fewr
sehen, als jn ainen Spiegel . . . ettlich,
die sehen an das fewr vnd jn seinen
flammen, ob der recht an jrrung vber
sich prynn. darnach sagen sy dann, wie
jr sach ergän sol. etlich die mercken,
wie der rauch gän krump oder schlecht,
das ist dann jr kunst vnd sagen grosse
ding damit, ob das fuir lauter prynn
oder dunckel“. „O lieber got, was claines
grunds hat die kunst“, ruft er aus und
weist darauf hin, daß der Brand sich
doch nach der Beschaffenheit des Brenn¬
materials richte, besonders in bezug auf
die Rauchentwicklung, dessen mantischer
Ausdeutung dann das 82. Kapitel ge¬
widmet ist. Kann man bis hierher trotz
antik-orientalischer Verbrämung immer¬
hin noch eigene Beobachtung vermuten,
so wird es in den folgenden Kapiteln
(83 —90) schwer, Angelesenes und Ge¬
schautes auseinanderzuhalten. Für unser
Thema ist die hier geschilderte Praxis
auch ohne Belang, obwohl Hart lieb sie
der P. zuweist; denn sie umfaßt solche
Veranstaltungen, bei denen es weniger
auf das Feuer ankommt als auf die von
ihm (auch als Kerzen- und Sonnenlicht)
bestrahlten Spiegelflächen bestimmter
Gegenstände, die als Träger der man¬
tischen Handlung in der landläufigen
Aufgliederung den Namen hergeben für
selbständige Divinationsformen 45 ). Daß
Hartlieb im 96. Kapitel schließlich das
Bleigießen unter die pyromantischen
Künste rechnet, zeigt deutlich die Schwie¬
rigkeit einer eindeutigen Begriffsbildung,
und so wird denn auch die P. ähnlich
wie die Hydromantie (s. oben 4, 551 ff.)
von den humanistischen Divinations-
407
Pyromantie
408
Systematikern in eine große Zahl von
Abarten aufgespalten. Dabei bezieht
man sich nahezu ausnahmslos auf die
immer vollständiger erfaßte Überlieferung
des Altertums. Von bloßer Erwähnung
der P. oder Pyroscopie 46 ), latinisiert
Ignispici( n )a 47 ), etwa bei Gerard Groots 48 ),
Johann Vincentius 49 ), Camerarius *°),
Boissardus 51 ), Zanchius 52 ) führt der Weg
über eine Zusammenstellung und Ver¬
arbeitung von Einzelbelegen z. B. bei
Agrippa von Nettesheim 53 ), Pictorius von
Villingen 54 ), Bodinus 55 ), Cardanus 56 ),
Potter 57 ), Rosinus 58 ), Valckenaer 59 ) hin
zu eingehender Darstellung ®°) der antiken
Feuerschau aller Art, so vor allem durch
Bulengerus 61 ) und Peucer 62 ).
Der letztere nun aber, häufig zitiert
und z. B. noch ein Jh. später von An¬
horn 63 ) stark ausgeschrieben, fügt seiner
Beschreibung der Opferfeuerschau und
Profanmantik den Satz an: ,,Non paucis
utraque adhuc hodie in usu est" 64 ). Und
wenn das nicht eine bloße Floskel ist,
haben wir hier verhältnismäßig früh eine
Auffassung vor uns, die antike Über¬
lieferung nicht nur referiert, sondern auch
in Beziehung setzt zum lebendigen Volks¬
brauch. Noch einen Schritt weiter geht
der eine Generation jüngere Delrio 65 ),
der im Anschluß an eine gedrängte Kenn¬
zeichnung der antiken P. erzählt, daß
die Litauer sich einer solchen noch „ho¬
die' f bedienten, indem sie einem Kranken
aus der Lage des von seinem Körper ge¬
worfenen Schattens Gesundung oder Ab¬
leben prophezeiten. Auch stellt er die
Frage: „An ab hoc vitio immunes Ger-
mani?“ und beantwortet sie unter Hin¬
weis auf die Johannisfeuerbräuche ver¬
neinend. Im allgemeinen aber gehören i
derartige Äußerungen, die eine historisch¬
ethnologische Zusammenschau von an¬
tikem und zeitgenössischem Brauchtum
verraten, erst dem späteren 17. und dem
18. Jh. an. Aus der Zeit, wo man z. B.
die Jahresfeuer zuerst im Altertum zu
verankern sucht 66 ), stammt auch eine
eindeutige wissenschaftliche Erwähnung
deutscher Feuerschau; 1729 kommentiert
Eccard 67 ) die Angabe des Indiculus durch
folgenden Zusatz: „Observatio in foco.
sive igne, restat apud plebeculam, quando
dicunt, das Feuer keifet, sive ignis mala
minatur. Fieri hoc creditur, ubi flammae
ex non satis siccis lignis succum vi ex-
pellit et veluti sibilat; quo indicari pu-
tant, ea re infausti quid portendi“.
Damit gewinnen wir den Anschluß an
die volkstümlichen Überheferungen der
Neuzeit. Eine Vorzeichendeutung aus
Farbe, Bewegung und Geräusch des
Feuers ist in allen deutschen Landschaften
reich bezeugt; die oben (2, 1395 f., Feuer
§ 5 ) gegebenen Belege 68 ) sind hier noch
um einige zu ergänzen 69 ). Insbesondere
ist hinzuweisen auf eine Entsprechung
zu der griechischen Opferfeuerschau in
gelegentlichen Beobachtungen bei den
Jahresfeuern. Wenn Delrio 65 ) die Jo¬
hannisfeuerbräuche mit der antiken P.
in Verbindung bringt, so leitet ihn dabei
die Auffassung, daß es sich hier wie dort
ganz allgemein um Feueridolatrien handle;
demgemäß begnügt er sich damit, aus
dem Bereich des Johannisfeuers Lustra¬
tionsriten aufzuführen, die jedoch mit
der Mantik nichts zu tun haben. Daß
aber auch bei den deutschen Jahres¬
feuern eine bescheidene Vorzeichen¬
deutung betrieben wurde und wird, zeigen
folgende Überlieferungen: Den badischen
Lenzkirchern kündigte ein ruhiger Brand
des Fastnachtsfeuers ein gutes Jahr,
ein unruhiger viele Gewitter an, die in
der Richtung des Rauches ziehen wür¬
den 70 ); im Kemptischen galt es als böses
Omen, wenn die auf dem Holzstoß er¬
richtete Strohhexe nicht recht brennen
wollte 71 ). Je heller beim Osterfeuer die
Fackel leuchtet, um so besser wird des
Trägers und der durchlaufenen Flur Ge¬
deihen sein 72 ); kommen die Feuerräder
in Lügde gut brennend zu Tal, ist ein
fruchtbares Jahr zu erwarten 73 ). In
der bayrischen Oberpfalz deuten die
durchs Johannisfeuer springenden Paare
einen lustig stiebenden Brand als gün¬
stiges, einen qualmenden als ungünstiges
Vorzeichen für das Zustandekommen der
Hochzeit 74 ); so hoch die Flamme auf¬
lodert, so hoch wächst der Flachs 75 ).
Im übrigen mögen noch einige seltenere
Formen mittelbarer P. der Gegenwart
409
Pyromantie
410
angeführt werden, die z. T. antiken und
frühmittelalterlichen Angaben entsprechen
und keine Sonderbenennung erfahren
haben. Ganz im Sinne des Gerstenkom-
orakels bei Burchard von Worms 31 )
tat man noch zu Beginn unseres Jh.s im
Egerland am Weihnachtsabend eine
Schleiße mit zwölf Weizenkörnern, je
eines für einen Monat des kommenden
Jahres, auf den Ofen; dasjenige, das in¬
folge der Hitze zuerst hüpfte und zer¬
platzte, zeigte den Monat an, in dem die
Getreidepreise steigen würden 76 ); mit
geringen Abweichungen und Ergänzungen
ist dieser Brauch auch aus dem südlichen
Baden bezeugt 77 ). Den gleichen tech¬
nischen Vorgang nutzte man in der
Schweiz als Liebesorakel ebenfalls am
Christabend: Die ledige Person zündete
zwei Büschel Wolle an; hüpften sie in¬
folge des Zerplatzens je eines darin ver¬
steckten Haferkornes gleichzeitig auf,
so sollten die unter ihnen vorgestellten
Personen ein Paar werden 78 ). In Schaff¬
hausen verfuhr man einfacher, indem
man einen Apfelkern in die Lichtflamme
tat; zersprang er knallend, so durfte man
der Zuneigung des Geliebten sicher
sein 79 ). — Entsprechend der antiken
Daphnomantie (s. d.) kennt der Volks¬
glaube ein Losen aus dem Verhalten von
Immergrün (oben 4, 675 f.; 2,210) und
Buchsbaumblättern (oben 1, 1696) in
der Glut oder auf der heißen Ofenplatte,
Feuerschaufel, Pfanne. — Einer u. a.
von Bulengerus 80 ) erwähnten „divinatio
ex ovis, seu 'ßopavTstct“ (s. d.) kommen
verschiedene mittelfränkische Bräuche
nahe 81 ): Bei der Behandlung des Magen¬
fiebers zeigt ein ins Feuer geworfenes Ei
durch den Zeitpunkt seines Zerplatzens
den Heftigkeitsgrad des Leidens an; in
eine Pfanne gelegt, deutet es auf baldige
Besserung, wenn es beisammen bleibt,
dagegen auf bösartige Verschlimmerung,
wenn der Dotter aus der Schale springt;
mit schwarzem Faden überquer an ge¬
kreuzte Stecken gebunden und übers
Feuer gehalten, weist ein Verbrennen des
Fadens und ein Zerbrechen des Eies auf
Tod, ein Unversehrt bleiben beider auf
Gesundung des Patienten. — Delrio
zählt zur P. ein zeitgenössisches Schatten¬
orakel der Litauer (s. oben 65 )), das sich, auf
Lampe und Kerze als Lichtquelle be¬
zogen, auch im deutschen Brauch findet
(s. Kerze).
Nach schlesischem Volksglauben läßt
sich aus dem Geräusch erhitzten Wassers
auf Art und Stand des zukünftigen Gatten
schließen 82 ). Dieses in das Gebiet des
Hafen- und Ofentopfbehorchens (s.
Ofen) 83 ) gehörende Orakel sei zum Schluß
aufgeführt als Beispiel dafür, wie der
lebendige Volksbrauch, der die Vor¬
zeichen nimmt, wo sie sich ihm sinn¬
fällig bieten, das wissenschaftliche Schema
sprengt und verschiedene Divinations-
formen — hier P. und Hydromantie
(vgl. oben 4, 560) 84 ) — miteinander ver¬
schmelzt.
4 ) Bouche-Leclercq Histoire de la divination
dans VantiquiU 1 (Paris 1879), 178 f. 2 ) Pauly-
Wissowa 13, 2116. 3 ) Bulengerus Liber
adversus diuinaculos et sotnniatores (III) c. 11.
Opusculorum systema 1 (Lyon 1621), 203.
4 ) Cardanus De rerum varietate 1 . 14 c. 69.
Opera 3 (Lyon 1663), 273 f. ö ) Vgl. von den
älteren Schriftstellern vor allem Bulengerus
a. a. O. 207 ff. 6 ) So z. B. Fabricius Biblio -
graphia antiquaria (Hamburg 3 1760) 600.
7 ) Camerarius Comm. de generibus divi -
nationum. Leipzig (1575), 44. 8 ) Der Umkreis
der von dieser Vorzeichendeutung erfaßten
Licht- und Feuererscheinungen ist sehr groß
und erstreckt sich beispielsweise auch auf die
Johanniswürmchen; ihr helles Leuchten ver¬
kündet gutes Wetter: Schramek Böhmerwald
250. ®) Nach Cardanus De sapientia 1 .4.
Opera 1 (Lyon 1663), 565, gibt es eine zweifache
P.: neben der Beobachtung des Verhaltens von
ins Feuer geworfenem Pech „alia quae in Aeth-
nae ignibus ad sacrificij instar peragebatur.
immissa enim victima si absumebatur, foelix
euentus predicebatur, si reiicebatur malus".
Das gleiche erwähnt Agrippa von Nettes¬
heim Magische Werke 1, c. 57, deutsche Über¬
setzung 1, 275, sowohl von den Ätnakratern
als auch vom vulkanischen Vorgebirge Nym-
phäum bei Apollonia, wo nach Sueton. in
Tiber, c. 14 und Dio 1 . 41 (vgl. Bulengerus
a. a. O. 205. 216) eine Feuerschau mit Weih¬
rauch, also eine Libanomantie (s. d.) vorge¬
nommen wurde. 10 ) Fabricius a. a. O. 610;
Boissardus De divinatione et magicis praesti -
giis. Oppenheim o. J. (1611?) 20. n ) Fa¬
bricius a. a. O. 598. 12 ) Vor allem bei Hart-
lieb; vgl. unten Text zu Anm. 45. 13 ) Z. B.
Bouche-Leclercq a. a. O. 178; Hopfner
Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber 2 (Leip¬
zig 1924), 103; Lenormant Die Magie und
Wahrsagekunst der Chaldäer. Deutsche Ausgabe.
4X1
Pyromantie
412
Jena 1878, 463. 14 ) Ungnad Die Deutung der
Zukunft bei den Babyloniern und Assyrern.
Leipzig 1909, 18. 1C ) Hopfner a. a. O. 103 ff.
18 ) Plinius 7, 56. 17 ) Aisch. Prom. 498. 18 ) Vgl.
die einschlägigen Darstellungen: Bouchö-
Leclercq a. a. O. 178 ft.; Halliday Greek divi-
nation. London 1913, 184 ff.; Pauly-Wissowa
5 (2), 2543 t. s. v. v E ( um>pa und die dort ver-
zeichnete Lit.; Staehlin Mantik 148. 19 ) In
der Systematik der im Humanismus wurzelnden
Divinationsliteratur erscheint die P. gelegent¬
lich als Unterabteilung einer mit „Hiero-
mantie" zusammengefaßten Opferschau: z. B.
Potter Archaeologia graeca. Deutsche Über¬
setzung von Rambach 1 (Halle 1775), 700 ft.
20 ) ARw. 18, 87 ff. 21 ) Vgl. Freudenthal Feuer
7. 22 ) In dieser Beziehung kennzeichnet eine j
Anmerkung von Potters Übersetzer Ram¬
bach, a. a. O. i, 700, das Verhältnis der römi- |
sehen zur griechischen Feuerschau: ,,Es ist
kaum zu glauben, wie genau und pünktlich die
Römer . . . den Griechen gefolgt sind. Man lese,
was Rosinus . . . (Romanorum antiquitates,
1 . 3 c. 11. Basel 1583. 103) sagt, und man wird
eine bis auf die kleinsten Umstände sich er- |
streckende Übereinstimmung wahrnehmen", j
23 ) Isidorus Etymologiae 1 . 8 c. 9, 15 (Migne
PL. 82, 312). 24 ) Die Stellen sind bereits unter
Hydromantie, oben 4, 565 f., angeführt. —
Hugo von St. Victor Eruditio didascalica
1 . 6 c. 15 (Migne PL. 176, 810 ff.) erweitert das
varronische Schema durch Hereinbeziehung der
Nekromantie zu einer fünffachen Divination;
dazu kämen ,,sub mathematica" ,,aruspicina,
auspicium, horoscopia" und schließlich ,,tres
aliae": ,,sortilegium, maleficium, praestigium",
so daß sich also insgesamt „simul undecim man-
tice" ergäben. 25 ) So schreibt Agrippa von
Nettesheim ,,Von den vier elementarischen
Wahrsagungskünsten der Geomantie, Hydro¬
mantie, Aeromantie und P.‘‘: a.a.O. 1, 275
und ,,rudibus versibus" übernimmt auch Joh.
Conr. Dietericus inseinen Antiquitates biblicae
Gießen 1671, 658, diese Einteilung, nur daß,
wohl des Wortspiels wegen, die Aeromantie
durch die Chiromantie ersetzt wird:
,,De terra est Geomantia divinatio facta
Ast aquam spectat Hydromantia; spectat ad
ignem
At Piromantia; sed Chiromantia sit tibi
palmae".
2B ) Boudriot Altgerm. Religion 32; Grimm
Myth. 1, 401. 27 ) Kirchenhistorische Anecdota,
hrsg. von Caspari 1 (Christiania 1883), 173 f.;
Boudriot Altgerm. Religion 32. 28 ) A. a. O.
1 > 174 - 29 ) Boudriot Altgerm. Religion 33.
30 ) Vgl. z. B. Saupe Indiculus 23. 3l ) Wasser¬
schieben 649; vgl. dazu noch das Brotorakel
ebd. 643 t. 32 ) Boudriot Altgerm. Religion 78.
33 ) MschlesVk. 21, 80. 34 ) Vgl. ebd. 66 (Antonin
von Florenz, 1389— 1459); ZfVk. 22, 128
(Bernardino von Siena, 1380—1444);
23, 2 f. 35 ) Das Hohe Lied, hrsg. von Haupt.
Wien 1864, 95. 36 ) MschlesVk. 17, 38. 37 ) Niko¬
laus von Dinkelsbühl Tractatus. Druck *
Straßburg 1516, 28 a. ») Germania (v. d.
Hagen) 2, 64. 39 ) Nach verschiedenen Hand¬
schriften und Drucken bei Grimm Myth. 3,
420; Zingerle Tirol 187 ff. und ZfdA. 9, 70,
wo Zarncke Vintlers Schrift im großen und
ganzen für eine Übersetzung aus dem Italieni¬
schen hält, die in der Vorlage fehlende Aber¬
glaubenliste aber nicht unbedingt auf den
gleichen Ursprung zurückgeführt wissen will.
Vgl. dazu noch ZfVk. 23, 2 f. 40 ) Stephan
von Lanzkranna Das buch genannt die hymel
Straß. Augsburg 1484, 42 b, nach SAVk. 27, 137.
41 ) Hansen Hexenwahn 253. 42 ) Züricher
Hdschr. 1393: Grimm Myth. 3, 411. — Pfälzer
Hdschr. 15. Jh.: AnzfKddV. 4, 449. — Magde¬
burger Hdschr. ausgeh. 15. Jh.: ZfVk. 9, 278.
4S ) Die aufgeführten Stellen sind abgedruckt bei
Freudenthal Feuer 72 ff. 4i ) Ulm Hartlieb
49 ff. 45 ) S. oben Text zu Anm. 12. 46 ) Z. B.
Bulengerus a. a. O. 203; Delrio (s. Anm. 65)
609. 47 ) Schon Plinius 7, 56; dann z. B. Zan-
chius (s. Anm. 52) 36; Valckenaer (s. Anm.59)
426 b. 48 ) Brief an Rudolf von Enteren (um
1380): Hansen Hexenwahn 86 l . 49 ) Johann
Vincentius (von Les Moustiers) Liber ad-
versus magicas artes c. 11 (um 1475), nach
Hansen Hexenwahn 231. 50 ) Camerarius
(1500—1574) a. a. O. 9; 102. 51 ) Boissardus
(*1528) a. a. O. 15. 166. 52 ) Zanchius Trac¬
tatus de divinatione. Hanau 1610, 36. 53 )
Agrippa von Nettesheim (i486—1535)
a.a.O. 1, 272 ff.; 5, 360. 64 ) Pictorius (f 1569),
ebd. 4, 168 f. 55 ) Bodinus (1530—1596) De
magorum daemonomania 1 . 2 c. 1. Frankfurt
1590, 219. Deutsche Übersetzung Hamburg
1698, m. M ) Cardanus (1501—1576) a. a. O.
565. 67 ) Potter a. a. O. 700 ff. 58 ) Ro-
sinus a. a. O. 103. 59 ) Valckenaer Euri-
pidis tragoedia Phoenissae 1755, 426 f.
60 ) Weitere Lit. bei Fabricius a.a.O. 609.
61 ) Bulengerus a.a.O. 203 ff. 62 ) Peucer
Comm. de praecipuis generibus divinationum.
Wittenberg 1580. 190 ff. 63 ) Anh orn Magio-
logia 309. 64 ) Peucer a.a.O. 193b. 65 ) Del¬
rio (*1551) Disquisitiones magicae 1 . 4 c. 2. Köln
1657. 609. 66 ) Vgl. Freudenthal Feuer
283 ff. 324 ff. 67 ) Eccard (Eckhart) Comm.
de rebus Franciae Orientalis et episcopatus Wirce-
burgensis 1 (Würzburg 1729), 426. 68 } Vgl. auch
Freudenthal Feuer 75 ff. 69 ) Zu oben 2, 1395
n )— 20 ): Peuckert Schles. Volksk. 47; Monatsbl.
d. Touristenkl. f. d. Mark Brandenburg 26 (1917),
14; ZföVk. 2, 285 (Rumänen). — Zu oben 2,
1396 21 )— 42 ):Fossel Volksmedizin i6g;Pollin-
ger Landshut 164; Baumgarten Aus der
Heimat 3, 104; Fischer Oststeierisches 114;
Reiter er Ennstalerisch 57; Spieß Fränkisch-
Henneberg 151; Heckscher Hannov. Volksk.
38; Kock Volks - und Landeskunde der Land¬
schaft Schwansen. Heidelberg 1912, 121; Ger¬
mania 29, 92; Liebrecht Zur Volksk. 328
(Norwegen); ZföVk. 3, 118 (Rumänen).
70 ) Meyer Baden 212. 71 ) Reiser Allgäu 2, 94.
72 ) Pröhle Harz 63; Strackerjan 2, 72 f.
73 ) Freudenthal Feuer 257. 74 ) Fehrle Volks¬
feste 72. 75 ) Bavaria 1 (1), 374; Meyer Baden
226 76 ) Egerland 9, 18; John Westböhmen 19.
77 ) Meyer Baden 484; Lachmann Überlingen
399. — Vgl. noch oben 3, 697: Gerstenkorn¬
orakel bei den Serbokroaten. 78 ) SAVk. 21, 44.
79 ) Unoth 1, 180. ®°) Bulengerus a. a. O. 212:
,,Divinatio ex ouis fuit, si ouum igni impositum
in capite, aut in latere insudaret. Si ruptum
•effluxerat, periculum ei portendebat, pro quo
factum fuerat, vel rei familiari". — Vgl. auch
Bouche-Leclercq a. a. O. 180. 8l ) Reubold
Beitr. zur Volksk. (Bezirksamt Ansbach). Kauf-
beuren 1905 (Sonderheft der DG.), 57. 82 )
Drechsler 1, 145!. 83 ) Vgl. Freudenthal
Feuer 71. 84 ) Vgl. noch ein ganz andersartiges,
ordalähnliches Orakel: Bei Diebstahl werden
angeglühte und wieder abgekühlte Steine unter
Namensnennung in Weihwasser geworfen, das
beim Schuldigen auf zischt: Anhorn Magiologia
770; Montanus Volksfeste 117. Freudenthal.
Quacksalber s. Nachtrag.
Quadrat s. Nachtrag.
Quälgeister s. 3, 478.
Quarz. Bei den Angelsachsen galt
der ,,weiße Stein“ (Quarz?) als wirk¬
sames Mittel gegen Stiche, fliegendes
Gift und alle Widerwärtigkeiten x ). In
Deutschland sagt man dem Quarz nicht
viel Gutes nach: Wer einen ,,Augstein“
(Gnatzstein, Quarz) längere Zeit ansieht,
bekommt schlimme Augen 2 ). In Meck¬
lenburg nennt man den weißen Wasser¬
oder Glasquarz ,,Blädderstein“, weil man
angeblich Bläddern (Blasen) bekommt,
wenn man mit dem Stein den Mund oder
gar die Zunge berührt 3 ). Wer einen
Milchkiesel findet, soll darauf spucken
und ihn dann rücklings über den Kopf
werfen, sonst bekommt er die Bläddern.
Sein glitzeriges, blisteriges Aussehen
scheint den Stein in diesen üblen Geruch
gebracht zu haben 4 ). In Ostpreußen
nennt man den weißen Quarz ,,Fieber¬
stein“; um diese Krankheit nicht zu be¬
kommen, muß, wer ihn aus Unvorsichtig¬
keit in die Hand nahm, ihn sofort über
den Kopf wegwerfen; wer ihn dann findet
und längere Zeit in der Hand hält, be¬
kommt das Fieber 5 ). In der Gegend von
Schleiz vertreibt man den Keuchhusten
der Kinder, indem man ihnen Milch zu
trinken gibt, in die man einen glühenden
Quarz hielt 6 ).
x ) Fischer Angelsachsen 41. 2 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 781 unten. 3 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 433 Nr. 2006 a; vgl. ZdVfVk. 23 (1913),
282 Nr. 36. 4 ) Urquell 4 (1893), 124. 5 ) Lemke
Ostpreußen 3, 46 u. 1, 48. 6 ) Seyfarth Sachsen
262; vgl. Köhler Voigtland 354. —• Vgl. Kiesel¬
stein. t Olbrich.
♦
Quecke (Agropyrum repens, Triticum
repens). Unkraut aus der Familie der
Gräser, das durch seine weithinkriechen¬
den Wurzelstöcke in Äckern, auf Garten¬
land usw. sehr lästig wird. Gegen Bett¬
nässen ißt man eine Kartoffel, durch die
eine Q. gewachsen ist (Ostpreußen)*)
oder man gibt den Bettnässern gebratene
Q.n ein, die durch eine Kartoffel ge¬
wachsen sind (Hinterpommern) 2 ). Im
Anhaitischen ist eine solche Kartoffel
gut gegen Kopfschmerzen und Fieber 3 ).
Wenn man bei abnehmendem Monde
ackert, sollen die Q.n zerstört werden 4 ).
x ) Urquell 3, 15. 2 ) Jahn Hexenwesen 360.
3 ) Wirth Beiträge 6/7, 29. 4 ) Marzell Bayr.
Volksbotanik 101. Marzell.
Quecksilber 1 ), ahd. quecsilbar, mhd.
quecsilber, eine Nachbildung des lat. ar-
gentum vivum wie frz. vif-argent, ital.
argento vivo 2 ).
Q. war im Mittelalter ein viel gerühmtes
Heilmittel. Man trug es als Amulett,
in einer Nußschale oder Federpose fest¬
verschlossen, bei sich; bis Ende des
18. Jh.s galten solche Amulette als Ab¬
wehrmittel gegen Pest, Dysenterie und
Kolik 3 ). Auf der Brust getragen sollten
sie den Wöchnerinnen die Milch erhalten
und mehren 4 ). Auch als Abwehrmittel
gegen Verhexung, bösen Blick und
Zauberei galten sie, wenn man sie unter
das Kopfkissen, ins Zimmer, unter die
Schwelle legte 5 ). Einen magisch (durch
Nestelknüpfen) Gebundenen, d. h. Im¬
potenten, sollten sie wiederherstellen 6 ).
Verbreitet war auch ihr Gebrauch gegen
Ungeziefer, besonders Läuse; nun hilft
hier zwar Q. tatsächlich, da aber der
Volksaberglauben das Auftreten von Un-
415
Quecksilber
Quelle— Quendel
418
416
geziefer teuflischen Wesen zuschrieb, ver¬
wendete man das Q. zunächst als Ab¬
wehrmittel gegen diese Urheber 7 ). Von
weiteren zauberischen Verwendungen des
Q.s sei vermerkt: In Oldenburg tut der
Bestohlene einen zufällig geretteten Teil
seines Gutes, z. B. den Rest eines ge¬
stohlenen Bienenkorbes, mit Q. zu¬
sammen in ein Glas oder einen hohlen
Knochen, verschließt diese fest und wirft
sie in fließendes Wasser; dann wird der
Dieb unruhig und entdeckt sich so 8 ).
Im St. Galler Land sieht man es vieler¬
orts nicht gern, wenn das „rastlose" Q.
verschüttet wird, da es die Erde „un¬
ruhig" macht 9 ). Andererseits verleiht
das Q. auch Festigkeit. So schüttet man
Q. in die Schuhe, um sicher zu treffen;
es soll standhaft machen und das Zittern
vertreiben. Dieser Aberglaube war bei
Soldaten bis in die neueste Zeit leben¬
dig 10 ). Eigenartig ist der Luther be¬
kannte Volksaberglauben, daß durch mut¬
willig hineingeworfenes Q. Brunnen ver¬
derbt werden können; noch heute glaubt
man in Franken und Oberdeutschland,
das Q. fresse Löcher in die Brunnenwand,
so daß das Wasser allmählich versickere 11 ).
Sagen vom Verschwinden von Quellen
durch hineingeworfenes Q. sind nicht
selten 12 ). Vielleicht entstand dieser
Aberglaube durch ein Mißverständnis:
Der Queckbrunnen (fons vivus), der auch
Silberbrünnlein heißt, hat sich in Q.
(argentum vivum) verkehrt, seitdem die
Markscheidekunst ihre alchimistischen
Vorstellungen unter das Volk trug 13 ).
Boshafte Menschen suchen auch Bäume
zu vernichten, indem sie Q. in das Loch
eines Zweiges bringen, ebenso die Wein¬
berge zu beschädigen, indem sie Q. in
sie vergraben 14 ). In der Heilkunde hatte
das Q. eine große Bedeutung und fand
meistens magische Verwendung. Aus
festem Q. verfertigte Ringe wurden als
Mittel gegen verschiedene Leiden emp¬
fohlen und getragen, so gegen Lues, Herz¬
schmerzen, Krampf. Bei ihrer Ver¬
wendung zum Heilen von Geschwüren
ist bezeichnend die Vorschrift, der Ring
müsse in hora coniunctionis Mercurii et
Lunae (d. h. der Planeten für Q. und
Silber) verfertigt sein, ein echt magisch-
alchimistischer Zug 15 ). Nach der Lehre
der Chemiker verfertigte man aus ge¬
härtetem Q. Ringe für Arme, Finger,
ja den ganzen Leib; sie sollten alle Feuch¬
tigkeiten, den Grind, selbst die Wasser¬
sucht herausziehen und verzehren 16 ).
Ein Gürtel aus Q.drähten diente zum
Vertreiben der Wassersucht und als Mittel
gegen Lues; ein Q.ring am Finger oder
Zehe galt als gut gegen die Flüsse 17 ).
Alle diese Q.amulette verdanken ihr Ent¬
stehen wahrscheinlich der Heilwissen¬
schaft, die im 16. Jh. bereits Q.sublimat
gegen die Franzosenkrankheit verwendete
und damit das bis dahin herrschende
Vorurteil gegen die medizinische Ver¬
wendung des Q.s zerstörte 18 ). Die eigen¬
artigen physikalischen und chemischen
Eigenschaften dieses Metalls mögen ebenso
wie der Volksaberglauben, der Pest,
Seuchen und andere Krankheiten und
widrige Zufälle bösen Geistern zuschrieb,
den Ruf des Q.s als magisches Heilmittel
bestärkt und zu seiner Verwendung als
Amulett geführt haben 19 ). — Magisch
ist auch der in Pommern übliche Brauch,
in den Futtertrog der Schweine ein Loch
zu bohren, Q. hineinzuschütten und dann
das Loch zu verkeilen; es soll sie gesund
erhalten 20 ). — Im Altertum hielt man
das Q. für ein innerlich tätlich wirkendes
Gift, da es die Eingeweide zerfressen
sollte 21 ). K. von Megenberg weist eben¬
falls auf die verderbliche Wirkung des
Q.dampfes hin 22 ), dessen große Gefähr¬
lichkeit übrigens in der neuesten Zeit
wieder behauptet wurde 23 ). Q. galt
lange Zeit als Allheilmittel, besonders
gegen alte Schäden 24 ). Die Volksheil¬
kunde verwendete es gegen Syphilis in
jeder Form, auch indem man damit
räucherte, d. h. es verdunsten ließ 25 ).
*) A. Jacoby Zum Quecksilber im Volksge¬
brauch, im SAVk. 21 (1917),88ff. 2 ) Kluge Etym*
Wörterb. s. v.; Schräder Reallexikon 2 2 , 209;
Bergmann 404. 3 ) Fr. de Pre de usu et abusu
amuletorum (1720) 20; R. Peinlich Geschichte
der Pest in Steiermark 1 (1877), 488; Amers¬
bach Grimmelshausen 2, 58; Staricius Helden¬
schatz (1706), 488 Nr. 24; zu den verschiedenen
Anschauungen alter Autoren über die Wirksam¬
keit solcher Amulette gegen Pest vgl. Jacoby
a. O. 92 f. 4 ) Jacoby a. O. 89; Bressl. Samml.
15, 199. 6 ) Balth. Schnurr Kunst-, Hauss- und
Wunderbuch (1676), 916; Staricius a. O. 477
Nr. 11; Kräutermann der Thüringische Para¬
celsus (1730), 69; Zedier 13, 1353; Schön¬
wert Oberpfalz 3, 219 § 16; Zahler Simmenthal
115 (aus dem Jahre 1772); ZdVfVk. 1 (1891), 321;
vgl. Mitt. z. jüd. Vk. N. F. 3 (1907)» 123 Nr. 55
u. 58 (aus d. Jahre 1676); Hovorka-Kronfeld
2, 13 (Konstantinopel); Seligmann 1, 392 u.
2, 18 (Spanien, Montenegro); SAVk. 19 (1915)»
215 u. 21 (1917)» 941 ZfrwVk. 1912, 226.
•) Seligmann 1, 277; Schmid und Sprecher
91; Keller Grab d. Aber gl. 4, 86. Zu Nestel¬
knüpfen vgl. Seyfarth 63 u. Dobeneck Mittel-
älter 2, 13 ff. 7 ) Jacoby a. O. 88 f.; de Pre
a. O.; Baidinger Alexiteria et alexipharmaca
contra Diabolum (1778), 7; Zedier 13, 1352;
Lonicer 31. 8 ) Strackerjan 2, 118 u. 1, 122;
Wuttke 413 § 642. 9 ) Baumberger St. Galler
Land 201. 10 ) SAVk. 1 9(1915), 226; ZdVfVk. 26
(1916), 223; Baumgarten Aus der Heimat 2, 94.
n ) Götze Luther 17; Klingner Luther m;
Jacoby a. a. O. 91; Sepp Sagen 333 Nr. 87 u.
701; vgl. Sebillot Folk-Lore 2, 406. 12 ) Bir-
linger Volksth. 1, 138; Rochholz Sagen i. 42
Nr. 28. 13 ) Rochholz a. a. O. 1, 43; gutes Bei¬
spiel dazu bei Zedier 30, 135; Sagen von Queck-
oder Süberbrunnen bei Sepp a. O. 701 u. 330;
Niderberger Unterwalden 1, 52; Lütolf Sagen
308. 14 ) SchwVk. 14, 33 (aus dem Jahre 1762);
ZdVfVk. 7 (1897), 187. lö ) Jacoby a. a. O. 88
u. 91. 16 ) Staricius a. O. 492; Zedier 13,
1352 (cingulum Mercurii). 17 ) Jacoby a. a. O.
88 f. u. SAVk. 15 (1911), 180; vgl. Bressl. Samml.
15, 198 u. Hellwig Kalender 62. 18 ) Peters
Pharmazeutik 2, 119; vgl. Zedier 30, 150 (Venus¬
seuche). 19 ) Seligmann 1, 277; J acoby a. a. O.
94; Lehmann Aberglaube 145. 20 ) Jahn
Hexenwesen 195 Nr. 782. 21 ) Lonicer 31 u.
52; Hovorka-Kronfeld 1, 353. 22 ) Megen¬
berg B. d. N. 410. 23 ) Hauptversammlung des
Vereins deutscher Chemiker Kiel 1926 (Vortrag
des Professors A. Stock). 24 ) Zedier 30, 1470;
Lonicer 52. 25 ) Hovorka-Kronfeld 1, 353
u. 2, 157; vgl. eb. 1, 162 f Olbrich.
Quelle s. Brunnen, Wassergei st er.
Quendel (wilder Thymian, im Bayrisch¬
österreichischen: Grodlkraut, Karwendel,
Kranzelkraut, Kro(n)lkraut, Kundel-
kraut, im Schwäbischen: Böhler; Thymus
serpyllum).
1. Botanisches. Stengel gewöhnlich
niederliegend, in dichten Rasen. Blätter
kurzgestielt, eiförmig. Die kleinen Lippenr
blüten sind rosenrot (selten auch weiß)
und stehen in kugeligen Köpfen oder in
kurzen, eiförmigen Ähren an den Stengel¬
spitzen. Die Pflanze duftet stark. Der
Q. ist häufig an sonnigen, steinigen Or¬
ten, an Wegrändern, Rainen usw. zu
finden x ).
Bächtold-Släubli, Aberglaube VII.
J ) Märze 11 Kräuterbuch 256; Heilpflanzen
153—158; W. Pf aff Naturkundliches u . Volks¬
tümliches vom Thymian. In: Schiern 7 (1926),
135 — 144 -
2. Als stark aromatisch riechendes Kraut
hat der Q. apotropäische Eigenschaften.
Besonders gilt das von dem Q. der „Ant-
laßkränzchen", d. h. der Kränzchen, die
am Antlaßtag (Fronleichnam) in der
Kirche geweiht worden sind. Sie kommen
in die Keller und Ställe gegen die Hexen 2 ).
Vor allem schützen diese Kränzchen
gegen den Blitzschlag 3 ). In den Rauh¬
nächten gibt man dem Vieh ein Geleck,
das u. a. Q. („Grodelkraut") vom Ant¬
laßtag enthält 4 ). Am Sonnwendtag oder
zwischen den zwei Frauentagen ge¬
sammelt schützt der Q. das Vieh vor
Krankheit und bewirkt, daß auch die
Milch recht reichlich und gut wird. Daher
wäscht man auch mit einem Absud der
Pflanze das Euter der Kühe und die
Milchhäfen 5 ). Um das Verderben der
Milch zu verhüten, wird in Brudzyn
(Posen) am Johannistag Q. und Teufels¬
dreck unter der Türschwelle vergraben e ),
auch in Niederbayem hängt man den
(am Antlaßtag geweihten) Q. als „Hexen¬
kraut" im Haus auf, damit die Hexe
nicht in die Milch kommen kann 7 ). Viel¬
fach legt man auch der brütenden Gans
oder Henne Q. unter, damit die jungen
Tiere leichter auskriechen usw. 8 ). Auch
hierin dürfen wir wohl ein ursprüngliches
Apotropäum sehen, vielleicht spielen auch
die unter 4 aufgeführten Anschauungen
mit. Die am Fronleichnam geweihten
Kränzchen legt man Kranken zur Heilung
unter den Kopf 9 ), auch sind sie ein
Mittel gegen den Bilmesschnitt 10 ). In
Böhmen räuchert man mit dem an Jo¬
hanni gepflückten Q. am hl. Abend die
Bäume aus, damit sie gut gedeihen 11 ).
Die Braut muß den geweihten Q. im
Mieder 12 ) oder in den Schuhen 13 ) tragen.
Im Kreis Oststemberg (Prov. Branden¬
burg) legt die Braut vor der Trauung
„Thymian“ (Q. oder Thymus vulgaris?)
in die Schuhe und spricht:
Ik tret\ ik tret up Thymian,
Kieck du mir keene andre an 14 ),
s. Dill 2, 296. Wenn jemand vom
Teufel verfolgt wird, soll er laufen, bis
14a
419
Quendel
420
421
Quiriacus, Quiricius—Quirinus
er einen „Karwendelstock“ (= Q.) findet,
und soll sich auf diesen setzen. Der
Teufel hat dann keine Gewalt über ihn 15 ).
2 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 37; Nieder-
bayr. Monatsschrift 9 (1920), 163 (Innviertel);
Reiser Allgäus, 145; Leoprechting Lechrain
187; Pollinger Landshut 215; Panzer Beitrag
2, 211. 3 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 38;
Treichel Westpreußen 4, 25. 4 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 312. 5 ) Baumgarten Aus der
Heimat 143; vgl. auchPerger Pflanzensagen 144.
6 ) Knoop Pflanzenwelt 12, 13. 7 ) Orig.-Mitt.
von Schinabek 1924. 8 ) Drechsler Schlesien
2, 88; Grohmann 140; Nordwestböhmen:
Orig.-Mitt. von Stelzhamer 1910; Kr. Ost¬
sternberg (Prov. Brandenburg): Orig.-Mitt. v.
Tempel 1925. ®) Zimmermann Volksheil¬
kunde 49. x0 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 39.
X1 ) Grohmann 93. 12 ) Schönwerth Ob^/a/^
1, 60. 13 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 39.
14 ) Orig.-Mitt. von Tempel 1925. 15 ) Menghin
Südtirol 121.
3. Besonders im Bayrisch-Österreichi¬
schen sind Sagen häufig, nach denen der
Teufel, der sich als Liebhaber einer Bauem-
dirne nähert, durch Q. („Kundelkraut“.
„Karwendel“ usw.) vertrieben ward, der
vor dem Fenster des Mädchens hängt.
Der betrogene Teufel ruft dann ent¬
täuscht aus:
Kudlkraut und Widritat
Hab’n mi um mei Madl bracht 1# ),
vgl. auch Dorant (2, 351), Dosten (2, 362),
Widerton. Eine ganz entsprechende Sage
ist auch aus Roussillon (Südfrankreich)
bekannt 17 ).
l8 ) ZfdMyth. 3, 343 = Freisauff Salzburg
529; vgl. auch Zingerle Tirol 1857, 64 t.;
Sagen 39; Alpenburg Alpensagen 1861, 6f.;
Baumgarten Aus der Heimat 1, 152; Heyl
Tirol 760; ZföVk. 26,52; Schönwerth Ober¬
pfalz 1,134; ZfVk. 9, 459 ; SAVk. 23,175.
17 ) Sebillot Folk-Lore 3, 384.
4. Der Q. ist ein „Frauenkraut“, er
gehörte wohl zu den aromatischen Kräu¬
tern, die der Gebärenden ins Lager ge¬
legt wurden 18 ). Er wird daher wie das
echte Labkraut (5,865!.) als „Marienbett¬
stroh“ bezeichnet 19 ), im Dänischen als
„Mutter Maries sengehalm“, im Eng¬
lischen als „Our Ladies Bedstraw“. Be¬
merkenswert, daß der mit dem Q. nah
verwandte Thymian (s. d.) in der Antike
der Aphrodite geopfert worden sein soll 20 ).
Nach einer flämischen Legende bereitete
die hl. Maria dem Jesuskinde aus dem
Q. ein Lager 21 ). Nach einer Tiroler Sage
hatte die hl. Maria sich bei ihrer Ver¬
mählung ein Kränzchen aus Q. auf das
Haupt gesetzt 22 ). Bei ihrer Reise über
das Gebirge soll die Muttergottes auf
einem „Karwendelrasen“ gerastet haben 23 ).
Der am Johannistag mittags 12 Uhr ge¬
sammelte Q. wird als Tee bei der Nieder¬
kunft verwendet 24 ), auch stillende Mütter
trinken diesen Tee 25 ). Nach einer pfäl¬
zischen Sage legte sich ein Mädchen, das
an „Mutterweh“ (Gebärmutterschmerzen)
litt, an einem Q.busch schlafen, da kam
ein Tier (= Gebärmutter, vgl. ihre Personi¬
fizierung als Kröte) aus dem Munde des
Mädchens nach dem Q.stock und kroch
dann in den Mund des Mädchens zurück,
das von da an gesund war 26 ). In den
Origines des Isidor von Sevilla (gest.
636) heißt der Q. „matris animula“,
propter quod menstrua moveat 27 ). In
slawischen Sprachen lebt dieser Name
als poln. macierza dusza, böhm. materina
duska, serb. majkina dusica (= Seelchen
der Mutter) weiter 28 ).
18 ) ZfVk. 3, 447. x «) Vgl. auch Wydlak Sy-
node von Liftinae 28; Höfler Botanik 116.
20 ) Murr Pflanzenwelt 196 f. 21 ) Teirlinck
Folklore flamand 1895, 37; Dähnhardt
Natursagen 2, 20; FFComm. 37, 91. 22 ) Der
Schiern 7 (1926), 144; ebenso in Friaul: Mail ly
Sagen aus Friaul 1922, 83. 23 ) Heyl Tirol 795.
24 ) Köhler Voigtland 377. 25 ) Schiller Tier¬
buch 2, 24. 26 ) Panzer Beitrag 2, 197. 27 ) Hof¬
ier Kelten 243. 28 ) Vgl. auch Grohmann 93;
Marzeil Heilpflanzen 156.
5. Im Thüringer Wald galt der Q. als
eine Pflanze, die bei Geschäften Glück
bringt; ein Stengel davon wurde mit der
Rechten dreimal um den Kopf geschwun¬
gen und dabei gesprochen: „Quandel,
mach mir Handel“ 29 ), vgl. Fingerkraut
(2, 1498). Auch in Unterfranken ist der
Spruch bekannt als „Quenl, du machst
mer Hännl“, dort wird aber „Handel“
als „Streit“ gedeutet 30 ). In Westböhmen
läßt man nach der Ernte 3—4 Halme
stehen, bindet sie zusammen, ziert sie
mit Q., legt einen Stein darunter oder
schichtet mehrere auf einander. Das ist
für die „Holzfrau“ 31 ).
2Ö ) Unger Pflanze als Zaubermittel hrsg.
von France 1910, 32 = Schiller Tierbuch
2, 24. 30 ) Mitt. u. Umfr. z. bayer. Volkskde.
N. F. 1911, 210. 31 ) John Westböhmen 189.
Marzeil.
Quiriacus, Quiricius s. Cyriacus.
Quirinus, hl., unter den zahlreichen
Heiligen des Namens Q. treten Q. von
Neuß und Q. von Tegernsee hervor, beide
der Legende gemäß römische Märtyrer.
I. Q. von Neuß, römischer Tribun, wurde
angeblich unter Hadrian (130?) ge¬
martert 1 ). Seine Gebeine wurden am
30. April 1050 feierlich nach Neuß über¬
tragen als Geschenk des deutschstämmi¬
gen Papstes Leo IX. an seine Schwester
Gepa, Äbtissin des Frauenstiftes zu Neuß.
Die Neußer Kirche (Quirinusmünster, ehe¬
dem Stiftskirche) war freilich bereits 1043
dem Heiligen zu Ehren geweiht. Der Q.-
kult breitete sich früh über die rheinischen
Landschaften, die angrenzenden Nieder¬
lande, Ostflandern und Nordfrankreich
aus 2 ), umfaßte also ein ehedem zusam¬
menhängendes Kulturgebiet, das sich in
seinem Kern mit der alten Kölner Kirchen¬
provinz deckt. Mit den Heiligen Antonius
(Einsiedler), Cornelius und Hubert bildete
Q. früher die Sondergruppe der soge¬
nannten hl. vier Marschälle der Kölner
Kirche (s. o. 5, 1706) 3 ). Seine Ver¬
ehrung steigerte sich und gewann an
Volkstümlichkeit, seitdem die Stadt Neuß
aus ihrer während der Belagerung Karls
des Kühnen (1474/75) hervorgerufenen
großen Not durch den Beistand des Hei¬
ligen, wie man vermeinte, errettet worden
war. Christian Wierstrait betont die
Hilfe und bedeutsame Stellung des hl. Q.
in seiner noch im Jahre der Befreiung
(1475) vollendeten Reimchronik der Stadt
Neuß 4 ). Es scheint, daß der Heilige im
Neußer Kriege auch bei den fremden Völ¬
kern des burgundischen und des kaiser¬
lichen Heeres den Ruf eines machtvollen
Helfers gewann, wie z. B. die Wallfahrt
der Burgunder zum Q.münster nach dem
Friedensschluß verrät. Sicherlich über¬
trugen manche die Verehrung in ihre
Heimat. Es heißt, die Schweizer hätten
1474 Q. zu Neuß kennen und verehren
gelernt 5 ).
Der Heilige wurde gegen mancherlei
körperliche Gebrechen, vorzüglich gegen
Fisteln und Geschwüre und gegen die
Blattern angerufen, auch gegen Kopf¬
leiden. Als ein von Gott besonders „privi¬
legierter“ Heiler der Fistel wird Q. bereits
in einer Erzählung der „Libri octo mira-
culorum“ des Caesarius von Heisterbach
(um 1225) genannt 6 ). In Luxemburg
wandte man sich gegen Skrofeln, Blattern
und andere Krankheiten, z. B. der Augen,
an den im Petrustal verehrten hl. Q.,
im Volksmund „Sankt Grein“ genannt 7 ).
Weil Blattern und ähnliche andere Plagen
so oft durch seine Fürsprache, wie das
Volk glaubte, geheilt worden waren,
nannte man sie nach dem Heiligen selber
Q.plage oder Q.buße, Q.marter, Q.rache,
Q.rauch oder mundartlich (oberdeutsch)
Kürins-, Küris- oder Kirisplage usw. 8 ),
in Luxemburg die Blattern Greinsblat-
tern 9 ). Der Ausdruck Q.plage oder die
jeweilige mundartliche Form bildete ein
starkes Fluchwort und kehrt mit andern
ähnlichen verbunden in Verwünschun¬
gen 10 ) früherer Zeiten häufig wieder, so
bei Murner, Hans Sachs und anderen.
In der erneuerten Ordnung der Kölner
Büchsenschützen aus dem Jahre 1549
wird geboten, daß „sich ein jeder des
fluchens ader lesterunge aller lieben
heilligen meiden und enthalten soll als
droessen bladeren S. Quirin S. Huppert
S. Job S. Corneliß S. Thoneis und der-
glichen“ 11 ). Der Heilige wird deshalb
auch als ein sogenannter Marter- oder
Plagheiliger bezeichnet.
In dem Q.kult nehmen Wasser und
Brunnen eine bedeutsame Stelle ein. In
Neuß gab man Pilgern und Kranken aus
dem sogenannten Schädel des hl. Q.,
einem silbernen runden Becher (Napf) in
Gestalt eines Kopfes, Wasser, das aus dem
Q.brunnen an der Westseite der alten
Abtei geschöpft wurde, zum Trinken.
Vermutlich war eine Reliquie des hl. Q.
in dem Gefäß eingeschlossen. Ein „solcher
Napf“ soll außer für die Q.kirche in Neuß
z. B. auch für Maastricht, Werden, Brau¬
weiler bezeugt sein 12 ). Für Neuß ist der
Trunk aus der Zeit um 1466 von Gabriel
Tetzel aus Nürnberg überliefert 13 ). Er
sollte gegen Hirn- oder Kopfschmerz
helfen. Mittelpunkt des Q.kultes in
Luxemburg bildet eine den hl. Märtyrern
Quirinus, Firminus und Ferreolus ge¬
weihte Kapelle mit einem eingemauerten
423
Quirinus, hl.
424
Brunnen, St. Greinsbrunnen, eine „nie
versiegende kristallhelle Felsenquelle“,
deren Wasser jährlich am vierten Sonntag
nach Ostern gesegnet und von den Wall¬
fahrern gegen Skrofeln und andere Übel
getrunken oder in Flaschen gefüllt nach
Hause getragen und als Heilmittel auf¬
bewahrt wird 14 ).
Zu Ehren des hl. Q. auf Maiabend
(30. April, Übertragung der Gebeine) ge¬
weihtes Wasser gebrauchte man gegen
offene Wunden 16 ) und für das Vieh, vor¬
züglich für Pferde, um sie vor Unheil zu
bewahren. Für Neuß ist die Verwendung
des Q.wassers bei Pferden aus der Zeit
um 1650 und seine „heilsame Wirkung“
aus der Zeit um 1670 bezeugt 16 ). Das
geweihte Q.wasser mischte man, wie aus
einer Reihe von Ortschaften in der Eifel
überliefert ist, in das Viehfutter und gab
es auch im Laufe des Jahres den erkrank¬
ten Haustieren 17 ). Die Weihe des Wassers
war und ist noch heute an manchen Stellen
mit einem Festgottesdienst und einer Pro¬
zession verbunden, bei der häufig Pferde
geführt oder geritten werden 17a ). Außer für
andere Stellen (Aachener Gegend, Eifeier
Ortschaften) ist ein solcher Brauch, Bitt¬
prozession am 30. April mit Reiterzug und
Pferdesegnung und Weihung des Brunnens
mittels einer besonderen „Benedictio putei
in honorem S. Quirini“ noch heute für
Zülpich am Nordabhang der Eifel bezeugt.
Offenbar ist hier ein alter vorchristlicher
Frühjahrskult allmählich mit dem Kult
des hl. Q. verknüpft worden wie ähnlich
anderswo mit andern Heiligen. Die Ent¬
wicklung des hl. Q. zu einem Viehheiligen
steht vermutlich mit diesem Brauche in
Verbindung.
Als Seltsamkeit sei erwähnt, daß man
in Neuß sagt, die dreißig Jahre alten
Mädchen, die noch keinen Mann gefunden
hätten, müßten den hl. Q. scheuern gehn.
Gemeint ist sicherlich das kupferne Stand¬
bild des Heiligen, das seit 1740 die Kuppel
des Q.münsters ziert.
J ) AA. SS. März III, 811 ff.; Korth Die
Patrocinien im Erzbistum Köln 181 fi.; Annalen
d. Historischen Vereins f. d. Niederrhein 104
(1920), 121 ff.; Felten Der hl. Märtyrer u.
Tribun Quirinus , Patron der Stadt Neuß , 1900;
Künstle Ikonographie 508; Sebillot Folk-
Lore 1, 394. 2 ) Grein Geschichtliches über die
QVerehrung (1926) 22; Bömmels-Van Dyck
De hl. Q. van Nuis in „Verzamelde Opstellen"
1930, teils irrig. 3 ) In Thüringen u. im
Harz bildeten „Valentin zu Rufach, Ruprecht,
Quirin und Anton" (anscheinend Antonius der
Einsiedler), die dort im 15. Jahrh. vermutlich
als Helfer gegen die von ihnen vertretenen
Plagen auf Missionen zur Verehrung empfohlen
wurden, die „vier Botschaften", vgl. Anm. 10.
4 ) Christian Wierstraits Historij des be-
leegs van Nuys, hrsg. von Karl Meisen, Bonn
1926. 6 ) SAVk. 3,12. *) Caesarius v. Heister¬
bach 190. 7 ) Gredt Luxemburg 445. 8 ) Hofier
Krankheitsnamen 86. 399. 472. 488; bei Fisch¬
art heißt der ganze Monat April „Kirinsbiss"
(Q.-Buße), DWb. 5, 833; Alemannia 2 (1874),
264. *) Fontaine Luxemburg 107, 112. 10 ) Z.B.
„daß Euch St. Küri und das Ritt aller Schergen
und Kaiben schütt'!", DWb. 5,431; „daß
dich S. Kürin ankomme**, Agricola 502 (750
teutscher Sprichwörter), Hagenau 1534; „Ihr
mägd habt euch sant Kürins rauch", Scheidt
Übersetzung des Grobianus v. Dedekind (1551).
Im 15. Jh. fluchte man in Thüringen und im
Harz bei den „vier Botschaften", etwa „Daß
dich die vier Bottschaft ankommen!", also
die vier Plagen, die durch die vier Anm. 3
genannten Heiligen vertreten wurden. Scheible
Deutsche Stich - und Hieb-Worte. Eine Ab¬
handlung über deutsche Scheit-, Spott- und
Schimpfwörter , altdeutsche Verfluchungen und
Flüche (Straßburg 1885) 67, ohne nähere
Quellenangabe; Wein hold Die altdeutschen
Verwünschungsformeln in SitzbBerl. 1895, 6670.;
ARw. 1, i3iff. X1 ) Abgedruckt bei Ewald
Die rheinischen Schützengesellschaften (1933)
194. 12 ) Meisen a. a. O. s. Anm. 4. 13 ) Leos
von Rozmital reise, Publikationen des Litera¬
rischen Vereins in Stuttgart 7 (1843), 148:
„Do [Neuß] sahen wir in der Kirchen
einen köstlichen sarch, dorin leit der lieber
heilig sant Quirinus und sahen sein hirn-
schalen. Doraus [! ?] gab man uns zu trinken**.
S. auch oben 5, 202 u. Kopf. 14 ) Gredt a. a. O.;
Wirtz Heilige Quellen im Moselgau (1926),
21. 15 ) Schmitz Eifel (1856) 1, 35. 16 ) An¬
nalen d. Histor. Vereins f. d. Niederrhein 104
(1920), 145 t. 17 ) Oster Geschichte der Pfarreien
der Diözese Trier 3, 612. 658. 7120.; Bömmels-
Van Dyck a. a. O. i8ff. 17a ) Hindringer
Weiheroß u. Roßweihe (1932) 137.
2. Der ebenfalls als Märtyrer bezeichnete
hi. Q., dessen Gebeine 746 nach Tegernsee
übertragen worden waren, erfreute sich dort
seit dieser Zeit in steigendem Maße volks¬
tümlicher Verehrung. Seine Legende 18 )
ist freilich durchaus unhistorisch, so daß
wir über seine Herkunft, seine Zeit und
sein Schicksal im Unklaren sind. Man ist
geneigt, ihn mit einem hl. Q. von Siscia
oder Sissek in Kroatien aus der diokletiani-
*
425
Quitte
426
sehen Verfolgung gleichzusetzen. Fest
25. März 19 ).
Mitte des 12. Jh.s wird ein Q.brunnen
bei Tegernsee erwähnt. An diesem Brun¬
nen konnten Kinder oder Kranke ge¬
wogen werden, um unter Hergabe eines
dem Gewichte entsprechenden Opfers zu
gesunden oder durch einen sanften Tod
erlöst zu werden 20 ).
Auf einem Kupferstich des 15. Jh.s ist
dieser Q. als Schutzpatron gegen die
Pest 21 ) dargestellt. Früher teilte das
Kloster Tegernsee das sogenannte Q.öl 22 )
aus, das als ein wundertätiges Mittel gegen
Kopfschmerz 23 ) und mancherlei körper¬
liche Schäden angepriesen wurde, aber
nichts anderes als ein Stein- oder Bergöl
war. Die Stelle, wo es aus dem Boden
hervordrang, war von einer Kapelle
(Ölkapelle) überbaut. Das Q.öl wurde
auch als Geheimmittel gegen Ölschenkel
(Geschwür mit Ekzema) verwendet 24 ).
18 ) Hrsg, von Krusch M.G. SS. rer. Merov.
III, 11 ff. 10 ) Künstle Ikonographie 507. 20 )
Franz Benediktionen 2,461. 2I ) Künstle Iko¬
nographie 508. 22 ) Birlinger^ws Schwaben
1,466 nach einem 1787 erschienenen Anek¬
dotenbuch für katholische Geistliche', Sepp
Sagen 539; Andree-Eysn 129; Höfler ZfVk.
1 (1891), 296; Ders. Waldkult 114 findet,
ganz nach seiner Art, eine Beziehung des hl. Q.
und des Öles zu den „Kultölen". 23 ) Lammert
26. 24 ) Höfler Krankheitsnamen 564.
3. Reliquien beider Heiligen gleichen Na¬
mens ruhen an verschiedenen Orten, wes¬
halb auch mehrfach Wallfahrten 25 ) mit
neuntägiger Andacht zu solchen oder
strenge Fasten überliefert sind und eine
Q.Verehrung aus Baden, dem Elsaß und
bei Regensburg bekannt ist oder war. Ob
und in welcher Weise etwa der hl. Q.
von Neuß die Verehrung des Q. von
Tegernsee beeinflußt hat oder umgekehrt
und in welcher Weise von den beiden
Q.kultstätten aus Glaube und Brauch des
Volkes beeinflußt wurden und mit dem
Namen Q. verbundene Bezeichnungen aus¬
gingen, müßte noch genauer untersucht
werden. Namen und Verbindungen wie
z. B. Kürin, Kirisbuß usw. weisen auf
oberdeutsches Gebiet hin, hingegen Krings
und ähnliche auf niederrheinisches.
as ) Meyer Baden 529. Wrede.
Quitte (Cydonia vulgaris). 1. Bota¬
nisches. Die Q., eine Verwandte von
Apfel- und Birnbaum, wächst strauch-
oder baumartig, hat große rötlich-weiße
Blüten und goldgelbe rundliche Früchte.
Ihre Heimat ist Asien; durch die Römer
kam sie nach Deutschland. Die genaue
Zeit ihrer Einführung steht jedoch nicht
fest 4 ).
*) Hoops Reallexikon 3, 434 f.; Schräder
Reallexikon 646.
2. Im deutschen Aberglauben spielt
die Q. im Gegensatz zum antiken, ita¬
lienischen und südslavischen 2 ) keine be¬
merkenswerte Rolle. Die südungarischen
schwangeren Zigeunerinnen nehmen Q.n-
stückchen mit Blutstropfen eines kräftigen
Mannes besprengt bei abnehmendem
Mond, um kräftige Kinder zur Welt zu
bringen 3 ). „So die schwangeren Weiber
oft Q.n essen, sollen sie sinnreiche und
geschickte Kinder gebären“ 4 ). Gegen
die Leberfäule der Kühe gibt man den
Kühen am St. Martinstag einen Q.n-
schnitz 6 ). In der Volksmedizin wurde
früher die Q., besonders ihre Kerne, öfters
gebraucht 6 ). Als blutstillendes Mittel
wird ein Pulver aus Q.nkernen und
Attichkraut empfohlen 7 ).
2 ) Pauly-Wissowa 1,64; Pitr& Usi 2,42;
3,285; ATradpop 5, 166 ff.; 17,465; Krauss
Sitte u. Brauch 417. 168. 3 ) Urquell 3, 8 f.
4 ) Fuchs Kreuterbuch 1543, cap. 150. 5 ) Al¬
bertus Magnus Toledo 20 3, 24. 6 ) Schmidt
Kräuterbuch 53; Hovorka u. Kronfeld 1, 353.
7 ) Braunschweig. Kalender von 1699 = An¬
dre e Braunschweig 423. Marzell.
427
Rabe
♦
Rabe (Corvus corax).
i. Name. 2. Naturgesch. Aberglaube. 3.
Fremde Mythologien. 4. Im Götter-, 5a im
Dämonen- und 5b Seelenglauben. 6. War¬
nend u. weisend. 7. Vorbedeutung u. Angang.
8. Als Wetterkünder. 9. Heiligkeit u. Opfer.
10. R.nzauber. 11. Im Segen. 12. In der
Volksmedizin. 13. Weißer R.
1. Name. R. und Krähe werden vom
Volk durchaus verwechselt; es finden sich
darum in Namen und Aberglauben weit¬
gehendste Übereinstimmungen (vgl. des¬
halb stets: Krähe). Angeblich schon im
Paläolithikum beachtet 1 ), geht der Name
auf die onomatopoet. Wurzeln qor:
gr. xopa$, lat. corvus, und qraq: lat.
crocio, altksl. krakati = krähen, russ.
karkünu, altn. hrafn, ahd. hraban, mhd.
raben (auch feminin, vgl. Grimm KHM.
93) zurück 2 ). Im Niederdeutschen findet
sich heut Rabe, im Oberdeutschen
Rapp 3 ). Daneben findet sich altksl. vranu
der Schwarze, altpr. wamis, Rabe, also
ein nach dem Aussehen gebildeter Name 2 ).
Übernamen und Umschreibungen finden
sich verhältnismäßig selten 4 ). R.n nennt
das Volk die Zigeuner 4a ).
*) Correspondenzbl. Ges. Anthrop. 49, 27 f.;
G. Kossinna Indogermanen 1, 7; Ebert Re-
allex. 7, 140. 2 ) Nehring in Schräders
Reallex. 2, 397; DWb. 8, 5; Rieh. Loewe
German. Sprachwissenschaft 1, 88; Mahlow (zu
Kolkrabe) in WS. 12 (1928), 47 ff.; Tiroler
Namen: Dalla Tore ii3f. (131). 123. Ro¬
man. Namen bei Rolland Faune 2, 106 ff.;
Karl Meisen Nikolauskult (1932), 343; Gertrud
Franke Einfluß d. Nikolauskultes auf die
Namengebung im franz. Sprachgebiet (Bonn,
Phil. Diss.) 1933, 125. 3 ) Suolahti Vogel¬
namen 176. 4 ) Mschles Vk.H. 19 (1908), 90;
Suolahti I77ff. 4a ) Creangä Contes rou -
maines (Les litteratures pop. N. S. 1), 69 N. 1.
2. Naturgeschichtlicher Aber¬
glaube. Der R. gilt als der Krähe
Mann 5 ); einen großen Teil des auf den
R.en bezüglichen Glaubens wird man
demnach auch bei der Krähe finden. Wie
die Krähe war er anfänglich weiß (all¬
gemein) und schön 6 ); die schwarze
Farbe 63 ), die nach einigen die Sturmwolke
symbolisieren soll 7 ), ist Resultat einer
ihm widerfahrenen Bemalung (Indi¬
aner 8 ), Anam 9 )), oder er ward ihrer
teilhaftig, als er das Feuer (Wasser 10 ),
Harz 11 ), nordamerikanischer Indianer)
raubte, als er sich verbrannte 12 ). Die Ru¬
mänen denken an die Sintflut, nach wel¬
cher die Sonne zu heiß schien, so daß er
versengte 13 ). Gewöhnlich ist aber die
schwarze Farbe Folge einer Verwün¬
schung durch Apoll 14 ), Gott 15 ), Noah, weil
er nach der Aussendung aus der Arche
ein Aas fraß und sich verweilte (jüdisch,
rumänisch, walachisch 16 )). Er wurde
schwarz, weil er vom Menschen 17 ), vom
Teufel (slavisch: Kärnten) aß 18 ). Der
weiße Vogel wollte sich nicht beschmutzen,
als Gott ihn zur Mitarbeit am Brunnen¬
bau auf forderte (estnisch) 19 ), oder be¬
schmutzte sich am Schlamm nach der
Sintflut (rumänisch) 20 ), darum die
schwarze Farbe. Jesus verflucht ihn, weil
er ,,schade“ ruft, als man diesen nicht
findet (ungar.) 21 ), weil er das Wasser
trübte, aus dem das Jesuskind trinken
wollte (Tirol) 22 ). Die Jungen sind die
ersten sieben 23 ), neun 24 ), vierzig 24 ) Tage
weiß, und die Alten verlassen die Jungen
so lange 25 ) und Gott ernährt diese, dafür,
daß der R. Adam das Begraben der Toten
lehrte (jüdisch) 26 ). Junge R.en sind
fromm: sie fliegen gen Himmel, nachdem
sie gefressen, und loben Gott 27 ). Weiter
glaubt man, sie würden von den Alten
in Karfreitags- (Rhein-, Meer-) Wasser
gebadet und dadurch schwarz 28 ). Sein
Kopf wird weiß, wenn er falsch weis¬
sagt 2Ö ); er hat eine (weiße) Feder an sich,,
die er vernichtet, denn der, der sie er¬
langt, wird weise, glücklich usw. 30 ). Sein
Fleisch ist schwarz (giftig); aus ihm wächst
ethica 303 ).
Andere Folgen seiner Verfluchung durch
Noah sind, daß er auf Bergen wohnen
muß (rumänisch) 31 ), nicht grade gehen
kann (arabisch) 32 ).
Die R.en sind ständig durstig und
dürfen nur Regenwasser trinken 33 ), müssen
60 Tage im Sommer dürsten 34 ), das ist
eine Strafe Apolls 35 ), oder die Folge des
Ungehorsams des von Noah ausgesandten
R.en 36 ), oder ein Gedächtnis an die Spei¬
sung des Elias 37 ). Ähnlich heißt es
(franz.), daß der R. Jesu vor Verrat
schützen wollte, und daß es zum Lohn nie
in sein Nest regne 38 ).
Der R. war der erste, der von Jesu Ge¬
burt wußte. Er legt seither in der Christ¬
nacht-Mitternacht sein einziges Ei, das
er mit Harz verklebt und in den Ästen
des Tannenbaumes verwahrt 39 ). Und er
ist das einzige Tier, das in der Christ¬
nacht schläft 393 ).
Er brütet im Winter, aus Angst vor den
Ameisen, daß diese ihm die Eier rauben
(Estland, Polen) 40 ), oder auch das ist
eine Strafe (estn.) 41 ), Belohnung (Po¬
sen) 39 ), Fluch Noahs (rumänisch) 42 ).
Erst wenn er zu brüten anfängt, weicht
(Posen) der Winter 39 ). Vom brütenden
R.en kann man den R.enstein ge¬
winnen 43 ). Der R. wirft (schon nach
antikem und talmudischen M ) Glauben)
die Jungen aus dem Nest; doch heißt
es auch bei Aelian und Plinius, daß die
Jungen die Alten fräßen 45 ).
Der R. ist als Aasvogel 46 ) das Tier
des Schlachtfeldes 47 ), des Kirchhofs 473 )
und des Hochgerichtes 48 ), auch das ist
eine Folge des Fluches Noah 49 ). Deshalb
auch mag er im Märchen vorm Räuber¬
hause sitzen 50 ). Besonders gern hackt er
lebenden Tieren und Aas die Augen aus 51 ).
Seine Feinde sind nach den Alten
Grünspecht, Weihe und Wolf 52 ), der
Pfau (Anam) 53 ), Schnepfe (estn.) 54 ),
Eule 55 ) und Uhu 56 ); der Hase fürchtet
ihn 52 ); der Fuchs ist sein Freund 57 );
doch hindert das nicht, daß er ihn
überlistet 58 ). Die R.en sind kluge Vögel 59 );
sie riechen das Pulver 60 ), warnen die
Kinder im Walde vorm Jäger 61 ); doch
zeigen sie auch dem Klugen das Wild
an 62 ), spüren Aas in der Erde 63 ), die
Engerlinge im Feld 64 ). Trotz solcher
Klugheit, er ist auch der geheimen Kräfte
der Natur (Springwurz) kundig 65 ), wird
der R. zuweilen übertölpelt 66 ). Sonst hält
man die R.en für tückische Sauviecher,
die den Wandrer in Klammen stürzen 67 ),
für Lügner und Betrüger 68 ), für unver¬
schämt 69 ) und undankbar 70 ), geizig 71 ),
geschwätzig 72 ), gefräßig 73 ), diebisch 74 ),
geil 72 ), — obwohl sie als Muster der Gat¬
tenliebe gelten 75 ). Angeblich begatten sie
sich im Fluge 76 ), durch den Schnabel 77 ), wie
sie durch diesen gebären 78 ), oder sie
werden befruchtet, wenn sie ein R.enei
essen 77 ). Der R.gilt als langlebig 79 ). Senf¬
same tötet ihn 80 ). An vielen Orten hält
sich immer nur ein Paar R.en auf, die
andern müssen weichen 81 ). Der R. kann
sprechen 82 ), hat 64 Stimmen 83 ); sein
Ruf erfährt mancherlei Deutung 84 ), etwa
wie bei Augustin cras, cras — morgen
(so wie der Sünder die Reue auf morgen
verschiebt) 8S ); ebenso weiß man von ihm
im Tiergespräch 86 ). Er wurde zum
Sprechen abgerichtet 87 ). Anrufe und
Reime auf ihn sind häufig 88 ).
5 ) DWb. 6, 1974 t.; WS. 12, 52. 6 ) D ähn -
hardt Natursagen 1, 285 — ZfVk. 16 (1906),
388 nach Weil Bibi. Legenden d. Muselmänner
51. Vgl. zur schwarzen Farbe: M. Gott¬
fried Voigts Neu-Vermehrter Physicalischer
Zeit-Vertreiber 1694, 217 ff. 6a ) WS. 12, 48. 49 f.
7 ) Schwartz Volksgl. 67; Haltrich Sieben¬
bürger Sachsen 293; Wuttke 122 §162. 8 }
D ähnhardt 3, 63. 115; Wundt Mythus
2, 105. 8 ) Dähnhardt 3, 65. 373. 10 ) Ebd.
3, 78. 11 ) Ebd. 3, 77. 12 ) Ebd. 3, 77. 72;
Krauß Tausend Sagen u. Märchen d. Süd¬
slaven 1914, 359; Flucht durch Schornstein (s.
Krähe): W. Krickeberg Indianer mär chen aus
Nordamerika 1924, 203; Krallen: Ebd. 220.
13 ) Dähnhardt 1,284; ZfVk. 16,387. l4 )
Keller Antike Tierwelt 2, 103. (Die Arbeit
,,Rabe u. Krähe im Altertum“ im 1. Jahres¬
bericht d. wissenschaftl. Ver. f. Vk. Prag 1893
ist hier wieder abgedruckt.) Die Apollsage
wird durch Prediger wie R. P. Placidus
Taller Einfältiger doch Wohlmeinender Bauern -
Prediger. Regensburg 1716, 514 eingeschleppt.
15 ) ZfVk. 16, 389 = S6billot Folk-Lore 3,
158; vgl. Leo Frobenius Atlantis 1921. 1,
87 f. 16 ) Dähnhardt 1, 283 ff. = ZfVk. 16,
386 ff.; Grimm Myth. 2, 559; vgl. bin Gorion
Sagen d. Juden 1 (1919), 2140.; Volkskunde
7, 146; de Cock Volksgeloof 1, 111. 17 ) Dähn¬
hardt 1, 63 f. = Lemke Asphodelos 113; Se-
billot Folk-Lore 3, 158. 18 ) Dähnhardt 3,
59. 19 ) Ebd. 3,316; vgl. Anm. 22. 20 ) Dähn¬
hardt 1, 284 = ZfVk. 16, 387; vgl. Anm.
20. 21 ) Dähnhardt 2, 51 = ZfVk. 16,
389; dagegen Sebillot Folk-Lore 3, 160.
22 ) Zingerle Tirol 86 Nr. 726 = Dähnhardt
1,286 N. 1; 2, 77 = ZfVk. 16,389; Lemke
Asphodelos 113; ZfdA. 22, 16 f.; auch hier die
Eitelkeit auf das weiße Gefieder. 23 ) Me gen-
berg Buch d. Natur 146; Lonicer Kreuterbuch
1577, CCCXXVI R. 24 ) Strackerjan 2,164
= E. Lemke Asphodelos 110; Meier Schwaben
1, 220. 25 ) ZfVk. 16, 389 nach Fr. Rückert
Makame 11, Anm.; Sebillot Folk-Lore 3,
175; vg^- Nachw. 23; ferner ZfVk. 16, 388.
26 ) Ebd.; Lemke Asphodelos nonach Lemke
Ostpreußen 2, 21 f.; Dähnhardt 1, 249 f.
431
Habe
432
285 f.; Max Grünbaum Jüdischdeutsche Chre¬
stomathie 1882, 182; vgl. Lemke Asphodelos
120 f. Die Legende geht wohl über Augustin:
Megenberg 146. 27 ) Osw. Croll Von d. innerl.
Signaturen d. Dinge 1623, 53. 28 ) Drechsler
2, 230; Peuckert Sckles. Volkskd. 122; Wasser
vom Rhein: Strackerjan 2, 164 Nr. 394;
Meerwasser (lettisch): Dähnhardt 3, 314 f.
29 ) Horaz sat. I 8, 38 = Pauly-Wissowa
11,1.19. ZfVk. 35/36, 108 f.; Landtman
Folkdiktning 837; Dähnhardt 3, 316; vgl.
auch ebd. 3, 79: weiße Augen. 30a ) Buch d.
Beispiele d. alten Weisen (ed. Holland) 1860, 49 f.
31 ) Dähnhardt 1, 284 = ZfVk. 16, 387. 3a )
Ders. i, 285 = ZfVk. 16,388. 33 ) Kärnten: Zfd-
Myth. 3,29. 221 f.; Köhler Kl. Sehr. 1, 3f.;
ZfdA. 22,15 t.; Italien: Dähnhardt 3, 322; W.
Krickeberg Indianermärchen aus Nordamerika
1928, 203. 34 ) Plinius h.n. 10, 32 = Pauly-
Wissowa 11, 1, 20f.; Lemke Asphodelos 114
nach Reichhardt Volksabergl. u. Volksan¬
schauung über Tiere u. Pflanzen (Grafsch.
Hohenstein): Aus d. Heimat 1896 Nr. 10;
ZfdMyth. 3, 409. 3ß ) Ebd. = Lemke Aspho¬
delos 114. 3 ®) ZfdMyth. 3, 409; Lemke As¬
phodelos 114 (Grafsch. Hohenstein); Witzschel
Thüringen 1, 295 Nr.306 (Nord-Thüringen); ZfVk.
10, 210; Birlinger Volksth. 1, 123; Dähnhardt
1, 286 = ZfVk. 16, 389; ZfdA. 22, 16. 37 ) Zin-
gerle Tirol 87 Nr. 733; Lemke Asphodelos 114.
3Ö ) S6billotFo/Ä-Lor«3, (160.) 170; Dähnhardt
2, 52. 39 ) Knoop Tierwelt 38 Nr. 331. 39a ) Rev-
tradpop. 2, 535. 40 ) Dähnhardt 3, 143. 144;
vgl. zum Termin Rolland Faune 2, 123. 4I )
Dähnhardt 3, 314 f. 42 ) Dähnhardt 1, 284 =
ZfVk. 16, 387. tt ) Aristoteles hist. anim.
6,391 Plinius nat. hist. 10,31; Megenberg
Buch d. Natur 146 = Keller Tierwelt 2, 91.
94; Pauly-Wissowa 11, 1. 19. 44 ) Keller
Tierwelt 2, 94; DWb. 8, 6; vgl. „Raben-
eltem"; Meier Schwaben 220. Zu Grunde liegt
wohl Hiob 38, 41; bin Gorion Sagen d. Juden
1 (1919), 216 f.; Rolland Faune 2, 120 f. (s.
Anm. 25); (Noel Chomel) Öconomisch-Physi-
calisches Lexikon 8 (1753), 5; E. Lemke As¬
phodelos 1914, 109 f. 45 ) Aelian nat. anim.
3,43; Plinius 10, 121 ff.; Keller Tierw.
2, 94; Pauly-Wissowa 11, 1, 19. 46 ) Rad¬
io ff Probend. Volksliteratur türkisch-tartarischer
Stämme 1, 235. 47 ) Höfler Organoth. 124;
Beowulf 6044 A; Keller Tierw. 2, 97 f.; Gu-
drunarkvida 2, 7; J. Piprek Polnische Volks¬
märchen 1918, 200; Söbillot Folk-Lore 4, 337;
Friedr. Bangert Tiere im altfranz. Epos 1885,
212. 47a ) Im Elsaß: ZfdMda. 13 (1918), 132,
heißt der Kirchhof „R.n-Tanzplatz". 48 ) Pau¬
ly-Wissowa 11, 1, 20. 22; Keller Tierw. 2,
97 f.; Alfr. Jeremias Das Alte Testament im
Lichte d. alt. Orients 1930, 649 zu Sprüche
Salom. 30, 17; Zaunert Wesifäl. Sagen 1928,
305 f.; Ders. Dtsch. Märchen seit Grimm 2
(1923), 102; Ders. Märchen aus d. Donaulande
1926, 126; ZfrwVk. 1914, 85 t.; Wolf Niederl.
Sagen 401; Revtradpop. 5, 578; Aug. v. Löwis
of Menar Russische Volksmärchen 1914, 241.
Selbst rächender Geist = Alemannia 26, 162 f.
49 ) (Ukraine) Dähnhardt 1, 285 = ZfVk. 16,
387. M ) Schambach-Müller 305; vgl.
de Cock Volksgeloof 1, 110. 51 ) Seligmann
2, 155; Keller Tierwelt 2, 96; Megenberg
Buch d. Natur 147; DWb. 8, 6; Rolland Faune
2, 115 f.; Sebillot Folk-Lore 3, 177. Über das
„warum": M. Gottfr. Voigts Neu-vermehrter
Physicalischer Zeit-Vertreiber 1694, 566 ff.
62 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 20; Agrippa v.
Nettesheim 1, 116; Porta Magia naturalis
1713, 33 Nr. 12; (Noel Chomel) Oeconomisch-
Physical. Lexikon 8, 5 f. 53 ) Dähnhardt 3,
373. 64 ) Ebd. 3, 348. 55 ) Ebd. 4, 187!; Lieb-
recht Zur Volksk. 109 f.; ZfdA. 22, 17!.;
Zingerle Sagen 1859, 390; Heinr. Gradl
Sagenbuch d.Egergaues 1892,68 (vgl. Nachw. 134);
Pröhle Unterharz 19. 56 ) Dähnhardt 3, 356 f.;
Megenberg Buch d. Natur 147. 67 ) Pauly-
Wissowa 11,1, 20 nach Aelian 2, 51; Arist o t.
hist. an. 9,1; Plinius 10,205; Megenberg
Buch d. Natur 147; doch Porta Magia natu¬
ralis 1713, 33; vgl. ferner Keller Tiere 179.
273; (No 61 Chomel) 0 economisch- Physical.
Lexikon 8,6. 58 ) (Lettisch): Dähnhardt 4,
237. 282; Rieh. Wilhelm Chinesische Volks¬
märchen 1919, 27; Keller Tierwelt 2, 93. 59 )
(Indisch): Dähnhardt 4, 186 ff.; (listig): Ka¬
lilag u. Damnag (Übers, d. Pantschatantra) ed.
Bikell 1876, 22; bin Gorion Sagen d. Juden
1, 216; Grimm Myth. 2, 559; Liebrecht
Gervasius 45; Heyl Tirol 790 Nr. 173. 60 ) Zin¬
gerle Tirol 86 Nr. 728 = Hovorka-Kron-
feld 1, 354; Rolland Faune 2, 116. 61 ) Meyer
Baden 514; P. Walther Schwäbische Volksk.
1929» 93 ,' Meier Schwaben 1, 219 = Wolf
Beitr. 2,428. 62 ) ZföVk. 10 (1904), 51; Zin¬
gerle Tirol 87 Nr. 735. ® 3 ) Heyl Tirol 790
Nr. 173. fl4 ) Zingerle Tirol 87 Nr. 734.
65 ) Herzog Schweizer sagen 2,45; Wolf Beitr.
2, 428 f. ® 6 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 22; Keller
Tierwelt 3, 93; Dähnhardt 4, 67 u. Nachw. 58.
67 ) Alpenburg Tirol 386; vgl. Ernst Voigt
Ysengrimus 1884, 4 f. Nr. 1. Ä8 ) Keller Tierw.
2, 93; (Indianer:) Dähnhardt 3, 209. 351.
443 f.; Strodtmann Idioticon Osnabrugense
1756, 127. 69 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 19.
70 ) Taufik Canaan Dämonenglaube im Lande
d. Bibel (Morgenland 21) 1929, 15. 71 ) Osw.
Croll Von d. innerlichen Signaturen d. Dinge
1623, 53. 7a ) Pauly-Wissowa 11, 1, 21 nach
Ovid met. 2, 531 ff. 7S ) Ebd. 11, 1. 20;
Grimm Myth. 2,559; DWb. 8, 6; Luther Tisch¬
reden (Weimarer Ausg.) 3, 637 f. Nr. 3819.
74 ) DWb. 8, 6; ZfdMda. 16, 175; Oeconomisch-
Physical. Lexikon 8, 6; Schütze Holst. Idio¬
ticon 3, 305; Croll Von d. innerl. Signat. 53;
Keller Tierw. 2, 93; Pauly-Wissowa 11, 1,
20; vgl. Sagen vom Ringdiebstahl: Benfey
Pantschatantra 1, 172 f.; Kuoni St. Gallen
269L; Wolf Beitr. 2,405; Grässe Preußen
2, 913 f.; Lemke Asphodelos 121; Pröhle
Dtsch. Sagen 1867, 250 ff.; Knortz Streifzüge
113; Bechstein Thüringer Sagenbuch 2, 240;
Schwebe 1 Tod u. ewiges Leben 124 f.; Die
Grafschaft Glatz 5, 136 f.; Fr. Sieber Harz¬
land 1928, 86; Ders. Sachsen n6f.; Kuhn
Märk. Sagen 60 f. (201) = Brandenburg 222 =
Lemke Asphodelos 122; Arndt Märchen u.
Jugenderinnerungen (Hesses Klassikerausgb.)
(5,146) 6, 78 t.; P. Zaunert Dtsch. Märchen
seit Grimm 2 (1923), 229 ff.; WS. 12, 48; vgl.
Aug. Leskien Balkanmärchen 1915, 58. Leute,
die bei Nacht stehlen, heißen Nachtraben:
DVköB. 11, 165. 75 ) Dähnhardt 1, 249!.
(jüdisch); Pauly-Wissowa 11, 1, 20; Meyer
Aber gl. 72; Montanus Volksfeste 172; dagegen
Bolte-Polfvka 1, 363. 76 ) Megenberg
Buch d. Natur 147. 77 ) Ebd. 146; DWb. 8, 8;
(Aristot. hist. an. 2, 15). 78 ) Plinius 10, 32;
Pauly-Wissowa 11, 1, 19. 79 ) Keller Tier¬
welt 2, 105; Wackernagel Epea 10; Pauly-
Wissowa 11, 1, 21; DWb. 8, 5; Witzschel
Thüringen 2, 135; vgl. M. Claudius Abendlied
beim Mondschein zu singen ; P. Kretschmer
Neugriech. Märchen 1917, 81 f.; Krickeberg
Indianer mär chen 214. 80 ) Pauly-W T issowa 11,
I, 20 nach Aelian 6,46; ebenso Chamäleon:
Agrippa v. Nettesheim 1,113; heilt sichdurch
Eiche oder Rabenkraut: ebd. 81 ) Pauly-Wis¬
sowa ii, 1,20; Keller Tierw. 2,99; vgl. Se-
billot Folk-Lore 4, 262. 82 ) Ruodlieb 5, 173 f.;
Wilh. Busch Utöler Welt 1910,132; Keller Tier¬
welt 2,94. 83 ) Fulgentius mythol. 1, 12 usw.
bei Pauly-Wissowa 11, 1, 19; Megenberg
Buch d. Natur 147; Montanus Volksfeste 172;
ZfrwVk. 1914» 262. 84 ) Dähnhardt 1, 284 =
ZfVk. 16, 387; Ders. 1, 286 Nr. 1; 3, 391 f. 364;
Wossidlo Mecklenburg 2, 44 Nr. 20; ZfVk.
10, 222; Sebillot Folk-Lore 3, 182. 85 ) Au¬
gustin in Psalm. 92, 16; serm. 82, 14; Keller
Tierw. 2, 96; DWb. 8, 5; Knortz Streifzüge
116; Lemke Asphodelos 126. 8fl ) W. Busch
Ut 6ler Welt 76; Strackerjan 2, 164 Nr. 394;
ZfVk. 13,94; Knoop Tierwelt 38 Nr. 329.
87 ) Keller Tierw. 2, 94; Pauly-Wissowa
II, 1, 21. 88 ) Z. B. Germania (Neues Jahrbuch
f. dtsch. Altertumskd.) 8, 232; Curtze Waldeck
281 f.; SchwVk. 11,9; Wolf Beitr. 2, 428 f.;
Lewalter-Schläger 295t. 298. 316t.
Heßler Hessen 2, 276; BIPommVk.
Wossidlo Mecklenburg 2,
402. 255 f.
328;
5 . 591
256 ff.
161. 183. 186. 187. 297. 398; ZfdMyth. 4, 404;
Rolland Faune 2, 113 ff.; Sebillot Folk-Lore
3 . 183.
3. In fremden Mythologien. Den
nordamerikanischen Indianern an der
pazifischen Küste ist Yelch, der R.,
Schöpfer, Licht- und Heilbringer und
Stammvater 89 ). Den Mayas war er der
Vogel, der die Maisfrucht fand 893 ). Im
Iran verkörperte er den Siegesgenius "),
die königliche Glorie 90 ); dem Sonnengott
waren zwei R.en als Boten heilig 91 ),
ebenso wie Mithras 91 ). R.n sind bei den
Griechen die Begleiter Apolls 92 ), des
Bächtold-Stäubl i, Aberglaube VII.
Helios 93 ); die Himmelsboten 94 ); Apollo
selbst zeigt sich in R.engestalt 95 ); Su¬
merern und Babyloniern, Chinesen ist
er der Gottesvogel 96 ), den Esten der
Lichtvogel ö7 ). Es ist bemerkenswert, daß
in der alten wie in der neuen Welt der R.
den Lichtgott personifiziert.
Dem gallischen Gott Lugus und dar¬
nach dem gallorömischen Mercur soll er
heilig gewesen sein 98 ).
Bekannt ist seine Stellung in der assyri¬
schen "), jüdischen 10 °) und chinesi¬
schen 101 ) Sintflutmythe, der dort bereits
beginnende Gegensatz R. — Taube, sein
Verhältnis zu Elia (I. Reg. 17, 6) 102 ), den
er wie Paulus Eremita, Bonifatius und
andere Heilige mit Speise versorgt 103 ) •—
während sonst nur im leicht verächtlichen
Sinne von ihm gesprochen wird (Ps. 147, 9;
Hiob 38, 41) 104 ), oder er als das Tier der
Fluchzeit erscheint 105 ). Die heutigen Be¬
wohner Palästinas kennen Dämonen in
R.ngestalt 106 ). Auch bei den Burjäten
erscheinen oft Geister in R.-Gestalt 106a );
im Kälacakra-System des Buddhismus
zeigt der Schutzdämon des Schicksals
einen R.-kopf 106b ).
89 ) W. Krickeberg Indianermärchen aus
Nordamerika 1924, 191 ff. 203. 383. 388 f. 391 ff.;
Dähnhardt Natursagen 1, (63 f.) 65. 86. 110;
3, 7 N. 1. 28 f. 67. 77. 79. 97. 102. 104. 113 ff.
IJ 9 - 5°7 Ü-» 4 » 4 1 i Keller Tierwelt 2, 92; Aurel
Krause Tlinkit-Indianer 1885, 2530.; ZfEthn.
27, 222 ff. 192; Wundt Mythus 2, 159. 162.
163; Kurt Breysig Entstehung d. Gottesgedan¬
kens u. d. Heilbringer 1905, 10 ff.; P. Ehren¬
reich inZtfEthn. 38 (1906), 542; Knortz Streif-
züge 100 ff.; Herbert Schlieper Die kosmogo-
nischen Mythen d. XJrvolker , Bonn Phil. Diss.
1932, 22. Vgl. auch die Mythen der Tsimschian
ZfEthn. 27, 195 ff., der Haida: ebd. 217 ff.,
zusammenfassend Boas ebd. 488 ff.. Als Totem
Reuterskiöld Speisesakramente 26 f. 29;
Niederlaus. Mittlgn. 18 (1928), 320. 89a ) Ed.
Seler Ges. Abhdlgn 4 (1931), 580 ff. w ) Ol-
rik Ragnarök 329; Panier der Göttin der
Zwietracht: Knortz Streifzüge 108. 91 ) Keller
Tierwelt 2, 102. 103. 104; Lemke Asphodelos
ii2) Martin Dibelius Jungfrauensohn u.
Krippenkind (Sitzb. Heid. 22), 73. 92 ) Keller
102 f. 99; Ders. Tiere 267. 446; Hahn in
Ebert Reallex. 11, 7; Chantepie de la
Saussaye 2, 505; Küster Schlange 125;
Lemke Asphodelos 112. 93 ) Keller Tierw. 2,
104. 94 ) v. Duhn im ARw. 12, 167!.; Volks¬
kunde 5, 97. 95 ) Keller Tierw. 102. 103;
Panzer Beitrag 2, 410 f. nach Kallimachos
Hymne au) Apoll 66 f.; Ovid met. 5, 329 usw.;
14b
.
1 r
435
Habe
436
Plutarch de solertia an. 35, 9; Paus. 9, 3,
1 = Panzer Beitrag 2, 411; ZfdA. 22, 15. ® 6 )
Jeremias A Ite Testament im Lichte d. alt.Orients
I 93 °» 603 N. 3; Wilhelm Chines. Volksmärchen
1919, 24 f. 87 ) Kreutzwald Estnische Märchen
1869. 1, 7. 98 ) Keller Tierwelt 2, 106 f. ")
Ungnad Religion d. Babylonier u. Assyrer
1921, 107; Jeremias Alte Testament im Lichte
d. alt. Orients 134. 153; Gunkel Genesis 1917,
68ff.; Hahn in Ebert Reallex. 11, 7. 10 °) Gene¬
sis 8, 6 f.; vgl. Gunkel Genesis 64; Dähn-
hardt 1, 283 ff.; Chantepie de la Saussaye
L 598; Keller Tierwelt 2, 100. 101 f. 101 ) Wil¬
helm Chines. Volksmärchen 24. 102 ) SAVk. 23,
214 = Frazer Folk-Lore in the Old Testament
3 (1918), 22 ff. Als Boten Gottes zu dem im
Totenreich Weilenden deutet sie Jeremias
Alte Testament i. Lichte d. a.O. 603. 103 ) Kunze
Suhler Sagen 102; Frenkel Wunder u. Taten d.
Heiligen 1925, 74. I04 ) Zur Stellung de R.n im
semitischen Glauben vgl. auch E. Böklen Ent¬
stehung d. Sprache im Lichte des Mythos 1922,
184 h = Ebert Reallex. 5, 335. 105 ) Jere¬
mias Alte Testament 800. 106 ) Taufik Canaan
Dämonenglaube im Lande d. Bibel (Morgenland
21) 1929, 13. 16. 106a ) Georg Nioradze Der
Schamanismus b. d. sibir. Völkern 1925, 42.
i°6b) Albert Grünwedel Teufel des Avesta 2
(1924), 56.
4. In der germanischen Mytholo¬
gie. Der R. ist ein dämonisches Wesen, ein
Tier, das mit der Toten weit zusammen¬
hängt; das machte ihn zu des Toten¬
gottes Tier (vgl. Malten über die ähnliche
Stellung des Pferdes im Totenglauben 106c )).
Zwei R.n, Gottes Hühner 107 ), — nach
skaldischer Überlieferung Huginn und
Muninn genannt, — sitzen auf Wodans
Schultern, fliegen durch die Welt und
raunen ihm ihre Nachrichten ins Ohr 108 ).
Ob die Sage 109 ) einen Nachklang davon
bewahrt, bleibt noch zu untersuchen.
In St. Oswald mit dem R.n Wodan
sehen zu wollen, ist wohl verfehlt 110 );
es dürfte ein Märchen zugrunde liegen.
War der R. ursprünglich eine Personi¬
fikation von Wodans Seele 111 )( ?) (nach
E. H. Meyer der schwarzflüglige Sturm¬
vogel 112 )), der Vogel, welcher den Ge¬
hängten, Odins Opfer, umflatterte 113 ),
so hat doch zur Annäherung der beiden
auch beigetragen, daß er das Tier des
Schlachtfeldes (s. Wolf) ist 114 ), Krieger
(nach des Gottes Willen ?) geleitet 115 ), und
in der Fahne dem Heer vorangetragen
ward (s. Krähe) 116 ). Ebenso gehört
er dem Dichter zu 117 ). Als R. raubte Odin
den Met 118 ). Noch heute heißt — und das
soll auf den Wodanskult zurückgehen, —
eine Beteuerung der Friesen „das ist bei
dem Raben wahr“ 119 ). Doch wird man
weiter nicht vergessen dürfen, daß im ira¬
nischen und manichäischen Glauben, aus
welchem mancher Einfluß in den Norden
statthatte, zwei R.n, nachrichtenbringend,
auf des Gottes Schulter sitzen 108 ). Man
wird vielleicht auch den Walkyrien ein
R.nhemd, R.ngestalt (s. Krähe) beimessen
dürfen 120 ).
i°6 C ) Archäolog. Jahrb. 29 (1914), 178 ff.
107 ) Montanus Volksfeste 172 = E. Lemke
Asphodelos 1914, 110. 133. 135; (bei Montanus
heißen die Krähen „Königs Hühner“); ZföVk.
10, 51; R.n üben Gottes Gericht: Schöppner 2,
36 t. 108 ) Grimnismäl 26; Gylfaginning c. 38, vgl.
auch Ne ekel Balder 13 ff.; Heimskringla 1 c. 7;
Mogk Relgesch. 67; Jiriczek in ARw. 5, 278;
Grimm Myth. 1, 122; 2, 559; Meyer Germ.
Myth. 225. 232; Ders. Mythologie d. Germ. 371.
374 - 384; Jos. Brock Hygins Fabeln 1923,
XIV; Quitzmann Baiwaren 31. 244; Mann¬
hardt Götter 160; Wolf Beitr. 1, 26; man
könnte hier an einen Einfluß iranischer und
manichäischer Vorstellungen denken; vgl. auch
Nachw. 91. Eine keltische Entsprechung: Jo-
stes Sonnenwende 1 (1926), 1142.; vgl. Anz-
fdA. 51 (1932), 108. Ahnen das Weitende;
Hugin fliegt zum Himmel u. kommt nicht mehr
wieder: Lemke Asphodelos m, vgl. auch ^18;
Keller Tierwelt 2, 104. 109 ) Etwa: Heyl Ti¬
rol 253. 257; Lübbing Friesische Sagen 217;
Grässe Preußen 2, 410. 1028 f.; Peter öster¬
reichisch Schlesien 2, 4; Bolte-Polivka 2,
355 t-i Anton Mailly Sagen aus Friaul n.
110 ) Losch Balder 125 ff.; ARw. 3, 370 t.; Zin-
gerle Sagen 1859, 1; Ders. Oswaltlegende 1856;
ZföVk. 10, 51 (Kärnten um 1600); Grimm Myth.
2, 123; Simrock Mythologie 229; Quitzmann
Baiwaren 32. 244; Keller Tierwelt 2, 104 t.;
Lemke Asphodelos 123 f.; Dähnhardt Natur¬
sagen 1, 331 f.; Franz Kießling Frau Saga
im nied.-Österreich. Waldviertel (1924) 7, 38.
Nach Reginalds Vita S. Oswaldi: Wolfg.
Golther Deutsche Dichtung im MA. 1912, 123.
Erwähnt mag seine Beziehung zu christl.
Heiligen sein: Keller Tierwelt 2, 103. 104;
Grimm Myth. 2, 559 nach Paulus Diaconus
Gesta Langobard. I 26; Lemke Asphodelos 124 f.;
Sebillot Folk-Lore 4, 262. m ) v. d. Leyen
Sagenbuch 1, 174. 188; vgl. Wolf Beitr. 1, 26.
112 ) Meyer Germ. Myth. 1 12.232; Lemke Aspho¬
delos 114. 113 ) Ebd. 232. 235. m ) (s. Nachw. 46a
„Aasfresser“); Gudrünarkvida 2, 7 = Genzmer
Edda 1, 94; vgl. ebd. 129; Montanus Volksfeste
172; Fr. Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen
1929» 157 ; MschlesVk. 31/32 (1931). 109; vgl.
Krickeberg Indianermärchen 216 f. 115 )
Grimm Myth. 2, 559; 3, 193; Wolf Beitr.
!
Rabe
I, 26; Meyer Germ. Myth. 112; doch vgl. schon
Livius 7, 26 = Pauly-Wissowa 11, 1, 22.
ll# ) Grimm Myth. 2, 931 f.; 3, 193; Meyer
Germ. Myth. 112. 235.; Lemke Asphodelos 117f.;
Emst Meyer in Ztschr. d. Savignystftg. Germ.
Abtlg. 51 5 (193 1 )» 203. 117 ) W. Grimm
Altdänische Heldenlieder 1811, 25. 118 ) Vgl.
Krickeberg Indianer mär chen 203. 1W ) Fr.
Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 77; vgl.
Schulenburg in Niederlausitzer Mittlgn. 18
(1928), 297. 12 °) Neckel Walhall 79. 130;
vgl. auch Dähnhardt Natursagen 3, 116.
5 a. Im Zauber- und Dämonen¬
glauben. Hexen erscheinen gern als
R.n 121 ); R.n wieder sind Hexentiere 122 ).
Im Böhmerwald wird eine Kuhherde in
einen R.nschwarm verhext 123 ), in Schwa¬
ben verwandelt ein schwarzkünstlerischer
Schäfer seine Schafe in R.n 123a ). Auch
Hexenmeister 124 ) und Zauberer, wie König
Artus 125 ), nehmen R.ngestalt an, werden
vom R.n begleitet 126 ); ihr Mantel (Luft¬
fahrt) von R.n getragen 127 ). In Ober¬
schlesien flogen in der Heidenzeit drei
Missionare, als sie von den Heiden an¬
gegriffen wurden, als R.n davon 127a ). Be¬
kannt ist, daß die Schüler der schwarzen
Schule 128 ), Freimaurer in der Loge 129 )
in R.ngestalt beieinander sitzen. Schwarz¬
künstler können auch andere in R.n ver¬
wandeln 130 ), während im Märchen sonst
schon der böse Wunsch genügt 131 ). Nach
einer Werdenberger Sage aber sind die
R.n strafweis verwandelte Menschen 132 ).
Die Seele der Hexe 133 ), der oder die
Teufel, daemones mali erscheinen als
R.n 134 ), besonders wenn Unbefugte im
Höllenzwang studieren 135 ), so wie nach
dem Lesen in ihm die Unterirdischen
kommen (Schleswig-Holstein) 136 ). Ein
solches Zauberbuch heißt ja auch „schwar¬
zer Rabe“ 266 ). Der R. ist ein teuflisches
Tier 134 ), begleitet Satan 137 ), gilt als sein
Bote 138 ), Apostel 139 ), Reitpferd 140 ), in
der Bretagne als sein Geschöpf 141 ). R.n
verfolgen den bis nach Hause, der die
Hexen auf dem Sabbath belauschte 141a ).
Ein Teufel im Spessart hatte ein Maul
wie ein R. (Nachklang einer Beschreibung
in Zauberbüchern ?) 142 ). Nur einmal
wurde der Teufel mit ihm betrogen, in¬
dem er ihn als erste versprochene Seele
erhielt 143 ).
Als ein dämonisches Wesen erscheint
der R. auch im Märchen 144 ). Der Wald¬
geist (Hemann) 145 ), Zwerge 146 ), Haus¬
kobolde 147 ), Rübezahl 148 ), die nordi¬
schen Trolle 149 ) haben R.ngestalt. Die
wilde Jagd zieht als R.nschar 149a ), und
ihre Rufe deutet man als R.ngeschrei 149b ).
Als R. vertauscht „der Teufel“ ein Kind
(Wechselbalg) 15 °). Die Bergmännlein
im Kuhländchen hetzen Eulen und R.n
auf ihre Feinde 151 ). R.n sind Begleiter
des Obersten der Bergmännchen 151a ).
121 ) Bolte-Polivka 2, 69; Wuttke 123
§162; Kämpfen Hexen 53; Walliser Sagen 2,
268 f.; Vonbun Beiträge 96; Meyer Baden 556;
Mittig. Ver. Gesch. d. Dtsch. in Böhmen 18
(1880), 205 ; John Westböhmen 220 f. 254; (Steier¬
mark) ZfVk. 7 (1897), 246; Grässe Preußen
2, 618 f.; Strackerjan 1, 416; 2, 124. 164;
Lübbing Friesische Sagen 178; Wolf Niederl.
Sagen 373 f.; de Cock en Teirlinck Bra-
bantsch Sagenboek 1 (1909), 26f.; de Cock Volks-
geloof 1, in; Stroebe Nordische Volksmärchen
2, 63 ff.; Knortz Streifzüge 110; Sebillot Folk-
Lore 1, 99; Krauß Relig. Brauch 113. 122 ) Heß-
ler Hessen 2, 452; Wuttke 159 § 216 (aus
Kärnten); John Westböhmen 220. 254. 123 )
Jungbauer MwewaM 200. 123a ) Birlinger
Volksthüml. 1, 16 f. 124 ) Germania 26, 196 zu
Grimm Myth. 2, 919; Alemannia 4, 170; Wolf
Dtsch. Märchen u. Sagen 248; Arndt Märchen
u - Jugenderinnerungen (Hesses Klassikerausgb.)
6, 253; Sebillot Folk-Lore 1, 110 (4, 233).
125 ) Grimm Myth. 2, 559; Germania 5, 122;
Knortz Streif züge 111. 126 ) Keller Tierwelt
2, 104 t.; de Cock Volksgeloof 1, m (Luther,
Albertus Magnus, Berthold Schwarz): Lemke
Asphodelos 126; (zuberkundiger Jäger bannt
sie in die Stube:) Niederlaus. Mittlgn 18 (1928),
297. 127 ) Peuckert Schlesien 87; Karl R.
Fischer Doktor Kittel d. nordböhm. Faust
1924, 27. 34. 127a ) Ausschau v. Burg Tost (Hei¬
matbeilage) 2 (1927), Nr. 3. 128 ) Kühnau
Sagen 3, 167 ff.; Meiche Sagen 539; P. Zau-
nert Dtsch. Märchen seit Grimm 2 (1923), 84!.;
Jegerlehner Was d. Sennen erzählen 160 ff.;
Boehm-Specht Lettisch-litauische Volksmär¬
chen 1924,1000. 129 ) Peuckert Schlesien 96.
13 °) Gockelius Tractatus . . . von dem Be-
schreyen u. Bezaubern 1717, 29; ZfVk. 13
( I 903 )* 435 .“ Zaunert Hessen-Nassauische
Sagen 1929, 283 f.; vgl. Dähnhardt Na¬
tursagen 3, 116; Rolland Faune 2, 122.
131 ) Keller Tierwelt 2, 97; Grimm KHM.
Nr. 9. 25. 93; Henne am Rhyn Dtsch. Volks¬
sage (1879), 135; Köhler Kl. Sehr. 1, 57. 67.
175; ZfVk. 4 (1894), J 32; SAVk. 23 (1921), 207;
Jecklin Volkstüml. 1916, 74 f.; Jegerlehner
Oberwallis 329 Anm. 36; Germania 1, 425 f.;
Alemannia 26, 159; Panzer Beitrag 2, 172 f.;
Langer DVöB. 11, 165; Strackerjan 1, 134;
2, 164; Rosa Warrens Germanische Volkslieder
d. Vorzeit 2 (1858), 70 ff.; 4, 52 ff.; Talvj Ver-
439
Rabe
440
such einer geschichtl. Charakteristik d. Volkslieder
1840, 230 ff. Vgl. Handwörterbuch „Märchen“.
132 ) Henne am Rhyn Dtsch. Volkssage (1879),
135. 133 ) Grässe Preußen 2, 512; John West-
höhmen 220.254 > KochholzGiaube 1,156; Lemke
Asphodelos 119; ZfVk. 7 (1897), 195. 134 ) S. oben
2, 15; mhd. hellerabe, Höllenhuhn: Alemannia
26, 163; Keller Tierwelt 2, 97; Grimm Myth.
2, 833; Wuttke 123 § 162; Henne am Rhyn
Dtsch. Volkssage 135; Roskoff Gesch.d. Teufels
1 (1869), 301. 368. 369; Lemke Asphodelos 122 f.;
Erasmus Francisci Höllischer Proteus 195;
Scheible Kloster 5, 1138; (Militariuslegende:)
Kiesewetter Faust 1, 116; Friedr. Bangert
Die Tiere im altfranzös. Epos 1885, 212; Cä-
sarius Heisterbacensis Dialogus miracu-
lorum V c. 41 = K. Drescher Joh. Hartliebs
Übersetzung des Dial. mir. (Deutsche Texte d.
M. A.s 33) 1929, 352; Gottfr. Arnolds Unpar -
theyische Kirchen - u. Ketzerhistorie 3/4 (1700),
278; Karl Schindler Der schlesische Barock¬
dichter Andreas Scultetus 1930, 131; Pneumato-
logia occulta bei Horst Zauberbibliothek 2, 84;
R. Kienast J. V. Andreae u. d. vier echten
Rosenkreuzer Schriften 1926, 45; Johann Bruns¬
mann Das geängsligte Köge 1674, aus d. Dä¬
nischen übers, durch M. J. J. L. s. a. Leip¬
zig, A 7 A; Schade Ursula 71; Adam a Leben-
waldt 8. Tractätl 173; (Volkslied:) Alemannia
26, i6if.; P. Zaunert Dtsch. Märchen seit
Grimm 1 (1912), 2 f.; Walliser Sagen 2, 120 f.;
Kämpfen Hexen 25; Jegerlehner Was d.
Sennen erzählen 8ff. 216; Kuoni St. Gallen 121;
Rochholz Sagen 1, 331; ders. Glaube 1, 156;
Alemannia 11, 32. 34; Höhn Tod 356; Waibel
u. Flamm 1, 190 f.; Birlinger Volksth. 1, 124;
Zingerle Tirol 87 Nr. 738; ZfVk. 9, 375;
Alpen bürg Tirol 250; (Steiermark:) ZfVk. 7,
244 (195); Schöppner Sagen 3, 225 f.; 2, 22( ?).
36f.( ?); ZfdMyth. 4, 23 (Maingegend); Herr¬
lein Spessart 1906, 200 ff.; Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 52. 205; Jungbauer Böhmerwald 34;
John Westböhmen 220 f.(?); Gradl Sagenbuch
d. Egergaues 1892, 68 (vgl. Nachw. 55); Mitt.
nordböhm. Exkursionsklub i, 133; Peuckert
Schlesien 87; R. Kühn au Mittelschlesische Sagen
1929, 1331 Ders. Oberschles. Sagen 1926, 236;
Ders. Sagen 2, 613 f. 716. 727; 3,172. 168;
N. lausitz. Magazin 35, 372; P. Zaunert Hessen-
Nassauische Sagen 188 f. 289; Heßler Hessen
2, 324; Pröhle Unterharz 132 f.; Knoop
Schatzsagen 24 Nr. 47; Jahn Hexenwesen 8;
Ders. Volkssagen 178 f. 332. 347; Heckscher
77 - 3331 Müllenhoff Sagen 211. 367 = Wolf
Beitr. 1, 26; Kruspe Erfurt 1, 45 f.; (Aussig-
Karbitzer Lehr er verein:) Heimatkd. d. Bez.
Aussig 1929. II 1, 45; Walter Loose Sagen
aus d. Schwarzwasser gebiet 1931, 16; Meiche
Sagen 636 f.; Fr. Sieber Sächsische Sagen
1926, 208. 215; (Braunschweig:) Meyer Germ.
Myth. H2; ZfrwVk. 1914, 86; Montanus
Volksfeste 172; W. Busch Ut Öler Welt 134;
Strackerjan 1, 312. 319; 2, 164; Lübbing
Fries. Sagen 107; Wolf Niederl. Sagen 229.
401; Hess. Bl. 1, 249; Cock en Teirlinck
Brabantsch Sagenboek 1909. 1, 248; Paul Da-
nielsson Djävulsgestalten i Finlands svenska
folktro 1 (1930), 63. 106 ff.; de Cock Volksgeloof
x, in; (tschech.) Grohmann 65; Hovorka-
Kronfeld 1, 354 f.; (Kujawien:) Hess. Bl. 3,
119; K.W. Woycicki Volkssagen u. Märchen aus
Polen übers. Levestam 1921, 49; Wlislocki
Magyaren 160; Ders. Märchen u. Sagen d. trans-
silvan. Zigeuner 1886, 99f.;R. mit Entenfuß ==
Teufel: ebd. 104 f.; Rolland Faune 2, n8f.;
Säbillot Folk-Lore 3, 210 f. Schwarzer u.
weißer R. streiten um Seele: Schell Sagen 1922,
346f. Nr. 892. 135 ) Adam a Lebenwaldt
(j. bis) 8. Tractätl von deß Teufels List u.
Betrug 1682, 40; Müller Uri 1, 219; Wucke
Werra 1891, 282; P. Zaunert Hessen-Nassau-
ische Sagen 1929, 245. 275; Wolf Sagen 79 f.;
Kühnau Sagen 3,275; Peuckert Schlesien 85t.;
Karl R. Fischer Doktor Kittel , der nordböhm.
Faust 1924, 18 f. 27. 33; E. Lehmann Vom
Kronwald u. vom Krottenpfuhl 1921, 107!.;
(Pföhlwies Bez. Mährisch-Schönberg) Trost-
bärnla (Kalender), Mittelwalde 1924, 65 f.
(Aussig-Karbitzer Lehrerverein:) Heimatkd. d.
Bezirkes Aussig 1929. II 1, 57; Jos. Kern Sagen
d. Leitmeritzer Gaues 1922, 48 f.; Schulenburg
197 = 1930, 106; John Erzgebirge 135; Fr.
Sieber Sächsische Sagen 248. (Cap Sizun,
Pointe du Raz): Revtradpop. 2, 62; 9, 61 ff.
i 36 ) j? r Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 1929,
298. 137 ) Andree Braunschweig 397. Auch
lappisch: Carl Schoyen Skouluk-Andaras Be¬
richte aus Lappland 1923, 42. 74. 138 ) Grimm
Myth. 2, 833 nach dem Faust-Puppenspiel —
Simrock Mythologie 480; Lemke Asphodelos
123; Müllenhoff Sagen 367; de Cock Volks¬
geloof 1, in; Germania 27, 368 f.; Alemannia
26, 161; Wolf Beitr. 2, 28L; Quitzmann Bai¬
waren 33. 244. 139 ) Stroebe Nord. Volks¬
märchen 1,72. l4 °) Arndt Märchen u. Jugend¬
erinnerungen (Hesses Klassikerausgb.) 6, 181;
ZfdPhil. 14, 462. 1U ) Dähnhardt Natursagen
1, 164. 141a ) E. H. Carnoy Litterature orale
de la Picardie 1883, 105 f.; vgl. Nachw. 134.
142 ) Joh. Schober Sagen d. Spessarts 1912, 233
Nr. 16. 143 ) P. Zaunert Westfäl. Sagen 1928,
132. 144 ) P. Zaunert Dtsch. Märchen seit Grimm
1 (1912), 2 ff. 408. 410; ZfdMyth. 1, 311 f.;
ZfEthn. 32, 83. 145 ) P. Zaunert Natursagen i,
92; Laistner Sphinx 2, 222. Der Katzenveit
steckt R.n an den Bratspieß. 148 ) Rochholz
Sagen 1, 266. 147 ) Ebd. 1, 331 nach Grimm Ir.
Elfenmärchen XIV; W. Busch Ut oler Welt 132;
Grässe Preußen 2, 880. 883. 883!.; Kühnau
Sagen 2, 36. 148 ) Briefe eines 1777 reisenden
Engländers: Deutsches Museum 1 (1780), 89.
149 ) Grimm Myth. 2, 919. 830; Klara Stroebe
Nord. Volksmärchen 2 (1915), 10. 200; Rosa
War re ns Germanische Volkslieder d. Vorzeit
2 (1858), 54 (= Heinr. Heine Deutschland:
Helios-Klassiker 3, 322 ff.); 4, 52 ff. in ff. 418.
420. 149a ) Alpenburg Alpensagen 322. So
auch der „tolle Fuhrmann“ Witzschel Thü¬
ringen 2, 293. 149 b) Hermann Koepcke Joh.
Gailer v. Kaisersberg, Phil. Diss. Breslau 1927,
14; vgl. Nachw. 160. 15 °) Aus d. Beuthener
Lande 3 (1926), 6 f. 151 ) Jos. Ullrich Volks¬
sagen a. d. Kuhländchen 1925 4 , 28 Nr. 3. 15ia )
Peter Österreichisch-Schlesien 2, 4; vgl. Nachw.
109.
5b. Der R. im Seelenglauben. Der
leichenfressende R. wird zum Leichen-
und Seelen vogel, Spuktier 152 ). Es sind
besonders die Seelen von bösen Menschen,
welche als R.n erscheinen 153 ) und als „Ver¬
bannte“ R.ngestalt annehmen 153a ); erlöst
sind sie schneeweiß 154 ). So flog aus
Judas Munde, als er sich erhängte, ein
R. 155 ). Schon die Eskimos wissen von
der Seelenwanderung der Seele eines Zau¬
berers, die dabei auch in einen R.n ein¬
geht; als sie diesen verläßt, stirbt der Vo¬
gel 156a ). R.n haben Wissen um wunder¬
liche Dinge, und wer sie (unterm Galgen)
belauscht, erfährt viel 156 ). Als Seelen¬
vogel faßt v. d. Leyen auch Wodans R.n
auf 111 ); und wenn es heißt, daß jedem
Hause zwei R.n zugeteilt seien, die den
Bewohnern Leben und Tod weissagen, kann
man darin wohl Hausgeister vermuten 157 ).
Auch in den R.n, die den Kyffhäuser 158 ),
den Untersberg und andere Totenberge 15d )
umkreisen, den R.ndocken 159a ) bei Gold¬
berg den Namen gaben, hat man Seelen¬
vögel vermutet, so wie im Zuge des wüten¬
den Heeres (s. d.), dem Seelenheer, R.n er¬
scheinen 16 °) (s. Nachtrabe). Der Schlüssel¬
jungfrau sitzt er auf der Schulter 161 ).
Als das Tier eines mädchenraubenden
Riesen kennt ihn eine (romant.) schles.
Sage 162 ). Unklar, und wohl aus den Vor¬
stellungen, er sei ein Seelen vogel und der
Teufel, gemischt erscheint der R. als
Wächter der armen Seele 163 ), als Schatz¬
hüter 164 ), und in Verbindung mit der
Sage vom Erlöser in der Wiege (er läßt die
Eichel fallen, aus der ein Baum auf geht
usw.) 165 ).
Oft fordert ein schwarzer R. den Leib
des Bösen, der ehrlich begraben worden
ist, heraus 166 ).
152 ) Höfler Organotherapie 124. 253; G. Wilke
Religion d. Indogermanen 1923, 42 f. 153 ) v.
Duhn im ARw. 12, 167; Helm Religgesch. 1,
205; Naumann Gemeinschaftskultur 50; Wier
im Theatrum de veneficiis 2 (1586). 35; Otto
Tobler Epiphanie d. Seele 28 ff. 31 N. 1. 2; 32;
Knortz Streifzüge 111; Gubernatis Tiere 534;
E. Lemke Asphodelos 1914, n8ff.; Lavater
in Theatrum de venefciis 1586, 145; Wuttke
123 § 162; Rochholz Sagen 2, 44; (antik) Pli-
nius 7, 174; Rohde Kl. Sehr. 2, 22; Chante-
pie de la Saussaye 2, 298. 364; Rochholz
Glaube 1867, 156 — Lemke Asphodelos 119;
Schwebel Tod u. ewiges Leben 124; Albertus
Magnus Werke (ed. Jammy) 6, 261 = J.
Sighart Alb. Magnus 1857, 352; Ranke Volks¬
sagen 24; Bacher Lusern 67; (Schweiz) Meyer
Abergl. 366; Stemplinger Abergl. 59; SAVk.
20, 54 f.; Bohnenberger 1,98; Schwä¬
bische Sagen 1926, 34; Künzig Schwarzwald¬
sagen 54; Schöppner Sagen 3, 225 f.; Herrlein
Spessart 1906, 177; (Steiermark) ZfVk. 7, 195;
Lemke Asphodelos 1914, 199; Schönwerth
Oberpfalz 2, 343; 3, 107. 114. 115. 117. 118.
120. 156. 169; Jungbauer Böhmerwald 162;
98 f.; Heinr. Gradl Sagenbuch der Egergaues
1892, 66; Langer DVöB. 11, 165 Nr 399 (12,
184); Meiche Sagen 486; Fr. Sieber Säch¬
sische Sagen 1926, 290. 297 t.; Handtmann
Brandenburg 10 = Lemke Asphodelos 120;
Grässe Preußen 2, 655; P. Zaunert Hessen-
Nassauische Sagen 53; Firmenich 1, 301;
Schell Berg. Sagen 514 = ZfVk. 15, 2( ?); P.
Zaunert Westfäl. Sagen 278; de Cock Volks¬
geloof 1, m; Strackerjan 2, 164; Fr. Meyer
Schleswig-Holsteiner Sagen 244; Müllenhoff
Sagen 195 Anm.; Jahn Volkssagen 333. 345 L;
Ders. Hexenwesen 8f.; Arndt Märchen u.
Jugenderinnerungen 6, 31. 105; Knoop Posen
121; Meyer Germ. Myth. 63; Grohmann Nr.
1369; Rolland Faune 2, 117; Sebillot Folk-
Lore 2,43. 63 ( 357 )- 443 »' 3 # 209 f- 211. Vgl.
Bayr. Hefte 1, 122 {.; Mühlau in Beiträge z.
rom. u. germ. Philologie, dem 10. dtsch. Neu-
philologentage überreicht, Breslau 1902, 80.
Hierher gehört wohl auch die „schwarze
Taube“: Künzig Schwarzwaldsagen 1930, 182 f.,
ein glühender R.: Schell Sagen 1922, 162 Nr.
474. 153a ) oben 3, 517; Müllenhoff-Men -
sing 204 ff. 535. 154 ) Kelle speculum
ecclesiae 176; Hrabanus Maurus de universo
1 . VIII c. 6 — Migne PL. m, 252 C; Meiche
Sagen 550; Jungbauer Böhmerwald 98 ff.;
Jahn Volkssagen 178 t.; P. Zaunert Dtsch.
Märchen seit Grimm 1 (1912), 244. Aber in West¬
falen erscheint ein Gebannter als weißer R.:
Josef Winckler Pumpernickel 1926, 105.
155 ) de Cock Volksgeloof 1, m. 156 ) Grimm
KHM. Nr. 6 (107?); Schönwerth Oberpfalz
3, 272; Wolf Beitr. 2, 81. 428; Kreutzwald
Estnische Märchen 2 (1881), 42; (Walther
Aichele Zigeunermärchen 1926, 50; Genzmer
Edda 1, 123); vgl. Handwörterbuch „Märchen“.
i 56 a) Rasmussen Grönlandsagen 1922, 64.
157 ) Wolf Beitr. 1, 253. 158 ) Grimm Sagen
Nr. 23; Ders. Myth. 2, 801; Pröhle Dtsch.
Sagen 1867, 258. 261. 268; Wilh. Ernst Tenzel
Monatl. Unterredungen 1689, 7190.; Wolf
Beitr. 2, 69; Simrock Mythologie 148; Quitz¬
mann Baiwaren 32 f. 49; Rochholz Sagen
1, 33 1 »' J* Häußner Die dtsch. Kaiser sage
1882, 44 f.; E. Lemke Asphodelos 1914, 116;
Keller Tierwelt 2, 105. 159 ) Frei sau ff Salz-
443
Rabe
Rabe
446
444
bürg 6 . 8. 9 (abhängig von Rückerts „Der alte
Barbarossa“ ?); Quitzmann 32 f. 244; Verna-
leken Alpensagen 61; Heinr. Gradl Sagenbuch
d. Egergaues 1892, 2f.; Sebillot Folk-Lore
2, 69. 159 a) Peuckert Schles. Volkskd. 1928, 119;
Ders. Schlesien 281 f.; Kühnau Sagen 3, 634 f.
63 7 f* 16 °) Herzog Schweizersagen 2, 81; Boh¬
nenberger 1, 92; Meier Schwaben 150; Kapff
Schwäb. Sagen 1926, 11; Kießling Frau Saga
im nieder Österreich. Waldviertel 1924, 88; Ger¬
mania 27, 368 t. (Meiche Sagen 93); Scham¬
bach-Müller 68 ff. 345; P. Zaunert Hessen-
Nassauische Sagen 1929, 10; Wucke Werra
1891, 162; Grässe Preußen 2, 1058 f.;
Strackerjan 1, 312; Lemke Asphodelos 1914,
115; Wolf Beitr. 1, 26; Liebrecht Zur Volksk.
353; Germania 27, 119; Laistner Sphinx 2,
222. 250; Meyer Germ. Myth. 240; Keller
Tierwelt 2, 105; vgl. Nachw. 149 a. b. 161 )
Rochholz Sagen 1, 227 f.; 2, 44 f. 162 ) E.
Kunick Heimatbuch d. Kreises Landeshut 1
(1929), 326 f. 163 ) Grässe Preußen 2, 479;
Jahn Volkssagen 178 f. 164 ) (Im Rabenstein
Krs. Landeshut Schles.:) E. Kunick Heimat¬
buch d. Kreises Landeshut 1 (1929), 313 f. =
Kühnau Sagen 3, 630 f.; Aus unserer Heimat,
Beil. z. Anzeiger f. Bd. Carlsruhe OS. 1924,
26; Willibald Müller Beiträge z. Vk. der
Deutschen in Mähren 1893, 152; MnböhmExk.
L 92 f.; Jos. Kern Sagen d. Leitmeritzer Gaues
1922, 28 f.; Birlinger Volksthüml. 1, 85. 185 )
Zaunert Rheinland 2, 222; Wolf Sagen 35 f.;
Oers. Beitr. 2, 248. 166 ) Wolf Dtsch. Märchen
und Sagen 514 f.; Nachw. 134.
6 . Der R. weisend und ratend.
Als wissendes Tier (s. §2), das selbst den
Weg zum Lebenswasser kennt 167 ), ver¬
mag der R. seefahrenden Helden 168 )
wie wandernden Heeren 169 ) oder Stäm¬
men 17 °) den Weg zu weisen. Er zeigt die
hl. Bäume an 171 ). Besonders in Grün¬
dungslegenden (s. weisendes Tier) ist oft
von ihm die Rede 172 ), und damit wird er
namengebend 173 ). Hierher mag auch der
Umstand gerechnet werden, daß R.n
Mörder verraten und weisen 174 ). Das
kluge Tier erscheint auch warnend (Unter¬
gang) 175 ) und ratend (Eßt Krane¬
witt . . .) 17 «).
167 ) HWb. Märchen s. v.; vgl. etwa Löwis
of Menar Russ. Volksmärchen 313; Ders.
Finnisch-estnische Volksmärchen 1922, 16; v.
Taube Russische Märchen 90; Knortz Streif¬
züge in f.; W. Krickeberg Indianer märchen
aus Nordamerika 1924, 208; vgl. Höfler Or¬
ganotherapie 124: R. weist Seelenland. 168 )
Grimm Myth. 2, 559; Siinrock Mythologie
522; ARw. 12, 168; Chantepie de la Saus-
saye 2, 584; Nachw. 99. 100; Keller Tier¬
welt 2, 181; Neckel Balder 206; WS. 14, 35 t.
169 ) Pauly-Wissowa 11, 1, 22; ARw. 12, 168;
Plutarch Alexander 27, 2 = Panzer Beitr.
2, 406; ZfdA. 22, 15; Neckel Balder 206; WS.
14 » 35 f- 170 ) ZfVk. 22, 15; Keller Tierwelt 2,
101 f.; Grimm Myth. 2, 954; Panzer Beitrag 2,
4 ° 7 ff-; Stoeber Elsaß 1852, 178f. A71 ) Panzer
Beitr. 2, 4 nf.; ZfdA. 22,15; Keller Tierwelt
2, 102; Pausanias 9, 3, 1 ff. A72 ) ZfdA. 22, 15;
Wolf Beitr. 1, 26. 31 f.; Heyl Tirol 562 Nr. 15;
Zingerle Sagen 14 f.; Künzig Baden 113;
Ders. Schwarzwaldsagen 227; Jungbauer
Böhmerwald 155; Panzer Beitrag 1,49 t. 104;
2, 172. 192 f. 413. 414; Schöppner Sagen
3 » I 5 ®» P* Zaunert Hessen-Nassauische Sagen
1929, 40; Oberschlesien 4. 193; Die Grafschaft
Glatz 5, 136; Alfr. Karasek-Langer u. Elfr.
Strzygowski Sagen d. Beskidendeutschen 1930,
188; Elfriede Strzygowski u. Karasek
Ostschles. Sagen ~ Viktor Kau ders Ostschles.
Heimatshefte 3,3; Müllenhoff Sagen 113
Nr. 140 = Müllenhoff-Mensing 119; Fr.
Meyer Schleswig-Holsteiner Sagen 1929, 97;
Grässe Preußen 2, 1062; Lemke Asphodelos
125 t.; W. Keller Tessiner Sagen 1930. 12 ff.;
Karl Scheyen Skouluk-Andaras Berichte aus
Lappland 1923, 94; vgl. auch Reginald Vita
S. Oswaldi. 173 ) (Rabishau) Joh. E. Berge-
mann Flinsberg u. seine Heil-Quellen 1827,
226; BIPommVk. 3, 52t. A74 ) R. Cysat 69!
Wackernagel Epea 15 t.; Meier Schwaben
328; Vernaleken Alpensagen 25 (300); Ed.
Osenbrüggen Raben d. hl. Meinrad 1861;
Schwebel Tod u. ewiges Leben 124; Roch¬
holz Sagen i, 331; 2, 44 f.; Ders. Glaube
1, 156; Heyl Tirol 785 Nr. 128; Vonbun
Beitrag 108 f.; Herzog Schweizer sagen 1, 108 f.;
SAVk. 22,189; Lemke Asphodelos 124 f.;
Erk-Böhme 1, 160; Sebillot Folk-Lore 3,
212; Jos. Brock Hygins Fabeln 1923, XIV.
175 ) ZfdMyth. 2, 109 f.; Herrlein Sagen d.
Spessart 1906, 198 ff. = Wolf Beitr. 2, 28 f. =
Schöppner Sagen 2,295; Johann Schober
Sagen d. Spessarts 1912, 230 f.; Kruspe Erfurt
2, 30; Henne am Rhyn Dtsch. Volkssage
(1879), 135; Lehmann-FilhSs 2, 7 f. A78 ) Ei¬
sei Voigtland 147; Meiche Sagen 599; Fr.
. Sieber Sächs. Sagen 1926, 97.
7. Beauftragte .Gottes. 1191 ver¬
brennen höllische Geister in R.ngestalt
nach Gottes Willen die Stadt Mügeln 176a ).
Daß R.n heilige Männer speisen, wurde
vorhin bereits erwähnt 103 ), und wenn
der böse Geist in R.ngestalt erscheint,
so wird man auch dafür den Willen Gottes
annehmen dürfen 134 ).
176a ) Meiche Sagen 636h; Freudenthal
Feuer 1931, 359.
8. Angang und Vorbedeutung. Als
Zukunft wissender Vogel galt der R. der
Antike so gut wie Germanen 177 ), Sla-
ven 178 ), Babyloniern 179 ), Juden 18 °), Ara¬
bern 180 ) und Mongolen 180a ), und er war
445
darum wohl ein Orakelvogel 181 ), aber in
Frankreich 182 ), Ostasien wie Afrika 183 )
von übler Vorbedeutung. Schon der Ge¬
nuß seines Herzens verleiht prophetische
Kräfte 184 ). In Rom 185 ), wo Augustus es
als Augurium, als Adler R.n schlugen 185a ),
ansah, beachtete man vor allem seine Stim¬
me 186 ), darnach den Flug, der von rechts
her günstig, von links ungünstig war 187 ),
was in die Mantik der Deutschen 188 ), Is¬
länder 1883 ) wie Magyaren 189 ) und Tsche¬
che^ ?) 190 ) überging. Erscheinen in
Scharen galt stets als übel (s. u.), be¬
sonders damals, als sie das Bild der Athene
zerhackten 191 ). Der römische Glaube
ward von ma.liehen Autoren zu uns ge¬
bracht 192 ), aber es hat gewiß dessen nicht
bedurft; der R. war auch den Germanen
als Losvogel 193 ).
Der R. galt im Norden als guter An¬
gang für Krieger und Krieg 194 ). Im Deut¬
schen deuten R.nscharen, -kriege auf
Krieg 195 ), in der Antike auf Nieder¬
lagen 196 ). Wenn R.n mit blutigen Schnä¬
beln erschienen, nahmen die Sibirier das
vor einem Kriegszug als böses Vor¬
zeichen 196a ). Wenn R.n eine lange Zeit zu¬
sammenkrächzen, bedeutet das Krieg 196b ).
Ebenso zeigen R.nscharen über einer Stadt
Seuchen und Pestilenz 197 ), Feuer 197a ),
endlich auch Teuerung an 198 ). Dem
Jäger bedeutet sein Schrei (Kärnten um
1600) Glück. Heut hat sein Angang
üble Vorbedeutung 1983 ). Das Erscheinen
von R.n (in der Nähe des Hauses) 199 ),
gar in Scharen 200 ), R.ngeschrei 201 ) (am
Neujahrstage) 202 ), in der Frühe 203 ) be¬
deutet allgemein Unglück. R.n überm
Haus schaffen Zank und Streit 204 ); er¬
scheinen sie bei der Saat, gedeiht das
Getreide nicht 205 ), fliegen drei übers
Haus, verdirbt etwas 206 ), sitzen sie auf
dem Dach, wird jemand krank 207 ).
,,DerR. hat Macht über Leben und Tod.
Von ihm geht eine Kraft aus, die den
Tod des Feindes bewirkt; wie auch Wal-
kyrie (s. § 4) und R. innerlich verwandt
erscheinen“ 2073 ). R.nschrei 208 ), das Er¬
scheinen in Scharen 209 ), ihr Flug über
einen Menschen weg 21 °), über den gepfla¬
sterten Weg am Hause hin 215a ). Schreien
.an und überm Hause, im Gehöft 2n ),
über dem Dorf 212 ), der Kirche 213 ) gilt
als Todesvorzeichen. Besonders, wenn
sich R.n (krächzend) auf dem Hause
zeigen, in dem ein Kranker liegt 214 ),
wenn einer ans Fenster klopft 215 ), an ihm
krächzt 215a ), schreiend den Schwanz gegen
das Haus dreht 216 ). Fliegt ein R. übers
Haus, stirbt ein weibliches, zwei, ein
männliches Familienmitglied 217 ). R.n auf
dem First der Kirche oder dem Tür¬
pfosten, den Schwanz wendend, mit ge¬
sträubten Federn, krächzend, den Schna¬
bel aufsperrend, das bedeutet den Tod
vornehmer Leute der Gegend 2173 ). R.n
in einer Reihe deuten das Gefolge beim
Begräbnis an 218 ); sie reden über den
Tod eines Menschen, der in der Richtung
wohnt, in die sie fliegen 2183 ). Sitzen
sie (in Island) auf dem Hofhügel und
abwechselnd auf dem Türpfosten, lassen
sie ein langes Krächzen hören, so bedeutet
es den Tod von Leuten aus dem Volk
oder Bekannten 215a ). Im Schwarzwald
heißt es, daß jeder, der durch den Bellen-
wald gehe und einen R.n oder eine Elster
schreien höre, bald sterben müsse 219 ).
Als Melanchthon drei R.n auf dem Felde
einen Siegestanz aufführen sah, nahm er
das als Todesvorzeichen 220 ). Eines R.n
Schrei sagt Gunnar den Tod der Gju-
kungar an 220a ); und aus eines R.n
Rede versteht ein Bischof, daß der Tod
einen Mann gerufen habe, der im Fluß
ertrinken soll (,,die Stunde ist da und
der Mensch noch nicht“) 220b ). In der
Bretagne gilt es als Todeszeichen, wenn
R.n lange an einem Orte krächzen oder
um ein Haus herumpicken 221 ). Den tod¬
verkündenden R.n kannte man bereits
im Altertum 222 ). Vor allem galt er dem
Hause Habsburg als Unglücksbote 223 ).
Zuweilen wird das Vorzeichen recht eng
gefaßt. Wenn R.n dreimal um den Schorn¬
stein fliegen und drauf häufeln 224 ), wenn
man einen R.n in den Internächten vom
Bett aus hört, stirbt man 225 ). Als tod¬
anzeigend gilt ferner dem Besitzer, wenn
der R. im Obstbaum nistet 226 ), aber auch,
wenn er die gewohnte Niststätte am Haus
meidet (er riecht den Toten) 227 ), wenn er
keine Abfälle vom geschlachteten Schwein
1 holt 228 ). In Island sagt man: Wenn er
447
Rabe
448
auf dem Dach unruhig hin und her
hüpft, hinkt, aufwärts krächzt usw.,
ist ein Mensch in Seegefahr 228a ). In
Frankreich hat jedes Haus zwei Raben,
welche den Hausleuten Leben oder Tod
Voraussagen (s. o. und Krähe) 22d ).
Sein Schrei kann auch den Tod eines
Viehes vorbedeuten 230 ). Schreit er des
Nachts auf dem Friedhof, ist der Jüngst-
verstorbene noch lebendig 231 ). Ziehen
R.n über einen Leichenzug, so ist der
Tote unselig gestorben 231a ).
Um das Unglück, das er anzeigt, abzu¬
wenden, spuckt man dreimal auf die
Erde 232 ), braucht man einen Segen 232a ).
Von R.n träumen, bringt Verlust (ma¬
gyarisch) 233 ), sonst Feindschaft, Kummer,
Todesfall usw. 234 ).
Am Rhein 235 ), Lechrain 236 ), um Lands¬
hut 237 ) bedeutet sein Erscheinen Glück,
wie (aber selten) schon unter besonderen
Umständen bei den Alten 238 ). Im Kanton
Freiburg 23 ») zeigt er die Geburt eines
Kindes, in Albanien 24 °) eines Knaben
an. Der Isländer hält den Angang
rechts, wenn er vor einem herfliegt, für
günstig, entgegen oder in der Luft über
einem, für ungünstig 2403 ). Den Arabern
galt er, paarweis fliegend, als glückbedeu¬
tend " 41 ), sonst als Vogel der Trennung
Liebender, also Unglück anzeigend 242 ).
l ”) Helgakvida Hundingsbana 1,5; Sigur-
aarkvidu 7 = Genzmer Edda 1, 154 35 -
Lehmann-Filhes 2, 8. 9 f.; ZfVk. 23, 3 86 :
(Montanus Volksfeste 172); Wuttke 201 f.;
vgl. Josef Brock Hygins Fabeln 1923, XIV.
178 ) Hanusch Wissenschaft d. slav. Mythus
1842 3i 9 ; Globus 79, 383; Liebrecht Zur
Volkskd. 41; Hovorka-Kronfeld 1 355-
(Ungarn:) ARw. 2,334. l79 ) ZfVk. 23,387!
Jeremias Alte Testament im Lichte d alt
Orients 800. ™) ZfVk. 3, 32; 23, 386; Schef-
telowitz Alt-Palästinensischer Bauernglaube
1925. * 4 °; Taufik Canaan Dämonenglaube
im Lande d. Bibel 1929, 15; Reinisch Soma-
253. 180a ) HenningHaslund-
Christensen Jabonah 1933, 299 f. 220 f. 261.
m ) Strackerjan 2, 164 Nr. 394; Waibel u.
Flamm 1, 297L; MsäVk. 7, 112; vgl. auch
Grimm KHM. Nr. 61. »*) Sebillot Folk-
Lore 3, 193; Rolland Faune 2, 116; Andree
Parallelen 1, 12 f.; ZfVk. 23, 387. In Toulouse
lautet im 17. Jh. eine Beichtfrage: Aurais-
^ con sulte cor üeau ou la pie: Melusine 1, 528.
183 ) Ebd.; Hopf Tierorakel 114. 18 «) Keller
Tierwelt 2, 102; Lemke Asphodelos 127. lg 5 )
Pauly-\\ issowa 11, i, 21 f., besonders Ael-
ian 1,48; Hör. carm. III 27,3. 185 a) Sueton
Augustus c. 96. 188 ) Hopf Tierorakel 18; ZfVk.
3 . 32 ; 23, 386; vgl. ZföVk. 10 (1904), 51; Keller
Tierw ; 2,96. 97 - 187 ) Hopf 111; Staehlin
Mantik 189. 190; (Böhmen:) Andree Parallelen
1,12. 188 ) Wuttke 201 §234; Wolf Beitr.
2,428; Curtze Waldeck 408 Nr. 186; SAVk.
23, 206; (Noel Chomel) Oeconomisch-Physical
Lexikon 8 (1753), 7 f. * 88a ) Lehmann-Fil¬
hes 2, 9. 18# ) Wlislocki Volksglaube u. rel
Brauch 1893, 75. i*>) Grohmann 65.
Pausanias 10, 15, 3 = Panzer Beitr. 2, 4 o6f
19Ä ) etwaHopf 30. 31; Agrippa v.Nettes-
heim 1, 246. m ) Reginsmäl = Genzmer
Edda 1, 130 = oben 1, 410; Grimm Myth.
2,940; 2, 931L; 3,193; Neckel Walhall 79-
(russisch:) Mansikka in FFC. 43, 105; (spa¬
nisch:) Breslauer Ztg. vom 10. 4. 1844 S. 729;
E. Lemke Asphodelos 1914, 118 nach Saxo;
dagegen Grimm Myth. 2, 946; Hopf 113’
196 ) Wolf Beitr. 2, 428 = Meier Schwaben
219# P. Walther Schwäbische Volksk . 1929
93 ; Brnd. 24, 163; C. Heßler Hessen 453J
Kuhn Märk. Sagen 254 = E. Lemke Asphodelos
1914* Meiche Sagen 617 f.; Wuttke
201 § 274; Hovorka-Kronfeld 1,354; vgl.
E. Diederichs Deutsche Vergangenheit in
Bildern 1, 245; Nostradamus Cent. III
Quatr. 7; J. Piprek Polnische Volksmärchen
1918, 200; Freudenthal Feuer 1931, 360. 396 )
Keller Tierwelt 2,97; Hopf Ulf.;' vgl.
ebd. 39. 42. 114. So auch Wolf Dtsch. Märchen
u. Sagen 503. 196a ) Radloff Proben d. Volks-
literatur 1, 236. * 98 b) Heßler Hessen 2, 45^
187 ) Wolf Beitr. 1, 253; Paracelsus Bücher
u. Schnfften 9 (1589), 96; Sebillot Folk-Lore
3, 194 - 197a ) Meiche Sagen 627 f. 636 f.; Freu¬
denthal Feuer 1931, 359. i» 8 ) Lütolf Sagen
356. 198a ) Alpenburg Alpensagen 54; (Ost¬
preußen) Urquell 1,65; vgl. Lehmann-Filhes
2,8. 10 f. 1«») Meyer Abergl. 136; Henne am
Rhyn Dtsch. Volkssage (1879), 135; Mitt. an-
thropol. Ges. Wien 6, 36; Alpenburg Tirol
386; Zf d Myth. 1,238. 406; SAVk. 23,206;
Höhn Tod 7, 325; Schramek Böhmerwald 244;
Langer DVöB. 11, 165 N. 1; Curtze Waldeck
408 Nr. 187; (Romintner Heide:) NdZfVk.
8, 5 ®» Haltrich Siebenbürger Sachsen 293;
Urquell 1,46 (Wuttke 201 § 274); Bayr-
Hefte 1, 247 — Shakespeare Viel Lärmen
um nichts II 3; Krankheit: SAVk. 2,219;
tschechisch: Grohmann 65; vgl. (Indianer)
ZfVk. 23, 387. 200) Zingerle Tirol 86 Nr. 730*
(Kärnten): ZfdMyth. 3,29 Nr. 4; Hovorka-
Kronfeld 1,354; ZföVk. 3,11; Andree
Parallelen 1,12. 201) Klapp ^Deutsches Volkstum
am Ausgang d. Mittelalters 1930, 25. 202 ) He߬
ler Hessen 2, 361; Meyer Baden 578. 203 ) Bayr-
Hefte 1,228 (Tirol); vgl. Frobenius Atlantis
1 (1921), 114; dagegen Quit zmann Baiwaren
33 - 204 ) Rothenbach Bern 39 Nr. 338;
Lachmann Überlingen 394; Schönwerth
Oberpfalz 3,274; Grohmann 65; Wuttke
201 §274. 205) (Vogtland): Ebd. §274. 206)
Rothenbach Bern 39 Nr. 339; vgl. Sebillot
Folk-Lore 3,193. 207 ) SAVk. 2,219; Manz Kronfeld 1, 354; ZfdMyth. 3,312; Rocken-
Sargans 119; Sebillot Folk-Lore 3, 193; Wlis- philosophie 1 (1706), 220; Psychische Studien
locki Volksglaube 1893, 75 - 207a ) Neckel 44, 573 f.; Manz Sargans 119; SAVk. 2,217;
Walhall 79 f. 208) F ranz Hik .de Jawor 157 7,139; 8,274; Höhn Tod 7,307;
Nr. 1 nach Hasak Christi. Glaube d. dtsch. Alemannia 33,301; Meyer Baden 578; Lach-
Volkes beim Schluß d. Spätmittelalters 1868, mann Überlingen 394; Reiser Allgäu 2,437;
47: Spiegel d. Sünders um 1470; DWb. 8, 5; Lammert 99. 100; Panzer Beitrag 2, 293;
Ackermann Shakespeare 73; Herrn. Koepcke Witzschel Thüringen 1,256 Nr. 40; John Erz-
Joh.Gailer von Kaisersberg. Bresl. Phil. Diss. 1917* gebirge 113; Grimm Myth. 3, 438 Nr. 120;
8; ZfdPhil. 16, 189; ZfVk. 23, 9. 125; Henne MsäVk. 7, 112; Dähnhardt Volkstüml. 1, 98Nr.
am Rhyn Dtsch. Volkssagen (1879), 135; 17; (isländ.:) ZfVk. 8, 290 und Lehmann-
ER Francisci Höllischer Proteus 1732, 1005; Filhes 2,251; vgl. ferner ZfVk. 2, 181; 23,
Rothenbach Bern 44 Nr. 401; Alemannia 387; Wlislocki Aus d. inneren Leben d. Zi-
4, 271 ff.; Heer Altglarn. Heidentum 22; Wal- geuner 1892, 127 f.; Buch Wotjäken 164 f.
liser Sagen 1, 204; Meyer Baden 578; Quitz- 215 ) Thomas Deloney Tage d. alten England
mann Baiwaren 244; Hartmann Dachau u. 1928, 196; ZrwVk. 5, 120; SAVk. 8, 273; Schw-
Bruck 221 Nr. 72; Köhler Voigtland 388; Vk. 15, 28; Globus 59, 380 (Lothringen); Ro-
Heßler Hessen 2,361; Kuhn Westfalen 2,50; gasener Farn. Bl. 2 (1898), 48; R. als Über-
ZfrwVk. 1908, 120; 1914, 262; BIPommVk. bringer der Todesbotschaft: Schade Ursula 71.
5 » 59 ; (lettisch:) Andree Parallelen 1, 12; 215a ) Lehmann-Filhes 2, 10. 216 ) SAVk. 8,
Felix Chapiseau Le Folklore de la Beauce et 273; ähnlich (Island) Lehmann-Filhes 2, 9 f.
du Perche 2 (1902), 162; Sebillot Folk-Lore 217 ) Gaßner Mettersdorf 79. 217a ) Lehmann-
3,195; (griech. u. neugriech.:) ARw 24, 282; Filhes 2, 9 f. 218 ) Heer Altglarn. Heidentum
Canaan Dämonenglaube im Lande d. Bibel 22; Rochholz Glaube 1, 156; P. Walther
1929, 15. 209 ) Albertus Magnus Werke (ed. Schwäbische Volksk. 1929, 93; ZfVk. 15, 7;
Jammy) 6, 261 = J. Sighart Albertus M. Schwebel Tod u. ewiges Leben 124; Lemke
352 = Lammert 100; Hopf 113; SAVk. Asphodelos 120; Hovorka-Kronfeld 1,354;
15,11. 21 °) Höhn Tod 307; Birlinger Volksth. vgl. Höhn Tod 7, 307; Reichhardt Geburt
1, 123; (dtsch-böhm.:) Grohmann 65; Wolf Hochzeit und Tod 1913, 121. 218a ) Lehmann*
Beitr. 2,428; Heckscher 349; BIPommVk. Filhes 2, 10 f. 219 ) Hoffmann Ortenau
5 » 59 (über Haus, in dem Kranker); Hovor- 126 f. 22 °) Klingner Luther 94 N. 4 nach
ka-Kronfeld i, 354; Fogel Pennsylvania Hartfelder in Hist. Taschenbuch 6. F. 8,
119 Nr. 534; Wuttke 201; Knortz Streif- 257. 220a ) R. C. Boer Untersuchungen über
Züge 109 f.; (Indianer:) ZfVk. 23, 387. 2n ) d. Ursprung ... d. Nibelungensage 1 (1906),
Keller Tierwelt 2, 97 f.; Wolf Beitr. 2, 28 f. 12 f. 220b ) Lehmann-Filhes 2, 8 f. 221 )
428; Reichhardt Geburt , Hochzeit und Tod Beiträge z. rom. u. engl. Philologie Breslau
3913,121; Heckscher 350; Rockenphilosophie 1902, 79. 222 ) Keller Tierwelt 2, 97; Hopf
3 (1706) A. 220; Alte Weiber Philosophey: Zfd- Tierorakel m; ARw. 24, 282; MA.: Zingerle
Myth. 3, 312 Nr. 39; Alemannia 19, 166 Nr. 33; Tirol 288 Vers 7885; vgl. (lettisch:) Hopf 39.
24, 154; SAVk. 26, 196; Manz Sargans 122; 223 ) Zentralbl. f. Okkultismus 8, 294; 11, 88.
Höhn Tod 307. 316; P. Walther Schwäbische 224 ) SchwVk. 10,32. 225 ) John Erzgebirge 114.
Volksk. 1929, 93. 124; Birlinger Volksth. 1, 226 ) Höhn Tod 7, 307; Rud. Reichhardt
123; Zingerle Tirol 45 Nr. 388; 86 Nr. 727; Geburt , Hochzeit u. Tod 1913, 121. 227 ) Urquell
Panzer Beitrag 2, 293; John Erzgebirge 113; 2, 91; Waibel u. Flamm 2, 222 f. 228 ) Meyer
(Anhalt) ZfVk. 32, 149; Witzschel 2, 256; Baden 578; vgl. Krähe. 228a ) Lehmann-
Kuhn u. Schwartz 452; Fr. Meyer Schles - Filhes 2, 10. 229 ) Sebillot Folk-Lore 3, 193 -
wig-Holst. Sagen 1929, 233; Knorrn Pommern 23 °) Rothenbach Bern 39 Nr. 337; Fient
119 Nr. 52; Knoop Tierwelt 38 Nr. 330; Fest- Praettigau 248; Manz Sargans 119; Zin-
schrift für H. Lemke 1898, 228; W'uttke 201; gerle Tirol 86 Nr. 729 = Hovorka-Kron-
Wolf Beitr. 2, 428; Fogel Pennsylvania 160 feld 1,354. 231 ) Zingerle Tirol 86 f. Nr. 731.
Nr. 756; (Island:) Lehmann-Filhes 2, 251 23ia ) (Schwed. Finnland:) Landtman Folk-
und ZfVk. 8, 291; (schwed. Finnland:) Landt - diktning 195. 232 ) MschlesVk. H. 19, 90 =
man Folkdiktning 191. Ein Rabe: Tod eines Drechsler 2, 229!. 232a ) Mansikka 41. 233 )
weiblichen, zwei, eines männlichen Bewoh- Wlislocki Volks gl. d. Magyaren 75. 234 ) Gro-
ners: Gaßner Mettersdorf 79. Einmaliges ßes Traumbuch, Universal-Verlag Berlin 107 f.
Krächzen: Krankheit, dreimaliges: Tod = 235 ) ZfrwVk. 1914, 262. 236 ) Leoprechting
Manz Sargans 119; auf Dachfirst sitzen: Lechrain 81. 89. 237 ) Polling er Landshut
Krankheit = SAVk. 2, 219; Südslav.: ZfVk. 167. 238 ) Hopf Tierorakel 112. 239 ) Roch-
2,181; Böhmen (?): Andree Parallelen 1,12; holz Sagen 1, 331 = Kohlrusch 156. 24 °)
wendisch: Schulenburg Volkssagen 261; v. Hahn Albanesische Studien 1854, 158 ==
franz.: Sebillot Folk-Lore 3, 193. 196. 212 ) Hopf 39 = Andree Parallelen 1, 12. 240a )
Höhn Tod 7, 307; Haltrich Siebenb. Sachsen Lehmann-Filhes 2, 9. 241 ) Rolland Faune
293. 213 ) (Isld.) ZfVk. 8, 290; Lehmann-Fil- 2,117; Schade Ursula 71; Hovorka-Kron-
hes 2, 9 f. 214 ) Grimm Myth. 2, 950; Wuttke feld 1,3551 Hopf Tierorakel 114; vgl. ZfVk.
201 §274; ZfVk. 12, 11; 23, 386 {.; Hovorka- 3,32; 23,386. 242 ) Enno Littmann Die Er-
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube VII 15
45 i
Rabe
Rabe
454
Zählungen aus den tausend u. ein Nächten 3
(1925), 432 .
9. Als Wetterkündiger. Walpurgis
muß das Korn so hoch sein, daß sich
ein R. in ihm verstecken kann 243 ). (Gluch-
zender, schnorrender) R.nschrei 243a ),
anhaltendes Krächzen 243b ) oder ein
Krächzen im schnellen Tempo, von
heftigem Flügelschlag begleitet 243c ) und
auffälliges Benehmen 244 ) zeigt Regen an.
In Krannon (Thessalien) wurde beim
Regenzauber ein Wagen mit Nachbildun¬
gen von R.n umgeführt 245 ). Schön wird
es, wenn sie sich in Scharen sammeln 246 ),
in der Luft spielen 247 ), an den Nistplätzen
lustig lärmen 248 ), gegen Abend mit heller
Stimme rufen 249 ), dem Mäher früh als
erster Vogel begegnen 25 °), windig, wenn
sie lange nacheinander schreien 250a ); reg¬
nerisch, wenn sie eher als gewöhnlich
erwachen und lauter schreien 25ob ). Bear¬
beiten sie im Herbst mit dem Schnabel den
Acker 251 ), schreien sie im Winter 252 ), ,
gibt's Schnee. Sitzen sie gern im Winter
in den Spitzen der Bäume, kommt starker
Frost (Romintener Heide) 253 ). Im Früh¬
jahr bringen sie Kälte 254 ); ziehen sie
winters nach Süden, gibt es ein spätes
Frühjahr 255 ). Wenn sie das Vesperbrot
stehlen, kommt Teuerung 256 ). Von der
Seite, auf welcher der Eingang zum Nest
ist, kommen dies Jahr die Unwetter 257 ).
Ein R. zur See bedeutet Glück, zwei
Sturm, drei den Tod 258 ) (s. o. und Krähe).
243 ) Heßler Hessen 2, 112; (Nordthüringen)
ZfVk. 10, 213; vgl. Krähe. 243 a) j üd . ;
Psalm 147, 9; Hiob 38, 41; Dähnhardt
1. 241 f.; Pauly-Wissowa 11, 1, 21; Keller
Tierwelt 2, 98. 99; (Italien) Dähnhardt Na¬
tursagen 3, 322; (Noel Chomel) Oeconomisch -
Physical. Lexikon 8 (1753), 6f.; Rosegger
Älpler 142; Fogel Pennsylvania 237 Nr.
1223. 1226; vgl. ZfdMyth. 3, 29 Nr. 4; oben
2 - 243b ) Joh. Heß Luxemburger Volkskunde
1929, 143; Nederl. Tijdschr. v. Vk. 1928, 152-
153 - 243c ) Nederl. Tijdschr. v. Vk. 1928, 92.
244 ) Eberhardt Landwirtschaft 8; SAVk. 12,
150; Wlislocki Volksglaube d. Magyaren 1893,
75; Sebillot Folk-Lore 3, 202; Baden: Rol¬
land Faune 2, 110. m; vgl. auch Sebillot
1, 99. 245 ) Keller Tierwelt 2, 99; v. Duhn
im ARw. 12, 168. 246 ) Bartsch Mecklenburg
2, 208 Nr 1014; doch Keller Tierwelt 2, 98.
247 ) Bartsch Mecklenburg 2, 208 Nr. 1017.
248) Vergil Georgica 1, 410 ff.; Plinius 18, 362;
Keller 2, 98; Pauly-Wissowa n, 1, 21.
249 ) Ders. 11, 1, 21 ] Oeconomisch-Physical. Lexi¬
kon 8, 6 f. 25 °) SAVk. 23, 187. 250a ) M.
Gottfried Voigts Neu-vermehrter Physicalischer
Zeit-Vertreiber 1694, 777. 2 &ob) Felix Cha-
piseau Le Folk-Lore de la Beauce et du Perche
2 (1902), 309. 251 ) ZföVk. 3, 21. 252 ) Schw-
Vk. 10,34; Nederl. Tijdschr. v. Vk. 1928, 152.
253 ) NdZfVk. 8, 54. 2 ^) (Böhmen:) Keller
Tierwelt 2,92; niedrig fliegen: Rolland Faune
2, 110. 255 ) Wlislocki Volksgl. d. Magyaren
75 * 256 ) Hs. des SchwArchiv. 257 ) Oecono¬
misch-Physical. Lexikon 8, 5. 258 ) Knortz
Streifzüge 114.
10. Heiligkeit und Opfer. Ein Schuß
auf den Schwarzrock bringt kein Glück 259 ),
wird binnen Jahresfrist gerächt 26 °). Gibt
man ihm Speise, wenn er sich auf den
Türpfosten setzt, bezahlt Gott für ihn,
d. h. man bekommt etwas 2603 ).
Von R.nopfern wird im Norden be¬
richtet 261 ). Er soll bei Germanen als
Bauopfer gegeben worden sein 262 ); Alba¬
nesen vergraben ihn am Eingang der Wein¬
berge 263 ). Im Braunauer Blutbuch wird
zu 1615 berichtet, daß dem Hause nichts
schade, in dessen Stall man ein Genist
junger R.n vergrabe 2633 ).
Der Waidmann präsentiert das Spitzel
vom Herz des Hirschen dem R.n mit
Waidgeschrei 264 ).
259 ) ZfrwVk. 1905, 207. 26 °) Liebrecht Zur
Volksk. 337; vgl. (Indianer) Hopf Tierorakel
46. 26 ° 3 ) Lehmann-Filhes 2, 10 f. 2 «i)
Grimm Myth. 2, 559. 954; Simrock Mytho¬
logie 522; Lemke Asphodelos 120. 262 ) Höfler
Organotherapie 122; ihm folgend Georg Wilke
Religion d. Indogermanen 1923, 51 f. 263 ) v.
Hahn Albanesische Studien 1854, 155. 263 a)
Jahrb. d. dtsch. Gebirgsver. f. d. Riesengeb.
1927, 198 f. 2 « 4 ) ZföVk. 10,51; vgl. Dähn¬
hardt Natursagen 3, 364 (lettisch).
11. R.nzauber. R.nzauber Wodans
(was aber mit dem R.n nichts zu tun hat)
ist der Name eines jungen nordischen
Liedes 265 ).
Sonst spielt der R. im Zauber eine große
Rolle, was sich schon dadurch erweist, daß
ein Zauberbuch ,,Schwarzer Rabe“ ge¬
nannt wird 266 ). Mit R.blut schreiben
Zauberer 267 ), werden die Sigel im drei¬
fachen Höllenzwang gemalt 268 ), wischt
man den Lauf aus, wenn aus einem Gewehr
nichts sterben will 269 ). Mit schwarzer
R.feder werden Zauberschriften 270 ), der
Teufelspakt 271 ) geschrieben. Doch hat
der Glück, der eine R.feder findet 272 );
nur muß man ihr die Spitze abbeißen,
wenn man sie einer Schwängern ins Haus
trägt, sonst lernt das Kind nie sprechen 273 ).
Mit einem R.nflügel übertragen Hexen
die Pest 274 ). Durch die Krallen eines
am Karfreitag geschossenen R.n sehen,
stellt das Wild 275 ). EinR.nherz in Wolfs¬
riemen gebunden und getragen, erweckt
einem Liebe 276 ), das Herz gibt auch
sicheren Schuß 277 ), von einem lebenden
R.n genommen, macht es stark im
Streit 278 ); gepulvert und die Würfel da¬
mit bestrichen, läßt gewinnen 279 ). Auf
das Herz einer schlafenden Frau gelegt,
macht es diese alles offenbaren 280 ). Das
eines lebenden R.n genommen, unter die
Zungenwurzel gelegt, sonst in einem Ge¬
fäß verwahrt, in dem noch nichts war,
macht die R.nsprache verstehen 280a ).
Wird einem Neugebornen ein R.nherz
umgehängt, kann das Kind nicht ver¬
tauscht (Wechselbalg) werden 280b ). Auch
R.nhirn erweckt die Liebe 281 ). Wer ein
R.nhaupt bei sich trägt, wird im Handel
nicht betrogen 282 ); es ist auch ein Mittel
gegen zauberische Krankheit; in Frank¬
reich brauchen es die Hexen 283 ). Wenn
man ein R.n äuge in einen Ameisenhaufen
legt, findet man nach acht Tagen ein
stärkeverleihendes Sternchen dabei 284 ).
Sonst kennt der R. den R.nstein, den
Springstein, und man gewinnt ihn, indem
man seine Eier hart siedet; er holt dann den
Stein, sie zu erweichen 285 ) (nach andern
macht dieser Stein unsichtbar, mehrt das
Geld, macht sieghaft usw.). Der R. hat
den bösen Blick 286 ), greift ihn aber
auch an 287 ); seine Jungen schützt er
gegen ihn durch Keuschlamm oder
Weide 288 ). Wer R.fleisch ißt, wird
{Sympathieglaube) listig 289 ), diebisch 290 ).
Den Holzknechten vermag er die Säge zu
hemmen 291 ). Im schwedischen Finnland
nagelt man gegen die Mahrt einen R.n
über die Stalltür 291a ).
265 ) Simrock Mythologie 74; Germania 11,
311 ff. 266 ) Horst Zauberbibliothek 2, 432;
Bindewald Sagenbuch 128. 137; P. Zaunert
Hessen-Nassauische Sagen 1929, 295; Hess. Bl.
3, 59; Waibel u. Flamm 2, 238!.; s. auch o.
267 ) Mannhart Zauber glaube 166. 268 ) Gör res
■Christi. Mystik 3, 624; Scheible Kloster 5,
1122. 269 ) John Westböhmen 328. 27 °) Kie¬
sewetter Faust 2, 76; Meiche Sagen 488
Nr 635; (die Neidschütz:) Hess. Bl. 3, 136;
vgl. WS. 12, 56. 271 ) Wehrhan Freimaurer
46; Wlislocki Märchen u. Sagen d. trans -
silvan. Zigeuner 1886, 99. 272 ) Montanus
Volksfeste 172; Lemke Asphodelos 128. 273 )
ZfEthn. 32, 65. 274 ) Knortz Streifzüge 110.
275 ) John Westböhmen 331. 276 ) Drechsler
1, 329; Peuckert Schles. Volksk. 208. 277 )
Wuttke 122 § 162; 452 § 714 = Höfler
Organotherapie 253; (von 3 R.n, 3 Maulwürfen,
zu Asche gebrannt und unter das Pulver
gemischt:) Globus 35, 26. 278 ) SAVk. 7, 50
= Höfler Organotherapie 253. 279 ) ZfVk. 13,
272. 280a ) Lehmann-Filhes 2, 9. 28 °t>) F.
Burjan Den skandinaviska folktron om harnet.
Diss. Helsingfors 1917, 169, nach Kristensen
Jyske folkeminder 4, 349 und Feilberg Dansk
Bondeliv 2, 83. 281 ) Höfler Organotherapie
124; vgl. SAVk. 6 (1902), 58. 282 ) ZfrwVk.
1, 324; in Frankreich die Hexen: Sebillot
Folk-Lore 3, 203. 283 ) Thomas Sigfridus
Richtige Antwort au ff die Frage, Ob die Zeu -
berer vnd Zeubrin mit jhrem zauber Pulfer
Kranckheiten . . . beybringen können, Erffordt
1594 (Breslau Univ.-Bibl. Phys. I Q in 276)
Ciiij A. 284 ) MittAnhGesch. 14, 8. 285 ) Ale¬
mannia 2, 130; Meier Schwaben 1,220; Bir-
linger Volksth. 1, 123; Lemke Asphodelos
126 f.; Panzer Beitr. 2, 307. 429 f.; Alpen¬
burg Tirol 385; ZfVk. 8, 170; Zingerle
Tirol 87 Nr. 732. 736; Schönwerth Oberpfalz
3, 209; Lommer Volksthüml. aus d. Saalthal
1878, 49; (Prozeß 1615 in Braunau:) Jahrb.
d. dtsch. Gebirgsver. f. d. Riesengebg. 1927,
198; Jahn Pommern 469 f.; Grässe Preußen
2, 485; ZfVk. 1, 234; 2, 14; (Island) Leh¬
mann-Filhes 2, 30 f. 32 f.; (Schweden:) V.
E. V. Weßman Mytiska sägner (Finlands
svenska folkdiktning 227) 1931, 596 f. 456;
Landtman Folkdiktning 837; Knortz Streif -
züge 107 f.; Wolf Beitr. 2,428; Wuttke 122
§ 162; Hovorka-Kronfeld 1, 354; (Polnisch)
ZfVk. 18, 97 f. Bei Knoop Tierwelt 38 Nr. 331 ist
es das R.nei, das Glück bringt. Vgl. auch
SAVk. 27, 82 f. 286 ) Seligmann 1,125.
287 ) Ebd. 2, 130. 288 ) Pauly-Wissowa ii,
1,21; Porta Magia naturalis 1713, 58. 289 )
Andreae Tenzelii medicinisch-philosophisch
und sympathetische Schrifften 1725, 283. 29 °)
Urquell 3, 273. 291 ) Höfler Waldkult 36 N. 2.
291a ) Walter W. Forsblom Magisk folkmedicin
(Finlands svenska folkdiktning 195) 1927, 627.
12. Der R. im Segen. Im Sarganser
Alpsegen wird gegen des R.n Schnabel
gebetet 292 ) — sonst wird er nur (im Sla-
vischen) gelegentlich erwähnt 293 ).
292 ) ZfdMyth. 4, 122; ARw. 8, 558; Meyer
Germ. Myth. 240; Rochholz Sagen 1, 331.
293 ) Urquell 4,10; Seligmann 2, 377 f.;
Hovorka-Kronfeld 2, 373; gegen bösen An¬
gang: Nachw. 232 a.
13. Kinderbringer. Im tschechischen
455
Rabe
Rabendukaten—Rabenstein
458
Böhmen fungiert die Rabin als Kinder¬
bringerin 293a ).
293 a) Urquell N. F. 2, 88; vgl. Nachw. 239. 240.
14. Der R. in der Medizin. Der R.
vermag sich selbst mit Lorbeerblättern
zu heilen, wenn ihn das Chamäleon ver¬
giftete 294 ), trägt heilkräftige Dinge herzu
295 ) und hat in der Arznei selbst vielen
Nutzen. Lebendig in Roßmist vergraben
und 40 Tage lang gefäult, heilt er das
Podagra 296 ). Die Jungen zu Asche ver¬
brannt, Podagra 297 ) und schwere Not 298 ).
Das Fett macht die Haare schwarz 299 ),
ist Zigeunern und Slovaken eine Augen¬
salbe 30 °). Auch das Blut schafft schwarze
Haare 301 ), heilt Hämorrhoiden (poln. Ju¬
den) 302 ), die schwere Not 303 ) so wie das
Hirn 304 ), das auch als Frostsalbe er¬
frorenen Gliedern nützt 305 ). Es dient
ferner bei Kopfschmerzen 306 ). Das
lebende Herz dient vor hohe Siech¬
tage 307 ), um den Hals getragen, gegen
Schlafsucht 308 ). Die Galle, welche im
Menschen einen Widerwillen erweckt 309 ),
hilft dem verlorenen Gehör 310 ) und be¬
hebt (zaubrische) Impotenz des Mannes 311 ).
R.nmist ist gut bei Zahnschmerzen und
-geschwüren 312 ), heilt, um den Hals
gehängt, den Husten der Kinder 313 ),
ebenso wie ein R.nfuß umgehängt 314 ).
Aus den Eiern wird eine Salbe bereitet,
mit der man die Haare schwarz färbt 315 ),
wobei man öl im Munde halten mußte,
damit nicht die Zähne ausfielen 316 ).
Sonst helfen sie gegen die Ruhr 317 ), und be¬
wirken Abort durch den Mund 318 ). Ein
Stück Fleisch, das den R.n, wenn sie
ausschlüpfen, im Mund liegt, und das das
Leberlein heißt, hilft gegen die böse
Sucht 319 ).
Ferner versuchte man, Krankheiten
auf den R.n zu übertragen 320 ), gewöhn¬
lich indem man die kranke Stelle mit
Fleisch belegte, und dieses ihm dann
vorwarf 321 ). Ein im März geschossener
R. in den Stall gehängt, macht, daß
das Vieh nicht von Fliegen gequält
wird 322 ).
294 ) Plinius 8, 101 = Pauly-Wissowa n,
1, 20; Osw. Cr oll Von d. innerl. Signaturen d.
Dinge 1623, 62; Höfler Organotherapie 124.
295 ) Streifzüge 103t. 296 ) Jühling Tiere 226;
(Noel Chomel) Oeconomisch-Physical. Lexikon
8 (1753), 7- 297 ) Joh. Schröder Apothene 1685,
1343; Höfler 125; Paracelsus natürliches
Zauber magazin 1771, 225. 298 ) Joh. Joachim
Becher Parnassus mcdicinalis 1663, 67;
Schröder 323. 1343 = Höfler 125; Oecono-
misch-Physical. Lexikon 8, 7; Seyfarth Sachsen
293; Heyl Tirol 788 Nr. 152; MschlesVk.
29, 294; Hovorka-Kronfeld 2, 212. 2 ") Be¬
cher 67; Schröderi343; Oeconomisch-Physical.
Lexikon 8, 7. 30 °) Urquell 3, 10. 301 ) Becher
67; Schröder 1343; Pauly-Wissowa 11,1,21;
Plinius 29, 109; Aelian i, 48; Oeconomisch-
Physical. Lexikon 8, 7. 302 ) Strack Blut 1911,
99 303 ) Jühling Tiere 226. 304 ) Becher
67; Schröder 1343; Jühling 226. 227;
Höfler Organotherapie 125; MschlesVk. 29, 294;
MsäVk. 8,91; Knoop Posen 121. 305 ) Sta-
ricius Heldenschatz 496 (1750, 300 f.); Kräu¬
termann 233; Paracelsus natürliches Zauber-
magazin 1771, 232; Jühling Tiere 227; Höfler
Organotherapie 125; Lemke Asphodelos 127;
Lammert 21S; (Tirol) ZfVk. 8, 170; ZfrwVk.
1905, 287; Wuttke 346 §517. 206 ) Plinius 29,
36 = Höfler 125. 30? ) Ebd.252.253. 308 ) Agrip -
pa v. Nettesheim 1, 104; Jühling Tiere
227; Höfler 253; Oeconomisch-Physical. Lexikon
8, 7; Alpen bürg Tirol 386; Lemke Aspho¬
delos 215; ZfVk. 8, 170. Dafür Ei: Marshall
Arznei-Kästlein 29. 30d ) Agrippa v. Nettes¬
heim 1, 115. 31 °) Staricius Heldenschatz 486
(1750: 294); Kräuter mann 09; Paracelsus
Zaubermagazin 223; Lammert 231; Lemke
Asphodelos 127. 3n ) Jühling Tiere 226; Höf¬
ler 219; SAVk. 6,55; Hovorka-Kronfeld
2, 165. 312 ) Plinius 30, 26. 137 — Pauly-
Wissowa 11, 1, 21; Jühling 226. 227; Schrö¬
der 1343; ZfdMyth. 3,322; MschlesVk. H. 13
(1905), 29. 313 ) Becher 67; Schröder 1343;
Hovorka-Kronfeld 2, 20. 314 ) Jühling 226.
315 ) Pauly-Wissowa 11,1, 21 nach Plinius
29, 109; Aelian 1, 48; Keller Tierwelt 2, 107;
Frazer Der goldene Zweig 1928, 46; Höfler
124; Becher 67; Oeconomisch-Physical. Lexikon
8,7; Kräutermann 318 f.; (Bouillon färbt:)
Mars hall Arznei-Kästlein 83. 316 ) Plinius 29,
109; Aelian 1, 48. 317 ) Becher 67; Schröder
1:343; Oeconomisch-Physical. Lexikon 8,7. 318 )
Plinius 30, 130; SchwVk. 18, 18 f. 319 ) Oecono¬
misch-Physical. Lexikon 8, 7. 32 °) Adam a
Lebenwaldt siebentes Tractätl von deß Teuffels
List u. Betrug S. 40; Pauly-Wissowa 11,
1, 23. 321 ) Lammert 208; Wuttke 349 § 523.
322 ) Niedersachsen 18, 411 = Heckscher 389.
15. Weißer R. 323 ). Daß einmal die R.n,
jetzt noch ihre Jungen acht Tage lang,
weiß waren, wurde bereits erwähnt (s. 2).
Auch sonst hält man am Vorhandensein
weißer R.n fest; sie streiten mit schwarzen
um die arme Seele 324 ), treten also für
die Taube, den rettenden Engel ein; in
Westfalen erschien aber auch einmal ein
Gebannter als weißer R. 154 ). Sie war¬
nen und raten zu Pestzeiten 325 ). Den j
Alten galten sie von übler Vorbedeu- j
tung 326 ). Doch wurden sie in der Heiden¬
zeit gespeist; als man das einmal nicht |
tat, fielen vom Osten wilde Völker ein 326a ). j
Beschmiert man R.neier mit Katzenfett ■
und läßt sie ausbrüten, entstehen weiße j
R.n 327 ). Aber für „niemals“ findet sich j
im Volkslied „wenn die R.n weiß zu «
werden beginnen“ 328 ). |
323 ) Dalla Tore 123 ( = Nebelkrähe).
324 ) Schell Bet gische Sagen 426; Zaune rt
Rheinland 2, 200 f. 325 ) Meiche Sachs. Schweiz
1929, 155; Walter Loose Sagen aus d. Schwarz¬
wassergebiet 193 1 » 44 - 326 ) Panzer 2, 4°7 n äcli ;
Heraklit; vgl. Pauly-Wissowa 11, 1, 21 f.
326 a) Rosegger Waldschulmeister 134 f* = Zfd-
Mda. 1 (1906). 117 f. 32? ) Birlinger Schwaben
1, 436 nach Wolfg. Hildebrands Magia natu-
ralis 1609. II c. 47. 328 ) Grimm Altdänische |
Heldenlieder u. Balladen 1811, 229; Hess. Bl.
3* 163 f.
16. Ein R. ist auch der Nacht¬
rabe 1 ), entweder eine mythologische Ge- !
stalt 2 ), oder ein Übername für nächt¬
liche Diebe im deutschen Nordböhmen 3 ).
i) Lauchert Physiologus 9. 142. 2 ) Oben j
6 , 803 f. 3 ) DVköB. 11, 165.
Peuckert.
Rabendukaten (ungar.), umgehängt,
halfen gegen Epilepsie 1 ), erleichtern das
Zahnen 2 ), glühend, in Wein gelegt, die¬
nen sie gegen die Gelbsucht 1 ).
i) ZfdPhil. 20, 358 f. (Schlesien); DWb. 8. 6f.;
MschlesVk. 19. 9 °- 2 ) Lemke Asphodelos 127.
Peuckert.
Rabenreiser. Das dünne Holz, aus
dem die Raben ihr Nest bauen, und das
die Kinder sammeln, wird in Hessen x )
als R„ in schlesischen Sagen als „Vogel¬
tritt“ bezeichnet.
i) ZfVk. 18, 312. Peuckert.
Rabenstein. Noch heute ist der einst
weitverbreitete Aberglaube nicht völlig
ausgestorben, daß der Rabe einen Stein
kennt, der unsichtbar macht. Will man
sich einen solchen Stein verschaffen, so
muß man zu dem Neste eines hundert¬
jährigen Raben hinauf steigen, einen jun¬
gen, höchstens sechs Wochen alten Raben
töten und sich genau merken, wo er sich
befindet; man kann, um das zu erreichen,
ihm an den Fuß eine lange rote Schnur
binden, die, wenn der alte Rabe ihn un¬
sichtbar macht, nicht mit verschwindet.
Oder man nimmt aus dem Neste ein Ei,
kocht es und legt es wieder hinein. In
beiden Fällen fliegt der Rabe sofort an
das Meer, holt dorther den unsichtbar
machenden Stein, steckt ihn dem toten
Jungen in den Schnabel, „um den Jammer
nicht zu sehen“, oder berührt damit das
gesottene Ei, das alsbald wieder roh
wird. Baum, Nest und Junges werden
durch die Kraft des Steines unsichtbar;
hat man sich aber die Stelle genau ge¬
merkt, so kann man ihn herausnehmen.
Wo, wie in Oldenburg, der Rabe selten
vorkommt, tritt die Krähe für ihn ein
(Krähenstein) x ). Ein in Pommern vor¬
kommender Aberglaube läßt den R. aus
Diebsaugen erwachsen, die der Rabe den
am Galgen Hängenden herausgehackt hat;
doch entsteht er erst, wenn es hundert
Augen sind; es ist ein glatter, runder,
wie ein Karfunkel feurigroter Stein, der
alles erhellt, während sein Träger un¬
sichtbar bleibt 2 ), so daß sich herrlich
mit ihm stehlen läßt.
Wer einen R. bei sich trägt, wird für
alle unsichtbar. Wer ihn in den Mund
nimmt, versteht die Sprache aller Vögel
(Tirol). Wer ihn in einem Ringe bei sich
trägt, kann die stärksten Ketten zer¬
reißen und verschlossene Türen auf-
sprengen, wenn er sie mit dem Stein be¬
rührt 3 ). — Dem R. haftet etwas Dä¬
monisch-Teuflisches an. In einem alten
Zauberbuche (158b) heißt es, man solle
den Stein „in aller Teufel Namen“ tragen;
auf Rügen glaubt man, sein Besitzer
sei dem Teufel verfallen, in Pommern,
er leite seinen Träger schließlich zu Galgen
und Rad 4 ). Zedier verweist s. v. R.
auf „Albschoß“ und versteht darunter
den dunklen Belemniten.
i) Kuhn Westfalen 2, 76 Nr. 231; Schön¬
werth Oberpfalz 3, 209; Alpenburg Tirol
385 t.; Bartsch Mecklenburg 2, 29; Wuttke
318 § 473; ZdVfVk. 1 (1891), 324» vgl. 18 (1908),
97 u. 2 (1892), 14 Nr. 16; Kuhn Studien i, 190 2 ;
vgl. Maurer Isländische Volkssagen (1860), 182
und die wunderliche Sage bei LemVeOstpreußen
2, 21 Nr. 39. 2 ) Jahn Pommern 469 Nr. 585.
3 ) Wuttke 122 § 162; ZdVfVk. 8 (1898), 170;
Knortz Streifzüge 107 f.; Sepp Sagen 465 f.
4 ) Kuhn a. O. 77; Bartsch Mecklenburg a. O.
letzte Zeile; Jahn a. O. 470; vgl. Urquell 3
459
Rabi Habi Gabi—Rachepuppe
460
(1892), 275 u. Meier Schwaben 220 Nr. 3.
Vgl. Liebrecht Gervasius m (französ. Abergl.).
f Olbrich.
Rabi Habi Gabi 4 ), Zauberworte, aus
Habere usw. (s. d.) entstellt.
*) Bartsch Mecklenburg 2, 397t.; ZfVk. 7
( I ^ 97 )» 7 1 * Jacoby.
Rache s. Strafe.
Rachepuppe nennt man das im
Schadenzauber verwendete plastische
Abbild eines zu treffenden fernen Gegners.
Dieses Bild wird in Gestalt einer Puppe
aus Wachs, Teig, Ton, Lehm, auch Kreide,
Holz, Eisen oder Blei hergestellt und
(nach Benennung, „Taufe“) unter Zauber¬
formeln entweder mit Nadeln oder Nägeln
durchstochen, in der Regel durch be¬
stimmte Teile, meistens an der Herzstelle,
oder durchschossen, umbunden, auch ver¬
brannt bzw. geschmolzen oder gebäht, in
die Luft gehängt, ins Wasser getaucht,
vergraben. Dadurch soll der augen¬
blickliche Tod oder mindestens ein Dahin¬
siechen des Gemeinten, ein Erkranken an
den
werden. Ein Zusammenhang der R.
mit dem Bedrohten, indem man etwa
von dessen Haaren, Nägelteilen, Blut,
Urin oder Schweiß einknetet, erscheint
im allgemeinen nicht ausdrücklich er¬
forderlich wie z. B. bei dem verwandten
Fußspurzauber. Solcher mit einer R.
vorgenommener Fernzauber ist nur eine
unter vielen Arten von Bildzauberkünsten.
Wie diese alle begegnet auch der Zauber
mit R.n seit den Anfängen der Menschheit
unter dem Zwang einer primitiven Vor¬
stellungswelt. Vgl. Bildzauber 1, 1293 f.;
s. a. Analogiezauber 1, 394, Atzmann 1,
671 f., Defixion 2, 184 f., Fernzauber 2,
1342 f., Liebeszauber 5, 1287, Schaden¬
zauber, Wachsmännchen.
Das Durchstechen oder Verbrennen von
Wachsbildern ist schon der Antike in
Orient und Mittelmeerlanden geläufig 1 ).
Diese antiken R.n tragen die Namen der
Verfluchten als Inschrift 2 ). Unverändert
erhält sich dieser Schadenzauber durch
die Jahrtausende auf dem ganzen Erd¬
kreis 3 ). In Nordamerika wird noch jetzt
nach Zauberern in effigie geschossen 4 ),
in gleicher Absicht in Kanada ein Gegen¬
stand, der einer Hexe gehört, mit Nadeln
durchstochen 5 ), und ein neueres Beispiel
aus Mexiko zeigt zwei wächserne R.n, die
zuerst gebunden und dann mit 4 Dornen,
7 Nadeln durchstochen worden sind 6 ).
Für das deutsche Sprachgebiet und das
angrenzende Abendland sei hier eine
Reihe von Belegen in zeitlicher Folge der
Quellen angeführt. Der älteste überlieferte
deutsche Fall trifft 1066 Erzbischof Eber¬
hard von Trier, der angeblich durch Juden
mit einem geschmolzenen Wachsbüde um¬
gebracht worden ist 7 ). Der Glaube an
solche Bildzauberei findet sich dann in
der Literatur des 13. Jh.s, so bei Albertus
Magnus wie bei Berthold von Regensburg.
Papstbriefe und Verhörakten des 14. Jh.s
verraten die Angst vor diesem Rache¬
zauber, der auch wirklich geübt worden
ist, namentlich am französischen Königs¬
hof 8 ). Daher begegnen die Wachs- und
Bleibilder auch um 1320 in einem Formu¬
lar für das Verhör in einem Zauberei¬
prozeß zu Toulouse 9 ) und in Traktaten
gegen Ketzer und Hexereien im 14. und
I 5 - Jh* 10 ). 1407 wird ein Wachsmännlein
zu Basel ins Feuer gehalten n ). Aus
Kärnten und Tirol sind Mordanschläge
mit von Stecknadeln durchstochenen und
eingegrabenen Wachs-(Lehm-)puppen von
x 465 > x 4^5 und I 493 überliefert 12 ). Vint-
ler läßt die Nadel in den Magen des
Wachsbildes stechen 13 ). Alle diese Zeug¬
nisse und Fälle scheinen bis dahin ein
fast ausschließliches Vorkommen der R.
in Mitteleuropa auf romanischem, süd-
und westdeutschem Boden zu ergeben.
Die literarische Kunde der R. pflanzt sich
vom 15. ins 16. Jh. weiter, über Thomas
Ebendorfer 14 ), Geiler von Kaisersberg 15 )
bis Johannes Pauli 16 ), der c. 102 der
Gesta Romanorum nacherzählt, und Maxi¬
milians II. Hofmedikus Carrichter 17 ).
1578 sollen in England in einem Mist¬
haufen drei Wachsbilder gefunden worden
sein, durch die ein Dorfpfarrer bei London
die Königin und zwei andere, deren Namen
er daraufgeschrieben, habe umbringen
wollen 18 ). 1611 erscheint in Bayern noch
ein Landgebot notwendig gegen die,
„welche bilder machen von wachs, bley.
r
461
Rachepuppe
462
oder anderm metall. . . (und) solche
bilder mit nadeln, messern oder sonst
verletzt und durchstochen . . .“ 19 ). Pro¬
testantische Pamphlete von 1619 und
1620 behaupten daher, ohne damals un¬
glaubhaft zu wirken, die Jesuiten in Rom
hätten Bildnisse eines jeden ketzerischen
Fürsten in Wachs geformt, um sie täglich
so lange zu verfluchen, bis die lebendigen
Ketzer dadurch gestorben, oder um sie
mit Nadeln zu durchstechen und dem
Teufel zu übergeben 20 ). Und es begegnen
auch weiterhin noch wirkliche Fälle
dieses Zaubers, so 1613 in umgekehrter
Absicht 21 ), 1635 in Italien 22 ), 1653 in
Schlesien — in Menschengestalt geformtes
„Hexenbrot“, durchstochen in einen Sarg
gelegt 23 ) — 1677 in Cilli 24 ). Ende des
17. Jh.s sollen Georg III. und Georg IV.
von Sachsen durch Verbrennen einer R.
getötet worden sein 25 ). Ebensowenig
verschwindet die R. aus der Literatur,
im 17. Jh. erwähnen den Zauber (nicht
unter dem Namen R.) Praetorius 2Ä ),
Anhorn 27 ), Ludwig Hartmann 28 ) und
zuletzt 1694 Gießener Konsistorialakten,
die sich auf den Tod der sächsischen Kur¬
fürsten beziehen 29 ). Ein 1796 gezeich¬
netes Arzneibuch von Bischheim schreibt
vor, das Wachsbild mit Eichenholz zu
durchstechen und am Feuer herumzu¬
drehen, damit das Herz des Gemeinten
brennen und er selbst krumm gehen müsse
und daher sich unausstehlich änstige, bei
gänzlichem Braten gar sterbe 30 ). In
mancherlei Variationen erscheint das Re¬
zept noch 31 ), bis zum Durchstechen und
Vergraben einer gekleideten und „ge¬
tauften“ Vogelleiche 32 ). Mindestens ein
„Hexenstich“ oder „Hexenschuß“ ist
die Folge solches Zaubers, solange man
an Hexen glaubt 33 ). Auch das 19. Jh.
weiß noch von der Verwendung der R.,
wenn auf Amrum einmal als Ursache
einer schweren Erkrankung festgestellt
worden sein soll, daß ein Weib das
wächserne Bild eines Männchens mit einer
Stecknadel im Herzen im Sand vergraben
hatte 34 ). Die eigentliche R. scheint bei
uns heute verschwunden zu sein, es sind
aber verwandte Zauber geblieben wie das
Durchstechen einer Kerze 35 ) oder das
Abbrennen eines Lichtes 36 ), das Durch¬
stechen von Photographien und Spiel¬
karten 37 ). In Oldenburg brachten zuletzt
Hexen Kinder durch Auszehrung um, in¬
dem sie kleine buntseidene Puppen ihnen
ins Bett legten, die nur durch Verbrennen
unschädlich gemacht werden konnten 38 ).
Okkultes Schrifttum verbreitet aber noch
heute die Ansicht eines Paracelsus über
die wächsernen Bilder, daß es möglich sei,
„daß ich durch meinen Willen den anderen
Geist meines Widersachers in ein Bild
bringe und ihn danach krumm mache oder
lähme, im Bild nach meinem Gefallen“ 39 ).
i) R. Wünsch in Philologus 61 (1902),
26—-31; Fahz Doctrina magica 20; Abt Apu-
leius 57. 80 ff.; MschlesVk. 13/14, 5 2 9 ^-'»
NJbb. 5, 152; ZfVk. 23, 114. 2 ) Abt Apuleius
211. 239. 3 ) Grimm Myth. 2, 913 h.; 3, 3 * 5 -
424. 430. 474; Schindler Aberglaube 133 f.
350 f.; Meyer Aberglaube 194 t- 261 ff.; Leh¬
mann Aberglaube 29. 43; Soldan-Heppe
i, 141. 200 ff. 219; Stemplinger Aberglaube
69 ff.; Schefold u. Werner 17; Löwen-
stimm Abergl. 74; Groß Handbuch 1, 542;
Beth Religion u. Magie 72. 135 f.; S. Reinach
Hart et la magie 125 ff.; Levy-Bruhl Fonctions
mentales 41 ff.; Bargheer Eingeweide 39
Freudenthal Feuer 92. 105 ff.; Andree Pa¬
rallelen 2, 8—17; Frazer 1, 10ff. 55—68: Bei¬
spiele aller Zeiten und Völker; Henderson Folk-
Lore of Northern England 229; F. Skutsch
in MschlesVk. 13/14 (1911), 525—551 (hier
auch eine Zusammenstellung von Beispielen
aus der Dichtung); ZfVk. 9, 332; J 3 * 44 ° f*
(frühe Parallelen aus Orient, arabische R.n,
9. Jh. in Spanien); HessBl. 3, 131 ff.; ARw.
5 , 8 f.; 14, 223; 15, 3i3ff-; 17. 392; 19,286;
Svenska Landsmalen 5, 6, 48. 150; ZfEthn.
1877, 334; Globus 25, 28 ff.; 77, 36; 79, 110 ff.
4 ) AKrim. 61, 124 f. 5 ) Ebd. 126. 6 ) ARw.
15, 313 ff. 7 ) Gesta Trevirorum, MG. SS. 8,
182; Fox Saarland 119. 443; dazu und zum
folgenden vgl. Bargheer a. a. O. 39 L; Freu¬
denthal Feuer 106; MschlesVk. 17, 35 (Trak¬
tat 13. Jh.s); Schönbach Berthold v. R. 27;
Grimm Myth. 2, 914; 3 , 3 * 5 : cereas imagines
facere 1219 den Stedinger Ketzern zur Last
gelegt. 8 ) Gerhardt Französische Novelle
132 ff.; Hansen Zauberwahn 251 ff. 260. 355 ff.;
ders. Quellen 3. 5. 7. 11 f. 14 t. 447 ff. 520 ff.
702; Historisches Jb. 18 (1897), 73 h- 87.
608—630. 626: ein Tiroler Fall 1371; MschlesVk.
13/14, 534 ff.; Ulm Hartlieb 133, 24; Stemp¬
linger 70. 9 ) Hansen Quellen 48 f. 10 ) Ebd.
60. 94. mf. 193 - 231; vgl. HessBl. 3, 142 f.
u ) Meyer Aberglaube 261 ff.; Freudenthal
106 f. 12 ) Byloff Volkskundl. aus Straf¬
prozessen 8. 12 ff.; ders. Hexenglauben 30. 33.
13 ) Vintler Pluetnen 7743 t. 7945 h = ZfVk.
23, 5. 10; vgl. ZfdMyth. 1, 6. 242. 14 ) yma-
Rad
Rad
466
gines cereas, ZfVk. 12, 10. 15 ) vveszin bild,
Bargheer a. a. O. 40; ebd. weitere literar.
Belege des 16. Jh.s; Hansen Quellen 287 ff,
16 ) Schimpf und Ernst c. 232 (ed. Bober¬
tag); vgl. Grimm Myth. 2, 913 ff.; Gering
Aeventyri 2, 139 ff. 142. 17 ) Breslau 1551,
Drechsler 2, 260 f. 18 ) ARw. 15, 317
= MschlesVk. 13/14, 537; Pfister Schwaben
46. 19 ) Panzer Beitrag 2, 272 f. 20 ) B. Duhr
Geschichte der Jesuiten in den Ländern deutscher
Zunge 2, 2 (1913), 673. 21 ) als Krankheits¬
abwehr, HessBl. 3, 144 (Odenwald). 22 ) Sternp-
linger Aberglaube 70. 23 ) Drechsler 2, 261.
24 ) Byloff Volkskundl. 45; Hexenglaube 123.
25 ) Meiche Sagen 488 t.; HessBl. 3, 131 ff.
2Ö ) Seyfarth Sachsen 53. 27 ) Magiologia 735 ff.
947. 1058. 2g ) ZfVk. 23, 14. 29 ) HessBl. 3, i3off.
30 ) JbElsaß-Lothr. 18, 199 = Bargheer 40;
vgl. ein Zauberbuch von 1773, Nds. 13, 342.
31 ) Bargheer 40 f.; Montanus Volksfeste 112.
ii7f. ähnlich wie Anhorn Magiologia 947 ff.;
Strackerjan 1, 376; Kühnau Sagen 3, 195;
Drechsler 2, 257. 32 ) Bartsch Mecklenburg
2, 329 = Bargheer 41; vgl. Bartsch 2, 355.
33 ) ZfVk. 7, 252 (Steiermark). 34 ) Müllen-
hoff Sagen 223 Nr. 303 = ZfVk. 9, 332 f., hier
auch das Vorkommnis eines durchstochenen
u. in einen Fluß gelegten Lehmbildes 1869 in
der engl. Grafschaft Inverness; Lübbing Fries.
Sagen 184t. 35 ) Drechsler 1, 232; Schön¬
werth Oberpfalz 1, 127 — ZfVk. 9, 332; vgl.
Bildzauber 1, 1294. 36 ) Müller Siebenbürgen
148. 37 ) Mschles.Vk 13/14, 539 f.; vgl. ZfdMyth.
1, 242 (Mosel); SAVk. 2, 270 (Zürich); Wolf
Niederl. Sagen 497. 38 ) Strackerjan 1 i, 307 =
W. §396. 39 ) Paracelsus 138.
Müller-Bergström.
Rad.
1. Allgemeines. 2. Das Rad als magischer
Gegenstand im Zauber. 3. Das Rad in Ver¬
bindung mit Jahresfeuern. 4. Rad u. Gestirne,
Heilige, Dämonen. 5. Das Rad beim Notfeuer.
6. Radtänze, Radgebäcke, Radornamente. 7.
Das Rad bei Umzügen. 8. Verbote, Räder
zu drehen oder zu zeigen. 9. Radspeiche, zer¬
schlagne, hilft gegen Bannzauber. 10. Lebens¬
rad u. Glücksrad. 11. Rad im Rechtsbrauch
u. als Wappen. 12. Feurige Räder als umgehende
unerlöste Tote.
; standen aus der Weiterbildung von Spinn-
wirtein und Tonscheiben, die primäre
Form sei J ). Andrerseits weist das Fehlen
nicht nur eines gemeinsamen ig., sondern
auch gemeingerm. Wortes für den Gegen¬
stand 2 ) darauf hin, daß erst in einer Zeit
nach der Trennung der ig. Stämme das
Rad in wirtschaftlicher wie in kultischer
j Hinsicht allgemeinere Bedeutung erlangt
| hat.
' *) Ebert Reallex. 11, 9 ff. 2 ) Kluge Elyrn.
Wb. lQ 383; Schräder Reallex. 647.
| 2. Wir beginnen mit einer Zusammen¬
stellung der zauberischen Handlungen,
1 bei denen das Rad als magischer Gegen¬
stand eine Rolle spielt. In einem Zauber-
j buch d. J. 1455 heißt es, daß Hexen das
von einem Mühlrad emporgesprühte Was-
: ser auffangen und zur Zauberei benutzen 3 ).
| In Ostpreußen läßt man Erbsen vor der
I Aussaat durch die Nabe eines Wagenrades
laufen 4 ). Nach einem Tiroler Glauben
| verschwinden Überbeine, wenn man das
kranke Glied an einem Wagenrade reibt 5 ).
Ein Freischütz wird man, wenn man von
j der Speiche eines Rades, auf dem einer
gerädert wurde, jedesmal etwas in die
Kugeln hineintut 6 ). Im Märchen hilft
ein von einer Kröte gespendetes Pflugrad
der Prinzessin auf den richtigen Weg 7 ).
Im Altertum benutzte man das Rad in
i verschiedener Form, entweder als Bronze-
j scheibe, tu*;; 8 ), oder als Zauberkreisel.
poußo; 9 ), zum Liebeszauber; im deut-
I sehen Aberglauben ist von einer solchen
Verwendung keine Spur zu finden. Der
gleiche Gedanke eines Bannzaubers liegt
vor, wenn empfohlen wird, um einen
Dieb zur Rückgabe des gestohlenen Gutes
zu zwingen, einen Gegenstand, den er
1. Das Rad findet im deutschen Aber¬
glauben und den aus ihm hervorgehenden
Bräuchen eine so verschiedenartige An¬
zufällig zurückgelassen hat
Wendung, daß es nicht möglich ist, diese
Formen alle auf eine Gr und Vorstellung i
zurückzuführen. In der vorgeschicht¬
lichen Forschung besteht noch keine Ein¬
mütigkeit über die Entstehungsfrage, ob
nämlich das Rad als Gebrauchsgegenstand,
hervorgegangen aus der zur Fortbewegung
schwerer Lasten untergelegten Baumrolle, ;
oder als Gegenstand des Kultus, ent- !
oder drei
Späne von der Tür, aus der er heraus¬
gegangen ist, an ein Rad zu binden und
dieses in Bewegung zu setzen; je schneller
man dreht, um so schneller muß der
Dieb laufen 10 ) (Näheres unter ,,drehen“
2, 411). Auf Norddeutschland ist be¬
schränkt ein ähnlicher Zauber gegen den
Drak, ein schatzspendendes Fabelwesen
(vgl. 2, 391 ff.). Wenn man nämlich ein
Wagenrad schnell abzieht und es verkehrt
wieder aufsteckt, dann muß das Untier
entweder seine Beute fallen lassen u ),
oder es setzt das Haus dessen, bei dem .
es einkehrt, in Brand und verbrennt selber
mit 12 ). Die gleiche Wirkung erzielt man, !
wenn man ihm durch die Nabe eines i
1
Wagenrades ein Wort zuruft 13 ). Nur
muß man danach trachten, auf schnell¬
stem Wege nach dem Zauber unter ein ;
schützendes Dach zu kommen, sonst j
wird man, statt mit Gold, mit Dreck und !
Ungeziefer überschüttet 14 ). — Ebenso !
gelang es, bei Altbüron einen Geist zu
bannen, indem man den Zauberspruch j
durch eine Radnabe sprach 15 ). \
Häufig wohnt dem Rade oder einem
Teüe desselben eine starke apotropäische
Wirkung inne. Man schützt sich gegen
die wilde Jagd, indem man den Kopf
zwischen ein Wagenrad steckt 16 ). Wenn ;
man die zufällig gefundene Felge eines j
alten Wagenrades in die Scheune wirft,
dann können die Mäuse im Getreide
keinen Schaden anrichten 17 ). Wider das
Weitergreifen des Feuers hilft es, wenn
man in der Stube einen Tisch umgekehrt j
auf die Erde legt und in ein Wagenrad ‘
zwischen seinen Füßen die Worte ,,con- .
summatum est“ schreibt 18 ). Altgeübt j
und allgemein verbreitet ist die Sitte,
Scheune und Stall durch vor die Tore
gelegte oder auf den Dächern befestigte
Wagenräder zu schützen. „Ein altes
Wagenrad schützt gegen böse Mächte“,
heißt es in Oldenburg 19 ). Wenn sie ent- j
fernt werden, so stirbt ein Stück Vieh
nach dem andern (Ammerland) 20 ). In
Calbe (Prov. Sachsen) hing man Wagen¬
räder im 18. Jh. in den Torhäusem auf,
damit das Vieh beim Ein- und Ausgang
immer unter ihnen hindurchschreiten
mußte 21 ). Ebenso tat man in Bayern 22 )
und Tirol 23 ). Im Hessischen legt man
dem Storch zum Nestbau ein Wagenrad
aufs Dach, dann ist das Haus gegen
Blitzschlag geschützt 24 ). Schon im
30jährigen Kriege diente ein an die
Türe gezeichnetes Rad als Schutz gegen
Krankheiten und böse Geister 25 ). Viel¬
leicht zeigt sich ein letzter Rest dieses
Glaubens noch darin, daß auf den Halligen
die Gucklöcher in den oberen Teilen der j
Haustüren zuweilen wie Räder gestaltet
sind 26 ). Der Glaube an eine solche apo¬
tropäische Kraft des Rades ist uralt und
allgemein, wie zahlreiche Amulette von
der Hallstatt zeit an beweisen 27 ).
Selten wird dem R.e Orakelkraft bei¬
gelegt. Um einen Dieb zu entdecken,
setzt man in der Pfalz ein R. in Bewegung
und spricht die Namen verschiedener
Verdächtiger aus; bei der Nennung des
Schuldigen bleibt das R. stehen 28 ). Bei
einem Grenzstreit zwischen zwei Olden¬
burger Dörfern ließ man im 16. Jh. ein
R. von einer Anhöhe herablaufen. Dort,
wo es niederfiel, setzte man dann die
Grenze fest 29 ). In Frankreich benutzt
man das R. von Statuen der hl. Katharina
von Alexandrien, um die Leichen Er¬
trunkener zu finden. Man glaubt, daß
das in den Fluß geworfene R. über der
Stelle im Wasser anhält, wo auf dem
Grunde die Leiche liegt 30 ). In einer
böhmischen Variante zum Märchen vom
singenden Knochen verrät ein R. den
Mord, den die falsche Braut an der
echten beging 31 ). Im Erzgebirge prophe¬
zeit man eine unglückliche Ehe, wenn
auf der Fahrt zur Trauung ein R. der
Hochzeitskutsche zerbricht oder verloren
geht 32 ).
In dieser ersten Gruppe haben wir alle
die abergläubischen Bräuche zusammen¬
gefaßt, die vorwiegend magische Quali¬
täten des R.es zur Grundlage haben.
Sie sind also ihrer Entstehung nach
weder zeitlich noch örtlich einmalig und
gebunden, wenn sie auch im Laufe der
Entwicklung mancherlei Einflüsse von
solchen Bräuchen erfahren haben werden,
bei denen in erster Linie der kultische
Charakter des R.es zutage tritt.
3 ) Grimm Myth. 3, 428. 4 ) Sartori Sitte
67; Toppen Masuren 93. 5 ) Hovorka u.
ironfeld 2, 397. 6 ) Schönbach Berthold
R. 149. 7 ) Grimm KHM. Nr. 127. «) Abt
ipuleius 104; Panzer Beitrag 2, 322 f.; Pindar
°ythia 4, 213. 9 ) Abt Apuleius 177 ff ; Ovid
imores 1,8, 7;Pauly- \Viss0wa2.R. 1,1,1148h.
°) Baumgarten Heimat 2, 88; BIPommVk.
\, 139; Bohnenberger 19; DG. 5,23; Groh-
nann 204 t.; Heyl Tirol 40; Kunze Suhler
•lagen 69; Mackensen Nds. Sagen 103; Meyer
Baden 567; Müller Urner Sagen i, 225 ff.;
STiderberger Unterwalden 3, 620 ff.; Reiser
illgäu i, 2iifL; Schw.Vk. 2, 10; Wolf Bei-
räs'e 1. 2S7 f.: Wuttke 413 § 643- ll ) Bartsch
467
Rad
468
Mecklenburg 2, 202. 12 ) Andree Braunschweig
389; Bartsch Mecklenburg 1, 237; BIPommVk.
4, 141; Kuhn Mark. Sagen 49; Kuhn und
Schwartz 420; Meyer Germ. Myth. 99; Mül-
lenhoff Sagen 4 206; Reusch Samland Nr. 37;
Sundine (Stralsund) Jg. 1832, p. 255; Voges
Braunschweig 57. 13 ) Grohmann 23. 14 )
Bartsch Mecklenburg 2, 202. 15 ) Lütolf
Sagen 156. lß ) Bechstein Frank. Sagen 1, 57;
Bechstein Thüringen 4, 234; Birlinger
Volksth. 1, 37; Wolf Beiträge 2, 160; Wuttke
*9 § 18; 130 §177. 17 ) Grimm Myth. 3, 445.
18 ) Birlinger Volksth. 1, 200. 19 ) Stracker-
jan 1 § 236. 20 ) Ebda. 2 § 487. 21 ) Kuhn Mark.
Sagen 369. 22 ) Panzer Beitrag 1, 260. 23 ) Hey]
Tirol 804. 24 ) Kuhn Herabkunft d. Feuers 106;
Lyncker Sagen Nr. 191; Sey Sachsen 154.
25 ) Grimm Myth. 2, 953; 3, 444; Heyl Tirol
763; Prätorius Phil. 100. 26 ) NdZfVk. 8, 39.
27 ) Deonna croyances relig. 335 h.; Goblet
d'Alviella Migration 33. 28 ) Löwenstimm
Abergl. 87. 29 ) Strackerjan 2, 230; 2, 292.
30 ) Sebillot Folk-Lore 2, 385. 31 ) Kahlo Verse
i. Sagen u. Märchen (Jena 1919) 61; Mile-
nowski V olksmär che n a. Böhmen (Breslau 1853)
I 43 »' Wen zig Westslaw. Märchenschatz (Leipzig
i8 57 ) 5 6 * 32 ) John Erzgebirge 95.
3. Häufig und schon seit dem frühen
Mittelalter bezeugt ist die Verwendung
des R.es im Kulte der Jahresfeuer. Es
begegnet uns in zwiefacher Anwendung,
einmal als strohumflochtenes Wagenr., das
beim Jahresfeuer meistens auf einem
Berge in Brand gesetzt und dann zu Tal
gerollt wird, oder als R.scheibe, die im
Feuer an den Rändern glühend gemacht
und dann durch einen Stock im hohen
Bogen durch die Luft geschleudert wird
(s. Sch ei benschlagen).
Der älteste unsichere Hinweis auf
einen von beiden Bräuchen findet sich
vielleicht in einer Missionspredigt des
hl. Eligius (gest. 659 zu Noyon), in der
es heißt: „nullus in festivitate Johannis
baptistae . . . solstitia . . . exerceat“ 33 ).
Den ersten sicheren Beleg bringen die
Annalen des Klosters Lorsch vom Jahre
1090, wo gesagt wird ,,discus in extrema
marginis hora, ut solet accensus, . . . per
aera vibratus“ sei die Ursache des Kloster¬
brandes vom 21. März gewesen 34 ). Eine
höfische Umformung der Sitte des R.-
rollens können wir wohl in den Versen
der Kaiserchronik (ca. 1150) erblicken:
die allerwisistin herren
vuorten einiz all umbe die stat,
daz was geschaffen same ein vat
mit brinnenden liehten 35 ).
des
Gleichfalls aus dem 12. Jh. stammt ein
Beleg aus Frankreich in der summa de
divinis officiis des Joh. Beleth: „in festo
Johannis baptistae . . rota in quibusdam
locis volvitur“ 36 ). Als letzte tritt hinzu
eine Stelle bei einem mittelalterlichen
ags. Schriftsteller: „dicamus de tripudiis,
quae in vigilia St. Johannis fieri solent,
quorum tria genera . . . Tertium de rota,
quae faciunt volvi; quod, cum immunda
cremant, habent ex gentilibus“ 37 ). Für
die nächsten Jahrhunderte schweigen
die Quellen. Erst die Humanisten be¬
richten uns wieder, so Joh. Boemus in
seinen Omnium gentium mores cap. 13—16
pag. 221 ff. (ca. 1520) aus Würzburg:
Zu Mitterfasten hat damals die Jugend
ein strohumwickeltes R. brennend zu Tal
gerollt, so daß alle, die es noch nicht
gesehen hatten, glaubten, die Sonne oder
der Mond falle vom Himmel 38 ). In der
Johannisnacht zündeten dann die Hof¬
leute des Bischofs von Würzburg auf
einem die Stadt überragenden Berge ein
Feuer an, legten kleine in der Mitte
durchlöcherte Scheiben hinein, setzten
diese in Brand, steckten sie auf einen
Stock und schleuderten sie dann hoch
in die Luft. Boemus setzt hinzu: Wer
sie noch niemals sah, hält sie für fliegende
Drachen 39 ). Nur wenig später bezeugt
Seb. Frank in seinem Weltbuch (Ausg.
v - I 534 u. 1567) für Eisenach die Sitte,
zu Mitterfasten ein Feuerr. zu Tal zu
rollen 40 ). Um die gleiche Zeit etwa
( x 55 °) wird das ,,R.schleudern“ zum
ersten Male erwähnt, das die Metzger
in Trier auf dem Maxberge feierten 41 ).
Gleichfalls für das 16. Jh. legt ein Bericht
diese Sitte für den Kanton Basel-Land
fest 42 ). Im Jahre 1566 wird in der
pfälzischen Grafschaft Leiningen „Das
Rathscheiben“ beim Johannisfeuer und
„manche andere heydnische, abergleubi-
scheGebräuche“ verboten 43 ). Im Kirchen¬
kalender des Jahres 1608 verbietet Mar-
tinus Bohemus für Schwaben: „So dürften
wir auch am St. Johannstage nicht
Todtbeine verbrennen oder Lichter an¬
zünden oder Reder umbtreiben“ 44 ). Im
Jahre 1722 wird für die Grafschaft
Leiningen das Verbot des Jahres 1608
?
Rad
wiederholt 45 ). In einer Hs. des Jahres
1704 wird ausführlich über das R.rollen
berichtet, das zu Eisenach die Kinder
und Mägde beim „Sommergewinn“ am
Laetaresonntag veranstalteten 46 ). 1779
wird zum letzten Male das Feuerr. vom
Maxberge bei Trier zu Tal gerollt 47 ).
1816 hört die gleiche Sitte in Gerolstein j
(Eifel) auf 48 ). i
Die Mehrzahl der Belege für beide
Sitten stammt aus dem 19. Jh.; doch
beschränken sie sich im wesentlichen auf j
West-, Südwest- und Süddeutschland
sowie die Alpenländer, reichen nur ver¬
einzelt nach Mitteldeutschland hinüber
und meiden Nord- und Ostdeutschland
gänzlich. Auch für Frankreich ist der
Brauch nur in unbedeutenden und er¬
starrten Resten bezeugt.
Das R.rollen findet statt zu Fastnacht
im Rheinland 49 ), Rheingau 50 ), Pfalz 51 ),
Odenwald 52 ); am 1. Fastensonntage
(Invocavit), dem sog. Funkensonntage,
in Luxemburg 53 ), der Eifel 54 ), dem
Moselland 55 ), der Rheinpfalz 66 ), dem
Odenwald 57 ), der Rhön 58 ), dem Vogels¬
berg 59 ), Nassau 60 ), dem badischen Unter¬
land 61 ), Elsaß 62 ), Schwarzwald 63 ),
Schwaben 64 ), Allgäu 65 ), Bayern 66 ), im
Kanton Aargau 67 ), Luzerner Hinter¬
land 68 ), Züricher Weinland 69 ), in Tirol 70 )
am Montag nach Invocavit, dem sog. j
Hirßmontage in der Nähe von Zürich 71 ); j
zu Mitterfasten, am Sonntag Laetare,
bei Eisenach 72 ) und in der Nähe von
Freiburg i. B. 73 ); zu Ostern im alten
Bistum Hildesheim 74 ), in Oberbayern 75 );
am St. Veitstage (15. Juni) in Schwaben 76 );
sehr häufig am Johannistage, nämlich
im Moseltale 77 ), in Hessen 78 ), Nassau 79 ),
Böhmen 80 ), im schwäbischen Jura 81 ),
bei den deutschen Kolonisten am unteren
Maros 82 ); am Michaelstage (29. Sept.)
in der Eifel 83 ), dem Mosellande 84 );
am Martinstage in der Eifel 85 ), dem
südlichen Westfalen 86 ). Das brennende
R. wird bisweilen ersetzt; durch eine
Teertonne beim Johannisfeuer in Eders-
leben bei Sangerhausen 87 ) und beim Mar¬
tinsfeuer in Echternach (Luxemburg) 88 ),
häufig durch einen Kartoffelkorb bei
den Martinsfeuern in der Eifel 89 ) und
in Westfalen 90 ). In Frankreich übt man
das R.rollen noch beim Johannisfeuer in
Poitou 91 ) und im Departement de
rOrne 92 ). Über die Form der Sitte
herrscht zwischen den einzelnen Be-
* •
richten weitgehende Übereinstimmung.
Fast stets sind R.rollen und Jahresfeuer
eng miteinander verbunden; meistens
wird dieses an jenem entzündet 93 ). In
vielen Fällen ist ein ganz bestimmter
Berg in der Umgebung Stätte der kulti¬
schen Handlung, so der Radersberg bei
Brück (Eifel) M ), der Paulsberg bei
Trier 95 ), der Mittelstein bei Eisenach 96 ).
Oft wird gefordert, daß das Feuerr. erst
im Wasser des Talflusses gelöscht wird 97 );
man weissagt dann eine gute Wein¬
ernte 98 ). Auch sonst hat die Sitte im
Volksglauben vorwiegend fruchtbarkeits¬
fördernde, dämonenabwehrende Kraft. In
dem mittelalterlichen Zeugnis aus Eng¬
land heißt es, daß durch das Feuer
Giftdrachen, die zur Sommerzeit Brunnen
und Quellen vergifteten, vertrieben wür¬
den "). Nach den Belegen des 19. Jh.
werden die Felder soweit fruchtbar, wie
der Feuerschein reicht 10 °). Das R.
wehrt den Hagelschiag von den Saaten
ab und heißt darum auch „Hallr.“ 101 );
es schützt vor Gewitterschaden 102 ). Junge
Männer begleiten es auf seinem Laufe
mit brennenden Fackeln 10 3 ); wessen
Fackel auf dem Wege nicht erlischt, der
hat eine glückliche Zukunft 104 ). Wo
man es sieht, wird es mit lautem Jubel
begrüßt 305 ). Wenn es im Tale aus¬
brennt, werden von den Umstehenden
Gesangbuchverse und fromme Sprüche
aufgesagt 106 ). Nachher werden ein be¬
sonderes Gebäck 107 ), Erbsen 108 ), Eier 109 )
verzehrt. Eine neue Mythenbildung
liegt vor, wenn in Gerolstein (Eifel) ge¬
sagt wird, das R.rollen sei ein Hinweis
auf den Untergang der evangel. Lehre
dort (1583) no ).
Das Scheibenschlagen stimmt in seiner
räumlichen Verbreitung sowie in den
Zeiten, an denen es stattfindet, auf das
engste mit dem R.rollen überein; zu¬
weilen werden beide Sitten gleichzeitig
geübt m ). Es ist bezeugt zu Fastnacht
aus der Eifel 112 ), den Nordvogesen U3 ),
1
47i
Rad
4/2
aus Schwaben 114 ), Allgäu 115 }, Bayern 116 ),
den Alpen 117 ); zum Sonntag Invocavit
aus dem Mosellande 118 ), der Pfalz 119 ),
dem fränkischen Teile Badens 12 °), der
Rhön m ), aus Schwaben 122 ), dem Basler
Jura 123 ), den Kantonen Aargau 124 ) und
Glarus 125 ), dem Luzerner Hinterland 126 )
und Tirol 127 ); zu Ostern aus Ober¬
bayern 128 ); zum Johannistage aus der
Pfalz 129 ), dem Egerland 13 °), Württem¬
berg 131 ), Baden 132 ), Tirol 133 ), Kärn¬
ten 134 ) und bei den deutschen Kolo¬
nisten am unteren MaroS 135 ). Die R.-
scheiben sind entweder richtige kleine
Räder 136 ) oder runde. Holzscheiben, die
an den Rändern häufig strahlenförmig
ausgezackt sind 137 ) und dann in der
schon dargestellten Weise angebrannt
und in die Luft geschleudert werden.
Im Gegensatz zum R.rollen ist die Zauber¬
kraft der R.scheiben mehr auf das per¬
sönliche Leben gewandt. Wer sie schleu¬
dert, sagt dabei einen Segensspruch und
bringt durch ihn einer bestimmten Person,
meistens der Bursche seinem Mädchen,
Glück und Gesundheit 138 ). Wenn neben
diesen „Ehrenscheiben“ auch „Spott¬
end Schadenscheiben“ 139 ) auftreten, so
ist in ihnen wohl eine jüngere Ent¬
wicklung zu erblicken. Vereinzelt ist
man der Überzeugung, daß das Feld
fruchtbar werde, so weit die Scheibe
über es hinwegfliegt 14 °); Reste der Schei¬
ben steckt man in den Flachsacker, um
das Ungeziefer fernzuhalten 141 ).
F ür Deutschland waren gegen Ende
des 19. Jh. R.rollen und Scheibenschlagen ;
so gut wie ausgestorben; in den letzten !
Jahren sind sie, ebenso wie die Oster- j
und Sonnwendfeuer, aus dem Geiste j
einer neuen Romantik an manchen Orten
wieder üblich geworden, wie Zeitungs- j
meldungen beweisen 142 ). j
Man hat in der Forschung beide i
kultischen Gebräuche stets in enge Be- \
Ziehung zueinander gebracht und sie für j
Reste eines germanischen Sonnenkults j
erklärt 143 ); z. T. trennte man derart, j
daß die R.scheiben, als Symbol der auf- j
steigenden Sonne, ursprünglich nur den
Frühlingsfeuern 144 ), das R.rollen, als
Symbol der absteigenden Sonne, jedoch 1
den Mittsommerfeuern 145 ) eigneten. Der
lebendige Volksglaube bietet jedoch keine
■ Beweise für diese Erklärungsversuche.
Alle Glaubensäußerungen beziehen sich
i nur auf die Verbreitung von Fruchtbar-
j keit und Gedeihen oder auf die Abwehr
' von Schaden und feindlichen Dämonen.
| In den meisten Fällen sind R. und Scheibe
nicht viel mehr als das Mittel, um die
Zauberkraft des Jahresfeuers auf einen
möglichst großen Umkreis auszudehnen,
i Auch die älteren Zeugnisse geben keine
1 andere Auskunft. Zwar berichtet Seb.
I Frank „das gleich anzusehen ist als ob
! die Sonn vom Himmel lieffe“ 146 ), aber
diese Worte sind ein poetischer Vergleich
des Humanisten, nicht Wiedergabe einer
j Volksmeinung. Ähnlich drückt sich auch
I J- Boemus aus 147 ). Als scheinbare
I Stütze für die Herleitung aus dem Sonnen-
i kult bleiben nur übrig das mittelalter¬
liche englische und französische Zeugnis.
Im ersten 148 ) (und ähnlich im zweiten 149 ))
heißt es allerdings: „vota involvitur ad
significandum, quod sol tune ascendit
ad alciora sui circuli et statim regreditur;
inde venit, quod faciunt volvi rota“.
x\ber der gelehrte Verfasser führt un¬
mittelbar vorher den eigentlichen Aber¬
glauben, nämlich die Vertreibung der
Giftdrachen, an; der Franzose braucht
den Vergleich zwischen dem Feuerr. und
der Sonne in Verbindung mit Johannis
d. Täufer und Christus, so daß auch in
diesen beiden Zeugnissen die Beweiskraft
für einen Sonnenkult fraglich bleibt.
Abgesehen von diesen Bedenken darf
auch nicht übersehen werden, daß die
Ausbreitung beider Sitten scharfe räum¬
liche Grenzen zeigt. Die ältesten Belege
stammen aus dem Moselland, der Pfalz,
dem Rheingau, also aus fränkischen
Stammesgebieten, und sind dort ziemlich
zahlreich; später liegen Zeugnisse aus
dem alemannisch-schwäbischen Stammes¬
bereich vor, dann solche aus Bayern,
Tirol, Österreich, während die nördlichen
und östlichen germanischen Lande ganz
ausfallen. Diese Tatsache läßt vermuten,
daß R.rollen und Scheibenschlagen nicht
Reste eines urgermanischen Sonnenkults
sind, sondern in ihrer Form erst später
473
Rad
474
auf fränkischem Boden, vielleicht sogar
in den einst römischen Provinzen Ger-
maniens, entstanden sind und sich von
dort auf das übrige Süddeutschland aus¬
gebreitet haben. In ihrem Mittelpunkt
hat nicht eine kultische Verehrung der
Sonne, sondern ein Fruchtbarkeits- und
Schadenabwehrritus gestanden.
Ein unorganisches Weiterwuchern dieser
Sitte haben wir sicher in dem R.rollen am
Martinstage in der Eifel und im südlichen
Westfalen zu erblicken. Schon die Tat¬
sachen, daß das R. meistens durch einen
Kartoffelkorb vertreten ist, daß das Fest
„Mierteskorf“ 15 °) heißt, daß als Grund
kein Zauber, sondern die Freude über
die beendete Ernte angegeben wird 151 ),
zwingen zu dieser Annahme. Ebenso
wird man einen anderen Grund dafür
annehmen müssen, daß es in Ritten bei
Bozen üblich ist, in den Nächten nach
Neujahr Räder übers Haus zu werfen 152 ).
33 ) Vita S. Eligii 2, 16 (ed. Krusch MG.
script. merov. 4, 634—741); Grimm Myth. 1,
516. 34) Z fvk. 3 (1893). 349 - 35 ) Grimm
Myth. 1, 516 f. 38 ) j. ßeleth Summa de divinis
officiis (gedr. Dillingen 1572) pag. 256 cap. 137;
Grimm Myth. 1, 516 f. 37 j Kembl e Die Sachsen
i. England 1, 296 f.; Kuhn Herabkunft d. Feuers
51; Mannhardt 1,509. 38 ) Schmidt Volksk.
104; ZfVk. 3 (1893). 357 f - S9 ) Schmidt
Volksk. 104. 40 ) Seb. Frank Weltbuch (1567)
1, 50 ff.; Grimm Myth. 1, 522; Jahn Opfer¬
gebräuche 91; ZfVk. 3 (1893), 357 f. 41 ) Grimm
Myth. 3, 70. 42 ) Basler Jb. 1905, 117; SAVk.
31, 247. 43 ) HessBIVk. 6, 148. 44 ) Birlinger
Schwaben 2, 122; Jahn Opfergebräuche 40.
45 ) Kirchenordnung, wie es mit der christl.
Lehre . . in unserer Grafen zu Leiningen
Grafschaften gehalten werden soll (Grün¬
statt 1722), Abschn. Kirchenzensur pag. 10 f.
46 ) J ahn Opfer gebräuche 89; Sartori Sitte 3,131;
Witzschel Sitten u. Gebräuche a. d. Umgeb. v.
Eisenach (Progr. Eisenach 1866) pag. 12.
47 ) Grimm Myth. 3, 70. 48 ) ZfdMyth. 1, 88 ff.
«) Wrede Rhein. Volksk . 2 253. 50 ) Grimm
Myth. 1, 522; Pfannenschmid Erntefeste 384.
61 ) Bayld. 24, 124; Becker Pfalz 2 141; BlBay-
Vk. 1, 23; Mitteilgn. u. Umfr. z. bayer. Vk. 9
Nr. 1 ff. 52 ) HessBIVk. 4, 211 ff.; 6, 147.
53 ) Fontaine Luxemburg 28 f. 54 ) J ahn Opfer¬
gebräuche 85; Mannhardt 1, 455; 1, 5 QI ;
Schmitz Eifel i, 24 t.; ZfdMyth. 1, 88 ff.;
ZfVk. 3, 353. 55 ) HessBIVk. 5, 158; 6, 147;
Jahn Opfer gebräuche 85; Mannhardt 1, 501;
Mannhardt Götter 233; Wallonia 12, 66 ff.;
ZfVk. 3, 353. 56 ) HessBIVk. 6, 147; Jahn
Opfer gebräuche 86; ZfVk. 3, 353. 57 ) Frankf.
Ztg. Jg. 1905 Nr. 69, 1. Morgenbl.; HessBIVk.
6, 147. 58 ) Jahn Opfer gebräuche S9; Kolbe
Hessen 36; Mannhardt 1, 500; Witzschel
Thüringen 189; ZfVk. 3, 353
) Heßler
Hessen 2, 95; 2, 354; Mannhardt 1, 500;
Zf Vk. 3, 353. 60 ) J. Kehrein Nassau (Leipzig
1862) 142 ff. 61 ) Meyer Baden 215. 62 ) Hess¬
BIVk. 6, 147; Hertz Elsaß 22 ff.; Pfannen-
schmid Fastnachtsbräuche i. Elsaß-Lothringen
13. 6a ) Frankf. Ztg. Jg. 1906 Nr. 63 Abendbl.;
HessBIVk. 6, 147; F. Lamey Volkskdn. i.
Breisgau 45 h.; Tobler Schweizer Volksl. i„
205 ff. 64 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 31;
2, 54; Birlinger Volksth. 2, 56. 65 ) Förder-
reuther Allgäu 250; Reiser Allgäu 2, 92.
««) Bronner Sitt' u. Art 85. 67 ) SAVk. 1, 129.
181; 11, 247. 68 ) Henne am Rhyn Die Deut¬
sche Volkssage (Leipzig 1874) 528; Meyer
Volksk. 256; SAVk. 11, 247. 69 ) SAVk. 16, 41 ff.
70 ) v. Hörmann Die Jahreszeiten i. d. Alpen 27.
71 ) ZfVk. 3, 353. 72 ) Witzschel Thüringen
2, 192. 73 ) Alemannia 39, 125. 74 ) K. Seifert
Sagen . . . aus Hildesheim 135; Jahn Opfer¬
gebräuche 124; Mannhardt 1, 507. 75 ) Jahn
Opfer gebräuche 127; Mannhardt 1, 5°^:
Panzer Beitrag 1, 212. 76 ) J ahn Opfergebräuche
154; Mannhardt 1, 519; Panzer Beitrag i,
213; 2, 240. 77 ) Grimm Myth. 1, 515 f.;
Henne am Rhyn Die Deutsche Volkssage
530 ff.; Hocker Moselland (1852) 415: Kuhn
Herabkunft d. Feuers 95 f.; Mannhardt 1, 510;
Panzer Beitrag 2, 544; Wolf Beiträge 2, 382;
ZfDMyth. 1, 88 f. 78 ) Jahn Opfergebräuche
153. 7Ö ) Ebda. 80 ) Mannhardt 1, 510; Reins¬
berg Böhmen 306 ff. 81 ) Birlinger Volksth.
2, 96; 2, 103; Mannhardt 1, 510; Meier
Schwaben 424; Wolf Beiträge 2, 382. 82 ) Wlis-
locki Magyaren 63. 83 ) J ahn Opfergebräuche
239; Pf annenschmid Erntefeste 117; Sartori
Sitte 3, 259; ZfdMyth. 1, 88 f. 84 ) Pfannen¬
schmidt Erntefeste 117; Schmitz Eifel 1, 43L;
ZfdMyth. 1, 88 f. 85 ) J ahn Opfer gebräuche 241;
Sartori Sitte 3, 271; Schmitz Eifel 1, 46.
86 ) Pf annenschmid Erntefeste 213. 87 ) Kuhn
u. Schwartz 390; Mannhardt 1, 511; Sartori
Sitte 3, 226. 88 ) Fontaine Luxemburg 79;
Sartori Sitte 3, 271. 89 ) Jahn Opfer gebräuche
241; Sartori Sitte 3, 272; Schmitz Eifel 1, 46;
Wolf Beiträge 1, 41 ff. 90 ) Kuhn Westfalen
2, 99; Pf annenschmid Erntefeste 213.
91 ) Mannhardt 1, 511; Wolf Beiträge 2, 393 -
92 ) Mannhardt 1, 537 - 93 ) z - B - Jahn Opfer¬
gebräuche 154; Mannhardt Götter 201; Panzer
Beitrag 2, 240; Sartori Sitte 3, 226; Wlislocki
Magyaren 63. 94 ) Simrock Mythologie 371;
Schmitz Eifel 1, 248. 95 ) Henne am Rhyn
Die Deutsche Volkssage 530 f- 96 ) J ahn Opfer¬
gebräuche 89; Sartori Sitte 3, 131. 97 ) Sartori
Sitte 3, 271; Schmitz Eifel 1, 24 f.; ZfdMyth.
1, 88 ff. 98 ) Grimm Myth. 1, 515 f-J Henne
am Rhyn Die Deutsche Volkssage 530 f.;
Mannhardt 1, 510 f.; Panzer Beitrag 2, 544;
Wolf Beiträge 2, 382. ")Kemble Die Sachsen
i. England 1, 296 f.; Kuhn Herabkunft d. Feuers
51; Mannhardt 1, 5 ° 9 ; Meyer Germ. Myth.
99. ^o) Becker Pfalz 2 141; Golther Mytho -
475
Rad
476
logie 576; Sartori Sitte 3, 107; Wolf Beiträge
2 » 393 - 101 ) DWb. 4, 2147; J ahn Opfergebräuche
153; Kolbe Hessen 36; Mannhardt 1, 500;
Meyer Germ. Myth. 99; Pfannenschmid
Erntefeste 67; ZfVk. 3, 353. 102 ) Jahn Opfer¬
gebräuche 86. 103 ) Ebda. 239. 104 ) Sartori
Sitte 3, 259; ZfdMyth. 1, 88 f. 105 ) Henne am
Rhyn Die Deutsche Volkssage 530 f.; Mann¬
hardt 1, 511. 106 ) Jahn Opfergebräuche 89;
154; Panzer Beitrag 2, 240. 107 ) Mannhardt
L 455 - 108 ) ZfdMyth. i, 88 f. 199 ) Panzer
Beitrag 1, 212. 110 ) ZfdMyth. i, 88 f. ni ) z. B.
1. d. hohen Rhön u. a. d. Mosel; Mannhardt
L 537 » Panzer Beitrag 1, 212; ZfVk. 3, 353.
112 ) J ahn Opfer gebrauche 85. 113 ) Eis. Lothr. Jb.
2 » 183; 3, 119 ff.; 8, 160 ff.; 12, 187; Erkmann-
Chatrian Histoire d’un sousmaitre (1871)
98—104; Mannhardt 1, 456. 114 ) Alemannia
39, 124 f. 115 ) Reiser Allgäu 2, 96 ff. m ) Bron-
ner SiW u. Art 82 ff. 117 ) v. Hörmann Die
Jahreszeiten i . d. Alpen 30 ff. 118 ) ZfVk. 3, 353.
119 ) Becker Pfalz 2 130 f. 12 °) Meyer Baden
215. m ) ZfVk. 3, 353. 122 ) Bavaria 2, 2, 839;
Mannhardt 1, 502; Meier Schwaben 380t.;
423 f. 123 ) SAVk. ii, 247. i 24 ) Ebda. 123 ) Mann-
hardt 1, 465. i 2 ®) SAVk. n, 247. 127 ) Mann¬
hardt 1, 501. 128 ) Mannhardt 1, 507h;
Panzer Beitrag 1, 212. 129 ) Becker Pfalz 2
130 f. 13 °) Mannhardt 1, 466; Reinsberg
Böhmen 308. 131 ) Meyer Baden 215. 132 ) Ebda.
266. 133 ) v. Hörmann Die Jahreszeiten i. d.
Alpen 30 ff.; Panzer Beitrag 1, 210 ff.; 1, 511.
134 ) Franzis ci Kärnten 77. 133 ) Globus 98, 240.
i36 ) ZfVk. 3, 353. 1 37 ) Kuhn Herabkunft d.
Feuers 49; Mannhardt 1, 465h; Sartori
Sitte 3, 108; ZfVk. 3, 359. 138 ) Mannhardt
L 5 OI I L 507 f-; L 465; Mannhardt Götter
2 34 f-»’ SAVk. 11, 247. 139 ) Mannhardt Golfer
234 f.; Sartori Sitte 3, 107. 14 °) Golther
Mythologie 572; Jahn Opfergebräuche 138.
141 ) Bavaria 2, 2, 839; Birlinger Aus Schwaben
2, 67 ff.; Mannhardt 1, 502. 142 ) z. B. Dte.
Allg. Ztg. (Reichsausg.) Jg. 70 Nr. 281/282 u.
Nr. 275/276. 143 ) Becker Pfalz 2 130 f.; Grimm
Myth. 1, 515t.; Helm Religgesch. 1, 176; i,
180 f.; Kuhn Herabkunft d. Feuers 49 h 97.
102 f.; Mannhardt 1, 465 t.; Mannhardt
Götter 201; Panzer Beitrag 2, 545; Rehm
Feste 35; Sartori Sitte 3, 108; Wuttke 130
§ 177; Zingerle Johannissegen 208. 144 ) Mann¬
hardt 1, 521; ZfVk. 3, 359. 145 ) Mannhardt
1» 521. 146 ) Jahn Opfergebräuche 91.
147 ) Schmidt Volksk. 102. 104. 148 ) Kemble
Sachsen i. England 1, 298 t.; Kuhn Herabkunft
d. Feuers 51. 149 ) J.Beleth summa de divinis
officiis cap. 137; Grimm Myth. 1, 515 f.
15 °) Jahn Opfergebräuche 241; Schmitz Eifel
1, 46; Wolf Beiträge 1, 41 f. 151 ) Sartori
Sitte 3, 272. 132 ) Heyl Tirol 763 Nr. 60.
4. Ganz vereinzelt sind Redewendungen,
in denen der Volksmund die Sonne oder
andere Gestirne mit einem R.e vergleicht.
Wenn man in der Oberpfalz von den
Ringen, die die Sonnenstrahlen auf dem
Wasser bilden, sagt, „die Sonne radelt* * 153 j,
so ist dies sicher eine junge Bildung. In
einem deutschen Märchen heißt es ein¬
mal, die Sonne sitze in einem Glashause,
drehe ein R. und spinne Goldfäden 154 ).
In Titurel wird vom Sonnenr.e ge¬
sprochen 155 ); in der Edda stehen im
Alvismäl die Worte „alfar (kalla söl)
fagra hvel“ 156 ). Aber alle diese Rede¬
wendungen sind poetische Bilder und
keine Zeugnisse für einen germanischen
Sonnenkult in Gestalt des R.es. Dagegen
sind der indischen Götterdichtung Ver¬
gleiche zwischen Sonne und R. geläufig 157 ),
und auch bei den Griechen 158 ) und
Römern 159 ) tauchen sie auf. Ebenso
selten nennt der Volksmund den Mond
ein R. In der Oberpfalz sagt man vom
Vollmond „da Maun is vull wai a Pflaug-
radf c 16 °); in der Steiermark heißt der
Mond „gmoarat“, was vielleicht mit
gemeines R. zu übersetzen ist 161 ). In
der Edda stehen im gleichen Liede wie
oben für den Mond die Worte „kalla
(mäna) hverfanda hvel hei jo i“ 162 ).
Keine Parallele im Deutschen hat die
wallonische Bezeichnung des Regenbogens
als des R.es des hl. Bernhard 163 ).
Wenn der Dithmarser Bauer bei einem
starken Gewitter sagt „nu faert de Olde
all wedder da bawen un haut mit sin Ex
anne Räd“ 164 ) und meint die Funken,
die dabei absprängen, seien die Blitze,
so kann in diesen Worten ein alter
Glaube vorliegen. Wenn dagegen in
einigen Kinderversen die hl. Katharina
(v. Alexandrien), die auf Grund ihres
Martyriums mit dem R.attribut dar¬
gestellt wurde, angerufen wird, die Sonne
scheinen zu lassen 165 ), so ist dies kein
Beweis für das R. als Sonnensymbol.
Ebensowenig läßt sich wohl der Heiligen¬
schein aus dem Sonnenr. herleiten 166 ).
Sehr häufig hat man zwei antike Mythen
in Beziehung zum Sonnenkult gesetzt,
die Sage von Ixion, der von Zeus zur
Strafe auf ein R. geflochten wurde 167 ),
und das Sagenvolk der Cyklopen 168 ).
Jedoch finden sich im deutschen Volks¬
glauben hierzu keine Entsprechungen;
die Einäugigkeit Odins auf die Sonne zu
deuten, ist zurückgewiesen worden 169 ).
477
Rad
478
Dagegen steht für die alten indischen
und vorderasiatischen Kulturen die Ver¬
ehrung der Sonne in R.gestalt zweifels¬
frei fest 17 °). Hymnen und Mythen der
ain. Dichtung beweisen, daß das Sonnenr.
Gegenstand zahlreicher kultischer und
magischer Zeremonien gewesen ist 171 );
von hier haben sich dann aus dem R.e
Hakenkreuz 172 ) und christliches Kreuz 173 )
entwickelt. Bei den semitischen Völkern,
Babyloniern und Assyrern ist das R.
außerdem, vielleicht ursprünglich, Mond¬
symbol gewesen 174 ). Ob der keltische
Gott mit dem R.attribute tatsächlich
ein Sonnengott gewesen ist, bleibt zweifel¬
haft 175 ).
153 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 54. 154 ) Zau-
nert Märchen seit Grimm 1, 346. 155 ) Titurel
(ed. K. A. Hahn) 2983; vgl. Grimm Myth. 2,
585. 15e ) Alvismäl 16, 3; Grimm Myth. 2,
585; Kuhn Herabkunft d. Feuers 54; Mann¬
hardt Germ. Mythen 385; Mannhardt Götter
104. 157 ) Kuhn Herabkunft d. Feuers 53 ff.
158 ) Ebda. 68. 159 ) Ebda. 16 °) Mannhardt
Götter 104; Schön werth Oberpfalz 2, 66;
W. Wolf Mond (Bühl 1929) 18. 161 ) Grimm
Myth. 2, 584; Wolf Mond 18. 162 ) Alvismäl
14, 2; Grimm Myth. 2, 584; Mannhardt
Götter 104. 163 ) Sebillot Folk-Lore 1, 68.
164 ) Golther Mythologie 246; Kuhn Herabkunft
d. Feuers 67; Müllenhoff Sagen 358 Nr. 480;
Schwartz Studien 29. 272. 165 ) Mannhardt
Germ. Mythen 385; Meyer Germ. Myth. 292.
166 ) Goblet d’Alviella Migration 275.
167 ) Goblet d'Alviella 1 . c.; Kuhn Herabkunft
d. Feuers 68 f. ; Schwartz Studien 388 t.;
anders: Mannhardt' 2, 83 ff. 168 ) Grimm
Z. Polyphemsage 27 ff.; Kuhn Herabkunft d.
Feuers 68 f.; anders: Mannhardt 2, nof.
169 ) Golther Mythologie 347. 17 °) Ebert
Reallex. 11, 9I; Eisler Weltenmantel 2, 364 h;
Prometheus 1904/1905 Nr. 16—18. 171 ) Hille¬
brandt Sonnwendfeste i. Alt-Indien 23 ff.;
W. Menzel Die vorgeschichtliche Unsterblich¬
keitslehre (Leipzig 1870) 1, 197 h.; Mannhardt
I, 553 ; Pfannenschmid Erntefeste 423;
Schröder Rigveda 438 f.; Siecke Götter¬
attribute 171; Strauß Bulgaren 48; ZfVk.
3 . 359- 172 ) J- Lee hier Vom Hakenkreuz =
Vorzeit Bd. 1 (1921). 173 ) Ebert Reallex. ii, 9.
174 ) Spieß Prähistorie 18 ff. 175 ) Ebert Reallex.
II, 10; Gaidoz Le Dieu Gaulois du Soleil et le
symbolisme de la Roue in Revue archeologique
1885.
5. Eine große Rolle spielt das R. bei
der Entzündung der Notfeuer 176 ), indem
nämlich in die Nabe eines Wagenr.es
eine enganschließende Achse gesteckt
und das R. solange möglichst schnell ge¬
dreht wird, bis das Holz zu glimmen be¬
ginnt. Zwar sprechen die ältesten Er¬
wähnungen nur „de igne fricato de ligno,
id est Notfyr“ 177 ); auch hat man es
nach anderen Berichten auf verschiedene
Weise entzündet 178 ). Dagegen heißt es
in Marburger Untersuchungsakten v. J.
1605, man solle ein neues Wagenr. mit
noch ungebrauchter Achse solange um¬
treiben, bis es Feuer gebe 179 ). Schon
etwas früher spricht der Pfarrer von
Winterfeld in einem Bericht d. Js. 1575
vom Räderschieben und Notfeuer in
seinen Gemeinden. Für spätere Zeiten
liegen zahlreiche Zeugnisse über eine
solche Gewinnung des heüigen Feuers
aus allen deutschen Gebieten vor: Ost¬
deutschland 18 °), Norddeutschland 181 ),
Hessen 182 ), Thüringen 183 ), Böhmen 184 ),
Süddeutschland 185 ), Schweiz (Appen¬
zell) 186 ); dazu gesellen sich überein¬
stimmende Berichte von den britischen
Inseln 187 ), Ungarn 188 ), Indien 189 ). Wenn
in Bayern und Schwaben am St. Veitstage
die Erwachsenen ein altes Wagenr. auf
einen Pfahl steckten und dann anzün¬
den 19 °), so wird auch darin noch der
Rest einer alten Notfeuerbereitung vor¬
hegen. Über Zeiten und Zweck der Not¬
feuer siehe näheres s. v. Notfeuer.
Auch das R., das bei der Notfeuer¬
bereitung erscheint, hat man als Sonnen¬
symbol angesprochen 191 ), obwohl die
direkten Zeugnisse keine Beweise liefern.
Vielmehr ist das R. zunächst nur der zur
Erzeugung des Feuers benutzte Gegen¬
stand und erlangt erst durch jenes seine
kultischen Qualitäten 192 ). Vielleicht sind
die Sitten des R.rollens und Scheiben¬
schlagens aus dem Gebrauch des R.es
zur Notfeuergewinnung hervorgegangen.
Der Umstand, daß die Scheiben auf
einen Stock gesteckt und durch dessen
Drehung in die Luft geschleudert werden,
weist darauf hin 193 ); bei den Feuerrädern
wird des öfteren geradezu gefordert, daß
sie wie das Notfeuer entzündet werden 194 ).
Andererseits stimmt das Notfeuerr. mit
den beiden anderen Sitten darin überein,
daß es oft auf den Johannistag festgelegt
ist 195 ), daß Feuer und Rauch des R.es
für das Vieh heilkräftig sind 196 ), daß
479
Rad
480
angekohlte Teile von ihm zur Dämonen¬
abwehr mit nach Hause genommen wer¬
den 197 ). In allen drei Bräuchen ist das
Feuer und seine Heiligkeit das Primäre;
nachdem das R. bei der Bereitung des¬
selben angewandt wurde, wird es beim
R.rollen und R.scheiben Mittel, um die
Segenskraft des Elements auf einen mög¬
lichst großen Umkreis auszudehnen.
Vereinzelt taucht die Verbrennung eines
R.es bei Festschmäusen auf. So mußten,
wie des öfteren berichtet wird, die Bauern,
wenn sie dem Lehnsherrn am Stephans¬
tage (26. Dez.) den Zins ablieferten, so¬
lange bewirtet werden, bis ein Wagenr.,
das zuvor 45 Tage in einem Mistpfuhl
gelegen hatte und bei Beginn der Feier
angezündet wurde, vollständig verbrannt
war 198 ). In der Mark Brandenburg
pflegte man im 19. Jh. bei der Hochzeits¬
feier ein altes Wagenr. vor dem Hause
zu verbrennen 199 ). In beiden Fällen
darf man wohl annehmen, daß es sich um
Weiterentwicklungen der Notfeuerberei¬
tung handelt 20 °).
176 ) Grimm Myth. 1, 509; Jahn Opferge¬
bräuche 28; Mann har dt 1, 518. 177 ) Indiculus
super stitionum 15; Grimm Myth. 1, 502.
178 j Grimm Myth. 1, 503 ff. 179 ) Grimm Myth .
1, 5 ° 3 I Wolf Beiträge 1, 116. 180 ) ] ahn Opfer¬
gebräuche 28; Mannhardt 1, 520; Neue Preußi¬
sche Provincialblätter 6, 148 f.; Rehm Feste
35; Sartori Sitte 3, 229; Toeppen Masuren
71. 181 ) Kuhn Märk. Sagen Nr. 341b; Kuhn
u. Schwartz 369; Wolf Beiträge 1, 117.
182 )Lyncker Sagen 252. 183 )Hch. Waldmann
Eichsfeldische Gebräuche u. Sagen (Progr. Hei¬
ligenstadt 1864) 12. 184 ) John Westböhmen 209.
18S ) Grimm Myth. 1, 504; Rochholz Glaube
2, 145 ff. 186 ) Sartori Sitte 3, 109; SAVk. 21,
245. 187 ) Grimm Myth. 1, 506 ff.; Mannhardt
1, 521; Weinhold Neunzahl 31; Wolf Beiträge
1,116. 188 } Wlislocki Magyarenö^. 189 ) Schrö¬
der Rigveda 438 f. 19 °) Jahn Opfergebräuche
154; Panzer Beitrag i, 212 ff.; 2, 240.
m ) Grimm Myth. i, 509; Kuhn Herabkunft
d. Feuers 50; Mannhardt 1, 518 f.; Wolf
Beiträge 2, 382. m ) Wlislocki Magyaren 64.
193 ) Kuhn Herabkunft d. Feuers 49; Mannhardt
1, 465; Panzer Beitrag 1, 210 ff. 194 ) Rehm
Feste 143*; Sartori Sitte 3. 109; SAVk. 21, 245;
Wlislocki Magyaren 63. 195 ) z. B. Kuhn
Herabkunft d. Feuers 50; Mannhardt 1, 519P;
Toppen Masuren 71. 196 ) Grimm Myth. 1,
502 ff.; Wlislocki Magyaren 64. 197 ) Wlis¬
locki 1 . c. 198 ) Grimm Myth. 1, 509; Grimm
Weisthümer 2, 615 ff.; 2, 6930.; Kuhn Herab¬
kunft d. Feuers 48; Mannhardt Götter 235;
Wolf Beiträge 1, 515 ff. 199 ) Kuhn Mark.
Sagen 362; Mannhardt I, 565; Sartori Sitte
3, 108. 20 °) Wolf Beiträge 1, 516.
6 . Zuweilen sind R.tänze üblich. So
umtanzt man zu Ostern in Siebenbürgen
das auf einen Mastbaum gepflanzte R. 201 )
in Brandenburg taten früher ein Gleiches
die Hochzeitsgäste um das brennende
R. 202 ). Die zu Fastnacht von den Um¬
ziehenden geübten Tänze, bei denen sich
die beiden Tänzer an den Händen fassen
und sich, die Füße gegen das Zentrum
kräftig gegenseitig anstemmend, möglichst
schnell herumdrehen, heißen R.tänze 203 ).
Ein bei Augsburg geübtes Schlittenspiel
heißt das Rädli 204 ). Ein lebendiger
Aberglaube knüpft sich an diese Spiele
nicht mehr.
R.förmige Gebildbrote sind auf deut¬
schem Boden selten; im Kylltal (Eifel)
verzehren Burschen und Mädchen am
Sonntag Invocavit R.kuchen, nachdem
das Feuerr. zu Tal gerollt ist 205 ). Zur
Belohnung für das Scheibentreiben er¬
hält der Bursche von seinem Mädchen
ein kranzförmiges Fastnachtsgebäck, den
sog. Funkenring 206 ). Sonst fehlen in der
deutschen Fastenzeit Rädergebäcke; sie
treten erst zu Pfingsten deutlicher auf 207 ).
Bei Griechen (cpÖots xpoyt'a) 20B ) f Römern
(summanalia liba farinacia in modum
rotae ficta) 209 ) und Galliern 210 ) sind
Rädergebäcke und r.förmige Kuchen¬
formen verbreitet; sie scheinen Beziehun¬
gen zum Sonnen- 211 ), Mond- 212 ) und
Cereskult 213 ) gehabt zu haben.
Einer ungeheuren Beliebtheit hat sich
das R. als ornamentales Symbol in den
vorchristlichen Jahrtausenden erfreut. Es
findet sich, wobei seine Form den ver¬
schiedensten Abwandlungen unterworfen
ist, vom Kaukasus bis zu den britischen
Inseln und Skandinavien 2U ), bei In¬
dern 215 ), den semitischen Völkern des
Orients 216 ), in ganz Nordafrika 217 ), bei
Griechen 218 ), Italern 219 ), auf altetruski¬
schen Monumenten 220 ), bei Galliern 221 }
und Germanen 222 ). Sicher hat man es
bei den Völkern Asiens und der Mittel¬
meerländer als Sonnensymbol ange¬
sehen 223 ), wenn auch Beziehungen zu
anderen Kulten nicht selten sind 224 ), ln
Rad
482
481
Nordeuropa taucht es, übernommen aus
dem Orient, als Kreisornament mit ein¬
gezeichnetem R.kreuz zuerst in der jün¬
geren Steinzeit auf; z. T. werden diese
Zeichen schon symbolhafte Bedeutung
gehabt haben 225 ). Größere Verbreitung
und Häufigkeit erlangen diese Sonnen¬
räder erst in der Bronzezeit 226 ). Durch
das Christentum scheint das Kreisorna¬
ment dann zum zweiten Male vom Orient
nach dem Norden gewandert zu sein 227 ).
Jedoch vermögen diese stummen Zeug¬
nisse trotz ihrer großen Zahl nicht den
Beweis für einen mit dem R.e verknüpften
germanischen Sonnenkult zu erbringen;
auch führt von ihnen keine Brücke zum
R.aberglauben der historischen Zeit. Die
beim Blankenauswerfen in Beromünster
verteilten Silberlinge, die R.gestalt haben,
stehen vereinzelt da 228 ).
201 ) Haltrich Siebenb. Sachsen 286; Sartori
Sitte 3, 162 Anm. 70. 202 ) Kuhn Märk. Sagen
362; Mannhardt 3, 565. 203 ) Hofier Fast¬
nacht 59; NdZfVk. 7, 147. 204 ) Birlinger
Schwaben 2, 23. 205 ) Mannhardt 1, 455;
Schmitz Eifel 1, 24 f. 206 ) Mannhardt 1, 466.
207 ) Höfler Fastnacht 59; Nds. 4, 350; Sartori
Sitte u. Brauch 3, 215. 208 ) Höfler Fastnacht 59.
209 ) Ebda.; Bachofen Gräber Symbolik 233
Anm. 1. 210 ) Archiv für Anthropologie N. F.
11 (1912), 243 ff. 211 ) Siecke Götterattribute
308. 212 ) Höfler Fastnacht 59. 213 ) Bachofen
Gräbersymbolik 241. 214 ) Ebert Reallex. 11, 11;
Spieß Praehistorie 19. 215 ) Goblet d’ Alviella
Migration 82 f. 219 t. 332. 216 ) Spieß Prae¬
historie 19. 217 ) Goblet d’Alviella Migration
48t. 92. 283. 218 ) Ebert Reallex. 11, 11.
2l9 ) Goblet d’Alviella Migration 274 f.;
Bachofen Gr aber Symbolik 39. 22 °) Bachofen
Gräber Symbolik 145 Anm. 2. 221 ) Deonna
Croyances relig. 353 ff.; Goblet d’Alviella
Migration 219 f. 222 ) Kuhn Herabkunft d.
Feuers 47; Prometheus 1905 Nr. 16—18;
Meyer Germ. Myth. 58. 223 ) Ebert Reallex.
11, 11; Goblet d’Alviella Migration 67. 88.
22< ) Bachofen Gräber Symbolik 39; 145 Anm. 2;
Goblet d'Alviella Migration 82 f. 92; Meyer
Germ Myth. 58. 225 ) AKultG. 3, 509; Ebert
Reallex. 11, 10; Prometheus 1905 Nr. 16—18.
**•) Ebert Reallex. 11, 11; 13, 451 f. 227 ) AKultG.
3 , 509; Goblet d’Alviella Migration 219t.;
Prometheus 1905 Nr. 16—18. 228 ) Hoff-
mann-Krayer 144.
7. Häufig findet man im deutschen
Volksglauben die Vorstellung, daß Dä¬
monen zu bestimmten Zeiten auf einem
Wagen oder einer R.welle umziehen 229 ).
Am verbreitesten ist sie in der Form,
Bächtold - Stäubli, Aberglaube VII
daß dem Waldweiblein oder der Frau
Gaue das Wagenr. zerbricht und von
einem Menschen ausgebessert wird. Der
hilfreiche Mensch erhält zum Lohne
eine Handvoll Holzspäne, die bei der
Arbeit abgefallen sind und sich am
nächsten Morgen als Gold erweisen 230 ).
Doch darf man aus dieser R.reparatur
nicht auf eine Sonnengöttin und das
Sonnenr. schließen 231 ); dem widerspricht
die sonstige Natur des Dämons. Viel¬
mehr ist dieser und sein Umziehen der
ursprüngliche Glaube; erst von ihm
erhält das R. seine kultische Bedeutung.
Ein Rest dieses Glaubens hat sich viel¬
leicht noch in den öfter bezeugten franzö¬
sischen Sagen erhalten, in denen gewisse
Eindrücke in Felsen als Spuren der
Wagenräder Heiliger erklärt werden 232 ).
Des öfteren begegnet bei Festen und
Umzügen der Brauch, Räder, die meist
mit Figuren besetzt sind und in drehender
Bewegung gehalten werden, mitzufüh¬
ren 233 ). So werden in Zürich am Hirß-
montag (Tag nach Invocavit) der Kryden-
Gladi und das Elsi, im Kanton St. Gallen
der helle und der dunkle Ölgötz, im Aargau
der Hansli und das Gretli, in Graubünden
der Alte und die Alte auf einem horizontal
sich drehenden Wagenr.e durch die Stadt
gezogen 234 ). In Neuhausen bei München
werden in gleicher Weise Hansl und Gretl
im Pfingstumzug mitgeführt 235 ). Ähn¬
lich zeigen die Siebenbürger Deutschen
Strohmann und R. beim Fastnachts¬
umzug 236 ). Zur Erntezeit wird ein Hahn
auf ein in Umdrehung gesetztes R. ge¬
bunden 237 ). In Plauen und im Kreise
Lübben (Lausitz) setzen sich zwei Bur¬
schen auf das nachgeschleifte Wagenr.
und bringen es in Bewegung 238 ). Daß
diese Sitte in ältere Zeiten hinauf reicht,
beweist ein Verbot in der Kirchen¬
ordnung zu Hoya (Hannover) a. d. Jahre
1573 : „es ist verboten . . . sich (zu Fast¬
nacht) auf Rädern und Böhmen (=
Bäumen) tragen zu lassen“ 239 ). Man
darf daher wohl auch das Schiff auf
Rädern im Moritz von Craon 240 ) und
dasjenige, das sich im Jahre 1133 ein
Bauer aus dem Jülichschen bauen ließ,
und mit dem er durch die Lande zog 241 ),
16
483
Rad
484
vergleichen. Ob das Drehen des R.es
zugleich ein Symbol für den gleichmäßigen
Ablauf des Jahres und für die regel¬
mäßige Wiederkehr des Dämons ist 242 ),
dafür findet sich im Volksglauben kein
unmittelbares Zeugnis.
229 ) Börner Sagen a. d. Orlagau 157; Simrock
Mythologie 381. 23 °) Grimm Myth 1, 400;
Kuhn Herabkunft d. Feuers 67; Schwartz
Heidentum 20; Schwartz Studien 29. 231 ) Gol-
ther Mythologie 497. 232 ) Sebillot Folk-Lore
1, 392. 233 ) Kuhn Westfalen 2, 119; SAVk. 28,
30; Sartori Sitte 3, 168; ZfdMyth. 1, 79.
234 ) Hoffmann-Krayer 130; Mannhardt
1, 43°; Runge Quellenkultus i. d. Schweiz 27
Anm. 6; Vernaleken Alpensagen 356.
235 ) Mannhardt 1, 352; 1, 429; Panzer Bei-
trag 1, 234; 2, 82; 2, 445; Sartori Sitte 3, 204;
Wolf Beiträge 1, 70. 236 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 284 f.; Sartori Sitte 3, 124. 237 ) Mann¬
hardt 1, 430; Mannhardt Korndämonen 18.
238 ) John Westböhmen 42; Schulenburg
Wend. Volksth. 137. 23 *>) Ae. L. Richter Die
ev. K.-Ordn. des 16. Jh. (Weimar 1845 ff.) 2, 355;
vgl. NdZfVk. 4, 230. 24 °) Golther Mytho¬
logie 468. 241 ) Ebda. 467. 242 ) Mannhardt
1 > 430 .
8 . Während im vorhergehenden Ab¬
schnitte das R. eine kultische Rolle im
positiven Sinne spielt, gibt es anderer¬
seits auch Meinungen, die zu bestimmten
Zeiten oder Gelegenheiten verbieten, ein
R. in Bewegung zu setzen oder auch
nur zu zeigen. Besonders darf man in den
Zwölften kein R. drehen 243 ) (s. d.) (Olden¬
burg 244 ), Nordfriesland 245 ), Westfalen 246 ),
Hessen 247 ), Neumark 248 )) . In Belgien
darf man den Bäumen kein R. zeigen 249 ).
Andere Zeiten, für die das Verbot gilt,
sind die Karwoche (Westfalen) 25 °), der
Gründonnerstag (ebda.) 251 ), Fasten¬
zeit 252 ), jeder Samstag (Rhön) 253 ), die
Tage, da eine Leiche im Hause ist 254 ).
Oft wird das Verbot, das zu den Arbeits¬
verboten gehört, unterstützt durch An¬
drohung kommenden Unglücks: Kälber
und Schafe 255 ) oder Menschen 256 ) kriegen
die Drehkrankheit, wenn man es nicht
beachtet; es gibt einen Todesfall 257 ); in
gesponnenes Garn kommen die Motten 258 );
der Tote wird ein Wiedergänger 259 ) u. a.m.
Fast alle diese Verbote fallen in Zeiten,
da nach dem Volksglauben die Dämonen,
besonders die Toten, umgehen; daher
werden sie auch aus der Furcht vor ihnen
zu erklären sein und nicht auf der Vor¬
stellung beruhen, daß die Sonne um diese
Zeit gleichsam stillstehe. Eine Weiter-
bÜdung auf Grund der christlichen Le¬
gende ist die Ansicht, daß am St. Katha-
l rinentage Müller und Spinnerinnen ihre
Räder nicht bewegen dürfen, sonst zer¬
brechen diese 26 °); eine Verallgemeinerung
liegt wohl vor in der Meinung der Penn¬
sylvaniadeutschen, daß man geschmierte
Wagenräder nicht zurückdrehen dürfe,
sonst wird man behext 261 ).
Im Gegensatz zu diesen allgemein ge¬
übten Verboten steht die aus einigen
Gegenden Schleswigs bekannte Sitte, daß
ein Dorfbewohner am Weihnachtsabend
hinausgeht und von Osten her ein R.
ins Dorf rollt; man sagt dazu ,,trüde
Jul in“ = Weihnachten eintründeln 262 ).
Ob dieser Sitte ein alter Glaube zu¬
grunde liegt, läßt sich aus den Berichten
nicht mehr erkennen. Die ostfriesische
Sitte des Wepelrötes, das am Neujahrs¬
tage den Mädchen von den Burschen
heimlich ins Haus gebracht wird 263 ), hat
mit einem R.aberglauben nichts zu tun,
sondern ist eine Umformung des Lebens¬
baumes.
243 ) Grimm Myth. 2, 958; Kuhn u. Schwartz
518; Meyer Germ. Myth. 74; Wolf Beiträge
2, 126. 244 ) Kuhn u. Schwartz 409, 518;
Mannhardt Götter 235; Ranke Sagen 86;
Strackerjan 2, 17; 2, 230; Wolf Beiträge
1, 120; ZfVk. 3, 272. 245 ) Jensen Nordfries.
Inseln 376; ZfVk. 3, 272. 246 ) Kuhn West¬
falen 2, Ulf.; ZfdMyth. 2, 88; ZfrheinVk.
1, 9 - 247 ) Kolbe Hessen 8. 248 ) Beiträge z.
Heimatkunde d Neumark (Landsberg 1925)
Heft 8, 95. 24# ) Mannhardt Götter 235.
25 °) Sartori Sitte 3, 143; ZfrheinVk. 4, 21.
251 ) ZfrheinVk. 4, 21. 252 ) Eberhardt
Landwirtschaft 14; Kuhn Westfalen 2, 129.
253 ) Grimm Myth. 1, 224. 254 ) Meier Schwaben
490; Strackerjan 2, 17; 2, 217; Wuttke
46 1 § 730. 255 ) Eberhardt Landwirtschaft 14;
Kuhn Westfalen 2, 112; ZfdMyth. 2, 88.
256 ) Grimm Myth. 2, 958. 257 ) ZfrheinVk. 1, 9.
258 ) Kuhn u. Schwartz 518. 259 ) Stracker¬
jan 2, 17; Wuttke 461 § 730. 26 °) Wett¬
stein Disentis 173. 261 ) Fogel Pennsylvania
367 Nr. 1963—-1967. 262 } Handelmann
Weihnachten 36; Sartori Sitte 3, 55; Kuhn
u. Schwartz 518; Wolf Beiträge 1, 115.
263 ) Mannhardt Götter 235; Sartori Sitte
3, 61 f.; Wolf Beiträge 1, 114.
9. Mit der Vorstellung von Dämonen¬
umzügen zu Wagen hängt wohl auch der
Glaube zusammen, daß mau einen Wagen
485
Rad
486
festmachen könne, so daß die Pferde ihn bur 8 Wend. Volksthum 77. 275 ) ZfrheinVk.
nicht mehr von der Stelle bringen. Wenn 4 ' 296 ' 27 ^ Wemhold Neunzahl 22. 277 ) B aum-
der Fuhrmann aber meint, daß Zauberei Meyer Baden 559 . »o, Bartsch MeckUn-
im Spiele ist, und eine R.speiche entzwei- bürg 2, 97 Nr. 337. 281 ) ZfrheinVk. 4, 259.
schlägt, dann ist der Bann gelöst, und 282 ) Panzer Beitrag 1, 117. 283 ) Rochholz
der Zauberer hat ein Bein gebrochen oder Sa S en l > l8 °; 2 » 59 -
muß sterben 264 ). Solche Berichte finden I0 . Aus Indien stammt die Lehre vom
wir auf dem ganzen deutschen Kultur¬
gebiet: Rheinland 265 ), Hunsrück 266 ), Ba¬
den 267 ), Bayern 268 ), Schweiz 269 ), Ti¬
rol 27 °), Oberösterreich 271 ), Bergisches
Land 272 ), Ostfriesland 273 ), Lausitz 274 ).
Zuweilen muß man eine bestimmte Speiche
(vom Vorderr. 275 ), die neunte 276 )), die
zuletzt vom Wagner angefertigte 277 ) zer¬
schlagen, um den Bann zu überwinden;
in anderen Fällen genügt es, wenn man
auf alle R.nägel schlägt 278 ). In Baden
sieht man noch heute Wagen, bei denen
der Wagenbauer eine Speiche des Vorder-
r.es durch ein Kreuz bezeichnet und nur
lose eingesetzt hat, damit sie leicht
herausgenommen werden kann, wenn der
Spuk beginnt 279 ). — ,,Wenn en Lik nich
wider furt will, so brückt man blot an
den Wagen, up dem sei steiht, en R.
ümtautrecken, dann kann sei wider führt
warden“ 28 °), dieser mecklenburger Aber¬
glaube entspringt gleichfalls der Vor¬
stellung, daß Dämonen Wagen zu bannen
vermögen. Im Bergischen Land werden
beim Leichenwagen die R.speichen sorg¬
fältig geputzt und mit Teer beschmiert 281 ),
auch diese Sitte bestätigt obigen Glauben.
Eine merkwürdige Verquickung mit der
Ixionsage liegt vor, wenn erzählt wird,
ein Prälat habe den Teufel, als er ihm
auf der Romreise ein R. seines Wagens
zerbrach, auf das R. gebannt, um weiter¬
fahren zu können 282 ). Ähnlich sagt man
in der Schweiz, daß der Teufel herzlose
Fuhrleute an Stelle einer Speiche in
das R. drücke, so daß sie jetzt den
Wagen stoßen müssen 283 ).
264 ) DG. 5, 202. 265 ) NdZfVk. 6, 156;
Zaunert Rheinland 2, 163; 266 ) ZfrheinVk.
4, 296. 267 ) Meyer Baden 559. 268 ) Andree-
Eysn Volkskundliches 215. 269 ) Rochholz
Sagen 1, 197; 2, 59; SAVk. 21, 214 f.; 25, 135 f.
2-0) Weinhold Neunzahl 22; Zingerle Tirol
179. 271 ) Baumgartenff^wa/ 2, 79. 272 ) Schell
Bergische Sagen 86 Nr. 5; 150 Nr. 27; 292
Nr. 1 b. 273 ) NdZfVk. 7, 39. 274 ) Schulen-
R.e der Geburten; sie taucht zum ersten
Male auf in den Upanisaden 284 ). Die
Lebewesen erscheinen als an das R. der
himmlischen Ordnung gebunden 285 ). Von
dort ist diese Vorstellung einerseits nach
Vorderasien 286 ) und weiter zu den Grie¬
chen 287 ) und Römern 288 ) gewandert, an¬
drerseits vom Buddhismus 289 ) und Hin¬
duismus 29 °) übernommen worden. Auch
in jüdische 291 ) und christliche 292 ) Glau¬
bensvorstellungen hat sie Eingang ge¬
funden. Der zugrunde liegende Gedanke
ist mehrdeutig; einmal ist das R. Symbol
der Bewegung und damit jedes Lebens
schlechthin 293 ), zweitens Sinnbild der
ewigen Wiederkehr aller Dinge, der Lehre
von der Palingenese 294 ); drittens Aus¬
druck der Unbeständigkeit und Ver¬
gänglichkeit der irdischen Welt 295 ).
An diesen letzten Gedanken knüpft an
die Vorstellung, daß das Glück auf einem
R.e oder als R. durch die Welt eilt 296 ).
In der Lateinischen Literatur finden wir
dafür zahlreiche Belege 297 ); auch dem
Liebesgott wird ein R. beigelegt 298 ). Von
dort haben mittelalterliche geistliche
Schriftsteller 299 ), Predigermönche 300 ), Hu¬
manisten 301 ) das Bild übernommen und
volkstümlich gemacht. Im Wigalois
wird erzählt, jemand habe sich ein golde¬
nes Glücksr. gießen lassen und sei fortan
glücklich gewesen 302 ); im Beschluß des
Schlüssels zum Theuerdank wird dem
Kaiser Maximüian das Glücksrad (s. d.)
beigelegt 303 ). Schon früh zeigt sich in
deutschen Handschriften das R. als
Glückszeichen 304 ). In den Volkskalen¬
dern finden wir es vom 15. Jahrhundert
ab 305 ). Praetorius erzählt vom Glücks-
r.e 306 ). Trotz dieser zahlreichen literari¬
schen Zeugnisse entspringt aus ihnen kein
lebendiger deutscher Aberglaube; sie ver¬
lieren nicht den Charakter des Gelehrten
und Fremden.
4 87
Rad
Radegundis, hl.—rädern
490
284 ) Eisler Weltenmantel 2, 501 f.; Jeremias
Religgesch. 149. 285 ) Eisler Weltenmantel 2,
501 Anm. 7. 286 ) Eisler Weltenmantel 2, 381
Anm. 14; Jeremias Religgesch. 149. 287 ) Bach¬
ofen Gräber Symbolik 231; Boll Lebensalter 104;
Eisler Weltenmantel 1, 202 Anm. 1; 2, 502;
Jeremias Religgesch. 149. 288 ) Bachofen
Gräbersymbolik 39, 233. 289 ) Jeremias Relig.-
gesch. 161 ff. 28 <>) Ebda. 167. 291 ) Eisler
Weltenmantel 1, 202 Anm. 1. 292 ) Jeremias
Religgesch. 149. 293 ) Ackermann Shakespeare
8; Plato Phädrus cap. 24. 294 ) Eisler Welten¬
mantel 2, 502; Jeremias Religgesch . 161 ff.; 167.
29s ) Bachofen Gräbersymbolik 39. 296 ) Wein¬
hold Glücksrad u. Lebensrad. 297 ) Cicero in
Pisonem cap. 10; Ovid Epist. e Ponto 2, 3,
56; Plutarch consol. ad Apollonium (ed.
Hutten) 7, 331; Tacitus de oratione cap. 23.
298 ) Grimm Myth. 3, 263. 299 ) Panzer Beitrag
2, 542. 30 °) Schönbach Berthold v. R. 101.
301 ) Seb. Frank Weltbuch (Ausg. 1534) 52b;
Schmidt Volksk. 117. 302 ) Grimm Myth. 2,
722; Wigalois (ed. Pfeifer) 1036—1052. 303 )
Das Kloster 4, 52. 3M ) Boll Lebensalter 129 f.
305 ) Jungbauer Gesch. d. deutschen Volks¬
kunde (Prag 1931) 41. 306 ) Prätorius Phil. 101.
11. Eine ziemliche Bedeutung besitzt das
R. im altdeutschen Rechtsleben. Fuhr¬
leute leisten den Eid aufs R. 307 ); bei der
Freizügigkeit 308 ), der Bemessung des
Strafmaßes für Holz- *°*) und Land¬
frevel 310 ) ist es wichtig. Am bekanntesten
ist seine Verwendung bei der Strafe des
Räderns. Ihr ursprünglich kultischer
Charakter 311 ) steht ebenso fest wie ihr
hohes Alter und ihre Verbreitung bei
fast allen germanischen Stämmen 312 ).
Im Mittelalter ist das Rädern die übliche
Strafe für Mörder, Verleumder, Brand¬
stifter 313 ). Wie in der Wirklichkeit so
wird auch in Sage 314 ) und Märchen 315 )
der Verbrecher aufs R. geflochten. Zeichen
der Gerichtsbarkeit sind wohl in den
meisten Fällen die R.Wappen, die Städte
(z. B. Mainz, Osnabrück) und Adels¬
geschlechter (z. B. die Grafen Donners¬
berg) führen 316 ). Bei der Familie von
Wedel ist dies urkundlich belegt 317 ).
307 ) Grimm RA. 2, 550. 30S ) Ebda. 1, 481.
309 ) Ebda. 1, 145. sio) Ebda. 1, 145. 3 “) Hoops
Realiex. 3, 346. 312 ) Grimm RA. 2, 265 ff.
313 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 494 f.; Ho-
vorka u. Kronfeld 1, 313; John West¬
böhmen 351; Kondziella Volksepos 72 t. 174.
314 ) Kühnau Sagen 1 Nr. 140; NdZfVk. 7, 152;
Zaunert Rheinland 1, 210. 3I4 ) Wisser
Plattdeutsche Volksmärchen 1, 224. 316 ) Grimm
Myth. 3, 70. 317 ) Beiträge z. Heimatkunde
d. Neumark (Landsberg 1925) Heft 8, 58.
j 12. Von der Strafe des Räderns leiten
! sich wahrscheinlich die meisten Sagen her,
die von Gespenstern in R.gestalt, oder auf
ein R. geflochtene oder von einem R.e be¬
gleitet berichten. Wigalois hat ein Aben¬
teuer mit einem ehernen R.e zu beste¬
hen 318 ); Julius Agricola sagt in seinen
Teutschen Sprichwörtern bei der Schil¬
derung des Totenheeres, „einander ist auf
ein R. gebunden gelegen, und das R. ist
von ihm selbs umbgelauffen“ 319 ). In der
deutschen Volkssage sind Beispiele sehr
zahlreich und allgemein verbreitet (Ber-
gisches Land 320 ), Westfalen 321 ), Han¬
nover 322 ), Oldenburg 323 ), Pommern 324 ),
Preußen 325 ), Schlesien 326 ), Sachsen 327 )[
Württemberg 328 ), Tirol 329 ), Österreich 330 ),"
Ungarn 331 )). Auch Frankreich 332 ) und
England 333 ) berichten ähnlich; im Mär¬
chen kommen Gespenster als feurige R.er
vor 334 ). Man kann den Dämon bannen,
wenn man einen Stock durch die R.nabe
steckt 335 ) oder das R. bei der 12. Speiche
faßt 336 ). Gelingt es, das R. mit Eisen
zu beschlagen, so erscheint die Hexe am
nächsten Tage als mit Eisen überzogene
alte Frau 337 ). Die Entstehung solcher
Sagen aus dem Strafrecht erhellt aus
den Erzählungen über den Ursprung
der Gespenster: der Grenzfrevler leidet
als feuriges R. 338 ). Die Alke war zu Leb¬
zeiten ein gottloser Wirt; nur haust sie
als feuriges R. im Moor 339 ). Die feurigen
R.er sind eigentlich Hexen 340 ). Sie
zeigen sich in der Nähe des Galgens 341 ).
Wenn man in Schlesien sagt, die Hexen
versammelten sich gerne auf den Pflug-
r.ern vor den Bauernhöfen 342 ), so ist
dieser Glaube wohl aus den Sagen von
R.gespenstern entstanden. Eine moderne
Mythenbildung liegt vor in der Erzählung,
daß sich zwischen Hannover und Bremen
nachts feurige R.er gezeigt hätten, dort
wo später die Bahnlinie gebaut wurde 343 ).
318 ) Grimm Myth. 2, 724; Wigalois (ed.
Pfeifer) 6773—6891. 319 ) NdZfVk. 4, 21.
32 °) Schell B er gische Sagen 276 Nr. 736.
321 ) Kuhn Westfalen 1, 37; 1, 67 t.; Mann¬
hardt 2, 110. 322 ) Mackensen Nds. Sagen
39- 43) Nds. 18, 446; Radermacher Bei*
träge 55; Schambach u.Müller 358. 323 ) Mak-
kensen Nds. Sagen 65; Strackerjan 1, 294;
2, 230. 324 ) Haas Pomm. Sagen (Berlin o. J.
[1912]) 19. 325 ) Mannhardt 2,83; Schwartz
Studien 389. 326 ) Kurtz Beiträge z. Erklärung
d. volkstüml. Hexenglaubens i. Schlesien (Diss.
Greifswald 1916) 94. 327 ) Meiche Sagen 253.
328 ) Bohnenberger 9. 329 ) Alpenburg Tirol
181 Nr. 50; NdZfVk. 5, 226; Zingerle Sagen
Nr. 380. Nr. 802. 33 °) ZföVk. 23, 124. 331 ) Wlis-
locki Magyaren 114. 332 ) Sebillot Folk-Lore
1, 392. 333 ) Ackermann Shakespeare 24;
King Lear IV, 7 v. 43—48. 334 ) Zaunert
Märchen seit Grimm 1, 243. 335 ) Haas Pommer -
sehe Sagen 19. 336 ) Wlislocki Magyaren 114. !
337 ) Ebda. 338 ) NdZfVk. 5, 226; Zingerle
Sagen Nr. 380. 339 ) Kuhn Westfalen 1, 37;
Mackensen Nds. Sagen 39. M0 ) Wlislocki
Magyaren 114; Zingerle Sagen 467. 341 )ZföVk.
23, 124. 342 ) Kühnau Sagen 3, Nr. 1387.
343 ) Mackensen Nds. Sagen 21. Tiemann.
Radegundis, hl.
1. Königin der Franken, Gemahlin
Chlothars I., dann Nonne, gest. 587 1 ).
Aus ihrer Legende ist besonders ihr Ver¬
steck in dem wunderbar wachsenden
Haferfeld berühmt 2 ). Früher pflegten
die Pilger unter ihrem Grabe in Poitiers
durchzugehen 3 ). Ihr Gedächtnistag ist
der 13. August.
*) Bernoulli Merowinger 79 ff.; Künstle
Ikonographie 509; Doye Heilige u. Selige d. i
röm. kath. Kirche 2, 225. 2 ) Dazu: Dahn- j
hardt Natursagen 2, 61 ff. 3 ) Sebillot Folk-
Lore 4, 137. Legenden von ihr: ebd. 1, 403. 3,
530. 4, 22. Vgl. auch Gräber Sagen 330. j
2. Eine Volksheilige, die kirchlich weder ^
heilig noch selig gesprochen ist. Sie heißt j
die fromme Magd Radegunde, auch i
St. Rat ha wird sie genannt. Sie lebte
auf dem Schlosse Wellenburg bei Augs¬
burg, wo sie das Vieh zu besorgen hatte, ;
und pflegte Arme und Kranke, vor allem ;
die Aussätzigen. U. a. wird eine dem
Rosenwunder der h. Elisabeth verwandte
Geschichte von ihr erzählt. Sie lebte um
1290. Über ihren Todestag ist nichts be¬
kannt. Ihr Fest fällt auf den 5. August.
Seit dem 5. August 1810 ruhen ihre Ge¬
beine in Waldberg. Es sind wohl einige
Züge der Frankenkönigin R. auf sie über¬
tragen 4 ).
4 ) Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol.
Kirche 2, 226; Schöppner Sagen 1,51; Bir- j
linger A. Schwaben 1, 347; BayHfte 6 (1919),
149 ff. Sartori. j
rädern. Als frühere Todesstrafe stand
*
R. hinter Hängen und Enthaupten (s. d.) j
in der Anwendung zurück, doch nicht
an Alter. Die in Indien übliche Tötung 1
durch fahrende (Götter-)Wagen ist viel¬
leicht auch bei uns die ursprüngliche
Todesart gewesen, die sich später in
Zerstoßen der Glieder mit einem Rade.
„Radebrechen“, und Flechten des Ver¬
urteilten aufs Rad umwandelte und so
eine noch schimpflichere (verschärfende)
Strafe als Hängen war, auch nur über
Männer (besonders verruchte Mörder),
in älterer Zeit nur über Unfreie verhängt
wurde 1 ). Obwohl sich eine nähere Be¬
ziehung dieser Strafe zu einer bestimmten
Gottheit so wie des Hängens zu Odin
nicht erweisen läßt 2 ) — Rad = Sonne
in diesem Zusammenhang wenig wahr¬
scheinlich —, trägt natürlich auch diese
Form der Hinrichtung von Anfang an
den Sinn eines sühnenden Opfers, vgl.
Hinrichtung § 1. Deshalb erschien auch
der geräderte Verbrecher wie jeder andere
Hingerichtete durch seinen außerordent¬
lichen, verfrühten Tod zauberkräftig ge¬
heiligt, und man begehrte daher seine
Glieder, Finger und Zehen, zum Glücks-
zauber 3 ): so schnitt einer 1569 in
Schlesien den Finger eines Geräderten ab,
um ,,gut gelück zum kauffschlagen“ zu
erzwingen 4 ), man raubte sogar die Mem-
bra von Geräderten, wie uns ein Vor¬
kommnis im Jahre 1727 verrät 5 ). Und
wie die Galgenamulette (s. Galgen § 4)
wurden die Bestandteile eines Rades,
womit ein armer Sünder gerichtet worden
war, für durch den sakralen Akt der Hin¬
richtung geheiligt und zu Amuletten
gekräftigt gehalten 6 ). Ihrer bediente
man sich vor allem im Waffenzauber.
So empfiehlt eine Hs. des 17. Jh.s: zum
schissen brauch ain spaich von einem
radt, damit ainer geredert worden, und
(tu davon) alzeit ain wenig in die kugel 7 ).
Oder um ein gutes Schwert zu erhalten,
verfertigte man „das Häfft von einer
Spaichen eines Rades, damit ein Ubel-
thätter gerecht fertiget“, und „Knopff
und Creutz von einer eysenen Ketten,
daran ein Missthäter gerichtlich er¬
würget“ (Leipzig 1618) 8 ). Eine solche
Radspeiche galt noch später als gut für
einen Bolzen 9 ), ein kleiner Spreißel nur
stärkte ein Messer 10 ). Sogar den Nagel,
„damit eines armen Sünders Kopff auf
49i
Radium—Rahm
492
493
Rai n—Rainfarn
dem Rade ist angenagelt worden“,
schmiedete man in ein Treffglück ver¬
leihendes Gewehrkorn um 11 ). Mit der
Strafe selbst ist natürlich auch der an
sie geknüpfte Aberglaube im 19. Jh.
ausgelöscht worden.
*) Grimm RA. 2, 265 ff. 273. 329; W. E.
Wilda Das Strafrecht der Germanen (1842), 503;
Gregor v. Tours Frankengeschichte 6, 35;
Schultz Höfisches Leben 2, 151 f.; Kondziella
Volksepos 174 (Beispiele 1466—1513); John
Westböhmen 351; DG. 9, 296 t.; H. Fehr Das
Recht im Bilde (1923), 77 h.; de Cock Oude
Gebr. 87 f. 2 ) Vgl. Meyer Germ. Myth. 58. 92.
293 - 2 95 ; v. Künssberg in JbhistVk. 1, 316.
3 ) Amira Todesstrafen 223 (Lit.). 4 ) MschlesVk.
25 (1924), 87. 5 ) Ebd. 88. 6 ) de Cock a. a. O.
7 ) Schönbach Berthold v. R. 149. 8 ) Staricius
(1623), 80. 98; Kronfeld Krieg 94. 9 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 2, 97. 10 ) Ebd. 2, 98.
n ) Staricius (1679), 340; vgl. Alemannia 8,
288 (18. Jh.). Müller-Bergström.
Radium. Der Okkultismus erklärt
sich heute den Einfluß, den die Sterne
auf das Schicksal der Menschen ausüben
sollen, mit R.strahlen x ). — In der Volks¬
medizin ist R. ein Kopfwehmittel; in
Joachimstal (Böhmen) bindet man näm¬
lich die r.haltige Uranpechblende in ein
Ledersäckchen und legt diese auf die
schmerzende Kopfstelle; die stärksten
Kopfschmerzen sollen nach dieser Be¬
handlung in kurzer Zeit verschwinden 2 ).
*) Stemplinger Sympathie 32. 2 ) Ho-
vorka -Kronfeld 1, 355 u. 2, 192 (mit Ab¬
bildung); ZdVfVk. 23 (1913), 380. f Olbrich.
Radkreuz s. Nachtrag.
Radspeiche siehe Rad, Abschn. 9.
Radtanz siehe Rad, Abschn. 6.
Rahm als die konzentrierte oberste
Schicht der Milch im Milchtopf der
patriarchalischen Bauersfrau, als es noch
keine Zentrifugen gab, als der Kraft¬
extrakt der Milch ist wie diese selber dem
Schadenzauber in besonderem Maße
unterworfen, ist der behütete Schatz der
Hausfrau beim Buttergeschäft, s. Butter,
buttern, Milch, Milchhexe, Milchopfer.
1. Die Milchhexe verlangt gierig nach
R. x ) und bittet inständig um Nidel 2 ).
In Uri treibt die Nidelhexe R.zauber
mit Hilfe des Teufels 3 ). Die Nidelhexe
spricht über das Butterfaß: Lüzifer, vor
Raphael, Schneeveegel, Läckdafis, Pumpis
a’ diä Wyggä; aus dem Faß hüpfte ein
schwarzes Büebli hervor. Beim
zauberischen Entziehen des R.es kommt
auch das Motiv vor (vgl. Butter, Milch¬
hexe), daß der Spruch „aus jeder Kuh
zwei Löffel voll“ unendliche R.mengen
spendet, weil der Zauber nicht mehr ge¬
löst werden kann. Eine Nidelhexe be¬
kam soviel R. von einer Kuh, wie andere
von 20; ein Küfer lauschte ihr den Spruch
ab:
Hei, Asteroth, flink auf und hol’.
Von jeder Kuh zwei Löffel voll;
Als Hexengut und Sennenzoll.
In einer Sintflut von R. versank der Mann,
als er den Zauber anwandte, und von
oben erscholl eine Stimme: Der tut mir’s
nicht mehr nach 4 ). In Frankreich
schütten die „cremettes" am Morgen
des 1. Mai vor Sonnenaufgang unter einer
Beschwörungsformel einen Topf R. in
eine Hauslache; als Gegenzauber schüttet
man geweihtes Wasser hinein 5 ). Im
Norden verhexen die Weiber den R.
mit dem bösen Blick 6 ).
2 ) Müller Uri 1, 103. 138. 2 ) 1 . c. 116. 158 o.
3 ) 1 . c. 104, 139. 4 ) 1 . c. 102, 137; ZfEthnol.
26,15. 5 ) Sebillot 2,439. 6 ) Seligmann
Blick 1, 266.
2. Im Gegenzauber finden wir, wenn
der R. nicht buttern will, dieselben
Mittel wie bei dem Gegenzauberapparat
der Bauersfrauen, den sie gegen die
Milchhexen anwenden: Wie die Milch,
so schüttet man auch den R. in das
Feuer 7 ), in der Niederlausitz gehen die
Frauen zum klugen Mann von Sommer¬
feld, der dann selbst buttert 7a ). In den
nordischen Ländern setzt man, wenn
der R. keine Butter geben will, eine
Tasse R. über das Feuer; darin schaut
man das Bild der Hexe, die mit bösen
Augen den R. ansah 8 ).
7 ) Fischer Oststeierisches 126; BayrHefte
1914, 233; Urquell 5, 282; Freudenthal Feuer
99. 7a ) Gander Niederlausitz 23, 60, 3. 8 )
Seligmann 1 . c.
3. Damit man das ganze Jahr über
vielen und guten R. bekommt, rahmt
man in Bulgarien am St. Annatag, einem
Lostag, die Kuh- und Schafmilch nicht
ab 9 ). Nach dem Glauben der Frauen in
Bain vermehrt das am Karsamstag ge¬
weihte Wasser den R. der Milch 10 ). Die
Christblockzeremonie, die sich an das
Auftreten des polaznik in Serbien knüpft,
soll für das folgende Jahr guten und
dicken R. auf der Milch verbürgen 11 ).
In Suffolk bekommt der Knecht, der am
1. Mai einen blühenden Dornzweig (zum
Abwehren der Hexen) ins Haus bringt,
ein R.frühstück, in Cornwall umkränzt
man mit einem solchen Zweig den R.-
topf 12 ).
9 ) Arnaudoff Bulgarien 11. 10 ) Sebillot
4, 150. - 11 ) Frazer 10 (7, 1), 262. 12 ) Ders.
2 (1, 2), 52.
4. Der thüringische Drache, das Steff-
chen geheißen, der Lebensmittel ins
Haus schleppt, bringt denen, die ihm
ihr Blut verschrieben haben, in Gestalt
einer Feuerkugel, Butter, R. und Rosinen
für den Festkuchen 13 ). Vgl. Milch,
Butter, Klöße.
13 ) Witzschel Thüringen 2, 292, 150.
5. Wie die erste Milch, so behandelt
man auch die erste Sahne mit be¬
sonderem Ritus: Die erste Sahne von
einer Kuh oder Ziege buttert man nicht
im Butterfaß, sondern durch Schütteln
in einer Flasche oder Quirlen in einem
Topf 14 ).
14 ) Globus 72, 353.
6. R. an Familien- und Jahres¬
festen: In Boterode in Thüringen
steuert die ganze Nachbarschaft bei
einer Hochzeit R. zum R.kuchen bei 15 ).
Im Glamerlande ist die ganze Familie
an Neujahr um Nidel (geschlagener R.)
und Birnbrot versammelt 16 ). Nidel¬
nächte heißen die 7 Nächte vor Weih¬
nachten 17 ); an solchen Nidleten wird
im Kt. Zürich die Hälfte des geschwun¬
genen R.s verzehrt, die andere Hälfte
von den Teilnehmern gegenseitig ver¬
schleudert 18 ), auch an die Decke ge¬
schleudert, um Fülle für das neue Jahr
zu sichern 183 ). Im Toggenburg werden
an Lichtmeß den Verstorbenen Lichter
angezündet; darnach folgt ein Mahl mit
geschwungenem R. 19 ).
15 ) Witzschel Thüringen 2, 229, 26. 16 )
Herzog Volksfeste 204 ff.; Hoffmann-Krayer
113. 17 ) Simrock Mythologie 572. 18 ) Hoff¬
mann-Krayer 1 . c. 54. 18a ) SAVk. 2, 39;
19,66; Sartori Sitte 3, 67. 19 ) Hoffmann-
Krayer 124.
7. R. als Opfer: Den lutins opfert
man im Gebirge von Waadt vom besten
R. 20 ), vgl. Milch- und Butteropfer.
20 ) Sebillot 1, 231.
8. R. als Volksmittel: Auf Brand¬
wunden legt man das Schmalz, das man
durch Sieden des süßen R.es gewonnen
hat 21 ). Aus Heidelberger Überlieferung
hat sich bei den Deutschamerikanern
ein humorvolles Bartmittel erhalten: Wer
den Schnurrbart wachsen lassen will,
muß die obere Lippe mit süßem R. oder
mit Hühnerdreck schmieren und in einer
dunklen Nacht von einer Katze ab¬
schlecken lassen 22 ).
21 ) Jühling Tiere 151. 22 ) Fogel Pennsyl¬
vania 370, 1984.
9. Volkswitze und ähnliches: In
einem norwegischen Märchen wird er¬
zählt, daß die weiße Schwanzspitze des
Fuchses daher komme, daß eine Bäuerin
ihm eine Handvoll R. nachwarf 23 ). Wenn
in Oldenburg junge Mädchen zum Tee
oder Kaffee eher den R. als den Zucker
geben, werden sie alte Jungfern 24 ).
23 ) Kloster 9,956. 24 ) Strackerjan 1, 55 *
Eckstein.
Rain s. Grenze.
Rainfarn (Tanacetum vulgare).
1. Botanisches. Korbblütler mit
doppelt fiederspaltigen, stark aromatisch
riechenden Blättern und gelben Blüten¬
köpfen, bei denen die zungenförmigen
Randblüten fehlen. Der R. ist an Weg¬
rändern, Rainen, an Bahndämmen usw.
nicht selten 1 ). Mit dem Farn (s. d.) ist
der R. nicht verwandt.
J ) Marzell Kräuterbuch 341; Heilpflanzen
214—216.
2. Offenbar wegen des starken Ge¬
ruches gilt der R. als hexenwidrig.
„Welche frawen ire kynder leyphafftig
und frisch behalten wollen, die sollen
die kynder über den rauch halten diß
kruts, der benimt in alle zufelligen suchten
und alle böse gespenster des teufels und
mag inen nit geschaden“ 2 ). In Unter¬
franken legt man den R. den kleinen
Kindern unter die Kissen, um die Hexen
abzuhalten 3 ). Die Stengel wurden über
die Türen der Viehställe gesteckt, um
Hexen und Viehseuchen fernzuhalten,
auch wurden die Blütenköpfchen dem
behexten Vieh eingegeben 4 ). Vielleicht
495
Ranzen, Ranzenmänner—Ranzenpuffer
496
ist auch unter dem „blühenden Farn¬
kraut“, das über der Haustür befestigt
wurde 5 ), der R. zu verstehen. In Sieben¬
bürgen heißt der R. ,,Gehonnesgirker‘
(Johannisgürtel), weil man damit an
Johanni die Stalltore und -dächer um¬
gürtete als Schutz gegen Hexerei 6 ). In
Böhmen soll jemand, der sich auf die
Reise begibt, R. pflücken, dann wird er
glücklich heimkehren 7 ). Vielfach be¬
findet sich der R. unter den Pflanzen,
die an Mariä Himmelfahrt geweiht werden
(s. Kräuterweihe) 8 ). Um Jülich wird
der R. Donner- oder Blitzkraut genannt,
da er den Blitz abhalten soll 9 ), in Belgien
wirft man bei einem Gewitter etwas von
den Sträußen des an Mariä Himmelfahrt
geweihten R.s auf glühende Kohlen; der
Rauch schützt vor Blitz 10 ).
2 ) Gart der Gesunthcit, Straßburg 1507, 168 r;
vgl. auch Brunfels Kreuterbuch 1532, 199.
3 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 211. 4 ) Mon¬
tanus Volksfeste 141. 5 ) Grimm Myth. 3,471.
6 ) Schullerus Pflanzen 370 7 ) Grohmann
97. 8 ) Marzeil Bayer. Volksbotanik 53 h;
Bauernfeind Nordoberpfalz 50; Leoprech-
ting Lechrain 191; Wilde Pfalz 198; Philipp
Ermland 125; auch in Belgien: Rolland Flore
pop. 7, 77. 9 ) Marzeil Heilpflanzen 216.
10 ) Rolland a. a. O.
3. In der Volksmedizin wird der R.
besonders gegen Eingeweidewürmer ver¬
wendet. Nach westfälischem (Osnabrück)
Aberglauben muß man eine ungerade
Anzahl von Blütenköpfen gebrauchen u ).
In Siebenbürgen (Marpod) ist der R. das
„Maddekrokt“ (Madenkraut). Um die
,,Maden“ bei Pferden zu vertreiben,
fächelt man mit einem Strauß R. in der
Hand und sagt: ,,Neun Pfarrherren,
acht Pfarrherren usw. (bis: kein Pfarr-
herr). Wie sich diese neun Pfarrherren
alle verloren haben, so sollen sich diese
Maden aus dem Pferde verlieren“. Dann
hängt man den Strauß zum Trocknen
auf 12 ).
n ) 45 - Jahresber. d. Westfäl. Provinzialver.
f. Wissensch. u. Kunst 1917, 60. 19 ) Schullerus
Pflanzen 370.
4. In England essen die jungen Leute
zu Ostern ,,tansycake“ (R.-Kuchen),
wohl ein altes Kultgebäck 13 ).
13 ) Mannhardt 1, 476; Höfler Ostern 40.
Marzeil.
Ranzen, Ranzenmänner.
1. In einen R. wird mit Vorliebe ein Geist
gebannt, um in sein künftiges Revier ver¬
tragen zu werden. Das ist die Aufgabe der
R.-männer. Diese müssen auf dem Wege
alle Vorsicht anwenden, um des gefangenen
Geistes Herr zu bleiben, gelegentlich auch
zu drastischen Mitteln (Prügel) schreiten.
Tragen mutwillige Leute den Geist im
R., so schwillt er immer mehr und droht
den R. zu zersprengen. Gelingt ihm das,
oder öffnen neugierige Menschen gar
den R., so wird der Geist wieder frei
(s. Geist).
J ) Wolf Beiträge 1, 14 h, wo dieser R.
auf die alte Brünne zurückgeführt wird.
2. Im Märchen spielt der R. eine ähn¬
liche Rolle wie andere wunderkräftige
Gegenstände (Stock, s. d.; Hut, s. d.).
Wenn der Besitzer mit der Hand auf den
R. klopft, erscheint ein Gefreiter mit
sechs bewaffneten Soldaten, welche eine
ganze Armee zu schlagen vermögen. In
einen anderen R. kann man alles hinein¬
wünschen 2 ).
2 ) Strackerjan 2, 234 Nr. 497. Mengis.
Ranzenpuffer. Name eines in den
Wäldern um Tübingen spukenden „grünen
Jägers“, der die Leute durch Brüllen und
andern Spuk erschreckt; bes. klopft er
mit seinem Hammer an Holz wie beim
Verkauf oder tut, als wären Holzdiebe
beim Schlagen; er schreit, „als ob jemand
von einem Baum heruntergefallen wäre“,
gibt dem Spötter Ohrfeigen; zeigt sich
als Fuchs, Reh, Hase, Ochs, schwarzer
Hund, Schweineherde, breitrandiger Hut
(auf dem Weg liegend) und als Schimmel¬
reiter (auf einem „dem Meer“ (?) entstie¬
genen Schimmel). Sein Brüllen zeigt
Wetteränderung an 1 ).
Die Naturgrundlage des Spuks ist zum
Teil deutlich (Specht, Kauz); anderes
gehört in die allgemeinen Vorstellungen
vom Waldspuk. Der Name sieht aus wie
der Spottname einer geschichtlichen Ge¬
stalt (der R. soll ein gottloser Jäger auf
dem Einsiedel bei Tübingen gewesen
sein). Meier 2 ), Mannhardt 3 ) und E. H.
Meyer 4 ) stellen den R. zum Wilden Heer
und zu Wodan.
*) Meier Schwaben 1, Nr. 124 S. 108ff.; Ober-
Raphael—Rasen
amtsbeschreibung Reutlingen 1, 159. 2 ) Meier
aaO. S. XVIII. 3 ) Mannhardt Germ. Myth.
80. 4 ) E. H. Meyer Germ. Mythol. 245 § 323.
Ranke.
Raphael, Begleiter des Tobias als einer
von den 7 Engeln, „die vor dem Herrn
stehen“ 1 ). Patron der Apotheker 2 ),
Bergknappen und Dachdecker, der Schif¬
fer, Reisenden, Pilger 3 ), der Eheleute 4 ),
auch gegen Augenleiden 5 ). Er ist Arzt¬
engel und Pestpatron 6 ). Ihm ist der
24. Oktober gewidmet 7 ). Oft wird
er mit den andern Erzengeln zusammen !
genannt 8 ).
*) Tob. 12, 15. An die Tobiasgeschichte wird
in kirchlichen Weiheformeln erinnert: Franz
Benediktionen 1, 426. 447; 2, 395. 2 ) R. kommt
in der Weiheformel für das Eisenkraut vor
(mit andern Erzengeln): Franz 1,413; auch
in der für die Raute: ebd. 1, 418. 3 ) Im Tobias¬
segen: Bartsch Mecklenburg 2, 328. Auch
in Votivmessen (Franz 2, 262. 263) und in
Gebetsformeln für Reisende, Pilger, Kreuz¬
fahrer: ebd. 2, 265. 280. 305. 4 ) Die Messe
vom hl. R. wird gegen das Maleficium der Li-
gatio empfohlen: Franz 2, 183. 5 ) Sein Name
in einer Beschwörung gegen Augenleiden:
Franz 2, 498. 6 ) ZfVk. 1 (1891), 302. Formel
aus Frankreich: Lie brecht Gervasius 247
(342). 7 ) Kellner Heortologie 244. 246; Nork
Festkalender 2, 615. 656. 8 ) Bartsch 2, 336.
337; ZfVk. 2,167. Vgl. oben 2,837. Mit ’
Michael und Gabriel zusammen kommt R.
im Wettersegen vor: Franz 2, 74. 79. 81. 84.
91. 97. In den Benediktionen gegen Fieber:
ebd. 2, 483; gegen Gicht: ebd. 2, 508; im Exor¬
zismus: ebd. 2, 587. 592. 608. Die drei Namen,
auf drei Lorbeerblätter geschrieben usw., be¬
wirken, daß ein Mädchen oder eine Frau die !
ganze Nacht an einen denkt: Liebrecht
Gervasius 248 (357: Französisch). — Über R.:
Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol. Kirche
2, 230; Samson D. Heil, als Kirchenpatrone
344 f. Sartori.
Rappe s. Pferd.
Raps (Reps; Brassica napus oleifera).
Zu den Kreuzblütlern gehörige, hin und
wieder im Großen angebaute Pflanze, aus
deren Samen öl gewonnen wird. Der j
R. muß am Laurentiustage (10. August) 1 ) j
oder bei Neumond 2 ) gesät werden. Der
mit dem R. nah verwandte Rübsen
(Brassica rapa oleifera) wird gern von j
„Pfeifern“ (Käferlarven) angegriffen. Da¬
her wurde das Feld nach Sonnenunter¬
gang mit brennender Pieife umschritten,
von jeder Ecke eine solche Käferlarve :
genommen, die vier Larven in ein Leinen- i
Säckchen getan und in den Rauchfang
gehängt. Sobald der Rauch sie verzehrt
hat, sind die „Pfeifer“ im Rübsenfeld
verschwunden 3 ).
*) Strackerjan Oldenburg 2, 131. 2 ) Unter-
franken: Orig. Mitt. von Meidhof 1910.
3 ) Witzschel Thüringen 2, 215. Marzeli.
Rasen.
1. Animation. 2. Rechtsbrauch. 3. Ab¬
wehrzauber. 4. Heilzauber. 5. Schaden¬
zauber. 6. Mantik.
1. Der R. verdankt seine zauberischen
Kräfte einmal seiner Eigenschaft als
Kollektiverscheinung des Grases (s. d.
u. Heu), besonders aber als Teil der
wie alles gebärenden, so auch alles auf¬
nehmenden mütterlichen Erde, weshalb
die meisten rasenzauberischen Maßnahmen
Erdbindezauber sind. Animations¬
vorstellungen haben sich in Sagen
erhalten, nach denen die Seelen un-
getauft verstorbener Kinder sich in grünen
R. verwandeln 1 ). Wie man R. als Teil
der heiligen Erde als Opfergegenstand
benutzt, wenn in Frankreich junge Mäd¬
chen, die heiraten möchten, eine R.sode
auf den Arm eines Kreuz des R.stücks
(croix de la Motte) genannten Kruzifixes
legen 2 ), so empfängt er selbst für die
Erde bestimmte Geldopfer bei Heilzauber¬
handlungen (s. 4). Daß dem R.zauber
der pars pro toto-Gedanke zugrunde
liegt, beweist eine ags. Nachricht über
die Entzauberung unfruchtbarer Felder,
in der sich das Eindringen christlicher
Ablösungen in altheidnischen R.zauber
zeigt: vor Sonnenaufgang werden aus
den vier Winkeln des Ackers je ein R.-
stück ausgehoben, diese selbst und die
Erdschürfe mit Weihwasser besprengt,
mit öl, Honig, Hefe, mit Milch von jedem
Vieh, mit Zweigen von allen Baumarten
im Lande, außer Hartbaum, und allen
Krautarten, außer Kletten, beschüttet
und ein Segen gesprochen; alsdann werden
die R. in die Kirche getragen und auf den
Altar gelegt, die Grasnarbe diesem zu¬
gewandt, wo der Priester vier Messen
über sie singt; vor Sonnenuntergang
werden sie wieder an ihre Plätze ge¬
tragen und jeder unter neunmaligem Ge¬
bet in seinen Erdschurf, in den man
vorher ein aus Lebensbaum hergestelltes
499
Rasen
Rasen
502
Kreuz mit je einem Namen der vier
Evangelisten an den vier Armenden
gebracht hat, gelegt 3 ).
*) Sebillot Folk-Lore 3, 326. 2 ) Ebd. 1, 209.
3 ) Rochholz Sagen 2, XLVII; ZdVfVk. 14,
133 f.; Text: Panzer Beitrag 2, 535 f.; Grimm
Mytk. 2, 1185.
2. Vertreten in der ags. Flurentzaube¬
rung die vier aus den Winkeln gestochenen
Erdschollen den ganzen Acker (ebenso
wie im sal. Gesetz ein anderer Erdstoff,
die Chrenecruda, Staub aus den vier
Ecken des Hauses, den der landflüchtige
Besitzer des Hauses auf den wirft, dem
er den Besitz übertragen will, das Haus
vertritt; wie auch noch im 19. Jh. dem
Neugeborenen Vierwinkelstaub unter das
Kissen gelegt wird, um ihm Hausfrieden
zu sichern 4 )), so dient ebenso im ma.-
lichen Rechtsbrauch das gegrabene
R.-stück, das noch weiter reduziert zum
Halm wird (s. das.), als Verkörperung
des ganzen Ackers: durch Ausschneiden
und Darreichen von Graserde wird das
Gut aufgelassen, durch Annahme des¬
selben wird das neue Besitzverhältnis
angetreten 5 ), durch Darbringen von R.
und Zweig als Symbolen für Boden und
Pflanzenbestand auf den Altar wird
Land an die Kirche übertragen 6 ), durch
R. und Zweig der Rechtsanspruch auf
bestrittenen Boden vor dem Richter
dargestellt 7 ), bei der ordalen R.probe
wird eine Scholle aus dem streitigen
Boden gestochen, in ein Tuch geschlagen
und von beiden Kämpfern mit dem
Schwerte berührt 8 ); so stoßen Schwö¬
rende das Schwert bis an den Griff in
den R. 9 ), so muß bei Eidesleistung der
Schwörende, ein R.stück des umstrittenen
Bodens auf dem Haupt, im Erdschurf
stehen 10 ), beim Grenzeid im Hemd, als
Ablösung der kultischen Nacktheit, in
einer ellentiefen Grube mit einem R.
auf dem Kopfe niederknien 11 ), wie über¬
haupt die Eidesstärkung durch den R.
auf dem Haupte eine weit verbreitete
Sitte gewesen ist 12 ). Die ursprüngliche
Form, die die Verbindung des Schwören¬
den mit der mütterlich-heiligen Erde im
Augenblick des Eides darstellte, hat sich
im ma.liehen Blutbrüderschaftsschwur er¬
halten : die schwörenden Bundesbrüder
1
i
!
I
I
I
schneiden einen Streifen R. an den Längs¬
seiten auf und lassen ihn an den Schmal¬
seiten mit dem Boden Zusammenhängen,
heben dann den R. in die Höhe, stützen ihn
in der Mitte durch einen untergestellten
Spieß und lassen unter ihm Blut aus
Hand- oder Fußsohle auf dem nackten
Boden zusammen fließen 13 ). Derselbe
Gedanke des Erdbundes liegt der Sage
zugrunde, nach der der Scharfrichter dem
Enthaupteten anstatt des Kopfes ein
R.stück auf den Rumpf legte: Zurück¬
führung in den neugebärenden mütter¬
lichen Boden 14 ).
4 ) ZdVfVk. 14, 137. 5 ) Grimm Rechtsalt..
i, 157; Eauffer Altertümer (1918) 76; Mann¬
hardt Wald- u. Fk. 1,248; Heckscher Hannov.
Vkde 1 § 180. 6 ) Birlinger Aus Schwaben!, 373.
7 ) Rochholz Sagen 2, XLVII. 8 ) Grimm
Rechtsalt. 1, 160; nichtkirchliches Ordal: Franz.
Benediktionen 2, 342. 9 ) Grimm Rechtsalt.
1, 163. 10 ) Rochholz a. a. O. n ) Grimm
Rechtsalt. i, 166; ZdVfVk. 3, 224. 12 ) Grimm
Myth. 1,535; 3 »i 84 : ZdVfVk. 3.225; Quitz-
mann Baiwaren 278. 13 ) Grimm Rechtsalt.
163 f.; Amira Grundriß 186; Kondziella
Volksepos 155; Strack Blut 25; Wein hold
Schwur unter dem R., in ZdVfVk. 3, 105 ff.
14 ) ZdVfVk. 2, 49 f.
3. Der im mittelalterlichen Rechts¬
brauch geübte Erdbindezauber lebt fort
in der neuzeitlichen Anwendung des R.s
als Abwehrzauber. Naturgemäß richtet
er sich zunächst gegen die Totengeister:
dem Toten wird R. auf den Hals gelegt,
nach volksmäßiger Interpretation, um
ihm durch Festhalten des Kinnes das
öffnen des Mundes und damit das Wieder¬
kehren als Nachzehrer unmöglich zu
machen 15 ). Verblaßt ist diese Erd¬
bindung, wenn man einem Toten, der
,,schnell gestorben“, dessen Rückkehr
also besonders zu fürchten ist, einen R.
auf die Brust legte, angeblich gegen das
Auslaufen 16 ), was auch mit einem Toten
geschieht, um den sich die Angehörigen
,,nicht grämen wollen“ 17 ), wenn man
statt des Kissens dem Toten ein frisches
R.stück unter den Kopf legt und diesen
„Kopfwasen“ in den Sarg mitgibt 18 )„
oder wenn man die Leiche, um sie gegen
Verwesung zu schützen, bis zur Ein¬
erdung auf R. legt 19 ), endlich, wenn
grüner R. auf dem Grabe dem Toten
Ruhe bringt 2Ü ). Der R.bannzauber hat
sich .sodann in seinem Objekt von den
Totengeistern auf andere Schadengeister
übertragen, wobei zunächst in Inne¬
haltung der genetischen Linie der R.
von einem Grabe stammen muß: im
Mittelalter legte man in die Wiege eines
beschrieenen Knaben ein R. stück vom
Grab eines jungen Mädchens, in die Wiege
eines beschrieenen Mädchens ein solches
vom Grab eines jungen Knaben 21 ); be¬
fallen fremde Bienen die eigenen (Bienen
gelten als heilige und deshalb stark
magischen Schutzes bedürftige Tiere 22 )),
so zerstößt man ein R.stück vom jüngsten
Grabe des Friedhofes und bewirft mit
dem Pulver die Angreifer 23 ); der zur ,
Hexenschau benötigte R. muß vom i
Grabe eines ungetauft verstorbenen
Kindes stammen (siehe unten) 24 ). End- j
lieh verliert sich diese Herkunftsvor- j
schrift und damit der Zusammenhang
mit den Totengeistern, wenn allgemein
R. als Abwehrmittel gegen den Teufel
und seine Genossen, besonders die Hexen
gilt 26 ). R. aufs Haupt gelegt, also, wie
man in Frankreich sagt, zwischen zwei j
Erden (entre deux terres) sein 26 ), sichert j
gegen Zauber 27 ), weshalb man sich beim j
Anblick einer als Hexe verdächtigten j
Person R. auf den Kopf legt 28 ). Hexen ;
kann man, ohne von ihnen behelligt und \
gestraft werden zu können, ihnen selbst
unsichtbar 29 ), erkennen, wenn man, ein
R.stück, das vom Grab eines ungetauften
Kindes stammt 30 ), das vor Sonnen¬
aufgang auf einer Feldecke gestochen
ist 31 ), auf dem Kopfe, in der Mainacht
auf einem Kreuzwege 32 ), in einer Grube
auf dem Galgenberg 33 ) sitzt, am Georgs¬
tage (24. April, südslav. Hexenziehtag)
beim Austrieb der Kühe sich an die
Stalltür stellt 34 ) oder vor Sonnenauf¬
gang auf der Kuhweide die Kleider aus¬
zieht und umgewendet wieder anzieht 35 ).
R. auf dem Kopfe macht auch dem Teufel 1
unsichtbar 36 ): man kann ihn 37 ), wie
auch seine Gesellen, die Bilmesschnitter 38 ),
sehen, wenn man unter einem solchen
auf dem Felde in einer Grube sitzt 39 ), j
oder die R.decke eines Maulwurfshügels :
mit der Grasseite nach unten auf dem
Kopfe trägt 40 ), wie man auch am Jo- '
hannistage mit einem Stück frischen
R.s unter dem Hut seinen Feind er¬
kennen kann, der den Segen des Feldes
raubt, indem er an jeder Ackerecke
einige Ähren abschneidet und dadurch
den Ertrag des Feldes, doch zu eigenem
Nutzen, vergrößert 41 ). Mit einem R.
auf dem Kopf und nackten Füßen kann
man ferner blinkende Schätze heben 42 ),
mit dem ersteren allein die Vogelsprache
verstehen 43 ), wie man auch „zwischen
zwei Erden“ stehend, d. h. mit einem
R. auf dem Kopf oder in der Hand, in
mondlosen Nächten Dinge sehen kann,
die andern verborgen sind 44 ), und anderer¬
seits derjenige, der in den Zwölften in
einem Zauberkreise „lossteht“, die der
Hölle bestimmten Nachbarn mit einem
R. auf dem Kopfe dieser zu wandern
sieht 45 ). Das Vieh schützt man auf der
Sommerweide gegen Behexung, die sich
als Lahm werden 46 ) oder Grasseuche 47 )
äußert, wenn man es beim ersten Aus¬
trieb (s. d.) über frischen, vor die Schwelle
gelegten R. gehen läßt 48 ), auf den man
zur Zauberverstärkung außerdem ein
Ei und Eisengerät, wie Beil, Schlüssel usw.
legt 49 ), oder unter den man kreuzweise
Schere, Erbschlüssel und Wetzstein an¬
bringt 50 ). Auch im Stalle schützt man
das Vieh durch außen vor die Schwelle
gelegten frischen R., den man mit Sumpf¬
dotterblumen bestreut: wie in allen diesen
Zaubermaßnahmen hindert volksinter¬
pretationsmäßig das Zählen der Halme
die Hexe, hier vermehrt durch das der
Blumenblättchen 51 ). In besonderem
Maße hat man in der Walpurgisnacht den
Stall durch R. zu schützen 52 ): man legt
die R. zu dreien vor die Tür 53 ), sie müssen
mit einem Bannspruch gegen die Hexen
gegraben und mit drei Kreuzen von Hol¬
lunder besteckt sein 54 ), man legt sie mit
Besen zusammen in Kreuzform 55 ) und
breitet schließlich auch vor Wohnhaus
und Stubentür solche R.stücke aus 56 ).
Vor Hexen schützt man sich allgemein,
wenn man auf Rasen und nicht auf dem
ausgetretenen Fußweg geht 57 ). Auf die
Tätigkeit der Hexen als Wettermache¬
rinnen geht der Glaube zurück, daß man
den Wind wenden und damit herauf-
5»3
Rasen
504
ziehende Unwetter abhalten kann, wenn
man ein Stück R. auf dem Boden um¬
kehrt 58 ).
1S ) Meyer Aberglaube 346; Keller Grab d.
Aberglaubens 3, 84!!; 5,4; Grimm Mythol.
3, 459; Panzer Beitrag 2, 294. 16 ) Höhn
Tod 316. I7 ) Laramert 106. 18 ) Meyer
Baden 587. 19 ) Fogel Pennsylvanien 134.
20 ) Köhler Voigtland 417, danach Selig¬
mann Blick 2,64; Wuttke 467 §740. 2l )
Seligmann Blick 1, 286. 22 ) Heckscher
384. 23 ) ZföVk. 5, 188. 24 ) Kuhn Westfalen
1 Nr. 419. 25 ) Grimm Myth. 1, 534h; Gold¬
mann Einführung 113t.; Drechsler 2,214;
Wuttke 100 §126. 26 ) Sebillot Folk-Lore
1, 210. 27 ) Grimm Myth. 3, 184; Panzer
Beitrag 1, 240. 241; Kuhn u. Schwartz 378;
ZdVfVk. 3,389; Sebillot Folk-Lore 2, 91.
28 ) Sebillot Folk-Lore 1, 210. 2Ö ) ZdVfVk.
2,49. M) Siehe Anm. 24. 31 ) Wuttke 378.
32 ) Kuhn-Schwartz 378; Heckscher Han-
nov. Vkde 1, §28. 33 ) Feilberg Ordbog s. v.
graestorv. 34 ) Krauss Slav. Volkforsch. 40.
3a ) Krauss Relig. Brauch 121. 36 ) Grimm
Myth. 3, 312.
) Schönwerth Oberpfalz
1, 439 - 38 ) Rochholz Sagen 2, XLVII; Som¬
mert Egerland 118; ZdVfVk. 2, 49; 14, 133.
39 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 439. 40 ) Panzer
Beitrag 2, 536; Leoprechting Lechrain 21.
41 ) John Erzgebirge 206. 42 ) Meiche Sagen
720. 43 ) Feilberga a. O. 44 ) Sebillot Folk-
Lore 1, 210. 45 ) Baumgarten Jahr 16. 46 )
Schramek Böhmerwald 239. 47 ) Kuhn-
Schwartz 446. 48 ) Schramek und Kuhn-
Schwartz a. a. O. 4Ö ) ZdVfVk. 2, 49; Wuttke
89. 50 ) John Erzgebirge 227 = Reuschel
Volkskunde 2, 35. 51 ) Köhler Voigtland 373;
Drechsler 2, 250; ZdVfVk. 2, 49; Seligmann
Blick 2, 64. 52 ) John Westböhmen 72; Ders.
Oberlohma 162; Schramek Böhmerwald
151; Seligmann Blick 2,64. 53 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1,315. 54 ) John Westböhmen
72. 5o ) ZdVfVk. 23, 120. 56 ) John Westböhmen
72. 57 ) Bindewald Sagenbuch (1873) 105.
58 ) ZdVfVk. 2, 49.
4. Der Erdbindungszauber der ma.-
iichen Rechtssitte ist ebenso im neuzeit¬
lichen Heilzauber erhalten, insofern
die Krankheit magisch an die Erde ge¬
bunden wird 59 ). Die Bindeart, wie sie
in ursprünglicher Form der Blutsbrüder¬
schaftsschwur zeigte, klingt in manchen
unserer Heilungsweisen noch nach, so,
wenn man zur Entfernung des Fiebers drei
Tage nacheinander vor Sonnenaufgang
oder nach Sonnenuntergang schweigend
auf einem Grasplatz ein rundes Stück R.
so ausschneidet, daß es an der Nordseite
mit dem übrigen gewachsenen Boden
zusammenhängend bleibt, den R.deckel
aufklappt, in das Loch eine Handvoll Salz
(als Zauberabwehrmittel) wirft und sein
Wasser (als Krankheitsträger) abschlägt
und den R. wieder schließt 60 ); wenn zur
Fortzauberung bestimmter Krankheiten
ein Stück R. in zwei Teile geschnitten und
so gelegt wird, daß der Kranke hindurch¬
schreiten kann 61 ); wenn man zur Heilung
der englischen Krankheit an drei auf
einanderfolgenden Donnerstagsabenden
schweigend ein auf dem Felde, besonders
an der Verzweigung dreier Wege ausge¬
grabenes frisches R.stück zu Hause über
die Beine eines umgestülpten Stuhles
legt, das kranke Kind in Sonnenlauf¬
richtung unter dem Erdstück hindurch¬
zieht und dieses schweigend an seinen
Ort zurückträgt, wie die ganze Handlung
schweigend erfolgt 62 ). Handelt es sich
bei diesen Heilungszaubern um ein
Abstreifen (s. d.) der Krankheit, so tritt
der Erdbindezauber mit dem Leichen¬
zauber, der ein dem Vergehen der Leiche
analoges Schwinden der Krankheit be¬
zweckt, in Verbindung, wenn der heil¬
zauberisch verwandte R. von einem
Grabe stammen muß: gegen Seekrankheit
muß man vor Beginn der Reise aus einem
Kirchhof geschnittenen R. in die Schuhe
legen 63 ); gegen Zahnschmerz am Kar¬
freitag früh auf einem Gottesacker R.
ausstechen, dreimal in den Erdschurf
hauchen und den R. zurücklegen 64 ) ;
zur Bannung innerer Krankheiten vor
Sonnenaufgang auf dem Friedhof R. ab¬
heben, sein die Nacht über aufgespartes
Wasser hineinlassen und den R. mit der
Grasseite, als der eigentlich zauberisch
wirksamen, nach unten wiedereinsetzen 65 );
zur Heilung von Brüchen und Fallsucht
in der Karfreitagsnacht oder am Weih¬
nachtsabend auf dem Kirchhof R. aus¬
stechen, in die kahle Stelle etwas vom
Kranken Herrührendes legen und den R.
wieder hineinfügen, wobei man Erde von
den drei jüngsten Gräbern mitnimmt, die
der Kranke auf dem Leibe tragen muß 66 ).
Einfacher Erdbindezauber durch Ein¬
graben liegt vor, wenn man ein ausge¬
stochenes R.stück eine Zeitlang durch
Auflegen auf den Krankheitssitz mit dem
Numen der Krankheit in Berührung
505
Rasen
506
i
h
ix
6
«v
1
bringt und den R. alsdann zurücklegt: so
heilt man Einschuß, eine Brustkrankheit,
indem man bei zunehmendem Monde
einen R. aussticht, ihn unter Absagen
einer Bannformel mit folgendem Vater¬
unser eine Zeitlang auf die Brust legt und
darauf wieder an seine Stelle einsetzt 67 );
Kopfschmerz vertreibt man, indem man
einen R. eine Zeitlang auf den Kopf hält
und dann, wie er gewachsen oder umge¬
kehrt mit der Narbenseite nach unten 68 ),
zurücklegt; zur Heilung von Pferdefu߬
krankheiten wird unter dem Huf des
kranken Fußes R. weggeschnitten, der
Fuß, während das Pferd mit ihm auf dem
nackten Boden steht, unter Absagen einer
Krankheitsbannformel mit dem R. ge¬
rieben und dieser sodann zurückgelegt 69 ).
Weiter vergräbt man sein Wasser, als
vermeintlich numinös mit der Krankheit
in Verbindung stehend: innere Krank¬
heiten 70 ), wie Fieber 71 ), auch den Ver¬
lust der monatlichen Regel 72 ) sucht man
dadurch zu beheben, daß man vor Sonnen¬
aufgang, während des Marialäutens schwei¬
gend, und, als kultisches Blick verbot, mit
abgewandtem Gesicht seinen über Nacht
angesammelten Urin in einen seines R.s
entblößten Erdschurf läßt und mit dem
R. bedeckt. Sodann werden tatsächlich
mit der Krankheit in Verbindung stehende
Stoffe vergraben, wenn man, um Blutun¬
gen, besonders der Nase, zu stillen, in
den nackten Erdschurf Blut 73 ), zuweilen
unter Hersagung einer Blutstillformel 74 ),
tropfen läßt, ein Läppchen mit Blut hin¬
einwirft, oder einen dreieckigen R.,
in den drei höchsten Namen geschnitten,
auf die blutende Stelle hält 75 ) und den R.
zurücklegt. Künstlich mit dem Krankheits¬
herd in Verbindung gebracht wird der
Krankheitsnumenträger, wenn man zur
Heilung des Überbeins ein Stück Seife drei¬
mal in Kreuzform auf dieses drückt und
unter einem ausgehobenen R.stück ver¬
gräbt 76 ). Zum Erdbindezauber durch
Eingraben tritt Opferzauber, wenn man
die von einer Fingerwurzelkrankheit be¬
fallene Hand nachts und unbeschrieen
auf einen R. legt, der bei einer Weggabe¬
lung an einer Wagenspur wächst, den R.
aushebt, in den Erdschurf die kranke
Hand hält, sodann ein Geldstück hinein¬
legt und den R. zurücklegt 77 ); und
Zeichenzauber, wenn man zur Heilung
einer kranken Kuh in ein ausgehobenes
R. stück ein Kreuz schneidet, in dieses hin¬
einmelkt und den R. in seinen Schürf zu¬
rückfügt 78 ). Endlich wird der R. nur noch
als Mittel zur Absorption der Krankheit
verwandt, wenn man, angeblich zum
Schutz gegen das Wundliegen, R. mit der
Grasseite nach unten (was wohl als eine
Art Überleitung auf die Erde zu verstehen
ist) ins Bett legt 79 ), wenn man Kranke
auf R. legt 80 ), wenn man zum Heilen von
Krankheiten der Schweine ein mit Pfeffer
bestreutes Stück R. in den Stall bringt 81 ),
und schließlich, was unter diesen Heil¬
arten die verbreitetste ist, wenn man zur
Behebung von Viehkrankheiten 82 ), zu¬
meist des Fußes, wie Hufkrankheit 83 ),
Fußfäule 84 ), Maul- und Klauenseuche 85 ),
Blasenbildung zwischen den Klauen 86 ),
Lahmheit 87 ), der fourche genannten Fu߬
krankheit 88 ), weniger der Menschen¬
krankheiten, wie der Fußgeschwüre 89 )
oder gar des Kopfschmerzes 90 ), ein R.-
stück, auf dem der Kranke steht, oder,
zur Heilung des Kopfwehs, auf dem er
die linke Hand hält, ausschneidet und,
indem man es an die Sonne hängt 91 ), an
einen Zaunpfahl steckt 92 ), zuweilen mit
der Grasnarbe nach unten 93 ), in den
Rauch hängt 94 ), auf den Rauchmantel 95 )
oder hinter den Herd 96 ) legt, zum Ver¬
dorren bringt, wobei die Krankheit mit
dem Sterben der Pflanzen im R.stück
vergeht. Zuweilen wird diese Heilweise
dahin variiert, daß man, wie bei der Fu߬
fäule des Viehs, in den R. drei Nesseln
steckt, die man dem kranken Tier durch
die Zehen gezogen hat, und R. mit Nesseln
über der Feuergrube dorren läßt 97 ), daß
man den Gebirgsziegen, deren Klauen
durch Eintreten von Spreißen vereitert
sind, etwas Haut von den Klauen schneidet,
die Wunde mit frisch gestochenem R.
reibt und diesen dann in den Rauchfang
hängt 98 ), daß man, wenn ein Rind Blut
uriniert, den R., auf den es sein Wasser
gelassen hat, ausschneidet und mit der
Narbe abwärts auf einen Zaunpfahl
steckt "), und endlich, daß man Lungen-
507
Rasen
508
. w
1 1
tuberkulöse heilt, indem man ein Stück
Grasland umgräbt, wobei die Krankheit
vergeht, wie das Gras verfault 10 °). Auf
dem Umweg über den Baum wird die
Krankheit auf die Erde übertragen, wenn
man ein R.stück, nachdem man es von
außen mit dem Krankheitssitz in Be¬
rührung gebracht hat, auf die Zweige
•eines Baumes legt 101 ).
59 ) Sebillot Folk-Lore 1, 205 ff. 60 ) Wuttke
33 1 § 493 - 6l ) Krauss Relig. Brauch 52; danach
Weinhold Ritus 38 u. ZdVfVk. 20, 149. 62 )
ZdVfVk. 7, 44 f. 63 ) Liebrecht Zur Vkde 370;
ZdVfVk. 8, 287. 64 ) Witzschel Thüringen
1, 283 Nr. 78; ZdVfVk. 23, 120; Wuttke 334
$ 496. 65 ) Seyfarth Sachsen 215. 66 ) Köhler
Voigtland 415; danach Seyfarth 215. 67 )
ZdVfVk. 7, 67. 68 ) Pollinger Landshut 279;
Schönwerth Oberpjalz 3, 238. 6Ö ) Sebillot
Folk-Lore 1, 206. 70 ) Höhn Volksheilkunde
L 139 - 71 ) Lammert Volksmedizin 263;
Hovorka-Kronfeld 2, 327 (altrömisch); in
Deutschi, zuerst bei Albert. Magn. de animal.
XXIII de gugulo. 72 ) Lammert Volksmedizin
149; Hovorka-Kronfeld 2, 262. 73 ) Reiser
Allgäu 2, 441. 74 ) Wlislocki Magyaren 5.
7S ) Birlinger Volkst. 1,480; Lammert Volks¬
medizin 194. 76 ) Drechsler 2, 294. 77 ) Se¬
billot Folk-Lore 1, 206. 78 ) Zahler Simmen-
thal 94. 79 ) Fogel Pennsylvanien 290. 80 )
Wlislocki Magyaren 5. 81 ) SAVk. 15, 8.
82 ) Bohnenberger 15; Strackerjan i, 91.
83 ) Wuttke 444 §700. 84 ) Zahler Simmen¬
tal 96. 83 ) SAVk. 15, 8. 86 ) Bi rlinger
Volksth. 1, 488. 87 ) Liebrecht Zur Vkde 316.
**) Sebillot Folk-Lore 1, 206 f. 89 ) Frisch¬
bier Hexenspruch 61. ®°) Schönwerth Ober-
Pfalz 3 » 2 3^. 91 ) Birlinger, Bohnenberger
Sebillot a. a. Oo. 92 ) Liebrecht a. a. O.
* 3 ) Schönwerth, Frischbier a. a. Oo. 94 )
SAVk., Zahler a. a. Oo. 95 ) Strackerjan
a. a. O. *) Wuttke a. a. O. 97 ) SAVk. 15,8;
Zahler Simmenthal 96. 98 ) Rochholz Sagen
2, XLVIII. ") Bartsch Mecklenburg 2, 151 f.
10 °) Hovorka-Kronfeld 2, 61. Sebillot
Folk-Lore 3, 415.
5. Vergeht im Heilzauber durch Dorren
der betretenen R.sode der Krankheits¬
geist, so geschieht dasselbe im Schaden¬
zauber mit dem Menschen- oder Tier¬
geist selbst. Wenn man ein Stück R., auf
welchem ein Mensch 102 ), und zwar als
Verstärkung der Numenüberleitung mit
nackten Füßen 103 ), ein Dieb 104 ) oder ein
Pferd 105 ) gestanden hat, das von einem
jemandem anders gehörenden Rain abge¬
stochen ist 106 ), das also immer das Numen
dessen, dem man schaden will, in sich
auf genommen hat, dadurch zum Ver¬
dorren bringt, daß man es in den Ka¬
min 107 ), hinter Herd oder Ofen hängt 108 ),
oder indem man es sonstwie verwahrt 109 ),
so muß der, dessen Fußspur der R. trägt,
dahinsiechen, wie der R. eintrocknet, und
sterben, wie das letzte Leben aus dessen
Pflanzen entwichen ist. Dem Numen-
zauber wird Bandzauber beigesellt, wenn
beim Hexen zur Milchgewinnung das
fremde Vieh über einen R. geführt wird,
auf den man Strickstücke gelegt hat,
und der R. sodann ausgeschnitten und in
die Butterrolle getan wird no ). Zauberer
können sich dadurch unsichtbar machen,
daß sie auf grünen R. treten 111 ), also
durch zauberische Mittel an der magischen
Kraft der Erde partizipieren, wie durch
Zauber Gebannte erst dann wieder gelöst
werden können, nachdem sie „ausge¬
graben“, d. h., der R., auf dem sie stehen,
kreisförmig ausgeschnitten ist 112 ).
102 ) Grimm Myth. 1, 536; 3, 452 (v. J.1790);
Alpenburg Tirol 350; Reling-Brohmer
Pflanzen 5 3,86; Höhn Volksheilkunde 1,64.
103 ) Andree Parallelen 2, 8; Wuttke 186
§258. 104 ) Heckscher Hannov. Vkde 1, §68;
ZrwVk. 3,231. 105 ) Meyer Baden 397. w»)
Drechsler Schlesien 2, 248. 107 ) Grimm,
Alpenburg, Meyer, ZrwVk., Drechsler,
Reling-Brohmer a. a. Oo. 108 ) Andree,
Wuttke a. a. Oo. 109 ) Höhn a. a. O. u0 )
Krauss Relig. Brauch 55. ln ) Panzer Beitrag
2, 114L Nr. 177. 112 ) Baumgarten Heimat
2, 82. 85.
6 . Vereinzelt wird die Zauberkraft des
R.s auch man tisch genutzt. Will ein
Mädchen wissen, ob es bald heiratet, so
gräbt es am Johannisabend ein rundes
Stück R. aus und legt es in der Mitter¬
nachtsstunde wieder an seinen Ort: sind
am nächsten Morgen Ameisen darauf, so
heiratet es bald 113 ). Wül es den Beruf
seines künftigen Mannes erfahren, so muß
es am Johannisabend 114 ) oder in der
Johannisnacht 11S ) einen R. ausheben; ist
ein Wurm darunter, so heiratet es, und
zwar gibt der Wurm in seiner Farbe das
Berufskleid des Zukünftigen an 116 ); oder
es muß die R.stücke zurücklegen und am
nächsten Morgen nach einem Wurm unter
ihnen suchen, der dann ebenso durch
seine Farbe entweder die Farbe des
Kragens an der Berufstracht des Zu¬
künftigen 117 ) oder überhaupt die des
ti
;
509
Berufskleides angibt, wie ein grüner Wurm
einen Förster, ein schwarzer einen Ge¬
lehrten in Aussicht stellt 118 ). Ameisen
am Johannismorgen unter einem Stück R.
gefunden bedeuten Glück 119 ).
11 3 ) Drechsler 1, 145. 114 ) Wuttke 234
§ 335 (Ostpreußen); Drechsler a. a. O. ll5 )
John Erzgebirge 205. 116 ) Drechsler a. a. O.
117 ) Wuttke a. a. O. u8 ) John a. a. O. l19 )
Drechsler 1, 144. 2, 219.
Zum Ganzen (auf Grund des Materials des
Hdwb.s) vgl. Heckscher R.zauber in Volk u.
Rasse 3 (1928), 105—118. Heckscher.
rasieren, Rasiermesser. Die Sitte, den
Bart zu rasieren, ist bereits eine gemein¬
germanische Angelegenheit gewesen, wie
die sprachlichen Verhältnisse 1 ) und die
Gräberfunde 2 ) zeigen; denn übereinstim¬
mend werden die vielen seit der Bronze¬
zeit (auch bei Griechen und Römern 3 ))
als Grabbeigaben auftauchenden sichel¬
förmigen Messer von der Forschung 4 ) als
Rasiermesser erklärt. Auch im deutschen
Altertum und Mittelalter haben das
Scheren des Bartes und der Barbier eine
große Rolle gespielt 5 ).
Der Volksglaube, das Haar sei der Sitz
der Lebenskraft, ist schon in der Bibel
•durch die Geschichte von Simson 6 ) ver¬
treten. Vielleicht klingt dieser Glaube
noch leise an, wenn im mhd. Dietrich-
Epos vom Riesen Sigenot 7 ) der Berner
nachträglich droht:
„het ich’s gewist ze Pern, ich het jn
abgeschorn“.
Sicher aber liegt dieser Aberglaube dem
häufig aus verschiedenen Teilen Deutsch¬
lands 8 ) (Oldenburg 9 ), Saterland 10 ), Mün¬
sterland 11 ), Bergisches Land 12 ), Steier¬
mark 13 ), Siebenbürgen 14 )) belegten Ge¬
bote, einen Toten zu r. zugrunde,
wenn man sich auch heute dieser Ver¬
bindung meistens nicht mehr bewußt ist,
sondern z. B. als Grund angibt, der Tote
müsse recht schön am jünsten Tage vor
Gott treten 15 ). Auch für fremde Völker
ist die Sitte, den Toten zu rasieren, be¬
legt 16 ).
Nur bei den Primitiven 17 ), nicht da¬
gegen in Deutschland, ist die Sitte üblich,
daß die Leidtragenden sich die Bärte
teüweise r. und die abgeschnittenen
Haare dem Toten schenken. Ob dieser
510
Opfergedanke auch den an manchen
Stellen auftauchenden Sagen vom R.
durch Geisterhand 18 ) zugrunde liegt, läßt
sich nicht genau erweisen. Sicherlich aber
ist die Aufgabe, einem Gespenst den
Bart zu scheren, die in einem schon im
18. Jh. bekannten Märchen auf taucht lö ),
was das R. angeht, von jedem übersinn¬
lichen Gehalt frei zu halten.
Sehr häufig begegnet bei Faschings¬
umzügen 20 ), einmal auch bei einer Grenz¬
begehung 21 ), der Brauch, daß ein Mitglied
des Umzuges symbolisch eingeseift und
rasiert wird, etwa erfolgt das Einseifen
mit einem Strohwisch, das R. mit einer
schartigen Sichel. Es wäre denkbar, daß
dieser längst zum Scherz erstarrten Hand¬
lung der Gedanke an ein Opfer für um¬
ziehende Geister zugrunde liegt. Andrer¬
seits wissen wir, daß das erste Scheren
eines Kindes etwa bei den Juden 22 (oder
die erste Bartschur eines Jünglings bei
den Indern 23 )) als eine kultische Handlung
angesehen wurde. Wenn daher bei einem
Braunschweigischen Fastnachtsumzug 24 )
ausdrücklich hervorgehoben wird, daß ein
junges Mitglied von einem alten rasiert
wird, so ist auch an das Nachklingen
eines Übergangsritus' zu denken. Eine
dritte Möglichkeit der Erklärung dieser
Bräuche ergibt sich schließlich aus der
Tatsache, daß es üblich war, bei dem
Reinigungsritus nach irgendwelcher Krank¬
heit sich zu r. 25 ), wie ja schon aus der
Bibel bekannt ist 26 ).
Auf der Anschauung vom Haar als
Sitz der Lebenskraft fußen viele Verbote,
sich zu r., wie ja schon aus dem Altertume
überliefert ist 27 ). öfter findet sich in
Sagen und Märchen der Zug, dass ein
König schwört, sich nicht eher den Bart
wieder scheren zu lassen, als bis er ein
bestimmtes Werk vollbracht habe. Hierin
haben wir vielleicht noch eine Erinnerung
an jenen alten Volksglauben. Deutlicher
tritt diese Verbindung (neben der Vor¬
stellung eines Analogiezaubers) zutage
in dem norwegischen Aberglauben 28 ),
ein Bauer dürfe sich während der ganzen
Saatzeit den Bart nicht r. In dem Verbot,
sich nicht am Karfreitag zu rasieren,
das in Deutschland allgemein verbreitet
rasieren, Rasiermesser
ist 29 ), trifft wohl jener alte Glaube mit
kirchlichen Verboten zusammen. In
einer holsteinischen Sage ist das Verbot,
sich außer am Sonnabend zu r., die
Grundlage eines Teufelspaktes 30 ) ge¬
worden.
Es versteht sich von selbst, daß das Ra¬
siermesser, das einem Toten gehörte oder !
zum R. einer Leiche benutzt wurde, für
einen schädlichen Gegenstand gehalten
wird. Dieses wird dem Barbier, der die
Leiche versorgte, gegeben 31 ), von jenem
sagt der Aberglaube der Deutsch-Ameri¬
kaner, der Bart würde nach seiner Be¬
nutzung schnell grau 32 ), eine Wunde, die
man sich mit ihm schnitte, heile nicht
wieder 33 ).
Auf einer Analogievorstellung beruht
das Gebot, sich bei Neumond zum ersten
Male zu r., wenn man einen großen Bart
bekommen wolle M ), Der Mondaberglaube
spricht mit, wenn gesagt wird, ein Rasier¬
messer, das der Mond bescheine, werde
stumpf (Odenwald) 35 ). Vereinzelt steht
der mecklenburgische Brauch 36 ), das R.
um Mitternacht zum Orakel zu benutzen.
Tut man es nämlich, so soll einem die
künftige Frau die Seife dazu bringen.
*) Hoops Reall. 3, 438 ff. 2 ) Ebda. 3, 439;
Müller Altertumskunde 1, 257 ff. 350. 385.
389. 414; 2, 65; Schröder Germanentum 63.
з ) Pauly-Wissowa 2 R. 1, 1, 254 ff. 4 ) Siehe
Anm. 2 u. 3; anders Spieß Praehistorie u.
Mythos 18. ö ) Fischer Altertumskunde 44 f.;
Martin Badewesen 70 ff. 6 ) Richter 16, 17.
7 ) Kondziella Volksepos 74 Anm.; Riese
Siegenot 159, 12 (ed. v. d. Hagen 2. Teil;
Berlin 1825). 8 ) Kondziella Volksepos 129;
Rochholz Glaube 1, 183 f.; Sartori Sitte 1,
132. ®) Strackerjan 2, 216. 10 ) ZfVk. 3, 269.
и ) Strackerjan 2, 216. 12 ) ZfrheinVk. 5, 248 f.
13 ) Fossel Volksmedizin 2 (Graz 1886) 170.
14 ) Schüller Tod u. Begräbnis i. Siebenbürger
Sachsenlande (Pgr. Schäßburg 1863) 42.
15 ) Kondziella Volksepos 129. 16 ) ARw. 4, 343;
Flachs Rumänische Hochzeits - u. Totenbräuche
(Berlin 1899) 45; Wilken Haaropfer 2, 370 u.
387; ZfVk. 18, 361. 17 ) Samter Volksk. i. alt-
spracht . Unterricht 135. 18 ) Kühnau Sagen
1, 507; Bartsch Mecklenburg Nr. 284; NdZfVk.
5 > 2 35 I 6, iii; Pfister Hessen 106; Zingerle
Sagen Nr. 435; Schamberg u. Müller
225. 19 ) Unterredungen im Reiche der Geister
(o. O. 1730) 1, 289 ff.; Mackensen Nds.
Sagen 68; Nds. 1, 74. 20 ) And ree Braunschw.
F£- 2 331 th; Bavaria 4, 2, 398 ff.; Becker
Frühlingsfeiern 24; Frazer 12, 437; Hess-
BlVk. 6, 162 ff.; John Westböhmen 43; E. H.
Meyer Volkskunde 137 ff.; Nds. 6, 170.
21 ) Drechsler 2, 26; Sartori Sitte 2, 185.
22 ) Stern Türkei 2, 127 ff. 23 ) Oldenburg
Religion d. Veda 424; Samter Volksk. i.
alt spracht. Unterricht 170. 24 ) And ree Braun¬
schw. Vk. 2 331 ff. 25 ) Samter Volksk. i. alt-
sprachl. Unterricht 53; Stern Türkei 1, 380.
26 ) 3. Mose 14,1; 4. Mose 6,9. 2 ?) Samter
Volksk . i. altspr. Unterricht 169; Stern Türkei
1, 378 28 ) Liebrecht Zur Volksk. 323; Sartori
Sitte 2, 65. 29 ) John Erzgebirge 193; John
Westböhmen 61; Sartori Sitte 3, 143; Stracker¬
jan 2, 69; Witzschel Thüringen 2, 196;
ZfVk. 4, 395. 30 ) Müllenhoff Sageji 192.
31 ) Strackerjan 2, 216. 32 ) Fogel Penn¬
sylvania 130 Nr. 598. 33 ) Ebda 342 Nr. 1827.
34 ) Ebda 341 Nr. 1819. 3 *) Wolf Der Mond
(Bühl 1929) 38. 36 ) Bartsch Mecklenburg
2 > 2 4 °- Tiemann.
Rasiermesser siehe rasieren.
Rauhreif s. Reif.
Ratperonius. Ein frommer Einsiedler,
den der hl. Ulrich (s. d.) zur Bekehrung
der Gegend des heutigen Kislegg und
Rötsee ausgesandt haben soll. Das Volk
nennt ihn den heiligen Rabis und erzählt
allerlei Wunderbares von ihm 1 ). In
einem Stein, auf dem er ausgeruht haben
soll, ist seine Fußspur eingedrückt. Wer
seinen Fuß hineinsetzte, konnte nicht
müde werden 2 ).
b Birlinger Volkstüml. 1,408 ff.; Reiser
Allgäu 1, 376 f. 2 ) Ebd. Sartori.
Ratsche s. Nachtrag.
Rätsel s. Nachtrag.
Ratssitzung, Ratsherr. Zahlreiche
Sagen berichten von einer geisterhaften
R. 1 ). Im hellerleuchteten Ratssaal sitzen
die alten Ratsherren zusammen. Neu¬
gierige Menschen, die das Geheimnis dieser
R. erkunden wollen, werden bestraft. So
wird eine Frau am frühen Morgen be¬
wußtlos aufgefunden, während eine ver¬
wegene Magd noch in derselben Nacht
starb 2 ). Nur wer „notnagel“ (s. d.) ist,
dem passiert nichts dabei 3 ).
Auch im Buchholz kann eine solche R.
stattfinden, wie eine mecklenburgische
Sage erzählt. Ein Stuhl, an dem eine
Sprosse fehlte, stand dabei leer für einen
lebenden Ratsherrn, der sterben sollte,
sobald dieselbe fertig sei, und der von dem
verstorbenen Ratskutscher geholt werden
sollte. Und wirklich soll am nächsten Tag
ein R. tödlich verunglückt sein 4 ).
513
Ratte
514
Verbrecherische Ratsherren, wie einer
in Bozen hingerichtet wurde 5 ), müssen
zur Strafe ihr Leben nach dem Tode
weiterleben (s. Geist), gelegentlich ver¬
schmilzt ihre Gestalt auch mit der des
wilden Jägers (Lausitz) 6 ).
*) Baader N. Sagen (1859) 100 Nr. 132;
Correvon Gespenstergeschichten 5L; Eisei
Voigtland 112 Nr. 286; Lütolf Sagen 1270.;
Rochholz Naturmythen 167; Schönwerth
Oberpfalz 3,131 Nr. 6; Vonbun Beiträge 10
(= Ranke Sagen 275); Walliser Sagen 1, 198;
2, 72 Nr. 59; ZfVk. 4 (1894), 329 f. 2 ) Baader
NSagen (1859) 100 Nr. 132; Eisei Voigtland 112
Nr. 286; Niderberger Unterwalden 2, 51t.
3 ) Ranke Sagen 275. 4 ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 434. 6 ) Heyl Tirol 283 Nr. 101; Köhler
Voigtland 511. Mengis.
Ratte. 1. Etymologisches. In den
meisten germanischen Sprachen (ahd.
ratta> nhd. Ratte , holl, rat , rot , schwed.
rätta , dän. rotta J )) versteht man unter dem
Namen „Ratte** nur die großen Arten wie
mus rattus (Hausratte), mus decumanus
(Wanderratte), während er in den
romanischen Sprachen und wohl auch im
Englischen (rat) als allgemeinen Begriff
auch die Mäuse mit einschließt 2 ). rat
und raton in Lafontaines Fabeln be¬
zeichnen die Hausmaus und ihr Junges 3 ).
Schürr 4 ) hat mit Recht darauf hinge¬
wiesen, daß in den romanischen Sprachen
eine wortgeschichtliche Scheidung zwi¬
schen den beiden Begriffen schwer möglich
ist, denn es hat ein beständiges Hin und
Her stattgefunden, bzw. ist die Bezeich¬
nung überwiegend vom selben Stamme
erfolgt. Vgl. auch ahd. gröz-müs 5 ) für die
Hausmaus. Merkwürdig ist die Bildung
Rattmaus 6 ). Im Neugriechischen werden
alle Arten von Mäusen und R.n mit tcov-
xtxoc bezeichnet 7 ).
Die Herkunft des Wortes „Ratte** ist
nicht sicher. Am ehesten läßt sich noch
mit Spitzer 8 ) schallnachahmender Ur¬
sprung annehmen. Wie das Wort ist auch
die Herkunft des Tieres in Dunkel gehüllt.
Wann und von wo die Hausr. nach Europa
gekommen ist, steht nicht fest 9 ). Dem
Altertum war sie unbekannt. Die Hausr.
wurde vielfach durch die größere Wanderr.
verdrängt, die Anfang des 18. Jh.s an
der unteren Wolga erschien und von da
Europa überschwemmte 10 ). Auf ein
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube VII.
Wandertier weisen mit Entschiedenheit
die Benennungen der R. nach fremden
Völkerstämmen. So heißt im Aisl. die R.
volsk mus „welsche, d. i. französische
Maus**, ebenso wurde sie im Kymrischen
(Uygoden Ffrengig) und im Neuirischen
(francach, galluch) bezeichnet 11 ). Ähnlich
findet sich im Tschechischen für die R.
die Bezeichnung nemecka mys „deutsche
Maus“, im Englischen heißt die Wanderr.
Norway rat 12 ).—Im Hochdeutschen lautet
übrigens der volkstümliche Name für die
R. Ratz, das in modernen Dialekten auch
den Marder (Iltis), das Murmeltier und
den Bilch (Haselmaus) bezeichnet 13 ).
Auch im Französischen 14 ) wird die
Haselmaus nach der R. benannt: rat dort
(seit Buffon), in Mundarten: neuprov.
rat-dourmeire , Correze rat dourman usw.
Im Bayrisch-Schwäbischen dient Ratz auch
zur Bezeichnung der Raupe 15 ). Auf
Tabu scheint zu beruhen der Name der R.
im französischen Soldatenargot: Gaspard 16 ).
Nach Sartori 17 ) gehört die R. zu den
Tieren, die in den Zwölf nächten vom
Namensverbot betroffen werden. Auch
heißt es in Tirol von den Hexen, daß sie
die R.n mit geheimen Namen locken 18 ).
*) Edlinger Tiernamen 85; Jaberg-Jud
AIS. Karte Nr. 446; 2 ) Zoologischer Garten
12, 357 . 3 ) Ebd. 4 ) ZfrPh. 47, 510. *)
Palander Ahd. Tiernamen 75. 6 ) Kehrein
Nassau 2, 61. 7 ) Heldreich Faune 13. 8 ) Ar.
1927, 293 f. 9 ) Schräder Reällex. 648. 10 ) Ebd.
u ) Ebd.; Palander a. a. O. 74 f. 12 ) Zoolo¬
gischer Garten 12, 358 f. 13 ) Nemnich 1, 426;
Palander op. cit. 75; Riegler Tier 69.
14 ) Wartburg FEWb. 2, 142. 15 ) Ebd.;
Hoops Reällex. 3, 18. 16 ) Esnault Le poilu
436. 17 ) Sitte 3, 24. 18 ) Zingerle Sagen 450.
2. Biologisches. In England glaubte
man die R.n (und Mäuse) wie alles „Un¬
geziefer“ aus Unrat entstanden lö ). In
Nordamerika erhielt sich der Glaube, R.n
und Mäuse seien Männchen und Weibchen
desselben Tieres 20 ) (Vgl. katal. rat
„Ratte**, rata „Maus“) 21 ). Dement¬
sprechend ist im Renartroman die R.
(dan pelez) der Gemahl der Maus 22 ). In
den Vereinigten Staaten gelten die Mäuse
auch für die Jungen der R.n 23 ) (vgl. span.
raton „Maus**) 24 ). Im Hunsrück glaubt
man, daß sich R.n und Kaninchen
paaren 25 ). Die R. erregt überall Abscheu;
17
Ratte
sie gilt als giftig 26 ), ganz besonders ihr
Schwanz 27 ). Dessen Berührung erzeugt
Geschwüre 28 ). Setzen sich die R.n auf
die Schweinetröge und lassen ihre
Schwänze hineinhängen, so gedeihen die
Schweine nicht 29 ). Nach niederländischem
Aberglauben soll man den Katzen, die
R.n fangen, viel Milch (als Gegengift) zu
trinken geben 30 ). Auch Dinge, die von
R.n berührt werden, wirken verderblich.
Ißt man etwas, woran R.n genagt haben,
fallen einem die Zähne aus 31 ). Flicken
Frauen oder unverheiratete Mädchen ein
von R.n zerfressenes Kleid, so werden sie
später keine Milch zum Stillen ihrer
Kinder haben 32 ). — Die R. gilt als be¬
sonders durstig (vgl. port. beber como
rato). Der Vergleich schlafen wie ein
Ratz bezieht sich jedoch auf den Sieben¬
schläfer 33 ), den Megenberg 34 ) als
Waldr. bezeichnet. In den Niederlanden
gilt die R. als schlaues Tier (vgl. zoo slim
als een rat ; hij ts een oude rat) 35 ).
19 ) Hulme Natural History 194. 20 ) MAFLS,
7, 38 Nr. 961. 21 ) ZfrPh. 47, 512. 22 ) Wüster
Tiere 93. 23 ) MAFLS. 83 Nr. 960. 24 ) Riegler
Tier 69. 25 ) ZfdMdA. 6, 229. 26 ) Hulme op.
cit. 282. 27 ) Cornelissen Muizen 16; Drechs¬
ler 2, 233. 28 ) Jühling Tiere 133; Grohmann
59. 29 ) Drechsler a. a. O. 30 ) Cornelissen
a. a. O. 31 ) Fogel Pennsylvania 311 Nr. 1651.
3a ) Urquell 4, 188. 33 ) Riegler Tier 77.
34 ) Buch der Natur 115. 35 ) Cornelissen
Muizen 21.
3. Animismus. Etwas weniger häufig
als die Maus erscheint die R. als Seelen¬
epiphanie. Zwerge und Kobolde nehmen
R.ngestalt an. Sie sind die Gefährten des
Klabautermanns 36 ). Wenn Zaunert 37 )
Razeln als Bezeichnung der Unterirdi-
sehen angibt, so sollte das Wort wohl
richtig Ratzein geschrieben werden.
Die R.n sind die Wohnungsgenossen der
Hauselfen, mit denen sie das unerwartete
Erscheinen und Verschwinden gemein
haben 38 ). Der estnische Kobold Puhkis
sowie auch deutsche Kobolde zeigen sich
als R.n 39 ). — Hexen stehen in engen
Beziehungen zu R.n 40 ) und verwandeln
sich auch in solche 41 ) wie die fee-soreiere
Tareina im Aostatal 42 ). Das reflektierte
Sonnenlicht, das zuweilen nach der Hexe
benannt wird, entlehnt in franz. Dialekten
seine Bezeichnung der R.: garri-baboou
(überraschte Ratte ? Vaucluse) 43 ) sowie
südfranz. rate und rataco „R.nschwanz“ 44 ).
Hexentiere sind selbstverständlich immer
Teufelstiere, so auch die R.n 45 ). Als
Teufelsspuk ziehen sie einen Wagen 46 ).
Sünder gehen nach dem Tod als R.n
um 47 ). Animistischen Charakter hat auch
die sagenhafte Riesenr., die im Keller des
Lyoner Rathauses ihr Wesen trieb 48 ).
Ihr Name Gaspard wurde zur Bezeichnung
der R. im franz. Soldatenargot (s. weiter
oben). Wie die rächenden Mäuse (siehe
da) sind auch die rächenden R.n rein ani-
mistisch zu verstehen. So z. B. in der
Mecklenburger Sage von der Kemlade bei
Barkow 49 ), einer Variante zur Sage vom
Bischof Hatto. Auch der Mörder des
hl. Knut fand durch R.n seinen Tod 50 ).
— In Gr. Kühnau gilt das Erscheinen von
R.n (neben Mäusen und Fröschen) als
Strafe für das Spinnen zu Fastnachten 51 ).
3Ä ) Strackerjan 2, 150. 37 ) Zaunert Na¬
tursagen 1, 44. 38 ) Montanus Volksfeste 172.
39 ) Schräder Germanische Elben 34; Mon¬
tanus a. a. O. 40 ) Zingerle Sagen 450.
41 ) Wlislocki Magyaren 181. 42 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 54. 43 ) Maaß Mistral 30. 44 )
Sainean 1. Beiheft zur ZfrPh. 83. 45 ) Corne¬
lissen Muizen 20. 46 ) Strackerjan 2, 150
Nr. 3 77 - 47 ) Frazer 8,299; Kühnau Sagen
1, 129. 48 ) Sainean Langage parisien 409.
49 ) Bartsch Mecklenburg 1, 299 f. 50 ) Cor¬
nelissen Muizen 68. 51 ) ZfVk. 6, 438.
4. Krankheitsdämon. Bei einigen
Völkern findet sich von altersher die Vor¬
stellung, daß R.n (u. Mäuse), die im
Gehirne nisten, Störungen der Denk¬
tätigkeit verursachen. In der Phraseologie
finden sich noch Spuren dieser volks¬
tümlichen Auffassung. So heißt es im
Franz, von einem, bei dem „es nicht
ganz richtig ist“: Un rat lui trotte dans
la tete 52 ), il a des rats dans la cervelle,
prov. des garris en testo 53 ) und analog im
Engl.: He has rats in his garret 54 ). Daher
ist das Wort Ratzel = böse Laune 55 )
wohl nichts anderes als das Diminutiv von
Ratz = R. — Wenn im Hunsrück einen
Trinker die Saufleidenschaft überfällt,
so sagt man, er hat die R. 56 ). Vielleicht
aber besteht ein Zusammenhang mit dem
krankhaften R.nsehen der Alkoholiker 57 ).
Aus einem S. Pedro de Rates wurde in
Portugal volksetymologisch ein S. Pedro
de Ratos. Nach der Legende erschien
nach seinem Tode an seinem Haupte ein
R.nnest 58 ). Magenweh oder Hunger wird
nach katalonischem Volksglauben durch
eine im Bauche hin und her schwirrende
R. verursacht: Corre la rateta pe y l
ventre 59 ). Nach Höfler 60 ) ist die R.
(Ratz) ein elbischer Pißdämon, der die
Ratzensucht (Epithelkrebs) hervor¬
ruft.
52 ) WS. 7, 130. 53 ) Esnault Mltaphores
90 9 . 54 ) Riegler Tier 73. 5S ) Unger u. Khull
Steir. Wortsch. 489. 56 ) ZfdMdA. 6, 229.
* 7 ) Riegler Tier 73. 58 ) Leite de Vascon-
cellos Tradicoes 71. ß9 ) Gomis Zoologia 288
Nr. 871. 60 ) ZfRw. 2, 125.
5. Schadenzauber. Im Schaden¬
zauber spielt die R. eine bedeutende Rolle.
Wie die Hexen die Kunst des Mäuse-
machens verstanden (s. Maus), so ließen
sie auch mit Satans Hilfe aus Erdkügel¬
chen R.n erstehen 61 ) (Aostatal), um diese
dann in die Häuser ihrer Feinde zu
schicken (franz. dial. enracer) 62 ). Dieser
Glaube hat sich in verschiedenen Gegenden
Frankreichs (le Bessin, Manche, So-
logne) bis auf den heutigen Tag er¬
halten 63 ). Hexenmeister verpflichten sich
gegen eine gewisse Summe, die R.n in das
Haus eines Nachbars zu schicken. Finden
sie dort nicht genug zu fressen, kehren sie
in ihr altes Heim zurück (Belgien) 64 ).
Auch Bettler und Landstreicher ver¬
dächtigte man dieser Kunst (envoyeurs
de rats) 65 ). Diese dämonischen R.n sind
daran erkenntlich, daß die Katzen sie
nicht berühren. Für den Menschen ist es
gleichfalls gefährlich, solche R.nzüge zu
stören 66 ).
Auch mit natürlichen R.n läßt sich
Schadenzauber üben. So nimmt man
seinem Nachbar ein wenig Brot weg, ohne
daß er es merkt, und füttert damit die
eigenen R.n, die hierauf in das Haus
ziehen, aus dem das Brot stammt (Cötes-
du-Nord) 67 ), oder man verbrennt eine R.
lebend und trägt ihre Leiche um das Haus
des Feindes, in das alle anderen R.n ein-
dringen (aus derselben Gegend) 68 ). Sicher
ist auch als Symbolisierung dieses Schaden¬
zaubers der Karnevalsbrauch zu be¬
trachten, den Passanten Lappen in Gestalt
von R.n auf den Rücken zu heften 69 ).
Auch in der Phraseologie finden sich An¬
klänge an den R.nzauber. So heißt im
Franz, gar der des rats ä qu. „jemandem
R.n aufheben“ so viel als „Groll gegen
jemanden hegen“ 70 ), wozu sich die port.
Redensart stellt dar na ratada a alg . „je¬
mandes böse Absicht erkennen“ ( ratada
ursprünglich wohl „R.nzauber“).
61 ) Sebillot Folk-Lore 3, 29. 62 ) Ebd.
® 3 ) op. cit. 3. 28 f. 64 ) Cornelissen Muizen
34. 65 ) Sebillot op. cit. 3, 29; Cornelissen
op. cit. 34. 86 ) Sebillot a. a. O. 67 ) op. cit.
3, 40. 6B ) op. cit. 3, 29. 6Ö ) Riegler Tier 70.
70 ) op. cit. 71.
6. Abwehr. Zur Abwehr der R.n
werden teils himmlische, teils höllische
Mächte angerufen. Die Heiligen, die
gegen Mäuseschaden schützen, sollen auch
gegen R.n helfen. So betet man dreimal
zur h. Gertrud 71 ). In den Ardennen
schreibt man den Namen des h. Nicasius
(14. Dez.) auf die Türe des Hauses oder
man klebt sein Bild darauf 72 ). In Frank¬
reich schreibt man gewisse Formeln, in
denen sein Name vor kommt, auf so viele
Blätter als Plätze von den R.n verwüstet
werden 73 ). Der h. Ulrich ist nicht nur
Mäusevertilger, sondern auch R.nfänger
(Baden) 74 ). In Zehbitz (Anhalt) war der
8. Juni, Medardus, der Tag des R.naus-
treibens. Man sagte: Heute ist St. Me¬
dardus, da weichen alle Rattus 75 ). Ähn¬
lich in Posen (Kujawien) 76 ). In Wedlitz
schreibt man noch heute an alle Türen:
„Mamertus, d. n. Mai“ und macht drei
Kreuze dahinter 77 ). Bei den Magyaren
wird am Tage des h. Georg eine Bann¬
formel gegen die R.n gebraucht 78 ).
Bei den Wallonen wirkt gegen die R.n
ein Gebet, das man unter das Altartuch
schiebt, worauf der Priester die Messe
liest 79 ). In Frankreich und Deutschland
wird das Evangelium Johannis zu dem¬
selben Zwecke verwendet 80 ). Die son¬
stigen Mittel haben mehr oder minder
einen magisch-dämonischen Charakter.
Grausam ist der Brauch, eine lebendige
R. ins Feuer zu werfen, der sich in der
Schweiz 81 ), im Bergischen 82 ) und in
verschiedenen Gegenden Belgiens 83 ) fest¬
stellen läßt, etwas menschlicher, sie in
einem Bach zu ertränken 84 ).
Vielfach sucht man die R.n durch Lärm
17*
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519
Rattenfänger—Rattenkönig
520
mit oder ohne Instrumente zu vertreiben.
So durch Klopfen an die Wand in der
Ostemacht (Ostpreußen) 85 ), durch Schla¬
gen mit einem Eggenzahn auf eine
Schaufel 86 ), durch Klirren mit einer
Kette 87 ). Als wirksam gilt auch Glocken¬
geläute. Einer gefangenen R. wird eine
Glocke um den Hals gehängt und das
Tier dann über die Felder gejagt 88 ),
oder es werden die R.n einfach ausge¬
läutet. So berichtet die Grazer Tages¬
post (28.4. 1928) von einer Gerichts¬
verhandlung in Graz, die den Diebstahl
einer Kirchenglocke zum Zwecke des
Ausläutens von R.n zum Gegenstände
hat. Auch das Auspfeifen der R.n ist
beliebt und zwar bedient man sich eines
Pfeifchens, das aus dem Rohrknochen
des linken Hinterbeins einer R. ver¬
fertigt ist (Riesengebirge, Mecklen¬
burg) 89 ). Berufsmäßige R.nfänger locken
pfeifend die R.n ins Wasser oder in
einen Berg 90 ). Hexen vertreiben sie mit
Papierschnitzeln (worauf offenbar Bann¬
formeln stehen), die an die Kellerwand
geklebt werden 91 ) (Luxemburg). — Ver¬
einzelt finden sich folgende Bräuche:
Auf einen Kreuzweg legt man einen
alten, ungeputzten Schuh 92 ) oder eine
kleine Büchse mit einem Cent darin 93 ).
Man näht einer gefangenen R. den After
zu (wallonisch) 94 ), brennt ihr die Augen
aus (Posen) 95 ) oder sengt sie lebendig ab
(ebenda) 96 ) und läßt sie dann los. —
Am Karfreitag kehrt man unter Her¬
sagen einer gewissen Formel den Schmutz
aus dem Hause nach außen 97 ). — In
Pennsylvanien setzt man einen Maul¬
wurf (s. d.) in den Keller 98 ). —• In früheren
Zeiten wurde auch von R.nbannung
durch den bloßen Blick berichtet 99 ).
Wie anderen schädlichen Tieren wurde
auch den R.n der Prozeß gemacht. So
verurteilte im 16. Jh. das Bistum von
Autun die R.n, das Gebiet binnen vier
Tagen zu räumen 100 ).
71 ) Sebillot Folk-Lore 3, 38. 72 ) op. cit.
з, 41. 73 ) Cornelissen Muizen 49. 74 ) Waibel
и. Flamm j, 197 f. ») Wirth Beiträge 4/5,
33. 76 ) Knoop Tierwelt 38 Nr. 334. 77 ) Ebd.
78 ) Wlislocki Magyaren 181. 79 ) Wallonia
10, 106; Cornelissen Muizen 36. *°) op.
cit. 31. 81 ) SchwVk. 10, 37. 82 ) ZfrhwVk. 1907,
298. 83 ) Cornelissen 37. 45. ® 4 ) Urquell
4, 88. 85 ) Knuchel Umwandlung 83. 88 ) Sö-
billot op. cit. 3, 41. 87 ) Schulenburg Wend.
Volkst. 125. 88 ) BIPommVk. 8, 169; Cor¬
nelissen Muizen 31. 89 ) Grohmann Apollo
Smintheus 66; Bartsch Mecklenburg 2, 176.
M ) Cornelissen Muizen 38 ff. 91 ) op. cit.
36 f.; Sebillot op. cit. 3,40. 92 ) Grohmann
59. 93 ) Fogel Pennsylvania 365 Nr. 1952.
94 ) Cornelissen op. cit. 45. 95 ) Knoop Tier¬
welt 38 Nr. 332. 96 ) a. a. O. Nr. 333. 97 ) Drechs¬
ler 1, 88. 98 ) Fogel op. cit. 371 Nr. 1988.
M ) Seligmann Blick 1, 202. 10 °) Corne¬
lissen op. cit. 56.
7. Orakel. Träume von R.n bedeuten
Krankheit (Lüttich) oder Hungersnot
(Vogesen) 101 j. Wenn R.n ein Schiff ver¬
lassen, geht es unter 102 ); ebenso bedeutet
es Unglück, wenn R.n aus einem Hause
freiwillig abziehen. Nach oldenburgischem
Aberglauben bringen R.n Schiffen Glück,,
dagegen Häusern Unglück 103 ).
101 ) Sebillot Folk-Lore 3, 26. 102 ) Hulme
Natural Lore 195; Wuttke 201 §273; Cor¬
nelissen Muizen 16; Söbillot op. cit. 3, 25 f_
103 ) Bartsch Mecklenburg 2, 176.
8. Volksmedizin. In früheren Jahr¬
hunderten wurden R.n in pulverisiertem
Zustand gegen Krebs verwendet 104 ). Bei
den russisch-polnischen Juden ist die
Asche einer lebend verbrannten R., in
Wasser oder Wein getrunken, ein gutes
Mittel gegen Epilepsie 106 ). Wie Mäuse
verwendet man in Frankreich auch R.n
gegen Bettpissen 106 ). Homöopathisch
heilt man den Biß einer R. mit R.nhaut
(Menton) 107 ). R.nfleisch gilt in Ruppin
als schädlich für die Zähne 108 ).
104 ) Jühling Tiere 133. 105 ) Hovorka
u. Kronfeld 2, 218. 106 ) Sebillot Folk-Lore-
3. 50 . 107 ) op. cit. 3, 51. 108 ) ZfVk. 8, 202.
Riegler.
Rattenfänger s. 6, 1581.
Rattenkönig. Unter R. versteht
die Naturgeschichte eine Krankheit der
Ratten, die darin besteht, daß mehrere
von den Tieren, wie man annimmt, in¬
folge einer eigentümlichen Ausschwitzung
der Schwänze zusammenwachsen 4 ). Die
Erklärung des auffallenden Namens R.
gibt uns der alte Volksglaube, dem zu¬
folge auf dieser Gruppe von Ratten ein
R. geschmückt mit goldener Krone thront
und von hier aus den ganzen Rattenstaat
regiert 2 ). Der erste Beleg des Wortes
findet sich im 16. Jh. In Geßner-
521
Rauch
522
Forers Tierbuch 3 ) heißt es: Es wollend
etüch dasz der rat in seinem alter mächtig
grosz von den andern jungen gespeiszt
werde: wirt bei uns der rattenkönig ge-
nennt. Luther benützt den Ausdruck
als Schimpfwort gegen den Papst 4 ).
Bekannt ist der heutige Gebrauch des
Wortes für etwas Unentwirrbares 5 ). In
den anderen Sprachen findet sich kein
Analogon 6 ), wohl aber stellt Liebrecht 7 )
in einem chinesischen Traumorakel einen
R. fest. Staricius 8 ) will wissen, die
Pfeife des Rattenfängers sei aus Knochen
des R.s gemacht.
*) Riegler Tier 76. 2 ) Ebd. 3 ) S. 109 a
zitiert im DWb. 8, 206. 4 ) Ebd. 5 ) Riegler
Tier 76 f. 6 ) op. cit. 77. 7 ) Zur Volksk. 14.
8 ) Heldenschatz 41. Riegler.
Rauch. „Wo Feuer ist, ist auchR.“.
Dies verbreitete, in verschiedenen Fas¬
sungen und Anwendungen 4 ) überlieferte
Sprichwort ist die übertragende Aus¬
deutung einer der alltäglichsten Erfah¬
rungen, die glauben- und brauchbildend
geworden sind; Feuer und R. gehören
nicht nur im natürlichen Vorgang der
Verbrennung unslösbar zusammen, son¬
dern sind auch in der Ebene des sinnbild¬
lichen, magischen, religiösen Denkens
nicht voneinander zu trennen. Das zeigt
sich z.B. schon in formelhaften Rede¬
wendungen des überlieferten Rechtes.
Das Haus wird erst dann zur Stätte eines
selbständigen Haushaltes, wenn es einen
Herd besitzt, der Bewohner erst dann mit
den bürgerlichen Rechten und Pflichten
ausgestattet, wenn er ,,Feuer und R.“
hat. Abgaben werden dementsprechend
nicht nur als Feuergeld oder -Schilling,
sondern auch als R.pfennig oder -pfund,
vor allem aber als R.huhn erhoben und
als solche vom „Hausr.“, d. h. von je¬
dem, der „eigen R. und Schmauch“ hat,
an den „R.grundherm“ entrichtet 2 ).
Ferner wird die Auffassung vom Feuer
ab Erscheinungsform der Seele 3 )
ebenfalls auf den Rauch ausgedehnt —
z. B. soll die Seele eines Verstorbenen als
R.wolke im Zimmer erscheinen, wenn man
bei seinem Tode das Fenster nicht öffnet 4 )
—, wenngleich zur Herausbildung dieser
Meinung auch noch andere Vorstellungen
(Windseele, Hauchseele, Schattenseele)
beigetragen haben dürften 5 ). Von hier
aus gewinnen wir weiterhin einen Zugang
zu dem Umstand, daß sich die reiche
Feuersymbolik des Christentums ge¬
legentlich auch auf den R. erstreckt:
,,Der rüch ist süer den ougen und cumet
von dem füere, der bezeichent die ruwe“,
usw. 6 ). So erscheinen und verschwinden
schließlich auch die verschiedensten Gei¬
ster in R.form. Das gilt insbesondere von
der Pest. Sie begegnet in der bekannten
Überlieferung als Flämmchen oder aber
als blaues Räuchlein, das, von einem
Kundigen verpflöckt, nach Jahren er¬
neut ausbricht, wenn jemand aus Un¬
kenntnis oder Fürwitz das Loch wieder
freilegt 7 ).
Von solchen Vorstellungen ist der
Schritt nicht groß zu der Auffassung, daß
die Offenbarungsfähigkeit des Feuers in
der zukunftkündenden Kraft des R.es
eine Ergänzung findet. Boehm hat bei
der Darstellung der antiken und mittel¬
alterlichen Kapnomantie (oben 4,
974 ff.) beispielhaft bereits eine Reihe
neuzeitlicher R. Wahrsagungen ange¬
führt, die hier ergänzt und nach der auf
die meisten Divinationsformen anwend¬
baren Gliederung, deren sich auch er
bedient, zusammengefaßt seien. Es han¬
delt sich danach um absichtliche Befra¬
gung und um zufällige Vorzeichenschau.
Die erste Form ist eine Handlung, die zu
dem ausgesprochenen Zwecke eines R.-
auguriums veranstaltet wird. Sie ist in
der geheimwissenschaftlichen Mantik vor
allem des ausgehenden Mittelalters, z. B.
bei Hartlieb (oben 4, 977 f.) vorherr¬
schend, in der Neuzeit selten. Um die
letzte Jahrhundertwende kannte man z.
B. noch in Siebenbürgen das folgende
Weihr.orakel, um den Ausgang einer
schweren Krankheit zu bestimmen: Man
stellte sich mit einem neuen Töpfchen, in
das man eine glühende Kohle auf Weihr.
geworfen hatte, auf den Tisch; je nach¬
dem ob der R. senkrecht in die Höhe
stieg oder sich der Tür zuwandte, blieb
der Kranke am Leben oder war dem Tode
geweiht 8 ). Ein ähnliches bewußtes Losen
liegt vor, wenn das Mädchen aus der Rieh-
523
Rauch
524
tung, den der Rauch eines eigens zu diesem
Zwecke angezündeten Besens nimmt, die
Herkunft des künftigen Freiers erkundet 9 ).
Der Brauch, die Möglichkeit eines Todes¬
falles zu erschließen aus dem Nieder¬
schlagen des R.es an einem für diese
Befragung gewählten Tage 10 ), bildet be¬
reits einen Übergang zur bloßen Vor¬
zeichenschau, die im übrigen meistens
ohnedies an besondere Gelegenheiten oder
Zeiten gebunden ist. Da werden z. B.
die Jahresfeuer auf das Verhalten des R.es
ausgedeutet; die Zugrichtung vor allem
des Frühlingsf euerr.es sowie des ,,Zante
Hansrouh“, des „Muggeroh“ oder „Su-
wendraach“ der Sommerfeuer läßt Schlüsse
zu auf die Güte der Ernte, die Richtung
der Gewitter, die Herkunft der Freier 11 ).
Dabei gilt, genau wie der ruhige, gleich¬
mäßige Brand, so das ungestörte, ge¬
schlossene, senkrechte Aufsteigen des R.es
gegenüber der unregelmäßig flatternden,
geteilten R.fahne im allgemeinen als
glückliches Omen, und ein ähnliches
Orakel stellte man wohl auch beim Aus¬
räuchern der Scheune in den R.nächten
an ]2 ). Eine andere Gelegenheit zur Vor¬
zeichenschau gab das Verbrennen des
Leichenstrohs (s. d.); die Richtung des
R.es weist auf die Stätte des nächsten
Todesfalles 13 ). Die meisten Überliefe¬
rungen aber gehören in den Bereich der
Kerzenorakel. M. Prätorius erwähnt
unter einer Reihe von Zeichendeutern bei
den Zamaiten auch die ,,Dumones von
dumai R“; er selbst habe ein Weib an¬
getroffen, das aus dem R.e einer erlosche¬
nen Wachskerze wahrsagte 14 ). Dieser
Vorgang scheint offenbar mehr umfaßt
zu haben als die vereinzelte spätere ost¬
preußische Überlieferung, daß ein r.ender
Lichtdocht auf Skandal vorweise 15 ).
Recht häufig ist eine entsprechende Aus¬
deutung des Krankenlichtes. Wenn der
R. der nach der Krankenkommunion ge¬
löschten Kerze der Tür zuzieht, so muß
der Kranke sterben, steigt er gerade auf¬
wärts, streicht er ins Zimmer hinein oder
auf den Kranken zu, so wird dieser ge¬
sunden 16 ). Ähnlich wird das Verhalten
der ausgeblasenen Sarglichter ausgedeutet.
Geht der R. gerade in die Höhe oder weht
er ins Haus hinein, so wird dort binnen
Jahr und Tag wieder einer hinausge¬
tragen, und zwar wird der zuerst sterben,
dem er sich zuwendet 17 ), wie auch der R.
der Altarlichter bei der Trauung sich zu
demjenigen Ehegatten hinzieht, der vor
dem andern ableben wird 18 ). Der Tote
soll in den Himmel kommen, wenn der
R. nach oben steigt, in die Hölle, wenn
er sich nach unten verbreitet 39 ), und es
steht ebenfalls schlecht um ihn, wenn
sich das letztere bei einem Seelenamt
für ihn wiederholt 20 ). Eine solche Vor¬
zeichenschau wird dann weiterhin zur
bloßen mehr oder weniger begründbaren
Wetterregel: Wenn der R. hochzieht,
,,piel in Enn“, wird das Wetter gut;
schlägt er nieder oder beißt er, gibt’s
Regen 21 ). Und schließlich stellt man in
der Traumdeutung den R. als unheil- und
todverkündend in Gegensatz zu der
glückverheißenden hell leuchtenden Flam¬
me 22 ).
Den weitesten Eingang ins abergläu¬
bische Brauchtum aber hat der R. ge¬
funden auf dem Gebiete des Abwehr¬
und Angriffszaubers der verschie¬
densten Art, auch hier im engsten Anschluß
an entsprechende Feuervorstellungen. Was
die brennende Flamme nicht vernichtet,
die leuchtende nicht verscheucht, vertreibt
der R., eine Anschauung, die sich in den
gelegentlichen und periodischen Räuche¬
rungen von Menschen, Vieh und toter
Habe wie auch in selbständigem Brauche
ausprägt (s. räuchern, R.nacht, Not¬
feuer, Jahresfeuer). Wie hier die Tat¬
sache der unangenehmen Einwirkung
des beißenden und stinkenden R.es auf
die Sinnesorgane des Menschen, so ist
bei der Verwendung des R.es im Heil¬
zauber vielleicht seine konservierende
Kraft mitbestimmend gewesen. Doch ist
überall der Einfluß der Feueranschau¬
ungen unverkennbar; Feuer- und R.-
therapie gehen völlig ineinander über, und
man kann bei den sympathetischen
Krankheitskuren die das Leiden oder den
Leidenden stellvertretenden Dinge, statt
sie zu verbrennen (s. d.), mit dem glei¬
chen Erfolge in den R. hängen. Dasselbe
gilt vom Bosheitszauber, wo der R. be-
525
rauchen
526
sonders bei der Behandlung der Fu߬
spur (s. d.) des zu schädigenden Men¬
schen eine Rolle spielt.
Im übrigen unterhegt der R. im Ein¬
zelfall der jeweiligen Sonderauffassung
von dem Feuer, dessen Teilerschei¬
nung er ist. Das wird z. B. deutlich bei
der Stellung des Herdfeuers zum Blitz.
In den Gegenden, wo man bei herauf¬
ziehendem Gewitter das Herdfeuer nicht
anzündet — und dann häufig gerade auf
ein stark r.endes Feuer bedacht ist —,
sondern löscht, wird diese Gewohnheit
ebenfalls mit dem Verhalten des R.es
begründet: er gilt als Blitzleiter und darf
„kein Zeichen“ geben 23 ). Oder: Bei der
Römerkerze ist nicht nur der Feuerschein,
sondern auch der R. noch wirksam; man
soll den Butzen des ausgeblasenen Wachs¬
stockes fortr.en lassen, da der Dampf
den armen Seelen zugute kommt 24 ).
So erstreckt sich gelegentlich auch der
Unsegen verbotener Handlungen auf den
R.; man soll z. B. in der Christnacht nicht
Brot backen, weil in der Gegend, wohin
sich der R. zieht, kein Obst wächst 25 ).
1 ) Vgl. z. B. Mensing Schlesw. Wb. 4, 140.
2 ) Belege bei Freudenthal Feuer 54; dazu
DWb. 8, 250; Lexer Mhd. Wörterbuch 2, 514;
Schiller-Lübben Wörterbuch 3, 502; Men¬
sing Schlesw . Wb. 4, 141t.; Fox Saarland 263;
Heyl Tirol 765t.; Mülhause 319; Nds. 36,
133 - 229. 510; 37, 34. 3 ) Vgl. oben 5, 1250 t.
4 ) Drechsler i, 290t. 5 ) Vgl. z. B. Meyer
Myth. d. Germanen 74 f. 6 ) Schönbach Ahd.
Predigten 2, 101 f. 7 ) Z. B. Lütolf Sagen 114;
Eisei Voigtland 168 f.; Zimmermann Volks¬
heilkunde 95. 8 ) Urquell 4, 18; HessBl. 6, 22.
*) MschlesVk. 7, 43. 10 ) WZfVk. 35, 150. 11 ) Be¬
lege bei Freudenthal Feuer 243. 258. 299 t.
12 ) Geramb Knaffl-Handschrift 53. 13 ) Belege
bei Freudenthal Feuer 76; dazu oben 4, 979
Anm. 4. 14 ) Praetorius Deliciae pruss. 43.
16 ) Urquell 1, 123. 16 ) Belege bei Freudenthal
Feuer 177. 17 ) Belege ebd. 178. Dagegen: In die
Ecke ziehender R. der ausgeblasenen Sarglichter
deutet auf baldige Verlobung: Men sing Schlesw.
Wb. 1, 545 f. 18 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 91;
vgl. Liebrecht Zur Volksk. 326 (Weihnachts¬
licht, Norwegen). 1B ) Peter Österreichisch-
Schlesien 2, 246. 20 ) Andrian Altaussee 118.
21 ) Heckscher Hannov. Volksk. 43; Mensing
Schlesw. Wb. 1, 345 f.; 4, 441; Kück Lüne¬
burger Heide 193; Finder Vierlande 1, 228t.;
vgl. Fogel Pennsylvania 227. 22 ) Belege bei
Freudenthal Feuer 83; dazu Mensing
Schlesw. Wb. 1, 867; 4, 141. 23 ) Heckscher
Hannov . Volksk. 66 f.; vgl. die Belege bei
Freudenthal Feuer 44. 48. 24 ) Rochholz
Glaube 1, 167. 25 ) Jäckel Oberfranken 163.
Freudenthal.
rauchen. Es ist „eine der größten
Merkwürdigkeiten [der Kulturgeschichte]
..., daß ein fremdes Giftkraut mit bei¬
spielloser Geschwindigkeit sich die ganze
Menschheit unterwerfen und einen Auf¬
wand von Hunderten von Millionen her-
vorrufen konnte, der aufgehäuft oder pro¬
ductiv angelegt alle Völker hätte wohl¬
habend machen können“ 1 ). Das (Tabak-
firn übrigen s. Rauch]) R., besonders
das Pfeifen- (s. d.) R., erst längere Zeit
nach Einführung der Tabakpflanze (s. d.)
in Europa bekannt und vielfach von kirch¬
lichen und weltlichen Behörden be¬
kämpft 2 ), ist deshalb gelegentlich auch
psychologisch ausgedeutet worden: Es
soll natürliches Selbstgefühl, freies Auf¬
treten, tiefe Inspiration usw. vermitteln 3 ).
Wie dem auch sei, im volkstümlichen Le¬
ben ist es geradezu ein Sinnbild des ge¬
regelten Ablaufs der Werktagsarbeit und
der Beschaulichkeit des Feierabends ge¬
worden 4 ); „ers de pipen in brand, un
denn dat perd ut’n graben“ 5 ). Es trägt
i als solches zunächst seine Bedeutung in
sich selbst und erstreckt sich auch auf die
Geisterwelt. Haus- und Feldgeister rau¬
chen wie die Menschen 6 ), und mitunter
besteht die Begegnung zwischen irdischem
und überirdischem Wesen darin, daß
man sich zur Erlangung des Rauchge¬
nusses gegenseitig mit Tabak und Zünd¬
feuer aushilft 7 ); ganz vereinzelt ist die
Überheferung, daß es der Geist dabei
auf einen Schabernack abgesehen hat 8 )
oder in seinem Revier dem Menschen das
R. überhaupt verbietet 9 ).
Wie der gewöhnliche Sprachgebrauch,
so unterscheidet auch die Ausdeutung
im Glauben und Brauch das R. vom
Räuchern (s. d.) dadurch, daß ihm an
sich noch keinerlei bewirkende Absicht
zugrunde hegt. Erst unter besonderen
Umständen und mehr oder weniger zu-
i fähig wird es als einfachste und be¬
quemste Form, Rauch zu entwickeln, zu
einer Ersatzhandlung für das plan¬
mäßige Räuchern 10 ). So ist es nur
natürhch, ein Räuchern der Mundhöhle
52 ;
rauchen
529
räuchern—Rauchnächte
530
gegen Zahnschmerzen u ) und Mundfäule 12 )
durch R. vorzunehmen und die Wirkung
durch ausschließliche oder zusätzliche
Sonderrauchstoffe, wie z. B. Abschabsei
vom Beinknorren einer Stute 13 ) oder
gedörrte durch Stiche von Rhodites
rosae entstandene Moos- oder Rosen¬
äpfel 14 ) zu verstärken; gelegentlich wer¬
den aber auch andere Krankheiten mit
Pfeifenrauch behandelt 15 ). Als einst
in einem Orte im Siebengebirge die But¬
ter nicht geraten wollte, wurde von den
Knechten ,,aus ihren irdenen Mutzen
tüchtig ins Butterfaß hineingepafft“, und
das Buttern gelang 16 ). Und was hier
offenbar der Zufall eingibt, entspricht
durchaus der volkstümlichen Auffassung
von der Möglichkeit eines Gegenzaubers
bei Verhexung durch R. 17 ); nur wird
auch hier gewöhnlich ein besonderes
Rauchmaterial verlangt: Wer Schwarz¬
meisterwurzeln in die Pfeife schneidet und
raucht, vertreibt die Hexen und macht
sie wild 18 ), und Segelbaum tut die gleichen
Dienste 19 ). Ein Knecht entlarvt seine
Herrin als Hexe, als er in ihrer Anwesen¬
heit getrocknete Kräuter zu r. beginnt;
„kaum ringelten die ersten Wölkchen aus
der Pfeife, als die Kastenvögtin am Spinn¬
rad aufsprang, zu stampfen anfing, wie
eine Furie in der Stube umherlief und
endlich durch eine winzige Ritze in dem
tannenen Getäfel ... hinaus in das
Freie flog“ 20 ). Schließlich tut das R. auch
im Zitierzauber seinen Dienst; als der
von der Hexe in einen tiefen Brunnen
verstoßene Soldat zufällig seine halbge¬
stopfte Pfeife an einem blauen Licht
in Brand setzt und der Rauch die Höhle
erfüllt, erscheint ein dienstbeflissenes
Männchen, das sich ihm auch später im¬
mer wieder zur Verfügung stellt, sobald
die Pfeife am blauen Licht in Gang
gesetzt ist 21 ).
Die enge Beziehung einer solchen zau¬
berbannenden Kraft des Rauches (s. d.)
zur ähnlichen Wirksamkeit des Feuers
wird ersichtlich in Beispielen, die beide
Maßnahmen miteinander verbinden. Ein
Ungeheuer in Ueken kann jeder Tabak¬
raucher verjagen, wenn er Feuer aus der
Pfeife bläst 22 ); einen gespenstischen Lei¬
chenzug kann nur derjenige passieren, der
eine brennende Zigarre bei sich führt 23 ).
Tabakr.d umgeht der Schweizer Fuhr¬
mann seinen Wagen gegen einen Geist 22 ),
und der masurische setzt sich schon bei
Beginn der Reise mit brennender Pfeife
oder Zigarre auf den Bock, weil es gut ist,
mit Feuer abzufahren 24 ).
Genau wie das Verbrennen (s. d.) je¬
doch ist das R. ambivalent; es kann auch
zum Schaden ausschlagen. Man soll des¬
halb z. B. beim Säen 25 ) als auch beim
Kalken des Saatkorns nicht r., damit
kein Brand in das Getreide kommt 26 ).
Am Florianstage wird in schlesischen
Ortschaften nicht nur weder Feuer noch
Licht gebrannt, sondern auch kein Tabak
geraucht 27 ).
Die volkstümlichen Vorstellungen, die
das R. dem altüberlieferten Räuchern
eingliederten, fanden früh eine Stütze in
der Auffassung der ärztlichen Heilkunde.
1598 schickt der englische Gesandte in
Hamburg an den Herzog von Braun-
schweig-Lüneburg eine kleine Menge Ta¬
bak mit der Empfehlung, daß der Rauch
die Reinigung des Hauptes und des Ma¬
gens sehr befördere 28 ). 1726 heißt es von
dem beliebten Tabacco de Becco: „Er
zertheilet alle Haupt-Flüsse und Kopf¬
schmerzen, er clarificiret die Augen,
schärfet das Gehör und curiret alle Zahn¬
schmerzen in wenig Minuten...“ 29 ).
Noch Niemeyer (f 1871) nennt als Volks¬
heilmittel gegen Darmträgheit das R.
auf nüchternem Magen 3 °) — wie der
mecklenburgische Bauer einem Rindvieh
gegen Verstopfung wohl die Spitze einer
brennenden Pfeife in den After steckt 31 ) —.
und nach einer schweizerischen Über¬
lieferung soll es gegen Genickstarre gut
sein 32 ). Im übrigen jedoch wird weniger
das R. als der Tabak (s. d.) selbst in
mannigfacher Zubereitung als Heilmittel
angepriesen.
Eine vereinzelte mantische Ausdeu¬
tung des R.s in Norwegen — bildet der
Rauch einen „Glücksring“, so soll man
danach greifen, und man erhält bestimmt
Geld; gelingt es, ihn mit dem Finger zu
durchstechen, so wird man Glück haben 33 )
*
*
•1
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1*
*
findet anscheinend im deutschen Volks¬
glauben keine Entsprechung.
i) Haberlandt Die Cigarre. Kultur im All¬
tag. Wien 1900. 86. 2 ) Vgl. z. B. ebd. 870.;
Finder Hamburgisches Bürgertum. Hamburg
1930. 158 ff.; SAVk. 27, 145 ff.; Alemannia 15,
117. 3 ) Z. f. angew. Psych. 12 (1917). 34 <>
*) Vgl. Meyer Baden 340; Finder a. a. O. 83;
Finder Vierlande 2, 180. 5 ) Heckscher Han-
nov. Volksk. 292. 6 ) Kühnau Sagen 2, 306. 307;
Stöber Elsaß 1, 13; Schell Bergische Sagen
43; Jahn Pommern Nr. 35; Birlinger Aus
Schwaben i, 207; Stöber Elsaß I, 13; Jecklin
Volkstüml. 92 f.; Fient Prättigau 158 t.;
Ranke Sagen 151; Rochholz Naturmythen
28. 184 ff.; vgl. Amersbach Lichtgeister 6.
7 ) Kühnau Sagen 2, 300. 301; Gräber Kärnten
26 f. 8 ) Meiche Sagen 144. 9 ) Müller Sieben¬
bürgen 32. 10 ) Anderseits wird Tabak auch
gelegentlich für Räucherungen verwandt: Württ.
Jahrb. 1907, 212. — Tabakasche als Salben¬
zusatz: Lammert 181. 11 ) Zahler Simmenthal
90 (Der Vater steckt dem kranken Kinde den
Beisser der brennenden Pfeife in den Mund).
12 ) Buck Volksmedizin 40; Men sing Schlesw.
Wb. 4, 602; Urquell 3, 73; SAVk. 8, 149; Manz
Sargans 56 (7 Pfeifen am Tage). 13 ) ZfVk. 8,
254 (Ruppin). 14 ) Urquell 2, 129 (Schlesien).
«) Z. B. die Rose: ZfVk. 7, 412. — Vgl. SAVk.
8, 145. 16 ) ZfrwVk. 10, 271 f. 17 ) Vgl. auch
Buck Volksmedizin 40. — Die Schlange flieht
den R.den, da sie den Rauch nicht vertragen
kann: ZföVk. 4, 216 (Rumänen in der Buko¬
wina). 18 ) Kuoni St. Galler Sagen 18. 19 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 174. 20 ) SAVk. 2, nof.
«i) Grimm KHM. Nr. 116. 22 ) Rochholz
Sagen 2, 70. — Auch die Geister r. häufig so,
•daß Funken sprühen: Vgl. 4 ). 23 ) Meiche
Sagen 242. 24 ) Toeppen Masuren 102. 25 )
Meyer Baden 418; Wuttke 419; Jahn
Opfergebräuche 70 (Siebenbürgen). 26 ) ZfVk. 7,
149. 2? ) MschlVk. 21, 102 f.; vgl. Freuden¬
thal Feuer 442. 28 ) Finder a. a. O. 158. 29 ) Ebd.
159. 30 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 120.
31 ) Bartsch Mecklenburg 2, 153. 32 ) SAVk. 19,
215. 33 ) Liebrecht Zur Volksk. 338.
Freudenthal.
c Vq rhfrQ er
Rauchfang s. Schornstein.
Rauchnächte.
1. Eine Ausräucherung des Hauses
wird in vielen katholischen Familien öfters
im Jahre vorgenommen, besonders an
den Vorabenden hoher Feste 4 ), in man¬
chen Häusern sogar alle Samstage 2 ).
In Nieder Österreich bezeichnet man als
Freinächte, R. oder schwarze Nächte:
Thomas-, Nikolaus-, Christnacht, Drei¬
könige, Fastnacht, Walpurgis-, Andreas-,
Hubertusnacht und St. Ruprecht 3 ). Im
Pinzgau sind es die drei Donnerstage vor
Weihnachten. Burschen ziehen dann als
Perchten um 4 ). Anderswo die vier Klöp-
feinächte 5 ). In der Luziennacht (13.
Dez.) räuchert in Niederösterreich die
Hausfrau mit Judenkohle (von dem am
Ostersamstag verbrannten Holze). Bei
dem Zuge durchs Haus darf niemand
etwas fallen lassen 6 ). Vielfach bezeichnet
man die ganze Zeit der Zwölften als
R. 7 ). Gewöhnlich aber begeht man in
dieser Zeit vier R.: am Vorabend von
St. Thomas (21. Dez.), Weihnachten, Sil¬
vester und Dreikönigen 8 ). An diesen
Abenden durchräuchert ein Priester oder
der Hausherr oder die Hausfrau nach
dem Abendläuten alle Räume des Hauses
und die Ställe mit geweihten Kräutern
oder Weihrauch und besprengt sie mit
Weihwasser. Dazu werden Gebete ge¬
sprochen, um Hexen und böse Geister
zu vertreiben. Nach dem Rauchen darf
die Stalltür nicht mehr geöffnet werden 9 ).
Mit dem dabei benutzten Weihrauch wird
Liebes- und sonstiger Zauber getrieben 10 ).
Um den Attersee beräuchert man selbst
das Stallgerät 11 ). Man begnügt sich auch
mit drei R.n: Christ-, Neujahrs- und
Dreikönigsnacht 12 ). Die letzte ist be¬
sonders wichtig 13 ). Sie heißt im Böhmer¬
wald „Foast-Rauhnacht“, weil es da
recht fettes Schweinefleisch zu essen
gibt. Maskierte Burschen singen Foast-
rauhnochtlieder 14 ). Das Zeltenbrot wird
in den drei heiligsten Rauhnächten ein¬
geräuchert 15 ).
Häufig findet man die Bezeichnung
Rauhnächte. In der Oberpfalz redet
man von Raubnächten 16 ) und Raun¬
nächten 17 ). Im Baierwalde nennt man
eine häßlich vermummte Weibsperson
eine „Rauhnacht“ 18 ).
Im niederbayerischen Hügellande und
zum Teil in der Oberpfalz hat sich der
Name Rauhnacht auf jeden bäuerlich
üppigen Festtagstisch, wie er früher an
den Haupttagen in der Zeit der Zwölften
üblich war, übertragen 19 ).
In der Oberpfalz namentlich am Vor¬
abend des Ostertages: Schönwerth Oberpfalz
1, 313. Am Karfreitag: Drechsler 1, 87.
Vgl. auch Freudenthal Feuer n6ff. 2 )
Reiser Allgäu 2, 40. 3 ) Urquell 1, 109.
53i
rauhe Leute
4 ) Mannhardt i, 542 f. 5 ) Tille Weihnacht
50. 6 ) Vernaleken Alpensagen 113; Ger am b
Brauchtum 104. 7 ) Meyer German. Mythol.
197; Ders. Mythol. d. German. 327; Franz
Benediktionen 1, 423; Weiser Jul 41; Schmel-
ler BayWbch. 3, 12; Landsteiner Nieder¬
österreich 33; Gera mb Brauchtum 104 f.;
ZfVk. 11 (1901), 464 (Steiermark); Bronner
Sitt’ u. Art 12 ff.; Urquell N. F. i, 104 (Pfalz);
Jahn Opfergebr. 259 Anm. 3. «) Leoprech-
ting Lechrain 204; Pollinger Landshut 194;
Vernaleken Mythen 344; Baumgarten Jahr
5. 14; Bronner 12 ff.; Landsteiner Nieder¬
österreich 36 f.; Tille Weihnacht 50 f.; Sepp
Religion 47 f.; Heinsberg Festjahr 437.
ü ) Leoprechting 205; Zingerle Tirol 186
( J 537 ) - Wenn sie offensteht, wird die Milch
rot, auch wenn man diese draußen stehen läßt:
WZfVk. 33 (1928), 135. 10) Tille 50 f. ii)
Baumgarten Jahr 14. i*) Vernaleken
Mythen 344; Franzisci Kärnten 30 t.; ZfVk.
8 (1898), 249 t. (Gossensaß); Zingerle Tirol
186; Sepp Religion 9. 1 3 ) Oben 2, 457. 1 4 )
Schramek Böhmerwald 126 f. 1 5 ) Schade
Klopfan 69. 16 ) Schönwerth 1, 312. 313. 332.
17 ) Ebd. 1, 138. Man hat das Wort auch mit
rauen = heulen, winseln zusammengebracht:
Baumgarten Jahr 5 Anm. 3. * 8 ) Mannhardt
2,186; Quitzmann 16. 1») Bronner Sitt 9
u. Art 19. Vgl. Sepp Religion 47 t.
2. Die Angaben der Berichterstatter
über die abergläubischen Vorstellungen,
die den R.n anhaften, lassen es nicht
immer deutlich werden, welche R. jedes-
mal gemeint sind. Für die im folgenden
angeführten Einzelheiten kommen in
erster Reihe die drei oder vier Hauptr. j
der Zwölften in Betracht.
Die R. werden für die Erforschung der
Zukunft besonders in Anspruch ge¬
nommen. Sie heißen daher auch Los¬
nächte 20 ). In den R.n gab es den sog.
Rauchweizen, von dessen Genuß sich
niemand im Hause ausschließen durfte 21 ).
In München wird der Räuchwecken
gebacken 22 ). Wer in der Rauhnacht
geboren ist, wird reich 23 ).
Man muß sich in den R.n vor allem
möglichen bösen Zauber hüten 24 ). Man
soll nicht dreschen, sonst verdirbt das
Getreide, so weit man den Schall hört 25 ).
Man muß in einen Kübel husten und die
Kinder auf Decken wiegen (so still muß
es sein) 26 ). Man soll nicht aus einem
unverdeckten Brunnen trinken 27 ), der
Vater darf nicht von der Seite des Kindes
weichen, damit es nicht zur Wasserbutte
werde 28 ). Wenn man sich auf einen
532
Tisch setzt, so kriegt man Furunkel 29 ).
In den R.n grub man Wurzeln, deren
Genuß die Pferde zu tüchtigen Läufern
machen sollte 30 ). Das Vieh redet ver¬
nünftig zusammen, aber nur Quatember¬
kinder hören es 31 ). Ein Mädchen, das
vor den R.n ihren Wickel nicht abge¬
sponnen hat, kommt das Jahr nicht zum
Heiraten 32 ) oder kriegt einen bärtigen
Mann 33 ) oder stirbt 34 ) oder die Berchta
kommt 35 ). Diese zeigt sich überhaupt
in den R.n 36 ), und die Gstampe äußert
sich unsichtbar durch entsetzliches Pfeifen
und Winseln 37 ). In der Rauhnacht
kann man sich auch den Teufel dienstbar
machen 38 ). In Tiers ließ man von den
drei Speisen, die an den drei Rauch¬
abenden auf den Tisch kamen, für die
Stampa etwas stehen 39 ). In Villnös
legte man für die Seligen Kucheln auf
das Hausdach 40 ). Man wirft auch
Grummet und Hafer aufs Dach, läßt
es darauf liegen, bis die R. vorüber sind,
und gibt es dann dem Vieh (14./15. Jh.) 41 ).
20 ) Vernaleken Mythen 23. 344t.; Franzisci
Kärnten 31; Pollinger Landshut 194; Baum¬
garten Jahr 14; Schramek Böhmerwald 129;
Jahn Opfergebr. 280. 284 21 ) ZfVk. 21 (1911),
256; Sepp Religion 9 (Jachenau). 22 ) Schade
Klopfan 69 Anm. Über die Gebäcke in der Zeit
der R.: Höf ler in ZföVk.9,15 ff.; ZfVk. 12, 441.
23 ) WZfVk. 33 (1928), 135. 24 ) Baumgarten
Jahr 14; Sch önwerth Oberpfalz 1, 312 t.
25 ) Grimm Mythol . 3, 468 (916: Bayern).
26 ) Heyl Tirol 764. 27 ) Schönwerth 2, 172.
28 ) Ebd. 1, 194. 29 ) Grimm Mythol. 3, 418 (32) ;
ZfVk. 12, 441. 30 ) Franz Benediktionen 2, 133.
31 ) Heyl Tirol 155. 32 ) ZfVk. 8, 249 f. 33 )Baum-
garten Jahr 14. 34 ) Zingerle Tirol 185 f.
Heyl Tirol 764. 36 ) Waschnitius Perkt 32.
37 ) Ebd. 40. 58 ) Pollinger Landshut 195 {.;
Urquell 1, 110. 39 ) Zingerle Tirol 186 (1537);
Heyl Tirol 764. 40 ) Ebd. 170. Vgl. oben 2, 119.
41 ) Grimm Mythol . 3, 418 (44). Sartori.
rauhe Leute (s. a. wilde Leute, Wald¬
leute). Die r.n L., ihrem Wesen nach
Naturdämonen, werden geschildert als
„kleines Volk", das von oben bis unten
behaart ist. Sie leben nach einem west¬
fälischen Sagenkomplex x ) in einem See,
aus dem sie emporsteigen, um mit den
Menschen zu verkehren. Als haarigen
Klumpen, zusammengerollt wie ein Igel,
findet ein Bauer ein solches Wasserkind
und nimmt es mit sich nach Hause 2 ),
ein behaartes nacktes Weib, das sich mit
533
Rauhreif—Raupe
534
seinem Kind am Ufer sonnt, springt in
den See und läßt dem Bauern das Kind
zurück, das es heimlich besucht und
säugt 3 ). Gern verdingen sich r. L. als
Knechte. Ein Knecht, gekleidet wie ein
anderer, aber rauh an Gesicht und
Händen, dient einem Bauern sieben
Jahre treu und fleißig 4 ), ein andermal
bietet sich ein nackter und von Kopf
bis zu den Füßen behaarter Mann an,
für gewisses Geld Schmiedearbeit zu
machen 5 ). Eine dritte Version dieser
Sage bezeichnet den Knecht geradezu
als den r.n L.n entstammend 6 ). Wenn
man r. L. reizt, bringen sie Unheil. Ein
Bauer, der statt Geld schmutzigen Lohn
für den rauhen Schmied hinlegt, wird
von einem von unsichtbarer Hand aus
dem See geschleuderten Speer durch¬
bohrt 7 ), ein rauhes Weib verflucht einen
Bauern und sein Geschlecht, weil er das
Wasserkind zu sich ins Haus nimmt und
nach menschlichem Aussehen schert 8 ).
In mythischen und fabelhaften Er¬
zählungen aus alten Chroniken, die die
Brüder Grimm fälschlicherweise als
„Sagen" ihrer Sammlung einreihten, wird
die Zeugung eines die Merkmale seiner
dämonischen Abkunft am Leibe tragen¬
den Kindes durch ein rauh behaartes
Meerungeheuer mit glühenden Augen be¬
richtet 9 ). Amersbach konstruiert wegen
dieser abnormen Behaarung Zusammen¬
hänge zwischen den Meerungeheuern und
den r.n L.n und betrachtet beide auf
Grund von grotesker Beweisführung als
Lichterscheinungen 10 ).
Zu den r.n L.n gehört die Rauhelse des
„Wolfdietrich", ein starkes, wildes, be¬
törendes und zauberkundiges rauhes Weib,
das sich im Jungbrunnen badet und in
eine wunderschöne Frau verwandelt (s. a.
Else) 11 ). Ihr ähnlich sind die rauh¬
haarigen, grausamen, menschenfresse¬
rischen Fänggen (s. d.), auch die Busch¬
großmutter (s. d.) und das Buschweib¬
chen (s. d.) stellen sich in diesen Zu¬
sammenhang. Die verschiedenen Fas¬
sungen des „Wolfdietrich" nun machen
deutlich, daß es sich hier nicht in erster
Linie um die primitive Walddämonen¬
figur der rauhen Else handelt, sondern
daß wir in dem Rauhelseabenteuer ein
ursprüngliches Stiefmuttermärchen er¬
kennen müssen, bei dem eine Stieftochter
von ihrer Stiefmutter in die häßliche
Gestalt der Rauhelse verflucht worden
ist, und zwar so lange als rauhes Weib
zu leben, bis der größte Held es durch
seine Liebe erlöse. Das geschieht auch,
Rauhelse steigt in einen Jungbrunnen
und kommt als die schönste aller Frauen,
als Sigeminne, wieder daraus hervor 12 ).
Der Gestaltwandel Rauhelse-Sigeminne
hat nichts mit der Frage der Erlösbarkeit
oder Entzauberung von Dämonen zu
tun, er findet auch nicht seine Erklärung
in der proteusartigen Natur der Natur¬
dämonen, er erfolgt vielmehr unter der
formelhaften Kraft der Märchenerlösung
(s. Märchen Wb. unter „Erlösung"). Um
so abwegiger mutet uns die längst über¬
wundene Erklärung Amersbachs 13 ) an,
der die Metamorphose des häßlichen
Wesens in die in strahlender Schönheit
sich erhebende Frauengestalt aus der
Vielgestaltigkeit der Licht-, Nebel- und
Dunsterscheinungen ableitet und sowohl
die auf allen Vieren zum Feuer kriechende
Else als auch die aus dem Jungbrunnen
steigende Sigeminne als Lichter schei-
nungen deutet.
J ) Kuhn Westfalen 1, 46-51. 2 ) Ebd. 1, 51.
3 ) Ebd. i, 48 f. 4 ) Ebd. 1, 49. 5 ) Ebd. 1, 50.
6 ) Ebd. 1, 52. 7 ) Ebd. 1, 48. 8 ) Ebd. 1, 48 f.
9 ) Grimm Sagen Nr. 405; 424. 10 ) Amers¬
bach Lichtgeister 37 ff. 1J ) Adolf Holtzmann
Der große Wolf dietrich. Heidelberg 1864,
Str. 506—525. 544 ff.*, Grimm Myth. i, 359;
Meyer Germ. Myth. 159. 12 ) Vgl. Werner
Lincke Das Stiefmuttermotiv im Märchen der
germanischen Völker (Germ. Studien H. 142).
Berlin 1933, S. 77—79. 13 ) Amersbach Licht¬
geister 47 t. Lincke.
Rauhreif s. Reif.
Raupe.
1. Etymologisches. R., die Gesamt¬
bezeichnung der Schmetterlingslarve —
Artnamen sind selten —, geht zurück
auf mhd. rüpe, ahd. rüpa. Dem Bayrisch¬
österreichischen ist das Wort in eigent¬
licher Bedeutung unbekannt. Es treten
dafür ein graswurm < ahd. grasawurm
oder krautwurm < mhd. krütwurm x ). Im
Waldviertel (N.öst.) heißt die R. der
■ Ohreule Grotzenwurm 2 ), d. h. ein Wurm,
535
Raupe
536
der im Innern des Kohlhauptes {„Grätzel“)
lebt 2 ). In Bayern und Schwaben kommen
auch Ratz 3 ) oder Wurm vor (Vgl. engl,
in derselben Bedeutung worm, dän. orm,
ital. verme 4 )). Im Bayrischen wird
Raupet im kollektiven Sinne für „Un¬
geziefer'' gebraucht, umgekehrt heißt
im Patois von Metz die R. vermine „Un¬
geziefer“ 5 ).
Mhd. kölwurm entspricht dän. kaal -
arm 6 ), altengl. cäwel-wyrm 7 ). Im Neu-
engl. begegnen canker-worm ,, Krebs¬
wurm“ und case-worm „Gehäusewurm“ 8 ).
Neben dän. larve stehen schwed. larf 9 )
und löfmask (löf = Laub 10 )), wozu sich
altengl. leaf-wyrm vergleicht 11 ). Schwed.
skräpuk 12 ) bedeutet eigentlich „Popanz“.
Lat. eruca findet sich wieder in katal.
eruga, span, oruga , venez. ruga 13 ). Ital.
bruco (kämt, bruggn [Lavanttal] = R.
des Kohlweißlings 14 )), wozu Garbini 15 )
zahlreiche Varianten anführt, erweist sich
nach Rohlfs 16 ) als Kontamination von
beco < lat. bombyx „Seidenwurm“ und
ruga < lat. eruca . Als eine Kontamina¬
tion von lat. caries „Fäulnis“ und eruca
stellt sich parm. carüga dar 17 ).
Häufig sind Benennungen nach anderen
Tieren, so nach dem Hunde: altgriech.
xtStav 18 ), ital. cagna „Hündin“ (Berga¬
mo 19 )) franz.-dial. chen' y chan* (May-
enne) 20 ), franz. chenille < lat. canicula
„kleine Hündin“ 21 ), engl. dial. miller's
dog „Müllers Hund“ 22 ) sowie rumän.
cänele-babei Hund der Alten (d. h. Hexe),
womit die R. des Nachtpfauenauges be¬
zeichnet wird 23 ). Ins Mythische weist
auch der finnische Name der R.: tuonem /
koira „Hund des Todes“ 24 ). — Benen¬
nungen nach der Katze: ital. gata (Ve-
rona ) 25 ), gata pelosa „haarige Katze“ (all¬
gemein) 26 ), altfranz. chatte pelue 27 ), cate-
peleure id. 28 ), das ins Engl, eindrang (Cater¬
pillar) 29 ) und die oben angeführten germa¬
nischen Bezeichnungen der R., zu denen
noch altengl. treow-wyrm 3 °), „Baumwurm' ‘
zu stellen ist, gänzlich verdrängte. Engl,
dial. werden die R.n auch als cats and
kittens 31 ) „Katzen und Kätzlein“ be¬
zeichnet. Vereinzelt steht prov. toro
„Stier ' (Gard) 32 ). Im Ital. kommen
Benennungen nach der Schlange vor wie
ital. dial. bissa pelosa „haarige Schlange“
| (Costermano) 33 ), womit sich engl. dial.
nanny-viper (Nanny — Ännchen) 34 ) ver¬
gleicht .
*) Riegler Tiernamenkunde, Festschrift 42
2 ) Weinkopf in Natur 2, 89. 3 ) Hoops Reallex.
3,18. 4 ) Ebd. 5 ) Ebd. 6 ) Heinzerling Wirbel¬
tose Tiere 12. 7 ) Zandt-Cortelyou Altengl.
Insektennamen 54. 8 ) Heinzerling a. a. O.
9 ) Ebd. 10 ) Ebd. n ) Zandt-Cortelyou
a. a. O. 12 ) Heinzerling a. a. O. 13 )
Meyer-Lübke REWb. Nr. 2907; Jaberg-
Jud AIS. 481. 14 ) Carinthia 96, S. 57.
15 ) Garbini Antroponimie 301 f. 16 ) Rohlfs
in AR., SA. S. 3 f. 17 ) Meyer-Lübke REWb.
Nr. 1692. 18 ) Sain6an Etym. frang. 1, 113.
19 ) Garbini op. cit. 347. 2 °) Rolland Faune
13. 189. 21 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 1586.
22 ) Rolland op. cit. 13, 191. 23 ) Hiecke Ru¬
män. Tiernamen 139. 24 ) Grimm Mythologie
2, 8982. 2S ) Garbini op cit. 549. 26 ) Ebd.
27 ) Rolland op. cit. 3, 189. 28 ) Sainean op.
cit. 1. 113 5 . 29 ) Heinzerling op. cit. 12.
30 ) Zandt-Cortelyou op. cit. 57. 31 ) Rolland
op. cit. 13, 191. 32 ) op. cit. 3, 190. 33 ) Gar¬
bini op. cit. 251. 34 ) Rolland op. cit. 3, 191.
2. Biologisches. Im Altertum hatte
Aristoteles eine ungefähre Vorstellung
von der Metamorphose des Schmetter¬
lings 35 ). Aristophanes von Byzanz
glaubt, die R. entstehe aus dem Tau, der
auf den Kohl fällt; auch der Mond soll an
ihrer Erzeugung beteüigt sein 36 ). Nach
Megenberg 37 ) ist die Benetzung mit
Tau oder Regen die Ursache der Meta¬
morphose: „Es wird erzählt, daß dieser
Wurm (d. h. die R.) im Monat September
seine Farbe ändere und andere Gestalt an¬
nehme, wenn er vom Tau oder Regen be¬
netzt wird. Er bekommt dann nämlich
Flügel und kann fliegen“. Nach rumäni¬
schem Volksglauben 38 ) ist die R. aus
Teufelstränen entstanden. Sie greift den
bösen Blick an 39 ). Bräuner *°) berichtet
1737 von leuchtenden R.n in Neu-Hispa-
nien, „welche wegen eines erschröcklichen
Giffts niemand anrühren darf“, womit eine
Art Leuchtkäfer (Lampyris) gemeint ist.
35 ) Keller Antike Tierwelt 2, 436. 36 ) Ebd.
37 ) Buch der Natur 256. 38 ) Marian Insectele
261. 39 ) Seligmann Blick 2, 130. 40 ) Curiosi -
taeten 572.
3. Animismus. Ausgesprochenen Ani¬
mismus zeigt die Vorstellung eines Bantus¬
stammes, daß die Seele des Toten zeit¬
weise R.nform annehme als Zwischen¬
stufe zur Schlange 41 ). Elben erscheinen
(
537 Raupe 538
auch als R.n. Laistner 42 ) stellt die j man in einem Lauenburgischen Dorfe,
Elbennamen Räzel zu Ratz = R. In
Oberkämten (Gegend von Radenstein)
heißt die R. Schratei (s. Schrat) = elben¬
artiges Wesen In Wildenreuth (Nördl.
Oberpfalz) werden die großen haarigen
R.n Klöchmouda (Klagemutter) oder
Bämouda (Gebärmutter) genannt 44 ). Als
Art Hexenepiphanie erscheint die R. in
England, dort trägt die Stachelbeerfrau
(gooseberry-wife) in Gestalt einer haarigen
R. Sorge um die grünen Stachelbeeren 45 ).
Auch im Kleinrussischen heißt eine stark
behaarte R. Hexe (jazibaba) 46 ). Auf Be¬
ziehungen zum Teufel läßt der Name
Teufelskatze 47 ) (Schweiz. Tüfels-
chatz) 48 ) schließen. So heißt auch in
Windischgarsten (Oberöst.) eine R.nart,
die in Wäldern vorkommt und gefürchtet
wird, öri Teufel sein Roß 49 ), und im steiri¬
schen Ennstal führt die haarige R. des
Nesselfalters den Namen Teufels Kopf-
polster 50 ).
41 ) Küster Schlange 64. 42 ) Nebelsagen 341.
•*) E)r. Kranzmayer mündlich; ebenso im
Egerland ZföVk. 2, 329; Natur 2, 88. 44 ) Dr.
Kranzmayer brieflich. 45 ) Wright Rustic
Speech 198. 48 ) Güntert Kalypso 224. 47 )
Grimm Mythologie 2, 898 2 . 48 ) Vernaleken
Alpensagen 420 Nr. 153. 49 ) Baumgarten
Aus der Heimat 1, 121. *°) Weinkopf in
Natur 2, 88.
4. Raupenmachen. Außer Ratten
und Mäusen erzeugen die Hexen mit des
Teufels Hilfe auch R.n, und zwar auf fol¬
gende Weise: Die Hexe gibt Kraut in einen
Hafen, den sie dann auf Geheiß des
Teufels um wirft. Aus dem Hafen quillt
ein Bäume versengender Nebel, aus dem
sich schließlich die R.n entwickeln 51 ).
Anderswo gibt der Teufel der Hexe ein
grünes Mehl, das sie zum Kraut in den
Topf schüttet 52 ) (1596) oder sie erhält
vom Teufel ein „Geschmeiß“ von
schwarzer Farbe, das sie umrührt und
um zwölf Uhr mitternachts aufs Feld
streut 53 ).
61 ) ZfVk. 14, 417 t. 62 ) ZfdMyth. 2, 74. M )
ebenda.
5. Schadenzauber. Die R.n werden
von den Hexen und Hexenmeistern zu dem
Zwecke erzeugt, um sie in die Felder und
Gärten von Feinden zu schicken, damit
sie dort Schaden anrichten. So erzählt
daß ein böhmischer Fuhrmann die R.n
besprochen und sie am folgenden Tage
in Scharen in den Garten und das Gehöft
eines Bauern geschickt habe 54 ). Als im
Jahre 1735 das Elsaß und dieUmgebungvon
Paris von Spannraupen verheert wurden,
wollten einige die Hexe oder den Hexen¬
meister gesehen haben, der sie aus¬
sandte 55 ). In Boulay (Lothringen) trugen
geheimnisvolle Mädchen die R.n in zuge¬
deckten Tragkörben herbei, um sie in den
Gärten auszuschütten 56 ).
64 ) Wuttke S. 267 § 393. 55 ) Sebillot Folk-
Lore 3, 309. 56 ) op. cit. 3, 309 f.
6 . Krankheitsdämon. Die R. des
Kohlweißlings (pieris brassicae) heißt in
einigen Gegenden Rumäniens fapt < lat.
factum „Zauber“ und wird von einem
Zauberer auf das Haupt eines Feindes
gesandt 57 ), wohl um Krankheiten zu er¬
zeugen (vgl. fapt = Krankheit) 58 ). In
Frankreich glaubte man, die R. riefe
Schwindsucht hervor (etre enchenille) 59 ).
Nach einer noch viel älteren, bei den Süd¬
slaven fortlebenden Vorstellung sind die
R.n böse Dämonen, die vom Baumgeiste
ausgeschickt werden, damit sie sich in den
Körper einschleichen und darin Krankheit
und Schmerz hervorbringen ®°). Ihr Sitz
ist namentlich das Gehirn, wo sie wie
andere Insekten 61 ) Geistesstörungen ver¬
ursachen 62 ). Wer R.n im Kopfe hat, ist
zu tollen Streichen aufgelegt daher
heißt es in der deutschen Studenten¬
sprache eine R. t d. h. einen Streich
spielen M ). Die R. im Kopf verursacht
Wahnsinn: südfranz. tourä (toro = R.)
„verrückt“ 65 ) oder schlechte Laune (vgl.
südfranz. [Toulouse]: abe la ruco, die R.
haben, d. h. schlecht gelaunt sein 66 )). —
Die R. kann auch als Alp schlafende Men¬
schen drücken 67 ). Einem schwachen
Kinde legt sie sich in die Haut 68 ). Vielfach
I güt sie für giftig 69 ). Vgl. franz.-dial. vlin <
lat. venenum „Gift*‘ = „Raupe“ (Aube) 70 ).
Kriecht die R. über die bloße Haut eines
Menschen, so erregt sie Ausschlag 71 ) oder
Krätze. Vgl. mhd. rappe „R.“ und
„Krätze“ 72 ). Tritt ein Barfußgehender
auf die R. des Brombeerspinners, die
Katzensporen heißt und für giftig gilt.
L
bekommt er einen wehen Fuß 73 ). Ge¬
langen Haare einer R. ins Auge, so er¬
blindet es 74 ). — In verschiedenen Gegen¬
den Englands heißt die R. des großen
Bären Spinners finget-ring oder golden-ring
nach dem Glauben, daß die R. sich bei
Berührung um den Finger wickle und
Blut zu saugen beginne 75 ). Auf ähnlichem
Volksglauben scheint zu beruhen der süd-
franz. Name stgue-dit „Finger Säger“
(Bayonne) 76 ). Der Unrat der R. heißt im
Pfälzischen Beschiß; er ist nach der
Meinung des Volkes giftig und erzeugt
auf der Haut Entzündungen 77 ).
57 ) Marian Insectele 269. 58 ) op. cit. 272 f.
50 ) Brissaud Express, popul. 200. 60 ) Krauss
Relig. Brauch 40. 61 ) Riegler Tiernamenkunde
45. 62 ) WS. 7, 133. 63 ) ZfvglSpr. 13, 71.
64 ) ZfdWf. 12, 287. 65 ) Rolland Faune 13, 198.
66 ) Ebd. 67 ) Höfler Krankheitsnamen 300;
Hovorka-Kronfeid 1, 356; Liebrecht Ger¬
vasius 76. 68 ) Grohmann 112. 69 ) Megenberg
Buch der Natur 256. 70 ) Rolland Faune 3, 319.
71 ) Megenberg a. a. O. 72 ) Heeger Tiere 1,
S. 7 f. § 14. 73 ) op. cit. 2, 16 § 32 Nr. 3.
74 ) Drechsler 2, 221. 7S ) Wright Rustic Speech
204. 76 ) Rolland Faune 3, 319. 77 ) Heeger
Tiere 2, 16 § 32 Nr. 2.
7. Abwehr. Die Abwehrmittel gegen
•die R.n berühren sich teilweise mit denen,
die gegen Mäuse und Ratten gebraucht
werden. Sehr beliebt ist das Umwandeln
des Gartens oder der Bäume 78 ). Ein weib¬
liches Wesen geht zur Mitternacht meist
nackt und einen Bannspruch murmelnd
um Feld oder Garten 79 ). In Kösitz (An¬
halt) geht ein menstruierendes Weib
wiederholt über das Feld ®°). Ebenso in
Anjou 81 ). Auch ein in den Zwölften ge¬
bundener Besen wird dazu verwandt
(Anhalt) 82 ). Gern trägt man eine Pfingst-
maie (Birkenstrauch) um das Feld 83 )
oder auch den Abkehrwisch des Back¬
ofens Bei den Abwehrriten spielt auch
das Wasser eine gewisse Rolle. Unter
Hersagung einer bestimmten Formel
wirft man eine ungerade Anzahl von R.n,
die man vor Sonnenuntergang ge¬
sammelt, ins Wasser 85 ). Ähnlich in An¬
halt 86 ). Zu St. Scolaire (Frankreich) be¬
sprengt der Pfarrer mit dem Weihwedei
die Felder und beschwört die R.n 87 ).
Offenbar ist es eine Andeutung dieses
Ritus, wenn an Stelle des Priesters eine
beliebige Person tritt, die ein in Wasser
getauchtes Haselnußstäbchen in der
rechten Hand trägt (Loiret) 88 ). In Gard
füllt man eine Gießkanne mit Wasser,
mit dem man die Felder an den Rändern
begießt 89 ). An Stelle des Wassers wird
in Niederösterreich am 24. Juni geweihter
Wein verwendet, von dem man in jede
Ackerecke einige Tropfen schüttet 90 ).
Feuer ist ein seltenes Abwehrmittel. In
Süderstapel (Stapelholm) wirft man drei
R.n ins Feuer 91 ). Frazer 92 ) berichtet
von bonfires („Bergfeuer“) als Schutz
gegen R.n. In Ostpreußen räuchert man
die R.n unter Besprechungsformeln 93 ),
in Schlesien hängt man einige davon in
den Rauchfang 94 ), ebenso in Anhalt 95 ).
Wie sie dort vertrocknen, verdorren die
anderen (Analogiezauber) 96 ). Bei der
Ausräucherung des Ackers wird darauf
gesehen, daß eine Ecke freigelassen wird,
wo die R.n abziehen können 97 ). Anders¬
wo ist der Karfreitag als Banntag vorge¬
schrieben 98 ), während nach norddeut¬
schem Glauben der Gartenbesuch am
Karfreitag eine Vermehrung der R.n zur
Folge hat "). Die Stadt Arles hatte einen
eigenen R.ntag (tinearum dies) 100 ).— Wer
sät, soll zuerst die Hände mit Fett von
den Fastnachtskuchen einreiben, dann
werden die Pflanzen gegen R.n gefeit
sein 101 ). Alt scheint der Brauch zu sein,
durch Stücke eines ausgegrabenen Sarges,
die man ins Kraut steckt, die R.n abzu¬
wehren 102 ). In Böhmen verbrennt man
ein Sargstück an drei Ecken des Feldes 103 ),
in Anhalt streut man in den Zwölften
gesammelte Asche 104 ). Auch gewisse
Pflanzen schützen vor R.n, so Hanf,
Schaf- und Geißkohl 105 ) wie auch Bren-
nesseln 106 ). — Symbolische Abwehrgesten
werden mit landwirtschaftlichen Geräten
vollführt, so mit einer Sichel 107 ), einem
Staubbesen 108 ), einem Ochsenstachel (Li¬
mousin) 109 ). * Auch legt man den R.n
Hindernisse in den Weg. Man umwickelt
die Stämme der Bäume mit breiten, in
Vogelleim oder dgl. getauchten Leinwand¬
lappen oder man bindet einen Kranz von
Kornähren um den Baum so zwar, daß die
Ähren mit ihren Stacheln abwärts hän¬
gen 110 ). Wie Mäuse und Ratten wurden
i
»
u
Raute
auch die R.n von der Kanzel aus ver¬
urteilt und nötigenfalls exkommuniziert.
So 1516 in Villeneuve 111 ) und noch 1781
in Tirol 112 ). — Vereinzelt steht der Fall
«einer R.nbannung durch den bösen
Blick. Das Journal de Verdun berichtet
Nov. 1735 von einem jungen Mädchen,
•das alle R.n im Garten tötete, indem sie
nur einige Blicke auf sie warf 113 ).
78 ) Wirth Beiträge 4/5,34 (Anhalt). 79 ) Keller
Grab 5, 213 f.; Grimm Mythologie 3, 468
Nr. 928; Weinhold Ritus 32; Knuchel Um¬
wandlung 79 f. ®°) Mitteil. Anhalt. Gesch. 14, 23.
Ä1 ) S6billot Folk-Lore 3, 310. 82 ) Wirth Bei¬
träge 4/5, S. 33. 83 ) Mitteil. Anhalt. Gesch.
a. a. O.; Wirth op. cit. 4/5, S. 33; Kuhn
Märkische Sagen 382 Nr. 48; ZfVk. 7, 78.
**) Wirth a. a. O. 33. 8S ) ZfVk. 20, 386.
86 ) Wirth op. cit. 34. 87 ) S6billot op. cit.
3, 314. 88 ) op. cit. 3, 312. 89 ) Ebd. 90 ) Land¬
steiner Nieder Österreich 63. 9l ) ZfVk. 20, 386.
* 2 ) Golden bough 12, 210. 93 ) Wuttke S. 417
§ 648. 94 ) Drechsler 2, 81. 9S ) Wirth Beiträge
4/5 S. 34. ® 8 ) Andree Parallelen 2, 11; Keller
Grab 5, 211. 97 ) Schneller Wälschtirol 247;
Wirth Beiträge 4/5, S. 33. ö8 ) Ganzlin Sächs.
Zauberformeln 19^.27; Wirth op. cit. 4/5, S.34.
••) Kuhn u. Schwartz 374 Nr. 26. 10 °) Boese
Superst. Arelat. 83 ff. 101 ) Wirth op. cit. a. a. O.
X02 ) Grimm Mythologie 3, 440 Nr. 171; Wuttke
S. 416 § 648. 103 ) Grohmann 86. 104 ) Wirth
op. cit. 4/5, S. 32. 105 ) Keller Grab 5, 266 f.
1M ) Schultz Alltagsleben 241. 107 ) ZfVk. 2, 264.
108 ) Bartsch Mecklenburg 2, 457. 458. 109 ) Se-
billot op. cit. 3, 312.
110
) Jahn Opfer ge¬
brauche 217. m ) Mannhardt German. Mythen
368. 1I2 ) Keller Grab 5, 211. 266 f. u3 ) Se¬
ligmann Blick 1, 219.
8. Orakel. Als Orakeltier hat die R.
geringe Bedeutung. Bei den Deutschen
in Pennsylvanien 114 ) schließt man aus der
Farbe der R. auf die Strenge des Winters.
Sind die Enden schwarz, so werden An¬
fang und Ende des Winters hart sein, ist
die Mitte schwarz, so ist die Mitte des
Winters rauh. Eine ganz schwarze R.
bedeutet durchaus strengen Winter 115 ).
Fallen die R.n spät im Jahre von den
Bäumen, wird der Winter mild sein 116 ).
Umgekehrt schließt man in Frankreich
von der Temperatur auf die R.n. Ist es
im Oktober kalt, wird es im nächsten Jahre
wenig R.n geben 117 ). In Ille-et-Vilaine ist
der Anblick der R.n von schlechter Vor¬
bedeutung; man muß sie daher töten 118 ).
114 ) Fogel Pennsylvania 230 Nr. 1183.
115 ) Ebd. 116 ) op. cit. 282 Nr. 1198. U7 ) Rol¬
land Faune 3, 319. 11S ) Sebillot Folk-Lore 3,
3 ° 8 -
9. Volksmedizin. Die R. spielt in
der volkstümlichen Zahnheilkunde eine
gewisse Rolle. Früher glaubte man, Be¬
rührung eines Zahnes mit einer R. be¬
wirke dessen Ausfall 119 ). Jetzt noch ver¬
wendet man gegen Zahnschmerzen R.n.
Mittelbar oder unmittelbar an die schmer¬
zende Stelle gebracht, stillen sie die Zahn¬
schmerzen 12 °). Oder man hängt R.n
um den Hals und wartet, bis sie tot sind.
Dann wirft man sie in den Ofen und
betet ein Vaterunser 121 ). In England
(Sussex) gilt das Herumtragen einer R.
als Mittel gegen Wechselfieber. Die R.
soll das Fieber anziehen 122 ). Im Alter¬
tum verwendete man homöopathisch die
R.n des Kohlweißlings, mit öl einge¬
rieben, als Schutzmittel gegen den Biß
giftiger Tiere 123 ).
119 ) Urquell 3, 197. 12 °) Netolitzky Käfer
129. 121 ) Pollinger Landshut 285. 122 ) Hen-
derson Folk-Lore 150. 123 ) Hovorka-Kron¬
feid 1, 356. Riegler.
Raute (Garten-, Weinraute; Ruta gra-
veolens). 1. Botanisches. Staude mit
graugrünen, doppelt oder dreifach ge¬
fiederten Blättern, deren Teilblättchen ver¬
kehrt-eiförmig sind. Die gelbgrünen
Blüten stehen in Scheindolden. Die
Gipfelblüten sind fünfzählig (s. unter 4),
die übrigen Blüten vierzählig. Die ganze
Pflanze riecht stark aromatisch. Die R.
stammt aus Südeuropa, wird aber schon
seit Jahrhunderten besonders in den
Bauerngärten Süddeutschlands gepflanzt.
Ab und zu kommt sie auch als Überbleibsel
früherer Kultur, z. B. in der Nähe alter
Burgen, verwildert vor x ). Im Volke
werden übrigens verschiedene stark¬
riechende (Alpen-)Pflanzen als „Rauten“
bezeichnet 2 ), so die Edelraute (Artemisia
mutellina),Frauenraute, Steinraute (Achil-
leaClavenae), Goldraute (Senecioincanus)
s. auch Eberreis (2, 527).
*) Marzell Kräuterbuch 169 f.; Heilpflanzen
73—81. 2 ) Vgl. ZfVk. 3, 446.
2. In der antiken Heilkunde 3 ) und
im antiken Aberglauben genoß die R.
großes Ansehen. Sie wurde fast gegen
alle Krankheiten verwendet. Die R.
sollte besonders gut gedeihen, wenn man
543
Kaute
544
sie unter Fluchen (maledicta) aussäte 4 ),
vgl. Kümmel. Auch sollte gestohleneR.
besser gedeihen 5 ). Das Wiesel sollte im
Kampf gegen die Schlangen zuerst R.
fressen, um sich gegen das Gift zu sichern 6 ).
Ein Rezept eines St. Galler Codex (9. Jh.)
läßt die R. gegen Schlangenbiß mit einer
lateinischen Beschwörung sammeln 7 ).
Überhaupt galt die R. als ein unfehlbares
Gegengift, daher auch der ma. Spruch
der „Schola Salernitana":
Salvia cum ruta
Faciunt tibi pocula tuta 8 ).
Nach den alten Kräuterbüchern darf die
R. nicht mit Eisen berührt werden (s.
Eisen 2, 724): „Rauten leidet nit das mans
anrüre / oder schneid mit yßen / oder ein
messer“ 9 ). Auch dieser Glaube ist antik 10 ).
Wie viele andere Kulturpflanzen verdorrt
auch die R., wenn sie von einer menstru¬
ierenden Frau berührt wird 11 ), ein Glaube,
der in die alten „Zauberbücher" überge¬
gangen ist 12 ). (Pseudo-)Apuleius (475.
Jh.) 13 ) bringt das Rezept „Ad pro-
fluvium (Blutfluß) mulieris": „Herbam
rutam circumscribe auro et ebore et
argento, sublatam eam adligabis infra
talum". Als Amulett wird die R. in Süd¬
europa und in Italien auch heute noch
viel gebraucht (s. u.). R. hing man in
den Taubenschlägen auf, um die Katzen
fernzuhalten 14 ); jedenfalls sollte der
starke Geruch der R. die Katzen abhalten.
Dieses zunächst empirische Rezept wird
später zum magischen, indem die R. im
Stall gegen das Verhexen des Viehes auf¬
gehängt wird lö ). Beschwörungen (Beseg¬
nungen, Benedictionen) der R. sind nicht
selten aufgezeichnet 16 ), vgl. auch unter 4.
Als besonders zauberkräftig (vor allem
gegen den „bösen Blick") gilt die R. in
Italien 17 ), daher auch das italienische
Sprichwort: „La ruta — ogni male stuta".
Ebenso sagt man in Wälschtirol, daß die
Kamille und R. gegen alles Übel gut sei:
„Zenis e erba ruta — che da ogni mal
agiuta" 18 ). Auch in Frankreich 19 ), in
der Berberei 20 ), bei den spanischen und
ottomanischen Juden 21 ), bei den Sla-
ven 22), in Palästina &) ist die R. ein
Apotropäum. Im Neupersischen heißt
dieR. „aspand" (= die Heilige) 24 ). Wenn
die R. auch im deutschen Volksglauben
vielfach als Apotropäum gilt, so beruht
j das wohl hauptsächlich auf der antiken
Überlieferung (Einfluß der Mönchsmedizin
usw.), wie ja auch die R. selbst aus dem
Süden stammt und wohl hauptsächlich
über die Klostergärten in den deutschen
Bauerngarten gelangte. Ebenso stammt
der Name, der erst im späten Ahd. als
ruta auftritt, aus dem Lateinischen.
Es ist verfehlt, wenn Branky 25 ) die
R. als eine Pflanze des deutschen Volks¬
glaubens hinstellen will.
3 ) Dioskurides Mat. med. 3, 45; Plinius
Nat. hist. 19, 156; 20, 131; Pauly-Wissowa
2. R. 1, 1, 287 t. 296 ff. 4 ) Vgl. auch Märze 11
Fluchen usw. bei der Aussaat von Kulturpflanzen
in BayHfte. 1, 200 f. 5 ) Plinius Nat. hist. 19.
123; Palladius De re rustica 4, 9, 14.
6 ) Plinius a. a. O. 20,132; Aelian Hist.
Animal. 4, 14; Panzer Beitrag 2, 372; Höfler
Organotherapie 175; auch fälschlich als „deut¬
scher" Aberglaube angegeben: Alpenburg
Tirol 383; Vonbun Beiträge 106. 7 ) Jöri-
mann Rezeptarien 29, 8 ) Renzi Collectio-
Salernitana 1 (1852), 452. 9 ) Brunfels
Kreutterbuch 208; ebenso Tabernaemon-
tanus Kreutterbuch 1613, 398. 10 ) Plinius
Nat. hist. 19, 177. ii) Columella 9, 3, 38;
Palladius 4, 9, 14; Plinius Nat. hist. 28, 79;
Geoponica ree. Beckh 12, 25, 2. 12 ) Z. B. Mizal-
dus Hort. Secret. 1574, 31. 1») Corpus Medic.
Latin. 4 (1927), 162. 14 ) Geoponika 14, 4.
16 ) z. B. Meyer Baden 560; Marzell Bayer.
Volksbot. 201; Wuttke 103 §133. 1«) Schön¬
bach Berthold v. R. 148; Franz Benedictionen
1, 418; ATradpop. 4, 135. 17 ) Seligmann
Blick 2, 81 f. ; Gubernatis Plantes 2,327;
ATradpop. 5, 190; Folklore Ital. 2 (1926);
R. F. Günther The Cimaruta, its structure
and development in FL. 16, 132—161; vgl. auch
FL. 19, 223. i®) Schneller Wälschtirol 247.
19 ) RollandFlorepop. 4,8. 20 ) Seligmann Blick-
2, 82; Westermarck Marriage Ceremon. 1913,
27. 21 ) Seligmann a. a.O. WissMittBosnHerc!
2, 447. 22 ) Krauß Slav. Volkforschung 63.
23 ) Canaan Aber gl. usw. im Land der Bibel
1914, 64. 24 ) Schräder Reallex. 2 2,217.
25 ) Die Rauten, ein kleines Kapitel zur Sitten¬
kunde des deutschen Volkes in: ARw. 1, 104—110.
3. Im deutschen Aberglauben gilt
die R. vor allem (nach dem Vorbild der
Antike) als Apotropäum. Da besonders
die Brautleute dem Schadenzauber
ausgesetzt sind (s. 1, 1582), trägt in
vielen Gegenden die Braut R. bei sich 26 ).
Die Braut muß immer R. im Schuh
tragen 27 ). In Baden wird dies damit be¬
gründet, daß die R. „alle hundert Stund
545
Raute
546
von der Muettergottis g'segnet" sei, s.
unter 6. Ein „Ruteknöpfle" wirft man
in Schönwald (Triberg) in den Braut¬
kelch, der auf der Festtafel vor der Braut
steht. Auch legte man in Leustetten
(Uberlingen) R. ins Brautbett und nähte
früher im Wutachtal in die 4 Ecken der
Bettdecke gesegnete R. 28 ). Die „Braut¬
kerzen" sind mit R.n verflochten 29 ). Bei
den Wenden trägt die Braut ein R.n-
kränzchen 30 ), und bei den alten Preußen
trug der Hochzeitslader auf einem grünen
Haselstock ein R.nsträußlein 31 ). Auch
hier ist teilweise die Zitrone (s. d.) an
die Stelle der R. getreten 32 ).
26 ) Wuttke 370 §562. 27 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 60; Meyer Baden 285 t.; Alräun¬
chens Kräuterbuch 4 (1885), 7 (Starnberg in
Oberbayern); Becker Pfalz 141 (18. Jh.);
Fischer SchwäbWb. 5, 195 = Höhn Hoch¬
zeit 1, 29. 28 ) Meyer Baden 286. 29 ) Ebd. 295.
s0 ) Düringsfeld Hochzeitsbuch 1871, 170;
vgl. auch MschlesVk. 3, 12. 31 ) Praetorius
Deliciae pruss. 71. 32 ) ZfVk. 14, 200.
4. Die R. ist überhaupt ein Mittel
gegen Hexen usw. 33 ). Vielleicht hat
auch die Kreuzesform der Blätter und
der (vierteüigen) Blüten und Früchte
zu diesem Glauben beigetragen 34 ). Eine
1617 niedergeschriebene St. Blasische
Hs. bringt „eine schöne Kunst, daß dir
keine Zauberei in dein Hauss kommen
mag. So brich R.n und Benedicten-
Kraut oder Wurtzen und sprich:
Ich brich euch edle Kreuter schon
Durch des himelischen vatters Krön
Und durch den heiligen Geist
Daß du behältst dein Krafft und Tugent
mit gantzem fleiß,
Daß du mir seyest ein Sicherheit
Vor dem Teiffel und allen Zauberleuthen.
In dem Namen Gottes usw. Darnach
nimm die R.n und Benediktenkraut,
wachßkertzen und saltz und bind es
zusamen und laß es dreimal weichen,
darnach mach drei Stück aus der Kertzen,
die fein klein seindt, und verbors dar¬
nach in ein Thürschwellen da man da¬
rüber auß und ein geht und mach ein
Nagel darfür aus einem Eggenzan, so
ist man sicher vor aller Zauberei. Dar¬
nach bet 3 Pater noster etc." 35 ). Ähn¬
lich sagt ein altes Simmentaler Arznei¬
buch: „Dass keine häx oder gespänst
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
dem deinigen mag Schaden Thun. Nimb
R.n Wienachtbrodt (Weihnachtbrot) saltz,
Eichen Köllen (Kohlen). Borr ein Loch
in die schwellen Ver Wicklen es in ein
tuch Thu es in dass Loch Ver mach
dass Loch mit einem Rächen Zahn“ 36 ).
Den aromatischen Samen aus dem Kräuter¬
büschel (s. Kräuterweihe) legt man in
die Kissen und in die Wiege der Kinder 37 ).
Das Mittel wird bereits in den alten
Kräuterbüchern genannt 38 ). Ein Amu¬
lett gegen Blitzstrahl enthielt u. a. drei
fünflappige (s. unter 1) Früchte der R.,
die am St. Johannistag gepflückt wurden
und in ein weißes viereckiges skapulier-
ähnliches Tüchlein gelegt worden sind 3Ö ).
Überhaupt sollen diese fünfzähligen R.n
besonders zauberkräftig sein 40 ).
33 ) Wuttke 103 § 133. 34 ) Gafarelli
CuriosiUs inouies 1650 = Sterne Herbst¬
blumen 1886, 363; Tschirch-Festschrift 1926,
259. 35 ) Mones Anz. f. Kde d. Vorz. 6 (1837),
460 = Perger Pflanzensagen 204. 36 ) Zahler
Simmental 43 f., vgl. Höfler Weihnacht 27 f.
37 ) Zimmermann Volksheilkunde 1927, 49;
Meyer Baden 38; Stoll Zauber glauben 98;
auch in der Gegend von Lüttich: Sebillot
Folk-Lore 3, 489 = Rolland Flore pop. 4, 9.
38 ) Tabernaemontanus Kreuterbuch 1613,
405; Schroeder Apotheke 1693, 1131. 39 )
Stoll Zauber glauben 170. 40 ) Zingerle Tirol
1857, 68; Vonbun Sagen 38 Nr. 41; Perger
Pflanzensagen 203.
5. In verschiedenen Volkssagen wird
die R. unter den Pflanzen genannt, die
den Teufel vertreiben, vgl. Baldrian,
Dorant, Dosten, Quendel 41 ). So rief
der Teufel einer Frau in Riedichen (Ba¬
den), die er am Sonntag vormittag beim
Jäten erwischte, die Worte zu:
I wott, es wär nit selli Rute
I wott dir au krute (jäten) 42 )!
In der Oberpfalz ruft der getäuschte
Teufel aus:
Ehrenreutl und Myrrhenreutl
Bringen mich um mein Bräutl 43 );
in Tirol lautet der Spruch
Edelraut, edles Kraut, Weinkraut
Du hast mir bracht um meine Braut 44 )
und in Oberbayem
Denn der Rauten und Mithridat
Hat den Teufel um seine Braut gebracht 45 ).
In einem Hexenprozeß v. J. 158g sagt
eine Angeklagte aus, daß sie den Buhl-
teufel mit geweihter R. vertrieben habe 46 ).
iS
547
Raziel— Rebhuhn
548
41 ) SAVk. 23, 174. 42 ) Meyer Baden 286.
43 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 137; vgl. Panzer
Beitrag 2, 59. 44 ) ZfdMyth. 2, 60. 45 ) Hart-
mann Dachau u. Bruck 212; vgl. auch Mar-
zell Bayer. Volksbot. 218. 46 ) Alsatia 1856/57,
292.
6. Um angezauberte Liebe loszuwerden,
nehme man R., Weintrauben und The-
riak, von jedem ein Quentchen, lasse es
mit einer Zwiebel braten und esse dann
alles zusammen 47 ). Andrerseits ist aber
auch die R. ein Mittel, um auf magische
Weise Liebe zu gewinnen (ad amorem in
mulieribus) 48 ). Vielleicht hängt der
Glaube damit zusammen, daß die R.
als ein ,,Frauenkraut“ gilt. Sie befindet
sich häufig im „Kräuterbüschel“ (s.
Kräuterweihe) 49 ). In Willisau (Schweiz)
sagt man, die R. sei 9 Klafter tief in die
Erde hinein gesegnet. Als nämlich die
Muttergottes ihre erste „Monatsrose“
bekam, habe sie's unter einem R.nstock
verborgen 50 ). Die Verbindung mit dem
weiblichen Geschlecht hat insofern eine
empirische Grundlage, als die R. hin und
wieder im Volke als Abortivmittel Ver¬
wendung findet 51 ).
47 ) Drechsler Schlesien 1, 232; Staricius
Heldenschatz (1679), 363; ARw. 3, 287; Lam-
mert 152; Celia Thesaurus 254 = ZfdMyth.
1, 32S (remedium contra philtrum propinatum).
48 ) Latein. Beschwörung aus einer Hs. des 16./17
Jh.s: ZfdMyth. 3, 328; ZföVk. 3, 272 (Zauber¬
büchlein der Iglauer Sprachinsel). 49 ) Marzeil
Bayr. Volksbot. 53 ff. 50 ) Lütolf Sagen 377.
51 ) Mar zell Heilpflanzen 79 f.
7. Wie andere aromatisch riechende
Pflanzen (s. Rosmarin, Zitrone) ist auch
die R. eine Totenpflanze. Man
schmückt die Gräber damit 52 ). In der
Schweiz wurde in den 40er Jahren des
19. Jh.s bei Leichenbegängnissen auf das
Bahrtuch R. gelegt 53 ). Den gestorbenen
Kindern gibt man R. mit ins Grab, damit
sie nicht so schnell verwesen 54 ). In
Oberösterreich gibt man den Leichen
Kränze von R. („Weinkraut“) um den
Hals oder legt sie ihnen auf die Brust;
sie werden beim jüngsten Gericht zu
lauter Goldblumen 55 ). Die R. hieß daher
auch früher „Totenkraut“ 56 ). In Ga¬
lizien heißt die R. „maruna“, angeblich
nach der slavischen Totengöttin Marana.
Sie güt als Kraut von düsterer, trauriger
Bedeutung 57 ).
52 ) ZfrwVk. 5, 269; auch in Bosnien: Wiss-
MittBosnHerc. 4,421. 53 ) Christ Bauern¬
garten 1916, 27. 54 ) Posen: Wuttke 104 § 133;
vgl. ARw. 1, 108; auch in England in den Sarg
gelegt: Fl. 16, 66. 55 ) Baumgarten Aus der
Heimat 151. 56 ) Curtius De ruta 1715 =
Rolland Flore pop. 4, 7. 57 ) Hoelzl Galizien
158.
8 . In der Sympathiemedizin findet
üie R. hin und wieder Anwendung. Auf
der bereits in der Antike hervorgehobenen
Wirkung der R. als Emenagogum be¬
ruht das „Tiroler“ Sympathie mittel:
„wenn eine Frau hart zu Kinde geht.
Nimm harte Eier und R.n, eines so viel
wie das ander, siede die R.n in Wasser
und laß es der Frau auf das Wärmste
eine kleine Weile auf den Nabel, so ge¬
biert sie das Kind ohne Schaden“ 58 ).
Eine Besegnung gegen Gebärmutter¬
schmerzen heißt: „Ein alter Schnurren¬
kopf, ein alter Leibrock, ein Glas voll
R.nwein, Bärmutter laß das Grimmen
sein“ 59 ). Gegen Blattern hängt man
den Kindern R.nwurzeln um den Hals ®°).
R. (mit Kletten- und Teufelsabbißwurzel)
auf den Rücken gehängt vertreibt die
Flecken in den Augen 61 ). Die R. galt
schon in der Antike als augenstärkend 62 ).
Haben die Kinder Bauchweh, so darf
man nur ein Büschel R. in die Häl (den
Kesselhaken) hängen 63 ), s. auch unter 3.
Tut man einem Kranken R.nsaft in die
Nase und er niest, so wird er wieder ge¬
sund, im andern Fall stirbt er 64 ).
58 ) ZfVk. 8, 171. 59 ) Fischer SchwäbWb.
5 » 195 - 60 ) Heyl Tirol 792: Lammert 137.
61 ) 17. Jh.: SAVk. 15,92- 62 ) Marzell Heil¬
pflanzen 75. 63 ) Perger Pflanzensagen 204.
64 ) Buck Volksmedizin 39. Marzell.
Raziel s. Nachtrag.
Rebe s. Traube, Wein.
Rebhuhn. Der Name ist in seinem
ersten Teil bis heute noch nicht mit
Sicherheit gedeutet. Vgl. altsl. jar^bz,
jerzbi, lett. irbe (lauka-irbe Feldhuhn),
vielleicht stimmdeutend, ebenso wie per-
dix !).
1. Biologisches: „Jacobus, Ambro¬
sius und Isidorus erzählen, das Rephuhn
sei sehr schlecht und treulos, so daß es
anderer Vögel Eier stehle und sie aus¬
brüte. Diese Schlechtigkeit bringt ihm
aber wenig Nutzen, denn wenn die jungen
549
Rechbrett—rechnen
550
Vögel auskriechen und die Stimme ihrer
rechten Mutter hören, verlassen sie die
Bruthenne und folgen ihrer rechten
Mutter. Das Gehirn des Rephuhns ist
trockener wie das der anderen Vögel.
Deshalb ist das Rephuhn vergeßlich und
von kurzem Gedächtnis. Es vergißt gar
leicht die Stelle, wo es sein Nest hat und
verliert auf diese Weise seine Eier, die
dann ein anderes Rephuhn an sich
nimmt und ausbrütet. Nähert sich ein
Mensch dem Neste, so läuft die Henne
absichtlich dem Menschen entgegen und
stellt sich an einem Fuße oder Flügel
krank, so daß es scheint, als könne man
sie ohne Weiteres fangen. Wenn die
jungen Rephühner fürchten, man wolle
sie fangen, so heben sie mit ihren Füßen
Erdschollen auf und verbergen sich dar¬
unter. Wenn die Hähne untereinander
um die Henne kämpfen, treten die Sieger
die Besiegten und begatten sie, wie wenn
sie die Henne vor sich hätten; in ihrer
hitzigen Brunst vergessen sie den Unter¬
schied der Geschlechter. Wenn der
Vogelsteller Rephühner fangen will, so
laufen, ist erst eins im Garn, die andern
alle hinterher; die nachfolgenden sichern
sich nicht bei dem Fall des Vorgängers
und werden so alle zusammen betrogen.
Die Rephühner sind in der Brunstzeit
so hitzig, daß sie schon von dem Geruch
der Hähne allein befruchtet werden.
Denn wenn zur Brunstzeit der Wind
von den Hähnen nach den Hennen hin¬
weht, so werden sie befruchtet. Während
der Brunst bringen sie ihre Zungen zu¬
sammen und erhitzen sich so noch mehr“ 2 ).
Wenn man ihnen Wein in das Wasser
mischt, schlafen sie ein und können leicht
gefangen werden 3 ).
*) Keller Antike Tierwelt 2, 160. l ) Me¬
renberg Buch der Natur 178 t.; bezüglich des
Ausbrütens fremder Eier s. auch Grimm DWb.
s. v. R. 3 ) SAVk. 25, 155.
2. Volksmedizinisches. Die Ver¬
wendung der Galle des Vogels gegen
Augenleiden war schon der Antike be¬
kannt 4 ). Wer damit seine Schläfen be¬
streicht, stärkt sein Gedächtnis 5 ); in
die Ohren geträufelt, hilft sie gegen
Schwerhörigkeit 6 ). Die Leber, pul¬
verisiert, wird als Heilmittel gegen Epi¬
lepsie 7 ), Gelbsucht und Fieber geschätzt 8 ).
Auch das Gehirn wird schon seit dem
Altertum als Mittel gegen Gelbsucht
genossen 9 ). Der Genuß des Fleisches
befördert das Zahnen der Kinder 10 ),
R.erfüßlein gebraten, klein gestochen
und mit Rotwein getrunken, heilen die
„rote Wehe“ u ), Rauch von verbrannten
Beinen hilft gegen Gebärmutterleiden 12 ).
Der Genuß der Eier stärkt die männ¬
liche Kraft und verleiht den Frauen
Fruchtbarkeit und Milch 13 ). Hängende
Brüste werden durch Auflegen von R.-
eiern zusammengezogen 14 ). Die Asche
verbrannter Federn gibt man Schwan¬
geren ein, „wenn die Mutter nicht lieget
im Mutterleibe“ 15 ), und Riechen an an¬
gebrannten Federn hilft gegen Grim¬
men 16 ).
4 ) Höfler Organotherapie 219. 220; Jühling
Tiere 227; Megenberg Buch der Natur 179.
5 ) Höfler 220; J ühling 228; Ho vor ka-Krön*
feld 2, 192: MschlesVk. 19 (1908), 90; SAVk.
2, 262. 6 ) Jühling227; Höfler220. 7 ) Höfler
185; Jühling 227. 8 ) Höfler 185. 9 ) Höfler
129. 130; Jühling 227. 10 ) Jühling 228. n )
Ders. 228. 1Z ) Ders. 228. 13 ) Ders. 228. 13 )
Ders. 228. 14 ) Ders. 228; Grimm DWb. s.
v. R. 15 ) Jühling 228. 16 ) Ders. 227.
3. Wenn R.er über ein Haus oder
eine Siedlung fliegen, bricht über kurz
oder lang Feuer aus 17 ).
17 ) Grohmann 74; John Westböhmen 220;
Ders. Oberlohma 164; ZföVk. 6 (1900), 110.
Schneeweis.
Rechbrett. R£ Totenstarre, r£ starr x );
der Re die Leiche 2 ), reh werden be¬
deutet also: zum Tode reif sein 3 ). Der
Ausdruck ist erhalten in Rechbrett =
Leichenbrett (Tirol, Steiermark) 4 ); s.
Totenbrett.
*) Vilmar Wb. 318. 2 ) Schmeller Bay-
Wb. 2, 1. 3 ) Heckscher 205. 4 ) J.B. Schöpf-
Hofer Tirolisches Idiotikon 1866, 541; Unger
u. Khull Steir. Wortsch. 495. 487; vgl. Wirth
Anhalt. Vk. 180; Meyer Baden 597ff.
Peuckert.
Rechen s. Nachtrag.
rechnen. Reiser 1 ) erzählt von einem
Rechenkünstler, der „alles, was man nur
haben wollte“, ausrechnen konnte. „Hatte
man z. B. irgendwo etwas gestohlen, so
konnte er herausrechnen, wo das Gestoh¬
lene sei, und zu welcher Stunde es ge-
18*
55i
Recht
553
Recht
554
stöhlen sei“. Dieser vereinzelte Aber¬
glaube stammt aus der Zeit, da das R.
noch für eine geheime Kunst galt. Aller¬
dings fügt unser Bericht auch schon in
leichter Ironie hinzu, daß ,,er nicht er¬
rechnen konnte, welche Nummern in der
Lotterie gewinnen würden“. Anschließend
an diesen Aberglauben wird der Schwank
von zwei Rechenkünstlern wiedergegeben,
die gegenseitig ihren Wohnort, Namen
und Alter ausrechneten. Dieser schon im
Indischen bekannte Schwank 2 ) wird auch
noch aus der Schweiz berichtet 3 ).
*) Reiser Allgäu i, 223. 2 ) Holzmann Ind.
Sagen 2, 62! 3 ) Lütolf Sagen 252; Nider-
b erg er Unterwalden 1, 61. Tiemann.
Recht. 1. Die Beziehungen zwischen
dem R.sieben der älteren Deutschen und
den Formen alter Sitte und alter Sage
und umgekehrt die Spuren ursprünglichen
Zaubers und einstiger religiöser Anschau¬
ung in der älteren R.sübung sind schon
wiederholt behandelt worden, zumeist von
Vertretern der deutschen R.sgeschichte,
die zahlreiche größere und kleinere Einzel¬
untersuchungen geliefert haben, deren
wichtigste im folgenden noch genannt
werden; es sind im letzten Jahrzehnt auch
einige zusammenfassende Betrachtungen
erschienen 1 ).
*) Grundlegend E. Frh. v. Künßberg
R.sgeschichte u. Volkskunde, JbhistVk. 1 (1925),
69 — 125. 314 — 327; s. a. ders. in ZfDkde 1922,
321 ft.; im Handwb. d. R.swissenschaften 1, 3t.:
, .Aberglaube", ,,Aberr.", 4, 647t.: ..R.liche
Volkskunde"; in Spam er Deutsche Volks¬
kunde 1, 5520.; in OdZfVk. 7, 6ofT.; in Peßler
Handbuch d. Deutschen Volkskunde', CI. Frh.
v. Schwerin Volkskunde u. R. in Diepgen-
v. Schwerin-Tschumi Volkskunde (1928) 5 ff.;
W. Steller Volkskunde u. R.skunde, ZfVk. 42
(i933h
2. Vor einem halben Jahrtausend trieb
das deutsche Geistesleben der verhängnis¬
vollen Überfremdung durch das römische
R. zu und damit einer endgültigen Spal¬
tung in gelehrte R.sprechung und
überlieferte R.ssitte, welche ein Teil
nur gewesen ist jener Zerreißung des
deutschen Volkes in „Gebildete“ und
„Ungebildete“, die schon durch die latei¬
nisch sprechende christliche Kultur des
Mittelalters vorbereitet worden war. Zwi¬
schen dem neuen toten Gelehrtenr. und
der alten lebendigen Volkssitte wuchsen
keine Verbindungen; als ein immer kom¬
plizierterer Apparat meisterte jenes den
Gang des Lebens und erdrückte des
Volkes Gestaltungswillen, statt ihn in
Schwingung zu erhalten 2 ), und es ver¬
drängte des Volksr.s lebendige Formen
um toter Papierrede willen aus dem
herrschenden R. in die unbeachtete Sitte 3 ).
Seit der Rezeption des römischen R.s ist
also die Einheit unserer Kultur auch auf
den Gebieten von R. und Sitte verloren
gegangen, jene Einheit, die das ma.e
Christentum 4 ) trotz seiner fremden For¬
men und Stoffe noch einmal gestaltet zu
haben scheint. Vordem ist sie da ge¬
wesen als ein Zusammenklang und eine
innere wie äußere Verwandtschaft
von R. und Sitte 5 ), von R.sanschau-
ung und religiösem Glauben, von
R.sübung und Zauberbrauch. Es
flössen nicht nur die Grenzen zwischen
R.sprechung, Lebenssitte, Religionskult
und Zauberritus, alle diese Formen
menschlicher Lebensgestaltung wurzelten
in einem gemeinsamen Boden, die gleiche
tiefe Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit
beseelte Handlung und Sprache in R.,
Sitte und Religion, aber auch der gleiche
strenge Formalismus durchdrang auf jener
früheren Stufe das R.sleben wie später
noch die Vorschriften bäuerlicher Sitte
oder die Methoden abergläubischer Zau¬
berei 6 ). So vernichtete überall ein ein¬
ziges Versprechen die Wirkung des Ge¬
sagten. Dem römisch-deutschen R. waren
solche innere und äußere Verbindung mit
der Volkssitte und jede beachtliche Ein¬
wirkung auf diese versagt, unverbunden
blieb es daher stets auch unvolkstümlich,
ja, als ein fremder Ausdruck der herr¬
schenden kulturellen und wirtschaftlichen
Auffassung mußte es seine Träger, die
allein „Gebildeten“, unheilvoll den Trä¬
gem der älteren, heimischen Auffassung,,
den nunmehr „Ungebildeten“, entfremden,
deren R.swelt unterdrückt ward oder
höchstens noch als Sitte weiterdauerte,
s. a. § 5; Richter.
3 ) v gl* Grimm RA. 1, Vorrede S. 18f.;
Sartori Sitte u. Brauch 1, 6f.; Reuschel
Volkskunde 2,65; HessBl. 1, 207f.; Hellwig
in SAVk. 10, 22ff.; Schwerin a. a. O. 7f.;
Freudenthal Feuer 251; ZRGgerm. 51 (193 1 )»
561; ZfVk. 42, 123. 3 ) ZRG. 51, 204; 54, 2790.;
s. a. Herbert Meyer R. u. Volkstum (1933);
Freybe Leben im R. (1889) Einleitung! 4 ) Vgl.
Anm. 29. ö ) ,,Für das in der Volkssitte wurzelnde
R. sind das klassische Volk die Germanen",
Usener in HessBl. 1, 206; s. a. F. L. Jahn,
Dt. Volkstum c. 1 (Reclamausgabe S. 48); Heck¬
scher 178s. (das R. nur eine Sonderentwick¬
lung der Sitte); s. a. JbhistVk. 1, 314t. 6 )
JbhistVk. 1, i22f.; ZfVk. 42, 121.
3. Wir gewinnen die Deutung eines
weitgehenden kultisch-zauberischen
Gehalts des alten R.slebens, ja,
1
geradezu des Ursprungs des R.sformalis-
mus aus einstigem Zauberbrauch 7 ), wenn j
wir das R. in seinen einzelnen Handlungen j
und Worten beobachten und belauschen, j
wie sie uns als „R.saltertümer“ ausge- \
zeichnete Forscher zusammengestellt ha- •
ben, allen voran J. Grimm und K. von ;
Amira 8 ). Eine eindringliche Sprache I
reden die alten R.ssymbole oder Wahr- 1
Zeichen, deren gleichgeartete Verwendung j
in Sitte und Kult deutlich die anfängliche
Einheit von R., Sitte und Religion er¬
weist 9 ). Vgl. die Artikel Axt 1, 743 *-» !
barfuß 1, 915, Bart 1, 929 h, bedecken
1, 968 t., Beine kreuzen 1, 1015, berühren
1, 1104h, Besen 1, 1132, Bier 1, 1270,
Blut 1, 1435 10 ), durchkriechen 2, 484h.,
Einkleidung 4, 1497. 1509h. u ), Erde 2,
898h 903. 906 12 ), Faden 2, insff. 13 ), !
Fahne 2, 1120h 14 ), Feuer 2, 1389h. 15 ),
Finger 2, 1486t., Fuß 3, 229, Gebärde 3,
331. 334 f., Glocke 3, 875 16 ), Gras-Halm
3, 1358h., Grenzstein 3, 1137h. 17 ), Gür¬
tel 3, 1221 ff., Haar 3, 1260h., Hammer
3, 1371 l8 ), Hand 3, 1380. 1389. I 397 f -
Handschlag 3, 1401h. 4, 1138, Hand¬
schuh 3, 1405h., Haube 3, 1550h, Haus¬
marke 3, 1573 19 )> Hemd 3, 1710. 1721,
Henkersmahl 3,1746h., Herd 3,1766h. 20 ),
Hinterer 4, 66, Hose 4, 407, Hut 4, 527 h.,
Kerze 4,1245 21 ), Kesselhaken 4,1272!. 22 ),
Keule 4, 1288h., Kind 4, 1314, knien 4,
1572. 1576, Kreis 5, 462h., Kreuz 5, 561,
Kugel 5, 754 ff-> Kuß 5 » 8 49 f » Mantel 5,
1588h., Mehl 6, 90f., Messer 6, 190 **),
Nacktheit 6,828 h., Ohrfeige 6,1217 t., Ohr¬
zupfen 6,1210, Pfahl, Pfeil, Pferd, Pflug,
rechts, Ring, Rock, Roland, Schere,Schild,
Schleier, Schlüssel, Schuh, Schwert 24 ),
Seil, Sichel, Span, Speer, Spindel, Sporn,
Stab, Staub, Stein, Strohwisch, Stuhl,
Tisch, Türe, Verbot, Wagen, Wasser,
Wein, Weinkauf 4, 1138h. 25 ), werfen 28 ),
Wettlauf, Zweig. S. a. die gleiche ban¬
nende Aufgabe von Hegung und Um¬
wandlung in Kult, Magie und R.sbrauch,
3,1628h. 5, 474h 27 ). Die engen, geradezu
identifizierenden Beziehungen zwischen
germ. R. und germ. Religion bzw.
alter religiöser Weltanschauung (Toten¬
glauben und Ahnenkult) hat man schon
länger erkannt 28 ). Die christliche
Religion hat natürlich dieses uralt ge¬
wachsene Bündnis durch eine Durch¬
dringung des R.slebens mit ihrem Geist
und ihren Formen zu zerreißen und um¬
zuwandeln gesucht 29 ). Heidnisch sind
so vielleicht zu deuten die imaginäre
Strafe des Ausdärmens für den Baum¬
schäler in Weistümem des 14. und 15. Jh.s
durch die Vorstellung von der Baum¬
seele 30 ), die Strafe des Steintragens als
Ausläufer eines alten Steinopfers 31 ); be¬
stimmt rührt die Heiligung der Hasel im
R. aus dem alten Glauben 32 ). Man muß
freilich Vorsicht üben in der kultischen
Deutung alter R.ssymbole; so braucht der
Hammer noch nicht mit Donar in Ver¬
bindung gebracht zu werden, er mag eher
auf primitiven Gerätefetischismus und auf
die Vorrangstellung des Schmiedes im
Gemeinschaftsleben zurückgehen 33 ). Un¬
zweifelhaft hat der präanimistische Glau¬
ben an das Fortleben des Toten noch
lange in vielen R.shandlungen Ausdruck
gefunden wie in der Pfählung, der Witwen-
! Verbrennung, den Totenbeigaben, der
; Ehescheidung nach dem Tod des Gatten,
der Verheiratung mit dem toten Bräuti¬
gam, der Klage mit dem Toten, dem Be¬
reden des toten Mannes, der Beweis-
! führung am Grabhügel, dem Strafvollzug
| am Toten, dem Bahrrecht, der Beurtei¬
lung von Leichenraub und Grabschändung
als eines Eingriffs in die R.e des Toten 34 ),
vgl. 6, 568 f. Weitere Beziehungen zwi¬
schen R. und Religion liegen in den
Adoptionsriten (1, 194h.), in den zu r.-
lichen Grenzbegehungen gewordenen Flur¬
umgängen (s. u. §5; 2, 1681), schließlich
in dem sakralen Gehalt der alten Todes-
555
Recht
556
strafen, vgl. Hingerichteter 4, 3 7ff., Strafe.
Zum R.szeremoniell s. a. Gericht 3, 669 ff.
4, 32, Mutterrecht 6, 706 ff. 35 ).
7 ) ZRG. 52, 285; vgl. H. Meyers Arbeiten,
s. u. Anm. 9. 28. 29. 103. 8 ) Grimm RA.
(1. Ausgabe 1828); Amira Die Handgebärden
in den Bilderhss. des Sachsenspiegels (1905);
ders. Stab (1909); ders. Todesstrafen (1922);
vgl. HessBl. 27, 187 A. 87; s. a. Osenbrüggen
Deutsche R.salteriümer aus der Schweiz (1858/59);
ders. Studien ; Freybe Leben im R. (1889);
Lau ff er Deutsche Altertümer (1918) 74 ff.;
A. Mail ly Deutsche R .saltertümer in Sage u.
Brauchtum (1930); Zingerle Tirol 2030.;
Vernaleken Alpensagen 374*1.; Andree-
Eysn 22off.; Cysat 75I; Birlinger Aus
Schwaben 2, 457—530; ders. Volksth. 2, 186;
John Westböhmen 333*5.; W. Müller Hessische
R.salteriümer, HessHmt. 1; Fontaine Luxem¬
burg 129**.; Heckscher Hannover. Volksk.
1, 2iiff.; B. E. Siebs Die Helgoländer 48f.
58ff.; P. Bartels Deutsches R.sieben in der
Vergangenheit mit bes. Berücksichtigung Nieder¬
deutschlands (1924); Freudenthal Feuer 53ff.
158t. i69ff.; erwähnt sei die Zusammenstellung
von R.sgebräuchen bei Nork Sitten 10650.;
über die bäuerlichen Weistümer vgl. R.
Schröder Lehrbuch d. dt. R.sgeschichte 6 76off.
u. v. Künßberg Deutsche Bauernweistümev
(1926), bes. S. 164; JbhistVk. 1, 3i6ff. 323ff.;
0 stberg Norsk bondereis (19140.); s. o. Bienenr.
1, 1251; Friede 3, 84 f.; Gastfreundschaft 3,
310; Jüngstenr. 4, 857!.; Kreuzweg 5, 529;
Meise 6, 1240. 9 ) Vgl. neben Grimm RA.
L 153—284 (darunter 2470.: Münze) u. Amira
a. a. O. den Überblick v. Schwerins in Hoops
Reallex. 3, 469—477; v. Künßberg in JbhistVk.
1, 96ff.; Mailly a. a. O. 8ff.; Freybe a. a. O.
281 ff.; Borchling R.ssymbolik im germ. u.
röm. R., Vorträge d. Bibi. Warburg 1923,
227*5.; J. Herwegen Germ. R.ssymbolik in der
röm. Liturgie ; v. Künßberg Schwurfinger¬
deutung u. Schwurgebärde, ZfSchweizR. 39
(1920), 3840.; H. Meyer Das Handgemal als
Gerichtswahrzeichen des freien Geschlechts bei den
Germanen, Untersuchungen über Ahnengrab,
Erbhof, Adel u. Urkunde, Forschungen z.
Deutschen R. Bd. 1 H. 1 (1934); Vordemfelde
Religion bes. 47fr. (Ring). 90ff. (Stab); HessBl.
30/31, 123f. (Ring); ZRG. 31, 278. (Stab¬
brechen); Weinhold Frauen 2, 345; Sartori
Glocken 130; Heckscher Hannover. Volksk.
1, 222ff.; Becker Pfalz 279*5. 304I 334. 394;
ZfVk. 40, 29ff. (d. blaue Stein zu Köln); 41,
43ff. (d. Domnapf zu Speyer); OdZfVk. 5,
88ff.; HessBl. 27, 187 (weitere Lit.); s. a.
Sittl Gebärden i29ff.; F. Wolf Beiträge zur
R.ssymbolik aus span. Quellen, SitzbWien 1865;
sexueller Deutungsversuch bei Storfer Jungfr.
Mutterschaft 29f. 62ff. (Stab). 100ff. (Szepter,
Schwert). 157t. (Hammer). 10 ) S. a. Grimm
RA. 1, 2650. X1 ) S. a. Ernst Mayer Die
Einkleidung im germ. R. (1913); ZRG. 52, 283.
l2 ) S. a. Grimm RA. 1, i54ff. 13 ) S. a. Mailly
a. a. O. 47ff. l4 ) S. a. Anm. 28. lfi ) S. a. Grimm
RA. 1, 268 f.; ZfvglRw. 40 (1923). 362 h.
16 ) Zum Glockenklang (u. Schall überhaupt)
als R.smaß, gewaltbegrenzend gleich dem
Abwehrzauber des Läutens, vgl. Grimm RA.
1, 106ff.; Mailly 68ff. 17 ) Zur Lit. über Grenz¬
altertümer vgl. Schröder R.sgeschichte Anm.
zu S. 13; Mailly 59ff. 18 ) Zum Hammerwurf
vgl. noch Grimm RA. 1, 78ff. 91 f.; Vordem¬
felde Religion 22ff.; Schröder a. a. O. 460;
Germania 13, 402f. 416ff.; JbhistVk. 1, 126.
129. 133**. l9 ) S. a. Meyer Handgemal passim,
bes. S. 17ff. 50 ff. 20 ) Zum Herdfeuer in der
R.ssymbolik (Feuerlöschung, Herdumwand¬
lung) vgl. Freudenthal Feuer 54ff. 21 ) Ebd.
I58f. 169*5. 22 ) Ebd. 57*5.; Grimm RA. 1,
271 ff. 23 ) S. a. Mailly 52 ff. 24 ) Zu Schwertleite
u. Ritterschlag vgl. ZRG. 45 (1925), 5280.;
zum Eheschwert ebd. 52, 276*5. (H. Meyer
legt Gegenteiliges zu dem oben 4, 160 von
Kummer Behaupteten dar). 25 ) Vgl. v. Kün߬
berg R.ssprachgeographie (1926) 34h. u. Ver¬
breitungskarten von Leitkauf u. Weinkauf.
26 ) S. bes. Grimm RA. 1, 78ff.; Mailly i8ff.
27 ) Knuchel Umwandlung bes. S. 92ff. iooff.
1050.; Grimm RA. 1, ii9ff.; Mailly 9ff.
47ff. 28 ) Vordemfelde Religion (1923);
Amira Todesstrafen ; ARw. 11, i2off.; H.
Brunner Deutsche R.sgeschichte 2 1, 39. 150.
153. 181. i84f. 219. 245h. 261 ff. 2, I9ff.;
H. Schreuer Altgerm. Sakralr., ZRG. 34
(1913), 313ff.; H. Fehr Deutsche R.sgeschichte
(1925 2 ) 13. 68. 189; Schwerin Volkskunde
u. R. 18ff.; H. Meyer R. u. Religion bei den
Germanen, Z. d. Akademie f. Deutsches R. 2
( J 935 ). 8—14. 51; ders. Heerfahne u. Rolands¬
bild, Untersuchungen über „Zauber” u. Sinnbild
im germ. R., Göttinger Nachrichten, phil.-hist.,
1930, 478ff.; über Fahne vgl. noch ders. in
ZRG. 50, 3ioff.; 51, 204ff.; 52, 285; 53, 291 ff.;
HansGeschbl. 56 (1931), 5ff.; HistorZ. 147
( x 93 2 )> 27 78. 311 ff.; s. a. Bachofen Mutter¬
recht 71. 135. 140; Meyer Germ. Myth. i8ff.
253; Golther Mythologie 545h.; Meyer
Religgesch. 54; Reuschel Volkskunde 2, 12.
29 ) Zum Einfluß der christl. Kirche auf die
dt. R.sentwicklung vgl. Reuschel a. a. O.
2, 73 (Verlobung betr.); Schröder R.sgeschichte
386f. (Zauberei u. Meineid betr.); SAVk. 26,
i68f. (Selbstmörder betr.); s. a. Gottesurteil
oben 3, 994h. u. v. Schwerin Rituale für
Gottesurteile, SitzbHeid. 1932/33 (vgl. ZRG.
54, 3040.); S. Hardung Vorladung vor Gottes
Gericht (1935) (s. o. 3, 974 *-; 4> 77 2 *-); AStraf-
recht 61 (1914), 449 f- 462 h. (strengere Beurtei¬
lung der schwangeren Mädchen u. Kindsmörde¬
rinnen seit der Reformation); mit H. Meyer
sei darauf hingewiesen, wie die ma. christl.
Kirche dafür sorgt, daß die (weltliche) Ehe¬
schließung von der Hausgerichtsstätte, dem
heidnischen Hausaltar, an die Kirchtür verlegt
wird, wie unter der Herrschaft des Gottes¬
friedens der Christentempel an die Stelle der
Dingstätte, der Kirchturm (engl, steeple) an
die Stelle des Gerichtspfahls (stafflum regis)
557
Recht
558
u. das Glockengeläut an die Stelle des Gerüfts
zu ihm tritt; vgl. ZRG. 52, 293; HansGeschbl.
56, ögff.; Meyer Handgemal 79f. 98ff.: der
heidnische Kreuzpfahl des Gerichts in das er¬
höhte Kreuz des Herrn umgedeutet. 113. 127.
3C ) Schwerin Volkskunde u. R. 18; vgl. Mak-
kensen in ZfDkde. 1924, iff. 21. 31 ) JbhistVk.
1, iozff.; v. Schwerin a. a. O. 20. 32 ) Ebd. 19;
Grimm RA. 2, 434; Vordemfelde Religion
88ff. 33 ) Ebd. 22ff.; s. o. 3, 1372. 34 ) H.
Schreuer Das R. der Toten, ZfvglRw. 33,
333 ö- 35 i; 34 » Grimm RA. 2, 5198.;
Hoops Reallex. 4, 339ff.; Brunner R.sge¬
schichte 1, 39f. io8f. 245h 250; Schwerin
Volkskunde u. R. 20. 22; H. Scherer Die
Klage gegen den toten Mann; R. His Der Toten¬
glaube in der Geschichte des germ. Strafr.s (1929);
ZRG. 51, 548h.; Vordemfelde Religion i5iff.;
ARw. 11, 123h.; 20, 217. 224t.; NdZfVk. 5,
i43ff.; ZfVk. 42, 132ff.; JbhistVk. 1, 321 (un¬
garisch). 35 ) Vgl. noch H. Meyer Friedelehe u.
Mutterr., ZRG. 47, I98ff. 52, 369h.
4. Zauberbrauch in alten R.ssitten.
Daß die älteste R.sübung über die Ein¬
flüsse der religiösen Weltanschauung hin¬
aus weitgehend Zauber und Dämonen¬
abwehr gewesen ist, beweisen schon die
zauberischen Vorgänge des Bannfluches
oder des Eides (2, 659^.; 6, H2ff.) und
seiner Erweiterung, des Gottesurteils
(3, 994h.) 36 ). Denn einst gehörte der
Zauberkult zu den Ordnungen des ge¬
meinsamen Lebens, ja, er bildete in frühen
Zuständen seinen wichtigsten, mit Sitte
und R. eng verwachsenen Inhalt 37 ).
Manche zunächst unverständliche Ge¬
bärde alter R.sübung hat sich daher der
heutigen Forschung als Zauberbrauch
enthüllt 38 ). Hier hat Goldmann einige
gute Beispiele entwickelt aus dem R.
der fränkischen Zeit. Wenn damals der
Aussteller einer Urkunde das noch un¬
beschriebene Pergament, bisweilen mit
Tintenfaß und Feder auf die Erde legte
und dann wieder aufhob oder durch den
Schreiber aufheben ließ, erkennen wir
einen stärkenden Berührungszauber
mit der Kraft der Erde 39 ). Berührungs¬
zauber begegnet ebenso in der Form des
heidnischen Eides, bei dem der Schwö¬
rende den beschworenen Gegenstand (spä¬
ter Kreuz oder Bibel!) berühren muß, j
wie im Handschlag 40 ). Umgekehrt setzte
man noch im 19. Jh. einen Verbrecher
auf einen Teppich, um die Berührung mit
der Erde zu verhindern 41 ). Wenn der
zahlungsunfähige Wergeidschuldner in sein
Haus treten und aus den vier Hausecken
Erde (Staub) in die geballte Hand zu¬
sammenraffen soll, welche ,,gesiebte Kru¬
me" (chrene cruda) er von der Schwelle
mit der Linken rückwärts über die Schul¬
ter gegen seine nächsten zur Zahlung ver¬
pflichteten Verwandten hinauszuwerfen
hat, deuten wir dies als einen Eid¬
zauberritus 42 ). Ebenso ist die Ehe¬
schließung nach altem R., wie H. Meyer
dargetan hat, unter Verwendung symbo¬
lischer Handlungen mit Schwert und
Ring mit Eidzauber geladen 43 ). Gegen¬
stände, die stark und heilig
sind in Zauber und Brauch,
werden ebenso gerne bei R.s-
handlungen hinzugezogen, wie
Goldmann ausführlich vom Kesselhaken
gezeigt hat 44 ). Die Zauberkraft gewun¬
denen und geknoteten Strohs führte zu
dessen Verwendung als Verbotszeichen
wie als Pfandschaub 45 ). Auch die Nackt -
heit bei R. shandlungen, bei der
Haussuchung (zumeist wegen gestohlener
Tiere!), beim Gottesurteil, beim Grenzeid
ist zauberisch-kultisch bedingt 46 ). Ein
zauberischer Gehalt der R.shandlung wird
ferner deutlich in Verträgen und Pro¬
zessen mit schädlichenTieren,die
durch die Kraft eines feierlichen Vertrages
oder einer mit Anwendung bedeutungs¬
voller R.ssymbole vollzogenen Strafe ge¬
bannt werden sollen 47 ). Eine ganz große
Rolle hat bis in die jüngste Zeit Zauber aller
Art gespielt in der Selbsthilfe des Volkes
gegen die häufigsten Störer der R.s-
ordnung, die Diebe, bei ihrer Abwehr
und Verfolgung, ihrer Entdeckung und
Bestrafung, vgl. Dieb 2, 201 ff. In den
Gottesurteilsverfahren ist manche dieser
Zauberhandlungen zeitweise auch in das
offizielle Gerichtsverfahren hinübergeglit¬
ten, vgl. 2, 207Ö.; 3,1041 f. Eine Mischung
von R.sbrauch und Zauberbrauch (ban¬
nende Absteckung eines Friedkreises durch
Wurf) begegnet im ,,Hühnerr." vieler
Weistümer 48 ). Dieses erinnert an die
oben genannte Umhegung (Umhaselung)
des Gerichtsplatzes, die zum Bereich des
magischen Kreises zu rechnen ist.
S. a. losen 5, 1362^.
559
Im umgekehrten Sinne wird Zauber
heute noch vor, d. h. gegen das Gericht
bewußt geübt, besonders bei der Eid¬
leistung, die selbst als gefährlicher
Zauber gelegentlich abgelehnt wird, so
von schwangeren Frauen, die verhüten
möchten, daß infolgedessen das Kind viel
mit dem Gericht zu tun haben werde 49 ),
s. o. 2, 659«.; 3,673h. 1714; 6, I22f.
Wie gegen diese R.spflichten sucht man
auch mit Friedhoferde und Totenzahn,
Menschenfett und Hasenpfote sich von
der Militärdienstpflicht zu drücken 50 ).
38 ) Schräder Sprachvergleichung 2, 409;
Ebert Reallex. 4, 25off.; 11, 5off.; vgl. bes.
Fehr Gottesurteil u. Folter (s. o. 3, 1006); Dt.
Literaturztg. 1927, 622 t. 37 ) Wundt Mythus u.
Religion 3, 418. 38 ) Hier ist, gegenüber
v. Schwerin Volkskunde u. R. 16, zu sagen,
daß in diesen Fällen die Volkskunde der R.s-
geschichte weiterhelfen kann, während sie in
der Deutung vieler Volkssitten umgekehrt der
R.sgeschichte verpflichtet ist. 39 ) E. Gold-
mann Car tarn levare, Mitt. d. Instituts f. österr.
Geschichtsforschung 35 (1914), iff.; vgl.
JbhistVk. 1, 87f. 113. 40 ) Amira Die Hand¬
gebärden usw. 239ff. 257h; Schwerin a. a. O.
2of.; Meyer Handgemal 86ff. 104t. 119; Grimm
RA. 1, 96£E. 4l ) Ave-Lallemant D. dt.
Gaunertum 2, 21. 42 ) Lex Salica tit. 58; Gold-
mann Chrenecruda (1931); s. a. ders. Beiträge
zur Geschichte d. fränk. R.s I (1924); Vordem¬
felde Religion 69ff.; ZRG. 52, 361. 43 )Ebd. 28off.
44 ) Goldmann Andelang (1912); s. a. die ein¬
gehende Untersuchung der Riten bei der Ein¬
führung der deutschen Herzogsgeschlechter
Kärntens in den slovenischen Stammes verband,
ders. Einführung (1903); zu Goldmanns
Schriften vgl. die Besprechungen ARw. n,
i2of.; 20, 226; JbhistVk. 1, 314; HessBl. 24,
i 79 ff. 27, 191. 45 ) Wiffa der Lex Bajuvariorum,
Schwerin a. a. O. 19; Vordemfelde Religion
59ff. 46 ) v. Schwerin Die Formen der Haus¬
suchung in idg.en R.en (1924) bes. S. 19Ü.;
vgl. Goldmann in ZRG. 45, 457Ö. 47 ) Amira
Tierstrafen u. Tierprozesse, Mitt. d. Instituts
f. österr. Geschichtsforschung 12 (1891), 545 ff.;
Vordemfelde Religion I02f.; Pappenheim
Zur Frage der Tierstrafen, ZfSchleswHolstGesch.
52 (1923); Wundt Mythus u. Religion 2, 169fr,
Fehr D. R. im Bilde, Bild 7off.; ders. D. R.
in d . Dichtung 312. 356. 464; JbhistVk. 1, 323;
s.o. 4, 697.908; 6, 53. 48 ) v. Künßberg Hühnerr.
u. Hühnerzauber, JbhistVk. 1, I2öfi. 49 ) Vgl.
Hellwig in SAVk. 10, 24; ARw. 12, 46!!.;
AKrim. 61, 112; JbhistVk. 1, 87. 50 ) Ebd.
1, 89.
5. R. und Sitte. In noch höherem
Maße als früherer Zauberbrauch sich in
altem R. erhalten hat — ein echtes
560
Stück Aberglauben, wirkt einstige R.s-
übung in späterer Sitte weiter —
oft ein vermeintliches Stück Aberglauben.
Zu Beginn der historischen Zeit zeigt sich
das germ. R. schon von der Sitte abge¬
grenzt 51 ). Die Spaltung in R. und
Sitte ist mit der Geburt der staatlichen
Macht erfolgt, als mit der Volkwerdung
eine staatliche Ordnung über der Ordnung
von Familie und Sippe bzw. Dorfgemein¬
schaft aufgerichtet wird. Während in
der frühesten Ordnung Sitte (Moral) und
R. noch zusammenfallen in eine einzige
Begrenzung aller antisozialen Regungen,
die das in strengen Normen von den Ahnen
überkommene Gemeinschaftsleben stören,
tritt mit der Staatwerdung das R., auch
schon als ungeschriebenes Gewohnheits-
r. 52 ), als der Ausdruck der herrschenden
kulturellen und wirtschaftlichen Auffas¬
sung des Gemeinschaftslebens mit der
zwingenden Gewalt des Gesetzes der
Sitte gegenüber, die im Gebäude der
neuen Ordnung zu einer grundlegenden
Unterschicht von eigentümhcher Bedeu¬
tung „hinabsinkt": sie ist wohl ausge¬
schlossen von der herrschenden, entschei¬
dend bestimmenden Ordnung; doch waltet
sie, obgleich nur mit psychischem Zwange
ausgestattet, dem auch physisch zwingen¬
den R. benachbart, weiterhin in allen
Bezirken des Gemeinschaftslebens, die
das Gesetz ihr nicht genommen hat; und
als eine Unterschicht (in dieser Beleuch¬
tung!) nimmt sie außer Geltung kom¬
mendes R., wenn es dem Volke vertraut
und angemessen ist, auf, um es als Sitte
zu erhalten; umgekehrt schöpft ein volks¬
nahes R., wenn es einer Erneuerung oder
Ergänzung bedarf, aus den gegebenen
Gestaltungen der Sitte 53 ).
So ist vieles, was einst r.lich notwendig
gewesen, im deutschen Volke später noch
brauchmäßig festgehalten worden. Es sind
die Grundlagen der Verlobungs- und
Hochzeitsriten aus dem R.sieben ge¬
schöpft, soweit sie nicht unmittelbaren
zauberischen Ursprung haben 54 ). Das
Auf halten des Brautwagens, das Vor¬
spannen des Hochzeitszuges wird nicht
nur als Abwehrzauber, sondern auch als
alte R.shandlung gedeutet, als Uber-
t 561
*
1*.
: l . nähme der Braut in den neuen Verband;
' r die beiden Deutungen brauchen einander
nicht auszuschließen, da uns altdeutsche
Quellen gerade bei den Hochzeitsriten
deutlich den Gang vom Zauber über den
R.sbrauch zur Sitte erkennen lassen 55 );
auch das an verschiedenen Orten übliche
Stabbrechen bei der Heirat könnte auf
einen R.sbrauch zurückgehen; durch den
w •
’ Handschlag verpfändet sich der Verlobte;
das Treten des Bräutigams auf den Fuß
der Braut bei der Eheschließung und das
i Einsteigen der Braut in einen vom Bräuti-
1 gam gegebenen Schuh sind Unterwerfungs-
-i Symbole, die Übergabe des Handschuhs
der Braut an den Bräutigam ein In¬
vestitursymbol 56 ). Solche R.ssitten sind
auf allen möglichen Gebieten aufzuspüren.
Gleich dem Ritterschlag promovierte noch
1800 in Rügen der Pferdehirte zum
Knecht mit einer Maulschelle, die der
Großknecht erteilte 57 ), ein Einführungs¬
ritus wie das karpathendeutsche Prit¬
schen 58 ). Noch lange finden Gesinde¬
wechsel 59 ) und Hausbau (3, 1560fr), Be¬
sitzeinweisung 60 ) und Viehkauf (4,1138ff.)
„mit aller Zierde des R.s" statt 61 ).
. Auch in unser Alltagsleben ragen
noch alte R.sformen hinein 62 ), so im
Hutabnehmen, in den Spielregeln der
jugendlichen Kampf spiele (altes Fehder.)
und in den Pfänderspielen 63 ).
Die R.shandlung des Verpfändens
bei einem Vertragsabschluß, sei es der
eigenen Person 64 ) durch Handschlag,
sei es der Person oder einer Leistung
durch Hingabe eines stellvertretenden
Symbols als z. B. eines Handschuhs
(s. o. 3, 1407h; 14, 1138ff.) hat über die
zur bloßen Sitte gewordenen ursprüng¬
lichen R.svorgänge des Ehe Versprechens
und der Eheschließung 65 ) hinaus häufige
Nachahmung in Volkssitte und Volks¬
sage gefunden. Der Wiedergänger, der
erlöst werden will, verlangt von dem
dazu WÜligen zur Bekräftung des Ver¬
sprechens nach R. und Sitte eine Verpfän¬
dung durch Handschlag oder Pfand;
man gebe ein Taschentuch oder einen
Stock 66 ), sonst verbrennt der Tote die
Hand oder reißt einen Finger ab 67 ). Man
verschafft sich umgekehrt Gewalt über
562
Zwerge, wenn man sich eines Pfandes
bemächtigt, am besten der Mütze 68 ).
Das Pfand stellt also eine zwingende Be¬
ziehung her; deshalb muß man auf einen
zauberisch gefundenen Schatz ein „Pfand"
drauf werfen 69 ); man denkt an das Pfand,
das ein Verfolgter einst in eine Freiung
werfen konnte, um sich dadurch schon
des Schutzr.s zu versichern TO ). Ver¬
dunkelt ist die r.liche Bedeutung in der
Opfer- und Bannhandlung, da man, um
Raubtiere von verlaufenem Vieh abzu¬
halten, ein Beil oder anderes Eisen durchs
Fenster warf mit den Worten: nimm
wahr, da hast du ein Pfand für.. . 71 ).
Sage und Sitte des Volkes haben so
manche R.sübung durch die Jahrhunderte
bewahrt, die das Gelehrtenrecht längst
beiseite geschoben hatte, so daß man
mitunter auf ein unerwartet langes Fort¬
wirken alter deutschr.licher Einrichtungen
stoßen kann 72 ),, vgl. Dieb 2, 226 §5f.
Altes, aufgegebenes R. ist auf diese Weise
gleich dem zum Aberglauben gewordenen
überholten Glauben vielfach geradezu
zum Aberr. geworden 73 ). Dies güt be¬
sonders von dem gemeinen Manne gün¬
stigen R.szuständen als freie Jagd und Fi¬
scherei oder Allmendgenuß bis zu immer
wieder durchbrechenden Urgefühlen der
Selbsthilfe, Blutrache, Lynchjustiz 74 ).
Alte Verwandtschaftspflicht zur Eidhüfe
lebt in der Meinung fort, daß Meineid zu¬
gunsten nahestehender Personen ent¬
schuldbar sei 75 ). Aberr. (und nicht Un¬
sittlichkeit, in gewisser Hinsicht sogar
Einwirkung des kanonischen R.s) ist es,
wenn auf dem Lande noch immer das ehe¬
liche Leben meist schon mit dem Abschluß
der Verlobung beginnt 76 ). Die Gottes¬
urteile, zumal Bahrprobe und Hexenbad,
überhaupt die Vorstellungen vom Gottes¬
gericht führen noch lange in der Volks¬
sitte ein inoffizielles Dasein als solches
Aberr. Gleich diesen enthüllt sich noch
mancher harmlosere Aberglaube als alte
R.ssitte, so wenn die Osnabrücker Gro߬
mutter dem Neugeborenen ein Stück
gebratenen Apfel in den Mund steckt,
„damit es einen reinen Atem bekomme",
doch einst deshalb, weil das Kind erst
Anspruch auf Leben erhält, wenn es etwas
Recht
Recht
563
Recht
564
Speise zu sich genommen hat, und dann
nicht mehr ausgesetzt werden darf 77 ).
Bis heute greifen noch abergläubische
Meinungen in den Ablauf des R.slebens,
so die Tagewählerei beim Abschluß von
wichtigen Verträgen 78 ), Abwehr- und
Glückszauber bei Dienstbotenwechsel,
Viehkauf und Besitzantritt.
In der Schweiz wurden sonst längst
geschwundene R.sbräuche, in erster Reihe
solche, die zur Erhaltung des Friedens in
der Gemeinde dienten, als gültige R.ssitten
bis ins 19. Jh. bewahrt 79 ). Es entspricht
der Farbigkeit des alten R.s, daß gewich¬
tigen R.shandlungen als wie Kaiserkrö¬
nungen, Grenzumgängen, Hinrichtungen
Festsitten des Volkes in freudigem Aus- |
maß folgten m ). Zuweilen haben sich ehe¬
malige R.sübungen nur noch als sinnlos
gewordene Volksbelustigungen be¬
hauptet, z. B. die Übersendung (und Ver¬
steigerung) des Lambrechter Geißbocks
nach Deidesheim am Pfingstdienstag,
einer ursprünglichen jährlichen Abgabe
für ein Weider. 81 ). Dies ist nicht die
einzige alte Servitut, welche als Festsitte
oder Spiel weitergedauert hat 82 ). Es
kommt aber auch vor, daß zu Unrecht
einem Festbrauch vom Volk ein r.licher
Ursprung unterschoben wird, so 1587 in
Ingelheim, da das Radbrennen als Trutz¬
handlung gegen frühere r.liche Übergriffe
eines Mainzer Bischofs angesehen wird 83 ),
ein Aberr.sglaube, der zur R.ssage hin-
übemeigt. Das Kinderspiel hat sich
als eine reiche Quelle alter und neuer R.s¬
bräuche erwiesen 84 ). Die pfälzischen
Sommertagsbräuche enthalten vielleicht
auch ein Stück alter R.ssymbolik 85 ).
Alles Gemeinschaftsleben in natür¬
lichen und Zweckgemeinschaften, in
Alters-, Geschlechts- und Standesgemein¬
schaften 86 ) wie in den Nachbai schäften
(6, 753ff.) verläuft in geordneten
Bahnen, Ordnungen und Einrichtungen,
die naturgemäß sowohl die Formen alter
R.sübung bewahren als auch stets neue,
R.ssitten innerlich und äußerlich ver¬
wandte Formen hervorbringen müssen
und R. zu schaffen vermögen 87 ). S. a.
Sitte und Brauch 88 ). Die Nachbar¬
hilfe der bäuerlichen Sitte bei Arbeit
und Fest, in Not und Lust ist vom R.s-
brauch zur bloßen Sitte geworden 89 ).
Das Gildebier einer westfälischen Bauern¬
schaft hat sich als Gilbertfeier erhalten ®°).
Wie in den Nachbarschaftsverbänden
lebt in den Burschenschaften ma.es
Einungswesen mit autonomen Satzun¬
gen, Organen und Gerichtsbarkeit 91 ).
Die Ordnungen der Sitte heißen R.: die
Pfingstreiter holen ihr Pfingst-R. 92 ), man
spricht von Kußr.en (5, 862). R.sähnliche
Sitte ist die sittenrichterliche Tätigkeit
der Knabenschaften bzw. der Narren¬
gesellschaften. Diese und andere Volks-
justiz nimmt oft geradezu Prozeßform
an mit Ankläger, Verteidiger und Rich¬
tern, mit Urteil und Vollstreckung in
effigie 93 ). Vgl. Amecht 94 ) 1, 361. 6, 168,
Gericht 3, 670t., Haberfeldtreiben 3,1291,
Katzenmusik 4, 1126. 5, 1822b, Mai¬
baumsetzen 5, 1517 b, Narrengericht
6, 968 t. Solchen Parodien von Gerichts¬
oder Ratsverhandlungen, die wie das Ge¬
richt der Eizacher Schuddig altdeutsches
R. durch das Verfahren im Ring wider¬
spiegeln 95 ) und das Rüger, der bäuer¬
lichen Weistümer ausüben, stehen jüngere
Parodien von R.svorgängen als politische
Kampfmittel zur Seite 96 ). R.sformen
ahmen schließlich auch die Mädchen¬
versteigerungen des Mailehenbrauches 97 )
nach und die Hinrichtungsspiele im Früh¬
ling 98 ).
Auf der Grenze zwischen R.sübung
und Sitte stehen heute noch die Funktion
des Handschlags beim Vertragsabschluß,
bei Kauf und Verkauf, Verlobung und
Hochzeit; des gemeinsamen Trunks nach
Abschluß eines Geschäfts, des Wein¬
oder Leitkaufs; des aus dem Lehenr.
entwickelten Brauchs, ein Angeld (Gottes¬
heller) zu geben 99 ); oder die uralte
Sitte der feierlichen Grenzbegehung,
die auch in protestantischer Gegend,
z. B. in Arnstadt, wo sie den angenom¬
menen Charakter als St. Markusprozession
(5, 1704) wieder verloren hat, noch lange
als reiner R.sakt fort lebt, durch welchen
die Bürgerschaft die Grenzen ihres Weich¬
bildes gegen die Bauern zu sichern sucht
und der endlich auf einen beliebigen Tag
der Herbstzeit verlegt wird 10 °). Zur
565
Recht
566
Übereinstimmung von altem R. und
Sitte bzw. Volksglauben s. a. Jahresfrist
4, 607 b, Scheinhandlung. Befreiung
eines zum Tod Verurteilten durch Heirat
vgl. Verurteilter.
61 ) Hoops Reallex. 3, 467t. 52 ) Schräder
Reallex . 2 2, 221 ff . 53 ) 1. Mai, vgl. Sartori
Sitte 1, 2. 6f. 64 ) Fruchtbarkeitszauber u.
Abwehrzauber, vgl. oben 4, 170!!.; HessBl. 27,
155; Naumann Grundzüge 80ff.; Fehrle Volks¬
feste 92 f.; Becker Pfalz 2300.; Hanika
Die falsche Braut , Heimatbildung Reichenberg
1926. 6S ) ZRG. 52, 276!!. 56 ) Hoops Reallex .
3, 4700.; vgl. Bächtold Hochzeit; K. Frölich
Die Eheschließung des dt. Frühmittelalters im
Eichte der neueren rechtsgeschichtl. Forschung,
HessBl. 27, 144—194. 2850., bes. S. 154. 1900.;
Sartori Sitte 1, 52ff.; Reuschel Volkskunde
2, 73 ff.; Schwerin Volkskunde u. R. 23;
Andree Braunschweig 303 f.; JbhistVk. 1, 123;
ZfVk. 35/36, 162; s. u. Anm. 103. 57 ) Lauffer
Niederdeutschland (1934) 2 4 2 - 58 ) Dt. Volks¬
kunde im außerdt. Osten (1930), 13 f. 113.
Reuschel a. a. O. 2, 7off. 60 ) NdZfVk.
13, ii9ff. 61 ) v. Künßberg bei Spamer Dt.
Volkskunde 1, 555; vgl. Mackensen ebd.
1, 109. 113. 122ff. („Sitte u. Brauch“); ders.
in NdZfVk. 3, 52ff.; Schwerin a. a. O. 22L
62 ) JbhistVk. 1, 123; MsäVk. 6, 232 h. 63 ) ZRG.
13 (1878), 220; v. Künßberg R.shrauch u.
Kinderspiel 48L 53b; Heckscher i6if. 411;
Erk-Böhme 3, 865; Lauffer Niederdeutsche
Volksk. 100. 64 ) Im MA. verpfändete man von
Haupt, Fuß, Hand, Treue, Ehre bis zur Seele,
Kondziella Volksepos 76b; Grimm RA. 2,
169L €5 ) Bächtold Hochzeit 1, 1230.; über
Ehepfänder vgl. Hoffmann-Krayer 31 (16. u.
17. Jh.: Bänder, Tücher, Messer, ein Stück Brot,
Geldmünzen); s. o. 3, 613. 66 ) Strackerjan
1* 2400. 67 ) Schell Bergische Sagen 53; Mak-
kensen Nds. Sagen 5. ® 8 ) Heckscher 74b
69 ) Lütolf Sagen 507. 70 ) Künßberg Kinder¬
spiels' 7. 71 )Montanus Volksfeste 11g. 72 )Lauf¬
fer Nieder deutschland 162 b 73 ) JbhistVk. 1,
ii5ff. 123; die Bezeichnung prägte v. Kün߬
berg, vgl. Grimms etwas anders gemeinten
,,R.sglauben“, Grimm RA. 2, 342. 74 ) Vgl.
das R.sgefühl der aisl. Sagas, A. Heusler Das
Strafr. der Isländersagas (1911), u. die helgo-
länd. Auffassung des Strandr.s, Siebs Helgo¬
länder 11. 48h 90. 75 ) Schwerin a. a. O. 23.
76 ) Sartori Sitte 1, 58; SAVk. 27, 171; Siebs
a. a. O. 65ff.; JbhistVk. 1, 119: hier weitere
Beispiele „aberr.licher“ Laienmeinung. 77 ) Sar¬
tori Westfalen 77. 78 ) JbhistVk. 1,86. 79 ) Hoff¬
mann-Krayer 65L; Reuschel Volkskunde
2, 67; vgl. Lehmann Sudetendeutsche 187.
80 ) JbhistVk. 1, 75f. 103. 81 ) Becker Pfalz
322f. 82 ) Parallelen: JbhistVk. 1, 75. 83 ) Ebd.
1, 70; vgl. die Wandlungen des Hildesheimer
Maigrafenritts, ebd. 74f. 84 ) v. Künßberg
R.sbrauch u. Kinderspiel, SitzbHeid. 1920;
JbhistVk. 1, 77; Heckscher i6iff. 411. 435;
Dt. Forschung H. 6 (1928), 37b; J. Meier
Alter R.sbrauch im brem. Kinderspiel, Festschr.
z. 400jahrfeier d. A.Gymn. Bremen (1928),
229ff.; E. Angstmann D. Henker i. d. Volks¬
meinung (1928) 103b; Adrian Von Salzburger
Sitt’ u. Brauch (1924), 243; ZföVk. 33, 12;
SchwVk. 13, 11; ZfVk. 40, 40; OdZfVk. 5, 90b;
BlpommVk. 2, 47; 3, 123b; 4, 144. 83 ) Becker
Pfalz 304b 321b 86 ) Vgl. oben Knabenschaften
4 » 1564; 5, 1004; Handwerker 3, 14190.; R.
Wissel 1 Des alten Handwerks R. u. Gewohnheit
(1929); vgl. ZRG. 49, 6730. 50, 522ff. 87 ) Vgl.
Graf-Dietherr Dt. R.ssprichwörter ioff. 88 ) Vgl.
Usener in HessBl. 1, 207Ü.; Reuschel a. a. O.
2, 72b; Schwerin a. a. O. 22b; G. Koch
Maß u. Ordnung, ein Beitrag zur Ethik des
Bauerntums, HessBl. 26, 1040. 89 ) Reuschel
2, 67 ff. (Literatur). 90 ) Sartori Westfalen
128b 91 ) Sartori Sitte 2, 188; Meyer Baden
491; Wrede Rhein. Volkskunde 220; Schul-
lerus Siebenbürgen 1460.; Schwerin a. a. O.
23. 92 ) Lyncker Sagen 249; Becker Pfalz
321 f.; Sartori Sitte 2, 26. 114. 93 ) Ebd. 2,
114. 116. 173b 179b 189; 3, 48. 108. ii9fb 161.
212 ff. 232. 242 (Volksjustiz zu verschiedenen
Festzeiten); Reuschel Volkskunde 2, 78 f.;
Naumann Grundzüge 6of.; Schröder R.$-
geschichte 628b 661. 832. 836 A. 23; Mailly
a.a. O. 163b 167; R. Beitl Dt. Volkskunde
(i 933 ) I 49 Ü-; Mackensen bei Spamer 1, 144;
Adrian Volkstüml. Rügegerichte im Salzburgi¬
schen, MAG. 56 (1926); Birlinger Aus Schwa¬
ben 2, 1; Hoffmann-Krayer 59. 132h.;
SAVk. 8, 81 ff. i6iff.; SchwVk. 11, 38; Mein
Elsaßland 1, 421 f.; Becker Pfalz 282. 285;
Fox Saarland 369!.; Wrede a. a. O. 223b 263;
ZfrwVk. 24, 52 f. 94 ) S. a. HessBl. 1, 2290.
95 ) Hmtl. 13, 20. 96 ) JbhistVk. 1, 76. 97 ) Sartori
Sitte 3, n8f.; Becker Frauenr.liehes (1913),
bes. S. 9ff.; ders. Pfalz 223. 314. 98 ) Sartori
Sitte 3, 203; Angstmann a. a. O. 103!.; s. o.
4, 57 *- 99 ) S. o. 4, 11380. 10 °) E. Einert Aus
den Papieren eines Rathauses (1892) S. 5;
Knuchel Umwandlung 102b 1070.; Reuschel
Volkskunde 2, 65b; Sartori Sitte 2, 184b;
Künßberg Kinderspiel 14fr; ZfDkde. 1922,
332; Wrede a. a. O. 221; ZfrwVk. 14, 127L;
Fehr Der Liestaler Grenzumgang, OdZfVk. 2,
90 ff.
6 . Die Einwirkung der alten R.s-
gedanken und R.sgebräuche auf andere
Seiten mehr des geistigen Lebens ist
hier nur zu erwähnen, für weiteres sei
auf die entsprechenden Einzelarbeiten
verwiesen. Das Fortleben früherer R.s-
vorstellungen und R.ssitten in den zahl¬
reichen R.ssagen 101 ) gehört zusammen
mit der Abbildung des R.slebens im
Märchen 102 ), in der Dichtung über-
! haupt 103 ) wie in der bildenden Kunst 104 ).
Die R.ssagen unterscheidet v. Künß-
1
567
Recht
568
berg 105 ) in drei Gruppen: 1. Ursprungs¬
sagen, die von der Entstehung eines
R.s 106 ), Erteilung eines Privilegs, einer
Freiheit, von sagenhaften Gesetzgebern
u. dgl. erzählen; 2. R.sschutzsagen,
sie berichten warnend von Verbrechen
und Strafe 107 ); 3. Sagen von R.sdenk-
mälern 108 ) und Wahrzeichen (Wappen-
und Namensagen), R.sorten und R.s-
personen i09 ). Nicht Aberglauben darf
solche Überlieferung genannt werden,
sondern mit Heusler ,,das historische
Wissen des Volkes, die Verklärung seines
Glaubens an sein R." uo ). Diese Be¬
urteilung schließt nicht aus, daß jene
sagenhafte Deutung des Volkes sehr oft
in die Irre geht und so zum aberr.lichen ;
Glauben wird, zu sagenhaftem R., das
niemals gegolten hat, sondern getrübter,
falscher Erinnerung oder gar reiner Phan¬
tasie entsprungen ist. Das gilt besonders
von den r.sgeschichtlichen Greuel¬
märchen von furchtbaren Strafen des
MA.s wie das Ausdärmen und die Eiserne
Jungfrau, von Femgericht und Leib- j
eigenschaft (ius primae noctis!), oder
von mißverstandenem Humor im R. 111 ).
So verkünden auch die R.ssprich¬
wörter, eine ergiebige Quelle volks¬
tümlicher R.sweisheit, zuweilen paro¬
dierendes Pseudor., wie z. B. „Einen
Kuß in Ehren kann niemand wehren“ 112 ).
Die R.ssprichwörter sind jedoch im großen
Ganzen ein ernstes Zeugnis eines alt¬
begründeten R.sgefühls, gipfelnd in dem
unerbittlichen, zornigen Begehren: R.
muß doch R. bleiben 113 ); unbelehrbare
bäuerliche Prozeßsucht ist die Kehrseite
dieses R.sgefühls, wenn starre Eigen¬
sucht es verdunkelt. Davon hebt sich
wieder ab auch ein Gerechtigkeits¬
gefühl des Volkes, das sich neben dem
Sprichwort am stärksten in der Sage i
kundgibt, und im Märchen, mit mehr j
oder weniger offen moralisierender Ten- i
denz, doch nicht ohne präethische, magi¬
sche Störungen 114 ); vgl. die Ansichten
des Volksglaubens über Strafe und Ver¬
brechen (s. d). Von jenen Störungen ;
einer primitiven Denkart abgesehen, ver¬
langen sie unbedingt, daß Unr. im Leben
durch Unrast im Grabe gesühnt werde 115 ).
S S. a. Selbstmörder, unehrlich, untreu.
Verurteilter.
1
r
101 ) Böckel Volkssage 108; R.ssagen ent¬
halten zerstreut die meisten Sagensammlungen;
Ranke Sagen hebt diese Gattung nicht hervor;
gute Beispiele geben: Fehr R. u. Aberglauben
im St. Galler Land (St. Galler Tagblatt 1919),
eine Analyse der R.ssagen in Kuoni St. Galler
Sagen; ders. D. R. in d. Dichtung 451 ff. (bes.
Analyse von Grimms Sagen u. Märchen);
Lütolf Sagen 3870.; Müller Urner Sagen 1,
61 ff.; Mackensen Nds. Sagen 209ff.; ders.
Hanseat. Sagen 96ff.; Mailly Dt. R.saltertümer
in Sage u. Brauchtum passim; s. a. Müllen -
hoff Sagen Einleitung S. 51; Heckscher
Hannover. Volksk. 1, 322 f.; Roch holz Sagen
2, 875.; Walliser Sagen i, 172. 233. 263; 2, 110
(vgl. Fehr a. a. O. 4580.); E. Hoyer Rübezahl
u. R.s ge schichte, SudetendtZfVk. 2, 1235.
102 ) K. Friedrichs Das R. in den Kinder- u.
Hausmärchen, MschlesVk. 22 (1920), i6ff.;
v. Künßberg in ZfDkde. 1922, 3240.; AKrim.
38, 340ff.; HessBl. 27, 189. 103 ) A. Hellwig
in Zfvgl.Rw. 17, 166ff.; 18, 4290.; Fehr Das
R. in der Dichtung (1931); ders. Das R. im
Iwein in Festschrift f. E. Mayer (1932);
JbhistVk. 1, 83f.; G. Müller R. u. Staat in
unserer Dichtung (1924); Strothmann Die
Gerichtsverhandlung als literar. Motiv (1930);
O. Zallinger Die Eheschließung im Nibelungen¬
lied u. in der Gudrun, SitzbWien 1923; ders.
Die Ringgaben bei der Heirat u. das Zusammen¬
geben im ma. dt. R., SitzbWien 1931; vgl.
H. Meyer Die Eheschließung im Ruodlieb u.
das Eheschwert, ZRG. 52, 2760. (s. a. ders.
Friedelehe u. Mutterr., ZRG. 47, 1980.); ZRG.
52, 368ff.; HessBl. 27, 1870.; Volkslied:
ZfDkde. 1922, 323!.; Fehr Das R. im dt.
Volksliede, Volk u. Rasse Nov. 1926; ders.
D. R. i. d. Dichtung 4320.; zur Poesie im R.
vgl. J. Grimm Von der Poesie im R. (1815);
RA. 1, 45ff.; Golther Mythologie 6240.;
Meyer Poesie im alten thurgauisehen R. (1890);
JbhistVk. 1, 123. 104 ) Fehr Das R. im Bilde
(1923); Amiras Ausgaben ma. Bilderhss. vgl.
ZRG. 47, 6850.; 48, 657; s. a. ZRG. 44, 3295.
47 » 8 54 : ZflübGesch. 1919, 135ff.; Schand-
gemälde: JbhistVk. 1, ioöff. 314h.; ZfGORh.
NF. 44, 601 f.; ZRG. 51, 5140. 105 ) JbhistVk.
I, 70; ZfDkde. 1922, 326ff. loe ) Besonders
ausgebildet bei den Friesen, ZfVk. 42, 119t.
i*7) Ygi di e Meineidsagen oben 2, 669f.; 6,
ii2ff.; vgl. noch Kohlrusch Sagen 82. 213L
2i8f. 276t. 375. 412L; SAVk. 15, 17; R.sstreit-
sagen z. B. Heyl Tirol 211; Herzog Schweizer-
Sagen 2, 235s.; SAVk. 2, 4b; Künzig Schwarz¬
wald 293f. 297; Bechstein Thüringen 2, 259t.;
Mailly a. a. O. 77ff.; Hinrichtungssagen vgl.
Angstmann a. a. O. 1040. 108 ) Z. B. Klapper
Schlesien 48ff.; Künzig a. a. O. 282. 366
(Freiburger „Meineidsäulen“ = einfache Stadt¬
bannkreuze); Mailly a. a. O. 2150. 109 ) Z. B.
von Freistätten: Mackensen Nds. Sagen
210 f.; Leng gen hager Sagen 94; Unterschie-
569
Recht
570
*
bung von Mordnacht sagen (6, 574) anstelle {
alter R.sbräuche, Tobler Kl. Sehr. 98f. |
uo ) A. Heusler Schweiz. Verfassungsgeschichte
(1920) 77ff. 1U ) JbhistVk. 1, 70L 117. I2iff.
315; OdtZfVk. 7, 61 f.; HessBl. 27, 171; ZfdA.
46, 158L; Grimm RA. 1, 531. 2, 39L 76. 342;
Liebrecht Zur Volksk. 426; Schambach u.
Müller 333L 547; Heckscher 149L; Kuhn
Westfalen Nr. 115; O. Gierke Der Humor im
dt. R. 112 ) JbhistVk. i, 72f. 1230. (Literatur,
das Hauptwerk:) E. Graf u. M. Dietherr
Deutsche R.ssprichwörter (1864. 1869 2 ); s. a.
ZRG. 5 (1866), 280.; Grimm RA. 1, 45ff.;
E. Osenbrüggen Die dt. R.ssprichwörter
(1876); Freybe Leben im Recht 201 ff.; K.
Rother Die schles. Sprichwörter u. Redens¬
arten (1928) 272ff.; Amira Grundriß 15;
Brunner R.sgeschichte 1, 9. 153; Hwb. d.
R.swiss. 4, 648; ZfVk. 6, 2iif. 42, i2if.; DG.
12, 252h; HessBl. 27, 189; L. Günther Dt.
R.saltertümer in unserer heutigen dt. Sprache
(1903); L. Winkler (Heutiges) Dt. R. im
Spiegel dt. Sprichwörter (1927); v. Künßberg
Rechtsverse, Neue Heidelberger Jbb. 1933,
89—167; ders. Flurnamen u. R.sgeschichte,
ZRG. 51,93ff.; ZfDkde. 1922, 330L; JbhistVk.
1, 72. 314; Schwerin a. a. O. 24; hingewiesen
sei hier auch auf das entstehende Deutsche
R.swörterbuch, vgl. ZRG. 54, 2690.
us ) Heckscher 217; ZfVk. 9, 48; SAVk. 25,
229; Urquell 1, 122L (eine bosn. Parallele);
Dieterich Nekyia 20$i.\ vgl. die volkstümliche
R.sanschauung, ausgedrückt in den allgemeinen
R.ssprichWörtern, Grafu. Dietherr iff. 2850.;
Freybe a. a. O. 114 ) Vgl. NdZfVk. 5, 231 f.
6, 109f. 115 ) E. Goez Der Schuldbegriff in der
dt. Volkssage der Gegenwart, NdZfVk. 6, 1290.
222ff.; 7, 3ff. bes. 1520. 244h.
7. Die Äußerungen des R.slebens
als allgemeine R.ssatzungen wie als ein¬
zelne R.sentscheidungen, als Urteile und
als Verbote, sind nicht nur daraufhin zu
betrachten, wieweit sie den gleichen
Gesetzen folgen wie die Gebiete der
Volkskunde — Aberglauben, Sitte, Sage —
sondern auch wieweit sie als Quellen
volkskundlicher Erkenntnis aus¬
genutzt werden können. Und da bieten
sie reichen Stoff.
a) Sie enthüllen uns abergläubische
Gesetzgeber und Behörden früherer
Zeiten, die den Zauber in den Dienst des
R.slebens stellen 116 ), am bekanntesten
bei Eid und Gottesurteilsverfahren
und im Tierprozeß. Abergläubische
Furcht ließ die Kindsmörderinnen pfählen,
schuf die aus Teufelsangst geborene
Folter 117 ), umnachtete am grauen¬
haftesten und folgenschwersten die Ge¬
richte des Abendlandes für einige Jahr¬
hunderte in den Hexenprozessen 118 ).
Von 1631 bis 1678 galt in Lugano eine
Verordnung, Hexen nur im Winter zu
verfolgen, damit sie nicht die Früchte
schädigten 119 ). Noch im 18. Jh. fehlen
nicht mancherlei abergläubische Verord¬
nungen von Amtspersonen wie der 1742
zur Bekämpfung von Feuersbrünsten vom
Herzog von Sachsen-Weimar bestimmte
Gebrauch von Holztellem mit der Sator-
formel 12 °) oder das Verbot, 1654 in
Sulzbach, 1723 und 1748 in Trier und
in Fulda, bei Sonnen- oder Mondfinsternis
Vieh aus dem Stall zu lassen, bevor die
giftigen Nebel sich verzogen hätten, vor
denen man auch die Brunnen bedecken
ließ, ein Stück naturwissenschaftlichen
Aberglaubens 121 ). Noch harmloser wirkt
jener Ansbacher Schultheiß, der 1758
dem Förster von Solnhofen amtlich be¬
stätigt, daß er Osterhaseneier abgeliefert
hat 122 ).
b) Diese Rechtsquellen zeigen uns noch
häufiger und bis in die Gegenwart aber¬
gläubische Verbrecher und Ver¬
brechen aus abergläubischen Beweg¬
gründen, das heißt kriminellen Aber¬
glauben im eigentlichen Sinne. Darüber
vgl. Dieb 2, 201 ff. 229ff. Verbrecher.
c) Endlich finden wir Gesetzgeber und
Behörden schon seit ältesten geschicht¬
lichen Zeiten 123 ) im Kampf gegen
den Aberg 1 auben höheren und niederen
Grades. Zahlreiche Verbote einzelner
Bräuche und Ansichten von weltlicher
(wie von kirchlicher) Seite sind uns
kostbarste Quellen der volkskundlichen
Forschung geworden. Am lebhaftesten
ging das R. in der Zeit der Karolinger
vor, um die Trümmer des Heidentums
zu bekämpfen, und dann wieder in der
Zeit der Aufklärung, um den Aber¬
glauben auszurotten, der während der
Verwirrung und Verrohung des 16. Jh.s
aufgeschossen war 124 ), vielfach freilich
in nüchternstem Nützlichkeitsglauben ver¬
ständnislos auch den schönen Festbrauch
unterdrückend wie Maiensetzen und Jo¬
hannisfeuer 125 ). Entartungen und Aus¬
schreitungen haben bis zur Gegenwart
zu Verboten und Einschränkungen von
57i
rechts—reden
572
Festsitten (vor allem an Fastnacht)
geführt 126 ). Eine traurige, aber reiche
Quelle abergläubischer Erkenntnis fließt
in den Hexenprozeßakten 127 ), vgl. die
Quellen des Aberglaubens oben 1, 79 ff.
Neben dem kriminellen findet auch anderer
Aberglaube gelegentlich Niederschlag in
Gerichtsakten, vom Gesundbeten und
Tischrücken 128 ) bis zum Lourdes- |
wunder 129 ).
Den behördlichen Verboten von Fest- '
*922, 334. 132 ) Solcher amtlichen Festgestaltung
und Stilbildung des Volkes durch ein eigenes
Propagandaministerium gehen seit dem 19. Jh.
die Bemühungen um Nationalfeiertage in
allen Kulturstaaten voraus, die zum Teil den
langsamen Weg von der Sitte zum R. gehen
müssen, wie 6. VI. in Schweden und 1. VIII. in
der Schweiz. Müller-Bergström.
rechts s. Nachtrag.
reden (und ohne Bedeutungsunter¬
schied sprechen).
Der Aberglaube bezieht sich
sitten stehen seit dem 19. Jh. auch
Anregungen von Volksfesten gegen¬
über, wie des Münchener Oktoberfestes
oder des preußischen Totensonntages 130 );
und neben Tanzverboten hat es in alter
und neuer Zeit gelegentlich nicht auch
an Tanzgeboten gefehlt 131 ), eine Art
der amtlichen Formung des Volkslebens,
die das Dritte Reich in Deutschland,
zum Teil nach italienischem Vorbild,
in eindringlicher Weise auf den ver¬
schiedensten Gebieten der Lebensgestal¬
tung ins Werk gesetzt hat von den Gru߬
sitten bis zur Frühlingsfeier des „Tages
der Arbeit“ und zum Erntedankfest der
Bauern 132 ).
116 ) JbhistVk. 1, 85BE. H 7 ) Fehr in ZRG.
53 , 3*7 U8 ) ZfVk. 42, 126L; vgl. neben
Soldan-Heppe S. Riezler Geschichte der
Hexenprozesse in Bayern (1896), bes. S. 29
(Volksjustiz 1090). 131 ff. 152ff. 164^. 272ff.
u. die Arbeiten Byloffs (s. u. A. 127); s. u.
Richter. u») ZfschweizR. N. F. 22, 86 =
Schwerin a. a. O. 8; Angst vor Liebeszauber
s. o. 5, 1285. 120) JbhistVk. 1, 86 = ZfVk. 42,
125 f. 12 i) Ebd.; F ox Saarland 308. 122 ) JbhistVk.
1, 86. 1 23 ) Vgl. die Bekämpfung von zauberi¬
schem Felddiebstahl u. Schadenzauber im röm.
Zwölftafelgesetz, F. Beckmann Zauberei u. R.
in Roms Frühzeit (Diss. 1923); entsprechend
die germ. Volksrechte, Vordemfelde Religion
124g. 12«) JbhistVk. 1, 93 ff.; Schwerin
a. a. O. iof.; ZfVk. 42, 124t. 125 ) Reuschel
Volkskunde 1, 22; Sartori Sitte 1, 6f.; 17. u.
18. Jh. sind in allen dt. Territorien reich an
allgemeinen Polizeiordnungen wie Einzel manda-
ten, die sich neben der Aberglaubensbekämpfung
aus merkantilistischer Einsicht vor allem gegen
Kleideraufwand und Festmahlzeiten, aber auch
alle anderen Festsitten und Festgeschenke rieh- j
ten, die Unkosten verursachen. 126 ) JbhistVk.
1, 73 f* 127 ) S. o. Hexe 3, 1832f. 18530.; Milch¬
hexe 6, 295ff. 312ff.; vgl. die Quellenarbeiten
Byloffs, verzeichnet in Byloff Hexenglaube
(* 934 ) S. 169. i 28 ) AKrim. 61, 156s. 69, 245.
4 off. i 29 ) AKrim. 61, 99f. 1 30 ) Spamer FoW.
158; vgl. F. L. J ahn a.a. O. c. 7, 3. 131 )ZfDkde. I
A) auf das rein Physiologische des Sprech-
i Vermögens,
B) auf die Bedeutsamkeit des R.s (im
; landläufigen Sinne),
I C) auf die Störung von Handlungen
durch das R.
D) R. ist Zukunft kündend.
A) Beim Sprechvermögen ist der Be¬
ginn und die Leichtigkeit des R.lernens
von größter Wichtigkeit. Daher werden
Mittel angewendet, die diese wichtigste
Phase in der Entwicklung des Kindes
fördern sollen, bzw. die Behinderung be¬
seitigen. Sympathetische Bräuche und
Analogiezauber dienen dazu.
Aberglaube, der die Erlernung des
R.s fördern soll: In dem späten R.-lernen
vermutet man bösen Zauber, es erscheint
die Zunge gebunden 1 ). Hierher gehört
das Lösen des Zungenbändchens durch
die Hebamme, damit das Kind schnell
sprechen lernt. Früher war das eine von
den Hebammen allgemein geübte volks¬
medizinische Praktik 2 ). Damit das
Kind leicht sprechen lernt, schenkt man
ihm beim ersten Besuch ein Ei (Ober¬
schwaben in den Oberämtern Tuttlingen,
Geislingen, Aalen, Gaildorf, Mergent¬
heim) 3 ). Man öffnet den Patenbrief so¬
gleich 4 ), über dem Mund des Kindes 5 ).
Der Pate schlägt ihm stillschweigend mit
einem neuen Löffel dreimal über den
Mund (Böhmen) 6 ); man gibt ihm Bettel¬
brot 7 ); es erhält oft Wasser von seiner
eigenen Badewanne (Appenzell) 8 ); man
kratzt ihm den Schmutz vom Scheitel,
wenn es nicht r. lernt 9 ). Es wird ein im
Backofen zusammengebackenes Brot über
seinem Haupt auseinander gebrochen 10 ).
Zu beachten ist, daß hier der Mutterleib
als Backofen erscheint, und ferner, daß
573
reden
574
W.
«
1
n» :
a.
3
ein nicht vollwertiger Mensch als nicht J
ausgebacken allgemein bezeichnet wird, j
Mehl, das aus der Mühle gebracht wird, ,
muß sogleich ausgeschüttet werden, denn 1
sonst lernen die Kinder nicht r. (Mähren) 11 ), j
Zwei Kinder, die noch nicht sprechen
können, soll man sich nicht zusammen
küssen lassen 12 ); vgl. den franz. Aber¬
glauben: man bringt Kinder, die nicht
rechtzeitig sprechen, zur Quelle einer
geschwätzigen Heiligen 13 ).
i) SAVk. 3,303. 2 ) Drechsler 1,185:
mündl. (ob. Mühlv.). 3 ) Höhn Geburt 277.
A ) Kuhn u. Schwartz 430 Nr. 261. 5 ) Grimm
Myth. 3, 474 Nr. 1045. 6 ) Wuttke 395 §606.
7 ) Grimm Myth. 2,435 Nr. 13; Müller Iser - i
gebirge 22. 8 ) Hoffmann-Krayer 25 = Ver- j
naleken Alpensagen 395 Nr. 57. ö ) Gassner
Mettersdorf 41. 10 ) Grimm Myth. 3, 448
Nr. 415 = ZfVk. 13,384. n ) Grimm Myth.
3,457 Nr. 677. 12 ) Ebd. 3,477 Nr. 1127.
13 ) Sebillot Folk-Lore 2, 269. j
B) Die Ursachen der Bedeutsamkeit 1
des Redens liegen
1) in der Bedeutung der Wörter, die
man verwendet. Mit dem Wort, bzw. j
mit der ihm innewohnenden Kraft, wird
die Gewalt über das damit bezeichnete
Ding erworben (s. Wort). Daher ist die
richtige Verwendung des Wortes beim j
R. von Bedeutung. Der Mensch kann
a) mit seiner Rede Menschen und Geister
bannen (s. Bannung); er muß aber gerade
deshalb seine Rede mit Vorsicht ge¬
brauchen, damit er nicht mit ihrer Bann- j
kraft jemand Unrechten trifft und be¬
ruft (Verbot gewisser Worte gegenüber
Fremden, Worttabu), z. B. wenn man ihn j
nennt, kommt gerannt oder, daß man
den Teufel nicht mit Namen nennt (all¬
gemein) 14 ); wer von der Drud spricht,
den drückt sie nachts 15 ).
b) Der Mensch wird also nicht r. und
sich so nicht als menschliches Wesen zu
•erkennen geben, wenn er mit feindlichen
Wesen in Verbindung kommt. In der
Wohnung des Teufels ist das R. gefähr¬
lich, man darf sich mit ihm in kein Ge- !
spräch einlassen (Sage aus dem 11. Jh.) 16 ).
c) er darf sie nicht anr. (s. d.) in dem Sinn,
jemanden mit seinem Namen anrufen. Der
Bilmesschnitter darf während des Durch¬
ganges nicht angesprochen werden, sonst
würde er tot hinstürzen 17 ). Der Teufel
tanzt eine Frau zu Tode, weil sie ihn in
der Meinung, er wäre ihr Mann, angeredet
hatte 18 ). Die Anrede dürfen nur gewisse
Leute ungefährdet tun 19 ), wenn man das
erste und letzte Wort des Gespräches führt,
denn sonst läuft man Gefahr, vom Geist
tot geredet zu werden 20 ).
d) Man darf daher auf die Anrede, bzw.
Frage nicht antworten 21 ) (s. Frage). Wer
dem Nachtvolk auf dem Zug durch die
Dörfer, wenn es anklopft, antwortet,
muß mitziehen, d. i. bald sterben 22 ).
Man darf auch dem Ruf nicht folgen;
ein Mädchen tat dies und wurde am
nächsten Morgen tot aufgefunden 23 ).
Auch der Hexe darf man auf ihre Frage
nicht antworten und auf ihre Anrede
nicht danken 24 ). Ein Mann wurde des¬
halb sogleich getötet 25 ). Sie kann einem
etwas nehmen 26 ). Die Wöchnerin darf
einer fremden Frau (Fahrenden), die
unerwartet kommt, keine Antwort auf
deren Fragen geben (Bärnau) 27 ).
14 ) ZfVk. 20, 387. 15 ) Heyl Tirol 430
Nr. 119 1 . 16 ) ZfdA. 7, 522 = Schambach u.
Müller 384. 17 ) Pollinger Landshut 117.
18 ) Knoop Hinterpommern 72 ff. lfl ) ZfdMyth.
3, 343; Lohmeyer Saarbrücken 30. 20 ) Roch-
holz Sagen 2, 136. 21 ) Schönwerth Oberpfalz
2, 345; Müller Isergebirge 37. 22 ) Vernaleken
Alpensagen 408 Nr. 108. 23 ) Wolf Beiträge
2, 148 ff. 24 ) Schambach u. Müller 385
25 ) Schambach u. Müller 385 = Müllen-
hoff Sagen 290. 26 ) Grimm Myth. 3, 436
Nr. 59. 27 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 186
Nr. 7.
2. Die Ursache liegt in der genauen
Beibehaltung bzw. Außerachtlassung von
Wörtern; so wird formelhaft gebundene
Rede modifiziert, z. B. durch Auslassung
des letzten Wortes in einer Zauberformel
oder in einem dazu verwendeten Gebete;
beim Vaterunser wird das Amen weg¬
gelassen 28 ), im Feuersegen 29 ), Diebs¬
segen 30 ) (s. d.).
28 ) Frischbier Hexenspr. 109. 29 ) Toeppen
Masuren 49. 30 ) Frischbier Hexenspr. 116.
3. Die in diesen Ursachen begründete
Bedeutsamkeit der Rede kann für die
Menschen in günstiger und ungünstiger
Richtung zur Auswirkung kommen. Be¬
zeichnend hiefür ist, daß in den meisten
m 9
außereuropäischen Sprachen der Über¬
gang in der Bedeutung von r. (sagen)
•I
575
reden
576
zu behexen erfolgte 31 ). Hierher gehört
die Wichtigkeit des formelhaft ge¬
bundenen R.s, z. B. beim Heilzauber.
Voraussetzung für den Erfolg ist, daß
keine Störung durch R. versucht wird.
Er muß unberedet, „unberaffelt" ge¬
braucht werden 32 ) (s. besprechen). Auch
bei der Diebsbannung (s. Diebssegen) ist
der Erfolg davon abhängig, daß bis zu
einem bestimmten Zeitpunkt nicht ge¬
sprochen wird, besonders mit keinem
Fremden 33 ). Daher macht üble Nach¬
rede gegen einen Dritten aus Neid bu߬
fällig 34 ). Vgl. die Bestrafung der Flagi-
tatio im altrömischen Zwölftafelgesetz 35 )
(s. Beschreien).
Es tritt Rede und Handlung zu einer
Zauberhandlung zusammen 36 ), wobei ein¬
mal die Rede das Primäre sein mag
(Besprechen mit gleichzeitiger Hand¬
auflegung) oder die Handlung (Hand¬
auflegung mit dazu gesprochenem Zauber¬
spruch bzw. Gebet). Diese Entwicklung
begegnet am häufigsten, und unter diesem
Gesichtspunkt gehören eigentlich alle
Zauberformeln und alle abergläubische
Rede hierher; auch die Art der Rede
(laute, stille, die für den Zauberspruch
so bezeichnende singende Vortrags¬
weise) 37 ), doch kommt dies bei den
einzelnen Stichwörtern zur Darstellung
(s. besonders Zauber, Zauberformel).
Erscheint so eine Darstellung des R.s
sehr umfangreich, so ist es andererseits
begreiflich, daß das Verbot des R.s, das
Schweigen (s. d.) viel öfter begegnet
und besonders vorgeschrieben bzw. in
der Literatur erwähnt wird. Die Aus¬
nahme bestätigt auch hier die Regel,
daß R. im Ritus, im Kult und im Aber¬
glauben die umfassendere Rolle spielt.
31 ) Lessiak Gicht 144 ff. 32 ) Bohnenber-
ger 25; Hoops Die Anthropologie und die
Klassiker (Heidelberg 1916) H5ff. M ) Roch-
holz Sagen 2, 150«. 34 ) Wasserschieben 398
= Friedberg Bußbücher 21. M ) Usener Kleine
Schriften 4, 356 ff. 3 *) Seyfarth Sachsen 98.
37 ) Hoops Die Anthropologie 116.
C. Störung verursacht das R. 1. bei
rituellen Handlungen. Es ist mit diesem
R. nicht das die heilige Handlung be¬
gleitende heilige Wort zu verstehen,
sondern deren Störung durch das pro-
j fane R. der Teilnehmer und die dadurch
verursachte vermeintliche Schädigung der
Wirkung dieser Handlung. Daher wird
ihnen ihr Beginn kundgemacht, und in
verschiedenen Kulten bestehen eigene
Schweigegebote. In dem Bestreben, die
Handlung nicht durch R. zu stören, ist
eine Ursache zur Herausbildung von
Schweigegeboten zu sehen (s. schweigen).
Bei Taufe und Hochzeit ist das R. von
ungünstiger Wirkung für die Zukunft
des Täuflings, bzw. der Eheleute, beim
Begräbnis wird dadurch der Lebende
gefährdet.
2. Bei der Taufe soll nicht geredet
werden, denn das Kind würde sonst als
Erwachsener viel im Traume reden 38 ).
Die Person, die ein Kind von der Taufe
heim bringt, soll unterwegs nicht r., sonst
wird es ein Schwätzer 39 ).
3. Bei der Hochzeit sollen die Braut¬
leute auf der Fahrt zur Kirche nicht
miteinander r., sonst ziehen Not und
Unglück in die Ehe ein (allgemein) 40 ).
4. Beim Tod soll man weder während
des Leichenbegängnisses noch am Grab
r., um den Toten nicht durch die Rede
zu beunruhigen oder ihn durch Nennung
seines Namens „aufzuschreien“. Es ist
das ein allgemeines in der Antike und
bei den heutigen Tiefkulturvölkern beob¬
achtetes Gebot 41 ). Die Person, die zur
Leichenfolge bat, durfte nicht angeredet
werden; eine Vorsichtsmaßregel, um nicht
den Tod anderswohin zu übermitteln 42 ).
Bei der Leichenwache durfte keine Silbe
gesprochen werden, nur so kann die dem
Teufel verschriebene Seele erhalten wer¬
den 43 ).
38 ) Boeder Ehsten 23. 3 ») SAVk. 15, 10
(Emmental); 24,62. 40 ) John Erzgebirge 95.
41 ) Rohde Psyche 1, 24H; Grimm Myth .
3,465; Hovorka u. Kronfeld 1,151. 4 *)
Bartsch Mecklenburg 2, 95 = Sartori Sitte
1,129. 43 ) Strackerjan 1,336 Nr. 204c.
Eine besondere Stelle nimmt das viele
laute R. (Schwätzen) der Kirchenbe¬
sucher ein. Begreiflicherweise kann es
die heilige Handlung nicht unwirksam
machen, ist aber eine Sünde für den R.den.
In der Vermengung von Heiligem mit
Aberglauben, wie wir sie im volksmedizi¬
nischen Aberglauben finden, spricht man
577
Reformierter—Regen
578
gegen Warzen, wenn man zwei Leute
in der Kirche schwätzen sieht, Folgendes:
Was ich sehe ist Sünd
Was ich berühre das verschwind!
Schwätzen ist Sünd.
Warze verschwind 44 ).
Bei gewissen Zauberhandlungen ist es
ebenfalls verboten zu r.; so wird die
Kraft des Hexenbanners über die Hexe
für die Nacht, in der der Bann vor¬
genommen wird, genommen, wenn ihm
jemand dreinredet 45 ) (s. schweigen).
44 ; Pollinger Landshut 289. 45 ) Alpen¬
burg Tirol 313 = ZfdMyth. 3, 343.
D. Wie allgemein an menschliche Hand¬
lungen, so wird auch an das R. die Er¬
forschung der Zukunft angeschlossen.
Es geschieht dies
1. beim ersten vom Kind gesprochenen
Wort. Ist dieses Wort „Vater“, dann
bekommt die Mutter als nächstes Kind
einen Knaben; wenn „Mutter“, eine
Tochter 46 ).
2. Bei gleichzeitigem R.: Sprechen
zwei Menschen in dem gleichen Augen¬
blick dasselbe, werden sie an diesem Tag
etwas Neues erfahren (Reichenbach, Erz¬
gebirge). In Zwickau sagt man: da kommt
ein Schneider in den Himmel; sie leben
noch ein Jahr zusammen (Schlesien,
Oldenburg, Hessen, Pfalz, Mecklenburg 47 ).
Das Niesen gilt als Bestätigung der Wahr¬
heit des Gesprochenen allgemein) 48 ) s.
Niesen.
46 ) Grimm Myth. 3, 457 Nr. 677. 47 ) Wutt-
ke 208 § 287; Köhler Voigtland 392. 48 )
Grimm Myth. 3, 443 Nr. 266. Jungwirth.
Reformierter s. Calvinist 2, 5 f.
Regen.
1. R. und Gottheiten. Bei der Be¬
deutung des gewöhnlichen R.s für die
Landwirtschaft einerseits, bei den Ge¬
fahren großer Sturzregen und Wolken¬
brüche für die menschlichen Ansiedlungen
und die menschliche Kulturarbeit ander¬
seits ist es selbstverständlich, daß der
Mensch den R. mit Gottheiten in Ver¬
bindung gebracht hat. Im Orient wie im
Okzident wie bei den Schwarzen kennt
man R.gottheiten oder R.gespenster, die
beide Seiten, guten und schädigenden R.,
in sich vereinigen und je nach Neigung
die Menschen fühlen lassen 1 ). So ist der
Bächtold-Stäubli , Aberglaube VII
babylonische Wettergott Adad guter und
böser R.gott zugleich; die Tatsache, daß
man bei ihm flucht, zeigt, wie sehr man
ihn als grausamen, verheerenden R.gott
hatte fürchten lernen 2 ).
Mit dem Herabkommen des R.s als
befruchtendem Naß aus den Höhen des
Himmels hängt es zusammen, daß man in
gebirgigen Gegenden den Wettergott auf
den Höhen thronend denkt und ihn dort
religiös verehrt. So in Japan 3 ); aber auch
die Stämme der alten Hellenen stiegen
auf Berge, wenn sie dem R.zeus ihre
Bitten Vorbringen mußten 4 ). Bei den
Deutschen lebte dieselbe Vorstellung; ein
altes Relikt der Art ist die österreichische
Sage, nach der die Bewohner von Am¬
stetten zuweilen einen riesigen Mann auf
weißem Rosse auf den Bergen reiten sahen,
was R. bedeutet 5 ). Ganz offenbar ist
hier der alte Gott Wodan angedeutet, der
wie Donar und die weiblichen Gottheiten
Holda und Nerthus(?) auch des R.s
waltete und so die Fruchtbarkeit be¬
treute 6 ).
Nach einer anders gearteten Erklärung
wird der R. von dämonischen bösen
Wesen wie Hexen erzeugt (vgl. Hagel).
Dies gilt z. B. von schmutzigem R. 7 ).
Am bekanntesten ist dies jedoch von dem
sog. Sonnenr., d. h. dem R., der bei
Sonnenschein tröpfelnd fällt. Dann
machen, so heißt es, die Hexen Butter
%
(Oberschlesien, Lüneburger Heide, Polen)
oder backen Pfannkuchen (Ostfriesland),
wovon die Tropfen überlaufen. Die
Worte verraten die alte Beziehung des
Wettermachens zu den Hexen. Auch
heißt es im Lüneburgischen noch, die
Hexen hielten die Wolken auf. In christ¬
licher Zeit trat verschiedentlich an die
Stelle der Hexe des Teufels Großmutter
oder Weib, mit der er tanzt — denn
er ist fröhlich (Sonnenschein) — oder
die er ‘verkloppt’, — indem die Regen¬
tropfen als ihre Tränen gedeutet werden.
Denselben Vorgang nennt man im Olden-
burgischen des Teufels Hochzeit oder den
Festtag der Hölle 8 ).
Daneben haben sich noch Reste einer
dritten Vorstellung erhalten. Nach ihr
19
579
Regen
580
ist der R. selbst ein Dämon. Schweizer
Volkskunde Bd. 10, S. 38 wird von einem
Bauernhaus in Beaumont unter dem
Neuhaus erzählt, in dem der Güggeli
Schaltibrand gewohnt habe. Wenn es
regnete, habe der seine roten Stiefel
angezogen und gerufen: ,, Chömet nume nit,
ihr Gspänster; i ha nüt für euch“. Her¬
nach sei er wieder hineingegangen. Schlie߬
lich werden etliche Tiere, wie Kuckuck,
Specht, Schnepfe und Fink als R.vögel
angegeben. Heute nimmt der Landmann
ihr Rufen oder Klopfen als R.Vorzeichen
(s. d.); sicher hat man diese Vögel zu
früheren Zeiten geradezu als R.macher
angesehen 9 ).
Die christliche Zeit setzte dann überall
Heilige an die Stelle alter R.gottheiten.
So haben besonders die männlichen Heili¬
gen Severinus, Guido und Murinus, den
man auch S. Pluvialis nennt, das Amt
der R.walter übernommen. Des öfteren
schließt in manchen Gegenden der Glaube
an einen Ortsheiligen als R.heiligen an,
zu dem man in bedrängter Lage wall¬
fahrtet. Neben den Heiligen ist sodann
noch Maria als R.walterin verehrt, die
damit zweifellos an die Stelle der alten
Holda getreten ist 10 ).
x ) Chantepie de la Saussaye Lehrbuch
156 f. 187; 2, 628 u. die folgenden beiden
Anm. 2 ) Ebda 1, 551. 3 ) Ebda 1, 288. 4 ) Zitate
in ZfVk. 5 (1895), 206. 6 ) ZfVk. 12 (1902),
24. 6 ) Wolf 1, 201. 7 ) Strackerjan 2, 109.
8 ) Kück Wetterglaube 115—117; Engelien
u. Lahn 280; Drechsler Schlesien 2, 149;
John Westböhmen 236; Schramek Böhmer -
wald 250. # ) Chantepie de la Saus¬
saye Lehrbuch 1, 36; dazu Grimm Mythol.
I, 153:2, 561; ZVfVk. 23 (1913), 27i;ZfdMyth.
3, 222; Birlinger Volkst. 1, 196; Mannhardt
i» 355 - I0 ) Wolf 1, 201.
2. R.machen, -beten u. ä. Das
Regnen ist also im allgemeinen in das
Ermessen der Gottheit gestellt. Sie läßt
zuweilen nicht regnen, während der
Mensch glaubt, des R.s zu bedürfen.
Zu allen Zeiten und in allen Teilen der
Welt hat es daher Zeremonien gegeben —
und sie gibt es vielfach noch —, die be¬
zweckten, den R. auf die Erde herab¬
zuziehen, wenn der Mensch ihn zu be¬
nötigen glaubte. Diese Zeremonien sind
entweder zauberische Zwangsriten
(sog. R.machen) oder Bittfeiern mit
Opfern und Prozessionen. Zwangsriten
kannte man im alten Griechenland X1 ):
Man breitete z. B. Widderfelle aus, die mit
Orenda erfüllt sind; der R. stellte sich
hernach ein. Oder ein Priester stieg auf
den Zeusberg in Arkadien, das Lykaion,
und rührte mit einem Zweig das Wasser
einer dort befindlichen Quelle um, aus
der man dann sehr bald Nebel steigen
sah, der sich zu Wolken verdichtete,
so daß es hernach über ganz Arkadien
regnete 12 ). Die Leute, die zum Zeus
Pelion zogen, waren aus ähnlichem Grund
in frische Widderfelle gehüllt 13 ). — Im
1. Buch der Könige wird erzählt, daß Elias
siebenmal den Kopf zwischen seine knie¬
gebeugten Beine gesteckt habe, um durch
diese Stellung R. zu erzeugen 14 ). Aus
unserer Zeit berichtet man, daß Auf¬
stellen von Wasserkübeln ebenfalls R.
erzwinge 15 ), ferner das Füllen der eigenen
Quellen und Wasserbehälter, die auszu-
trocknen drohen, mit dem Wasser be¬
stimmter geweihter Brunnen (Böhmen) 16 ).
In Böhmen wird u. a. in trockenen
Jahren eine Schlange gefangen und an
einem Ort mit dem Kopf nach unten ge¬
hängt, wodurch R. nach einigen Tagen
entstehen soll 17 ). Diese Grausamkeit
stellt vielleicht den Zug eines Opfers dar,
wie es aus Indien berichtet wird: Wenn
der Khonde die Menschenopfer, die der
Erdgöttin dargebracht werden, martert,
so freut er sich, sie (wegen der Schmerzen)
reichlich Tränen vergießen zu sehen, denn
das sei ein Zeichen, daß häufige R.schauer
auf sein Land niederfallen werden 18 ).
Auch zu dem R. erzwingenden Opfer
eines weißen Pferdes, das die Wogulen
im Herbst darbringen, wird berichtet,
daß das Tier auf grausame Weise zu Tode
gequält wird, die wohl der Gottheit
Tränen abringen soll. Selbst in Nieder¬
bayern findet man R.zauber und Tötung
ähnlich verbunden, wobei aber das Opfer
durch Scheinopfer ersetzt ist: der Pfingstl
wird dort ins Wasser geführt und sodann
geköpft 19 ). BeiLeitmeritzgeht der Tötungs¬
akt voran: man durchsticht dem Wilden
eine unter das Wams gebundene Blut¬
581
Regen
582
blase und ertränkt hernach eine Stroh¬
puppe im Teich 20 ).
Weit verbreitet ist auch das Baden von
Menschen oder Tieren im R.zauber, sei
es daß die Lebewesen es sich gefallen
lassen müssen, im Fluß oder Teich ge¬
taucht zu werden, sei es daß man sie
mit einem Eimer Wasser übergießt. So
werden in Tirol (Burgeis) die Mädchen
am 1. Mai bei langer Dürre, wenn sie sich
auf dem Wege zeigen, von den Burschen
eingefangen, begossen oder ins Wasser
ge stellt 21 ). In Rußland (Gouvernement
Kursk) ergriffen die Weiber einen Vorüber¬
gehenden und warfen ihn in den Fluß
oder begossen ihn ebenfalls mit Wasser 22 ).
Im Gebiet von Constantine in Algerien
besteht die Gewohnheit, einen oder meh¬
rere Marabuts im Fluß unterzutauchen,
um R. hervorzurufen 23 ). Ähnliche R.-
taufen gab es in der Schweiz (Zürich) 24 ),
in Bayern und sonst 25 ). In Erkamp
(Kr. Düsseldorf) wird der R.zauber in der
Form geübt, daß nach Beendigung der
Ernte die Binderin von den Mähern in
einen Bach oder Teich geworfen wird,
ohne daß freilich der Sinn des Brauches
noch verstanden wurde 26 ). An anderer
Stelle wird der Gutsherr oder der Schnitter
(bzw. die Binderin) der letzten Halme
in die letzte Garbe hineingebunden und
an ihm die Wassertauche als R.zauber
vollzogen 27 ). Im Egerland badet man
zu ähnlichem Zweck den heimkehrenden
Pflug 28 ).
Das im R.zauber der Europäer häufiger
erwähnte Begießen eines Mädchens —*
dieses nennt man R.mädchen — ist in
Deutschland schon bei Burchard v. Worms
(f 1024) belegt und bei zwanzigtägiger
Kirchenbuße mit Wasser und Brot ver¬
boten worden 29 ). Anscheinend in Hessen
und am Rhein war es, wo in jener Zeit
Jungfrauen ein kleines Mädchen entklei¬
deten und es nackt vor das Dorf zu einer
Stelle führten, an der Bilsenkraut wuchs.
Sie geboten ihm, die Pflanze mit dem
kleinen Finger der rechten Hand samt
der Wurzel auszureißen, an die kleine
Zehe seines rechten Fußes zu binden und
es beim Gehen nachzuschleppen. Jede
Jungfrau hatte eine Rute in den Händen.
Sie führten sodann das R.mädchen in
den nächsten Fluß, besprengten es mit
Hilfe der Ruten und sangen Incanta-
tionen dazu, um R. zu erlangen. Endlich
führten sie das Kind im Krebsgang vom
Fluß ins Dorf zurück. Ganz ähnliches
wird aus Serbien und dem heutigen
Griechenland berichtet. In Bulgarien und
Serbien verhüllt man das nackte Mädchen
vom Gesicht an in Blumen. Es steht
dort inmitten von andern Jungfrauen;
vor jedem Hause dreht es sich fortwährend
um und tanzt, indes der Ring eines der
sog. Dodolalieder — Dodola ist die
serbische Bezeichnung des R.mädchens —
singt und die Hausfrau eine Mulde Wasser
über dem Kinde ausgießt. Das Lied
erklärt den natürlichen Vorgang während
des Zaubers: die am Himmel gehenden
Wolken werden beschleunigt, überholen
die Dorfprozession und benetzen Korn
und Weinstock. Es ist Analogiezauber:
Wie aus dem Eimer das Wasser auf die
Dodola strömt, so soll der himmlische R.
hernach auf die Erde niederrauschen 30 ).
In Dalmatien tritt an die Stelle des
Mädchens ein junger unverheirateter
Mann, der im Laubschmuck tanzt 31 ) 32 ).
Neben diesem zwangsrituellen Hervor-
bringen des R.s steht der Versuch, auf
die Gottheit durch Opfer, Prozession
oder Gebet einzuwirken. Auch diese
Form des Versuchs, den Feldern R. zu
bringen, ist uralt. Von den Opfern weißer
Pferde bei den Wogulen war oben die Rede;
ähnlich opferten die finnischen Wotjaken
weiße Schafe oder weiße Stiere 33 ). R.-
gebete 34 ) kannte man im griechischen 35 )
und römischen Altertums 36 ), im vorderen
Orient 37 ) (auch bei den Christen) wie bei
den Naturvölkern. Indische R.gebete
lassen deutlich den auch sonst voraus¬
zusetzenden Zusammenhang mit der Feld¬
bestellung erkennen 38 ). In Japan und
China vollzieht man feierliche Zeremonien
mit Gebet und Tanz, um den R. auf die
Erde bei anhaltender Dürre herabzu¬
flehen 39 ).
In katholischen europäischen Gegenden
werden Wallfahrten und R.prozessionen
veranstaltet, die in sehr alte Zeit zurück¬
zureichen scheinen und z. T. an alten
19*
583
Regen
584
später christianisierten Kultstätten an¬
knüpfen (Maria-Trenz bei Sterzing, Me-
ransen) 40 ). In Bosnien kennt man ähn¬
liche Wallfahrten auf Berge, die die
katholische wie die mohammedanische
Bevölkerung aufsucht, um R. zu erflehen.
Auch hält man öffentliche Gebete in
unsem katholischen Kirchen 41 ). Das
christliche Gebet ist für R.fall überhaupt,
wie es scheint, bedeutsam gewesen; Hei¬
lige, die für die Gegenden ihres Wirkens
R. erflehten, stehen in hohem Ansehen
auch nach ihrem Tode 42 ). Aus der Süd¬
schweiz wird eine nette Geschichte er¬
zählt: Vor Jahren hatte das Vieh auf den
Almen wegen großer Trockenheit kein
Wasser mehr zu trinken. Da langte
eines Tages auf dem Kamp ein italieni¬
sches altes Weiblein an, um nach seinem
Vieh zu sehen. Als es die große Trocken¬
heit gewahrte, kniete es bei einem Stein
betend nieder und betete so sehr, bis
Wasser beim Steine herauszukommen I
anfing; seit diesem Tage hat diese Alm
immer Wasser. Man hat den Eindruck,
als habe die biblische Schilderung vom
Wasser aus dem Felsen bei der Erzählung
Pate gestanden; die naturgemäße Erklä¬
rung findet man ZfVk. 10 (1900), 311,
wo auch die Geschichte verzeichnet ist.
Erwähnt sei in dem Zusammenhang,
daß nach anderer Ansicht der R. sicher
ist, wenn bei Dürre die Bewohner sich
bewußt still in Gottes Willen ergeben und
abwarten 43 ).
Uber die magische Entstehung des R.s
ohne absichtliches menschliches Ein wir¬
ken s. Regenvorzeichen.
J1 ) Pauly-Wissowa ir, 2165. 12 ) Chan-
tepie de la Saussaye Lehrbuch 2, 290.
Die Stelle Paus. 8, 38, 3. «) ZVfVk. 5 (1895),
206. 14 ) 1. Kö. 18,41 ff.; vgl. Rochholz
Sagen 2, 162. Die Gebärde bedeutet nach
Einigen angestrengtes Beten, nach Andern ist
sie ein Zaubergestus (vgl. Die Heilige Schrift,
übers, v. Kautzsch zur Stelle). 1S ) Maack
Lübeck 40. 18 ) Grohmann 52. 17 ) Ebda.
Nr. 334 und 80 Nr. 569. 18 ) Mannhardt 1, 356.
19 ) ZfVk. 23 (1913), 156. 20 ) Mannhardt
358, vgl. 606. 21 ) Ebda i, 531; vgl. Mann¬
hardt 1, 356, der berichtet, daß der südeuro¬
päische Landmann eine Bildsäule der Jungfrau
Maria oder St. Petri ins Wasser taucht.
22 ) Mannhardt 1, 351; vgl. Urquell 2 (1891),
204t. 23 ) Ebda. 356. 24 ) Ebda. 494. 25 ) Ebda. 494.
26 ) Mannhardt 1, 215. 27 ) Ebda 611. 28 ) ZfVk.
14 (1904), 142. 29 ) Migne PL. CXL, 974; s. b.
Mannhardt 1, 330 f.; Grimm Mythologie
l > 493 - 30 ) Mannhardt 1, 329t.; Panzer
Beitrag 2, 444 f. 31 ) Mannhardt 1, 329.
32 ) Vgl. ferner Gesemann Regenzauber 10 ff.
33 ) s. A. 19. 34 ) s. Art. Gebet § 4 Sp. 353 i.„
wo mehrere Gebete der Art wörtlich angeführt
sind. 38 ) ZfVk. 14 (1904), 8, aus der Kaiserzeit.
Die Stelle bei Marc. Anton in. V 7: usov,
uaov, d) «pi'Ae Zeu, xatd apoupot; tt,; ’Aftqvaf-
wv Td»v reottov. S6 ) Verg. Georg, 1, 157.
37 ) P. Krüger Zu den Regenbitten Aphrems
des Syrers in Oriens Christianus herg.
v. A. Baumstark. 38 ) ZfVk. 14 (1904), 6.
39 ) Ebd. 3 (1893), 334 ü.; vgl. Anthr. 12/13.
(l 9 ! 7 !8), 144 I 5 !. 40 ) ZfVk. I (1891), 70;
2 (1892), 323; vgl. Grimm Mythol. 1, 145;
U 494 f•» 3 . 65; Sepp Religion 780.; v. An-
drian Wetterzauberei 86; Drechsler 2, 149.
41 ) ZfVk. 5 (1895), 207. 42 ) SAVk. 21 (1917), 163.
43 ) ZfVk. 2 (1892), 192.
3. R. ab wehr. Nun kann es offenbar
aber auch R. im Übermaß geben. Auch
hier hat die Volksseele Mittel ersonnen,
den daraus entspringenden Gefahren Ein¬
halt zu tun. In Siebenbürgen vollzog man
Zeremonien, deren Sinn es war, abwech¬
selnd R. und Sonnenschein hervorzurufen;
ein Übermaß des erbetenen R.s wurde
auf bestimmte Weise versucht zu ver¬
hindern 44 ). Aus dem dortigen Ort
Sächsisch-R. wird von dem Glauben
berichtet, daß man dem vielen R. da¬
durch würde Einhalt tun können, wenn
die Leute von den um das Gebirge
liegenden Ortschaften alle hineilten, eifrig
schaufelten und ihn so herausbrächten 45 ).
In Tirol lebt noch der Glaube, daß
man den R. abhalten könne, indem
man die Hände zum Himmel emporhalte,
die Handflächen frei nach oben, wie die
Alten, wenn sie Jupiter Pluvius an¬
riefen 46 ). Aus der Gegend südlich
von Marburg ist ein Ritus gegen R.fall
überliefert; nach der Angabe gingen zwei
Männer auf den Bacher (Gebirge süd¬
westlich von Marburg), banden dort den
bösen Geist Kasperl (= Teufel) mit
Frauenhaaren an dem Wipfel einer Buche
fest •— der R. blieb aus. Schließlich kam
ein Bauer, der den Baum umhacken
wollte; der Böse schrie, er möge ihn
befreien, es werde sofort regnen — wie
es dann auch geschehen sein soll 47 ).
Andere Gegenmittel sind der böse.
1
585 Regenbogen 5 36
Blick oder barhäuptiges Ausgehen. Ist
R. nötig, bittet man im Pandschab
einen barhäuptig ausgehenden Mann,
seinen Turban aufzusetzen, denn der
Barhäuptige wünscht instinktiv, daß es
nicht regne 48 ). Auch Leichen können
mit R.güssen und deren Aufhören in
Beziehung stehen. In Florenz hatte man
1478 den Verschwörer G. Pazzi er¬
drosselt. R.güsse, die die Ernte be¬
drohten, waren die Folge. Da rissen die
Bauern die Leiche aus der Kirche und
sollen günstiges Wetter erreicht haben 49 ).
In Piacenza erreichte man im gleichen
Jahre das Aufhören der dortigen R.güsse,
indem man trotz bischöflichem Ein¬
spruchs die Leiche eines in S. Francesco
begrabenen Wucherers ausgrub. Man
zerrte sie auf der Straße herum und
warf sie schließlich in den Po 50 ).
Wie man heute R.prozessionen für R.
in katholischen Gegenden Europas ab¬
hält, so auch gegen die Gefahren über¬
mäßiger R.- bzw. Gewitterregengüsse 51 ).
Eine amüsante Geschichte, die den Zu¬
sammenhang von Gebetsstärke mit R.-
stärke zeigt, den man anscheinend be¬
achten muß, wird aus dem Kanton
Waadt berichtet. Der Priester von
Palezieux hatte zur Abwehr des R.s
Prozession und Gottesdienst abgehalten.
Da fing es plötzlich zu hageln (!) an
und er rief: ,,Schau, ich hab halt zu
stark gebetet" 52 ).
44 ) Mannhardt 1, 554; vgl. auch den inter¬
essanten Bericht über die beiden steinernen
Fässer auf einer Anhöhe in Indien, das R.faß
und das Windfaß, die dort Apollonius v. Tyana
traf u. die das Wetter des Landes regelten
Philostr. vita Apoll. III 14, Hinweis bei
Liebrecht ZVolksk. 336. 45 ) Müller Sieben¬
bürgen 61 f. 46 ) ZfVk. 1 (1891), 70 f. 4? ) Ebd.
7 (1897), 188. 48 ) Seligmann 1, 225. 49 ) Meyer
Aberglaube 248. 50 ) Ebd. 178. 51 ) Vgl. die
fesselnde Beschreibung eines solchen Erleb¬
nisses ZfVk. i (1891), 71 ff. 52 ) Rochholz
Sagen 2,148.
4. R.liedchen. Abschließend sei noch
auf die R.liedchen hingewiesen. Sie sind
in Europa ebenfalls sehr verbreitet und
meist von Kindern als Kinderlieder ge¬
sungen. In ihnen steckt sicher wenigstens
z. T. der letzte Rest einer Bitte um Auf¬
hören des übermäßigen R.s. Wir führen
einige an:
1. Es regent, es regent,
Der liebe Gott, der segent.
Es regent, es regent (Nodheim b. Göttin¬
gen) 53 ).
2. Lieber Regen, geh weg,
Liebe Sonne, komm wieder
Mit deinem Gefieder,
Mit dem goldenen Strahl
Komm wieder herdal (Stade) 54 ).
3. Es regnet, es regnet,
Es regnet seinen Lauf.
Und wenn's genug geregnet hat.
Dann hört es wieder auf (allgemein).
4. Sunnenrä'en, mak mih nich nat,
Mäk de ölen wiwer nat,
Leiwe sunne, kumm erunner
Lat den rä'en bowen(Braunschweig) 55 ) 58 ).
53 ) ZfdMyth. 3, 176. 54 ) Ebd. 55 ) Andree
Braunschweig 293. 56 ) Ferner ZfdMyth. 3, 309;
Grohmann 52 Nr. 335; Gesemann Regen¬
zauber 187; Söbillot Folk-Lore 1, 120 ff.
S. Regenbogen, Regenorakel,
Regen Vorzeichen, Regen wasser;
ferner Wetter und Wetterzauber so¬
wie Gewitter, Hagel und Hagel¬
zauber. Stegemann.
Regenbogen.
1. Mythische und volkstümliche
Erklärungen. Das farbenprächtige
Schauspiel eines R.s hat die Phantasie
fast aller Völker zu allen Zeiten be¬
schäftigt. Die allgemeinen Deutungen,
die in großer Zahl bekannt sind, zerfallen
deutlich in zwei Gruppen: entweder man
faßte den R. als göttliches oder wenigstens
als lebendes Wesen auf oder man dachte
ihn sich dinglicher Natur. Daneben gibt
es in christlichen Ländern eine dritte
Deutung, die in dem R. symbolisch ein
Friedenszeichen Gottes erblickt.
Bei den Erklärungen des R.s als eines
lebenden Wesens überwiegt die An¬
sicht, daß ihm gewisse menschenfeind¬
liche Kräfte innewohnen. So findet sich
in Ostpreußen, Bayern, Schwaben, aber
auch z. B. in Ungarn und Böhmen die
Anschauung, daß der R. alles, was in
den Bereich seiner Enden gelangt, in die
Höhe ziehe 1 ). Schon die Griechen und
Römer sprachen vom Trinken des R.s 2 );
ebenso heißt es in Ostpreußen, Schwaben
Seelen, die in den Himmel kommen.
ist der R. die Versöhnungsfahne (auch
587
und Baden, daß er Wasser anziehe, d. h.
daß er Vorzeichen weiteren Regens ist 3 ).
Der Volksglaube steigerte die Vorstellung
indes: nicht nur, daß er mit einem
goldenen Becher das Wasser schöpft,
den er hernach fallen läßt (Bretten) 4 ),
sondern er zieht auch die Fische ans
Land (Twardowo, Kreis Pieschen) 5 ) oder
gar Kinder in die Höhe 6 ). Die Anschauung
steckt noch in verschiedenen Sagen:
In den Tiefen der Burg Hohenschwangau
(Oberbayern) liegt ein Schatz verborgen,
der zuweilen aufwärts steigt; dann zeigt
sich auf dem Platz ein R. 7 ). Eine Sieben¬
bürger Sage berichtet von einem Hirten¬
knaben, der, während er eine große
Schafherde an einem Bergabhang weiden
ließ, mit frevelhafter Neugier aus der
Nähe sehen wollte, wie der R. das Wasser
anziehe. Deshalb trieb er seine Herde
hinab ins Tal an den Fluß. Da wurde
er mitsamt der Herde aufgesogen und
weidet nun ewig am Himmel seine Schafe.
Ist er dort an heitern Frühlings- und
Sommertagen sichtbar, dann erzählen
Eltern ihren Kindern zur Warnung seine
traurige Geschichte 8 ).
Zum Vergleich sei hier erwähnt, daß
die Siamesen den R. ‘den das Wasser
aus dem Meere Heraufpumpenden’
nennen 9 ). Solcherlei Bezeichnung kennt
man auch bei den Indianern. So haben
mehrere Stämme die Benennung ‘der
Regen bedeckende', indem sie den R.
sich als den ‘Großen Geist’ vorstellen,
der den Regen wie mit einem Mantel
bedeckt 10 ). Daneben kennt ein kali¬
fornischer Stamm die Vorstellung, der
R. sei die Schwester von Pokoh, dem
Weltschöpfer, deren Brust mit Blumen
bedeckt ist 11 ). Ob die Deutung des
R.s als Schlange bei Indianern von
Nevada oder als ungeheuere Wasser¬
schlange bei den südamerikanischen
Bororö diesem Wesen göttliche Macht
zuweist, vermag ich nicht zu sagen 12 ).
In Bosnien sieht man in dem R. einen
Drachen, der aus der Save Wasser und
zappelnde Fische saugt 13 ).
Ungleich häufiger ist, wenigstens bei
den europäischen Völkern, insbesondere
auch bei uns, die dingliche Deutung
588
der Natur des R.s. Da sieht man in ihm
schlicht den Himmelsring (Schächental,
Schweiz; Bad. Oberland) 14 ) oder auch
den Sonnenbogen 15 ). Letztere Bezeich¬
nung scheint Überbleibsel der gelehrten
antiken (Aristoteles 16 ), Seneca 17 )), im
Mittelalter (Konrad v. Megenberg 18 ))
und der Renaissance (Cardanus 19 )) weiter¬
gegebenen Erklärung des Phänomens.
Auf die Bezeichnung Himmelsring statt
R. wird in Ernetschwil seitens der älteren
Bauersleute größter Wert gelegt, da das
Wort ‘R.’ — ausgesprochen — gewaltsam
den Regen herabziehe 20 ). In Schwaben
wird der Himmelsring als Brücke zwischen
Himmel und Erde angesehen, auf dem
die Engel herabsteigen 21 ). Die Vor¬
stellung einer Brücke ist beim R. sehr
naheliegend und daher verbreitet (Edda 22 ),
Japan 23 )); bei den Griechen 24 ) und
Römern 25 ) ist es die Bahn der Götter¬
botin, Iris, in welcher Personifikation der
R. hier erscheint. Wie himmlische
Wesen auf dem R. zur Erde gelangen 26 ) —
neben den Engeln wird z. B. das Christ¬
kind erwähnt, das auf dieser Brücke
herabreitet 27 ) —, so vermögen auch
Menschen unter bestimmten Bedingungen
auf ihm herauf zum Himmel zu gelangen:
Zigeuner nämlich glauben, daß, wer zu
Pfingsten das Ende eines R.s findet, an
ihm in den Himmel hinaufsteigen und
sich von da ewige Schönheit und Gesund¬
heit holen könne 28 ). Eine Entführungs¬
sage W. Rabes, Der R. betitelt, schildert
den R. als den Weg, auf dem sogar der
Teufel, der den Herrn Kurator, nachdem
er ihn vor sich wie einen Sack über dem
Sattelknopf seines schwarzen Gaules (mit
Bezug auf die schwarze Gewitterwolke)
gelegt hatte, mit sich in die Lüfte nahm,
hinwegritt, daß man seinen feurigen
Hufschlag deutlich in den Wolken wahr¬
nahm 29 ).
Eine andere Bezeichnung, die eine
dingliche Auffassung der Natur des R.s
erkennen läßt, ist „Wolkendeichsel". Man
erzählt dazu im Posenschen erklärend,
daß alle Menschen, die ertrunken seien,
die Wolken ziehen müßten, wobei ihnen
der R. als Deichsel diene 30 ). Sodann
ist der R. dort der Fluß, aus dem die
trinken, damit sie im Himmel leben
können 31 ). Ferner gilt der R. als die
Schale, aus der der liebe Gott bei Er¬
schaffung der Welt die Vögel und Tiere
bemalt, deren Farbe aber jetzt ver¬
trocknet sei 32 ). Oder der R. ist ein
Strahl des Lichts, das aus dem Himmel
auf die Erde falle, wenn Petrus die
Himmelstüre öffnet 33 ). Oder er wird
als Peitsche des Luzifer angesehen, mit
der dieser seine kleinen Teufel züchtigen
wolle (alles aus der Prov. Posen) 34 ).
Ähnliche dingliche Auffassungen des
R.s kennen wir wiederum bei Indianern.
Die Dene-Indianer vom Hasenfellstamm
glauben im R. das Gewebe einer Unge¬
heuern Spinne zu sehen, die die Sonne
fangen will. Bei den Mohaven in Arizona
ist der R. der Zauber, dessen der Welt¬
schöpfer bedarf, um den Regen aufhören
zu lassen; die Farben sind die ver¬
schiedenen Zaubermittel; um einen hef¬
tigen Regensturm zu beendigen, braucht
er die ganze Farbenreihe 35 ).
Schließlich ist der religiös-symboli¬
schen Deutung hier zu gedenken, die
der R. im Alten Testament erfährt, als
Gott nach der Sintflut mit Noah den
Bund eingeht und den R. zum Zeichen
dieses Bundes in die Wolken setzt 36 ).
Es versteht sich fast von selbst, daß
diese Erklärung des R.s in den anderen
europäischen Völkern mit der Ausbreitung
des Christentums übernommen und neben
den eigenen mythischen, die wir bisher
erwähnten, der Nachwelt mitüberliefert
wurde 37 ). Abwandlung der Deutung und
Verschmelzung mit anderer Vorstellung
bleibt dabei nicht aus. So ist den Schwa¬
ben (Oberndorf) der R. das Zeichen der
Versöhnung der Menschen mit Gott wie
in der Genesis; aber er wird zugleich der
Bibelstelle entgegen aus mythischer Er¬
innerung dinglich gesehen: die guten
Toten müssen beim Jüngsten Gericht
über ihn als Brücke in den Himmel ein¬
ziehen. Unter den Bösen bricht diese
Brücke zusammen. Hoch oben sitzt als
Wächter derselben ein Engel, der die
Toten zum Jüngsten Gericht mit seiner
Posaune ruft 38 ). Nach anderer Version
hier beide Vorstellungen vermischt), die
die Engel nach einem Gewitter — dieses
als Kampf zwischen Himmel und Erde
aufgefaßt — heraushängen 39 ). Sehr derb
ist folgende Umdeutung der Genesis¬
erzählung, die aus der Provinz Posen
stammt:
Als Noah mit dem Bau der Arche fertig war,
fing er aus Freuden an, Wein zu trinken, und
da ihm der Wein gut schmeckte, trank er so
lange, bis er sich betrunken hatte. Seit dem
Tage mußte er immer an den Wein denken,
und so nahm er denn auch, als er in die Arche
ging, mehrere Tonnen von dem edlen Getränk
mit sich. Vierzig Tage lang soll er nun in der
Arche Wein getrunken haben, so daß er fast
immer trunken war. Als die große Flut zu
Ende und er aus der Arche gestiegen war, nahm
er die Reifen von den leeren Tonnen und brachte
sie Gott zum Opfer dar. Und Gott nahm auch
dieses Dankopfer an, da Noah bei ihm in großer
Gnade stand. Zum Andenken an die Sintflut
und das Dankopfer Noahs nun läßt der liebe
Gott noch heute den Menschen die Reifen er¬
scheinen: es sind die Regenbogen, die sich nach
einem Regen in den Wolken zeigen. Wenn
die Dorfbewohner einen solchen Regenbogen
erblicken, so pflegen sie zu sagen: ,,Mit dem
Regen ist es zu Ende, denn die Reifen, die Noah
von den Tonnen genommen und Gott geopfert
hat, sind schon zu sehen“ 40 ).
In diesem Zusammenhänge ist, wie es
scheint, auch des zweiten, umgekehrten
und blässeren R.s zu gedenken. Er wird
als teuflische Nachahmung des ersten
R.s — des göttlichen Werkes — be¬
zeichnet (z. B. Schwaben, Baden, Luxem¬
burg) 41 ). — Unvollständige R. nennt
man Wasser- oder Wettergallen; sie
gelten als gefährlich und werden wohl
ursprünglich ebenfalls als dämonische
Wesen aufgefaßt sein 42 ).
l ) ZfVk. 6 (1896), 233; Urquell 1 (1890), 86;
Meyer Baden 417; Grohmann 40 Anm.
Literaturverweis: Urquell 4 (1893), 262 Anm.
2 ) Tzetz. AUeg. Hom. II. 24, 51 dvEppd'^aev
üypov i'A. toü reAdpoo;; Vergil Georg. 1,
380; vgl. Ovid Met. 1, 270 t. 3 ) Auch: SAVk.
12 (1908), 21 (Baselland); Lütolf Sagen 38;
And ree Braunschweig 410; ZfVk. 21 (1911),
392 (Rogasen); 4 (1894), 82; 9 (1899), 231.
Vgl. Regenbogen am Morgen, des Hirten Sorgen;
Regenbogen am Abend, den Hirten labend:
ZfVk. 9 (1899), 231; Kück Wetterglaube 114;
Bartsch Mecklenburg 2, 212 (Schwerin, Rib-
nitz). Daher heißt es wohl anderwärts auch,
der R. bringe schönes Wetter (John West¬
böhmen 240; Meyer Baden 517). — Historische
Notiz für Deutschland: Keller Grab des Aber-
Regenbogen
59 i
Regenbogen
592
glaubens 4, 210. Antike Belege bei O. Gilbert
Die meteorol. Theorien des griech. Altertums
S. 604 A. 4. 4 ) Meier Schwaben 1, 229 Nr. 6.
6 ) ZfVk. 21 (1911), 392 - 6 ) Urquell 1 (1890), 86.
7 ) Panzer Beitrag 1, 28 f. 8 ) Müller Sieben¬
bürgen 166 Nr. 235. ®) ZfVk. 6 (1896), 233.
10 ) Urquell 4 {1893), 261. u ) Ebd. 4 (1893), 262.
12 ) Ebd. 262. 13 ) Ebd. 1 (1890), 73. 14 ) SchwVk.
9, 5; Meyer Baden 517; Birlinger Volkst. 1,
196, vgl. John Westböhmen 241. l5 ) ZfVk. 1
(1891), 76 (ebd. 'Sonnenring'). 16 ) Aristot.
Met. III cap. 4. 5. Dazu und zum Folgenden
die Darlegungen bei O. Gilbert Die meteorolog.
Theorien des griechischen Altertums 607 ff.
17 ) Senec. quaest. nat. 1, 6—■8. 18 ) Buch der
Natur S. 79 ff. 19 ) de subtilitate lib. IV. Separat-
Ausgabe von 1559 (Lyon) p. 157 ff. 20 ) St oll
Zauberglauben 131; vgl. John Westböhmen 241:
Sagt man zum R.: 'Himmelsring', so sagt die
Mutter Gottes: ‘du bist mein Kind'; sagt man
aber: R., so sagt die Mutter Gottes: ‘dich soll
der Teufel huln' (Nallesgrün). 21 ) Birlinger
Volkst. 1, 196. 22 ) Grimm Mythol. 694 f.;
vgl. Wolf Beitr. 2, 6. 23 ) Chantepie de la
Saussaye Lehrb. d. Religgesch. 1, 274. 24 ) Ilias
15, 144. 2S ) Eine fast naturmalende Beschrei¬
bung bei Vergil. Aen. 9, 14 f., vgl. 4, 694. 700 f.
26 ) s. A. 21. 27 ) Strackerjan 2, 109. 28 ) SAVk.
14 (1910), 271. 29 ) Vgl. ZfVk. 7 (1897), 235.
30 ) Ebd. 21 (1911), 390. 31 ) Ebd. 32 ) Ebd.
33 ) Ebd. u ) Ebd. 35 ) Urquell 4 (1893), 261 f.
36 ) Genesis 9, 13 ff. 37 ) ZfVk. 21 (1911), 39 °
(poln. Mitt. aus Kaziopole bei Rogasen).
38 ) Birlinger Volkst. 1, 197. 39 ) ZfVk. 21
(1911), 390. 40 ) Ebd. 41 ) Birlinger Volkst.
1, 196; Meyer Baden 517; Mersch Die Luxem¬
burger Kinderreime 84. Hier weiß man zu
sagen, daß nicht nur Gott, sondern auch Maria
den oberen R. geschaffen haben kann. S. noch
Meier Schwaben 1, 227; Dähnhardt Natur¬
sagen 1, 172. 346. — R. gottgeweiht ZfVk. 21
(1911), 391. 42 ) ZfVk. 9 (1899), 231; Meyer
Baden 517.
2. Volksglaube. Entsprechend diesen
mythischen Vorstellungen verbindet der
Volksglaube mit dem R. allerlei An¬
sichten, in denen dieser entweder als
schaden- oder segenstiftend erscheint.
Die Ansichten lassen fast alle auf die
Annahme irgendwelcher magischer Zu¬
sammenhänge zwischen menschlicher
Tätigkeit und R. schließen. Ausge¬
nommen dürften die Sätze sein, in denen
das Erscheinen des R.s für die Prophe¬
zeiung der kommenden Witterung aus¬
geweitet wird; hier liegen meistens Er¬
fahrungstatsachen zugrunde.
Gefährlich ist es in Westböhmen für
ein noch nicht sieben Jahre altes Mädchen,
unter einem R. hinwegzuspringen, es
könnte ein Knabe werden 43 ). Ähnliches
berichtet man (ohne Altersangabe) aus
Westfalen und verweist auf die Sage von
der wilden Johanne in Gravenhorst bei
Münster 44 ). Aus Wernstadt (Böhmen)
wird berichtet, daß das Haus vom Un¬
glück heimgesucht werde, über das der
R. geht 45 ). Weil der R. selbst Gott
oder Gottes Werk ist, soll man auch
nicht mit Fingern auf ihn (oder die
Wassergalle) weisen, um ihn nicht zu
profanieren (wie bei Blitz Sp. 1415 und
Gewitter Sp. 826) 46 ). Der Finger schwin¬
det, sagt man in Schlesien 47 ); Gott
straft, heißt es im Harz 48 ); der Finger
fällt ab, glaubt man in Böhmen (Starken¬
bach) 49 ); nach österreichischem Glauben
kommt der Wurm in den Finger 50 ).
Übrigens kennen dasselbe Verbot auch
die Chinesen und die Inder 51 ). Schlie߬
lich soll man, sagt der Böhme, nicht R.
sagen, sondern Gottes R.; das bloße
Aussprechen des Wortes R. gilt als
Sünde 52 ). Anderswo heißt es, man solle
nur die Bezeichnung Himmelsring ver¬
wenden, da das Wort ‘R.’ eine magische
Wirkung auf den R. ausübe, so daß es
zum Regnen kommt (s. o. Sp. 588).
Demgegenüber stehen die Vorstellungen
von der Segen bringenden Macht des
R.s. Sehr verbreitet ist der Glaube,
daß ein über den R. geworfener Hut oder
in ihn geworfenes Stück Eisen, Blei oder
anderes gemeines Metall Gold bringe:
der Hut fällt mit Gold gefüllt nieder,
das Eisen verwandelt sich selbst in Gold.
Der Zusammenhang dieser Vorstellung
mit der mythischen Erklärung vom R.
als Schatzhüter und Schatzspender (s. u.
Sp. 593 f.) ist deutlich zu erkennen. Auch
ein in den R. geworfener Schuh oder
Geldsack kommt mit Gold gefüllt zurück;
selbst der Stein wird dann zu Gold 53 ).
Die Verbindung zwischen R. und Schätzen
wird immer wieder betont; so heißt es in
Böhmen, daß dort, wo ein R. drei Sonn¬
tage hintereinander aufliege, ein Schatz
verborgen sei M ). Interessant ist eine
Ausdeutung der Farben des R.s in
Baden: in Göbrichen bei Pforzheim soll
derjenige, der einen R. sieht, schnell
Nelkensamen säen, weil es dann ‘aller¬
593
Regenbogen
594
hand farbige* Nelken gäbe 55 ). Auch
medizinische Bedeutung hat der R. Wer
von den Zigeunern über Pfingsten einen
R. sieht, kann sich auf leichte Weise ein
gutes Mittel gegen den Tollwurm der
Tiere verschaffen, indem er ein Messer
für die Dauer der R.erscheinung in die
Erde steckt: Mit einem so geweihten
Messer kann man am sichersten den
Tollwurm unter der Zunge rasender Tiere
schneiden 56 ). So ist schließlich der R.
bei jemandes Geburt sogar ein gutes
Omen; er wird ein tüchtiger Mensch
werden 57 ), oder auffallend schön, wenn
derjenige Teil des R.s, der die Erde
berührt, über ihn hinwegscheint (Zi¬
geuner) 68 ).
Die naturgemäße Fortsetzung unserer
Darstellung muß hier zu einer Betrach¬
tung des sog. R.schüsselchens führen;
mit ihm hat der Volksglaube sich be¬
sonders liebevoll beschäftigt. Wir rücken
hier die Ausführungen des verstorbenen
Professors Olbrich ein, die dieser dankens¬
werterweise der Redaktion unseres Hand¬
wörterbuchs einsandte. Wir können uns
mit ihnen vollständig einig erklären; ledig¬
lich einige Materialangaben sind nachge¬
tragen. Olbrich schreibt: Weit verbreitet
ist der Aberglaube, daß dort, wo der R.
auf die Erde aufstößt, sich große Schätze
finden, vor allem kleine goldene Schüssel-
chen. Das gemeine Volk, sagt Zedier,
meint, sie seien aus der Luft erzeugt,
schätzt sie wegen ihrer Seltenheit hoch
und teuer ein und mißt ihnen unbeschreib-
bare Tugenden und Kräfte zu; denn wie
Gott den R. zu Gnaden eingesetzt,
müßten auch die Schüsselchen davon
herrühren und nichts anderes als Glück
mit sich bringen, zumal in ihrer Mitte
oft ein Stemlein oder Kreuz abgebildet
sei. In Schwaben meint man, wo ein R.
die Erde berührt, lassen die Englein
goldene Schüsselchen fallen, die von der
Größe eines Halblotgewichtleins sind. In
Bayern glaubt man, der R. stelle sich
auf zwei Gewässer und schlürfe aus
ihnen goldene Schüsseln; man hält ein
solches hoch in Ehren als ein wahres
Schatzgold. In Tirol hält man schnell
den Hut unter das Ende des R.s; ist er
mit der Öffnung nach oben gerichtet, so
wird er mit Gold gefüllt; deckt der Hut
aber mit seiner Öffnung den Boden, so
darf man ihn nimmer wegnehmen, denn
im Nu haben sich giftige Schlangen unter
ihm angesammelt. In Schlesien heißt
es, nur ein nackter Mann könne den
Schatz heben, der dort begraben liegt,
wo der R. auf die Erde stößt. Dem, der
es besitzt, bringt das R.schüsselchen Glück
und Segen, ebenso dem Hause, wo es sich
befindet. Selbst für den höchsten Preis
soll man es nicht verkaufen, denn in ihm
steckt Glück genug. Verliert oder ver¬
kauft man es, so weicht das Glück. Dem
R.schüsselchen schrieb man auch Heil¬
wirkungen zu. Der gemeine Mann legt
es in Getränke als Mittel gegen Fieber
(Zedier); bei schweren Geburten schabte
man etwas von dem Schüßlein ab und
gab es der Frau zu trinken. Als Amulett
schützt es Kinder vor Krämpfen, ebenso
wenn man sie daraus trinken läßt (Bayern);
in Franken schüttet man in das Schüssel¬
chen Muttermilch und träufelt sie den
an Fraisen kranken Kindern in den Mund.
Der Aberglaube ist dadurch entstanden,
daß man nach Regengüssen aus dem
Boden herausgespülte prähistorische Mün¬
zen fand. Nach den Fundorten hält
man sie für keltische, in Altbayern, wo
sie sehr häufig Vorkommen, für römische
Goldmünzen 59 ).
Eine besondere Stellung scheint eine
Reihe von Ansichten über den R. am
Weitende einzunehmen. Schon oben
war auf den Weg der guten Toten zum
Himmel beim Jüngsten Gericht ver¬
wiesen worden ®°). Der Zusammenhang
zwischen R. und Weitende erscheint
deutlich in einem Kinderreim; der R.
ist hier der Weg, auf dem Gott dann
zum Gericht kommen wird. Das Gebet
heißt:
Wenn der jüngste Tag wird werden,
Fallen die Sternlein auf die Erden,
Beugen sich die Bäumelein,
Singen die lieben Engelein,
Kommt der liebe Gott gezogen.
Auf einem schönen Regenbogen.
Tretet in die Spitzen,
Wo die lieben Englein sitzen,
Tretet in die Bahn,
Der liebe Gott wird uns Alle erhör’n. Amen 61 ).
595
Regenbogen
596
Stemenfall und Aufzug des Engelheeres
sind die bekannten schon in der Antike
verarbeiteten eschatologischen Vorstel¬
lungen, die das Ereignis begleiten sollen.
In Zusammenhang damit seien noch zwei
Anschauungen erwähnt, die R. und Weit¬
ende verbinden. In der Provinz Posen
bezeichnet man den R. als die Straße
des Sterns, der einmal die Erde zer¬
stören wird, denn der Stern sei ein
feuriger Körper, der die Erde in Brand
setzen werde 62 ). Das geht einerseits auf
Apocal. 8, iof. zurück, anderseits an¬
scheinend auf die Vorstellung vom Ko¬
meten, in dessen Schweif die Erde ver¬
brenne (s. Kometen Sp. 96). Hier
scheint der Schweif des Kometen zum
Himmel und Erde verbindenden R.
geworden zu sein. Neben dieser, wenn
nicht ursprünglich auf dem Boden des
Christentums erwachsenen, so ganz chri¬
stianisierten Vorstellung von R. und
Weitende steht noch eine schöne andere,
die deutlich mythisches Denken der
heidnischen Kulturstufe erkennen läßt:
Wenn es regnet, heißt es in Belp (Bern)
und die Sonne scheint und es gibt keinen
R., so geht die Welt unter (weil etwas
Widernatürliches vorgefallen ist) 63 ).
43 ) John Westböhmen 240; vgl. die ähnliche
serbische Anschauung von Erwachsenen bei
Grohmann 40 Anm. 44 ) ZfVk. 5 (1895), 127;
vgl. Grimm Myth. 2, 611. 45 ) Grohmann
41 Nr. 252. 46 ) Grimm Myth. 2, 611; John
Westböhmen 240; Urquell 3 (1892), 108; Andree
Braunschweig 403 usw. 47 ) Drechsler 2, 139;
vgl. Alemannia 24, 154 und SchwVk. 10, 37.
48 ) Wuttke 14 §11; ZfdMyth. 1 (1853), 202.
4fl ) Grohmann 41 Nr. 251. 50 ) ZföVk. 9 (1903),
216. 51 ) Liebrecht Zur Volk sh. 341. 52 ) Groh¬
mann 40 Nr. 246 (tsch.). 53 ) ZfdMyth. 1, 237;
3, 29; Grohmann 41 Nr. 248; Heyl Tirol 798
Nr. 234; Meier Schwaben 1, 229 (aus Grau¬
bünden); SchwVk. 9, 5. Vgl. Wuttke 411
§ 638. Interessant SAVk. 3, 196. M ) Groh¬
mann 40 Nr. 247. 55 ) Meyer Baden 517.
56 ) SAVk. 14 (1910), 271. 57 ) ZfVk. 21 (1911),
392. 58 ) SAVk. 14 (1910), 271. 59 ) Zedier 30,
J 755 ff.; Grimm Myth. 3, 455 Nr. 598; Bir-
linger Volksth. 1, 196 Nr. 309 7 u. Nr. 310;
Meier Schwaben 227 f. Nr. 2—5 u. 503 Nr. 359;
Sepp Sagen 28 h.; Heyl Tirol 708 Nr. 234;
Reiser Allgäu 2, 430 Nr. 56; Schönwerth
Oberpfalz 2, 129 f.; Drechsler 2, 138 u. 204;
MschlesVk. . 11 (1904), 9; Kühnau Sagen 3,
709 f. Nr. 2112; Witzschel Thüringen 2, 276
Nr. 3; Bartsch Mecklenburg 2, 212 Nr. 1072;
M üllenhoff Natur 21 Nr. 33; Schräder Real-
lex. 288 s. v. Gold; Schöppner Sagen 2, 9.
Nr. 481; Lammert 124; Meyer Aberglaube
104; Ho vorka-Kronfeld 2, 675; Keller
Grab d. Abergl. 4, 99 f.; Seligmann 2, 18. —
Ergänzend fügen wir hinzu: John Westböhmen
240; Meyer Baden 517; Seyfarth Sachsen 251;
Alemannia 34 (1906), 269 (Walldürn); Köhler
Voigtland 433; ZfdMyth. 1 (1853), 237 Nr. 17
(Unterinntal); Kühnau Sagen 3, 710. 60 ) s.
Anm. 38. 61 ) Urquell 1 (1890), 86. 62 ) ZfVk. 21
(1911), 390. — Weitere Literatur über diese
volkstümlichen Ansichten bei H. Gaidoz in Me¬
lusine Bd. 2—5. 7. 10 (L’arc-en-ciel), ferner
RTrp. 12, 627; 15, 117; 16, 468. 556; 17, 55;
Sebillot Folk-Lore 1, 66. 90; S. Merian Die
franz. Namen des R.s (Diss. Basel 1914)- 63 ) SA¬
Vk. 8, 271. Vgl. den ähnlichen Glauben über
Weltuntergang bei Finsternissen (s. d. Sp. 1512),
der sich aus der gleichen Vorstellungsweise
erklärt.
3. Astrologisches. Daß sich unter
den vielen himmlischen Erscheinungen
die Laienastrologie auch des R.s an¬
genommen hat, erwähnen wir nur, weil
Luther mit dem Erscheinen eines R.s
den Tod des Kurfürsten Friedrichs des
Weisen in Verbindung gebracht hat.
,,Das Zeichen seines Todes", schreibt
Luther in einem Briefe an Joh. Rühel
unterm 23. Mai 1525, ,,war ein R., den wir,
Philips und ich sahen . .“ (folgen noch
zwei Wunderzeichen) €4 ). Die Stelle be¬
weist nämlich, daß von den byzantini¬
schen R.aussagen, die sich in wenigen
griechischen Hss. finden 65 ), doch einiges
auch nach Deutschland im Zusammen¬
hang mit den astrologischen Studien des
15. und 16. Jh.s gedrungen ist. Diese
byzantinischen Listen, die aus dem R. zu
den Monaten ihre Aussagen machen teils
mit Rücksicht auf den Mond, teils ohne ihn
zu beachten, sind nach dem Schema der
Blitz-, Donner- und Mondwahrsagebücher
entworfen, die in der Antike von den
Astrologen geschrieben wurden (s. z. B.
Donner Sp. 321, Planeten Sp. 44 f.). Die
beiden mir bekannten Listen berichten
(nach dem Schema: Wenn im April am
Himmel ein R. erscheint, so . . .) neben
der Witterung über Hungersnot und
Tiersterben, aber auch über den Tod von
Königen 66 ), Großen oder über Krieg
im Westen sowie über böses Ergehen
des persischen Volkes. Melanchthon
und nach ihm Luther wird seine
597
Regenbogenschüsselchen—Regenorakel
598
Aussage auf eine ähnliche Angabe ge¬
stützt haben 67 ); bekanntlich achtete
ja auch Luther die Himmelserscheinungen
als Zeichen, die Gott den Menschen
gegeben habe 68 ); die Idee eines ursäch¬
lichen Zusammenhangs freilich, wie sie
Melanchthon und die zünftigen Astro¬
logen vertraten, pflegte er allerdings stets
entrüstet als falsch zurückzuweisen 69 ).
64 ) Mit geteilt von A. Warburg Heidn. antike
Weissagung ... zu Luthers Zeiten. Jetzt in
Ges. Schriften 2, 522 A. 2. 65 ) Cat. codd. astrol.
Graec. III 47 f., X 170. Dazu eine Theorie
über die Farben und die Zeiten der Prognose
VIII 1, 139!. — Übrigens registrierte man die
R.n wie Blitze und Erdbeben schon in Baby¬
lonien (Meißner Babyl. u. Ass. II 409).
M ) Cat. codd. astr. III 48 zum November: ’Edv
VOEpßptlü TO TÖ£oV <p<ZV 7 |, Eie l‘A T( 1 >V ßotCJlXECOV
TEÄEUTTjCtEt .... Die Hs. stammt aus dem 14./15.
Jh. 67 ) Daß solche Listen in der Tat bekannt
geworden waren, beweist auch eine Angabe
bei Müller Siebenbürgen 71 aus einer Chronik,
in der es heißt: 1654 am 17. Dezember ist ein
R. bemerkt worden, zu solcher Zeit ein böses
Anzeichen. In der Tat heißt es in der genannten
griechischen Hs. zum Dezember: ei; ttjv Sustv
cpövot fjLeydXoi löovtau 68 ) Vgl. Art. Finster¬
nisse Sp. 1519. 69 ) A. Warburg Ges. Schriften
2, 512 und 545. 549. Stegemann.
Regenbogenschüsselchen s. Regen¬
bogen 2.
Regenorakel. Mit Regen an bestimmten
Tagen verbindet sich im deutschen Volks¬
glauben allerlei Aberglauben, der in Re¬
geln zusammengefaßt umgeht. Die in
diesen Regeln ausgesprochenen Ansichten
gehen teils auf einfache Naturbeobachtun¬
gen zurück, teils wirken in ihnen
alte Anschauungen von der göttlichen
Kraft des Regens (s. Regenwasser) nach.
Die erste Gruppe bezieht ihre Schlüsse
meist entweder auf das kommende Wetter
oder auf den Ausfall der Ernte; die
zweite Gruppe hat Ereignisse des Lebens
zum Gegenstand ihrer Betrachtung. Von
dem großen Schatz heben wir einiges
heraus.
1. Wetter- und Ernteregeln,
a) Wetterregeln. Die wohl verbreitetste
Anschauung ist die, daß Regen während
des sonntäglichen Kirchgangs eine Regen¬
woche im Gefolge habe 1 ). Zuweilen !
wird die Regenperiode sogar auf 7 Wochen
ausgedehnt 2 ); doch kennt man in man¬
chen Gegenden die Regel auch wieder in
der Form, daß es nur den Sonntag
oder die ganze Woche regne 3 ), womit in
lustiger Weise die Unsicherheit dieser
ganzen Prognose charakterisiert wird.
Bekannt ist die Regel, daß Regen am
Freitag auf Regen am Sonntag schließen
lasse 4 ); doch prophezeit man hier auch
das Gegenteil und erwartet wenigstens
aus Frühregen am Freitag schönes
Sonntagswetter 5 ).
Daneben dient der Regen an gewissen
hervorragenden Festen des Kirchenjahres
zu mancherlei Wetterprognosen auf län¬
gere Zeit. Z. B.: Warmer Regen am Kar¬
freitag bringt einen warmen Frühling
(Lohne, Oldenburg) 6 ); andere fassen den
Karfreitagsregen als Hinweis auf Dürre
im kommenden Jahr (Schwaben, Böhmer¬
wald) 7 ). Regnet es am Ostertag, so
soll es alle Sonntage bis Pfingsten regnen,
sagt man in Brütz (Mecklenburg) 8 ); in
Westböhmen erwartet man allgemein viel
Regen zwischen Ostern und Pfingsten,
wenn es am Tag vor Ostern oder am
Weißen Sonntag (8 Tage nach Ostern)
regnet 9 ). In dem erwähnten mecklen¬
burgischen Brütz bringt Regen am Him¬
melfahrtstag vermutlich ein unfrucht¬
bares Jahr 10 ). In Dithmarschen weiß
man zu sagen, daß auf Regen am ‘Peter
Kett’ (= 1. August) vier Wochen lang
Regen folgen wird 11 ). Über Regen am
Dreifaltigkeitssonntag ist man geteilter
Meinung 12 ). — Daneben sei die nur auf
den gegenwärtigen Tag bezogene Regel
erwähnt, daß es nachmittags des Tages
nicht regnen wird, an dem vom Morgen
an der Regen fällt 13 ).
b) Ernteregeln. Regnet es in den
Faschingstagen, so hofft man auf viel
Gemüse (in Kärnten, Howenen 14 ). Kar¬
freitagsregen (man sagt auch ‘wenn es
dem Herrn Christus ins Grab hinein¬
regnet') 15 ) versengt den Rasen sieben Mal
(s. o.) und macht in dem Jahre die
Erde nicht satt (Thüringen, Schwaben,
Hessen, Mecklenburg) 16 ); in Westböhmen
hat man dafür die Formel: ‘Charfreita
Reg'n, ist's Heu's ganze Jahr z'weng' 17 ).
Ähnlich heißt es in Mecklenburg und
599
Regenorakel
Regenpfeifer—Regen Vorzeichen
602
Hessen, daß Osterregen das ganze Jahr
die Erde nicht satt mache 18 ). Der Regen
am 1. Mai hingegen 'regnet Butter' (An¬
halt). Dieses Wort hängt wohl mit der
Fruchtbarkeit zusammen, die durch den
Regen dem wachsenden Grünfutter ge¬
bracht wird 19 ). Dagegen am 1. Pfingsttag
darf es nicht regnen; die halbe Nahrung
könnte hin sein (d. h. wohl Getreide, Kar¬
toffeln usw.) 20 ). In Grafenried (West¬
böhmen) regnet es dann Vogelwicken 21 ).
Regen am Dreifaltigkeitssonntag regnet
an der Hohen Möhr (Baden) den dritten
Teil des Getreides hinweg 22 ). Es folgt
der Johannistag. Im Erzgebirge bringt
Johannistagregen ziemlich sicher nasse
Ernte 23 ), ebenso in Mittenwalde und
Fahrland bei Potsdam 24 ). Regnet es
an dem Tage nicht, so erwartet man in
Pommerellen und Schlesien gute und
viele Nüsse 25 ), in Schlesien auch viele
schwangere Mädchen 26 ). Walpurgisnacht¬
regen endlich hat Tenn' und Keller stets
gefüllt in Westböhmen, Westpreußen,
Schlesien und der Provinz Sachsen 27 );
in Mecklenburg glaubt man ein unfrucht¬
bares Jahr im Gefolge dieses Regens 28 ).
Neben diesen an ganz bestimmte Tage
anknüpfenden Regeln stehen einige all- j
gemeinere. 'Regen auf die Pötten (Knos- '
pen), bringt volle Hotten' (Tragkörbe), j
sagt man in Mecklenburg 29 ), wie man
auch sonst gerne sieht, daß es nach der
Feldbestellung regnet, weil 'es die Körner, j
die aufliegen, in die Erde ziehe und j
dann alles wachse', was guten Ernte¬
ertrag verspricht 30 ). Nur bei Obstblüte j
hat man den Regen nicht gern; schnelle ;
ohne Regen vergehende Obstblüte bringt
erst den Segen (Heidenheim) 31 ). Zur
Zeit der Heuernte ist Regen natürlich j
verpönt 32 ). j
Unter die Ernteregeln gehört endlich j
auch die von der Wirkung des Regens bei I
Sonnenschein: das bedeutet Mehltau für j
die Pflanzen, denn dieser Regen ist ein
Giftregen (Oldenburg und sonst) 33 ). i
1 ) Köhler Voigtland 396; John Erzgebirge j
2 5 o; vgl. Alemannia 24,155 (Wiesloch). 2 ) John j
Westböhmen 236. 3 ) Drechsler 2, 149: Enge- !
lien und Lahn 281. 4 ) John Erzgebirge 250, j
vgl. ‘Freitagswetter — Sonn tags wetter’ (allge¬
mein). 5 ) John Erzgebirge 250. 8 ) Stracker-
jan 2, 70. 7 ) Meier Schwaben 2, 389; Schra-
; mek Böhmerwald 146; vgl. Grimm Mythol.
! 3 » 474 Nr. 1044. 8 ) Bartsch Mecklenburg 2,
262. •) John Westböhmen 236. 10 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 270. n ) ZfVk. 24 (1914), 59.
12 ) Sartori 3. 218. 1S ) Urquell 4 (1893), 89.
i J4 ) ZföVk. 4 (1898), 148. 15 ) Wuttke 75 §87.
[ 16 ) Ebd. 17 ) John Westböhmen 236. 18 ) Bartsch
j Mecklenburg 2, 262; Wuttke S. 72 § 83.
19 ) Mitt. Anh. Gesch. 14, 20. 20 ) ZfVk. 1 (1891),
70; Kück Wetterglaube 68. 21 ) John West¬
böhmen 78. 22 ) Meyer Baden 506. 23 ) John
: Erzgebirge 207; vgl. Kück Wetterglaube 71.
| 24 ) Engelien und Lahn 234. 25 ) ZfdMyth. 3,
| 104 A. 4; Drechsler 1, 146. 26 ) Drechsler
; U 146- 27 ) John Westböhmen 73; Wuttke
; S. 76 § 88. 28 ) Wuttke S. 76 § 88 . 29 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 212. 30 ) ZfVk. 2 (1892), 191.
31 ) Eberhardt Landwirtschaft 13. 32 ) Panzer
Beitrag 1, 266. 33 ) Strackerjan 1, 21; Enge¬
lien und Lahn 281; s. a. Wolf Beiträge 2, 387.
; 2. Regen als Künder von Ereig¬
nissen im Leben. Da niemand mit
| dem Regen als Spender oder Zerstörer
der Fruchtbarkeit so verbunden ist, wie
der Landmann, — alle im vorigen Ab¬
schnitt aufgezählten Regeln sind Bauern¬
regeln — wird man nicht umhin kön¬
nen, die auf das Leben bezogenen R.
wesentlich in bäuerischen Kreisen ent¬
standen zu denken.
Regen beim morgenlichen Ausgang ist
unheilvoll, man soll sofort umkehren
(Schlesien) 34 ). Besonders wichtig wird
der Regen am Hochzeitstag genommen;
aber die Urteile über seine Bedeutung
widersprechen sich 3S ). Im allgemeinen
scheint die Ansicht zu überwiegen, daß
die Ehe, wenn es auf den Brautkranz
regnet, gesegnet sei. Reichtum wird
vornehmlich prophezeit 36 ). Dem stehen
die andern Deutungen gegenüber: man
habe Unglück 37 ), die Frau werde körper¬
lich mißhandelt, beide Gatten hätten
Herzeleid und trübe Tage 38 ), kurz es folge
eine ‘bösi Eh' 39 ), wie es im Baselland
heißt — ‘Viel Regen, viel Tränen'. Zu¬
weilen wird der Stärkegrad des Regens
noch besonders gewertet: sanfter Regen
am Hochzeitstag bringe Segen, starker nur
Tränen, sagt man in Schlesien 40 ). In
Westböhmen wiederum ist es entscheidend,
ob dieser Regen vormittags oder nach¬
mittags fällt; nur der Vormittagsregen ist
nämlich daselbst als glückbringend ange¬
sehen (Egerland, Plan) 41 ). Am Einzugs-
tag bedeutet ebenda Regen Glück 42 ). Im
Erzgebirge wünscht man den Regen am
Hochzeitstag, aber nicht mit Sonnen¬
schein. Auch Regen am Tage vor der
Hochzeit ist Künder kommenden Un¬
glücks 43 ). Ähnlich Lausitz: Wenn es vor
der Trauung regnet, folgen Tränen, wenn
nach ihr, Reichtum und Kindersegen 44 ).
Nächst dem Hochzeitstagregen bedeutet
Regen auf Grab und Leichenzug Besonde¬
res. Im allgemeinen hebt man Regen auf
das Grab, denn dieser bringt Reichtum 45 ).
Regen bei einem Leichenbegängnis weist
darauf hin, daß der Verstorbene ins
Himmelreich komme, im andern Fall
weiß man, daß er nicht dorthin gelangt
ist 46 ). Man hat trefflich den Volksspruch
'es regnet, Gott segnet’, der sich zunächst
auf die Frucht bezieht, auch hier zur
Erklärung beigezogen: hier wirkt sich
die Vorstellung von dem himmlischen,
segenspendenden Naß der Gottheit aus
(s. Regen Sp. 577 f.).
Aber auch hier ist die Überheferung
nicht einheitlich. Für den Bewohner
mancher Gegend des Erzgebirges ist
Regen am Begräbnistag ein Zeichen
dafür, daß der Tote viel gehtten hat und
ungern gestorben ist 47 ), auch daß er
ungerecht war (‘dem Gerechten regnets
am Ehrentag, dem Ungerechten am
Sterbetag') 48 ). In Schlesien deutet Regen
bei dem Begräbnis einer Bauersfrau darauf
hin, daß 'sie die Milch zu viel getauft
habe' 49 ).
Regen in ein neues Grab ist Vorzeichen
für den baldigen Tod irgend jemandes 50 ).
Regnet es bei einem Umzug, so werden
die Leute reich (Voigtland: Reichenbach,
Oelsnitz; Erzgebirge) 51 ).
34 ) Urquell 3 (1892), 108; Drechsler 2, 156.
35 ) Strackerjan 2, 109. 36 ) Köhler Voigtland
385. 438; John Erzgebirge 93; Liebrecht
Zur Volkskde. 328; Wolf Beiträge 1, 211; John
Westböhmen 236; SAVk. 12 (1908), 214 (Schafi¬
hausen); Schramek Böhmerwald 250. 37 ) Wolf
Beiträge 1, 211. 38 ) John Erzgebirge 93; Lam-
mert 155. 39 ) SAVk. 12 (1908), 150. 40 ) Drechs -
ler 1, 257 f.; vgl. oben John Westböhmen 236.
41 ) John Westböhmen 236. 42 ) John Erzgebirge
28. 43 ) Wuttke S. 197 § 266. 44 ) Ebd. 45 ) Höhn
Tod 344; Alemannia 24, 153; Schmitt Het-
tingen 18. 46 ) Nahetal: ZfrhwVk. 1905, 198.
47 ) John Erzgebirge 128. 48 ) Ebd. 93. Doch vgl.
‘Dem Glückseligen regnet's ins Grab, dem Un¬
glücklichen am Hochzeitstag’ bei Höhn Tod
344. 49 ) Drechsler 1, 303. 50 ) ZfVk. 8 (1898),
290; vgl. Grohmann 188 Nr. 1325. 51 ) Köh¬
ler Voigtland 385; auch Wuttke S. 198 §266.
; 3. Ein Teü der Regenorakel ist sehr
: alt; eine Untersuchung über ihre Her¬
kunft ist noch nicht erschienen. Über die
historischen Grundlagen der heutigen
Bauernregeln allgemein vgl. meine Be¬
merkungen im Art. Bauernregel. Da¬
selbst findet man in der Anmerkung die
großen Materialsammlungen verzeichnet,
die auch für die volkstümlichen Regen¬
orakel noch vieles beisteuern, das hier
nicht erwähnt werden konnte.
Stegemann.
Regenpfeifer s. Nachtrag.
Regenprozession s. Regen.
Regenschirm s. Schirm.
Regenvogel s. Regen und Regen-
Vorzeichen.
I Regenvorzeichen. Weitaus die meisten
Wetterregeln beschäftigen sich mit dem
Eintreten des Regens. Den Vorgängen
| in der Luft, bei Tieren, Pflanzen und
! Menschen usw., die auf Regen schließen
lassen, hat der Landmann seit Anbeginn
seiner Tätigkeit auf Erden die größte Auf¬
merksamkeit gewidmet; die Ergebnisse
seiner vielhundertjährigen Erfahrung wir¬
ken bis auf unsere Zeit nach. Dies Wissen
wurde ganz früher mündlich, hernach im
allgemeinen mündlich und schriftlich auf
Kind und Kindeskind vererbt; es hält
sich, weil das meiste auf richtige Beob¬
achtung zurückgeht. Daneben gibt es in
der Überheferung des Volkes weniges
Abergläubische, das wohl in alten religiö¬
sen Anschauungen seinen Grund hat;
einiges ist auch antik und wurde durch
die Bauernkalender dem Volke zugäng¬
lich, die wie früher auch heute noch viel¬
fach eingehend gelesen und beachtet
werden. Und wenn, einem vor hundert
Jahren erschienenen Wetterbüchlein zu¬
folge, die Regeln auch nicht unfehlbar
gewiß sind, so treffen sie doch oft
wenigstens zum Teile ein*): eben diese
Tatsache läßt immer wieder die Regeln
beachten.
603
Regenvorzeichen
604
x ) Das Buch vom Wetter oder kuYzgefaßter
Unterricht von den sog. Bauernregeln als Wetter-
prophezeyungen .... Abdruck aus dem loojäh-
rigen Zeit- und Witterungskalender. Pesth
1819 bei A. Hartleben S. 4. (Exemplar der
Leopold-Sophien-Bibl. zu Überlingen: Mb 37).
1. R. an Gestirnen. Es gibt Regen,
wenn die Sonne weiß untergeht und
Wasser zieht 2 ) oder zur Zeit ihres Unter¬
gangs einen Hof um sich hat (Hollenstedt,
Lüneburger Heide) 3 ). Sonnenschein nach
Regen bedeutet weiteren Regen; aus der
Heide kennt man mehrere Zweizeiler, die
das besagen, wie:
Wenn de Sünn schint up’n natten Busch,
Krigt de Ragen noch mal Lust (Jelmstorf) 4 ).
Wenn die Sonne sich zugleich blau und
rot zu färben scheint, so hat man Regen
und Wind zugleich zu befürchten 5 ).
• #
Ähnlich bedeutet der Mondhof Regen 6 );
auch wenn der Mond früher aufzugehen
scheint als er sollte oder größer erscheint
als man ihn erwarten sollte, kann man
auf Regen schließen 7 ).
Schließlich weisen starkes Sternflim¬
mern sowie gutes Licht der Milchstraße
auf den kommenden Regen 8 ).
2 ) SchwVk. 9, 25. 3 ) Kück Wetterglaube in.
4 ) Ebd. 113. 3 ) Wetterbuch (s. A. 1) S. 17 Nr. n.
*) s. Art. Mond Sp. 519,5; Wetterbuch S. 16 Nr. 4.
7 ) Wetterbuch S. 16 Nr. 3. 8 ) SchwVk. 9, 25.
2. Gewölk und Atmosphäre werden
sodann betrachtet. Vor orientierend sei
bemerkt, daß die aus dem Regen be¬
stimmter Tage geweissagten Regengüsse
bereits unter Regenorakel 1 a behan¬
delt sind. Sonstige atmosphärische Regen¬
zeichen sind besonders ganz grau durch¬
zogenes Abendrot (allgemein; s. d.),
Rauhreif 9 ), aus den Wäldern aufsteigende
Dämpfe 10 ) und bestimmte Wolkenbildun¬
gen, so die Lämmerwolken 11 ). Wenn die
Gipfel höherer Berge mit einer starken
Nebelwolke eingehüllt sind, folgt Wind
und Regen und desto heftiger, je dichter
diese Wolkenkappe ist 12 ); ebenso für viele
Gegenden bei bestimmten Winden. Vgl.
'wenn der bayrische Wind geht, gibt es
im Böhmerwald Regen’, weil er von
Westen kommt 13 ) oder
Kommt der Wind vom Brocken,
Bleibts nicht lange trocken 14 ) (südl. Teil
der Lüneburger Heide).
Auch die abendliche Bewölkung des süd¬
lichen und nördlichen Himmels soll ähn¬
liche Anzeichen enthalten. So traut man
in Göddingen (Lüneburger Heide) dem
klaren Südhimmel nicht, denn
Süden klör,
Makt dann Scheper den Rock swör 15 ).
Dasselbe behauptet man in Hänigsen
(ebenda) freilich vom klaren Nordhim¬
mel 16 ).
Über den Regenbogen als R. s. Art.
Regenbogen Sp. 587.
9 ) ZfVk. 24 (1914). 60. 10 ) Andree Braun¬
schweig 410; 'die Hexen kochen' (s. Nebel Sp.
986); SchwVk. 9, 25. X1 ) John Westböhmen 237;
Bartsch Mecklenburg 2, 211; Kück Wetter¬
glaube 119. 12 ) Wetterbuch (s. A. 1) 17 Nr. 13;
Schramek Böhmerwald 251; Andree Braun¬
schweig 410. 13 ) Schramek Böhmerwald 250.
14 ) Kück Wetter glaube 119.
18 ) Ebd. 123.
1S ) Ebd. 122.
3. Vorzeichen an Tieren. Es ist
unmöglich, hier alle die Anzeichen des
Regens, die an Tieren sich erkennen
lassen, aufzuzählen. Bei Kück, Wetter¬
glaube, findet man S. 98 ff. eine gute Zu¬
sammenstellung, deren Ausführlichkeit
uns hier längerer Darlegungen überhebt.
Diese Ansichten dürften allgemein ver¬
breitet sein. Beispielsweise gibt es Regen,
wenn die Schwalben und Mücken tief
herunterfliegen, die Schwalben auf Dä¬
chern und Drähten zusammensitzen, die
Spatzen im Sand ‘baden’, Pfauen, Trut¬
hühner, Möwen, Spechte, Häher, Gänse
und Krähen stark schreien, der Buchfink
‘schütt schütt' ruft, der Specht auf¬
fallend laut poppert, die Bienen stark
schwärmen, die Schnecken über den Weg
kriechen, der Laubfrosch in der Tiefe
bleibt, die Frösche nicht in klarer Sommer¬
nacht lärmen, die Fische in einem Haufen
an seichten Stellen sind, der Hecht und
die Forellen aus dem Wasser schnellen,
das Vieh nach Luft schnappt, die Schwänze
aufwärts streckt 17 ), die Schafe nicht in
den Stall wollen 18 ), die Katzen faul
herumliegen, oder wie die Hunde Gras
fressen 19 ), viele Blindschleichen beim
Heuen sichtbar werden *°), die Flöhe
beißen oder die Kühe sich den Hintern
an der Wand reiben usw. usw. 21 ).
17 ) SchwVk. 9, 24; vgl. John Westböhmen
605
Regenvorzeic hen
606
235; ZfVk. 1 (1891),68; 9 (1899),233; 23 (1913)»
183; SAVk. 24 (1922), 64. 18 ) Kück Wetter¬
glaube 99 - 19 ) z- B. John Erzgebirge 250;
Strackerjan 2, 109. 20 ) SchwVk. 9, 24.
21 ) Drechsler 2, 198. —- Ganz ähnliche Hin¬
weise im Wetterbuch (s. A. 1) S. 19 ff. Beachte
vor allem, was dort noch über die Spinnen als
Wetterprophet gesagt ist: Gibt es keine Spinnen
oder arbeiten sie nicht, so zeiget es Regen oder
Wind an ... . Wenn die Winkelspinne in ihrem
Gewebe den Kopf gegen die weite Öffnung und
den hintern Teil gegen den Winkel gekehrt hat,
gibt es gutes Wetter; die umgekehrte Stellung
deutet auf längeren Regen (Nr. 36. 37). Vgl.
dazu: Ist das Feld mit Spinngeweben bedeckt,
so wehen oder regnen sie binnen drei Tagen ab
(Drage; s. ZfVk. 24 [1914]* 59 )-
4. Vorzeichen an Pflanzen sind im
Vergleich zu denen aus dem Tierreich sehr
gering. Das genannte ‘Buch vom Wetter'
(s. A. 1) gedenkt der Blumen als Wetter¬
propheten, bemerkt aber, daß ihre Beob¬
achtung für die Umstände des arbeiten¬
den Bauern nicht tauge, und läßt sie
deshalb beiseite 22 ). Kück kennt aus der
Lüneburger Heide die Regel, daß hän¬
gende Runkel- und Steckrübenblätter
Regenvorboten sind. Ebenso bedeuten
dort auffällig welke Kleeblätter, zumal
wenn sie sich nach unten drehen, Regen.
Ähnlich deutet man dort stärkeres Duften
der Nachtviolen, Birken und Zitter¬
pappeln. Auch das plötzliche Empor¬
schießen von giftigen Pilzen aus der
Erde oder auf dem Düngerhaufen ist ein
Regenzeichen; letzteres dürfte allgemein
bekannt sein 23 ).
22 ) Wetterbuch 21 Nr. 41. 23 ) Kück Wetter¬
glaube 106; vgl. Bartsch Mecklenburg 2, 207.
5. Vorzeichen an Gegenständen
in Haus und Hof kennt der Land¬
mann sehr viele. Will das Holz nicht
recht brennen oder sind Fußboden, Töpfe,
Sandstein oder Pumpe feucht, dann liegt
Regen in der Luft 24 ). Ähnlich wenn der
Schornsteinrauch nach unten schlägt, der
Rauch der Schmiede oder Lokomotive
stinkt 25 ). Nasses Salz, rostige Pfannen,
ein nach Regen dampfendes Strohdach,
stärkeres Riechen der Aborte sind ver¬
wandte Zeichen 26 ).
24 ) Kück Wetterglaube 124; ZfVk. 24 (1914)*
59. 2S ) Kück Wetterglaube 125. 26 ) Ebd. und
Wetterbuch 21 Nr. 39; SchwVk. 10, 34.
Haben diese Regeln Vorgänge, die mit
dem vor dem Eintritt des Regens zuneh¬
menden Feuchtigkeitsgehalt der Luft
Zusammenhängen, zum Ausgangspunkt
ihrer Aussage, so dürfte das nicht der
Fall sein, wenn man hört, daß rutschende
(‘Wolken-, Wasser ziehende’) Strümpfe 27 )
oder ein mit den Zinken nach oben lie¬
gender Rechen 28 ) oder das Zupfen des
Grases Regen im Gefolge habe. Das
gehört in das Gebiet reinen Aberglaubens.
27 ) Kück Wetterglaube 125; allg. Redensart.
28 ) John Erzgebirge 250; ZfVk. 24 (1914), 59
(Dahrenwurth). Auch der Fall eines Rechens
ist so ausgewertet worden: Strackerjan 2, 109.
6. Sonstiges. Reinem Aberglauben ge¬
hören ferner folgende Regeln an: Es gibt
Regen, wenn die kleinen Kinder viel und
laut beim Spiel schreien (Dithmarschen) 29 ),
wenn ein Leitermann im Orte seine Waren
feilbietet (Erzgebirge) 30 ), der Römfessel-
mann oder Rußbüttenmann kommt 31 ),
eine Braut aus der Pfanne oder irdenen
Töpfen gerne gesottene Milch ißt 32 ), ein
Fremder in die Stube tritt und seinen
Stock in den Winkel stellt (Österreich) 33 ),
mehrere Frauen beisammenstehen 34 ) bzw.
nach anderer Fassung sieben Frauen auf
einem Kreuzweg beisammen sind 35 ),
schließlich der Küster den Kirchhof 36 )
oder der Lehrer seine Wiese mäht 37 ).
Endlich sei der Glaube erwähnt, daß der
Regen stärker wird, wenn man in ihm
läuft (Oldenburg) 38 ), oder einen Regen¬
wurm zertritt 39 ) (Erzgebirge), oder auf
den Lachen beim Regnen Blasen ent¬
stehen *°) (Nord- und Mitteldeutschland).
29 ) ZfVk. 24 (1914), 59; SAVk. 2, 222. 30 ) J ohn
Erzgebirge 250. 31 ) Urquell 3 (1892), 108.
32 ) ZfdMyth. 3, 309. 33 ) Wuttke 209 § 289.
34 ) Südl. Schleswig: ZfVk. 24 (1914), 60.
35 ) Strackerjan 2, 109; vgl. Kück Wetter¬
glaube 127. In der Klei (z. B. Barum) ruft man,
wenn die Frauen ihre Unterhaltung auf der
Straße plötzlich abbrechen und nach Hause
eilen, schelmisch hinterher: Nu ward’t rägen,
denn ,,sonst würden sie sich gewiß noch weiter
was erzählen“ Kück a. a. O. Andere Fassung:
‘Es regnet, wenn sich alte Weiber zanken'
(Drechsler 2, 149). 36 ) Strackerjan 2, 109.
3? ) Kück Wetterglaube 126 f. 38 ) Strackerjan
i, 55; 2, 109. 39 ) John Erzgebirge 250. 40 ) An¬
dree Braunschweig 410; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 211; ZfVk. 24 (1914). 59 ; Urquell 4
(1893), 89; Knoop Hinterpommern 182.
7. Materialien zur Geschichte der Re¬
geln, die von Regen ankündenden Vor¬
zeichen handeln, findet man in weiterem
6o 7
Regenwasser
«I
610
6a
Zusammenhang im Art. Wett er Vorzeichen.
S. aber auch Art. Bauernpraktik,
Kalender (Sp. 926f. 932 1 ), Regen¬
bogen und Wetterbüchlein.
Stegemann.
Regenwasser, Pfütze. Je unmittel¬
barer das Wasser aus der Umgebung der
Gottheit kommt, um so heiliger und
heilkräftiger ist es. Darum wohnt dem
vom Himmel kommenden R. eine be¬
sondere Zauber- und Heilkraft inne. Es
wurde schon im Altertum zu allerlei
Zauberhandlungen benützt x ). Bei der
Wahrsagung gebrauchte man im alten
Ägypten R., wenn man sich an die
himmlischen Götter wandte 2 ). Die
Araber hielten den Regen besonders am
Ende des Monats für erwünscht: Da die
letzte Nacht des Monats für jede Unter¬
nehmung als ungünstig galt, bot er einen
wirksamen Gegenzauber 3 ). Noch heute
laufen die Kinder deshalb gerne in den
Mairegen (s. d.); ungetauft verstorbene
Kinder werden in Oberhessen noch viel¬
fach unter der Dachtraufe der Kirchen
beerdigt, als Ersatz für die Taufe haben
sie im Tode das Regenbad vom Dach
der Kirche; der Tote, dem es beim Be¬
gräbnis ins offene Grab regnet, wird
selig 4 ). In Tirol stellt man bei einem
Gewitter das Weihwasser (s. d.) ins
Freie, daß es sich mit dem R. vermenge 5 ).
In Indien gießt sich, wer Wohlfahrt er¬
langen will, R. aufs Haupt 6 ). Zu Heil¬
zwecken badete man im alten Preußen
Kinder in R., in das man an drei Sonn¬
tagen hintereinander einen Pferdekopf
getaucht hatte 7 ). In Hannover beugt
man dem Wundliegen des Kranken vor,
indem man ihm eine Schüssel sonnen-
klares R. unters Bett stellt 8 ). Aber
auch das R., das in der Pfütze auf dem
Erdboden oder anderswo stehen ge¬
blieben ist, hat Heil- und Segenskraft.
In Monte Carlo ist es von guter Vor¬
bedeutung, wenn man in eine Pfütze
tritt 9 ). Warzen vertreibt man sich,
indem man die Hände in einer Pfütze
wäscht, die nach einem Gewitter stehen
geblieben ist 10 ), oder in R., das auf Kuh¬
dreck liegt 11 ); man bestreicht sie mit
R., das sich auf einem Leichenstein 12 )
gesammelt hat oder in das der Mond¬
schein 13 ) gefallen ist (nach neuerem
Glauben ist das R. in den beiden letzten
Fällen giftig geworden und frißt die
Warzen weg; das Ursprüngliche ist sicher
die wegnehmende Kraft des Todes und
des abnehmenden Mondes; s. Fluß § 2);
auch das R., das sich unter der Dach¬
traufe 14 ) oder auf einen Eichenstumpf 15 )
angesammelt hat, hilft gegen Warzen.
Um Sommersprossen verschwinden zu
lassen, nimmt man das auf einem Leichen¬
stein 16 ) oder Eichenstumpf 17 ) stehen¬
gebliebene R., seiht es durch ein Tuch,
gießt es in eine Flasche, setzt diese der
Sonne aus und wäscht sich dreimal damit.
Um Hühneraugen los zu werden, tritt
man in eine Pfütze, in der Hühner ge¬
badet haben, und zieht dann die Strümpfe
über die mit dem anhaftenden Schmutz
bedeckten Füße; die Strümpfe muß man
14 Tage anbehalten und darf auch so
lange die Füße nicht reinigen 18 ). Das
R., das sich in einem alten gotischen
Taufstein bei der Kirche in Meiches
(hessisches Amt Schotten) sammelt, gilt
als heilkräftiges Augenwasser; es wird
in Flaschen geholt und sogar bis nach
Amerika verschickt ld ). Aber auch das
Trinken des R.s hat Heil- und Segens¬
wirkung. Manchmal wird ein Heiltrank
damit angemacht 20 ), meist aber wird
es unvermischt getrunken. Nach Megen-
bergs Buch der Natur (67) ist das in
einer Cisterne gesammelte R., wenn die
erdigen Bestandteile sich gesetzt haben,
gut gegen die Ruhr und den roten Fluß;
die Fische werden vom R. fett. Kindern
gibt man R. zu trinken, daß sie leicht
reden lernen 21 ) oder eine gute Stimme
zum Singen bekommen 22 ) oder die
Furcht vor den Toten verlieren 23 ). Wenn
der Mann „wüst" gegen die Frau ist,
muß sie ihm heimlich R. in die Suppe
mischen 24 ). Besondere Kraft hat das
Wasser, das es an heiligen Tagen regnet
(s. Heiliwag): nach heutigem Wiener
Kinderglauben hilft das R. vom Drei¬
falt igkeits tag gegen eine gewisse Krank¬
heit 25 ); bei den marokkanischen Stämmen
setzt sich alles am Tage des Nisan
(27. April) dem Regen unbedeckten
r
u
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1 • *
Regenwur
Hauptes aus; man sammelt das R. in
Gefäßen, Schulkinder trinken es zur
Stärkung des Gedächtnisses, man spült
den Mund damit gegen Zahnweh 26 ).
S. Regen, Regenwetter.
J ) Pauly-Wissowa 11, 2, 2178. 2 ) Eitrem
Opferritus 115. 3 ) ARw. 13, 44 Anm. 4. 4 )
Kolbe Hessen 82. 5 ) Heyl Tirol 797 Nr. 228.
6 ) ARw. 17, 406. 7 ) ZfVk. 12 {1902), 385.
8 ) Pfannenschmid Weihwasser 113. 9 ) Selig¬
mann 2, 40. 10 ) Grohmann 172. n ) Fogel
Pennsylvania 322 Nr. 1708. 12 ) Seyfarth
Sachsen 251; Drechsler 2,287. 13 ) Ebd.
14 ) Schramek Böhmerwald 282. 15 ) Fogel
a. a. O. 324 Nr. 1724. 16 ) Drechsler 2, 240;
Bartsch Mecklenburg 2, 362 f. 17 ) Ebd.
l8 ) Seyfarth a. a. O. 177. 19 ) ZfVk. 21 (1911),
316. 20 ) Hovorka-Kronfeld 2, 63. 21 )
Grimm Myth. 3,455 Nr. 624; Meyer Baden
51 (Diedelsheim bei Bretten). 22 ) Wuttke 395
§606; Meier Schwaben 2, 510. 23 ) John Erz¬
gebirge 126. 24 ) SAVk. 24 (1922), 63. 25 ) WZf-
Vk. 32,86. 26 ) Goldziher in ARw. 13, 29 f.
Hünnerkopf.
Regenwurm.
1. Etymologisches. Zu hochd. Re¬
genwurm (lumbricus terrestris) < ahd. re¬
ganwurm, altengl. regnwyrm, dän. regn¬
orm x ) findet sich in lat. imbrius (von
imber „Regenguß") ein Analogon 2 ). Aus
dem franz. des 16. Jh.s ist pluvial be¬
legt 3 ). Zusammensetzungen mit „Wurm"
begegnen noch im Engl. ( earthworm
„Erdwurm") und Schwedischen (met-
mask „Angelwurm") 4 ). Ferner nach
dem Tau benannt: dau-worm (Göttingen),
engl, dew-worm , schwed. daggmask 5 ).
Eigene Namen für den R. finden sich
im Ndd. So pir an den verschiedensten
Punkten des ndd. Sprachgebietes (auch
holl, pier) 6 ), daneben verdeutlichend
pierwurm, pielwurm (Westfalen, Nieder-
rhein) 7 ), pielewurm (Hannover) mit An¬
lehnung an piel „gerade, lang" 8 ). Da
der R. als Köder an der Angel (vgl.
oben schwed. metmask) benützt wird,
heißt er auch pieraas (schon 1640 be¬
legt) 9 ). Der Plural pieräser führte zu¬
nächst zur volksetymologischen Um¬
bildung pieresel (Mark) 10 ); für „Esel"
traten dann andere Tiernamen ein wie
Ratze: pier atze 11 ). Roß : pirosse 12 ), Lork
„Kröte": pierlorken 13 ). Mit „Tau"
zusammengesetzt (vgl. dauworm): dau-
pir (Duisburg) 14 ). Ein anderer ndd.
Bäcbtold - Stäubli, Aberglaube VII
Name des R.s ist bergisch scklik(e),
schlik, schleck (zu schleichen) 15 ). Weitere
Formen bei Heinzerling 16 ), schliken-
fänger bedeutet einen geriebenen Men¬
schen 17 ).
Häufig sind Benennungen nach der
Made. Es begegnen in der Mark neben ein¬
fachem Made, Piermade 18 ) und Tau¬
made 19 ), in Anhalt Regenmade 20 ). Die
mit k erweiterten Formen 21 ) maddik,
meddik, mik 22 ), medk, megge, mettn, meck 23 ),
moddik, mottken 24 ) sind im Ndd. sehr
verbreitet. Weigand-Hirt 25 ) stellen
zu „Made" auch Schweiz. metteL Da in
Vorpommern maddik für R. gesagt wird,
hat das ursprüngliche Wort für R., pir, in
der Form pürrik die Bedeutung „Made"
angenommen 26 ). Die von Strackerjan 27 )
angeführten Namen Olke, Ölke, Uelke,
Aulworm sind sämtlich vom Öl herge¬
nommen, da in der alten Volksmedizin
aus R.n ein sehr begehrtes öl hergestellt
wurde 28 ). Vgl. ital. bisso de To jo „Öl¬
schlange" (Feltre) 29 ). Ullke „R." ist
jedoch kaum mit Ulke „Zwerg" identisch,
wie Strackerjan 30 ) will.
In allen romanischen Sprachen lebt
lumbricus fort, eigentlich „Eingeweide¬
wurm" 31 ), dann mit dem Zusatz terrae oder
terrestris ,,R.": rum. limbric, ital. lom-
brico, prov. lombric, katal. llambrich, port.
lombriga, span, lombriz. Besonders zahl¬
reiche Varianten bieten die ital. Dia¬
lekte 32 ).
Dem oben erwähnten engl, earthworm
entsprechen franz. ver de terre (vereinzelt
auch ver rouge) und katal. euch de terra 33 ).
Hiermit vgl. man altgriech. pj* evrspa
„Erdeingeweide", welcher Name als ge-
sentera von den römischen Ärzten über¬
nommen wurde 34 ). Aus einem dial.
evTspa wurde in Sizilien casentera mit
zahlreichen Varianten 35 ). — Auch er¬
scheint der R. einfach als „Wurm" im
Franz.: verm(e), varm (dial.), Ital.: verme,
Katal. euch, Span.: gusano 36 ). Griech.
axwXrfi lebt weiter in Reggio di Calabria:
seölaeu mit Varianten 37 ).
Nach dem Glauben, der R. fresse Erde,
heißt er im Ital. magia-tera (Rovereto),
sussa-tera „Erdsauger" (Orsera) 38 ), katal.
papaterra „Erdfresser" (Plana de Vieh) 39 ).
20
6i i
Regenwurm
612
Schon altgriech. findet sich 40 ).
rassa-tera ( rassa = raspa) „ Erdkratzer“
heißt das Tier im Trentino 41 ). Der R. ist
ein bei Anglern sehr beliebter Fisch¬
köder 42 ), daher heißt er prov. esco 43 ), in
Caserta esca 44 ) < lat. esca ,,Köder'* 45 ),
mit angewachsenem Artikel lesca (Sa¬
lerno) 46 ), mit v von vermis oder viscum
„Lockmittel“ 47 ), vesche (Caserta), in Ve¬
rona volksetymologisch umgedeutet ve-
scovo „Bischof“ 48 ). Im Franz, begegnen
als Derivata von lat. esca laiche mit an¬
gewachsenem Artikel, ferner achet , achee 49 )
(vgl. als Analogon weiter oben ndd. pier¬
aas). Auch Benennungen nach der Natter
kommen in ital. Dialekten vor: bissa
(= biscia), bissol , bisseto 50 ). Erwähnens¬
wert sind noch pizzeca-formica „Ameisen¬
kneifer“ (Caserta) 51 ), contapassi „Schritt¬
zähler“ (Treviso) 52 ), ferner storto, bi-
storto „Krummer, zweimal Krummer“
(Gazzo Veronese) 53 ), was der Anfang
eines an den R. gerichteten Kinder¬
reimes ist. — Nordkamp. (Gallo) maka -
rgha M ) benennt das Tier nach der be¬
kannten Lieblingsspeise der Italiener, ge¬
hört also zu maccherone 55 ) (vgl. umge¬
kehrt vermicelli „Würmchen“ für eine
Art Nudeln).
J ) Weigand-Hirt DWb. 2, 554. 2 ) Keller
Antike Tierwelt 2, 500. 3 ) Rolland Faune
12, 192. 4 ) Heinzerling Wirbellose Tiere 22.
5 ) Ebd. 6 ) Ebd.; Leithaeuser Volkskundliches
1/2, 28; Weigand-Hirt op. cit. 2, 425t. 7 ) ZfVk.
5,249. 8 ) ZADSprV. 34, 141. 9 ) Weigand-Hirt i
a.a. O.; ZfVk5, 168. 10 ) Brandenburgs 35, 49t.;
ZfVk. 5, 168. J1 ) Brandenburgia a. a. O. 12 ) ZfVk.
5, 168. 13 ) ZfVk. 5, 249. u ) Leithaeuser a. a.
O. 15 ) Ebd. 16 ) Heinzerling a. a. O. 17 ) Leit¬
haeuser a. a. O. 18 ) Volksetyra. Biermade in
Anhalt: Wirth Beiträge 4/5, 34. 19 ) Branden¬
burgia a. a. O. 20 ) Wirth Beiträge 4/5, 39.
2l ) Weigand-Hirt op. cit. 2, 103. 22 ) Hein¬
zerling a. a. O. 23 ) ZfVk. 5, 263 (Lüneburg).
24 ) Strackerjan 2, 177. 25 ) Weigand-
Hirt a. a. O. 2 «) ZfVk. 5, 253. 27 )
Strackerjan a. a. O. 28 ) Hovorka u. Kron-
feld 1, 259. 29 ) Garbini Antroponimie 227.
30 ) Strackerjan a. a. O. 31 ) Meyer-Lübke
REWb. Nr. 5158. 32 ) Garbini op. cit. 2i2fg.;
Jaberg-Jud AJS. 457. 33 ) Rolland Faune
3, 248. 34 ) Keller op. cit. 2, 501. 35 ) Gar¬
bini op. cit. 219 fg. 3Ö ) Rolland a. a. O.
37 ) Garbini op. cit. 219. 38 ) op. cit. 222.
39 ) Gomis Zoologia 455. 40 ) Keller op. cit.
2, 501. 41 ) Garbini a. a. O. 42 ) Vgl. engl,
dial. angel touche (Rolland a. a. O.). 43 )
Rolland op. cit. 12, 192. 44 ) Garbini
op. cit. 218. 45 ) Meyer-Lübke REWb.
Nr. 2973. 46 ) Garbini op. cit. 219. 47 ) Meyer-
Lübke REWb. Nr. 9376. 48 ) Garbini op.
cit. 218. 49 ) Rolland a. a. O. 50 ) Garbini
op. cit. 211. 51 ) op. cit. 223. 52 ) Ebd. 53 )
op. cit. 232. Rohlfs in ZfrPh. 46, S. A. S. 26.
55 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 5250 a.
2. Biologisches. Die R.r haben nach
den Alten keine Augen, können sich nicht
weit bewegen, gedeihen am besten in
weißem und unfruchtbarem Boden und
fressen Erde (vgl. altgriech.-dial. ya?a-
?ai) und entsprechende Namen in den
neueren Sprachen 56 ) (vgl. weiter oben). Die
h. Hildegard berichtet ziemlich konfus:
Der R. entsteht in der Kraft, durch welche
die Gräser ihre Keimkraft erhalten 57 ).
Deutlicher drückt sich Megenberg 58 )
aus: Der R. entsteht ohne Zeugung aus
reiner Erde. — Nach einer Göttinger Dis¬
sertation von 1786 sollten die R.r im
Frühjahr zur Begattungszeit gesammelt
werden, wenn sie „den Gürtel (einen gelben
Ring am Hals) um den Leib“ hatten. Die
anderen R.r seien giftig und unrein 59 ).
Noch jetzt glaubt man, daß, zerschneidet
man einen R. in mehrere Stücke, jedes
Stück lebt und sich fortbewegt, trifft aber
eines mit dem anderen zusammen, so
wachsen sie wieder aneinander 60 ).
56 ) Keller Antike Tierwelt 2, 501. 57 ) Ho¬
vorka u. Kronfeld 1, 359. 58 ) Buch der
Natur 264. 59 ) Jühling Tiere 140. 60 ) Strak-
kerjan 2, 177 Nr. 411.
3. Animismus. Der R. scheint im
deutschen Volksglauben keine animistische
Bedeutung zu haben. Wohl aber be¬
richtet eine italienische Sage (Aquila)
vom R., was in ähnlichen deutschen Sagen
von der Kröte (s. d.) erzählt wird. Ein
Mädchen, das zur Madonna di Loreto
pügert, stößt unterwegs einen R. in den
Straßengraben. Als sie in der Kirche an¬
langt, sieht sie von deren Herrlichkeiten
nichts. Vom Beichtvater, dem sie den
Vorfall mit dem R. beichtet, erhält sie
den Auftrag, das Tier wieder auf die
Straße zu setzen, denn es sei eine heüige
Seele, die auch auf der Pilgerfahrt be¬
griffen sei. Als das Mädchen dies getan,
sieht sie wie alle anderen die Herrlich¬
keiten der Kirche 6l ). Diese Sage erklärt
den Namen des R.s in Aquila: anima
613
Regenwurm
614
santa 62 ), und es gilt als schwere Sünde,
Regenwürmer zu zerstückeln oder zu
töten 63 ).
6l ) Garbini Antroponimie 223. 82 ) Ebd.
63 ) Ebd. c. 223 f.
4. Orakel. Wenn die R.r aus der Erde
kommen, bedeutet es Regen 64 ); ebenso,
wenn sie den Boden durchlöchern 65 ).
Wer einen R. tot tritt, ruft Regen herbei
(Berg. Land, Anhalt) 66 ).
64 ) Bartsch Mecklenburg 2, 206 f. 210;
Gomis Zoologia S. 455 Nr. 1788. 65 ) Hopf
Tierorakel 226; Bartsch op. cit. 206 f. 6Ö )
Leithaeuser Volkskundliches 1/2, 28; Wirth
Beiträge 4/5, 34.
5. Zauberkraft. Pulverisierte R.r, in
die Kugeln und ins Schießpulver gemischt,
verleihen Treffsicherheit 67 ). Destillierte
oder auch pulverisierte R.r, zu anderen
Ingredienzien gemengt, dienten zur Här¬
tung des Stahles 68 ). In Pfalzburg können
solche Personen den Wurm heilen, denen
man vor der Taufe (!) einen R. in die
Hand gab und darin faulen ließ 69 ).
67 ) John Westböhmen 327. 68 ) Staricius
Heldenschatz 134 f. 338 f. 69 ) Jühling
Tiere 139.
6. Krankheitsdämon. Der Ge¬
brauch von port. minhoca „R.“ für „fixe
Idee“ 70 ) setzt den Glauben an einen
imaginären Hirnwurm voraus, der Wahn¬
ideen hervorruft 71 ). Mit R.n, die in öl
gesotten den Kranken verabreicht wurden,
behandelten die Römer die imaginären
Ohren- und Nasenwürmer homöopa¬
thisch 72 ). Auch an das Vorhandensein
von R.n im Magen glaubte man, wie aus
dem in Alemannia 73 ) angeführten Rezept
zur Entfernung dieser Würmer hervor-
geht.
70 ) WS. 7, 135. 71 ) Riegler Tier 289. 72 )
Keller Antike Tierwelt 2, 501. 10 (1882), 228.
7. Volksmedizin. Sehr bedeutend
ist die Verwendung, die der R. in der
Volksmedizin findet. Er wird bzw. wurde
lebend 73a ) oder tot (in Branntwein) 74 )
verschluckt, direkt 75 ) oder in einem
Tuche an den kranken Körperteil ange¬
bunden 76 ), zerstoßen 77 ), zerhackt 78 ), ge¬
braten 79 ), pulverisiert 80 ), gedörrt 81 ),
zu öl destilliert 82 ). Ganz allgemein
gelten die R.r als schweißtreibend und
schmerzlindernd 83 ), und zwar gibt es
kaum eine Krankheit, gegen die sie nicht
helfen sollten. Das Tier findet Verwen¬
dung bei jeglicher Art von Wunden 84 ),
alten „Schäden“ 85 ), „zerhauenen“
Adern 86 ), Frostbeulen 87 ), Panaritium
(Wurm am Finger, homöopathisch) 88 ),
Kropf 89 ), Bruch 90 ), Harnverhaltung 91 ),
Gliederschwund 92 ), Skrofeln 93 ), Blutun¬
gen 94 ), Blutstockungen 95 ), Fieber 96 ),
Zahnschmerzen 97 ), Skorbut 98 ), „schlim¬
men“ Augen 99 ), Ohrenbeschwerden 10 °),
Halsschmerzen 101 ), Bauchweh (Kolik) 102 ),
Eingeweidewürmern (homöopathisch) 103 ),
Abzehrung 104 ), Gicht 105 ), Rheumatis¬
mus 106 ), Rotlauf (vgl. altnord, für ,,R.“
amumadkr — Rotlaufwurm ) 107 ), Magen¬
schmerzen 108 ), Gelbsucht 109 ), Fallsucht
(Konvulsionen, Krämpfen) 110 ), Wasser¬
sucht 111 ), Milzkrankheiten 112 ), Schlag¬
fluß 113 ), Trunksucht 114 ), Tollwut 115 ). R.r
fördern einerseits die Empfängnis 116 ),
andererseits bewirken sie Abortus 117 ).
Kreißenden stillen sie die Schmerzen im
Nacken und in den Schulterblättern und
beschleunigen das Abgehen der Nach¬
geburt 118 ).
73a ) Hovorka u. Kronfeld i, 359. 74 ) Jüh-
ling Tiere 140. 75 ) Ebd. 76 ) op. cit. 139.
77 ) Lammert 214. 78 ) ZfVk. 8, 179. 79 )
a. a. O. 180. 80 ) Jühling op. cit. 135. 81 )
Hovorka u. Kronfeld 1, 142. 82 ) ZfVk.
7, 162; Hörmann Volksiypen 195. 83 ) Jüh¬
ling op. cit. 140. 84 ) op. cit. 133—138; Köhler
Voigtland 350; Drechsler 2, 219; 2, 289;
ZfrheinVk. 12,134; Jühling op. cit. 140.
85 ) Ders. op. cit. 136—138; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 101; ZfrheinVk. 8, 144; ZfVk. 8,
180. 86 ) Jühling op. cit. 133. 135. 137;
Wirth Beiträge 4/5, 34; Lammert 214; ZfVk.
8, 179. 180; Hovorka u. Kronfeld 2, 360.
87 ) Strackerjan 1,97. 88 ) Jühling op. cit.
137—140; ZfVk. 8, 179; Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 251; Urquell i, 281; Staricius Helden¬
schatz 511. 89 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 14.
90 ) Urquell 4, 154; Jühling op. cit. 134 f. 136;
ZfrheinVk. 1914, 165. 91 ) Jühling op. cit.
140; Hovorka-Kronfeld i, 358. 92 ) Jüh¬
ling op. cit. 134. 136 f.; Hovorka u. Kron¬
feld 2,379; ARw. 3,285; ZfVk. 8,180. 93 )
Zahler Simmenthal 77; Hovorka u. Kron¬
feld 1, 359. 94 ) Jühling op. cit. 138; Schön¬
werth Oberpfalz 3, 234. 95 ) ZfVk. 7, 162;
Jühling op. cit. 136. 98 ) op. cit. 137. 139;
Hovorka u. Kronfeld 1, 142. 358; Lam¬
mert 140; ZfVk. 8, 179; Drechsler 2, 219;
Staricius Heldenschatz 527. 97 ) Jühling
op. cit. 139; Hovorka u. Kronfeld 1, 358.
98 ) Jühling op. cit. 140. ") Urquell 4,277.
10 °) Jühling op. cit. 134. 140; Hovorka u.
20*
6i5
Regenzauber—Reh
6l6
Kronfeld i, 358. 101 ) Elsäss. Monatsschr.
L 37 » Jühling op. cit. 141; Rolland Faune
з, 248. 102 ) Jühling op. cit. 136. 137; Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 129; ZfVk. 8 , 180.
103 ) Jühling op. cit. 140. 10t ) Jühling op.
cit. 139; Schönwerth op. cit. 3, 258; Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 45; Lamraert 245.
10S ) Jühling op. cit. 134. 137 f. 140; Lammert
268; Strackerjan 1, 97; Wuttke S. 113
§ 149; ZfVk. 180; Drechsler 2, 219; Zfrhein-
Vk. 1914, 165; Schmidt Kräuterbuch 51;
Hovorka u. Kronfeld 2, 275. 277. 278.
284. 106 ) Jühling op. cit. 140; Urquell
4,31; ARw. 3, 285; Strackerjan 1, 97;
2,177 Nr.411; Hovorka-Kronfeld 2,275.
307 ) Hoops Reallex. 3,534. 108 ) Jühling op.
cit. 140; Hovorka u. Kronfeld 1, 359. 109 )
Jühling op. cit. 137. 140. no ) Lammert 271;
Jühling op. cit. 140. m ) op. cit. 139. 112 ) op.
cit. 140. 113 ) Ebd. ««) ZföVk. 13, 136. ««)
Jühling op. cit. 134. 140. m ) Hovorka
и. Kronfeld 1, 359. 17 ) Ebd. 118 ) op. cit.
1, 35 8 * Riegler.
Regenzauber s. Regen.
Regino von Prüm. Geboren viel¬
leicht zu Altrip in der Pfalz; Mönch, später
Abt zu Prüm in der Eifel; 899 Abt zu
Trier, dort 915 gestorben.
Von seinen Werken x ) sind die wichtigen
Libri duo de synodalibus causis et disci-
plinis ecclesiasticis 2 ), geschrieben 906 im
Auftrag des Erzbischofs Radbod von
Trier, ein seinerzeit viel benutztes Hand¬
buch der bischöflichen Visitationspraxis.
Besonders wichtig ist das zweite Buch,
das ein ausführliches Poenitentiale für
die Laiendisziplin darstellt. Nach 89
Fragen sammelt R. hier 454 kirchliche
Bestimmungen darüber. Es ist also eine
Compilationsarbeit 3 ), in welcher zwar
ältere Poenitentiale verarbeitet sind, aber
reichlich ergänzt werden aus späteren
Synodalbeschlüssen, unter denen R. selbst
denen der fränkischen Synoden des
9. Jahrhunderts besondere Bedeutung
beimißt. Sie haben in der Tat für uns den
größten Quellenwert. Für den Aber¬
glauben kommen die Fragen Nr. 38 (de
furto et sacrilegio), 42—45 (de incanta -
toribus et sortilegis) und 46—49 (de san-
guine et morticinis ) und die dazu ge¬
gebenen Bestimmungen in erster Linie in
Betracht. — Burchard von Worms (s. d.)
hat die Schrift R.s ausführlich benutzt.
*) Außer dem nachgenannten die Schrift
De harmonica institutione hrsg. von Cousse-
maker, Ser. de musica medii aevi II, 1—73,
Paris 1867 — und das Chronicon, hrsg. von
F. Kunze 1890. — Vgl. auch Wattenbach
Geschichtsquellen I 7 , S. 311 ff. 2 ) Hrsg, von
Wasserschieben Leipzig 1940. — 3 ) Vgl.
C. Wawra De Reginone Prumiensi, Diss. Bres¬
lau 1900 (Teildruck; ein Volldruck ist an¬
scheinend nicht erschienen); Wasserschieben
a. a. O. Helm.
Reh (Cervus capreolus), ahd. reh;
das weibl. Tier reh-geiz oder reia wird zu
scr. rekha und rikh — malen, zeichnen,
gestellt, also: geflecktes, gezeichnetes
Tier x ). Die Römer und Megenberg sehen
in ihm eine wilde Ziege 2 ): capreolus,
wie russ. kozülja, Reh neben kozä, Ziege x ).
Griech. vsßpoc (neben älterem 8op£, Sopxa'c)
= Neugeborenes (Hirschkalb) 3 ). Es galt
als furchtsam und sanft 4 ), wurde für
ein Hirschkalb oder Tier gehalten 6 ).
Die Sagen rühmen seinen schnellen
Lauf 5a ). Bei Nacht sieht es so gut wie
am Tage 5b ). Wenn es der Jäger stellt,
weint es 5c ). Zuweüen ist auch von weißen
R.en die Rede 5d ).
3 ) Schräder Reallex . 2 1, 502; vgl. DWb.
8, 553 ; PBB. 40, ioiff. 2 ) Megenberg Buch
der Natur 106. 3 ) Keller Tiere 104; Antike
Tierwelt 1, 279. *) Megenberg Buch der Natur
106; DWb. 8, 554L Das geht auch aus Baader
N. Sagen 107 hervor. 8 ) Keller Tiere 102.
5a ) Osw. Cr oll Von d. innerlichen Signaturen
d. Dinge 1623, 58; W. Grimm Altdän. Helden¬
lieder 1811, 234h; Höhn 1, 82. 6b ) MschlesVk.
29, 289. 6 c) Knoop Tierwelt 38. 5d ) Schöpp-
ner 3, i6f.; Meiche 629C
2. Das R. gehörte in vorgeschichtlicher
Zeit nur im Mesolithikum und bei den
Pfahlbau Völkern des Neolithikums zum
häufigeren Jagdwild 6 ). Zur Römerzeit
wurde es in R.bergen gehalten 7 ). Auch
später hören wir davon, daß zahme R.e
gehalten werden 7a ). R.opfer fanden in
Patrai (Achaia) zu Ehren der Artemis
Laphria und bei den Dionysien 8 ) statt 9 ),
doch tritt das R. (in der darstellenden
Kunst) oft für den Hirsch ein 10 ), so daß
man ähnliches hier wird erwarten dürfen.
*) Hilzheimer in Eberts Reallex. 11, 72;
doch vgl. Höfler Organotherapie 108. 7 ) Kel¬
ler Tiere 103. 7a ) Franz Kießling Frau Saga
im nieder Österreich. Waldviertel 6 (1928), 44.
8 ) Höfler Organotherapie 107; Keller Tiere
94; Roh de Psyche 9 2, 10. 9 ) Keller Tiere 103;
G. Wilke Religion d. Indogermanen 1923, 223.
10 ) Keller Tiere 104 f.
3. R.sagen erscheinen häufiger nur in
617
Reh
6l8
Waldlandschaften. Sie reichen über alle
Gebiete. — Der Mann im Mond, ein
Wilddieb, trägt ein R. 10a ). Das R. ver¬
lockt wie der Hirsch ins Zauberland, die
Unterwelt 11 ), das Reich des Wasser¬
mannes lla ), den (wilden) Jäger zum
frevelnden Schuß 12 ), den übermütigen
Gutsherrn zum Jagen, bis er die Messe
verpaßt 12a ). Und wie die indischen Wind¬
geister mit R.en fahren 13 ), so reiten
fromme Frauen (Maria) auf laubbekränz¬
tem R. in den Wald 14 ), sind R.e die
Tiere der Saligen 15 ), erscheint eine ver¬
wünschte Prinzessin 16 ) oder die Wald¬
frau 17 ), der Hehmann 17a ) in R.gestalt.
Der Schrei der wilden Leute im Harz
glich dem des R.es 18 ); ein Unterirdischer
heißt „Rehkitzli“ 18a ). Später nehmen
Hexen 19 ), Schwarzkünstler 20 ) R.gestalt
an, und die Verwandlung in ein R. ist
ein beliebtes Märchenthema 21 ). Weiße
Frauen verwandeln sich in R.e 22 ); sonst
sind spukende R.e nicht eben häufig 23 ).
So erscheint ein spukender Wilddieb als
R. 23a ). Diese Spuktiere sind schußfest 235 ),
haben keinen Kopf 230 ), verschwinden,
wenn auf sie geschossen wird 23d ). In
Schlesien erscheint ein R. einmal als
Schatzhüter 24 ), im Schönhengst zeigt ein
R.bock eine Schatzhöhle an 24a ). Wie der
Hirsch gehört das R. zu den hilfreichen 25 )
und frommen Tieren, kniet vor der
Hostie 26 ), sucht Schutz bei Einsied¬
lern 27 ), Gnadenbildem 28 ), und gerät so
in Gründungslegenden 29 ), wird zum wei¬
senden Tier 29a ). R.e sind Jagdwild des
wilden Jägers 30 ). Als R.bock vereitelt
der Teufel die Gewinnung des Fam-
samens und leckt den gewonnenen weg 303 ).
Seltsam erscheinen R.e dem Wilderer
an einem heiligen Tage, die schußfest
sind, den Wilderer umtanzen und ihn
annehmen 30b ).
10a ) Kießling 4, 11. u ) Panzer Beitrag
2, 122 = Zaunert Märchen seit Grimm 1, 133;
Alpenburg Tirol 94f. = Losch Balder 72f.;
Vernaleken Kinder - u. Hausmärchen 1892,
137; ders. Mythen 6; Franz Kießling Frau
Saga im niederösterr. Waldviertel 1924, 84;
Mailly Niederösterr eich. Sagen 59; Schöppner
Sagen 2, 148. 346; Eckart Südhannov. Sagen
34 = Pröhle Harz 141 ff. = Losch Balder
173 f. lla ) Langer VödB. 13, 81. 12 ) Friedr.
Sieber Harzlandsagen 1928, 71; Korth Berg¬
heim 16. 12a ) Victor Brunet Contes popu -
laires de la Basse Normandie 1900, 123 ff.
13 ) F. L. W. Sch war tz Natur anschauungen 2
(1879), 95 - 14 ) Meiche 629!.; Rochholz
Sagen 2, 194, nach Grässe Sachsen Nr. 385.
15 ) Alpenburg Tirol 94 f.; vgl. Schambach
u. Müller 83 f. 18 ) Curtze Waldeck 95 f.
17 ) Baader N. Sagen 35 = Waibel u. Flamm
2, 73; Reiser Allgäu 1, 113; Mannhardt
1, 131; vgl. Meier Schwaben 110; Kapff
Schwaben 25. 17a ) Wolf Hessische Sagen 109;
Kapff Schwäbische Sagen 25. 18 ) Sieber
Harzlandsagen 64. 18a ) Künzig Schwarzwald
150, 141; ders. Badische Sagen 41 f. 42L l9 )
Rosegger Volksleben 250; Meyer Baden 555;
Brandenburg 198; Schulenburg 1930, 91.
20 ) Schambach u. Müller 189 f.; (ein Wil¬
derer:) Lachmann Überlingen 120 Nr. 70.
21 ) Grimm KHM. Nr. 11; Bolte-Polivka
1, 79ff.; Sebillot Folk-Lore 3, 53. 22) Scham¬
bach u. Müller 190, vgl. 83 f.; Panzer Beitrag
2, 182; Büsching Volkssagen 1812, 380 f.
(Oldenburger Horn). 23 ) Ebd. 2, 186 f.; Schön-
werth 3, 193; Kapff Schwaben 25; Scham¬
bach u. Müller 189 f.; Jahn Pommern 420;
Grässe Preußen 2, 534; Peter 2, 59 t. =
Ullrich Kuhländchen 182 = Kühnau Sagen
1» 313 f-; Sommert Tillenwunder 71L (?);
Künzig Schwarzwald 70. Wilh. Schrem-
mer Schles. Vk. 1928, 130 Nr. 38. 23b ) Heßler
Hessen 2, 223. 23c ) Kießling 2, 38. 23d )
Peuckert ScAfes.Sagen 131. 24 ) Kießling3,628.
24a ) Rübezahlkalender 1925, 86. 25 ) Bolte-
Polivka 1, 533; Boehm-Specht Lettisch¬
litauische Märchen 1924, 45 ff. 2# ) Zaunert
Rheinland 1, 214. 27 ) Waibel u. Flamm
2, 231; Rochholz Naturmythen 58 f. = Losch
Balder 180 f.; vgl. Kießling 6, 12; Sieber
Sachsen 24. 28 ) Ignaz Storm Das Mürztal
1926, 102 f.; Sann Sagen 46; Schöppner
Sagen 1, 482. 29 ) Ebd. 1, 482; 3, 15 ff. = Losch
Balder 59 f. 29a ) Mailly Niederösterr eich. Sagen
128 f.; Schöppner 3, 16 f. (Paul Stintzi
Sagen d. Elsasses 192g, 31); Stöber Elsaß
313 f. M ) Kuhn Märk. Sagen 106; Taub¬
mann Nordböhmen 72; Langer VödB. 3
(1903), 235; Schmitz Eifel 2, 8; E. Lehmann
Kronwald u. Krottenpfuhl 1921, 63 f.; Witz-
schel Thüringen 2, 36 f.; Kühnau 2, 495. 470.
446 f. = Oberlausitzer Heimatkalender 1913,
102; Sieber Sachsen 166. 169. 30a ) Künzig
Baden 98. 30b ) Jungbauer Böhmerwald 192.
4. Unter den Wachstumsdämonen sind
R. und Hirsch schon stark verblichen 31 ).
In Westpreußen spielen Bräutigam und
Braut die Rollen von Jäger und R. 32 ).
Das Bellen des R.bockes zeigt schlechtes
Wetter an 33 ). In Hinterpommern und
Mengen (Freiburg) bedeutet ein R. dem
Begegnenden Glück 34 ), sonst in Baden
Unglück 35 ). Um Hexenzauber beim
Buttern zu brechen, wird der Sterl aus
619
Rehe—reiben
reiben
622
Elzbirnholz gemacht, an dem R.e ge¬
nagt haben 36 ).
31 ) Mannhardt Korndämonen 1; Reuter -
skiöld Speisesakramente 109. 128; Fra z er
Gold . Zweig 674. 32 ) ZfEthn. 16, 113. Vgl.
Rhein. Museum 30, 187. 33 ) John Erzgebirge
250; Zedier Universallexikon 30, 1928. 34 )
Knoop Hinterpommern 163; Meyer Baden
5 * 4 * 35 ) Ebd.; vgl. Rolland Faune 1, 105.
s€ ) Alemannia 20, 283.
5- Das R. in der Volksmedizin.
Haare eines in den Dreißigern erlegten
R.es stillen das Blut 37 ). Mit dem Fell
wird die Wöchnerin beräuchert, um die
Nachgeburt zu bringen 38 ); Heilmittel
werden wie in Hirsch-, in R.fell einge¬
wickelt getragen 39 ). R.fleisch galt seit
dem Altertum als leicht verdauliche
Krankenkost 40 ), half gegen Durchlauf
und Ruhr 40a ), R.blut gegen die Kolik 41 ),
rote Ruhr 413 ). Nach Wiener Kinder¬
glauben wird ein gebrochenes Bein ge¬
heilt, indem man ein junges R. tötet und in
seinem Blut badet 41b ). R.herz stillte den
Blutfluß 42 ). R.gehirn diente gegen
Epilepsie und elbische Schäden 43 ). Eben¬
falls ins Altertum reicht der Gebrauch
der Leber zurück; sie diente noch im
18. Jh. bei Augenleiden 44 ), Nasenbluten 45 ),
auch wie die Milz 46 ) gegen Leibschmer¬
zen 47 ). Die Galle reinigt die Haut 48 ),
heilt Augenkrankheiten 49 ), Ohrenleiden 50 )
und Zahnschmerzen 51 ); ward im Altertum
auch gegen Halsschmerzen, Verstop¬
fung 52 ) und Genitalgeschwüre ange¬
wandt 53 ). Die Galle, gemeint sind die
Geilen, als Zäpfchen befördern die
Schwangerschaft 54 ). Das Mark einer R.-
geiß vertreibt Geschwülste 55 ); Achill
ist mit ihm aufgezogen worden 56 ). Die
Milch, äußerlich gebraucht, verschafft
eine zarte Haut; geronnen und innerlich
angewendet, hilft sie gegen die Ruhr 57 ).
Der Kot heilt, getrunken, die Gelb¬
sucht 58 ).
3 ') ZfVk. 8,46; Jühling Tiere 142; Lam-
mert 195. 38 ) Urquell 1 (1890), 205 (Buko¬
wina). 39 ) Pollinger Landshut 277; Lammert
272. 40 ) Höfler Organotherapie 108; Zedier
Universallexikon 30 (1741), 1932. 40a ) Joh.
Joachim Becher Parnassus medicinalis 1663,
44; Joh. Sch röders Medicin-chymische Apo¬
theke 1685, 1270. 41 ) Höfler 108. 41a ) Rai-
mundus Minderer Kriegs Artzenei 1620, 2i8f.
41b ) ZföVk. 32, 44. 42 ) Höfler 249; Hovorka-
Kronfeld 2, 275. 43 ) Höfler 108; Zedier
30, 1933. 44 ) Höfler 179. 178; Zedier 30,
1933 » Becher 44; Schröder 1270. 45 ) Höfler
179; Zedier 30, 1933; Becher 44; Schröder
1270. 46 ) Höfler 268. 47 ) Ebd. t 7 8. 48 ) Ebd.
215; Zedier 30, 1933; Becher 44; Schröder
1270. 49 ) Höfler 215. 214; Zedier 30, 1933;
Becher 44; (Star) Schröder 1270. 50 ) Höfler
2 i 5 »' Jühling Tiere 141; Zedier 30, 1933;
Becher 44; Schröder 1271. 51 ) Ebd. 30,
J 933 » Höfler Organotherapie 215. 214; Becher
44; Schröder 1271. 52 j Ebd. 214. ® 3 ) Ebd.
215. 54) Ebd. 215; j ü hling Tiere 141 f. ß3 )
Ebd. 142. 56 ) Sepp Heidenthum 1, 374 (Philostr.
heroic.). ö7 ) Becher 44. s«) Ebd.; Schröder
1271.
6. Im Spott der wendischen Nachbarn
wird den Leipern nachgesagt, sie stamm¬
ten von keinem Menschen, sondern (von
Türken und) R.en ab 59 ).
59 ) Schulenburg in Niederlaus. Mittigen.
18 (1928), 319.
Vgl. auch Hirsch. Peuckert.
Rehe, Pferdekrankheit, die vom Futter,
Wasser oder Wind herrühren soll; heut
als Verfangen, Verschlagen bezeichnet 1 );
begegnet bereits im Pariser Segen
(10. Jh.) 2 ). Gegenmittel siehe bei
Wolf 3 ).
*) Zedier Universallexikon 30, 569g.; DWb.
8, 13- 556 . 2 ) MSD. 2, 303. 3 ) Vgl. auch
Zedier a. a. O. und DWb. 8,13. Peuckert.
reiben. Das R. mit oder an einem
Gegenstände hat zauberwirkende Kraft.
Die Entstehung dieses Glaubens liegt
sicher in der Erfahrungstatsache begrün¬
det, daß bei gewissen Krankheiten das
R. des kranken Körperteiles Erleichterung
brachte, wie ja noch heute Massage und
und Einreibungen Heil- und Linderungs¬
mittel der Medizin sind. Mit dieser Er¬
fahrung verbindet sich im Volke die Vor¬
stellung, daß durch das R. entweder die
materiell gedachte Heilkraft auf den
kranken Körper übertragen oder der
Krankheitsstoff von diesem auf den
Gegenstand, mit dem man reibt, abge¬
geben wird. Am häufigsten finden wir
daher diesen Aberglauben im Heilzauber.
1. Der Gegenstand selbst hat Heil¬
qualitäten, die durch das R. auf den
Kranken übertragen werden. Die mensch¬
liche Hand besitzt diese Kraft. So heißt
es schon in einem Segen aus dem 12. Jh.
gegen die Gliedersteifheit der Pferde:
t
i
", *
1
IC.« |
„terge crua eius et pedes“ 1 ). Warzen,
Gicht, Rheumatismus, Zahnweh u. ä.
heilt man, indem man die kranke Stelle
mit der Hand oder dem Finger reibt 2 ).
In Böhmen wendet man den bösen Blick
ab, wenn man sich dreimal die Schläfen
reibt 3 ). Dieser Glaube ist uralt und
allgemein; für die Römer ist er belegt
durch Inschriften aus der Zeit des Anto-
ninus Pius 4 ) und Valerius Maximus 5 ).
Die Araber kennen ihn und Muhammed
selbst hat Krankenheilungen auf diese
Art bewirkt 6 ). Häufig aber genügt die
Kraft der Hand allein nicht; an ihre
Stelle treten andere Gegenstände. Um
ihre Warzen loszuwerden, legten sich die
alten Römer an einer Grenzscheide auf
den Rücken und streckten die Hand über
den Kopf aus; mit dem, was sie dabei
ergriffen, rieben sie die Warzen 7 ). Im
deutschen Volksglauben sind sehr beliebt
Hände 8 ), Zähne 9 ), Knochen 10 ) von toten
Menschen oder Tieren. Daneben finden
sich in bunter Fülle und Mischung alle
möglichen Teile und Produkte von Tieren,
die in weitem Umfange aus den Rezepten
der antiken und mittelalterlichen Dreck¬
apotheke entstammen, z. B. Schafwolle,
Schafsurin, Schweinegalle, Eidechsenblut,
Ameiseneier, Froschlaich, Hühnerkot,
Asche von verbrannten Hundezähnen
u. a. m. 11 ). Älter ist der Glaube an die
Zauberkraft des R.s mit Pflanzenteilen.
So heilt im Eckenlied ein Waldfräulein
Dietrich und sein Roß von Weh und
Müdigkeit, indem sie beide mit einer
Wurzel bestreicht 12 ). R. mit neun
Erbsen hilft gegen einen bösen Finger 13 );
mit den drei ersten Veilchen 14 ) oder den
Blättern der Herbstzeitlose 15 ) geriebene
Augen werden nicht müde. Nach fran¬
zösischem Glauben vertrocknen Warzen,
die man mit den Blättern des Löwenzahns
reibt 16 ); auch Weißklee 17 ) -und Hecken¬
rosenblätter 18 ) helfen. Allerdings ver¬
mischen sich an diesem Punkte Aber¬
glauben und begründete Volksmedizin.
Wenn gegen Blutungen R. mit Eschen¬
holz 19 ) oder Schamikelwurz 20 ) empfohlen
wird, wenn man in Frankreich Wermuts¬
blätter 21 ) gegen das Fieber braucht, so
liegt diesen Mitteln neben der magischen
Wirkung echte Heilkraft inne. Auch
Steine haben magische Zauberkraft. Im
König Rother erweckt ein Zauberstein
Tote wieder zum Leben, wenn man sie
j mit ihm reibt 22 ). In Frankreich heilen
Kieselsteine Kopfweh 23 ); wenn man das
Vieh mit gefundenen Steinäxten reibt,
bleibt es gesund 24 ). In der Lausitz
werden mit den Echeniten, den versteiner¬
ten Schwanzenden eines prähistorischen
Tintenfisches, den sogenannten Donner¬
keilen, Bisse und Geschwüre gerieben,
damit sie heilen 25 ). Schließlich werden
auch noch andere Gegenstände zu diesem
Zauber verwandt: Maitau 26 ), Wagen¬
räder 27 ), das Tuch, mit dem der Back¬
ofen ausgewischt wird 28 ). Daß in diesen
Beispielen die Zauberkraft im Gegenstand
selber sitzt, erhellt aus einigen Zusätzen:
Je größer der Stein ist, um so wirkungs¬
voller ist das R. mit ihm 29 ); oder es
gilt das Verbot, man darf sich an dem
Tage, an dem der Heilzauber vorgenom¬
men wird, nicht waschen 30 ).
*) Fehrle Zauber und Segen 52. 2 ) Ebd. 60;
OdZfVk. 4, 63; SAVk. 17, 63 f.; Wettstein
Disentis 174 Nr. 33; Wolf Der Mond (Bühl
1929) 34. 3 ) Wuttke 281 §413- 4 ) Codex In-
scriptorum Graecorum 4, 955 ; Samter Volks¬
kunde 65. 5 ) ARw. 8,98.
40 ff. 7 ) OdZfVk. 2, 52.
Erdkunde Halle 1893,
Volksth. 1, 483 Nr. 703.
Segen 64; Heyl Tirol 801 Nr. 253; Wolf Mond
35. 11 ) Amersbach Grimmelshausen 2, 60;
6 ) Reinfried Buchari
8 ) Mitt. d. Vereins f.
156. ß ) Birlinger
10 ) Fehrle Zauber u.
TT* 1 . 1. _
21; Höfler Organother. 294; Hovorka u.
Kronfeld 1, 80; John Westböhmen 319;
OdZfVk. 4, 63; Reiser Allgäu 2, 435; Sebillot
Folk-Lore 3, 49 f. 130—132 244 h 288 f. 330.
337; Strack Blut 57; ZfVk. 1, 324- 1Z )
Eckenlied (ed. Zupitza = Deutsches
Heldenbuch 5) 174 ff. 13 ) Weinhold Neun¬
zahl 31. 14 ) Marzeil Volksleben 32. 15 ) Ebd. 34.
16 ) Sebillot Folk-Lore 3, 499. 17 ) Ebd. 3, 495.
18 ) Ebd. 3, 416. 19 ) Marzell Volksleben 16.
20 ) Ebd. 31. 21 ) Sebillot Folk-Lore 3, 499 f-
22 ) König Rother (ed. Frings) 3137 ff. 23 ) Se¬
billot Folk-Lore 1, 357. 24 ) Ebd. 4, 74. 25 ) M-
schlesVk. 29, 264. 26 ) Lammert 179; Wein¬
hold Ritus 41, 27. 27 j Hovorka u. Kronfeld
2, 39 7 - 28 ) Beitr. z. Heimatk. d. Neumark
(Landsberg 1925) 8, 112. 29 ) Sebillot Folk-
Lore 4, 74. 30 ) Ebd. 3, 289.
2. In einer zweiten Gruppe tritt ein
anderer Gedanke in den Vordergrund.
Nicht der Gegenstand, mit dem man reibt,
hat Zauberkraft, sondern die Krankheit
623
reiben
624
ist der Stoff, der durch den magischen
Akt des R.s vom Körper abgewischt und
auf den an und für sich neutralen Gegen¬
stand übertragen wird (s. absteifen). In
diesen Fällen gilt vor allen Dingen die
Sorge der weiteren Behandlung des Gegen¬
standes, dem nun das Übel anhaftet. Man
gräbt 31 ) oder pflöckt 32 ) ihn und damit zu¬
gleich die Krankheit ein; man verschenkt
ihn und zugleich das Übel 33 ); man legt ihn
auf den Weg; wer ihn mitnimmt, trägt zu¬
gleich die Krankheit fort 34 ). An diesen
Brauch knüpfen sich oft Analogievorstel¬
lungen. In demselben Maße, wie der
Gegenstand, auf den die Krankheit über¬
tragen wurde, in der Erde verwest,
schwindet auch beim Menschen das Lei¬
den 35 ).
31 ) Birlinger Volksth. 1, 484 Nr. 703; Dähn-
hardt Volkst. 2, 80; Fehrl eZauber u. Segen 21;
NdZfVk. 7, 34; Sebillot Folk-Lore 3, 415 b
32 ) Marzeil Volksleben 45. 33 ) S6billot Folk¬
lore 3, 243. **) Kondziella Volksepos 166;
Meier Schwaben 1, 526; Samter Volkskunde
56; Sebillot Folk-Lore 3, 415 f. 498.
3S ) Fehrle Zauber u. Segen 21; NdZfVk. 7, 34;
Sebillot Folk-Lore 3, 416.
3. Natürlich wird die Wirksamkeit die¬
ses Übertragungszaubers durch zahlreiche
gleichzeitige abergläubische Maßnahmen
erhöht. Man braucht Beschwörungs¬
formeln 36 ), man setzt das Schwinden der
Krankheit in Parallele oder in Gegensatz
' zu einem gleichzeitigen Naturvorgang,
z. B. zum Zu- und Abnehmen des Mon¬
des 37 ), man nimmt den Zauberakt zu
bestimmten Zeiten vor (Totengeläut 38 ),
Mitternacht 39 ), April«), Freitag 41 )). Der
Kreis der Krankheiten, die auf diese
Weise geheilt werden, umfaßt vor allem
äußerlich sichtbare Leiden; am verbrei¬
tetsten ist seine Anwendung zur Ver¬
treibung der Warzen 42 ). Daneben gilt
der Zauber als wirksam gegen Entzün¬
dungen 43 ), rheumatische Erkrankun¬
gen AA ), Flechten 45 ), Zahnschmerzen 4e ),
besonders beim Zahnen der kleinen Kin¬
der.
3 *) z - B. Fehrle Zauber u. Segen 21. 52;
Hovorka u. Kronfeld 2, 397; SAVk. 17,
63 f. 3 7 ) Fehrle Zauber u. Segen 64; Wolf
Mond 34 f. 33 ) Dähnhardt Volkst. 2, 80;
Wettstein Disentis 174 Nr. 33. 30 ) Marzell
Volksleben 45; Birlinger Volksth . 1, 483;
Sebillot Folk-Lore 3, 495. 40 ) Sebillot Folk-
Lore 3, 288 f. 4l ) Ebd. 3, 499 f. «) Birlinger
Volksth. i, 484; Dähnhardt Volkst. 2, 80;
Fehrle Zauber u. Segen 21; NdZfVk. 7, 34;
OdZfVk. 2, 52; SAVk. 17, 63 f.; Sebillot Folk-
Lore 3, 49 f. 130 ff. 337. 498; Wett¬
stein Disentis 174. 43 ) Heyl Tirol 801; Mar¬
zell Volksleben 32; MschlesVk. 29, 264; Se¬
billot Folk-Lore 3, 499. «*) Fehrle Zauber u.
Segen 52. 60. 64; Wolf Mond 35. 45 ) Marzell
Volksleben 45; Sebillot Folk-Lore 3, 416;
Wolf Mond 34. 48 ) Birlinger Volksth. 1, 483;
OdZfVk. 4, 63; S6billot Folk-Lore 3, 244
2 88.
4. Beide unter 1 und 2 erwähnten For¬
men des Heilzaubers sind auf andere
Bereiche übertragen worden. So sagt
man im Böhmerwald, daß die menschliche
Hand Zauberkraft erwirbt, wenn man sie
i mit einer vor Georgi gepflückten Dotter¬
blume reibt 47 ). Wenn sich der Bauer
vor der Aussaat an einem Wachholder¬
busche reibt, dann bleibt das Korn frei
von Unkraut (Württemberg) 48 ). Ein
neugekaufter Hund gewöhnt sich schnell
an das Haus, wenn man seine Pfoten
am Herde reibt 49 ). Sicheren Schuß er¬
langt man, wenn man den Lauf des Ge¬
wehres mit Johanniskraut reibt ®°). In
Schwaben sagt man, ein Mädchen, welches
sich an einer Braut reibt, heiratet im
selben Jahre 51 ). In der französischen
Schweiz (Kanton Freiburg) und in ganz
Frankreich ist der Glaube verbreitet, daß
gewisse bemerkenswerte Steine, z. T. von
phallischer Gestalt, auf die Ehe und die
eheliche Fruchtbarkeit eine Zauberwirkung
ausüben. Diese pierres de Mariage werden
fast nur von weiblichen Personen aufge¬
sucht, die sich zu bestimmten Zeiten an
ihnen r. oder auf ihnen entlanggleiten und
davon baldige Heirat 52 ), Kindersegen 53 )
oder eine leichte Geburt 54 ) erhoffen (s.
gleiten).
47 ) Fehrle Zauber u. Segen 21. 48 ) OdZfVk.
2, 94. 4# ) NdZfVk. 8, 51. so ) RogasFambl. 10,
78. 5l ) Meier Schwaben 2, 507. 52 ) SAVk. 29,
27 ff.; Sebillot Folk-Lore 1, 338. 63 ) Sebillot
Folk-Lore 1, 339; 404; 4, 56 ff. 54 ) Ebd. 4, 74.
5. Der Gedanke einer unmittelbaren
Übertragung liegt auch vor in dem alt¬
germanischen Brauche, beim Tieropfer den
Opferstein 55 ) oder den Ort des Dämons 58 ),
dem das Opfer gilt, mit dem Blut des
Tieres einzureiben. Hierzu stellt sich die
französische Sitte, die wunderkräftigen
625
Reichtum
626
Steine oder Heiligenbilder als Dank für
geleistete Hilfe zu r. 57 ). Wenn dagegen
die deutsche Sage berichtet, daß Riesen
im Zorn aus Steinen Flammen r. 58 ), so
ist dieser Glaube nur Symbol riesischer
Kraft. Ob die altgriechische Sitte, daß
der Mörder sein blutiges Schwert am
Haupte des Erschlagenen abreibt, auf die
Anschauung zurückgeht, daß der Täter
damit seiner Schuld ledig werden will,
weil nun der Tote glauben müsse, selbst
die Tat vollbracht zu haben 59 ), dies
bleibe unentschieden. Unklar bleibt der
altindische Brauch, bei einem Regen¬
zauber ein nach Westen gewandtes schwar¬
zes Pferd mit einem schwarzen Tuche zu
r.«).
55 ) Ynglingasaga cap. 18; Golther Mytho¬
logie 327. 58 ) Körmakssaga (ed. Möbius) cap. 22;
Golther Mythologie 130. 554. 57 ) Sebillot
Folk-Lore 4, 169 f. 58 ) Golther Mythologie
163. 5 *) Samter Volkskunde 176. 60 ) Ebd. 90.
6 . Selten ist die Anwendung des R.s im
Schadenzauber. Eine schwedisch-nor¬
wegische Sage berichtet, daß die Pest in
Gestalt eines Knabens ins Land komme,
der auf einem Reibeisen etwas zerreibt.
Aber noch rafft die Seuche nicht alle
Menschen hinweg, weil ja die Späne
übrig bleiben 61 ). Das Zerreiben ist also
hier der dem Sterben analoge Vorgang,
nicht das Mittel zur Verbreitung des
Krankheitsstoffes. Vor allem aber be¬
wirken Hexen durch R. Zauber. Wenn sie
ein Holz r., so erzeugen sie ein Eichhorn,
wenn einen Span, dann einen Marder,
wenn Wolle, dann Schafe usw. 62 ). Die
Milch einer fremden Kuh kann die Hexe
abmelken, wenn sie einen Weidenstab in
einen Baum bohrt und jenen dann so
reibt, als ob sie ihn melke 63 ). Überhaupt
erlangt die Hexe über jeden fremden
Gegenstand Gewalt, den sie mit den
Händen reibt 64 ). Wenn Hexen ihren
Leib ganz oder teilweise mit Hexensalbe
einreiben, dann können sie durch die
Luft fliegen 65 ) (s. a. Hexe).
61 ) Grimm Myth. 2, 993 f. 6a ) Ebd. 3, 318.
63 ) Mackensen Hanseatische Sagen 48; Nds.
359 - M ) Kurz Beiträge z. Erklärung d. volks-
tüml. Hexenglaubens i. Schlesien (Diss. Greifs¬
wald) 140. * 5 ) Kühnau Sagen Nr. 1358. 1359, 2.
* 37 °' 2 - 1384- 1435 - 1444 * 1454 - M 55 -
7. In den meisten soeben angeführten
Fällen reicht zur Erklärung des Reibe¬
zaubers der Gedanke einer magischen
oder realen Übertragung eines Krankheits¬
oder Heilstoffes aus. Daneben aber hat
schon seit Urzeiten das R. bei der Feuer¬
bereitung eine wichtige Rolle gespielt und
auch zugleich mit dieser kultischen Be¬
deutung erlangt. Beweis dafür ist die
Tatsache, daß es bis in die jüngste Ver¬
gangenheit hinein Gebot war, kultische
Feuer (siehe Notfeuer, Jahresfeuer usw.)
durch R. zweier Hölzer aneinander zu
entzünden 66 ). Diese Art der Feuerberei¬
tung ist auf der ganzen Welt bekannt,
bei den Primitiven Amerikas und Afrikas
ebenso wie bei den Kulturvölkern Euro¬
pas, des nahen und des fernen Orients 67 ) ;
teilweise tragen die beiden Hölzer sogar
besondere Namen 68 ). Vielleicht sind
daher auch manche der früher aufgeführ¬
ten Bräuche aus dieser Grundlage zu
verstehen, z. B. das R. des Pferdes beim
indischen Regenzauber 69 ).
66 ) Golther Mythologie 570. 577; Grimm
Myth. 1, 502 ff. 521; Jahn Opfer gebrauche
28; Schade 1, 654. 659. 67 ) Grimm Myth .
1, 508 ff. 68 ) Ebd. 69; Samter Volkskunde 90.
Tiemann.
Reichtum. Pauper letatur, dives tri-
statur, quia divitiae avaro tollunt leticiam,
requiem, sompnum ex sollicitudine l ).
Die Gefahren des R.s werden vorgestellt,
der Arme wird als der Glückliche ge¬
priesen, weil er frei von Sorge ist. Das
Volk ist geneigt, den Armen als den mehr
Rechtschaffenen, den Reichen aber als
den Harten und Ungerechten anzusehen
(vgl. KHM. Nr. Sy) 2 ). Gern wird auch der
Arme als der Klügere genommen, der
Reiche als der Unbeholfene und Dumme:
R. mag Torheit wohl leiden 3 ). Wem die
Zähne weit auseinanderstehen, der wird
reich; ebenso, wer dicke, struppige Haare
hat 4 ). Wo aber alle Kritik an den
Reichen nichts helfen will, da bleibt den
Armen der Trost: Arm oder reich, der
Tod macht alles gleich. — Im Märchen
stuft sich der Besitz ab nach den Ständen:
Der König ist reich, der gemeine Mann
ist arm. Aber das Märchen verschmäht
es nicht, den Armen durch seine Klugheit
reich werden zu lassen. Also fällt der
627
Reif—Reiher
628
R. dem Würdigen zu. In der Sage sind Ort für eine neu zu bauende Kirche, über
die Berg- und Wassergeister reich und den man sich nicht einigen konnte, da¬
teilen von ihrem R. mit, wem sie wollen. durch bestimmt wurde, daß der Platz
Eigentümlich berührt eine Erzählung bei auf dem die Kirche zu stehen kommen
Klapper: Die Tochter eines Reichen dräut sollte, über Nacht vom Reif frei blieb 8 ).
dem Leichenräuber in ihrem Grabe und Das ist eine Variation der weitverbreiteten
reißt ihm die Augen heraus 5 ). Legende, wonach die Kirchenbaustelle von
1) Klapper Erzählungen 354. 2 ) Bolte- Maria durch Freibleiben von Schnee be-
Polivka 2, 210 ff. 3 ) Simrock Sprüchwörter stimmt wurde (s. Schnee).
452. 4 ) Meier Schwaben 2, 510. 5 ) Klapper
Erzählungen 294, 26 ff. t Boette.
Reif. Der R. ist ein Feind der Menschen,
besonders der Bauern, dem er durch
Schädigung oder Zerstörung der Feld¬
früchte hart zusetzen kann. Man setzt
sich daher gegen ihn zur Wehr durch
nächtliches Glockenläuten, das sog. R.-
läuten, ein in Schwaben, Böhmen, auch
in den Cevennen und sonst weitverbrei¬
teter Brauch 1 ). Es ist verwandt mit
dem Nebelläuten (s. Nebel Sp. 990) und
ursprünglich im apotropäischen Sinn gegen
den bösen Naturdämon gerichtet, später
christlich umgedeutet als Aufforderung
zum Beten um Bewahrung vor schädlichen Reiher. Von den verschiedenen R.-
Witterungseinflüssen. Mit dieser für den Arten kommt für das deutsche Sprach-
R. als kennzeichnend empfundenen Schäd- gebiet wohl nur der Graue Fisch-R.
lichkeit hängt zusammen, daß der Inhalt (Ardea cinerea L .) x ) in Betracht; aber
eines Hexenkessels, in dem allerlei Krau- auch dieser nimmt keinen breiten Platz
ter sieden und der umgestoßen wird, sich ein im Aberglauben. Von naturwissen¬
in einen R. verwandelt und als solcher schaftlichem Glauben sei der flan-
alles, was blüht, zerstört 2 ). Auch den drische erwähnt, daß der R. im wachsen-
Menschen selbst kann der R. unmittelbar den Mond dicker werde, und umgekehrt 2 ).
schädigen. Aus der Schweiz stammt eine Alles andere ist außerdeutsch 3 ). In
Geschichte, nach der das Haus, worin Redensarten werden bestimmte Eigen¬
ein todkrankes Mädchen lag, morgens schäften berührt: wegen seines häufigen
immer mit einem R. umgeben war, und und flüssigen Kotes sagt man: ,,He stinkt
zwar stärker als die andern Häuser 3 ). as ’n reiger“ (Ostfriesland), ,,schisse
Mehrere Bauernregeln knüpfen an den wie-n-en reigel“ (Suhr, Kt. Aargau) 4 )-
R. an, die sich zum Teil mit den an Frost Von einem, der sich sinnlos betrunken
(s. d.) anschließenden decken. So deutet hat: ,,Hä heet sich gekotz äß enn räger“
in der Landshuter Gegend R., der am (Meiderich, Bez. Düsseldorf) 5 ). Ein aus-
Karfreitag eintritt, auf später zur Ernte- gelassenes Kind wird in Basel ,,Reigel“
zeit eintretenden R. hin 4 ). Eine Regel genannt 6 ).
aus Nordthüringen lautet: ,,Der R. wird Der Ruf des R.s wird als ,,scheit l
wieder abgewaschen“, d. h. nach ein- scheit“ (schieß) oder ,,schreg, schreg
tretendem R. wird bald Regen folgen 5 ). (schräge) gedeutet (Mecklenburg) 7 ).
Etwas verändert in Braunschweig: ,,Es Als Vorzeichen ist der R. in erster
folgt immer noch einmal Regen auf den Linie Wetterprophet, vielfach schon im
ersten R.“ 6 ). Auch auf ein fruchtbares Altertum 8 ). Sein hoher Flug oder seine
Jahr kann R. hindeuten 7 ). Ortsveränderung verkündet Regen 9 )„
In Thüringen geht die Sage, daß ein Wind 10 ) und sonstiges Unwetter 11 ).
Von Personifikationen des R.s findet sich
im neueren Volksglauben nichts mehr; da¬
gegen dachten unsere Vorfahren den R.
wie Schnee, Wolken usf. personifiziert, und
zwar als Riesen 9 ).
*) ZfVk. 7 (1897). 366, da auch weitere Lit.;
John Westböhmen S. 241. 2 ) ZfVk. 14 (1904),.
417; Lütolf Sagen 224. 3 ) SAVk. 3, 202 u.
204. 4 ) Pollinger Landshut 230. 5 ) ZfVk. 9
(1899), 233; 24 (1914), 60. 6 ) Andree Braun¬
schweig 411; s. auch Baumgarten Heimat i, 30.
7 ) Strackerjan 2, 110. 8 ) Witzschel
Thüringen 1, 35 Nr. 30. 9 ) Grimm Mythol. 2,
635; Simrock Mythol. 632; Mannhardt Ger¬
man. Mythen 184. Zimmermann.
Reifen s. Nachtrag.
629
rein, Reinheit
63O
Bei Homer (II. 10, 274) ist der rechts¬
fliegende R. ein gutes Vorzeichen 12 ).
In Böhmen glaubt man, daß, wenn je¬
mand in Gefahr sei, der R. ihn warne
und von der gefährlichen Stelle abzu¬
bringen suche 13 ). Nach Agrippa von
Nettesheim (1, 248) deutet er auf
„Schwierigkeiten“.
Offenbar wird mancherorts der R. als
dämonisches Tier betrachtet; denn die
Fischer, obschon er ihnen verhaßt ist,
scheuen sich, ihn zu schießen 14 ). Die
Feder eines R.s schützt den Träger
gegen Unheil 15 ). Nach antikem Glauben
schützt er sich selbst gegen den bösen
Blick mit einem Krebs 16 ).
Als Medizin wird namentlich R.fett
verwendet. Es ist gut gegen Gicht,
Taubheit, Augenleiden 17 ), Läh¬
mung 18 ), zur Förderung des Stuhl¬
gangs 19 ). Pferden werden die Augen
damit gestärkt 20 ). Nach Plinius ist es
gegen Schlaflosigkeit gut, einen R.-
schnabel in Eselshaut zu nähen und vor
die Stirn zu binden 21 ).
R.schmalz wird mehrfach als Fisch¬
köder erwähnt 22 ). Sich die Waden mit
R.schmalz zu bestreichen und ins Wasser
zu stellen, ziehe die Fische an s®).
J ) Deutsche Namen: Suolahti Vogel¬
namen 379. 2 ) Ons Volksleven 11, 62 (nach
Popp Ricits des Flandres 219). 3 ) Antike:
Pauly-Wiss. 2. R. 1, 515; Ons Volksleven
11, 61; Küster Schlange 128; Mittelalter:
Megenberg 168 (n. Jacques de Vitry, Ambro¬
sius); Sizilien: Ons Volksleven 11, 61 (Glycas
Annalen 1660). 4 ) ZfVk. 2, 84; vgl. DWb.
8, 659: Keller Erzähl, a. altdt. Handschriften
564; Starker DurchfaU beim Vieh heißt in
Hessen-Nassau „Reiher“: Kehrein Nassau
1, 3 2 7 ; daher ndd. schitreier Bremisches Wörterb.
3, 466; s. a. Schwld. 6, 744. Er hat nur einen
Darm (Megenberg 168; Gesner Vogelbuch
204b), scheidet deshalb die Speise fast unver¬
daut aus; den verfolgenden Habicht wehrt er
mit seinem Kot ab (Megenberg; Rollen -
hagen Froschmäuseler) und verdirbt damit die
Bäume (Gesner aaO.). 5 ) ZfVk. 2, 84; vgl.
das eddische Hävamäl, Str. 13 t.: „Über i
Gastungen schwebt der Vergessenheit R. !
(öminnis hegri), der den Verstand uns stiehlt,
dieses Vogels Gefieder umfächelte mich, als
in Gunnlods Grotte ich saß. 14: Trunken ward
ich.“ 6 ) Schwld. 6, 744 h 7 ) Dähn-
hardt Natursagen 4, 201. 205. 270. 8 ) Pauly-
Wissowa 2. R. 1, 1, 515. 9 ) DWb. 8, 659
n. Hohberg Georg, curiosa (1682); Hopf
; Tierorakel 173 t.; Bartsch Meckl. 2, 210;
1 NdlTijdschr. 33, 102. l0 ) Ons Volksleven 11, 61
(n. Aldrovandus, Oppian); DWb. 8, 659 (n.
Gesner Vogelbuck ; dieser n. Plinius); Bartsch
Meckl. 2, 210 f.; Ndl. TijdschrVk. 33, 102.
n ) DWb. 8, 659 (n. Gesner, Plinius).
12 ) Grimm Mytk. 2, 946; Hopf Tierorakel
173 t. 13 ) Grohmann 65. 14 ) Schwld. 6,
744 (Kt. Zürich). 15 ) Mörike Werke (ed.
Maync) 2, 306 ( Maler Nölten). 16 ) Pauly-
Wiss. 2. R. 1, 1, 515 (n. Aelian 1, 35); DWb.
8, 659 (n. Gesner Vogelb. 205 b ). 17 ) DWb.
8, 659 f. (Haushaltungslexikon 1728). 18 ) ZfVk.
8, 172 (Tirol). l9 ) Jühling Tiere 228. 20 ) DWb.
8, 661 (n. Gesner). 2l ) Pauly-Wiss. aaO.
(n. Plinius); Gesner Vogelb. 206 recto; DWb.
8, 660. 22 ) DWb. 8, 660. 661 (s. a. R.fett, -öl,
-schmalz); Gesner Vogelb. 206 recto; Mangolt
Fischbuoch 366. 23 ) DWb. 8, 660; Schwld. 6,
744 - Hoffmann-Krayer.
rein, Reinheit 1 ).
1. Die allgemeine Vorstellung.
Das gemeingermanische Wort r., got.
hrains , wird von Wulfila 15 mal zur
Übersetzung des griechischen Wortes
xaöapoc bzw. xaüapt'Cm gebraucht in der
Bedeutung frei von Schmutz (so Matth.
27, 59 )> frei von Krankheiten (so Matth.
8, 3), frei von Sünde (1. Tim. 1, 5);
einmal (1. Tim. 2, 9) steht es auch für
x6(jp.10; (sauber, wohlanständig) und ein¬
mal (Luk. 17, 15) steht es, wo die Vor¬
lage taibj lautet: er wurde frei von Aus¬
satz. Die erste literarisch faßbare Be-
I deutung ist also wohl „sauber, frei von
j sinnlich wahrnehmbarem Schmutz“, dann
tritt, bereits bei Wulfila, die übertragene,
theologische und moralische Bedeutung
! in den Vordergrund, im 13. und 14. Jh.
wird r. auch Beiwort Gottes und der
Maria, aber auch zum Beiwort mensch¬
licher Frauen 2 ). Der Etymologie nach
bezeichnet das Wort r. das Gesiebte,
Gesichtete, d. h. das vom Unr.en Ge¬
trennte, also die Hervorhebung des R.en
aus dem Unr.en und Profanen, die gleiche
Trennung des Heiligen vom Unheiligen,
die nach der Etymologie auch die Worte
got. weihs (geweiht) und lat. sanctus
(heilig) andeuten; s. dazu o. 3, 1660ff.
Beides, das R.e und das Unr.e, ist von
Kräften erfüllt, die nützlich oder schäd¬
lich wirken können, die man durch
magisch-religiöse Mittel beeinflussen, von¬
einander trennen kann. Diese Trennung
631
rein, Reinheit
632
rein, Reinheit
634
wird durch R.igungshandlungen hervor¬
gerufen. Die Entstehung dieses Glaubens
und das Aufkommen dieser R.igungs¬
handlungen ist psychologisch folgender¬
maßen zu erklären: Der materielle
Schmutz und die materielle Unr.heit ist
das primär Gegebene. Daran knüpfte
sich der magische Glaube: Die Unr.heit ;
enthält schädigende Kräfte, ein Glaube,
der sich weiterentwickelte und noch im
heutigen Volksglauben vorhanden ist, ;
wonach im Schmutz, im Kehricht (s. d.) 1
böse Kräfte vorhanden sind, böse Geister
hausen. Dieser Glaube an die oren-
1
distische oder dämonische Kraft der j
Unr.heit führte zu dem Streben nach !
Entfernung dieserUnr.heit durch rationelle j
und magische Mittel, also zu R.igungen. I
R.igungen, auch bloße Waschungen mit j
Wasser, sind also ursprünglich tran¬
szendente Handlungen (s. dazu o. 5,
792 f.), die sich auf besonders wirksame ■
Kräfte beziehen; solche unr.e Kräfte ;
zu entfernen ist also der ursprüngliche I
Sinn der R.igungen. Erst sekundär
werden R.igungen ein profanes Mittel,
um sich sauber zu halten, erst sekundär
entwickelt sich das profane R.iichkeits-
bedürfnis. Und noch später kommt es
zur Ethisierung: Unr.heit ist Sünde und
Sünde ist Befleckung.
Für uns sind r. und unr. polare Be¬
griffe, die etwas Gegensätzliches be¬
zeichnen, nämlich nützlich und schädlich
wirkende Kraftsubstanzen. Im Ur-
germanischen aber gab es ein Wort, das
eben diese Kraft benannte, gleichgültig,
ob sie r. oder unr., nützlich oder schäd¬
lich wirksam war: *haila, wozu heill
(besonders wirkungsvolle Kraft) und
heilagr, heilig gehört. Heilig, d. h. mit
besonderer Kraft erfüllt war sowohl das,
was an sich r., als auch das, was unr.
war; denn in beidem wirkten irgend¬
welche Kräfte. Hailag konnte also das
R.e und Heilige wie auch das Unr.e
bezeichnen, wenn es nur über besondere
Kräfte verfügte. Das gleiche ist bei dem
Wort Tabu (s. d.) der Fall. Durch die
Christianisierung hat das Wort hailag
dann seine ursprüngliche Bedeutung ver¬
loren und als ,,heilig“ die heutige Be-
1
deutung erlangt 3 ). Die Vorstellung aber,
daß das R.e und Heüige wie auch das
Un.re wirksam sein kann, letzteres aber
auch in günstigem Sinn wirken kann, hat
sich im Volksglauben bis heute erhalten,
wie etwa der Abort (s. d.) zwar unr. ist,
aber auch heükräftige Wirkung haben
kann; s. o. 3, 1663ff. Auch die Men¬
struation güt als verunreinigend; aber
auch hier läßt sich der ursprüngliche
Glaube an die neutrale Kraft, die dieser
Zustand hervorruft, noch an Bräuchen
erkennen, in denen zu einer magischen
Handlung ausdrücklich eine Menstruieren¬
de verlangt wird. So ist also das Heilige
und R.e ebenso zu scheuen wie das Unr.e,
weü beides mit einer Kraft erfüllt ist, und
dieses Erfülltsein mit besonderer Kraft
und die daraus sich ergebende Forderung
nach einem besonderen Verhalten des
Menschen gegenüber diesem R.en und
Unr.en macht das Gemeinsame aus,
wodurch das R.e und das Unr.e von
Anfang an im Glauben miteinander ver¬
bunden ist, und diese Kraft ist es, die
das gegensätzhche Begriffspaar R. und
Unr. unter einem Oberbegriff, den Begriff
Tabu, zusammenfaßt: denn das R.e wie
das Unr.e kann tabu sein.
2. R.heitsvorschriften. Das ,,Hei¬
lige“, d. h. alles, was als erfüllt mit be¬
sonderer Kraft güt, was tabu ist, ver¬
langt von demjenigen, der mit ihm ver¬
kehrt oder ihm naht, eine gewisse Dis¬
position und ein bestimmtes Verhalten:
er muß selbst r. sein, d. h. zunächst frei
von Schmutz und durch seine R.heit
herausgehoben aus der Sphäre des Unr.en
und Profanen. Ist dieser Zustand nicht
vorhanden, so muß er durch eine Siebung,
Sichtung und Trennung, die ja zum
Wesen des R.en gehört, wie schon die
Etymologie besagt, hervorgerufen werden,
d. h. durch R.igungshandlungen. So
kommt es zu R.heitsvorschriften, die von
zweierlei Art sein können:
I. Prophylaktische R.heitsvorschriften,
von den Griechen dyvetst genannt: Sie
bestimmen das Femhalten von Befleckung
und Unr.heit, legen dar, daß man sich
in bestimmten Fällen r. zu halten habe,
wovon man sich r. zu halten habe, wie¬
1
1
633
lange usw. Die hier angegebenen Mittel
versetzen zugleich positiv in den Zustand
der R.heit, der für eine magische oder ;
kultische Handlung vorausgesetzt wird. :
II. Kathartische Vorschriften, von den !
Griechen xadappot genannt: Das sind
die Vorschriften über R.igungen, die an- 1
zuwenden sind, wenn eine Verunreinigung •
bereits stattgefunden hat, die also die
Mittel zeigen, wodurch man negativ das •
im Sinne des Kultes oder der Magie
Unr.e entfernen, auch böse Geister, die :
bereits vorhanden sind, vertreiben kann.
Beide Arten der Vorschriften und die
Vorstellungen von r. und unr. selbst
haben ursprünglich mit sittlichen Kate- j
gorien, mit sittlicher R.heit und Sünde ]
nichts zu tun. Aber in der weiteren i
Entwicklung können diese Vorstellungen
auf das Gebiet der Ethik übergehen, so j
daß etwa Sünde als Unr.heit güt und ;
das Beladensein mit einem Verbrechen
eine kultische oder magische Handlung
hindert. Daher die häufige Forderung,
daß zu einer solchen Handlung ein Un-
schuldiger (s. d.) beizuziehen ist, oder i
das Märchen- und Sagenmotiv, daß zu •
einer bestimmten Aufgabe eine r.e Jung- |
frau (s. d.) nötig sei. — Wir betrachten I
kurz diese beiden Arten der R.heits¬
vorschriften und -handlungen:
I. Prophylaktische Vorschriften und
Handlungen, durch welche die Abwehr
drohender oder möglicher Befleckungen
bezweckt wird, um den Zustand der
R.heit zu erhalten. Wir unterscheiden !
hier:
A. Verhaltungsmaßregeln oder R.heits-
askese; Vorschriften über das eigene
Verhalten, um dadurch der Befleckung
zu entgehen. Das ist die apotropäisch-
kathartische Askese, die den Zweck hat,
die unr.en Kräfte und Mächte unpersön¬
licher oder persönlicher Art von sich
femzuhalten; s. o. 5, 801. Die wichtigsten
dieser Maßregeln sind folgende:
1. Das Fasten oder die Nahrungs¬
askese, d. h. die Enthaltsamkeit von be¬
stimmten Nahrungsmitteln oder Getränken
zu gewissen Zeiten oder für immer und
die Einschränkung der Aufnahme von
Speise und Trank. Danach kann man
qualitative und quantitative Fastenvor-
schriften unterscheiden. Der ursprüng¬
liche Zweck des Fastens ist wohl gerade
dieser apotropäisch-kathartische; gewisse
Speisen wül man, weil von schädigender
Kraft erfüllt, immer oder bei gewissen
Anlässen vermeiden. S. Art. Fasten
und dazu Arbesmann, Das Fasten bei
den Griechen und Römern.
2. Die sexuelle Askese, die dauernde
oder zeitweüige geschlechtliche Enthaltung.
Auch hier ist der ursprüngliche Zweck
der apotropäische. Denn Beischlaf ver¬
unreinigt und die kultische oder magische
Handlung verlangt R.heit. Vgl. Art.
Keuschheit.
B. Anwendung prophylaktischer Mittel,
die das Unr.e und böse Einflüsse fem¬
halten sollen, wie etwa Amulette (s. d.),
Talismane (s. d.) und sonstige apotro¬
päische Gegenstände und Stoffe, ferner
auch apotropäische Handlungen und Be¬
wegungen. Diese Mittel können auch
bei bereits eingetretenen Verunreinigungen
Verwendung finden, also bei den unter
II genannten kathartischen Vorschriften;
s. darüber unten.
II. Kathartische Vorschriften und Hand¬
lungen. Hierbei können wir folgende
Gruppen unterscheiden:
A. Vorbereitungsreinigungen: Sie wer¬
den vorgenommen mit Rücksicht auf eine
magische oder kultische Handlung, die
durch die Befleckung etwa behindert
werden könnte, und dient also der Vor¬
bereitung einer solchen Handlung oder
überhaupt der Ermöglichung des Ver¬
kehrs mit besonderen Mächten.
B. Entsühnungsreinigungen: Allgemeine
Reinigungen und Entsühnungen als Selbst¬
zweck, weil mit der Befleckung ein
Schaden für den davon Betroffenen ver¬
bunden ist. Es kann sich hier um Ent¬
sühnungen und Reinigungen von Einzel¬
personen und ganzen Gruppen, ja auch
von ganzen Städten handeln, vgl. Süh¬
ne, Sündenbock.
C. Der Exorzismus im eigentlichen
Sinn, für den es charakteristisch ist, daß
er sich gegen persönliche Geister und
Dämonen richtet; s. o. 2, 1098ff.
Vorstehendes Schema umfaßt sämt-
<535
rein, Reinheit
Reinheldis—Reise
638
liehe R. hei ts Vorschriften und R.heits-
handlungen, die auf dem Gebiet der
Religion (des Kultes) und des Volks¬
und Aberglaubens (d. h. der magischen
Handlungen) begegnen; s. dazu Art.
Kathartik.
Diese Reinigungshandlungen sind auf
dem Gebiet der Religion ein Teil des
Kultes und bilden die o. 5,798 als negative
oder apotropäisch-kathartische Kulthand¬
lungen bezeichnete vierte Gruppe der
Kulthandlungen. Und wie im allgemeinen
die Zwecke, Mittel und Formen der
religiösen Kulthandlungen uns auch auf
dem Gebiet der magischen Handlungen
und des Aberglaubens begegnen, so im
besonderen auch die der Reinigungshand¬
lungen.
3. Subjekt, Objekt und Mittel
der R.igung. Bei jeder Reinigungs¬
handlung und R.heitsVorschrift ist sowohl
auf dem Gebiet des Kultes wie auf dem
der magischen Handlung dreierlei zu
unterscheiden:
I. Wer zu r.igen ist bzw. sich vor
Verunreinigungen zu hüten hat. Das ist
das Subjekt der Reinigung und R.heits-
vorschrift. Es ist identisch mit dem¬
jenigen, dem die Befleckung droht oder
der bereits befleckt ist, d. h. mit dem
Objekt der Befleckung. Das können
einzelne Menschen sein, die sich vor Be¬
fleckung zu hüten haben oder solche
beseitigen müssen wie etwa der Priester,
der Zauberer, jeder, der eine kultische
oder magische Handlung ausführen oder
sich zu besonderen Mächten in Be¬
ziehung setzen will. Er muß selbst r.
sein, aber auch seine Kleidung und alles,
was zur heiligen oder magischen Hand¬
lung dient, muß frei von Befleckung sein.
Aber auch Örtlichkeiten sind von Be¬
fleckungen bedroht und können der
Reinigung bedürftig sein, heilige Plätze,
der Ort, wo man eine magische Hand¬
lung vornehmen will, aber auch Haus
und Herd, Hof und Stall.
II. Von was man sich zu r.igen oder
vor was man sich zu hüten hat, was man
abwehren oder vertreiben muß. Das
ist das Objekt der R.igung oder das
Subjekt der Befleckung; denn es ist das.
was verunreinigt und befleckt. Wir
können folgende Komplexe von Be¬
fleckungen feststellen, d. h. also folgende
Komplexe, von denen sich jemand fem-
zuhalten hat, der übermächtigen Kräften
sich nähern will, bzw. von deren Beein¬
flussung er sich zu r.igen hat:
a) Materieller Schmutz, also etwa
Schmutz, der an Körper und Kleidung
sich befindet und vor einer kultischen
oder magischen Handlung abzuwaschen
ist. Dazu gehören auch bestimmte Stoffe,
die nach gelegentlichen Vorschriften bei
magischen Handlungen fernzuhalten sind,
wie etwa das Eisen (s. o. 2, 724).
b) Geschlechtliches: Beischlaf, Pollu¬
tion, Menstruation, Geburt verunreinigen.
R.igungen sind nötig und Fristen werden
festgesetzt, innerhalb deren ein so Be¬
fleckter keine heilige oder magische Hand¬
lung vornehmen, auch keine Kirche be¬
suchen darf.
c) Krankheiten, die ursprünglich als
verursacht durch böse Mächte oder Dä¬
monen galten.
d) Der Tod und alles, was mit dem
Toten zusammenhängt. Berührung einer
Leiche (s. d.) verunreinigt. Daher duldet
auch ein Fluß oder das Meer keine Leiche
in sich, sondern wirft sie aus 4 ).
e) Gewisse Nahrungsmittel, die immer
oder bei bestimmten Anlässen zu meiden
sind. S. Art. Fasten.
f) Gewisse Menschen, die als unr.
gelten und vor denen man sich zu hüten
hat, wie etwa der Abdecker (s. d.) und
andere, die zur Kategorie der unehrlichen
Leute gehören.
g) Menschen, die mit einer moralischen
Unr.heit behaftet sind, wie etwa der
Mörder.
h) Unr.e Tiere, die nicht berührt und
deren Fleisch nicht gegessen werden darf.
III. Die Mittel, deren man sich zur
R.igung oder zur Abwehr der Befleckung
bedient, und ihre Wirkung auf Subjekt
und Objekt der R.igung. Es sind dies
die Mittel, die im Kult und bei magischen
Handlungen angewandt werden und die
verschiedenen Zwecken, darunter auch
dem apotropäisch-kathartischen Zweck,
• *
r
r
dienen können und die o. 5, 799. 801 f.
.aufgezählt sind.
i) Literatur: Wächter Reinheit ; Fehrle
Keuschheit ; Arbesmann Fasten; Pfister Reli¬
gion i2off.; Pauly-Wissowa Suppl. 6 Art.
Katharsis. 2 ) Gaupp Zur Gesch. des Wortes
„rein", Diss. 1920. 3 ) S. o. 3, 1655L; Pfister
OberdZfVk. 6, 1932, 131#- 4 ) Müller Sieben
bürgen 184; Wolf Beiträge 1, 253.
Pfister.
Reinheldis wird nur in dem westfäli¬
schen Dorfe Riesenbeck im Bistum
Münster verehrt. Geboren ist sie auf dem
Bauernhöfe Knüppenhus in der Ge¬
meinde Westerkappeln, Grafsch. Tecklen¬
burg. t 1262, auf Betreiben ihres Stief¬
vaters von der eigenen Mutter erwürgt; be¬
graben in Riesenbeck. Von der Kirche
ist sie weder heilig noch selig gesprochen.
Das Volk nennt sie Sünte Rendel; auf
ihrem Geburtshofe heißt sie aber Knüppen
Grelle und wird auf Anstiften ihres Bruders
umgebracht, und die Leute erzählen sich
ihre eigenen Sagen von ihr 1 ).
*) Doye Heilige u. Selige der röm. kathol.
Kirche 2, 242; Jostes St. Reinhild von
Riesenbeck und St. Reiner von Osnabrück:
Zeitschr. f. Vaterland. Gesch. u. Altertumskunde
(Münster) 70 (1912), i.Abt. 191 ff.; Winkel¬
mann Sünte Rendel oder St. Reinheldis. Münster
i. W. 1912; Knörich in: Beiträge z. Gesch.
Dortmunds und der Grafsch. Mark 31 (1924),
«99 ff.; Bahlmann Volkssag. a. d. Kreisen
Tecklenburg u. Iburg 31 ff. Sartori.
Reinoldus, hl., Patron von Dort¬
mund, der Bildhauer, der Kompanie der
Schwarzhäupter in Riga. Sein Gedächt¬
nistag ist der 7. Januar 1 ). Dieser sagen¬
hafte Heilige soll eines der vier Haimons-
kinder gewesen und später als Kloster¬
bruder in St. Pantaleon zu Köln von den
Steinmetzen, die er zu überwachen hatte,
erschlagen worden sein. Seine Gebeine
wurden um 1059 durch Erzbischof Anno
von Köln nach Dortmund übertragen.
Hier hat er mancherlei Wunder getan
und die Stadt wiederholt vor ihren Fein¬
den beschützt 2 ). Die Reinoldikapelle bei
Solingen ist an der Stelle erbaut, wo sein
Hammer niederfiel, den er in Köln in die
Luft geworfen hatte 3 ).
x ) Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol.
Kirche 2, 238; Künstle Ikonographie d.
Heiligen 512. 2 ) J. Hansen D. Reinoldssage
und ihre Beziehung zu Dortmund : Forschungen
f. deutsche Geschichte 26 (1886), 104 ff.;
H. Schauerte R. d. Stadtpatron Dortmunds
1914; G. Knörich D. heilige R.: Beitr. z. Gesch.
Dortmunds u. d. Grafsch. Mark 31 (1924),
77 ff. (der Heilige wird hier auf einen Gott der
Erde und der Fruchtbarkeit zurückgeführt von
derselben Art wie der nordische Niörd und die
Nerthus des Tacitus); Zrwk. 11 (1914), 82 ff.;
Nork Festkalender 1, 845.; Zaunert Rhein¬
landsagen 1, 143 f.; Schmidt Kultübertragungen
113 A. 2. 3 ) Schell Bergische Sagen 232;
Beitr. z. Gesch. Dortmunds usw. 31, 93.
Reinigung s. rein.
Reis (Oryza sativa). In der warmen
Zone der Erde (besonders Asiens) ange¬
bautes Getreide, dessen Körner auch seit
langer Zeit bei uns eingeführt sind 1 ).
Teilweise hat der R. die ältere Hirse (s. d.)
verdrängt. Wie diese ist er ein Frucht¬
barkeitssymbol, so wird ab und zu das
Brautpaar mit R.körnem bestreut 2 ).
Zum ersten Mittagessen muß die junge
Frau R. in irgendeiner Form kochen; wie
der R. quillt, so wird der Wohlstand des
Hauses sich mehren 3 ). An Weihnachten
und Neujahr ißt man in Westböhmen
R. 4 ), s. auch Hirse.
x ) Schräder Reallexikon 2 2, 230; Pauly-
Wissowa 2. R. 1, 1, 517 ff. 2 ) Schef telowitz
Huhnopfer 1914, 13 t.; vgl. auch Ploß Kind
1,7. 3 ) Drechsler Schlesien 1,281; 2,214.
4 ) John Westböhmen 23. 28. Marzeli.
Reis s. Zweig.
Reise. Wie an jede außerordentliche
Begebenheit knüpft sich der Aberglaube
auch an das Reisen. Das güt vor allem
für frühere Zeiten, die noch nicht unter
dem Zeichen des Verkehrs standen. —
Der Tag der Abreise ist durch be¬
stimmte abergläubische Regeln festgelegt.
Für alle Handlungen, also auch fürs Reisen
galt der Karfreitag überall als unglück¬
bringend x ). Von diesem einen Tag des
Jahres ist der Glaube auf jeden Freitag
übergegangen 2 ). Noch heute scheuen sich
die Seeleute davor, am Freitag abzu¬
fahren 3 ). Nicht so allgemein wie der
Karfreitag werden der Neujahrstag 4 ) und
der Dreifaltigkeitssonntag 5 ) zum R.an-
tritt für ungünstig angesehen. Im Gegen¬
satz zu diesen Tagen, die für alle Men¬
schen dasselbe bedeuten, gilt der Licht¬
meßtag 6 ) nur für den Bienenvater als
unglückbringend: wenn er an diesem
641
Reise
der Freizügigkeit erteilte, um einen R.-
639
Tage reist, werden seine Bienen beim
Schwärmen fortfliegen. — Was die ein¬
zelnen Wochentage betrifft, so ist hier der
Aberglaube reichhaltig, aber in jeder
Gegend anders. Der Freitag ist, wie ge¬
sagt, in den christlichen Ländern am allge¬
meinsten zum Unglückstag gestempelt
worden. Die Muhammedaner halten den
Montag für den günstigsten Reisetag,
weil viele bedeutende Männer, unter denen
auch Muhammed war, an diesem Tage
ihre R. in das Jenseits angetreten haben 7 ).
Der glückbringende Tag allein bürgt
nicht für den glücklichen Verlauf einer
R. Auch die Gunst der R.götter und
-geister muß erworben werden. Deshalb
steht der Tag des R.antritts bei Griechen
und Römern 8 ), Indern 9 ) und Muham¬
medanern 10 ), bei den Deutschen und bei
wilden Volksstämmen 11 ) unter dem Zei¬
chen des Gebets und Opfers. Wenn heute
der deutsche Fuhrmann mit der Peitsche
drei Kreuze vor seinem Pferde macht,
bevor er abfährt 12 ), so soll es dieselbe
Wirkung haben wie die Gebetsformeln,
die Cäsar dreimal gemurmelt haben soll,
ehe er eine R. antrat 13 ). Ein R.opfer an
den hl. Leonhard, den Schutzheiligen der
Pferde, bedeutet das Hufeisen, das man
in Meran an die Kirchtür des Heiligen
nagelte, wenn man auf die R. ging 14 ).
Eine vorchristliche. Opferhandlung in
christlichem Gewände ist auch das Minne¬
trinken auf die hl. Gertrud, die Schutz¬
patronin der Reisenden, das später auf
Johannes übertragen wurde 15 ). Der
feste Glaube an die Hilfe der Heiligen, die
sich zum Helfen verpflichtet hatten, hat
in verschiedenen Legenden seinen Nieder¬
schlag gefunden 16 ). Die vielen R.gebete
und -Segen verraten manchmal trotz
ihres christlichen Aussehens, ebenso wie
die verstümmelten heutigen Grußformeln,
eine Herkunft von anderen Segen und Be¬
schwörungen 17 ).
Größeren Einfluß als all dies hat nach
dem Glauben des Volksmenschen der
R.zauber auf den Verlauf der R. Er
hat immer und überall seine Pflege ge¬
funden. Man braucht nur an die Puppen
und Bären zu denken, die in jedem Auto
als Talisman auf die R.n mitgenommen
640
werden. — Der R.zauber kann darin be¬
stehen, daß man heilbringende oder ab¬
wehrende Gegenstände mit auf die R.
nimmt: Brot, das vor Heimweh und Be¬
zauberung schützt 18 ), Wacholder oder
Rainfarren oder geweihter Salzstein, die
unbestimmte zauberische Kräfte be¬
sitzen 19 ), Igelfett, das Ungeziefer 20 ),
Stahl, der den bösen Feind abwehrt 21 ).
Äpfel und Eier darf man dagegen nicht
mitnehmen 22 ), wahrscheinlich, weil sie
schon zu oft unterwegs entzwei gegangen
sind. Eine andere Art des R.Zaubers be¬
deutet es, wenn der Abreisende oder die
Zurückbleibenden Handlungen vorneh¬
men, die in magischer Weise auf den Ver¬
lauf der R. ein wirken sollen. Die Zurück¬
bleibenden müssen dem Abreisenden
„nachsehen“ 23 ), d. h. sie öffnen die Tür,
die er schon hinter sich geschlossen hat,
und geben ihm das Geleit, damit er wohl-
! behalten zurückkomme. Dann muß die
Frau, manchmal noch der Reisende selbst,
das Brot vom Tisch nehmen und ver¬
wahren, sonst wird ihm der Weg sauer 24 );
sie darf am selben Tag weder Stube noch
Bett machen 25 ). Bei den primitiven
Stämmen darf sie an diesem Tag kein
Feuer aus dem Hause geben 26 ). Dies
alles geschieht, damit der Abgereiste
nicht den Zusammenhang mit der Heimat
verliere, damit ihn weder Unglück noch
Tod treffe. Für manche Gegenden gelten
diese Vorschriften nur so lange wie der
Reisende sich innerhalb der Dorfgrenze
befindet 27 ), oder bis erden ersten Halte¬
platz erreicht hat. — Der Abreisende selbst
sollte immer rückwärts aus der Tür gehen,
um sich vordem bösenFeindzuschützen 28 ).
Es ist gut, wenn er eine Weile auf der
Bank vor dem Hause sitzt, bevor er end¬
gültig aufbricht 29 ). Manchmal scheint die
Abr. in angetrunkenem Zustande einen
glücklichen Verlauf zu sichern 30 ). Die
bösen Geister gewinnen keine Macht über
den Reisenden, wenn er mit etwas Bren¬
nendem, z. B. einer Pfeife, abfährt 31 ).
Er darf niemals umkehren, um etwas
Vergessenes zu holen. Dann geht auch
seine R. „hinter sich“ 32 ). — Ob es sich
bei der Pfeilübergabe des langobardischen
Freilassungsaktes, der auch das Recht
zauber oder um eine reale oder symbolische
Wehrhaftmachung handelt, mögen andere
beurteilen. Der Text bei Paulus Dia-
konus läßt beide Deutungen zu 33 ). — Ent¬
schieden das sicherste Mittel, allen Fähr-
*
nissen der R. zu entgehen, gibt eine Hand¬
schrift des 16.—17. Jahrhunderts an. Dort
heißt es 34 ): Man soll auf einer Wegscheide
an der linken Schuhsohle und an den
Zehen mit Kreide Zeichen machen und
sprechen: „Ich gebeutte dir das du mir
underthenig seyest, und mich füerest
ohne schaden meines Leibes, das ich möge
in der Zeit do und do sein möge: Nun
hebe mich auff über alle Stock und Stau¬
den und Felsen“. Wenn man dann unge¬
fährdet angelangt ist, muß man die Kreide
von den Schuhen waschen, dann ist der
Fuhrmann weg.
Im Gegensatz zum R.zauber steht der
Angang 35 ), der ohne das Zutun der Men¬
schen eintritt, und den man deshalb gerne
als Orakel benutzt. Auch andere Zufälle,
die man nicht als Angang bezeichnen kann,
geben dem Volksmenschen Stoff genug
zu Prophezeiungen über den Verlauf der
angetretenen Reise. Bleibt der Ab¬
reisende z. B. mit dem Mantel in der
Tür hängen, dann kehrt er gesund zu¬
rück 36 ). Verschüttet er Wasser, so sollte
er lieber zu Hause bleiben, denn es
bringt Unglück 37 ). Im altindischen
Zauberritual allerdings, das bei der Ab¬
reise üblich war, wird das Ausgießen
von Wasser als eine heilige Handlung
gefordert 38 ). Unglück bringt es dem
Reisenden, wenn er unterwegs nach
seinem Ziel gefragt wird 39 ), oder wenn
sein Stock hinfällt 40 ). Die Zurück¬
bleibenden haben immer die Möglich¬
keit, an dem Gedeihen des Lebens¬
baumes, den der Abreisende in irgend¬
einer Form eingepflanzt hat, sein gutes
bzw. schlechtes Fortkommen während der
Reise zu erkennen 41 ).
Trotz allen Reisezaubers, trotz der
Opfer und Gebete lauern viele Gefahren,
besonders in der Stunde der Mitter¬
nacht 42 ), auf den Wanderer. Diese
Reise- und Weggeistersagen, die eine
geängstigte Phantasie hervorgebracht hat,
B ä cb 10 Id-S t ä u bli, Aberglaube Vll
642
wollen sich in der Grausigkeit der Dar¬
stellung schier übertrumpfen 43 ).
Wenn der Reisende, dem schon seine
Pferde durch ihr Niesen eine gute An¬
kunft prophezeit hatten 44 ), am Ziel
angelangt war, dann hatte er strenge
Reinigungsriten auszuführen, ehe er in
die Gemeinschaft der anderen aufge¬
nommen wurde. Nach dem Glauben
der antiken Völker verlangten die Haus¬
götter ein Versöhnungsopfer für jeden,
der in die Hausgemeinschaft eintrat 45 ).
Heute haben nur noch die primitiven
Völker den Zwang der Reinigungsriten
bei der Rückkehr von der R. Man hängt
dort die R.kleider eine Zeit lang in die
Bäume 46 ), schneidet die Haare, die
während der Reise lang bleiben mußten 47 ),
wäscht und besprengt sich mit bestimmten
Flüssigkeiten 48 ) und darf nur bestimmte
Dinge essen 49 ).
Man muß auch, wie während der R.,
Keuschheit wahren 50 ) und die ersten
Nächte in einer abgelegenen Hütte schlafen.
Dies alles geschieht, damit etwaige böse
Zauber, die dem Reisenden anhaften
könnten, von ihm genommen werden,
und er niemand mit ihnen anstecken
kann. — Wegen der Bedeutung, die eine
Reise in früheren Zeiten besaß, und
wegen der Gefahren, mit denen sie ver¬
bunden war, bestanden für die Reisen¬
den im Mittelalter Ausnahmerechte:
Sie durften ihre Nahrung ungestraft
vom Felde und aus den Gärten nehmen 51 ),
ebenso das Holz, das sie zum Ausbessern
eines beschädigten Wagens nötig hatten 52 ).
Nach der Lex Burgundia hatten die
Gesandten fremder Völker sogar das
Recht, unterwegs ein Schwein oder einen
Hammel von den Bauern zu fordern 53 ).
Selbstverständlich wurde gefordert, daß
man dem Reisenden in jeder Weise be¬
hilflich sein sollte 54 ).
Außer den, trotz aller Mühsale, immer¬
hin alltäglichen R.n wissen Legenden,
Sagen und Märchen von wunderbaren
R.n der Lebenden und der Toten zu be¬
richten. Wie um die Helden der Antike
haben sich auch um die Gestalten des
Urchristentums Wanderungslegenden ge¬
bildet 55 ). Diese führen noch heute in
Reise
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643
Reisesegen—Reiter
645
Reiter
646
katholischen Ländern ein starkes Eigen¬
leben 56 ). — Die R. ins Jenseits spielt
eine große Rolle im Phantasieleben des
Volksmenschen jeder Zeit und jedes
Stammes 57 ). Die Toten versammeln
sich an bestimmten, auch den Menschen
bekannten Plätzen im Wald, auf einer
Wiese, in einer Höhle usw. 58 ). Von dort
aus begeben sie sich gemeinsam auf ihre
qualvolle und mühselige Wanderung.
Auch Lebende gelangen manchmal ins
Totenreich. Davon berichten nicht nur
die Sagen von Orpheus, Herakles, Odys¬
seus 59 ), sondern die Dichtungen aller
Völker, so z. B. das Gilgameschepos *°),
das Kalewalaepos der Finnen 61 ) und
eine Sage aus Kamtschatka 62 ). In den
Märchen weisen viele Angaben auf diese
Vorstellung von R.n Lebender ins Toten¬
reich hin. Sie verbergen sich unter
anderen Namen, wie Himmel, Hölle,
Gestirne 63 ), wo man Wunderdinge wie
das Wasser des Lebens sucht. Die Wan¬
derungen in diese Welten werden je nach
dem Charakter des Dichters entweder
mit vielen Bildern als grauenhaft und
gefährlich geschildert oder mit wenigen
Worten abgetan, die das Unheimliche
nur ahnen lassen 64 ). Die häufige An¬
wendung und Ausbeutung dieses Märchen¬
motivs zeigt wiederum, welch großes
Ereignis eine R. für den Menschen ver¬
gangener Zeiten war.
Auf das Prophezeien des R.wetters
weisen die beiden Sprichworte hin: Wenn
Pfaffen reisen, so regnet es 65 ) — und:
Wenn Engel reisen, dann lacht (oder
weint) der Himmel 66 ).
x ) John Erzgebirge 193. 2 ) Wander
Sprichw.-Lexik. 3, 817 Nr. 13; ZfdMyth. 2
(1854), 101 » Haltrich Siebenb. Sachsen 288;
Fogel Pennsylvania 216 Nr. 1365; Stern
Türkei 1, 378. 3 ) Mündl. von d. Nord- u. Ost¬
see. 4 ) John Westböhmen 29. 5 ) Meyer Baden
506. 6 ) Fogel Pennsylvania 216 Nr. 1093.
7 ) Stern Türkei 1, 377. 378. 8 ) Radermacher
Beiträge 63. 9 ) Caland Altind. Zauberritual
3, 7 Nr. 2 (1900), 46. 10 ) Sartori Sitte 2, 49.
u ) Ebd. ia ) Knoop Hinterpommern 167;
Drechsler 2, 18; Urquell 1 (1890), 6. 13 )
(Keller) Grab d. Abergl. 5,233. 14 ) Meyer Germ.
Myth. 252. 15 ) Böckel Volkslieder XXXVII;
Weinhold Frauen 2, 191; Zingerle Johannis¬
segen 220; Kondziella Volksepos 152; Zin¬
gerle Johannissegen 182. 16 ) Böckel Volks-
644
lieder XXXIX, XXXVII (im übrigen s.
,,Minnetrinken"). 17 ) Wlislocki Sieb. Volksgl.
112; ZfVk. 5, 421; 1, 308; Grimm Myth. 3,
499 Nr. 21; Weinhold Frauen 2, 185; Schw-
Vk. 3, 138; ZfdMyth. 3, 323. 18 ) Laube Teplitz
67; Rochholz Glaube 2,118. 19 ) Grohmann
97; Schönwerth Oberpfalz 3, 272; Leoprech-
ting Lechrain 157. 20 ) Schönwerth Ober-
Pfalz 3, 272. 21 ) Toeppen Masuren 102.
22 ) ZföVk. 3 (1897), 20 Nr. 96. 23 ) Liebrecht
Zur Volksk. 323 Nr. 79. So; Sartori Sitte
2, 49. 24 ) Köhler Voigtland 429; Panzer
Beitrag 1, 267; Grimm Myth. 3, 448 Nr.
442. 25 ) Sartori Sitte 2,51; ZfVk. 2, 264;
Urquell 4, 94 f. 2«) Sartori Sitte 2,
51. 27 ) Liebrecht Zur Volksk. 323. 28 )
Laube Teplitz 67. 29 ) Urquell 4 (1893), 116
Nr. 84. 30 ) Toeppen Masuren 102. 31 ) Ebd.
32 ) Grimm Myth. 3, 435 Nr. 14; Unoth
1, 186 Nr. 111; Meyer Aberglaube 230;
ZfVk. 3, 28; Urquell 1 (1890), 66 Nr. 32;
Spiess Fränkisch-Henneberg 151. 33 ) Gold-
mann German. Freilassung (1904) 15; Vor¬
demfelde Religion 37 ff. 34 ) ZfdMyth. 3,324.
35 ) S. ,,Angang". 38 ) Müller Isergebirge 35.
37 ) SchwVk. 3, 74. 38 ) Caland Altind. Zauber-
ritual 3, 7 Nr. 2 (1900), 63. 39 ) Wolf Beiträge
1» 252. 40 ) Knoop Hinterpommern 163;
ZfVk. 3, 131. 4l ) Maack Lübeck 53. 42 )
(Keller) Grab d. Abergl. 5, 89. 43 ) S. ,,Weg".
44 ) Toeppen Masuren 102. 45 ) Samter
Familienfeste 8 f. 46 ) Frazer 2, 113. 47 ) Ebd.
1,261; 2, m. 48 ) Ebd. 2, 112 fg. 49 ) Ebd.
50 ) Ebd. 2,113. 51 ) Grimm RA. 1,553.
52 ) Ebd. 53 ) Ebd. 54 ) Grimm Weistümer
2, 321. 55 ) Pfister Reliquienkult 1, 255.
266. 56 ) Sebillot Folk-Lore 2, 363; 1, 321.
57 ) S. ,.Totenland". 58 ) Tylor Cultur 2, 44 ff.;
L 4 73 - 59 ) Rohde D. griechische Roman 268
Anm. 2. 60 ) Gressmann Gilgamesch 135 f.
61 ) Schiefner Kalewala (1914) 129 ff. 147 ff.
62 ) Wolf Beiträge 1, 94. 63 ) Tausend u. eine
Nacht (Weil) 1,291. 295; 2,197; 3, 28. 103 ff.;
Kreutzwald Esthn. Märchen 179. 269; Bolte-
Polivka 1,233; 2,234; 3.38; Köhler Kl.
Sehr. 1, 52; 1, 445; Gunkel Märchen 65. 51 ff.;
ZfVk. 22 (1912), 159. 64 ) Sklarek Märchen
1, 263. 168; Grimm Märchen 1, 81. 247.
143; 2, 118. 146. 212; 3, 177. 167 usw. s. Siuts
D. Jenseitsmotiv im deutschen Märchen. 85 )
Schultz Alltagsleben 242. 66 ) mündl.
Schmekel.
Reisesegen s. Ausfahrtssegen, Se¬
gen, Reise.
Reisighaufen s. Steinhaufen.
Reiter. Über die germanischen Götter,
Walküren und Gestalten niederer My¬
thologie als R. vgl. die unter Pferd bei¬
gebrachten Zeugnisse (Reiten der Zwerge:
Grimm, Myth. 1,385; 3,134 mit Lit.).
Noch in später Zeit ist Wodan, unter
mannigfacher Senkung und Veränderung
des ursprünglichen mythischen Gehalts,
bevorzugt: ihm, dem wilden Jäger,
eignet meist der Schimmel x ), ab und an
ein rotes Roß, mit dem dann roter Mantel
und rotes Banner übereinstimmt 2 ). Aber
er lebt auch fort im Märchen, in zahl¬
reichen Sagen, trägt bei zur Bildung des
Weg- und Wanderspuks, des ruhe¬
losen gespenstischen R.s, in der Ge¬
stalt des Schimmelr.s. Mannigfach
gewandelt in Tracht, Erscheinung und
mit schnaubendem, mit den Hufen
klapperndem Roß (am liebsten Schimmel),
den Menschen nicht immer sichtbar. In
den einfachen Formen des auf dem Weg
Begegnenden oder Vorübersprengenden 3 ),
auf der Weide 4 ), im Wald 5 ); gern zu
bestimmten Zeiten oder Tagen 6 ), an
verrufenen Orten 7 ). Die Sage geht in
der Ausmalung der Einzelzüge noch
weiter, greift zeitlich weit zurück, über¬
nimmt Geschichtliches und Lokales aus
dem 3ojähr. Krieg 8 ) und aus späteren
harten Kriegsdrangsalen 9 ). — Doch güt
das ruhelos Umherirren auch als Strafe
für jede Art von Schandtaten (Raub¬
rittertum, Grenzstein versetzen, Kirchen¬
raub 10 ), harte Behandlung der Unter¬
tanen 11 ), Mord 12 ), Feiertagsentheiligung
und Gotteslästerung 13 ): um den ehe¬
maligen Wohnsitz (bei Burgen oft noch
Nebenmotiv des Schatzhütens) 14 ), an
Wüstungen und in Wäldern 15 ), an
Seen 16 ), seltener auf Friedhöfen 17 ). Die
schärfste und zugleich grausigste Aus¬
prägung solcher Züge ist im R. ohne
Kopf 18 ) erreicht worden, für die als
tieferer Grund die Anschauung vom
Sitz der Seele im Haupt, und wo dieses
fehlt, vom Umherirren (aber doch in
etwa an einen Platz früherer Wirksam¬
keit gebunden) liegen wird. Bis auf
Wodan im Zusammenhang mit der wilden
Jagd möchte Jähns (Roß und Reiter
1, 316) zurückgehen. Den Kopf trägt
der Verfluchte, wie häufig ausdrücklich be¬
zeugt wird, unterm linken Arm wie einen
Hut, auch auf dem Rücken herabhängend,
ganz selten in beiden Händen vor sich.
Bisweilen erscheint der Kopf wie durch
das umgelegte Halstuch angebunden (Zu
vergleichen wäre immerhin die Legende
1 vom hl. Dionysius und die Auskunft der
bildenden Kunst, das Haupt wenigstens
als Attribut dem Unenthaupteten bei¬
zugeben, Nachweis z. B. bei Künstle,
Ikonographie der Heiligen, 1926, S. i8off.),
vgl. a. kopflos.
Die Kirche hat Heilige gern als R.
dargestellt, oder sie zum Kampf gegen
Unholde, Drachen, gegen die Ungläubigen
beritten gemacht, so den hl. Georg,
den hl. Mauritius (als Patron der
Kriegsleute), den hl. Jakob (d. Ä.) (er
führte auf weißem Roß die Christen
gegen die Türken), den hl. Martin (an
Martinuskapellen als Gelübde werden
mehrfach Sagen von Reitern, bei gefahr¬
vollem Sprung, angelehnt, z. B. Martinus
von Homburg: Argovia 15 (1884), 33 t.
vgl. Sepp, Sagen 612 f.), den hl. Wenzel
(Grohmann, Sagen 93: 1125 im Kampf
mit den Sachsen verhilft Wenzel auf
Schimmel, mit Fahne und Rennspieß
den Böhmen zum Sieg); den Erzengel
Michael (in dichterischer Verklärung
durch Scheffels Ekkehard, Kap. 14, in
der Hunnenschlacht. Oder im Hymnus:
O magne heros gloriae, Dux Mi¬
chael, Protector sis Germaniae).
Aber vor Rm mit Roß- oder Ziegen¬
füßen muß man auf der Hut sein; es
ist der Teufel, der sich als nächtlicher
Begleiter beigesellt oder um Herberge
bittet, doch durch Kreuzschlagen und
durch die Nähe einer Kapelle vertrieben
wird 19 ).
Mit dem eigentlichen Aberglauben
ist der R. nur wenig verknüpft: als treue
Eckartsgestalt 20 ), Zukünftiges zu wei¬
sen 21 ), Feuersbrunst 22 ), nahenden Krieg
anzuzeigen 23 ). Günstig ist der Angang
eines Reitenden 24 ), gegen Warzen hilft
ein Spruch, dem man zwei auf einem
Pferd Sitzenden nachruft: Twee up een
Pärd, nehmt mi mine dree (veer,
fief...) Waarten mit 25 ). Gegen
Überbein soll man, sobald ein R. vor¬
beireitet, 3mal für sich sprechen: Hinter¬
ritt, Vorderritt, Nimm mir mei
Uber bei mit! Oder man soll rufen,
sobald man einen R. erblickt: Überb ui,
Uberbui, Gang mit dem Rittar
hui 26 ). Aus dem Beginn des 18. Jh.
647
Reiter
Rekrutierung
650
sind noch eine Reihe von „R.Stellungen“
erhalten (Odenwald, Schwarzwald), die
durch neuere schlesische Belege gut er¬
gänzt werden 27 ). Gegen Sturz vom
Pferd, zugleich fest gegen Hieb, Stich
und Schuß macht ein Mansfeldischer
Taler von Jahr 1612 mit dem Wahlspruch:
Bei Gott ist Rath und That 28 ).
Auch die Kunstdichtung hat den Stoff
vom Gespensterroß, -ritt, oder -reiter
vielfach behandelt und sich hier auf volkstüm¬
liche Überlieferung oder doch Sagenzüge stützen
können. Ich nenne nur Bürgers ,,Wilder Jäger“,
„Lenore“, Lit. außer der bei Vogt 11. Koch,
Gesch. d. dtsch. Lit. 4 2,329 gegebenen: Erich
Schmidt, Charakteristiken 1, 199 ff.; ZfVk.
11 (1901), 418 Anm.; Jahns a. a. O. 1,408;
Erk-Böhme Liederhort 1, 596 f., Isolde
Kurz ,, Schwarzer Reiter“, Herders „Erlkönigs
Tochter“ und Goethes „Erlkönig“, Lenaus
„Vision“, C. F. Meyers „Begegnung“, Mörikes
„Feuerreiter“, Pfaus „Reiter“, G. Schwabs
„Reiter und der Bodensee“.
x ) Grimm Myth. 1, 129:2,777; Grohmann
Sagen 92. 2 ) Mannhardt Germ. Mythen 124
(doch Deutung auf Donar; mit weiterer Lite¬
ratur). 3 ) Lenggenhager Sagen 16. 56 (auf
weißem Pferd). 77 (Jägern am Maimorgen be¬
gegnend); Meiche Sagen 145 (Beleg aus d.
J. 1859 von der Fahrpost Dresden-Chemnitz);
Birlinger Volksth. 1,26 (gepanzert); Reiser
Allgäu 1, 428; Sepp Sagen 613 (oft auch das
Pferd ohne den Reiter!); Kühnau Sagen 1,296;
Vernaleken Mythen 46 (Niederösterreich).
4 ) Birlinger Volksth. 1, 28; Grimm Myth.
2, 777 - 5 ) Hofmann Bad. Franken 21 (bei
Osterburken, nah dem Limes; 7maliges Um¬
kreisen während der 7 hl. Nächte); Zimmer.
Chronik 2 2, 153. ®) Hof mann Bad. Franken 21
(zwischen Weihnachten und Neujahr); Eisei
Voigtland 59. 60 (Neujahrsnacht); Kühnau
Sagen 1, 296 u. 1, 361; Schell B er gische Sagen
131; Birlinger Volksth. 1,28 (zur Nachtzeit
oder um Mitternacht). Nach dem Tod eines
Grafen kommen abends viele Pferde und
schwarze unbekannte Reiter aufs Schloß, durch¬
stöbern es und reiten wieder fort: Zimmer.
Chronik 2 1, 629. 7 ) An Wallresten, Türmen,
nah bei ehemaligen heidnischen Opferstätten:
Birlinger Volksth. 1, 26; Schell Bergische
Sagen 131. Am Schloßgarten: Kühnau Sagen
1, 296. Irren über den Schlachtfeldern, in
deutschen Sagen; auch für Frankreich bezeugt
(Sebillot Folk-Lore 4, 309). 8 ) Bis in die
Hunnenkämpfe zurück geht die Sage vom
Ritter, der tot oder lebend aus dem Kampf
zurückzukehren versprach: Er reitet heim,
hoch zu Roß, sein Haupt auf einem weißen
Teller tragend (Birlinger Volksth. 1, 22 f.);
Pollinger Landshut 121 f. (zur Spätherbst¬
zeit sprengt Reiter in funkelndem Mantel, auf
Schimmel durch die Stadt Landshut; er soll
ein Nachzügler aus der Schwedenzeit sein.
ähnlich auch bei Sepp Sagen 612 f.); Bir¬
linger Volksth. 1, 26; Hofmann Bad. Franken
22 (Schwede kommt zur Wolfgangkapelle bei
DisteJhausen, führt unter Lästern einen Hieb
gegen das Muttergottesbild; beim zweiten Hieb
schlägt er sich selbst den Kopf ab. Er muß als
Gespenst, den Kopf in beiden Händen tragend
um die Kapelle reiten). •) Sepp Sagen 613
(am Lechrain feuriger Reiter: ein Panduren¬
offizier); Pollinger Landshut 121 f. (auf Be¬
lagerung vom J. 1742 bezogen: der Stadt¬
kommandant wurde auf der Flucht am Stadt¬
tor erschossen); Eisei Voigtland 61 (Reiter
ohne Kopf im Napoleonshut). 10 ) Hof mann
Bad. Franken 20 (Waldraub), vgl. Schmitt
Hettingen 6; Mo ne Anzeiger 7, 370 (Betrügerei
des Feldmessers); Kühnau Sagen 1,346;
Lenggenhager Sagen 16; Stöber Elsaß
2, 66; Birlinger Volksth. 1, 27; Witzschel
Thür. 2, 42. u ) Kühnau Sagen 1, 342 (Pech¬
schwarz in Teufelsgestalt auf Schimmel; mit
ihm kleine schwarze Hunde); Grohmann
Sagen 94; Birlinger Volksth. 1, 27. 12 ) Groh¬
mann Sagen 94; Kühnau Sagen 1, 346 (Schwar¬
zer Ritter mit blutrotem Schwert). 13 ) Grimm
Myth. 2, 774 (Jagen am Feiertag). 14 ) z. B.
Bindewald Sagenbuch 14 ff.; Birlinger Volks¬
th. 1, 26. 27; Lenggenhager Sage?i 4. 16;
Mone Anzeiger 8, 306. 15 ) z. B. Bindewald
Sagenbuch 14 ff.; Hofmann Bad. Franken 20;
Schmitt Hettingen 6; Mone Anzeiger 7, 370
(führt die Leute irr). 16 ) Vgl. Anm. Nr. 13;
Grohmann Sagen 93 f. (ein weißer Ritter
auf feurigem Roß hütet See und Schloß, in dem
Schätze verborgen sind). 17 ) Kühnau Sagen
1,342 (vgl. Anm. zu 11); jede Nacht vom
Friedhof herangaloppierend). 18 ) z. B. W'edels
Hausbuch, um 1600 S. 240. Bartsch Meck¬
lenburg 1, 198 f.; Meiche Sagen 17; Eisei Voigt¬
land 61 (Ausweichen ist unmöglich; jeder Be¬
gegnende muß sterben; am Leichenweg hat
der Spuk ein Ende: in dieser Fassung hat der
Reiter einen Pferdefuß), 62; Witzschel
Thüringen 2,42; Bindewald Sagenbuch 14 ff.;
ZfVk. 12,71 (Arnstadt (Thüringen)); Sepp-
Sagen 614 (Erlösung nach 300 Jahren, wenn
jemand das Roß am Zügel faßt, den Reiter er¬
schlägt); Mone Anzeiger 7,37c (verfolgt die
Leute, die aber über dem Graben sicher sind,,
auf eine kurze bestimmte Strecke, die an einem
Markstein endet); BayHfte 10 (1923/24),
26f. (Meineid; bei Grenzstreitigkeiten); Reiser
Allgäu 1, 30. 34 (auf best. Strecke beschränkt).
Birlinger Volksth. 1, 21. 26 (geharnischter
Reiter sprengt im Lautertal von einer Burg¬
ruine zu anderen); ebda 1,29 (bei Tübingen;
narrt die Leute, indem er nachts Einlaß be¬
gehrt, dann aber wieder davonsprengt. Ein¬
mal ergriff er knapp vor dem Stadttor einen
Buben und nahm ihn zu nächtlichem Ritt
mit); Meier Schwaben 1,315 (begleitet nachts
zwei Frauen bis vors Tor von Rotenburg);
Mitt. Oberhess. Geschichtsvereins N. F. 8
(1899), 236 (bestimmter Weg von der Haupt¬
straße bis zum Judenfriedhof von Großen-
linden; das Pferd erscheint auch ohne Reiter);
Kühnau Sagen 2,62 (Grafsch. Glatz); 1,337
(ein Görlitzer Gerber führte wüstes Leben,
stürzte beim Heimkehren vom Gelage bei einem
Vorwerk vom Pferd und geht dort um); 1, 339
(Kr. Reichenbach); 1,346 (auf funkensprühen¬
dem Rappen; Grafsch. Glatz); 1, 347 f. (Schwar¬
zer Reiter ist ein ehemaliger Graf, der die
Kirche in die Luft sprengen wollte; Grafsch.
Glatz); Drechsler 2,156 (Sprottau); Küh¬
nau Sagen 1, 348 f. u. 1, 351 f. (böser Amt¬
mann); ebd. 1,357 (Mord an der Tochter u.
ihrem Geliebten; angeschlossen ist das Motiv
vom Erlöser in der Wiege); ebd. 1, 70 (an der
Stelle, wo Brüder im Zweikampf gefallen sind,
wird ein Mädchen vom R. ohne Kopf über¬
rascht) (diese Zeugnisse Kühnaus entstammen
dem nordöstl. Böhmen); Grohmann Sagen
95 - 96; Grimm Sagen Nr. 309; Grimm Myth. 2,
776. Vgl. noch die Lit. unter Anm. 10.
Eine leichte Weiterbildung des R.s ohne
Kopf liegt darin, ihn (mit oder ohne Kopf) ein
Pferd ohne Kopf reiten zu lassen, ihm (Eisei
Voigtland 59) auch einen Hund ohne Kopf bei¬
zugeben. Grohmann Sagen 95; Eisei Voigtland
59 (2 Fassungen); Birlinger Volksth. 1, 25
(„Hardtr.“ bei Neckarsulm); ebd. 1, 26 (im
Lautertal). 1# ) Baader Volkssagen 12; Zimmer.
Chronik 2 4, 184t.— Eingehender Bericht ebd. 1 1,
628 f. 20 ) Kühnau Sagen 2, 61 f. (Schwarze
R. auf weißen Pferden halten Wacht und
lassen nach dem Abendläuten niemanden
mehr ins Dorf). 21 ) Sepp Sagen 612 (München;
R. auf Schimmel warnt: wenn das Sündenmaß
voll ist, überflutet der Walchensee das Land) ;
Sepp Sagen 614 (R. auf Schimmel verkündet
Untergang des Dorfes); Meiche Sagen 121 (Sage
vom Bachr., der allgemein Unheil ankündet).
22 ) Meiche Sagen 121 (wo vom Roßhuf des-
Bachr.s Funken stieben, wird bald Feuer aus-
kommen). 23 ) Sepp Sagen 613 (Ritter und
Reisige mit glühenden Panzern, funkensprü¬
hende Waffen auf Flammenrossen; in der Um¬
gebung des Unterbergs). Auch in Frankreich
(Sebillot Folk-Lore 1, 131). 24 ) Grimm Myth.
2, 941 (bei den alten Preußen). 942 (dänisch).
Alle 50 Jahre erscheint ein gespenstischer R.
einem Mädchen als Glücksr.: Eisei Voigtland
62. 25 ) Strackerjan 1, 71; Fogel Penn¬
sylvania 319. Dazu als Parallele: Zwei Reiter
auf einem Pferd, Der hintere ist
meine Warze wert (ZfdMyth. 2, 102).
26 ) Reiser Allgäu 2, 444. 2T ) 1. Edler Ritter
wohlgemuth, wir haben getrunken
Christi Blut, habens getrunken ich
und ihr: lacht mich an und reit von
mir fff. 2. In ein Schweißtuch, das auf dem
Gesicht eines Toten gelegen hat, soll man
einen Knoten machen, mit dem rechten Auge
hindurchsehen und sagen: Ihr sollt stehen ...,
Wenn er gehen soll. .. Ziehet wieder fort. . .
3. Reuter du sollst nicht reiten, du
sollst dein Schwert nicht ziehen aus
der Scheiden, Pulver und Flammen,
Roß und Mann soll alles still stehen,
als wie Christus der Herr am Stamm
des hl. Creuzes still gestanden . . .
4. Reuter mit deinem Pferd und Gewehr,
stehe um Gottes Willen und um Jesu
Christi Willen. Reuter mit deinem
Pferd und Gewehr stehe mir wie Christus
der Herr gestanden ist mit seinem
rosinfarbin Blut . . . Das gebiethe ich
dir Reuther zu einer Buß, daß du
scheiden und Gewehr nicht brauchen
kanst . . . Dies die hauptsächlichsten Formen
aus einer Quelle um 1700, Odenwald: Ale¬
mannia 19 (1892), 135 ff. Von einem Schwarz¬
waldbauern berichtet Ettner (1719 Medicin.
Maulaffe 665 f.): feindliche R. hätten ihm das
Geld abgenommen; da geht er beiseit, schneidet
einen Prügel ab, verlangt von den R.n das Geld,
sonst werde es ihnen übel ergehen: ihre Pferde
gehen nicht, Pallasch und Pistolen sitzen fest.
Wie sie sich noch länger weigern, werden sie
durchgeprügelt, ohne sich wehren zu können.
Und als der Bauer endlich sein Geld zurück¬
erhalten hat, läßt er die Gesellschaft noch zwei
Stunden lang stehen, bevor sie abreiten können.
Eine (nicht datierte) schlesische Besprechungs¬
und Löseformel (MschlesVk. Heft 6 (1899), 35)
aus Herzogswaldau: Du Reiter kommest
daher wohl unter deinem Hut, du be¬
sprengest mit Jesu Christi Blut, mit
den hl. 5 Wunden sind dir dein Rohr,
Flinte und Pistol gebunden, Säbel,
Degen und Messer gebannet und ver¬
bunden im Namen ... (3 mal zu sprechen).
Und die Lösung: Reiter, so ich euch hab
beschworen zu dieser Frist, reitet hin
in dem Namen Jesu Christ durch Gottes
Wort und Christi Hort: so reitet ihr
nun alle fort. 28 ) Huss Aberglaube 18.
Basler.
Rekrutierung. Neben den physisch-
medizinischen Mitteln, die Gestellungs¬
pflichtige anwenden, um für untauglich
zum Militärdienst erklärt zu werden 1 ),
gibt es viele abergläubische, die bewirken
sollen, daß man eine gute Nummer zieht
und sich freilost 2 ). Man soll am Morgen
während des Betzeitläutens die Füße
in eiskaltem, laufenden Wasser baden
und drei Ave Maria beten 3 ), gewisse
Segen bei sich tragen 4 ), in der Nacht
Erde von einem frischen Grabe nehmen
und in die Loserummel werfen 5 ), Zähne
von einem Totenkopf 6 ), eine Kreuz¬
spinne 7 ), ein Stück von einem Grabkreuz
in der Tasche haben 8 ), in der Nacht
vorher über drei Markungen laufen 9 ).
In Weingarten muß der Bursche einen
Schneller Garn, den ein vierjähriges Mäd¬
chen gesponnen hat, um den Leib tragen 10 ).
651
Religion
652
Wenn er zur Ziehung geht, wirft man
ihm eine Katze nach n ). In Gilgenburg
wischt man sich kurz vor der ärztlichen
Untersuchung das Gesicht mit einem
Leichentuche ab, dann wird man nicht
für brauchbar befunden 12 ). Manchem
steckt die Mutter, ohne daß er es weiß,
in den rechten Rockärmel eine Erbsen¬
schote mit 9 Erbsen oder in den Rock
drei Stecknadeln, die von drei Schwestern
erbeten sein müssen, oder näht ihm ein
Geldstück in den Rockschoß 13 ) oder
einen Hasenfuß 14 ) oder scheckigen Klee
in den rechten Ärmel 15 ) oder drei Kreuze
aus dem Garn, das Erstlingsarbeit eines
Mädchens ist, unter den Rock oder den
Hemdärmel der rechten Hand 16 ) oder
bindet ihm das Chriaselhemd, das er
als Kind um hatte, um den Hals oder
steckt ihm ihren Brautring an den Finger
der Hand, mit der er das Los zieht 17 ).
In Frankreich wendet man sich an ge¬
wisse Quellen und Bäche 18 ) und vor- !
geschichtliche Megalithe 19 ), trägt einen
Donnerkeil bei sich 20 ) oder Teile von
Schlangen 21 ) oder eine lebende Spinne 22 ).
Auch kirchliche Gegenstände und Ein¬
richtungen müssen herhalten 23 ).
*) SAVk. 19, 207. 2 ) Wuttke 454 t. (719).
3 ) SAVk. 19, 207. 4 ) Bartsch Mecklenburg 2,
349 (1641); HessHmt. 1 (1920), 256. 5 ) Bartsch
2, 349 (1642). •) Zingerle Tirol 71 (606).
7 ) Meyer Baden 239. 8 ) Ebd. 238 f. 9 ) Ebd. 238.
10 ) Birlinger A. Schwaben 1, 398. n ) HmtK. 37
(1927), 135 ( 4 )* x 39 (Holstein). 12 ) Toppen
Masuren 42. 13 ) Bartsch 2, 350. Vgl. oben
2, 880. 14 ) Strackerjan 1, 112 f. 15 ) Birlinger
A . Schwaben 1, 398. 16 ) Ebd.; vgl. Meyer Baden
2 39 - 1? ) Schönwerth Oberpfalz 1, 184 f.
18 ) Sebillot Folk-Lore 2, 237. 238. 376 19 ) Ebd.
4, 63. 64. 20 ) Ebd. 4, 75. 21 ) Ebd. 3. 285. 22 ) Ebd.
3, 309. 23 ) Ebd. 4, 149. 153. 154.
2. Die gemeinsam zur Musterung gehen¬
den jungen Leute bilden gleichsam einen
festen Verband 24 ). Die Mitglieder der
Burschenschaften in Oberhausen (Bruch¬
sal), die sonst beim Tanz einen Büschel
farbigen Papiers tragen, durften das Jahr
vor der Aushebung Sträuße tragen 25 ).
In Geißlingen durchziehen die Rekruten
zur Fastnachtszeit den Ort und erbetteln
Sachen, die am Aschermittwoch im Wirts¬
hause versteigert werden 26 ). In Ruit
bei Stuttgart sammeln sie zur Zeit der
Frühjahrsmusterung Eier 27 ), anderswo
stehlen sie am Tage der Aushebung 28 ).
Im Oberelsaß sammeln die bei der Früh¬
jahrsmusterung als tauglich Befundenen
unter Vorantragung eines Maien für das
Johannisfeuer und genießen dabei be¬
sondere Vorrechte 29 ). Im badischen
Schwarzwald kommen die Burschen auf
einem Leiterwagen mit einer mächtigen
Fahne und einer Tanne, die von den
Mädchen mit Seidenbändern ausgeputzt
ist, zur Musterung gefahren. Auch hier
soll die Herrichtung des Johannisfeuers
ihr Vorrecht sein 30 ). Die Rekruten
beanspruchen auch am Fastensonntage
das Recht zum Scheibenschlagen 31 ). Vor
ihrem Einrücken beichten sie 32 ). Bei
den Tschuwachen gehen sie dreimal um
die Ortskirche 33 ).
24 ) ZfrwVk. ii, 224 (Lippe). 25 ) Meyer
Baden 238. 2e ) Birlinger Volkst. 2, 56. 27 )
Kap ff Festgebräuche 14; vgl. ZfrwVk. 11, 225
(Lippe). 28 ) Meyer Baden 239. 29 ) Urquell N. F.
1, 185 f.; Kück u. Sohnrey 2 154 f. 30 ) Meyer
Baden 239; Kück 11. Sohnrey 155. 31 ) Meyer
Baden 239. 32 ) Ebd. 522. 33 ) Knuchel 95.
Sartori.
Religion.
1. Themastellung. — 2. Die Begriffe R. und
Volksglauben. — 3. Objektive und subjektive
R.; Glaubenserscheinung und Glaubensenergie.
— 4. Die Glaubensenergie. — 5. Die Merkmale
der objektiven R. — 6. Die Merkmale des Volks¬
glaubens. — 7. Die Entstehung der germanischen
Glaubensenergie. — 8. Resonanzfähigkeit der
germanischen Glaubensenergie. — 9. Äußere
Einflüsse. — 10. Dreifache Unterschiede im
deutschen Volksglauben. — 11. Die nicht-
christlichen Elemente des heutigen deutschen
Volksglaubens. — 12. Die Christianisierung der
Germanen. — 13. Der Konfliktsstoff in der
christlichen R. — 14. Die christlichen Elemente
des heutigen deutschen Volksglaubens. —
15. Die Auseinandersetzung des deutschen
Glaubens mit dem Christentum in der Gegen¬
wart.
1. Themastellung. Jeder Aber¬
glaube war einmal religiöser Glaube oder
reicht wenigstens mit seinen letzten
Wurzeln in religiösen Untergrund zurück.
Jedes Stück des Volksglaubens, auch
wenn es heute durchaus dem profanen
Gebiet angehört, ist dem Mutterschoß
der R. entsprungen. Die ganze Fülle
des Brauchtums hat enge Beziehungen
zum religiösen Kult. Die Erforschung
des Volksglaubens ist ein Teil der R.s-
653
Religion
654
Wissenschaft. — Diese Sätze, heute All¬
gemeingut der Volkskunde und der R.s-
wissenschaft, enthalten die Begriffe R.,
Aberglauben und Volksglauben, deren
Verhältnis zueinander in diesem Artikel
zu untersuchen ist. Dabei muß natur¬
gemäß das Verhältnis des germanisch-
deutschen Volksglaubens zum Christen¬
tum im Mittelpunkt stehen. Auch das
Verhältnis der R.swissenschaft zur Er¬
forschung des Aberglaubens und Volks¬
glaubens ist kurz zu beleuchten. Doch
enthält dieser Art. in seinen notwendig
nur skizzenhaften Ausführungen mehr
Forderungen als Erfüllungen, mehr ein
Programm als eine Darstellung. Er
beruht zum großen Teil auf der Ein¬
führung in die vergleichende R.swissen¬
schaft, die ich in meinem Buch ,,Die R.
der Griechen und Römer' *, 1930 (auch
als Bd. 229 in Bursians Jahresbericht
erschienen) gegeben habe, und versucht
das dort über die R. Gesagte nun auf den
Volksglauben zu übertragen.
2. Die Begriffe R. und Volks¬
glauben. Um die Begriffe R. und
Volksglauben vorläufig ungefähr von¬
einander abzugrenzen, bedienen wir uns
beistehender Figur. Hier stellt der
kleinere Kreis die christliche R., der
größere Kreis den deutschen Volks¬
glauben dar. Nicht alles, was als Dogma
von der christlichen R. gelehrt wird,
ist zum Bestandteil des Volksglaubens
geworden; daher liegt ein Teil des kleineren
Kreises (punktiert) außerhalb des größeren.
Das in dem größeren Kreis liegende
Stück des kleineren Kreises bezeichnet I
den Teil der christlichen Lehren, die Ein¬
gang in den deutschen Volksglauben ge¬
wonnen haben; dies ist der eigentlich !
religiöse Teil des heutigen deutschen !
Volksglaubens. Die darin eingezeichneten
senkrechten Linien kennzeichnen die ger¬
manisch-deutschen Glaubenselemente, die
in das Christentum auf genommen wurden,
also christianisierte germanisch-deutsche
Glaubensbestandteile. Die wagrechten
Linien bezeichnen die volkstümlich um¬
gedeuteten und umgestalteten Teile der
christlichen Lehren, die weiße Fläche
des größeren Kreises stellt den nicht¬
christlichen deutschen Volksglauben dar,
der heute nicht mehr dem Gebiet der R.
angehört. Vgl. dazu u. § 14.
So bezeichnet also lediglich der kleinere
Kreis den Bereich der R., während das
weiße Feld des größeren Kreises den
nicht religiösen, aber transzendenten (d. h.
auf besondere Mächte und Kräfte sich
beziehenden; s. o. 5, 792f.) Volksglauben
bedeutet, der freilich früher einmal auch
dem Gebiet der R. angehörte, aber durch
die zentrifugale Bewegung, die in der
Entwicklung der R. herrscht (s. o. 5,
803 f.), allmählich aus dem Bereich der
R. heraustrat. Noch weiter vom Zentrum
der R. entfernt haben sich diejenigen
ehemaligen Glaubenselemente, die zum
Spiel und zur Belustigung, zur Sitte und
zur Gewohnheit wurden, überhaupt keine
transzendente Bedeutung mehr haben,
also sogar aus dem Kreis des Volks¬
glaubens herausgetreten und deshalb
rechts als schwarzer Auswuchs angedeutet
sind (s. u. §6).
Es mag zunächst auffallen, daß hier
in dieser Weise zwischen religiösem und
nicht religiösem (profan-transzendentem)
Volksglauben unterschieden wird, und
daß als religiöser Volksglaube nur die
christlichen Elemente des Volksglaubens
(in der Figur der Teil des kleineren
Kreises, der im größeren Platz hat)
gefaßt werden. (Dies gilt freilich nur
für die Gegenwart, und es ist noch einmal
zu betonen, daß ehedem auch die heute
nichtreligiösen Elemente des Volksglauben
655
Religion
Religion
658
einmal religiöser Glaube waren). Aber
wenn man einzelne Beispiele untersucht,
wird man zu dem gleichen Ergebnis
kommen. Wenn etwa der katholische
Priester einen Exorzismus (s. d.) vor¬
nimmt, so ist dies eine religiöse, kultische
Handlung. Wenn dies mit fast denselben
Zeremonien und Sprüchen ein Wunder¬
doktor tut, so wird man darin keine
religiöse, sondern eine magische Hand¬
lung erblicken, d. h. eine transzendente
Handlung, die dem Bereich des Volks¬
glaubens angehört, nicht aber dem der
R. Aber selbstverständlich ist auch eine
Weiterentwicklung denkbar, die dahin
führt, daß allgemein jeder Exorzismus
aus dem Bereich der R. verwiesen wird
und nur noch in dem Bereich des Aber¬
glaubens eine Rolle spielt, ja daß er
überhaupt aus dem ganzen Bereich des
Volksglaubens verschwindet, wenn die
transzendente Grundlage ihm entzogen
ist, der Glaube an böse Geister und
Teufel. S. über die Begriffe R., Glaube
und Aberglaube, die je nach dem Stand¬
punkt des Beurteilers verschieden gefaßt
werden, o. 1, 1285h; 2, noif.; 3, 351,
und den Art. Aberglaube.
Über die quantitative Verteilung der
einzelnen Elemente soll die beistehende
Figur nichts aussagen. Doch ist sicher,
daß die nichtchristlichen Elemente des
deutschen Volksglaubens gegenüber den
christlichen immerhin einen großen Um¬
fang haben, worüber dieses Handwörter¬
buch ja in jeder Beziehung in reicher
Fülle Auskunft gibt. Bei ganz primitiven
,,geschichtslosen“ Völkern fallen die Be¬
griffe R. und Volksglauben zusammen;
je reicher sich die geschichtliche Ent¬
wicklung gestaltet und je mannigfaltiger
die Kultur und die von außen kommenden
Kultureinflüsse werden, um so größer
wird die Spannung zwischen R. und
Volksglauben. Und so ist die heutige
Tatsache des Bestehens eines deutschen
Volksglaubens, der christliche und nicht¬
christliche Elemente, religiöse, profane
und abergläubische Bestandteile enthält,
das Ergebnis einer langen, mehr tausend¬
jährigen Entwicklung. In dieser Ent¬
wicklung ist als treibende Kraft die
germanisch-deutsche Glaubensenergie (s.
u. §4), als hemmende Kraft der Konser¬
vatismus des Glaubens namhaft zu machen,
Kräfte, die sich in einer Auseinander¬
setzung mit Einflüssen, die von außen
kamen (s. u. §9), insbesondere mit dem
Christentum, betätigten, dem selbst
wieder zentripetale und zentrifugale Kräfte
innewohnen.
So enthält der heutige deutsche Volks¬
glaube vielerlei verschiedene Elemente
(s. u. § 11 f.), deren Herkunft nachzu¬
weisen Sache einer historischen Forschung
ist. Er ist aber auch nicht gleichmäßig
gestaltet bei allen seinen Trägern in der
Gegenwart, sondern er zeigt auch in
dieser Beziehung große Mannigfaltigkeit,
und zwar können nach drei Richtungen
hin Unterschiede in seinem Bestände
festgestellt werden: Unterschiede der Ge¬
sellschaf tsschicht, des Blutes und des
Bodens (s. u. § 10).
3. Objektive und subjektive R.;
Glaubenserscheinung u. Glaubens¬
energie. Die R. tritt uns in dreifacher
Gestalt entgegen: Als historische Tat¬
sache in der Vergangenheit, als etwas
geschichtlich Gegebenes, ein historisches
Phänomen; ferner als eine Tatsache der
Gegenwart, als ein heute noch leben¬
diges Kulturphänomen, als eine soziale
Erscheinung der Gegenwart; und schlie߬
lich als eine psychologische Tatsache
in unserem eigenen Innern, als Tatsache
der seelischen Erfahrung und des eigenen
Bewußtseins, als psychische Erscheinung,
als seelisches Erleben. Das ist die sub¬
jektive R. oder Religiosität.
Die beiden ersten Gestalten der R.
fassen wir als objektive R. zusammen.
Alle drei Gestalten der R. werden von
der empirischen R.sWissenschaft erforscht;
und zwar teilt sich diese in folgende zwei
Disziplinen:
A. Die phänomenologische R.swissen-
schaft, welche die R. in Vergangenheit
und Gegenwart als Kulturerscheinung zu
erforschen hat.
B. Die R.spsychologie, welche die R.
als psychische Erscheinung, die subjek¬
tive R. untersucht.
Setzen wir nun hier statt R. jeweils
,,Volksglauben“ ein, so können wir unter¬
scheiden :
A. Die äußeren Erscheinungsformen des
Volksglaubens oder den objektiven
Volksglauben
1. in der Vergangenheit
2. in der Gegenwart;
B. Den subjektiven Volksglauben
oder die Glaubensenergie, die jene
Erscheinungsformen hervorbringt, und
■die zu erforschen Sache der Volkstums¬
psychologie ist. Da man bisher noch zu
wenig diesen Unterschied von Erschei¬
nung des Volksglaubens und Glaubens¬
energie gemacht hat, ist auch die Er¬
forschung der letzteren noch sehr wenig weit
gediehen, während die Erforschung der
subjektiven R., die R.spsychologie, bereits
größere Fortschritte gemacht hat.
Die deutsche Volkskunde hat nun all¬
gemein die Aufgabe, die Kultur des deut¬
schen Volkes in Vergangenheit und Gegen¬
wart und zugleich auch die seelischen
Kräfte, die diese Kultur geschaffen und
getragen haben, zu erforschen. Sie ist
also historische Volkskunde, Gegenwarts¬
volkskunde und psychologische Forschung.
Ein Teil dieser deutschen Volkskultur be¬
steht nun in den Erscheinungsformen des
deutschen Volksglaubens in Vergangen¬
heit und Gegenwart und deren Mutter¬
schoß ist die Glaubensenergie. Dabei ist
aber zu bemerken, daß Volksglaube und
R. sich nicht decken: manches, was R.
ist, ist nicht Volksglaube, und vieles
vom Volksglauben ist nicht R. Ebenso
wenig wie man den Volksglauben der
mohamedanischen Araber aus dem Koran
und arabischen theologischen Schriften
ablesen kann, kann man den Volks¬
glauben der katholischen Oberbayern aus
der Bibel oder einer katholischen Dogma¬
tik kennen lernen, ja nicht einmal über
die christlichen Elemente ihres Glaubens
können wir uns hier Auskunft holen; so
wenig hat die Christianisierung den deut¬
schen Glauben durchdrungen.
Aber trotzdem ist die Erforschung des
deutschen Volksglaubens R.s wissen schaft;
denn diese hat ja auch die Aufgabe, dem
Ausscheiden religiöser Elemente aus dem
Bereich der R. nachzugehen. Und so
wird die Erforschung des Volksglaubens
sich auch die Methode der Vergleichung
zu eigen machen, die von der R.swissen-
schaft geübt wird; nicht nur zur Fest¬
stellung der sog. Grundformen oder etwa
dessen, was als indogermanisches Gut an¬
zusprechen ist, sondern vor allem auch
zur Erklärung von Vorstellungen und
Bräuchen, die sich allein aus der deutschen
Überlieferung nicht mehr verstehen lassen.
4. Die Glaubensenergie. Wir sind
zu diesem Begriff gekommen als dem
Gegenstück zur subjektiven R. oder der
Religiosität. Letztere definieren wir als
transzendentes Leben, das in transzen¬
dentem Fühlen, Vorstellen und Wollen
besteht. Was in dieser Definition „trans¬
zendent“ bedeutet, ist o. 5, 792f. gesagt.
Die subjektive R. ist also das Erleben
des Göttlichen oder Heiligen, also einer
jenseits des Subjektes liegenden kraft-
begabten Wesenheit, die nach dem Glau¬
ben des Subjektes existiert, wirken und
sich offenbaren kann. Eine solche Wesen¬
heit kann als „Gott“ (s. o. 6, 547t)
oder das „Heilige“ (s. o. 3, i655ff.)
bezeichnet werden. Die subjektive R.
ist also einmal ein transzendentes Fühlen,
das Gefühl des Sichwundems, der Furcht,
des Schreckens und Grauens, aber auch
der Freude und des Glücks, hervorgerufen
durch eine geglaubte machtvolle Wesen¬
heit. Es schreitet weiter fort zum trans¬
zendenten Vorstellen, zum Erkennen des
Heiligen und Göttlichen, zu „Gottes¬
vorstellungen“, die von vierfacher Art
sein können (s. o. 6, 546f.). Diese Vor¬
stellungen finden ihre Ausgestaltung in
der religiösen Erzählung, d. h. in Berichten
von den Wirkungen und Offenbarungen
des Transzendentalen, in Mythen und
Legenden (s. o. 3, i666f.), sie nehmen
sichtbare Gestalt an in den Werken der
bildenden Kunst (s. o. 1, 1282!!.; 3,1668);
ja auf noch höherer Stufe der Entwick¬
lung, wenn die begriffliche Reflexion er¬
starkt, entsteht ein System religiöser Vor¬
stellungen, ein Göttersystem, ein Dogma,
eine Theologie. Und schließlich ist die
subjektive R. ein transzendentes Wollen,
das nach göttlichen Wirkungen und
Offenbarungen verlangt und sich in trans-
659
Religion
Religion
662
660
66l
zendentem Handeln, d.h. im Kult (s. d.),
kundtut und schließlich einen festgefügten
Ritus (s. d.) schafft.
Dieser subjektiven R. entspricht auf
dem Gebiet des Volkstums die Glaubens¬
energie, die ebenfalls ein Fühlen, Vor¬
stellen und Wollen ist, das sich an trans¬
zendentale Mächte richtet; aber die
deutsche Glaubensenergie kennt nicht nur
den Gott des Christentums, sondern noch
sehr viele andere Mächte, die von ganz
anderer Herkunft sind, die ebenfalls
Furcht, Grauen, Freude und Glücksgefühl
her vorrufen, von denen man ganz be¬
stimmte Vorstellungen hat, von denen
man etwas will, nämlich Wirkungen und
Offenbarungen, die uns in bildlichen
Darstellungen, die transzendenter Art
sind, begegnen, und an die man sich in
transzendenten Handlungen, d. h. im
Brauchtum, wendet. Woraus diese, d.
h. die germanisch-deutsche Glaubens¬
energie, entstanden ist, werden wir unten
(Nr. 7) sehen. ■
5. Die Merkmale des Begriffs der
objektiven R. Was unter der objekti¬
ven R. zu verstehen ist, ist o. 1, 1283 t.
und 3, 1658t. gesagt. Zu diesem Begriff ;
gehören notwendig drei Merkmale:
1
A. Gottesvorstellungen (s. auch o. !
6, 545ff. 1294!). Der Begriff „Gott“
ist so weit zu fassen, daß er auf alle
überhaupt möglichen Gottesvorstellungen
zutrifft, also auch auf Fetische aller Art, !
auf Steine, Klötze und Pfähle, die der
Primitive mit irgend einer wirkenden Kraft
erfüllt glaubt, auf Tiere und Pflanzen,
denen ein Kult dargebracht wird, auf
Menschen, die über besondere Kräfte
verfügen, auf persönliche Götter und
Dämonen, auf unpersönliche Kräfte, die
in irgend einem Objekt wirken. Not- j
wendig gehört also zum Gottesbegriff der j
Begriff der Wirkung und Offenbarung; j
denn ein Gott, der nicht mehr wirkt oder
sich offenbart, spielt im Leben der R.
keine Rolle und wird weggeworfen oder :
beschimpft und mißhandelt (s. o. x, 1291;
3 > 1676).
B. Handlungen, die auf jene Kräfte
einwirken sollen, d. h. der Kult; genauer
ist darüber in den Art. Kult und Ritus
gehandelt.
C. Religiöse Erzählungen: Be¬
richte, die von Göttern, Dämonen, gött¬
lichen Kräften, Heroen und Heiligen
handeln und von ihrem Wirken, Handeln
und ihren Offenbarungen sprechen. Das
Thema der religiösen Erzählung ist also
die „Offenbarung“ eines „Gottes“, wobei
„Gott“ in dem o. 6, 545t. bestimmten
Sinn zu fassen ist, und „Offenbarung“
die Handlung, Wirkung, Tätigkeit, auch
die Leiden dieser Götter, d. h. besonders
kraftbegabter Wesen und Mächte per¬
sönlicher oder unpersönlicher Art, be¬
deutet. Eine Formenlehre der religiösen
Erzählung ist also zugleich auch eine
Formenlehre der göttlichen Offenbarung.
Die religiöse Erzählung ist also derjenige
Teil der R.s-erscheinungen, in dem sich
das Verhältnis des Menschen zu „Gott“
in Erzählungen und Berichten äußert.
Unter diesen Begriff fällt also auch etwa
ein Bericht von irgend einem Fetisch, der
eine Wirkung getan, von einem Medizin¬
mann, der das Wetter beeinflußt hat,
jede Aretalogie und jeder Epiphanie¬
bericht, die Erzählung von göttlichen
Orakeln, von Wundertaten der Fürsten
und Häuptlinge, jeder Mythos.
Ferner gehören nicht notwendig zum
Begriff der R., sind aber in vielen R.en
vorhanden:
D. Die bildliche Darstellung,
worüber o. Art. Bild gehandelt ist.
E. Die begriffliche Reflexion
über die göttlichen Kräfte und heiligen
Mächte, die in höheren Religionen zu
einem festen Dogma und zu einer Theo¬
logie führt.
6. Die Merkmale des Begriffs
Volksglauben. Diese fünf Merkmale
kommen nun auch dem deutschen Volks¬
glauben zu. Aber dabei ist zu beachten,
daß einiges davon wirklich noch religiö¬
ser Glaube ist, anderes profaner trans¬
zendenter Volksglaube, wieder anderes
völlig in das Gebiet des Spiels und der
Belustigung oder auch der profanen Sitte
abgeglitten ist, auf jeden Fall keine
transzendente Bedeutung mehr hat. So
können wir bei den Gottesvorstellun¬
gen, die dem Volksglauben angehören,
unterscheiden:
1. Die aus dem Christentum stammen¬
den Gottesvorstellungen, die also heute
noch dem Gebiet der Religion angehören.
Zum Teil sind sie in volkstümlicher
Weise umgestaltet worden. Denn der
Volksglaube geht hier vielfach andere
Wege, als die offizielle Lehre des
Christentums vorschreibt; er wendet sich
als an „Götter“ um Hilfe auch an die
Heiligen (s. d.), die so im Volksglauben
häufig die Rolle von polytheistischen
Gottheiten spielen, und glaubt an die
helfende Kraft von geweihten Medaillen
und Reliquienpartikel, die uns also im
Volksglauben oft als „orendistische Göt¬
ter“ entgegentreten.
2. Vorstellungen von besonders kraft¬
begabten persönlichen oder orendistischen
Mächten und Wesenheiten, wie etwa
Haus-, Feld- und Waldgeister, Nixen und
Elfen, und sonstigen guten und bösen
Geistern, oder auch orendistische Kräfte,
die in Amuletten und Bildern, im Zauber¬
spruch und im geschriebenen Buchstaben
(Runen), im Maienzweig und in der
Lebensrute und sonst wirken. Der
Glaube an solche ist kein religiöser
Glaube mehr, wohl aber ein transzendenter
Glaube, insofern er sich an besonders
wirkungsvolle Kräfte richtet.
3. Rudimente von ehemaligen Gottes¬
vorstellungen, in denen heute überhaupt
nicht mehr ein wirklicher Glaube an
solche Mächte zu erkennen ist. Die
Redensart „Pfui Teufel“! wird von un¬
zähligen gebraucht, die an die Existenz
des Teufels nicht mehr glauben, aber
diese Redensart ist ein letzter Überrest
eines früher lebendigen Teufelsglaubens,
wie auch die an jedem Auto angebrach¬
ten Puppen ein Talisman sind, der von
manchen vielleicht noch gläubig auf¬
gehängt wird, von vielen aber lediglich,
weil es so üblich ist, am Wagen befestigt
wird. Ein ursprünglich orendistischer
Fetischglaube, also ein Stück religiöser
Vorstellung, ist hier lediglich zu einer
Sitte ganz ohne transzendente Bedeutung
geworden.
Ebenso können wir auch bei den trans¬
zendenten Handlungen unterscheiden
zwischen religiösen Kulthandlungen, zu
denen das ganze christliche Ritual gehört,
und den profan-transzendenten Handlun¬
gen, die als Brauchtum zusammengefaßt
werden (s. Art. Kult), und schließlich
Spiel, Sitte und Belustigung, wobei trans¬
zendente Kräfte überhaupt nicht mehr in
Betracht kommen. Als Beispiel sei die
Verkleidung genannt. In das Gebiet der
R. gehört es, wenn der Priester seinen
Talar für eine Kulthandlung anlegt; in
das Gebiet der profan-transzendenten
Handlung gehört die Verkleidung des
„Winters“ und „Sommers“, des „Pfingst-
butz“ usw.; und schließlich keine trans¬
zendente Bedeutung hat die Verkleidung
auf dem Maskenball.
Von den transzendenten Erzählungen
fallen in das Gebiet der R. etwa die neu-
testamentlichen Berichte, die Heiligen¬
legenden; als profane transzendente Er¬
zählungen sind aufzufassen Märchen, die
von Gott berichten, „als er noch auf Erden
wandelte“, aber auch Märchen, in denen
Nixen, Elfen und andere Geister eine
Rolle spielen.
Bildliche Darstellungen gehören
dem Gebiet der R. an, insofern sie aus
der christlichen Überlieferung schöpfen
und dem religiösen Glauben dienen; von
profanen transzendenten Bildern ist im
Art. Bild gesprochen.
Die begriffliche Reflexion über
das Göttliche und Heilige gehört als
Theologie dem Gebiet des Religiösen an,
als systematische Darstellung der Magie,
der Astrologie usw., wie sie vor allem im
Mittelalter als Pseudo-Wissenschaft lehr¬
haft zusammengefaßt wurde (s. u. § 11 F),
dem Gebiet der profanen Metaphysik.
7. Die Entstehung der germani¬
schen Glaubensenergie. Jede Glau¬
bensenergie ist rassisch bestimmt und
gebunden und gehört einem Volk ebenso
fest an wie seine übrigen geistigen und
seine körperlichen Merkmale und vererbt
sich ebenso fort wie diese. Die germanische
Glaubensenergie büdete sich also zugleich
mit der Entstehung der Germanen, und
wenn wir die völkischen Elemente genauer
663
Religion
666
Religion
664
geschaffen, die Ausfluß ihrer Glaubens¬
kennen würden, aus denen die Germanen
entstanden sind, insbesondere auch deren
R., könnten wir über die germanische
Glaubensenergie noch besser urteilen,
ebenso, wenn uns die germanische R.
genauer bekannt wäre, als dies in der
Tat der Fall ist. So müssen wir uns zu¬
nächst damit begnügen festzustellen, daß
nach den neueren Forschungen, insbeson¬
dere von Hermann Güntert (Der
Ursprung der Germanen, 1934), das
heutige deutsche Gebiet in der zweiten j
Hälfte des dritten Jahrtausends, d. h.
in der jüngeren Steinzeit, von einer
nicht indogermanischen Bevölkerung
bewohnt war, die aber selbst bereits nicht
mehr einheitlich war, sondern in der sich
ein Bauemadel über noch ältere Jäger-
und Fischerstämme gelegt hatte. Hier
dringen rund um 2000, gegen Ende der
jüngeren Steinzeit, die ersten indo¬
germanischen Stämme aus ihrer öst¬
lichen Heimat ein und verschmelzen sich
mit der eingesessenen Bevölkerung, und
so entstehen die Germanen, die dann
in ihrem Gebiet etwa von 1500 ab Träger
der Bronzezeit sind. Da so die Germanen
aus einer Blutsmischung nichtindogerma¬
nischer und indogermanischer Volksele¬
mente entstanden sind, enthält auch ihr
somatischer wie ihr geistiger Aufbau,
also auch ihre Glaubensenergie, diese
beiden Elemente, und ebenso auch ihre
R. als Erscheinungsform dieser Glaubens¬
energie Bestandteile der R. der nicht-
indogermanischen wie der indogermani¬
schen Volksteile. Aber zu diesen beiden
Elementen kommt noch ein drittes, das
noch viel ursprünglicher ist. Denn da
beide Volkselemente der zoologischen
Gattung Homo sapiens angehörten, so
besaßen sie eine allgemeinmenschliche
Glaubensenergie, die in bestimmten reli¬
giösen Vorstellungen und Grundformen des
religiösen Fühlens, Vorstellens, Wollens
und Handelns sich äußert, so daß wir
in der germanischen R. neben nicht¬
indogermanischen und indogermanischen
Elementen auch diese Grundformen wie
ähnlich auch in allen andern R.en vor¬
finden. Auf dieser dreifachen Grundlage
haben dann die Germanen ihre eigene R.
energie ist.
8. Resonanzfähigkeit der germa¬
nischen Glaubensenergie. Die Glau¬
bensenergie ist nicht lediglich eine blinde
Kraft, sondern sie ist ein Fühlen, Vor¬
stellen und Wollen in ganz bestimmter
Ausprägung. Sie im einzelnen zu charak¬
terisieren ist möglich durch eine Unter¬
suchung derjenigen germanisch-deutschen
Persönlichkeiten, vom westgotischen Bi¬
schof Ulfila an über den Verfasser des
Heliand, Meister Eckehart, Luther, Jakob
Böhme, Hölderlin, Bismarck bis zum Be¬
gründer der Deutschen Glaubensbewe¬
gung, Wilhelm Hauer, in denen eine
besonders starke Religiosität in Erschei¬
nung tritt, aber auch durch eine Unter¬
suchung der germanisch-deutschen kol¬
lektiven Volksfrömmigkeit, wie sie sich
in der germanischen R. und im deutschen
Volksglauben offenbart.
Zu dieser germanisch-deutschen Glau¬
bensenergie gehört nun auch eine große
Resonanzfähigkeit gegenüber andern R.en
und fremden Glaubensformen d. h. eine
Toleranz und Aufnahmefähigkeit einer¬
seits, und andererseits ein Mangel an
Propagandatätigkeit für den eigenen Glau¬
ben. So hat in den germanisch-deutschen
Volksglauben im Laufe der Zeit vieles
Fremde Aufnahme gefunden und hier
liegt eine schwere, bisher kaum beant¬
wortete, ja kaum gestellte Frage vor:
Wenn fremde R.s- und Glaubenserschei¬
nungen übernommen wurden, wenn die
germanische R. als objektive R. sich
änderte, wenn etwa die Germanen chri¬
stianisiert wurden, hat sich dann auch die
Glaubensenergie gewandelt ? Können wir
von einer deutsch-christlichen Glaubens¬
energie sprechen, so wie es vorher eine
germanische Glaubensenergie gab? Oder
ist auch heute noch eine germanisch¬
deutsche Glaubensenergie lebendig, bei
der nur die äußeren Erscheinungsformen
christlich oder zum Teil wenigstens christ¬
lich sind ? Die neuesten Glaubens¬
bewegungen in Deutschland (s. u. § 15)
legen es nahe, die zwei ersten Fragen zu
verneinen, die letzte zu bejahen. Aber
dies bedarf im einzelnen noch weiterer
665
Forschung. Auf jeden Fall: Wenn auch
die germanische R. nach der Zeit Karls
d. Gr. auf dem Boden des heutigen deut¬
schen Reichs (im Norden etwas später)
als R. tot war, so ist nur diese zeitgebun-
dene Erscheinungsform wie alles Zeit¬
gebundene abgestorben; die Glaubens¬
energie aber, die diese Form geschaffen
hatte, ist von so langer Dauer, als ihre
Träger noch schöpferisch tätig sind, und
sie wirkte auch in der späteren Zeit noch
weiter, häufig im Kampf gegen nicht art-
gemäße Ansprüche und Forderungen des
Christentums, durch das ganze. Mittel-
alter hindurch bis zum heutigen Tag,
wo sie sich stärker denn je machtvoll
entfaltet.
9. Äußere Einflüsse. Die germa¬
nische Glaubensenergie lebte ebensowenig
wie ihre Träger im luftleeren Raum, son¬
dern entfaltete sich in einer Auseinander¬
setzung mit fremden Glaubensenergien
und fremden Glaubenserscheinungen. Da¬
bei mußte es zu Mischungen kommen, zu
Mischungen der Glaubensenergien selbst
und zu Mischungen der Glaubensformen
und Glaubenserscheinungen. Wenn ein
Volk sich mit einem andern Volk oder
gar einem Volk, das einer andern Rasse
angehört, mischt, so wird notwendig
auch seine Glaubensenergie von der des
andern Volkes beeinflußt und verändert,
genau so wie sich seine körperlichen
Merkmale ändern. Die erste große
Mischung von Glaubensenergien haben
wir kennengelernt (o. § 7); sie führte
zur Büdung der germanischen Glaubens¬
energie, wie die gleichzeitige Bluts¬
mischung zur Bildung der Germanen
selbst führte. In der Folgezeit ist es im
wesentlichen nur noch zu Mischungen von
Glaubenserscheinungen gekommen, d. h.
zur Aufnahme fremder R.selemente und
ganzer R.en, die nahezu noch alle mehr
oder minder große Spuren im heutigen
deutschen Volksglauben hinterlassen ha¬
ben (s. u. §nf.). Zuerst ist hier der
Einfluß der Kelten zu nennen, dann etwa
vom 1. Jh. v. Chr. an der Römer, weiter¬
hin der Griechen und der Völker des
alten Orients, woher auch das Christen¬
tum kam, ferner ein erneuter orientali¬
scher und antiker Einfluß im Mittelalter
und in der neueren Zeit.
Durch diese fremde Einmischung, ins¬
besondere unter dem Druck des Christen¬
tums, aber auch in geringerem Maße
durch die zentrifugale Bewegung, die wie
in jeder R. so auch in der alt germanischen
herrschte, kam es, daß Bestandteile der
germanischen R. in immer größerem Um¬
fang aus dem Bereich der R. heraustraten
und als profaner Volksglaube weiter¬
lebten, schließlich zum Teil überhaupt
ihres transzendenten Charakters entklei¬
det wurden. So kann man sagen, daß
der Unterschied zwischen R. und Volks¬
glauben im wesentlichen erst mit der
Christianisierung der Germanen entstand.
Vor der Christianisierung der Germanen
bestand eine Volksr., die mit dem Volks¬
glauben nahezu identisch war. Die
Christianisierung brachte eine neue R.
und drängte alle andern Glaubensele¬
mente, soweit sie nicht assimüiert werden
konnten, aus dem Bereich der R. heraus
in den Bereich des profanen Volksglau¬
bens, der erst hierdurch recht eigentlich
geschaffen wurde. So kam es auch, daß
der germanisch-deutsche Volksglaube sich
nicht so frei entwickeln konnte, wie es
der eigenen Glaubensenergie entsprochen
hätte, da diese Entwicklung durch das
Christentum unterbunden ward. Bei
einem andern indogermanischen Volk, in
Indien, ist diese freie Entwicklung nicht
so früh gehemmt worden und hat dort
zur höchsten Blüte geführt.
10. Dreifache Unterschiede im
deutschen Volksglauben. In der un¬
geheuren Mannigfaltigkeit des heutigen
deutschen Volksglaubens spiegelt sich
die historische Entwicklung, die ganze
germanisch-deutsche R.s- und Glaubens¬
geschichte samt den äußeren Einflüssen,
unter denen sie gestanden. So ist der
heutige deutsche Volksglaube keine Ein¬
heit, und zwar läßt sich dies in doppelter
Beziehung feststellen. Einmal hinsicht¬
lich der Herkunft seiner einzelnen Be¬
standteile; s. darüber u. Nr. nf. Dann
auch ist er nicht gleichmäßig gestaltet
in allen seinen Trägern in der Gegenwart»
d. h. bei allen Deutschen innerhalb und
667
Religion
Religion
67O
außerhalb des deutschen Reiches, sondern
hier können wir nach drei Richtungen
hin Unterschiede in seinem Bestand nach-
weisen:
A. Unterschiede der Gesellschafts¬
schicht. Wie man in der R. eines einzel¬
nen Volkes Schichten unterscheiden kann,
und zwar um so deutlicher, je höher die
Kultur eines Volkes steht — etwa die
R. des Dogmas, dann die R. der Höhe,
d. h. die R. besonders ausgewählter
Individuen, und schließlich die R. der
Tiefe, die eigentliche Volksr. — ebenso
auch beim Volksglauben, der je nach der
Bevölkerungsschicht und -gruppe ver¬
schieden ausgebildet ist. Neben allgemein
verbreiteten Glaubenselementen finden
sich Besonderheiten, die nur bestimmten
Kreisen und Berufen angehören; nennen
wir etwa die Bauern, Jäger, Bergleute,
Schiffer, Soldaten, Matrosen, Schauspie¬
ler; aber auch die Verbrecher sind mit
besonderem Glauben und Aberglauben
vertreten. Neben diesem Kollektiv¬
glauben einzelner Volksgruppen steht der
Glaube besonders begnadeter Individuen,
der eine einmalige Erscheinung ist, und
in dem die Glaubensenergie am stärksten
sich auswirkt. Unter Umständen können
diese religiösen Genien auch von unge¬
heurer Wirkung auf den Volksglauben,
ja auch auf die Volksr. sein.
B. Unterschiede des Blutes. Wie
das gesamte Deutschtum innerhalb und
außerhalb des Reiches nichts vollkommen
Einheitliches ist, sondern in Stämme ver¬
schiedenen körperlichen und geistigen
Charakters zerfällt, so ist auch der Volks¬
glaube nach Stämmen verschieden, etwa
der altbayrische Katholizismus verschieden
vom rheinischen, friesische Volksfeste von
anderer Art wie fränkische. Mancher
Glaube und Aberglaube ist auf einzelne
Stämme beschränkt.
C. Unterschiede des Bodens. Auch
landschaftliche Verschiedenheiten lassen
sich feststellen, die unabhängig von den
Stämmen sind, wie ja auch die Terri¬
torial- und Landesgeschichte durchaus
nicht mit der Stammesgeschichte zu¬
sammenfällt. So wie die Grenzen der
deutschen Mundarten oft mit den mittel-
668
alterlichen und späteren Landesgrenzen
und nicht mit den Stammesgrenzen gleich¬
laufen, so gilt das Gleiche auch für viele
Feste, Gebräuche und Vorstellungen, die
über die Stämme hinweg auf bestimmte
landschaftlich zusammengehörige Gebiete
beschränkt sind. Dies ist eine Folge der
politischen Entwicklung.
11. DienichtchristlichenElemente
des heutigen deutschen Volksglau¬
bens. Will man gegenüber der Mannig¬
faltigkeit des heutigen deutschen Volks¬
glaubens diesen hinsichtlich der Herkunft
seiner einzelnen Bestandteüe untersuchen,
so tut man gut, sich zunächst durch eine
Betrachtung der deutschen R.s- und
Glaubensgeschichte die vielen Möglich¬
keiten vor Augen zu stellen, durch die
eine solche Mannigfaltigkeit verursacht
sein kann. Eine Entscheidung darüber,
wie die Herkunft einer bestimmten ein¬
zelnen Erscheinung des Volksglaubens zu
erklären ist, ist dann von Fall zu Fall
durch eine Einzeluntersuchung herbei¬
zuführen. Wir zählen diese Möglich¬
keiten auf:
A. Allgemein menschliche Grund¬
formen. Solche können wir in transzen¬
denten Vorstellungen, Handlungen und
Erzählungen durch den Vergleich mit
andern Völkern fest stellen, wodurch wir
sehen, daß diese Grundformen im Volks¬
glauben allenthalben auf der Erde ver¬
breitet sind, bei Primitiven wie bei
Hochkulturvölkern. Zu diesen Grund¬
formen gehören etwa die orendistischen
Vorstellungen, die Handlungen, die mit
Masken und Verkleidungen, mit Tänzen
und akustischen Mitteln vorgenommen
werden, der Glaube, der im Analogie¬
zauber und im Gebrauch des Zauber¬
spruchs lebt, überhaupt die wesentlichen
Zwecke und Mittel der kultischen und
magischen Handlungen. Solche Grund¬
formen waren sowohl der vorindogermani¬
schen Bevölkerung als auch den ern-
wandernden Indogermanen eigen, wie wir
aus den Lehren der Völkerkunde schließen
können und wie es durch die Bodenfunde
bestätigt wird, die seit der älteren Stein¬
zeit bereits einen orendistischen Toten¬
kult und durch die Höhlenbüder in Spa-
669
nien und Südfrankreich das Vorhanden¬
sein eines Analogiezaubers (s. d.) und
den Glauben an die Wirkung von Masken¬
tänzen bezeugen. Den Gebrauch von
Amuletten, von orendistischen Zeichen,
wie des Hakenkreuzes, und von Fetischen
kennen wir wenigstens aus dem Neolithi¬
kum vor der indogermanischen Ein¬
wanderung. Nun ist aber zu beachten,
daß bei höherer Kultur die Fähigkeit,
in solchen primitiven Grundformen zu
denken, nicht abstirbt, sondern sich in
der Volksseele auch zu Zeiten der höch¬
sten Kultur erhalten hat. Daher wurden
im Verlauf der Weiterentwicklung solche
Grundelemente immer wieder aufs neue
erzeugt und blieben auch in unserm Volk
völlig lebendig durch die Jahrtausende
bis auf den heutigen Tag.
B. Religiöse Elemente der vor¬
indogermanischen Bevölkerung auf
heutigem deutschen Boden in der j üngeren
Steinzeit, die wir freüich nur ganz un¬
vollkommen aus den Bodenfunden kennen.
C. Indogermanische Glaubensele¬
mente, von denen wir uns noch ein Büd
in großen Umrissen durch den Vergleich
der einzelnen indogermanischen Völker
miteinander machen können. Hier wäre
etwa noch das Urindogermanische von
dem erst während der Wanderungsze^t
Erworbenen zu scheiden.
D. Die germanische R., die sich
auf dieser dreifachen Grundlage bildete
und später durch den Zerfall der Ger¬
manen in einzelne Stämme in den Stammes¬
religionen weiterentwickelte. Wenn in
kirchlichen Verordnungen wie in dem aus
dem 8. Jh. stammenden Indiculus super-
stitionum (s. d.) heidnische, d. h. nicht-
christliche germanische Gebräuche und
Vorstellungen verboten werden, die in
ihrem Wesen nicht sehr verschieden sind
von solchen, die auch heute noch aus¬
geübt werden, so sehen wir deutlich,
wieviel sich noch aus der germanischen
R. im heutigen Volksglauben erhalten
hat. Aber auch in zahlreichen anderen
Bräuchen und Festen der Gegenwart,
ebenso auch in manchen Vorst ellungen
von elbischen und anderen Geisterwesen,
von der Wüden Jagd und Frau Holle,
von Riesen und Zwergen, Werwölfen und
Gespenstern, von den besonderen Kräften
einzelner Tiere und Pflanzen, in Zauber¬
sprüchen lebt altgermanischer Glaube
noch weiter, und ebenso ist manche
christliche Kapelle am Ort eines alt¬
germanischen Heiligtums errichtet worden,
so daß hier eine ununterbrochene Kult¬
fortsetzung bis zur Gegenwart andauert.
E. Einfluß der keltischen R.,
der viele Jahrhunderte währte und den
Germanen u. a. den Kult der Matronen
brachte. Auf diesen Einfluß ist wahr¬
scheinlich der heute noch bestehende
Kult der drei Schwestern zu Auw bei
Trier und der Kult der drei Marien,
der z. B. im Rheinland, in Tirol, in Ober¬
und Niederbayem besteht, zurückzu¬
führen; s. o. 5, 1865 f.
F. Antike und orientalische
nichtchristliche Einflüsse. Solche
waren seit dem 1. Jh. v. Chr. vorhanden,
sind aber auch im Mittelalter und in der
Zeit des Humanismus wirksam gewesen.
Hauptsächlich haben sie von oben nach
unten gewirkt, vielfach zuerst von ge¬
lehrten Kreisen aufgenommen und dann
auch in den Volksglauben eindringend.
Vor allem auf dem Gebiet der Astrologie
und Alchemie, der Volksbotanik und
Volksmedizin, der Mantik und des Zauber¬
wesens läßt sich das Nachleben der
Antike verfolgen bis zu den systematischen
Zusammenfassungen von Männern wie
Agrippa von Nettesheim, und manches
hiervon hat auf diesem Umweg durch
die Zauberbücher wie das Romanus¬
büchlein und die Ägyptischen Geheim¬
nisse für Menschen und Vieh, die dem
Albertus Magnus zugeschrieben wurden,
und andere Rezeptbücher Eingang in den
Volksglauben gefunden, und solcheZauber-
und Traumbücher sind auch heute noch
im Gebrauch, die manches antike und
orientalische Gut enthalten. So stammt
etwa auch der Drudenfuß oder das
Pentagramm, das heute noch als oren-
distisches Zeichen, meist übelabwehrend,
gebraucht wird, aus dem Orient, von wo
es schon früh zu den Griechen und
Römern, dann auch ins abendländische
Mittelalter eindrang. Für die Zeit des
671
Religion
674
Religion
Humanismus kann man geradezu von
einer Wiedergeburt antiker Magie und
antiken Volksglaubens im Abendland,
auch in Deutschland sprechen. Schon
im griechischen Altertum gab es eine
,,okkulte Wissenschaft“, eine gelehrte
Systematisierung und mystische Aus¬
legung des Volksglaubens, die bald durch
orientalisches Schrifttum neues Material
erhielt und dann besonders durch die
Humanisten als Pseudo wissen schaft be¬
arbeitet wurde, ein Sammelbecken, aus
dem manche Bäche sich auch in den
deutschen Volksglauben ergossen. Teils
aus antiken, teils aus orientalischen
Quellen wurde die Kabbala (s. d.) ge¬
speist, die sich im Mittelalter ausbildete,
dann auf Agrippa von Nettesheim, Para¬
celsus und andere einwirkte und den
Volksglauben besonders im Alphabet-,
Zahlen- und Namenglauben beeinflußte
und ihm zahlreiche orientalische und
unverständliche Dämonennamen lieferte,
die in den Zaubersprüchen angerufen
werden. So findet sich der hebräische
Gottesname Adonai (s. d.) in griechischen
Zaubersprüchen des Altertums wie in
deutschen des Mittelalters und der Neu¬
zeit.
12. Die Christianisierung der
Germanen. Als zweifellos wichtigster
von außen kommender Einfluß trat an
die einzelnen germanischen Stämme das
Christentum heran, bedeutungsvoll seit
dem 4. Jh., als der Bischof Ulfila den
Westgoten das Christentum in arianischer
Form brachte und zugleich die Bibel¬
übersetzung gab. Auch in der Folgezeit
war es die arianische, romfreie Form,
in der das Christentum zu den Germanen
kam, bis der um Rom gelegte Ring gegen
Ende des 5. Jh.s durch den Übertritt
des Frankenkönigs Chlodwig zum Katholi¬
zismus durchbrochen wurde. Die Katholi-
sierung und Romanisierung ist aber erst
durch Bonifatius in der ersten Hälfte des
8. Jh.s besiegelt, die endgültige Christiani¬
sierung etwa in der Zeit Karls d. Gr.
für die auf dem Boden des heutigen
deutschen Reiches wohnenden Stämme
äußerlich durchgeführt worden. In diesen
Jahrhunderten brach die Scheidung zwi-
672
sehen R. und nichtreligiösem Volks¬
glauben für immer durch.
Man pflegt gemeinhin die Christiani¬
sierung der germanischen Stämme vom
Standpunkt des Christentums aus zu
betrachten, für den das Christentum
zugleich die absolute R. ist. Aber dem¬
gegenüber brauche ich es wohl nicht zu
begründen, wenn hier ein Standpunkt
eingenommen wird, der sich für den
nicht theologischen Religionswissenschaft¬
ler und den deutschen Volkstumsforscher
eigentlich von selbst versteht und der
sich in folgenden zwei Sätzen umschreiben
läßt:
1. Die Christianisierung der germani¬
schen Stämme und die deutsche R.s-
und Kirchengeschichte ist vom ger¬
manisch-deutschen Standpunkt aus zu
betrachten.
2. Die christliche R. ist wie jede andere
R. eine zeitgebundene Erscheinung, eine
R., die anzunehmen oder abzulehnen der
freien Entscheidung eines jeden Volkes,
gemäß seiner arteigenen Glaubensenergie,
unterliegt. Dabei ist zu beachten, daß
eine R. nur solange eine lebendige Macht
in einem Volke ist, als sie das religiöse
Bedürfnis eines Volkes erfüllt und seiner
Glaubensenergie entspricht.
Aus der Christianisierungsgeschichte der
Germanen müssen wir noch folgende
Punkte als für unser Thema besonders
wichtig kurz hervorheben:
A. Die germanische R. stand zu Beginn
der Völkerwanderungszeit schon an sich
an einem Wendepunkt ihrer Entwick¬
lung; die einzelnen Stämme waren zer¬
streut und zum Teil aus ihrem Heimat¬
boden herausgerissen. Die germanische
Glaubenskraft mußte neue Formen prägen
und hätte sie gewiß auch geschahen —
das stammesverwandte indische Volk
zeigt uns solches — wenn die ruhige
Entwicklung nicht durch das Herein¬
brechen einer fremden R. gestört worden
wäre, die nun gegenüber den erschütterten
Glaubensformen ein leichtes Spiel hatte.
B. Die Germanen haben vielfach keinen
prinzipiellen Unterschied zwischen ihren
Göttern und dem christlichen Gott ge¬
macht; es waren Gottheiten von ver¬
673
schiedener Macht und Stärke und sie
wählten denjenigen, der durch irgend
eine Tat sich als der mächtigste erwies,
und sie verwarfen diejenigen, die ver¬
sagten. So hören wir des öftern in älteren
Christianisierungsberichten, daß die Ger¬
manen durch ein Wunder, das sich er¬
eignete, sich von der Stärke des Christen¬
gottes überzeugt hätten oder daß sie die
Machtlosigkeit ihrer eigenen Götter er¬
kannten, weil diese die Vernichtung ihrer
Heiligtümer nicht rächten. Es ist dies
eine Erscheinung, die in der R.sgeschichte
auch sonst bekannt ist: Ein ganz primi¬
tives Beispiel liefern noch heutige Natur¬
völker, die etwa einen Fetisch wegwerfen,
wenn er einmal versagt hat, und einen
neuen sich schaffen, die ihren Zauberer
töten, wenn ihm eine Zauberhandlung
mißlingt.
C. Über andere Qualitäten des christ¬
lichen Gottes außer seiner Kraft und
Macht nachzudenken hatten die Ger¬
manen kaum die Möglichkeit, da in den
meisten Fällen, vor allem was die große
Masse des Volkes betrifft, die Tauf¬
handlung nicht den Abschluß, sondern
den Anfang der Christianisierung bildete.
Die Bevölkerung ist vielfach getauft
worden, als sie von den christlichen
Lehren noch kaum etwas wußte, und
erst auf die Taufe folgte mehr oder minder
intensiv die Belehrung, die sich zum Teil
auf Dinge erstreckte, für die die Ger¬
manen weder Begriff noch Wort hatten
und die ihnen innerlich fremd bleiben
mußten. So ist die Christianisierung
zunächst ganz äußerlich gewesen, und
die Zurückdrängung des alten Glaubens
ist erst ganz allmählich erfolgt und nie
ganz vollständig gelungen. Dazu kam,
daß die germanischen Stämme auf dem
heutigen Boden des deutschen Reiches
noch Jahrhunderte lang von nichtchrist¬
lichen Stämmen umgeben waren. So
haben wir auch immer wieder neue
Zeugnisse, die davon sprechen, daß in
christianisierten Gegenden das sog. Heiden¬
tum, d. h. Überreste des germanischen
Glaubens, noch blühte, und immer wieder
mußte die Kirche gegen solches ein-
schreiten. Synodalbeschlüsse, Bußbücher
Bächtold*St Subli, Aberglaube VII
und die Schriften einzelner Theologen
etwa seit dem 6. Jh. reden davon. Solche
Verbote erinnern an ähnliche Erlasse,
wie sie später in der Aufklärungszeit, im
18. Jh., vielfach, freilich nicht aus
Gründen der R., sondern aus Gründen
eines volksfremden Rationalismus, ge¬
geben wurden und in denen etwa der
Besuch der Kunkel- und Lichtstuben
verboten wurde als gerade der Stätten,
in denen das Märchenerzählen, das Singen
alter Volkslieder und manches alte Brauch¬
tum noch blühte, und durch welche alte
Feste wie das Johannisfeuer abgeschafft
wurden.
D. Daß die Germanen trotz aller
Toleranz oft auch der Verbreitung der
fremden R. Widerstand entgegensetzten,
bezeugen die nicht ganz seltenen Ver¬
treibungen der Glaubensboten und ihre
Martyrien. Es ist notwendig, diese
Martyrien vom germanisch-deutschen
Standpunkt aus zu betrachten und in
ihnen in erster Linie den Empörungs¬
schrei unserer in ihrer arteigenen Glaubens¬
kraft unterdrückten Ahnen zu hören.
Dabei müssen wir auch mit Bedauern
feststellen, daß diese Unterdrückung nicht
selten von Volksgenossen herrührte, die
ihrer eigenen Art sich entfremdet hatten.
E. Das Christentum hat sich bei den
Germanen schließlich nicht durchgesetzt
in der Form des Urchristentums oder als
Zusammenfassung der Lehren des Neuen
Testaments, sondern nach einer vier-
und mehrhundertjährigen Entwicklung,
als die Lehre Jesu bereits hellenisiert
und romanisiert war, als sie systematisiert
und organisiert' worden war, also als
eine systematische Lehre mit Kultus
und hierarchischer Organisation in der
Form der römisch-katholischen Kirche.
F. Schließlich ist zu beachten, daß
gerade einzelne Hauptlehren und charakte¬
ristische Eigenschaften des Christentums,
vor allem auch seiner Ethik, vom ger¬
manischen Glauben abgelehnt werden
mußten; s. u. Nr. 13.
13. Der Konfliktsstoff in der
christlichen R. Ich zähle folgende
Punkte auf, in denen ein Konfliktsstoff
aufgehäuft lag, der zu Auseinander-
22
675 Religion 676
Setzungen führen mußte; dabei handelt
es sich hier um die römisch-katholische
Form. Diese sechs hier aufgezählten
Merkmale und Eigenschaften des Christen¬
tums kommen fast alle auch den beiden
anderen semitischen großen R.en zu, der
israelitisch-jüdischen R. und dem Islam.
Vor allem ist zu betonen, daß lediglich
diese drei semitischen R.en einen Mono¬
theismus (s. d.) lehren, der sich sonst
nirgends findet.
A. Die Herkunft des Christentums aus
dem semitischen Kulturkreis. Hierauf
beruht die Artfremdheit des Christentums
gegenüber dem germanisch-deutschen
Glauben. Zu vollem Bewußtsein ist
dies erst in neuester Zeit gekommen,
im Zusammenhang mit der modernen
Rassenforschung; s. u. Nr. 15.
B. Alle drei semitischen R.en sind ge¬
stiftete R.en und nach ihrer Überlieferung
R.en, die von Gott selbst ihren Stiftern
offenbart wurden. Daher haben sie auch
ein autoritatives Buch, das Alte und
Neue Testament und den Koran, und ein
autoritativ gütiges Dogma. Sie sind
also nicht aus dem Volk heraus gewachsen,
sondern von oben her verkündet und
auch in ihrem eigenen Volk erst in vielen
Kämpfen durchgedrungen.
C. Alle drei R.en sind monotheistische
R.en.
D. Der Universalismus, die Katholizität,
der Anspruch auf Ausschließlichkeit, in¬
folgedessen das Streben nach Mission und ,
eine Intoleranz, die zum mindesten beim
Christentum und Islam zu Glaubens- |
kriegen führten und überall an Stelle der
gewachsenen Volksr.en die geoffenbarte
R. setzen wollten. Dazu ist speziell noch
bei der römisch-katholischen Kirche auf
die streng ausgebildete Hierarchie mit,
ihrer Spitze, dem Papsttum, hinzuweisen
und auf ihren Gottesstaatsgedanken mit
dem Anspruch der Vorherrschaft der
Kirche über den Staat, der sich mehr
und mehr im Laufe des Mittelalters
herausbildete.
E. Als Vermittler zwischen Gott und
den Menschen tritt der Priester. Dadurch
kommt es zu einer Trennung von Klerikern |
und Laien, wogegen später die deutsche
Reformation angekämpft hat.
F. Die Durchdringung des ganzen
Lebens mit religiösen Ideen; so die Ver¬
bindung von R. und Sittlichkeit, die Auf¬
stellung einer theonomen, von der ger¬
manischen Weltanschauung durchaus ver¬
schiedenen Ethik, die mit der germanisch¬
deutschen Volks- und Staatsethik in
Gegensatz kommen mußte; die Ver¬
bindung von R. und Wissenschaft, die
im Orient von jeher bestanden hatte und
die im abendländischen Mittelalter dahin
führte, daß die Träger der Wissenschaft
zugleich Priester waren, die Wissenschaft
aber nur insoweit betrieben wurde, als
sie der Förderung der R. und dem Studium
der religiösen Urkunden, des Alten und
Neuen Testaments diente. Schließlich die
völlige Inanspruchnahme von Volksge¬
nossen seitens der Kirche im Kloster¬
leben.
Die Auseinandersetzung des germanisch-
deutschen Glaubens mit diesen Eigen¬
schaften und Forderungen des Christen¬
tums ist das Hauptthema der germanisch¬
deutschen R.s- und Kirchengeschichte
und ist auch heute noch nicht abge¬
schlossen.
14. Die christlichen Elemente
des heutigen deutschen Volks¬
glaubens. Das Ergebnis dieser Aus¬
einandersetzung sehen wir zu einem Teil
in der Rolle, die das christliche Element
im heutigen deutschen Volksglauben spielt.
In der oben gegebenen Figur bedeutet
der kleinere Kreis die christliche R.
Durch verschiedenes Schraffieren ist eine
vierfache Einteilung des Kreises gegeben,
der die folgenden vier Elemente ent¬
sprechen :
A. Ein Teil des christlichen Dogmas
wird vom Volksglauben abgelehnt, wie
die Lehre vom Monotheismus (s. d.),
oder spielt im Volksglauben keine Rolle,
höchstens daß im R.sunterricht davon
Kenntnis genommen wird; in der Figur
punktiert. (Nebenbei: Über den R.s¬
unterricht ließe sich auch vom Stand¬
punkt der R.swissenschaft und der Volks¬
kunde mancherlei sagen.)
6 77
Religion
678
B. Ein Teil der christlichen Lehren
wurde ohne weiteres übernommen; schräge
Linien in der Figur.
C. Germanisch - deutsche Glaubens¬
elemente, die christianisiert wurden; senk¬
rechte Linien in der Figur. Hier handelt
es sich um Zugeständnisse der Kirche,
um Anknüpfungen an volkstümliche Vor¬
stellungen und Feste, um Aufnahme von
alten Elementen des Volksglaubens in
den christlichen Bereich, wie es bereits
Papst Gregor d. Gr. gegen Ende des
6. Jh.s den Missionaren der Angelsachsen
zur Pflicht machte. Hierher gehören
viele Flurprozessionen; ebenso auch die
Sitte des Minnetrinkens (s. d.).
D. Volkstümliche Umbildungen christ¬
licher Lehren und Anschauungen; wag¬
rechte Linien in der Figur. Hier ist die
völkische Glaubensenergie die aktiv ge¬
staltende Kraft. Es handelt sich hier
um Glaubenserscheinungen, die ihre
Wurzeln zwar in einer kirchlichen Lehre
haben, in denen aber das Volk eine
eigenmächtige Umbildung vornimmt, weil
es die offizielle Form des Dogmas nicht
richtig versteht oder als nicht volks¬
gemäß ablehnt und weil das volkstüm¬
liche Denken keine dogmatische Ein¬
stellung hat. So wird dem Volke der
Heilige zum Sondergott, der Priester
zum Magier, Kreuz und Reliquie zum
Fetisch und Amulett, der Monotheismus
auf jede Weise unterhöhlt; s. o. 3, 1668ff.;
6, 549 ff.
15. Die Auseinandersetzung des
deutschen Glaubens mit dem
Christentum in der Gegenwart.
Noch niemals seit der Reformation war
die deutsche Glaubensenergie so tätig und
noch nie wurde mit solcher Leidenschaft
um neue Glaubensformen gerungen wie
in der Gegenwart, und auch hier handelt
es sich im wesentlichen um eine Aus¬
einandersetzung des deutschen Glaubens
mit dem Christentum, um eine neue
Phase in der Entwicklung, die mit der
Christianisierung der Germanen begann.
Diese neue Auseinandersetzung hat ihre
Wurzeln in der Rassenforschung des
19. Jh.s, hat durch die Folgen des Welt¬
kriegs einen neuen Aufschwung genommen
und ist seit der Machtergreifung durch
den Nationalsozialismus in Deutschland
zu einer der wichtigsten Fragen der
deutschen geistigenEnt wicklung geworden.
Wenn auch das Deutsche Reich der
Herd dieser Bewegung ist, so ist doch
nicht abzusehen, in welchem Umfang
auch die übrigen deutschen und ger¬
manischen Stämme und Volksteile von
dieser Glaubensbewegung noch werden
ergriffen werden. Wir wollen die ver¬
schiedenen Strömungen unter dem Namen
der völkisch-religiösen Bewegung zu¬
sammenfassen und wir unterscheiden in
ihr, die eine ungeheure Mannigfaltigkeit
in sich birgt, zwei große Gruppen:
A. Diejenigen Richtungen, die das
Christentum nicht völlig verwerfen, son¬
dern eine Angleichung der christlichen R.
an die deutsch-völkische Gläubigkeit vor¬
nehmen wollen, also eine Reform des
Christentums vom völkischen Standpunkt
aus befürworten. Eine Haupt Vertreterin
dieser Gruppe ist die Deutschkirchliche
Bewegung oder die Deutschkirche, die
eine ,,Erneuerung des religiösen Lebens
und der Kirche durch den deutsch¬
heimatlichen Gedanken als wichtigste
innere Angelegenheit der deutschen Volks¬
gemeinschaft“ erstrebt, das Alte Testa¬
ment verwirft, da ,,der Weg zum Heiland
über die Märchen viel reiner zu finden
und zu gehen sei als über die Erzväter¬
geschichten“, und dem Neuen Testament
dasjenige entnimmt, was als arisch an¬
zusprechen sei. — Sehr viel wichtiger
ist die zweite Gruppe:
B. Ebenfalls eine große Anzahl von
Vereinigungen umfassend, ist diese Gruppe
in der radikalen Verwerfung des Christen¬
tums und in der Forderung der Aus¬
gestaltung eines arteigenen deutschen
Glaubens einig. Zu ihr gehören, um nur
ein paar der Haupterscheinungen zu
nennen, Arthur Rosenberg und sein
Buch „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“,
1. Aufl. 1930, ferner die von dem Tübinger
Indologen und R.Wissenschaftler Wil¬
helm Hauer begründete Deutsche
Glaubensbewegung und die Gruppe um
General Ludendorff und seine Frau
22*
679
Religion
Reliquien
682
680 < 58 !
Mathilde. Gemeinsam ist allen, diesen
Gruppen folgendes:
Das Christentum wird verworfen, ebenso
natürlich auch die Bücher des Alten und
Neuen Testaments, und zwar mit der
Begründung: weil diese R.sform aus dem
Orient, aus dem semitischen Kulturkreis
stammend, artfremd dem deutschen
Glauben ist. Diese Forderung und ihre
Begründung beruht auf der modernen
Rassenforschung. Aber diese ist nicht
von Anfang an radikal ablehnend gegen
das Christentum gewesen. Noch Chamber-
lain, dessen Grundlagen des 19. Jh.s
1899 erschienen sind, suchte im wesent¬
lichen das Christentum zu retten. Für
ihn war ja Jesus kein Jude der Rasse
nach, und seine Lehre stand nachChamber-
lain geradezu im Gegensatz zu aller
semitischen R., und so verwirft Chamber-
lain lediglich die Form der katholischen
Kirche, nicht aber die christliche R.
selbst. Auf diesem Standpunkt stehen
also etwa auch die vorhin genannten
Vertreter der sog. Deutschkirche. Eine
Bekämpfung des gesamten Christentums
nach rassischen Gesichtspunkten vom
völkisch-deutschen Standpunkt aus sehen
wir in starker und ausgeprägter Form
nach einigen früheren Ansätzen erst nach
dem Weltkrieg hervortreten. Denn die
Rassenforschung lehrte nun folgerichtig
weiter, daß die Rasse nicht nur in körper¬
lichen, sondern auch in geistigen Eigen¬
schaften sich auspräge und daß jede
Rasse ihre eigene Kultur und auch ihre
eigene R. hervorbringe, die nur für sie
paßt und sich eignet und für andere
Rassen ein fremdartiges Element ist, das
als artfremd nicht annehmbar ist. So
hängt mit dieser Betonung der art¬
eigenen R. noch ein Weiteres aufs engste
zusammen: die Bekämpfung des An¬
spruchs einer R. und zumal der christ¬
lichen R., die absolute R. zu sein und
für alle Völker, auch die nichtsemitischen,
zu gelten, und ferner die weitere Forder¬
ung: daß das Christentum der Kritik des
arteigenen Glaubens eines Volkes unter¬
liege. So tritt neben die Rassenforschung
als Grundlage dieser deutsch-völkischen
Forderung die Lehre der modernen R.s-
wissenschaft, daß auch die christliche R.
wie jede andere R. eine historisch ge¬
wordene, keine in Wirklichkeit offenbarte
R. sei, woraus das Recht der Kritik auch
gegenüber dieser R. abzuleiten ist, der
Kritik vom Standpunkt des arteigenen
Glaubens des deutschen Volkes aus.
Infolgedessen ist auch der universalistische
Anspruch des Christentums zu verwerfen
ebenso wie der Anspruch, allgemein
gütige Maßstäbe zu liefern, nach denen
die deutsche Haltung in Sittlichkeit,
Recht, Staatsauffassung und Wissen¬
schaft sich zu richten habe. Als Gegen¬
stück folgt daraus: Da der deutsche
Glaube ebenso wie das deutsche Recht
und die deutsche Staatsauffassung, die
Ethik und die deutsche Wissenschaft der
gleichen Wurzel entsprungen sind, können
sie sich nicht widersprechen. Auf diesem
Boden kann es also niemals dazu kommen,
daß die Gesetze des Staates und die R.
in Widerspruch miteinander stehen. Da¬
mit ist eindeutig der Jahrhunderte lange
Kampf im Sinne der Worte, die Bismarck
zu Beginn des Kulturkampfes am 10.
März 1873 sprach, gegen die Bulle Unam
Sanctam vom Jahre 1302 entschieden.
Von der völkischen Glaubensbewegung
werden gerade auch die o. Nr. 13 ge¬
nannten sechs Punkte bekämpft, wobei
der an erster Stelle erwähnte gerade
der Ausgangspunkt des Kampfes ist.
Nebenbei sei noch auf diejenigen roman¬
tischen Schwärmer hingewiesen, die die
altgermanische R. selbst wieder beleben
wollen, als ob die deutsche Glaubens¬
energie nicht reich genug sei, wiederum
Neues, Art- und Zeitgebundenes zu
schaffen, und man auf überlebte Formen
zurückgreifen müsse, die vor zwei Jahr¬
tausenden einmal Lebensrecht besaßen.
Literatur und Einzelbelege finden sich in
diesem Hdwbch. allenthalben, weitere Aus¬
führungen über R. auch in meinem o. Nr. 1 ge¬
nannten Buch. Eine kurze Darstellung des
deutschen Volksglaubens auf dieser religions¬
wissenschaftlichen Grundlage habe ich zu geben
versucht bei Spamer Die deutsche Volkskunde
I (i 934 ) 89 h. — Uber die Christianisierung der
Germanen und die Germanisierung des Christen¬
tums s. etwa: Hauck Kirchengeschichte Deutsch¬
lands; v. Schubert Geschichte der christlichen
Kirche im Frühmittelalter ; Haller Das Papst¬
tum I (1934); dazu Boehmer Das germanische
Christentum (Theol. Studien u. Krit. 86, 1913);
H. Rückert Die Christianisierung der Germanen,
1932; Jul. Richter Germanentum und Christen¬
tum (Neue Jahrbb. io, 1934, 97#.); Heussi
Die Germanisierung des Christentums (Zeitschr.
f. Theol. u. Kirche 15, 1934). — Speziell zum
letzten Abschnitt: Hauer Deutsche Gottschau,
1934 ; M. Ludendorff Erlösung von Jesu
Christo; Deutscher Gott glaube; Der Seele Wirken
und Gestalten. Künneth u. Schreiner Die
Nation vor Gott, 1933. Pfister.
Reliquien 1 ). Unter R. versteht man
die Hinterlassenschaft Verstorbener, so¬
wohl ihre leiblichen Überreste als auch
ihr Besitztum. Der Kult, den man
solchen R. widmet, beruht auf dem
Glauben, daß gewisse Verstorbene, die
zu ihren Lebzeiten sich irgendwie aus¬
zeichneten, auch nach ihrem Tode noch,
entweder als Persönlichkeiten oder durch
eine unpersönliche Kraft, die an das
gebunden ist, was zu ihren Lebzeiten
mit ihnen in Verbindung und Berührung
gekommen war, eben ihre R., noch
wirken können, und daß der diesen R.
gewidmete Kult diese Wirksamkeit be¬
lebt bzw. als Dank für die Wirksamkeit
gilt. Dabei kann man einen orendistischen
und einen animistischen R.glauben unter¬
scheiden (o. 6, 1300 t.). Bei ersterem
denkt man sich die Kraft in den R.
selbst wirksam; das Orenda erfüllt sie
mit einem unerschöpflichen Fluidum,
das wirkend von ihnen ausgeht (s. Oren-
dismus). Die Reliquie gilt als orendistischer,
krafterfüllter Gegenstand wie etwa ein
Amulett (s. d.). Beim animistischen
R.glauben erwartet man die Wirkung
von der Person, der die Reliquie angehörte,
als sie noch am Leben war, und die ein
persönliches Leben noch nach dem Tode
führt und noch selbsttätig wirken kann.
So ist der R.kult in beiden Formen eine
Erscheinungsform des Totenkults, und
zwar insbesondere des Heroen- und
Heiligenkults (s. Heilige).
Es braucht aber nicht jede Religion,
die einen Totenkult kennt, auch einen
R.kult aufzuweisen. In der römischen
Religion z. B. war wohl ein Toten- und
Ahnenkult lebendig, nicht aber einHeroen-
und R.kult, wie ja auch die Heroensage
bei den Römern fehlt 2 ). R., die einen
Kult genießen, gehören also einer be¬
sonderen Klasse von Verstorbenen an,
den Heroen und Heiligen. Und wie der
Heroen- und Heiligenkult so hat auch
der R.kult drei notwendige Elemente;
es gehört dazu:
1. Der Glaube an die persönliche oder
unpersönliche Kraft, die mit den R.
irgendwie verbunden ist.
2. Der Kult, der den R. gewidmet ist.
3. Die religiöse Erzählung, die von R.
und ihren Wirkungen berichten.
Die Anfänge eines R.kultes, und zwar
eines orendistischen, finden sich bereits
bei manchen Naturvölkern, bei denen
vor allem der Glaube an die Kraft und
die Übertragbarkeit der Kraft von R.
von Tieren und Menschen lebendig ist.
So wenn der Dschagga sich einen Flügel¬
knochen des Geiers an ein Bein bindet
und dann glaubt, laufen zu können, ohne
müde zu werden, wie der Geier ohne
Ermüdung fliegt, eine Vorstellung, wie
sie durch unzählige Beispiele zu belegen
ist (s. etwa o. 1, 376 f.), oder wenn man
glaubt, mit Hilfe von Haaren, Nägeln,
Kleidern eines Menschen diesen bezaubern
zu können, da in diesen Dingen etwas
von der Kraft des betreffenden Menschen
steckt (s. o. 1, 394), so finden wir hier
den gleichen Glauben, der auch dem
orendistischen R.kult zugrunde liegt. Das
gleiche ist der Fall, wenn der Kopfjäger
sich eine Schädelsammlung zulegt, um
die Kraft dieser Köpfe sich zuzufügen,
oder wenn man Knochen, Haare (Skalps)
oder dergl. von Erschlagenen bei sich
trägt oder wenn man aus Schädeln Trink¬
becher verfertigt (s. o. Heiligenschädel).
Das beste Beispiel eines animistischen
R.kultes findet sich bei den Griechen
des Altertums, der, soweit es sich um
leibliche R. handelte, ein Grabkult war;
d. h. die R. ruhten im Grab, wurden
nicht im Reliquiar ausgestellt, waren
überhaupt nicht sichtbar. Es fehlte
bei ihnen daher auch die R.teilung, der
R.handel, R. als Amulett, d. h. alle die
Ei scheinungen, die für den orendistischen
R.kult charakteristisch sind. Der Kult,
der ihnen dargebracht wurde, richtete
sich in die Erde, wo die Gebeine lagen.
68 3
Reliquien
Remaclus, hl.—Remigius, hl.
686
Die Wirksamkeit der Heroen war durchaus
nicht an die Stätte gebunden, wo ihre R.
ruhten, sie waren nur an ihren Gräbern
leichter erreichbar und die Gräber galten
als Unterpfand für die Hilfe der Heroen.
Und ferner wirkten nicht die R. direkt,
sondern die Heroen selbst, die durch den
R.(= Grab-)kult beeinflußt und herbei¬
gelockt wurden. Auch bei den nicht¬
leiblichen R., etwa den Waffen und sonsti¬
gen Gerätschaften, finden sich in der
griechischen Religion nur ganz wenige
orendistische Spuren.
Auch der christliche R.kult beruht
auf dem Glauben an die besondere
Kraft, die in bestimmten Menschen, den
Heiligen (s. d.), zu ihren Lebzeiten wirk¬
sam war und die auch deren Hinterlassen¬
schaft noch erfüllt. Wie beim antiken
R.kult führen auch hier die ältesten
Spuren an das Grab der Heiligen, d. h.
in der ältesten christlichen Zeit war der
R.kult im wesentlichen noch Grabkult
d. h. animistischer R.kult 3 ). Aber im
Lauf der Zeit kommt die Ausstellung der
R. im Reliquiar, die R.teilung und der
R.handel auf, und zwar ist hierbei ein
orientalischer Einfluß festzustellen 4 ). So
wird in der christlichen Überlieferung
immer mehr die übergewaltige Kraft
hervorgehoben 5 ), die in den R. der
Heiligen wohne und von Wundern er¬
zählt, die diese R. selbst hervorgerufen
hätten. Eine besonders wirksame Kraft,
eine /oc'pic, wird ihnen zugeschrieben,
die in den ganzen R. wirkt, aber auch
in jedem Teil, so daß auch kleine Stücke
dieselben Wunder tun können wie das
Ganze. So kommt es zum Austausch
und zum Handel mit R. und auch zur
Schaffung künstlicher R., die durch
innige Berührung mit echten hergestellt
werden (s. o. i, 384. 1290 f.). Daher
werden auch die R. in möglichste Nähe
gerückt, wo sie wirken sollen, nicht
unter die Erde ins Grab, sondern über
die Erde ins Reliquiar, oft sogar sichtbar
und berührbar. Besonders vom 4. Jh.
an kehrt die Betonung der in den R.
wirkenden pneumatischen (orendistischen)
Kraft bei den Kirchenschriftstellern immer
wieder; in letzter Linie ist diese Vorstel-
684
lung schon in neutestamentlichen Stellen
wie Matth. 9, 20 ff., Ap.gesch. 5, 15; 19, 12
vorhanden.
Je volkstümlicher der R.kult wurde,
um so mehr trat die orendistische Auf¬
fassung hervor, der die R. als ein Amulett
und ein Talisman gilt, als ein Gegenstand,
der mit einer besonderen Kraft erfüllt ist.
Ja, der Volksglaube bleibt bei den
offiziellen R. der Kirche nicht stehen,
sondern schafft sich neue, wobei der
Glaube sich nicht auf die Heiligen der
Kirche beschränkt, sondern sich über¬
haupt auf Menschen ausdehnt, von deren
besonderer Kraft man überzeugt ist, sogar
auf Verbrecher und Hingerichtete, deren
Blut und andere R. als wundertätig gelten,
s. o. 3, 1664. So werden die R. im Volks¬
glauben zu orendistischen „Göttern“, und
im R.kult erkennen wir wie im Heiligen¬
kult gewissermaßen eine Flucht des Volks¬
glaubens vor dem ihm nicht angemessenen,
aber von der Kirche gepredigten Mono¬
theismus (s. d.), also eine Zuneigung zum
Polytheismus, wie er den Bekennern
einer jeden monotheistischen Weltreligion
eigen ist. So hat sich der monotheistische
Islam einen Heiligen- und R.kult ge¬
schaffen, und zwar einen R.kult, der im
wesentlichen Grabkult ist, ebenso auch
der atheistische Buddhismus, dessen
Heilige in den sog. Stupas, hohen ge¬
wölbten Steinbauten, ruhen.
Die volkstümliche Vorstellung von den
R. in der Gegenwart ist teils orendistisch
teils animistisch und in vielem vergleichbar
dem Glauben an heilige Bilder (s. Bild,
Heiligenbild). Einmal gelten die R.
selbst als mit Kraft geladen, die wirksam
ist. Daher werden R.partikel gern als
Amulett getragen, und der Glaube an
die wirkende Kraft gilt auch den künst¬
lichen, durch Berührung mit echten
Heiltümem hergestellten R. Staub von
den Gräbern der Heiligen hilft ebenso wie
die Tuchlappen, die mit R. in Berührung
kamen, und wie Wasser, Wein oder Öl,
in das R. getaucht wurden. Solche
Flüssigkeiten kann man gegen Krank¬
heiten innerlich oder äußerlich gebrau¬
chen. Die materialistische Auffassung
geht gelegentlich so weit, daß man glaubt.
685
ein Gegenstand wiege nach seiner Ladung
mit heiliger R.kraft schwerer als vorher.
Aber andererseits ist auch der animistische
R.glauben im Volke vorhanden. Er zeigt
sich etwa in Gebeten, die in Kirchen vor
den R. an die Heiligen gerichtet werden.
Aber auch die Heiligen, deren R. man in
einer Kapsel — oft von mehreren Heiligen
in einer Kapsel vereinigt — nach Art
eines Amuletts bei sich trägt, werden oft
im Gebet angerufen. Zahllos sind schlie߬
lich die Legenden, die man von den
Wundem berichtet, die durch R. aus¬
geübt wurden.
x ) Literatur: C. A. Bernoulli Die Heiligen
dev Merowinger, 1900; Stückelberg Gesch.
der R. in der Schweiz 1 (1902); 2 (1908) (Schr-
SchwGesfVk. I u. V); Lucius Die Anfänge des
Heiligenkults in d. christl. Kirche, 1904; Pfister
Reliquienkult ; weiteres s. u. Heilige. 2 ) Pfister
2, 593ff. 3 ) Lucius 271 ff.; Pfister 2, 4290.
4 ) Pfister 2, 607IL 6 ) Ebd. 6ioff. Pfister.
Remaclus, hl., Missionsbischof in den
Ardennen, gründete dort die Abteien
Malmedy und Stablo. Später Bischof
von Maastricht (Tongern). Gestorben nach
670. Gedächtnistag: 3. September 4 ).
Ein Wolf half ihm beim Kirchenbau 2 ).
Den Satan hinderte er an der Zerstörung
der Kirche zu Malmedy 3 ). Auch ver¬
trieb er den Teufel aus einem Brunnen,
in dem dieser sich huldigen ließ 4 ). Wenn
es an seinem Gedächtnistage regnet, so
sprießen ebenso viele Komhalme aus der
Erde, als Tropfen auf das Kornfeld
fallen 5 ). Bei der Quelle Groesbeeck zu
Spaa hat sein Fuß sich in die Erde ein¬
gedrückt. Unfruchtbare Frauen trinken
9 Tage lang jeden Tag ein Glas Wasser
aus diesem Brunnen, während sie einen
Fuß in jene Spur setzen 6 ). R. hat auch
wie Gangolf (s. d.) eine von ihm gefundene
Quelle mit seinem Stabe anderswohin
gebracht 7 ).
*) Doye Heilige u. Selige d. röm. kathol.
Kirche 2, 238 t.; Künstle Ikonographie 512 t.
2 ) Schmitz Eifel 2, 133 t. 3 ) Ebd. 113.
4 ) Ebd. 114; Zaunert Rheinlandsagen i, 18.
296. 5 ) Schmitz 2, 114. 6 ) Wolf Niederländ.
Sagen 227 (143); Rochholz Gaugöttinnen 130;
ZfVk. 4, 148; Sebillot Folk-Lore i, 366. 406;
Bull, de Folklore 2, 82. 7 ) Sebillot 2, 192.
Sartori.
Remigius, hl., geb. zwischen 437 und
440 zu Laon, 22 jährig bereits Bischof von
Reims 1 ), bekehrte König Chlodwig 2 )
zum Christentum und taufte ihn Weih¬
nachten 496, gilt wie der heilige Martin
als Apostel der Franken, gest. um 533,
am 1. Oktober 1049 in die Kirche der
Benediktinerabtei St. Remy übertragen,
außer in den Diözesen Köln und Trier
auch in Schwaben durch Kirchen und
Kapellen geehrt 3 ). Fest 1. Oktober.
Attribut Taube mit Ölfläschchen.
Unter den Einzelzügen und Mirakeln
seiner Legende 4 ) sind die seiner Geburt,
der Heilung eines Mädchens in Toulouse,
der Austreibung der Teufel aus Reims,
der Beschwörung einer Feuersbrunst in
dieser Stadt und der himmlischen Sen¬
dung des wunderbaren Ölfläschchens bei
der Taufe Chlodwigs bedeutsam. Vor¬
züglich stellt die Legende seine Macht
über Dämonen 5 ) und sein Wunderwirken
gegen diese heraus. Mit verschiedenen
solcher Einzelzüge aus seinem Leben
hängen eine Reihe Anrufungen seiner
Fürsprache zusammen. Seine Geburt
z. B. wird in einer Segensformel für eine
leichte Entbindung 6 ) erwähnt. Wegen
schwer erkrankter Kinder wallfahrtete man
im westlichen Allgäu zum hl. R. nach
Rohrdorf bei Isny, nahm zwei Kleidchen
des Kindes mit und ließ sie während der
Messe unter das Altartuch legen. Das
eine enthielt ein Geldstück und wurde von
der Kirche behalten, das andere nebst
einem Gebetszettel, der das Bild des
Heiligen zeigte, zurückgegeben. Das
Kleidchen sowie der Gebetszettel mußten
neun Tage unter dem Kopf des kranken
Kindes liegen bleiben und das Gebet
täglich verrichtet werden 7 ). Man er¬
wartete, daß nach dieser Frist sich der
Zustand des Kindes bessere oder der
Tod es erlöse. In einem Wettersegen 8 )
aus dem 12. Jh. wird der Name des hl. R.
auf gerufen. Bemerkenswert ist noch das
Feuermirakel. Eine gewaltige Feuers¬
brunst, die in der Stadt Reims ausge-
brochen war, beschwor der Heilige mittels
des Kreuzzeichens unter Anrufung des
Namens Christi mit dem Erfolge, daß
das Feuer zur Stadt hinaus floh 9 ).
Sonst scheint der hl. R. samt seinem
Tage keine stärkeren Beziehungen zum
68 7
rennen—Rettich
Revolution
Richildis
69O
Volksglauben und Volksbrauch erlangt zu
haben. Was hier oder dort am 1. Oktober
üblich war oder noch ist und mit seinem
Namen verbunden wurde, gehört vorzüg¬
lich in das Wirtschafts- und Kulturgebiet
oder ist von dem kurz vorhergehenden
Michaelstag (29. September) auf den R.tag
übergegangen. So war früher besonders
in Köln 10 ) und in den südlichen Nieder¬
landen ,,St. Remeisdaach“ oder „Remeis-
misse“, der 1. Oktober, ein beliebter Frist¬
tag für Gefälle, Pachten und Zahlungen 11 ).
Der ganze Monat Oktober hieß nach
seinem ersten Tage in Köln auch „Remeis-
monat“. Im Kreise Herford (Westfalen)
versammelten sich am 1. Oktober, also
am R.tag, die Herforder Kapitelsmitglie¬
der samt zugehörigen Leuten auf dem alt¬
sächsischen Nordhof bei Enger, um das
Andenken des hier begrabenen Sachsen¬
herzogs Wittukind mittels der Wekings-,
d. i. Wedekindsspende zu feiern 12 ). Man
denkt dabei an eine Einströmung des
Michaelstages, der als Totengedächtnis¬
tag bekannt ist (s. o. 6, 233 f.).
0 AA. SS. 1. Okt. I 66, 128; M. G. Auct. IV
2, 64#.; M. G. SS. rer. Merov. III 250Ü.;
Potthast Bibliothsca historica medii aevi 2
(1546); Kurth Clovis II (Tours 1896); Korth
Die Patrocinicn im Erzbistum Köln 184, mit
weiteren Quellen- und Schriftangaben. 2 ) Chlod¬
wig soll dem hl. R. so viel Land geschenkt
haben, als er während des Mittagsschlafes des
Königs umreiten konnte: Grimm Sagen Nr. 422.
3 ) Birlinger Aus Schwaben I, 369. 4 ) Vgl. \
z. B. Von sant Remigien, Legenda Aurea
(elsässische Fassung), Alemannia 14 (1886),
I2öff.; Sebastian Brant Leben der Heiligen
2, 11 (nach Wolf Beiträge 2, 376). 5 ) AA. SS.
1. Okt. I 128L; Franz Benediktionen 2, 59.
6 ) Franz a. a. O. 2, 201. 7 ) Birlinger Volksth.
2, 421. 8 ) Franz Benediktionen 2, 59. 85.
9 ) Grimm Sagen Nr. 423; Flodoardus
Historia Rentensis ecclesiae 1, 12; Migne Palr.
Lat. 135,47. 10 ) Wrede Altkölnischer Sprach¬
schatz unter R. 11 ) Vgl. auch Fontaine Luxem¬
burg 73. 12) Kochholz Glaube 1, 313; Sartori
Westfalen 119: Von weither besucht wird das
im Oktober begangene Ramei(R.)fest in Enger
mit seinen Schmausereien und Umzügen, ebd.
142: Wittekindsfest in Enger, jetzt eine Ge¬
dächtnisfeier für den alten Sachsenherzog, die
ursprünglich am 1. Oktober begangen wurde.
Wrede.
rennen s. gehen 3, 439h.
Rentier s. Nachtrag.
Rentierflechte s. Flechten 2, 1577f.
Rettich (Raphanus sativus) ist eine
alte Kulturpflanze 1 ), deren Anbau nörd¬
lich der Alpen auf die Römer zurückgeht.
R.e soll man an Johanni stecken
(stupfen) 2 ) oder am Kilianstag (8. Juli) 3 ),
dann schießen sie nicht in den Samen.
Das letztere ist jedoch der Fall, wenn
man sie im zunehmenden Mond steckt 4 ).
R.e (Winter-R.e) müssen an Fronleichnam
gestupft werden 5 ); es gibt gute Ernte,
wenn sie während des Schießens an Fron¬
leichnam gesteckt werden 6 ). R.e soll
man im Sternbild der Fische oder des
Wassermanns stecken, dann werden sie
saftig 7 ), im Schützen dagegen ,,schießen“
sie 8 ), in den Zeichen des Krebses und
des Steinbockes bekommen sie recht viel
Wurzeln 9 ), vgl. Möhre. R.e (und Rüben)
soll man nicht an Dienstagen und Donners¬
tagen säen, weil das ,,Wurmtage“ sind 10 ).
Wenn man R.e steckt, muß man sagen:
,,So lang as mei Arm, so dick as mei Be“
(oder Arsch) n ), vgl. Kohl, Möhre, Rübe.
Haben die R.e lange Schwänze, dann
kommt ein kalter Winter 12 ).
Wenn man die R.e nach unten zu
schabt, dann stoßen sie nicht auf 13 ).
Entsprechend heißt es auch, daß die nach
unten (s. abwärts) zu geschabte Rinde des
Holunders (s. d.) Abführen (nicht Er¬
brechen) bewirke. Zerstoßene R.blätter
heilen die kranken Euter der Kühe 14 ). R.-
saft ist ein Mittel gegen Bleichsucht 15 ). R.-
scheiben bei abnehmendem Mond auf¬
gelegt vertreiben die Hühneraugen 16 ).
Mit R.saft vertreibt man Kröpfe 17 ).
*) Schräder Reallexikon 684; Pauly-Wis-
sowa 2. R. 1, 1, 698 ff. 2 ) Drechsler Schlesien
1, 147; John Erzgebirge 225; Baumgarten
Aus der Heimat 145 (am Sonnwendtag vor der
Sonne); Marzell Bayer. Volksbot. 105.
3 ) Fischer Schwab Wb. 4, 367 (,, Kilian ist der
Patron der R.e“)* 4 ) Zincke Ökon. Lexikon 2
(1744), 2406; Marzell Bayer. Volksbot. 107.
6 ) Alemania 13, 123; Fischer SchwäbWb. 2,
1787; 6, 866. 6 ) Ebd. 5, 315. 7 ) Marzell Bayer.
Volksbot. 100; Fogel Pennsylvania 204 (im
Fisch werden sie lang). 8 ) Fischer SchwäbWb.
5, 1926. 9 ) Marzell Bayer. Volksbot. 99. 10 ) Ebd.
106. n ) Fogel Pennsylvania 195. 12 ) Fischer
SchwäbWb. 5, 314; 6, 858; Marzell Bayer.
Volksbot. 132. 13 ) Birlinger Aus Schwaben
r, 414; Marzell Bayer. Volksbot. 160. 14 ) Al¬
bertus Magnus. Toledo 20 1, 12 = Wilde Pfalz
209. 15 ) Romanusbüchlein 61. 16 ) Paulli
<Quadripart. Botanicum 1667, 450. 17 ) Zahler
Simmental 51. Marzell.
Revolution, franz. (s. a. Napoleon).
Daß ein so gewaltiges Ereignis wie die
französische R. seinen Niederschlag im
Volksglauben gefunden hat, ist nicht
weiter verwunderlich. Sie wurde an¬
gezeigt durch schreckliche Katzenschlach¬
ten, die kurz vor 1789 in der Bretagne
stattfanden, in der Normandie durch
Reiterkämpfc in der Luft (ebenso vor
der R. von 1830) und das Erscheinen
des wilden Heeres (1789 und 1792) x ).
Ein auf die Hexerei sich verstehender
Priester soll vom Kirchturm herab die
bevorstehende R. prophezeit haben 2 ).
Die Greuel der R. sind Gegenstand zahl¬
reicher Sagen, in denen die Geister der
Getöteten eine Rolle spielen (Priester
ohne Kopf, Geisterprozession u. a.) 3 ).
Die Schrecknisse waren so groß, daß
selbst die Geister das Land verließen 4 ).
Diese Wirkung wird der R. auch im
deutschen Sprachgebiet zugeschrieben.
Von manchen Orten der Schweiz wird
berichtet, daß sie durch die R. von der
Gespenstcrplage befreit wurden 5 ).
1 ) Sebillot Folk-Lore 4, 379. 401. 2 ) Ebd.
4, 253. 3 ) Ebd. 4, 382 ff. 4 ) Ebd. 4, 43. 5 ) Lütolf
Sagen 27; SAVk. 8, 305. Mengis.
Rhabarber (Rheum-Arten). Wurzel¬
stock einer aus Mittelasien stammenden
Pflanze, der in Pulverform ein häufig ge¬
brauchtes Arzneimittel ist. Offenbar wegen
der gelben Farbe der Droge wird der
Rh. gegen Gelbsucht gebraucht, daher
auch „Gclbsuchtwurzel“ 1 ). Ein Sympa¬
thiemittel aus Altenberg (Gerabronn)
lautet: Nimm eine weiße Rh.wurzel, zer¬
stoße sie zu Pulver, fülle damit ein vier¬
eckiges, 3 Daumen breites Säcklein von
Leinwand und hänge es an einem Faden
dem Patienten um den Hals, daß es die
Gegend des Magens und unmittelbar die
Haut berühre 2 ). Eine Pestsage erzählt,
daß einst im Vogtlande, als die Pest i
wütete, ein weißer Rabe verkündete: j
Preßt nur recht Rapunclika
Sinsten kimmt kä Mensch derva 3 ),
s. Bibernelle (1, 1223 f.). Unter der ,,Ra~ j
pundika“ ist wohl die Rhapontikwurzel l
(österreichischer Rh., Radix Rhei Rha- !
pontici) zu verstehen. ■
x ) Lammert 249. 2 ) Höhn Volksheilkunde 1,
129. 3 ) Meiche Sagen 599; Köhler Vogtland
496. Marzell.
Rhabdomantie s. Nachtrag.
Rhadamanthys. Die Gestalt des Rh.,
der für den Bruder des karisch-kretischen
Minos gilt 1 ), ist in keinen der großen
griechischen Sagenkreise eingegliedert.
Die Andeutungen bei Homer (Odyssee
7, 323 ff.; 4, 563 ff.) lassen eine ältere
Sage vermuten, nach der Rh. (ähnlich
wie Menelaos) in die elysischen Gefilde
entrückt worden ist 2 ).
Dadurch, daß man das Elysion in den
Hades einbezog 3 ), fand Rh. dort seine
Stelle als gerechtester Richter 4 ). Die
drei Hadesrichter, Minos, Rh. und Aeakos,
begegnen zuerst bei Platon (Gorgias
cp. 79 ff.; Apologie 41 A), auch Virgil
(Aen. 6, 566) macht Rh. zum Richter
über die Frevler in der Unterwelt.
Mit dem deutschen Aberglauben ver¬
bindet Rh. nichts.
*) Müllenhoff Altertumsk. 1, 57. 2 ) Rohde
Psyche 1, 77. 3 ) Ebd. 1, 310; Wundt Mythus
3, 384. 4 ) Den Namen Rh. deutet Müllenhoff
mit Zoega als l Pa-ajiev!}rj? — ,.König des
Westens oder der Unterwelt“ (Müllenhoff
Altertumsk. 1, 57). Lincke.
Rheuma s. Nachtrag.
Richela. Die selige R. führte nach der
Volkssage im Kloster ein heiliges Leben
und ist in der Kirche zu Wombrechts
begraben. Sie wird noch jetzt als Helferin
in Kinderkrankheiten verehrt. Man
schiebt Kleidungsstücke des erkrankten
Kindes in eine Öffnung oberhalb des Ver¬
schlusses ihrer Gebeine 1 ).
*) Reiser Allgäu 1, 382. Sartori.
Richildis. Eine Volksheilige, Reklusin
zu Hohenwart bei Schrobenhausen, DiÖz.
Augsburg, f 1100, begraben im dorti¬
gen Benediktinerkloster. Gedächtnistag
22. September x ). Man sammelt Erde
aus ihrer Gruft und wirft sie zum Schutz
gegen Hagel und Blitz auf Äcker und
Häuser. Viele Wallfahrer kriechen durch
ein enges Loch bei ihrem Grabe, um von
Steinleiden befreit zu werden 2 ). Wenn
dem Kloster Gefahr und Unglück bevor¬
stand, hörte man in dem Grabe ein großes
Poltern, wie wenn Totengebeine gegen¬
einander geworfen würden 3 ).
691
Richter
richtig—Richtschwert
694
J ) Doye Heilige u. Selige d. röm.-hathol.
Kirche 2,248. 2 ) Andree Votive 16. 3 ) Schopp-
ner Sagen 2, 42 (504). Sartori.
Richter.
1. Der R. ist als Schlichter zweiseitigen
Rechtsstreites wie als Rächer einseitiger
Rechtsverletzung doppelt dem Angriff des
Aberglaubens ausgesetzt, als Träger wie
als Gegenstand abergläubischer Meinung
oder Handlung 1 ).
l ) Kulturgeschichte Monographien, für die
ältere Vergangenheit: F. Heinemann Der R.
u. die Rechtspflege in der dt. Vergangenheit
(1900), mit vielen Abb.; s. a. H. Fehr Das
Recht im Bilde (1923), 41 ff.; für die jüngste
Vergangenheit: M. Beradt Der dt. R. (1930).
2. Durch den religiösen Ursprung seines
Amtes, welches einst der Priester, dann der
der Gottheit nahe Fürst oder Edle als
älteste Hüter des Rechts verwaltet haben,
ist des R.s gerichtliche Handlungs¬
weise in germ. und ma. Zeit stark sa¬
kralen Riten verhaftet 2 ), die aus ehe¬
maligem Zauberbrauch schließlich zu ehr¬
würdig-unverstandener „abergläubischer' '
Sitte verblaßt sind, vgl. Gericht 3, 669 ff.,
Gottesurteil 3,994 ff., Recht §§ 3. 4,
Strafe. Das stärkste Wahrzeichen richter¬
licher Gewalt ist der Stab (s. d.); in den
Weistümern gebietet der R. damit durch
Klopfen Stille, hegt er das Gericht, so¬
lange er ihn hält; an den Stab wird ihm
durch Handanlegung gelobt, mit ihm
stabt er den Eid, darum heißt der R. auch
Stabhalter 3 ). Der R. muß vor Gericht
sitzen, das Antlitz gegen Osten ge¬
wandt 4 ) und auf einem besonderen
Stuhle 5 ), sein Aufstehen hindert den
Fortgang der Verhandlung; sitzend soll
man vor allem das Urteil finden 6 ). In der
Haltung des R.s während der Gerichts¬
verhandlung wird alter (Hemmungs-)
Zauber deutlich, wenn ihm ein Verschrän¬
ken der Beine vorgeschrieben ist 7 ). Ver¬
einzelt ist Nüchternheit des R.s geboten 8 ).
Es fehlt auch nicht an alten Vorschriften
der Bekleidung 9 ). Ein Rechtsbrauch der
Bretagne nötigt den R., während der Ver¬
handlung einen Fuß im Wasser zu
halten 10 ). Dem Schluß der Gerichts¬
sitzung ist im MA. der alte (heidnischen
Opfern entsprungene) Brauch eines Im¬
bisses gefolgt, das R.mahl, eine wesent-
692
liehe Erscheinung bis in die Neuzeit, oft
auf Kosten der Gerichtsgemeinde, meist
aber aus den während der Tagung be¬
zogenen Pfändern und Gerichtsbußen be¬
stritten 11 ).
Als der Sieg des röm. Rechts das alt¬
deutsche Gerichtsverfahren zerstört hatte,
verfiel der dt. R. nicht nur mit Inquisition,
Folter, Aktenformalismus einer grauen¬
haften seelischen Verrohung und der Ab¬
stumpfung jedes natürlichen Rechtsge¬
fühls, sondern auch im Hexenprozeß einer
kritiklosen Dämonenangst, die diesen
erhabenen Stand für lange Zeit aufs tiefste
entwürdigte 12 ) und noch im 18. Jh. füh¬
rende Juristen beherrschte 13 ).
Über den Nachr. vgl. Scharfr., un¬
ehrlich.
2 ) Grimm RA. 1, 378 f.; 2, 331 ff. bes. 359 ff-
369; H. Brunner Dt. Rechtsgeschichte 2 1, 198 ff. ;
1 Amira Grundriß 239. 253ff. 267f. 271; Heine-
j mann a. a. O. 8f.; Hoops Rcallex. 3, 499ff.
Schräder Reallex. 2, 252f. 3 ) Grimm RA.
2, 371 ff. 380. 554; s. a. 1, 186f. 4 ) Ebd. 2, 43of.;
Gold mann Einführung 39. 6 ) Grimm RA.
2, 374h; s. a. 1, 260. 6 ) Ebd. 2, 405ff. 409h
7 ) Ebd. 2, 375; vgl. SAVk. 26, 47ff.; s.o. 1, 1013.
8 ) Grimm RA. 2, 376h 9 ) Ebd. 2, 373f.
10 ) JbhistVk. i, 319; vgl. Grimm RA. 2, 373.
u ) Ebd. 2, 507^.; Heinemann 35f.; Bir-
linger Aus Schwaben 2, 206f.; vgl. die Gabe
von Wein, Brot u. Äpfeln an den neu gewählten
R. (Brig, bis 18. Jh.) SAVk. 7, 163f. 12 ) Vgl.
S. Riezler Geschichte der Hexenprozesse in
Bayern (1896), i8ff. 152t. 155; Heinemann
62ff.; H. Fehr Gottesurteil u. Folter in Festgabe
f. R. Stammler (1926), 231 ff. ; ders. in ZRG.,
germ. 53 (1933). 317b 13 ) Riezler a. a. O.
272 ff. 279.
3. Im dt. MA. ist die erhabene Stel¬
lung des R.s unbestritten; denn ,,der R.
sitzt an Gottes Statt“ 14 ). Das Rechts¬
sprichwort kündet ausführlich von den
guten und von den schlechten Eigen¬
schaften des R.s 15 ). Als seine schönste
Pflicht hat der R. das den Armen angetane
Unrecht zu rächen 16 ). In Frankreich ist,
ausgehend von der Bretagne, bis in die
jüngste Zeit ein 1347 heilig gesprochener
R. Ivo um Hilfe angegangen worden, weil
er zu Lebzeiten gerecht gewesen; mit aller¬
lei zwingenden Riten, wie Hinwerfen eines
Geldstücks, Drehen eines Rades in der
Kapelle, war diese Anrufung verknüpft 17 ).
In Deutschland hat der Ivo-Kult nament¬
lich im 15. und 16. Jh. in den juristischen
693
Fakultäten der Universitäten eine Rolle
gespielt 18 ). Der gelehrte R. der Neuzeit
aber ist dem Volke entfremdet worden
wie die ganze röm. Rechtsprechung (vgl.
Recht § 2); stark sind daher seitdem des
Volkes Spott und Abneigung gegen den R.
(und den Advokaten!), welche auch in der
Literatur zumal des 16. Jh.s einen leb¬
haften Ausdruck gefunden haben 19 ). Der
Angang einer Gerichtsperson am Neujahrs¬
tag bedeutet natürlich künftiges Ge¬
fängnis 20 ).
Den ungerechten R., welcher falsch
entschieden oder Unschuldige gerichtet
hat, läßt die Erbitterung der Volksseele
schwere Strafe erleiden als ein Gottes- j
gericht, z. B. durch einen jähen Tod ange- I
sichts des Hochgerichts 21 ); solche R. ver¬
sinken in der Erde, oder es holt sie der
Teufel, sie wandeln nach ihrem Tode als
Geister, als Hunde umher; besonders ver¬
breitet sind die Sagen von hartherzigen j
Pflegern, die nach ihrem Tode mit dem
Kopf unterm Arme gesehen werden 22 ).
Die Strafe steht gern in Beziehung zu dem
Fehlurteil, so verschluckt der falsch zuge¬
sprochene Boden 12 ungerechte R. bis an
die Knie 23 ), oder die R. müssen so lange
mit den Köpfen zweier unschuldig gerich¬
teter Männer kegeln, bis sie durch Gottes
Wort verscheucht werden 24 ). Ungerechte
R. werden auch zur Strafe in einen Baum
gebannt 25 ).
Wie andere Rechtsbräuche haben Amt
und Namen des R.s sich in den Sitten des
bäuerlichen Gemeindelebens erhalten, zum
Teil in festlicher Form wie das R.setzen
der Steiermark am Dienstag vor Fast¬
nacht 26 ). R. heißt auch der Vorsitzende
des rheinischen Maigerichts der Burschen
über die Mädchen 27 ).
14 ) L. Winkler Dt. Recht im Spiegel dt.
Sprichwörter (1927), 138. 15 ) Winkler a. a. O.
iöoff.; E. Graf u. M. Dietherr Dt. Rechts¬
sprichwörter (1869), 408ff. 16 ) Kudrun, Strophe
20; vgl. Fehr Das Recht in der Dichtung (1931),
129. 316. 467. 487. 509. 17 ) E. Jobbe-Duval
Les idees primitives dans la Bretagne contem-
poraine (1920), 1 —190 (L’adjuration ä saint
Yves de Verite); JbhistVk. 1, 316h.; E. v.
Moeller Der hl. Ivo als Schutzpatron der Ju¬
risten u. die Ivo-Brüderschaften, HistorVjschr. 12
(1909), 321 ff.; Kerler Patronate 1. 280. 283.
2 95 - 380. 18 ) HistorVjschr. 12, 328ff. 19 ) Hei¬
nemann a. a. O. 73ff. 89ff.; sogar in Blutsegen
(,,Blut stehe still, wie R. u. Schöppen in der
Höll“), W. §§ 230. 687. 20 ) W. § 288. 21 ) Ba¬
varia 1, 312 (Oberbayern). 22 ) Mailly Dt.
Rechtsaltertümer (1930), 181. 241 (Lit.); s. a.
Alemannia 6,168 (Vöhringen); Kuoni St. Galler
Sagen 91; Zingerle Sagen 253; Zaunert
Hessen-Nassau 324f.; Grässe Preußen 2, 838.
856 (Hannover). 23 ) Grimm Sagen 90. 84 )
Strackerjan 1, 2i4ff. — Lübbing Fries.
Sagen 152 f. 25 ) Eisei Voigtland 51. 86f.
26 ) Mailly a. a. O. 103; Heinemann 123t.
27 ) Urquell 4, 238; s. a. v. Künßberg Rechts¬
brauch u. Kinderspiel (1920), 57f.
Müller-Bergström.
richtig, Ableitung von recht , hat u. a.
auch die Bedeutung naturgemäß, natürlich
angenommen, besonders als Prädikativum
in der W T endung r. sein. So sagt man z. B.
eines richtigen (— natürlichen) Todes
sterben. Verbreitet sind vor allem die Wen¬
dungen: es geht nicht mit richtigen (oder
rechten ) Dingen zu, es ist nicht richtig
(= es ist nicht geheuer, s. d.); z. B. hier
ist's nicht richtig (Schiller, Fiesko 4, 3),
so auch ein Haus in richtigen Stand setzen
= geheuer machen, von Gespenstern be¬
freien (Simpl. 2, 209. Kurz).
q DWb. 8, 898; Strackerjan 2, 289.
Mengis.
Richtfest s. Hausrichte 3, 1565!.
Richtschwert. Die abergläubischen
Vorstellungen im Bereiche des R.s be¬
wegen sich hauptsächlich in zwei Rich¬
tungen.
1. Das R. nimmt teil an den magischen
Kräften, welche vom Körper des Hinge¬
richteten ausgehen (Finger, Haut, Fett,
Schamhaare usw.). Begreiflich; denn es
hat ja den Körper berührt und ist mit Blut
bespritzt worden. Das R. verlieh daher
außerordentliche Kräfte, wenn es im
Kampfe verwendet wurde, und besaß
heilbringende Wirkungen. Kinder, die
mit aufrecht gekehrtem Gesicht zur Welt
kommen, gelten später als der Justiz ver¬
fallen und können davor nur gerettet
werden, wenn der Scharfrichter das Kind
mit dem Richtschwert blutig ritzt x ).
2. Das R. gibt von sich aus Zeichen,
wenn es neue Opfer fordert. Meister Franz,
der berüchtigte Scharfrichter zu Nürnberg,
berichtet, daß er den bald erfolgenden Be¬
fehl zur Enthauptung eines Gefangenen
am Zittern seines an der Wand hängenden
R.s voraus erkannt habe 2 ).
695
Richtung—Rind
696
In Bremen sollten anno 1539 80 See¬
räuber enthauptet werden. Da erklang
das R. 80 mal und dann noch einmal:
Der Scharfrichter wurde einige Jahre
später selbst hingerichtet wegen Zau¬
berei 3 ).
x ) John Westböhmen 285: ZdVfKulturg.
N. F. 2 (1873), 96; Panzer Beitrag 2, 279.
2 ) Lammert 97. 3 ) I. G. Kohl Alte u. neue
Zeit 167 u. 174; SAVk. 4, 337; Keller Der
Scharfrichter in der deutschen Kulturgeschichte
(1921), 236. Fehr.
Richtung s. Himmelsrichtungen.
riechen, mhd. rauchen, Rauch und Ge¬
ruch verbreiten, bei Alemannen und
Bayern gebraucht man unter Übertragung
des mit dem Geruchsinn eng verwandten
Geschmacksinns hierfür „schmecken“ 1 ).
Jedes Volk empfindet den einem anderen
Volk als charakteristisch eigenen Geruch
als stinkend (Völkergeruch) 2 ), weshalb
die Juden im M.-A. auch als „Stinker"
bezeichnet wurden (foetor iudaicus) 3 ).
Auch der j edem einzelnen Menschen eigene
Geruch wird im Aberglauben ausgewertet:
Der Verliebte gibt seiner Braut einen Apfel
zu essen, den er vorher unter der Achsel
getragen hat, um durch den darauf über¬
gegangenen Eigengeruch Gegenliebe her¬
vorzurufen 4 ). Durch den Geruch des
Rauches, der bei der Verbrennung stark¬
riechender Pflanzen und Essenzen ent¬
steht, sollten Hexen und Teufel mit ihrem
ansteckenden Krankheitsstoff vertrieben
werden 5 ). Bei Beschwörungen guter
Geister wird wohlriechendes Rauch werk,
bei bösen stinkendes Rauchwerk ange¬
wendet 6 ). Starkriechende Hexenkräuter
werden als Schutzmittel gegen Krank¬
heiten aufgehängt 7 ). Kinder soll man
unter dem ersten Jahre an nichts riechen
lassen; sonst lernen sie nicht unter¬
scheiden, was gut und schlecht riecht 8 ).
*) ZfVk. 1893, 440. 2 ) Andree Parallelen
2, 213 ff. 3 ) Ebd. 221 f.; ZfVk. 1893, 444. 4 ) Ebd.
439 f-; 1914» * 3 - 5 ) ZfVk. 1893,445. 8 ) Kiese-
wetter Faust 334. 7 ) ZfVk! 1893, 445 -
8 ) Grimm Mythol. 3, 443 Nr. 277; Schön¬
werth Oberpfalz 1, 181 f. Zepf.
Riemen s. Nachtrag.
Riese s. Nachtrag.
Rind. Rinder als Zugtiere. Kühe
und Rinder sind die ältesten Zugtiere. Bei
den Alten ist der Ochse als pflügendes
Tier besonders geehrt. Demeter wird
auf dem Stier sitzend abgebildet. Die
Römer durften ihn nicht der Ceres opfern,
weil er zum Pflügen bestimmt sei 1 ).
In nordischer Urzeit erhielt eine fahrende
Frau soviel Pflugland, als 4 Ochsen Tag
und Nacht beackern konnten 2 ). Das
Pferd spielt beim germanischen Pflügen
eine Nebenrolle 3 ). Noch die merowin-
gischen Könige fuhren mit Rinderge¬
spann 4 ). Bei Totenbestattungen wurde
die Leiche nach Ausweis fränkischer Hei¬
ligenlegenden mit Kühen oder Ochsen
zu Grabe geführt 5 ). Die Gebeine des
heiligen Gezelinus sollten überführt wer¬
den. Das Pferd vermochte sie nicht zu
ziehen, Vorspann nützte nichts, bis man
zwei Kühe an den Wagen spannte 6 ).
Der wendische Kreuzbaum wurde von
einem Paar, der englische Maypole von
20—40 Jochen Ochsen gezogen 7 ). Ein
Paar Zugochsen heißt ein Joch Ochsen 8 ).
Sie erhalten das Hals- oder Stirn- (Horn-)
joch, auch Kämpen genannt. Ochsen
erscheinen dem Bauern zuweilen vor¬
nehmer vor dem Leichenwagen, wenn
das gewöhnliche Zugtier das Pferd ist 9 ).
Auch ist ein pflügender Ochse im Ber-
gischen glückverheißend, weil dort das
Zugtier meist das Pferd ist 10 ). In einigen
Teilen der Oberpfalz nimmt man Pferde,
in anderen Ochsen vor den Leichen¬
wagen 11 ). In der bayrischen Rhein¬
pfalz, im Niederelsaß und in Baden
geniert sich der Bauer, sich um Ochsen
herumzuzerren, als Zeichen, daß ihm die
Ochsen nicht viel bedeuten, daß er lieber
Pferde mag 12 ). Dagegen ist als Über¬
rest der hohen Achtung vor dem kul¬
tischen Tier anzusehen, wenn ein Ochsen¬
knecht nicht sterben, ein andrer nach
dem Tode nicht Ruhe finden konnte,
weil sie die Ochsen zu sehr geschlagen
hatten 13 ).
1 ) Ovid Fasti 4, 413, 631 = ZfVk. 14 (1904),
57. 2 ) Snorra Edda 1, 80 = Meyer Germ. Myth.
237.416. 3 ) ZfVk. 14 (1904), 6. 4 ) Dazu Grimm
RA. 1, 364 f. B ) Mannhardt 1, 576; Germ.
Mythen 51/52. 6 ) ZfrwVk. 1914, 261. 7 ) Mann¬
hardt 1, 583. 8 ) Grimm RA. 1, 127; ZfVk. 10
(1910), 49. 9 ) ZfVk. 6 (1896), 409. 10 ) ZfrwVk.
1914, 261. u ) Schönwerth Oberpfalz 1, 255
— Sartori Sitte 1, 195; Mannhardt Germ.
Mythen 51. 12 ) Meyer Baden 396. 13 ) ZfVk. 10 1
(1900), 50.
Das Rind als weisendes Tier.
Eine Kuh zeigt in der griechischen Sage
dem Cadmus den Ort, wo er sich ansiedeln
soll. In einer schwedischen Sage (Wiesei-
gren 408) zeigen Kühe den Ort an, wo
eine Kirche gebaut werden soll. Säugende
Kühe weisen die Stelle für den Kirchen¬
bau, ein schwarzer Stier für den Schlo߬
bau 14 ). Der Stier erscheint als Todes¬
bote 15 ), er entdeckt ein Bergwerk 16 ).
Ochsen bestimmen den Bauplatz der
Kirche zu Blexen 17 ). Ochsen zeigen die
Stelle, wo ein im Wasser daher geschwom¬
menes Kreuz aufgerichtet werden soll,
und ein Ochs ist es, der den Platz für die
Errichtung des Klosters Ochsenhausen
erweist 18 ). Ochsen bleiben an einem
vergrabenen Katharinenbilde stehen 19 ).
Ein goldener Ochse erscheint einem schla¬
fenden Waldarbeiter, trinkt an der Quelle
und verschwindet in der Erde. Die Ar¬
beiter gruben an der Stelle, die später
das Goldloch hieß 20 ). Dem goldenen
Ochsen von Goldberg riß man das Horn
ab, ein bildlicher Ausdruck, der besagen
will, daß man eine reiche Ader anschlug 21 ).
Ein roter Ochse hütet einen Schatz 22 ).
Rote Ochsen fahren den Schatz fort 23 ).
Ein Ochsengespann zieht die Leiche; wo
die Tiere stehenbleiben, wird der Tote
begraben. Die fromme Edelfrau von
Tübingen betete viel in der Kirche zu
Gößlingen. Vor ihrem Tode bestimmte
sie, daß ihre Leiche auf einem Wagen
von ungewohnten Ochsen gezogen werden
sollte. Wo sie das dritte Mal halten wür¬
den, sollte man sie begraben. Das ge¬
schah an der Kirche zu Gößlingen. Das
Volk glaubte, daß in ihrem Grab reiche
Schätze verborgen seien 24 ). So wurde
der Sarg der Stillae von zwei frei gehenden j
Ochsen bis zu einer Kapelle, der des hei¬
ligen Emeran bis zur Kapelle in Feld¬
kirchen gezogen 25 ). Die Sterbenden
ordnen an, daß man an der Stelle, wo
die Ochsen stehenbleiben, eine Kirche
oder Kapelle bauen soll 26 ).
Der Ochse spricht und weissagt. Da¬
von berichtet schon Livius 27 ). Unter
dem Konsulat von Cn. Domitius und
L. Quintius setzte ein Ochse Rom in
Schrecken durch die Worte ,,Cave tibi,
Roma“. Ein Ochse sagt dem Bauern
den Tod an und zieht den Leichnam.
Wo er stehenbleibt, begräbt man den
Verstorbenen 28 ). Ein Stier verkündete
dem Bauern, der sich versteckt hatte,
zu Weihnachten um 12 Uhr, daß er ihn
in drei Tagen ins Loch fahren werde.
Und so geschah es 29 ). In der Silvester¬
nacht sprechen die Tiere weissagend im
Stall (Ostpr., Voigtl., Baden) 30 ). Die
Kühe sprechen in der Weihnachtszeit 31 )
und weissagen, was im nächsten Jahr
im Gehöft geschehen wird 32 ). Während
des Wandlungsläutens in der heiligen
Nacht sprechen die Tiere im Stall. Doch
wird der fürwitzige Lauscher zerrissen,
wenn er nicht bis zum letzten Läuten
aus dem Stall sich entfernt hat 33 ).
14 ) Müllenhoff Sagen 112 = ZfVk. 11 (1901),
409. 15 ) Schwebel Tod u. ewiges Leben 117.
16 ) Heyl Tirol 643 Nr. 112. 17 ) St racke rj an 2,
141 Nr. 370. Dazu Vernaleken Alpensagen
267; Grimm Sagen 247 Nr. 341; Fischer
Angelsachsen 27; Herzog Schweizersagen 1, 100.
18 ) Hopf Tierorakel 78 = ZfVk. n (1901), 409;
Poll in ge r Landshut 74. 19 ) Kühilau Sa gen 3,
443. 2Ü ) ebenda 3, 732. 21 ) ebenda 3, 734 f.
22 ) Meiche Sagen 756 Nr. 926. 23 ) ebenda 752
Nr. 920. 24 ) Birlinger Volksth. 1, 403; Baum¬
garten Heimat i, 70 f. 25 ) Panzer Beitrag 1,
161 u. 220. 26 ) ebenda 1, 224. 226; Meier Schwa¬
ben 1, 316; dazu Vernaleken Alpensagen 267.
318; Lütolf Sagen 331. 316; Mannhardt
Germ. Mythen 51t.; Grohmann Sagen 244;
Kuhn Westfalen 1, 266 Nr. 305; Niderberger
Unterwalden 1, 109. 110; Peter Burgen u.
Schlösser N. F. 1894, S. 76 = Kühnau Sagen 3.
474; Schell B er gische Sagen 8 Nr. 10; Heyl
Tirol 197 Nr. 1. 27 ) Gubernatis Tiere 191.
28 ) Birlinger Volksth. 1, 414. 29 ) ZfVk. 10
(1900), 50. 30 )Wuttke 575—77. 31 ) SAVk. 2,
17. 32 ) Drechsler i, 44. 33 } ZföVk. 23(1917),
125.
Rinder als Opfertiere. Das R. als
Opfertier 34 ). Stier und Ochse waren
bei den meisten Völkern der alten Welt
die Opfertiere für die Hauptgottheit 35 ).
Bei den Germanen war die Kuh der
Nerthus heilig, der Stier wurde dem
Freyr geopfert. R. und Stier waren noch
im 8. Jahrhundert Totenopfer 36 ). Im
schwedischen Bärgslagen war ehemals der
juloxar (Julochse) üblich als Schlacht¬
tier und Festbrot 37 ). Ochsenbraten ißt
man am Krönungsfest 38 ). In Ober-
699
Rind
Ring
702
steier heißt ein großer Semmelwecken
Ochs; die Verwandten schenken ihn der
Wöchnerin 39 ). Der Ochsenumzug zu
Fastnacht in Luxemburg 40 ), das Um¬
führen eines Ochsen beim Metzgersprung
in München, das Straubinger Metzger¬
stechen, die Frankfurter Milzkuchen, der
Rostocker und Oldenburger Piepochse,
das Münsterer Ochsenschlachten sind
%
Überbleibsel des alten Frühlingsopfers 41 ).
Dahin gehört auch das Bekränzen eines
Ochsen zu Ostern in Überlingen 42 ), zu
Johanni 43 ), zu Pfingsten 44 ), das Schmük-
ken der besten Kuh 45 ).
34 ) Quitzmann 239; Meyer Germ. Myth.
245; Grimm Myth. 1, 40; Höfler Waldkult 19.
28. 71; Jahn Opfergebräuche 347; Stengel
Opfer gebrauche 236. 35 ) Höf ler Organotherapie
86 f.; Mannhardt Germ. Mythen 10; Götter 24;
Dieterich Kl. Sehr. 258. 262. 494. 500. 505.
Hepding^ttis 129. 149. 36 ) Meyer Germ. Myth.
113.115; Höfler Organotherapie 87. 37 ) Hammer¬
stadt Fei Iber g 2, i83 = Höfler Weihnachten 15.
38 ) Sepp Religion 180. 39 ) ZfVk. 8 (1898), 444.
40 ) Fontaine Luxemburg 27. 41 ) Höfler Fast¬
nacht 28; Strackerjan 2, 74 Nr. 314 u. 2, 141
Nr. 340. 42 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 81 ;
Mannhardt 1, 396; Jah n Opferfgebräuche 136
= Meyer Baden 502. 43 ) J ohn Erzgebirge 1,
206. 44 ) Sartori Sitte 3, 195; dazu Wuttke
128 §174; ZfVk. 7 (1897), 9 2 : Jahn Opfer¬
gebräuche 305. 45 ) Meier Schwaben 397. 402; SA-
Vk. 2, 149; Hüser Beiträge 1898, 35 = Sartori
Sitte 3, 195.
Das Rind in mythischen Vor¬
stellungen. Das R. als Wolke 46 ). Be¬
deutung des R.s in der indogermanischen
Mythologie 47 ). Das R. als Totengabe 48 ).
Riesen raubten gern R.er 49 ). R.er als
Korndämonen 50 ). Odins R. 51 ). Weisende
R.er 52 ). Gespenstige R.er 53 ). Das R.
als Haustier 54 ). Schwarze R.er in alten
Zeiten als Kaufgeld bei den Bauern 55 ).
Das R. in der Volksbotanik als R.saug-
blume usw. 56 ).
46 ) Laistner Nebelsagen 161; Rochholz
Naturmythen 217; Simrock Mythologie 204;
Usener Kl. Sehr. 4, 511; Grimm Myth. 2,
559 ,' 3 , 190- 47 ) Kuhn Mythol. Stud. 2, 91;
Mü lienhoff Altertumskunde 4, 755; dazu
Spieß Prähistorie 157; Frazer 12, 183;
Wächter Reinheit 89; Schräder Reallex. 689;
Sebillot Folk-Lore 4, 448; Hoops Reallex. 3,
503. 48 ) Meyer Germ. Myth. 113. 49 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 170. 50 ) Mannhardt
Forschungen 378. 51 )v. d. Leyen Sagenbuch 1,
187. 52 ) Möllenhoff Sagen 112 Nr. 139;
Quitzmann 240. 53 ) ebenda u. Schönwerth
Oberpfalz 2,19. 340; 3,191. ^Keller Haustiere 70.
482; Hopf Tierorakel 20. 30. 32. 33. 76; Carus
Zoologie 11.35. 181; KraußSf/te«. Brauch 106.
5S ) Heyl Tirol 790 Nr. 168. 56 ) Marzeil Pflan¬
zennamen 226.
D as R. in der Volksmedizin.
R.sblut erscheint im Siedezauber 57 ).
R. fl ei sch wird schon von Celsus zu den
Haustierfleischarten gerechnet, die die
stärksten Nahrungsstoffe haben 58 ). Äu¬
ßerlich wird es gegen Magenkatarrh auf¬
gelegt 59 ), gegen Augenentzündung 60 ),
Gerstenkorn 61 ), roh auf Warzen und dann
vergraben 62 ). In den Nacken gebunden,
zieht es Kopf- und Augenflüsse ab 63 ).
Beim Fleischer erbettelt, wirkt es gegen
Zahngeschwulst und Rotlauf 64 ), gestoh¬
len gegen Zahnweh 65 ). Bei Krebs soll
es frisch und noch warm aufgelegt wer¬
den 66 ). Gesalzen und gepulvert zu einer
Salbe, damit die Wunde nicht zuheile 67 ).
Gedörrt und gepulvert mit Weinessig
gegen Seuchen 68 ). In Essig und Wein
gesotten gegen Brennen im Magen 69 ).
Geräuchert und mit Nußblättern zu Pulver
gerieben mit warmem Wein bei Frauen¬
leiden 70 ). Gegen Würmer im Schaden
eines R.es 71 )- R.fleisch essen hilft gegen
Zwerge 72 ).
R.sgalle: äußerlich gegen den Wurm
in der Frauen Brust 73 ). Gegen noch nicht
aufgebrochene Frostschäden (Ostpreu¬
ßen) 74 ). Salbe aus R.sgalle mit Urin auf
Wunden 75 ). Gegen Spulwürmer bei
Kindern auf den Nabel binden 76 ), oder
mit Kürbis 77 ). Gegen schlechtes Ge¬
hör 78 ), ebenso mit Frauenmilch 79 ). Ge¬
gen Würmer in den Ohren 80 ), ebenso
mit Rosenöl und Wermut 81 ). Bei trä¬
nenden Augen 82 ), bei Leberanschwellung
(Polen) 83 ).
Die Galle des männlichen Tieres ist
bis in die neueste Zeit bevorzugt. Sie ist
seit alters her offizineil 84 ). Plinius er¬
wähnt ihren Einfluß auf die Halsdrüsen 85 )
und führt sie als Mittel zu Konzeptions¬
zweckeil, gegen Geschlechtskrankheiten,
Afterbeschwerden und Hautleiden an 86 ).
R.shorn geschabt mit Majoranwasser
gegen Zungenschlag 87 ), Husten 88 ) und
gegen Würmer in der mittelalterlichen
nordischen Volksmedizin 89 ). R.skno-
chen pulverisiert mit Honig gegen Spul¬
würmer (slowenisch) 90 ). Das R. liefert
701
3un häufigsten seine Leber als volks¬
medizinisches Mittel, da es auch das am
häufigsten geschlachtete Haustier ist bzw.
war 91 ). Schon im Papyrus Ebers er¬
scheint Kuhleber als Mittel gegen (weib¬
liche?) Urinbeschwerden, bei Hippokrates
als Mittel gegen Hitze in den Augen.
Plinius empfiehlt sie als Mittel gegen
Ruhrkolik. R.sleber gegen Durchfall,
zur Steigerung der Milchsekretion bei
Frauen; gebraten gegen den Scheidefluß
bei Celsus und Hippokrates 92 ). In Butter
zerlassen, Dampf gegen Gelbsucht, da¬
nach gegessen 93 ). R.ermark mit allerlei
andern Teilen gemischt, gegen alte und
neue Schäden 94 ), gegen Grind 95 ). R.er-
milch wird als gut gegen Milzkrank¬
heiten schon bei Celsus empfohlen 96 ),
nimmt als Pharmakos Krankheiten an
sich 97 ), destilliert bei Milzverstopfung und
unregelmäßigem Monatsfluß 98 ). R.er-
mist gegen Blattern"). Als Pflaster,
wenn Ader angeschnitten 10 °) und gegen
schwere Gebrechen 101 ). Mit R.erschmalz
soll man, wenn das Pferd nicht stallen
kann, das „Geschröt“ einreiben 102 ). R.er-
talg gegen Würmer 103 ) auflegen und um
Fremdkörper zu entfernen 104 ).
57 ) Meiche Sagen 487 Nr. 633. 58 ) Höfler
■Organotherapie 87. 59 ) Jühling Tiere 153.
80 ) ebenda. 6l ) ebenda 11. Seyfarth Sachsen 297.
62 ) Jühling Tiere 153. 63 ) Seyfarth Sachsen
297. 64 ) Jühling Tiere 151. 65 ) Grabinski
Sagen 41. 66 ) Wuttke 394 §523. 67 ) Jühling
Tiere 148. 68 ) ZfVk. 8 (1898), 391. 69 ) Jühling
Tiere 142. 70 ) ebenda 147. 71 ) ZfVk. 8 (1898),
309. 72 ) Kuhn u. Sch war tz 483; Engelien u.
Lahn 275. 73 ) Jühling Tiere 148. 74 ) Urquell
3 (1892), 68. 75 ) Hovorka u. Kronfeld 2,
367. 76 ) Höfler Organother. 206. 77 ) Jühling
Tiere 146 = Höfler Org. 205. 70 ) Jühling
Tiere 151 = Höfler Org. 205. 7d ) Höfler Org.
205. 80 ) Jühling Tiere 145 = Höfler Org. 205.
81 ) Jühling 146 = Höfler 204. 82 ) Jühling
150 = Höfler 207. 83 ) Hovorkau. Kronfeld
2, 136. 84 ) Höfler Org. 202. 85 ) ebenda 206.
8# ) ebenda 202 f. 87 ) Jühling Tiere 150.
88 ) ebenda 142. 89 ) HöflerOrg. 87. 9C ) Hovorka
u. Kronfeld 2, 103. 91 ) Höfler Org. 165.
92 ) ebenda u. 166. 93 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 113. 94 ) Jühling Tiere 151 u. 142; ZfVk. 8
(1898), 43. 95 ) Jühling Tiere 143. ® 6 ) Höfler
Org. 264. 97 ) ebenda 265. 98 ) ebenda 265;
vgl. auch 264; Rindsgalle im Kuhstall„Fogel
Pennsylvania 173. 830. ") Jühling Tiere 152.
3(, °) ebenda 148. lcl ) ebenda 147. 1;2 ) ZfVk. 8
(1898), 44; dazu ZfrwVk. 1918, 185; Höhn
Geburt 4, 256. lc3 ) Jühling Tiere 146. 1C4 ) Ho¬
vorka u. Kronfeld 2, 368. Wirth.
Ring. Wesentlich ist ihm die Form
des geschlossenen Kreises; wo R. sprach¬
lich Kreis gleichgestellt ist, s. Kreis. Im
folgenden ist R. allgemein der Reifen;
sein Material und seine Verwendung ist
verschieden. Eine besondere Form des
Reifens ist der Fingerr., weil, abgesehen
von seiner Sonderbestimmung, auch seine
stoffliche Beschaffenheit auf Metall ein¬
geschränkt wurde. Weiter erscheint die
Feststellung wichtig, daß die Sonderent¬
wicklung des Fingerr.es zum Schmuckr.
keinen Aberglauben entwickelt hat und
sich dieser nur an den Verlobungs- bzw.
Eher, knüpft. Die dem Schmuck zu¬
grunde liegende magische Auffassung ist
für den Schmuck-Fingerr. verloren ge¬
gangen, während sie sich bei dem Verlo¬
bungs- und Eher., von Rechts- und reli¬
giösen Normen überschichtet, erhalten hat.
Die Menschen, die den Schmuckr. tragen,
haben nämlich jenes primitiv-magische
Denken überwunden, und was sie an
Aberglauben auf weisen, gehört in das
Gebiet der Edelsteinsymbolik. Schlie߬
lich muß beachtet werden, daß der am
Fingerr. haftende Aberglaube immer
eine besondere Form des R.aberglau-
bens im allgemeinen ist. Die PmtWick¬
lung führt also vom R. = Reifen zum
Fingerr. als Verlobungsr. und Eher.;
auch sprachlich wird allgemein beim
T? Korrrl an Kon mit* mpKr
Fingerr.es gedacht.
Die Geschichte des R.es greift begreif¬
licherweise über den germanischen Kultur¬
kreis hinaus und zurück in die Antike
und weiter noch in die orientalischen
Kulturen. Sie ist somit ein Gegenstand
der ethnographischen Wissenschaft, denn
die Frage nach der Auffassung der mensch¬
lichen Kleidung und bestimmter Schmuck¬
sachen spielt hierbei eine wesentliche
Rolle 1 ). Durch den Hinweis auf so
wichtige und zum Teil noch umstrittene
ethnologische Probleme ergibt sich, daß
der deutsche R.aberglaube vieles von dem
der Antike übernommen haben mag und
daß unter den synkretistischen Anschauun¬
gen die einzelnen Elemente schwer ge-
703
Ring
704
schieden werden können. Es stehen sich
im wesentlichen bisher drei Auffassungen
gegenüber: R. Wünsch leitet den Aber¬
glauben von der Form her und sieht
darin eine Gestaltung des Zauberkreises.
„Es lag nahe, mit dem geheimnisvollen in
sich selbst zurückkehrenden Rund die¬
selbe abergläubische Vorstellung zu ver¬
binden wie mit dem Zauberkreis“ 2 ). Dem¬
gegenüber steht eine zweite schon in der
Antike vertretene Auffassung, die von
Jos. Heckenbach eingehend begründet
wurde. Der R. ist Bindung und hat
dieselbe apotropäische Bedeutung wie der
Faden 3 ); diese allgemein vertretene An¬
sicht wird von Ganszyniec abgelehnt 4 ),
dagegen hat H. Güntert auf Grund be¬
deutungsgeschichtlicher Untersuchungen
die Auffassung von dem Bindecharakter
des R.es gestützt 5 ).
Zu dieser Schwierigkeit bezüglich der
Auffassung des R.es treten noch durch
Grenzfälle Modifikationen der ursprüng¬
lichen Bedeutung:
1. durch Einfügung
a) einer Platte mit der Darstellung
von Bildern und Zeichen von bestimmter
Bedeutung. Dadurch kann der dem
Reifen zugrunde liegende Sinn teilweise
modifiziert oder auch ganz verdrängt
werden. Z. B. wird auch der Siegelr.
durch die Platte mit ihren Eingravierungen
einen bestimmten Aberglauben entwickelt
haben; im übrigen spielt der Siegelr. im
Gegensatz zur Antike im deutschen
Aberglauben keine beachtenswerte Rolle 6 ).
b) von Edelsteinen. Gerade durch sie
erfuhr der aus der Form erfließende Aber¬
glauben eine weitgehende Modifikation.
Die Verwendung von Steinen und Gem¬
men wurde im MA. aus der Antike über¬
nommen und zugleich damit der Glaube
an ihre Wunderkräfte 7 ) (s. Edelstein).
2. durch das verwendete Material. Den
Metallen kommt im Aberglauben eine
bestimmte Bedeutung zu; oft mag sich
diese auch, wie bei der Vorschrift, daß
der R. aus Eisen sein muß, kulturgeschicht¬
lich erklären, weil der R. in dieser Ver¬
wendung aus einer Epoche stammt, wo
das Eisen dem Menschen als letzte und
gewaltigste Errungenschaft zukam.
3. durch die Art der Erwerbung und
Herkunft des Materials für den R.: So
muß es z. B. zusammengebettelt sein. Das
Betteln spielt eine besondere Rolle im
Aberglauben (s. betteln). Es muß von
Sargnägeln stammen.
4. durch die Herstellung durch be¬
stimmte Personen und unter bestimmten
Umständen und zu gewissen Zeiten.
Z. B. müssen die R.e von einem Schmied
in der Karfreitagsnacht nackt geschmiedet
sein.
5. durch die besonderen Arten des
Fingerr.es: so bedeutet der Trau-Eher.
eine weitere Modifikation.
Daraus ersieht man, daß der deutsche
R.aberglaube eine verwirrende Fülle auf¬
weist, nicht nur durch die Verdunkelung
der ursprünglichen dem R. zugrunde lie¬
genden Auffassung, sondern auch durch
die ihm im Laufe seiner bis heute an¬
dauernden Entwicklung zugekommenen
Modifikationen 8 ).
*) Zur Geschichte des R.es Schräder Reallex.
2 > 336 ff-; Heyne Kleidung 3495.; Hoops
Reallex. 3, 47 fr.; Pauly-Wissowa XI, 1,
833ff.; Lud 22, 33ff.; 23, 32ff. (umfassend,
wichtig auch f. den deutschen R.); Sitten
Gebräuche und Narrheiten 2380.; Schwartz
Studien 490. 497; Hüser Beiträge 2, 24 Nr. 3;
Amer. Notes and queries IV, 16 (Customs of the
ring); Kutsch mann R. und Kranz, Berl.
1896; Li pp er t Christentum 10f. 2 ) Antikes
Zaubergerät aus Pergamon, Berlin 1905,
42 t. 3 ) De miditate 69 ff. 4 ) Pauly-Wis-
sowa a. O.; Lud. a. O. 5 ) Der arische Welt-
kömg und Heiland, Halle 1923, 71 ff. 1330.;
Sprache d. Götter n. 6 ) Pauly-Wissowa a. O.
7 ) Heyne a. O. 194 387 . 351. ' 8 ) Eine deutsche
zusammenfassende Arbeit ist noch nicht vor¬
handen; viel, auch vergleichendes Material bei
Moritz Busch Deutscher Volksglaube, Leipz. 1877,
352 ff.; Jones Finger Ring Lore: Historical,
Legendary, Anecdotal, London.
Die Einordnung der abergläubischen
Auffassungen setzt die Entscheidung über
die Auffassung von der ursprünglichen
Bedeutung des Reifens voraus. Knüpfen
sich diese an die Form und ist der R. ein
materialisierter Zauberkreis (Richard
Wünsch) oder ist er der ins Metall über¬
tragene Faden und stellt eine Bindung
dar (Heckenbach) ? Diese Auffassungen
erscheinen m. E. nicht so gegensätzlich
zu sein als es ausschaut; denn beim
magischen Kreis ist einmal die Kreis-
i? 5
*
t
7 05
Ring
706
linie zu beachten und dann der von ihr
eingeschlossene Raum. Die erstere schei¬
det nicht nur einen bestimmten Raum
von der Umgebung sichtbar ab, sondern
sie ist auch die Bindung aller außerhalb
von ihr befindlichen Mächte jeglicher Art
und dadurch Schutz oder Neutralisierung
aller Gefährdung des eingeschlossenen
Raumes. Die beiden Ansichten scheinen
wohl für die ursprüngliche Bedeutung
des R.es vereinbar zu sein. Der R. ist
der sichtbar gemachte Zauberkreis,
der als Bindung zu dienen hat. Somit
fiele R. mit Kreis zusammen. Das er¬
sieht man, weil der an den metallenen R.
anknüpfende Aberglauben sich nicht von
dem des Kreises unterscheidet, aus wel¬
chem Material und welcher Art immer
er gebildet ist. So sieht man das Volk
in Odenberg, wenn man den Arm zu
einem R. = Kreis einbiegt und durch¬
schaut 9 ). Mit einem Blick durch einen
R. erkennt man die Liebesuntreue (Aar¬
gauisches Lied) 10 ). Die Hexen dürfen
nicht durch den Eher, schauen, dann be¬
halten sie ihre normale Stellung, wenn
der Priester bei der Messe nach ihnen
blickt 11 ). Der R. in der eingeschränkten
Bedeutung als Fingerr. wäre dann der
in Metall gebildete geschlossene Kreis,
der, statt im Bedarfsfall immer wieder
gebildet zu werden, in verkleinerter Form
vom Menschen ständig getragen wird.
Daher findet er sich auch als Schmuckr.
am Gürtel und zeigt so die Entwicklung
zu einem Amulett mit apotropäischer
Wirkung. Ferner erscheinen mit dem
Fingerr. besonders Frauen begabt,
die als besonders gefährdet gelten und
daher gesichert werden, und zwar ge¬
schieht es wieder in einer besonders ge¬
fährlichen Situation, in der Ehe.
So ist Kreis und Bindung durch ihn
enge zusammengehörig, und daher kann
in der einen abergläubischen Anschauung
einmal der Zauberkreis, in einer anderen
dagegen die magische Bindung mehr ver¬
selbständigt werden. Schließlich ist es
wichtig zu betonen, daß die übertragene
Auffassung des R.es ihren Ausgang von
der Bindung nahm und diese zur Grund¬
lage für die R.Symbolik wurde.
Bächtold - Stäubli, Aberglaube VI1
A. R. als Bindung im Sinne von Be¬
hinderung der vom Menschen zu voll¬
ziehenden Handlung. Der Mensch er¬
scheint als behindert und gebunden und
darf keinen R. tragen. Deshalb besteht
das Verbot des R.tragens bei allen Ge¬
legenheiten, wo eine Bindung für den
Erfolg der Handlung schädlich ist. Be¬
sonders im R.glauben der Antike ist
diese Seite stark ausgebildet
a) bei gottesdienstlichen Handlungen.
Im griechischen und römischen Kult er¬
fuhr diese Vorschrift eine strenge Be¬
achtung 12 ). Sie erfährt eine Umdeutung
in einer rituellen Vorschrift zur christ¬
lichen Taufe: videat episcopus, ne quis
vir gerat annulum vel mulier ornamentum
auro confectum (ex Testamento Syrio
Domini nostri Jesu Christi ed. E. Rah¬
manis, Moguntiae 1899, 127) 13 ). Die
R.ablegung ist gleich der des Gürtels.
b) der R. darf nicht am digitus medi-
cinalis getragen werden. Vgl. die Be¬
gründung bei Plinius n. h. 33, 24: ne
vis eius occulta eo vinculo minueretur 14 ).
c) beim Essen legten ihn die Römer
und auch Juden ab 15 ).
d) bei der Entbindung. Alle R.e
werden abgenommen, auch Ohr.e. Auch
hier besteht die Beziehung zum Begriff
lösen; jegliches Band wie Gürtel, Knoten
der Haare und der Kleidung müssen gelöst
werden 16 ). Bei den antiken Völkern
wird die Bindung gelöst, damit ein
Löse- (Analogie) zauber zur Auswirkung
kommt.
e) Den Toten werden gleich den Schla¬
fenden die R.e abgezogen. Diese Vor¬
schrift besteht bei den antiken Völkern
(vgl. Plin. n. h. 33, 27) 17 ) und über sie
hinaus bei den Tiefkulturvölkern 18 ). Es
geschieht, damit die Seele leichter heraus¬
gehen könnte. So wie der R. am Finger
das Symbol dafür ist, daß der Raum um
den Menschen nach innen geschlossen ist,
ebenso beinhaltet er auch eine Bindung
nach außen. Daher muß er abgelegt
werden, um der Seele den Austritt zu
ermöglichen. Die Abnahme jeglicher R.e
vom Toten findet sich noch sehr häufig,
z. B. in Tirol 19 ), wenn auch nicht immer
als eine bewußt abergläubische Anschau-
23
707
Ring
708
ung. Umgekehrt wird einer vor der
Hochzeit verstorbenen Braut von dem
aus der Fremde zurückgekehrten Bräuti¬
gam der Brautr. ins heimlich geöffnete
Grab mitgegeben (Tiroler Sage) 20 ). Da¬
mit soll der Vollzug der Ehe symbolisiert
werden. Dieselbe Anschauung liegt auch
der Totenhochzeit zugrunde (s. d.). Aus
demselben Grund wird der Kindbetterin
ein R. aus Stahl, der unbesehen verfertigt
werden muß, an den Finger gesteckt,
damit sie Ruhe habe und nicht wieder¬
kehre 21 ).
9 ) Grimm Myth. 2, 783 ff.; Ranke Sagen 81.
r ) Roch holz Sagen 2, 162. n ) Wallonia 6, 83.
12 ) Heckenbach a. O. 70; Wächter Reinheit
21; Chantepie Religionsgesch. 2, 286. 441;
Nilsson Griech. Feste 345. 13 ) Heckenbach
a. O. in. 14 ) Pa uly-Wissowa a. O.; Hecken¬
bach a. O. 15 ) Heckenbach a. O. 86 — ZfVöl-
kerpsych. 18, 259. 16 ) Samter Geburt 122 =
ZfVk. 17, 166. 17 ) Heckenbach a. O. 86.
I8 ) Frazer i, 328. lö ) Zingerle Tirol 49 Nr. 432
= Samter Geburt 129; ZfrwVk. 1904,29. 2 ) Al¬
penburg Tirol 344. 21 ) Höhn Tod 334.
2. Bindung im Sinne von Behinderung
und Abwehr alles dessen, was den Men¬
schen und sein Tun von außen schädigen
könnte.
Der Mensch erscheint als der Bin¬
dende, der sich so einen Raum schaffen
will, innerhalb dessen eine Handlung un-
geschädigt vor sich gehen soll. Hier
tritt mehr die Wirkung des Zauberkreises
in den Vordergrund, und es erfolgt die
Handlung in einem oder durch einen R.
Daher ist auch der an den metallenen
R. anknüpfende Aberglaube nicht ver¬
schieden von dem des R.es aus anderem
Material.
Das kommt besonders bei der Abwehr
a) des Schadenzaubers zum Ausdruck.
Man gibt den Kühen zum Schutz gegen
den Habicht ihr Fressen in einem R. aus
Reisig von dreierlei Bäumen 22 ). Man
melkt die Kühe durch einen R., welchen
ein Eichenstamm nach Absägung eines
Astes um die Wunde herum bildet oder
durch einen R. von Haselzweigen 23 ). Die
erste Milch einer Kuh muß man zur Er¬
höhung des Milchertrages durch ein Pran-
gerkranzl oder einen Eher, hindurch mel¬
ken 24 ). Einmal handelt es sich um die
Abwehr alles Schädlichen innerhalb des
R.es und weiters um den Einfluß der zum
Prangerkranzl gehörigen heilkräftigen und
geweihten Kräuter. Andererseits brennt
man einer Hexe die Augen aus, wenn man
die behexte Milch durch einen Eher,
laufen läßt und sie unter einer Ver¬
wünschungsformel ins Feuer gießt 25 ).
Im besonderen wird der metallische R.
und der Eher, verwendet. Gegen Behexung
wird die erste Milch durch den Brautr.
gemolken 26 ). Harnen durch den Eher,
befreit von bösen Einflüssen 27 ) und stei¬
gert die männliche Potenz 28 ).
b) Der R. ist zu einem Amulett der
Abwehr geworden; dies ist die all¬
gemeinste Verwendung; bei den Tief¬
kulturvölkern wird er irgendwie auch an
den Zugtieren befestigt und wird beim
Menschen bei fortschreitender Kultur und
Verdunkelung des Ursprunges zum
Schmuckr.; und auf den Eher, ist diese
abwehrende Kraft zuletzt übergegangen.
Daher wird dieser in allen Fällen der
Abwehr getragen und gerade
a) bei der Entbindung angelegt. Die
Frauen stecken sich selbst beim Heran¬
nahen der Entbindung ihren Eher, an,
oder es steckt die Schwiegermutter der
schwer Gebärenden den ihren an 29 ).
Diese Auffassung unterscheidet sich von
der der Antike bei demselben Vorgang.
Während die letztere die Förderung und
Sicherung durch die Lösung des Bandes
bezweckt, versucht die erstere durch Bin¬
dung und Abwehr alles dessen, was die
Entbindung hemmen kann, das Ziel zu
erreichen. Die Wöchnerin trägt einen
goldenen R. an einem schwarzen Faden
durch 40 Tage am Hals 30 ).
fj) Der R. ist bei verschiedenen Ar¬
beiten zu tragen, so beim Flachsbau 31 ).
Wenn es ein silberner R. sein muß, da¬
mit der Flachs weiß wird, so kommt
noch ein Analogiezauber hinzu. In
Bayern und Estland trägt der Sämann
einen goldenen oder silbernen R. und
hat Schuhe an, dann kann keine Hexerei
dem Feld schaden 32 ). Säen mit dem Eher,
schützt gegen den Bilmesschneider 33 ).
Das Viehfutter wird nahrhaft, wenn das
Mädchen am Zeigefinger der rechten Hand,
mit dem sie das Futter einrührt, einen
709
Ring
710
bleiernen R. trägt. Beim Verlassen des
Dienstes muß sie ihn im Stall eingraben,
damit sich das Vieh nicht um sie gräme 34 ).
7) Der R. wird getragen zur Abwehr
des bösen Blickes und Neides 35 ). In
besonders gefährdeter Situation ist die
Braut. In Indien trägt sie einen R. auf
der Stirn. Die römische Braut hat einen
eisernen. Gleich der Braut sind Kinder
dem bösen Blick besonders ausgesetzt;
R.e an den Füßen schützen sie, und aus
demselben Grund trägt der römische
Triumphator einen eisernen 36 ). Sicherlich
hat die an den Eher, anknüpfende Sym¬
bolik diesen apotropäischen Charakter
zurücktreten lassen für den Zeitpunkt
der Eheschließung. Damit soll nicht ge¬
sagt sein, daß der Eher, letzten Endes
auf diese apotropäische Abwehr allein
zurückgeht.
Zu der abwehrenden Kraft des R.es
kann als weitere Steigerung noch die
Einfügung von Steinen hinzukommen.
Hierher gehören die antiken Nachrichten,
daß Griechen, Römer und Etrusker R.e
mit Steinen hatten, deren Farben und
Einfassung die Figur eines Auges bildeten.
Dazu kommen Bilder und die sonstigen
apotropäischen Bilder und Zeichen, wie
Basüisken (s. d.) und Skarabäen. Auch
die Formung des Reifens in Schlangen¬
form gehört hierher. Im deutschen Aber¬
glauben schützt ein R. mit dem rechten
Auge eines Wiesels vor dem Beschreien.
Ein R. aus Erbsilber schützt vor Be¬
hexung 37 ).
6) Der R. wird getragen zur Abwehr
des Teufels und der Geister. Der Teufel
oder ein Geist wollen sich nur in ein
ungebundenes Faß vertragen lassen, d. i.
in ein Weib ohne R. Um das Eindringen
zu verhindern, tragen die Weiber R.e 3S ).
Faß und R.e erscheinen hier als Sexual¬
symbole. Klar ist, daß der R. als das
das Weib umschließende Band aufgefaßt
wird und alles von außen Kommende
abwehrt. Es trägt das R.zeichen an der
Hand.
e) Der R. wird getragen zur Abwehr
böser Lüste. Aus den bedrohenden Gei¬
stern sind böse Lüste geworden. Dieser
Umdeutung entspricht es, daß besondere
R.e erforderlich sind. Die Jesusr.e
schützen Frauen und Mädchen, die einen
solchen während des Beischlafes tragen,
vor dessen Folgen. Sie müssen aus Sarg¬
beschlägen gefertigt sein, und das Wort
Jesus muß eingeritzt sein 39 ). Die Josef sr.e
schützen junge Eheleute gegen unkeusche
Anfechtungen 40 ). Die „Fallr.e“ in der
Zwickauer Gegend werden vor dem Schla¬
fengehen angesteckt und lassen die Men¬
schen gesund und glücklich sein 41 ). Vgl.
in Spanien schützt ein Karneolr. vor den
malos aires (bösen Lüsten, bösen Winden,
verderblichen Einflüssen) 42 ).
C) Der R. wird getragen zur Abwehr
von Krankheiten, bzw. zu ihrer Heilung 43 ).
Hierzu kann jeglicher R. dienen. Im
wesentlichen liegt hier der Kreis und
die Vorstellung des Durchkriechens zu¬
grunde. Schneuzt man dreimal durch
einen Türr., so heilt man den Schnup¬
fen 44 ). Im besonderen kommen zum R.
besondere Grenzfälle hinzu. Er muß
aus Gold, Silber, Kupfer, meist aber
aus Eisen sein, braucht aber nicht an
der Hand allein getragen zu werden,
sondern auch auf der Brust, am Hals,
am bloßen Leib. Da an Stelle des R.es
gegen die Gelbsucht auch ein Dukaten
am Halse getragen werden kann 45 ), ist
die gelbe Farbe das Wesentliche für den
Abwehrzauber und stärker betont als der
R. Vgl. in Rußland pflegt man den Leuten,
welche an Konvulsionen leiden, eine Kup¬
fermünze in die Hand zu geben, einen
messingenen R. an den Finger zu stecken
oder ein Stück Schwefel um den Hals
zu hängen 46 ).
Eine eigene Type von R.en spielt eine
Rolle, die sog. Krampf r.e (s. d.). Gerade
bei den Krampfr.en treten zur Abwehr
durch den R. eine Reihe von Grenzfällen
hinzu, so daß diese oft verdunkelt er¬
scheint. Eine besondere Rolle spielt das
Material und seine Beschaffung (durch
Bettel), die Herstellung durch eine be¬
stimmte Person (Schmied), die Um¬
stände (nackt) und die Zeit (Karfreitags¬
mittemacht) 47 ). Um einen weiteren
Grenzfall handelt es sich bei der dem
Eher, durch den Segen verliehenen Heil¬
kraft; er wird gegen die Gichter den
Ring
Ring
714
7 11
Kindern auf die Brust gelegt 48 ) (s. Gicht);
ein goldener mit einer gelbseidenen Schnur
am Rücken getragen hilft gegen Gelb¬
sucht 49 ); er heilt Gerstenkörner, 3 Kreuze
stillschweigend über sie gemacht 50 ). Ge¬
gen Impotenz wurden mehrere R.e ge¬
segnet und alle an den rechten oder
linken R.finger der Gattin gesteckt. Oder
die Frau schob den Eher, bei der Trauung
nicht über das erste Fingerglied, oder sie
ließ ihn zu Boden fallen, wenn ihn der
Gatte zum erstenmal ihr zeigt 51 ). Die
beiden letzten Fälle scheinen nicht auf
der Abwehr zu beruhen, sondern dürften
m. E. doch sexualsymbolisch zu erklären
sein. Als Sexualsymbol wäre der zu
Boden gefallene und gebrochene R. auf¬
zufassen. Zur Behebung ihrer Sterilität
schabt die Frau Gold von ihrem Eher,
und genießt es (Frohnleiten) 52 ).
Der R. muß von einem Toten stammen
und von einem Totengräber gefunden
sein; trägt man ihn so lange am Finger,
bis er sich unversehens verliert, so heilt
er den Rotlauf 53 ). Dabei stellt das
tägliche Gebet von drei Vaterunser und
Ave für die armen Seelen eine weitere
Bedingung dar. Der R. muß aus er¬
betteltem Geld stammen; das hilft gegen
allerlei Krankheiten 54 ). Der R. wird ge¬
tragen zur Abwehr sonstiger Gefahren.
Der junge Mann schützt' sich gegen den
Kriegsdienst, wenn er den Traur. seiner
Mutter am Finger trägt (Oberpfalz) 55 ).
22 ) Bohnenberger 25. 23 ) Strackerjan 1,
444; Schönbach Berthold v. R. 132. 24 ) Pol-
Jinger Landshut 155; SAVk. 15, 8; Selig¬
mann Blick 2, 231. 25 ) Drechsler 2, 254 =
Grabinski Sagen 38. 26 ) s. o. Nr. 24 u. ZföVk. 5,
196. 27 ) Wolf Beiträge 1, 227; (Keller) Grab
d. Abergl. 4, 86. 28 ) Seyfarth Sachsen 238;
Staricius 28. 364; Schwebel Tod u. ewiges
Leben 71 ff. 29 ) Meyer Baden 389; Zingerle
Tirol 3 = Frazer 3, 314. 3J ) Seligmann
Blick 2, 9. 230. 231. 31 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 399; John Westböhmen 40= Sartori
Sitte 3, 110. 32 ) Seligmann Blick 2, 231;
Panzer Beiträge 2, 207 = Bavaria 2, 297; 3,
343 = Frazer i, 137. 33 ) Köierl Der politische
Bezirk Tachau, Tachau 1890, 165 ff. 34 ) ZfVk. 1,
187. 35 ) Seligmann Blick 2, 230 ff. 36 ) Ebd.
37 ) Ebd.; Busch a. O. 358. 38 ) Baumgarten
Heimat 2, 103; Schönwerth Oberpfalz 3, 74.
n6ff. 39 ) Seyfarth Sachsen 268; Herzog
Schweizer sagen 1, 95. 40 ) Birlinger Schwaben 1,
421; s. oben 4, 773; Depiny Heimatsagen
712
243 Nr. 120. 41 ) Seyfarth Sachsen 268;
John Erzgebirge 112. 42 ) Seligmann Blick 2,
231. 43 ) Franz Benediktionen 2, 256. 503. 507.
44 ) Wuttke 325 §482. 45 ) Ebd. 355 §531.
46 ) Hovorka 11. Kronfeld 2, 219. 47 ) Ebd. 2,
274; Wuttke 356 §533; Andree-Ey sn
Volkskundliches 136; Hoffmann-Krayer 147;
Seyfarth Sachsen 267 ff.; John Erzgebirge in;
Ders. Von Sachsens an der alten Burgen Grenze
24; Drechsler 1, 90; 2, 306; Strackerjan 2,
234 Nr. 497; Köhler Voigtland 419; Bohnen¬
berger 21; Wolf Beiträge 2, 224; Grimm
Myth . 2 1121; Zachariae Kl. Sehr. 351 ff.;
MschlesVk. 9, 85; ZfrwVk. 1908, 241; ZfVk. 22,
123; Schultz Alltagsleben 59. 48 ) Meyer
Baden 40; Wuttke 360 § 542. 49 ) Pol-
linger Landshut 284; Busch a. O. 358.
60 ) Bartsch Mecklenburg 1, 108; Busch a. O.
356. 51 ) Seligmann Blick 2, 230. 52 ) Hovorka
u. Kronfeld 2, 514. 53 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 256. 54 ) Grimm Myth. 3, 446 Nr. 352.
55 ) Wuttke 454 § 719.
B. R.symbolik. Die ursprüngliche Be¬
deutung des R.es als einer Bindung war
längst verdunkelt im menschlichen Be¬
wußtsein, doch wurzelt darin die R.sym¬
bolik, als er sich zu einem wichtigen
Zeichen des Verlöbnisses und der Ehe
entwickelte 56 ). Diese bezieht sich nur auf
den Verlobungs- und Eher. Die
Frage, ob es sich um die Bindung, bzw.
die Abwehr alles Schädlichen von der
Braut handelt, — was m. E. eine ziem¬
lich begründete Ansicht ist —, oder ob
er mit dem Brautkauf zusammenhängt
und der R. das Handgeld darstellt und
dies Wechseln der R.e eine Rechtssymbolik
darstellt 57 ) oder mit der Raubehe und so
der R. ein Symbol der Kette der Frau
wäre 58 ) — eine allgemein abgelehnte An¬
schauung —, wird verschiedentlich be¬
antwortet. Eine dritte sieht im Eher,
zwar richtig eine antike Entlehnung, aber
in ihm den Siegelring als das Zeichen der
Beschließerin im römischen Haus, was
ebenfalls abgelehnt erscheint 59 ). Die
Entscheidung über diese Fragen greift
zurück in eine Zeit, wo der R. bei Ver¬
lobung und Heirat noch keine Verwendung
fand. Daher erscheint m. E. für die deutsche
R.symbolik die schwierige Frage nach
Herkunft des Ehe- und Verlobungsr.es
nicht wesentlich. Sein römischer, durch
das Christentum vermittelter, in west¬
gotischen und langobardischen Gesetzen
und bei Gregor v. Tours (de vit. patr.
713
c. 20) erwähnter Ursprung wird allgemein
anerkannt. Jedenfalls wird auch die
kirchliche Lehre von der sakramentalen
Auffassung der Ehe zur Ausgestaltung
der R.symbolik viel beigetragen haben 60 ).
Weiters wird durch den Umstand, daß nach
Auflösung der deutschen Sippenverfassung
die Erfüllung des Ehe Vertrages nicht mehr
-durch den Eidschwur der im R.e stehenden
Sippengenossen bekräftigt wurde, sondern
durch ein persönliches Treuegelöbnis der
beiden sich verlobenden Menschen, die
R.symbolik weitere Züge hinzugefügt
bekommen haben. Der R. ist zum Symbol
der erfolgten Verlobung, besonders beim
Mädchen, geworden, und andererseits wird
deren Auflösung durch die sofortige Rück¬
gabe des R.es symbolisch angezeigt 61 ).
Auf der symbolischen Bindung be¬
ruhen
x. die Treur.e. So wurden beim hes¬
sischen Landvolk vor 30—40 Jahren dicke
silberne Fingerr.e genannt, die der Bräu¬
tigam der Braut bei der Verlobung
schenkte. Ihre Gegengabe bestand in
einem Hemd und einem Paar Schuhe 62 ).
Dieser Treur. wurde nur von der Braut
getragen und ist somit der nach der
Auflösung der Sippenverfassung vom
Bräutigam der Braut zum Treuegelöbnis
überreichte Traur. Vgl., daß auch in
Sizilien der Verlobungsr. aus Gold fede
genannt wird 63 ).
2. Die Sympathie zwischen Eher, und
Treue. Der Bestand der Ehe ist an den
Besitz dieses Symbols gebunden.
a) Der Verlust und Bruch des R.es
bedeutet den Tod des anderen Teiles.
Besonders nachteilig ist das am Hoch¬
zeitstag M ); beide Teile sterben bald 65 );
es bedeutet die Trennung der Ehe oder
Unglück in der Ehe 66 ); wer den Ver¬
lobungsr. verliert, verliert den oder die
Verlobte 67 ). Wer den Eher, verliert, muß
bald sterben 68 ).
b) Umgekehrt bricht der R., wenn von
dem einen Teil die Treue gebrochen
wird 69 ). Dies ist das Motiv für das
Volkslied: „Sie hat die Treu gebrochen,
das Ringlein brach entzwei”.
c) Aus dieser Sympathie von R. und
Ehe erklären sich weitere Anschauungen,
in denen wieder Grenzfälle auf treten. Ist
an den R. der Bestand der Ehe gebunden,
dann darf er nicht vom Finger gestreift
werden 70 ). Man darf sich von niemandem
den R. abstreifen lassen, sondern muß
es selber tun, sonst streift der andere
das Glück ab (Thüringen) 71 ). Dadurch
würde das Glück abgestreift werden
(s. abstreifen). Vor allem die Braut darf
den Eher, ihr ganzes Leben nicht mehr
ablegen. Hader und Unfriede würden
sonst im Hause einkehren, die Liebe
des Mannes würde erkalten. Sie
würde allen Einflüssen des Teufels und
seines Anhanges ausgesetzt sein 72 ). Eben¬
so ist es ein ungünstiges Vorzeichen,
wenn der R. bei der Trauung zu Boden
fällt 73 ). Der Edelsteinglaube bringt einen
weiteren Grenzfall. Bricht der Stein
heraus, bedeutet dies Minderung des Ehe¬
glückes durch Unglück 74 ), besonders,
wenn es sogleich nach der Trauung ge¬
schieht 75 ).
d) An den R.wechsel bei der Trauung
knüpft sich weiterer Aberglaube. Die
Braut soll sich den R. nicht ganz über
das zweite Fingerglied hinauf streifen las¬
sen, sie würde sonst unter die Herrschaft
des Mannes kommen 76 ). Dasselbe soll
verhindert dadurch werden, daß die Braut
beim R.wechsel ihre Hand nur wie ge¬
zwungen ausstreckt 77 ) oder ihre Finger
krümmt 78 ). Hier ist es die aus der
Bindung entwickelte Vorstellung vom R.
als der „goldenen Fessel”, und dazu
kommt das rituelle Sträuben. Vgl. zur
selben Sympathiewirkung sucht jeder
Teil beim R.wechsel seine Hand obenauf
zu bekommen 79 ).
Der Augenbhck des R.Wechsels ist für
Schadenzauberei sehr geeignet. Wenn
der Bräutigam der Braut den R. nur bis
auf das 2. Fingerglied steckt, muß sie
ihn schnell auf das 3. schieben; denn die
Zauberer haben nur in dem kurzen Augen¬
blick, wo er auf das 3. Glied des R.fingers
geschoben wird, die Mittel zu schädigen
(Umgebung v. Chartres) 80 ).
e) Der verlorene oder entwendete R.
wird gefunden, indem ein Sieb in ein
Bahrtuch gegeben wird. Das Sieb fängt
an, sich in der Runde zu drehen. Dabei
715
Ring
Ring
718
denkt man darüber nach, wo der R. ver¬
loren sein oder wer ihn entwendet haben
könnte. Trifft man das Richtige, steht
das Sieb augenblicklich fest (Prov.
Posen) 81 ).
56 ) Güntert Weltheiland 71. 57 ) Weinhold
Frauen 1, 310; Ders. Altnord. Leben 243;
Hoops Reallcx. 3, 47 ff.; Grimm RA. 1, 244 ff.
596 ff.; Meyer Baden 258; Wundt Völker -
psych. 9, 399; O. Hartung Die deutschen Altert,
d. Nib. u. Kudr. 277; Lau ff er Niederdeutsche
Volksk. 104; J. Piprek Slawische Braut-
werbungs- und Hochzeitsgebräuche 168 ff.; ZfVk.
18, 121 ff.; Radermacher Beiträge 184fr.
58 ) ZfEthn. 10, 208; Piprek a. O. 169; Storfer
Jungfr. Mutterschaft 65. 105. 59 ) Menzel Symbol
2, 272. 6 ) Kondziella Volksepos 114 ff.; Kück
Lüneburger Heide 140; J. Maskell The
wedding-ring, its history, litterature and the
superstiton concerning it, London 1868; Cassel
Die Symbolik des R.es zumal des Traur.es ,
Friedenau s. a.; Grell mann Kleinigkeiten 243fr.;
Busch a. O. 352 ff.; Falk Ehejfi.; Deonna
Croyances relig. 237 fr. 61 ) ZfdPh. 42, 140.
62 ) HessBl. 1910,147; ZfVk. 13, 271; Kron-
feld Krieg 55; Wolf Beiträge 1, 4 ff. 63 ) Pi-
tre Usi e costumi 2, 39. 64 ) Kuhn Mürk.
Sagen 386 Nr. 91; Zingerle Tirol 22 Nr.
144; Baltische Studien 33 (1883), 118 Nr.
41; Busch 355; Pollinger Landshut 69, 71;
NdZVk. io, 145 =
65 ) Wolf Beiträge
Mecklenburg 2, 70
ächtold Hochzeit 1, 175.
) Bartsch
212.
66
I,
Nr. 252; Engelien u.
Lahn 243; Unoth 1, 183 Nr. 57; ZföVk. 2, 286
Nr. 89. 67 ) Bartsch Mecklenburg 2, 58 Nr. 179.
68 ) Höhn Tod 313. L. v. H. . Magia di-
vina 29; NdZVk. 10, 144 = Erk-Böhme
2, 526 (Nr. 724). 70 ) Dähnhardt Volkst.
1, 98 Nr. 24. 71 ) Wuttke 405 § 626. 72 )
Hartmann Dachau und Bruck 215. 73 ) Pitre
a. O. 2, 50. 74 ) Leoprechting Lechrain 85.
75 ) ZfrwVk. 1908, 119. 76 ) Hartmann Dachau
und Bruck 215; Rtrp. 27, 527; Cormeau
Terroirs Mauges 317. 77 ) K. Bartsch Ge¬
sammelte Vorträge u. Aufsätze (Freib. u. Tüb.
1883) 391. 78 ) Meyer Baden 258. 79 ) Andree
Braunschweig 307. 80 ) Seligmann Blick 2,
230 ff. 81 ) ZfVk. 1, 483 Nr. 8.
3. Der R. wird weiters zum Symbol der
gegenseitigen Freundschaft. Der dem
Freund überreichte R. wird so zu einem
bloßen Andenken. Eine völlige Ver¬
dunkelung des ursprünglichen Sinnes
einer Bindung bzw. einer Erinnerung an
diese ist es, wenn der R. entzweigebrochen
wird. Während der Bruch des R.es das
Entzweibrechen der Freundschaft und
der Liebe ist, bedeutet das R.stück die
Erinnerung an ein bestehendes Band,
das vorübergehend gebrochen ist, bis zur
Vereinigung der beiden Teile. So wird
der R. zum Erkennungszeichen 82 ). Und
dieses Motiv überdeckt das ursprüngliche
der Bindung. Hierher gehören die zahl¬
reichen Sagen von der R.probe 83 ). Da¬
bei tritt an die Stelle des R.es auch das
Geldstück 84 ).
82 ) Strackerjan 2, 234 Nr. 497; Waibel u.
Flamm 2, 1140.; Herzog Schweizersagen 1,
26 ff.; 2, 166; Lachmann Überlingen 70.
83 ) Rochholz Sagen 2, 114; Strettlinger
Chronik 24; Meier Schwaben 2, 332; Birlinger
Volksth. 1, 226; Köhler Kl. Sehr. 1, 117. 84 )
Witzschel Thüringen 1, 7 ff. Nr. 6.
4. Aus der R.Symbolik erklärt sich
weiters die Verwendung des R.es
a) als Flutopfer: Die Anwohner ver¬
schiedener Seen ließen alljährlich nach
einem feierlichen Bittgang einen R. in
den See versenken, damit er nicht los¬
breche und mit seinen Fluten die Stadt
oder das Land verwüste. Hierin wird
ein Nachklang einstiger Flutopfer zu er¬
kennen sein 85 ) (s. Ebbe und Flut). Vgl.
Die Vermählung des Dogen von Venedig
durch Überreichung eines R.es an das
Meer.
b) als Votivr.: Eiserne R.e in der
Form eines Halsr.es erscheinen öfter als
Votive für bestimmte Heüige, z. B. den
hl. Leonhard 86 ). Durch Anlegung eines
solchen fühlt sich der Opfernde dem
Heiligen verbunden, und zwar als Dank
für eine bestimmte Zeit oder bis zur Er¬
langung eines gewissen Anliegens. Hier¬
her gehört die Nachricht des Tacitus
über die Chatten, Germania c. 31: die
tapfersten Jünglinge trugen einen eisernen
R. so lange, bis sie sich durch Er¬
legung eines Feindes befreit hatten. Der
R. erscheint hier im Zusammenhang mit
Gelöbnissen und Geboten, die der Mann¬
barkeit der Jugend vorausgehen 87 ).
c) als Eidr.: Die Nordländer berührten
beim Eide einen silbernen R., der auf dem
Altar des heidnischen Tempels lag. Sie
verbanden sich damit gleichsam dem Gott
als Wächter und Schützer des Eides 88 ).
d) Form für Gebildbrote. Die Gebild-
brote zeigen zu verschiedenen Zeiten auch
R.form (s. Gebildbrote). Diese erklärt
sich nach Höfler als Stellvertretung des
bronzenen Totenschmuckes in Teig- (Ge¬
bäck-) Form; es stellen die sog. Kringel,
R.e, Brezeln, typische Seelenbrote dar.
Sie werden deshalb besonders als Neu¬
jahrsbrote und Weihnachtsbrote oder auch
in der Fastenzeit von den Paten ge¬
geben 89 ).
85 ) Sepp Sagen 361 Nr. 95; Bronner Sitt'
und Art 166. 86 ) Andree Votive 179. 87 ) Panzer
Beitrag 2, 395; Fchrle Germania 97 ff.; Bron¬
ner Sitt 1 und Art 238. 88 ) Hoops Reallex. 1, 523;
Simrock Mythologie 218; Vordemfelde Re¬
ligion 47 ff.; ARw. 15, 445; Globus 13, 329;
14, 176 ff.; 15, 233 ff.; Busch a. O. 354. 89 ) Höf¬
ler Weihnacht 41 ff. = Ostern 10 = Arch. f.
Anthrop. 1904, 94; Fastenzeit 80; ZföVk 9,
19b; John Westböhmen 23 = Höfler Weih¬
nacht 43; Höhn Geburt 265.
C. Magische R.e.
Sie sind mit Zauberkräften begabt (da¬
her auch Zauberr.e genannt), die sich
mannigfach äußern. Welche Vorstellung
ihnen ursprünglich zugrunde lag, ist
schwer zu entscheiden. Es wird kaum nur
eine einzige gewesen sein; schon die viel¬
fältigen Wirkungen dieser R.e lassen ver¬
muten, daß ihnen auch verschiedene Auf¬
fassungen zugrunde lagen. Unter Zu¬
grundelegung der Auffassung von der
Bindung könnte man in dem R. einen
kraftbegabten Gegenstand besonderer Art
und Form erkennen. Die Begabung mit
Kräften ist eine zwiefache, sie wirkt ein¬
mal bindend und abwehrend mit Amulett¬
charakter, sie kann zweitens aber auch
umgekehrt aktiv sein. Daher gibt es
solche R.e mit besonders spezialisierter
Kraft von gesteigertem Ausmaß; diese
finden sich nach der Sage im Besitz
historischer Persönlichkeiten. Ihre ma¬
gische Kraftbegabung wird von der
menschlichen Phantasie zu einer Wunder¬
kraft ausgestaltet; so sind diese magischen
R.e echte Talismane 90 ). Daher spielen
sie in Märchen und mythenhaltigen Sagen
eine große Rolle. Nach einer anderen
Anschauung, die einer eng zusammen¬
gehörigen Gruppe von Sagen und Mythen
zugehört, bildet der R. einen Teil des
Schatzes; er wird von einem höheren
Wesen geschmiedet, hat die Kraft, die
Schätze zu vermehren, macht den Träger
unsichtbar; er verleiht Kraft, vgl. Balders
R. Draupnir und den Andvaranautr der
Brynhild-Sigurdsage 91 ). Eine nahelie¬
gende mythologische Deutung wird als
über den Rahmen hinausgehend hier
nicht gegeben. Wichtig ist, daß die
magischen R.e aus den verschieden¬
sten Stoffen verfertigt sind, nicht nur
aus Metall, und dass sich kein Eher,
unter ihnen findet Sie waren schon
den Griechen und Römern bekannt, und
die antike Tradition setzte sich im MA.
fort, und sie spielten eine große Rolle
(Salomons R.), vor allem auf dem Gebiet
der Volksmedizin. Doch waren alle
Seiten der Wunderkraft dieser R.e schon
in der Antike ausgebildet (Clem. Alex.
Strom 1; Luk. navig. 42; Philostrat. vit.
Apoll. III) ").
1. Die Wirkung des magischen R.es:
Als Talisman macht der magische R.
a) sichtbar und unsichtbar, je nachdem,
ob der Stein nach der inneren Seite der
Hand gedreht wird. Die magische Kraft
scheint im Stein angehäuft, und es ist
hier der mittelalterliche Edelsteinglaube
das Maßgebende, nicht aber der R. 93 ).
Hierher gehört der R. des Gyges 94 ), des
Alberich; Kaiser Rotbart erhält einen
vom Priester Johannes; ein solcher be¬
findet sich auch unter den 13 Wunder¬
dingen von Britannien 95 ).
b) Er macht hellsehend und gelehrt.
Mit einem R. aus Lorbeerlaub und anderen
Dingen kann der Träger Gedanken er¬
raten 96 ). Ein R. macht gelehrt, solange
man ihn in der Hand hält 97 ). Ein Zwerg
fertigt aus mancherlei Kräutern einen R.,
mit dem vom Träger die geheimsten
Gedanken der Feinde durchschaut wer¬
den 98 ).
c) Er erregt Liebe 99 ). Durch den R.
wird Karl d. Gr. an Fastrada, sogar
über den Tod hinaus gefesselt. Der
Zauber schwindet erst, als der R. vom
Bischof in den See geworfen wird 100 ).
d) Er macht unverletzbar 101 ). Für
die Erzeugung solcher R.e, die den Sieg
und die UnVerwundbarkeit im Fechten
sichern, gab es im MA. eigene merk¬
würdige Vorschriften. So ist in den R.
eine eiserne R.platte einzusetzen mit den
Worten: O Castial, princeps armorum,
per Deum Abraham, Isaac et Jakob.
719
Ring
720
Mit einem solchen R. macht man Zeichen
vor die Stirn und drückt ihn zugleich;
dadurch ist der Erfolg und die UnVer¬
wundbarkeit verbürgt 102 ). Ferner ge¬
hören hierher die Tiroler Pfaffen r.e,
deren sich die Tiroler Bauemburschen zum
Raufen bedienen. Einige stammen von
einem Zauberer; man kann damit den
stärksten Gegner werfen 103 ). Dasselbe
erreicht man mit einem R., der aus den
verlorenen Hufeisen von Teufelsrössern an
Sonntagen nach Beendigung der Arbeit
geschmiedet und fertiggestellt wurde 104 ).
Ebenso verleiht ein Fingerr., aus dem
Eisen des R.es am Galgen geschmiedet,
unbezwingbare Stärke 105 ). Laurin steckt
einen R. an die rechte Hand, der ihm
die Kraft von 12 Männern gibt. Doch
ist in den Sagen der Edelstein Kraft
verleihend 10fi ).
e) Er wirkt schätz hebend. Gleich dem
Schlüssel und der Wunderblume öffnet
er die Schatztür. Der Held soll mit dem
R. einen auf der Schatztruhe sitzenden
Hund berühren 107 ). Wer den verlorenen
R. erblickt, findet an der Stelle schwarzes
Gold 108 ). Ein solcher von Miming ge¬
schmiedeter R. bringt seinem Besitzer
Reichtum 109 ).
f) Er verzaubert und entzaubert. Mit
einem geheimnisvollen R. erfolgt die Ver¬
wandlung in ein Tier und die Rückver-
wandlung in die menschliche Gestalt.
Über einem verzauberten und gefangenen
Grafen läßt ein Rabe einen Eher, fallen,
und er ist im Augenblick zurückver¬
wandelt 110 ). Die Berührung oder die
Übersichwerfung eines R.es verwandelt in
einen Werwolf 111 ). In diese R.gruppe
gehört der Schwanr. 112 ).
g) Erbringt allgemein Glück (s. o.3,898).
Kann man sagen, daß die magischen R.e
mit den bisherigen Zauberentfaltungen der
Vergangenheit angehören, so sind die
sog. Tiroler Glück r.e noch heutzutage
Nachfahren jener Zauberr.e. Sie werden
noch jetzt vielfach getragen, in manchen
Zeiten sind sie Mode geworden; es sind
flach durchbrochene R.e; sie wurden schon
dem Neugeborenen in die Wiege gelegt und
später als ein Heiligtum gehütet und ge¬
tragen wurden. Bei allen Gelegenheiten,
Taufen, Firmungen, Konfirmierungen,
Verlobungen, als Fest- und Geburtstags¬
geschenk, als Andenken an Freunde
und Bekannte spielen sie noch heute eine
große Rolle. Natürlich ist es hier nicht
mehr die abergläubische Bedeutung, daß
der R. Glück bringen müsse, sondern die
symbolische Bedeutung, daß diese „Mit¬
bring“ so allgemeine Beliebtheit auch
außerhalb der Tiroler Landesgrenzen er¬
hielten 113 ).
h) Er ist der Familien-Talisman.
Als solcher steht er mit dem Familien¬
glück in Beziehung. Der Gedanke der
Bindung ist verdeckt gegenüber dem
des Talisman und seines für Glück und
Gedeihen notwendigen Besitzes. Von
ihm werden Wunderdinge erzählt, sowohl
über seine Herkunft als über seine Wir¬
kung 114 ); es sind immer R.e mit Steinen
und auf dem Edelsteinglauben beruht ihre
Zauberkraft; denn eine etwaige Trennung
des R.es vom Stein bei Erbteilung bringt
Unglück 115 ). Familienangehörige oder
Linien, die den R. verloren und so die
Familie um das Glück gebracht haben,
werden rechtlich verantwortlich ge¬
macht 116 ).
9 ) Wundt 1, 293; Bolte-Polivka 2, 537.
Ausdrücklich verwiesen sei auf: HessBl. 30—31,
106 f.: Der Ring in der Sage, im Märchen, in der
Novelle, im Drama, im Recht; Festschrift für
John Meier 84 t.: Künzig Der im Fischbauch
wiedergefundene Ring in Sage, Legende, Märchen
und Lied. 91 ) Güntert Weltheiland 71; Schröder
Germanentum 71; Siecke Götterattribute 248 ff.
92 ) Pauly-Wissowa a. O.; Heckenbach
a. O.; Busch a. O. 360; Staricius 92; L. v. H.
Magia divina 28 ff.; Dieterich Kl. Sehr. 517.
93 ) Lütjens Zwerg 82 ff.; Witzschel Thü¬
ringen 1, 256 Nr. 268. 94 ) Heckenbach a. O.
97 ff.; Agrippa v. Nettesheim 1, 231;
Gerhardt Franz. Novelle 93; SAVk. 4, 220 ff.;
Bachofen Mutterrecht 52. ö5 ) Liebrecht
Gervashts in; MschlesVk. 21, 35. 96 ) Grimm
Sagen 57. 74. 97 ) Caesarius v. Heisterbach
I 53 1 . 98 ) Schell Bcrgische Sagen 454 Nr. 63.
") Agrippa v. Nettesheim 1, 213 ff.; Abt
Apuleius 19; Pauls Ring der Fastrada 12.
1 ' iL ) Busch a. O. 360; Bräuner Curiositaeten
109; Wolf Beiträge 2, 220. 10i ) Soldan-
Heppe 1, 40. 59. 177. 102 ) Staricius 42.
los ) Heyl Tirol 668 Nr. 144. 104 ) Alpenburg
Tirol 252. 105 ) Baumgarten Heimat 2, 95.
1C6 ) Lütjens Zwerg 82. 107 ) Schmitz Eifel 2,
54; Wolf Beiträge 2, 293. 108 ) Kühnau Sagen
3, 494. 109 ) Wundt Mythus 1, 293. m ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 110. 111 ) Panzer Beitrag 2,
721
Ring
722
442. 112 ) Mannhardt Germ. Mythen 695;
Wolf Beiträge 2, 220; Kronfeld Krieg 60 ff.
113 ) Kronfeld Krieg 62. llfl ) Schwebel Tod
u. ewiges Leben c. 3 = Kronfeld Krieg 58.
U6 ) Kronfeld Krieg 60. 116 ) Kühnau Sagen
2, 174.
2. Der Besitz von magischen R.en
kann erreicht werden
a) durch Magie. Der Mensch sucht
ihn sich selbst zu fertigen. Die Er¬
zeugung erfolgt auf mannigfache Art;
wesentlich ist immer die Vorschrift der
Geheimhaltung; dazu kommt die Kon¬
stellation der Gestirne für die Zeit der
Herstellung, die magische Bedeutung der
Metalle und allenfalls des Steines.
Die Vorschriften für die Erzeugung be¬
rühren bei der gegenwärtigen Natur¬
erkenntnis wunderlich, nicht so für das
Altertum und MA. 117 ).
b) durch Geschenke eines nicht mensch¬
lichen Wesens. Begreiflicher Weise er¬
scheint der R. als Talisman unter den
Geschenken, die die Geister geben; meist
sind Zwerge die R.spender. Die Be¬
dingungen für die R.gewinnung sind
ebenso schwer erfüllbar wie die bei den
anderen Geistergeschenken 118 ). Eine
Kröte, eine Schlange erscheint als R.-
spenderin 119 ); die Wasserelbe gibt dem
Sonntagskind einen R. 120 ), und ebenso
überreicht der Teufel einen beim Teufels¬
bund 121 ). Diese Wesen geben sich durch
das Geschenk des R.es in die Macht
des Empfängers, der sie auf seinen Wunsch
zum Erscheinen zwingen kann. Dies wird
durch Drehen bewirkt. Es setzt dies m. E.
den R. mit Stein voraus, und dem R.
liegt die ursprüngliche Bedeutung einer
Bindung zugrunde, weshalb der Spender
an den Empfänger gebunden erscheint.
c) Der Besitz des R.es gereicht zum
Verderben. Sowie sein Besitz den höchsten
Schatz und das höchste Glück darstellt,
so kann er, wenn er dem bisherigen
Besitzer mit Gewalt entrissen und von
diesem verflucht wird, dem neuen den
Untergang bringen 122 ).
d) Die Auffindung des verlorenen R.es
bedeutet Wiedergewinnung des verlorenen
Glückes. Das kann Reichtum, Gesund¬
heit, Glück im allgemeinen sein; auch
die Seligkeit, denn diesen R. verlor die
hl. Maria 123 ).
e) Der freiwillig weggeworfene und
wiedergefundene R. Unter den Kostbar¬
keiten, deren Besitz für einen Menschen
nicht bestimmt ist, steht der R. zu¬
vorderst. Den zahlreichen Wandersagen
bei verschiedenen Völkern liegen zwei
Motive zugrunde; einmal ist es ein ma¬
gischer R., der für seinen Besitzer das
höchste Glück darstellt, und das zweite
ist, daß nicht der Mensch im dauernden
Besitz höchster Güter sein darf, sondern
nur die Götter, die mit Neid auf den
Menschen erfüllt werden. Die bekann¬
teste Sage dieser Art ist die von Poly-
krates 124 ).
117 ) Staricius 193 ff. = Brandenburgia
1916, 169; Agrippa v. Nettesheim 1, 107 ff.
213 ff. 118 ) Grimm Sagen 19 Nr. 29. 24. 35;
MschlesVk. 18, 77; Bolte-Polivka 2, 537.
11B ) Kuhn u. Schwartz 468; Bolte-Polivka
2, 537. i2 °) Wolf Beiträge 2,285. 121 ) Vernaieken
Alpensagen 276. 122 ) Sieck eGötterattribute 2480.
123 ) Grohmann 264. 124 ) Künzig in Fest¬
schrift f. John Meier 84 f.; Köhler Kl. Sehr. 2,
209 (reiche Literatur); Aly Märchen 45. 90.
250; Rochholz Gaugöttinnen 106; Grimm
Sagen 179 Nr. 239; Ranke Sagen 242 ff.;
Müllenhoff Sagen 134 Nr. 178; Kuhn u.
Schwartz 303 Nr. 347; Kühnau Sagen 3,
496; Wolf Beiträge 2, 4590.; Bartsch Meck¬
lenburg 1, 311; Liebrecht Gervasius 77 (reiche
Literatur); Busch a. O. 364; Rtrp. 15, 16 Nr. 8 ;
Sebillot Folk-Lore 3, 355.
3. Der R. als Aufenthalt für Geister und
Dämonen. Aus der Vorstellung von den
dem R. innewohnenden magischen Kräf¬
ten, die aktiv wirkend gedacht werden,
kann sich die von einem Aufenthalt der
Geister und Dämonen in ihm entwickeln.
Den Hexen wurde der Besitz solcher R.e
zugeschrieben, mit denen sie „ehrliche
Leute verführen und zu ihren Hexen¬
gelüsten gebrauchen könnten“ 125 ).
D. Sonstiger R.aberglauben.
Hier handelt es sich nicht um aber¬
gläubische Anschauungen, die aus der
ursprünglichen Natur des R.es erfließen,
und um die davon sich ableitenden aber¬
gläubischen Anschauungen, sondern der
R. wird wie andere Gegenstände vom
Menschen verwendet:
1. zur Zukunftserforschung. Diese über
den deutschen Aberglauben weit hinaus-
723
Ringelblume
Ringelnatter—Rittersporn
726
reichende Verwendung ist eine rohe Form
und ein Rest der Daktylomantie (s. d.).
Aber gerade hier treffen wir ihn jetzt
noch, und zwar in gewissen städtischen
Schichten. Die bäuerlichen Menschen
kennen diese Zukunftserforschung nicht,
und zwar bedient man sich seiner zur Er¬
forschung
a) des Ausganges eines Unternehmens.
Der R. wird an einem Faden in einen
Becher gehalten, bis er ohne bewußte
Einwirkung des Trägers in Schwingungen
gerät. Daraus wird die Erforschung ab¬
geleitet. Während der Frage nach dem
Ausgang eines Unternehmens klingt der
R. beim rechten Wort an. Der Faden
muß ungenetzt und der R. ein Erbr.
sein 126 ).
b) der Heiratsaussicht. Es muß ein
Erbr. oder ein Fingerr. (Symbol der Ehe)
verwendet werden; statt des Fadens
nimmt man oft ein Frauenhaar; die Er¬
forschung findet am hl. Abend 127 ) statt.
Sooft der R. am Rande des Bechers an¬
schlägt, soviel Jahre wird es noch bis zur
Hochzeit dauern (allgemein) 128 ). Beim
zweiten Versuch gibt das Anklingen die zu
erwartende Kinderzahl an 129 ). Beim
Wahrsagen bedeutet der R. Verlobung 13 °).
Ein in einen Brautkuchen eingebackener
R. bedeutet für das Mädchen, das das
Stück bekommt, daß es bald Braut
wird 131 ).
2. Um zu erfahren, ob ein Verschollener
noch am Leben ist, bindet man in der
Christ- oder Neujahrsnacht einen R. an
einen Faden, welchen man zwischen die
Finger nimmt; man stellt sich vor den
Tisch und legt darauf ein Stück Brot
und ein Häufchen Erde. Neigt sich der
zwischen den Fingern baumelnde R. nach
dem Brot, so lebt der Verschwundene; im
anderen Falle ist er tot 132 ).
E. R. im Brauchtum.
R.reiten und -stechen nimmt eine
Stelle ein in den Spielen, in denen die Dorf¬
burschenschaft das Frühlingsfest begeht.
Der Wettstreit um den Maien hat da¬
durch eine besondere Erschwerung er¬
halten, daß am Ende des Umzuges mit
dem Maien durch das Dorf auf einem
freien Platz aus zwei senkrechten Pfosten
und darüber einer Querstange eine ziem¬
lich hohe und laubgeschmückte ,,Barriere“
errichtet war. An dem Querbalken hingen
zwei große eiserne R.e, die mit Weiden¬
ruten derartig umwunden waren, daß in
ihrer Mitte nur mehr ein kleines Loch
blieb. Jeder einzelne Reiter sollte nun
im Galopp vom Sattel aus mit einer
Gerte, die einem Holzsäbel glich, durch
einen der R.e hindurchstechen 133 ).
Hexenr.e sind kreisrunde Plätze im
Rasen. Sind sie graslos, so wird dies
der schädlichen Einwirkung zugeschrieben ;
sind sie üppig, so sieht der Volksglaube
darin die günstige Einwirkung der Geister.
Sie gelten als Tanzplätze der Hexen, da¬
her der Name 134 ).
125 ) Hansen Hexenwahn 227. 293; Schvvld. 6.
1091. 126 ) Prätorius Deliciae pruss. 48;
Drechsler 2, 242; Tylor Cultur 1, 126;
Busch a. O. 359. 127 ) John Erzgebirge 152.
i28) Wuttke 255 §366; SchwVk. 10, 37;
Veckenstedts Zs. 2, 34 Nr. 1. 129 ) Meyer
Baden 165. 131 ) Strackerjan 2, 234. 131 ) Höhn
Hochzeit 1, 5; Busch a. O. 356. 132 ) ZfVk. 8.
348. 133 ) Mannhardt 1, 62; MdBllVk. 1, 71 ff.;
Anhalter Anzeiger v. 31. 5. 1925. 134 ) Volk u.
Rasse 3, 114. Jungwirth.
Ringelblume (Gold-, Totenblume; Ca¬
lendula officinalis).
1. Botanisches. Korbblütler mit
wechselständigen, lanzettlichen Blättern
und großen goldgelben bis orangefarbigen
Blütenköpfen. Die (inneren) Früchte sind
ringförmig zusammengerollt. Die R.
stammt aus Südeuropa, wird aber bei
uns schon lange in Gärten und besonders
auch auf Friedhöfen angepflanzt 1 ). In
Nordthüringen heißt es, die R. gehöre
nicht in den Garten, sondern auf den
Friedhof 2 ).
*) Marzell Kräuterbuch 167 f.; Heilpflanzen
231—234. 2 ) ZfVk. 10, 213; 13, 390.
2. Um sich bei Mädchen beliebt zu
machen, muß man stets die Wurzel der R.
in einem violettseidenen Tüchlein bei sich
tragen 3 ). Vielleicht spielt darauf auch
Bocks 4 ) Bemerkung an: „Etliche Weiber
treiben Superstition damit / brauchen sie
zu der bulschafft“. In England 5 ) wird die
R. zu Liebesorakeln, bei den Südslawen im
Liebeszauber gebraucht 6 ).
3 ) Lammert 151 = Hovorka u. Kron-
feld 2, 170. 4 ) Kreuterbuch 1551, 55V. 6 ) Dyer
Plants 95. 6 ) Krauß Sitte u. Brauch 165.
3. Wenn man am Weihnachtsabend
oder Weihnachtsfeste die Brotkrümelchen
vom Tisch sammelt und solche im nächsten
Frühjahr aussät, werden daselbst R.n
(„Weckbrösela“) aufgehen 7 ). Das glei¬
che glaubt man anderwärts vom Mutter¬
kraut (6, 702).
7 ) Oberfranken: Frank. Heimat 2 (1923), 55.
4. Wegen der gelbroten Blüten wird der
Tee aus den Blüten der R. gegen Gelb¬
sucht 8 ), Rotlauf 9 ), gegen „Feuer“
(Schweinerotlauf) 10 ) gebraucht. Auf die
rötliche Blütenfarbe geht vielleicht auch
die Anwendung gegen Brandwunden 11 )
und blutige Milch der Kühe 12 ).
8 ) Kummer Volkst. Pflanzennamen usw. aus
dem Kt. Schaffhausen 1928, 11S. 9 ) Steiermark:
Bl. f. Heimatkde. Graz 5 (1927), 47. 10 ) Schiller
Tierbuch 1, 22. n ) D. Kuhländchen 9 (1927),
108. 12 ) Albertus Magnus. Toledo 20 1, 85;
Mnböhm Exc. 21, 187. Marzell.
Ringelnatter s. Schlange.
Ringfinger s. Finger 2, 1494 ff.
Rispengras s. Gräser 3, 1114.
Ritt (Fieber) s. Nachtrag.
Ritter, 10000 s. Märtyrer 5, 1726.
Rittersporn (Feld-Rittersporn; Delphi-
nium consolida).
1. Botanisches. Der R. hat doppelt
gefiederte Blätter, deren Abschnitte sehr
schmal sind. Die Blüten sind dunkelblau,
besitzen einen spornartigen Fortsatz und
stehen in lockeren Trauben. Der R. ist
ein in manchen Gegenden ziemlich ver¬
breitetes Ackerunkraut x ).
l ) Marzell Kräuterbuch 37S.
2. Im 16. Jh. berichtet Sebastian
Franck 2 ) aus Franken: „An S. Johanns¬
tag machen sy ein simetfeur / Tragen auch
disen Tag sundere krentz auff / weyss
nit auss was Aberglauben / von beyfuß
und eysenkraut 3 ) gemacht / und schier
ein yeder ein blaw kraut / R. genant / in
der Hand / welches dardurch in das feur
sihet / dem tut diss gantz jar kein aug
wee / wie sy aberglauben / wer vom feur
zuhauss weg will geen / der würfft diss
sein kraut in das feur sprechende / es gee
hinweg vnd werd verbrent mit disem
kraut all mein vnglück“. Nach Schöpp-
n e r 4 ) trug das fränkische Landvolk am
Johannisabend R. in der Hand, hielt
diesen vor die Augen, wenn man ins Feuer
sehen wollte und glaubte dann das ganze
Jahr hindurch von allen Augenkrank¬
heiten verschont zu bleiben 5 ). In Böhmen
sieht man am Johannisabend durch einen
Kranz des Krautes „Je länger, je lieber“
(vielleicht ist hier unter diesem Namen
Galium aparinezu verstehen, s. Labkraut)
nach einem Johanniskäferchen; das stärkt
die Augen und wehrt die Krankheiten
derselben 6 ). Überhaupt gilt der R. seit
alters (vielleicht wegen der schönen blauen
Blüten) als Mittel gegen Augenkrank¬
heiten 7 ). „Rittersbiomen (= R.) dry in
iungfrauwen Wachs gewircket und an den
hals gehencket und do mit sant Otilien
ein messe gefrommet oder dry almüsen
vmb yren namen geben oder dry pater
noster andechtiglichen gebeth oder disse
dry gotes dinst alle gethan Syn äugen
blyben gesunt die wyle der mensch lebet,
un wan dich duncket dyne äugen brest-
hafftig werden salt du diß wachs by dir
halten dry dage mit der obgeschrie¬
ben büß. Item disse blomen alle dage
angesehen denselbigen dag kommet dir
keyn äugen wethum. und ettlich nemen
disser blomen eyn buschlin und hencken
sie vber die dor der stoben oder kammern
XAll
blomen hait die lyebe iungfrawe sant
Otilia sunderlichen in eren gehabt do
von ynen dan solicher gewalt kommen
ist" 8 ). Der R. heißt nach der Patronin
der Augenkranken auch „Ottilienkraut“ 9 ).
Wie andere Pflanzen, die beim Johannis¬
feuer Verwendung, gilt auch der R. als
blitzabwehrend 10 ).
2 ) Weltbuch 1534, 5iv; lateinisch in Boemus
De omnium gentium ritibus 1520, LIX = Sch mel¬
ier BayWb. 2, 299. 3 ) s. oben 1, 1004 ff.; 2, 733 f.
4 ) Sagen 1, 249. 5 ) Vgl. Grimm Myth . 1,
514 h; Wuttke 80 §93; Bavaria 4, 242;
Rosegger Steiermark 260; Reinsberg Böhmen
310. 6 ) Grohmann 98; vgl. auch Marzell
Heilpflanzen 207. 7 ) Weinkopf Naturge¬
schichte 73. 8 ) Ortus Sanitatis, deutsch, Mainz
1485 cap. 95; vgl. auch Brunfels Kreuterbuch
19; ZfVk. 24, 16; Birlinger Aus Schwaben 1,
417. 9 ) Hertz Elsaß 1S9. 1 ) Bohnenberger
112; Kap ff Festgebräuche 64; Gegend von
Nördlingen: Oiig.-Mitt. von Schlagbauer
1926.
Ritualmord
3. R. wird in Tartlen (Siebenbürgen)
gegen Hexen und angezauberte Krank¬
heiten empfohlen. Man steckt ihn über
die Stalltür. Wenn dann die Truden
kommen, sprechen sie: „Hier sind blaue
R., hier haben wir unsere Spur verlom“.
Die Tiere des Stalles werden dann nicht
geritten und nicht gequält 11 ). Ähnlich
legt man dort einer Gebärenden R. und
Hagedorn unter das Bett, um die Truden
zu vertreiben, die dann mit dem Ausruf
„Hier ist R. und Hagedorn, hier ist all
unser Tun verlor’n“ entfliehen 12 ).
ll ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 297. 12 ) Witt-
stock Siebenbürgen 77.
4. In der Sympathiemedizin wird
der R. hin und wieder verwendet. „Wenn
eine Frau ihren Fluß zu viel hat“ (Me¬
trorrhagie), soll sie R. in den Schuh
tun und etwa drei Tage darauf gehen 13 ).
In Siebenbürgen legt man überhaupt bei
Krankheiten R. in die Schuhe 14 ). Offen¬
bar wegen des „stechenden“ Spornes ver¬
wendet man R. gegen das „Stechen in
der Brust“ 15 ). Nach einem alten Haus¬
buch trinkt man einen Absud von R., der
an Johanni gesammelt wurde, gegen
Harnverhaltung 16 ).
13 ) Zahler Simmental 192. I4 ) Haltrich Sie¬
bent?. Sachsen 297. 15 ) MschlesVk. 12, 114.
16 ) Höhn Volksheilkunde 1, 115. Marzeil,
Ritualmord. Als R. bezeichnet man
aus religiösen Gründen erfolgte Morde.
Im deutschen und überhaupt westeuro-,
päischen Gebiet schreibt man gemeinhin
Freimaurern (s. d.) und Juden dergleichen
zu. Es soll hier nur von letzteren die Rede
sein.
Als Anlaß zum Mordverdacht werden
jüdische Kultgebräuche genannt 1 ), die das
Geheimnis einer jüd. geheimen Sekte
seien la ). Als solche nennt Rohling in Hin¬
sicht auf Trient (1475!) die Chassiden la ),
die aber erst dem 19. Jh. angehören. Doch
scheint der Glaube eher auf die Formel
„Der Jude ist Christenfeind“ zurück¬
zuführen zu sein. Die Kirche hat schon
früh gegen die Juden geeifeit 2 ). Abge¬
sehen von wenigen unsicheren Angaben
reifte aber erst in den erregten Zeiten der
Kreuzzüge der Haß zu Taten. Dabei
scheint es, als ob die Mordbeschuldigung
sich jeweils als das Ergebnis einer sich
ständig steigernden Erregung auslöst, —
so in der Kreuzzugszeit, so in Trient, wo
wir im 15. Jh. genau feststellen können,
daß judenfeindliche Volkspredigten der Be¬
schuldigung vorangehen, und daß in
diesen Predigten bereits die Beschuldigung
auf klingt (s. u.). Vgl. auch die Predigten
des Giordano da Rivalto 14. Jh. 3 ). In
neuester Zeit haben antisemitische Kreise
die Beschuldigungen neu erhoben 4 ), wobei
sie sich für ihre Behauptung, von früher
bereits ausgesprochenen Gründen abge¬
sehen, auf „talmudische Ritual Vorschrif¬
ten“ (Thikunne Sohar 88b), vielmehr also
einen Kabbala-Text berufen 5 ).
Als erste Form des R.s wird das Mästen
und Fressen eines Menschen angeführt 6 )
(Im frühen Christentum sollen die Ma-
trona zu Thessalonika 7 ) und der hl.
Mantius 8 ), ein Knabe Celsius in Anti¬
ochien, Modestius und Amonius zu Alex¬
andria, Quiricus zu Tarsus in Cilicia,
zehn Kinder zu Alexandria 83 ), aus Haß
gegen die christliche Religion gemordet
worden sein). Später wird von Kreuzi¬
gungen gesprochen (419 zu Imnestar
zwischen Chalcis und Antiochien 8b ), 1191
in Braisne 8c ); s. Jude); in Valreas
wird dann das Schlachten, um das
Blut zu gewinnen, als Kreuzigungs-
ersatz betrachtet 22 ). Schließlich spielt
seit 1889 die Blutentziehung ohne Tö¬
tung eine Rolle, nachdem nämlich der
Fall eines geisteskranken Breslauer jü¬
dischen Studenten Bernstein bekannt
geworden war, der Knaben durch Ritzung
des Penis Blut entzog 9 ). Es sind das die
Beschuldigungen von Eisleben (erzählt
in Posen) 1892 10 ), Prag 1893 n ), Mährisch-
Trübau 1896 12 ). Man sieht, wie zeitlich
und örtlich die Anschuldigungen vom
Breslauer Fall herleiten.
Ich gebe jetzt eine Zusammenstellung
der mir bekannten „Fälle“:
1148 Hl. Wilhelm von Norwich 12a ).
1171 Blois 13 ). Vgl. Jude. Jedes Jahr
in Karwoche muß ein Christ geopfert
werden 14 ).
1179 Richard von Paris gemordet 15 ).
1179 Boppard 16 ).
729
Ritualmord
730
1181 Rodbertus in London gegen
Ostern 17 ).
1181 Kind in Prag mit Pfriemen zer¬
stochen 18 ).
Dominico in Saragossa 183 ).
1198 Nürnberg 19 ).
Man sieht, daß abgesehen von der sehr
spät erhobenen Prager Beschuldigung,
die Sage aus den westlichen Ländern nach
Deutschland gelangt.
1202 Lauda im Würzburgischen(?) 20 ).
1225 wird einem Kind in München an¬
geblich Blut abgezapft 20a ); ebenso 1235 !
in Erfurt 20b ).
1235 Fuldaer Knaben bei Hagenau
geschlachtet 21 ).
1240 Kindesverschleppung in Norwich;
das Kind soll nach Beschneidung gekreu¬
zigt (!) werden 223 ).
1247 erklärt Innocenz IV. sich gegen
die Mordbeschuldigungen (bes. Fulda 22 )).
1244 St. Paul in London getötet 23 ).
1244 Glovecester 24 ).
1247 Valreas (Dep. Vaucluse) 25 ).
1250 Dominikus de Val in Saragossa 253 ).
1255 Hl. Hugo zu Lincoln gekreuzigt 25b ).
1257 London 26 ).
1260 Heinrich Menger von Weißen¬
burg 27 ); nach jüdischen Quellen fällt der
Todestag 1270 28 ).
1261 Forchheim; Verlesung für Pforz¬
heim! 1267 oder 1271 Pforzheim 29 ).
1279 e ^ n in London gekreuzigt 29a ),
in Nordhampton zerstochen 290 ).
1283 Mainz 30 ).
1285 (auch 1282. 1286) München 31 ).
1285 Aventin führt als Marginalie zur
Münchener Nachricht Regensburg an 32 ).
1287 Wernher von Wesel 33 ). Diese
Sage ist bis auf unsere Tage in der Volks¬
literatur weitergegeben worden 34 ).
1288 oder 1287, hl. Rudolf in Bern 35 ).
1292 Colmar 36 ).
1292 Constanz. Verlesung für Colmar 36a ).
1293 Krems in Österreich 37 ).
1294 Bern 38 ).
Allgemein 14. Jh. 39 ).
1302 Remken 40 ).
I 3°3 Conrad aus Weißensee (Thürin¬
gen) 41 ).
1305 Prag (Kreuzigung?) 42 ).
1317 Chinon (Tourraine) 43 ).
1320 Chorknabe in Puy 43a ).
1321 Junger Geistlicher in Annecy 43b ).
1329 Savoyen 43 ).
1332 Ulrich Frei aus Überlingen (der
„gute Ulrich“) 44 ).
1338 Ein Adliger aus Franken 44a ).
1345 Sei. Conrad in München 45 ).
1347 Karfreitag in Messina ein Kind ge¬
kreuzigt 44a ).
1349 Zürich 46 ).
1350 Hall in Schwaben 47 ).
1350 Ein Schüler Johannes inKöln 47a ).
1380 Hagebach in Schwaben 48 ).
1392 Zürich 49 ).
1401 Conrad von Dießenhofen (b.
Schaffhausen) 50 ).
1407 ebd. 51 ).
1407 Krakau 52 ).
1410 Thüringen 53 ).
1420 Wien, Enns 54 ).
1428 Ludwig Etterlin von Brugg in
Ravensberg 55 ).
1442 Ursula Pöck in Lienz in Tirol 56 ).
1445 Ahausen bei Merseburg 57 ).
1452 Saona 58 ).
1453 Breslau 59 ).
1454 Turin 60 ).
1454 Knabe in Kastilien 61 ).
1456 Pavia 62 ).
1460 Krakau 63 ).
1462 hl. Andreas Oxner von Rinn in
Tirol aus Haß gegen den christl. Glauben
ermordet 64 ).
1462 Endingen 65 ).
1468 Kreuzigung einer Christin in Se-
pulveda (Altkastil.) 65a ).
(1474) 1476 Regensburg (vgl. zu
i486!) 66 ).
1475 Sei. Simon von Trient (aus Haß
gegen den christl. Glauben) 67 ).
1476 Sechs Kinder in Regensburg 67a ).
1480 Motta in Friaul 68 ).
1480 Treviso 69 ).
1480 Sei. Sebastiano aus Bergamo 69 ).
1485 Fünfj ähr. Knabe Lorenz zu Ma-
rostica im Vicentinischen Gau 69a ).
1486 Regensburg 70 ).
1490 Innocenz von Guardia 70a ).
1494 Tyrnau (Ungarn) 71 ).
1495 Engen in Schwaben 72 ).
1496 Anschuldigungen in Österreich 73 ).
1500 Berlin 74 ).
73i
Ritualmord
732
1503 Langendenzlingen b. Buchen
(Oberpfalz) 75 ).
1503 Waldkirch 76 ).
1503 Krakau 76 ). j
1504 Frankfurt a. M. 77 ).
1505 Budweis 78 ).
1509 Hostienschändung und Kinder¬
mord 78a ).
1509 Kind eines Wagners in Bosingen
(Ungarn) 78b ).
1509/1510 Berlin 7Ö ) oder Branden¬
burg ®°).
1509 Verden 80 ).
1514 Jude Pfefferkorn in Halle 81 ).
1520 Tymau und Biring (Ungarn) 82 ).
1525 ..Ein ritueller Mord in Buda¬
pest“ 82a ).
1529 (1509) Pösing (Ungarn) 83 ).
1540 Michael Pisenwarter aus Sappen¬
feld in Heitingen getötet 84 ). ;
1541 Regensburg 85 ).
1543 Kripowitz (Kreisewitz) b. Leob-
schütz O.-S. 86 ).
1547 Söhnchen eines Schneiders in Rava
(P ölen) gekreuzigt 86a ).
1569 Knabe Kozanina aus Petrikau in
Witow ermordet 87 ).
1573 Berlin 88 ).
1574 Mädchen Elisabeth aus Lublin
in Punie (Lithauen) 89 ).
1 575 Die Juden töten Michael von Ja¬
kobi 89a ).
1579 Kinderraub in Zglobice 90 ).
1586 Christenkinder verschwunden 90a ).
1590 Szydlow 91 ).
1592 Wilna, Knabe Simon 92 ).
1595 Gostyn (Posen) "). j
1597 Szydlow 90 ).
1598 Knabe Albert Wojciech aus Lu¬
blin 93 ).
1650 Matthias Tillich in Kaaden 94 ).
1655 Tunguch (Tongern, Niederdeutsch¬
land) 95 ).
1665 gekaufte Frau, Wien 96 ).
1669 Glatigny bei Metz 97 ).
1675 Vierjähriges Kind in Mies (Böh¬
men) 97a ).
1682 Berlin, versuchter Kauf eines
Kindes 98 ).
1684 Gabriel aus Grodno, in Bialystok
gemordet 98a ).
1690 Ciechanow (Polen) ").
1692 Sulzbach 100 ).
1705 Viterbo 101 ).
1753 Dreijähriger Knabe Studzinski in
Kijew 98a ).
1764 Orcuta oder Orkul (Ungarn), der
Knabe Balla 102 ).
1790 Ungwar (Ungarn) 103 ).
1791 Tasnad (Siebenbürgen) 104 ).
1791 Pera 104a ).
1791 Zwei ,,Blutmorde“: Holleschau
(Mähren) und Woplawicz (Bez. Lublin) 98a ).
1803 Zweijähriges Kind aus Buchhof
bei Nürnberg 1041 ).
1804 Kindesraub in Gräfenberg bei
Nürnberg 98a ).
1810 Aleppo 105 ).
Anfang 19. Jh. im Bergischen (Amt
Miselohe) 106 ).
1812 Korfu 106a ).
1823 Jemelian Iwanow in Wielicz
(Gouv. Witebsk) 107 ).
1824 Fatch-allah-Seyegh in Beyrut 98a ).
1827 Ossib Petrowicz in Wilna 98a ).
1827 Warschau 112 ).
1829 Boleslaw an Weichsel (Galizien) 108 ).
1829 Entführte Frau Gervalon in Turin,
die getötet werden soll 98a ).
1831 Petersburg 112 ).
1834 Neuenhoven (Düsseldorf) 109 ).
1834 Ein Greis in Tripolis 104a ).
1839 Achtjähr. Knabe auf Rhodus 104a ).
1839 Damaskus 106a ).
1839 Wolki Galizien 108 ).
1839 Niedzow, Bochnier Kreis, Ga¬
lizien 108 ).
1840 Kapuzinerpater Thomas und Die¬
ner in Damaskus 110 ).
1842 Königsberg 111 ).
1483 Korfu u. Rhodus 112 ).
1844 Tamow 108 ).
Um 1850 Gegend von Niederempt 113 ).
1860/73 Enniger b. Ahlen (Westfalen) 114 ).
1875 Anschlag auf die 16jährige Anna
Zampa in Zboro (Ungarn) 98a ).
1877 Theresia und Peter Szaabo in
Szalaacs (Ungarn) 98a ).
1879 Blutentziehung bei einem Dienst¬
mädchen in Budapest 98a ).
1879 Sechsjähriges Mädchen in Kutais
(Kaukasus) 98a ).
1881 Ein Mädchen Koczis in Kaschau
(Ungarn) 98a ).
733
Ritualmord
734
1881 Achtjähriges Mädchen in Stein- ziehen. Aber — und dieses Gefühl ist auch
amanger 98a ). auf antisemitischer Seite klar vorhanden,
1881 Lutscha (Galizien) 115 ). Beschuldigungen lehren nichts, solange die
1881 Evangelio Fornoraki in Alexandria Beweise mangeln. Der Breslauer Kinder-
(Ägypten) 112 ). mord von 1926 132a ) ergab, so weit ich
1882 Ester Solymosi (i4jährig) in Tisza- ihn in den Berichten der Polizei verfolgen
Eszlar (Ungarn) 116 ) und vorher in Hajdu- konnte, nichts, was berechtigte, auf einen
Nänäs 116a ). R. zu schließen; er wird heut einem ehe-
1882 u. 1883 Mehrere Fälle in Galata maligen, sexuell belasteten, Studenten zu-
(Türkei) 98a ). geschrieben, der slavischer Herkunft ist 133 ).
1884 Onophrius Cybulla in Skurz (Pr. Erst eine wissenschaftlich einwandfreie
Stargard) 117 ). und quellenkritische Forschung würde es
1885 Ein junger Kopte in Mit-Kamar gestatten, von mehreren exakt bewiesenen
{Ägypten) 98a ). Fällen auf weitere in diesem Register ver-
1888 Max Bernstein entzieht dem zeichnete und ihre Tatsächlichkeit zu
Knaben Hacke in Breslau Blut 9 ). schließen. Die Untersuchung Graus 158 )
1891 Johann Hegemann in Xanten zeigt auf, wie eine solche Untersuchung zu
a. Rhein 118 ). führen wäre.
1891 Nagy-Szokol (Tolnaer Komitat, Es mag im Anschluß an dieses erschüt-
•Ungarn) 119 ). ternde Register nur noch die Frage behan-
1891 Korfu 12 °). delt werden: zu welchem Zweck verwende-
1892 Ingrandes (Dep. Vienne) 121 ). ten die Juden das Blut: Da heißt es, sie
1892 Bacau (Rumänien) 122 ). müssen Christenblut essen 134 ) oder trin-
1893 Ostrowo (Gouv. Lublin) 123 ). ken 135 ); in ihm baden 136 ); bereiten aus ihm
1893 Holleschau b. Ung.-Hradisch 124 ). eine Tunke zum Passahfest 137 ); verbacken
1893 Kolin in Böhmen 125 ). es in der Mazze 138 ), essen das Herz 139 ), ent-
1894 Berent (Westpreußen) 126 ). sühnen sich durch Christenblut 140 ), opfern
1898 Skaisgirren (Ostpreußen) 127 ). es Gott 141 ), kommunizieren Karsamstag
1899 Maria Klima (1898) und Agnes damit 142 ). SiehaltendasBlutfüreinHeil-
Hruza in Polna in Böhmen 128 ). mittel 143 ) gegen ihren Gestank (s. Ju-
Unbestimmt im 19. Jh. wird von einem de) 144 ), um den Aussatz 145 ) und unheil-
R.-Versuch in Sprottau 129 ), im 20. Jh. bare Leiden 146 ) zu kurieren. In Folge
in Lauterbach Kr. Nimptsch, Schlesien ihres Ausspruches, Christi Blut möge
(mündl.) erzählt. über sie kommen, leiden beide Geschlechter
1900 Könitz (Westpreußen) 130 ). an periodischen Blutungen, von denen
1911 Andrej Juschtschinski in Kiew 131 ). das Christenblut befreit 147 ). Es erleich-
1919 Eine Flugschrift des Hammer- tert ihren Weibern auch die Geburt 148 ),
Verlages spricht den Verdacht aus, daß macht Alte wieder jung 149 ) und man
die vom ,.Weltbund Kinderdank“ ver- bestreicht Sterbende damit 150 ). Die
mißt gemeldeten Kinder R.en zum Opfer Neugeborenen bringen an der Stirn zwei
gefallen seien 132 ). Finger mit auf die Welt, die nur mit Blut
1926 Breslau (Fehse-Kindermord): abgelöst werden können 151 ). Die Be-
mündlich 132a ). schneidungswunde wird mit Christenblut
1928 Petrovoselo (Jugoslavien) 133 ). gestillt 151 ). Endlich bedienen sie sich des
1928 Helmut Daube in Gladbeck Westf. Christenblutes zum Liebeszauber 152 ) und
(Hußmann-Prozeß) 132,) ). um Seuchen zu erregen 153 ). Jährlich
1929 Karl Keßler in Manau b. Hof- zu Ostern 154 ) oder alle sieben Jahre 155 )
heim (Unterfranken) 132a ) b ). ermorden sie ein Christenkind und ver-
1932 Martha Kaspar in Paderborn 98a ). teilen das Blut über alle Gemeinden;
Ein Lustmord in Sittersdorf, wohl in den die Gemeinde, in welcher der Mord zu
letzten Jahren 132c ). geschehen hat, wird unter ihnen aus-
Es liegt hier nahe, eine Summe zu gelost 156 ). Es ist nach alledem verstand-
735
Ritualmord
73<>
lieh, daß ihnen sogar Blut zum Kauf
angeboten worden ist 157 ).
Zur Literatur: Erich Bisch off Das Blut
im jüd. Schrifttum und Brauch; Athanasius
Fern Jüdische Moral und Blutmysterium (ohne
jede kritische Genauigkeit, so daß nicht einmal die
Zitate stimmen); Ljutostanski Ritualmorde
in Rußland; Ed. Drumont La France juive.
x ) Strack Blut 197 f.; Birlinger Schwaben 2,
407 f.; Christian Loge Gibt es jüd. Ritualmorde
I 934 * 27. 47 f- (Moldavo). la ) Loge 27 f. 9 ff.
47 ff. (Moldavo). 51 (nach Aug. Rohling Meine
Antworten an die jüd. Rabbiner 1883 4 , 103). 184.
2 ) Murawski D. Juden b. d. Kirchenvätern
1925; Pawlikowski 715 ff. 3 ) M. Güde-
mann Gesch. d. Erziehungswesens u. d.
Cultur d. Juden 1884, 2, 260. 4 ) Athanasius
Fern jüd. Moral u. Blut-Mysterium 1926 5 .
6 ) Dagegen Georg Caro Sozial- u. Wirtschafts -
gesch. d. Juden 1908, 1, 411; Strack Blut;
Wilh. Münz R. und Eid (offener Brief an
M. d. R. Liebermann von Sonnenberg) 1902.
*) Josephus 1. 2 contra Apion. = Joh. Jak.
Schudt jüd. Merkwürdigkeiten 1714, 4, 61 f.
7 ) AA. SS. Mart. II, 396. 8 ) Ebd. Maji 5, 31 ff.
8a ) Bulle Beatus Andreas: Loge 42 f. 8b ) Nach
Sokrates in der Fortsetzung zur Kirchengesch.
d. Eusebius: Loge 46; Julius Streicher in der
Wochenzeitung ,,Der Stürmer'* 1934 Sonder¬
nummer 1 (zitiert: Streicher). 9 ) Strack
Blut 102 f.; Streicher. Doch ist schon 1835
und 1840 davon die Rede: Wegweiser (Görlitz)
1835, 40; Silesia 1840, 261. 10 ) Strack 156.
n ) Ebd. 160. 12 ) Ebd. 162. 12a ) Loge 37. 43
(Bulle Beatus Andreas); Streicher AA. SS.;
Mart. III 588 ff. 13 ) Wohl Constantin Ritter
Cholewa v. Pawlikowski hundert Bogen
aus mehr als 500 alten u. neuen Büchern über
die Juden neben d. Christen 1839, 674 f.; Strei¬
cher. 14 ) Caro 1, 358; AA. SS. Mart. III 591.
lb ) AA. SS. Martii 3, 591 ff.; Fern 22; Loge 37.
43 (Bulle Beatus Andreas); Streicher.
lß ) Otto Stobbe d. Juden in Deutschld. 1866,
280. 17 ) AA. SS. Martii 3, 589; April. II 505;
Streicher; zu diesen Nachrichten gehört auch
die engl. Ballade bei Herder Stimmen d. Völker
3 Nr. 15 (Hempels Ausgabe 5, 157 ff.).
18 ) Schudt 4, 153 f. 18a ) Streicher nach
Bianca Hispania illustrata 3, 657. 19 ) Stobbe
281. 20 ) Alemannia 10, 5. 20a ) Streicher nach
Meichelbeck Hist. Bavariae 2, 94. 2ob ) Strei¬
cher nach Henri Desportes Lß mystere du sang
66. 21 ) AA. SS. April. 2, 505; MG. SS. 16, 31;
Annales Marbacenses (ed.Reincke-Bloch 1908)
in MG. SS. in us. schol. 98; Caro 1, 410. 305;
Strack 135 f. 194; Buchberger Kirchl. Hand¬
lexikon 2 (1912), 1787!.; Loge 45 nach Fricdr.
Raumer Gesch. d. Hohenstaufen 5 2 , 352; Strei¬
cher; Pawlikowski 181. 679. 22 ) Caro 1,
305. 422 ;Güdemann2,88; Strack Blut 170 f.;
Loge 193 ff.; Meyer Aberglaube 196. 23 ) Caro
2, 16; Fern 22; Streicher; Stobbe 281 f.;
Montan us Volksfeste 133. 24 ) AA. SS. Martii
3,591. 25 ) Strack Blut 136 ff. 195. 25a ) Strei¬
cher. 25b ) Loge 37; Streicher nach AA. SS.
Mart. 3, 589. 26 ) Pawlikowski 178; Fern 23;
Streicher; Meyer Aberglaube 197. 27 ) MG.
SS. 17, 191; Streicher falsch 1220 nach AA.
SS. April. 2, 505 u. Murer Helvetia sancta ; Strei¬
cher bringt unter 1260 den Fall ein zweites Mal;.
Fern 23. 28 ) Hertzogs Edelsasser Chronik -
Strack Blut 139. 29 ) AA. SS. Aprilis 2, 505.
838; Thomas Cantiprat ensis Bonum uni¬
versale de apibus 1605, 304 f. (c. 29) — Grimm
Sagen Nr. 353; Pawlikowski 181. 187. 677;
Streicher; Meyer Aberglaube 196 f. 29a ) Strei -
eher. 29b ) Streicher nach Desportes 67.
30 ) Caro 2, 195 f.; Strack Blut 139 f.; Fern 23;
Streicher; Stobbe 282. 31 ) MG. SS. 17, 415;
7, 187; 9, 810; 10, 10; 13, 57; Aventinus Chro¬
nica CCCCLXX; A. Caro 2, 196; Strack 124;
Schudt 1, 452; 4, 229; Pawlikowski 178. 181.
679; Streicher nach Räder Bavaria sancta 1,
315, und noch einmal 1286 nach Murer. Fern
23. 32 )s. Anm.28. 33 ) MG. SS. 9, 746; 17, 77.214.
255 - 4 1 5 : 24, 213. 470t.; 25, 711; AA. SS. Aprilis
2, 697 ff.; Strack 140 f.; Schudt 4, 288;
Fern 23; Loge37; Streicher; Grässe Preußen
2, 133 f.; Montanus Volksfeste 133. 34 ) Strack
140 f. 35 ) Schudt 1, 335; 4, 2i6f; Streicher
nach Henricus Murer Helvetia sancta 1648, 299f.
36 ) MG. SS. 17 219; Streicher; AA. SS. April 2,
504 ff. 36a ) AA. SS. April 2, 505. 37 ) Caro 2, 196;
MG. SS. 9, 658; Stobbe 283; Fern 23 (zitiert
den Fall nach MG. SS. 11, 658, wo Benzo, ad
Heinricum IV. steht, Streicher folgt Fern und
zitiert MG. SS. 11, 658). 3S ) Stobbe 283; Loge
37; Streicher nach Desportes. 39 ) Caro 2,
192.194 f. 40 ) Stobbe283; Fern 23; Streicher.
41 ) MG. SS. 25, 715 t. 717; SS. in vernacula
lingua: Dtsch. Chroniken 2, 309; AA. SS. April 2,
505; Caro 2, 198; Strack 143; Tentzel monatl.
Unterredungen 1693, 556; Pawlikowski 178;
Fern 23; Streicher. 42 ) Tentzel monatl. Unter¬
redungen 1693, 556; AA. SS. April. 2, 505; Paw¬
likowski 178; Streicher; Joh. Dubrawius
historica Bohcmica 1687, 492 u. Martin Boregk
Behmische Chronica 1587, i, 258. 43 ) Strack
Blut 144 f. 43a ) Streicher. 43b ) Streicher.
44 ) Joh. Vitodur. chronica ed. F. Baethgen
MG. SS. in nova series 1924, 117; Birlinger
Aus Schwaben 2, 408; Lachmann Überlingen
4off. 42; Waibel u. Flamm 25 ff.; Strack 132
N. 1; Streicher. 44a ) Streicher nach Des¬
portes. 45 ) Räder 2, 333; Streicher; Caro
2, 205; Pawlikowski 178. 679. 46 ) Henricus
Murer Helvetia sancta 1648, 312 nach Stumpf
Schweizerchronik 1. VI. c. 8; Bullinger Zürcher
Chronik 1. 7 c. 20; Schudt 1, 333. 47 ) Ebd. 1,
359. 47a ) Streicher nach AA. SS. (ohne Band-
und Seitenzahlen). 48 ) Pawlikowski... 679;
Streicher nach Martin Crusius Jahrbücher
aus Schwaben P. III. lib. 5. 49 ) Schudt 1, 333.
50 ) AA. SS. Aprilis 2, 838; Murer Helvetia sancta
313; Fern 23; Streicher. 51 ) Fern 23; Strei¬
cher; AA. SS. April 2, 838. 52 ) AA. SS. Aprilis
2, 838; Schles. Provinzialbl. 117 (1843), 382:8.;
PawlikoAvski 187.679. 53 ) Fern 23; Streich er.
54 ) Stobbe 192; Pawlikowski 682. 23 ff.
737
Ritualmord
738
“) Birlinger Schwaben 1, 28 ff; Fern 23;
Streicher. 56 ) Bulle Beatus Andreas - Loge
43; Pawlikowski i8gff. 191 f. 57 ) Amira
Endinger Judenspiel 10. 58 ) Pawlikowski
683t.; Streicher. 59 ) Kühnau Breslauer
Sagen 1926, 105; Peuckert Schlesien 44;
Stobbe 193; Streicher nach Desportes.
•°) AA. SS. Aprilis 2, 838; Fern 24. 61 ) Ebd.;
AA. SS. April 2, 838; Pawlikowski 685 f.;
Fern 23 f.; Streicher. 62 ) Pawlikowski
682; Fern 24. 63 ) Pawlikowski 679. 64 ) AA.
SS. Julii 3, 462; Grimm Sagen Nr. 352; zum
Fortleben im Volk Strack 145 f.; Buch-
berger Kirchl. Handlexikon 2 (1912), 1787
f.; Loge 37. 40 ff.; Streicher; Pawlikowski
188 f.; Zingerle Sagen 1859, 135; Fern 24.
65 ) Amira Endinger Judenspiel', ZfGORh. 41
(N. F. 2), 313 ff.; Waibel u. Flamm 2, 307.
65a ) Streicher. 6ß ) Strack 146 f. nach C. Th.
Gemeiner Regensburg. Chronik 1821. 3, 532 f. ;
Schudt 4, 231 f. 67 ) AA. SS. Martii 3, 494 ff.;
Loge 40t.; Strack I2öff.; Buchberger
Kirchl. Handlex. 2, 1787 f.; Loge 20 ff. (feuille-
tonistisch); Streicher; Pawlikowski 184t.
679. 178 f. — Tentzel monatl. Unterredungen
1 ^ 93 . 55 i ffd 1694, 122 ff.; Alemannia 26, 93 ff.;
Fern 24; zur Entstehung der Beschuldigung:
Acta SS. Sept. VII, 884 ff.; Pawlikowski
196 t.; darauf bezügliches Spottbild in Frank¬
furt a.M.: Meyer Aberglaube 196; Georg
Liebe D. Judentum 1924, 35; Schudt II, 1,
256 f.; Aug. Rohling Meine Antworten an d.
Rabbiner 1883 4 ; Jos. Dekkert Ein Riiual-
mord 1893; Ders. Vier Tiroler Kinder Opfer
d. chassid. Fanatismus 1893; Grässe Preußen
2, 693; Bilderbogen: Liebe 17/20. 67a ) Paw¬
likowski 196; Streicher; Bader 3, 174.
€8 ) AA. SS. Aprilis 2, 838!.; Pawlikowski
680; Fern 24; Streicher. 69 ) Fern 24.
69a )Loge43 Bulle (Beatus Andreas); Streicher.
70 ) Liliencron Hi stör. Volkslieder 3, 316 ff.
(Losert, Hubmaier 18); Z. f. hist. Theol. 7.
Heft 3, 39; Kathol. Ztschr. f. Wissensch. u.
Kunst 1846. 4, 183; Pawlikowski 179. 182;
Fern 24; Streicher nach Desportes.
70a ) Bulle Bachus Andreas nach Theophil. Ray-
nand opera XVIII, bes. De martyrio per pestem
P. II t. 2 Nr. 7; Loge 43; Streicher. 71 ) AA.
SS. Aprilis 2, 505. 838!.; Anton Bonfin Re-
rum Hungaricarum decades (Dec. V. 4)
1606, 718; Loge 50; Streicher; Schudt 1,
115 f.; 4, 61; Strack Blut 1330.; Fern 24.
72 ) Pawlikowski 680. 73 ) Ebd. 31; Tentzel
Monatl. Unterredgn. 1694, 152 f. nach Valva-
sor Krain ; Schudt 1, 342. 74 ) Ebd. 680.
75 ) Ebd. 680; Streicher. 76 ) AA. SS. Aprilis
2, 839. Den Waldkircher Fall auch Fern 24.
77 ) Strack 147L 78 ) Stobbe 292; Fern 24;
Streicher. 78a ) Streicher nach Cluverius
Epitomehist. 579. 78b ) Streicher nach Ziegler
u. Kniephausen Schauplatz (nicht Schon¬
platz, wie Str. schreibt) 588. 79 ) Fern 24 f.
nach Richard Mun d. Juden in Berlin 1924,
31; Streicher. 80 ) Annalen d. Juden 51 ff.;
Pawlikow T ski 680. 81 ) Ebd. 679; Schudt
4,245; Horst Zauberbibliothek 2, 512L
82 ) Fern 25 und Streicher; wohl der Fall
von 1494. 82a ) Streicher nach Desportes.
83 ) G. Wolf Hist. Skizzen aus Österreich-
Ungarn 1883, 296 ff.; Strack Blut 134!.
84 ) Pawlikowski 179. 182. 679; Fern 25;
Streicher; Räder 3, 176 f.; AA. SS. Mart. 3,
589. 85 ) Pawlikowski 680 86 ) R. Küh¬
nau Oberschles. Sagen hist. Art 1927, 347 f.
86a ) AA. SS. Aprilis 2, 839; Streicher.
87 ) AA. SS. Aprilis 2, 839; Fern 25; Streicher.
88 ) Pawlikowski 681; Streicher. 89 ) AA. SS.
Mart. 3, 589; Apr. 2, 839; Pawlikowski 183;
Fern 25; Streicher. 89a ) Streicher nach
Desportes. 90 ) AA. SS. Apr. 2, 838!.;
Pawlikowski 187; Streicher. 90a ) Strei¬
cher. 91 ) AA. SS. Apr. 2, 839; Fern 25;
Pawlikowski 187; Fern 25. ® 2 ) Albert
Kvialowicz Miscellanca eccl. Lituaniae c. 1;
Streicher. ß3 ) AA. SS. Apr. 2, 835 ff.;
Pawlikowski i86f. 179; Tentzel monatl .
Unterredungen 1693, 103. 557; Schudt 1,
467f; Streicher. ® 4 ) Tentzel monatl. Unter¬
redgn. 1694, 148h. 975 ff.; H. Anshelm v. Zieg¬
ler u. Kniephausen Histor. Labyrinth d. Zeit
1701, 323 ff.; Pawlikowski 179; Fern 25;
Streicher. 95 ) Tentzel 1693, 553; Fern
25; Streicher. 96 ) Nach Axteimeyer,
Naiurlichts 1 V. TheiT, Schu d t 4, 236L; Ziegler
u. Kniephausen. Tägl. Schaupl. 553; Strei¬
cher. ö7 ) Pawlikowski 179 f.; Fern
25; Streicher. ö7a ) AA. SS.; Streicher.
") Annalen d. Juden in d. preuß. Staaten 1790,
102 f. ö8a ) Streicher. ") Tentzel monatl.
Unterredgn. 1693, 549. 558. 102 f.; 1694, 126 ff.
10 °) Ebd. 1693, 541 f. 101 ) A. Berliner Gesch.
d. Juden in Rom 1894. II 2, 73. 102 ) Strack
Blut 122. 148; Streicher. 1Ü3 )G. Wolf Hist.
Skizzen aus Österreich-Ungarn 1883, 298.
1(4 ) Streicher. 104a ) Streicher nach Des¬
portes. 104b ) Streicher nach Friedr. Oertel
Was glauben die Juden ? 1823. 105 ) Fern 25h;
Streicher. 106 ) Montanus Volksfeste 134.
106a ) St reiche mach A. Achille Laurent Affaires
de Syrie. 107 ) Otto Stobbe d. Juden in
Deutschland 1866, 186; Streicher nach
Pawlikowski. lc8 ) G. Wolf Hist. Skizzen
299; Strack 149t. 109 ) Strack Blut 148!.;
Z. f. hist. Theol. 7. H. 3, 40. uo ) Ebd. 11.
H. 4, 153 ff.; Meisl in Festschrift zu Dubnows
70. Geburtstag 1930. 226ff.; Strack 131 ff.;
Loge 54ff.; Fern 26; Laurent Affaires de Syrie
konnte ich nicht erlangen. U1 ) Bunzlauer
Sonntagsblatt 1842, 275. 112 ) Fern 26; Strei¬
cher. 113 ) Montanus Volksfeste 134. 114 ) Strack
Blut 150 f. 115 ) Strack Blut 151; Streicher.
n6 ) P. Nathan d. Prozeß von Tisza-Eszlar 1S92;
Strack 151; Loge 67 ff. 196 ff.; Streicher;
Fern 27 t. 116a ) Loge 68 f. 117 ) Fern 28;
Streicher. 118 ) Strack 1530.; Loge 18S;
Streicher; Fern 28; Rud. Kleinpaul
Menschenopfer u. Ritualmorde. Leipzig s. a. 1 f.
L19 ) Strack Blut 153. X2ü ) Ebd. 151 ff. m ) Ebd.
157 f. 122 ) Ebd. 158. 123 ) Ebd. 160 f. 124 ) Ebd.
. t 125\ T ?UA t rQ f 126\ TTK A t Ao 327\ ‘PHrl t C,o
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
739
Ritus
Robbe
742
128 ) Ebd. 163 ff.; Loge 96. 100 ff.; Strei¬
cher; Fern 28 f. Vgl. Bruno Adlers Roman
Kampf um Polna 1934 - 129 ) Peuckert
Schlesien 43. 13 °) Strack Blut Vorwort XI;
Loge 188; Streicher; Fern 29; Hammer
3 , 330. 131 ) Fern 29; Loge 188; Strei¬
cher. 132 ) Ebd. 30 N. 1. 132a ) Streicher.
Die zuletzt 1934 erhobene Behauptung wurde
auch damals von der Polizei als falsch erklärt.
132b ) Loge 188; Streicher. 132c ) Nach
Basler Nachrichten vom 28. 11. 1934. 133 ) Perl.
Tagebl. vom 16. 9. 1928. 134 ) Stobbe 289
N. 1; (Jungverheiratete) Streicher; Pawli-
kowski 683 f. 135 ) Ebd. 685 f.; Tentzel
monatl. Unterredgn. 1694, 133; Strackerjan
Oldenburg 2, 180 Nr. 414; Strack 165.
13S ) Jahn Hexenwesen 28. 137 ) Ebd. 144t.
138 ) Mündlich aus Posen und Westpreußen;
Schudt 1, 468; Pawlikowski 201; Strei¬
cher; Tentzel monatl. Unterredgn . 1693,
556; Rochholz Schweizersagen 1, 23.
* 39 ) Schudt 4, 61; Strack 165. M0 ) Ebd.
102 f. 195; Loge 48 nach Moldavo. 141 ) Nach
Bonf in rer. Hungaricum Decades, Dec. V. 1.4;
AA. SS. Apr. 2, 501 ff.; Schudt 1, 115L;
Strack 133; Pawlikowski 180; Tentzel
monatl. Unterredgn . 1693, 538 t. 556. 142 )
Strack 194; Montanus Volksfeste 133;
Stobbe 288. 289 N. 1; vgl. Meyer Aberglaube
195. Vgl. Rud. Kleinpaul Menschenopfer u.
Ritualmorde s. a. 2. 143 ) Strack Blut 97;
Hahn Griech. u. alban. Märchen 1, 31 ff.
144 ) Meyer Aberglaube 195; Schudt II. 1, 346.
468; Stobbe 288; darauf geht wohl der Text im
Anhang zu Dudulaeus' Schrift vom ewigen
Juden zurück. 145 ) Rochholz Sagen 1, 23;
Stobbe 289 N. 1; Montanus Volksfeste 131.
146 ) Schudt i, 468. 147 ) Th. Cantipratensis
Bonum universale 1605, 305; Strack 195 t.;
AA. SS. Apr. 2, 505; Pawlikowski 181;
Schudt 1, 115b; II. x, 345; Loge 51; s.
Anm. 123; vgl. Alemannia 7, 161. 148 ) AA.
SS. Martii 3, 591. 593; Schudt 1, 468; Loge 51;
Streicher; Pawlikowski 181 Anm. 123.
149 ) Jahn Hexenwesen 28. Streicher. 15 °)
Schudt 1, 468; II. 2,328; Loge 48; Streicher.
151 ) Stobbe 289 N. 1; Loge 48. 50; Strei¬
cher; Meyer Aberglaube 195. 152 ) Vgl. Anm.
123; Schudt 1, 468; Loge 50. 153 ) Stobbe
288. 154 ) Schudt II. 2, 329 ff.; Loge 51;
Streicher; Cantiprat ensis 305. 155 ) Meyer
Aberglaube 195f.; Stobbe 288. 166 ) Cantipra-
tensis 305; AA. SS. Apr. 2, 505; Pawli¬
kowski 180 f.; Tentzel monatl. Unterredgn.
1693, 556; Amira Endinger Judenspiel 1883, 41.
157 ) Tentzel monatl. Unterredgn. 1693, 533;
Schudt 1, 468 f.; 4, 61 f. Peuckert.
Ritus. Unter R. verstehen wir den
«
festbestimmten Brauch im Gebiet der
Religion und Magie, die geregelte und
vorgeschriebene Art und Weise, mit der
eine kultische oder magische Handlung
vorgenommen wird. Die Etymologie des
Wortes ist nicht ganz sicher. Wahr¬
scheinlich gehört es zum altindischen
Rta, das im Rigveda eine große Rolle
spielt und „Recht, Ordnung“ bedeutet.
Dieses Rta zeigt sich in den stetigen Vor¬
gängen in der Natur, aber auch als sitt¬
liches Gesetz im Handeln der Menschen,
ganz besonders auch im Kultus. Rta ist
nach Oldenberg x ) hier nicht lediglich der
technisch korrekte Gang der Kultusvoll¬
ziehung, sondern es spielt hier die Vor¬
stellung mit, „daß im Opfervorgang die
großen Ordnungen des Weltganzen leben“,
und „zugleich wird das Opfer auch von
der moralischen Seite des Rta-Begriffs
berührt, insofern es im Gegensatz zu den
Ränken der mit bösen Geistern verbün¬
deten Zauberei als Verkörperung des
Wahren und Rechten dasteht“. Die
Götter selbst sind die Begründer des Rta.
Der Inhalt des Rta deckt sich mit den
Satzungen, den Geboten des Mitra und
Varuna.
R. ist also die gesetzmäßige feste Be¬
stimmung, nach der eine kultische oder
magische Handlung vorgenommen werden
muß, und die Gesamtheit der Riten
können wir auf dem Gebiet der Religion
als Kultus, auf dem Gebiet des Volks¬
und Aberglaubens als Brauchtum be¬
zeichnen. In welchem Verhältnis Kultus
und Brauchtum, also auch die religiösen
und die magischen Riten zueinander
stehen, ist oben im Art. Kult gezeigt.
Im einzelnen ist noch zu sagen, daß zum
Wesen des R. seine UnVeränderlichkeit ge¬
hört, eine starre Observanz, auf die der
Handelnde zu achten hat, daß die Kennt¬
nis des R. (s. auch oben 3, 361) Sache des
Priesters bzw. des Brauchers, Zauberers
usw. ist, der zugleich Hüter der Tradition
ist. So ist die eigentliche Bedeutung der
angelsächsischen Bezeichnung für den
Priester 2 ) aeweweard „Gesetzeshüter“, und
die Wadschagga 3 ) haben ihre vakara , die
„Hüter der Tradition“, die Vollzieher des
R., die achtgeben müssen, daß der R.
der Überlieferung gemäß ausgeführt
wird 4 ). Oft wird der R. geheim gehalten
und erbt sich in der Famüie weiter (s. o.
2, 869 ff.), entweder mündlich oder schrift¬
lich in Ritual- und Brauchbüchem (s. d.).
Nicht selten wird der R. wie ja auch pro¬
fane Gesetze auf eine göttliche Offen¬
barung zurückgeführt 5 ), oft auch auf
irgendwelche Heroen der Religion oder
Meister der Zauberei wie Hermes, Moses,
Salomon u. a.
Die zentrifugale Kraft, die innerhalb
der Entwicklung der Religion wirkt (s. o.
5,803 f.), läßt allmählich religiöse Er¬
scheinungen aus der Sphäre der Religion
heraustreten, wodurch sie säkularisiert
und profaniert werden. So werden viel¬
fach auch religiöse Riten allmählich zum
profanen Brauch und zur Sitte. Hierbei
sind verschiedene Grade der Profanierung
möglich d. h. verschiedene Entfernungen
vom religiösen Zentrum. Da sind es zu¬
nächst Volksbräuche, die heutzutage zwar
keine religiösen Riten mehr sind, die aber
doch noch mehr oder minder deutlich er¬
kennbare magische Bedeutung haben,
andere wieder, die zu bloßen Volksbe¬
lustigungen herabgesunken sind. So zeigt
etwa die Geschichte des Tanzes, der mimi¬
schen Aufführungen, der Maske diesen
Weg vom religiösen und magischen R.
zur völligen Profanierung. Und anderer¬
seits die zentripetale Bewegung erkennen
wir in dem Hineindringen profaner welt¬
licher Erscheinungen in das Gebiet der
Religion. Insbesondere wenn zwei Reli¬
gionen aufeinanderprallen, wie etwa die
germanische und die christliche Religion,
schöpft die zur Herrschaft kommende
neue Religion aus dem Schatz der im
Untergrund noch lebendigen Vorstellun¬
gen und Bräuche der älteren Religion, ver¬
leibt sie sich ein und entzieht sie dadurch
der Wirkung der zentrifugalen Bewegung
und schützt sie vor Profanierung. So
sind manche aus heidnischer Zeit stam¬
menden Feste von der christlichen Kirche
übernommen und mit einem der christ¬
lichen Religion angepaßten Geist erfüllt
worden, oder alte Volksfeste sind mit
kirchlichen Festen verbunden worden
und werden gleichzeitig mit diesen ge¬
feiert. So übt also die stärkere Religion
eine zentripetale Wirkung gegenüber dem
Volksglauben und dem Volksbrauch aus.
Aber die neue und stärkere Religion ver¬
drängt auch viele Riten der älteren und
bewirkt dadurch ein schnelleres Hinab¬
gleiten in den profanen Bereich, verstärkt
also die zentrifugale Bewegung und stößt
gewaltsam religiöse Riten und Anschau¬
ungen hinaus in das profane Gebiet der
Sitte, des Brauchtums und des Spiels.
Was die Strenge der Vorschriften des
R. betrifft, so kann bald ein Zunehmen,
bald ein Abnehmen im Lauf der Ent¬
wicklung festgestellt werden. Es können
Riten primitiverer Art, wenn sie einem
erreichten höheren Kultur- oder Geistes¬
zustand nicht mehr angemessen sind, all¬
mählich in Wegfall kommen, durch Re¬
formationen beseitigt werden oder nur
rudimentär oder als Volksbrauch weiter¬
leben. Und andererseits kann ein Ritual
an bindender Stärke und Starrheit mehr
und mehr zunehmen, so daß ein R. aus-
geübt wird bloß um des R. willen, bis die
Religion fast zu einem reinen Ritualismus
wird. Das Gleiche ist auch auf dem Ge¬
biet des Brauchtums der Fall, wo wir
häufig uralte Riten beobachtet finden,
deren Sinn völlig unverstanden ist, die
aber doch noch in ihren äußeren Formen
weiter leben, weil sie eben von je her so
angewandt wurden. Denn nichts ist auf
dem Gebiet der Religion und des Volks¬
glaubens so konservativ als der R. — S.
auch Kult, Religion.
*) Oldenberg Rel. des Veda z 194 ff. 2 )Jente
Die mythologischen Ausdrücke im altengl. Wort -
schätz (AnglF. 56, 1921) S. 1 f. 3 ) ARw. 10,
276 ff. 4 ) Weiteres dazu Pauly-Wissowa
11, 2130; Pfister Religion 256. 5 ) Pauly-
Wissowa 11, 2156 f.; Suppl. 4, 340; s. auch o.
3, 365 f. Pfister.
Robbe, Seehund (Phoca vitulina). In
Gesners Fischbuch 1 ) findet sich ver¬
schiedener naturwissenschaftlicher und
medizinischer Glaube über das „Meer¬
kalb“, der teilweise auf antike Quellen
zurückgeht und sich nicht bis in die
Gegenwart erhalten hat: Der Speck
heilt den „bösen grind“ oder „raud“
(Räude), Gebärmutterkrankheiten 2 ), ver¬
treibt „gschwulst und düssel“ (verhärteter
Tumor), verhindert den Haarausfall.
Die Asche und das Fett des „Meer¬
kalbs“ ist gut gegen das Podagra 2 ), sein
Fleisch und getrocknetes Blut, in Wein
getrunken, seine Leber, Lunge, Milz,
24*
i .
Roche—Rochus
Rochus
der Magen der Jungen gegen Fallsucht
Tobsucht, Schwindel, Schlagfluß und
andere Gehimkrankheiten; der Magen
insbesondere gegen den „viertägigen rit¬
ten“ (Wechselfieber). „Der geruch von
den gebranten beinen (Knochen) treybt
die Geburt“, die Galle gegen Augen¬
krankheiten, die Haut, als Gürtel ge¬
tragen, „ist gut den nieren und hufften“.
„schuch davon bereitet, vertreybt das
podagran“ 2 ); seine rechte Flosse („fisch-
feckten“), unter den Kopf gelegt, bringt
Schlaf 2 ).
Die R. ist immun gegen Blitz 3 ) und
schützt daher auch vor Blitzschlag 4 ).
Wenn man eine R.nhaut trägt, so sträuben
sich deren Haare „bei großen Unge-
wittem“ 6 ). Nach den Geoponica (I 14)
wird ein Riemen von R.enfell an einem
Weinstock aufgehängt, um die Reben vor
Hagel zu schützen.
Auf der Insel Rügen glaubt man, daß
der Seehund von ertrunkenen Menschen
abstamme 6 ). In weiten Gebieten der
Ostsee wird der Ursprung der Seehunde
von dem im Roten Meere ertrunkenen
Kriegsheer des Pharao hergeleitet; die
älteste Angabe hierüber steht in Eggert
Olafssons Reisebrief vom Jahre 1772 7 ).
0 Fischbuch (1563) 103 verso. *) Pauly-
Wiss. 2. R. i, 1, 949; Lenz Zool. 148 f.
3 ) Franz Benediktionen 2,38. 4 ) Pauly-Wiss.
a. a. O.; Lenz Zool . 148 (Kaiser Augustus trug
ein Wams aus R.nfell gegen den Blitz). 6 ) Ale¬
mannia ii, 269 (a. 1632); vgl. Gesner Fischb.
103 recto. 6 ) FL. 11, 235 - Hastings 1, 525.
7 ) Loorits Pharaos Heer in der Volksüberliefe¬
rung (1935), 3 ff. und passim.
Hoffmann-Krayer.
Roche, m. u. f. (jetzt meist erst eres).
Im Altertum werden Stachel-R.en (try-
gon pastinaca) und Zitter-R.en (torpedo
narce) häufig in der Volksmedizin ver¬
wendet *), heute — wenigstens im deut¬
schen Sprachgebiet — kaum mehr. Ver¬
mischtes ohne Quellenangabe findet sich
in Gesners Fischbuch (fol. 76 verso):
„Die läbendigen zitterfisch werdend auf¬
gelegt, denen so alte hauptwee habend,
und dem außgefallenen sitz (Mast¬
darmvorfall). Item dem prästen des
miltzes / Ursachet auch ein ringe (leichte)
gebürt . . . Sein fleisch in essich gefült.
an die haarechtigen ort gesprengt, macht
die haar ußfallen. Item an die schmert-
zen der gleichen (Gelenke) gebunden,
heilt zü stund. Item solcher fisch gleych
läbendig in öl gesotten, und das Öl mit
wenig wachß gemischt ist die allerköst-
lichest artzney zü dem Podagra. Sein
gall an die hoden gestrichen vertreybt
die geilheit. Item die gall mit essich
angestrichen, an die verwirten aug-
brauwen macht sy ußfallen“.
*) Pauly-Wiss.
503.
i, 76; Lenz Zoologie 493.
Hoffmann-Krayer.
Rochelmoore. Die R., ein gespen¬
stisches Mutterschwein (Moore), das mit
gräßlichem Grunzen (Röcheln) durch die
Lüfte zieht und die Herden in Verwirrung
bringt, gehört zum „Gundisheer" (s. Wil¬
des Heer) 2 ).
*) Kohl rusch 45. 385 (= Sepp Sagenschatz
422), vgl. Rochholz Aargau 1, 93 (R. ver¬
weist hier auf Jahn Kanton Bern 328) u. S.
100 Nr. 89. Ranke.
Rochus, hl., Bekenner 4 ), geb. um 1295.
zu Montpellier, stammte von reichen
Eltern, führte jedoch ein Leben in Ent¬
sagung und als Pilger und widmete sich
der Pflege der Pestkranken, deren er viele
durch Gebet und Kreuzzeichen geheilt
haben soll. Selber von der Pest ergriffen,
lebte er als Einsiedler im Walde bei Sar-
mato an der Trebia, nach der Legende von
einem Engel und seinem Hunde 2 ) ge¬
pflegt, die beide als seine Attribute er¬
scheinen, und wurde schließlich geheilt.
Er starb 1327 in Montpellier; seine Ge¬
beine wurden 1485 nach Venedig in die
ihm zu Ehren geweihte Kirche San Rocco
übertragen. Fest 16. August.
Der hl. R. wurde einer der ersten Schutz¬
heiligen gegen die Pest 3 ), besonders seit¬
dem 1414 auf dem Konzil zu Konstanz
seine Verehrung empfohlen worden war.
Als damals die Pest ausbrach, sollen die
„Väter“ ihn angerufen haben, wodurch
die Seuche sofort gebannt worden sei 4 ).
Infolgedessen wurden ihm zu Ehren seit
dem 15. Jahrhundert Kapellen errichtet
und Bruderschaften gegründet, auch Sie-
chenhäuser 5 ) nach ihm benannt. Eine der
berühmtesten Kult Stätten des Heiligen
in Deutschland ist die Kirche auf dem
R.berg 6 ) bei Bingen. Auch in den Pest¬
zeiten des 16. und 17. Jh.s wurde er als
Schutzpatron viel begehrt und angerufen.
Noch heute erinnern Feste 7 ) und Pro¬
zessionen 8 ) am R.tag an solche Pest¬
zeiten und an die mit diesen zusammen¬
hängende Verelirung des hl. R. Eine
Votivmesse 9 ), geschrieben 1468, sowie
eine besondere Andacht 10 ) zu ihm gegen
epidemische Krankheiten, die ein lateini¬
sches Gebetbuch des 15. Jh.s aus West¬
deutschland enthält, sind weitere Be¬
weise für seine frühe volkstümliche Ver¬
ehrung. Weil sein Name Rochus oder
Roches wie Rache 11 ) klingt, dieses aber
Gottes Zorn und im weiteren Sinne von
Gott zur Strafe verhängte Seuche oder
Pest bedeutete, wurde er auch in Gebeten
angerufen, „Gottes Rache“ abzuwenden.
Zahlreiche R.bilder und -Gemälde 12 ) sind
in Deutschland, in den Niederlanden, in
Frankreich und in Italien noch enthalten
und zeigen ihn meistens mit entblößtem
Oberschenkel oder Knie, auf dem eine Pest¬
beule zu sehen ist. Das Bild des Heiligen
wurde auch an vielen der sogenannten
Pestsäulen 13 ) und an Häusern angebracht,
damit man durch seinen Anblick vor dem
Übel bewahrt bleibe. Verschont von der
Pest blieb auch, wer aus einem Becher
aus Steinbockhom trank, aus einem sog.
R.becher 14 ).
Des weiteren wurde der hl. R. zum Für¬
sprecher und Helfer gegen Krankheiten
und Schäden 15 ) der Haut (Ausschläge,
Geschwüre, Beulen, Abschürfungen) und
gegen Schmerzen der Beine 16 ) und der
Knie 17 ). In der Schweiz wallfahrteten
die, welche infolge Eissen (mhd.-ahd. eiss,
eisse m. „Eiterbeule, Geschwür“, noch
jetzt obd. Eiß, Eiße), Blutschwären (Fu¬
runkel, Karbunkel) oder ähnlichen Ge¬
schwüren litten, in der Regel nachGommis-
wald, wo sie dem Eissenmannli 18 ) opfer¬
ten, einer kleinen Heiligenfigur, die auf
einem Tischchen am Hochaltar stand
(steht?) und den hl. R. darstellt. Der
Heilige zeigt auch hier den rechten Ober¬
schenkel entblößt und auf dessen Mitte
eine große Eiterbeule. Die Bittfahrer
opferten je nach der Zahl der Eissen oder
dem Vermögen. Außer Geldstücken
wurden ebensoviele Halm- oder Stroh¬
besen gegeben, eine auf sympathischer
und homöopathischer Grundlage beru¬
hende Gabe. Bemerkenswert ist noch die
Bezeichnung Waihla- oder Waihle-R.
(Roches) für einen Menschen voller Weh
und Leid und für einen Menschen voller
Hautwunden oder Abschürfungen, dem
der hl. R. mit dem kleinen Weh(= Waihle)
oder mit dem „Ochele“ an der Ferse zur
Seite gestellt wird 19 ). In Oberschwaben
sagt man z. B.: ,,0 Kerle, bist über da
Waihle-Roches“. Der R.kult war zuletzt
so stark geworden, daß andere Pestpatrone,
z. B. der hl. Sebastian (s. d.), hinter den
hl. R. zurücktraten, wenn auch gerade
diese beiden oft vereint erscheinen.
Aus der Vorstellung von der Schutz¬
macht des Heiligen gegen die Pest unter
den Menschen entwickelte sich die jüngere
von seiner wirksamen Hilfe gegen Vieh¬
krankheiten. Deshalb galt und gilt der
hl. R. auch als Schützer des Viehes 20 ),
das häufig Seuchegefahren ausgesetzt ist.
In Schlesien 21 ) ist der Heilige sogar
Hauptviehpatron. Deshalb opfern (opfer¬
ten ?) die Landleute an seinem Tage Jung¬
vieh oder Geflügel, das vorher um den
Kultort geführt oder getragen wird
(wurde?). Auch werden „Fürbitten für
das Gedeihen des Viehes bestellt“. Nicht
viel weniger wird der hl. R. bei den
Tschechen 22 ) sowie in Polen als Vieh¬
patron verehrt. In Polen 23 ) sollen die
Bauern am R.tag Feuer auf der Dorf¬
straße angezündet und ihr Vieh dreimal
um dieses getrieben haben, um es vor einer
Seuche zu bewahren.
In Schwaben ruft man den hl. R. auch
für Frauen an, die schwer gebären 24 ), be¬
sonders wenn andere Mittel vergebens
angewandt worden sind. Ebendort, z. B.
im Oberamt Saulgaul, opfert man in
R.kapellen gegen Gebärmutterleiden 25 )
eiserne Kröten.
Anscheinend ohne Begründung durch
das Leben oder die Legende des Heiligen
verehren in Schlettstadt die Gärtner 28 )
den R. als Patron. Häufig wurde der
hl. R. an seinem Tage besonders aus¬
gezeichnet, weil er der Ortspatron war.
Aus keinem anderen Grunde gab oder
Rock
Rock
gibt man am Rhein, z. B. auf dem R.berg
bei Bingen, und an einigen Orten der
Mosel in Luxemburg dem Standbild des
Heiligen eine reife Traube in die Hand 27 ),
ähnlich wie man bereits vorher in Wein¬
gegenden etwa dem Standbilde der Hei¬
ligen Jakob und Anna sowie dem des hl.
Laurentius eine bereits reif gewordene
Traube gibt, wenn diese Heiligen Pfarr-
oder Ortspatrone sind. Auch Arbeits¬
verbote am R.tag waren örtlich oder
landschaftlich begrenzt und zu Ehren des
Heiligen erlassen, vorzüglich dann, wenn
dieser Pfarr- oder Kirchenpatron war oder
sonstwie in einem bestimmten Bereiche
verehrt wurde. In Schwaben 29 ) durfte
man am R.tag nicht auf dem Felde
arbeiten, sonst hagelte es. An diesem
Tage schirrten die Franzosen 30 ) die Ochsen
nicht an.
Ob oder wie stark ein früher so volks¬
tümlicher Heiliger wie der hl. R. die Bil¬
dung neuer Sagen 28 ) und Volkserzählun¬
gen überhaupt angeregt hat, müßte noch
näher untersucht werden.
l ) AA. SS. 16. Aug. III 380 ff.; Flahault
Le culte de St. Roch dans la Flandre maritime
(Dünkirchen 1904); Bruder Die Verehrung d.
hl. Rochus, Theol.-prakt. Quartalschr. 61 (1908),
795 ff.; Korth Die Patrocinien im Erzbistum
Köln 185; Samson Die Heiligen als Kirchen¬
patrone 351 ff.; Hofier Krankheitsnamen 514:
,,Der Pilger St. R. mit der kranken Ferse(!?),
der aus der ersten mittelalterlichen Medizin¬
schule am Mons pessulanus (Montpellier) kam,
wo schon seit uralten Zeiten heilkräftige Pest¬
kräuter gepflückt wurden“. 2 ) ,,Im
der Pfarrgemeinde Fernere-sur-Beaulieu
die tollen Hunde nicht, weil das dort verehrte
St. R.-bild einen Hund neben sich hat“(!),
ARw. 16, 616. 3 ) Er soll vor seinem Tode Gott
angefleht haben, daß alle, die ihn anriefen, von
der Pest befreit würden: Legenda Aurea 221, 933.
Das Lübecker Passional 1507 nennt ihn einen
,,Marschalk der Pestilenzia“; Fontaine Luxem¬
burg 110; Schweiz Id. 6, 174; Andree Votive 13;
Andree-Eysn Volkskundliches 29 f.; ZfVk. 24
(1914), 142, nach einem älteren Heftchen aus
Rouen, das die Überschrift ,,Le Medecin des
Pauvres“ trägt und in Frankreich weit verbreitet
war; Höhn Volksheilkunde 1, 152. 4 ) Nork
Festkalender 532. 5 ) Schweizld. 6, 174: St. R.
Schutzpatron des Siechenhauses bei Uw Stans
(1496). 6 ) Vgl. folgende Anmerkung. 7 ) Am
bekanntesten ist das R.fest zu Bingen, von
Goethe am 16. August 1814 besucht und an¬
schaulich beschrieben ( Über Kunst und A Itertum
I. Band 2. u. 3. Heft, Stuttgart 1817), viel be¬
sucht aber auch das R.fest zu Speyer, an dem
eine Prozession um die R.kapelle zieht: Andree-
Eysn Volkskundliches 30; Schweizld. 6, 174.
8 ) SAVk. 2, 126; Schweizld. 6, 174; Fontaine
Luxemburg 71. 9 ) Franz Die Messe 180 ff.:
Missa de s. Rocho confessore contra pestem et
langworem epidimie. 10 )Ebd. 183. 11 )Luthers
Werke 7, 75 (Braunschweiger Ausgabe, 1892).
Zehngebotepredigt, 1516. 12 ) Künstle Ikono¬
graphie 5141b 13 ) Reinsberg Böhmen 414.
l4 ) Andree-Eysn Volkskundliches 30.
15
>
Lammert 179 (Schwaben); ZfVk. 8 (1898),
399 (Bayern); Höfler Krankheitsnamen 514.
16 ) ZföVk. 4 (1898), 143; St oll Zauber glauben
92f. 17 ) Samson Die Heiligen als Kirchen¬
patrone 353. 18 ) ZföVk. 4 (1898), 143; Schweiz¬
ld. 4, 253; Stoll Zauberglauben 92f. 19 ) Buck
Volksmedizin 18. 25; Birlinger Aus Schwaben
i, 55 ; 2 » 7 2 ; Hofier Krankheitsnamen 514.
20 ) Reinsberg Böhmen 414t.; Meyer Baden
136. 408; Drechsler Haustiere 12; Andree-
Eysn Volkskundliches 29T; Drechsler 2, 118;
1, i5of.; Jörger Vals 49. 21 ) Drechsler a. a. O.
22 ) Reinsberg Böhmen 415. 23 ) Frazer 10,
282 (Part VII), im Register (12, 444): St. Ro¬
chus’s Day, need-fire kindled-on. 24 ) Lammert
165; nach der Legende trug R. bei seiner Ge¬
burt ein Muttermal in Form eines roten Kreuzes
auf der Brust, das sich immer schöner ent¬
wickelte, Andree Votive 13. 25 ) Lammert
166. 26 ) Elsässische Monatshefte f. Geschichte
u. Volkskunde 4, 157. 27 ) Fontaine Luxem¬
burg 139. 28 ) Einige, freilich kaum eigenartige
Beispiele: Grimm Sagen 473, nur eine kurze
Bemerkung; Eisei Voigtland 255 Nr. 640
(Heilkräftige Rochusquelle); Kühnau Sagen
3 » 439 (Der hl. R. bestimmt selber den Stand¬
ort einer ihm zu gedachten Kapelle). 29 ) Eber-
hardt Landwirtschaft 201. 30 ) Yermoloff
Der landwirtschaftliche Volkskalender 365.
Wrede.
Rock. Mit dem Worte R. bezeichnet
man sowohl das männliche, den Ober¬
körper bedeckende Kleidungsstück, als
auch den weiblichen Kittel. Von beiden
ist ferner noch der Unterrock und der
Überrock zu unterscheiden. Im Aber¬
glauben spielen das ganze Kleidungsstück
und auch die einzelnen Teile eine Rolle.
Wichtig ist die Art und Herkunft des
R.es, seine Farbe und seine Verwendung.
1. Der R. als männliches Kleidungs¬
stück x ), landschaftlich auch Jacke, Joppe
genannt, erscheint mit bezeichnenden
Farben bei einzelnen Sagengestalten.
Einen roten R. hat der Hauskobold, der
deshalb in Pommern der Rödjackte
heißt 2 ). Auch andere von seinen Klei¬
dungsstücken (s. Hose, Hut) sind von
roter Farbe und kennzeichnen ihn so als
Feuergeist 3 ). Vereinzelt tragen auch
arme Seelen ein rotes Wams 4 ). Einen
roten R. haben mitunter die Heinzel¬
männchen 5 ) und Bergmännlein 6 ), wäh¬
rend nach anderen Überlieferungen ein
geschenktes rotes Röcklein und rotes
Käppchen die Erdmännlein vertreibt,
weil sie die rote Farbe nicht leiden
können 7 ). Manchmal ziehen Personen,
welche einen Schatz heben wollen, hierzu
feuerrote R.e an 8 ), andrerseits ist der
Sagenzug häufig, daß der schatzhütende
Zwerg oder Geist jenen Schatzgräber
zum Opfer haben will, der eine rote Jacke,
Weste u. a. hat 9 ). Einen roten R. und
ein rotes Käppchen hat der an seinem
nassen oder tropfenden Rocksaum 10 ) er¬
kennbare Wassermann, der auch bloß
mit allerlei roten Flecken behängt er¬
scheint. Doch kommt ihm die rote Farbe
mehr im slawischen oder ehemals slawi¬
schen Gebiet zu 11 ), sonst trägt er meist
einen grünen R. und grüne Kleidungs¬
stücke 12 ). In der Sprachhalbinsel Neu-
haus-Neubistritz in Südböhmen heißen
die Wassergeister geradezu Grünmänner 13 ).
Einen grünen R. tragen nach Jägerart
auch der Teufel 14 ) und der Nachtjäger 15 ).
Der letzte erscheint aber auch im grauen
R. 16 ), den mit Vorliebe die Bergmännlein
oder Graumännlein tragen 17 ), aber auch
ruhelose Tote und Geister, die nicht
selten geradezu den Namen Graurock
führen 18 ). In einer schlesischen Sage
wird auch der blaue Seidenrock eines
geisternden Grafen erwähnt 19 ). Wegen
seines R.es aus buntem Tuch wurde der
Rattenfänger von Hameln Bundting
genannt 20 ). Von den als Reliquien ver¬
ehrten Kleidungsstücken ist der hl. R.
von Trier zu nennen, der 1891 und 1933
öffentlich ausgestellt war und wunderbare
Heilungen bewirkt haben soll 21 ).
Zwerge, welche Getreide stehlen, ver¬
treibt man nach einer Sage der Iglauer
Sprachinsel dadurch, daß man in jede
der vier Scheunenecken einen Mini¬
strantenrock hängt, der gewöhnlich
von roter Farbe ist 22 ). Den Eingang
zum Kyffhäuser findet man nur dann
wieder, wenn man dort die Jacke liegen
läßt 23 ). In der Oberpfalz trug früher die
Kindbetterin, so lange sie nicht vor¬
gesegnet war, die Jacke des Mannes,
um von den Hexen nicht erkannt zu
werden 24 ) (s. Kleid). Im schottischen
Hochland schützt man die Kinder gegen
den bösen Blick durch ein Jäckchen,
dessen Innenseite nach außen ge¬
kehrt ist 25 ). Gegen Salamander sichern
sich die Bewohner von Vivarais, indem
sie ihre Jacken ausziehen und die Ärmel
(s. d.) übers Kreuz geben, wozu Segens¬
worte gesprochen werden 26 ). Wer einen
neuen R. anhat, dem zwickt man in die
Ärmel 27 ) (s. Kleid). Wenn Ohrenklingen
anzeigt, daß von einem Schlechtes ge¬
sprochen wird, so beißt in Oldenburg der
Mann in den linken R.zipfel, die Frau
in den linken Schürzenzipfel; dann beißt
sich der Verleumder auf die Zunge 28 ).
Neben dem R.zipfel kommt auch den
Taschen (s. d.) und den Hafteln Be¬
deutung zu. In Weststeiermark mußten
die sogenannten Haftelröcke 72 Hafteln
haben 29 ).
Im mittelalterlichen Rechtswesen
spielte der abnehmbare, gefältelte Teil des
Leibgewandes (mhd. gere) eine Rolle.
| Abnehmen und Hinwerfen dieses R.zipfels
oder R.schoßes war das Sinnbild der
Auflassung eines Gutes. Bei Forderungen
mußte der Förderer den Geforderten
beim R.zipfel ergreifen, ebenso auch der
Gläubiger den Schuldner, der Richter den
Verurteilten. Auch bei Eidschwüren
wurde die Hand auf den Geren gelegt 30 ).
J ) DWb. 8, 1092 ff.; F. Hottenroth Hand¬
buch der deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 976;
K. Spieß Die deutschen Volkstrachten (ANuG.
Nr. 342, Leipzig 1911) 13. 45!.; Heckscher
263 f. 494 t.; Hjalmar Falk Altwestnordische
Kleiderkunde, Videnskapsselskapets Skrifter II.
Hist.-filos. Klasse, 1918 Nr. 3 (Kristiania 1919)
140 ff. 2 ) Jahn Pommern 104 ff. Nr. 125 ff.
136 f. 154 ff. 3 ) Vgl. Zaunert Natursagen i, 56.
4 ) Kühnau Sagen 1, 594 Nr. 630. 5 ) Meiche
Sagen 346 Nr. 449. ®) Grimm Sagen 26 Nr. 37.
7 ) Zimmerische Chronik hrsg. von K. Barack 2
(Freiburg u. Tübingen 1881) 4, 132 ff. = Kapff
Schwaben 42. 8 ) Eisei Voigtland 181 Nr. 482 =
Quensel Thüringen 245 f. 9 ) Kühnau Sagen
3, 702 Nr. 2101; A. Altrichter Sagen aus der
Iglauer Sprachinsel (Iglau 1920) 65 Nr. 80.
10 ) Vgl. Z au ne rt Natur sagen 1,126; Jungbau er
Böhmerwald 54. 57. 11 ) Kühnau Sagen 2, 269 ff.
Nr. 913 ff. 927. 963; 4, 175 (Rote Kleidungs-
! stücke); Peuckert Schlesien 202. 205. 2i6f.;
75 i
Rock
752
Zaunert Natursagen 1, 115. 12 ) K ühnau Sagen
2, 324 ff. Nr. 927 f. 937. 950. 964; 4, 136 (Grün).
13 ) Jungbauer Böhmerwald 60. 14 ) Ebd. 87;
Sieber Sachsen 146. 15 ) Sieber Sachsen 165.
169. 18 ) Kühnau Sagen 2, 458Nr. 1061. 17 }Ebd.
2, 71 Nr. 738. 18 ) Ebd. 1, 109 Nr. 119; 447
Nr. 473; 475 Nr. 501; 3, 317 ff. Nr. 1689 ff.
19 ) Ebd. 1, 133 Nr. 145. 20 ) Grimm Sagen 182
Nr. 244; Zaunert Westfalen 185. 21 ) Vgl. D.
von Hanse mann Der Aberglaube in der Medi¬
zin 2 (ANuG. Nr. 83, Leipzig 1914) 69 f. 22 )
Jungbauer Böhmerwald 45. 23 ) Quensel
Thüringen 176 f. 24 ) Schönwerth Oberpfalz 1,
190 Nr. 6. 25 ) Seligmann Blick 2, 221. 26 ) Se-
billot Folk-Lore 3, 278. 27 ) Köhler Voigtland
431. 28 ) Strackerjan 1, 33 Nr. 22 = Wuttke
287 § 421. 2Ö ) Reiferer Steiermark 88. Vgl.
dazu das Volkslied von der Joppe, Jungbauer
Bibliogr. 196 Nr. 1269. 30 ) Grimm RA. 1, 217fr.
Vgl. Hoops Reallex. 3, 474.
'2. Der R. als weibliches Kleidungs¬
stück 31 ) wird auf bayrisch-österreichi¬
schem Gebiet durchwegs Kittel genannt.
Damit wird aber auch ein Überwurf bei
Männern, z. B. der Fuhrmannskittel 32 ),
bezeichnet, wie einen solchen auch Zwerge,
die deshalb Rotkittelchen heißen 33 ), und
in der Oberpfalz der Hemann tragen 34 ).
Von roter Farbe ist auch der R. des
Ruiweible im schwäbischen Allgäu 35 ), i
An dem nassen oder tropfenden R.saum
sind wie der Wassermann auch seine
Töchter und die Wasserjungfern zu er¬
kennen 36 ). Durch verkehrtes Tragen
des Kittels schützt man sich bei Beffen-
dorf gegen einen boshaften Flurgeist 37 ).
In der Mark muß das Vieh beim ersten
Austrieb über ein Hühnerei und einen
roten R. gehen 38 ). In Finnland läßt
man das Saatkorn beim Abmessen durch
den Saumrand eines R.es, den eine Frau
bei der Entbindung getragen hat, in
den Sack fallen 39 ). Ebenda streut man
vor Beginn der Aussaat eine Handvoll
Samen durch den R. einer Frau oder ein
Hemd 40 ) (s. d.). Im Fricktal in der
Schweiz werden Fieberkranke in einen
roten Frauenrock gehüllt 41 ). Im süd¬
lichen Böhmerwald vertreibt man Warzen,
indem man damit über die hinteren
Kittelfalten eines Weibes streicht, das
aus der Kirche geht. In diese Falten
steckt man ebenda der Braut eine Nadel,
damit sie Glück in der Ehe habe 42 ).
Die Herrschaft in der Ehe erlangt im
Egerland die Braut, wenn sie ihren R.
unter das Kissen des Mannes und die
Hose des Mannes unter ihr Kissen gibt 43 ).
Wenn sich bei einer weiblichen Person
der R. hinten aufstülpt, so daß die
Innenseite sichtbar wird, so bedeutet dies,
daß ihr ein Witwer nachläuft 44 ). Im Kan¬
ton Waadt nennt man einen sich am
Kleidsaum anhaftenden Ast ,,un veuf“ 45 ).
Der hinten aufgeschlagene R. bedeutet
ferner, daß die weibliche Person einen
Liebhaber hat oder am selben Tage Ver¬
druß haben oder Geld bekommen wird,
das letzte aber nur, wenn sie auf den R.
spuckt 46 ), endlich im deutschen Südtirol,
daß der Liebhaber zornig ist 47 ) (s. u.).
31 ) Vgl. Hottenroth a. a. O. 976; Spieß a.
a. O. 17 ff. 47; Heckscher 268. 497. 32 ) Heck¬
scher 262 ff. 33 ) Sieber Sachsen 156. 34 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 343 = Zaunert Natursagen
1, 90 f. 35 ) Kapff Schwaben 73f. 36 ) Peuckert
Schlesien 212 f.; Sieber Sachsen 181; Quensel
Thüringen 219. 223. 37 ) Kapff Schwaben 71.
38 ) ZfdMyth. 2 (1854), 302. 39 ) FFC. Nr. 31, Si.
40 ) Ebd. 121 f. 125. 41 ) ARw. 9, 8 = ZfVk. 23
(1913), 257. 42 ) Verf. 43 ) Egerl. 20 (1916), 6.
44 ) Manz Sargans 126; Fogel Pennsylvania 58
Nr. 173. 45 ) Manz Sargans 126. 48 ) Fogel a. a.
O. Nr. 174. 47 ) ZfVk. 11 (1901)» 449 -
3. Ähnlich heißt es im Egerland, wenn
sich der Unterrock eines Mädchens
aufstülpt, daß es einen Rausch be¬
kommt 48 ), was in Thüringen gesagt wird,
wenn sich der Zipfel eines R.es überhaupt
umschlägt 49 ). Verkehrtes Anziehen
des Unterrockes sichert gegen Behexung 50 ),
bei den slowenischen Frauen gegen Kopf¬
schmerzen 51 ). Kindersegen erhält die
Braut, welche den Unterrock einer Frau
mit vielen Kindern trägt 52 ). Vom
Heimweh bleiben die Weiber verschont,
welche Salz und Brot (s. d.) in den Un¬
terrock nähen 53 ). Um Crailsheim schlägt
die Magd eine Kuh, welche beim Melken
nicht still hält, mit ihrem Unterrock auf
den Rücken und spricht:
I(ch) hau di(ch) mit meim Unterrock,
Dann mußt du halte (n) wie e(in) Dogg 54 ).
In Schlesien behandelt man ein Stück
Vieh, das infolge Behexung zu zittern
und zu schwitzen anfängt, indem man die
Unterhose oder den Unterrock auszieht
und das Tier so lange damit abreibt, bis
das Schwitzen aufhört 55 ). Das geschwol¬
lene Euter einer Kuh reibt die Melkerin
1
Rocken
mit einem wollenen Unterrock oder mit
•einem Unterrocksaum ab 56 ).
Wie in früheren Zeiten, so ist auch
heute noch in einzelnen Gegenden nicht
der eigentliche R., sondern der Unterrock
das gute Stück, zu dessen Schutz der R.
getragen wird, der kürzer ist, damit man
den schönen Unterrock sieht und damit j
prunken kann 57 ). Darauf scheint auch
die scherzhafte Meinung in Niederöster¬
reich sich zu beziehen, wo man von einer
Frau, welcher der Unterrock „vorgeht“,
sagt, sie werde einmal Frau Bürger- j
meisterin im Dorfe sein 58 ).
48 ) John Westböhmen 251; Egerl. 20 (1916), 6.
49 } Wuttke 220 § 312. 50 ) Seligmann Blick 2,
222. 51 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 193. 52 ) Se¬
ligmann Blick 2, 223. 63 ) Fogel Pennsylvania
151 Nr. 709. 54 ) Eberhardt Landwirtschaft
Nr. 3, 17. 55 ) Drechsler 2, 252. 56 ) Fogel
Pennsylvania 157 Nr. 740. Vgl. Alemannia ii, 93.
* 7 ) Vgl. Spieß a. a. O. 18 f. 58 ) Pfalz March¬
feld 101.
4. Der Überrock oder Überzieher,
vielfach der Landbevölkerung unbekannt,
ist im Aberglauben nicht vertreten. Um
den über den Unterrock getragenen
■eigentlichen R. handelt es sich wohl,
wenn aus dem böhmischen Riesengebirge
überliefert wird, daß man einem Kind,
■dem sich bei festem Stuhlgang der Mast¬
darm herauszwängt, diesen mit dem
Überröckel der verstorbenen Gro߬
mutter wieder hineindrücken soll 59 ).
59 ) Grohmann 112 Nr. 836 = Wuttke 361
§ 545 - Jungbauer.
Rocken (s. Spindel).
1. Der R. gehörte früher zu den wich¬
tigsten Hausgeräten und durfte daher
wie bei den Römern 1 ) keiner bäuerlichen
Brautausstattung fehlen. Es hat sich
noch bei uns der Brauch erhalten, daß
auf dem sog. ,,Brautwagen“ ein R. (oder
ein Spinnrad, s. d.), bisweilen von gewal¬
tiger Größe und mit Früchten u. dgl.
geschmückt, mitgeführt wird.
4 ) Marquardt-Mommsen 7, 55.
2. Wie die Spindel, war auch der R.
ein Zeichen der deutschen Frau.
Die Gemahlin Wodans Frija (Frigg),
das Vorbild der germanischen Hausfrau,
besaß einen R., im Norden glänzte er als
Gestirn vom Himmel herab 2 ). Auch
mit dem Perchtenglauben ist der R. ver¬
bunden. Frau Holle oder Perchta zieht
in den Zwölfnächten durch das Land
und schaut in die Häuser, ob die Mädchen
fleißig sind; wenn diese bis zum Drei¬
königstage (oder auch bis Fastnacht)
ihren R. nicht abgesponnen haben, werden
sie bestraft, und der R. wird verunreinigt;
in Kärnten besteht der Glaube, daß die
Spinnerin ein Jahr ,,sitzen bleibt“, wenn
sie am Faschingdienstag den R. nicht
abgesponnen hat 3 ). — Auch an be¬
stimmten Festtagen, insbesondere aber
bei den Feiern der R.stube (s. u.) müssen
die R. abgesponnen sein; sonst werden
sie vor der Perchta versteckt. In Thü¬
ringen stellen dagegen die Bäuerinnen am
Lichtmeß- und Peterstage einen R. mit
Flachs auf den Mist, ,,damit der Hahn
daran spinne“ 4 ). In Schmalkalden wird
am hl. Abend während des Läutens der
R. mit Flachs umwickelt, mit einem sei¬
denen Band geputzt und in ein Fenster
gestellt, von dem man in die Richtung
sehen kann, wo im nächsten Jahr Lein
gesät werden soll. Dies läßt seinen Wuchs
geraten 5 ). Zu diesem Zwecke werden in
Böhmen zu Fasching die R. gewaschen
und recht hoch auf einen Tisch, Holzstoß
oder Düngerhaufen (s. o.) gestellt 6 ).
Am Ende der R.st üben werden in
manchen Gegenden die R. von den
Burschen zerbrochen und verbrannt 7 ).
2 ) Simrock Mythologie 389. 3 ) Waizer
Culturbilder 183. 4 ) Witzschel Thüringen
2, 188. 5 ) Heßler Hessen 2, 481. 6 ) John
Westböhmen 40. 7 ) Kuhn Westfalen 2, 130 Nr.
391 f.; Sartori Sitte 2, 192 An in. 19 11 nt.
3. R. st ei ne s. Spillsteine unter Spindel.
4. R.stube (R.abend, -gang, -licht,
-reise, Kunkel-, Hoch- oder Spinnstube,
Heimgarten, Karz oder Lichtkarz, Licht¬
abend, Spinnhaus, Vorsitz usw.).
a) Wesen. R.stuben nennt man eine
ländliche Gemeinschaft von jungen Leuten
gleichen Alters (und Geschlechts), die
sich um eine bestimmte Jahres- oder
Tageszeit zu gemeinsamer Arbeit und
Unterhaltung verbindet; so ist oder war
vielmehr die R.stube Hauswerkstätte
und Vergnügungsstätte zugleich 8 ).
In der Regel sind die R.stuben nur für
Mädchen oder nur für Burschen, aber in
manchen Gegenden, so in Kärnten 9 ), gibt
755
Rocken
Rocken
758'
es gemeinsame R.stuben für Mädchen
und für Burschen; früher gab es im
Vogelsberge auch R.stuben für verheira¬
tete Männer 10 ). Wenn bei den Zusammen¬
künften gesonderter R.stuben zu vor- ;
gerückter Stunde Burschen und Mädchen
vereinigt sind, so werden die Burschen
von den Mädchen bewirtet und umge¬
kehrt; in der Regel dürfen die Gäste in
die Leitung der R.stube nicht dreinreden,
denn sie bilden sie nicht, ebenso gehören
ihr auch die Wohnungsinhaber, welche
die R.stube aufgenommen haben, nicht
an u ).
Leider ist dieser alte Gemeinschafts¬
brauch beinahe abgekommen. In ziemlich
ursprünglicher Gestalt scheint er •— wie
Reuschel 12 ) meint -— im oberen Vo¬
gelsberg sich erhalten zu haben.
8 ) O. Schulte HessBl. 2 (1903), 106 f.
9 ) Waizer Culturbilder 182; über die „Span¬
vesper" in Steiermark s. Rosegger Steiermark
(Aufl. 1875) 179 ff. 10 ) HessBl. 2, 107. n ) Ebd.
106. 12 ) Volkskunde 2, 407. Lit. z. „R.stube',
bei Sartori Sitte 2, 209 unter Literaturnach¬
weis h; dann: Barack ZfdRg. 4 (1859),
36 ff.; Schönwerth Oberpfalz 1, 4190.; ferner
bei Hoffmann-Krayer Bibliogr. 1917, 27
Nr. 38; 1918, 26 Nr. 359. 29 Nr. 393; 1919,
36 Nr. 509 ff.; 1920, 16 Nr. 236. 48 Nr. 7590.
49 Nr. 767; 1921/1922, 88 Nr. 1322.
b. Alter. Nach Weinhold 13 ) taucht
derName „R.stube“ zum ersten Male in ei¬
nem Fastnacht spiel des 15. Jahrhunderts 14 )
auf. Der Brauch selbst muß viel älter
sein, seine Wurzel ist im abendlichen
Spinnen der Hausfrau mit den Diene¬
rinnen zu suchen. In den Herren- und
Fronhöfen des Mittelalters finden sich
dieselben Verhältnisse im großen 15 ). Wie
es in den alten R.stuben aussah, zeigt
„Die gestriegelte Rocken philosophie“
( I 7 ° 5 ) 16 ) • In seinem Bienenkorb verspottet
Fischart die in der R. erhaltenen Volks¬
überlieferungen als „rockenstubnerisch
Evangelium“.
13 ) Frauen 1, 164. 14 ) Keller Fastnachtspiele
386, 27. 1S ) Weinhold a. a. O. 16 ) In 5. Aufl.
erschienen Chemnitz 1759.
c) Zusammensetzung. Die R.stu¬
ben entstehen in der Regel aus den ein¬
zelnen Altersklassen der Schule, zuweilen
kommen aber auch Mädchen oder Bur¬
schen verschiedenen Alters zusammen.
Wer neu eintritt, muß „Einstand“ zahlen
(in Form einer Bewirtung der anderen).
Besitz und Ansehen gewähren zumeist
keinen Vorrang 17 ). In Schwaben dürfen
nur solche Burschen die R.stuben be¬
suchen, die ein Handwerk gelernt haben
oder als Knechte imstande sind, einen
Acker zu bestellen oder einen Garben¬
wagen zu bedienen. Kommt aber ein
Bürschlein, das noch zu jung ist, nichts
gelernt hat, oder sich ungeziemend be¬
nimmt, so wird es hinausgewiesen und
gehänselt 18 ). Unter den Gliedern einer
R.stube entwickelt sich innige Kamerad¬
schaft. Im Vogelsberge besuchen sie mit¬
einander Märkte und Kirmessen in den
benachbarten Orten, sie lassen einen
Erkrankten nicht allein, sie gehen mit¬
einander zum hl. Abendmahl oder auch
zum neuen Dienstort; früher nahmen sie,
wenn einer von ihnen starb, auch den
Hauptanteil an der Beerdigung auf sich,,
indem sie selbst ihm das Grab schaufelten
I und seinen Sarg trugen 19 ).
17 ) HessBl. 2, 107 f. 18 )ZfdKg. 4, 41. 19 ) HessBl..
2, 104.
d) Zeit. Die R.stube beginnt im Spät¬
herbst 20 ), sobald die Feldarbeit zu Ende
ist. Die Blüte der Herbstzeitlose gilt in
manchen Gegenden als Zeichen des Be¬
ginns. Darum heißt diese Blume im Volks¬
mund „die Spinnerin“ 21 ), in Steiermark
nennt man sie die „Spinnblume“ 22 ).
Die R.stube dauert bis Lichtmeß, Fast¬
nacht, Ostern oder gar Pfingsten 23 ). Bei
den Siebenbürger Sachsen 24 ) schließt sie
schon am Thomasabend, in Engelrod
(Vogelsberg) 25 ) dagegen erst zu Pfingsten.
In den österreichischen Alpenländem 26 ).
gilt der St. Gertrauden tag als Ende (s.
Spindel).
In der „R.stubenzeit“ versammeln sich
die Teilnehmer der R.stube gleich nach
Mittag 27 ) oder erst später, wenn zu Nacht
gegessen und das Vieh gefüttert ist 28 ),,
und bleiben bis zehn oder gar bis gegen
Mitternacht beisammen 29 ). Im Vogels¬
berg, aber auch anderwärts, ging man
früher schon am Morgen in die R.stube
und erst zum Mittagessen wieder heim,
um am Spätnachmittage wieder hin¬
zueilen 30 ). Heute kennt man die Tages-
R.stube nicht mehr. An Sonn- und Fest¬
tagen, stellenweise auch nicht am Freitag
(„am Freitag Gesponnenes hält nicht“)
und am Sonnabend wird in der Regel
keine R.stube abgehalten („Sperr¬
nächte") 31 ). O. Schulte 32 ) erklärt die
Sitte, diese Abende auszunehmen, aus
der alten Zeitrechnung, die, wie schon
Tacitus im 11. Kap. seiner „Germania“
sagt, von Abend zu Abend geht; doch
die Ursache dieses Brauches liegt wohl in
verschiedenen abergläubischen Vorstel¬
lungen, vielleicht auch im Umstand, daß
diese Abende für andere häusliche Ar¬
beiten, namentlich für die Hausreinigung
bestimmt sind 33 ). Wenn sich die Jugend
auch dann versammelt, so geschieht dies
bloß zur Unterhaltung.
Dort, wo die Burschen nicht gleichzeitig
mit den Mädchen die R.stube aufsuchen,
versammeln sie sich zuvor auf der Straße
und gehen erst dann in die Versamm¬
lung 34 ).
20 ) ZfdKg. 4, 40; HessBl. 2, 109 f.; Sartori
Sitte 2, 190. 21 ) ZfdKg. 4, 40. 22 ) Unger-Khull
Steir. Wortschatz 527. 23 ) Sartori a. a. O.;
HessBl. 2, 110. 24 ) Sartori a. a. O. 2, 190
Anm. 2 unten. 25 ) HessBl. 2, 110. 26 ) Geramb
Brauchtum 28. 27 ) HessBl. 2, 110; ZfVk. 17
(1907), 322; Sartori a. a. O. 28 ) ZfdKg. 4,40.
*•) HessBl. 2, 110; ZfdKg. 4, 51. 30 ) HessBl. 2,
110; ZfdKg. 4, 40. 31 ) Sartori 2, 192; ZfdKg. 4,
55 ff. 32 ) HessBl. 2, 109. 33 ) ZfdKg. 4, 56.
*) Ebd. 41.
e) Ort. Es gibt R.stuben mit festem
Heim und Wander-R.stuben, die all¬
täglich oder wöchentlich abwechseln. In
Grafenried (Böhmerwald) 35 ) wurden frü¬
her im Spätherbst vier R.stubenhäuser
bestimmt, in denen man sich nach Al¬
ter (ältere und jüngere Mädchen, ältere
und jüngere Burschen) und Geschlecht
gesondert zusammenfand, in anderen
Gegenden Böhmens wechselte man jeden
dritten Tag das Haus 36 ). — Der Herr des
Hauses (der Wohnung), in dem (der)
die R.stube abgehalten wird, heißt
„Spinn-“, „Lichtherr“ oder „R.stuben-
vater“ („Spinnfrau“ usw.). Das Haus
selbst wird „Spinnhaus“ genannt. Als
Vergütung für die Aufnahme bezahlen
die Spinnkameraden den R.stuben-Eltem
das Licht, das an den Spinnabenden
brennt, und kaufen ihnen gelegentlich
auch Geschenke 37 ). Der Spinnherr und
noch mehr die Spinnfrau halten die Ord¬
nung in der R.stube aufrecht. In Ver¬
fügungen, die stellenweise von Behörden
für die R.stuben erlassen wurden, ist die
Abhaltung einer solchen bei einer allein¬
stehenden Witwe oder in einem Hause mit
schulpflichtigen Kindern verboten 38 ).
Sobald die häuslichen Verrichtungen
vollendet sind, nehmen die Mädchen
ihre R. oder Spinnräder und die ent¬
sprechende Menge Flachs und eilen in die
R.stuben. R. und Spinnräder sind dann
hübsch geschmückt, einen besonderen
Schmuck bildeten früher die sog. „Rok-
ken“- oder „Wockenbriefe“ 39 ). In
Schlesien 40 ) befand sich früher unter
den Weihnachtsgeschenken für jedes Kind
auch ein goldener R.brief.
Die Mädchen trachten pünktlich zu
erscheinen, um sich einen guten Sitzplatz
beim Ofen oder in der Nähe der Licht¬
quelle — früher fand neben dem noch
jetzt üblichen öllicht das Kerzen- oder
Kienspanlicht Verwendung — zu sichern 41 ).
Wenn die Burschen erscheinen, nimmt
jeder dann hinter dem Mädchen Platz,
dem seine Aufmerksamkeit gilt, oder es
lassen sich Burschen und Männer auf
Bänken an der Wand nieder, wenn solche
vorhanden sind 42 ). Im Vogelsberge 43 )
hat jedes Mädchen seinen festen Platz; in
der „doppelten Eck“ (d. h. in der Ecke,
wo die Bänke Zusammenstößen), ist der
Ehrenplatz, den die Tochter des Hauses,
das „Spinnmädchen“, einnimmt. Aber
in der Regel herrscht Gleichheit und
keineswegs eine Bevorzugung.
35 ) John Westböhmen 9; s. auch ZfdKg. 4,
40; ZfdVk. 17 (1907), 322. 36 ) John ebd. 37.
37 ) HessBl. 2, iii ; ZfdKg. 4, 41. 38 ) HessBl.
ebd. 39 ) Sartori Sitte 2, 190 Anm. 4 unt.
40 ) Drechsler 1, 43. 41 ) John Westböhmen 9..
42 ) ZfdKg. 4, 41. 43 ) HessBl. 2, 107, 115.
f) Arbeit. Das eigentliche Arbeits¬
gerät sind Spinnrocken oder Spinnrad und
Spindel, erst in zweiter Linie steht der
in der Zeit des Verfalls der R.stube auf¬
gekommene Spitzenklöppelsack 44 ). Frü¬
her gebrauchte man auch den „Haspel“
häufig, ein im wesentlichen aus einem
großen Rade bestehendes Gerät, um das
sich der Faden auf wickelt. Mit diesen
Geräten 45 ) ist mancher Aberglaube ver-
7 59
Rocken
Rockenphilosophie
762
bunden (s. d.). Ihre Behandlung erfordert
große Geschicklichkeit. Im Vogelsberg 46 )
spannen die Mädchen früher in ihren
R.stuben den Werg, die Burschen bei
sich den Flachs. Hier gilt auch das
Sprichwort: ,,Der Flachsrockel muß sein,
daß er kracht, und der Wergrockel, daß
er lacht“, d. h. der Rockel des Flachses
muß fest, der des Werges lose sein. Die
Ungeschickten — besonders die Anfän¬
ger —- geben Anlaß zu Scherz und Spott:
,,Wenn ich tretele, kann ich nit rupfele,
Wenn ich rupfele, kann ich nit tretele“.
Die Kunst des Spinnens besteht darin,
einen möglichst gleichmäßigen und feinen
Faden herzustellen. Außer Flachs wird
auch Wolle gesponnen. Fleißige Spin¬
nerinnen genießen großes Ansehen und
werden belohnt 47 ).
44 ) John Erzgebirge 77; Sartori a. a. O. 2,
193. 45 ) Ihre Beschreibung bei Schulte HessBl.
2, ii2f.; Eberhard t Landwirtschaft 10; vor allem
aber Hoops Reallexikon 4, 205 ff. 46 ) HessBl. 2,
112 f. 47 ) ZfdKg. 4, 42.
g) Unterhaltung. Die Hauptbe¬
lustigung während des Spinnens, ins¬
besondere der Mädchen, ist das Singen.
Mit Recht hat man daher die R.stube die
eigentliche Wohnstube des deutschen
Volksliedes genannt. In Hessen 48 ) singen
die Mädchen dabei zweistimmig, sind
auch die Burschen anwesend, so über¬
nehmen diese die zweite Stimme.
Manche der jungen Leute legen sich Lie¬
dersammlungen („R.stubenlie der“) 49 )
an. — Da eine jede R.stube der Mäd¬
chen mit der gleichaltrigen R.stube
der Burschen vorzugsweise verkehrt, so
wird zwischen beiden R.stuben viel
Neckerei betrieben,* was im Vogelsberge
„uff de Laust' gehn“ heißt 50 ). Man er¬
zählt ferner Geschichten, Schnurren und
Märchen, führt Spiele auf und löst Rätsel.
Die sog. „R.büchlein“ 51 ) lieferten früher
hierzu vielfach den Stoff. Bei der Unter¬
haltung wechselt Ernstes mit Heiterem
oder gar Erotischem ab, die Ausgelassen¬
heit nimmt oft bedenkliche Formen
an 52 ). — Die Burschen vergnügen sich
in ihren R.stuben mit Pfeifenrauchen,
Plaudern und dort, wo das Spinnen zu¬
rückgegangen ist, mit Kartenspiel 53 ).
Doch die Bezeichnung „Spillestube“ ist
von mhd. „spille“ (Spindel) abzuleiten.
In Schlesien 54 ), aber auch anderenorts 55 ),
bedeutet die Redewendung „zum Lichten“
— oder „spillen gehen“ schlechtweg:
I (nach dem Abendessen) auf Besuch gehen.
| Neben dem Kartenspiel sind noch an-
| dere Spiele („R.spiele“) 56 ) beliebt.
| Auf dem Heimwege werden die Mädchen
| von ihren Liebsten begleitet, tragen aber
! ihre Spinngeräte zumeist selbst 57 ).
48 ) HessBl. 2, 115. 49 ) John Westböhmen 11;
Ders. Erzgebirge 86; Sartori a. a. O. 2, 191
Anm. 8. *°) HessBl. 2, 117. 51 ) Meyer Baden
176; s. auch HessBl. a. a. O. 52 ) Drechsler 1,
168 ff.; John Erzgeb. 87; Ders. Westböhmen
9 f.; HessBl. 2, 115 ff.; ZfdKg. 4, 42 ff.; ZfVk.
17 (1907), 322. 53 ) HessBl. 2, 118. 54 ) Drechsler
1, 168. 65 ) ZfdKg. 4, 39 f.; zahlreiche Sprich¬
wörter des täglichen Lebens, die aus der R.stube
hervorgegangen sind, führt Wan der im Deut.
SprichLex. 2, 1709; 3, 1706 t.; 4, 716 u. 723 an.
56 ) John Westb. 10; ZfdKg. 4, 45 ff. 57 ) HessBl.
2, 121.
h) Feste 58 ). Verschiedene Zeiten und
einzelne Abende begeht man in der
R.stube festlich, insbesondere: Weih¬
nachten, Silvester, Neujahr, Lichtmeß,
den Matthiastag (24. Februar), Fast¬
nacht, Ostern und vor allem das Ende
der R.stube. Da wird gesungen, getanzt,
gegessen und getrunken („R.bier“) 59 )
bei gegenseitiger Bewirtung und allerlei
Ulk getrieben.
58 ) Sartori a. a. O. 2, 192 (Literatur); HessBl.
2, 121 ff.; John Westböhmen 10. 29. 37 u. 44;
ZfdKg. 4, 51 ff.; ZfVk. 6 (1896), 18. **) John
Westb. 10.
i) Verbote und Verfall 60 ). Die ver¬
schiedenen Entartungen der R.stube führ¬
ten zu Verboten durch die Obrigkeiten.
Anderseits vollzog sich ein Verfall auch
durch die geänderten wirtschaftlichen und
sozialen Verhältnisse, vor allem durch
die Entwicklung der Großindustrie. Nur
hie und da gilt heute noch das alte Bau-
emsprichwort:
Selbstgesponnen, selbstgemacht
Ist die beste Bauerntracht.
60 ) Birlinger Volksth. 2, 434; John Westb.
10 f.; Ders. Erzgeb. 87 f.; Sartori a. a. O. 2,
191; HessBl. 2, 102; ZfVk. 7 (1897), 304 ff.;
ZfdKg. 4, 61 ff.
k) Am Schlüsse mag bemerkt werden,
daß die deutschen Auswanderer, die nach
dem Osten zogen, die Spinnstube mit
ihren Bräuchen dahin verpflanzten. Heute
ist freilich das Spinnen auch hier seltener
geworden; während des Krieges war es
wieder mehr aufgelebt, da es an Geweben
fehlte. Wo die Spinnstube erhalten ist,
hat sie auch die Erhaltung des alten
deutschen Liedes gefördert (Vgl. die
Schriften von Kaindl: Die Deutschen in
Galizien und der Bukowina, Frankfurt
1916, S. 109; Bei den deutschen Brüdern
in Großrumänien, Wien 1924, S. 90. 93
u. 95; Die Deutschen in Südslawien,
Wien 1926, S. 17 u. 83 f.; Gesch. d. Stadt
Czemowitz, Czemowitz 1928, S. 153).
Kaindl u. Klein.
Rockenphilosophie. Die mindestens
seit dem 13. Jh. bestehende Sitte der
Frauen und Mädchen, sich zu gemein¬
samem Spinnen zu versammeln, war die
Voraussetzung für eine ziemlich umfang- j
liehe Literatur x ) über das Treiben in ;
diesen Spinn-, Rocken- oder Kunkel- j
Stuben, die Sitten und Unsitten, die sich
hier breit machen, Unterhaltungs- und
Gesprächsthemata, die beliebt waren.
Die Idee, eine Sammlung abergläubischer
Bräuche und Anschauungen als Nieder¬
schlag von Spinnstubengesprächen dar- j
zustellen, ist, wie es scheint, zuerst in 1
Nordfrankreich oder Belgien entstanden. |
Hier entstand in der zweiten Hälfte des
15. Jh. das um 1475 zu Brügge zuerst
gedruckte Büchlein: Les evangiles des I
quenouilles 2 ).
Dieses Werk wurde einige Jahrzehnte
später ins Niederländische übertragen:
Die Evangelien von den Spinrocke, ge¬
druckt um 1520 zu Antwerpen 3 ). Eine
englische Übersetzung erschien 1537.
In Deutschland gehören hierher Der
alten Weiber Philosophey, zuerst als An¬
hang zu Röszlins Cölender mit Unterrich¬
tung astronomischer Wirkungen Frankfurt |
1537 erschienen 4 ), dann wiederum 1547
und erneut 1571 am Schlüsse der Astrono-
tnia teutsch in einer Fassung, die bis 1612
mehrmals gedruckt wurde und 1855 von
Fr. Pfeiffer 5 ), 1902 von P. Drechsler mit
erläuterndem Kommentar neu heraus¬
gegeben wurde 6 ). Ebenfalls ins Jahr 1537
scheint der erste Druck der Kunkels- oder
Spinnstubenevangelia zu gehören, die Fi¬
schart wohl gekannt hat 7 ). Das Ver¬
hältnis dieser deutschen Fassungen unter¬
einander ist noch nicht ganz geklärt:
sicher ist, daß die Kunkelsevangelta ein
verdeutschter Auszug aus dem franzö¬
sischen Werk sind und daß auch der alten
Weiber Philosophey mit Ausnahme des
Satzes 77 genau dem Französischen ent¬
spricht 8 ).
Zeitlich schließt sich dann die Philo-
sophia Colus oder Phy lose viel der Weiber
des Joh. Prätorius (s. d.) an, Arnstadt
1662, wo nach Art des Verfassers das
Material wesentlich erweitert ist. Eine
Neuausgabe fehlt noch.
Auf der alten Weiber Philosophey und —
in besonders enger Anlehnung — der
Philosophia Colus beruht die Gestriegelte
Rockenphilosophie oder Aufrichtige Unter¬
suchung der von vielen superklugen Wei¬
bern hochgehaltenen Aberglauben des J. G.
Schmidt 9 ), geb. 1660 zu Reinsfeld bei
Amstadt, gest. 1722 (als Apotheker?) in
Zwickau; eine Sammlung von anfangs
vierhundert Sätzen über den Aberglauben
Chemnitz 1706, die später um ein fünftes
und sechstes Hundert vermehrt wurden,
so, wie es scheint, 1718 zuerst gedruckt.
Einen Auszug daraus hat J. Grimm im An¬
hang seiner Mythologie veröffentlicht 10 ).
Der reichhaltige Stoff dieser Sammlung
unterliegt natürlich zum Teil dem Ver¬
dacht undeutscher Herkunft, da ja aus
dem französischen Original vieles von Aus¬
gabe zu Ausgabe weiter wandert. Es ist
indessen zu bedenken, daß es sich fast nur
um solchen Aberglauben handelt, der
wirklich international ist. Und wenn
gerade gelegentlich einiges als fremd weg¬
gelassen wird, wächst der Wert des doch
wohl als nicht fremd empfundenen und
deshalb beibehaltenen. Was überhaupt
erst in den späteren deutschen Bearbei¬
tungen hinzugefügt wurde, hat Anspruch
darauf, als einheimisch zu gelten, solange
nicht das Gegenteil erwiesen ist.
*) Vgl. Wendeier Archiv für Literatur¬
geschichte 7, 332 ff. 2 ) Neue Ausgabe von P.
Jannet, Paris 1855. 3 ) Neu herausgegeben von
G. J. Boekenoogen, 's Gravenhage 1910.
4 ) Drechsler Festschrift des Germanistischen
Vereins zu Breslau (1902) s. 42. 5 ) ZfdMyth. 3,
309—317. 6 ) a. a. O. S. 46—84. 7 ) Wendeier
a. a. O., 346 f. 8 ) Vgl. Bolte ZfVk. 13, 458^
7 63
Rockertweible— Roggen
764
Anm. 1. 9 ) Hildebrand Gesammelte Aufsätze ,
u. Vorträge ii5ff. 10 ) Jetzt vierte Ausgabe 3,
S. 434—450. Helm.
Rockertweible. Das gespenstische R.
jagt im Rockertwald (im badischen Murg¬
tal) mit mehreren Hunden und erschreckt
die Wilderer. Es erscheint als schwarz
gekleidete Edelfrau oder ,,es geht daher
in ganz zerlumpten und zerfetzten Klei¬
dern, trägt ein groß Gebund Schlüssel
am Leibe und macht oft ein Geräusch, wie
wenn eine Ölmühle klopft; dies Klopfen
soll immer ein fruchtbares Jahr anzeigen“.
Das R. soll eine Gräfin von Eberstein sein,
die einen Meineid geleistet hat l ). —• Es
gehört in den Vorstellungskreis von der
Wilden Jagd und hat (trotz Jacob
Grimm) 2 ) mit der Roggenmuhme (s. d.)
nichts zu tun.
s ) Meier Schwaben 1 124 Nr. 139; Mones
Anz. 3 (1834), 145. 2 ) Grimm Mythol. 1, 359
Anm. 1. Ranke.
Roggen (Korn; Secale cereale).
1. Botanisches. Der R. erscheint
bei den Germanen am Ausgang der
Bronzezeit. Er ist demnach als Getreide¬
art jünger als Hirse, Gerste und Weizen.
Die Stammpflanze des R.s (S. montanum)
hat ihre Heimat im Mittelmeergebiet, im
Kaukasus, in Armenien und Zentral¬
asien 1 ). Die Bezeichnung Korn (im fol¬
genden mit K. gekürzt) gilt meist für den
R., sie wird aber auch in manchen Gegen¬
den für den Dinkel (z. B. im Alemanni¬
schen), den Weizen (Siebenbürgen), den
Hafer (z. B. im Münsterland) gebraucht.
Die volkskundlichen Quellen lassen nicht
immer erkennen, um welche Getreideart
es sich beim Namen „Korn“ handelt.
x ) Hoops Reallexikon 3, 508 ff.; Schräder
Reallexikon 2 2, 264 ff.
2. Weit verbreitet ist die Sage, daß
die K.ähren früher viel größer gewesen
wären (bis zum Erdboden gereicht hätten)
und daß der liebe Gott sie zur Strafe für
den Übermut der Menschen, die das K.
verunehrten, die Ähren so klein gemacht
hätte, wie sie heute seien 2 ). Auch in
Frankreich 3 ), in Italien und im Sla-
vischen 4 ) läßt sich die Sage nachweisen.
Eine andere Sage berichtet, daß der R.
deswegen rot aufgeht, weil Kain seinen
Bruder auf einem K.feld erschlug 5 ); in
Westböhmen war es das Blut des hl. Jo¬
hannes, der von den Heiden verfolgt
wurde und in ein K.feld flüchtete 6 ).
Wie beim Weizen (s. d.), so sieht man
auch auf dem R.kom das Angesicht Jesu 7 ).
2 ) Grimm Märchen 1856, 261; Bolte-Pol iv-
ka 3, 417—420; Lütolf Sagen 376; Walliser
Sagen 1 (1907), 250t.; Panzer Beiträge 2, 7;
Schönwerth Oberpfalz i, 408; Bavaria 1, 306;
3, 291; Vernaleken Mythen 313; Vonbun
Sagen 2 163; Peter Österreichisch-Schlesien 2,
132; Mnböhm Exc. 16, 337; Witzschel Thü¬
ringen 2, 34; Knoop Pflanzenwelt n, 59; Aus
d. Posener Land 3 (1908), Nr. 24. 3 ) Z. B. Se-
billot Folk-Lore 3, 448. 4 ) Bolte-Pol ivka
a. a. O. 5 ) Dähnhardt Natursagen 1, 249;
Meier Schwaben 248; Fischer SchwäbWb. 5,
385; Märze 11 Bayer. Volksbotanik 233. 6 ) John
Westböhmen 186. 7 ) Mannhardt Forschungen
366; Handtmann Märk. Heide 95; Zimmer¬
mann in Tschirch-Festschr. 1926, 256 (Baden);
vgl. auch FFC. 37, 90.
3. Landwirtschaftliches. Die Aus¬
saat des R.s ist gut am Freitag, ferner im
Herbst am Tage der Kreuzeserhöhung
(14. Sept.), Lamberti (17. Sept.), Michaeli
(29. Sept.) 8 ). Gute Zeichen für die Saat
sind Wassermann, Jungfrau, Schütze,
Fische; bei der Waage ist es schon un¬
sicher, bei den übrigen schlecht 9 ). Wenn
es am Cyriakustage (16. März) donnert, gibt
es eine gute K.ernte 10 ); vielleicht hängt der
Glaube mit den K.opfern am Cyriakustag
zusammen (s. o. 2, 114). Wenn das K.
oben zuerst blüht, so wird es teuer u ),
vgl. Heidekraut (3, 1632). So viel
Knoten der R.halm hat, so viel Taler wird
der Sack kosten 12 ). Wenn im R.feld viel
Ähren hoch über die anderen ragen, so
sind viel Käufer im R.; der R. wird dann
teuer 13 ). Drei gleich lange R.ähren
(womöglich mit gleicher Körnerzahl)
werden vom ersten Fuder genommen
und in die Erde gesteckt. Je nachdem die
Ähren keimen, muß früh oder spät gesät
werden 14 ). In Gainfarn (Niederöster¬
reich) pflücken die Bauern auf verschie¬
denen Äckern während des zweiten Läu-
tens zum Hochamt drei K.ähren ab.
Die drei Ähren legen sie auf ein Brett ins
Freie. Diejenige Ähre, die darauf liegen
bleibt (also vom Wind nicht fortgenommen
wurde), zeigt an, daß auf dem Acker, von
dem die Ähre stammt, das beste Samenk.
765
Roggen
766
gedeiht 15 ). In Ravensberg leuchtet man
-am Weihnachtsmorgen unter den Tisch
nach Getreidekörnern und zieht aus dem
Ergebnis Schlüsse auf den Ausfall der
nächstjährigen Ernte 16 ). Wenn man in
•der Neujahrsnacht um 12 Uhr die Asche
im Ofen sorgfältig umrührt und darin
•ein R.kom findet, so bedeutet dies ein
fruchtbares Jahr (Saterland) 17 ). In der
Christ nacht werden vier Tassen voll R.
abgemessen und auf den Tisch geschüttet.
Um 12 Uhr werden sie wieder gemessen,
ob die Körner mehr oder weniger ge¬
worden sind; danach wird der Getreide¬
preis in den nächsten Jahren vorher-
gesagt (Thüringen) 18 ). Im Ellerbachtal
(Oberfranken) taucht man am hl. Abend
■einen Finger ins Wasser, betupft mit der
nassen Spitze an drei Stellen einen eisernen
Gegenstand und spricht dabei: ,,K.,
Weizen, Gerste“. Bildet sich nun Rost
^Anspielung auf den „Rost“ des Getreides!)
an einer oder der anderen Stelle, so mißrät
die Getreideart, deren Namen man beim
Befeuchten ausgesprochen hat 19 ). Zahl¬
reich sind die abergläubischen Mittel,
durch die man das K. vor Schädigungen
zu schützen sucht (vgl. auch Acker 1,
153 ff.). Um die Saat und später die
Körner vor gefräßigen Vögeln zu schützen,
muß man stillschweigend drei Körner
in den nächsten Busch werfen 20 ). Man
muß in der Johannisnacht nackt um das
K.feld gehen und mäht dann auf jeder
Seite einige Halme ab 21 ), bindet sie
entsprechend den vier Ecken des Ackers
zu vier Bündeln zusammen, aus denen
man dann ein Kreuz bildet. Dies hängt
man in den Schornstein, wo weder Sonne
noch Mond hinscheint. Oder man muß
vor Tagesanbruch in dei Morgendämme¬
rung, wenn die Vögel noch schlafen, die
Koppel umgehen und sagen:
Waak up! Waak up!
Gaht na Naber sien Koppel!
Im Namen des Vaters usw.
Dabei muß man den Namen der Koppel
nennen, wohin die Vögel gehen sollen 22 ).
Gegen die Schnecken (Ackerschnecken)
geht beim K.säen eine Person dem
Sämann voraus, bestreut den Rand des
Ackers mit K. und spricht dabei:
Schnäckla, Schnäckla, rot,
Do sä i dir dein Tod
Und mir mei Brot.
Dös hilf mir Gottes Voater usw.
(Unterfranken) 23 ).
Damit die K.er nicht brandig werden,
raucht der Sämann während des Säens
aus seiner Pfeife 24 ). Damit das Getreide
nicht brandig wird, schüttete man in der
Gegend des Fichtelberges im 18. Jh.
einige Garben auf den Boden, breitete sie
aus und siebte dann Holzasche darauf.
Das Getreide mußte dann, wenn die
Sonne im Sternbild der Waage war, aus¬
gesät werden 25 ), vgl. auch Weizen. Im
Frühjahr muß man an den drei ersten
Freitagen im März den K.häufen um¬
rühren, damit die Frucht nicht anläuft,
d. i. schimmelig wird 26 ). Im Nahetal
ließ man, wenn der R. eingefahren wurde,
den ersten Wagen vor dem offenen
Scheunentor halten. In der Scheune
standen die Kinder und riefen dem Vater
zu: „Was bringst du ? “ Dieser antwortete:
„Brot für mich, meine Kinder und die
Armen“. Die Kinder antworteten: „Dann
wünschen wir für die Mäuse oder Ratten
den Tod“. Oder (wohl wo keine Kinder
im Hause waren): Wenn der erste Wagen
Frucht von der neuen Ernte eingefahren
wurde, hielt er vor dem Scheunentor
und der Fuhrmann fragte einen in der
Scheune Stehenden: „Weißt du nicht,
wie lange noch an Christtag ist?“ Dieser
antwortete: „Ich weiß es nicht“. Darauf
sprach der Einfahrende: „Dann sollen
auch die Mäuse und Ratten nicht wissen,
wo wir unsere Kornbarn hinmachen“ 27 ).
8 ) Stracker j an Oldenburg 2, 124. 9 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 203. 10 ) Frankenland 1915, 270.
n ) Engelien u. Lahn 282; Andree Braun¬
schweig 405; Das Land 4 (1896), 332 (Nord¬
thüringen); Drechsler Schlesien 2, 198.
12 ) Engelien u. Lahn 282 = Drechsler
Schlesien 2, 198. 13 ) Bartsch Mecklenburg 2,
163. 14 ) Wirth Beiträge 6/7, 14; ähnlich auch
Nds. 15, 316; Panzer Beitrag 2, 207. 15 ) Vecken-
stedts Zs. 3, 222. 16 ) Hesemann Ravensberg
94; vgl. auch Wuttke 237 § 339. 17 ) Stracker-
jan Oldenburg 1, 106. 18 ) ZfVk. 5, 97. 19 ) Bayer¬
land 20 (1909), 575. 20 ) Bartsch Mecklenburg
2, 162. 21 ) so auch Bartsch Mecklenburg 2, 161.
22 ) Maack Lübeck 62. 23 ) Marzell Bayer.
Volksbotan. in. 24 ) Wirth Beiträge 6/7, 19.
25 ) Pachelbel Beschreibung des Fichteiber ge s
f
Roggen
Roggen
1716, 159. 2ß ) Eberhardt Landwirtschaft 9.
27 ) ZfrwVk. 2, 77.
4. Die Körner des R.s gelten wie die
anderen Getreide-Arten (s. Gerste, Hafer,
Weizen) als Fruchtbarkeitssymbole 28 ).
Körner werden beim Hochzeitszug in die
Menge geworfen 29 ), der Braut in die
Haare gesteckt 30 ) oder es werden ihr,
ohne daß sie es weiß, K.ähren (und
Geld) in den Schuh gelegt 31 ). Wenn
in Artern früher ein Brautpaar zur
Trauung aus dem Haus ging, wurden
aus einem oberen Fenster Getreidekörner
auf dasselbe gestreut. So viel K.er in dem
Brautkranz liegen blieben, so viel Kinder
sollten in der Ehe kommen 32 ). Dagegen
läßt man im Nograder Komitat die Braut
einige Getreidekörner in den Brunnen
werfen. Wie viel Körner sie hineinwirft,
so viel Jahre wird sie keine Kinder be¬
kommen 33 ).
28 ) Mannhardt Forschungen 351 ff. 29 ) Sam-
ter Gehurt 171. 30 ) And ree Braunschweig 307.
31 ) MVerBöhm. 22 (1884), 125. 32 ) Mansfelder
Blätter 4 (1890), 156. 33 ) Temesvary Geburts¬
hilfe 14.
5. K.ähren gelten als glückbringend,
auch apotropäische Eigenschaften werden
ihnen zugeschrieben. Bevor man ein
neues Haus bezieht, wird es eingesegnet,
wobei R.ähren als Weihquast dienen 34 ).
Im Pinzgau und am Untersberg werden
als Opfer und zur Abwehr Büschel von
drei Ähren 35 ) an die Haustür genagelt,
zuweilen kommen diese Ähren unter das
Dach, gewöhnlich aber hinter das Kruzifix
im Herrgottswinkel. Im Frühjahr werden
diese Ähren in die erste Furche einge¬
ackert 36 ). Wer drei K.ähren im Namen
Gottes usw. über den Spiegel steckt, hat
das ganze Jahr Glück in der Ernte 37 ).
Besonders gelten Doppelähren als glück¬
bringend 38 ), sie bedeuten eine Zwülings-
geburt (Frank. Schweiz) 39 ). Auch
schützen sie vor dem Einschlagen des
Blitzes 40 ). An das Joch steckt man eine
Doppelähre; dadurch werden die Ochsen
kräftiger zum Ziehen. Der Halm darf
aber nicht abgerissen, sondern muß ab¬
gebissen 41 ) werden 42 ). In der Oberpfalz
dreht man eine im Sommer gefundene
Doppelähre am Weihnachtsabend drei
Mai um, dann schlägt im kommenden
Jahr der Blitz nicht ein 43 ). Andrerseits
(z. B. in Deutsch-Krone) heißt es, daß
Doppelähren verbrannt werden müssen 44 ).
Ein K.halm mit drei Ähren bedeutet Un¬
glück 45 ).
34 ) Hüser Beiträge 2, 24. 35 ) Vgl. auch Mann¬
hardt i, 209. 36 ) Andree-Eysn Volkskund¬
liches 103. 37 ) Wolf Beiträge 1, 218. 38 ) Mschles-
Vk. 27. 235; Strackerjan Oldenburg 1, 27.
3Ö ) Orig.-Mitt. von Brückner 1913. 40 ) ZfVk.
10, 213 (Nordthüringen); Urquell 3, 41;
Peuckert SchlesVk. 1928, m. 41 ) Vgl.
auch Peuckert ebd. 70. 42 ) Schramek
Böhmerwald 240. 43 ) Die Oberpfalz 6 (1912),
239. 44 ) Treichel Westpreußen 7, 580. 45 ) Reu-
bold Beitr. z. Volkskde im BA. Ansbach 1905, 17.
6 . Eine besonders heilende Kraft haben
die drei ersten blühenden K.ähren,
die man im Jahre sieht (s. Frühlings¬
blumen). In ihnen ist gewissermaßen die
nährende Kraft des K.s vereinigt, man
zieht sie durch den Mund und verschluckt
die an der blühenden Ähre haftenden
Staubbeutel. Es ist dies eine Art „com-
munio“ 46 ); vgl. das Verschlucken von
drei Palmkätzchen (s. d.). Vor allem gilt
dies Verschlucken als ein Vorbeugungs¬
mittel gegen (kaltes, Wechsel-) Fieber 47 ),
seltener gegen Halsweh 48 ), Zahnschmer¬
zen 49 ), Sodbrennen 50 ), Kolik 51 ), „böse“
Mundwinkel 52 ), Rotlauf 53 ), gegen den
Biß von Schlangen M ) und wütenden
Hunden 55 ). Manchmal geschieht dies
Durchziehen der drei K.ähren durch den
Mund mit den Worten: „Gott behüte
mich vor Fieber und Gelbsucht“ 56 ) oder
„Gott walt’s, gelbe Frucht, behüt mich
vor Fieber und Gelbsucht“ 57 ). Im Ost¬
havelland sind es sieben K.ähren, die
man im Mund abstreift 58 ); ähnlich streift
man in Kroatien von sieben K.ähren,
die man zuerst erblickt, die Blätter (es
wird wohl gemeint sein: Staubblätter)
ab und gibt sie dem Kind bei Fraisen¬
anfällen 59 ). Im Anhaitischen soll der
Blütenstaub des R.s gut gegen Krämpfe
sein 60 ). Wenn man die ersten blühenden
K.ähren abstreift und ißt, hat man das
ganze Jahr keinen Mangel an Brot
(Schlesien, Thüringen) 61 ) oder man hat
überhaupt Glück 62 ).
46 ) Grimm Myth. 978; Wuttke 100 § 126;
Zimmer mann in Tschirch-Festschrift 1926, 256.
47 ) Alte Zeugnisse: Paulli Quadripartitum Bo-
tanicum 1667, 115; Journal v. u. f. Deutschi. 3
(1786), 1, 251 = Grimm Myth. 3, 458 (Ans¬
bach); (Fischer) Aberglaube 184; Men sing
Schl. Holst. Wb. 1, 97; aus neuer Zeit: Tettau
u. Temme 282; Geschichtsbl. f. Stadt u. Land
Magdeburg 16 (1881), 250; Engelien u. Lahn
282; Strackerjan Oldenburg 1, 66; ZfVk. 7,
72 (Ruppin); 10, 213 (Nordthüringen); Trei¬
chel Westpreußen 2, 210; Bartsch Mecklen¬
burg 2, 163; Jahn Hexenwesen 359; Knoop
Pflanzenwelt 11, 83; Hinterpommern 162;
Frischbier PreußWb. 2, 510; ZfrwVk. 1, 199;
11, 167; Urquell 4, 154 (bergisch); Wolf Bei¬
träge 1, 219; Köhler Voigtland 417; John
Erzgebirge 248; Veckenstedts Zs. 4, 331 (Prov.
Sachsen); Marzeil Bayer. Volksbotan. 180;
Jäckel Ober franken 214; Flügel Volksmedizin
58; Pollinger Landshut 277; Schönwerth
Oberpfalz 3, 258; Fränk. Heimat 6 (1927), 380
(Steigerwald); Vernaleken Mythen 313; Hal-
trich Siebenb. Sachsen 272; Sebillot Folk-
Lore 3, 490 (Vogesen); Fogel Pennsylvania
272. 303; Grohmann 91. 152. 165. 48 ) Ver¬
naleken Mythen 315; Mnböhm Exc. 20, 70;
Schönwerth Oberpfalz 3, 262; Strobl Alt-
bayr . Mittel 1926, 9 f. 49 ) Witzschel Thüringen
1, 283; Wrede Eifler Volksk. 2 96; Müller
Isergebirge 36; ebenso auf der Insel Worms in
Estland: Ruß wurm Eibofolk 2, 226. 50 ) Lett¬
land: Hist. Stud. aus d. pharm. Inst. Dorpat 4
(1894), 187. 51 ) Meyer Baden 423 == Zimmer-
marin Volksheilkunde 45; Strobl Altbayer.
Mittel 9 f. 62 ) Vogtland: Orig.-Mitt. v. Thiern
1910. ß3 ) Schleicher Sonneberg 1858, 149.
M ) Spieß Obererzgebirge 28. 55 ) Curtze Waldeck
402. 56 ) Journ. v. u. f. Deutschi. 1788 =
Grimm Myth. 3, 462 (Osterode am Harz).
67 ) Becker Pfalz 118, vgl. ZfrwVk. 2, 277.
“) ZfVk. 7, 72. 6 *) ZföVk. 13, 114. 60 ) Wirth
Beiträge 6/7, 30. 61 ) Wuttke 408 § 632.
® 2 ) Mensing SchleswWb. 1, 97.
7. Auch sonst wird der R. (bzw. das
Korn) in der Sympathiemedizin gebraucht.
Die neun ersten Blätter des hervor¬
sprießenden Getreides ißt man als Vor¬
beugungsmittel gegen Fieber (Saarburger
Gegend) Am Karfreitag (oder Oster¬
sonntag) holt man vor Sonnenaufgang
und „unbeschrien“ junge R.saat (oder
anderes Getreide, z. B. Dinkel) und gibt
sie den Pferden zu fressen, das schützt
die Tiere vor der Kehlsucht (Druse) 64 ).
Am Ostersonntag vor Sonnenaufgang
gehen Frauen und Mädchen den „Säma
rupfen“, wovon ein Teil dem Vieh gegeben
wird, daß es gesund und nutzbringend
bleibe, ein anderer ins Bettstroh gestreut
wird gegen Ungeziefer (Planer Gegend;
Schönbach) 65 ). In Schlesien geschah das
„Soate rupfen“ an Ostern und zwar so, daß
man sich auf die Erde legen und mit dem
B ächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
Munde die grüne Saat beißen mußte; dann
bekam man keine Zahnschmerzen 66 ). Man
geht vor Sonnenaufgang an ein R.feld,
das noch nicht in Blüte steht, bestreicht
die Sommersprossen mit dem Tau und
spricht: „Das was ich bestreiche, nehme
ab; das was ich sehe, nehme zu!“ (Neu-
Ruppin) 67 ). Wenn der R. Knoten be¬
kommt, so nimmt man so viel R.knoten
als man Warzen auf der Hand hat, streicht
mit ihnen über die Warzen und legt sie
dann auf den nächsten Kreuzweg. Sind
die Knoten alle überfahren, so verschwin¬
den die Warzen sofort (Zechlin, Kr. Ost-
Prignitz) 68 ). Durch Bestreichen mit
einer Ähre bei zunehmendem Mond heilt
man das „Hillding“ (brandiger Rotlauf) 69 ).
Gegen Krätze wälzt man sich in der Wal¬
purgisnacht nackend in grünem R. (Graf¬
schaft Ruppin) 70 ). Wenn bei dem
Kranken nach dem Frost die Hitze ein-
tritt, erscheint eine „weise“ Frau mit
einer Schüssel R. Der Kranke darf aber
nichts davon wissen, und die Frau kein
Wort dabei sprechen, sondern nur durch
stumme Zeichen dem Kranken verständ¬
lich machen, was er zu tun habe. Er muß
beide Hände voll Korn aus der Schüssel
nehmen und sich dieselben, so gefüllt,
fest zubinden lassen. So bleibt er, bis die
Fieberhitze vorübergegangen ist. Die
Frau bringt nun einen Napf voll Erde,
bindet dem Kranken die Hände auf und
bedeutet ihm, das Korn in den Napf zu
streuen. Sobald es darin aufgegangen
ist, wird der Napf in ein Gartenloch um¬
gestürzt, so daß das aufgesproßte Korn
nach unten zu liegen kommt. Wenn es so¬
dann verfault, verschwindet bei dem
Kranken auch das Fieber (Kreuzburg) 71 ).
Ähnlich muß in Holstein und Mecklen¬
burg der Fieberkranke eine Handvoll
R.körner aus einem Gefäß mit R. heraus¬
greifen und diese dann am andern Morgen
in ein Stückchen Land säen 72 ). In
Steiermark läßt man den Kranken wäh¬
rend des Fieberanfalls in beiden Händen
R.körner halten, die dann vom Fieber¬
schweiß durchfeuchtet unter einem Baum,
der auf einem „Kornraine“ steht, ver¬
graben werden 73 ). Um sich gegen
Rücken weh (bei der Emtearbeit) zu
25
771
Roggenbock—Roh rdomm c 1
Rohrsperling—Rom
77 4
schützen, muß man die erste Ähre küssen
oder den Rücken hinunterschieben, die
drei ersten Halme um den Leib binden
oder mit dem Mund ausreißen 74 ). Der
Schwangeren wird empfohlen, bei einem
Schrecken sofort an das Wogen des Korns
im Winde zu denken 75 ).
63 ) JbElsLothr. 3, 140. 64 ) Marzeil Bayer.
Volksbotan. 24; Strobl Altbayr. Mittel 1926,
19; Reiser Allgäu 2, 117; Eberhardt
Landwirtschaft 212; vgl. John Westböhmen 65.
65 ) John Westböhmen 65; MVerBöhm 22 (1884),
125 66) Peuckert Schles. Vkskde 1928, 70.
67 ) ZfVk. 8, 59; vgl. auch Mannhardt Germ .
Mythen 31. 68 ) ZfVk. 8, 200. 69 ) Mensing
Schlesw. Wb. 1, 97. 70 ) ZfVk. 7, 290. 71 ) Wuttke
332 § 493 = Drechsler Schlesien 2, 304.
72 ) Urquell 2, 96; Bartsch Mecklenburg 2, 105;
vgl. auch Albertus Magnus Toledo 20 4, 52.
73 ) Fossel Volksmedizin 132. 74 ) Eberhardt
Landwirtschaft 203. 75 ) Meyer Baden 387.
8 . Verschiedenes. In Niederbayern
(Waldhof, B.-A. Pfarrkirchen) zieht man
am Ostersonntag „Kornsarer“ (= die
aufgegangene K.saat) aus, läßt sie in
der Kirche mit Eiern, Brot und Fleisch
weihen und steckt sie wieder in die Erde 76 ).
Damit das Brot nicht schimmelig wird,
gibt man in den Teig einige K.blüten 77 ).
In einer hessischen Sage entpuppt sich
eine in den Schraubstock gestellte K.ähre
am nächsten Morgen als Hexe 78 ). Wenn
einem Jäger die Flinte behext ist, so
ladet er R.körner und schießt damit 79 ).
Ist eine Leiche im Hause, so streut man
auf den Platz, wo der Sarg stehen soll,
R.körner, damit das Glück nicht aus dem
Hause getragen werde (Damme) 80 ). Viel¬
leicht handelt es sich hier um ein ur¬
sprüngliches Totenopfer. Wenn ein Haus¬
bewohner (besonders der Hausherr) ge¬
storben ist, wird das Saatkorn im Hause
verstellt, umgeschaufelt, gerührt usw. 81 ).
Ein in den Kittelsaum des Kindes (wenn
es zum ersten Mal in die Schule geht) ein¬
genähte K.ähre erleichtert das Lernen
(Schwaben) 82 ). Hört die Binderin bei
der Mahd das K. krachen, so denkt der
Geliebte an sie (Rickenbach) 83 ). Findet
man im Brot ein ganzes R.korn, so muß
man es in der Tasche tragen, das bringt
Glück (Dithmarschen) 84 ). Schneidet
jemand ein ganzes R.korn im Brot durch,
so lege man es über die Stubentür; wer
dann zuerst in die Tür tritt, muß die Per¬
son heiraten, die das K. durchschnitten
9
hat oder der (bzw. die) Zukünftige trägt
den Namen der ein tretenden Person
(Dithmarschen) 85 ). Findet man vor der
Tür oder in der Stube eine Ähre, so gibt
es Besuch; eine harte Ähre bedeutet eine
männliche, eine weiche eine weibliche
Person 86 ). Erhebt sich im K.feld eine
weiße Ähre, so stirbt bald jemand im
Haus des Besitzers (Fränkischer Jura) 87 ).
76 ) Arch. Vereins ,,Bayr. Heimatschutz“,
München 1909. 77 ) Paullini Baurenphysik
1711, 137; Jahn Hexenwesen 359. 78 ) Wolf
Sagen 59. 79 ) Wuttke 452 § 715. 80 ) Stracker-
3 an Oldenburg 1, 66. 81 ) Höhn Tod 324. 82 ) Fest-
schr. d. anthropol. Gesellsch. z. 26. Vers. Cassel
1895» 64. 83 ) Meyer Baden 165. M ) ZfVk. 20,
382. 85 ) Urquell 6, 157. 86 ) Men sing Schlesw.
Wb. 1, 97. 87 ) Orig.-Mitt. von Brückner 1913;
vgl. auch Marzeil Bayr. Volksbotanik 66.
Marzeil.
Roggenbock, -muhme s. Korn-
dämonen.
Rohr s. Schilfrohr.
Rohrdommel, masc. u. fern., letzteres
jetzt häufiger (Botaneus stellaris), trägt
verschiedene deutsche Namen x ). Eine
im Mittelalter bis auf Konrad Gesner be¬
zeugte Überlieferung, daß die R. ihren
Kopf in den Sumpf stecke und ein ochsen¬
ähnliches Gebrüll von sich gebe 2 ), ist
in neuerer Zeit, durch Graf Wodzicki be¬
stätigt worden; sonst wird das Brüllen
während der Paarungszeit gehört 3 ). Ein
anderer Glaube findet sich bei Albertus:
daß sich die R. vor dem Jäger tot stelle ;
sobald sie aber der Jäger fassen wolle, ver¬
wunde sie ihn mit ihrem Schnabel 4 ). Sie
vermag doppelt so große (?) Aale zu
verschlucken 5 ).
Als dämonisches Tier erweist sie sich
dadurch, daß sich der Teufel in sie ver¬
wandelt 6 ).
Ihr Ruf bedeutet ein fruchtbares
Jahr 7 ), in Oldenburg dagegen Un¬
glück 8 ), andernorts Regen 9 ).
Medizinisch wird ihr Blut 10 ) oder
Fleisch 11 ) gegen Gicht verwendet.
Von der R. sagt das Märchen, daß sie,
wie der Wiedehopf, ursprünglich ein Kuh¬
hirte gewesen sei, der seinen Kühen zuge¬
rufen habe „bunt herüm!“ 12 ).
Im Volksbrauch um Pilsen wird ein
Lärminstrument (Rummelpott), mit dem
man zwischen Weihnachten und Drei¬
königen umzieht, R. genannt 13 ).
x ) Suolahti Vogelnamen 383 ff.; Vogelbrehm
64; DWb. 8, 1126; Urquell 5, 55. 2 ) Albertus
Magn .is De anim. (_d. Stadler) lb. 23, cap. 29;
Gesner Vogelbuch (1555) 207 verso, 208 verso
(2 mal). Zwei Stellen: „den Hals sol er in das
wasscr stossen, und am boden des wassers
grausam lüyen (brüllen) als ein Stier, also,
dass man diß auff ein halb meyl, das ist ein
stund wägs, hören mag, welches dann ein
anzeigung eines rägens seyn sol“. Vgl. Se-
billot 3, 187 (n. Villon Oeuvres 225). „Wenn
er sein stimm außlassen will, streckt er seinen
langen halß eintweders in das wasser, oder
stoßt jn in ein port: und das thut er nach dem
die Sonn undergangen ist, da brület er offt
ein gantze nacht, daß er ein wenig vor dem
aufgang der Sonnen aufhört“ (nach mündl.
Bericht aus Sachsen). 3 ) Vogelbrehm
65; das Brüllen auch bei Schulenburg Wend.
Volkssagen 260. 4 ) Albertus Magnus 23, 29.
*) Gesner 208. 6 ) Grässe Preuß. Sagen
1, 59 i- 7 ) Gesner 207 verso (Zürichsee).
Dasselbe will wohl auch der Vers sagen: „Kollert
die R. zeitig, werden die Schnitter nicht streitig“,
d. h. die haben sich nicht um die Arbeit zu
raufen, haben alle genug zu tun. Bartsch
Mecklenb. 2, 179. 8 ) Strackerjan 2, 167.
In Frankreich (17. Jh.), wenn sie jemand um¬
flattert: Sebillot Folk-Lore 3, 194. ®) S. Anm. 2
(Gesner); Schulenburg Wend. Volkssagen 260.
xo ) Albertus M. a. a. O. ll ) Gesner 208 verso.
”) Grimm KHM. Nr. 173; Singer Schweizer
Märchen 1, 45; Bolte-Poli vka 3, 285.
13 ) Reinsberg-Düringsfeld Böhmen nf.;
Sartori Sitte 3, 7S. Hoffmann-Krayer.
Rohrsperling (wohl sylvia turdoides
[Suolahti], acrocephalus arundinaceus
[Brehm]), auch Drosselrohrsänger;
doch tragen auch andere Vögel den Namen
R. 1 ). Der R. soll seine Jungen taufen,
wenn sie ausgebrütet sind, indem er einen
kleinen Stein in ihr Nest legt, damit sind
sie getauft. Man kann das Nest dann
nicht sehen. Wenn man den Stein aus
dem Nest erhält, dann ist man unsicht¬
bar 2 ). Sein Ruf wird gedeutet als:
„Karl, Karl, Karl, Karl! Kikik, Kikik!
Wecker, Wecker, Wecker, Wecker!“ 2 ).
2 ) Suolahti Vogelnamen 78 f. (sylvia). 108
(emberiza schoeniclus). 130 (fringilla montana).
152 (lanius); Vogelbrehm 480 ff. 2 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 179. Hoffmann-Krayer.
Roland s. Pfahl, Steinhaufen.
Rom (Römisches).
1. Am Gründonnerstag, wenn in den
katholischen Kirchen nach dem Gloria die
Glocken schweigen, fliegen (reisen) alle
Glocken zum Papst nach R.; so erzählt
man den Kindern 4 ); in R. werden die
Glocken mit Milch und Brötchen gefüttert,
sie werden neu geweiht, beten und beich¬
ten, holen die Ostereier, am Karsamstag
kehren sie zur gleichen Stunde zurück,
s. o. 3, 874. 1196. Wer an Kopfweh leidet,
gibt daher in Teplitz am Karmittwoch ein
Büschel Haare zu den Glocken, damit
diese es, wenn sie nach R. fliegen, mit
fortnehmen 2 ). Wenn am Karsamstag
die (neu gekräftigten!) Glocken von R.
wiederkehren, soll man zur Vorbeugung
von Darmgicht sich so schnell und fest
wie möglich auf die bloße Erde werfen und
sich wälzen 3 ). Auch die Wöchnerinnen
„reisen nach R.“ 4 ); vielleicht besteht
ein Zusammenhang mit der Benennung
der Milchstraße als ,,R.straße“, die
geraden Wegs nach R. führen soll 5 ). R.
wirkt in all diesem als das Herz der
Christenheit. S. a. 6, 1329.
x ) Wrede Rhein. Volkskunde 1 183. 2 256;
Meyer Baden 100; Sepp Sagen 427; Sartori
Sitte 3, 139; Ders. Buch v. dt. Glocken 71 f.;
weitere Lit. s. o. 3,875 A. 51. 2 ) Lehmann
Sudetendeutsche 142. 3 ) Hovorka u. Kron-
feld 2, 128 (Untersteiermark). 4 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 3, 7; Zingerle Tirol 3.
5 ) Baumgarten a. a. O. 1, 9. 3,7; auch
Schweiz., Grimm Myth. 3, 106; slov. u. böhm.,
ebd. 1, 296; Grohmann 32 Nr. 176; s. o. 6, 372.
2. Von dem Anteil alten römischen
Glaubensgutes an den Quellen des dt.
Aberglaubens kann hier nicht die Rede
sein, zumal wohl selten ein ausschließlich
römischer (d. h. italischer) Zug im Ge¬
samterbe der Antike zu bestimmen sein
wird 6 ); ebensowenig ist eine Betrachtung
des christlichen, d. h. römisch-katholischen
Einflusses auf das dt. Glaubensleben unter
der Flagge „römisch“ statthaft 7 ); s. a.
Konfession 5, 170 ff.; Römerkerze s. o.
5, 1245. Zum Einbruch des römischen
Rechts in das dt. Rechtsleben vgl. Recht
§ 2, Richter. Hier soll nur auf die Spuren
der politischen und kulturellen Ver¬
gangenheit des Römerreiches in der
dt. Volksmeinung verwiesen werden 8 ).
Die unmittelbare Erinnerung an die
röm. Vergangenheit ist in Deutschland
vor der gelehrten Erneuerung des 19. Jh.s
77 5
Romanusbüchlein—Rose
Rose
77 8
fast gänzlich geschwunden gewesen*),
nicht ohne eine unbewußte Fortdauer
röm. Erscheinungen, wie wahrscheinlich
der west- und südost dt. Kult der drei
Marien als Fortsetzung des keltoroma-
nischen Matronenkultes zu deuten ist 10 ).
So begegnen die Reste röm. Bauten in
der Sage nicht unter dem richtigen Namen,
nicht einmal in Trier, sie sind einfach
Überbleibsel aus der „Heidenzeit“ als
Heidenkirche, Heidenburg, Heidengrab,
Heidenstraße usw., gleichviel ob vorkel¬
tisch, keltisch, röm. oder nachröm. u ), vgl.
3,1639ff. Eine röm. Wasserleitung ist Teu¬
felswerk 12 ), ein Mithrasheiligtum wird zur
„Wildfrauenkirche“, ein röm. Grabmal
zum „Wichtershäuschen“ 13 ). Der Limes
ist eine „Teufelsmauer“, „Riesenmauer“
oder zuletzt ein Werk Karls des
Großen, er heißt „Pfahl“, auch „Pfahl¬
graben“, „Schweinegraben“, „Heidengra¬
ben“, „Römergraben“ 14 ). Gerne spukt es
an solchen heidnischen (röm.) Orten, ohne
daß die Leute sich in der Regel der röm.
Bedeutung bewußt wären 15 ). Auch Flur¬
namen wie Ziegelacker, Steinacker er¬
halten nur versteckt das Andenken an
die Trümmer röm. Siedlungen 16 ), deut¬
licher sprechen bekanntlich viele Orts¬
namen. In Tirol erscheinen die Er¬
innerungen an die Römer, an von ihnen
vergrabene Schätze, an ihre Straßen
echter 17 ).
Umgekehrt werden auch in neuerer
Zeit Schanzen vergessener vorgeschicht¬
licher oder jüngerer Entstehung von
halbgelehrter Deutung zu Unrecht den
Römern zugeschrieben 18 ) (gleich wie
mancherlei den Schweden). Grotesk ist
derart die Bezeichnung von Steinsitzen
aus dem 18. Jh. auf einer Ansichtskarte
als „Römerfemgericht“ 19 )! Ein gelehrter
Aberglaube des 19. Jh.s ist das Vorhanden¬
sein vieler „Römerstraßen“ auf den amt¬
lichen pfälzischen Karten 20 ). Mancher
„Römerturm“ in Bayern entstammt dem
MA. 21 ). Sogar ein Steinkreuz wird ge¬
legentlich auf die Römerzeit zurück¬
geführt 22 ).
„Der römisch Mathis“ = Rheumatis¬
mus 23 ).
•) Vgl. Stemplinger Aberglaube ; Ders.
Volksmedizin ; Höfler Weihnacht 49; Rochholz
Gaugöttinnen ; Wolf Beiträge 1, 107. 7 ) Um¬
gekehrt sei erwähnt P. I. Herwegen Germ.
Rechtssymbolik in der röm. Liturgie. 8 ) Zur
Orientierung vgl. Helm Religgesch. 1,3420.;
H. Dragendorff Westdeutschland zur Römer-
zeit, bes. S. 96 ff. (Religion); F. Koepp Die
Römer in Deutschland', Ders. Röm.-Germ. For¬
schung. 9 ) Meist gelehrte Sagen aus der Römer¬
zeit: Rochholz Sagen 1,107t. in; 2,245 t.
271 f.; Künzig Schwarzwald 264; Meier
Schwaben 229; Fox Saarland 289; Zaunert
Rheinland s. u.; ZfrwVk. 3 (1906), 299 (Varus¬
schlacht); Nds. 1 (1911) = Teudt Germ. Heilig¬
tümer (1931), 122. 210; Mackensen Nds. Sagen
224 (Caesar als Gründer Lüneburgs!); in Frank¬
reich ist die Erinnerung natürlich viel lebhafter,
vgl. Sebillot Folk-Lore 4,35. 41. 101 f. 109.
322 ff. 10 ) Helm Religgesch. 1, 410 f.; Andree-
Eysn Volkskundliches 35 ff.; ZtVk. 2 (1892),
24 ff.; Becker Pfalz 19 h.; s. o. 5,1865!.
n ) Zaunert Rheinland 1,6 ff. 116. 133 ff.
(Köln); 2, 68 ff. (Trier). 78 f. 121 („Eigelstein“
Mainz). 258 f.; Hertz Elsaß 169 ff. 12 ) Zaunert
Rheinland 1,21; Ders. Hessen-Nassau 64.
13 ) Ders. Rheinland 1, 8. 14 ) Ders. Hessen-
Nassau 64; Kapff Schwaben 122; F. Ohlen-
schlager Der Name „Pfahl 1 * als Bezeichnung
der röm. Grenzlinie in Neue Heidelberger Jahr¬
bücher 5, 61 ff.; s. w. oben 6, 1304 f. 15 ) Zau¬
nert Rheinland 2,78; Stöber Elsaß 1,80;
Birlinger Aus Schwaben 1,348; Rochholz
Sagen 1,107 t. 255 t.; vgl. Limes 6,1305.
16 ) Z. B. bei Rheinfelden (Baden); Oberelsaß,
ZfGORh. 70, 1 61 ff.; Becker Pfalz 29 ff.
17 ) Zingerle Sagen 310. 329. 342. 539. 688;
Heyl Tirol 205. 270. 18 ) Vgl. Becker Pfalz
13. 18; auch in Frankreich, Sebillot 4, 104.
19 ) OdZfVk. 7, 62 (Hainhaus, Odenwald).
20 ) PfälzMuseum 48 (1931), 151; Becker Pfalz
31 f. 21 ) DG. 3, 54, 5, 52. 138, 8, 182, 11, 233 f.
31, 99; vgl. Birlinger Volksth. 1, 86 . 22 ) Kapff
Schwaben 163; vgl. Lollus oben 6,1325 t. 23 )
Zimmermann Volksheilkunde 53.
Müller-Bergström.
Romanusbüchlein s. Nachtrag.
Romanussegen s. Nachtrag.
Roods (Röds) oder Herodis nennt
eine Sage im Hannoverschen den wilden
Jäger (s. d.) x ). Den Namen führt Mann¬
hardt auf den Beinamen Wodans Hruodso,
Hrödso, Hröso, Röso — Ruhmträger zu¬
rück 2 ).
x ) Kuhn Westfalen 1, 1; ZfdMyth. 1, 100;
danach Ranke Sagen 1 84, 2 122. 2 ) Germ.
Mythen 286. Lincke.
Rose (Rosa centifolia u. Verwandte),,
s. auch Hundsrose, Weinrose, Schlafapfel.
1. Botanisches. Unsere Garten-R.n
stammen zum großen Teil aus dem Orient.
Verschiedene Arten wie die Essig-R. (R.
gallica) und anscheinend auch die gelbe
R. (R. lutea) wurden bereits im antiken
Griechenland und Italien kultiviert. Nach '
West- und Nordeuropa kamen die orien¬
talischen Garten-R.n erst verhältnismäßig
spät (z. T. wohl durch die Kreuzfahrer),
wie ja auch der Name R. aus dem lat.
rosa stammt. Vielleicht wurden sie auch
durch die Mönche über die Alpen gebracht.
Die R.nfunde aus den mitteleuropäischen
Pfahlbauten stammen von einheimischen
Wildr.n. Die Zentifolie (R.centifolia)
soll erst im 16. Jh. nach Deutschland ge¬
kommen sein. Über die Geschichte,
Symbolik usw. der R. gibt es eine aus¬
gedehnte Literatur 1 ).
*) R. v. Fischer-B enzon Altdeutsche Gar¬
tenflora 1894, 34—37; Hehn Kulturpflanzen ®
1894, 243—255; Hegi Illustr. Flora v. Mittel-
Europa 4, 986—988; Hoops Reallexikon 3,
530—532; Schräder Reallexikon 2 2, 267—269;
Tschirch Hb. d. Pharmakognosie 2, 791 f.;
Th. Wolff Z. Geschichte der R. Gartenflora 60
(1911), 220—-226; Jak. Esselborn Die R.,
der Blumen Königin. Ursprung, Sagen, Legenden,
Volksglauben, Poesie usw. Kaiserslautern 1890;
P. Graffunder Die R. in Sage u. Dichtung
13 S. Prag 1897; Gubernatis Plantes 2,
317—234; Charles Joret La Rose dans
Vantiquite et au moyen äge. Paris 1892; Lemke
Asphodelos 1 (1914), 36—49; Schleiden
Die R. Geschichte u. Symbolik. Leipz. 1873;
Strantz Die Blumen usw. 1875, 1—62;
Harou De roos in het volksgeloof en volks-
gebruik. Volksleven 9 (1897), 84 f. 218—221.
11 (1899), 26—29.
2. Die R. erscheint oft in Sagen und
Legenden. Berühmt ist der alte R.n-
strauch am Dom zu Hildesheim. Uber
seine Entstehung wird erzählt, daß einst
Ludwig der Fromme auf der Jagd sein mit
Reliquien gefülltes Kreuz verlor. Ein
Diener fand es im Schnee auf einem blü¬
henden R.nstrauch. Ludwig der Fromme
ließ dort der Muttergottes eine Kapelle
bauen und den R.nstrauch an der Chor¬
wand der Kapelle hinaufleiten 2 ). Bei dem
Hüdesheimer R.nstock handelt es sich bo¬
tanisch um R.canina var. lutetiana. Er
ist übrigens nicht „tausendjährig“, son¬
dern höchstens 300 Jahre alt 3 ). Ver¬
breitet ist auch die Sage, daß die Dom¬
herren oder Mönche als To des Vorzeichen
auf ihrem Chorstuhl drei Tage vor dem
Ableben eine weiße R. finden. Sie wird
z. B. von Hildesheim, Breslau, Lübeck,
Altenberg (Rheinprovinz) und vom Kloster
Arnoldstein (Gailtal in Kärnten) erzählt 4 ).
Auch an die bekannte Sage von den R.n
der hl. Elisabeth sei hier erinnert 5 ).
1634 soll in Phna ein dürrer R.nzweig,
der schon 70 Jahre in der Kirche an der
Wand gesteckt hatte, während des Gottes¬
dienstes zu grünen angefangen und schöne
weiße R.n getragen haben 6 ). In einem
elsäßischen Dorf unweit Maria Stein steht
ein R.nknopf, der nie verblüht; das Jahr
über ist er geschlossen, aber nur in der
Christnacht (vgl. den in der Christnacht
blühenden Apfelbaum 1, 518) entfaltet
er sich und wirft weithin lichten Schein
um sich. Er kommt von dem R.nhurste
her, an dem die hl. Maria die Windeln
des Jesuskindes trocknete (s. Wein rose).
Je länger er blüht, umso fruchtbarer wird
das Jahr 7 ). Im Vintschgau bei Mals steht
ein R.nstrauch, der aus dem Blute eines
von einem Wüstling verfolgten Mädchens
entsproß 8 ). In Zehmitz (Anhalt) ist es
verboten, R.n in den „Johanniskranz“
hineinzuwinden. Da der Heiland mit
Domen gekrönt worden ist, so wäre es
unstatthaft, den hl. Johannes mit Dornen
zu bekrönen 9 ). „R.ngärten“ heißen auch
Friedhöfe 10 ). Auf das häufige Vorkom¬
men der R. im Volkslied sei nur kurz hin¬
gewiesen 11 ).
2 ) Harrys Volkssagen usw. Nieder Sachsens 1
(1840), 71 f.; Grimm Sagen 340; Meyer Germ.
Myth. 284; Bank D. tausendjährige R.nstock
am Dome zu Hildesheim. Natur u. Offenbarung
40 (1894), 84—94. 3 ) Verhandl. d. botan. Ver.
der Prov. Brandenburg 23 (1881), II f. 4 ) Har¬
rys Volkssagen usw. Nieder Sachsens 1, 73;
Kühnau Sagen 3, 502; Seifart Sagen usw. aus
Hildesheim 1860, 30; Grimm Sagen 194;
Deecke Lübische Sagen 139 ff.; Grässe Preus-
sen 2, 3. 170; Gräber Kärnten 1914, 421; vgl.
auch Grabinski Sagen 2 ff.; Schwebel Tod
u. ewiges Leben 126 f.; Bolte-Pol ivka 3, 460.
5 ) Bechstein Thüringen 1 (1835), 63. 6 ) Ber-
ckenmeyer Cur. Antiquarius 1712, 529 =
Meiche Sagen 652. 7 ) ZfdMyth. 1, 402. 8 ) Al¬
penburg Tirol 395. •) ZfVk. 7, 147. 10 ) Jacobs
R.ngärten im deutschen Lied, Land u. Brauch.
Neujahrsblätterhrsg. von derhistor. Kommission
der Prov. Sachsen Nr. 21 (1897), 4 ff. 230.;
Pfannenschmid Weihwasser 62 ff.; Meyer
Germ. Myth. 126; Lütolf Sagen 254 ff.; DG. 27
(1926), 79. 1X ) Erk-Böhme 3, 886 (Register).
3. Im Orakelwesen werden die R.n
Rose
Frau Rose—Rose, Segen wider die
782
meist mit dem Tod in Verbindung ge¬
bracht. Wenn Kranke von R.n träumen,
dann sterben sie, ,,denn die R.n fallen
bald ab“ 12 ). Träume von roten R.n be¬
deuten Blut und Unglück 13 ). Rote R.n
dürfen nicht als Geschenk ins Kranken¬
zimmer gebracht werden, sie würden dem
Kranken den Tod bringen 14 ). Wenn die
R.n im Herbst (noch einmal) blühen, so
soll es ein großes Sterben bedeuten 15 )
oder es stirbt jemand aus der Familie 16 ).
Wenn die R.n verblüht sind, werden die
Schwerkranken sterben 17 ). Das Er¬
bleichen der R.n, die rot werden sollten,
ist ein Todesanzeichen 18 ). Eine im Herbst
blühende rote R. bedeutet aber auch
Hochzeit 19 ). Mißbildungen an R.nblüten
wie Vergrünungen (,,wenn aus einer R.n-
blüte ein grünes Blatt herauswächst“)
oder Durchwachsungen (,,R.n“könig im
Volksmund = „Prolifikation“ des Bota¬
nikers) bedeuten, daß im nächsten Jahr
eine Braut im Hause ist 20 ); in England
bedeutet jedoch eine solche Vergrünung
den Tod eines Familienmitgliedes 21 ).
Eine baldige Verlobung steht bevor, wenn
drei R.n im Garten an einem Stil
blühen 22 ). Die Mädchen werfen R.n-
blätter in den Bach; wenn zwei aufein¬
anderzuschwimmen, gibt es Hochzeit 23 ).
Man mischt weiße und rote R.n unter¬
einander, nach diesen greifen die Mäd¬
chen mit verbundenen Augen; erwischt
ein Mädchen dabei eine weiße R., so ist
es noch unschuldig; wenn eine rote R.,
nicht mehr 24 ). Je länger (bei der Taufe)
die den Paten überreichten R.nknospen
frisch bleiben, desto älter wird das Kind 25 ).
Nach einem ags. Aberglauben reicht man
der Schwangeren eine Lilie und eine R.
Nimmt sie die Lilie, wird sie einem Kna¬
ben, nimmt sie die R., einem Mädchen das
Leben schenken 26 ). Unter den „R.n“,
die auf Weiden wachsen 27 ), sind Gallen-
büdungen (hervorgerufen durch die Mücke
Rhabdophaga rosaria) zu verstehen, s.
Weide.
1J ) Ryff Traumbuch 1551, 70. 13 ) Wilde
Pfalz 212. 14 ) Ebd. 15 ) Schreger Hausbüch¬
lein 1770, 131; Haupt Lausitz 272; Schweizld.
6, 1387. 16 ) Pfister Hessen 164; Strackerjan
Oldenburg 2, 120 = Wuttke 207 § 285. 17 ) An¬
halt: ZfVk. 30/32, 150. 18 ) Rothenbach
Bern 43 Nr. 394. l9 ) Wuttke 207 § 285 =
ZfVk. 23, 260; Mars ick Liebeszauber 1892, 7.
20 ) Curtze Waldeck 402; Huntemann Olden¬
burg 1913, 78; Wuttke 207 § 285; Wirth
Beiträge 6/7, 12. 21 ) FL. 20 (1909)» 344 * 22 ) Ost¬
holstein: Mensing Schlesw. Wb. 1., 545.
23 ) Panzer Beitrag 2, 295; Schmidt
Sitten u. Gehr, in Thüringen 1863, 6; Böhmer¬
wald 9 (1907), 187. 24 ) Niederösterreich: Ger¬
mania 21 (1876), 412. 25 ) John Erzgebirge 62.
26 ) Hoops Reallexikon 3, 531. 27 ) z. B. Eisei
Voigtland 261 Nr. 657.
4. Die R. im ,,Sympathieglauben“.
Das Taufwasser 28 ) oder das erste Bad¬
wasser des Neugeborenen schüttet man
unter einen R.nstrauch, dann bekommt
das Kind schöne rote Backen 29 ). Zu dem
gleichen Zweck wird auch die Nabel¬
schnur unter einem R.Strauch vergraben 30 ).
Auch das durch einen Aderlaß entzogene
Blut schüttet man unter einen R.n-
stock, um rote Backen zu bekommen 31 ).
Menstruiert das Mädchen das erstemal,
so muß es mit dem Wasser, mit dem das
Hemd, das beim Einweichen aber nur mit
drei Fingern angefaßt werden darf, ge¬
waschen worden ist, einen R.nstrauch
begießen, dann hat sie immer ein schönes
rotes Gesicht 32 ). Räucherungen mit den
Blütenblättem der R. sind ein Heilmittel
bei „Rose“ (Krankheit) 33 ). Die erste R.,
die man im Jahr sieht, soll man essen,
dann bekommt man die ,,Rose“ nicht 34 );
auch die Augen bleiben gesund, wenn
man sie mit den ersten drei R.nknospen,
die man im Frühjahr sieht, auswischt.
Doch darf man die R.nknospen dabei
nicht abbrechen 35 ), vgl. Frühlings¬
blumen (3, 160). Tau von R.n soll
tränende Augen hell und klar machen 36 ).
Ein „homoeopathisches“ Mittel ist es,
wenn man Leichdorne heilt, indem man
R.ndome dörrt 37 ). Menstruierende dür¬
fen eine Monatsr. nicht berühren, da diese
sonst welken muß 38 ). Auch in verschie¬
denen Segen wird die R. genannt, vgl.
z. B. in einem Blutsegen (aus Pom¬
mern) 39 ) (s. Segen wider die Rose):
Da an jenem Strom,
Da steht ein R.nbom,
Der Baum, der blüht so sehr;
Hör auf und blut nicht mehr.
* 8 ) Wolf Beiträge 1, 207; Fogel Pennsylvania
47. • 29 ) Wuttke 110 § 144; Schönwerth
Oberpfalz 1, 179; John Westböhmen 104; ZföVk.
14, 119; Drechsler Schlesien 1, 186. 30 ) Boh¬
nenberger 1, 107; Alemannia 34 (1906/07),
272; Höhn Geburt 261; Zimmermann in
Tschirch-Festschrift 1926, 259; Mar zell Bayer.
Volksbotan. 62; ebenso in Frankreich: Rtrpop.
20, 301; Rolland Flore pop. 5, 250. 31 ) Panzer
Beitrag 1, 257; Lammert 200 (Oberpfalz);
Ztschr. f. Kulturgesch. 1875, 723 (Erzgebirge).
32 ) MschlesVk. 4, 56. 33 ) ZföVk. 9, 242 (Böhmer¬
wald); ZrwVk. 3, 301 (Lippe). 34 ) Wirth Bei¬
träge 6/7, 25. 35 ) Arch. Ver. f. Freunde der Na-
turg. in Mecklenburg 50 (1896), 197. 36 ) Sey-
farth Sachsen 252. 37 ) Bohnenberger 110.
38 ) Urquell 4, 272. 39 ) Jahn Hexenwesen 239.
5. Verschiedenes. Wenn man von
einem R.nstock einem Toten R.n mit ins
Grab gibt, so verdorrt der R.nstock 40 ),
s. Rosmarin. R.n blühen nicht, wo ein
Toter liegt 41 ). Wenn man an Johanni
zwischen 11 und 12 Uhr mittags die ab¬
geblühten R.n oder die Blätter abpflückt,
so blüht der Strauch im Herbst noch
einmal 42 ).
40 ) Wolf Beiträge 1, 215 = Wuttke 187
§ 255. 41 ) Curtze Waldeck 402. 42 ) Alsatia
1852, 140; Bavaria 4, 380; Wilde Pfalz 212;
ebenso in Frankreich: Rolland Flore pop. 5,
250. Marzeil.
Frau Rose, auch Mutter Rose 4 ), ist
wohl nichts anderes als eine Tiroler Son¬
derentsprechung der Holda oder Perhta
(s. d.) mit sanften Zügen und guten Eigen¬
schaften, mithin das Gegenstück zu der
unheimlichen Dämonin Stampa, in der
sich alle schlimmen Eigenschaften und
Funktionen der Holda-Perhta vereinigen.
Je nachdem, ob die von der Grundgestalt
losgelösten Geister das gute oder das
böse Prinzip verkörpern, tragen sie auch
gute oder böse Namen. Mütterlich behütet
Frau R. die schlafenden Kinder vor dem
Alb oder Trud 2 ). — Die entsprechende
Gestalt in Niederdeutschland und der
Priegnitz ist Frau Gode, in der übrigen
Mark Brandenburg und in Sachsen, auch
am Rhein erscheint Frau Harke (auch
Harfe) oder Herke, hier wird Zusammen¬
hang mit der ags. Erce angenommen 3 ).
Schon bedenklicher klingt ,,Werre“ im
Voigtland 4 ); wir werden sie besser zur
Stampa (s. d.) stellen.
x ) E. H. Meyer German. Mythol. 285; Wuttke
23. 2 ) Meyer a. a. O. 3 ) Kuhn Märk. Sagen
Einleitg. 7. 4 ) Wuttke a. a. O. Schwarz.
Rose, Segen wider die 1 ) (oder das
„heilige Ding“).
1. Epische Form. Die meisten hier¬
her gehörigen epischen Segen sind sicher
späte Gebilde nach herkömmlichen Mu¬
stern. Hauptformen: Jesus (Maria o. a.)
begegnet der Rose und bannt sie 2 ).
Jesus (Maria, eine Jungfrau aus England
o. a.) zieht über Land, hat eine Rose
(Rosen) in der Hand (vgl. Brandsegen
§ 1) 3 ). Das Krautsuchen, z. B.: „Pe¬
trus und Paulus (o. a. Heüige) giengen
uet, Kruet to söken, daer wollen se te
(d. h. de?) Roos verteen, de Kelleroos“
usw. 4 ); ist wohl ein Nachklang des Drei¬
brüdersegen (s. d.). Weiter können der
Drei rosen segen 5 ) (vgl. Dreiblumen¬
segen) und der Dreifrauensegen (s. d.
§ 2 mit Anm. 17 und § 3) in verschiedenen
Formen für die Rose verwendet werden
(auch ein Gemisch von beiden, Jungfern
mit Rosen in der Hand 6 ). Endlich sehr
oft das Streitmotiv, s. d.
*) Bes. viele Belege aus Mecklenburg ZfVk.
7, 405 ff. und Bartsch Meckl. 2, 415 ff. 2 ) ZfVk.
i, 207 Böhmerwald; MschlesVk. H. 4, 67;
Müllenhoff Sagen 514 Nr. 21 b. 3 ) En¬
gelien u. Lahn 254 Nr. 133; ZfVk. 7, 406 ff.
passim
) Schindler Aberglaube 182;
Bartsch Mecklenburg 2, 416 Nr. 1929. 1932;
Jahn Hexenwesen 105; Temme Pommern
S. 343. s ) Kuhn Westfalen 2, 202 Nr. 570;
ZfVk. 17, 451 Braunschweig; Seyfarth Sachsen
123; Urquell 1 (1890), 186 Rendsburg; Bartsch
Mecklenburg 2, 418 Nr. 1938; Frischbier
Hexenspr. 84 Nr. 10. •) ZfVk. 5, 16 Siebenb.
Bartsch Mecklenburg 2, 415
ZfVk. 7, 406 Nr. 5; 410 Nr. 22;
BlpommVk. 1, 47.
Nr. 1926 f.
411 Nr. 27
2. Besprechungen. Das größte In¬
teresse bietet hier der beliebte Segen von
den Glocken (dem Evangelium, der
Messe), der in vielen Variationen über
das ganze deutsche Sprachgebiet be¬
kannt ist 7 ), auch niederländisch 8 ) (und
polnisch ? 9 )) (Selten gilt er dem „Rotlauf“,
Zahnweh o. a. Leiden). Ein Beispiel:
„Alle Glocken sind geklungen, das Evan¬
gelium ist gesungen, die Messe wird ge¬
lesen, die kleine Rose soll... genesen“ 10 ).
Gewöhnlich werden drei heüige Vorgänge
genannt, die Glocke(n) fast immer an der
Spitze; die häufigsten Glieder sind Glocke
und Evang., weniger oft kommen Messe (n),
Psalmen, Lieder, Epistel vor; die Mes¬
sen sind in der ältesten Variante (vgl.
unten) und niederländisch bezeugt. Das
783
Rosenapfel—Rosengarten
784
Verbaltempus ist gewöhnlich Präsens, oft
jedoch Perfect um. Eine epische oder
dialogische Einleitung kommt nieder¬
ländisch, in der frühesten deutschen Va¬
riante, J. 1575, und sonst selten 11 ) vor.
Der Text von 1575 „zur Bährung“ ist
oben „Koliksegen“ § 2 zitiert: Der böse
Dämon wird hier damit abgefertigt, daß
die Messen gelesen sind. — Unser Segen
will besagen, daß gegen das Übel eine
kultische Aktion eingeleitet oder voll¬
zogen ist, nämlich eine — in der Tat zele¬
brierte oder bloß fingierte — Messe (vgl.
Fiebersegen § 2, Wurmsegen § 4). Spe¬
ziell kann an eine Privatmesse für den
kranken NN gedacht sein, aber eben¬
sowohl an die offizielle Messe, in dessen
„Kanon“ ein Gebet, „Memento, do¬
mine“, für Einzelpersonen eingeht. Das
„Evangelium“ wird in jeder Vormesse
gelesen. Mit der Glocke ist vielleicht
ursprünglich an das Läuten bei der Ele¬
vation gedacht. Eine protestantische
Variante schreibt vor: „Unter dem Bet¬
läuten unberedt gesprochen“ 12 ). Auf
protestantischem Boden hat man aber
oft einen ganzen Gottesdienst im Gedan¬
ken (Psalmen, Lieder). Das sehr oft
hinzugefügte „alle (Glocken, Messen)“
wird unursprünglich sein.
7 ) Grohmann 158 Nr. 1136; Lammert
221; WürttVjh. 13, 232 Nr. 338; Wuttke
§ 232; Strackerjan 1, 76; Köhler Voigtland
407; Seyfarth Sachsen 91 f.; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 383 Nr. 1801; 2, 419 Nr. 1946!.; 2,
422 Nr. 1962; ZfVk. 7, 410; 8, 202 Nr. 13 Meck-
lenbg.; Frischbier Hexenspr. 101; BlpommVk.
1, 47. 8 ) NdlTVk. 7, 140. 9 ) Toeppen Masuren
50, vgl. Frischbier Hexenspr. 59. 10 ) Wuttke
§ 232. 11 ) ZfdA. 21, 211; anders Bartsch
Mecklenburg 2, 402 Nr. 1875; 2, 419 Nr. 1946a.
12 ) Württ. Vjh. s. oben Anm. 7.
An derartige Besprechungen gibt es in
großer Menge. Sehr viele sind den
Wund- oder den Br and segen entlehnt
wegen Ähnlichkeit der Leiden (wund,
rot, brennend). Ersteres z. B.: „Rose,
du sollst nicht stechen... nicht brechen
. . . sollst stille stehn . . .“ 13 ). Letzteres
z. B.: „Der Himmel ist hoch, der Krebs ist
roth, die Todtenhand ist kalt, damit stille
ich die R. u. den Brand“ 14 ) (s. Brand¬
segen §3); vgl. auch oben §1. An die
Feuersegen (§ 4) erinnert die Verwen¬
dung des Motivs Christi Blut, z. B.:
„Rosmarei u. Chr. Blut ist für diese R.
gut“ 15 ).
Weiter kommen Vergleiche mit Na¬
turerscheinungen vor (vgl. Krankheits¬
segen § 2); so in dem frühesten be¬
kannten (?) Texte wider die R., 16. Jh.:
„Der fundt den ich hier findt, das er wider
verschwindt, wie der wehende windt“ 16 )
(auch: wie der Tau, wie der Sproß im
Zaun). — Durch gedr. Buch recht beliebt
geworden (aber nicht für diesen Zweck
gedichtet?) ist die Strophe: „Die Rose
hat in dieser Welt — uns Gott als Köni¬
gin gesandt — und über ihr das Sternenzelt
— als Krönungsmantel ausgespannt“;
dann: „Rose, Rose, weiche“ usw. 17 ).
Viele andere Motive kommen vor, meist
jedoch vereinzelt.
13 ) Kuhn Westfalen 2, 202 Nr. 569; vgl.
Andree Braunschweig 418; Engelien u.
Lahn 253 f. Nr. 133; Seyfarth Sachsen
84. 88; Müllenhoff Sagen 514 Nr. 21;
Bartsch Mecklenburg 2, 419 ff. Nr. 1949 t.
T 953 f-1 Frischbier Hexenspr. 84 Nr. 11 f.;
ZfVk. 5, 20 Ostpreußen. 14 ) Kuhn Westfalen 2,
203 Nr. 574; vgl. Frischbier Hexenspr. 84
Nr. 8; Grimm Myth. 3, 462 Nr. 794; Engelien
u. Lahn 253 Nr. 133 f. 16 ) Seyfarth Sachsen
n8, vgl. 123; Ganzlin Sächs. Zauberformeln 17
Nr. 17. 16 ) Hälsig Zauberspruch 44; vgl. Kuhn
Westfalen 2, 202 Nr. 573; Müllenhoff Sagen
514 Nr. 21; ZfVk. 7 f 408 Nr. 7; 7, 411 Nr. 34
Mecklenbg. 17 ) 6. u. 7. Buch Mosis 62; ZfVk. 17,
451 u. öfter. Ohrt.
Rosenapfel s. Schlafapfel.
Rosengarten. R. dient zur Bezeich¬
nung von Friedhöfen 1 ), auch von ein¬
zelnen Teilen derselben 2 ), von Versamm-
lungs-, Fest- und Gerichtplätzen 3 ), ferner
in der Sage als Kampfplatz (bei Worms)
und als Garten des Zwergkönigs Laurin 4 ),
schließlich kommt er noch häufig als Flur¬
name vor 5 ). Manchmal sind es Orte, wo
römische und prähistorische Funde ge¬
macht wurden 6 ).
Die einen suchen im Namen R. my¬
thische Beziehungen. Die R. seien alte
heidnische Begräbnis- und Kultplätze,
wo man die Frühlingsspiele abhielt. Sie
waren mit Domen, Hagrosen be- oder
umpflanzt (vgl. Grab). In den R.-Epen
findet man Spiegelung alter Frühlings¬
kampfspiele, und die Zwerge deuten auf
Beziehungen zum Totenreich 7 ).
Andere suchen eine andere Deutung:
Atrium und Kreuzgang von Klöstern und
Kirchen waren oft mit Rosen bepflanzt,
so daß die Toten, die hier bestattet wur¬
den, im Rosengarten lagen 8 ); oder aber
das römische Fest der „Rosalia“, das
schon Verbindung mit dem Totenkult
hatte, wurde in christlicher Zeit übernom¬
men, der Totenkult mit Rosenfest wurde
an Heiligengräbem fortgesetzt und könnte
so zur Bezeichnung R. für Begräbnis¬
plätze geführt haben 9 ). Die Rose und
ihr Name sind in Deutschland erst um
800 herum eingeführt worden 10 ); sie
müßte also eine ältere Bezeichnung für
die mit Dornen umhegten Begräbnis¬
plätze ersetzt haben.
Von den Orts- und Flurnamen R. muß
jeder einzelne genau untersucht werden,
weil sie umgedeutet sein können 11 ).
Den Namen R. in der Laurinsage glaubt
Lunzer ohne Zwergsage erklären zu
können 12 ). Er vermutet, daß der Name
die Sage erst erzeugt habe. Damit würde
die Verbindung zwischen Zwergen und
Totenreich dahinfallen. Bestehen aber
bleibt die Möglichkeit (die aber in jedem
Einzelfall zu untersuchen ist), daß bei R.
ein Zusammenhang zwischen altem Be¬
gräbnis-, Kult- und Gerichtsplatz vorliegt.
*) Kondziella Volksepos 141 f.; SAVk. 22,199;
Argovia 5, 254; Lü tolf Sagen 254 ff.; E. Fehrle
Garten , Rose u. Rosengarten. Diss. Heidelberg 1922
(masch. geschr.) 71; BtrzsudetendVk. 16, 377;
vgl. Wossidlo Mecklenburg 2, 167. 245. 2 ) Zf-
östVk. 5, 268 = Kindergrab; Fehrle Garten 71;
DWb. 8, 1197. 3 ) Schweizld. 2, 437 h.; Ger¬
mania 6, 147 t.; 10, 147 t. 4 ) PBB. 50, 161 ff.
■ 6 ) Beschorner Handbuch Nr. 18990.; Schweiz-
Id. 2, 437 f.; Strackerjan 2, 121 f.; Ns. 35,
579. 622. •) Rochholz Glaube 1, 200; Argovia
5, 254; Germ. 17, 381. 7 ) Uhland Germ. 6,
321 ff.; Pfannenschmid Weihwasser 62 ff.;
Argovia 5, 254; Germ. 17, 381; Mannhardt
Germ. Mythen 4490.; Rochholz DGl. 1, 21;
Germ. 10, 147 t.; NieddZfVk. 1, 91 f.; S. Singer
Im Rosengarten Sonntbl. d. Bund (Bern) 1916, S.
200 ff. 8 ) Fehrle Garten 49f. 9 ) Fehrle a. a. O.;
WuS. 2, 151 ff.; Pauly-Wissowa 2. Reihe i f
1, im ff.; Hoops Reallex 3, 532. 10 ) Hoops
Realiex. 3, 531. 11 ) Ns. 35, 575: aus Kalkrose =
Stoß von Kalksteinen und Holz; ib. 622: zu
Roß; in der Schweiz: Rössi = Grube zum Ein¬
legen von Hanf, Schwld. 6, 1412; bei Berg¬
namen im Alpengebiet kommt ein altes (ger¬
manisches ?) Wort *rosa = Eis, Gletscher in
Frage: Clubführer durch die Bündneralpen,
5. Berninagruppe. 1932; vgl. Jahrb. d. Schweiz.
Alpenclub 40, 259. 12 ) PBB. 50, 196 ff.
Geiger.
Rosenkäfer s. Goldkäfer 3, 931.
Rosenkranz entwickelte sich allmäh¬
lich seit dem XII. Jh. aus der mittel¬
alterlichen Frömmigkeit. Seit Ende des
XVI. Jh. übt man die heute gebräuch¬
liche Form: 5 Vaterunser und 5 mal 10
Ave Maria, wobei jedesmal eines Geheim¬
nisses der Erlösung gedacht wird. Man
unterscheidet den „freudenreichen“,
„schmerzhaften“ und „glorreichen“ R.
Der Name R. stammt aus der Marienle¬
gende des XIII. Jh. x ); im Volksmund
heißt er: Pater, Päter, Nüster usw., eine
Perle heißt Päterchen. Ähnliche mne¬
motechnische Hifsmittel finden sich auch
in Indien und im Islam 2 ). Als Volks¬
andacht erfreut sich das Beten des R.
großer Beliebtheit. Seit 1573 wird am
ersten Sonntag im Oktober das Rosen¬
kranzfest gefeiert, der Oktober ist der
Rosenkranzmonat. Die Gebetsschnur
wird geweiht, sonst können keine Ablässe
daran gewonnen werden, die Perlen
müssen aber aus „tauglichem“, d. h.
haltbarem Material sein 3 ). Auch können
verschieden hohe Ablässe geweiht wer¬
den; „hochgeweihte“ R. sind daher be¬
sonders gesucht. Bei Verkauf oder Be¬
nützung durch einen andern geht jedoch
die Weihe verloren. Diese Anschauungen,
sowie die seit dem Mittelalter verbreiteten
zahllosen Legenden von der außerordent¬
lichen Wunderwirkung des R.es haben diese
Gebetsschnur zu einem Talisman ersten
Ranges gemacht. Nicht nur bei reli¬
giösen Handlungen wie Beichte, Kom¬
munion, Prozessionen, Hochzeit 4 ) ist
man damit versehen, auch der Tote muß
damit begraben werden 5 ), er ist eben un¬
entbehrliches Requisit 6 ). In seinem Be¬
sitz fühlt man sich vor allem Übel ge-
gefeit 7 ).
Vorzüglich gebraucht man den R. als
Apotropaion: Spukgeister verschwin¬
den, wenn man einen R. nach ihnen
wirft 8 ). Braucht man günstiges Wetter
zum Wäschetrocknen, so hängt man einen
R. ins Freie 9 ). Schwangere tragen ihn
bei sich gegen Behexung und zur Er-
7&7
Rosenschwamm—Rosm ari n
Roß—Roßkastanie
790
leichterung der Geburt 10 ). Wickel-
kindem legt man einen in die Windeln oder
in die Wiege, das schützt vor allem Bösen
und macht das Kind fromm u ). Auch be¬
wahrt der R. vor Alp und Wechselbalg 12 ).
Selbstverständlich dient er auch als
Heilmittel. Kranke werden mit einem
7 mal geweihten R. unter Anwendung ge¬
wisser Formeln bestrichen 13 ). Ein R., der
aus einem Grab stammt, hilft gegen
Kopfweh 14 ). Schenkt ein Mädchen ihrem
Geliebten einen R., so bekommen sie ein¬
ander immer lieber; denn der R. „bin¬
det" 15 ).
Ein verzauberter Schatz kann ge¬
hoben werden, wenn man einen R. darauf
wirft 16 ), nur muß es unbeschrieen ge¬
schehen 17 ).
x ) Thurston, the Month 1908, 518 f. 2 ) Pfan-
nenschmid Erntefeste 357; RHR. 21. 3 ) SAVk.
22,181 f. 4 )Weinhol d Frauen 1, 306. 5 ) Aleman¬
nia 17, 100. 6 ) Höhn Tod 321; Meyer Baden 587.
7 ) Urquell 1897, 94i Stoll Zauberglauben 65 t.
8 ) Wuttke 484 § 772. 9 ) Pollinger Landshut
158. 10 ) Weinhold Neunzahl 38; John West¬
böhmen 105; Meyer 1. c. 389. u ) John 1. c. 107.
12 ) Drechsler i, 188. 13 ) Hovorka-Kron-
feld 2, 114. 14 ) Schönwerth 1. c. 3, 238.
15 ) ZfVk. 11, 417. 16 ) Schramek Böhmerwald
143; Herzog Schweizersagen 195; Grohmann
215; Kühnau Sagen 3, 669. 17 ) Wuttke 412
§ 640. Schneider.
Rosenschwamm s. Schlafapfel.
Rosmarin (Rosmarinus officinalis).
1. Botanisches. Niedriger Strauch
mit lederartigen, linealen, am Rande
eingerollten Blättern und kleinen bla߬
blauen Lippenblüten. Der R. stammt
aus den Mittelmeerländern und wird bei
uns (anscheinend schon seit den ersten
nachchristlichen Jahrhunderten) häufig
in Gärten (im Winter muß er zugedeckt
werden) oder als Zimmerpflanze in Töpfen
gezogen 1 ). Er riecht stark aromatisch.
*) Marzell Kräuterbuch 174 f.; Heilpflanzen
134—140.
2. Der R. wird fast überall im deut¬
schen Sprachgebiet ähnlich wie Myrte
und Zitrone im Hochzeitskult verwen¬
det 2 ). Schon im Altertum scheint der
R. im Kult der Aphrodite Verwendung
gefunden zu haben. Wenn er von den
Brautleuten getragen wird, so mag das
ursprünglich eine apotropäische Bedeu¬
tung (stark riechende Pflanze; vgl. Dills
2, 295) gehabt haben 3 ). Die Brautleute
(manchmal auch der Brautführer oder
die Hochzeitsgäste) stecken nach der
Hochzeit den R.zweig in die Erde. Faßt
dieser Wurzeln, so wird die Ehe glücklich 4 ).
Vor der Kopulation setzt die Kranzl-
jungfrau dem Bräutigam ein R.kränzchen
auf. Beim Umlegen der Stola suchen
Brautführer und -jungfer dasselbe zu er¬
haschen. Wer es erringt, der heiratet
zuerst, wer verliert, muß zahlen 5 ). Wenn
sich die Spitzen des R.s, welchen die Trau¬
zeugen tragen, während der Trauungs¬
feierlichkeiten beugen, so gilt dies
für dessen Träger als schlechtes Sitten¬
zeugnis; als ein noch schlechteres, wenn
sie verwelken. Wenn die Braut das R.¬
kränzchen vom Scheitel des Bräutigams¬
nimmt, behält sie die Herrschaft im Hause,,
wenn er es selbst herunternimmt, dann
er 6 ). Die Braut steckt dem Bräutigam
heimlich ein R.zweiglein zwischen Hut
und Futter, damit er ihr die Treue be¬
wahrt (öflingen), in Bernau hat die
Braut ein R.zweiglein in der rechten
Schuhspitze und macht mit dieser, wenn
ihr Mann sie vom Hochzeitsmahl ins
Haus führt, vor der Haustür drei Kreuze 7 ).
Wenn während des Zusammengebens
dem Bräutigam sein R.Sträußchen lierab-
fällt, so bedeutet das eine unglückliche
Ehe 8 ). Wenn eine reine Jungfrau die
Spitze eines R.s heimlich in den Brustlatz
des Burschen einnäht, so kann er von ihr
nicht lassen 9 ). Auch in Böhmen 10 ), in
Frankreich 11 ), besonders aber in Eng¬
land 12 ) wird der R. im Liebeszauber be¬
nutzt. Übrigens galt der R. auch als
Abortivmittel 13 ).
*) Unger Der R. in Dalmatien in: Botan.
Streifzüge aus d. Gebiet d. Culturgesch. Wien
(Akad.) 9 (1867); Stein R. im Volkslied u .
Volksbrauch . In: Thüringer Monatsbl. 26-
(1918/19), 89—94: Vahldieck Zitrone
R. in der deutsch. Volkssitte. In: Heimat u. Welt
4 (1914), 91—96; Dölber Zitrone u. R.
in Hochzeitsgebräuchen. In: ARw. 21, 238—240.
3 ) Vgl. auch Meyer Baden 290. 4 ) Niederöster¬
reich: Germania 21 (1876), 415; Marzell
Bayer. Volksbotanik 65; DVköB 11, 167;
Vonbun Beiträge 130; Wuttke 237 § 338.
5 ) John Westböhmen 145. 6 ) Niederösterreich:
Germania 21 (1876), 415. 7 ) Meyer Baden 285.
8 ) Baumgarten Aus d. Heimat 1869, 95.
9 ) Posen: Wuttke 364 § 550 = Aigremont
Pflanzenwelt 1, 144. 10 ) Grohmann 117.
n ) Rolland Flore pop. 8, 192. 12 ) Dyer Plants
100. 13 ) Marzell Heilpflanzen 136.
3. In vielen Gegenden ist der R. (oft zu¬
sammen mit der Zitrone) eine „Toten¬
pflanze". Er wird in den Sarg gelegt oder
von den Teilnehmern an der Beerdigung
in den Händen oder im Mund getragen,
von den Leichenträgern angeblich des¬
halb, daß sie nicht zu sehr vom Leichen¬
geruch belästigt werden 14 ). Auch in
England 15 ), besonders aber in Italien
(„pianta funebre par eccellenza") 16 ) gilt
der R. als Totenpflanze. Wenn man von
einem R.stock ein Zweiglein einem Ver¬
storbenen mit ins Grab gibt, so verdorrt
der Stock, sobald der R. im Grab fault 17 ).
Wenn der ins zugeschüttete Grab oder in
den Garten gesteckte R. nicht wächst,
so bedeutet das einen Todesfall 18 ), über¬
haupt sagt das Verdorren des R.s einen
Todesfall im Hause voraus lö ). Man
sieht es nicht gern, daß R. für ein Begräb¬
nis gepflückt wird, weil sonst der ganze
Stock verdorrt 20 ). Das Gleiche gilt,
wenn eine Schwangere einen Zweig ab¬
bricht 21 ). Der R. stirbt ab, wenn ihn
Kranke berühren 22 ) oder wenn der Haus¬
vater stirbt 23 ). Beim Tod des Hausvaters
muß der R. „angeklopft" werden, sonst
stirbt er ab 24 ).
14 ) Höhn Tod 340. 1S ) Z. B. FL. 20, 219.
1# ) Pitrö Usi 3, 251. 17 ) Rockenpbilosophie 4
(1707), 344 = Sterzinger Aberglaube 172 =
Grimm Myth . 3, 445; Drechsler Schlesien 2,
215; Bartsch Mecklenburg 2, 93; Kummer
Volkstüml. Pflanzennamen usw. aus d. Kt.
Schaffhausen 1928, 104; Böhmen: Grohmann
92 = Wuttke 108 § 140. 18 ) Fischer Schwäb-
Wb. 5, 410; Höhn Tod 340. 19 ) Unoth 180.
*°) Kuhn Westfalen 2, 49. 21 ) Westfalen:
JbNdSpr. 3, 146. 22 ) Niederösterreich: Ger¬
mania 21 (1876), 414. 23 ) Schweizld. 6, 1445.
f4 ) JbNdSpr. 3, 150 = Sartori Westfalen 100.
4. Da der R. immergrün ist, dienen
seine Zweige auch als „Lebensrute" (s. d.)
zum „Pfeffern" 25 ). Im Kalbeschen Wer¬
der (Altmark) legen die jungen Burschen
R.stengel auf einen Teller, gießen Brannt¬
wein darüber und ziehen dann von
Haus zu Haus, wo sie den Frauen die
Füße waschen 28 ). Dieses Fußwaschen ist
wohl ein Rudiment für das Schlagen mit
dem R.zweig. Beim Kathreintanz (25.
Nov.) peitscht ein festlich gekleideter
Tänzer alle Mädchen mit einem R.stengel 27 ),
ebenso wird in der Oberpfalz mit einem
R.zweig „gepfeffert" 28 ). Deutlich ist
die Fruchtbarkeitssymbolik, wenn im
Anhaitischen nach dem Tauf schmaus eine
Schüssel mit Wasser und ein R.zweig
herumgeht, mit dem der Patenbursche
sein Mädchen und umgekehrt bestreicht 29 ).
Ab und zu dient der R. als „Barbara¬
zweig" 3 °), s. 1, 908 f.
25 ) Mannhardt 1, 254. 264!.; Heimatbilder
aus Oberfranken 3 (1915), 120 f.; vgl. Schul-
lerus Pflanzen 106. 26 ) Kuhn u. Schwartz
369, vgl. auch Geschichtsbl. f. Stadt u. Land
Magdeburg 15 (1S80), 257 f. 27 ) Egerland:
ZföVk. 14, 105 28 ) Bavaria 2, 262; Mitt. u. Umfr..
z. bayer. Vksde 1, Nr. 4, 2; Bauernfeind
Nordoberpfalz 17. 29 ) Wirth Beiträge 6/7, 12.
30 ) John Westböhmen 5.
5. Verschiedenes. An den jungen
R.stock bindet man etwas Rotes (z. B.
ein rotes Bändchen), damit er recht ge¬
deiht und nicht beschrieen wird 31 ). „In
der Christ nacht um 12 Uhr sind alle
Wasser Wein und alle Bäume Rosemarein"
heißt es im Rheinischen 32 ). Dazu wäre
der englische Glaube zu vergleichen,
daß an Weihnachten in der Mitternachts¬
stunde der R. blüht 33 ). R. und Lorbeer
vertragen sich nicht zusammen. Hat
jemand Freude an R. und auch an Lor¬
beer und pflanzt und pflegt beide zu¬
sammen, so gedeihen nicht beide, eins
davon geht zu gründe 34 ). Ein Segen
gegen die „Rose" (Erysipelas usw.) lautet:
Rosmarei und Christi Blut
Ist für diese Rose gut. f t t*
Es handelt sich hier offenbar um einen
„etymologischen" Segen (wegen des.
Gleichklangs) 35 ).
31 ) Niederösterreich: Germania 21 (1876),.
415. 32 ) Wolf Beiträge 1, 230. 83 ) FL. 5, 337;
13,174. M ) Obere Nahe: ZrwVk 2, 210. 3fi ) Sey-
farth Sachsen 118. Marzell.
Roß s. Pferd.
Roßkäfer s. Mistkäfer.
Roßkastanie (Aesculus hippocasta-
num).
1. Botanisches. Die R. wird bei uns
überall als Zierbaum angepflanzt. Ihre
Heimat ist das nördliche Griechenland.
Nach Mitteleuropa kam sie erst in der
zweiten Hälfte des 16. Jh.s 1 ). Fossel 2 )
5
T
t
\
Roßpappel—rot
rot
vermutet, daß die R. (als Tragezauber)
ein altes ehrwürdiges Element aus Rang
und Glauben verdrängt hat.
*) Marzeil Kräuterbuch 113 t. 2 ) Volksme¬
dizin 25.
2. Die R. wird als Amulett (meist in
der Hosentasche, selten als Halsband)
gegen verschiedene Krankheiten mit¬
getragen und zwar hauptsächlich gegen
Rheumatismus 3 ), Gicht 4 ), seltener gegen
Krampf 5 ), Schlagfluß 6 ), Ausschlag 7 ),
Rotlauf („Rose“) 8 ), Fieber 9 ), Schwin¬
del 10 ), Zahnschmerzen 11 ), Hämorrhoi¬
den 12 ). öfter wird vorgeschrieben, daß
die R.n in ungerader bzw. Dreizahl 13 )
mitgetragen werden müssen. Mancherorts
müssen sie in der rechten 14 ), anderwärts
wieder in der linken 15 ) Hosentasche ge¬
tragen werden. Der Aberglaube ist auch
in „gebildeten“ Kreisen weit verbreitet.
„Wenn ich“, schreibt Andree 16 ), „zu
meinem Freunde Geh. Rat N., der Pro¬
fessor an der technischen Hochschule ist,
sage: ,Zeigen Sie mir Ihre Kastanien',
dann holt er sie lächelnd aus der Hosen¬
tasche und sagt dabei: ,Es schadet ja
nichts; seit ich sie trage, habe ich nie
wieder Rheumatismus gehabt 1 “. Auch
Alfred Krupp in Essen soll bei Lebzeiten
immer drei K.n in der Tasche getragen
haben 17 ). Wenn man in der Tasche R.n
trägt, hat man Glück 18 ), oder man nimmt
beim Fallen keinen Schaden 19 ), s. Dattel
(2, 174). Ab und zu wird auch der alko¬
holische Auszug der Blüten zum Ein¬
reiben bei Gicht und Rheumatismus
verwendet 20 ). Hat sich diese Anwendung
aus dem Tragezauber entwickelt oder ist
das Umgekehrte der Fall?
3 ) Z. B. Tschirch-Festschrift 1926, 259 (Ba¬
den); Marzeil Bayer. Volksbotan. 170; Schmid
Volksmed. aus d. Kt. Glarus 1924, 61; Fogel
Pennsylvania 329; Treichel Westpreußen 2,
192; 9, 247; Wirth Beiträge 6/7, 28; Wilde
Pfalz 225; auch in anderen Ländern: S6billot
Folk-Lore 3, 411; JAmFl. 5, 20 (Nordamerika);
WissMittBosnHerc. 4, 446; ZöVk. 6, 170 (Bos¬
nien). 4 ) Z. B. Wuttke 356 § 534; Höhn
Volksheilkunde 1, 143; Urquell 4, 155 (im Ber-
gischen); Knorrn Pommern i3i;ZfVk. 7, 171
(Grafsch. Ruppin); 10, 213 (Nordthüringen),
5 ) Andrian Altaussee 136; Zingerle Tirol
1857, 15; Höhn Volksheilkunde 1, 128; auch
in Nordamerika: Bergen Animal and Plant-
Lore 99. 6 ) Lammert 225. 7 ) Leithäuser
Berg. Pflanzennamen 20. 8 ) Fossel Volksme¬
dizin 150; MnböhmExc. 20, 71. •) Fossel
Volksmedizin 127; Bergen Animal and Plant-
Lore 99. 10 ) Fossel Volksmedizin 88; ZöVk. 33,
48 (Wien); Rolland Flore pop. 3, 138 (Bel¬
gien). u ) Zahler Simmenthal 38 Anm. 4.
12 ) Drechsler Schlesien 2, 309; auch in anderen
Ländern: Pitre Med. pop. 1896, 404; S6billot
Folk-Lore 3, 4ii;Fogel Pennsylvania 275. 13 ) Z.
B. Wirth Beiträge 6/7, 28; Zahler Simmenthal
38. 14 ) z. B. Lammert 125 15 ) Jahn Hexenwe¬
sen 358. Braunschweig 420. 17 ) ZrhwVk. 10,186.
18 ) John Erzgebirge 38. lö ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 194. 20 ) Z. B. ZfVk. 7, 171; Schnei¬
der Heilmittel u. Heilbr. im Saar gebiet 1924,
44; Das Kuhländchen 9 (1927), 105.
3. Wer von R.n träumt, dem widerfährt
Unglück 21 ). Einem kleinen Kinde soll
man keine R.nkränze umhängen, sie
drücken es tot 22 ).
al ) Wilde Pfalz 215. 22 ) ZöVk. 33,48 (Wiener
Kinderglaube). Marz eil.
Roßpappel s. Malve.
Rost, rostig s. Eisen.
rot.
1. Begriff „Rot“; Terminologie. — 2. Psycho¬
logische Bedeutung des R.en. — 3. R. als Sonnen-,
Licht-, Feuersymbol. — 4. R. als Blutsymbol. —
5. Sympathetik.
1. Für die primitive, volkstümliche Auf¬
fassung ist der Begriff R. viel umfassender
als in der physiologischen Optik, die ihn
auf die etwa zinnoberrote Farbe des An¬
fangs des Spektrums beschränkt. Für
den Primitiven ist das, physiologisch be¬
trachtet, braune Fell einer „roten“ Kuh,
eines „roten“ Hundes, das Haar eines
rothaarigen Menschen ebenso r. wie etwa
Blut, Sonnenstrahlen oder Gold. Unter
diesem Gesichtspunkt ist auch der im
Mittelalter von anderen Fäibemitteln
(Scharlach, Indigo u. a.) verdrängte Saft
der Trompeten- (xr^pu?, bucinum, murex)
und Purpurschnecke (7rop9upa, purpura,
pelagia), der zur Purpurfärbung benutzt
wurde, schlechthin als r. zu bezeichnen x ).
Der indogermanische Ausdruck für die
r.e Farbe liegt in der Reihe scr. rudhira-,
röhita-, aw. raoidita-, tochar. B. ratrem,
griech. epuöpö?, lat. ruber, rufus (rutilus,
russus), got. raups, ir. ruad, altsl. rüdru,
lit. raudönas. Es ist der verbreitetste
Farbenname der indogermanischen Spra¬
chen.
Die Einzelsprachen haben neue Wörter
für r. aus solchen für „hell“ gebildet.
So gemeinkelt. *dergo-s, ir. derc „rot“:
alts. torht, ahd. zoraht „hell“; aw. suyra-,
npers. sury „rot“: scr. £ukrä- „klar,
licht, hell“.
Das russ. krasnyj „rot“ gehört zu altsl.
krasa „Schönheit“, wie überhaupt r.
überall die schöne Farbe schlechthin ist 2 ).
Das Adj. Ttop^üpeoc kennt als Farben¬
bezeichnung schon die homerische Sprache,
während das Subst. Tropcpupoe „Purpur¬
farbe“, „purpurfarbige Stoffe“ erst bei
Aischylos, iropcpupa „Purpurschnecke“ erst
bei Aristoteles belegt ist. Das griechische
Wort ist vielleicht semitischen Ursprungs.
Durch die Milesier, die schon im 7. Jh.
v. Chr. in Tarent Färbereien anlegten,
kam mit dem Farbstoff auch die grie¬
chische Bezeichnung (nopcpupa) nach Ita¬
lien und wurde früh als purpura (Liv.
Andronicus, Plautus) ins Lateinische über¬
nommen, von wo es dann in einige kel¬
tische und germanische Sprachen überging,
z. B. got. paürpura, paürpurops 3 ).
Für die verschiedenen Nuancen des R.
hat das Nhd. folgende Bezeichnungen:
antik-, blaß-, blut-, blutig-, bordeaux-,
brand-, brennend-, braun-, burgunder-,
kardinal-, karmoisin-, chrom-, cyclamen-,
dunkel-, düster-, englisch-, erdbeer (fraise)-,
fahl-, feuer-, flammend-, fleisch-, fuchs-,
garibaldi-, glühend-, glut-, granat-, hek¬
tisch-, hell-, himbeeren-, hoch-, husten-,
hyazinth-, karmin-, kirsch-, knall-, ko¬
rallen-, krapp-, krebs-, kupfer-, lachs¬
farben-, leuchtend-, licht-, maccarat-,
matt-, mennig-, nelken-, orange-, pä-
onien-, pfirsich-, postillons-, purpur-, pu-
ter-, rosa- oder rosen-, rosinen-, rost-,
rubin-, schäm-, Scharlach-, schreiend-,
tief-, tulpen-, türkisch-, wein-, wein-
hefen-, ziegel-, zinnoberrot 4 ).
*) Eva Wunderlich Die Bedeutung der
roten Farbe im Kultus der Griechen u. Römer,
RW. 20 (1925), 2. 2 ) Schräder Reallexikon 2 2,
269. 3 ) Ebd. 2, 207 f. 4 ) Urquell N. F. 1 (1897),
248.
2. In den meisten Fällen, in denen die
r.e Farbe im Kultus oder im Volksbrauch
auftritt, läßt sich ihre Verwendung auf
Magie zurückführen (s. bes. § 4). Indes
genügt eine solche Erklärung nicht immer.
Wenn in der Tracht des Kriegers im
Altertum die r.e Farbe eine große Bedeu¬
tung hatte, so scheint man damit eine
psychische Wirkung beabsichtigt zu haben:
’ApiatoTsXTjc ös <p7jatv £v xi] AaxeöaipovtW
iroXiT&ta ypridüat AaxsÖattxovtouc ©otvtxi'Öt
(r.es Oberkleid oder als Obergewand
getragenes Tuch, Poll. 4, 19) irpöc touc
ttoÄejnou?, touto jisv Sti to xffi ypöas
xöv, touto 8e oti to tou yptujxaToc aijAaTcoSs;
tt,* tou cujiaTo? pös&coc iÖt'Cet XOtTOKppOVSlV
(Aristot. fr. 542 Rose = Schol. Aristoph.
Ach. 320) 5 ). „Nicht ohne Grund nennt
die moderne Wissenschaft das R. die
aktivste und energischste Farbe, den
Kulminationspunkt der Farbenskala. Es
ist eine in der experimentellen Pyschologie
anerkannte Tatsache, daß der Einfluß
der r.en Farbe auf den Beschauer auf¬
regend, erwärmend und belebend ist,
und zwar umso erregender, je mehr in
der Nuance des Scharlachr.“ 6 ). Diese
ihnen aus der praktischen Erfahrung
bekannte psychische Wirkung benutzten
wahrscheinlich die Alten und benutzen
heute noch primitive Völker, um den
Mut der Krieger im Kampf (Nahkampf!)
aufzureizen 7 ). Ein Überrest dieses
Brauches ist es vielleicht auch, daß heute
noch bei fast allen Heeren der Welt Trom¬
peten und Signalhörner r. umwickelt sind 8 ).
In Rom entwickelte sich aus der Tracht
der Krieger die der höheren Beamten, die
praetexta, welche schon in der Königszeit
im Frieden das Ganzpurpurgewand ver¬
drängt hatte (Plin. n. h. 9, 36) 9 ). Auf
diesem praktisch-psychologischen Weg
wurde R. auch zur Farbe der Revolution.
Zum Freiheitssymbol wurde es erst im
Jahre 1792, als der bonnet rouge nach
Befreiung der Galeerensträflinge durch
die Jakobiner zum Abzeichen revolutio¬
närer Gesinnung gemacht und darauf
von einem revolutionären Comit£ eine
r.e Fahne mit einer zum Rachekampf
aufrufenden Inschrift hergestellt wurde 10 ).
Folgerichtig ist die r.e Farbe in vielen
Fällen Ausdruck psychischer Erregung
besonders bei fröhlichen Anlässen, und
dieses Moment ist vielleicht die Ursache
daß sich, unbeschadet des magischen
(apotropäischen) Ursprungs (s. § 4), die
r.e Farbe im Hochzeitsbrauch vielfach
• I -
795
bis heute erhalten hat. Wenn nach Si-
monides (Plut. Thes. 17) Theseus seinem
Vater verspricht, bei glücklicher Rück¬
kehr eine r.e Fahne zu hissen, so ist das
„ein klassisches Beispiel für den Aus¬
druck freudiger Erregung mittels der
r.en Farbe“ n ). Auch für die Aufnahme
des R. unter die liturgischen Farben der
röm.-katholischen Kirche waren u. a.
psychologische Erwägungen maßgebend:
„R. mit seinem kräftigen, freudigen Aus¬
druck, welches vor anderen Farben das
Auge beherrschend auf sich zieht, ist
zugleich die Farbe der siegenden Kraft“ 12 ).
Die alle anderen Farben übertreffende
Leuchtkraft des R. machte es nicht nur
zur Farbe des in der Kaiserzeit im Kaiser¬
purpur aufgehenden, weithin sichtbaren
Feldherrnmantels, sondern auch zu der
von Fahnen und Bannern aller Art vom
Altertum bis in die Neuzeit (vgl. z. B.
die vexilla der röm. Reiterei, das labarum
Constantins u. a.). So heißt es im Nibe¬
lungenlied (Str. 1535): „er bant ouch
zeime schäfte ein Zeichen, daz was rot“,
und in Kirchhofs WendUnmuth (16. Jh.):
„on ein rot marggreflich Feldzeichen“
(1, 126) 13 ).
Nicht nur bei den Völkern des abend¬
ländischen Kulturkreises, bei denen man
das zähe Festhalten der Feldherrn und
besonders der Kaiser als Ursache an¬
nehmen kann, sondern auch bei primi¬
tiven Völkern Afrikas gilt die r.e Farbe
(Purpur) als Zeichen von Ernst, Würde,
Stolz und königlicher Macht. Diese Wir¬
kung war neben der Kostbarkeit des
Farbstoffes offenbar schon früh der An¬
laß, daß Herrscher aller Art das Tragen
purpurner Gewänder sich vorbehielten
und über dieses Vorrecht eifersüchtig
wachten. Noch heute sind die hohen
Würdenträger der katholischen Kirche
in Purpur (Kardinäle) und das ihm zu¬
nächst liegende Violett (Bischöfe, Prä¬
laten) gekleidet 14 ).
Auch im Kultus versuchten die ver¬
schiedensten Völker durch Verwendung
•des Purpurs eine der Gottheit angemessene
Pracht zu erzielen. Hierhin gehören die
Purpurdecken des Jahwetempels (Exod.
-26, 1.4.31.36), die purpurnen Decken
/
rot
für die Sitze der Götter in Eleusis (Dei-
narch. b. Poll. 7, 69), die Purpurkleider
der Teilnehmer an der Eumenidenpro-
zession (Aischyl. Eum. 1028 Wilam.),
das tfiattov Trop^up^öv ^pu-rorotxtXov der
Dionysosstatue in der ~r t des An-
tiochos Epiphanes (Athen. 5, 194 ff.),
die purpurne Tunika des Juppiter Capi-
tolinus. Auf diesem Weg heftete sich
schließlich an die Purpurfarbe der Be¬
griff des Heiligen und Göttlichen, so daß
sich z. B. Jojakim, der König von Juda,
den Vorwurf der Vermessenheit zuzog
wegen der r.en Bemalung und der in r.em
Zedernholz ausgeführten Täfelung seines
Hauses (Jerem. 22, 14) 15 ).
Eine Kulthandlung war in erster Linie
auch der römische Triumphzug, bei dem
die r.e Farbe (ursprünglich als Apotro-
päum, s. § 4) für die Person des Tri¬
umphators besonders eine große Rolle
spielte. Schon früh aber vergaß wohl
der prachtliebende Südländer den ma¬
gischen Sinn der r.en Siegerkleidung und
sah in ihr nur noch Ehrung und Sieges¬
zeichen. So entwickelte sich schließlich
das R. zum Abzeichen für Sieger in Kämp¬
fen und Agonen aller Art. Vergii läßt einen
Sieger im Wettrudem mit der Purpur¬
binde ausgezeichnet werden (Aen. 5,
268 f.). R.gekleidete Jungfrauen über¬
reichten deutschen Siegern in Pferde¬
rennen oder siegreichen Athleten den Eh¬
renpreis. Vielleicht gehört auch der r.e
Doktorhut, mit dem die Examinanden
nach der Promotion ausgezeichnet wur¬
den, in diese Reihe 16 ).
Schließlich hat nicht zum wenigsten ihr
rein ästhetischer Reiz zur Verwendung der
r.en Farbe viel beitragen. In manchen
Sprachen sind „rot“ und „schön“ iden¬
tische Begriffe. Das russische krassnyj
bedeutet sowohl „rot“ wie „schön“, das
Arabische bildet von einer gemein¬
samen Wurzel adäm = „schön“, ädam =
„rot“ und adama = „gefallen“ 17 ). Wenn
Quintilian (inst. or. 11, 1. 31 sagt: Sicut
vestibus non purpura coccoque fulgenti-
bus illa aetas (sc. senectus) apta sit, und
in Georgien ein Segenswunsch lautet:
„möge Gott dich r. altem lassen“, so
zeigt das, daß „dieser Schönheitsemp-
rot
Endung des primitiven Menschen eine
Ideeassoziation von Jugend (r.) und
Schönheit zugrunde“ liegt 18 ). Auch in
der im Altertum wie in der Neuzeit weit¬
verbreiteten Sitte, Körper oder Gesicht
r. zu bemalen — die Mädchen und Frauen
■der Hottentotten schminken ihr Gesicht
t., die meisten Stämme des ägyptischen
Sudans bemalen sich täglich mit r.er
Farbe, ja die Ba-Mbala in Südafrika,
welche diese Prozedur zwei bis drei¬
mal täglich wiederholen, heißen daher
r.es Volk lö ) — wird man ein Schönheits¬
mittel zu erblicken haben, dessen Ur¬
sprung allerdings in manchen Fällen in
der Magie zu suchen sein wird 20 ).
Auch die r.e Kleidung läßt sich viel¬
fach mit ästhetischen Bedürfnissen er¬
klären. So war z. B. im alten Rom Pur¬
pur die von Modenarren und Gecken be¬
vorzugte Farbe (luv. 1, 27; Schol. luv.
4, 188; 12, 39. Quint, inst. or. 8, 4. 25) 21 ).
In Westfalen war schon im 15. Jh. die r.e
Farbe für den Kleiderrock der Frauen
sehr beliebt. Altbekannt ist der r.e
„Duffert“ der Mindener und Bücke¬
burger Frauen 22 ). Im Egerland ist ein
r.es Abzeichen an der Kleidung Zeichen
der Jungfräulichkeit. Deshalb hat ein
Mädchen, das seine Unschuld verloren hat,
kein Recht auf das r.e Nest, das Zeichen
der Jungfrauschaft, der Jüngling, der sie
verführt hat, darf wie der Verheiratete
kein r.es Band um den Hut tragen 23 ).
Umgekehrt mußte in Lubenz (Bez. Lu-
ditz) früher ein Mädchen mit einem un¬
ehelichen Kind mit einem r.en Kopftuch
bekleidet vor der Kirchentür stehen blei¬
ben 24 ). Im Saarland war die Kappe der
verheirateten Frauen mit rosenfarbenen
oder auch mit weißen Bändern versehen 25 ).
Strümpfe mit r.en Zwickeln sind sla-
visch 26 ).
5 ) Wunderlich Rot 73 ff. 8 ) Ebd. 78 nach
E. Utitz Grundzüge d. ästhet. Farbenlehre
(Stuttg. 1908) 18. 7 ) Wunderlich Rot 73 ff. 78;
ZfVk. 23 (1913), 251. 256. 8 ) Vgl. C. Sachs
Musik u. Magie, Gartenlaube 41 (1926), 809.
•) Wunderlich Rot 74. 10 ) Ebd. 78 f.; die
Ausführungen von Storfer Jung fr. Mutter¬
schaft 157 sind undiskutabel. 11 ) Wunderlich
Rot 79; John Westböhmen 88; Strackerjan
2, 114; ZfVk. 23 (1913)» 253. 12 ) A. Schott
Das Meßbuch der hl.Kirche 21 XVII, zitiert bei
Wunderlich Rot 79 f. 13 ) Wunderlich Rot
81. 14 ) Ebd. 82; Schurtz Tracht 86 ff.; ZfVk.
23 (1913), 261. 15 ) Wunderlich Rot 82 ff.
16 ) Ebd. 84«.; Grimm DWb. s. v. „rot";
Wuttke Sachs. Volksk. 2 309 ff. 17 ) Th. Ziehen
Vorlesungen über Ästhetik 1 (1923), 167 ff.,
zitiert bei Wunderlich Rot 90; ZfVk. 23 (1913),
253. 18 ) Wunderlich Rot 90. 19 ) ZfVk. 23
(1913), 253b 20 ) Wunderlich Rot 90 f. 21 ) Ebd.
91. 22 ) Sartori Westfalen 35. 23 ) Meyer
Baden 523; Grüner Egerland 43. 24 ) John
Westböhmen 114. 25 ) Fox Saarland 97. 26 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 21.
3. a) R. ist das Sinnbild des Lichts
und des Feuers, des Blitzes und der
Gestirne 27 ). Die Sonne, deren Licht alle
Lebensfülle enthält, ist r. Nach dem Rig-
Veda sind die Flügelrösse der Sonnen-
und Mondgottheit r. Die Bakairi halten
die Sonne für einen großen Ball aus r.en
Federn. Plinius (n. h. 2, 29) erwähnt
einen r.en, die Sonne ringsumschließenden
Kreis 28 ). Den Angelsachsen erschien die
Sonne früh und abends so r., weil sie dort
nicht weiß, ob sie ihren Lauf vollbringen
wird, hier aber, weil sie in die Hölle
schaut. In der Oberpfalz meint man,
die Sonne, welche den Mond liebe, be¬
nutze die Zeit zur Aussöhnung mit
ihm nicht und mache sich früh blutr.
vor Zorn auf den Weg; stets sei sie heiß
vor Liebeszom; wenn sie auf ihrem ein¬
samen Weg ihr Unrecht einsehe, weine
sie blutige Tränen und gehe blutr. un¬
ter 29 ). Umgekehrt kann das R. auch
Symbol der versengenden Sonnenglut
sein. So opferte man in Rom dem Hunds¬
stern, der dem Getreide den sog. Sonnen¬
brand schickt, beim augurium canarium
r.e Hunde (Festus 358, 27 Lindsay).
Auch dem Osiris als altem Lichtgott
wurden r.e Opfer dargebracht (vgl. Plut.
Is. et Osir. 372 A) 30 ). R. ist auch die
Farbe des Mondes. R. ist in den Veden
Soma, der Mondgott und Röhini, eine
Mondgottheit, die Gattin des Röhito,
auch die übrigen Liehtgottheiten werden
im Rig-Veda r. genannt. In den Sagen und
Legenden der alten Mexikaner ist der
Vollmond „wie ein großer Mühlstein,
sehr rund und sehr r.“ 31 ).
Wo Lichtgottheiten verehrt werden,
trägt nicht nur das Opfer, sondern auch
der Priester in seiner Kleidung die Farbe
799
rot
rot
802
800
dieser Gottheit zur Schau. In der Be¬
schreibung einer persischen Prozession
zu Ehren des Sonnengottes heißt es bei
Curtius Rufus 3, 3. 8ff. von den Priestern,
sie seien puniceis amiculis velati gewesen,
und nach Xenophon Cyrop. 8, 3.12 zogen
r. bedeckte Pferde den weißen Sonnen¬
wagen 32 ). Einen Überrest derartiger
Sonnensymbolik birgt vielleicht noch die
Farbensymbolik der katholischen Kirche:
„R., die Farbe... des Feuers, versinn¬
bildlicht die ... heilige Liebesglut" 33 ).
Von den Kulten der Naturvölker ist be¬
sonders charakteristisch der Marsdienst
der Harran, bei dem ein r.gekleideter
Priester dem r.en Planeten einen r.haari-
gen, r.backigen Mann in einem r.ausge-
malten und r.ausgeschlagenen Tempel
opfert 34 ).
Das Feuer gilt dem primitiven Men- I
sehen wie das Wasser als belebtes Wesen.
Weit verbreitet ist der Vergleich mit einem
von Haus zu Haus fliegenden r.en Hahn;
daher auch die Redensart „einem den r.en
Hahn aufs Dach setzen" 35 ). Um die
Springwurzel zu bekommen, muß man
unter dem Baum, in dem ein Schwarz¬
specht nistet, ein rotes Tuch ausbreiten
oder ein Feuer anmachen (!); wenn dann
der Vogel mit der Wurzel im Schnabel
herbeifliegt und das Tuch sieht, erschrickt
er und läßt die Wurzel fallen 36 ). Als
Feuergott wird Loki-Surtr natürlich
mit r.em Haar gedacht 37 ).
Rothaarig ist auch der Gewittergott
Donar. Wenn er in seinen r.ten Bart
bläst, entsteht der Blitz 38 ). Schlägt man
den wetterzaubrischen Feuerstein der
Bäarmagns-Saga an der r.en Ecke, so
entsteht ein Gewitter 39 ). Daher gelten
r.farbige Tiere für heilige Tiere des Donar
und Sinnbilder des Blitzes (Feuers): so
Rotkehlchen, Rotschwänzchen, Gimpel,
Stieglitz,verschiedeneSpechtarten,Marien-
käfer, ferner Katze (Haus- und Wild¬
katze — Wetteraas, Donnerkatze), Fuchs
und Eichhörnchen (Farbe + Schnellig¬
keit 40 )). „Aus Reiben des Holzes ent¬
springt ein Eichhörnchen, des Spans ein
Marder". Im Harz sucht man daher beim
Entzünden des Osterfeuers Eichhörnchen
zu erhaschen 41 ).
Daher rührt der Glaube, daß r.e Tiere „
Pflanzen und Gegenstände den Blitz an-
ziehen. Wo ein Rotschwänzchen nistet,
schlägt das Wetter ein (Ansbach) 42 ). R.-
blühende Pflanzen wie Klatschmohn,
Pechnelke, Bachnelkenwurz, Tausend¬
güldenkraut 43 ), Kornrade 44 ) ziehen den
Blitz an. Wer eine Alpenrose während
eines Gewitters bei sich trägt, wird vom
Blitz erschlagen 45 ). Wer sich die dem
Gott heilige Farbe anmaßt, den trifft die
Strafe. In einem Heubacher Protokoll
von 1649 erklärt ein Mann, er habe oft in
der Nacht „das böse Weh" gehabt; die
Leute behaupteten, das komme daher,
weil er ein r.es Wams trage 46 ). In
Ostpreußen glaubt man, die Braut dürfe
an ihrer Kleidung nichts R.es haben,,
sonst breche Feuer aus 47 ). Vielleicht ge¬
hört hierin auch der Glaube, Eier,
die am Gründonnerstag gelegt wurden,
dürften nicht r. gefärbt und nur von
Männern im Freien am Ostersonntag nach
der Kirche gegessen werden 48 ).
Umgekehrt gelten gerade r.e Tiere,
Pflanzen und Gegenstände als Schutz,
gegen Wetter und Blitzschlag. Man soll
kein Rotkehlchennest ausnehmen, sonst
gibt die Kuh r.e Milch oder das Wetter
schlägt ins Haus 49 ). Auch Storch, Feuer¬
schwalbe und Rotschwänzchen schützen
das Haus 50 ). Ebenso sieht man es gern,
wenn eine r.e Katze im Haus ist 61 ).
Als blitzabwehrend gilt die rosablühende
Hauswurz, deren Anpflanzung schon das
Kapitulare Karls d. Großen vom Jahre
812 empfiehlt. In der Lausitz streut man
bei Gewitter Tausendgüldenkraut auf
den Herd, damit der Rauch das Unwetter
vertreibe 52 ). Wer Oahaggen (r.blühen¬
de Pedicularis) bei sich trägt, den trifft
der Blitz nicht 53 ).
In Verbindung mit einem Fruchtbar¬
keitszauber, wobei das Ei (s. d.) als Sinn¬
bild der sich stets verjüngenden Natur
aufzufassen ist, die r.e Farbe aber zur
Kraftsteigerung dient M ), tritt das bei
den georgischen Kaukasiern heute noch,
früher auch in Deutschland ausschließlich
r. gefärbte Osterei (Gründonnerstags-,
Antlaßei) 55 ) im Wetterzaüber auf. In
Oberbayern gräbt man am Ostertag in den
Ecken des Feldes Palmkreuzchen und
Schalen gewisser Eier, in der Mitte des
Feldes aber ein ganzes, r. bemaltes Hüh¬
nerei zum Schutz gegen Hagelschlag und
Brand ein 56 ). In vielen Orten Nieder¬
bayerns und Mittelfrankens legt man in die
erste Garbe ein r.es Gründonnerstagsei,
Brot, Salz und geweihte Kräuter (Segen,
Fruchtbarkeits- und Wetterzauber, Ernte¬
opfer?) 57 ). Ein Karfreitags gebrannter
keilförmiger „Holzzweck", der in den
Acker geschlagen und neben dem ein r.es
Ei eingegraben wird, schützen Haus und
Flur gegen Unwetter 58 ). Denselben Zweck
erfüllen r.e Korallen, die man in den
Acker gräbt 59 ).
Ackert man im Frühling das Feld mit
r.en Zwillingsochsen, so kann der Hagel
der Frucht nicht schaden In Josbach
befestigt man bei der Heuernte einen
Strauß mit einem r.en Band an den Stamm
einer alten Eiche oder Birke 61 ). Am Him¬
melsfahrtstag werden in Schwaben Kränze
von weißen und r.en Mausöhrlein über dem
Vieh aafgehängt, damit der Blitz nicht
in den Stall schlage 62 ). In Masuren ge¬
loben die Mädchen bei Krankheit, Hagel¬
schlag und anderer Not, sich der r.en
Farbe zu enthalten
b) Die r.e Farbe ist auch ein Attribut
des wilden Jägers (Wodans). Einem
Bauern, den ein Graf mit Hilfe des Büt¬
tels an den Bettelstab brachte, erschien
ein Jägersmann: seine Augen blitzten,
sein Bart war r. 64 ). R. ist bisweilen die
Kleidung des wilden Jägers 65 ), ein r.er
oder zwei r.e und ein weißer Hund be¬
gleiten ihn 66 ).
Mit der Einführung und Verbreitung
des Christentums verschmelzen sich die
beiden Gestalten des Wodan und des Do¬
nar zu der des Teufels, der deshalb auch
die r.e Farbe erbt. R. ist sein Bart 67 ),
darum heißt es im Sprichwort: rooden
baert, duivelsaerd 68 ). Er trägt einen r.en
Rock 69 ) und eine r.e Mütze 70 ). In Bu-
dissin bei Bautzen wurde 1602 ein Weib
hingerichtet, weil sie den Teufel, der sie
zaubern gelehrt, in Gestalt eines Rot¬
kehlchens (!) ans Wasser gebannt hatte 71 ).
Ein r.er Hahn gilt als Teufelsspuk 72 ). Der
Klatschmohn heißt bald „Höllenblume"
Bächtold»Stäubli, Aberglaube VII.
(bouquet d'enfer), bald „Teufelsblume"
(bouquet du diable), bald „Höllen¬
feuer" (feu d’enfer) 73 ). Mit r.er Tinte
oder mit Blut (Lebensstoff) schließt man
Verträge mit dem Teufel ab 74 ). Durch den
Schreibstoff, der übrigens auch bei Ver¬
trägen zwischen Mensch und Mensch ver¬
wendet wurde, stellt ein solches Schrift¬
stück eine besonders starke Bindung
dar 75 ). Dieselbe Bedeutung hat wohl
auch der r.e Faden, den Menschen, die
sich dem Teufel verschreiben, von diesem
erhalten, um ihn auf bloßem Leib zu
tragen 76 ).
Naturgemäß spielt demnach auch im
Hexenwahn das R. eine große Rolle.
R.e oder r. umränderte Augen verraten
eine Hexe 77 ), ebenso r.e Haare 78 ). Schon
wenn ein Weib r.e Strümpfe trug, wurde
es für eine Hexe gehalten 79 ). Verdächtig
war sicher die Magd, die keine r.e Farbe
sehen konnte, ohne in Ohnmacht zu fal¬
len ®°). Wer sich sträubte, (r.-braunen)
Koriander zu essen, von dem glaubte
man, er sei ein Hexenmeister oder eine
Hexe (Westpreußen) 81 ). R.e Katzen
galten als Hexentiere 82 ). Eine als Hexe
bekannte Frau wurde von einem Drachen
in Gestalt einer flügellosen, r.en Schlange,
die dem Haus zuflog, besucht 83 ).
Von hier aus fällt auch Licht auf den
weitverbreiteten Volksglauben, r.haa-
rigen (s. Haar) Leuten sei nicht zu
trauen, denn sie seien falsch und bös:
Rauds Hauar und Jarhulz wachsn af
koin goudn Buadn 84 ); unter r.em
Bart steckt ke gute Art 85 ); Erlenholz
und r.es Haar ist auf gutem Grunde
rar 86 ). R. haarige Leute sind von
Gott gezeichnet, wobei man vielfach auch
an Judas Ischariot denkt 87 ). Schon im
„Ruodlieb" (um 1000) heißt es: Non tibi
sit rufus umquam specialis amicus, und
in der Chronik des Dietmar von Merse¬
burg (517) •' Bolizlavus, Boemicorum
provisor, cognomento Rufus et impietatis
auctor immensae. Von Fulco, dem König
von Jerusalem, schreibt Wilhelm von
Tyrus (Ende d. 12. Jh.): Erat autem idem
Fulco vir rufus — fidelis, manifestus et
contra leges iflius coloris affabilis, be-
nignus et misericors. Schließlich behaup-
26
803
tet ein Gedicht vom Bunde Gerberts mit
dem Teufel: Rufus est, tune perfidus 88 ).
Der Glaube von der moralischen Minder¬
wertigkeit der R.haarigen findet sich
schon im Altertum: Ot
avctcpspsTai btu tout XeovTot;* ot Trupp ot ofyav
TT^voup^ot, ava'fEpsrat btt! ras aXtuTtsxac,
ofe TO yp&JJLOt dpt)»lpOV, O^BtT XtX. (Ps. Ari-
stot. Physiogn. 67); avaiaytiviov 6 k avopa
O’JTW yOT} TTB'p'JXBV'U . Tiuppoc TT)V
ypotav (Script, physiogn. Graeci et Latini 1
( i8 93 ), 394 Förster); to potaT av!)oc
oux ctyaUou dv8poc to o/jjxstov d>; ett» 7 tXbi-
gtov fetp auTtov xd iart {Irjouüdr)
(Ebd. 1, 74) 89 ). R.e Hunde und r.e Hähne
gelten als besonders bösartig. Nach deut¬
schem Volksglauben steckt in einem r.en
Schrein eine Hexe °°) „An änn Fuchse is
kei gut haar“, sagte eine Thüringerin
beim Anblick eines r.scheckigen Schwei¬
nes 91 ).
Auch für Dämonen, Geister und Ge¬
spenster ist die r.e Farbe charakteristisch.
Die Pestfrau ist r. gekleidet 92 ). Nach
dem Glauben der Bulgaren im Küsten-
diler Bezirk sind die Krankheiten Frauen
mit r.braunem Kopfhaar, die von Dorf
zu Dorf ziehen und mit ihren Pfeilen nach
Menschen und Tieren schießen. R.-
bärtige Leute sind vor den Pfeilen der
Vilen sicher, denn r.haarigen Menschen
zeigen sie sich nie 93 ). Etwas R.es am
Anzug ist ein besonderes Zeichen des
Wassermanns 94 ). Der Nickelmann hat
brandr.e Haare 95 ). Nixen locken als r.e
Tücher die Mädchen ins Wasser 96 ). Bei
Wohin wurde am 26. 1. 1627 ein „schloh¬
weißer Hecht mit r.en Augen und r.en
Fittichen“ gefangen 97 ). Gespenstische
schwarze Männer verwandeln sich in r.e
Hirsche 98 ). Der dräk zeigt sich als r.er
Streifen am Himmel").
Eine besondere Rolle spielt die r.e
Farbe in Schatzgräbersagen 10 °).
Eine r.e Kopfbedeckung (Hut, Mütze,
Kappe) tragen der Tod 101 ), der Ratten¬
fänger von Hameln 102 ), Luftelben 103 ),
Zwerge 104 ), Spukgeister 105 ), Wasser¬
geister 106 ), Hausgeister und Heinzel¬
männchen 107 ). Andere sind mit r.en
Bändern geschmückt 108 ), wieder andere
sind an ihrem r.en Mantel oder Rock 109 ),
rot 804
an r.en Hosen 110 ) oder Strümpfen 111 )
kenntlich.
27 ) Seligmann Blick 2, 247 t.; Wunderlich
Rot 99 f.; ZfVk. 9 {1899), 166 f. 28 ) Wunder¬
lich Rot 100. 29 ) Schönwerth Oberpfalz 2.
53 - 58 f- 30 ) Bachofen Gräber Symbolik 295. 385;
Wunderlich Rot 98 ff. 31 ) Siecke Götterattri¬
bute 126; Wunderlich Rot 100. 32 ) Ebd. 96.
33 ) Schott Meßbuch der Kirche 21 XVII bei Wun¬
derlich Rot 91; vgl. Gihr Meßopfer 254 ff.
34 ) Wunderlich Rot 97 nach Frazer Golden
Bough 5, 1, 261 f. 35 ) Grimm Myth. 1, 500;
Strackerjan 2, 115. 36 ) Kuhn u. Schwartz
459 Nr. 444; Lütolf Sagen 520 Nr. 480;
Strackerjan 2, 115. 37 ) Durmayer Reste
22 f.; Simrock Mythologie 2 (1864) 129. 38 )
Friedberg Bußbücher 74; Grimm Myth.
1, 14 t.; 3, 65; Mannhardt Germ. Mythen 125;
Schönwerth Oberpfalz 2, 142; Wolf Beiträge
1, 64. 39 ) Laistner Nebelsagen 295 f., vgl. 44.
231. 40 ) Lessiak Gicht 149; Meyer Germ.
Myth. 104. 209; Vonbun Beiträge 116. 41 )
Grimm Myth. 3, 318; Jahn Opfer gebrauche
136; Lessiak Gicht 149. 42 ) Grimm Myth. 3,
459 - 43 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 133. «) Mar-
zell Kräuterbuch 367 f. 45 ) Ebd. 503. 46 ) Wolf
Beiträge 1, 64. 47 ) Wuttke 370 § 561. 48 ) John
Westböhmen 61. 49 ) BIPommVk. 5, 31; Curtze
Waldeck 407 Nr. 183; Grimm Myth. 3, 456
Nr. 629; Schmitt Hetlingen 16; Schönwerth
Oberpfalz 2, 87. 60 ) Schön werth Oberpfalz 2,
21. bl ) Pollinger Landshut 151. 52 ) Marzeli
Bayer. Volksbot. 136; Heilpflanzen 131; Kräuter -
buch 165. 53 ) Zingerle Tirol 109 Nr. 937.
64 ) Mannhardt 1, 158; Wunderlich Rot i6f.
5Ö ) ARw. 22 (1923/4). 357 6ß ) Jahn Opfer¬
gebräuche 78. 271; Leoprechting Lech¬
rain 175; Panzer Beitrag 2, 212. 354;
Wunderlich Rot 17. 57 ) Jahn Opfergebräuche
158. 68 ) Meyer Germ. Myth. 214. 5Ö ) Heyl
Tirol 795. 60 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 131
Nr. 5. 61 ) Jahn Opfergebräuche 207. 62 ) Meyer
Germ. Myth. 216. ® 3 ) Wuttke 289 § 424.
64 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 31. 65 ) ZfVk. 23
(1913)* 262. 66 ) Meiche Sagen 411; Gredt
Luxemburg Nr. 292. 67 ) Schön werth Ober¬
pfalz 3, 86. 95 f.; Soldan-Heppe 2, 107.
68 ) Wolf Beiträge 1,64. 69 ) (Fischer) Aberglaube
2; Harrys Niedersachsen 2, 37; Lewalter-
Schläger 209 Anm.; Meiche Sagen 778;
Schönwerth Oberpfalz 3, 49. 70 ) Strackerjan
2,115. 71 ) Meiche Sagen 493. 72 ) Haas Pomm.
Sagen 65; Ranke Sagen 266; Strackerjan
2, 115. 73 ) Schröf 1 Die Ausdrücke für den Mohn
im Galloromanischen 59. 74 ) Haas Pomm. Sagen
67; Meiche Sagen 216. 478; Tharsander 2,
516. 75 ) Wunderlich Rot 69 f. 76 ) Meiche
Sagen 5*8; Tharsander 449 - 77 ) Curtze
Waldeck 387 Nr. 95; (Fischer) Aberglaube 117;
Fox Saarland 277; Grabinski Sagen 38;
Gredt Luxemburg Nr. 210; Lütolf Sagen 226
Nr. 159c; Meiche Sagen 490; Schönwerth
Oberpfalz i, 366; 3, 173; Spieß Obererzgebirge
29; Tharsander 2, 600. 603. 78 ) Kühnau
805
rot
806
Brot 14 ff.; Spieß Obererzgebirge 29. 79 ) Zin¬
gerle Tirol 60 Nr. 515. 80 ) Tharsander
з . 7 J 5 - 81 ) Marzeli Kräuterbuch 199. 82 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 360. 83 ) Ebd. 1, 395. M ) Ebd.
2, 142. 85 ) Zingerle Tirol 27 Nr. 168; vgl.
Schönwerth Oberpfalz 2, 142. 86 ) Marzeli
Kräuterbuch 90; vgl. Anhorn Magiologia 227 f.;
Baumgarten Aus der Heimat 3, 91; Bergen
Superstitions 34; Durmayer Reste 22 f.; Fogel
Pennsylvania 83. 104; Fox Saarland 261 f.;
Grimm DWb. 8, 1296; Kuhn u. Schwartz
459 Nr. 435; Schönwerth Oberpfalz 3, 246!.;
1, 146!.; Wolf Beiträge 1, 64; Wunderlich
Rot 68; Zingerle Tirol 27 Nr. 169; 29^.185.
Ä7 ) Zingerle Tirol 28 Nr. 170; Wunderlich
Rot 68. 8S ) Wunderlich Rot 68 nach Wacker¬
nagel Kl. Sehr, i, 172 ff. 89 ) Zitiert bei Wun¬
derlich Rot 66 f. 90 ) Schönwerth Oberpfalz
1, 348; ZfVk. 23 (1913). 262. 91 ) ZfVk. 5 (1895),
98. 92 ) Grimm Myth. 2, 994. 93 ) Krauß
Relig. Brauch 40. 71. 95. 102. 94 ) Kühnau
Sagen 2, 288; Meiche Sagen 392. 95 ) Kuhn
и. Schwartz 174 Nr. 197, 5; vgl. (Fischer)
Aberglaube 59. 96 ) Meiche Sagen 388; vgl.
Kuhn u. Schwartz 426 Nr. 239. 97 ) Haas
Usedom 126f. * 8 ) Meiche Sagen 132. ") Kuhn
u. Schwartz 420 Nr. 202. 10 °) BIPommVk. 5,
181; Kuhn u. Schwartz 98 f. Nr. 113; Meiche
Sagen 510. 692. 734 f. 752. 756; Pollinger
Landshut 107. 101 ) Schön werth Oberpfalz 3, 7.
102 ) Harrys Nieder Sachsen 1, 47. 103 ) Meyei
Germ. Myth. 119. 104 ) Ebd. 127; Praetorius
Deliciae pruss. 13. 29. 105 ) Kuhn u. Schwartz
16 Nr. 19; 65 Nr. 68, 2. 106 ) Ebd. 96 f. Nr. 110 f.;
Meiche Sagen 375. 384; Ranke Sagen 192. 198.
200. 107 ) Wolf Niederl. Sagen 326. 570 ff.;
BIPommVk. 5, 98; vgl. noch Drechsler 2,
180; Kuhn u. Schwartz 251 Nr. 282, 1;
Schönwei th Oberpfalz 3, 123. 108 ) Jungbauer
Böhmerwald 193; Meiche Sagen 297. 357;
Schönwerth Oberpfalz 2, 157; ZföVk. 2, 158;
Sieber Sachsen 257. 109 ) Grimm Myth. 1, 383;
Haas Pomm. Sagen 28; Rügen 23. 25; Usedom
22. 39 ff.; Kuhn u. Schwartz n Nr. 12; 15 f.
Nr. 17 f.; 46 Nr. 48; 175 Nr. 197,6; 422 Nr. 216;
Kühnau Sagen 294 f.; Meiche Sagen 346. 380.
537. 627; Niederhöffer Meckl. Sagen 132 ff.;
Ranke Sagen 135. 138. 149. 163. 244; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 35. 209. 304!.; Wolf Hess.
Sagen 48; Zingerle Tirol 221 Nr. 1766. 110 ) Haas
Pomm. Sagen 26; Kühnau Sagen 2, 283.
m ) Hüser Beiträge 2, 34; Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 159.
4. Unter den Seelenträgern, die eine
primitive Psychologie kennt, nimmt das
Blut einen hervorragenden Platz ein
(s. Seele). Daher entschlüpft z. B. die
Seele als r.e (!) Maus dem Mund des
Schlafenden 112 ). Daher kommt wohl
auch die Vorstellung von dem r.en Le¬
bensfaden (s. d.), der das Lebensblut dar¬
stellt 113 ). „Für den unlogischen Menschen
liegt es nahe, im erhaltenden Element, im
Mittel, zugleich die Ursache zu sehen.
Darum konnte aus dem Krafterhalter
allmählich der Krafterreger und -mehrer
werden, darum konnte man schlie߬
lich derjenigen Substanz, der man
Leben und Kraft dankte, auch andere
Fähigkeiten Zutrauen, in ihr einen Kraft¬
träger und Kräfteerreger schlechthin sehen.
So ist es zu verstehen, daß die Magie
sich ihrer bediente, sei es um Neues zu
schaffen, Vorhandenes zu vernichten oder
Lästiges zu vertreiben“ 114 ).
Wie naheliegend nun die Ideenver¬
bindung von Blut und R. ist, geht schon
aus der Tatsache hervor, daß primitive
Sprachen, wie die der Kinipetu-Eskimos,
den Begriff „Rot“ durch „wie Blut“ um¬
schreiben 116 ). Die r.e Farbe, mit der viele
primitive Völker ihren Körper bemalen,
ersetzt die ursprünglichere Bemalung mit
Blut, die sich übrigens vielfach noch bis
heute erhalten hat 116 ). In der Farbensym¬
bolik der katholischen Kirche läßt sich
noch eine Spur des primitiven Ersatzes von
Blut durch R. feststellen, wenn es heißt:
„Als Farbe des Feuers und des Blutes
versinnbildlicht das R. jene flammende,
verzehrende Liebesglut..., jene opfer¬
willige, siegreiche Liebe, welche das teu¬
erste irdische Gut — das Leben — im
Martertod dahingibt und sterbend tri¬
umphiert“. Deshalb ist R. auch die Farbe
des liturgischen Ornats an den Festen
der Kreuzauffindung und -erhöhung, den
Passionsfesten, den Festen der Apostel
und Märtyrer und am Pfingstfest 117 ).
Dem primitiven Verstand gilt R. nach
wie vor für Blut. Der heutige Albanese
sieht in von Erde r.gefärbten Strömen
die Mordflecken, wie die alten Griechen
glaubten, der Fluß, der bei Byblos floß,
führe in seinen Sommerfluten das r.e
Blut des Adonis zu Tal. Der r.e Fliegen¬
pilz ist das Blut, das die fliehenden Hun¬
nen verloren, als sie ihre Füße an den
hohen Turmdächern verletzt hatten. Der
Bewohner von Cornwall erkennt an den r.
bewachsenen Bachkieseln, daß dort ein
Mord geschehen ist 118 ). An der Stelle, wo
ein eifersüchtiger Ritter seine Braut er¬
stach, wurde ein weißer Rosenstrauch
gepflanzt, dessen Rosen nachts wie mit
' 26*
807
rot
rot
810
Blut besprengt aussehen 119 ). In der
Kirchgasse zu Annaberg gibt es einen r.en
Stein, weil dort ein Schieferdecker beim
Sprung vom Kirchturm zu Tode
stürzte 12 °). Der Roggen geht deswegen
r. auf (die j ungen Roggenpflänzchen sind
etwas rötlich gefärbt), weil in einem Rog¬
genacker Kain seinen Bruder Abel er¬
schlug 121 ). Den rötlichen Saft, den die
Schmetterlinge an Bäumen zurücklas¬
sen, hält das Volk für das Blut der vom
Teufel verfolgten und verwundeten
Schrätlein 122 ). Der Boden der Schlacht¬
felder bleibt jahrhundertelang r. ge¬
färbt 123 ). Wo die Geister gestritten hat¬
ten, war der Himmel blutr. geworden 124 ).
Beim Kampf mit dem Wassermann in der
Spree zeigten sich r.e Striemen, wenn der
Mensch verlor 125 ). R. war die Gerichts¬
fahne, die aufgesteckt wurde, wenn auf
Todesstrafe angetragen war, r. der Mantel
des obersten Richters 126 ). Noch im J.
1802 wurden Verbrecher im r.en Arme¬
sünderhemd hingerichtet 127 ). Die
„schamrothen Seelen“, d. h. die Seelen
Hingerichteter, zeigen sich mit r.en Strei¬
fen um den Hals 128 ) Begnadigte Ver¬
brecher mußten stets einen r.en Faden
um den Hals tragen 129 ). Der wieder¬
belebte Geköpfte im ,,Engelhart“ Kon-
rads von Würzburg (V. 6386) trägt einen
r.en Faden um den Hals (vgl. Goethe,
Faust V. 4203) 13 °). In einer Paduaner
Spukgeschichte in Heines „Götter im
Exil“ (6, 562) heißt es: „Bei mehreren
Damen, deren Krause sich verschoben,
bemerkte der junge Westfale einen breiten,
blutr.en Streif, der sich rund um den
Hals zog“; auf seine Frage entblößt seine
Nachbarin ihren Hals und sagt: „Das
kommt vom Geköpftwerden“.
R. ist als Ersatz für Blut Farbe des Le¬
bens. R.er Lehm wurde bei der Er¬
schaffung des Menschen verwendet 131 ).
Da Blut und Lebenskraft für primitives
Denken identische Begriffe sind, vermag
die Blutfarbe R. auch neue Lebensenergie
zu wecken. Die Mitglieder der „Roten-
Medizin-Tanzgesellschaft “ der Winnebago-
Indianer tranken vor dem Tanz in Wasser
zerkochte r.e Beeren, um sich magische
Kräfte zu verschaffen 132 ). Das r.seidene
808
Band mit der Aufschrift „Sieben auf
einen Schlag“ verleiht dem kleinen Schnei¬
der Heldenkräfte 133 ). Um den Hofhund
recht bös zu machen, gibt man ihm die
Frucht des Hagedorns zu fressen; die
kleinen Samenkörner, welche die r.en
Haarwurzeläpfel enthalten, haben diese
Wirkung 134 ). Vielleicht hängt damit
auch zusammen, daß Spukgeister mit
Vorliebe in das „rote Meer“ gebannt
werden 135 ). Daß Geister ins Meer gebannt
werden, ist eine bekannte Form der Apo-
pompe. Das R. wäre dann als kraft¬
steigernd aufzufassen.
Als Heilfarbe ersetzt die r.e Farbe das
ursprünglich als Heilstoff angewendete
Blut in der Volksmedizin 136 ). Als
Mittel gegen das Quartanfieber em¬
pfiehlt Plinius (n. h. 21, 166) die erste
Anemone, die man im Frühling sieht: man
soll die Blumen in ein r.es Tuch ein-
schlagen, an schattigem Ort aufbewahren
und, wenn nötig, dem Kranken aufle-
gen 137 ). In dem echten Volksglauben auf¬
weisenden Heilzauber gegen Impotenz
bei Petron (131) werden neben dem als
Waffe gegen die Krankheit verwendeten
Speichel drei in einen r.en Fetzen (pur-
pura) eingewickelte Sternchen in An¬
wendung gebracht 138 ). Auch im MA.
spielte die Heilkraft der r.en Farbe eine
bedeutende Rolle 139 ), ja der Glaube an
sie ist im Volk bis in die jüngste Zeit le¬
bendig geblieben. Als „ein stück vor
Trockene Schiege“ wird empfohlen
„Blut zweier r.en Thier an einem Frei¬
tag abgethan“ 14 °), wobei offenbar erst
die Heilfarbe dem ursprünglichen Heil¬
stoff die richtige Wirkung verleiht. R.e
Korallen mit Eichblättern zerstoßen, lege
man auf das kranke Glied, bis ein Ge¬
schwürentsteht 141 ). Frisches Wasser und
Milch von r.en Ziegen hilft gegen alle
Gebresten 142 ). Die Ojibwa-Indianer heil¬
ten früher alle Krankheiten mit einem
magischen, r.en Pulver 143 ). In Bengalen
schwenkt man ein Gemisch von r.en Senf¬
samen und Salz um das Haupt des Pa¬
tienten und wirft es dann ins Feuer 144 ).
Altindischer Heilzauber verwendete r.e
Stierhaare, r.es Stierfell und r.kupferne
Gefäße 145 ).
1 809
Von besonderer Bedeutung ist im Heil¬
zauber der r.e Faden (Schnur, Binde).
Eine r.e Schnur wird in Indien bei ge¬
wissen Krankheiten dem Patienten um¬
gebunden. Im Talmud verwirft Rabbi
Bar Zaduq den abergläubischen Brauch,
einen Faden auf etwas R. gefärbt es zu
binden 146 ). Pausanias sah ein a^aX^a
der Athena e^ov Tpaöti.a s^l xoG jJ^pou.
TsXapLCüvt Trop'foptp xov ji^pov xaTSiXTjujiivov
(8, 28. 5 f.). InKarpathos legt der Priester
dem Kranken eine r.e Schnur um den
Hals, die, am nächsten Morgen an einen
Baum gebunden, auf diesen die Krankheit
überträgt. In dem esthnischen Epos
„Kalewipoeg“ heißt es vom Zauberer:
„Aus dem Gleis gerückte Glieder renkt
er ein mit r.em Game“ 147 ). Die Slaven
umwickeln die durch Hexenzauber er¬
krankten Glieder mit einem r.en Faden 148 ).
In einem alten deutschen Beicht Spiegel
heißt es: „Hastu dich icht lassen messen
mit einem r.en Faden?“ 149 ). Einem
Kind, das abnimmt, bindet man einen r.-
seidenen Faden um den Hals 15 °). Gegen
Bräune hilft eine r.e Schnur, mit der eine
Kreuzotter erwürgt wurde, um den Hals
des Kranken gehängt 151 ). Bei den penn-
sylvanischen Deutschen bindet man ein
r.es Band, das man im Laden holt, ohne
es zu bezahlen, um einen Fingerhut, in
dem eine Spinne ist, und hängt das Ganze
einem an Keuchhusten erkrankten Kind
um 152 ). In Siebenbürgen wird ein Kopf¬
ausschlag der Kinder mit einem r.en
Baumwollfaden geheilt, den man mit einer
Nadel an den Türpfosten heftet 153 ).
Wenn ein Kind einen Kropf zur Welt
bringt, umwickelt die „God'n“ (Patin) j
den Hals des Kindes mit einem r. seidenen
Band (Geisttal) 154 ). Um eine Warze
macht man eine Schleife von r.em Seiden¬
faden und legt diese dann in die Dach¬
rinne. Ist sie verfault, ist auch die Warze
weg 155 ). Gegen Gicht, Gliederschwel¬
lungen, Fuß Verrenkungen bindet man
r.e Bänder (Faden) um das kranke Glied
(s. abbinden) 156 ). Ein r.er Seidenfaden
um den Hals gebunden wird zusammen
mit 7 oder 9 Meisterwurzeln (Imperatoria)
gegen Augenleiden verwendet (St. Gal¬
len) 157 ). Bei Angina wickelt man einen
r.en Strumpf, den man tagsüber am
linken Fuß trug, um den Hals (Schwa¬
ningen, Freiburg) 158 ).
Neben dem r.en Faden findet sich auch
das r.e Tuch. So behandelte man früher
in manchen Gegenden Frankreichs den
Alpdruck durch Auflegen r.er Tücher 159 ).
Gegen Halsschmerzen trägt man ein r.-
seidenes Tuch um den Hals; wenn es
eine Frau benutzen will, muß es ihr von
einem Mann geschenkt sein und umge¬
kehrt (Neu-Ruppin) 16 °). Ein Stück
scharlachr.es Tuch von einem Altar hilft
gegen Epilepsie (Lausitz) 161 ). Waden¬
krampf oder Krampfadern werden geheilt
durch Umwickeln der Waden mittelst
eines Stücks scharlachr.en Tuches 162 ).
Ein weitverbreitetes Mittel, sich von
Krankheiten zu befreien, ist das Über¬
tragen (s. Bannen) auf Tiere, Bäume u. a.
Gegen Warzen spießt man r.e Schnecken
an Weißdorn; wenn die Zweige vertrock¬
net sind, sind auch die Warzen fort
(Schwaben) 163 ). Das Neustettiner Zau¬
berbuch rät folgendes Mittel gegen Zahn¬
weh an: Im Frühling, wenn der Saft in
die Bäume tritt, löse man an einem jungen
Hollunder oder Weidenbaum von kaum
Armsdicke auf der Abendseite oder mit
nach Morgen gerichtetem Gesicht von
oben nach unten ein Stück Rinde los,
welche dann hängen bleiben muß. Mit
einem Spänchen, das man so aus dem
Stamm herausschneidet, daß man es
wieder genau an seine Stelle einsetzen
kann, steche man in den bösen Zahn,
daß er blutet. Das blutige Spänchen
stecke man dann wieder an seinen Ort,
drücke die abgelöste Rinde wieder dar¬
über und verbinde sie oben und unten
mit einem zusammengedrehten r.en Fa¬
den. Wächst die Rinde wieder fest, so
wird der Zahn nie wieder schmerzen 164 ).
In einem sonst genau entsprechenden
Rezept gegen Schwindsucht tritt an die
Stelle des Bluts der Auswurf des Kranken.
Das Anwachsen der Rinde zeigt hier
völlige Genesung an 165 ). Gegen den
Kopfausschlag der Kinder knüpft man
ein r.seidenes Band um den Hals des
Kindes, spricht einen Segen, nimmt dann
811
rot
812
das Band wieder ab und hängt es an den
Kesselhaken (Oldenburg) 166 ).
Wie nicht nur die volkstümliche Heil¬
kunde aller Zeiten, sondern auch die an¬
tike Schulmedizin sich der Zauberkraft
der r.en Farbe bediente, so machte auch
die Agrarwissenschaft des Altertums
von den magischen Kräften der r.en Farbe
Gebrauch. Gegen landwirtschaftliche
Schädlinge empfiehlt Plinius den Rötel:
sunt arborum pestes et formicae, has
abigunt rubrica ac pice liquida perunctis
caudicibus, während anderwärts zu dem¬
selben Zweck Blut gesprengt wird (n. h.
17, 266) 167 ). Ferner heißt es bei Epi-
phanios Adv. haeres. 1, 18 (Migne Patrol.
Gr. 4 1 » 2 6 o): 'Ev y®P xtp xatpw, oxs xo
Haa/ot syevsto ixstas, ctpyy] 8k « 5 x/j Ytvexat
TOü £7p0; t 072 Tj ITptoT^ la^USptOf, £x JXtX-
Teu>c XaptßaWjJi iravxsc A tyoTixtoi xaxa a-
YvcoCftav, xat ypiouat p.kv xa irpoßata, ypiouat
8e xott xa 8svSpa xax coxot;, xoti xd aXXa,
<pr^t'Covx2? xat Xs^ovtec, oxt yrp i* xo irap
iv xatixif] x-fl 7)a£pa xaxscpXsSi itoxe xtjv
ofxouptevr^v. Tb 8s ay^i xa xou auxaioc xb
itupwirov aXsSTrjxTqoiov ejxt xr^ xoctauxTj; TtXr,-
Y*,* xai xoiauxrjc 168 ). Während wir beider
Vertreibung des Ungeziefers der katharti-
schen Verwendung des Bluts und der r.en
Farbe begegnen, ist das R. hier als Apotro-
päum (s. u.) aufzufassen. Der Talmud
empfiehlt das Rotfärben der Bäume zum
Schutz gegen den bösen Blick, wie man
noch in unserer Zeit in Stockerau (Nieder¬
österreich) an dem Stamm der jungen Ros¬
marinpflanzen einen r.en Gegenstand
befestigt, damit die Sträucher nicht
fasziniert werden können, und damit sie
gerade wachsen 169 ). In das Gebiet des
Fruchtbarkeitszaubers aber gehört es,
wenn am Fastnachtstag an die Obstbäume
r.e Bänder gebunden werden, damit die
Bäume künftiges Jahr gut tragen 17 °),
wenn die letzte Garbe mit r.en Bändern
geschmückt unter lautem Jubel in die
Scheune geworfen wird, damit das Wachs¬
tum der letzten Ernte für die des neuen
Jahres erhalten wird 171 ), oder wenn ent¬
sprechend diesem vegetabilischen Frucht¬
barkei tszaub er der Kuhhirt der Kuh, die
zuletzt im Jahre ein Kalb wirft, ein
r.es Band um den Schwanz bindet, damit
im nächsten Jahr alle Kühe Kälber be¬
kommen 172 ).
Von größter Bedeutung ist die r.e
Blutfarbe in der eigentlichen Magie, die
sich eine Beeinflussung des Willens von
Göttern, Dämonen oder Menschen zum
Ziel setzt, um einem andern zu schaden,
selbst einen Vorteil zu erringen oder dro¬
hendes Unheil von sich abzuwehren. Des¬
halb verwenden primitive Völker häufig
r.e Gegenstände, wenn es sich darum han¬
delt, einen Feind zu töten oder zu ver¬
derben. Mexikanische Rachepuppen, d.
h. künstliche, dem Gegner ähnliche
Wachsfiguren werden mit r.em Faden
umwickelt und dann mit Dornen und
Nadeln durchbohrt. Im singhalesischen
Pilli-Zauber werden zur Erreichung einer
Totgeburt und zum Lebendigzaubern des
tot geborenen Kindes verwendet: r.e
Betelblätter, r.e Tücher, ein Hahnen¬
kamm, R.ameisenöl und ein R.ameisen-
haufen 173 ). Eine Talmudstelle sagt:
,,Gott sprach zu Gabriel: Mache auf die
Stirn der Frommen ein Zeichen mit Tinte,
damit ihnen die Geister des Verderbens
nichts antun können, mache dagegen auf
die Stirn der Frevler ein Zeichen mit
Blut, damit sich ihrer die Geister des Ver¬
derbens bemächtigen“ 174 ). In einer is¬
ländischen Erzählung verwandelt eine
junge Witwe einen Bauernsohn in einen
Kranich, indem sie dem Schlafenden einen
r.en Zwirnfaden um den Hals bindet. Der
Verwandelte wird wieder zum Menschen,
als zufällig ein wirklicher Kranich den
Faden zerreißt 175 ). Einem Mädchen
aus Pirna wurde von ihrem einstigen Ver¬
führer aus Rache für ihre Treulosigkeit die
Pest in einem r.en Tuch (die Pestfrau ist r.
gekleidet, s. § 3) zugetragen 176 ). Aus
r.en Federn besteht der Kranz, durch den
Hexen den Menschen Krankheiten an¬
zaubern 177 ). Mit einem r.en Tuch wird
jemand zu einem Verbrechen bestochen 178 ).
R.e Tücher gehören zum Zaubergerät der
Zigeuner 179 ); können sie irgendwo nichts
erpressen, so hängen sie an den Stall
einen r.en Lappen, damit die Kühe blaue
Milch geben oder sterben 180 ). Wenn
Kühe r.e Milch geben, ist das ebenfalls
ein Zeichen von Behexung 181 ). Mit Hilfe
813
rot
814
eines r.en Lappens können die Hexen
Kühen Milch entziehen: sie halten ihn
gegen die Wand, klopfen dreimal darauf
und streichen dann an dem Lappen, wobei
sie sagen: ,,Ein wenig Milch von dem
seiner Kuh, ein wenig von dem seiner
Kuh usw.“, bis sie Milch genug haben 182 ).
Bindet man einer Ziege ein r.es Tuch an
einen Fuß, so hinkt sie (Heringhausen) 183 ).
Der Liebeszauber des Altertums ver¬
wendet die r.e Farbe ausgiebig besonders
in Verbindung mit dem Faden (apotro-
päisch?). Ältestes Beispiel hierfür sind
Theokrits Oaouaxcuxpicu (2,2) 184 ). Auch
in manchen Gegenden Deutschlands be¬
dient sich der Liebende r.er Gegenstände,
um mit ihrer Hilfe Liebe zu erzwingen.
Im Erzgebirge gehen am zweiten Weih¬
nachtsfeiertag die Burschen zu den Jung¬
frauen: ,,Frischgrün-Peitschen“, d. h. sie
schlagen sie mit ausgeschlagenen Birken¬
ruten (Lebensrute?), die mit einem r.en
Band zusammengebunden sind 185 ). Das
Neustettiner Zauberbuch rät, Eberwurz
und Baldrian in r.em Wachs bei sich zu
tragen; dann könne einem ein Frauen¬
zimmer nichts abschlagen 186 ). Ostereier,
von einem Mädchen am Karsamstag
beim geweihten Feuer im Freithof r.
gesotten und einem Burschen zugeschickt,
entzünden in ihm die Liebe (Eggental) 187 ).
An den Tagen nach Ostern ,,bringen die
Burschen die Eier ein“, d. h. sie steigen
zu den Mädchen aufs Kammerfenster und
holen sich r.e Eier 188 ).
Auch sonst sucht man durch Verwen¬
dung der r.en Farbe seinen eigenen Nutzen
zu fördern. Um im Spiel zu gewinnen, bin¬
det sich der Spieler mit einem r.en Faden
das Herz einer Fledermaus an den Arm,
mit dem er auswirft 189 ). In Nordeuropa
glaubte man, ein Stück r.en Tuches ver¬
leihe Glück auf der Jagd 190 ). Um den
Stein der Unsichtbarkeit zu erlangen,
erwürgt man einen jungen Raben, hängt
ihn neben dem Nest auf und bindet dem
Tier einen langen r.en Faden an den Fuß:
denn der alte Rabe holt dann den Stein
und steckt ihn dem toten in den Schna¬
bel 191 ). In der Christnacht blühen die
Farne. Den Samen sammelt man auf
einem r.en Kelchtuch, das der Priester
beim Amt in der Christnacht gebraucht
und das man auf dem Boden ausgebreitet
hat. Wer solchen Samen besitzt, wird
steinreich (Oberinntal) 192 ). Beim Butter¬
machen spielt ein Stück r.es Tuch eine
große Rolle: Hexen legen es unter das
Butterfaß, um möglichst viel Butter zu
bekommen 193 ), während anderwärts dieser
r.e Lappen als Schutz gegen das Be-
schreien gilt 194 ).
Im Wetter- und Regenzauber werden
vielfach r.e Gegenstände benutzt, so im
Altertum gegen Hagel: Panno roseo mola
cooperitur. item cruentae secures contra
caelum minaciter levantur (Palladius
1,35) 195 ). Angehörige primitiver Völker
beschwören Regen, indem sie das eigene
Blut zum Fließen bringen und sich mit
Ocker einreiben. So ritzten sich auch
nach Könige 1, 18. 28 die Baalsanbeter
zur Zeit der Dürre die Haut mit Messern
und Pfriemen 196 ). Nach der Chemnitzer
Rockenphilosophie mauerten vielfach die
Maurer einen r.en Haushahn zusammen
mit einer Metze Gerste oder Hafer und
einer großen Schüssel Wasser ein. So¬
lange der Hahn zu fressen und zu saufen
hat, bleibt das Wetter gut 197 ).
Auch als Mittel, Fruchtbarkeit und
Gedeihen zu fördern und zu sichern,
findet die r.e Farbe Verwendung (s. auch
§ 3 a) 198 ). Hierher gehören vor allem auch
die ursprünglich nur r. gefärbten Oster¬
eier, mit denen die Kinder an Ostern von
Eltern und Paten beschenkt werden 199 ).
In Schlesien legt man r.blühenden Feld¬
quendel unter die Bruthenne, damit es
kräftige Junge gibt 200 ).
Wie nahe beieinander die katharti-
sche und die apotropäische Verwen¬
dung der Blutfarbe liegen, hat manches
der angeführten Beispiele gezeigt. ,,So
entwickelte sich leicht neben der positiv
auf Schaffen und Zerstören gerichteten
Kraft der r.en Farbe eine negative, deren
einzige Aufgabe im Ablehnen und Vor¬
beugen bestand, so daß aus dem Heil-
und Vertreibungs- ein Schutzmittel
wurde“ 201 ). So schützt ein r.er Faden,
ein r.es Tuch gegen Berufen und Be-
schreien 202 ); ein Kolben von r.em Mais
in den Kamin gehängt ist gut gegen Be-
rot
rot
hexung, wie man auch r.e Fäden, Schnüre
und Borten an den Fenstern, Türen, im
Geschirr der Zugtiere, am Wagen usw.
befestigt (Sizilien) 203 ). In Niederöster¬
reich legt man zu demselben Zweck ein
Stückchen r.en Stoffs in den Vogelkäfig 204 ).
Im Felsentempel von Tilok-Sendur (In¬
dien) drücken die Pilger ihre vorher in
ein Gefäß mit r.er Farbe getauchten
Hände mit den Fingern nach oben ge¬
richtet an die Wand des Tempels, um da¬
durch Wohlergehen und Gesundheit ihrer
Kinder zu fördern 205 ) (ursprünglich wohl:
um böse Dämonen im Erdinnern fest- und
von ihrer Familie fernzuhalten). Nach
Philostratus zeichneten die Hindus die
magischen Charaktere, welche die Drachen
mit den fürchterlichen Augen fangen
sollten, auf ein r.es Tuch 206 ). Ein r.es
Tuch ist auch nötig, um die goldene
Krone der Unkenkönigin zu erlangen 807 );
und wer den vielgerühmten Krötenstein
bekommen will, muß die Kröte in einen
r. ausgeschlagenen Käfig setzen 208 ). In
China schreibt man allgemein dem R.
die Kraft zu, die bösen Geister fernzu¬
halten 209 ). Aus r.em Lichtmeßwachs j
bildet man in Deutschland hier und dort
den Drudenfuß (s. d.) 210 ). Im Oberamt
Heilbronn vertreibt eine hölzerne, men- j
schenähnliche Figur mit r.em Kopf und !
r.er ausgestreckter Zunge die Hexen 211 ).
Um Schlangen aus einem Haus zu ver- !
bannen, braucht man nur einen r.en Haus- j
hahn zu halten 2l2 ). Die Letten be¬
schwören „die heiligen Jungfrauen“ mit
folgendem Spruch: „Drei Jungfrauen
kommen zu meinen Händen: die eine
hat r.e Schuhe, r.e Strümpfe, r.e Brosche,
r.e Handschuhe, r.es Tuch; die zweite
hat eine gelbe Decke, gelbe Brosche,
gelbes Tuch, gelbe Handschuhe, gelbe
Schuhe, gelbe Schürze; die dritte hat
eine weiße Decke, eine weiße Brosche,
ein weißes Tuch, weiße Schuhe, weiße
Strümpfe. Fort! Fort! Fort von meinen
Händen!“ 213 ). Auch in Schatzgräber¬
sagen spielt ein r.es Tuch eine große
Rolle 214 ).
Apotropäischen Zwecken dient beson¬
ders das Amulett, welches die r.e Farbe
in der verschiedenartigsten Weise ver¬
wendet. Die einfachste Form ist der r.e
Faden, den sich Griechen und Römer um
den Nacken legten (Theokrit. 2,2; Ti-
bull 1, 5. 15; Verg. Ecl. 8, 73; Ciris 371;
Ovid Fast. 2,575; Am. 1,8.8; 3,7.79;
Nemesianus Buc. 4, 62; Persius Sat. 2, 31;
Petron. 131). Nach dem Talmud band
man r.e, mit Knoten versehene Schnüre
um den Hals der Kinder zum Schutz gegen
Krankheit, Tosefta Sabbat 7 § 1 aber
wird ausdrücklich als Aberglaube ge¬
brandmarkt, wenn „jemand einen Lappen
um seine Hüfte oder einen r.en Faden um
seinen Finger knüpft“ 215 ). Das in aller
Welt bekannte 216 ) Fadenamulett ist auch
im deutschen Sprachgebiet weit ver¬
breitet. In Deutschland und in der
Schweiz tragen die Kinder gegen den
bösen Blick ein r.es Band um Hals
oder Handgelenk, in Schlesien um das
linke Handgelenk oder den Arm 217 ).
Einer Bauernfrau, die sehr Bezauberung
fürchtete, wurde von der vielberühmten
„klugen“ Windbläsfrau der Rat erteilt,
sie solle eine Brille tragen, von welcher
ein r.er Faden herabhänge 218 ). In dä¬
nischen Heldenliedern umwickeln Krieger
ihren Helm mit r.en Fäden, um sich
fest zu machen 219 ). Neben den r.en
Faden tritt als Amulett das r.e Tuch 220 ).
In Schlesien bindet jede hinter je einem
Mähder stehende Abrafferin ihrem „Mäh¬
der“ u.a. ein r.seidenes Tuch an den Hut
oder ein seidenes Band um den Arm 221 ).
In Rumänien hängt man an die Mütze der
Kinder r.e Muscheln oder andere r.e
Gegenstände. Die Slaven tragen gegen
den bösen Blick Stücke von r.em Pfeffer,
bulgarische und bosnische Frauen in ihren
Haaren ein kleines Horn aus r.em Zeug.
Die Christen der Herzegowina tragen
Evangelienverse zusammen mit phan¬
tastischen Charakteren in einem Beutel
aus r.em Leder 222 ). Im Erzgebirge legen
manche neben das Kind in das Bettchen
den in ein r.es Tuch eingewickelten Kopf
einer Maus 223 ). In der Oberpfalz tragen
manche auf der Brust ein Säckchen, in
das ein Königspfennig, r.er Schwefel und
eine sog. Elefantenlaus eingenäht sind 224 ).
Ein r.er Korallenanhänger an der Uhr¬
kette, das „Dirndlbein“, gilt im Chiemgau
jetzt als Abzeichen der Liebesleute 225 ).
Die Pestamulette machten starken Ge¬
brauch von der r.en Farbe 226 ). Im
Kloster Maria Loretto zu Salzburg wurden
noch in allerneust er Zeit Lorettohemdchen
(„Froasenpfoadl“) hergestellt, die man
erkrankten Kindern unter das Kopfkissen
legt. Es sind Miniaturhemdchen, die äl¬
teren aus Leinwand, mit r.er Seide um¬
wickelt und aufgedrucktem Stempel des
Klosters, welcher das Lorettokind nebst
Umschrift zeigt 227 ). Solche aus Zinnober
hergestellten Aufschriften trugen oft auch
Amulette des Altertums. Vielleicht gehen
auf derartige Apotropaea auch die mini-
ierten Überschriften (Rubriken) der mittel¬
alterlichen Digesten zurück, wie auch
die r.gedruckten Zahlen am Kalender
apotropäischen Ursprungs zu sein scheinen.
„Der erste Kalender wurde 1493 gedruckt,
in einer Zeit blühenden Aberglaubens;
und in den bald darauf erscheinenden
Kalendern spielen neben Festen und Mär¬
tyrertagen die ‘Kalenderpraktiken* die
Hauptrolle, d. h. Angaben, an welchen
Tagen man purgieren, zur Ader lassen,
Medizin nehmen, baden usw. dürfe ...
da am Sonntag ein allgemeines Aussetzen
jeder Tätigkeit geboten war“, galt er für
einen dies religiosus erster Ordnung, und
die ihn bezeichnenden Zahlen und Buch¬
staben wurden vielleicht ursprünglich r.
gedruckt zum Schutz gegen die an ihm
waltenden bösen Mächte 228 ).
Um Dämonen und böse Geister fern
zu halten, umzäunt man in manchen Ge¬
genden Häuser, Dörfer und Heiligtümer
mit einem r.en Faden. So wird bei den
Imeretiern an der Grenze des Hofes ein
r.er Faden gezogen, welchem die Kraft
zugeschrieben wird, die Krankheit ab¬
zuhalten 229 ). Apotropäisch ist demnach
auch die Einhegung der athenischen Volks¬
versammlung (Aristoph. Ach. 22: io ax° l "
VtOV <psfrp!>3l TO UElltXKüUEVOV, Vgl. ECC-
les. 329) 23 °). Einen vom Moos r. gefärbten
Bach kann ein Geist nicht überschreiten
(Oberpfalz) 231 ).
Die bei zahlreichen Primitiven anzu¬
treffende Sitte, Wände, Hoftore, Tür¬
pfosten r. zu bemalen oder zu verhängen
oder in der Nähe des Hauseingangs r.e
Büsche (Neuguinea) anzupflanzen, hat
dieselbe Aufgabe wie die Umzäunung zu
erfüllen 232 ). In Deutschland heftet man
einen Zweig des Vogelbeerbaums (r.e
Früchte!) an den Stalleingang 233 ), im
Vogtland malt man r.e Kreuze über die
Stalltür (allg.) 234 ), in Thüringen hängt
man r.en Majoran und Taxus (r.e Beeren!)
am Stalleingang auf 235 ). Überhaupt ist
diese Art von Viehschutz recht vielseitig.
Ein r.es Band um den Hals oder Schwanz
des Tieres gebunden schützt es vor Be¬
hexung 236 ). Am Riemenzeug, Geschirr
und Sattel der Pferde werden kleine
Stücke r.en Stoffes befestigt 237 ). Der r.e
Seidelbast, an Mariä Himmelfahrt ge¬
weiht und ans Kummet des Pferdes ge¬
steckt, schützt das Fuhrwerk vor dem
Festbannen durch Hexen 238 ). Beim
ersten Austrieb im Frühling läßt man
das Vieh über etwas R.es (Faden, Tuch,
Strumpf, Weiberrock) gehen (s. auch
Austrieb) 239 ). Ebenso muß man die
Kühe im Herbst wieder über ein r.es
Tuch oder einen r.en Rock zurückführen
(Mecklenb., Brandenb.) 240 ). In West¬
falen läßt man das neugeborene Vieh
über einen r.en Faden gehen 241 ). In Tirol
verbirgt man ein Stückchen Scharlach¬
tuch in einem Stück Brot und gibt es
den Kühen zum Schutz gegen den Vieh¬
schelm zu fressen 242 ). In Ungarn tragen
Kälber und Ziegen Troddeln von r.er
Seide an den Ohren, in Süditalien die
Ochsen mit r.en Quasten geschmückte
Ringe. Gegen den bösen Blick führt man
in der Provinz Belluno vom Kopf bis zum
Schwanz des Tieres einen mit r.er Erde
und Ahornblättern gefüllten Beutel und
sagt: „Mal d’occhio in dietro e vacca
avanti“ 243 ).
Je mehr der Mensch die Anwesenheit
von Dämonen fürchten zu müssen und
sich infolge einer Schwächung seines
Körpers ihren schädlichen Einwirkungen
über das gewöhnliche Maß hinaus aus¬
gesetzt glaubt, umso mehr nimmt er
seine Zuflucht zu magischen Mitteln, unter
denen wieder die r.e Farbe einen hervor¬
ragenden Platz einnimmt. So erklären sich
manche der Bräuche während der Schwan-
! gerschaft, während und nach der Geburt
819
rot
820
aus dem Bestreben, Mutter und Kind
durch das apotropäisch besonders wirk¬
same R. zu schützen. Beim Bemerken der
Schwangerschaft bindet sich die Japa¬
nerin über die Brust eine Binde aus r.em
Krepp und nimmt sie vor der Entbindung
ab. Die Zigeunerinnen Serbiens und
Bosniens umgeben, sobald sie sich schwan¬
ger fühlen, ihren Leib mit einer Binde
aus den Schwanzhaaren eines Esels, auf
die mit r.er Baumwolle ein Stern und das
erste und letzte Mondviertel gestickt
sind 244 ). In Serbien und Ungarn tragen
Schwangere ein r.es Band um den Mittel¬
finger 245 ). In Ungarn wird auf die Tür
oder Schwelle des Hauses, in dem eine
Wöchnerin liegt, zum Schutz gegen böse
Geister ein r.es Tuch genagelt. Die Ru¬
mänen in der Bukowina binden um ein
solches Haus ein r.es Band 246 ). Bei den
Kaffem werden die Frauen kurz nach der
Niederkunft mit r.em Ton bestrichen, in
Burma mit Kurkuma, einem r.en Farb¬
stoff, eingerieben 247 ). R.eFäden schützen
die Wöchnerin in Serbien, Rußland, bei
den Iglauer Deutschen, den galizischen
Juden, Masuren, in Pommern und Schle¬
sien 248 ). In Oberbayern windet man eine
geweihte r.e Wachskerze um ihr Hand¬
gelenk 249 ), oder r.es Kirchenwachs muß
bei ihr brennen, bis das Kind getauft ist,
oder der Löffelstiel der Wöchnerin muß
mit r.en Wachslichtstreifen umwickelt
sein 250 ). Bei verschiedenen Indianer¬
stämmen wird das Kind (oder mindestens
sein Gesicht) sofort nach der Geburt mit
Ocker eingerieben 251 ). In Madras bringt
man auf dem Gesicht der Kinder r.e
Flecke an, bei den Brahmanen von Bid-
schapur (Bombay) wird das Kind 10 Tage
nach der Geburt von seiner Mutter an
fünf Stellen auf r. gefärbten Reis gesetzt;
in China malt man am 5. Tag des 5. Mo¬
nats nach der Geburt Stirn und Nabel
des Kindes mit Zinnober oder r.er Schmin¬
ke an 252 ). In der Türkei trägt das Neu¬
geborene ein Mützchen von r.er Seide
und ist mit einer r.en Schürze umgeben 253 ).
Sehr weit verbreitet ist der Brauch, wie
die Mutter so auch das Kind durch einen
r.en Faden (Band) zu schützen; er läßt
sich besonders in den verschiedensten
Gegenden Deutschlands nachweisen, wird
aber auch in Ungarn und aus dem alten
Griechenland (Joh. Chrysost. in ep. ad
Corinth. 12, 7) bezeugt 254 ). Wenn auf
dem Hümmling jemand, der seinen Ge¬
burtstag feiert, einen r.en Strick um den
Arm erhält 255 ), so ist das ein Nachklang
dieses Brauches. Bei den Siebenbürgener
Sachsen wird das r.e Band auch an das
Häubchen des Kindes genäht 256 ). Im
Böhmerwald ersetzen r.e Korallen das
r.e Band 257 ), anderwärts ein Stück r.en
Tuchs 258 ). Auch die Wiege des Kindes
wird durch etwas R.es gegen Zauberei
geschützt 259 ). Um die Badewanne zieht
man einen r.en Wollfaden 260 ). Nach dem
Bad wird das Kind mit einem r.en Tuch
abgetrocknet oder in r.e Windeln ge¬
wickelt, angeblich damit es eine schöne
r.e Hautfarbe erhalte (s. auch § 5) 261 ).
Beim Entwöhnen des Kindes dient ein
langes, rotseidenes Band als Mittel gegen
Beschreiung 262 ). Beim Gang zur Taufe
trägt das Kind ein r.es Häubchen (West¬
falen, Oberpfalz) oder ist mit einem r.en
Tuch bedeckt (Böhmen) 263 ). In Thü¬
ringen tragen die männlichen Gevattern
ein r.es Tuch 264 ), in Siebenbürgen die
„Gode“, welche das Kind trug 265 ).
Da der Mensch erst mit vollendeter
Reife in den Vollbesitz seiner Kraft
kommt, sind Schutzmaßnahmen bis zum
Eintreten der Reife besonders notwendig.
So sollte wahrscheinlich im alten Rom die
toga praetexta, das Kleid der freigebore¬
nen Kinder, „mittels der angewebten
Wolle, deren apotropäische Wirkung durch
die Färbung gesteigert wird“, die dem
wehrlosen Kind drohenden Gefahren ab-
wehren 266 ). Bei den Mannbarkeitsriten
primitiver Völker (Australien, Neuguinea
u. a.) findet R.färben der jungen Leute
statt 267 ). Ob die in manchen Gegenden
Deutschlands herrschende Sitte, daß die
Paten ihre Patenkinder bis zum 12. Jahr
am Ostermontag mit r.en Eiern be¬
schenken 268 ), letzten Endes auch zu
diesen Schutzmaßnahmen gehört, ist
immerhin erwägenswert.
Wie bei der Geburt, so ist auch bei der
Hochzeit die Frau das Ziel der Angriffe
von Dämonen, die beim Kirchgang und
821
rot
822
Hochzeitsmahl, bei der Übersiedelung
ins neue Heim usw. die Braut und ihre
Umgebung bedrohen. Deshalb spielt
allgemein die übelabwehrende r.e Farbe
auch bei den Hochzeitsbräuchen eine
besondere Rolle 269 ). Im Saterland setzte
früher, wer freien wollte, einen r.en Lappen
auf sein Gewand 270 ). Bei den Podluzaken
in Mähren pflanzt man eine r. angestriche¬
ne Stange vor das Haus der Brauteltern 271 ).
Bei den arabischen Einwohnern Javas
färben sich die Verlobten kurz vor der
Hochzeit ihre Nägel, der Bräutigam außer¬
dem noch seine Fußsohlen r. 272 ). R.e
Strümpfe gehören zum Hochzeitsstaat
der Braut, den der Bräutigam für seine
Verlobte kaufen muß. Zur zweiten und
dritten Verkündigung der Brautleute er¬
scheint der Bräutigam mit einem Hut,
der mit r.en Seidenbändern umwunden
ist 273 ). Bei den Esten wird der Braut
ein r.er Seidenfaden um den Leib ge¬
bunden, und wenn die Trauung vorüber
ist, muß sie sich so aufblähen, daß der
Faden zerreißt. Das gilt als sicheres
Mittel gegen schwere Entbindungen 274 ).
Ein wesentlicher Teil der römischen
Hochzeitsfeier war das Verhüllen der
Braut mit dem flammeum, dem r.en Tuch,
das auch zur Amtstracht der Flaminica
gehörte, und der auch in das Zeremonial
der römisch-kuholischen Kirche über¬
gegangen ist 275 ). Einen r.en Braut¬
schleier trägt auch die neugriechische, al-
banesische und armenische Braut, ebenso
die Braut bei den Tartaren der Krim 276 ).
An die Stelle des r.en Schleiers tritt viel¬
fach ein r.es Band oder Kleidungsstück:
in der Oberpfalz ist es ein r. und schwarzes
Halstuch, im Havelland ein r.seidener
Faden um den Hals, in Westfalen ein an
der Haube befestigter r.seidener Faden,
in Baden ein r.seidenes Band im Haar
oder ein r.er Rock und r.e Strümpfe, in
Pommern ein breites r.es Band als Schärpe
am Hochzeitskleid 277 ). In Kreuzburg
und Gleiwitz (Schles.) bindet sich in
einigen Familien die Braut ein r.seidenes
Bändchen um den Hals, in andern darf
sie nichts R.es an sich tragen, weil sonst
die zu erwartenden Kinder rothaarig
würden 278 ). Bei indischen Hochzeiten
trägt auch der Bräutigam ein r.seidenes
Kleid 279 ). In Velburg (Oberpfalz) hat
der Bräutigam um den Hut einen Kranz
mit flatterndem, hochrotem Band, zu
Neunburg trägt er es im Knopfloch 280 ).
Auch im Schmuck des Hochzeitladers
spielt das r.e Band eine große Rolle 281 ).
Zum Ladschreiben werden vielfach For¬
mulare in R.druck verwendet 282 ). Auch
bei den Hochzeitsgeschenken findet die
r.e Farbe Verwendung bei den Mandschus
und Chinesen, ebenso gut wie in Deutsch¬
land. Im Koburgischen erhält das Braut¬
paar von den Paten ein mit r.en Bändern
umwickeltes Kissen 283 ).
Die beliebte, gewöhnlich als Neckerei
gedeutete Sitte, den Brautleuten den Weg
zu versperren, ist zweifellos apotropäi-
schen Ursprungs. In Indien werden bei
Hochzeiten blaue und r.e Fäden über den
Weg gespannt, um böse Geister zu ver¬
treiben. Denselben Zweck haben die mit
r.en Bändern verzierten Stangen, Ketten
und Stricke, mit denen im Aargau die
Junggesellen der Gemeinde am Ende des
Heimatdorfes dem Brautwagen den Weg
verlegen, bei den Iglauer Deutschen der
mit einem r.en Tuch behängte und über
den Weg gespannte Strick, das r.seidene
Tuch, das man in Thüringen den Braut¬
leuten beim Weg zur oder aus der Kirche
vorhält, oder das r.e Tuch, das die Ma¬
laien über den Weg spannen 284 ).
In Siebenbürgen werden bei der Rück¬
kehr von der Kirche im Hochzeitshaus
die Gäste von vermummten Gestalten
empfangen, die ihnen r.en Rübensaft zu
trinken geben 285 ). Im Zillertal muß jeder
Hochzeitsgast Hochzeitsnesteln aus r.en
Lederriemchen tragen, damit dem Braut¬
bett nichts Böses geschieht und das Braut¬
paar Glück hat 286 ).
Bei der Übersiedelung ins neue Heim
wird der ganze Hausrat auf einen Wagen
geladen. Obenauf steht das vollständig
aufgerichtete Doppelbett in rotweißem
Überzug und ein Spinnrad mit angelegtem
Rocken, der mit einem r.en Band um¬
wunden ist 287 ). Das Gespann dieses
„Kammerwagens“ besteht meist aus Pfer¬
den, der Knecht muß Junggeselle sein.
Wagen, Schweif und Mähne der Pferde^
823
rot
824
Arm, Hut und Peitsche des Fuhrmanns
sind mit Kränzen und r.en, fliegenden
Bändern geschmückt. Hinter dem Wa¬
gen geht die Kuh mit r.en Bändern an
Schwanz und Hörnern 288 ).
Apotropäischen Charakter hat auch in
den meisten Fällen die Verbindung von
R. und Tod 289 ). In Italien, Sizilien,
Spanien, der Dobrudscha, vereinzelt auch
in Deutschland, besonders aber in Süd¬
rußland fand man in Gräbern aus dem
jüngeren Paläolithikum und der neolithi-
schen Periode Skelette, die mit einer
dünneren oder dickeren Schicht r.en
Farbstoffs überzogen waren. Auch neben
dem Toten, unter ihm, auf dem Boden
und an den Wänden des Grabraums war
der Farbstoff verstrichen 29 °). Die nord¬
amerikanischen Indianer gaben früher
den Toten oft Gefäße mit r.er Ockerfarbe
mit in das Grab, die Irokesen gruben ihre
Toten mehrere Male wieder aus, bemalten
sie mit r.er Farbe und bekleideten sie mit
neuen Gewändern 291 ). Noch in dem
„Tiroler Volksroman“ von C. Spindler
„Der Vogelhändler von Just“ heißt es
1,9: „Nach dem Gebrauche des Landes
hatten die frommen Weiber das blasse
Gesicht des Toten r. angestrichen.. ,“ 292 ).
R.e Decken und Gewänder waren im
Totenritual der Griechen und Römer
gebräuchlich 293 ). Auch im alten Indien
war R. die Farbe des Totenkults (Sarg,
Grab, Leichnam). In Florenz verwendete
man noch im 15. Jh. r.e Bahrtücher, die
Totenkapelle wurde r. ausgeschlagen, der
Tote in einen r.en Mantel gekleidet, die
Leidtragenden erschienen in einem r.en
Mantel 294 ). Noch 1867 ließen sich im
Fricktal (Schweiz) alte Frauen in ihrem
r.en Rock begraben 295 ). Auf der Stephens¬
insel (Torres Straits) wird der Kopf des
Toten mit r.en Bändern umschnürt 296 ).
Im Gouvernement Minsk umwickelt man
den Sarg einige Male mit hochr.en Fäden,
in der Gegend von Grodno legt man quer
über die Leiche einen r.en Wollfaden 297 ).
Auch s Gegenstände des Trauerrituals
sind r. So die Kleider der Trauernden,
wenn z. B. in Livigno (Valtellina) bei der
Beerdigung eines kleinen Kindes der
padrino, der die Leiche trägt, an seinem
; Hut ein r.es Band hat und ihm Knaben
I mit r.en Bändern folgen 298 ). Im Inn-
viertel erhält jeder, der mit dem Toten
gegangen ist, beim Eintritt in die Kirche
(zum Totenamt usw.) ein r.es „Wachs-
kerzl‘ ‘, das er während des Amtes brennt 299 ).
j In Oberbayern müssen alle beim Toten¬
gang benutzten Kerzen oder Wachsstöcke
f r. sein 30 °). So trug auch der Priester bei
| den Festspielen zu Ehren des toten Arat
ein axpo^tov ... jxssoTtopcjupov (Plut. Arat.
53), und beim Totenfest für die in der
Perserschlacht Gefallenen erschien der
Archon von Platää in blutr.em Gewände
(Plut. Aristid. 21) 301 ). Auch in Indien,
Neuseeland, Afrika ist R. Trauerfarbe.
Zugegeben muß werden, daß die r.e
Farbe in Fällen wie den Zinnobergüssen
auf Gräbern als Ablösung der Blutspende,
des alten Totenopfers, aufzufassen ist.
Das hat Varro betont: Mulieres in exse-
quiis ideo solitas ora lacerare, ut sanguine
ostenso inferis satisfaciant. Quare etiam
institutum est, ut apud sepulcra et victi-
mae caedantur. Apud veteres etiam
homines interficiebantur. Sed quoniam
sumptuosum erat et crudele victimas vel
homines interficere, sanguinei coloris
coepta est vestis mortuis inici (Serv. Aen.
3,67) 302 ). In den allermeisten Fällen jedoch
versagt diese Erklärung. Vielmehr ist
ursprünglich die Angst vor dem den Über¬
lebenden verderblichen Walten der Toten
(lebender Leichnam!) die Veranlassung
gewesen, daß der primitive Mensch zu der
übelabwehrenden Zauberfarbe seine Zu¬
flucht nahm. Am einleuchtendsten ist
dieser Gedankengang bei den r.en Schnü¬
ren, mit denen man Sarg und Leichnam
umwickelt, natürlich um dem Toten die
Bewegungsmöglichkeit zu nehmen. Aber
„auch das Bemalen der Toten, das
Ausmalen der Särge und Grabgewölbe,
das purpurne Tuch werden schwerlich
etwas anderes gewesen sein als primitive
Mittel, das, was man fürchtet, dort fest¬
zubannen, wo es ist, die r.e Farbe am
Trauernden nur eine räumliche Ver¬
rückung dieser Schutzvorrichtung“ ^.
Diese Verbindung zwischen R. und Tod
erklärt auch die böse Bedeutung eines
Traumes von r.en Dingen. v Ex si 7 ®P tiva
825
rot
826
xh TTOpcpopoov cojAirafteiav 7rpo? xov
Oavaxov, sagt Artemidor (oneir. 1, 177)
zur Begründung der Behauptung, im
Traum bedeuteten Kränze aus r.en Blu¬
men Tod 304 ). Dasselbe glaubt man in In¬
dien, und ein siamesisches Traumbuch
schreibt diese schlimme Vorbedeutung
einem Traum zu, in dem man sich in r.en
Kleidern sieht 305 ). In Deutschland glaubt
man, wenn eine Leiche r.e Backen oder
Lippen behält, hole der Tote jemand aus
der Familie oder der Freundschaft 306 ).
Wenn man in der hl. Nacht um 12 Uhr
auf dem Friedhof ist, so sieht man alle,
die im folgenden Jahr sterben, in r.en
Strümpfen auf der Mauer stehen 307 ).
In Schwaben dürfen Sterbhemd und
Strümpfe keine r.en Namenszeichen tra- ;
gen, weil sonst der Tote nicht verwesen
kann 308 ). Bei einem Todesfall verhülle j
man alles Glänzende und alles R.e mit :
weißen Tüchern (Erzgeb.) 309 ).
Als apotropäisch ist auch die in der
Priestertracht verschiedenster Völker
und Zeiten auf tretende r.e Farbe anzu¬
sehen, wenn man bedenkt, daß ursprüng¬
lich der Priester kaum etwas anderes war
als ein Zauberer, der für den gefährlichen
Verkehr mit übernatürlichen Mächten
durch magische Mittel geschützt werden
mußte 310 ). Purpurne Kleider trug der
Jahwepriester (Exod. 28), eine rote !
Binde der Zeuspriester von Pergamon j
(Perg. Inschr. 40), einen purpurnen xixcuv
der Priester des Herakles von Tarsos
(Athen. 5, 215 c), ein Purpurkleid der
Kybelepriester (Ovid. Fast. 4, 339 f.).
Auch im römischen Kult war die r.e
Priestertracht allgemein. Überreste fin¬
den sich noch heute im Ritual der röm.-
katholischen Kirche im hellr.en Cingulum,
der violetten Cappa u. a. 311 ). Selbst die
Volkssage hat eine alte Erinnerung be¬
wahrt, wenn es in Obwalden heißt: „Die
Priester waren ehemals r. gekleidet, jetzt
schwarz, zur Trauer, weil die Christen
das hl. Land verloren haben“ 312 ).
Auch das Opfertier, das den Willen
der Gottheit beeinflussen soll, muß vor
schädlichen Einwirkungen geschützt wer¬
den. Deshalb werden Menschen, die
geopfert werden sollen, in eine r.e Jacke
gesteckt 313 ), Opfertiere mit r.en Woll-
troddeln oder Bändern behängt 314 ). Auch
dem Sündenbock der Israeliten wurde eine
r.e Schnur an den Kopf gebunden 315 ).
Positive (zeugende) Kraft vereinigt
sich mit der negativen (apotropäischen)
in den oft r. bemalten phallischen Götter¬
bildern. Der antike Priapus, die Pandus
der Hindus, die phallischen Götzenbilder
der Kongoneger u. a. fördern die Frucht¬
barkeit ebenso, wie sie die Fluren schüt¬
zen 316 ). Wenn in Griechenland u. a. das
Bild des Dionysos von Phigalia in Arka¬
dien r. bemalt war und in Rom das Ange¬
sicht des Juppiter Capitolinus-alljährlich
mit Minium gefärbt wurde (Plin. n. h.
33, 7) 317 ), so haben wir in dieser bei pri¬
mitiven Völkern zahlreich vertretenen 318 )
Bemalung des Götterbildes einmal das
Bestreben zu erblicken, die dem Bild
innewohnende Kraft durch die r.e Farbe
zu steigern, dann aber auch das Bild selbst
zu schützen. Für den römischen Jup¬
piter können wir das mit Sicherheit aus
der Pliniusstelle (n. h. 35, 17) schließen:
Fictilem eum fuisse et ideo miniari so-
litum. Das tönerne Bild sollte wohl durch
den Anstrich vor der allmählichen Zer¬
störung geschützt werden 319 ). Positive
und negative Kraft der r.en Farbe ver¬
banden sich schließlich auch in den Riten
der antiken Mysterien und Inkubation 320 ).
Auf die meist lustrierende oder apo-
tropäische Verwendung der r.en Farbe
ist wohl auch ihre ominöse Bedeutung
im Volksglauben zurückzuführen. Die
Verbindung des abwehrenden Mittels mit
den abzuwehrenden Dingen ist ja nahe¬
liegend 321 ). Wenn eine schwarze Quaste
neben einer r.en hängt, gibt es ein Un¬
glück (Ambras) 322 ). Kinder, welche bei
der Geburt einen r.en Flecken am Leib
haben, werden Nachzehrer 323 ); ein Kind,
das beim Schreien einen r.en Fleck auf
der Stirn bekommt, stirbt eines unna¬
türlichen Todes 324 ). Todesanzeichen sind
ein Kranz rotglühender Rosen um das
Licht oder ein rötlicherer Schein des
„ewigen Lichts“ 325 ). Blutr.er Himmel,
besonders am Neujahrs tag, verkündet
böse Zeiten, Pest, Hunger und Krieg 326 ).
Dasselbe bedeutet der r.e Schein eines
827
rot
828
Kometen 327 ), oder wenn das Wasser !
eines Brunnens oder Sees sich r. färbt 328 ).
Wenn die Bauersleute r.e Hüte tragen,
steht ein großer Krieg 329 ) oder das !
Weitende bevor 330 ). Zieht man einem
noch nicht einjährigen Kind r.e Schuhe
an, so kann es später kein Blut sehen 331 ).
Kinder, die r.e Läuse haben, beten nicht
gern 332 ). Soll ein Viehstall gebaut wer¬
den, so legen die Esten vorher Lappen
und Kräuter: kriechen r.e Ameisen da¬
rauf, so ist der Ort untauglich 333 ). Da die
positive Kraft der r.en Farbe aber auch
gute Dinge bewirken kann, wird das R.
in manchen Fällen auch als günstiges
Zeichen gedeutet. Daß Abendrot gutes
Wetter anzeigt, ist eine allgemeine
Ansicht. Das steht auch zu erwarten,
wenn am Abend die r.e Kuh zuerst vor
der Herde ins Dorf einzieht 334 ). Brennt
das Licht abends rosen, so kommt des
andern Tags Geld oder sonst ein Glück
(Chemn. Rockenphil.) 335 ). Das Mädchen,
welches zuerst einen r.en Maiskolben
findet, heiratet noch in demselben Herbst
(Ungarn) 33 «). Im Herbst blühende r.e i
Rosen deuten auf baldige Hochzeit |
(Deutschl.) 337 ). „So ein fraw fragt: was I
kinds, dünckt euch, das ich trage ? vnd
jr geantwortet wirdt: einen schönen sohn,
wirdt sie alsdann nicht r., so wisse, daß
es ein tochter ist" 338 ). Hat die erste Per¬
son, welche das Kind außer der Mutter
und der Hebamme sieht, ein r.es Tuch,
so wird das Kind Glück haben 339 ). Schlägt
der Kranke nach der letzten Ölung im
Evangelienbuch eine Seite mit r.gedruck-
ten Buchstaben auf, so wird er genesen
(Rumänien in der Bukowina) 310 ). Tragen
die Ebereschen viele (rote) Früchte, so
steht eine reiche Getreideernte oder ein
strenger Winter bevor (Schles.) 341 ).
Auch der indische und chinesische Volks¬
glaube kennt die r.e Farbe als günstiges
Omen 342 ).
112 ) Rochholz Gaugöttinnen 175. 113 ) Meiche
f,^ en 3 ^ 7 * Scheftelowitz Schlingenmotiv 58.
114 ) Wunderlich Rot 21. 116 ) ZfVk. 23 (1913),
250; Wunderlich Rot 18. 116 ) ZfVk. 23 (1913),
250. m ) Gihr Meßopfer 254 ff. «•) Tylor
Cultur 1, 400. 119 ) Meiche Sagen 108. 12 °) Ebd.
911. 121 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 233.
) Wunderlich Rot 18. 123 ) Panzer Bei-
trag 1, 15. 124 ) Meiche Sagen 22. 125 ) Ebd 381.
126 ) Archiv f. Frankfurts Gesch. u. Kunst 3
(1844), 114 ff. 127 ) Becker Köln vor 60 Jahren
(1922) 16. 12 ») Lütolf Sagen 146 f. Nr. So*
Meiche Sagen 187. Temme Pommern 311.
°) Bolte-Polivka 3, 19. * 3 *) SAVk. 23, 208.
) ZfVk. 23 (1913), 259. 133 } Schönwerth
Oberpfcih 2, 280. 285. 287. 134 ) Ebd ^
) Simrock Mythologie 2 488. * 36 ) Wunder¬
lich Rot 4 ff., wo zahlreiche Beispiele besonders
aus der Antike. 137 ) Marzeil Bayer. Volksbot.
178. 138 ) Weinreich PI eilungswunder 97 ff *
Wunderlich Rot 5. 1 39 ) ZfVk. 11 (1901), 32b'
14 °) Juli 1mg Tiere 342. *“) Tharsander 2,
661. 142 ) Zingerle Tirol 42 Nr. 359. * 43 ) ZfVk.
*3 ( I ^ I 3 )* 2 59 - 144 ) Seligmann Blick 1, 264.
) W einreich Heilungswunder 99, 2. 14e ) Schef¬
telowitz Schlingenmotiv 32 f. 147 ) Weinreich
Heilungswunder 97 ff. ii») Krauß Volk¬
forschungen 65. 1 49 ) ZfVk. 21 (1911), i 55 ; vgl.
Zachariae Kl. Sehr. 234. 15 °) Grimm Myth.
3 » 4bb Ni. 872. ZfrwVk. 1905, 283; vgl.
Bartsch Mecklenburg 2, 103. 152 ) Fogel Penn¬
sylvania 337 Nr. i 794 . iM) Hillner Sieben¬
bürgen 50. 154 ) Hovorka-Kronfeld 2, 17.
1M ) Fr anziska Hager Chiemgau (München
1927) 237. ««) Hovorka-Kronfeld 2. 274.
394; Lammert 267; Seyfarth Sachsen 234.
) Marzeil Heilpflanzen 116; Kräuterbuch 501.
) Zimmermann Volksheilkunde 28. 159 ) SA¬
Vk. 18, 116 bei Wunderlich Rot 6. 16 °) ZfVk 7
(i 897 )> 172. 161 ) Wuttke 355 § 532 . waj Ba j t .
stud - 33 (1883), 133. 163) MärzeII Kräuterbuch
130- 164 ) BIPommVk. 5, 14 f. Nr. 16. 165 ) Ebd.
106. 166 ) Strackerjan 1.91. 167 ) Wunderlich
Rot 10 f. 16 «) ZfVk. 3 (1893). 136 f. 168 ) Selig¬
mann Blick 2, 248. 251. 170 ) ZföVk. 6 (1900),
I2r v ) J ohn Erzgebirge 221. 172 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 146. 1 73 ) Wunderlich Rot 14 f.,
wo weitere Beispiele. 1 74 ) Sabbat 55 a, zitiert
bei Wunderlich Rot 15. * 7 *) Zachariae Kl.
Sehr. 229. 176 ) Meiche Sagen 805. 177 ) Hanßen
N Sagen aus Berg u. Mark 42. * 78 ) Stracker¬
jan 2, 115. 178 ) Frank. Hmt. 4, 36. 189 ) Wirth
Beiträge 4/5, 10. m ) Fischer Quatember 263;
Grab 1 nski Sagen 38; Rothenbach 34 Nr. 276.
) Gredt Luxemburg Nr. 233. 183 ) Hüser
Beiträge 2. 28. i« 4 ) Vgl. die fila discolora bei
Verg- Ecl. 8, 73; Ciris 371; Wunderlich Rot
12 f. 185 ) Spieß Obererzgebirge 9. 18ß ) BlPomm-
5 * 73 - 187 ) Zingerle Tirol 149 Nr. 1290;
vgl. Meyer Baden 117. i»8) Pollinger Lands¬
hut 212. 18 9 ) Schramek Böhmerwald 267;
ZföVk. 2, 157; ZfrwVk. 8, 147; Seligmann
Blick 2, 251, faßt es als apotropäisches Amulett
auf. 19 °) Seligmann Blick 2, 252. i # i) Thar¬
sander 2, 724 f. 182) Zingerle Tirol 190 f.
Nr * I 573 - 103 ) Birlinger Volksth. 1, 307;
Gredt Luxemburg Nr. 181; Wolf Beiträge 1,
71 f. 227; ZfdMyth. 2 (1854), 303. i« 4 ) Mar-
tiny Molkerei 5; Seligmann Blick 2. 251;
ZfrwVk. 1913, 271. i» 5 ) Fehrle Geoponica 15!
196 ) Frazer Golden Bough 1,1, 256 ff. 262; 3,20;
7,2, 232t.; Wunderlich Rot 16. 197 ) Jahn
Opfergebräuche 61. 198 ) Beispiele bei Wunder-
rot
830
829
lieh Rot 16 f. 199 ) John Westböhmen 60; Pol- 186 ff.; Toppen Masuren 41; Wunderlich
linger Landshut 209: Schullerus Siebenbürgen Rot 29; Urquell 4 (1893), 2x1; 6 (1896), 23t.
143; Schultz Alltagsleben 211; Zingerle 249 ) ZfVk. 17 (1907), 37 <>; 2 3 (1913). 257;
Tirol 149 Nr. 1291. 20 °) Drechsler 2, 214 t.; Samter Geburt 70. 25 °) Höfler Krankheits-
Marzell Kräuterbuch 256. 201 ) Wunderlich namen 26. 251 ) Globus 70, 3237. 252 ) Selig-
Rot 21. 202 ) Gaßner Mettersdorf 19: Hillner mann Blick 2, 255. 257. 263 ) Ebd. 2, 253.
Siebenbürgen 21 Nr. 2, 50. 203 ) Seligmann 254 ) Balt. Stud. 33 (1883), 117; Drechsler 1,
Blick 2, 252 f. 204 ) Ebd. 2, 250. 205 ) ZfVk. 23 208; 2, 237; Grimm Myth. 3, 466 Nr. 869;
(1913), 255 f. 20ß ) Seligmann Blick 2, 255. Grohmann 112 Nr. 835; Hmtbl. d. dt. Hmt-
i°7) Wolf Hess. Sagen 127 Nr. 194. 208 ) Thar- bundes Danzig 5 (1928), 10; Samter Geburt
sander 3, 256. 209 ) Seligmann Blick 2, 258. 186 ff.; Seligmann Blick 2, 252; Seyfarth
ai °) Ranke Sagen 11. 2U ) Eber hard t Land- Sachsen 48; Spieß Obererzgebirge 29. 25fi )
Wirtschaft 3, 13. 212 ) Burrigel Oeconom. Schatz - Strackerjan 2, 115. 258 ) Haltrich Sieben-
u. Kunstkammer (Stuttg. t 734) 138. 213 ) ZfVk. bürgen 259; Hillner Siebenbürgen 21 Nr. 2.
5 (1895), 30. 214 ) Haas Pomm. Sagen 50; IJse- 257 ) Schramek Böhmerwald 180. 258 ) Schultz
■dom 15 ff.; Meiche Sagen 577. 215 ) Abt Apu- Alltagsleben 198. 208; SAVk. 15 (1911), 12.
leius 76; Scheftelowitz Schlingenmotiv 45 ff.; 25> ) Grimm Myth. 3, 488 Nr. 32; Laube
Weinreich Heilungswunder 97 f.; Wunderlich Teplitz 27. 26 °) Boeder Ehsten 52. 261 ) John
Rot 21 ff.; ZfVk. 3 (1893), 137. 155. 21ß ) Vgl. Westböhmen 104; ZföVk. 14 (1908), 119.
noch Grohmann 156 Nr. 1127; Krauß Relig. 262 ) John Erzgebirge 52. 65; Seligmann Blick
Brauch 115; Lessiak Gicht 149; Martiny 2,248L 255; SpieQObererzgebirge36. 263 )Schön-
Molkerei ix; Seligmann Blick 2, 250 ff.; werth Oberpfalz 1, 267; ZfrwVk. 1907, 115;
Urquell 4 (1893), 211; ZfdMyth. 2 (1854), 228. Wuttke 387 §591. 264 ) Sartori Sitte u. Brauch
a17 ) Seligmann Blick 2, 248. 218 ) ZfVk. 11 1, 36. 265 ) Hillner Siebenbürgen 33. 124.
(1901), 375. 219 ) Köchling de coronarum vi 10. 266 ) Wunderlich Rot 33 f. 267 ) Schmidt
22 °) Seligmann Blick 2, 254t. 259. 221 ) Drechs- Gottesidee 341 f. 373; Wunderlich Rot 35.
ler 2, 61. 222 ) Seligmann Blick 2, 253 t. 268 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 29.
223 ) John Erzgebirge 54. 224 ) Schönwerth 269 ) Fehrle Volksfeste 75; Meyer Baden 321;
Oberpfalz 3, 256. 225 ) Hager Chiemgau 257 f. Wunderlich Rot 36 ff.; Zachariae Kl. Sehr.
228 ) Andree-Eysn Volkskundliches 70. 130h 243, 2; ZfVk. 23 (1913), 252. 27 °) Strackerjan
227 ) Ebd. 134. 228 ) Wunderlich Rot 23 f. 2,115. 2?I ) Seligmann Blick 2, 250. 272 ) ZfVk.
229 ) Globus 80 (1901), 304; Weinreich Hei - 23 (1913), 252. 273 ) Zingerle Tiro/16 Nr. 113, 2.
lungswunder 98. 23 °) Wunderlich Rot 27. 274 ) Grimm Myth. 3 , 487 Nr. 3. 275 ) Belege bei
231 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 215. 232 ) Wun- Wunderlich Rot 37; vgl. Samter Familien -
derlich Rot 27. 233 ) Martiny Molkerei 5. 11. feste 47 ff.; Weinhold Frauen 1,339. 276 ) Sam-
* 34 ) Köhler Voigtland 427. 235 ) Seligmann ter Familienfeste 47 ff.; Seligmann Blick 2,
Blick 2, 251. 23ß ) Fogel Pennsylvania 180 Nr. 252. 254; Wunderlich Rot 37f. 277 ) BlPomm-
866; Grimm Myth. 3, 475 Nr. 1098; John Vk. 5, 102; Erk-Böhme 197; Kuhn u.
Erzgebirge 196; Westböhmen 209; Jungbauer Schwartz 433 Nr. 282; Samter Familienfeste
Böhmerwald 49; Knoop Hinterpommern 171; 51; Seligmann Blick 2, 250; Schönwerth
Köhler Voigtland 428; Mannhardt Germ. Oberpfalz 1, 84; Weinhold Frauen 1, 339; Zin-
Mythen 11 f.; Sartori Sitte u. Brauch 2, 127; gerle Tirol 24 Nr. 149. 278 ) Drechsler 1, 257.
Schramek Böhmerwald 241; Sbbillot Folk - 279 ) Samter Familienfeste 51; Seligmann 2,
Lore 3, 228; Seligmann Blick 2, 250 ff.; 255 f. 280 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 85 f.
Spieß Obererzgebirge 29. 33; ZfdMyth. 2 (1854). 281 ) Ebd. 1, 65. 92; Baumgarten Aus der Hei-
302 f. 237 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, mat 3, 53. 282 ) Pollinger Landshut 252. 283 )Wun-
25, 1; Gröger Kulturdenkmäler aus d. Merse- derlich Rot 40. 284 ) Pollinger Landshut 255;
burger Land (1927) 50; Haltrich Siebenbürgen Samter Geburt 168 f.; Wunderlich Rot 42;
278 Nr. 1; Meyer Baden 397 f.; Seligmann ZfVk. 23 (1913)* 259 f.; 35/36 (1925/6), 159.
Blick 2, 250; ZfVk. 21 (1911), 108. 238 ) Marzell 285 ) Schullerus Siebenbürgen 113. 286 ) Zin-
Kräuterbuch 460. 239 ) Balt. Stud. 33 (1883), 129; gerle 20 Nr. 122. 28? ) Schmitt Hetlingen 22;
Bartsch Mecklenburg 2, 141 ff.; Drechsler Schönwerth Oberpfalz 1, 67. 288 ) Ebd. 1, 68. 70.
2, 109; Grimm Myth. 3, 468 Nr. 927; 475 289 ) Wunderlich Rot 46 ff. 29 °) Prähistor.
Nr. 1098; HmtK. 37 (1927), 112; Knoop Ztschr. 13/14 (1921/2), 5 f. 291 ) ZfVk. 23 (1913);
Hinterpommern 172; Martiny Molkerei 5; 254 f. 292 ) ARw. 11 (1908), 157. 293 ) Belege bei
Seligmann Blick 2, 250. 252; ZfVk. 6 (1896), Wunderlich Rot 47h.; ARw. 9 (1906), 4;
254. 24 °) Wuttke 440 § 693. 241 ) Seligmann ferner Köchling de coronarum vi 50. 53;
Blick 2,250. 242 ) Alpenburg Tirol 350; Selig- Pfister Reliquienkult 2, 435, 48; Samter
mann Blick 2, 250. 243 ) Ebd. 2, 250. 252. 375. Familienfeste 56 f.; Geburt 190 f.; Wächter
^ 4 ) Ebd. 2, 258 f. 245 ) Wunderlich Rot 29; Reinheit 44. 294 ) Samter Geburt 193 f.; ZfVk.
Samter Geburt 186 ff. 24ß ) RVV. 12 (1912), 47; 23 (1913). 262. 295 ) Rochholz Glaube 2, 251.
Samter Geburt 186 ff.; Wunderlich Rot 29; 296 ) Scheftelowitz ScÄ/iwgßwmoffv 26. 297 )ARw.
ZföVk. 2, 285. 247 ) ZfVk. 23 (1913). 251. 11 (1908), 406 f. 298 ) Wunderlich Rot 52.
248 ) Drechsler i, 208; Frazer Golden Bough 2M ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 117.
1, 400; Ploß Kind 1, 109; Samter Geburt 30 °) ZfVk. 17 (1907), 368. 370. 30i ) Wunderlich
831
rot
832
Rot 46. 302 ) Ebd. 55. 303 ) Ebd. 58. 3W ) Röchling
de coronarum vi 66. 305 ) ZfVk. 23 (1913), 262.
306 j Brückner Reuß 195; Grimm Myth. 3, 446
Nr. 368; Spieß Obererzgebirge 21. 307 ) Zingerle
Tirol 191 Nr. 1576. 308 ) Höhn Tod 7, 320.
309 ) Spieß Obererzgebirge 38. 310 ) Wunderlich
Rot 59 ff. 3n ) ZfVk. 23 (1913), 235; Wunder¬
lich Rot 60; Schef telowitz Schlingenmotiv
48 f. 312 ) Lütolf Sagen 555 Nr. 569. 313 ) ARw.
18 ( I 9 i 5 ). 34h. 314 ) ARw. 14 (1911), 297; Wun¬
derlich Rot 61 f. 315 ) ZfVk. 23 {1913), 235.
316 ) Bachof en Gräber Symbolik 294; Liebrecht
Zur Volksk. 395 f.; Sartori Sitte u. Brauch 2,
69; Seligmann Blick 2, 248; ZfVk. 23 (1913),
2 55. 317 ) Bachofen Gräber Symbolik 293;
Zachariae Kl. Sehr. 247 f.; ZfVk. 20 (1910),
143 f. 318 ) ZfVk. 23 (1913), 255 f. 319 ) Wun¬
derlich Rot 63. 32 °) Belege ebd. 64 ff. 321 ) Ebd.
72. 322 ) Zingerle Tirol 34 Nr. 250. 323 ) Wuttke
481 §766. 334 ) John Erzgebirge 55. 325 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 264; Baumgarten Aus
der Heimat 3, 103. 326 ) Fox Saarland 290. 308;
Haltrich Siebenbürgen 284; Strackerjan 2,
108; Zingerle Tirol 118 Nr. 1048. 327 ) Zin¬
gerle Tirol 119 Nr. 1067. 328 ) Fox Saarland
289; Pfister Hessen 49. 329 ) Pollinger Lands¬
hut 170. 33 °) Schönwerth Oberpfalz 3, 329t!.
331 ) (Fischer) Aberglaube 201; Grimm Myth.
3, 436 Nr. 40; Köhler Voigtland 423. 332 )
Schmitt Hettingen 14; Unoth 185. 333 ) Grimm
Myth. 3, 491 Nr. 99. 334 ) Dt. Museum 2 (1852),
584. 335 ) Grimm Myth. 3, 442 Nr. 252. 336 ) Lü¬
de ke u. Gragger Ungar. Balladen (1926), 127.
337 ) ZfVk. 23 (1913), 260 f. 338 ) ZfdMyth. 3,
314. 339 ) Grohmann 108 Nr. 777. 34 °) ZföVk.
2, 252. 34i ) Drechsler 2, 218; Marzeil Kräu¬
terbuch 95. 342 ) Wunderlich Rot 72; ZfVk. 23
(1913)» 261.
5. Die Sympathetik (Homöopathie,
Analogiezauber) ist diejenige Methode der
Magie, die Gleiches mit Gleichem ver¬
hüten, abwehren oder herbeiführen will.
Sie findet vor allem Verwendung in der
Volksmedizin. Bei Blutauswurf u. a.
verwendete man im Altertum vor allem
den Blutstein, eine Art r.en Eisenstein 343 ).
Von ihm sagt noch Tharsander (3,
271 f.): „Der Blut-Stein, zu lateinisch
Haematites, hat den Nahmen von der
Kraft das Blut zu stillen, welches ihm
zugeschrieben wird. Einige dieser Steine
sind dunkel-roth, andere purpurfarbig'
Noch heute wird in Albanien der Blut¬
stein bei blutenden Wunden angewen¬
det 344 ). Früher wurde eine Menge solcher
Steine, die fast alle heute noch in Herren¬
ringen getragen werden, als Kriegsschutz
angeboten (Rubin, Spinell, Karneol). So
soll z. B. der Rubin, ins Fleisch eingesetzt.
nach Ansicht der Inder vor Verwundung
schützen 345 ). Auch in manchen Gegen¬
den Deutschlands stillt man heute noch
innere Blutungen, Blutstürze durch Trin¬
ken einer Lösung von Blutstein in Essig
und lauer Milch 346 ). Ein r.es Band um
den Hals verhütet Nasenbluten 347 ). Er
wird auch angewendet gegen Rotlauf 348 ).
Bei Schnittwunden bindet man den
Herzfinger mit r.em Seidenfaden, daß er
fast schwillt 349 ). Nimmt ein Kind ab,
so bindet man ihm einen Faden r.er
Seide um den Hals und zieht ihn dann
einer Maus mit einer Nadel durch die
Haut über das Rückgrat. Dann läßt man
das Tier laufen. Ist es verdorrt, nimmt
das Kind wieder zu 35 °). Zur Beschleuni¬
gung der Menstruation hingen früher die
Weiber ein r.es Band am Standbild der
hl. Venice in der Kirche N.-D. von
Nogent-le-Rotrou auf 351 ). Gegen Rot¬
lauf und Scharlach soll auch ein Stück
r.en Tuches helfen 352 ). Ein älteres Mittel
ist: „Bluten der Noßen nim rothen letten
misch Essig drunter legs auf die Stirn
und Schlaff ist gut“ 353 ). Zunge oder
Lunge eines getrockneten Fuchses schützt
vor Rotlauf 354 ). Vor dieser Krankheit
ist auch sicher, wer einen Gimpel im
Haus hält 355 ) oder am Fastnachtsmorgen
eine geräucherte Blutwurst ißt 356 ). Auch
Rotrübenblätter sind gut dafür 357 ). Ge¬
gen Rotlauf wird auch folgender Segen
gesprochen: „Ich ging durch einen r.en
Wald, und in dem r.en Wald, da war
eine r.e Kirche, da war ein r.er Altar,,
und auf dem r.en Altar, da lag ein r.es
Messer. Nimm das r.e Messer und schneide
r.es Brot! Im Namen usw.“ 358 ). Beim
Rotlauf der Schweine legt man in Baden
um die Ränder der r.en Flecken r.e
Tücher oder bindet sie mit r.em Band
ab 359 ). Bluthamendem Vieh sucht man
mit Erdbeerblättern zu helfen oder läßt
es das Wasser trinken, in dem das Hemd
einer menstruierenden Frau gewaschen
wurde (Baden) 36 °). Blutkraut wird im
Volk eine ganze Reihe von Pflanzen ge¬
nannt, teils wegen der r.en Blüte, teils
wegen ihrer Verwendung als blutstillendes
Mittel 361 ). „Roth Sandel-Holtz und
Tormen tillwurtzel“ hat die Signatur des
i
Rotbart
Blutens 362 ). Diese Tormentillwurzel wird
vom Volk noch heute gegen r.e Ruhr
benutzt, ebenso bei übermäßiger Men¬
struation 363 ). „Wenn eine Jungfer ihre
Zeit nicht hat, brenn ein Stück Manns¬
hemd zu Zunder, misch es mit Tormen¬
tillpulver, Hauswurzel und Lilienöl und
gib es ihr ein“ 364 ). Auch Tee aus den
r.en Blüten der Taglichtnelke hilft in
solchem Fall (Baden) 365 ).. Andere r.-
blühende Pflanzen wie Seidelbast Tau¬
sendgüldenkraut u. a. sind wegen ihrer
adstringierenden Wirkung geschätzt 366 ).
Erdbeeren werden verwendet gegen
Bleichsucht, Frostbeulen, Sommerspros¬
sen, die „Rose“ und zur Heilung von
Wunden 367 ). Schädlich dagegen sollen
sie sein, wenn eine Frau sie während der
Menstruation 368 ), und allgemein, wenn
man sie noch nach Jakobi ißt (Baden) 369 ).
Außer der Volksmedizin verwendet vor
allem auch die eigentliche Magie solche
sympathetischen Mittel. Nachgeburt und
Nabelschnur begräbt man unter einem
Stock mit r.en Rosen, dann bekommt das
Kind r.e Backen (Baden, Franken, Würt- j
temberg) 37 °). Zu demselben Zweck i
schüttet man das Taufwasser und das j
erste Badewasser unter einen Rosen¬
strauch 371 ). Gibt man einem Säugling
zuerst statt des Breis von einem gebratenen
r.en Apfel zu essen, so bekommt es r.e
Backen (Chemnitzer Rockenphil.) 372 ).
Wenn man sich zum ersten Mal zur Ader
läßt, soll man das Blut unter einen Rosen¬
stock schütten, dann bekommt man r.e
Backen (Bayern) 373 ). Rotrübensalat
macht r.e Backen S74 ). Will man r.e
Hennen haben, so legt man r.gefärbte
Eier unter 375 ).
Aus derselben Gedankenwelt stammt
der Glaube, eine Schwangere solle nicht
in den Backofen kriechen (sehen), sonst
bekomme das Kind r.e Haare 376 ). Eine
schwangere Frau hatte großes Verlangen
nach Erdbeeren, da bekam das Kind ein
Muttermal von rötlicher Farbe 377 ). Eine
Frau erschrak, als ein mit R.wein ge¬
füllter Becher umfiel; sie griff jäh an die
Wange, und das Kind war sein ganzes
Leben lang mit einem weinr.en Flecken
im Gesicht behaftet 378 ).
B 5 chtol d *S täubli, Aberglaube VII.
-Rötel 834
343 ) Belege bei Wunderlich Rot 109 f.
344 ) Frazer Golden Bough 1, 165. 345 ) Grabins¬
ki Neuere Mystik 73. 346 ) Zimmeimann Volks¬
heilkunde 87. 347 ) Fogcl Pennsylvania 300
Nr. 1585. 348 ) Ebd. 367 Nr. 1961; Seyfarth
Sachsen 178. 349 ) Rochholz Kinderlied 334.
3&0 ) Grimm Myth. 3, 466 Nr. 872. 351 ) Sebillot
Folk-Lore 4, 170. 352 ) Alpenburg Tirol 350;
Schönwerth Ober pj alz 3, 269; ZföVk. 4 (1898),
217 353) Höhn Volksheilkunde 1, 84. 354 ) Boh¬
nenberger Nr. 1, 21; Curtze Waldeck 377
Nr. 44. 355 ) Zingerle Tirol 77 Nr.666. 356 ) Flü¬
gel Volksmedizin 59. 357 ) Fogel Pennsyl¬
vania 285 Nr. 1505. 358 ) FränkHmt. 2 (1923)»
39t.; Flügel Volksmedizin 39; Pollinger Lan^s-
hut 292; ZfVk. 1 (1891), 207. 359 ) Zimmermann
Volksheilkunde 109. 3G0 ) Ebd. 101. 361 ) Frisch -
bier PreußWb. 91. 362 ) Tharsander 3, 493.
363 ) Marzell Heilpflanzen 67 f.; ZfVk. 35/6
(1925/6), 173. 364 ) ZföVk. 3 (1897)» 277
365 ) Zimmermann Volksheilkunde 56. 366 ) Mar¬
zell Bayer. Volksbot. 169. 180; Heilpflanzen
129. 367 ) Ebd. 66; Zimmermann Volksheil¬
kunde 86. 368 ) Marzell Heilpflanzen 65. 369 )
Zimmermann Volksheilkunde 89. 37 °) Fränk.
Hmt. 3 (1924), 336; Höhn Geburt 4, 261;
Zimmermann Volksheilkunde 33. 371 ) Fogel
Pennsylvania 47Nr.no; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 179. 372 ) Grimm Myth. 3, 444 Nr.288.
373 ) Panzer Beitrag 1, 257. 374 ) Fogel Penn¬
sylvania 272 Nr. 1418; Spieß Obererzgebirge 7.
375 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 347. 376 ) Müller
Isergebirge 21; Schulenburg 107. 377 ) Pol-
lingei Landshut 238. 378 ) Fox Saarland 313.
Mengis.
Rotbart s. Meerbarbe,
Rotbuche s. Buche.
Rötel. In Würzburg trägt man öfters
Säckchen aus rosenfarbigem, mit rot¬
seidener Schnur zugebundenem Seiden¬
zeuge, worin kleine Stückchen Rötel
(zusammen mit gelbem Wachs und eini¬
gen Knospen von neuen Birkenbesen)
sich befinden; sie sollen den Rotlauf ver¬
treiben J ) (similia similibus: Rot gegen
Rot). Im „Hortus sanitatis, auf teutsch
Ein Garten der gesundheit“ (1485) be¬
findet sich ein Holzschnitt, der einen
Bauern darstellt, der gegrabenen Rötel
in einem Korbe zum Verkaufe trägt.
Er soll wohl nicht nur zum Putzpulver
der Hausfrau, als Farbe, Vergoldungs¬
grund, Glättemittel, sondern auch zu
Heilzwecken dienen. Im Texte wird er
als bolus armenus oder lutum armenum
bezeichnet (s. terra sigillata) 2 ). Auch
Lonicer nennt den Rötelstein armenischen
Bolus und verzeichnet seine Wirkungen
27
835
rothaarig—Rotkehlchen
836
gegen Pestilenz, Blutspeien, Schwind¬
sucht, Milz- und Leberleiden u. a. 3 ).
a ) Lammert 220; Hovorka-Kronfeld 2,
736. 2 ) Peters Pharmazeutik i, 35; Schade
1410 Sp. 2 (arm. Bolus); über die Heilkraft
des Rötels im Altertum s. PI in. n.h. 35 § 33;
zu der Bedeutung der roten Farbe ira Heil¬
zauber s. Weinreich Heilungswunder 17 ff.,
vgl. Ev. Wunderlich in RW. 20, 1 u. ZfEthn.
4S (iqiq), 1077 (Rötel Farbe des Lebens).
3 ) Lonicer 56. fOlbrich.
rothaarig s. Haar 3, 1250h.
Rotkehlchen, Rotbrüstchen, Röteli
u. a. (Erithacus s. lusciola rubecula) 1 ).
1. Natur. Das R. ist sehr neugierig 2 )
und läßt sich leicht fangen 3 ). Wie auch
andere Vögel, kann es Fallsucht haben.
Es liebt die A m s e 1 und hasst den Kauz 4 ).
Merkwürdig ist der englische Glaube,
daß das R. einen Erschlagenen, den es
findet, mit Laub und Moos bedecke 5 ).
а ) Vogelbrelim 511; Suolahti Vogelnamen
39ff.; schlesische Namen: MschlesVkde H. 19
(1908), 90; österreichische: ZfVk. 12,461.
2 ) Drechsler Schlesien 2, 228; MSchlesVk.
H. 19, 90. 3 ) Kühnau Sagen 3, 225f. 4 ) Ges-
ner Vogelb. 210. 5 ) Nach Swainson British
Birds 17 f. zuerst Ende des 16. Jh.s belegt.
Derselbe Glaube soll nach ihm in Deutschland
und Lothringen nachgewiesen sein, wofür uns
die Belege fehlen. Erwähnt noch bei Grimm
Myth. 2, 569 (nach Hone Year Book 64); Wolf
Beitr. 2, 436; Knortz Vögel 275 f. (mit.-engl.
Quelle v. 1616).
2. Dämonisches Tier. Grimm hatte
vorsichtig die Vermutung ausgesprochen,
daß das R. wegen seiner Beziehung zum
Blitz dem rotbärtigen Donar heilig sei.
Seine Nachfolger stellen das schon als
Tatsache hin, obschon kein bestimmter
Nachweis vorliegt 6 ). Auch, daß das R.
den Blitz anziehe, ist nur unsicher
belegt 7 ). Häufig dagegen ist der Glaube,
daß es vor Blitzschlag schütze 8 )
und überhaupt Unglück und Krankheit
abwehre 9 ). Daher werden diejenigen,
welche R. töten, plagen oder ihr Nest
ausnehmen, gestraft. Oft belegt ist der
Glaube, daß deren Kühe rote Milch
geben 10 ); der Blitz schlägt in ihr Haus 11 )
oder es brennt ab 12 ). Der Schädiger
bekommt die Fallsucht 13 ), Hände¬
zittern oder -lähmung 14 ) oder er stirbt
schwer 15 ).
б ) Grimm Myth. 2, 569.; Simrock Myth.
237; Mannhardt Germ. Mythen 13h;
Wolf Beitr. 1, 65. 101; Strackerjan 2, 163;
Meyer Myth. 209. 7 ) GrimmMy/A. 1,153 Anm.
(„aber das nistende R. oder Rotschwänzchen
scheint den Blitz herbeizulocken“); 2, 569: ,,den
Blitz zieht das Nest des Rotschwänzchens
heran“ (ohne Quelle). Freilich von diesem heißt
es 3 » 459 Nr. 704 bestimmt: „wo ein Rotschwänz¬
chen nistet, schlägt das Wetter ein“ (a. d. Ans-
bachischen); ebenso Meier Schwaben 1, 258.
8 ) Wuttke 121 § 160; 304 § 448; Knortz
Vögel 276 (Tirol); Panzer Beitr. 1, 265; Mann¬
hardt Germ. Mythen 13L; Strackerjan
2, 163; Drechsler Schlesien 2, 228; Pollinger
Landshut 150; SAVk. 20, 57; Manz Sargans
87. 9 ) Drechsler Schlesien 2, 228; SAVk.
20, 57; Manz Sargans 120. 10 ) s. Bd. 6,318
(Milchhexe § 11); Wuttke 121 § 160
(Tirol, Schwaben); Grimm Myth. 3, 456
Nr. 629; DWb. 8, 1310 (Pforzheim); Mann¬
hardt Germ. Mythen i3f.; BIPommVk. 5,31;
Birlinger Volkst. 1, 125; SAVk. 2, 223. 282;
20, 57; Tobler App. Sprachschatz 281; Steiger
Altschweiz. Frömmigkeit 1, 185; Kohlrusch
Sagenb. 341; Lütolf Sagen 334. 520; Rothen¬
bach Bern 33 Nr. 276; 37 Nr. 316. 317. 318;
Zahler Simmental 22; Manz Sargans 120;
Messikommer 1, 171; Swainson British
Birds 14. n ) Grimm Myth. 2, 569 (n. Tobler
App. Sprachsch. 281); BIPommVk. 5, 31;
Wuttke 121 § 160. 12 ) Rothenbach Bern
37 Nr. 315. 316. 13 ) Wuttke 121 § 160;
Knortz Vögel 275L (Tirol). 14 ) MSchlesVk,
H. 19,90; Wuttke a. a. O.; Knortz a. a. O.;
Swainson a. a. O. (Suffolk). lö ) Wuttke
a. a. O. (Böhmen).
3. Orakeltier. Aus dem Gesagten geht
hervor, daß das R. Glück ins Haus
bringt 16 ), insbesondere, wenn das Braut¬
paar beim Gang aus der Kirche einem
R. begegnet 17 ). Wenn das R. um Haus
oder Stall flattert oder sich hineindrängt,
sucht es Schutz vor einem kommenden
Unwetter 18 ).
16 ) S. a. Wuttke 121 § 160; 205 § 281;
Grohmann Abergl. 72. 120. 17 ) Hopf Tier¬
orakel 36. 133t. (n. Grohmann Abergl. 120).
18 ) Gesner Vogelb. 210; Hopf Tierorakel 133
(n. Aldrovandus Ornith.).
4. Sage. DasR. wollte Christum vom
Kreuz losmachen oder die Domen aus
seinem Haupte ziehen und hat sich dabei
die Brust mit Blut befleckt 19 ). Es ist
Feuerbringer, wie der Zaunkönig
(außerdeutsch) 20 ). Vereinzelt ist die
Amdtsche Erzählung, daß das R. und
die Kohlmeise einst M ä d c h e n gewesen
sei n 21 ), und die sächsische Sage von der
Verwandlung eines Pfarrers in ein
R. 2 J. In der Oberpfalz findet sich die
Fabel von dem Fuchs und dem R.:
837
Rotlauf, Segen wider—Rotschwänzchen
838
Fuchs: „Was tust du, wenn der Wind
von rechts kommt?“ R. steckt seinen
Kopf unter den linken Flügel. „Wenn
von links?“ Unter den rechten. „Von
vorne?“ Unter die Brust. Da frißt der
Fuchs das R., weil es ihn nicht sieht 23 ).
In Schlesien die Sage vom gefangenen
und nachher verschwundenem R. 24 ).
Unklar ist die sächsische Sage von der
Hexe, die „den Teufel in R.s Gestalt
(Hexe oder Teufel?) ans Wasser gebannt“
hatte 2ö ).
19 ) Drechsler Schlesien 1, 95; vgl. Knortz
Vögel 275f.; Swainson British Birds i3ff.;
Sebillot 3, 157. 20 ) Swainson a. a. O. i6f.;
Dähnhardt Nat. Sagen 3, 94ff. 21 ) Ebd.
3 » 45 9 - 22 ) Sieber Sächs. Sagen 297L 23 ) Dähn¬
hardt a. a. O. 4, 284 (nach Birlinger Nimm
mich mit 53). 24 ) Peuckert Schles. Sg. 131 f.
25 ) Meiche Sagen 493 (handschr. v. 1602).
Ho ff ma nn-Kray er.
Rotlauf, Segen wider. Der Haupt¬
segen wider R. (als Hautausschlag)
ist dieser, durch gedr. Buch sehr ver¬
breitete: „Ich gieng durch einen roten
Wald, und in dem r. W. da war eine rote
Kirche, u. in der r. K. da war ein r. Altar
und (usw.) auf... Brot und bei ...
Messer; nimm das r. Messer und schneide
rotes Brot“ 1 ). Also wohl Similia simili-
bus (Ist das Brot: Christi Leib?). —An¬
dere Sprüche gegen „R.“ vereinzelt 2 )
(vgl. auch Rose, Segen wider —, § 2).
*) WürttVjh. 13, 168 Nr. 41; ZfdMyth. 4,
104; Lammert 221 usw. Vgl. formell Grimm
Myth. 3, 502 Nr. XXXVIII (6). 2 ) Birlinger
Schwaben 1, 446; ZfrwVk. 4 (1909), 289; 22, 122
Nr. 27!.; Alemannia 25, 241 (vgl. Brandsegen
Anm. 10); Die Heimat 19, 227; ZfVk. 8, 389;
Bartsch Mecklenburg 2, 436 Nr. 2022. Ohrt.
Rotschwänzchen. Die Belege lassen
nicht immer mit Sicherheit erkennen,
ob es sich um das Haus-R. (Ruticiüa
tithys; nach Brehm: Phoenicurus ochru-
rus gibraltarensis) oder das Garten-R.
(R. phoenicura; Brehm: Ph. ph.) handelt;
in den meisten Fällen wohl um ersteres.
Wie das Rotkehlchen (s. d.), so soll auch
das R. dem Donar heilig sein 1 ) und
den Blitz anziehen 2 ) oder Feuers¬
brunst verursachen 3 ). Im Stalle nistend
verursacht es den Kühen rote Milch 4 ).
Anderseits schützt es vor Blitz 5 ) und
Feuer 6 ); überhaupt bringt es als „Mut¬
tergottesvogel“ (Tirol) Glück 7 ). Wer
sein Nest ausnimmt oder es sonst plagt,
oder gar tötet, dem schlägt der Blitz
ins Haus 8 ), oder dieses brennt ab 9 ).
Sein liebstes Haustier (bes. Kuh)
stirbt 10 ), seine Kühe geben rote Milch
(s. a. Rotkehlchen) 11 ), er wird von Epi¬
lepsie oder Händezittern befallen (vgl.
Rotkehlchen) 12 ) oder kommt durch Blitz¬
schlag ums Leben 13 ). So viele Junge
aus dem Nest genommen worden, so
viele Anverwandte des Frevlers müssen
sterben 14 ). Orakel. Wenn im Sommer
um 4 Uhr morgens das R. auf dem First
(wohl First ende) des Daches hockt, so
bleibt das Wetter schön, wenn mitten
auf dem First, gibt’s Regen 15 ). Wenn es
nur „quetschget“ statt zu singen, wird
innert 3 Tagen Regen oder Schnee
kommen 16 ). Singt es auf dem Dache, so
wird Feuer ausbrechen 17 ), fliegt es ums
Haus, so stirbt jemand darin 18 ). Brütet
das R. „unpaar“, so wird eines der Eier
ein Kuckuck 19 ). Medizinisch wird das
R.nest gegen Kopfweh verwendet 20 ).
0 ZfdMyth. 2, 306; Mannhardt Germ.
Mythen 13; Quitzmann Baiwaren 55; Vonbun
Beiträge 112; Birlinger Volkst. i, 503; Strak-
kerjan 2, 163. 2 ) Grimm Myth. 3, 459 Nr. 702
(Ansbach); Wuttke 304 § 447; Meier Schwaben
1, 258 Nr. 298, 2; Bohnenberger 1, 22;
Quitzmann Baiwaren 55 (m. weiterer Lit.);
Zingerle Tirol 77; John Erzgebirge 27.
3 ) John Erzgebirge 198. 235. 4 ) Quitzmann
Baiwaren (n. Leoprechting 81); Meier Schwaben
2, 513; Kuhn Westfalen 2, 72 (m. Lit.). 5 ) Leo¬
prechting Lechrain 81; Strackerjan 2, 163;
Baumgarten Aus der Heimat 1, 100; Zingerle
Tirol 78; Heyl Tirol 789. 790; Hörmann
Tir. Volksleben 457; Wuttke 121 § 160; 304
§ 448; John Erzgebirge 26. 6 ) Wuttke 400
§ 617; Quitzmann Baiwaren 55; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 87; John Erzgebirge 235;
Ders. Westböhmen 220. 7 ) Baumgarten
Aus d. Heimat 1, 100; John Oberlohma 164;
Zingerle Tirol 78. 8 ) Wuttke 121 § 160
(Schwaben); Wolf Beiträge 1, 232; Bavaria
4, 2, 328; Germania 36, 383 (Steierm.); Zin¬
gerle Tirol 77. ö ) Wuttke 121 § 160; Meyer
Baden 362; Kuhn Westfalen 2, 60 Nr. 179;
Grohmann Abergl. 72; Alpenburg Tirol 387;
Zingerle Tirol 77; Hörmann Tir. Volksl. 458.
In Steiermark zündet das R. das Haus mit
einer Herdkohle an: Germania 36, 383. 10 )
ZfdMyth. 2, 85 (Westf.); Kuhn Westf. 2, 76;
Zingerle Tirol 78; Hörmann Tir. Volksl. 458.
n ) Bohnenberger 1, 22; Meyer Baden 362;
Reiser Allgäu 2, 437; Zingerle Tirol 77 (auch
das Wasser im Haus wird rot); Vonbun Bei¬
träge 112; Friedli Bärndütsch 7, 443; Tobler
27*
Rübe
Rübezahl—rücken
App. Sprachschatz 281; Bülach (Kt. Zürich)
mündlich. 12 ) Zingerle Tirol 77. 13 ) Hör¬
mann Tir. Volksl. 458. 14 ) Zingerle Tirol
77 f- 15 ) Reit er er Ennstalerisch 59 t. 16 ) Schw-
Id. 6, 1776 (Unterwalden 18. Jh.). 17 ) Drechs¬
ler Schlesien 2, 228. 18 ) Zingerle Tirol 78.
19 ) Ebd. 20 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 161.
Hoffmann-Krayer.
Rübe (Brassica rapa).
1. Botanisches. Unter dem Namen
R. werden (botanisch) verschiedene Kul¬
turpflanzen mit fleischig verdickten Wur¬
zeln zusammengefaßt, z. B. die Weiße R.
(Brassica rapa), die Kohl- oder Steckr.
(Br. napus rapifera), die Runkelr. (Beta
vulgaris var. rapacea), die Möhre (s. d.)
oder gelbe R. (Daucus carota). Aus dem
volkskundlichen Schrifttum ist nicht
immer zu ersehen, um welche R. es sich
handelt, meist kommen wohl die beiden
ersten Arten in Betracht. Die weiße R.
wurde in Deutschland schon lange vor
der Römerzeit angebaut 4 ).
x ) Hoops Reallexikon 4, 1.
2. R.n darf man an keinem Mittwoch
säen, sonst werden sie doppelt, d. h. ge¬
spalten 2 ), offenbar wie der Mittwoch die
Woche in zwei Teile zerlegt. Ebenso
nicht am 15. Juli, denn da ist „Apostel¬
austeilung“ 3 ). Im Zeichen der Fische
gesteckt, bekommen die R.n keine
„Beine“ 4 ), in dem der Jungfrau schießen
sie in den Samen, vgl. Bohne (1, 1471).
Beim R.nbauen muß man einen großen,
breit krämpigen Hut auf setzen, damit die
R.n recht groß werden 5 ). Der R.nsäer
darf auf die Frage, was er mache, nicht
antworten „Rüble säen“, sondern er muß
sagen „Rüben säen“, dann werden die
R.n recht groß 6 ). Auch werden beim
R.nsäen Sprüche gesagt, für wen die R.n
bestimmt seien usw. z. B. in Baden:
„Ich sai Ruebe, Maidle un Buebe, Wenn
man aber davon stiehlt, gibs Gott, daß
mans nit spürt“ 7 ), in der Oberpfalz:
„Jetza saa i mei Roum füa d' Moidla und
füa d' Boum“ 8 ), in Unterfranken: „F sä
Ruba Für Mädli und für Buba, Für arme
und für reiche Leut, Daß ’s recht viel Ruba
geit“ 9 ). In Mittelfranken steckt man gegen
Hasenfraß an die vier Ecken des Feldes je
ein R.npflänzchen verkehrt (mit der Wur¬
zel nach oben) in die Erde und spricht:
Hos (Hase), die g’hert (gehört) dei(n).
Die andra g’here mei(n).
oder:
Die erste xnei(n).
Die zweite dei(n).
Und die dritte wieder mei(n) 10 ).
In Oberbayem muß man beim R.nsäen
für sich hinsagen: „Für mich und andere
Leut“, dann gibt es recht viel R.n. Ein
rechter Neidkragen hat einmal dabei
gesagt: „Für mich und mein Weib“, da
hat er nur zwei R.n geerntet 11 ). Ganz
ähnliche Bräuche lassen sich schon in der
Antike nachweisen. Columella 12 ) sagt
vom Säen der R.n: „servantque adhuc
antiquorum consuetudinem religiosores
agricolae, qui, cum ea serunt, precantur,
utet sibi et vicinis nascantur“. Wenn
man weiße R.n sät, darf man keinen
„Wind“ (crepitus ventris) gehen lassen,
sonst werden die R.n madig 13 ), vgl. Erbse
(2, 884 Anm. 115). Im Spessart und
im Odenwald pflegen die Bauern beim
Hacken der R.näcker die jungen Pflanzen
mit dem Rücken ihres Gerätes zu be¬
rühren, was das Ausschießen der R.n
verhindern soll 14 ). Die R.nkeimpflanzen
werden, wenn sie aus dem Boden schlüpfen
vom Blitz versengt: „Es hät d’ Reibe
wegblitzt“ 15 ). Man darf nicht in den
R.näcker gehen, wenn gebacken worden
ist, weil sonst die R.n kropfig werden 16 )„
man denkt offenbar an das im Backofen
„aufgehende“ Brot. Wenn man im Früh¬
jahr die R.npflanzen hackt und häufelt,
so darf man auf dem Acker kein Brot
essen, sonst fressen die Raupen alles ab 17 )..
2 ) Mar zell Bayr. Volksbot . 106. 3 ) Wengen,
B. A. Wertingen: Orig.-Mitt. v. Zinsmeister
1912. 4 ) John Erzgebirge 225. 5 )Marzell
Bayr. Volksbot. 116; in Frankreich muß*
zu demselben Zweck der R.nsäer einen dicken
Kopf haben: Rolland Flore pop. 2, 67. 6 )
Meyer Baden 422. 7 ) Meyer Baden 422.
8 )DG. 13, 183. 9 ) Marzell Bayer. Volksbot. 117.
10 ) Ebd. in. n ) Ostermünchen, B. A. Aibling:
Orig.-Mitt. von Kr inner 1909. 12 ) De re rustica
11, vgl. Plinius Nat. hist. 18, 131. 13 ) Drechs¬
ler Schlesien 2, 57. 14 ) Spessart 10 (1924/25),.
Nr.4,16. 16 ) Kummer Volkst. Pßanzennam. usw.
aus Schaffhausen 1928, 66; vgl. auch Schweiz Id.
6, 14. 1# ) Jäckel Oberfranken 199. 17 ) Marzell
Bayer. Volksbot. 118.
3. Verschiedenes. Ein Liebesorakel
findet sich in einem Arzneibuch des 12./13.
Jh.s: „Wellestü versuochen, welich wip>
gerne man habe, so nime ruobe unde
mule si in einem lininen tuoch: umbe
eine wile vindestü darinne wurme“ 18 ).
Will ein Mädchen erfahren, ob sie heiratet,
nimmt sie eine R. und einen Kohlrabi
und setzt beide zusammen in ein Loch im
Garten oder Feld, drückt den Lehm um
die Wurzeln fest und wartet, ob sich
beide Pflanzen entwickeln werden. Ist
dies der Fall, wird das Mädchen heiraten;
verwelkt aber eine Pflanze, so ist das ein
schlimmes Zeichen 19 ). Wer in seinem
R.näcker recht viele „Narren“ (aufge¬
schossene R.n) hat, bekommt viele Kin¬
der 20 ). Wenn eine R.npflanze auf dem
Feld weiße Blätter bekommt, so steht der
Tod des Besitzers oder eines Angehörigen
bevor (z. B. Mittelfranken), s. Bohne
(1,1472). Wenn es an Jakobi nicht regnet,
gibt es dicke R.n 21 ). Eine gute Getreide¬
ernte erwartet man, wenn die weißen R.n
recht üppig Samen tragen (vielfach in
Bayern). Ißt man den Zipfel einer
weißen Rübe, so pißt man ins Bett 22 ),
daher werden sie auch „Bettsaicher“
genannt 23 ). Der Glaube hat insofern
eine gewisse rationelle Begründung, als
die R.n sehr wasserreich sind. Die Kinder
glauben, daß man vom Essen der (rohen)
weißen R.n Läuse bekomme 24 ), s. Ampfer
(1.371)-
18 ) Sitzb. Wien 42 (1863), 148. 19 ) Melnik
in Böhmen: Urquell N.F. 1, 269. 20 ) Thierer
Ortsgesch. v. Gussenstadt 1912, 1, 245. 21 ) Wilde
Pfalz 144. 22 ) Z. B. Oberbayern: Orig.-Mitt.
von Pölcher 1909. 23 ) Vgl. auch Schmeller
BayrWb. 2, 212. 24 ) Wilde Pfalz 144.
Marzell.
Rübezahl s. Nachtrag.
Rubin, Griech. avopa£ = Kohle, lat.
übersetzt carbunculus, mhd. karbunkel;
rubinus (ruber rot) nach seiner Farbe
genannt,^: carbunculus, weil er, in die
Sonne gelegt, wie eine kleine glühende
Kohle blitzt und schimmert J ). Im
Mittelalter glaubte man, wer den Rubin
mit Züchten bei sich trage, dem könne
nichts schaden. So bekämpft er das Gift
und zieht böse Dünste an sich. Übel¬
wollen und Teufelswerk verschwinden
vor seiner Kraft; sein Träger ist gefeit
gegen die unterirdischen Mächte, die bösen
Geister und ihre Anfechtungen. Er schützt
gegen Zauber und unterrichtet seinen
Träger rechtzeitig von einer ihm drohen¬
den Gefahr durch Dunkelwerden 2 ). Zur
Zeit der Kreuzzüge war er ein bevor¬
zugtes Liebespfand; einer der schönsten
Romane W. Scotts, der „Talisman“,
handelt von dem Rubin 3 ). Nach Zedier
wurde er als Anhängsel getragen; man
glaubte, er bewahre vor Gift, stärke
das Herz, vertreibe die Schwermut und
ersetze die verlorenen Kräfte. In Loni-
cers Kräuterbüchlein heißt es, wer einen
Rubin bei sich trägt, ist vor bösen Kräu¬
tern sicher. Wer seine Augen mit dem
Rubin wischt, dem werden sie wieder
klar 4 ). Grimmelshausen sagt: Der Rubin
nimmt hinweg die Furchtsamkeit und
macht den Menschen fröhlich und glück¬
lich 5 ).
Als Monatsstein ist der Rubin für die
bestimmt, die im Juli das Licht der Welt
erblickten 6 ). Der Rubin wurde vielfach
mit dem sagenhaften Karfunkel ver¬
wechselt oder ihm gleichgesetzt (s. d.).
1 ) Schräder Realie* r . 2 1, 212; Brück¬
mann 28; Schade 727 s. v. rubin u. 1411.
2 ) Kronfeld Krieg 166; Hovorka-Kronfeld
1, 106; 2, 884; Schindler Aberglaube 159;
Seligmann 2, 31; Hellwig Kalender 58.
3 ) Westermanns Monatshefte 1916, S. 658 f.
4 ) Zedier s. v. Bd. 32, 1423; Lonicer 57;
Hellwig a. O. 5 ) Amersbach Grimmels¬
hausen 2, 63. 6 ) Hovorka-Kronfeld 1, 106.
7 ) Brückmann 88 u. 13; Quenstedt 301.
f Olbrich.
Rubit, Zauberwort in der Formel:
X Rubit x Rubet x 4 ) gegen Blutungen
vgl. Rubdit -j- Rubdit + Rubdit + 2 ) ge¬
gen das Reißen. In einem Gebet des Anti¬
dot arius animae von Salicetus (Straßburg,
Grüninger 1493) stehen die Zauber¬
worte 3 ): Ruba, Tch, homnogenus (6 yovo-
Y£v> 5 c?), fobos (epoßos), elyon (s. Eiion),
Pantheum usw., von denen die zwei
ersten unser Wort zu bilden scheinen,
vgl. auch Riscas. Rubries, Riscas melo-
nes usw. 4 ) gegen teuflische Anläufe.
*) Seyfarth Sachsen 173; Ohrt Trylleform -
ler 2, 129; Kronfeld Krieg 212. 2 ) Seyfarth
a. a. O. 155. 3 ) Thiers 4, 58. 4 ) Heim Incan-
tamenta 551. J acoby.
Rücken s. Nachtrag.
rücken (entrücken, verrücken, weg¬
rücken). Gewisse Gegenstände von ihrem
843
rücken
rückwärts—Rudolf us, f rat er
846
Platze zu r., ist gelegentlich notwendig.
Nach dem Tode des Hausvaters rückt
man alle Tische und Stühle 1 ) (Thü¬
ringen, Wetterau), die Blumentöpfe 2 ),
Fässer im Keller 3 ), das Krautfaß 4 )
(Oberpfalz). Am bekanntesten und
meisten verbreitet ist das R. der Bienen¬
stöcke 5 ), besonders wenn der Bienen¬
vater stirbt 6 ). Aber man rückt auch, wenn
andere Hausgenossen sterben, Getreide,
Mehl, Brot, Obst, Kartoffeln 7 ) (Schwa¬
ben), Mehltrog 8 ) (Blaubeuren), Essig¬
behälter 9 ), Krautfaß 10 ) u. a. u ); Blumen¬
stöcke 12 ), überhaupt sämtliches Haus¬
gerät l3 ), natürlich auch Bienenstöcke 14 ) ;
auch rückt man die Uhr noch heute viel¬
fach, wenn der Sarg aus dem Hause
getragen wird 15 ).
Bei dieser Form des R.s handelt es
sich vor allem darum, einen Schutz vor
der den Körper verlassenden Seele zu
finden; sie setzt sich sonst an verschie¬
denen Gegenständen fest 16 ), Genießbares
verdirbt dabei 17 ), Pflanzen gehen ein 18 ),
ebenso Bienen 19 ) u. a. Lebewesen. Ent¬
weder bewirkt die rechtzeitig vorgenom¬
mene Ortsveränderung, daß die Seele des
Verstorbenen, die im Hause bleiben will,
sich nicht mehr zurecht findet oder aber,
wenn sie sich bereits wo niedergelassen
hat, wird sie durch die Bewegung des R.s
verscheucht. Statt des R.s gibt es eben
auch ein Vertragen 20 ), Verstellen 21 ), Weg¬
hängen 22 ) (Vieh, Vogelkäfig), Aufheben
und Niedersetzen 23 ), mehrmaliges He¬
ben 24 ), „Lüpfen“ 25 ), Anstoßen 26 ), An¬
klopfen 27 ) u. ä. Vgl. Rütteln, Schüt-
teln!
Verwandt damit ist der Glaube, ein
Weib müsse, ehe es zu Bette gehe, den
Stuhl r., auf dem es gesessen war, damit
es der Alp nicht drücke 28 ).
Man rückt aber auch das Bett von der
Wand, um einem das Sterben zu erleich¬
tern 2Ö ). Zieht das neue Gesinde ein, so
muß das alte am Kasten r., um im lau¬
fenden Jahre nicht aus dem Dienste zu
kommen 30 ).
Das Verr. gewisser Gegenstände bringt
oft Unheil, so das des hölzernen Palla¬
diums zu Oberforchheim, wobei das ganze
Schloß in Flammen aufgeht 31 ); das
Wochenbett darf nicht verrückt werden,
sonst hat das Kind im Leben keine
Ruhe 32 ). Das Grenzsteinverrücken läßt den
Frevler im Grabe nicht Frieden finden 33 ),
bis er es gut gemacht hat; er wird zum
ruhelosen Gespenst 34 ), auch zum Kopf¬
losen 35 ), er muß als Toter den Grenz¬
stein mit den Zähnen übertragen 36 ), geht
als Feuermann 37 ) um oder als Irrwisch 38 ).
Schätze r. von selbst alle sieben
Jahre nach oben und wieder zurück,
wenn sie nicht gehoben werden 39 ); ver¬
grabenes Geld verrückt sich häufig 40 ),
ebenso auch ein Bett 41 ).
Helden sind in Berge entrückt 42 ) (s.
d.), die Seelen der Kinder werden als Elben
oder Engel in das Bergesinnei e zur Schar
der Perchta-Stampa-Holde entrückt 43 ).
Die Stampa „ruckt“ die Leute 44 ), macht
sie verrückt 45 ); Viehr. s. d.
Eine besondere Form des R.s, im Glau¬
ben der Menge des „Selbstr.s“, ist das
Tischr. das heute eine gewaltige Rolle
im modernen Aberglauben spielt;
scheint schon im Altertum bekannt ge
wesen und zum Wahrsagen benützt wor¬
den zu sein 46 ); im 19. Jh. wurde es in
Amerika neuerdings „entdeckt“ 47 ).
*) Wuttke § 726. 2 ) Wuttke § 726; I Sron-
ner Sitt u. Art 90 f. 3 ) Hörmann Volksleben
425- 4 ) Bronner Sitt’ u. Art goi. 5 ) Hörmann
Volksleben 425; ZföVk. 3, 279 (Oberöst.); 8,
50 (Böhmen); Grimm Myth. 3, 454 Nr. 576.
6 ) Andrian Altaussee 118; ZföVk. 8, 50.
7 ) Reichhardt Geburt, Hochzeit u. Tod (1913)
131 f. 8 ) Ebd. 9 ) Grimm Mythol. 3, 457
Nr. 664. 10 ) Bronner Sitt' u.Art 90 f. n ) Höhn
Tod 323; 12 ) Bronner Sitt ’ u. Art 9of.;Lam-
mert 115. 13 ) Reichhardt Geburt, Hochz. u.
Tod 131t.; Lammert 105. 14 ) Bronner Sitt .
u. Art 90 f; Reiser Allgäu 2, 314; Grimm
Mythol . 3, 454 Nr. 576. 15 ) Reichhardt a. a. O.
147; in Oberösterreich noch üblich. 16 ) Reich¬
hardt a. a. O. 131 f. i 7 ) Ebd. 18 ) Wuttke
§ 726; Bronner Sitt’ u. Art 90 f. 19 ) Hörmann
Volksleben 425; ZföVk. 3, 279; 8, 50; Grimm
Mythol. 3, 454 Nr. 576. 20 ) Andrian Altaussee
118; ZföVk. 8, 50. 21 ) Grimm Mythol. 3, 457
Nr. 664; Lammert 105. 22 ) Andrian Altaus¬
see 118; Grimm Mythol. 3, 457 Nr. 664; Lam¬
mei t 105. 23 ) John Westböhmen 167. 24 ) ZföVk.
3 , 279 (Oberöst.). 25 ) Birlinger Volksth. 1,
400. 26 ) Wrede Eifler Volkskunde 171; John
Oberlohma 144; ders. Westböhmen 167. 27 >
John Westböhmen 167; Grimm Mythologie 3.
458 Nr. 698; vgl. Naumann Grundzüge 88.
) Grimm Mythol. 3, 438 Nr. 125. 2 ») Reich¬
hardt a. a. O. 129. 30 ) Wolf Beiträge 1, 218
Nr. 200 = Sartori 2,42. 31 ) Rochholz Sagen 1,
362; vgl. Meiche Sagen 246 Nr. 315. 32 ) Köh¬
ler Voigtland 436. 33 ) Gloning Ober Österreich
57 = Baumgarten Jahr u. s. Tage 16; John
Westböhmen 179; Andree Braunschweig 273;
Müllenhoff Sagen 190 Nr. 260; 554 Nr. 609.
M ) Lauffer Niederd. Volksk. 78. 35 ) Andree
Braunschweig 272; vgl. ZfdMyth 4, 151. 36 ) An¬
drian Altaussee 64. 37 ) Wrede Eifler Volks¬
kunde 91. 38 ) Grimm Mythol. 2, 765. 3Ö ) Ebd.
2, 810; Mannhardt Germ. Mythen 151. 193.
40 ) Grimm Myth. 3, 288. 41 ) Meiche Sagen 249
Nr. 320. 42 ) Grimm Myth. 3, 286. 43 ) ZVfVk. 4
(1894), 454; vgl. Höfler Krankheitsnamen 524.
44 ) Heyl Tirol 660. 45 ) Höfler Krankheitsnamen
524. 48 ) Lehmann Aberglaube 377. 47 ) Ebd.
234 f. Webinger.
rückwärts (in Segenssprüchen) *).
1. Ein ganzer Spruch wird von hinten
nach vorne hergesagt, um so seine nor¬
male Wirkung aufzuheben oder in das
Gegensätzliche zu wenden. So wenn ein
vorher ausgesprochener Zauber annulliert
werden, oder wenn ein frommer Spruch
Böses wirken soll. Ersteres schon z. B.
Ovid, Metamorph. 14, 301, in späteren
Zeiten in den vielen, auch in Deutschland
verbreiteten Sagen von dem unkundigen
Leser des Zauberbuches 2 ); letzteres,
wenn das Vaterunser umgekehrt wird 3 ).
!) Lit. Feilberg ZfVk. 4> 385f.; Hälsig
Zauber Spruch 1030.; Blau ZfNeutest. Ws.
9, 207Ö. (jüdisches). 2 ) MschlesVk. H. 7, 45 ff.;
Ranke Sagen 30h 3 ) Norske Hexefml. Nr. 1339.
1367. 1451.
2. Innerhalb eines Spruches wird das
stufenmäßige Rückgehen eines Übels
veranschaulicht und vollzogen. So in
der mehrgliedrigen Verbannung (s. d.
§ 1) von innen nach außen nach dem
Schema „Vom Mark ans Bein“ usw. 4 ).
Weiter wenn ein kurzer Spruch, gewöhn¬
lich ein „Zauberwort“, z. B. Abraca-
dabra, bei wiederholtem Schreiben jedes
Mal um einen Buchstaben (von hinten
oder von vorne) vermindert wird.
Endlich kann durch R.zählen das
Rückgehen eines Übels, hier besonders
Hautleiden und Anschwellungen, erzielt
werden. Das älteste Beispiel wohl bei
Marcellus um 400 n. Chr.: „Novem glan-
dulae sorores, octo gl. s.“ usw., zuletzt
„una fit glandula, nulla fit gl.“ 5 ); dieser
literarisch bekannte Spruch wird öfters
als Muster gedient haben. Im 9. Jh.:
„Septem a tusella [sic]“ usw. 6 ). Um
900 altenglisch: „Neogone waeran Nod¬
ose s sweoster“ usw. 7 ), gegen Drüsen
u. dgl. Von da an bis um 1700 keine
Belege? In neuerer Zeit sind derartige
Sprüche sehr verbreitet; die Anfangszahl
ist sehr oft 9 wie bei Marcellus, auch
eine andere heilige Zahl, bes. 7 (77, 72).
Neben Formen, in denen das Übel als
eine Sippe (Schwestern, Brüder, Töchter)
dargestellt wird, stehen andere, die es
bloß mittelst Zahlen bezeichnen (,,9
Blattern“) oder die gar einfach rückwärts
zählen („9—8—7...“). Deutsch z. B.:
„Der hl. Petrus liegt im Grabe, 9 Würmer
hat er bei sich, 8 W. hat er ... keinen W.
hat er bei sich“ 8 ). „Rose, du bist von
Erde... 7. 6. 5. 4. 3. 2. 1 [sic]“ 9 ). —
Neuere Belege auch italienisch, franzö¬
sisch, englisch, skandinavisch, czechisch,
südslavisch, neugriech. usw. 10 ).
4 ) Anderer Art Urquell 2 (1891), 76 slavisch.
5 ) Marcellus De medicamentis 15, 102. 6 )
Heim Incantamenta 557. 7 ) JAmFl. 22, 170.
8 ) Wuttke § 231 Böhmen. 9 ) Engelien u.
Lahn 254 Nr. 133z’. Weiter z. B. ZföVk. 9» 218;
Wuttke § 492 Böhmen; ZfVk. 1, 214. 310 Böh¬
merwald; Bartsch Mecklenburg 2, 436 Nr. 2017;
Frischbier Hexenspr. 64.Nr. 3. 10 ) Pitre Bibbl.
delle trad. popolari Siciliane 19, 343; RTrp. 1,
37; ZfVk. 24, 156 Nr. 19; Black Folk Medicine
122 (nach ZfVk. 4, 385): DanmTryllefml.
Nr. 546ff. 566ff.; Norske Hexefml. Ni. 97ff.;
Hyltön-Cavallius Wärend och Wirdarne
413; Grohmann 181 Nr. 1268; ZfVk. 8, 388.
876L; Hovorka u. Kronfeld 2, 292; Selig¬
mann Blick 1, 377. Ohrt.
Rudolfus, frater. Der Bruder Rudolf
war nach Klappers l ) Untersuchung ein
deutscher, wohl schlesischer Zisterzienser¬
mönch, über dessen Leben wir indessen
nichts weiteres wissen. Wir besitzen
von ihm, außer Predigten, einen Traktat,
die Summa de confessionis discretione
in vier Büchern, vollständig nur in einer
Breslauer Handschrift des 13. Jahrhun¬
derts, eine Leipziger enthält nur Buch
2—4 unter dem Titel Liber de officio Che -
rubyn, eine junge Hs. zu Hannover hat
nur das erste Buch. Abgefaßt ist der
Traktat zwischen 1235 und 1250.
Der zweite Teil des Traktates spricht
im Anschluß an das erste Gebot vom
Götzendienst und gibt dabei in Kap.
8—10 eine Aufzählung dahin gehörender
abergläubischer Anschauungen und Bräuche
847
Ruf, Rufen
Ruhe—Rummeltopf
85O
1. de ydolcitria quam faciunt mutier es in
sortilegiis puerorum : Gebräuche bei Ge¬
burt, Taufe, Kinderpflege; 2. de sortilegiis
puellarum et malarum mutier um Zauber
von schlechten Weibern: Liebeszauber,
Schönheitszauber u. dgl.; 3. de sortilegiis
quae faciunt ut beatae sint : allgemeinen
Glückszauber. Abgedruckt sind diese
Kapitel mit kurzem Kommentar zuerst
von A. Franz 2 ), dann erneut mit Über¬
setzung und ausführlichen Erläuterungen
von Klapper 3 ).
Das von R. zusammengestellte Ma¬
terial ist zum kleineren Teil der theolo¬
gischen Literatur, dem Decretum Gratiani
und anderen, entnommen, weitaus das
meiste aber beruht, wie schon Franz ge¬
sehen hat, auf eigener Beobachtung Ru¬
dolfs, nach Klapper ,,der in der Beicht
abgefragte Schatz des Aberglaubens einer
Frau aus dem Volke“, wie er in der ersten
Hälfte des 13. Jh.s lebte. Diese Ursprüng¬
lichkeit der Aufzeichnungen macht R.s
Traktat zu einer der wertvollsten
Quellenschriften, die wir für dieses Gebiet
besitzen.
x ) MschlesVk. 17 (1910)» 19 — 57 - 2 ) Theol.
Quartalschrift 88 (1906), 411—436. 3 ) Mschles¬
Vk. a. a. O. Helm.
Ruf, rufen. Der unheimliche R. eines
Unsichtbaren, der etwa aus dem Walde
oder nachts vor dem Fenster erklingt,
und im Volksglauben in verschiedener
Weise gedeutet wird, kann verschiedenen
Erlebnisarten entstammen: entweder wer¬
den irgendwelche natürliche Geräusche
und Klänge durch den mythisch erregten
Hörer als sinnvolle Laute aufgefaßt
(Gehörsillusion), oder es handelt sich
um reine Halluzination x ). Welche der
beiden Möglichkeiten im einzelnen Falle
vorliegt, wird sich nur selten mit Sicher¬
heit entscheiden lassen. — Unheimlich
wird der Ruf vor allem dadurch, daß
der Hörer ihn auf sich selbst bezieht:
er glaubt sich beim Namen gerufen oder
sonst irgendwie „gemeint“ und fragt
sich, was der R. von ihm will, und wie
er sich zu verhalten habe.
Die häufigste Antwort faßt den R. als
einen „Vorspuk“, eine „Vorgeschichte“,
und zwar gilt er entweder dem Ange¬
848
rufenen selber: wer sich (dreimal) rufen
hört, ohne daß jemand da wäre, muß
sterben (allgemein) 2 ); oder einem An¬
gehörigen: hört man nachts seinen Namen
dreimal rufen, so ist das ein Vorbote eines
bald in der Familie eintret enden Todes¬
falles 3 ). Um den R. unwirksam zu
machen, wird geraten, man solle nicht
hinaussehen oder hinausgehen 4 ), jeden¬
falls nicht antworten 5 ); denn wer Ant¬
wort gibt, muß dem R. folgen 6 ). Aber
auch durch Nichtantworten kann man
den Rufenden (Toten) beleidigen, so
daß er den Gerufenen holt 7 ), und durch
Antworten kann man den Rufer ver¬
treiben 8 ). Gelegentlich heißt es genauer:
Auf Rufen vorm Fenster nachts soll man
erst beim drittenmal antworten oder
hinausgehen, sonst könnte man ver¬
unglücken oder sterben oder die Sprache
verlieren; denn der Rufende kann ein
böser Geist sein; wenn aber dreimal ge¬
rufen wird, so kann man antworten oder
hinausgehen, weil der Rufende ein reiner
Geist oder ein Mensch ist 9 ); auch eine
Hexe ruft nie dreimal 10 ).
Im übrigen taucht der R. in den ver¬
schiedensten Zusammenhängen auf: Die
Wöchnerin darf auf Rufen vor dem
Fenster nicht antworten; sonst wird
ihr das Kind vertauscht 11 ). — Der R.
des Irrlichts verlockt in den Sumpf 12 ),
der des Waldgeists in den Wald 13 ). —•
Ein weißes Weibchen ruft im Wald den
Mann beim Namen, wirft und foppt
ihn 14 ). — Dreimaliger Namensanruf
warnt 15 ). — Im Anfang des Jahres 1846
rief im Walde bei Karlsruhe die Stimme
eines Unsichtbaren die Worte: Teuer!
Feuer! Blut! Gut! Der R. war ein Vor¬
zeichen: es gab Mißwachs, Brände, Auf¬
ruhr und Krieg, und erst mit dem Frieden
wieder gute Zeit 16 ). — An einer. Stelle,
wo später ein Unglück geschah, hörte
man vorher die Hilferufe, die der Ver¬
unglückte dort nachher ausstieß 17 ), usw.
Zur mythischen Gestalt hat sich der
R. verdichtet z. B. beim Hemann (Ho-
mann, Hojemännel) 18 ), bei der Klage 19 ),
dem Scheidenroper 20 ), dem Ropenkerl 21 ).
Mehrere weitverbreitete Sagentypen
scheinen aus dem Erlebnis des Geister¬
-849
rufes herausgewachsen; so der Typus
vom „Tod des großen Pan“ 22 ) vom „un¬
heimlichen Tier“ („sind sie alle da?“
oder „Krachöhile, wo bist du?“ 23 ), „Die
Stunde ist da, aber der Mensch noch
nicht“ 24 )),der Ruf „Hol über!“ weckt den
Fährmann in den Sagen von der Zwergen-
überfahrt 25 ), der Schatzgräber verliert
den Schatz, wenn er auf den Namens¬
anruf antwortet und so das Schweigen
bricht 26 ), erlösungsbedürftige weiße Frau¬
en rufen ihren Erlöser beim Namen 27 ),
oder rufen um Hilfe 28 ), in den Ruf des
Wilden Jägers darf man nicht ein¬
stimmen 29 ), auch sonst den R. der |
Geister nicht nachahmen 30 ) u. dgl.
R.zauber: Wenn man da, wo es nie-
mand hören kann, dreimal laut den
Namen der geliebten Person ruft, so
zwingt man sie dadurch, an den Rufen¬
den zu denken (Samland) 31 ).
1 ) Ranke Volkssagenforschung (Breslau 1935)
36. 2 ) Wuttke 225 § 320. 3 ) Meyer Baden
578; Höhn Tod 310; MschlesVk. 21, 145.
4 ) Höhn Tod 310; vgl. Reiser Allgäu 1, 110;
Karasek-Strzygowski Nr. 376. 5 ) Oben 3,
502 Anm. 263 u. 264; MschlesVk. 21, 143;
Laistner Sphinx 1, 51. 6 ) Höhn a. a. O.
7 ) Karasek-Strzygowski Nr. 376. 8 ) Ebd.
Nr. 359 - 9 ) ZföVk. 4, 218 Nr. 579. 10 ) Meier
Schwaben 1, 189 Nr. 259. n ) Meyer Baden
43; Schönwerth Oberpfalz 2, 198. 200; Ba¬
varia 3, 1, 307; Wittstock Siebenbürgen 73.
12 ) Eisei Voigtland Nr. 447; Karasek-Strzy¬
gowski Nr. 213. 13 ) Ders. Nr. 245. 335. 343;
vgl. Meier Schwaben 1, 84 Nr. 92. 14 ) Ka-
rasek-Strzygowski Nr. 241 Anm.; vgl.
Nr. 615 Anm.; Reiser Allgäu i, no. 15 ) Ka¬
rasek-Strzygowski Nr. 616; vgl. Zingerle
Sagen Nr. 376; Stöber Elsaß 1, 27 Nr. 38
lö ) Baader Sagen i, 206 (— Künzig Sagen 40)
17 ) Strackerjan 1, 141. 18 ) Oben 3, 1707
19 ) Oben 4, 1439t. 20 ) Oben 3, 1157 Anm. 16
21 ) Strackerjan 1, 270. 22 ) Mannhardt
1, 9off.; Laistner Sphinx 1, 209f.; 2, 195;
Taylor Northern Parallels to the dcath of Pan
-(Washington Univ. Studies X, human, ser.
1, 1922); Ranke Volkssage 1 (Leipzig 1934 ).
52ff.; I. M. Boberg Sagnet otn den Store Pans
Död (Kopenhagen 1934). 23 ) Kuhn Westfalen
1, 324ff. 24 ) Ranke Sagen 2 199; vgl. Lieb¬
recht Gervasius 39. 25 ) K. St j er na Essays on
Beowulf (1012) 1030. ; oben 2, 1151 f. 26 )Köhler j
Voigtland 559; Eisei Voigtland Nr. 101. 27 ) Rei -
ser Allgäu 1,92 f. 347 t. 28 ) Müller Siebenbürgen
78. 29 ) Laistner Sphinx 2, 225; Plischke
Sage vom Wilden Heer im deutschen Volke (Diss.
Leipzig 1914) 72. 30 ) Laistner Sphinx 2, 219h.
31 ) Frischbier Hexenspruch 161. Ranke.
Ruhe. Nach dem Volksglauben kann
man jemandem „die R. nehmen“ oder
ihm „die Angst antun“ durch eine Art
von Bezauberung: Mädchen, denen der
Liebhaber entlaufen ist, suchen den Flüch¬
tigen durch den Zauber wieder zu ge¬
winnen 1 ). Geht ein Fremdes in die
Stube, so soll er niedersitzen, daß er den
Kindern die R. nicht mitnehme 2 ). Der
Fremde weicht von dem Eintretenden,
indem er sich niedersetzt. Jeder, der eine
Wochen- oder Kinderstube betritt, muß
sich einen Augenblick niedersetzen, da
er sonst der Wöchnerin oder dem Kinde
die R. mitnimmt 3 ). Die Sorge wendet
sich in besonderem Maße dem Kinde oder
der Mutter zu. Eine leere Wiege soll nie¬
mand wiegen, sonst wiegt man dem Kinde
die R. weg 4 ). Freitags dürfen keine Kin¬
der gebadet werden 5 ). Der üble Ein¬
fluß, den der Fremde haben könnte,
wird auch auf andere Weise abgewehrt:
Wer in eine Wochenstube mit einem Trag¬
korbe kommt, muß einen Span vom
Korbe brechen und in die Wiege stecken 6 ).
„Verschiedene schwere Vergehen, so
glaubt der Bauersmann, lassen den Men¬
schen, der, ohne daß er gesühnt hat,
stirbt, im Grabe keine R. finden“ 7 )
(Hunsrück). Das ist übrigens ein Glaube,
der sich überall findet. Auch be¬
sonders energische Persönlichkeiten, die
ins öffentliche Leben eingriffen, läßt die
Volksanschauung nicht R. finden 8 ). Die
R. des Todes wird im Volke hoch ge¬
schätzt. Man tut alles, um dem Toten die
R. zu geben 9 ). Solange der Leichnam
im Hause liegt, muß R. im Haus herr¬
schen 10 ). Bei den Russen heißt die
Osterwoche die schöne, herrliche, große
R.-Woche n ).
1 ) Seyfarth Sachsen 62. 2 ) Grimm Myth.
3, 435 Nr. 15. 3 ) Schultz Alltagsleben 199.
*) Grimm Myth . 3, 435 Nr. 22. 5 ) Ebenda 3,
437 Nr. 88. 6 ) Ebenda 3, 434 Nr. 1. 7 ) ZfrwVk.
1907, 122. 8 ) Bohnenberger S. 7. e ) Grimm
Myth. 3, 417 Nr. 23. 10 ) Höhn Tod 324.
ll ) Höfler Ostern ZföVk. 12 Suppl. IV.
f Boette.
Ruhr s. Nachtrag.
Rummeltopf. An vielen Orten nament¬
lich in West- und Norddeutschland bis
nach Jütland ziehen um die Weihnachts-
851
Rumpelmette—rund
Rune—Rupert, Ruprecht
854
und Fastenzeit — in Ost friesland auch
noch in der Karwoche 1 ) — Knaben mit
einem R. herum 2 ). Es ist ein mit einer
Ochsen- oder Schweinsblase überspannter
Topf; in der Blase ist ein aufrecht stehen¬
des Rohrstück befestigt, das man mit
der angefeuchteten Hand auf- und nieder¬
gleiten läßt, wodurch ein brummendes
Geräusch entsteht. Dazu werden Heische¬
lieder gesungen 3 ). In Mettmann wandte
man (1902) den R. beim ,,Austrommeln“
an 4 ). Der Brauch gehört zu den mannig¬
fachen Mitteln, böse Geister auszutreiben.
*) Nds. 8, 222; Lüpkes Ostfries. Volksk. 154t.
2 ) In Ostpreußen Brummtopf, in Ostfriesland
Hukelpott, im Emslande Huttefutte, im Ber-
gischen Fuppdöppen, in Steiermark Büllhäfen,
in Oststeiermark Homißkrug. 3 ) Sartori Sitte
3, 46. 98. 269; Nds. 6, 94 f.; 7, 108; 18, 257. 298.
320 f.; 21, 93 ff. 119. 183; NddZfVk. 7 (1929),
4°tf.; 8, 135h; Wossidlo Mecklb. 4, I 3 iff.
274g.; Mensing Schlesw. Wbch.4 , i87f.;Hoops
Sassenart 25f.; Brunner Osidtsche Volksk.
206; Wrede Rhein. Volksk. 2 247f.; ZfVk. 6
(1896), 433 (Anhalt); Gera mb Brauchtum 92
(hier beim „Brecheischrecken“); Feilberg
Dansk Bondeliv i 3 , 279; Bulletin de folklore
3 . 171h 4 ) ZfVk. 13 (1903), 226. Sartori.
Rumpelmette. In den letzten Tagen
der Karwoche machen an vielen Orten
an einer bestimmten Stelle des nächtlichen
Gottesdienstes nach Auslöschung der
Kerzen die Teilnehmer, namentlich die
Schüler, mit Klappern und Hämmern,
Stühlen und Bänken einen wilden Lärm,
den man als R. (Pumpermette, Dammer-
mette) bezeichnet x ). Das Getöse soll an¬
geblich die Entrüstung über die Tat des
Judas, den Lärm bei der Gefangen¬
nahme Jesu, den Aufruhr der Natur bei
seinem Tode oder seine Höllenfahrt ver-
sinnbüdlichen. Doch gehört es wohl eigent¬
lich unter die Mittel, die der Verscheu-
chung böser Geister gelten 2 ). In der
Eifel machten die Buben ein Gepolter
am Ostermorgen, wenn der Priester in
die Kirche trat, und nannten das „Jau-
desjagen“ 3 ). Im westfälischen Sauer¬
lande wird das gleiche Getöse in der Oster¬
nacht um 12 Uhr beim ersten Glocken¬
läuten der Auferstehung von den Schul¬
knaben in der Schule ausgeübt; es heißt
ebenfalls „den Judas jagen“ 4 ).
*) Sartori Sitte 3, 139; Reinsberg Fest¬
jahr 125; Panzer Beitrag 2, 554t.; SchwVk.
6 (1916), 31 f.; KblNdSpr. 2, 26 f. 91 (in
Crailsheim 1480); 3, 67 f. Bei den Juden in
der Bukowina wird am Purimfeste (einige
Wochen vor Ostern), so oft beim Vorlesen des
Buches Esther der Name Haman vorkommt, von
den Kindern mit Klappern gelärmt: Globus 8o_
158. Vgl. auch Mannhardt 1, 283. 2 ) ARw. ii„
148. Während bei der Christmette am Kar¬
freitag vom Ministranten gerätscht wird, soll
die Bäuerin ihren Spindeln die Spitzen ab-
schlagen und den Wicken am Rocken ver¬
brennen, damit die Hexe keine Arbeit hat
(Tandem in Oberbayem): Panzer Beitr. 2,
554. 3 ) Schmitz Eifel 1, 27. 4 ) Grimme Sauer¬
land 2 163. Sartori.
rund. Aus den abergläubischen Vor¬
stellungen, die sich an den Kreis (s. d.)
knüpfen, ist häufig die Vorschrift ent¬
standen, daß bei zauberischen Hand¬
lungen rund um einen Gegenstand herum¬
gegangen werden müsse.
1. Der Umgehende erlangt durch den
Rundgang Gewalt über den Gegenstand.
So hält in der Lüneburger Heide der
Brautwagen auf der Fahrt zur Kirche
bei einer alten Eiche an; die Brautleute
gehen dreimal stillschweigend rund um
den Baum, wobei die Braut Wein aus¬
gießt 4 ). Dieser Brauch deutet auf einen
alten Fruchtbarkeitszauber. Sein Zweck
tritt deutlicher zutage in dem ostfriesi¬
schen Glauben, daß der Vater dreimal
den Kinderbrunnen umschreiten müsse;
dann steige aus ihm das Kinderschiffchen
empor, dem er das Neugeborene ent¬
nimmt 2 ). Durch ähnliche magische
Rundgänge kann man die Zukunft er¬
forschen 3 ), einen Schatz heben 4 ) oder
eine Krankheit loswerden 5 ).
l ) Mackensen Nds. Sagen 230. 2 ) Ebd. 101.
3 ) Fehrl eZauber u. Segen 38; RogasFambl. 10, 8.
4 ) Mackensen Nds. Sagen 137. 5 ) Beitr. z.
Heimatk. d. Neumark (Landsberg 1925) 8, 112.
2. Der Umgehende schützt durch den
Rundgang den Gegenstand vor dem
Zugriff Fremder. Als ein Bauer sein
Geld in der Scheune vergräbt, läßt er
den Teufel dreimal rund um die Stelle
herumfliegen; nun kann keiner den Schatz
heben 6 ). Man sichert sein Land und
Gehöft vor Dieben, indem man unter
Absagen eines Zauberspruches dreimal
rund um alles herumgeht; ein einge¬
drungener Dieb kann dann aus eigener
Kraft nicht mehr aus dem umschrittenen
Kreise heraus 7 ). Der alte Sinn des
Zaubers ist vergessen, wenn in Ost¬
preußen als Grund für die Sitte, die
Schafe vor dem Austriebe dreimal rund
um ein auf dem Hofe ausgebreitetes
Handtuch zu treiben, angegeben wird,
daß dann die Tiere das ganze Jahr fett
und rund bleiben würden 8 ).
6 ) Mackensen Hanseatische Sagen 55 f.;
Nds. 1, 38. 7 ) Fehrle Zauber u. Segen 58.
8 ) NdZfVk. 8, 50.
3. Diese magischen Rundgänge übte
schon das klassische Altertum 9 ). Zu-
weüen hat sie die Kirche übernommen
und in ein christliches Gewand gehüllt.
So trugen die Helgoländer früher ein
Heiligenbüd rund um ihre Insel, bevor
sie zum Heringsfang auszogen 10 ). Der
in einem Feuer verborgene Teufel wird
vertrieben, dadurch daß der Priester mit
dem Hochwürdigsten in der Hand dieses
dreimal umschreitet 11 ), u. a. m. 12 ).
8 ) Samter Volkskunde 55; Usener Kl.
Sehr. 4, 255 ff. 10 ) Mackensen Hanseatische
Sagen 69; Müllenhoff Sagen 136. u ) Küh-
nau Oberschlesische Sagen Nr. 354. 12 ) Macken¬
sen Nds. Sagen 179; ZfdMyth. 1, 89.
4. Eine besondere Form dieser feier¬
lichen Rundgänge sind die Rundtänze;
sie sind schon aus dem Altertum be¬
kannt, und ihr kultischer Charakter liegt
dort klar zutage 13 ). Im deutschen
Volksbrauch tritt ihre alte Bedeutung
zurück. Frazer berichtet von Rund¬
tänzen, die im Elsaß 14 ), in der Pfalz 15 ),
Deutschböhmen 16 ), Flandern 17 ), Nord¬
frankreich 18 ) die Maikönigin vor jedem
Hause unter Absingen eines Verses auf¬
führen muß. Einen Rund tanz zur Oster¬
zeit führt Sartori aus Holland an lö ).
Wieweit sich in diesen Fällen alter er¬
starrter Glaube mit jungem Brauchtum
vermengt hat, läßt sich nicht mehr
entscheiden.
13 ) Ilias 18, 5980.; Festgabe Harnack z.
70. Geburtstag 630.; Samter Volkskunde
45 ff. 14 ) Frazer 2, 74. 15 ) Ebd. 2, 81. 16 ) Ebd.
2, 87. 1? ) Ebd. 2, 80. 18 ) Ebd. 2, 74. 19 ) Sar¬
tori Sitte 3, 163.
5. Vereinzelt und ohne Parallele in
Deutschland steht die antike Anschauung,
daß beim Ei das runde Ende weiblicher,
das spitze männlicher Natur sei, und daß
man daher der Glucke längliche und
spitze Eier unterlegen müsse, wenn man
Hahnenküken, rundliche aber, wenn man
Hennenküken haben wolle 20 ).
20 ) Bachofen Gr aber Symbolik 4 Anm. 1.
Vgl. Kreis, Rad Abschn. 6, um¬
kreisen, umlaufen, umtanzen, um¬
tragen. Tiemann.
Rune s. Segen §§ 13, 14.
Rupert, Ruprecht, alt Hruodper(a)ht,
Ruodpert, Ruopreht, Ruopert, jünger
Robert, hl., erster Bischof von Salzburg,
von Geburt ein Franke 4 ), nicht Ire,
angeblich als Bischof von Worms 696
vom bayerischen Herzog Theodo nach
Regensburg berufen, gründete auf den
Ruinen des alten Juvavum das Bistum
Salzburg 2 ), wirkte dann weiter in Bayern,
als dessen Apostel er später bezeichnet
wurde, starb um 715. Fest 27. März. Als
Attribut trägt er ein Salzfaß in der Hand,
das auf seine Beziehungen zum Salzberg¬
bau hinweisen soll. R. gilt noch heute
als Patron Bayerns, Kärntens, der Diözese
Salzburg sowie als Patron des Bergbaues.
Infolge naiver Verbindung des ersten
Teiles seines Namens mit rot und Um¬
gestaltung dieses in Rotprecht wurde R.
gegen Rotlauf 3 ) angerufen, galt daher
auch als sogenannter Plagheiliger. In
Thüringen und im Harz bildete R. mit
Valentin, Quirinus und Antonius die
„vier Botschaften“ 4 ), d. h. er war einer
der vier Heiligen, die samt den von ihnen
vertretenen Plagen bei Verwünschungen
zusammen oder einzeln gerufen wurden.
In Österreich erscheint das Bild des
Heiligen im sogenannten Fraisketterl 5 )
gegen Fraisen (Krämpfe, Kinderkrämpfe,
s. Frais). Aus ähnlicher naiver, volks¬
mäßiger Verbindung der Form Ruprecht
mit md. und mnd. rüp, rüpe, Raupe
schüttelte man in Mecklenburg an seinem
Tage vor Sonnenaufgang die Obstbäume,
um sie vor Raupen zu schützen 6 ). Wenn
in Österreichisch-Schlesien am R.tage
eine Puppe verbrannt 7 ) wurde, so hat
dieser Brauch keinerlei Beziehung zu dem
Heiligen, sondern ist ein Frühlingsbrauch,
der das Todaustragen um Mittfasten
betrifft und mit dem Tage des Heiligen
verknüpft wurde, weil der R.tag vermut¬
lich zur Zeit der Verchristlichung des
855
Ruß
856
Brauches diesem am nächsten lag.
Mancherlei Sagen 8 ), wie solche vom Ab¬
druck seines Fußes in einen Stein sowie
vom Hammerwurf zur Bestimmung eines
Bauplatzes für ein R.-Kirchlein, knüpfen
sich wie an andere Heilige so auch an ihn.
Durch die Übertragung seines Namens 9 )
in der Form Ruprecht auf die Schreck¬
gestalt in der Begleitung des heiligen
Nikolaus (Knecht Ruprecht) und durch
die Umbildung seines Namens in der
Form Rüpel und deren Übertragung auf
rauhbeinige Menschen wurde der Vor¬
name allmählich weniger beliebt oder
aber in der Form Robert 10 ) verliehen,
auch in Süddeutschland, wo ehedem die
Form Ruprecht sehr viel verbreitet war.
u AA. SS. Mart. 3, 699ff •; M. G. SS. 11, 8ff.
(Vita); Künstle Ikonographie 519. 2 ) Bruder
Der hl. Rupertus, Bischof von Worms und Salz¬
burg, in Wormatia sacra (1925) 70ff. Mit Hin¬
weisen auf weitere Literatur. 3 ) Weinhold
Die altdeutschen Verwünschungsformeln, Sitzb-
Berl. 1895, 6670.; ARw. 1, 1310.; Höfler
Botanik 24: St. Ruprechts-Kraut (Geranium
Robertianum), alt Orvale, entspricht der Herba
ruberti, Kraut gegen den Erdsturz oder Erd¬
fall oder Milzbrand, Rotlauf. 4 ) Siehe Quirinus
Anm. 3 und 10. 6 ) ZföVk. 13 (1907), 107.
6 ) Bartsch Mecklenburg 2, 256; Wuttke
417 § 648. 7 ) Vernaleken Mythen 294.
8 ) Reiser Allgäu 1, 376; Gräber Kärnten 87.
9 ) Nied Heilige 97; Meisinger Hinz und
Kunz 86; Schweizld. 6, 1199. 10 ) Ebd. 6, 70.
Wrede.
Ruß. Der Volksglaube an das Sein und
Wirken der Elemente bezieht sich nicht
nur auf diese selbst in ihrer reinen, land¬
läufigen Gestalt, sondern umfaßt auch
alle Abwandlungen und Begleitformen.
Das wird besondeis deutlich beim Feuer
(s. d.), wo der gesamte Vorgang des Bren¬
nens und Verbrennens (s. d.) begriffen
wird; der Feuerglaube ist nicht beschränkt
auf Licht und Flamme, er richtet sich
vielmehr mit fast gleicher Stärke auch auf
Rauch (s. d.) und Asche (s.d. und Kohle).
Zu diesen aber gehört wiederum als wei¬
teres Erzeugnis des Verbrennungsvor¬
ganges der R., dessen Rolle in Glauben
und Brauch mithin nur aus der Gesamt¬
vorstellung von der verzehrenden, reini¬
genden, vertreibenden, heilenden und
heiligen Kraft des Feuers verstanden
werden kann.
Daneben allerdings ist offenbar der
Umstand brauchbildend gewesen, daß der
R. als bequemes und billiges Schwär¬
zungsmittel für Maskierung und Schaber¬
nack dienen kann. Diese seine Verwen¬
dung unterliegt damit der Deutung von
Maske (s. d.) und Vermummung (s. d.)
schlechthin und ist darüber hinaus in
Beziehung zu setzen zur Überlieferung
von schwarzen oder geschwärzten Spuk¬
gestalten, unter denen gelegentlich auch
eine „Rueßgampellen“ und ein „Rueß-
chatz“ erscheinen 1 ).
1. Bei den großen Jahresfesten tritt
nicht selten an die Stelle von Vermum¬
mungen und Maskierungen das Schwär¬
zen der Gesichter mit Kohle und R.,
und zwar nicht nur bei den Feuerveran¬
staltungen 2 ), wo die Möglichkeit un¬
mittelbar gegeben ist, sondern vor allem
auch bei den Umzügen. Das gilt ins¬
besondere für die Fastnachtszeit, wo u. a.
am „r.igen“ oder „bromigen“ Freitag,
am ,.schwarzen“ oder „R.abend“ die
Hauptträger der Lustbarkeiten selbst
ber.t umherlaufen und den ihnen Begeg¬
nenden das Gesicht schwärzen 3 ).
Im westböhmischen Plan hatten ver¬
mummte R.n - asbläusa“ beim Fa¬
schingszug die zur Ungeziefervertilgung
benutzten Schweinsblasen statt mit Grün¬
span mit R. gefüllt 4 ). Beim Schemen¬
laufen in Imst war ein ,,R.ler“ tätig, der
als Kaminfeger zu den Fenstern einstieg
und den Mädchen das Gesicht schwärzte 5 ).
Das führt hinüber zu dem Ansehen, das
der Kaminfeger (s. d.) überhaupt ge¬
nießt, besonders zur Silvesterzeit; nicht
nur sein Angang ist glückbringend, sondern
vor allem auch der R., den man durch
Abstreifen auf sich überträgt 6 ).
*) SchwVk. 11, 10. 2 ) Vgl. Freudenthal
Feuer 244. 258. 272. 208 (Notfeuer). 3 ) Belege
bei Sartori Sitte 3, 337; dazu Mannhardt 1,
543 f. 546. 606; SAVk. 2, 165; 21, 71. 4 ) John
Westböhmen 42. 5 ) Hör mann Volksleben 13.
®) Oben 4, 941.
2. So wird der R. von Herd oder Ofen
überhaupt ein Abwehrmittel, wie be¬
reits im Altertum gegen den bösen Blick 7 ),
so in Deutschland gegen Hexen und
Teufel 8 ). Verhexte Milch setzt man unter
Zusatz von Salz und Ofenr. dem Feuer
857 Ruß 858
aus 9 ); drei ,,Schrap“ vom Teekessel in
den Tränkeimer getan, schützt die Kuh
nach dem Kalben 10 ), und wenn man die
Hände vor dem Säen mit R. aus dem Ka¬
min oder der Feuermauer reibt, kommen
keine Erdflöhe, soweit man Samen
gestreut oder gesteckt hat n ).
7 ) Seligmann Blick 2, 96. 245. 8 ) Stracker-
jan 2, 224; Wuttke 132. 281. ®) Leoprech-
ting Lechrain Neudr. 1, 34; Jahn Pommern 151.
10 ) ZfVk. 24, 61. n ) Drechsler 2, 56.
3. Bedeutend vielfältiger ist die Ver¬
wendung von R. im Heilzauber aller
Art 12 ). So bestreicht man z. B. gegen
Rotlauf den kranken Teil unmittelbar
mit Ofenr. 13 ). Meistens aber versetzt
man ihn für solche Zwecke mit anderen
Stoffen. Wie schon im zweiten Gudrun-
liede der Edda schwarzer Herdr. einem
Vergessenheitstranke beigemischt wird 14 ),
so verwendet ihn die jüngere Volks¬
medizin in Heiltrank und -speise. Gegen
Kolik ,,nimm R. vor dem Ofenloch, das
glitzert, mach ihn rein, tu denselben in
ein Gläßel voll guten Branntenwein, und
dasselbige ausgetrunken“ 15 ). Klein¬
kindern, die häufig aufwachen, weinen
und schreien, gibt man R. im Brei zu
essen 16 ) oder „Rauchschwärze von einer
Lichtscheere“, mit öl vermengt, zu trin¬
ken 17 ). Für Gichtkranke ist ein Likör
heilsam, dem R. beigemischt ist, den sie
im Schornstein dreimal von oben nach
unten abgekratzt haben 18 ). Kienr. in
Hefebranntwein hilft gegen Blähungen
und mit Krautwasser eingenommen,
„putzt er den Darm gründlich aus und
ist fast in allen Krankheiten gut“ lö ).
Bei Viehkrankheiten tut man ihn, der
während des Ave-Maria-Läutens aus dem
Schlauche eines Kochofens genommen
sein muß, mit Salz zusammen und reibt
damit jedem Stück einmal täglich Zunge
und Zähne ab 20 ). Haben dagegen die
Kühe den „stertworm“, so wird ein Brei
aus Terpentin, Salz und R. in eine in den
Schwanz geschnittene Kerbe gerieben 21 ),
und für derartige äußerliche Behandlungen
finden wir den R. auch als Salbenbestand¬
teil erwähnt 22 ).
12 ) „Beim Brandopfer, das die Gottheits¬
speise durch Feuer verbrannte unter Bildung
von Ruß und Asche, waren selbst die über¬
bleibenden Knochenteile, die Brandasche, der
Opferrauch, der ausfließende Oigansaft aus
Brandholz und Tierorgan und der Ruß des
Räucherharzes die Vermittler des göttlichen
Segens, und als solche wurden sie zu zauber¬
haften Heilmitteln“: Höfler Organotherapie 24.
13 ) Lammert 221 = Wuttke 348; Jäckel
Oberfranken 226. 14 ) Höfler Organotherapie 24.
15 ) Alemannia 31, 178. X6 ) Höhn Geburt 276.
17 ) Krauß Sitte 547. 18 ) Drechsler 2, 308.
| 19 ) Buck Volksmedizin 37. — Ethnographische
Parallelen bei Hovorka u. Kronfeld 2, 105
(Ruthenen). 130 (Rumänen in Südungam).
| 20 ) ZföVk. 3, 4. 21 ) Heckscher Hannov. Volksk.
123. 22 ) Lammert 181.
4. Wie Feuer (s. d. und Pyromantie),.
Rauch (s. d. und Kapnomantie) und
Asche (s. d. und Tephramantie), so tritt
auch der R. in der volkstümlichen Weis¬
sagung auf. Allerdings handelt es sich
dabei— sehen wir von einem Zeugnis Hart-
liebs 23 ) ab, nach dem der R. in der ge¬
heimwissenschaftlichen Mantik bei einer
Art Spiegelwahrsagung (vgl. Katoptro-
mantie) Verwendung findet —nahezu aus¬
schließlich um eine schlichte Vorzeichen¬
deutung. Vereinzelt wird die Auffassung
überliefert, daß ein häufiges Ansetzen
kleiner R.funken an der Pfanne während
des Kochens einen Zank voraussagt 24 ).
Im übrigen wird ein solcher Vorgang
nur auf das Wetter bezogen.
Glüht die Pfann\
hält's Wetter an,
heißt es in Tirol 25 ). „Dat wille Füer
löppt“, sagt man am Hellweg, wenn der
R. an Boden und Wand eines vom Feuer
genommenen Topfes in aufzuckenden
Lichtern nachglüht; „de Kaut brennt,
et geätt anner Wier“ 26 ). Und dieses an-
dereWetter ist fast ausnahmslos schlecht 27 );
insbesondere deutet der glühende R. unter
den Kochgeräten, am Herdring oder an
der Feuerlochtür 28 ), das an der Pfanne
hängengebliebene Glütlein 29 ), der bren¬
nende „Rost“ am Kaffeekessel 30 ) und
der „Sott“funken am Grapen 31 ) auf
Regen, und das Gleiche gilt, wenn der
„Sott leckt“ 32 ), d. h. der R. im Schorn¬
stein oder in Räucherkaten vom Gebälk
feucht herab tropft 33 ).
23 ) Hartlieb Kap. 84 (Ulm Hartlieb 51):
„Mer ist ein tugenlicher list jn der kunst, das
die maister nemen öl vnd rüß von ainer pfannen
vnd salben auch ain rains chind . . . die hanndt
vnd machent das vast gleysent“. Sie lassen
359
Russen
rütteln
Rüttelweiber
862
860 361
Sonnen- oder Kerzenlicht auf die Hand schei¬
nen, ,,das chind darein sehen vnd fragen dann
das chind, wärnach sy wollen“. 24 ) SAVk. 21, 32.
25 ) Heyl Tirol 798. 28 ) ZfrwVk. 17, 42; Sartori
Westfalen 24 f. 27 ) Schmitt Hetlingen 18;
Mensing Schlesw. Wb. 4, 696; SchwVk. 10, 34.
28 ) Heck scher Hannov. Volksk. 43. 2# ) Schw¬
Vk. 12, 18. 30 ) Pröhle Harz 73. 31 ) Kück
Lüneburger Heide 193. 32 ) Kock Volks- und
Landeskunde der Landschaft Schwansen. Heidel- j
berg 1912. 129. M ) Mensing Schlesw . Wb. 4,
696.
5. Der Kamin wird von Heimchen
befreit, wenn man bei Vollmond den R.
entfernt 34 ). Fegt man ihn am Karfreitag,
brennt er nicht aus, bleibt das Haus ein
Jahr lang vom Feuer verschont 35 ).
34 ) SAVk. 24, 65. 35 ) ZfVk. i, 180 (Branden¬
burg); Baumgarten Jahr u. s. Tage 21.
Freudenthal.
Russen. Volkstümliche Bezeich¬
nung der blatta germanica, einer bräun¬
lich gefärbten Schabenart, die sich als
Hausungeziefer höchst unangenehm be¬
merkbar macht. Den deutschen Namen
Russen verdanken diese Insekten der
Meinung, sie seien von Rußland einge¬
wandert, während umgekehrt der Russe
sie als Preußen ( Prussaki ) J ) bezeichnet
in dem Glauben, Preußen sei ihr Stamm¬
land 2 ). Im Rumänischen findet sich rus
und prus 3 ). Im Gegensatz zu den Rus¬
sen heißen die schwärzlich gefärbten
Küchenschaben Schwaben (siehe un¬
ter „Schabe“).
1 ) Rolland Faune 3, 281. 2 ) Brehm Tier¬
leben 3. Aufl. 9, 573. 3 ) Hiecke Tiernamen 141.
Riegler.
Rüster s. Ulme.
Rute s. Zweig.
Rutenfest. In verschiedenen Orten
Oberdeutschlands und der Schweiz eine
Bezeichnung für ein Schulfest, die Mai¬
tagsfeier der Jugend, auch Rutenführen,
Rutengang, Stabenführen, Virgatum-
gehen genannt. Die Kinder zogen in halb¬
militärischem Aufzug mit Trommeln und
Pfeifen in den Wald, spielten dort und
kehrten, jedes mit einem Zweig in den
Händen, in die Stadt zurück. Gewöhn¬
lich wird die Entstehung dieser Feste (sie
sind in dieser Gestalt seit 1426 nachzu¬
weisen) an ein geschichtliches Ereignis
angeknüpft wie das auch hierhergehörende
Naumburger Kirschenfest. Mitunter sind
sie in den Sommer oder Herbst verlegt.
Auch das Gregoriusfest (s. Gregorius)
wird öfters als Rutenfest bezeichnet 1 ).
*) Rochholz Kinderlied 490 ff.; Ders.
Teil 13 f.; Ders. Sagen 1, 84 f. (Brugg); Herzog
Schweizersagen 2, 43 t. (Brugg); Meier Schwa¬
ben 438 b (Ravensburg); Birlinger Volkst.
2, 270 ff. 458 (Ravensburg); Bayerischer Hei¬
matschutz 21 (1925), 45 ff. (Nördlinger Staben¬
fest); DG. 11, 212 f.; Reinsberg Festjahr 2 295;
Bayld. 1 (1890), 31 ff. 41 ff. = HessBl. 6, 154.
Sartori.
Rutengänger s. Wünschelrute.
rütteln. Das R. entspricht in vielen
Fällen dem Rücken und Schütteln (s. d.),
insbesondere nach einem Todes¬
fall, wenn man verhindern will, daß sich
die aus dem Körper fahrende Seele im
Hause festsetze 1 ). Da rüttelt man das
Weinfaß 2 ), den Essigbehälter 3 ), das Sa¬
mengetreide und das Mehl im Kasten 4 ),
überhaupt „alle Frucht“ 6 ), • Bienen¬
stöcke 6 ) und Blumentöpfe 7 ). Sonst
auch erst, wenn die Leiche aus dem Hause
getragen wird, und zwar wiederum Fäs¬
ser 8 ), Krautbottiche 9 ), Essig 10 ), alles
[ Genießbare 11 ), Bienenstöcke 12 ), Vogelkä¬
fige 13 ), Blumen 14 ). Meist aber rüttelt man
dann, wenn eine Hauptperson stirbt,
alles 15 ), so bes. beim Tode des Haus¬
vaters 16 ) (Baden, Schwaben, Schweiz)
z. B. Fässer mit Wein und anderem 17 ),
beim Tode des Bauern oder der Bäuerin
alles Bewegliche, das Genießbares ent¬
hält 18 ), beim Tode des Meisters den Mehl¬
sack und die Saatfrucht 19 ).
Zur Erklärung ist das unter rücken
Gebrachte anzuziehen.
Das Geld in der Tasche soll man un-
beschrien r., wenn man den Kuckuck zum
ersten Male hört 2°); die Gebärende wird
von der Hebamme an den Füßen gerüttelt,
wenn das Kind „angewachsen ist“, d. h.
wenn sich der Gebärakt lange hinaus¬
zieht 21 ). Liegt hier vielleicht eine rein
mechanische Voraussetzung zugrunde, so
verbindet sich mit R. doch offenbare
Zauberwirkung, wenn die Mädchen in
der Andreas- und Thomasnacht die Bett¬
stätte r., um den künftigen Mann zu
zwingen, sich zu zeigen 22 ), oder wenn man
an der zum Nachbarhofe führenden Türe
rüttelt, um dessen Hühner zum Herüber¬
legen der Eier zu nötigen 23 ). Ein Schwarz¬
künstler brauchte nur den seinem Pferde
abgenommenen Zaum zu r., um es wieder
•erscheinen zu lassen 24 ); rüttelt man einen
Toten an der großen Zehe, so verliert man
alle Furcht 25 ) (Schwarzwald). Das R.
ist auch unter Umständen offenbar von
Dämonen bewirkt, so deutet es, wenn in
einer Werkstätte das Werkzeug zu r.
anfängt, auf baldige Arbeit 26 ); übrigens
rüttelt auch das Fieber 27 ) (vgl. Schütteln),
und der gekränkte Berggeist rüttelt den
Beleidiger nachts unsanft wach 28 ); die
Rüttelweiber (s. d.) des Riesenge¬
birges endlich sind dämonische Wald¬
meister 29 ), deren Leben mit dem der
Bäume verbunden ist.
l ) Vgl. Mogk Myth. 254. 2 ) SchwVk. 5, 30
(mit einiger Literatur); Grimm Myth. 3, 467
Nr. 898; 454 Nr. 576. 3 ) Grimm Myth. 3, 454
Nr. 576. 4 ) Lammeit 105. 6 ) ZfrwVk. 1, 41 (mit
Literatur) = Wolf Beiträge 1, 214 Nr. 143.
*) Grimm Myth 3, 454 Nr. 576. 7 ) Birlinger
Schwaben i, 396. 8 ) öst.-ung. Monarchie, B.
•Oberöst.-Salzburg 137; Meyer Volkskunde
(1898), 269. ö ) Ebenda. 10 ) Ebenda. n ) Mey-
•er Baden 583. 12 ) Öst.-ung. Monarchie a. a. O.
13 ) Meyer a. a. O. 14 ) Ebenda. 15 ) Wolf
Beiträge 1, 214 Nr. 143; vgl. ZfrwVk. 1, 41.
18 ) Wuttke § 726. 17 ) Wuttke § 726. 18 )
Meyer Baden 583. 19 ) Ebenda. 20 ) Grimm
Myth. 3, 457 Nr. 668; auch sonst allgemein in
den Alpenländem. 21 ) Fossel Volksmedizin 54.
22 ) Meyer Volkskunde 252
23 ) ZföVk.
Supplem. Band 15, 113 (Slovenen); vgl. Wutt¬
ke § 676 (schütteln). 24 ) Grimm Myth. 3, 426.
25 ) Birlinger Schwaben 1, 396. 26 ) Wuttke
§ 323. 27 ) Grimm Myth. 2, 966. 28 ) Verna-
leken Alpensagen 194. 29 ) Grimm Myth. 2,
775; Mannhardt 1, 74 (mit Literatui) =
Bert sch Weltanschauung 154; Mogk Myth.
1035. Webinger.
Rüttelweiber (Ritteiweiber, -weibel)
nennt man in Schlesien eine bestimmte
primitive Dämoninnengruppe, die sonst
je nach ihrem landschaftlichen Vorkom¬
men die verschiedensten Funktionen er¬
füllt, die unterschiedlichsten Beziehungen
zu andern mythologischen Wesen hat
und endlich auch mannigfache Namen
trägt 4 ).
Im Riesengebirge, besonders auf der
böhmischen Seite, in der Gegend d^s
Kynast, kennt man sie als landschaft¬
liche Entsprechung zu den Holz- und
Moosleuten in Mitteldeutschland, Fran¬
ken und Bayern; daneben gibt es auch
Holz- und Moosmännlein dort. Im Böh¬
merwald und der Oberpfalz erscheinen
die Holz-, auch Waldfräulein, Wald-
weiblein. Im Orlagau und sonst im Harz
die Moos- oder Holzweiblein, um Halle
die Lohjungfern, in Westfalen die Busch¬
weiblein; in der Eifel und in Hessen die
„wilden Leute“. Schließlich stellt man
noch die Fenggen oder Fänken, die „se¬
ligen Fräulein“ in Tirol hierzu 2 ).
Die Umgangszeit der R. ist —im Gegen¬
satz zu der des Nachtvolks (s. d.) etwa
— unbegrenzt. Besonders oft sieht man
sie im Sturm 3 ), da der „Wilde Jäger“
(s. d.), der im Riesen- und Isergebirge
oft als Nachtjäger (s. d.) auf tritt, hinter
ihnen her ist. Damit ist ihre wich¬
tigste Beziehung zur übrigen Mythologie,
zum „Wilden Jäger“, genannt. Möglicher¬
weise gehören die R. zum Gefolge des See¬
lenführers, in ihrer Eigenschaft als arme
Seelen nämlich, als ruhelos umgehende
Tote. Ebenso könnte man sie auch zum
Gefolge der Perhta (s. d.) zählen, da diese
auch in den Funktionen der Führerin des
Totenheeres auftritt. Mit Perhta gemein¬
sam haben die R. die üble Eigenschaft,
Kinder unter sechs Wochen zu stehlen oder
wenigstens zu vertauschen 4 ). Man opfert
ihnen auch wie sonst Holda oder Perhta.
Erscheinen diese „schlesischen Dryaden“ 5 )
also einerseits mit dämonisch-bösen Ei¬
genschaften ausgestattet, tanzen sie ge¬
legentlich als „Elfen“ im Wirbelwind
auf der Wiese und zerstreuen den Menschen
zum Schabernack das Heu 6 ), so kom¬
men sie ebenso oft in menschlicher Funk¬
tion vor, sie schließen Ehen 7 ), bestellen
das Haus, lohnen und strafen aber nach
primitiver Sitte, was man ihnen zufügt.
Verweigert man ihnen z. B. die Unter¬
kunft, so verursachen sie zur Rache
Sturm 8 ). In Deutsch-Rasselwitz aber
wohnen sie im Bahndamm, wo die Präge
durchläuft, sie haben das Gesicht im
Nacken stehen, tragen also deutlich ge¬
spenstischen Charakter 9 ). In anderen
schlesischen Sagen tauchen sie als kleine
moosbekleidete Wesen auf, den Unter¬
irdischen ähnlich 10 ). Sie haben auch eine
Möglichkeit, die ewige Flucht, in die sie
86 3
Saat—Sack
864
der Nachtjäger treibt, zu unterbrechen:
wenn die R. einen Baumstamm finden, in
den der Holzhacker beim Fällen drei
Kreuze ritzte oder wenigstens das Kreuz
darüber schlug und dann wieder auf alle
Fälle vor dem Umlegen des Baumes ,,Gott
walt’s“ sprach, dann sind sie gerettet 11 ).
,, Walt's Gott“ würde ihnen nichts
helfen, da der magische Gehalt durch die
veränderte Wortfolge verlorengeht. Fin¬
det sich kein solcher Stamm, dann müssen
die R. ewig weiter fliehen 12 ). Es kommt
vor, daß die R. die Holzfäller bitten,
Bäume auf die beschriebene Weise zu
fällen. Guter Lohn ist dann gewiß. —
Die Kategorie des ,,Wilden Jägers“ ist
bekanntlich vielfach neu aufgefüllt wor¬
den. Auch als Nachtjäger ist er gelegent¬
lich durch eine geschichtliche Gestalt er¬
setzt worden. In den Hussitenkriegen
wird als Verfolger der R. ein gewisser
Tschischko genannt, der noch ,,über
Napoleon“ gewesen sein soll. Durch seine
Schuld wichen die R. aus dem Lande,
sie nahmen die gute Zeit mit sich. Die
Zeit ihrer Wiederkehr aber haben sie
vorausgesagt:
Ich komme nicht früher ins Böhmerland,
bis es nicht ist in Fürstenland 13 ).
Allerdings weiß man von einem Stein bei
Han im Wiesental (Isergebirge) zu be¬
richten, wo ein Schatz vergraben liegt
und ein Bauer einst ein R. schaukelnd
an einem Buchenast sah: eine mittelgroße
Gestalt mit kurzem Röcklein, Haube und
kleinem Pelz 14 ). Es sei dahingestellt, ob
man im Volkslied: ,,Es blies ein Jäger
wohl in sein Horn . die Sage vom ver¬
folgten R. erkennen will 15 ).
Man kennt wohl mehrere R., doch treten
sie nicht als Horde auf.
Rüttelweib (Rüttelweihe ?), Rötelweib
kommt als Vogelname vor. Der Schwarz¬
specht wird so genannt, auch Ränvogel,
so berichtet die schlesische Sage 16 ).
Außerhalb der deutschen Mythologie
könnte man als gejagte und verfolgte
Wesen Okypete, Podarge und Aello nen¬
nen, die vor Zetes und Kalais fliehen 17 ).
Die R. als schlesische Heimatgeister
reihen sich — wie viele andere mytholo¬
gische Wesen — ohne weiteres in die
großen Zusammenhänge des Aberglaubens
ein: als eine bestimmte Gestaltwerdung
primitiver Denkart.
l ) Herrmann Dtsch. Mythol. 168 ff. 314;.
Mannhardt Baumkultus 82; Zaunert Schles.
Sagen 187 ff. 2 ) Vgl. jeweils in diesem Werk die
versch. Artikel, bcs. 1, 1714/15 und 4, 277 ff.
3 ) Drechsler 2, 163. 541. 4 ) Kühnau Sagen
2, 186. 819. 5 ) Drechsler a. a. O. 6 ) E. FL
Meyer Mythol. der Germ. 193. 7 ) Drechsler
a. a. O. 8 ) Müller-Rüdersdorf Nachtjäger
146. 9 ) Kühnau wie Anm. 4. 10 ) Kühnau
Sagen 2, 462. u ) Bechstein Sagenbuch 53a
Nr. 639; Drechsler a. a. O.; Grässe Preuß .
Sagenbuch 2, 305 Nr. 277; Klapper Schlesische
Vkde. 224; Kühnau Sagen 2 (1911), 181 ;
Simrock Mythol. 223; Zaunert Schles. Sag .
187 ff. 12 ) Grässe wie Anm. 11; Kühnau
wie Anm. 10. 13 ) Müller-Rüdersdorf Nacht¬
jäger 146. 14 ) Ebda. 148. 15 ) Erk-Böhme x„
57 Nr. 19 g. 16 ) MSchlesVk. 10, 91. Zaunert
a. a. O. 17 ) Herrmann a. a. O.
Schwarz.
S.
Saat s. Nachtrag. j auch von ,,Samenzünden“ und meint,.
Saatleuchten, auf dem Heuberg in daß durch das Feuer die Wintersaat
Württemberg Bezeichnung für einen am ,,gelockt“ werde 2 ).
ersten Fastensonntag (Invocavit) geübten Ü Biriinger Volkst. 2, 640.; Meyer Ger-
Fruchtbarkeitsbrauch. Knaben und Bur- man - Mythol. 216; v. Schröder Arische Reli-
schen gehen abends nach dem Betläuten har dt* * Ka P ff Fest Z ehr - 13. Mann-
in den Kornösch hinaus, zünden Fackeln 535 '
an und ziehen im Saatfeld auf und ab. Saatreiten s. Osterreiten 6,1353h
Dieser Fackelgang soll die Saat im c c 0
7 .. c -131 •, , TT , Sabbat s. Hexe 3,10451t.
künftigen Sommer vor Blitz und Hagel¬
schlag schützen 1 ). Anderswo redet man Sack s. Nachtrag.
865
Sackpfeife (Dudelsack)
866
Sackpfeife (Dudelsack). Der Um- j
stand, daß die S. in Deutschland weder
in der Kunst- noch Volksmusik mehr
eine Rolle spielt 1 ), bedingt es, daß sie
heutzutage auch aus dem Volksglauben
so gut wie ganz geschwunden ist. Emp¬
findet man es doch offenbar bereits als
etwas derart Außergewöhnliches, wenn
einmal D.pfeifer kommen, daß man glaubt,
nun gäbe es Krieg 2 ). Die Vorstellung,
daß die S. beim Hexen tanz und bei
Hexengelagen gespielt wird 3 ), war natür¬
lich vor allem zur Zeit des Hexenwahns in
Blüte 4 ). Auch die Sagen vom singenden
und die S. spielenden Bergkobold zu
Schlackenwalda 5 ), vom Hirten, der bei
Frankenhausen zu Ehren des bergent¬
rückten Kaisers Friedrich den D. bläst
und dafür mit einem Stück Gold belohnt
wird 6 ), sowie, in dieser Form, vom Spiel¬
mann, der, in die Wolfsgrube gefallen,
durch seine D.musik sich den Wolf vom
Leibe hält 7 ), sind längst vergessen. Die j
aus medizinischem Aberglauben ent¬
standene, noch von Wieland aufge¬
griffene 8 ) Erzählung von dem Edel¬
mann, der bei S.nmusik sein Wasser nicht
zurückhalten konnte, geht ebenfalls auf
Quellen verklungener Zeiten zurück 9 ).
Der eine S. blasende Esel war früher
ein Symbol für die Narrheit und den Un¬
verstand der Menschen 10 ), das sogar auf
Grabsteinen auf tritt 11 ).
Völker, in deren Leben die S. noch eine
wichtige Rolle spielt, umgeben diese viel |
stärker mit abergläubischen Vorstellungen
und Erzählungen 12 ).
x ) Über die Geschichte des Instrumentes s.
SchwVk. 9 (1919), 38 ff. 74; Curt Sachs Hand¬
buch der Musikiristrumentenkunde (1920), 343—
349; ders. Die Musikinstrumente (Breslau 1923)
75 f.; ders. Geist und Werden der Musikinstru¬
mente (1929) 196fr. Vgl. auch H. Panum
in Nordisk Kultur 25 ( 1934 )» 68. Ausführ¬
licher, aber unkritisch: Wm. H. Grattan
Flood The Story of the Bagpipe (London-
New York) 1911. Außerdem: Dirk I. Bafoort
Eigenartige Musikinstrumente. Berechtigte
Übersetzung a. d. Holländischen von Felix
Augustin (= De Muziek Bd. IV, Haag o. J.
[1932 ?]) S. 41—76. Für Schweden vgl. Hyl-
ten-Cav. 2, 457 und T. Norlind Svensk Folk¬
musik och Folkdans (Sthm. 193 °) 9 2 — 95 : für
Skandinavien überhaupt die in Nordisk Kultur
25, 179 unter ‘Säckpipa’ angeführten Stellen.
Bäcbtold-Stäubii, Aberglaube VII
Für Rußland Zelenin Kuss. Vkde. 34f. Über
Wiederbelebungsversuche vgl. Vld. 34, 123; Sing¬
gemeinde 7, 119F 2 ) Georg Thierer Orts¬
geschichte von Gussenstadt 1 (Stuttgart 1912),
245. 3 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 185; vgl.
Karpathenland 1 (1928), 187t.: D.pfeifer muß
Katzen aufspielen, wird krank und stirbt.
4 ) Alsatia 1856/7, S. 331 (aus den Malefiz-
Registern des Städtchens Oberbergheim); Georg
Rud. Widmann Des bekandten Ertz-Zauberers
Doktor Joh. Fausts ärgerliches Leben und Ende
(Nürnberg 2 1726) 485: ,,und wären da [beim
Hexensabbath] Spielleut / Sackpfeiffer und
Trummeischläger“. S. ferner die Abbildung
bei Soldan-Heppe 1 nach S. 514 (Anfang
17. jh. — Eine Sage vom D. spielenden Teufel,
dessen Instrument sich später in einen Schinder¬
knochen verwandelt s. bei O. Hoffmann und
H. Kobelt Sagen a. d. Bartschlande (1933) 27 f.
Nr. 39. 5 ) Tharsander 1, 7, 424 < Edward
Brown Durch Niederland . . . gethane gante
sonderbare REJSEN 2 (Nürnberg 1711) 273.
6 ) Böcke 1 Volkssage 49 nach einer Flugschrift
von 1537. 7 ) Kuhn Mark. Sagen 132t. Nr. 125.
8 ) S. DWb.8, 1625. ») S. a. Stege Das Ok¬
kulte in der Musik (Münster i. W. 1925) 174
Anm. i, sowie oben 6, 69 > Anm. 486. 10 ) DWb.
8, 1625. n ) Nds. 16, 4680. 12 ) Schottland
und Irland. Die Elfen bedienen sich zu ihrer
prächtigen Musik der S. (J. G. Campbell
Superstitions of the Highlands and Islands of
Scotland , Glasgow 1900, S. 18). Der Weber
William MacKenzie tanzt ein Jahr lang mit
dem Hügelvolk und spielt darnach auch viel
besser die S. (ebd. 65f.). Der Stammvater
der berühmten S.rfamilie MacCrimmon bricht
beim Gang zu einem S.rwettstreit auf einem
Hügel in eine Elfenwohnung durch und erhält
dort von einem alten Weib eine Melodiepfeife,
mit der er alle Bewerber schlägt; er nimmt auch
Unterricht bei den Elfen (ebd. 139F, vgl. auch
Engel Musical Myths and Facts 1, 196). Ein
Wechselbalg zeigt sich als glänzender S.nspielcr;
er kann eine Melodie, die alles zum Tanzen
zwingt (Engel a.a.O. 2, 33h. < Croften Croker
Fairy Legends and Traditions of the South of
Irland, London 1862, 22; das Mandolinen¬
orchester 8 (1934) Nr. 3 S. 24; s. dazu auch
G. Piaschewski Der Wechselbalg (Breslau
1935) S. 36; vgl. hierzu den Ausspruch bei
Heywood (Flood a. a. O. S. 104), daß eine
Lancashire-S. sogar den Teufel behexen
könne. Maurice Connor, ein glänzender S.r,
wird von einem Meerweib zur Heirat ver¬
lockt; in stillen Nächten kann man am Strande
die Töne der S. vernehmen (Engel a. a. O.
I, 205 < Croker a.a.O. 215). Ein die S.
spielender Engel (schottische Skulptur des
15. Jh.s) s. Flood a.a.O. 47. — Von geister¬
haftem S.spiel wissen auch die Bretonen zu
erzählen: s. Sebillot Folk-Lore 1, 164. —
Wenn die Wenden auf der Gabelheide im Mai
ihren Feldumgang hielten, so war auch ein
Spielmann mit einer aus einem Hundsfell ver¬
fertigten S. oder Pauke dabei, deren Ton, wie
28
I
Saday — Sadebaum
säen—Safran
man glaubte, bewirkte, daß Regen und Ge- |
witter der Saat keinen Schaden brächten ■
(Kuhn Mark. Sagen 335). — Schweden mit
Kolonien. S.r aufspielend beim Elfenreigen:
Troels-Lund 5 Buch 7 S. 161 Fig. 210 (Initiale
aus OlausMagnus). Durch das Blasen auf der
S. halten die Hirten die Schafe zusammen
(ebd. Buch 8 S. 3 Fig. 2 < Olaus Magnus). I
Der D. vom Teufel erfunden, um das von ihm
erschaffene, unruhig umherlaufende Vieh zu¬
sammenzuhalten, weshalb viele Leute den D.
als Blasebalg des Teufels verabscheuen (Dähn-
hardt Natursagen 1, 189 < Rußwurm Sagen
aus Hapsal . . Reval 1861, S. 1 55 fi.; vgl.
auch Rußwurm Eibofolke 2, 117 § 305). Bei
der Hochzeit erscheint der Wassermann, nimmt
dem Spielmann den D., bläst darauf mit solcher
Meisterschaft, daß alles in wilder Lust herum¬
tanzt, zwingt dann die Leute mit seinem Spiel
hinter sich her, so daß alle im Wasser ertrinken
(Rußwurm Eibofolke 2, 252!.). Besprechung
des D.s, daß er keinen Ton mehr von sich gibt:
ebd. 2, 221 § 364, 17. Seemann.
Saday, einer der zehn Gottesnamen 1 ),
im Alten Testament T£\ gewöhnlich
'iE' bx, von den Septuaginta oft viaviox-
paxiup, Vulg. wenigstens übersetzt: also
als ,,der Allmächtige, Gewaltige" ge¬
deutet. Es wurde auch umschrieben
eö; (jotööat 2 ), Hieronymus 3 ): Saddai,
dagegen in den Eigennamen Siuptsaäao
(Num. 1, 6) und ’Ajiiaaoat (Nu. 1, 12)
mit einem 8, auch 2 x 8 a£ 4 ). Im Zauber j
begegnet der Name häufig 5 ). j
*) Agrippa von Nettesheim 3, 57; Kiese¬
wetter Der Occultismus des Altertums 346;
Zimmermann Bezoar (hd.); Hauck 6, 5. 18.
731. 752; 13, 627; RGG. 2, 272 f. (Gunkel).
2 ) Field Origenis Hexaplorum fragmenta (1876)
2, 14. 776. 3 ) Opp. ed. Erasmus (Froben, j
Basel 1537). 4 ) Heeg Hermetica. 5 ) Horst
Zauberbibliothek 2, 132; Thiers 4, 58. 87
(Sadau); Franz Benediktionen 2, 92; Tylor
Encyclopedia Brittanica 15, 202. L. v. H.
Magia divina (1745), 7. Jacoby.
Sadebaum (Seben-, Sefen-, Segenbaum
Sefi; Juniperus sabina).
1. Botanisches. Zu den Nadel¬
hölzern gehöriger, mit dem Wacholder
verwandter Strauch mit dunkelgrünen,
schuppenförmigen Blättern, die sich dach-
ziegelig decken. Der ganze Strauch riecht
unangenehm (Stinkwacholder!). Der
S. wird bei uns seit langer Zeit in den
Bauerngärten, besonders im südlichen
Deutschland angepflanzt J ). Im Volk
werden die Blätter und Zweigspitzen des
S.s vielfach als Abortivum verwendet 2 ).
1 ) Marz eil Kräuterbuch 137 f. 2 ) vgl. auch
Wuttke 112 § 148; Hovorka u. Kronfeld
1, 365 f.; Meyer Baden 394.
2. Wegen des starken Geruches gilt
der S. als Apotropaeum, s. Dill (2, 95).
Sein Geruch ist den Hexen ^unaus¬
stehlich, man sieht ihn daher häufig
nächst den Wohnungen und Ställen
meist in den Zaun verflochten (dadurch
ist der Zaun vor den Hexen gesichert)
im ganzen Lechrain'* 3 ). Der S. bannt
die Hexen im Stall 4 ). Damit ,,böse
Leute" und auch Gewitter 5 ) keine Ge¬
walt haben, werden Büschel von altem
Eichenlaub mit Ginster und S. hinter
die Stalltür oder den Kamin gesteckt 6 ).
Asche von verbrannten „Sevenblättern"
trägt man gegen Hexen bei sich 7 ). Im
Saarland tragen abergläubische Leute den
S. zwischen Schuh und Strumpf auf
ihren Gängen bei sich 8 ). Die Hexe
muß vor dem entweichen, der S. in der
Tabakspfeife hat 9 ). Eine Hs. des 15. Jh.s
aus dem Schlosse Wolfsthurn bei Sterzing
(Tirol) bringt folgendes Rezept: „Wiltu
den teuffei von ainem menschen pringen,
so nym Seuenpawm (= S.) drew cweigel
und leg sy in einen hafen und gews
drey stund daran guten wein in dem
namen des vaters und des suns und des
heyligen gaistes und lass sieden daz es
wol erwalle vnd leg ez dem pesessen
menschen auf daz haubt, daz ers nit
wisse, so muß der teufel antwurten vnd
weichen" 10 ). Eine i. J. 1727 nieder¬
geschriebene Besegnung des Archivs Do-
naueschingen ,,die verlorene Mannheit
zu bekommen" (Impotenz wird bösem
Zauber zugeschrieben!) gibt an: „Gang
du, wan du wilt schlafen gehen in ein
läufeg wasser und stant darein bis an das
verlorne glit und nimms wasser und
spritz über dich auss und das dreimal
und darnach lass dein harn laufen in
dein hant und spritz den auch über dich
aus und sprich:
Im harn und bluot bin ich geboren
All Zauberei und hexerei sind an mir per-
[loren!
Hans oder wie du heißest schau du, daß
das wasser auf und nit ab [ ? ] und leg seve-
balmen (= S.) in die schuo, so wirt dir
geholffen“ u ). Drei BrÖcklein Brot, drei
Stücklein Kohle und drei Büschelchen
zerhackte Gartensefi (— S.) in ein Läpp¬
chen gewickelt an einem Kommuniontag
in die Kirche getragen und hierauf an den
Leib gehängt sichern vor Hexerei und
Zauberschaden (Oberaargau und Emmen-
.tal) 12 ). Um Wespen zu bannen nimm
drei Schößli Sefi, drei Schößli Ruten
(= Raute, s. d.), drei Schößli Wurmot
(__ Wermut), drei Schößli Meisterwurzen.
Diese Schößli sollen alle gegen die Morgen¬
sonne stehen. Nimm dazu drei Brot¬
samen aus der Tischtrugge, drei Brisen
(Staub) hinter der Tür. Das in ein Bünd-
lein gebunden hinter die Stalltür gehängt
(Aargau) I3 ). Man beachte, daß es sich
bei allen hier genannten Pflanzen um
solche mit starkem Geruch handelt. Mit
S. wird in der Fränkischen Schweiz in den
heiligen drei Nächten (Weihnachten, Neu¬
jahr, Dreikönig) das Zimmer geräuchert 14 ).
Auch bei nichtindogermanischen Völkern
gilt der S. als Apotropaeum. Die Tataren
räuchern damit böse Geister aus 15 ) und
desgleichen die Priester der Kalmücken
die „verunreinigten" Jurten (zeltartige
Hütten) 16 ). In der deutschen Volks¬
medizin wird die „Rose" (Rotlauf) mit
S. und alten Besen geräuchert (Spicken-
dorf, Prof. Sachsen) 17 ).
3 ) Leoprechting Lechrain 97. 4 ) Boh¬
nenberger 112; Eberhardt Landwirtschaft
212; Manz Sargans 52; Marzell Bayer.
Volksbotanik 24. 199. 201. 5 ) In Frankreich
wird der am Palmsonntag geweihte S. bei
einem Gewitter ins Feuer geworfen: Rol¬
land Flore pop. 11, 245. 6 ) Gegend von Ra¬
statt: Orig.-Mitt. von Dewald 1908. 7 ) Meier
Schwaben 178. 8 ) Fox Saarl. Vkskde 1927, 306.
•) Schönwerth Oberpfalz 3, 174. 10 ) ZfVk.
1,322. u ) Alemannia 2, 137. 12 ) ZfdMyth. 4,176.
13 ) ebd. 4, 121. 14 ) Marzell Bayer. Volksbotan.
12. 15 ) Pallas Reise durch verschied. Provinzen
d. russischen Reiches 177b —-78. 3, 275. 16 ) De-
mitsch Russ. Volksheilmittel 220. 17 ) Vecken-
stedts Zs. 4, 328.
3. Im südlichen Deutschland ist der
S. ein häufiger Bestandteil des „Palms"
(s. d.) 18 ). Schon H. Bock 19 ) berichtet
darüber: „Die Messpfaffen und alte Huren
(Abortivum, s. unter 1!) genießen des
Seuenbaumes am besten. Die Pfaffen
pflegen auff den Palmtag den Seuen-
baum mit anderen grünen Gewächsen
zu weihen, geben für, der Donder vnnd
der Teüffel können nichts schaffen, wo
solche geweihete Stengel inn Heüsern
gefunden werden, dardurch würt jr Opffer
gemehrt vnd der armen Seckel gelert.
Zudem so haben die alten Hexen und
Huren acht auff die erste Schössling so
der Pfaff oder andere von Seuenpalmen
zu dem Creutz werden, geben für, die-
selbige schüssling seien gut für hawen
und stechen, für Zauberei, böss Gespenst
vnnd treiben darmit vil Abenthewer,
lassens von newem weihen und Messen
darüber lesen . . ." 20 ). Der am Palm¬
sonntag geweihte S. wird den Kühen
gegen den „Viehschelm" und sonstigen
Zauber gegeben 21 ), er dient auch zum
Hertreiben der ausgebliebenen „Monats¬
blume" 22 ). Im Elsaß steckt man den
am Palmsonntag geweihten S.zweig in
die Erde; wächst er weiter, so hat man
den Tod eines Hausinwohners oder sonst
ein Unglück zu erwarten 23 ). In den
katholischen Dörfern der Pfalz legt man
die an Fronleichnam geweihten S.-
zweige dem Vieh in die Tränke 24 ).
18 ) Zingerle Tirol 1857, 68; ZfdMyth. i,
327; SAVk. 1, 158; Birlinger Aus Schwaben
2, 69. 19 ) Kreuterbuch 1556, 3, 404 V. 20 ) Vgl.
auch ZfVk. 24, 10. 21 ) Alpenburg Tirol 76.
396, vgl. auch Schmeller BayrWb. 2, 231.
22 ) Buck Volksmedizin 40. 23 )JbEls.-Lothr. 8,
162. 24 ) Wilde Pfalz 218.
4. Verschiedenes. Zweige des S.s
dienen ab und zu als „Lebensrute" 25 ).
In der Tasche getragene Zweigstücke
helfen gegen Blutschwären (Nieder¬
rhein) 26 ). Der S. bringt Unglück; wer
ihn pflanzt, dem verreckt ein Stück
Vieh 27 ). Einen S.segen bringt Cod.
Palat. germ. 214, 4Öd (Heidelberg) 28 ).
25 ) Heimatbilder aus Oberfranken 3 (1915),
119. 26 ) Abh. Ver. naturw. Erforsch, d. Nieder¬
rheins 2 (1916), 30. 27 ) Follmann Wb. d.
deutsch-lothring. Mda. 1909, 481. 28 ) Schön-
bach Berthold v. R. 148. Marzell.
säen s. Nachtrag.
Safran (Crocus sativus). 1. Bota¬
nisches. Unter S. (als Droge) versteht
man die getrockneten Narben aus den
Blüten einer Crocus-Art (C. sativus var.
autumnalis). Im Altertum und Mittel-
alter war der S. als Gewürz und als
Farbstoff sehr beliebt. Die Heimat des
28*
«7i
872
S.s ist der Orient, sein Anbau ist jetzt in j
Mitteleuropa fast verschwunden 1 ).
2. Wegen der gelben Farbe wird der
S. in der Volksmedizin besonders gegen
Gelbsucht verwendet. Man ißt einen
Apfel, in den man S. gesteckt hat 2 ).
Bösen Hals heilt man durch Auflegen
von Speck mit S. 3 ). Gegen ,,böse Augen“
nimmt man nach einem alten „Brauch¬
büchlein“ des Simmentals „Schneeblümli“
(wohl der wildwachsende Frühlings-S.,
C. vernus) vor Sonnenaufgang an einem
Freitag morgen und hänge es dann an
den Hals 4 ). S. soll nach dem Volks¬
glauben sehr gefährlich sein. Wer auf
einer gioßen S.menge eingeschlafen sei,
sei nicht wieder auf gewacht 5 ). S. darf
nur von kleinen Mädchen gepflückt wer¬
den, sonst verdirbt er 6 ).
x ) Pauly-Wissowa 2. R. 1, 2, 1728#.;
Tschirch Hb. d. Pharm. 2 (1912), 1466—69;
Schräder Reallex. 2 2, 270t. 2 ) Woeste Mark
57 Nr. 39 s= Wuttke 355 § 477. 3 ) Drechsler
Schlesien 2, 311). 4 ) Zahler Simmenthal 58.
6 ) Mn. nordb. Exc. 28, 197. 6 ) Wuttke 426
§ 667. Marzeil.
Saft s. Nachtrag.
Sage.
1. Verhältnis zu Märchen u. Geschichte. I
2. Entstehung der S. 3. Wanderung und Weiter¬
bildung. 4. Die Arten der S. 5. Hauptformen
der S., Erlebnis- und Helden-S.
Nach Begriff und Sprachgebrauch ist
Sage eine Erzählung mit einem starken
Einschlag von sonderbaren und über die
sinnliche Wirklichkeit hinausweisenden
Begebenheiten, die jedoch in der Regel
ihren Geschehensboden und unmittel¬
baren Ansatzpunkt in der nahe liegenden
Lebenswirklichkeit oder in der Geschichte
haben. Die S. haftet daher mit ihren
Motiven an bestimmter Örtlichkeit, meist
in der Nähe ihrer Entstehung, spielt in
bestimmter Zeit und hat zu Handlungs¬
trägern meistens bestimmte Personen, und
sie verfolgt nicht nur einen unterhalten¬
den Zweck, sondern den, zu belehren,
mahnen, warnen oder zu erklären. Durch
alles dies unterscheidet sich die S. vom
Märchen. Freilich ist die Charakteristik
der S. schwieriger als die des Märchens
(s. d.). Schon wegen der Mannigfaltigkeit
der Arten von S. innerhalb desselben
Volkes bietet die S. ein verwdckelteres
Problem dar. War man früher durch Be¬
achtung einiger Motive dazu geführt
worden, in der S. offenbare sich am
klarsten und tiefsten ein Sinnen und
Sehnen des bestimmten einzelnen Volks,
so sieht man heute, daß die verschiedenen
in einer S. zusammenlaufenden Motive gar
keinen spezifischen Volkscharakter auf¬
zeigen müssen und nur zum Teil aus ihm
hergeleitet werden können. Man hat auch
zu erwägen, daß viele S.n nicht alt sind;
heute gilt als Irrtum die Ansicht v.
Hahn’s 1 ), spätere Geschlechter hätten
bloß S.nüberlieferungen aus grauer Vor¬
zeit übernommen. Sie ist indessen auch
nicht bloße Darbietung von Kuriosi¬
täten, wofür man sie Anfang des 19. Jh.
hielt; sondern sie zeigt den lebensvollen
Ausdruck von volkstümlicher Auffassung
und Meisterung von Geschehnissen und
Begebnissen überhaupt.
Das zu erkennen
war möglich, seit die eigenartige S.n-
literatur Islands und Norwegens bekannt
geworden ist und die Brüder Grimm die
2 Bände Deutsche S.n (1816. 28) her¬
ausgegeben haben. Von da an erblühte
jene Sammler- und Forschertätigkeit in
bezug auf die S.n, die erlaubte, die unter¬
scheidenden Merkmale der S. gegenüber
dem Märchen ins Auge zu fassen 2 ).
Ist S. dem. Wortsinn nach zunächst
(ähnlich wie Märchen) eine auf münd¬
lichem Wege weitergeleitete Kunde von
etwas Vorgefallenem, so ist doch nicht
jeder Bericht, jede Kunde, auch falls in
fortgesetzten Überlieferungsstrom ge¬
bracht, S., sondern nur dann, wenn die
Wiedergabe der (geschehenen oder er¬
fundenen) Tatsache mittels der volks¬
tümlichen Anschauung von unsinnlichen
und unkontrollierbaren Mächten zu einer
solchen Deutung übergeleitet wird, die
eine leichte Anwendung auf ähnliche Si¬
tuationen gestattet. Denn eben hiermit
weist die S. ihren geringen Gehalt an
lehrhaftem, mahnendem oder warnendem
Gehalt auf, durch dessen Mitführung sie
sich innerlich vom Märchen unterscheidet.
Dies spielt (s. d. § 1) in seinem eigenen
von der großen Welt unbestürmbaren
Bereich und ist gegenüber der Ding- und
¥
873
874
Menschenwelt so gut wie land- und volk-,
heimat- und zeitenlos; die S. dagegen
knüpft gern an bestimmte „historische“
Ereignisse an, wenn es auch bei ihnen
weniger auf genaue historische Um-
rissenheit als vielmehr auf das Typische,
nicht auf die Einmaligkeit sondern auf
die ‘Vorbildlichkeit' ankommt. Ja eine
rein typologisch aussehende Erzählung
wie die von den Schildbürgern oder die
vom Eulenspiegel wird S. dadurch, daß
irgend etwas von historischem Ansatz
oder Kern in ihr vorhanden ist, während
wir sie, so derselbe ihr abgeht, nicht als
S. ansprechen sondern eher als Fabel 3 ).
Daher verlangt die S. in höherem
Grade als das Märchen eine Zustimmung
zur erzählten Geschehensverkettung; das
Märchen unter Umständen eine Zustim¬
mung zu der es tragenden weltanschau¬
lichen Idee, zumal zu dem ethischen Aus¬
gang. Zwar sind die Personen der S.
nicht viel mehr als die des Märchens
handelnde. Weder Kaiser Rotbart noch
Karl d. Gr. noch der Rodensteiner noch
die Jungfrau vom Lurleifels handeln.
Das Geschehen steht auch hier vor dem
Handeln. Das geht so weit, daß die histori¬
schen Personen, wenn sie in den S.n-
zusammenhang eingehen, aus dem wirk¬
lichen historischen Zusammenhang ihrer
Taten gelöst, in der Hauptsache das ört¬
liche Sein und Geschehen gleichsam de¬
korieren 4 ); eine für die Person des
Kaisers belanglose Burggründung kann
es sein, die im Mittelpunkt steht (vgl.
Gründungssagen). Wohl aber stellt die
S. die Handlung in irgend welche, wenn
auch noch so lose, Verknüpftheit mit höhe¬
ren, guten oder unguten, Kräften, die
entweder dem Menschen gelegentlich zu
Gebote stehen oder von außen an ihn her¬
antreten. Anders gesagt, die Tendenz zur
Erzählung geschichtlicher Hergänge als
solcher gehört nicht wesentlich zur S.
Die historischen Schlachthörner Karls d.
Gr. mögen wie ein zeitgeschichtliches
Kolorit erscheinen, das den Hörnern des
Elbstieres beigegeben wird, während diese
letzteren Hörner aus dem Gefüge der
Wassersymbolik stammen 5 ). Das na¬
türliche Volk, das so gern dem Geheimnis¬
vollen der Geschehnisse nachsinnt, ent¬
rätselt das Wunderbare durch eine eigene
Symbolik, die es deutend an die Stelle
des Historischen setzt 6 ). Der Glaube
gegenüber dem Erzählungsstoff bezieht
sich folgerecht auf den tiefsten Sinn
des Wunderbaren darin und dahinter,
während man den äußeren Begebenheiten
großenteils nur geringes Interesse ent¬
gegenbringt, wenn auch sicherlich nicht
ein so geringes wie im Märchen. Denn die
Könige und Prinzessinnen des letzteren
bleiben am liebsten namen- und zeitlos;
in der S. ist es jedoch nicht „ein“ König,
sondern der ganz bestimmte und be¬
kannte, der als Held Inhaber überragender
Kraft ist. Nur ist das in der S. von ihm
Erzählte nicht historisch, wenn es auch
einem Charakterzug von ihm entsprechen
mag. Die Tiere in den Tier-S.n und die
halbtierischen Wesen finden sich in der
S. wegen irgend welcher Eigenarten ihres
Wesens, die eine Kunde aus anderer
Weltdimension in sich schließen; und
daß es sich mit den Spuk-, Teufels- und
Schatz-S.n ähnlich verhält, braucht nicht
erst nachgewiesen zu werden (s. Präani¬
mismus).
Daraus ergibt sich, daß die S.n trotz
ihrer Unbekümmertheit um historische
Genauigkeit ein wichtiges Dokument der
geistigen Entwicklung des Volks, in dem
sie entstanden sind, und auch desjenigen,
von dem sie übernommen sind, darbieten 7 ).
Für das Studium des Aberglaubens liegt
die Bedeutung der Volks-S.n natürlich
eben in jenen hervorstechenden Anschau¬
ungen, welche sich in den Vorstellungen
von übersinnlichen Wesenheiten und Kräf¬
ten und Vorgängen und Vorfällen verdich¬
tet haben und welche oft in abergläubi¬
schen Ideen und Bräuchen haften ge¬
blieben sind. Dabei ist jedoch zu be¬
achten, daß durchaus nicht alle S.n, die
sich in deutscher Überlieferung finden,
ursprünglich aus deutschem Geiste her¬
vorgewachsen, sondern nicht wenige erst
im MA. und noch später aus der Fremde
eingewandert sind und daß es außerdem
viele gibt, welche des Volks- und Zeitge¬
präges überhaupt entbehren. In diesem
tritt wiederum eine besondere Ähnlich-
875
Sage
878
keit zum Märchen zutage, indem in die¬
sen S.n die primitiv-schöpferische Phan¬
tasie einfache Erlebnisse einer Volks¬
schicht gestaltet. Mit Recht sagt daher
Ranke 8 ): ,,Es ist noch niemandem ge¬
lungen und wird bei der Dürftigkeit
unserer Überlieferungen aus dem deutschen
Heidentum kaum je gelingen, auch nur eine
einzige der heutigen Volks-S.n mit Sicher¬
heit als zum Erzählungsschatz der noch
unbekehrten deutschen Stämme gehörig
zu erweisen“. Von irgend welchem rein
volkstümlichen Denken und Empfinden
legt jedoch die S. stets Zeugnis ab.
l ) v. Hahn Sagwissenschaftliche Studien 42.
Dagegen Kuhn Mythol. Studien 2 ) Müllenhoff
Altertumskunde 1, 537; Boeckel Volkssage
iff. 3 ) Ranke Sagen Xlllf. 4 ) Meyer Germ.
Myth. lyf. 5 ) Rochholz Sagen 2, 17. 6 ) Lieb¬
recht Zur Volksk . 29t. 7 ) Ebd. 8 ) Ranke in
Meier Deutsche Volkskunde 200 und Sagen
9 und ZfDkde. 1922, iff.
2. Unter allen diesen Voraussetzungen
darf man behaupten, daß die S. ,,das
Archiv der Urgeschichte eines Volks“ 9 )
ist und sohin Untergrund dessen, was als
Aberglaube erscheint — nicht etwa erst
später sondern, wie gleich näher beleuch¬
tet wird, gleichzeitig mit der Entstehung
der S., die häufig noch aus dem Fels¬
gestein des Aberglaubens gebildet wird.
Etwas kühner nennt man die S. selber
„dramatisierten Aberglauben“ 10 ). Folge
des hiermit bezeichneten Verhältnisses
ist, wo es sich um älteste S.nüberlieferung
handelt, daß aus verblaßten, abgeschobe¬
nen S.n sich ein Rückstand abergläubi¬
scher Vorstellungen erhält. Dies ist
namentlich bei Lokalsagen der Fall, die in
der Regel Natur- oder Geister-S.n sind,
die sich an irgendwelche auffallend ge¬
formte Felsen, erratische Blöcke, Schluch¬
ten, seltsame Pflanzen oder Steinbildun¬
gen, Irrlichter, Nebelmassen, Gewitter¬
wolken usw. ingleichen an die lokale Ge¬
schichte und deren Erzeugnisse, Ruinen,
Trümmer u. dgl. anschließen, um das in
ihnen den menschlichen Sinnen entgegen¬
tretende Ungewöhnliche in einem präg¬
nanten Zuge zu erfassen. Aus der ‘nach¬
barlichen' oder geschäftlichen Berührung
mit jenen Erscheinungen erwächst, wie die
Brüder Grimm 11 ) es ausdrücken, eine
Art inwendiger Verbindung, die sich auf
die Eigentümlichkeit eines jeden dieser
Gegenstände gründet und zu gewissen
Stunden ihre Wunder zu vermehren be¬
rechtigt ist. Derartige S.nbildung ist
durchaus nicht in der Gegenwart erschöpft,
sondern vollzieht sich andauernd weiter 12 ).
Naturdeutende S.n sind in höchster
Mannigfaltigkeit in aller Welt zu finden,
denn die Natur fordert immer wieder zur
klärenden Bearbeitung ihrer Prozesse
auf 13 ). Nicht selten gehen sie aus den
bereits gefügten Formen des Aberglaubens
hervor oder benützen eine solche, um den
Begebnisstoff zur S. zu formen. Manch¬
mal sind es ganz einfache Erklärungen
einer solchen Erscheinung, manchmal
ätiologische Umdeutungen. Wenn Glüh¬
würmer zu wirklichen Lichtern werden,
mit denen zwergische Wesen spazieren
gehen, ist ersteres der Fall; letzteres etwa
in der S. vom Homberg: Wer sein Ohr
an ihn legte, konnte drinnen die Zwerge
klopfen und hämmern hören; denn viele
von ihnen sind vorzügliche Schmiede.
Die Bauern haben ihnen früher oft einen
Pflug oder sonst ein Gerät vor ihre Höhle
gelegt, die sie am nächsten Morgen aus¬
gebessert vorfanden. Dafür legten sie
ihnen ein Geldstück oder einen Pfann¬
kuchen hin. Nun hat sie aber mal der
Hüggelmeier geprellt, indem er weniger
als verlangt war hinlegte und mit dem
ausgebesserten Pflug davonraste. Aber
ein glühendes Eisen schoß hinter ihm
drein — heißt es hier, und nicht, daß
seitdem die Zwerge den Menschen nichts
mehr ausbesserten — was häufiger Schluß
ist, um den Wandel der Zeiten begreiflich
zu machen 14 ). Sonst nämlich wird die
Ätiologie (s. d.) nicht nur auf den An¬
fang sondern auch auf das Auf hören einer
seltsamen Erscheinung bezogen; man
denke an die vielen Geschichten von ge¬
neckten oder getäuschten Zwergen. —
Oder es soll erklärt werden, wie ein un¬
geheurer Steinblock mitten in einem
Wald oder Feld steht, den kein Mensch
dorthin gebracht haben kann: dann war
es ein Riesenwurf. Und es wird weiter ge¬
fragt, weshalb der Riese den Wurf tat;
vielleicht um jemanden zu bestrafen, der
ihn beleidigt hatte; oder der betreffende j
Riese wird mit dem Teufel identifiziert, ]
der an Gott Rache nehmen wollte, indem |
er die Kirche des Dorfs bewarf; aber !
1
natürlich verfehlt der Teufel das Gottes- j
haus. . . . Solche Natur-S.n entstehen
immer neu. Märkische und schlesische
Schäfer, von Ort zu Ort und von Provinz i
4
zu Provinz ziehende Müllerburschen, !
Brauer- und Schmiedegesellen haben sich !
als Bringer neuer S.n einen Ruf erworben j
gehabt 15 ). -— Eine Grippenepidemie er- !
zeugte durch Ausdeutung eines lange i
anhaltenden üblen Geruchs eine neue S. j
vom „Pesträuchlein“ 16 ). Eine andere
ganz moderne Grippen-S. erzählt, ein
Bursch machte einen Babautsch (mensch- j
liehe Figur) und sprach: Das ist jetzt die j
Grippe, aber wir wollen tanzen, uns soll i
sie nicht unterkriegen. „Sieben der I
jungen Leute sollen nun bald gestorben i
sein, weil sie mit so ernsten Dingen Spott
getrieben' f 17 ). Ausdeutungen von mensch- i
ähnlichen Gestalten in Gemäuer wird, !
nachdem die alten Deutung in Vergessen¬
heit geraten, neuerdings zur S. von einer
neugierigen und eingemauerten Nonne j
gestaltet; und zwar, obgleich die geschicht¬
liche Unmöglichkeit von vornherein auf j
der Hand liegt, da an der Stelle nie ein
Frauenkloster gestanden hatte 18 ).
In beiden Fällen läßt sich eine das Tat¬
sächliche sehr entstellende Phantasie¬
tätigkeit bemerken, bisweilen auch krank¬
hafte Phantasie. Z. B. der in zahlreichen
Varianten wiederkehrende Schimmel¬
reiter, schon von Uhland für ein Nebel¬
wesen gehalten, erscheint einem Mann
aus Stockach bei Tübingen, der mit
seinem Sohn vom Markt heimkehrt, als
kopfloser Reiter (NB. der Nebel macht
selten die genauere Kopfform möglich in
seinen Schwaden); die beiden fallen den
Berg hinunter und können nicht wieder
herauf kommen, fanden sich aber an
einem großen Wasser, an dem der Schim¬
melreiter auf und ab jagte, bis er darüber
hinreitend verschwand 19 ).
Allein diese Betrachtung darf nicht zu
der Verallgemeinerung verleiten, daß alle
S.ngestalten, zumal die grotesken, Phan¬
tasieerzeugnisse seien, d. h. phantastische
Umdeutungen von Naturbegebenheiten.
Gerade der Schimmelreiter vieler S.n
wird wohl mit Recht von Forschern für
Umsetzung einer alten mythischen Glau¬
bensgestalt in die S.ngestalt gehalten,
etwa Wotans. Hat doch die gewaltsame
Ausrottung des alten Glaubensgutes um
die Wende vom 8. zum 9. Jh. die alte
Göttermythe genötigt, ihre Zuflucht in
der S. zu suchen. Eine alte Chronik be¬
richtet, Karl der Große habe durch die
Schreibermönche alle alten S.n und Lieder
der deutschen Volksstämme sammeln und
aufschreiben lassen; aber plötzlich sei ein
gewaltiges Brausen entstanden, das die
Mauern erzittern machte, und die empor¬
lodernde Glut habe die herrlichen S.n-
schätze in Wotans wildes Heer hinaufge¬
schleudert, wobei eine Stimme zu ver¬
nehmen war: „Du hast unser Volk er¬
schlagen, das freie Geschlecht der Sach¬
sen vernichtet, uns aber sollst du ewig
nicht in deinem J oche bannen! “. Auf Grund
unsrer Kenntnis von Kaiser Karls Ab¬
sicht wird angenommen, daß jene Chronik
das an den S.n begangene Zerstörungs¬
werk Ludwigs des Frommen auf jenen
überschrieben habe 20 ). Jedenfalls ent¬
hält die S. auch in diesen mythischen
Umbildungen nicht reine Phantasie¬
erzeugnisse; wozu vgl. den Artikel My¬
thologie, Mythus. — Daß andererseits
krankhafte Phantasie starke s.nbildende
Kraft entfaltet hat, darauf hat Ranke
hingewiesen 21 ). Insbesondere kommen
hierfür die S.n von Luftentrückungen in
Betracht, die nach Ranke an Erlebnisse
auf psychopathischer Grundlage gemah¬
nen 22 ). Der typische Verlauf solcher
S.n aus Süddeutschland, der Schweiz und
Österreich läßt einen einsam wandernden
Mann dem tobend heranziehenden wilden
Heer begegnen, von dem er, weil er sich
ihm entgegenstemmt, oder ihm zuruft,
in die Luft entführt wird, so daß er erst
nach langer Zeit in die Heimat heimkehrt.
Ein Mann erzählt, auf seinen Anruf hin
sei er von der furchtbaren Gewalt des
Wirbelwindes fortgerissen worden. Als
der Tag gebleicht, sei er zu sich gekommen
und habe sich mitten in wildem Gebirge
befunden. Die drei Tage seitdem habe er
879
882
88o
aller möglichen vorhandenen Anschauungs¬
881 Sa e e
lingssklaven öfters einen Apfel auf den
zur Heimkehr ins Dorf gebraucht 23 ).
„Der Knecht lebt noch und ist jetzt
Hirte in Stützheim“. Die spezifischen
epileptischen Dämmerzustandsreisen ge¬
ben ganz ähnliche Erlebnisse. Daher:
„Die S.n von der Luftfahrt mit dem
wilden Heer sind weder Überbleibsel aus
dem Erzählungsschatz des germanischen
Heidentums, wie etwa Grimm und vor
allem Simrock das wollten; der Wunder¬
mantel, auf dem Odin seinen Liebling
Haddingr durch die Luft über Land und
Meer in die Heimat trägt, die Luftreise
mit Teufels Hilfe, durch die Heinrich der
Löwe, Thedel v. Walmoden und andere
ma. S.nhelden gerade zur rechten Zeit
zur Gattin zurückkehren, haben mit
unsrem Motiv direkt nichts zu tun oder
brauchen wenigstens nicht herangezogen
zu werden, wenn wir die Entstehung
unseres Motivs begreifen wollen. Noch
weniger stammen diese S.n aus jener
noch viel älteren Periode primitivsten
Denkens vor aller Göttervorstellung und
geben etwa in naiver Auffassung am
Himmel beobachtete Ereignisse wieder,
wie Wilh. Schwartz undElardH. Meyer das
vermuteten . . sondern es handelt sich
hier um rein individuelle Erlebnisse, bei
deren Apperzeption und Formgebung die
alten Vorstellungen das Erfassungs- und
Darstellungsmittel sind 24 ). Auch die
S.n von Begegnungen mit dem ,,Auf¬
hocker“, dem „Huckup“, der nachts dem
einsamen Wanderer auf die Schulter
springt und sich tragen läßt, bis der Träger
atemlos und verängstet unter der Last
zusammenbricht, wie manch andre S.
aus solcher Nähe des Spukreichs ist einer
krankhaft erregten Phantasie zuzuschrei¬
ben, die ihr Erzeugnis als Wirklichkeit
hinstellt 25 ). Die Psychopathologie hat
auch ihr Wort zu sprechen über die
schwere Last, die dem Menschen vom
wilden Jäger aufgebürdet wird und durch
die er einen Buckel bekommt, von dem
er — wann eben der psychische Zustand
sich ändert — befreit wird 26 ). Es ist
ein ausgesprochener Erlebnischarakter,
ein Gesichts-, Gehörs- oder Riecherlebnis,
das der S. in solchen Fällen zugrunde
liegt. Das Erlebnis wird aber mittels
und Vorstellungskomplexe angeeignet, da¬
her mit Zügen aus einfacher Umgebung,
aus der nächtsbekannten Geschichte, aus
der Religion und Magie, aus Mythus und
Fabelreich ausgestattet; und wenn das
schon am Anfang der Bildung einer S.
geschieht, wie viel mehr erst während
ihres Ganges durch ein Volk, durch Völker
und durch Zeiten!
9 ) Köhler Voigtland 444. 10 ) Wehrhan
Sage 27. n ) Grimm Sagen Vorwort. 12 ) Wehr¬
han a. a. O. 27t. 13 ) ZfVk. 16, 394. 14 ) Prestel
Der unheimliche Grund (1933) 125. 15 ) Kühnau
Sagen 3, 197. 16 ) SchwVk. 11, 17. 17 ) Ebd.
18. 18 ) Ebd. 4, 3t. lö ) Meier Schwaben 105.
20 ) Wehrhan a. a. O. 55t. 21 ) Ranke in
Meier DtVkde . 208 u. öfters. 22 ) Ranke
Sage und Erlebnis in BayHfte. 1, 40ff. 23 ) Stö¬
ber Der Kochersberg , zitiert bei Ranke BayVkde.
41. 24 ) Vgl. Ranke Sage Xff. 25 ) Ranke in
Meier DtVkde. 208t. 2C ) Ranke Sage m. 119.
Das führt uns zur Frage nach
3. Wanderung und Weiterbildung der
S. — Zunächst ist zweifellos eine fort
und fort weitergeführte Abwandlung der
Einzelzüge einer und derselben S. beim
bloßen Weitererzählen festzustellen. Das
Ergebnis dieses Prozesses kann sein, daß
sämtliche Einzelzüge variiert werden. Da¬
her ist anzunehmen möglich, daß S.n, die
auf den ersten Blick verschwindende,
immerhin aber doch einige schwach ge¬
meinsame Züge aufweisen, dennoch des¬
selben Ursprungs sind und Varianten
einer Urform der betreffenden Art be¬
deuten. Wenn ein historischer Name
mit dem Kern der S. verbunden ist und
bleibt, so ist es leicht, die Verwandtschaft
zu erkennen, ist ihre Leugnung kaum
durchzuführen; wie z. B. bei den jüdischen,
arabischen und deutschen Formen der
Erzählung vom Besuch der Königin von
Saba bei Salomo 27 ). In anderen Fällen
rückt das Fehlen solchen gleichen Kerns
die Wahrscheinlichkeit gemeinsamen Ur¬
sprungs in die Ferne und möchte trotz
strengster Ähnlichkeit in markanten Stri¬
chen auf verschiedenen Entstehungsort
und -modus geschlossen werden. Ein
Problem dieser Art gibt die Materie des
„Tell“-typus auf. Es bleibt unverwehrt,
die aus dem 12. Jh. bekannte persische
Form, nach der ein König seinem Lieb-
Kopf legte, um ihn herabzuschießen,
worauf der Sklave jedesmal die Angst¬
neurose bekam, mit der norwegischen
aus dem 13. Jh. zusammenzunehmen, nach
welcher König Nidung von Eigil die
Schußprobe abverlangt, vom Kopf seines
•dreijährigen Söhnchens einen Apfel ab¬
zuschießen; Eigil, der drei Pfeile zu sich
genommen, antwortet dem König auf
die Frage nach dem Zweck der beiden
anderen Pfeile, nachdem er mit dem ersten
den geforderten Schuß getan (ganz wie
Teil dem Landvogt), daß diese Pfeile
dem König für den Fall eines Fehlschusses
zugedacht waren. Ferner gehört eng
dazu die dänische Fassung, nach der
König Harald, der in dem von ihm selber
provozierten Wettschießen unterlag, dar¬
aufhin von seinem Rivalen verlangt, daß
■er eine Haselnuß vom Haupt seines
Bruders schieße, was glücklich ausgeführt
wird. Eine andere Form begegnet in
England, eine weitere ist die von Puncher
aus der Heidelberger Gegend, der in bezug
auf den zweiten Pfeil die Tellantwort
gibt 28 ). Kommen wir hier auf einen
altarischen S.nkom oder S.nkreis? Ist
solcher Untergrund auch vorhanden bei
dem Variantenkreis der treuen Weiber
von Weinsberg 29 ) ? Die ohne Schwierig¬
keit zu bejahenden Fälle solcher Art
zeigen eine außerordentliche Wanderfähig¬
keit der S.n. Andere hingegen, welche
die Bejahung jener Frage erschweren oder
ablehnen möchten, wollen als Beiträge
zum Elementargedanken (s. d.) gewertet
werden. Bieten Sprach- und Volksgrenzen
dem Wandertriebe der S. keinen Halt,
so muß gleichwohl in jedem einzelnen
Falle gesondert die Frage aufgeworfen
werden, ob die betreffende S. mit diesem
Inhalt und in dieser Fassung nicht doch
selbständig aufgetreten sein könne. Denn
was einmal als Erzählungsstoff geboten
wird, kann auch mehrere Male auf¬
scheinen, da ja auch die Anlässe zur
Bildung eines S.ninhaltes sich wieder¬
holen können. Ähnliche Situationen hel¬
fen vor allem einer S., die entscheidenden
Blick ins Volksleben wirft, zur Aufer¬
stehung. Indem auch so S.nstoffe wandern
und sich verändern, entschwinden und
neu erstehn, werden auch ihre mythischen
Bestandteile abgewandelt. Aus Göttern
werden Helden oder umgekehrt aus Heroen
Götter, aus den drei germanischen Schick¬
salsgöttinnen z. B. drei weiße Jungfrauen,
die unter drei Gesichtspunkten bevor¬
stehendes Geschick künden in der ins
Jahr 1832 verlegten S. von der Be¬
gegnung des Försters im Hartwalde bei
Karlsruhe mit den drei weißen Ge¬
stalten 30 ). Ebenso ändern sich die Per¬
sonen und die Örtlichkeiten, wenn die
S. sprungweise in verschiedenen Gegenden
bekannt wird. Dabei wird sie unter Um¬
ständen in allen ihren Teilen neu geprägt,
wobei das Bewußtsein von ihrem früheren
Vorhandengewesensein verloren gehen
kann. In diesem Sinn spricht man auch
vom periodischen Auftreten der S. 31 ).
27 ) Wehrhan 33h 28 ) Ebd. 34h 2B ) W. Hoff-
mann Sage v. d. Weinsberger Weibertreue 1925;
Ranke Sage 20; Ranke in Meier Dt. Vkde.
211 ff. 30 ) Mones Anzeiger f. Kunde d. dt. MA.
1835, 307; Wehrhan 39. 3l ) Steinthal Das
periodische Auftreten der Sage in ZfVölker-
psychologie 20, 306ff.; vgl. ZfVk. 27, 2i6ff.
241 f.; Dieterich Kleine Schriften 285f.
4. Die Einteilung der verschiedenen
Arten von S.n ist mittels mehrerer Prin¬
zipien versucht worden. Die äußerlichste
nach Landschaften ist genötigt, dieselbe
S. oft zu wiederholen, macht jedoch da¬
durch die Verbreitung einzelner S.n eben¬
so wie den Einfluß der geographischen
Eigentümlichkeiten bei der Stoffgestaltung
besonders anschaulich. Dem Bedürfnis
nach Anschaulichkeit dienen vor allem
die Sammlungen der S.n nach Land¬
schaften und Ländern 32 ). Der Versuch
einer chronologischen Anordnung und
Gruppierung stößt naturgemäß auf die
größten Widerstände, und die Brüder
Grimm haben sich gegen die chrono¬
logische Gruppierung ausgesprochen; zu¬
gleich gegen die sachliche 33 ). Sie be¬
obachteten, daß eine Einteilung in Zwer¬
gen-, Riesen-, ätiologische usw. S.n des¬
halb daneben schießen müsse, weil in
fast jeder S. die verschiedenen dabei als
Einteilungsgründe benützten Elemente
verwertet und miteinander verwachsen
sind. Wehrhan meint dagegen, daß
88 3
Sage
Sage
886
doch in jeder die Hinneigung zu einer
der so entstehenden Gruppeneigentüm¬
lichkeiten vorschlage 34 ). Den kritischen
Einwendungen nach der einen und an¬
deren Seite sucht Meie he 35 ) durch fol¬
gende Einteilung zu entgehen: Haupt¬
teile mythische und geschichtliche S.n
(denen als 3. Hauptteil die romantische
oder literarische angereiht wird, die je¬
doch für die eigentliche S.nforschung von
weniger ausschlaggebender Bedeutung ist).
Die mythischen Sagen teilt Meiche nach
den darin hervortretenden Geistwesen
oder, wo solche fehlen, nach Begebnissen
und dinglichem Gegenstand und erhält
die 6 Teile: 1. Seelens.n (a) Körper und
Seele, b) Seelenheer und Geisterkämpfe,
c) bergentrückte Geister, d) Tiergespen¬
ster, e) Gespenster in Menschengestalt,
f) Spuks.n, Poltergeister, g) Irrwische,
Feuermänner, Druckgeister, Binsenschnit¬
ter. (NB. Man hat zu beachten, daß
die hier mit aufgeführten Untertitel sich
aus dem speziellen Forschungsgebiet M.s,
dem alten Königreich Sachsen, ergeben).
2. Elbens.n (a) Hausgeister, b) Luft-
und Erdgeister, c) Wald- und Feld¬
geister, d) Wassergeister). 3. Dämonen-
und Götters.n (a) Tierdämonen, b) Berg¬
dämonen, c) Winddämonen, d) Riesen,
e) Götter). 4. Teufelss.n (a) der Teufel,
b) Teufelsbündnisse, c) Zaubers.n).
5. Wunders.n. 6. Schatzs.n (a) Glocken -
und b) eigentliche Schatzs.n). — Die
geschichtlichen S.n teilt M. in 1. Landes¬
geschichtliche (a) aus der Urzeit, b) aus
religiösen Bewegungen, c) aus Kriegs¬
nöten, d) aus Fehdetagen, e) aus den
Tagen der Pest). 2. Ortsgeschichte (a) S.n
von Gründung und Benennung von Orten,
b) Bergbaus.n, c) Sprungs.n, d) Stein-
kreuzs.n, e) Baus.n, f) Handwerkss.n,
g) Spotts.n, h) Verschiedenes). 3. Fa¬
miliengeschichte (a) Geschlechter-, Hel¬
den- und Schilds.n, b) S.n über einzelne
Personen).
Mit diesem Schema könnte vielleicht
der Versuch Wundts überholt erscheinen,
der aus der Entwicklungsgeschichte der
S. drei Stufen herauslesen will, die Orts-
und Stammess., die Helden- und, aus
ihr hervorgehend, die Götters. als auf¬
steigende Formen; so jedoch, daß die
niederen Formen nicht aussterben, wenn
die höheren entstanden sind, in ihrem
allgemeinen Erzählungsgang aber deut¬
lich gegenübertreten, anderseits Orts- und
Stammess. dauernde Bestandteile auch der
spätesten S.nbildung bleiben 36 ). In¬
dessen wird es gerade eine Aufgabe zu¬
künftiger S.nforschung sein, die von
Wundt betonten Momente zwecks des
Verständnisses der zeitlichen Aufeinander¬
folge der hauptsächlichsten Grundformen
der S. zur Geltung zu bringen, ihnen
näher nachzugehen und zu erkennen,
was daraus folgt, daß der Örtlichkeits¬
faktor in der ganz überwiegenden Zahl
der S.n ein außerordentliches Über¬
gewicht besitzt. Wenn man unter diesem
Eindruck in die lokal bestimmte geistige
Urzeit des Volks zurückzugehen trachtet,
| so erscheinen Seelen- und Geisters.n
(die irgendwie von Tod und Verstorbenen
handeln, und ätiologische Stammes¬
und Ortss.n im Vordergrund. Diese
beiden Gruppen ließen sich etwa als
Natur- und Kulturs.n aufteilen, falls
man gewillt ist, die Gespensters.n ebenso-
wie die Dämonens.n zu ersteren zu
rechnen (was aber oft auf erhebliche
Schwierigkeit stoßen wird). Ganz wird
man freilich um eine Kreuzung nach
diesen beiden Gesichtspunkten nicht her¬
umkommen, ohne zu andern unliebsamen
Wiederholungen und unglücklicheren Über¬
schneidungen genötigt zu sein 37 ).
32 ) Hanke in Meier DtVkde. 326fr. ,,Samm¬
lungen“ ; Wehrhan a. a. O. 114fr. 33 ) Grimm
Sagen Xff. 34 ) Wehrhan 106. 35 ) Meiche
Sagen Inhalt. 38 ) Wundt Mythus u. Rel. 3,
341 ff. 37 ) Ein weiterer wesentlicher Vorschlag
einer Einteilung der Sagen ist von K. Plenzat
Sage und, Sitte , gemacht; vgl. auch Ranke bei
Meier DtVkde. 196fr.
5 - Wenn man sich nun einige Haupt¬
gestalten an Beispielen verdeutlicht, so
lassen bereits die S.n der Primitiven
erkennen, wie leicht, ja wie wesenhaft
sich mit der Naturs. die Elemente der
Kulturs. und der Heldens, verbinden.
Nehmen wir die ganz einfache S. von
dem Mann, der ein Licht auf der Stange
trägt und damit den Mond anzündet, der
seitdem vorhanden ist und allabendlich
angezündet wird, so sieht man das In¬
einandergreifen der genannten Momente
in solchen einfachen erklärenden S. Das¬
selbe ist bei den ätiologischen S.n der
Fall. Wird ein grotesker Fels oder Baum
damit erklärt, daß er der Überrest eines
gewaltigen halbmenschlichen - halbticri- j
sehen Wesens ist, eines Urfahren eines
Klans des Stammes, dem der Klan seine
Existenz und sein Wissen samt seinen
Fähigkeiten verdankt, so bewegen wir
uns bei der Apperzeption dieser Vor¬
stellungen zwischen Natur- und Kultur-
sowie zwischen Dämonen-, Helden- und
Götters. Die Neugestaltung solcher S.
von einfacherer Art erfuhr ich, als ich
mich mit einem Arussi-Galla im süd¬
lichen Abessinien über die Sitte seines
und aller Nachbarstämme, nur rohes
Fleisch zu genießen, unterhielt; er sagte
mir, das Feuer habe erst sein Großvater
über die Berge von Süden her geholt; ;
und seine umstehenden Landsleute schie- i
nen das zu bestätigen. Natürlich ist der j
Gebrauch des Feuers dort viel älter.
Die Ätiologie ist die häufigste Form
der Orts- und Stammess., welche selber
die ursprünglichste Weise aller S.n zu
sein scheint. Man fragt nach dem Wo¬
her auffallender Erscheinungen der Um¬
gebung, mächtiger Bauten, der steinum¬
randeten Gräberstätten, die nicht als
solche erkannt sind, des singenden Tons
oder Glockenklingens auf Meeresgrund
(Untergang von Städten wie Vineta) und
weiß bisweilen auch etwas über die Ver¬
anlassung solchen Geschehens zu sagen.
Bei bedeutenderen Örtlichkeiten pflegt
die Idee des Unheimlichen, des Zauber-
und Spukhaften stärker zu werden. Weiter
erscheinen als Träger des Unheimlichen
die Inhaber gewisser Berufe, die aus
alter Vorstellung her mit Teilen der
Geisterwelt in besonderer Berührung
stehn: der Schmied, der Bergmann, der
Glaser. Der erste hat zu Gegenspielern
gern Zwerge und Kobolde, die beiden
anderen den Berggeist, den Rübezahl, der
Jäger den Waldschrat. Falls aber das
Unheimliche nicht in dieser Weise person¬
haft oder an einen Dämon gebunden ist,
ist der bestimmte Ort durch es aus¬
gezeichnet oder ein dort befindlicher
einzelner Gegenstand 38 ). Natürlich pflegt
eine solche Ortss. den lokalen Charakter
darin zu bewahren, daß sie in der Regel
auf das begrenzte Gebiet der Umwohner
des als unheimlich empfundenen, ver¬
rufenen Orts beschränkt bleibt. Der
Inhaber der (guten oder bösen) über¬
menschlichen, unheimlichen Kraft ist zu¬
nächst streng lokal gebunden, tritt jedoch
bisweilen in die Weite hinaus. Die den
fleißigen Zwergen zugehörigen Schmiede
haben an der leichten Beweglichkeit des
Zwergengeschlechts teil (vgl. die wan¬
dernden, plötzlich an anderem Ort auf¬
tauchenden „Venedigers-Zwerge). Der
,, Schuhmacher“ im Wetterloch oder in
der Felsenhöhle (nord. Schuhschmied) 39 )_
Sohlenhämmernd, war er vielleicht An¬
laß zum ,,ewigen“ und wiederkehrenden
Schuster, der dann die Wolkenschuhe
über die Erde trägt 40 ).
Unter den Stammess.n haben die Ab¬
stammung s s.n lange Zeit eine besondere
Rolle gespielt. Diese lassen sich bis in
die primitivsten Urfahrens.n hinaufver¬
folgen; diese letzteren wiederum nehmen
gern die Gestalt von Wanders.n an.
Schon da sind es stets irgendwelche Er¬
lebnisse, die in die sagenhafte Erzählung
I gekleidet werden: wir haben es mit der
Erlebn iss. zu tun. Ein anderes Bei¬
spiel einer solchen ist die Pests., eine
reine Ortss., in der der Pestdämon oder
-drache die Hauptgestalt ist, während
der von ihm gepeinigte Mensch ohne
jegliche Individualbedeutung ist: nicht
der einzelne Erlebende, der ja nichts
vom Gewöhnlichen Abweichendes erlebt,
sondern das Erlebte allein wird durch die
S. betont. Selbst eine Naturs. wie die
von der Prinzessin Ilse, die allmorgend¬
lich mit dem ersten Sonnenstrahl hervor¬
tritt, sich im Flusse zu baden, gehört
hierher; Erleben und Wunsch mitsammen
fügen die Erzählung. Hier wie in den
S.n von der Albin Frene, von Ursula,
in den Alps.n wird selbst die dämonische
Gewalt als die ungenannte geheimnis¬
volle finstre Macht eingeführt, wie es in
der Primitivzeit üblich war. Z. B. die
I Kuh wird im Stall während der Nacht
88 ;
Sage
Sakrileg
89O
getötet und wiederbelebt, da sie in er- ;
mattetem Zustand daliegend angetroffen
wird; das Pferd ist vom Alp abgehetzt !
worden. Was der Mensch an Druck-
und Erschöpfungszuständen an sich er- :
fahren hat, das überträgt er hier auf das |
Vieh. Es ist verständlich, daß man den .
Alptraum und das Erwachen aus ihm i
als Sterben und Rückkehr ins Leben !
schildert. Drum steht so auch in manchen
S.n der Mensch selber als der Getötete
und Wiederbelebte da. Wenn Hexen
aus dem Mädchen im Walde ihre Speise j
kochen und das Mädchen nach der i
Wiederbelebung nicht wieder ganz frisch
wird, sondern dahinwelkt 41 ), so wird das
von vielen wohl mit Recht auf ein
,,Traum“-Erlebnis gedeutet, d. h. auf ein
unbewußtes Erfahrnis von etwas inner¬
lich Strukturiertem, und erinnert an die
von Primitiven als böse, schwarze Magie
gedeutete Erfahrung des schnellen Hin-
siechens, das auf Fett- und Lebenssaft¬
entziehung seitens des schwarzzaubernden
Feindes beruhe 42 ). Die Betontheit dieses
Moments in der S. beleuchtet das reiche
Material davon in den Menschenfresser-,
Blutsauger-, Vampir-, Martens.n. Das
entgegengesetzte Motiv kommt dagegen
zur Geltung in den S.n von den Nacht¬
weiblein, die spinnend nächtlicherweile
des Menschen Tageswerk zu Ende führen;
vom Klabautermann, der auf dem Schiff
wie die anderen Kobolde im Hause dem
Menschen Arbeit abnehmen; von den
kleinen und wilden Leuten, den Moos-
und Holzleuten, Wichteln und Fanggen,
Saligen und Wasserleuten usw. Die alle
sind durch die Völker hin in ähnlichen
Formen verbreitet. Die von ihnen han¬
delnden S.n lassen sich im wesentlichen
als Erlebniss.n bezeichnen, in denen das
*
Übergroße, Gewaltige, Unsinnlich-Un-
heimliclie von außen in die menschliche
Sphäre hineintretend erlebt wird, worauf
dies Erlebnis in seiner Erzählungsform
anschaulich festgehalten wird 43 ).
In den Hel den s.n, die später auf¬
getreten sind, und deren Ausbildung wir
besonders in Griechenland, Eran, Indien,
Babylonien, bei den Kelten, Finnen, Ger¬
manen und Russen verfolgen 44 ), wird
das Gewaltig-Unheimlich-Übergroße als
innerhalb der menschlichen Wesenssphäre
vorhanden geschaut und in der Gestalt
des Helden erblickt und geehrt. Den
Hintergrund dieser Heldens.n bilden in
der Regel nationale Kämpfe und Wande¬
rungen (vgl. die nordischen Wandersagen),
Staaten- und Städtegründungen und -Zer¬
störungen, die oft hinüberführen und aus-
laufen in die langen Irrfahrten („Odys¬
seen“) des Haupthelden und seiner Ge¬
treuen. Der historische Rahmen, der
durch jenen Ansatzpunkt geliefert wird,
ist von Anfang durch den auf das Histo¬
rische abschwächend wirkenden mythisch¬
poetischen Kern gesprengt: der Held wird
zum Heros gestempelt, und schon seine
Geburt und Kindheitsentwickelung weisen
übernatürliche Züge auf. Dadurch ist
nicht etwa schon eine Richtung auf den
Kultus der Person hin gezogen. Wohl
aber will der Hörer der S. im Helden
und in den Helden zugleich eine Be¬
gegnung mit der übersinnlichen Sphäre
haben. Daß die S. solcher Art einem
religiösen Bedürfnis entspricht, ist nicht
zu leugnen; das religiöse Gut tritt dann
aber schon in jener Form auf, welche
dem Aberglauben zugerechnet wird; stark
gezeichnet in den Berserkern, die deshalb
auch in der Sage, wo sie sich sehen
lassen, keine Nebenrolle spielen. Doch
welch eine Verschiedenheit zwischen der
Odyssee und dem Nibelungenlied, gerade
in dieser Hinsicht, und dann wieder
zum Mahabharata! Man darf sagen,
daß unter diesen drei S.n die deutsche
am wenigsten Magisches aufweist und
die Beziehung zur unheimlichen Sphäre
am schwächsten betont. Allerdings wel¬
cher Unterschied wiederum zwischen dem
Hildebrandlied und Jung Siegfried! Die
sich ausbildende S.nrichtung hat indessen
in den nordischen Sagas gewisse Vorläufer.
38 ) Wundt Mythus u. Rel. 3, 35off. 39 ) Laist-
ner Nebelsagen 291. 40 ) Ebd. Nr. 342. 41 ) Zin-
gerle Sagen Nr. 586t; Schneller Wälschtirol
21 f. 42 ) Beth Rel. u. Magie 154*?. 43 ) Alpen¬
burg Mythen 7. 44 ) Brunnhofer Schweiz.
j Heldensage i. Zushang. m. d. dt. Götter - u.
Heldensage (1911).
Umfassende Angaben von Sammlungen der
deutschen S.n findet man in Karl Wehrhan
Die Sage (1908) S. 108—162. Hier braucht
bloß genannt zu werden das grundlegende
Werk der Brüder Grimm Deutsche Sagen,
1816 u. 1818, 4. Aufl. 1908; ferner Onno Klopp
Geschickten, charakteristische Züge und S.n der
deutschen Volksstämmc 1851; die Sammlungen
von Ludwig Bechstein Deutsches Sagenbuch
1853, Romantische Märchen und Sagen 1855,
Altdeutsche Märchen, Sagen und Legenden 1863,
Großmutters Märchen- und Sagenschatz 1863.
K. Beth.
Säge s. N achtrag.
sagen s. reden 7, 542 ff.
Saite. 1. Reißt ohne äußere Veran¬
lassung die S. eines Instrumentes, so gibt
es bald Hochzeit*) oder ist, nach ver¬
breiteterem Aberglauben, ein Todesfall
zu erwarten 2 ) bzw. eingetreten 3 ).
2. Ist ein Instrument mit S.n aus
Wolfs- und Schafsdärmen bespannt, so
läßt es sich nicht rein stimmen, auch
springen die S.n rasch 4 ); sind die S.n
aus Schlangen verfertigt und hören
Schwangere dem Spiele zu, so treibt dies
die Leibesfrucht ab 5 ). Zauberkundige
Spielleute vermögen andere Menschen
unwiderstehlich zum Nachfolgen zu zwin¬
gen, falls es ihnen gelingt, deren Haare
auf ihr Instrument zu spannen 6 ); nach
den Tönen der Geige, auf die der Teufel
vier seiner Haare gespannt hat, muß
jedermann tanzen 7 ). Die Harfe mit
S.n aus Haaren der Ertränkten verrät
den Mord 8 ).
L ) Spieß Fränkisch-Henneberg 152. Dänisch:
Wenn bei einem Gelage eine S. auf der Geige
des Spielmanns zerplatzt, so sind entweder
Brautleute auf dem Tanzboden, oder ein tanzen¬
des Paar wird sich alsbald verloben (E. Tang
Kristensen Gamle folks foczrllinger om det
jyske Almueliv, Tillcegsbind I (Arhus 1900)
3. Afd. S. 94 Nr. 576). 2 ) Fr. X. Pritz Über¬
bleibsel aus dem hohen Altertum (Linz 1854) 86.
*) Wuttke 225 § 320; SchwVk. 3, 74 (Guitarre;
Unglück in der Familie oder im Verwandten¬
kreis); Jegerlehner Sagen 2, 176 Nr. 63;
Hahn Griechische u. alban. Märchen 2 (1864),
15. 21 f. = E. S. Hartland The Legend of
Perseus 2 (1895), 11 = ZfVk. 20, 70 Nr. 9 =
FFC. 107: E 761. 5. 2. — Daß es Regen bedeute
(s. Joh. Colerus Oeconomia ruralis et domestica,
Mayntz 1645, I S. 7 Nr. 164) ist eine wohl zu¬
treffende Beobachtung. 4 ) Jo. Bapt. Portae
Magiae Naturalis Libri Viginti (Ffti. 1607)
Lib. XX cap. VII S. 658; Maennling 273;
Th arsander 3, 528 (ablehnend im Anschluß
an ein Experiment von Athan. Kircher).
*) Porta a. a. O. S. 659. 6 ) Karl Meyer-
Jelmstorf Heimatkunde des Kr. Ülzen (1931)
540f. 7 ) Bo11e-Po 1 ivka 2, 30r — von Dit-
furth 52 ungedruckte Balladen (Stgt. 1874)
S. 104—115 Nr. 30 (angeblich aus einem alten
geschriebenen Liederbuch aus Hofheim). 8 )
FFC. 49, bes. S. 166—172; Grundtvig Dan-
marks gamle Folkeviser Nr. 95; Child The
English and Scottish Pop. Ballads Nr. 10;
Liestol-Moe Norske Folkeviser 1 (1920),
Nr. 29; Lowry Charles Wimberly Folklore
in the English Sc Scottish Ballads (Chicago 1928)
68 — 72; Feilberg Ordbog 3,603; MoM. 1909,
S. 37 — 51. — Eine Zauberformel, die Geigens.n
zum Springen zu bringen ist mitgeteilt bei
Lappmannen Jon Johanssons Signerier och
Besvärjelser utg. av Ossian Lindskoug
(Malmö 1917) S. 56. Seemann.
Sakrileg deckt sich inhaltlich mit dem
Begriff des Frevels, vgl. 3, 79. Statt
dieses deutschen Namens für die Be-
! leidigung höherer, heiliger Gewalten be-
| gegnet in der Literatur gern jene gelehrte
| lateinische Bezeichnung. Unter sacri-
legium haben die alten Römer an erster
j Stelle einen Tempelraub, eine Entwendung
j beweglicher heiliger Sachen aus heiliger
i Stätte verstanden x ). Die römische
Kirche hat dieses Wort und seinen Sinn
beibehalten und allmählich erweitert 2 ),
wie häufige Definitionen in Bußbüchern,
j päpstlichen Dekreten und Synodalent¬
scheidungen, z. B. des 9. Jh.s 3 ), zeigen,
so daß S. als ein bedeutungsvoller Be¬
griff ins kanonische Recht übergegangen
ist. Der Volksglaube versteht unter
S. über den Raub heiliger kirchlicher
Gegenstände und Gelder 4 ) hinaus zu¬
nächst auch die Schändung christlicher
Heiligtümer wie vor allem im Hostien¬
frevel 5 ), in der mutwilligen Beschädigung
(SchußVerletzung) von Kruzifixen, deren
I Wunden bluten 6 ), oder von Marien- und
j Heiligenbildern 7 ). S. ist jede Entweihung
(Abbruch) von Kirchen 8 ) und Kirch¬
höfen 9 ). Sakrilegisch ist weiter der Mi߬
brauch kirchlicher Gebräuche als wie das
feierliche Begräbnis eines geliebten Hun¬
des 10 ) oder die Taufe eines Tieres und
gar einer Puppe, eines Wachsbildes, um
dieses für einen Zauber zu stärken 11 ).
Als S.e sind ferner alle Feiertagsentheili¬
gungen aufzufassen, die in der Regel
Erzählungen von göttlichen Strafgerichten
zugrunde liegen 12 ). Aber auch ein über¬
mütiges Leben, das, eben zumeist an
einem Feiertag gipfelnd, zu Gott Vergessen¬
heit und Speisefreveln führt, ist gewiß
Sakrileg
Salamander— Salbei
894
nicht erst vom christlichen Gefühl als
sakrilegisch getadelt und gefürchtet wor¬
den und durch ein Gottesgericht bedroht,
vgl. 3, 972 ff. 1068 ff. Solche Frevel¬
sagen, wo man sich am Brot vergeht, etwa
in Schuhen aus Brot tanzt 13 ), aus Käse
und Butter Stiegen baut 14 ), sind überall
heimisch, vorzüglich in den Alpen. In
erweitertem Sinne sakrilegisch sind andere
ruchlose Taten, die sich an geheiligten
Wesen und Dingen vergreifen und dem
Täter Unglück bringen müssen, als wie
das Zerstören von Schwalbennestern 15 ).
Ebenso kann freventliche Empörung des
Kindes gegen Vater oder Mutter zum
S. gerechnet werden; die Kinderhand, die
sich frevelnd erhoben, wächst aus dem
Grabe hervor, ein verbreitetes Motiv 16 ).
Den Frevler trifft wunderbare, augen¬
blickliche oder rasche Strafe an Leben
oder Gesundheit — er erblindet; das
Glied, mit dem er gefrevelt hat oder
welches an einem heiligen Bilde getroffen
worden ist, stirbt ab — 17 ), er wird in
Stein verwandelt 18 ) oder wenigstens un¬
überwindlich zurückgewiesen oder fest¬
gebannt 19 ); nach seinem Tode muß er
umgehen 20 ), vgl. wilder Jäger. Straf¬
wunder hemmen versuchte, von der Gott¬
heit nicht gewollte Kultübertragungen im
Altertum wie in früherer und späterer
christlicher Zeit (Reliquiendiebstähle) 21 ).
Auch frevelndes Reden und Verspotten
kirchlicher Gebräuche ist gefährlich und
bringt Unheil, besonders für Schwangere 22 ).
1 ) Pauly-Wissowa 2. R. 1, 2, 16780.: fur¬
tum rei sacrae e loco sacro. 2 ) Ebd. i68of.
3 ) Sacrilegium dicitur sacrarum rerum lesio id
est direptio videlicet librorum et ecclesie orna-
mentorum scilicet palliorum, vestimentorum,
turibulorum, calicis sive omnium ecclesiarum
substantiarum, Poenitentiale Valicellanum II
c. 41, Schmitz Bußbücher 374. 445; s. a.
Corpus Juris Canonici ed. Friedberg (1879) 1,
8i5ff. (causa 17, qu. 4, bes. c. 3ff. I2ff. 18. 21);
im erneuten kanon. Recht als technischer Be¬
griff ziemlich fallen gelassen, Codex Juris
Canonici 1917 can. 119. 2320. 2325. 2346; in
frank. Zeit durch Teeren u. Federn des ge¬
schorenen Hauptes bestraft, Brunner Dt.
Rechtsgeschichte 2 (1928), 788. 4 ) Zingerle
Sagen 523; Alemannia 3, 268; 4, 243h; Meiche
Sagen 83. 124. 174; Mackensen Nds. Sagen 186.
5 ) S. o. 3, 7ff. 33; 4, 4140. 819t.; Heyl Tirol 18;
Lütolf Sagen 161; Künzig Baden 86; Quen-
sel Thüringen 297; Kruspe Erfurt 1, 28ff.;
Lütolf Sagen 347;
1, 205 f.; Müller
15. 12 ) Vgl. Sabbat,
Peuckert Schlesien 133f.; Grässe Preußen 1,
61 ff.; Niederhöffer Meckl. Sagen 2, 145;
Mackensen Hanseat. Sagen yoi. ; NdZfVk. 5,
229f.; 7, i6if. 6 ) S. o. 3, 8. 140.; 5, 6380.;
Malleus pars 2 qu. 1 c. 16 = WürttVjh. N. F.
19, 417; Birlinger Volksth. 1, 423fr; Meier
Schwaben 291 = Kapff Schwaben 115; Künzig
Schwarzwald 212. 233; Zingerle Sagen 447;
Jungbauer Böhmerwald 107; Zaunert Hessen-
Nassau 189; Westfalen 295; ZfrwVk. 1903, 242;
ZfVk. 16, 177. 7 ) Alemannia 3, 268 (schwed.
Frevler, ebenso Kühnau Sagen 3, 402. s. a.
405. 412f.); Birlinger Schwaben 1, 63. 68. 81 f.
304. 429; Künzig a. a. O. 233; Ivuoni St.
Galler Sagen 24 f.; Cysat 66; Jungbauer
a. a. O.; Grässe a. a. O. 1, 474; 2, 668f.
8 ) Künzig a. a. O. 212 (Taufstein). 234; ders.
Baden 8; Jungbauer a. a. O. 201I; Kühnau
a. a. O. 3, 413; Wolf Beiträge 2, 17; Macken¬
sen Hanseat. Sagen 71 f.; NdZfVk. 7, 160 f.;
s. o. 4, 1402; 5, 1780. 9 ) BIPommVk. 7, 99 f.;
s. o. 3, 93. 10 ) Rochholz Naturmythen 87 f.;
vgl. Mackensen Nds. Sagen 157 f. n ) Meiche
Sagen 692; Schönbach Berthold v. R. 27 f.;
F i e n t Prättigau 139 f.;
Herzog Schweizer sagen
Urner Sagen 1, 73; s. o. 3
Sonntagsheiligung, Mann im Mond (6, 512 f.);
Grimm Myth. 2, 598 f.; Simrock Mythologie
24 f.; Kühnau Sagen 2, 491 f. 496 f.; 3, 387 ff.
408; BIPommVk. 7, 98 ff.; Mackensen Nds.
Sagen 162 f. 1840.; Zaunert Westfalen 295!.;
Birlinger Schwaben 1, 73 ff.; Künzig Schwarz¬
wald 212; Kruspe Erfurt 2, 16 f. (Franzosen
entheiligen den Karfreitagabend durch Possen¬
spiel im Dom, plötzlich erlöschen alle Lichter);
NdZfVk. 5, 217. 228 f.; 7, 158 ff.; R. Beitl Dt.
Volkstum d. Gegenwart 68; SAVk. 27,
166 f. (Beispiele der jüngsten Vergangenheit).
13 ) Grimm Sagen Nr. 233. 2350.; Ranke
Sagen (1923) 237 ff. 243; s. o. Brotfrevel i,
1583 f. 1597 ff.; Frau Hütt 3, 972 f.; 4» 5451 vgl.
die Zusammenstellungen in NdZfVk. 5, 220 ff.;
7, 162 f.; s. a. Zaunert Westfalen 294 f.; Sieber
Harzland 13 ff.; Lyncker Sagen 179; Künzig
Schwarzwald 276. 304; Reiser Allgäu 1, 242 =
Kapff Schwaben 59. 14 ) ZfdMyth. 2, 350t.
(Tirol); Müller Urner Sagen 80; s. o. 1, 1724 f.;
4, 1042 b; Milch 6, 252 ff. 15 ) Schramek
Böhmerwald 244; Heckscher 388 Anm. 289;
Künzig a. a. O. 214; NdZfVk. 5, 220; s.a.
Leiche 5, 204. 1093 f.; 6, 190; töten; Neugierde
1. 1393 ; 6, 1018 f. 16 ) S. o. 3, 1054 f. 1380;
Mackensen Hanseat. Sagen 72; Grässe Preu¬
ßen 2, 431 f. (Stettin); Zaunert Westfalen 330;
Rheinland 2, 203 b; Müller Urner Sagen 1,
71 ff.; auch durch Hostienfrevel begründet,
Künzig Baden 86. 17 ) Z. B. Grässe Preußen
1, 58. 216 f. 474; 2, 183. 446. 510. 542. 571.
668 f. 681; Zaunert Westfalen 294 f.; Lyncker
Sagen 179; Meiche Sagen 124. 174. 199; Sieber
Sachsen 84. 325; Jungbauer a. a. O. 35. 107;
Birlinger Volksth. 1,4230.; Schwaben 1,68.
72 ff. 304; Baader Sagen 49; Künzig Schwarz¬
wald 233; Lütolf Sagen 347; Cysat 66;
Sebillot Folk-Lore 1, 196. 421; 3, 141; 4, 270.
384. 18 ) Ranke a. a. O.; Kühnau Sagen 3,
3870.; Niederhöffer Meckl. Sagen 4, 38;
Mackensen Nds. Sagen 1840.; Meiche Sagen
124; Bavaria 1, 313; ZfVk. 16, 177 b 181; s. o.
3, 980 ff.; 4, 1043 f. 19 ) Z. B. Alemannia 3,
268; Birlinger Schwaben 1, 63. 81 f.; Lütolf
Sagen 533; Zingerle Sagen 523. 20 ) NdZfVk.
7, 8 f. 12; Mschles Vk. 3132 (1931), I2if.;
John Westböhmen 180; Meiche Sagen 83. 174;
Rochholz Naturmythen 87!.; Lütolf Sagen
161; Sebillot 1, 168 f. 21 ) Schmidt Kultüberlr.
104b 22 ) Brückner Reuß 178; Quensel
Thüringen 297; Kühnau Sagen 3, 399. 403 f.
412 ff.; Grässe Preußen 2, 542; Niederhöffer
a. a. O. 4, 38; BIPommVk. 7, 101; Schell
Bergische Sagen 520; Künzig Baden 86 ff.;
Bavaria 1, 313!.; Freisauff Salzburg 651;
s. a. Rankea. a. O. 291; NdZfVk. 5, 229; 7, 163b ;
vgl. Fluchen 2, 1648 ff.; Gotteslästerung 3,973.
978 ff. 1066 ff.; 4, 5 f.; 5, 883, Messer 6, 199 f.,
Teufel. Müller-Bergström.
Salamander s. Molch 6, 455 ff.
Salat s. Salbich 5, 922 b
Salbei (Salvia officinalis). 1. Bota¬
nisches. Stark duftender Lippenblütler
mit z. T. verholztem Stengel, filzig be¬
haarten, runzeligen Blättern und violetten
in Scheinquirlen vereinigten Blüten. Der
aus den westlichen Mittelmeerländern
stammende Halbstrauch wird schon seit
langer Zeit in Bauerngärten gezogen.
Er gehört zu den alten südeuropäischen
Heilpflanzen, die ihre Verbreitung im
deutschen Garten hauptsächlich den
Klöstern bzw. der Mönchsmedizin ver¬
danken l ). Bekannt ist der Spruch der
Mönchsmedizin: „Cur moriatur homo,
cui salvia crescit in hortis“ ? 2 ). Vgl. auch
„Wer auf S. baut — den Tod kaum
schaut“ 3 ) und die Volkssprüche ,,Woar
a Shaubaischtaudn muess mer in Huat
anam“ 4 ) oder „Du willscht krank sei(n)
und hoscht Salb im Goade!“ 5 ). Ebenso
kennt man in Italien 6 ), Frankreich 6 *) und
England 7 ) entsprechende Reime.
Marzeil Kräuterbuch 173 f.; Heilpflanzen
144 — x 5 °; Tschirch Hb. d. Pharmakognosie
2 ( T 9 12 ), 1028b; vgl. auch Fr. Paullini
Sacra herba seu nobilis Salvia etc. Augustae
Vindelic. 1688, 414t. 2 ) Renzi Collectio
Salernitana 1 (1852), 469. 3 ) DWb. 8, 1687.
4 ) Satter Gottscheer Pflanzennamen 18. 5 )
Wilde Pfalz 219. 6 ) Pitre Usi 3, 253. 6a ) Rol¬
land Flore pop. 8, 181.185. 7 ) Dy er Plants 143.
2. In der gelehrt-magischen Literatur
(nach Hermes Trismegistus?) dient der
S. zauberischen Zwecken. Wird das
Kraut in den Mist gelegt, so wird daraus
ein Wurm oder ein Vogel, der einen
Schwanz wie eine Drossel hat. Wenn
einer mit dem Blut dieses Tieres berührt
wird, so verliert er die Sinne auf einen
Monat oder länger. Wenn man die Asche
i des Wurmes ins Feuer streut, so ent-
| stehen Blitz und Donner. Wenn das
: Pulver in eine Ampel getan und diese
; entzündet wird, so erscheint das ganze
| Haus voll von Schlangen 8 ).
■ 8 ) Albertus Magnus 1508, cap. 12; Mi-
zaldus Memor. Centur. 1592, 80; Alpenburg
Tirol 399 (also kein Tiroler Aberglaube!).
| 3. Im MA. brachte man den S. gern
mit den Kröten in Verbindung: „die
kroten ezzent gern salvei, aber man
scheuht si da von, der nähent rauten
(s. d.) da pei setzt“, sagt Megenberg 9 ).
Darauf nimmt auch die Novelle Boc¬
caccios 10 ) bezug von Simona und Pas-
quino, die sich die Zähne mit einem
S.blatt reiben und davon sterben,
weil eine Kröte am S. stock saß.
Hans Sachs 11 ) hat in seiner „Historia,
wie zwey liebhabende von einem salven-
blat stürben“ den gleichen Stoff be¬
handelt. In Thüringen soll einst ein
Mädchen anstatt eines Kindes eine hä߬
liche Kröte zur Welt gebracht haben,
nachdem ihr eine Hexe eine S.suppe zu
essen gegeben 12 ). Poppe 13 ) erklärt
die Beziehungen zwischen S. und Kröte
nach der Signaturenlehre: „Wann man
die Blätter der Salbey wohl betrachtet,
so sehen dieselben gleichsam abschewlich
wie eine Kröte fdie Blätter sind runzelig
wie die Haut der Kröte!], daraus haben
die Alten wahrgenommen und befunden,
daß dieses Kraut den Frosch oder die
Kröten unter der Zunge [Froschge¬
schwulst, ranula] stüle und vertreibe“.
Diese „Erklärung“ dürfte aber wohl eine
sekundäre sein.
9 ) Buch der Natur ed. Pfeiffer 421; ebenso
Albertus Magnus De Vegetabilibus 6, 450;
Schroeder Apotheke 1134. 10 ) Decamerone
37. Erz. u ) Werke hrsg. v. Keller u. Goetze
2, 223ff. 12 ) Paullini Sacra herba seu nobilis
Salvia etc. 1688, 412. 13 ) Kräuterbuch 1625, 542.
4. In der alten Sympathiemedizin
spielt der S. eine große Rolle. Eine Hs.
des 15. Jh.s aus dem Schloß Wolfsthurn
895
Salbei
Salige
Salz
898
897
(Tirol) bringt „für das Fieber“ folgendes
Rezept: „Nym 3 salvaypletter auff ainem
stengel ains morgens vor der sunnen
vnd schreyb auff das ain blatt 7 pater f
pax, auff das ander plat f filius f vita,
auff das dryt plat schreyb f Spiritus f
sanctus sit tibi contra febrem remedium
amen. Das du drey morgen vor der
sunnen vnd alle male so nym 3 pletter,
dor noch so sprich funff pater noster
vnd funff aue maria vnd ain glauben“ 14 ).
In ähnlicher Form kehrt dies Rezept,
das offenbar aus dem ,,Evangile des
Quenouilles“ stammt 15 ), häufig wieder 16 ).
Um Liebe bei einer Person zu erwecken,
nimm drei S.blätter und schreib auf das
erste Adam Eva, auf das andere Jesus
Maria, auf das dritte deinen und ihren
Namen. Brenn diese Blätter zu Pulver
und bringe dies der Person beim Essen
oder Trinken bei 17 ). „Nimb ein salbinen-
blatt und stich mit einer ungebrauchten
nadlen 3 Löcher dadurch und nimb al-
wegen von deinem haar eins und von
iren eins und zieg in die drei Löcher, das
sie nit mögen herauspfahlen, nimb das
salbinenblat, da die har instekhen, wickhle
es zuesamen und vermachs in unge¬
brauchtes Wachs, darnach gehe zue
einem Tauffstein und legs darauff und
sprich: ich tauff dich im Namen Gottes
Vatters vnd des Sohnes und des hl.
Geistes. Amen, gang dann in das haus,
da sie ist und vergrabs undter der thür¬
schwöllen, dass sie auss- und eingehet,
so muoss sie dich lieb haben“ 18 ). Gegen
das viertägige Fieber gab man dem
Kranken neun Tage nacheinander S. zu
essen, dergestalt, daß er am ersten Tag
neun Blätter und die folgenden immer
eines weniger nehmen mußte 19 ). Das
Antidotarium Bruxellense schreibt gegen
Fußwunden sieben S.blätter vor 20 ), und
in West-Sussex ißt man gegen Fieber
sieben Morgen hintereinander sieben S.¬
blätter 21 ). Bei ,,Mundfäule“ der Kinder
hängt man drei S.blätter in den Kamin.
Wenn diese verdorren, weicht auch die
Krankheit 21 ).
14 ) ZfVk. 1, 174. 15 ) Rolland Flore pop.
8 , 186. 16 ) MschlesVk. 18, 22; Alemannia
27, 113; SAVk. 7, 50; Ohrt Danmarks Trylle-
I formier 1917, 212f. 17 ) Jahn Hexenwesen 318.
18 ) Besegnung aus einem 1727 geschriebenen
Heft im Archiv Donaueschingen: Alemannia
2, 131; vgl. auch Scheible Kloster 10 (1856),
! 177. 19 ) Zincke Oecon. Lexik. 1744, 2, 2499;
1 das Rezept stammt aus der ,,Maison rustique“
| des 16. Jh.s: Rolland Flore pop . 8, 186; es
ist auch in England bekannt: Dy er Plant s 293.
20 ) Theodor. Priscianus ed. Rose 1894, 392.
21 ) Black Folk-Mcdic. 1883, 122. 21 ) Manz
Sargans 77.
5. Wenn man den ,,Salvenstock“ am
Karfreitag vor Sonnenaufgang beschneidet
dann gerät er recht gut 22 ). In Ober¬
franken dienen die S.stengel hin und
wieder als,,Lebensrute“ zum ,,Fitzein“ 23 )..
Wirft man einen S.stengel in den Bach, so
trocknet dieser aus. Auch bedienen sich
die Diebe des S. zum Öffnen der Schlösser
(Quelle?) 24 ).
22 ) Birlinger Volksth. 1, 472 = Fischer
SchwäbWb. 5, 545; Reiser Allgäu 2, 116;
Walther Schwab. Vk. 1929, *44 - 23 ) Heimat¬
bilder aus Oberfranken 3 (1915), 121 4 (19*6),
17. 24 ) Montanus Volksfeste 147.
6. Ab und zu erscheint auch der bei
uns überall wildwachsende Wiesen-S.
(S. pratensis) 25 ) im Aberglauben. In
einer hessischen Sage bekennen die beiden
„Wildeweibchen“ (Holzleute) beim Roden¬
stein: „Wenn die Bauern wüßten, zu was
die wilden weißen Haiden (s. Heidekraut)
und wilden weißen Selben (der sonst
blaue Wiesen-S. blüht selten auch weiß,
s. Wegwarte) gut sind, dann könnten sie
mit silbernen Karsten hacken“. Als
einmal ein „Wildweibchen“ von den
Bauern gefangen wurde, rief ihm das
andere zu: „Sag alles, sag alles, nur nicht
wozu die wilden weißen Haiden und die
wüden weißen Selben gut sind!“ 26 ).
Ganz entsprechend ruft in einer fran¬
zösischen Sage eine „Fee“ ihrer ge¬
fangenen Genossin zu: „Verrate nicht
das Geheimnis des S., denn wenn die
Reichen es wüßten würden sie die Armen
den Hungertod sterben lassen“ 27 ). In
Oberbayern pflückt man am Ulrichstag
(4. Juli; Mäusepatron) mittags 12 Uhr
den Wiesen-S., damit kann man Mäuse
vertreiben 28 ).
25 ) Marzeil Kräuterbuch 274. 26 ) Wolf
Sagen Nr. 82. 87 = Ranke Sagen 2 181. 27 ) Se-
billot Folk-Lore 3, 481 = Rolland Flore pop.
8, 185. 28 ) Marzeil Bayr. Volksbotanik 47.
Marzeil..
Salige s. Nachtrag.
Salm s. Lachs 5, 884 f.
Salomon s. Nachtrag.
Salomonssiegel s. Weißwurz.
Salpeter wurde im MA. vielfach
verwendet 4 ). Eine magische Verwen¬
dung des S.s als Volksheilmittel ist
aus dem Erzgebirge belegt. Dort
trägt man gegen Zahnschmerzen ein
Säckchen, in dem S., Kampfer und
Schwefel liegen, acht Tage lang auf der
Brust und wirft es dann über den Rücken
in einen Bach 2 ) (vgl. wegschwemmen).
Die Alchemisten stellten aus vermoderten
Leichnamen und menschlichen Gebeinen
S. her, und viele schwuren darauf, daß
dieser die Seele des Steins der Weisen
enthalten müsse 3 ). Die hauptsächlichste
Verwendung fand der S. zur Bereitung
des Schießpulvers, das eine völlige Um¬
wandlung im Kriegführen herbeiführte.
Daß jetzt jeder Bube mit der von einer
unheimlichen, rätselhaften Kraft aus dem
Büchsenrohr getriebenen Kugel den
tapfersten Kriegsmann aus der Ferne
niederstrecken konnte, mußte bei aber¬
gläubischen Leuten zu der Meinung
führen, daß der Teufel dem ruchlosen
Erfinder zur Verwendung des S.s geraten
habe, daß das Schießpulver eine Teufels¬
gabe sei 4 ), gegen die man sich nur
durch Amulette und Schußsegen schützen
könne 5 ).
*) Lonicer 53; Hellwig Kalender 63.
2 ) Wuttke 336 § 501 — Seyfarth 223;
Spieß Obererzgebirge 27. 3 ) Peters Pharma¬
zeutik 1, 277. 4 ) eb. 2. 149 f. 6 ) MschlesVk. 4
(1897), 88 ff. f Olbrich.
Salz.
Das Salz im Kultus. Alle Kräfte,
welche das Volk dem S.e beimißt, gehen
letzten Endes auf seine Verwendung im
Kultus zurück. Bereits die Griechen
und Römer bedienten sich des „heiligen“
Meerwassers oder, wenn dieses fehlte,
gesalzten Wassers zu Weihungen und
Entsühnungen, des Salzes zu abwehrenden
Opfern. S. und S.wasser schrieben sie
nicht nur eine erhaltende, sondern auch
eine reinigende Kraft zu. Auch die
Orientalen und Juden benutzten das S.
zu Reinigungsopfern 1 ). Das Christen-
Bächtold - Stäubli, Aberglaube VII
tum fand diesen Brauch vor, benutzte
ihn bei der Aufnahme der Katechumenen,
später bei der Taufe der Kinder und
verlieh ihm unter Anlehnung an neu-
testamentliche Stellen eine christliche
Deutung. Die sog. Gelasianische Weihe¬
formel lautet: „Wir bitten dich, Herr,
daß diese Kreatur des S.es im Namen
der Dreieinigkeit heüsam gemacht werde
zur Vertreibung des (bösen) Feindes . . .,
daß es allen Empfangenden werde ein
vollendetes Heilmittel“. ' Ähnlich lautet
die Benediktionsformel in den Apostoli¬
schen Konstitutionen und bei der heutigen
sonntäglichen Wasserweihe, bei der durch
einen exorzistischen Ritus unter Bei¬
mischung von S. dem Weihwasser alle
natürlich-dämonischen Einflüsse entzogen
werden und es zum Übermittler gött¬
licher Segenskraft gemacht wird. Die
große Masse der Gläubigen sah in der
Taufe und dem Besprengen mit Weih¬
wasser nicht nur eine symbolische, sondern
magische Handlung. Nach christlichem
Aberglauben meinte man, geweihtes S.¬
wasser könne Befleckte reinigen. Un¬
fruchtbare fruchtbar machen, Hab und
Gut vervielfältigen usw. 2 ). Auch den
Germanen war die reinigende, heilige
Kraft des S.es nicht unbekannt. Zwar
ist der Kampf germanischer Völker¬
schaften um die S.quellen vor allem wegen
der Unentbehrlichkeit des S.es geführt
worden, auch ist die Einwirkung eddischer
Darstellungen und Vorstellungen sehr
fraglich. Wenn aber Tacitus als Glauben
der Germanen erwähnt, die S.quellen
seien dem Himmel nahe und nirgends
würden die Bitten der Sterblichen (von
den Göttern) aus größerer Nähe gehört,
wenn er als weiteren germanischen Glau¬
ben von der fortwährenden Erzeugung des
S.es berichtet, es sei aus entgegen¬
gesetzten Elementen, Feuer und Wasser,
indulgentia numinis (durch Allvaters
Gnade?) zusammengewachsen, so schim¬
mert hier doch der Glaube an das S. als
himmelentsprungene, göttliche und darum
heilige Gabe durch 3 ). So führen Fäden
von orientalisch-antiken Gebräuchen, viel¬
leicht auch germanischen Anschauungen,
’ über das Christentum zu dem heutigen
29
899
Salz
Salz
902
Aberglauben. Unendlich vielseitig und i
tiefgreifend sind die Beziehungen des S.es I
für das Menschenleben; der Glaube an j
seine Heiligkeit und Kraft durchzieht j
alle Lebensgebiete. j
So wurde z. B. das S. ein antidämoni- j
sches Mittel während der Fastenzeit und !
damit ein Heilmittel gegen angezauberte j
Krankheiten. Hierher gehört auch das |
Bestreuen der Fastenbrezeln mit S., was
noch heute in katholischen Gegenden,
namentlich in Oberbayern, üblich ist 4 ).
Der Glaube an die Heiligkeit der S.quellen
spiegelt sich noch in Sagen wieder von
Geistern, die in ihnen wohnen und die,
wenn sie ihren Unwillen betätigen, feier¬
lich versöhnt werden müssen 5 ). Auch
der Aberglaube, daß Mißbrauch (Um- !
schütten) des S.es Unheil nach sich zieht !
(s. u.), geht auf die Heiligkeit des S.es
zurück.
1 ) ZfVk. 15 (1905b I 4 I f -; Liebrecht Zur
Volksk. 316 f.; Pauly-Wissowa 2. R. 1, 2,
2093 b; Höfler Fastengebäcke 81; Stemp-
linger Aberglaube 76; ARw. 8 (1905) Beiheft
32 f.; vgl. dazu Samter Geburt 158 ff. u. 161;
Schleiden Das Salz, seine Geschichte usw.
(1875), 74; Tylor Cultur 2, 441 u. 443t.;
Herzog-Hauck RE. 17, 406; V. Hahn Das
Salz (1873) 10 ff. 25 f. 2 ) Pfannenschmid
Weihwasser (1870), 531; Fr. Heiler Katholi- |
zismus (1923) 169 f. 233. 383; Franz Bene¬
diktionen 1, 91 ff. 166 u. 2, 179; Malleus
Maleffcarum (Luga. 1669) 3, 2, 37 f- ; Stemp-
linger Volksmedizin 52; Aberglaube 76; ARw.
a. O. 35 f.; Meyer Aberglaube 189; Zedier 33,
1303 f. ; Samter Geburt 155 f. 3 ) ZfVk. 15,
140; Simrock Myth. 19. 177. 326; Tac.
ann. 13 c. 57; Rochholz Sagen 2, 167; Schöpp-
ner Sagen 1, 261 Nr. 267. 4 ) Höfler Ostern
10; Ostergebäcke 18 f.; Grimm Myth. 3, 436
Nr. 44; Höfler Hochzeit 22; vgl. Bronner
Sitt’ u. Art 353 u. Meier Schwaben 388 Nr. 48;
Jahn Opfer gebrauche 145. 5 ) Meyer Baden
96; ZfVk. 15, 140.
Je weiter die Zivilisation gedieh, um
so unentbehrlicher wurde der tägliche
Genuß des S.s. In ihm, das das Tote
vor Zersetzung bewahrte, wohnte das
Prinzip das Lebens. Ein so bedeutsames
und wohltätig empfundenes Erzeugnis
mußte der Vorzeit als heilig gelten und
wunderbare Heilkräfte besitzen 6 ). In
einem Grimmschen Märchen (Nr. 179)
spiegelt sich die große Wertschätzung des
Salzes wieder; bei der Probe, welche von
den drei Töchtern den Vater am liebsten
habe, sagt die jüngste: „Die beste Speise
schmeckt mir nicht ohne Salz, darum
habe ich den Vater so lieb wie Salz“.
Die Unentbehrlichkeit des Salzes, die
besonders in Zeiten, wo es teuer war,
hervortrat, bot den Ausgangspunkt für
das in den deutschen Volksbüchern lustig
behandelte „Salzsäen“ der Schildbürger 7 ).
6 ) Hahn a. O. 6 . 10 f. 7 ) Schwab u. Klee
Die deutschen Volksbücher (Leipzig 1909) ,,Dic
Schildbürger“ S. 188 ff.; Jahn Pommern 515
Nr. 642 (Die Zanower); Jegerlehner Ober¬
wallis 228 Nr. 159 (Die Lötscher). — Zu
der Unentbehrlichkeit des S.s vgl. den Anfang
von M. Jokais Erzählung ,,Der eßbare Edel¬
stein“. — Sagen von S.quellen, die von Tieren
entdeckt wurden, bei Eckart Südhannover 211;
Stöber Elsaß 90 Nr. 72; Sagen von S.werken
Pröhle Harz 8 Nr. 9.
S. als Abwehrmittel gegen Scha¬
denzauber. Unter den Mineralien wird
allenthalben das Salz als Schutzmittel
gegen böse Mächte genannt und mannig¬
faltig gegen sie verwendet 8 ). Mit S.
schützt man sich gegen Teufel und
Hexen 9 ). Diesen ist das S. so verhaßt,
daß bei den teuflischen Gelagen und
in der Hexenküche das würzende S.
fehlt 10 ). Wie überhaupt kein Geist,
so ist auch der gespenstische Nacht¬
jäger nicht im Besitz von S.; er muß
das herabgeworfene Stück Pferdefleisch
zurücknehmen und kann auch sonst keine
Rache an dem vorwitzigen Spötter nehmen,
wenn man S., vor allem geweihtes, zu
dem (herabgeworfenen) Fleische von ihm
fordert; denn alles S. ist ihm zuwider
und schreckt ihn ab n ). Auch die Zwerge
verschwinden, wenn man S. zu ihrem
Kuchen fordert; ebenso ist das Essen
der Nixen ungesalzen 12 ). In Bayern,
Ostpreußen und Estland muß man immer
S. (und Brot) bei sich tragen, um Hexen
und Hexerei abzuwenden 13 ). In der
Pfalz glaubt man, das in den Quatember¬
tagen kirchlich geweihte S. schütze alles,
worin nur einige Körnchen gestreut sind,
vor Behexung 14 ). In Böhmen und Süd¬
deutschland schützt man sich gegen bösen
Blick und Behexung, wenn man S. (und
Brot) in die Kleider steckt 15 ). Das in
ganz Süddeutschland am Vorabende von
Epiphanias oder am Dreikönigtage ge¬
weihte S., ebenso der aus ihm hergestellte
S.stein gelten als Mittel gegen jede Be¬
zauberung 16 ). Um sich vor Hexen zu
schützen, streut man in Schlesien S.-
körner, durch deren Zählen sie gehemmt
werden 17 ). Häufig werden, wie wir
schon sahen, S. und Brot im Aberglauben
zusammen genannt. „Wer verhüten will,
daß er nicht bezaubert werde, henget
S. und Brod an den Hals, ihm und den
Seinigen stätigs zu tragen", sagt Joh.
Prätorius 18 ). Im Hexenhammer wird
das am Palmsonntage geweihte S. den
Richtern empfohlen, um dem Einfluß der
Hexen zu entgehen; den verhörten Hexen
wurde Weihwasser eingegossen, um die
vom Teufel ihnen eingegebene Verstockt¬
heit zu brechen 19 ). In Oldenburg streut
man verdächtigen Leuten kreuzweis S.
in den Weg, dann muß die Hexe um
dieses herumgehen 20 ). In Schlesien wirft
man dem Fremden, dem man nicht
traut, und dem Bettler, der, ohne Gabe
fortgeschickt, eine Verwünschung aus¬
spricht, eine Handvoll S. nach; dann
kann man nicht behext werden, man
schützt sich dadurch auch vor Läusen,
die einem von solchen Personen angehext
werden könnten; als Hexen verdächtigen
Personen, die unter einem Vorwände den
Stall betreten, warfen die Frauen eine
Hand voll S. in die Augen, dann schadet
die Hexerei dem Viehe nicht 2l ). In Ost¬
friesland und Hessen wirft man S. ins
Feuer, wenn verdächtige Leute im Hause
gewesen sind. Der Verlobte, der Zauberei
vermutet, läßt ohne Wissen seiner Zu¬
künftigen in die Sohlen ihrer Schuhe
etwas S. legen (Normandie) 22 ). Mehr
auf die reinigende, als auf die abwehrende
Kraft des S.es geht wohl der im Kreise
Disentis (Schweiz) herrschende Aber¬
glaube zurück, daß man armen Seelen
eine Wohltat erweist, wenn man S. ins
Feuer wirft 23 ). Der in der Oberpfalz
vereinzelt auftretende Aberglaube, daß
man sich gegen Hunde schützt, wenn
man S. (und Brot) bei sich trägt, beruht
auf dem allgemeinen Glauben an die alle
Schädigungen abwehrende Kraft des
S.es 24 ). Auf dieser das Böse verscheuchen¬
den, heiligen Kraft beruht wohl auch der
Glaube, daß man den Hecketaler nur
wieder los werden kann, wenn man ihn
in S. steckt und eine behexte Büchse
wieder gut schießt, wenn man S. auf den
Lauf streut 25 ). Beim Besuche eines im
Todeskampfe liegenden Menschen soll
man eine Handvoll S. ins Feuer werfen,
damit der Böse die Seele nicht davon
führt 26 ).
Die schützende und segenspendende
Kraft des S.es begleitet den Menschen
auf seinem Lebenswege. Neugeborenen
Kindern legt man S. auf die Zunge,
damit sie nicht behext werden (Olden¬
burg) 27 ), oder man hängt ihnen als
Schutz gegen bösen Zauber einen Beutel
mit S. (und Brot) um den Hals (Vieri.) 28 ).
Verbreiteter ist die Sitte, die neugeborenen
Kinder in S.wasser zu baden, um ein
Beschreien oder Verhexen unwirksam zu
machen 29 ). Wird das Kind zur Taufe
getragen, so steckt man S. (und Brot)
in seine Windeln, damit die Hexen keine
Gewalt darüber haben 30 ) — ein Brauch,
der als Aberglaube gerügt wurde 31 ) —,
oder man steckt als Schutz gegen Hexen
in jeden Zipfel des Tragkissens drei mit
S. bestreute Brotstückchen 32 ). Nach
katholischem Ritus wird dem Kinde das
„symbolische S. der Weisheit" in den
Mund gelegt; Luther behielt diesen Brauch
bei 33 ). Arme Mütter legten im Mittel-
alter neben ihr ausgesetztes Kind S.,
entweder zum Zeichen, daß es noch nicht
getauft sei, oder als symbolischer Wunsch
der Lebenserhaltung oder als Schutz
gegen böse Dämonen 34 ). Wenn ein
Mädchen ausgeht, streut die Mutter S.
hinter ihm her, damit es sich nicht ver¬
liebt (Böhm.) 35 ). In Baden näht die
Mutter der Tochter, die nach auswärts
in den Dienst geht, S. (und Brot) in den
Rocksaum 36 ). Am Hochzeitstage trägt
das Brautpaar S. in der Tasche als Schutz
gegen Behexung und böse Menschen, die
ihm etwas antun könnten 37 ), auch steckt
man der Braut heimlich S. in die Schuhe 38 )
oder näht dem Bräutigam S. (und Brot)
in den Rockschoß 39 ). In Oberbayern
streut die Braut oder der Bauer etwas
geweihtes S. in alle Speisen beim Fest¬
mahle, um Gäste und Haus vor allem
29*
Unheil zu bewahren 40 ). In einigen
Orten legt man Gebärenden ein S.brot
unters Kopfkissen 41 ). In Baden streut
man geweihtes S. in die Suppe der
Wöchnerin 42 ). Geht die Wöchnerin zur
Aussegnung, so legt man dort etwas S.
in die Schuhe, damit ihr nichts Böses
zustößt 43 ). Das S. begleitet den Menschen
auch im Tode. So war es an einigen
Orten Schlesiens früher Sitte, dem Toten
S. (als Schutzmittel ?) in den Sarg
mitzugeben 44 ). Dasselbe war altchrist¬
licher Ritus bei den Westgoten 45 ). Im
Voigtlande, Thüringen und in der Lausitz
machte man in der Sterbestube drei
Häufchen S., fegte damit die Stube aus
und warf den Kehricht auf den Gottes¬
acker oder aufs Feld, damit ,,der Tote i
nicht wiederkehre' f 46 ). In katholischen
Gegenden wird gesalzenes Weihwasser
auf die Gräber gesprengt, um den armen
Seelen ein Labsal im Fegefeuer zu geben 47 ).
Im Aargau und in Baden reibt, wer die
Leiche angekleidet hat, sich alsbald die
Hände mit S. ab (S. als reinigendes,
entsühnendes Mittel) 48 ).
S. schützt auch das Wohnhaus gegen
böse Mächte. Unter den Dingen, die der
bergische Landmann in die zur Grund¬
mauer des Hauses aufgeworfenen Gruben
streut, darf vor allem S. nicht fehlen als
Abwehrmittel 49 ). Weit verbreitete Sitte
ist es, in ein neues Haus zuerst S. zu
bringen 50 ). Jungen Eheleuten wird
beim Einzug in die neue Wohnung S.
gereicht 51 ). In Schlesien darf auf dem
Brautfuder S. (und Brot) nicht fehlen,
sonst gelangt das junge Paar nicht zum
Wohlstände 52 ). Auch auf dem west¬
fälischen Brautwagen muß sich stets die
S.meste befinden 53 ).
Wie Mensch und Haus so schützt das
S. auch Vieh und Stall vor Behexung
und Krankheit 54 ). Vor dem ersten Aus¬
treiben des Viehes streut man in Mecklen-
burg, Franken, Thüringen, Oldenburg,
Baden, Pommern, S. (kreuzweise) auf den
Rücken der Tiere; dasselbe tut man in
Thüringen, bevor man die Kuh zum
ersten Male melkt 55 ). In Ostpreußen
und Ostfriesland läßt man das Vieh beim
ersten Austreiben über S. (und Eisen)
gehen 56 ). Im Böhmerwald gibt man
Kälbern, die zum erstenmal ausgetrieben
werden, geweihtes S. ins Maul 57 ). In
Leteln wurde früher den Kühen beim
ersten Austreiben ein mit S. gefülltes
Säckchen um die Hörner gebunden 58 ).
In gleicher Weise schützt man das neu
erworbene Tier. In Mecklenburg muß es
über drei Kreuze von S. auf der Schwelle
schreiten 59 ); in Franken streut man
der gekauften Kuh S. auf 60 ); im Kanton
Neuchätel gibt man jedem neuerworbenen
Tiere eine Handvoll S. und reibt damit
seinen Rücken 61 ). Im Sarganserland
wird bei Stallwechsel dem Vieh ein Ge¬
misch mit geweihtem S. eingegeben, um
es vor etwaigen bösen Einflüssen des
neuen Stalles zu schützen 62 ). In Baruth
treibt man, bevor ein neues Tier hinein¬
gebracht wird, die anderen Tiere auf den
Hof und bestreut den Weg bis zur Stall¬
tür und die Lagerstätten und Ecken des
Stalles mit S. 63 ). Die Hexen treiben
besonders in den Zwölfnächten ihr Wesen.
Deshalb streut am heiligen Abend der
preußische Bauer S. in Stall und Krippen 64 )
— läßt man an ihm in Schlesien das Vieh
S. lecken 65 ) — bekommen im Erz¬
gebirge an jedem der drei heiligen Abende
Pferde und Kühe S. 66 ) — streut man im
Harz am Abend vor Neujahr den Kühen
S. zwischen die Hörner 67 ) — gibt am
Abend des 5. Januar die Stallmagd im
Böhmerwald dem Vieh geweihtes S. in
Fressen und Trinkwasser — und reicht
der württembergische Bauer dem Vieh
an den Lostagen das Christkindel, d. h.
gesalzenes Brot 68 ). Auch am 1. Mai oder
am Abend vor dem 1. Mai bekam das
Vieh S. ins Geleck oder in eine Handvoll
Hafer 69 ). S. schützt die Kuh in der
gefährlichen Zeit vor und nach dem
Kalben 70 ). Allen neugeborenen Füllen*
Kälbern usw. wird in Oldenburg etwas
S. auf die Zunge gelegt 71 ). Dem neu¬
geborenen Kalbe gibt man in Schlesien
und Ostfriesland S. ins Maul 72 ), in
Baden, Schlesien, Oldenburg, Braun¬
schweig wird es auch mit geweihtem S.
bestreut 73 ). Wenn eine Kuh krank ist,
gilt sie für behext. Man wirft ihr deshalb
unter Zaubersprüchen über den Rücken
S. 74 ). Geweihtes S. wird vielfach kranken
Tieren ins Geleck oder in den Trank
gegeben 75 ). Rindvieh gedeiht gut, wenn
man am Georgsabend mit blanker Sichel
geschnittenes und mit geweihtem S. be¬
streutes Gras ihm zu fressen gibt
(Bayern) 7e ). In Schlesien gibt man
jungen Haushunden am Christabend drei
Bissen Brot mit S. bestreut zu fressen,
damit sie gute Wächter werden 77 ). Beim
Buttem wirft man in der Oberpfalz und
Schweiz geweihtes S., in Franken drei
Krumen Brot mit S. ins Faß 78 ). Muß
man zum Melken über die Straße gehen,
so soll man, um die „bösen Leute“ abzu-
halten, immer etwas S. in den Melkkübel
streuen 79 ).
Im ehemaligen Herzogtum Berg warf
man früher einige S.körner in die Milch,
damit sie nicht behext werden könnte;
ebenso in Lessenig ins Butterfaß, wenn
die Milch nicht buttern wollte. In der
Lüneburger Heide wirft man stillschwei¬
gend S. ins Feuer, wenn die Milch über¬
kocht, wodurch die Kühe ihre Milch ver¬
lieren könnten 80 ). Allgemein verbreitet
ist der Glaube, in von einem anderen
geholte, aus dem Hause kommende, ge¬
kaufte, verkaufte Milch vorher etwas S.
zu tun; sonst würden die Kühe behext
und gäben keine Milch mehr (Ostpreußen,
Thüringen, Hessen, Schwaben, Mähren,
Voigtland, Schlesien, Brandenburg, Fran¬
ken, Siebenbürgen) 81 ). In Schlesien
schützt man den Brotteig vor Behexung,
indem man beim Kneten das S. kreuz¬
weise darüber streut 82 ). Eine weitere
Folgerung des Glaubens an die segnende
und schützende Kraft des S.es ist, daß
es zum Gedeihen des Getreides in Be¬
ziehung gebracht wird. So bindet man
in Ostpreußen in jeden Zipfel des Sätuches
S., um dem Getreide Wachstum zu
sichern 83 ). Bei Rottenburg legt man in
den Rumpf der Sensen S., damit sie
besser schneiden M ). Im Oberamt Weins¬
berg bestreut man die Garben mit S.
und Asche, um Mäuse (Hexen?) fem-
zuhalten 85 ). In Bayern besprengt man
die erste eingebrachte Garbe mit S.
und geweihtem Wasser 86 ). In Blau¬
beuren benutzt man schwarzes S., um
die Ameisen von den Obstbäumen zu
vertreiben 87 ). In der Eifel schüttet man
in einen neugegrabenen Brunnen S.;
dasselbe tut man in der Gegend von
Mettmann bei Elberfeld 88 ). In Schlesien
darf die Frau während ihrer Wochen nur
dann an den Brunnen treten, wenn sie
vorher eine Handvoll S. hineinwarf; denn
sonst würde dieser unrein werden 89 ).
8 ) Grimm Myth. 2, 923 u. 3, 440 Nr. 182;
Bohnenberger 23; Kohlrusch Sagen 412 f.;
Samter Geburt 157 f. •) Wuttke 281 § 411;
Grimm Myth. 3, 459 Nr. 713 u. 454 Nr. 570;
440 Nr. 182; Strackerjan 2, 117 Nr. 344;
vgl. Heyl Tirol 107 Nr. 72; Lohmeyer Saar¬
brücken (1924), 114; Rochholz Sagen 2, 167
Nr. 391; Liebrecht Gervasius 221 Nr. 31
(franz. Aberglaube). 10 ) Strackerjan 1,433;
Meyer Baden 372; Grimm Myth. 2, 876;
Sagen 47 Nr. 67; Alemannia 17 (1889), 284;
Hüser Beiträge 2, 14; Bräuner Curiositäten
44; ZfVk. 7 (1897), 192 u. 245; Horst Dämono -
vnagie 2, 212; Malleus Maleficarum 2, 2, 215.
u ) Kühnau Sagen 2, 500 Nr. 1123 u. 501
Nr. 1124; Kuhn Westfalen 2, 10 Nr. 17; Bech-
stein Thüringen 2, 89 u. 120; Pröhle Harz
126, 4; Drechsler 2, 205; Kuhn u. Schwartz
182 Nr. 4; Langer Ostböhmen 60 Nr. 46;
Schönwerth Oberpfalz 2, 156; Knoop Posen
76 Nr. 116; Gander Niederlausitz 12 Nr. 36;
I ahn Pommern 10 Nr. 9; Grässe Jägerbrevier
2, 129 (131 f.). 12 ) Kühnau a. O. 2, 76 f.
Nr. 743; Meiche Sagen 363 Nr. 479; Grässe
Sachsen 289 Nr. 398; vgl. Pröhle Unter harz
49 Nr. 127. 13 ) Wuttke 129 § 175; Selig¬
mann 2, 34; vgl. Spieß Fr. Henneberg 151.
14 ) Seligmann 2, 33; Wuttke 95 § 118.
1Ä ) Wuttke 282 § 413 u. 414. l8 ) Ebd. 69 § 79 u.
142 § 196; vgl. Rochholz Sagen 2, 167 Nr. 391.
17 ) Drechsler 2, 250. 18 ) Blockes-Berges-
Verrichtung (1668) 116; vgl. Grimm Myth.
3, 440 Nr. 182; Panzer Beitrag 1, 263. 18 ) Selig¬
mann 2, 332; Schindler Aberglauben 295.
20 ) Wuttke 258 § 376. 21 ) Drechsler 2, 251
Nr. 629 u. 2, 267 Nr. 654; Philo Schlesien
(1885), 46; Kühnau Sagen 3, 41 Nr. 1397.'
ähnlich Müllenhoff Sagen 214 Nr. 290.
22 ) Seligmann 2, 34 u. 35; Heßler Hessen
2, 386; vgl. Fogel Penns. Germ. 138 f. a3 ) Wett¬
stein Disentis 174 Nr. 41, ebenso Heyl Tirol
780 Nr. 99. 24 ) Wuttke 306 § 450. 25 ) Kuhn
u. Schwartz 470 Nr. 24; Simrock Germ.
Myth. (1878), 461; Drechsler 3, 227 f.
Nr. 1587. 2Q ) ZfdMyth. 2 (1854), 419* 27 ) Strak-
kerjan 2, 202 Nr. 448 u. 118 Nr. 344; vgl.
ZdVfVk. 3 (1893), 264; Fox Saarland 472
Anm. 334. 28 ) Finder Vierlande 2, 13. 29 ) lohn
Erzgebirge 50; Seyfarth Sachsen 48 u. 263;
Höhn Geburt 260; ARw. 17, 368 f.; Selig¬
mann 2, 34; Samter Geburt 152; Wuttke
381 § 580; Kondziella Volksepos 87; vgl.
Ploß Kind 1, 227 ff. 30 ) Wolf Beiträge 1, 206;
Seligmann a. O.; Höhn a. O. 269; Wuttke
907
Salz
908
387 § 591; Samter 153. 31 ) Birlinger Volkst.
2, 447. 32 ) Höhn a. O. 262. 33 ) Franz Bene¬
diktionen 1, 221 f.; Fabricius Deposition 8, 66;
Lammert 142; Klingner Luther 114.
34 ) Grimm Myth. 2, 877 u. RA. 457; Zedier
33 . I 3 ° 4 ) Schleiden 78; Stemplinger Aber¬
glaube 76; Rochholz Kinderlied 280; Hovorka-
Kronfeld 1, 373; Mannhardt Germ. Myth.
318 3 ; Du Cange Gloss. s. v. (anno 1408).
35 ) Grohmann 211. 36 ) Meyer Baden 373;
vgl. Fogel Penns. Germ. 153 Nr. 720. 37 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 415; John Erzgebirge
94; Köhler Voigtland 234; Kuhnu. Schwartz
434 Nr. 283; Engelien und Lahn 244 Nr. 73;
S am ter 151; Höhn Hochzeit 1, 15. 38 ) Reiser
Allgäu 2, 284 Nr. 37; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 76; Kück Lüneb. Heide 139; vgl.
Samter 150 4 (Normandie). 39 ) Schlesien all¬
gemein. 40 ) Lammert 156; Wuttke 374
§ 567; vgl. Haupt Lausitz 2, 151 Nr. 252
(Wenden). 41 ) Höhn Geburt 260. 42 ) Meyer
a. O. 390. 43 ) Meyer 393; vgl. Ploß Kind 1,
229. 44 ) Drechsler 1, 297. 4Ö ) Samter 154 2 ;
Stemplinger Volksmedizin 52. 46 ) Grimm
Myth. 3, 464 Nr. 846; Samter 32 u. 155;
Witzschel Thüringen 2, 262 Nr. 87; Wuttke
4 6 5 § 737 ; vgl. Drechsler 1, 305. 47 ) Kühnau
Sagen 1, 24. 48 ) Samter 152; Wuttke 463
§ 73 3 - 49 ) Montanus Volksfeste 18; ZfVk. 15
(1905). M 5 * 50 ) Grimm Myth. 3, 477 Nr. 1142
u. 442 Nr. 238; Frauenzimmerlexikon 1688;
Meyer Baden 381; Wrede Rhein . Volksk.
691; Curtze Waldeck 375 Nr 28; Köhler
Voigtland 429; John Westböhmen 245; Witz¬
schel a. O. 2, 233 Nr. 66; ZfVk. 24 (1914),
55; vgl. Knortz Streifzüge 120; Schleiden
71; Samter 154 6 ; Mannhardt Forschungen
357 u. 362 (derselbe Brauch bei anderen Völ¬
kern). 51 ) Strackerjan 2, 117 Nr. 344 u. 196
Nr. 441. 52 ) Drechsler 2, 13 Nr. 366. Nr. 358
u. 1, 241; vgl. Grimm Myth. 3, 477 Nr. 1142.
63 ) Knortz a. O. 121. 54 ) Grimm Myth. 3,
460 Nr. 753; Wuttke 435 § 682; Bartsch
Mecklenburg 2, 142. 144. 146; Drechsler 1, 30
Nr. 22; Alpenburg Tirol 411; vgl. Krauß
Volkglauben 68; Volkforschung 39. 55 ) Selig¬
mann 2, 34; Strackerjan 1, 433 Nr. 231;
Witzschel Thüringen 2, 280 Nr. 44; Bartsch
a. O. 2, 142 Nr. 628 m; Meyer Baden 401,
vgl. 137; Jahn Hexenwesen 12; vgl. Lieb¬
recht ZVolksk. 320 Nr. 57 (Norwegen). 56 ) Selig¬
mann 2, 38; Wuttke 440 § 693; vgl. Halt-
rich Siebenbürgen 277 Nr. 6. 57 ) Schramek
Böhmerwald 238. 58 ) ZfrwVk. 3 {1906), 203.
59 ) Bartsch a. O. 2, 144 Nr. 639. 60 ) Wuttke
438 § 690. 61 ) Seligmann 2, 34; vgl. De Nore
Mythes et coutumes 270 (Normandie). 62 ) Manz
Sargans 92. 63 ) ZfVk. 1 (1891), 187. 64 ) Frisch¬
bier Hexenspr. 12. 65 ) Drechsler 1, 36;
vgl. 2, 110 Nr. 483. 66 ) John Erzgebirge 162;
vgl. John Oberlohma 155. 67 ) Seligman
2, 34 »' vgl. Grimm Myth. 3, 460 Nr. 753
(Osterode). 68 ) Schramek Böhmerwald 126;
Kap ff Festgebräuche 9; Laube Teplitz 38;
vgl. Liebrecht ZVolksk. 320^.56. 69 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 314 Nr. 3; ZfVk. 12 (1902),
425. 70 ) Wuttke 442 § 696 f.; John West¬
böhmen 31; Meyer Baden 401 u. 494; Selig¬
mann 2, 34; Drechsler 2, 101; ZfrwVk. 3
(1906), 204; Eberhardt Landwirtschaft 16;
Fox Saarland 381. 71 ) Strackerjan a. O.
1, 433 Nr. 232; Wuttke 283 § 415; 436 § 684.
72 ) Wuttke 443 § 698; Samter Geburt 152;
Drechsler a. O. 2, 101. 73 ) Wuttke eb.;
Meyer a. O. 401; Drechsler a. O. 2, 101;
Andree Braunschweig 401; Strackerjan
a. O. Nr. 231; Samter a. O.; vgl. Wuttke
2 ^3 § 415 u. Pollinger Landshut 155; Kuhn
Märk. Sagen 383 Nr. 52; Bartsch a. O. 2, 146
Nr. 657. 74 ) ZrwVk. 1 (1904), 216; Stracker¬
jan a.O.Nr.231; Al penburg Tirol 411. 75 ) John
Westböhmen 31; Manz Sargans 116; Alemannia
24, 152; Eberhardt Landwirtschaft 19; vgl.
Franz Benediktionen 2, 138. 76 ) Wuttke 439 §
692. ”) Drechsler 2, 96 Nr. 465. 78 ) Wuttke
448 § 707; vgl. Meier Schwaben 1, 177; Selig¬
mann 2, 38 oben. 79 ) Meier eb ; Selig¬
mann 2, 34. 89 ) zfVk. I5 ( I9 o 5 ), 141; Wrede
Rhein. Volksk. 135; Eifel 93; Grimm Myth.
3, 461 Nr. 760; Kück 242; vgl. Eberhardt
Landwirtschaft 18; vgl. Liebrecht Gervasius
220 Nr. 24 (franz. Abergl.). 8 i) Wuttke 447
§ 405; Seligmann 2, 34; Schell Berg. Sagen
264 Nr. 19; Hüser Beiträge 2, 14; Sartori
2» 144; Bartsch a. O. 2, 137 Nr. 604; Enge¬
lien u. Lahn 1, 273; Drechsler a. O. 2, 253;
Heßler Hessen 2, 453; Frischbier Hexenspr.
15; Lemke Ostpreußen 1, 82; Meyer Baden
403; John Westböhmen 203; Curtze Waldeck
391 Nr. 107; Höhn Geburt 263; Witzschel
Thüringen 2, 265 Nr. 19; 269 Nr. 39 u. 280
Nr. 49; Meier Schwaben 177 Nr. 15; vgl.
Iüebrecht Zur Volksk. 316 Nr. 43 (Norwegen);
Seligmann 2, 35 (Normandie); Toppen
Masuren (1867), 101. 82 ) Drechsler 2, 205
Nr. 578; vgl. Wuttke 402 § 620. 83 ) Wuttke
4 T 9 § 651. 84 ) Eberhardt Landwirtschaft 8
Nr. 3. 85 ) eb.; vgl. Liebrecht Gervasius 228
Nr. 115 (franz. Abergl.). 86 ) Wuttke 423 §661;
Leoprechting Lechrain 193; vgl. Gese-
mann Regenzauber 472. 87 ) Eberhardt a. O.
12. 88 ) Schmitz Eifel 1, 97; ZfVk. 15, 141;
89 ) Drechsler 1, 205 (vgl. Grimm Myth.
3, 444 Nr. 308). Eine gute Zusammenstellung
gleicher Bräuche bei andern Völkern bei
Seligmann 1, 278 u. 2, 33—38.
Sal sacerdotale 90 ). Eine besondere
Betrachtung erfordert das kirchlich ge¬
weihte S. Die S.weihe findet in Ober¬
bayern und Schwaben am Dreikönigs¬
tage, in Baden am Agathen-, Neujahrs¬
oder Dreifaltigkeitstage, in Oberöster¬
reich am 26. Dezember, im Böhmerwald
am 5 * Januar, in der Schweiz teils am
Dreikönigstage, teils am Dreifaltigkeits¬
feste, teils am Agathentage, am Antonius-
und Sebastianstage statt 91 ). In Schlesien
909
Salz
910
und Baden benützt man das geweihte
S. als Mittel, um Wetter und Sturm zu
vertreiben und Feuer zu löschen. Man
wirft auch eine Handvoll geweihtes S.
aus dem Fenster gegen das Gewitter 92 ).
Im Sarganserland, Allgäu und im Böhmer¬
wald gibt man dem Vieh vor dem ersten
Austrieb auf die Weide oder vor der
Alpfahrt geweihtes Dreikönigss. zu
fressen 93 ). In Oberösterreich wirft man
sofort nach der Heimkehr von der S.-
weihe etwas S. in Brunnen und Quellen 94 ).
Im Alpengebiet schüttet man das ge¬
weihte S. in eine mit Tauf- (Chrysam-,
geweihtem) Wasser gefüllte Schüssel; der
nach der Verdunstung des S.es am
Grunde nach und nach sich bildende
,,S.stein“ wird, ebenso wie die früher
käufliche ,,S.scheibe“, an einem Stricke
aufgehängt und beim Gebrauch abge¬
brockt. Wenn man jeden Abend ein
Stückchen davon ißt, glaubt man vor
Hexen, Alpdruck und jähem Tode be¬
wahrt zu sein. Verreist ein Glied der
Familie, so schabt es etwas von der S.-
scheibe in die Stiefel oder auf ein Stück¬
chen Brot und glaubt, dadurch vor Un¬
glück auf der Reise sicher zu sein. Man
gebraucht das geweihte S. auch bei
Krankheiten der Menschen und des Viehes,
auch als Vorbeugungsmittel und Nach¬
kur 95 ). In Annaberg werden am Drei¬
königstage die den S.scheiben ähnlichen
„Fässelscheiben“ gebacken; sie wurden
früher in Fässern auf der ,, Scheiben-
straße“ befördert und haben davon den
Namen 96 ).
Die kirchliche Weihe des S.es führte
wohl vor allem zu der Warnung, es nicht
unnütz zu zerstreuen, damit zu spielen
und es mit den Füßen zu zertreten, denn
das ist Sünde und zieht Strafe nach sich.
Unbrauchbares S. muß man ins Feuer
werfen 97 ). Allgemein ist der Aberglaube,
daß S.verschütten Ärger und Verdruß,
Zank und Streit nach sich zieht 98 ). Auch
Luther war er wohlbekannt"). Am
Hochzeitstage verschüttetes S. gibt eine
unfriedliche Ehe; wird häufig S. im
Zimmer verschüttet, so sagt man, die
Hausleute leben nicht friedlich 10 °). Gro¬
ßes Unglück bedeutet diese Ungeschick¬
lichkeit am Silvesterabend; geschieht es
am heiligen Abend, so kommt eine Trauer¬
kunde ins Haus 101 ). Wer aus Versehen
S. verschüttet, verschüttet sein künftiges
Glück. , Jedes Körnchen kostet eine
Träne“ 102 ). Soviel Körnchen S. man
zerstreut, soviel Sünden tut man 103 ); am
jüngsten Tage wird man sie suchen
müssen, bis die Augen bluten 104 ) — einen
Tag (sieben Tage), ein Jahr (sieben
Jahre) muß der Frevler für jedes ver¬
schüttete Körnchen S. vor der Himmels¬
tür stehen 105 ) — für jedes verschüttete
S.korn einen Tag in der Hölle sitzen 106 )
usw. Aber es gibt auch Mittel und Wege,
sich vor diesen schlimmen Folgen zu
bewahren: man wirft das verschüttete
S. alsbald hinter sich 107 ) — ins Feuer 108 )
— zum Fenster hinaus 109 ) u. a. m. S.
darf nicht verborgt werden. Ausgeliehenes
S. bringt Streit ins Haus 110 ). Der Segen
des Hauses schwindet, wenn am Montag
S. verborgt oder verschenkt wird, ohne
Gegengabe zu erhalten 111 ).
90 ) Franz Benediktionen 1, 227 ff.; Hoff-
mann-Krayer 124. 148. 162. 91 ) Meyer
Baden 494; Birlinger Volkst. 1, 200 u. 2, 16;
Andree-Eysn 113h; Meier Schwaben 472
Nr. 233; Rochholz Sagen 2, 169 Nr. 391 Anm.;
Leoprechting Lechrain 157; Schramek
Böhmerwald 126 u. 241; Manz Sargans 49 4 ;
Sepp Religion 47 ff.; Hovorka-Kronfeld
1, 187 s. v. Glocke; ZfVk. 10 (1900), 93.
92 ) Meyer a. O. 363. 366. 494; Fehrle Bad.
Vk. 27; Drechsler 2, 140; vgl. Grimm Myth.
3, 491 Nr. 100 (Esten) u. Jahn Opfergebräuche
58 h 93 ) Manz a. O.; Schramek a. O. 241;
Reiser Allgäu 2, 374; vgl. Meyer a. O. 417.
94 ) Andree-Ey sn a. O.; vgl. Schmitz Eifel
1, 97; Birlinger Schwaben 2, 82. 9o ) Hovorka-
Kronfeld 1, 373; Birlinger a. O. 2, 92 u.
1, 420; Meier Schwaben 472 Nr. 233; Wuttke
407 § 629; 142 § 196; Reiser Allgäu 2, 24;
Leoprechting a. O. 221 f.; Rochholz Sagen
2, 167 Nr. 391; Meyer a. O. 494; Kapff Fest¬
gebräuche 9; Bronner Sitt’ u. Art 64; Bauern¬
feind Nordoberpfalz 19 f.; Spieß Fränkisch-
Henneberg 151; vgl. Seligmann 2, 332;
Franz Benediktionen 2, 129 h; Fontaine
Luxemburg 78 f. 96 ) Laus. Mtsschr. 1793, 155;
Schmeller 2, 357. 97 ) Wuttke 312 § 459;
Strackerjan 2, 117 Nr. 344; 1, 49 Nr. 401;
Al penburg Tirol 411. 98 ) Wuttke 211 §293;
Sartori 2, 31; Grimm Myth. 3, 452 Nr. 535
n. 436 Nr. 69; Frauenzimmerlexikon 1689;
Knortz a. O. 118; Peter Ost.-Schlesien 2, 256;
Drechsler 2, 12 u. 2, 194; Wrede Rhein.
Vk. 119; Alemannia 33 (1905)* 3 °°i Reiser
Allgäu 2, 448 Nr. 245; Birlinger Volkst. 1,
498; Meier Schwaben 505 Nr. 375; Pollinger
Landshut 167; Witzschel Thüringen 2, 277
Nr. 20; Rosegger Steiermark 63; Andree
Braunschweig 290; Bartsch Mecklenburg 2,
* 37 ; Kehrein Waldeck 253 Nr. 29; Laube
Teplitz 53; John Erzgebirge 35 u. Westböhmen
250; Schramek Böhmerwald 255; Köhler
Voigtland 395; Egerl. 4 (1900), 33; Dähnhardt
Fo/Äsf. i, 99 Nr. 30 f.; Keller Grab d. Abergl.
2, 237f.; Haltrich Siebenbürgen 299; Toppen
Masuren 90; Fogel Penns. Germ. 363 u. a.
Vgl. Schulenburg Wend. Volkst. 124; Lieb¬
recht Gervasius 222 Nr. 43 (Frankreich);
Wolf Beiträge 1, 239 (Normandie); ZfVk. 15
(1905), 147 (Dänemark); 17 (1907), 453; Lieb¬
recht Zur Volksk. 331 Nr. 161b (Norwegen).
M ) Klingner Luther 130. 10 °) Drechsler
2, 205; Urquell 3 (1892), 40 u. 4 (1893), 74;
Hovorka-Kronfeld 2, 177. 101 ) John Erz¬
gebirge 29 u. 156. 102 ) SchwVk. 3, 74; Hör¬
mann Tirol. Volksl. 55; Dähnhardt Volkst.
1, 99 ; ZdVfVk. 17 (1907), 453; John a. O. 29;
Urquell 1 (1890), 47. 103 ) Engelien und Lahn
282 Nr. 269. 104 ) Drechsler 2, 205; Peter
Schlesien 2, 257. 105 ) Strackerjan a. O. 1, 49;
Bartsch a. O. 2, 137 Nr. 605 a; ZfVk. 24 (1914),
57 - 106 ) Bartsch a. O. Nr. 605 b. 107 ) Unoth
184; ZfdMyth. 2 (1854), 102; Spieß Fr. Henne¬
berg 152; Laube Teplitz 53. *<>«) John Erz¬
gebirge a. O. 109) Köhler Voigtland 431; Fin¬
der Vierlande 2, 222. 110 ) SchwVk. 3, 74.
m ) John Erzgebirge 36.
S. im Orakelzauber. Will man fest-
steilen, ob ein Schwerkranker wieder
hergestellt wird oder nicht, so nimmt man
in Mecklenburg S. in die Hand und betritt
damit stillschweigend das Krankenzim¬
mer; wird das Salz feucht, so stirbt der
Kranke, bleibt es trocken, so wird er
genesen U2 ). In Brandenburg, Mecklen¬
burg» Thüringen, Schlesien, Hessen, Voigt¬
land und im Erzgebirge wird in der
Neujahrsnacht für jedes Familienmitglied
ein Fingerhut voll S. auf den Tisch ge¬
schüttet; wessen S. am nächsten Morgen
verleckt ist, der stirbt im nächsten Jahre;
derselbe Aberglaube wird auch aus der
Schweiz berichtet; ein ähnlicher findet
sich im Harz als Brauch am Andreas¬
abend, in Friesland in der Walpurgis¬
nacht 113 ). Am Thomastage oder Christ¬
abend stellt man in Schlesien drei Teller
mit Salz, Sand und Grünem auf und
greift mit verbundenen Augen danach;
S. zeigt dabei Reichtum an 114 ). Ein
Fingerhut voll S. kommt auch in dem von
St oll mitgeteilten Zauberbrauch vor, den
ein Mädchen am Weihnachtsabend aus¬
übt, um seinen Zukünftigen zu erblik-
ken. Auf Sylt setzen die Mädchen in
der Walpurgisnacht mit einem Fingerhute
drei S.häufchen auf den Fußboden. Ist
am Morgen einer umgefallen, bekommt
sie einen Mann, wenn zwei, verliert sie
ihren Kranz, wenn alle drei, muß sie
sterben U5 ). Im Sarganserland trägt man
in der heiligen Nacht während des Gottes¬
dienstes neun Sorten S. bei sich; dann
sieht man alle, die im nächsten Jahre
sterben werden 116 ). Im Erzgebirge stellt
man am Christabend auf jede Tischecke
ein Häufchen S. in einem Gefäße; am
folgenden Morgen wird das S. nachge¬
messen, je nachdem es reichlicher oder
weniger geworden, bedeutet es ein schlech¬
tes oder gutes Vierteljahr, wird das
Getreide teurer oder billiger 117 ). Anders¬
wo stellt man am selben Abend oder
Silvester zwölf Schälchen oder Zwiebel-,
Eier- oder Äpfelschalen mit S. auf; das
wievielte Schälchen sich als besonders
feucht erweist, der so vielte Monat wird
reich an Niederschlägen sein 118 ). In
Schlesien heißt es; will eine ledige Frau
einen Witwer gern heiraten, so muß sie
sich auf die S.meste setzen — oder ein
Mädchen bekommt einen Witwer, wenn
sie sich auf eine S.meste setzt; wenn
Dienstboten bei der neuen Herrschaft die
S.meste gefüllt finden, werden sie an dem
Orte lange verweilen 119 ). Wer zu viel
S. ißt, ist verliebt 12 °). Ein Mädchen, das
zu salzen vergißt, ist fromm 121 ). Allge¬
mein schließt man aus versalzenen Speisen
auf eine verliebte Köchin 122 ).
Will ein Kind einen Vogel fangen, so
gibt man ihm scherzhaft den Rat, ihm
S. auf den Schwanz zu streuen; dann
ließe er sich fangen 123 ). Dem entspricht
der Bauernglaube in der Steiermark, die
Wilderer gäben dem Wilde geweihtes
Steins., um es leichter zu bekommen 124 ).
Vielleicht ist dies eine wunderliche Vor¬
stellung von den S. leckst eilen, die der
Jäger für sein Wild anlegt. Mannhardt
bringt aber damit die Vorstellung zu¬
sammen, daß S. die Macht der Geister
bricht, die in Gestalt von Wild und
Vögeln zu erscheinen pflegen, und zieht
zum Beweis eine Sage heran, wo eine
913
Salz
914
überraschte Hexe, über die S. geworfen
wird, nicht mehr aufstehen kann. Andere
bringen es damit zusammen, daß der
wilde Jäger kein S. vertragen kann 125 ).
Etwas Ähnliches findet sich bei Luther
erwähnt: abergläubische Leute streuten
S. auf warmes Weizenmehl, wenn sie
etwas verloren hatten, und glaubten, damit
die verlorene Sache wiederzufinden 126 ).
Auch hier kann Mehl und S. Mittel gegen
Hexen sein; sagt man doch noch heute,
wenn man etwas nicht finden kann, das
ist rein wie verhext 127 ).
112 ) Bartsch Mecklenburg 2, 123 Nr. 489;
Schindler Aberglauben 174; vgl. Liebrecht
Gervasius 223 Nr. 45 (franz. Aberglaube).
113 ) Bartsch 2, 237 Nr. 1228; Engelien und
Lahn 240 Nr. 53; Pfister Hessen 162; Drechs¬
ler 1. 28 Nr. 18; Witzschel Thüringen 2, 176
Nr. 42; ZfrwVk. 1910, 151; Heßler Hessen
2, 92; Wrede Rhein. Vk. 126; Wolf Beiträge
1, 123; Wuttke 231 § 33 °; Grimm Myth. 3,
475 Nr. 1081; Frauenzimmerlexikon 1687;
Knortz Streifzüge 124. 114 ) Wuttke 233 § 333;
vgl. aber Dähnhardt Volkst. 1, 184. x15 ) StoII
Zauberglauben 108 f.; Steiner Mineralreich 72.
llß ) Manz Sargans 144. 117 ) Wuttke 231 § 329.
* 18 ) Jahn Opfer gebrauche 276 1 ; Vernaleken
Mythen 355; Reiser Allgäu 2, 22; Witzschel
Thüringen 2, 180 Nr. 70; Drechsler 1, 46
Nr. 46; Peter Oster. Schlesien 261; ZföVk. 4
(1898), 147; SAVk. 24 (1922), 66; Bronner
Sitt’ u. Art 16; Kehrein Nassau 2, 252 Nr. 16;
Birlinger Volkst. 1, 469 Nr. 3; Langer Ost¬
böhmen 256; Hovorka-Kronfeld 1, 459;
Meier Schwaben 469 Nr. 226; Baumgarten
Das Jahr (1860) 10; Kap ff Festgebräuche 5.
lx9 ) Drechsler 2, 205 Nr. 578; 2, 20 Nr. 379;
1, 226 Nr. 254. 120 ) Drechsler 2, 205.
121 ) Bartsch 2, 56 Nr. 161. I22 ) Wuttke 223
§ 317; Knortz a. O.; Drechsler 2, 205;
Bartsch 2, 137 Nr. 607; Strackerjan 2, 117
Nr. 344; 1, 38; 2, 224 Nr. 474 usw. 123 ) Drechs¬
ler 2, 205. 124 ) ZdVfVk. 5 (1895), 412; Reite-
rer Ennstalerisch 5 u. 412. 12J ) Mannhardt
Germ. Myth. 317; Schleiden 77; ZfdMyth. 1
(1853), 202 f.; Möllenhoff Sagen 564 Nr. 571.
126 ) Klingner Luther 130; ZdVfVk. 14 (1904),
353. 127 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 256; Philo
Schlesien (1885), 37. Eine zwar unvollständige,
aber gute Zusammenstellung des mit dem Salz
verbundenen Aberglaubens in Melusine 7
(1894/5). 176—182.
S. in der Volksheilkunde. Im
Altertum wurde das S. in der Heilkunde
vielfach verwendet; man schrieb den S.en
eine zusammenziehende, reinigende, zer¬
teilende, besänftigende und verdünnende
Kraft zu 128 ). Im Mittelalter kommt es
schon früh als Heilmittel gegen faules
Fleisch, Jucken, Aussatz, Geschwüre u. a.
vor 129 ). Aus der Volksheilkunde sind
für den Aberglauben besonders folgende
Bräuche kennzeichnend: in Mecklenburg
vergräbt man die Krankheit mit Hilfe
des S.es in die Erde, indem man S. in
das Loch unter einem ausgehobenen
Rasenstücke wirft, darauf harnt und den
Rasendeckel wieder zuklappt. Dies muß,
ohne ein Wort dabei zu sprechen, drei
Tage nacheinander wiederholt werden 13 °).
In Ostpreußen, Mecklenburg, in West¬
falen, Steiermark, der Wetterau, dem
Harz u. a. wird Fieber weggeschwemmt:
man streut Salz (Salz und Brot) rück¬
lings in ein fließendes Wasser, betet dazu
drei Vaterunser oder spricht: ,,Ich säe
diesen Samen in Gottes Namen. So dieser
Samen wird aufgehn, werd ich mein
Fieber wiedersehn“ 131 ). In Schlesien sät
man bei Zahnschmerzen S. vor Sonnen¬
aufgang bei abnehmenden Monde auf
einen Kreuzweg und spricht: ,,Ich säe
usw. . . . werden meine Zahnschmerzen
wieder angehen. Im Namen des Vater,
des Sohnes und des heiligen Geistes
usw.“ 132 ). Bei Bielefeld wird S. bei Rose
und Augenkrankheiten unter Hersagen
eines Segens über den Kopf des Kranken
geworfen; im Kreise Halle läßt man unter
Her sagen bestimmter Formeln S. ins
Wasser fallen und bestreicht damit ent¬
zündete Augen 133 ). In Litauen bindet
man als Schutz gegen Ansteckung S. in
einen Zipfel des Hemdes oder, in ein
Tuch gebunden, um den Hals 134 ). Zum
Schutze gegen Impotenz soll man Salz
in die Tasche stecken 135 ). Weitere An-
i Wendung des Salzes in der Volksheil¬
kunde: Waschungen mit Salzwasser bei
Fieberhitze kleiner Kinder 136 ) — Schutz
vor Fieber, wenn man an Fastentagen
nüchtern S.brezeln ißt (Schwaben) 137 ). —
Hilfe des geweihten S.es bei Furunkeln
(Oberbayern) 138 ) — bei Kopfschmerzen
| Baden der Füße in S.wasser oder Streuen
einer Handvoll S. in die Schuhe 139 ) —
bei ausbleibender Menstruation ein Fu߬
bad, in das drei Pfund S. geschüttet
sind 14 °) — Befeuchten von Wunden mit
S.wasser 141 ). Bei Schlucken soll man ein
Messer ins S. stecken 142 ). Die Verwendung
915
salzig
0l6
von heiß aufgelegten S.sacken u. a. wird
auch von Ärzten bei bestimmten Krank¬
heiten empfohlen 143 ).
128 ) Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 2090t.;
Hovorka-Kronfeld 1, 371 f. 129 ) Pfeiffer
Zwei deutsche Arzneibücher 48; Peters Pharma¬
zeutik i, 204 u. 2, 157; Lonicer 53; Zedier 33,
1305 fE. 1380 f. 13 °) Seligmann 1, 278.,
131) Frischbier Hexenspr. 52 f.; Fossel Volks¬
medizin 131; Hovorka-Kronfeld 1, 146 u.
141; Seyfarth Sachsen 224; Wuttke 335
§ 4991 Bartsch Mecklenburg 2, 106; ZfdMyth.
1 ( i8 53 ). 199; vgl. Engelien u. Lahn 259 f.;
Grimm Myth. 3, 441 Nr. 196; Heßler
Hessen 2, 172; vgl. Hesemann Ravensberg 112.
132 ) Drechsler 2, 301; MschlesVk. 3 (1896), 47;
vgl. Drechsler 2, 313. 133 ) ZfrwVk. 1908,
95 > vgl. Franz Benediktionen 2, 493.
134 ) Frischbier a. O. 32. 135 ) Seligmann 2,
38, vgl. 36. 136 ) Romanusb. 49. 137 ) Wuttke
75 § 87 u. 353 § 528; vgl. Grimm Myth. 3, 436
Nr. 44. 138 ) ZdVfVk. 14 (1904), 274. 139 ) Zfrw¬
Vk. 1 (1904), 91. 140 ) Seyfarth 257 u. 263.
141 ) Lammert 209; Hovorka-Kronfeld 2,
366. 142 ) Seyfarth 263. 143 ) ZfrwVk. 1 (1904),
94 » Höhn Volksheilkunde 1, 140 t.; Lammert
255; Hovorka-Kronfeld i, 373.
S. als Sinnbild der Ergebenheit
und Treue. S. und Brot mit jemandem
essen heißt, die wichtigsten Bestandteile
der Nahrung, das tägliche Leben gastlich
mit ihm teilen und damit die festeste,
trauliche Verbindung mit ihm aufnehmen.
So wurden Brot und Salz und wohl auch
Salz allein der Prüfstein der Freundschaft
und Treue.Denn das S.war nicht nur seit den
ältesten Zeiten das notwendigste Lebens¬
bedürfnis der Menschheit, sondern galt
auch, da es, selbst unvergänglich, vor Fäul¬
nis und Verwesung schützte, als Sinnbild
der Ewigkeit und Beständigkeit 144 ). In
der heiligen Schrift heißt ein unverbrüch¬
liches, immer bestehendes Bündnis ein
S.bündnis (Mos. 4,18,19; Chron. 2,13, 5).
Im Altertum überhaupt war bei Bünd¬
nissen und Freundschaftsstiftungen der
Gebrauch des Salzes von symbolischer
Bedeutung; bei Schließung feierlicher
Bündnisse wurde als Symbol ihrer Un¬
auflöslichkeit eine Schüssel mit S. hin¬
gestellt, von dem jeder der sich Verbün¬
denden einige Körner aß 145 ). In Rußland
war es bis in die neueste Zeit Sitte, einem
Fürsten u. a. bei feierlichen Anlässen S.
und Brot als Zeichen der Ergebenheit dar¬
zureichen 146 ). Dem gleichen Brauche be¬
gegnen wir auch in Deutschland. So
war das Fuder Salz, das die Stadt Magde¬
burg nach gütlicher Beilegung der Fehde
1379 Johannes II. von Biberstein jährlich
zu stellen versprach, kein gewöhnlicher
Tribut, sondern zugleich wohl symbolische
Bürgschaft des fortwährenden Friedens-
Vertrages 147 ). Als 1803 die münsterschen
Ämter Vechta, Cloppenburg, Friesoythe
von Oldenburg in Besitz genommen
wurden, überreichten die Magistrate der
drei Städte den Regierungsbevollmäch¬
tigten beim Empfange S. und Brot 148 ).
Noch 1902 wurden dem dänischen Prinzen
Christian bei seiner Ankunft in Aarhus
in Jütland S. und Brot gereicht, wovon
der Prinz und seine Familie aßen, ehe sie
ihre Fahrt in den Schloßhof fortsetzten 149 ).
Auch die Halloren boten nach altväter¬
licher Sitte an jedem Neujahrstage dem
deutschen Kaiser S. und Brot an 15 °);
sie wurden auch Hindenburg überreicht.
— Vielleicht gehört hierher auch das
schon im Altertum bekannte Sprichwort,
daß man einen Menschen nicht kenne,
wenn man nicht einen Scheffel S. mit
ihm gegessen 151 ). In der Lüneburger
Heide heißt es: das etwaige Heimweh der
jungen Frau verschwindet, wenn sie erst
im neuen Hause ,,en Spint Sult“ verzehrt
hat 152 ). In der Gegend von Lunden
näht man gegen Heimweh heimlich S.
(und Brot) ins Zeug 153 ).
144 ) Schleiden Salz 71 f.; Hahn a. O. 8 ff.
145 ) Lammert 156; Pauly-Wissowa 2. R. 2,
1, 2089 u. 2092; ARw. 8 (1905), Beiheft 33;
Zedier 33, 1305. 146 ) Beckmann Historia
orbis terrarum (Frankf./M. 1680) 675; Schlei¬
den a. O. 71; ZdVfVk. 15 (1905), 147 t.
147 ) Haupt Lausitz 2, 150t. Nr. 252.
148 ) Strackerjan 2. ii7Nr. 344. 149 ) ZdVfVk.
15 (1905h 145 - 15 °) ebd. 151 ) ARw. ebd. 152 ) Kück
182. 153 ) ZfVk. 23 (1913), 283 Nr. 38.
f Olbrich.
salzig. Nach einem seltsamen Aber¬
glauben merken die Mütter, daß ihr
(ungetauftes) Kind beschrien ist, daran,
daß sie, wenn sie seine Stirn belecken,
einen s.en Geschmack empfinden 4 ).
Krankheiten, die von s.em Schweiß be¬
gleitet sind, sollen vom bösen Blick her¬
rühren; das beschriene Kind kann keine
Ruhe finden, wird immer kränker und
stirbt bald 2 ). Um den bösen Zauber zu
r
917
Sambucus—Samstag
918
bannen, soll die Mutter dreimal die Stirn
des Kindes ablecken und dann rück¬
wärts ausspucken und Gebete verrichten 3 ).
Die Rockenphilosophie gibt die Erklärung
dieses Aberglaubens: auch gesunde Kinder
schwitzen an der nicht bedeckten Stirn,
bei kranken, die gewöhnlich nicht gebadet
werden, bricht durch die innere Hitze
der s.e Schweiß um so mehr aus 4 ).
x ) Wuttke 382 §581; Grimm Myth. 3. 434
Nr. 2; Lemke Ostpreußen 1, 112; Frischbier
Hexenspr. 8; Schönwerth Oberpfalz 1, 186
Nr. 9; Finder Vierlande 2, 13; Seyfarth
Sachsen 48 u. 241; John Erzgebirge 52; Selig¬
mann 1, 254. 2 ) John a. O.; Rochholz
Kinderlied 280; Urquell 4 (1893), 273. 3 ) John
Westböhmen 108; Fossel Volksmedizin 64 f.
4 ) Seligmann a. O.; Rockenphilos. 1, c. 2,
S. 14 f. t Olbrich.
Sambucus s. Holunder 4, 261 ff.
Samen s. Nachtrag.
Sammelgang s. Bettelumzüge 1,
1190 f.
Samson.
1. Eine riesenhafte Gestalt mit Lanze
und Eselskinnbacken, die an gewissen
Tagen im Frühling oder Mittsommer in
großer Prozession herumgetragen oder
-gefahren wird, an Fronleichnam 1 ), am
Sonntag, der dem St. Oswaldtag (5.
August) zunächst liegt 2 ), im August 3 ).
Geramb denkt an eine Art von Tod-
austragen, das sich mit einem Überrest
aus der „Fronleichnamsprang“ verbunden
habe 4 ). In Isle de France wurde ein
solcher Riese im Mittsommerfeuer ver¬
brannt 5 ). Mannhardt sieht darin eine
Tötung des Vegetationsgeistes 6 ).
Vernaleken Alpensagen 101 f. (im Lun¬
gau); Geramb Brauchtum 49 (Bozen) = Zin-
gerle Tirol 162. 2 ) Geramb 72 t. 3 ) Frazer
11, 36 (Ath im Hennegau, schon Mitte des 15. Jh.,
zuletzt 1869). Andere solche Umzüge mit
Riesenbildern, die verschiedene Namen tragen,
zu Fastnacht oder Mittsommer: Frazer 11,330.;
Mannhardt 1, 523 Anm. 1; Reinsberg Fest¬
jahr 290 ff.; Beitl Deutsches Volkstum 217.
Als Riese erscheint ein Ritter S. auch in den
ersten Kapiteln der Thidreksage: Thule 22,
69 ff. 4 ) Geramb 73. B ) Liebrecht Gerva¬
sius 212 f.; Frazer 11, 38. 6 ) Mannhardt
1, 523 f. In Dünkirchen fuhr dem Riesen (Papa
Reuß) u. a. ein Wagen vorauf mit einer Anzahl
grün gekleideter Männer, die Wasser auf die
Leute spritzten: Frazer 11, 34 f.
2. In Frankreich ist der Name des
,,h. S.“ oft mit großen Steinen ver¬
bunden. Er hat sie geworfen 7 ) oder zu
Dolmen herangeschleppt 8 ), Rheumatis¬
muskranke reiben sich daran oder legen
sich darauf 9 ), Menhirs sind nach S.
benannt 10 ).
7 ) Söbillot Folk-Lore 4, 113. 8 ) Ebd. 4, 22.
23. e ) Ebd. 1, 339. 400; 4, 158; Knuchel Um¬
wandlung 56. 10 ) Sebillot 1, 418. 421; 4, 57.
Sartori.
Samstag.
1. Allgemeines (Name). 2. Marien-, Höllen-
und Seelentag. 3. Glücks- und Unglückstag.
4. Arbeitsverbot. 5. Geburt, Hochzeit, Tod.
6. Vieh- und Feldwirtschaft. 7. Volksmedizin
und Sonstiges.
1. Für den S. haben wir auf deutschem
Gebiet drei verschiedene Bezeichnungen.
Der alte Saturntag {dies Saturni) hat
sich, wie bei den Engländern als saturday ,
so auch bei den Holländern und Nieder¬
deutschen als Zaturdag {Z ater dag) und
Saterdag x ) (in Westfalen Saterstag oder
Saiterstag) 2 ) erhalten. Die Herleitung
dieses Namens von einer germanischen
Gottheit Satar oder Sater 3 ) ist abzu¬
weisen. Im südlichen Deutschland und
in der Schriftsprache ist der Name Sab¬
batstag = Samstag (ahd. sambastac ,
mhd. samezlac, samztac) gebräuchlich ge¬
worden, der, wenngleich auch andere Ab¬
leitungen namhaft gemacht werden 4 ),
doch ohne Zweifel wie die romanischen
Bezeichnungen (franz. samedi , ital. sa-
bato) 5 ), auf das jüdische Sabbat zurück¬
geht 6 ). Im mittleren und nördlichen
Deutschland bürgerte sich im Hinblick
auf den festlichen Sonntag der Ausdruck
Sonnabend {sunnün äband statt sunnün
dages äband) ein 7 ), welcher die lange üb¬
liche Zeitrechnung nach Nächten (s.
Nacht) erkennen läßt 8 ), nach der der
Vorabend zum folgenden Tage gezählt
wurde. Bei den Dänen (löverdag) und
Schweden (lördag) hat sich das altnor¬
dische laugerdagr erhalten, das Bade¬
oder Waschtag bedeutet 9 ). Als Badetag
ist der S. seit je üblich gewesen 10 ).
Bestimmte Namen führen nur wenige
S.e im Jahre, so der Kars. (s. d.), der
schmalzige S. in Schwaben 11 ) (S. vor
der Fastnacht), ebenso auch in Nieder-
919
Samstag
Samstag
922
920
Österreich genannt, wo der S. vor Ostern
Judass. heißt 12 ). In manchen Gegenden
finden, angeblich auf Grund von Ge¬
lübden, an bestimmten S.en des Jahres
Wallfahrten statt 13 ). Dies ist auch der
Fall an den drei goldenen S.en, den
drei S.en nach Michaelis 14 ). Eine aus¬
drückliche Beziehung auf den hl. Michael
(s. d.) findet sich in einer Handschrift
aus Steiermark aus 1820 15 ), wo es heißt,
daß man in der ersten goldenen S.nacht
beten soll: ,,0 allerseligste Jungfräuliche
Mutter Gottes Maria, du bist zwar würdig,
daß man dich täglich verehre und sich
deiner mächtigen Fürbitte empfehle, ich
verlange aber dich sonderbar anheut, als
in der ersten goldenen S.nacht kindlich
zu verehren und zwar mit und durch den
großen Himmelsfürsten, den hl. Erzengel
Michael, nach dessen Fest diese hl. drei
goldene S.nacht ihren Anfang nimmt
usw.“. Über den Ursprung dieser haupt¬
sächlich der Jungfrau Maria geweihten
drei S.e berichtet eine Tiroler Sage 16 ).
Danach hätte Kaiser Ferdinand III. lange
den Wunsch gehegt, der seligsten Jung¬
frau irgend eine besondere Verehrung zu
erweisen. In einem nächtlichen Gesichte
sei ihm dann vorgekommen, daß derjenige,
der die Makellose an den drei nach
Michaeli folgenden S.en durch Empfang
der hl. Sakramente und wahre Lebens¬
besserung verehren werde, ihres mütter¬
lichen Schutzes im Leben und Sterben
versichert sein könne. Auf dies soll die
Feier der goldenen S.e vom Kaiser an¬
gefangen und allmählich verbreitet worden
sein. In den Alpenländern ist es seit dem
17. Jh. üblich, daß die von der Alm heim¬
gekehrten Senninnen an diesen Tagen
Wallfahrtsorte aufsuchen 17 ). In vielen
Pfarreien des Passauer Gebietes werden
an diesen Tagen Votivmessen zu Ehren
der Mutter Gottes gelesen 18 ). In Aigen
am Inn dagegen wurde nach einem Be- ;
rieht aus 1825 Kirche des hl. Leonhard
an den goldenen S.en von Tausenden von
Wallfahrern besucht 19 ).
Als Familienname kommt das Wort
Sonnabend selten vor, S. scheinbar über¬
haupt nicht 20 ). In Niederösterreich
nennt man einen langweiligen Menschen,
der alles auf den S. verschiebt, „Sämsta-
mäntr und sagt daher auch statt müßig
umhergehen „sämstamänteln“ 21 ). Eine
Personifikation des S.s als Frau S. er¬
scheint in einem magyarischen Segen
gegen Impotenz 22 ) (s. Wochentage). Aus
Saterdag erklärt eine Sage Oldenburgs
volksetymologisch den Namen der Land¬
schaft Saterland 23 ).
Müllenhoff AUertumsk. 4 (1920), 648;
Albers Das Jahr 8. 2 ) Hoops Reallex. 4, 558.
3 ) Pfannenschmid Erntefeste 441 f. 610.
4 ) DWb. 8 (1893), 1755; Albers Das Jahr 7f.
5 ) Vgl. W. Meyer-Lübke Die Namen der
Wochentage im Romanischen in ZfWortf. 1
(1900), 192t. 6 ) Rochholz Glaube 2, 55;
Schräder Reall. 965; Hoops Reall. 4, 558;
Müllenhoff AUertumsk. 4 (1920), 648; Schön¬
bach Berthold v. R. 14. 7 ) Müllenhoff Alter-
tumsk. 4 (1920), 648. Zur pars pro toto in der
Zeitrechnung vgl. Martin P. Nilsson Primitive
Time-Reckoning (Lund 1920) 358 f. 8 ) Vgl.
Pfannenschmid Erntefeste 612. •) Albers
Das Jahr 8. 10 ) Pfannenschmid Erntefeste
6iof.; auch bei den Esten, vgl. Boeder Ehsten
I02f. A1 ) Meier Schwaben 2, 377; Birlinger
Volksth. 2, 23. 12 ) Pfalz Marchfeld 120.
13 ) ZfrwVk. 1905, 145. 14 ) Geramb Brauch¬
tum 8r. 84; Pfalz Marchfeld 120. Wohl irr¬
tümlich die S.e im Advent bei Leoprechting
Lechrain 153. Vgl. Sepp Sagen 135 Nr. 41;
DG. 10,71. 15 ) ZfVk. 15 (1905), 98. 16 )Zin-
gerle Tirol 172 = Pfannenschmid Ernte¬
feste 440. 17 ) Andree-Eysn Volkskundliches
198. 18 ) Pfannenschmid Erntefeste 440.
19 ) Panzer Beitrag 2, 24. 20 ) A. Heintze
Die deutschen Familiennamen 5 (1922) 300 (Tag).
21 ) Pfalz Marchfeld 121. 22 ) Wlislocki Ma¬
gyaren 137t. 23 ) Strackerjan 2, 361.
2. Im Volksglauben gilt der S. als ein
heiliger Tag, an dem wenigstens teil¬
weise Arbeitsruhe geboten ist. Dies
weist zunächst auf seine ursprüngliche
Stellung als jüdischer Sabbat zurück.
Jesus beachtete diesen wenig, nahm aber
nicht offen Stellung gegen ihn, weshalb
auch die erste, nur aus Juden bestehende
Christengemeinde, wie an anderen hl.
Bräuchen, so auch am Sabbat festhielt.
Bald aber sah man ein, daß auch hier eine
scharfe Scheidung notwendig sei, und
man setzte die gottesdienstlichen Ver¬
sammlungen auf den ersten Tag nach dem
Sabbat an, wahrscheinlich auch deswegen,
weil dies der Tag der Auferstehung des
Herrn war 24 ). Trotzdem sich so der Sonn¬
tag (s. d.) im Laufe der Jahrhunderte als
Tag des Herrn fest eingebürgert hatte,
gab es immer wieder Leute, welche unter
dem Hinweis darauf, daß Gott den 7. Tag
als Sabbat eingesetzt habe und die Feier
des Sonntags daher unberechtigt sei, die
Feier des S.s als Fest- und Ruhetag ver¬
langten 25 ). Dies führte zur Sekten¬
bildung der Sabbatarier 26 ). Die
S.feier war aber auch in der Kirche nie
ganz verschwunden, und diese gab dem
Tag eine besondere Weihe, indem sie
ihn zum Marien tag machte.
Nach Anregungen, die schon im 8. und
9. Jh. von verschiedenen Männern, so
auch vom hl. Bonifazius, gegeben wurden,
begann man im 11. Jh. in Rom jeden S.
als ein der hl. Maria geweihtes Fest (sab-
batum Mariae) zu bestimmen, als die
Pforte, die zum Sonntage führt, welcher
das ewige Leben bezeichnet. Man ent¬
hielt sich an diesem Tage des Fleisch¬
essens. Die Feier des Sabbatum Mariae
besteht in einer zu Ehren der Jungfrau
Maria am Abend zu haltenden Messe
und äußert sich auch in den am Vorabend
des Sonntags üblichen Vigilien und
Vespern 27 ), ferner in frommen Stiftungen.
So hat in Grottkau der Brauer als Be¬
sitzer der an Stelle eines früheren Klosters
errichteten Brauerei alljährlich vor dem
Dreikönigtage für eine Stiftung zu zahlen,
nach der jeden S. um 2 Uhr ein Salve
regina in der Pfarrkirche gesungen werden
muß. Als einmal die Zahlung versäumt
wurde, entstand nächtlicher Spuk im
Hause 28 ).
Auf deutschem Boden nahm die Jung¬
frau Maria Wesenszüge der Göttin
Frija (Freya) an. Dieser war ursprüng¬
lich wohl der Freitag (s. d.) geweiht,
doch wurde mit der Zeit, in der man den
S. als Marientag zu feiern begann, manche
Uberheferung auf den S. verlegt 29 ), zu¬
gleich aber auch mit an die Gestalt der
Holda oder Holle geknüpften Über¬
lieferungen verbunden. Der S. wurde
so zu einem Hollentag, zum Frau
Hollenabend 30 ). Frau Holle bestraft die,
welche ihren Tag oder Abend durch Ar¬
beit entheiligen, vor allem ist das Spinnen
(s. u.) 31 ) verboten, namentlich in der
Zeit der Zwölfnächte 31 ). Daß zuweilen
der S. als Tag der wilden Jagd genannt
wird 32 ), weist auch auf Holle, das weib¬
liche Gegenstück des wilden Jägers 33 ),
hin. An sie erinnert die Schatzjungfrau
einer Schweizer Sage, welche jeden S.
vor der Höhle ihre Haare kämmt 34 ) (s.
kämmen). Am klarsten aber wird die
Beziehung zwischen der heidnischen
Wolkengöttin und der Jungfrau Maria
in dem Sonnenscheinmotiv.
Im Harz sagte man noch um die Mitte
des 19. Jh.s: Regnet es auch die ganze
i Woche hindurch, so ist doch zum Freitag
! oder S. Sonnenschein zu erwarten; denn
Frau Holle müsse zum Sonntag ihren
Schleier wieder trocken haben 35 ). Der¬
selbe Glaube ist, auf Maria bezüglich,
heute weit verbreitet. Am S. muß die
Sonne scheinen, wenigstens einmal mit¬
tags drei Minuten lang 36 ) oder auf einige
Augenblicke 37 ), weil einst Maria ihre
Wäsche oder die des Christkindes am S.
getrocknet hat 38 ), weil sie ihren Schleier
bleicht 39 ) oder trocknet 40 ), weil sie des
Christkindes Windeln oder ihr Hemd
trocknen muß 41 ) oder damit der Saum
ihres Kleides trocken wird, den ihr die
armen Seelen am Freitag, an dem sie
stets durch das Fegefeuer schreitet, mit
ihren Tränen benetzt haben 42 ), oder auch
überhaupt nur zu Ehren der Muttergottes
überhaupt 43 ).
Daß es am S. f wenn auch nur kurze
Zeit, schön und sonnig sein müsse, sprechen
auch Volksreime aus, so in Mecklen¬
burg 44 ):
Dor is kein Saterdag so dick,
Dat dei Sünn’ nicht deit 'n Blick.
Und in der Eifel 45 ) und in Baden 46 ):
Es ist kein Samstag so trüb.
Die Sonn' scheint der Mutter Gottes zu lieb.
Es gibt auch scherzhafte Begründungen.
Am S. scheint die Sonne, damit der Pastor
den Kragen (die große Halskrause) trock¬
nen kann 47 ), damit der arme Kantor und
die armen Waisen ihre Hemden trocknen
können 48 ) oder allgemein, damit der
arme Mann sein Hemd trocknen kann 49 ).
Der S. gilt daher auch als der beste Tag
zum Wäschetrocknen 50 ).
Nur an drei S.en des Jahres regnet
es 51 ). Dies sind die dunklen S.e, an
welchen die Muttergottes den ganzen
923
Samstag
924
Tag gebetet hat 52 ). Aber auch fünf Tage,
manchmal nur ein S. im Jahre gelten als
Regentage, so in Schlesien der vor dem
Feste der schmerzhaften Muttergottes 53 ).
Auch nach französischem Volksglauben
scheint am S. die Sonne, damit die Jung¬
frau Maria das Hemd tiocknen kann,
welches der kleine Jesus am Sonntag an¬
zieht, oder ihrer eigenen Wäsche wegen 54 ).
Auf Sardinien und in Venetien findet sich
die allgemeine Redensart ,,Kein S. ohne
Sonne, keine Frau ohne Liebe 44 55 ).
Das Volk sucht zu begründen, warum
der S. der hl. Maria geweiht ist, der daher
auch die in der S.nacht sterbenden Kinder
gehören 56 ). Nach den einen ist sie am
S. geboren 57 ), nach andern hat sie an
■diesem Tage jedesmal vom frühen Morgen
bis Sonnenuntergang gebetet 58 ).
Endlich ist der S. auch der Tag, an
welchem die armen Seelen aus dem
Fegefeuer kommen und den Sonntag
(s. d.) über bis zum Montag von ihrer
Pein erlöst sind 59 ). Da sie bei ihrer Rück¬
kehr in die Häuser unter der Türangel
zu sitzen pflegen, darf man am S. die Tür
nicht heftig zuschlagen; sonst klemmt
man sie ein 60 ).
Daraus erklärt sich der Brauch der
Seelenspeisung am S. 61 ), der auch in
Rußland üblich ist 62 ). Im Zillertal wird
am S. abends nach dem Krapfenbacken
ein Stück Butter auf den Dreifuß gelegt,
damit sich die armen Seelen damit ihre
Brandwunden schmieren können 63 ). Am
S. werden in der Oberpfalz die Gräber
mit Weihwasser besprengt 64 ). Im Hin¬
blick auf die armen Seelen geschieht es
wohl auch, wenn in Siebenbürgen am S.
regelmäßig milde Gaben an die Armen,
Waisen- und Bettelkinder verteilt wer¬
den 6S ). Auch die vom Wassermann in
Töpfen gehaltenen Kinderseelen dürfen
am S. zwischen 12 und 1 Uhr mittags
heraus und miteinander spielen 66 ).
Wie bei diesem Seelenglauben, so ist
ebenfalls mehr der Gedanke an den folgen¬
den heiligen Sonntag die Ursache für den
Brauch gewesen, am S. abends die Eggen
auf dem Felde mit den Spitzen nach innen
aufzurichten, damit sich der Ewige Jude
•darauf ausruhen könne 67 ). Nach süd¬
slawischem Volksglauben feiert sogar
die Pest (Kuma) denS. als heiligen Tag 68 ),
und die Vampire bleiben in der Nacht
von S. auf Sonntag in den Gräbern 69 ).
Doch wird in Kukus mit dem Namen
Sobotnina (S.snacht) die Nacht vom
Freitag auf S. bezeichnet, welche die
Brautleute nicht im Eltemhause zu¬
bringen dürfen 70 ). Der Russe feiert den
S. in seiner Art und drückt dies durch
die Redensart aus: „Den S. feiert man
dreifach, mit Bliny (eine Art Pfannkuchen)
backen, in das Bad gehen und das Weib¬
chen begatten 44 71 ).
Auf den S. als Marientag nehmen auch
besondere S.gebete Bezug, die am Abend
zu beten sind. Sie sind verwandt mit
einem Gebet für den Abend des Donners¬
tages (s. d.) und Freitaggebeten (s. d.).
Wer diese Gebete an den angeführ¬
ten Tagen dreimal spricht, wird in einer
besonderen Weise belohnt. Im Böhmer¬
wald war früher das folgende S.gebet
üblich:
Heut is die liab Samstagnacht,
Unsa liabe Frau in Ruhabett schläft;
Schläft ruahi und süaß.
Hant drei Engala keraa und häb’n s’ begrüaßt.
Hab nt g'sägt, sie sull afsteh(n)
Und sullt mit eah(n) geh(n).
Mit eahran trauernden Herz’n
Und ihr’n brennenden Schmerz’n;
Mit Bluat übarunna,
Mit Bluat übagossn,
Gänz vakema und dastoss’n
Wia nie
Js g'we’n die allerseligste Jungfrau Marie.
Wer dös Gebet ulli Sämstäg dreimäl spricht
Und nia vagißt,
Dem wird uns’re liabe Frau kema
Drei Täg vor sein’ End'
Und sei(n) Seel’ nehma
Auf ihrene Händ
Jn Himmel eini.
Amen 71 a ).
24 ) H. Meinhold Sabbat u. Sonntag (Leipzig
1909, Nr. 45 von „Wissenschaft u. Bildung")
53 ff- 25 ) Ebd. 89 ff. 26 ) Vgl. Meyer Konv.-Lex.
17 (1907), 358. 27 ) Pfannenschmid Ernte¬
feste 441. 28 ) Kühnau Sagen 1, 117. 29 ) Meyer
Germ. Myth. 291 f. 30 ) Saupe Indiculus 24.
3I ) Vgl. Grimm Myth. 1, 224. 32 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 149; Vernaleken Alpen¬
sagen 87; Rochholz Glaube 2, 56. 33 ) Meyer
Germ. Myth. 281. 3 «) Lütolf Sagen 504.
35 ) Pröhle Unterharz 198 = Mannhardt Germ.
Mythen 260. Bavaria 2 (1863), 242. 37 )
Zingerle Tirol 123; ZfVk. 4 (1894), 82 (Mittel¬
schlesien). 38 ) Bartsch Mecklenburg 2, 218.
925
Samstag
926
Bei den Magyaren dasselbe, vgl. Wlislocki
Magyaren 165 — ZfVk. 4 (1894), 309. 3a ) John
Erzgebirge 250. 40 ) Drechsler 2, 188. 41 ) Kuhn
u. Schwartz 458 Nr. 431a; Meier Schwaben
1, 237 Nr. 3; Lütolf Sagen 560 Nr. 591, vgl.
386 Nr. 371; Reiser Allgäu 2, 429; Meyer
Baden 513; Wuttke 62 § 72; ZfVk. 9 (1899),
229 (Nordthüringen). 42 ) Bolte-Polivka
з, 457 Anm. 43 ) ZfdMyth. 2 (1854), 101;
Reinsberg Wetter 39; Wrede Rhein. Volksk.
•93; Schmitt Hetlingen 12. 44 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 218. Vgl. Strackerjan 2, 28
Nr. 288. 45 ) Reinsberg Wetter 39. 48 ) Meyer
Baden 513. 47 ) Bartsch Mecklenburg 2, 218;
Andree Braunschweig 412; vgl. Kuhn u.
Schwartz 458 Nr. 431 a. 48 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 244, 299. 49 ) Reinsberg Wetter 39.
*°) Bartsch Mecklenburg 2, 218. 5l ) Meyer
Baden 513; ZfVk. 2 (1892), 191 (Tirol); 4 (1894),
82 (Mittelschlesien). An zwei S.en: Baum¬
garten Jahr u. s. Tage 31 u. Aus der Heimat
1, 57. 52 ) Reiser Allgäu 1, 362. 53 ) Drechsler
2, 188. 64 ) Sebillot Folk-Lore 1, 48. Vgl. j
ZfVk. 17 (1907), 453. 55 ) Reinsberg Wetter 39.
56 ) Pfalz Marchfeld 34. 57 ) Lütolf Sagen 560
Nr. 591; ZfVk. 2 (1892), 191; 3 (1893). 53 (Tirol).
Vgl. Saupe Indiculus 24. 58 ) Reiser Allgäu
1, 362. — Zur Marienverehrung am S. vgl. noch
Baumgarten Jahru.s. Tage 32; Quitzmann
m; Knoop Schatzsagen 28 Nr. 55; ZföVk. 3
(1897), 8; ZfVk. 8 (1898), 447 (Steiermark).
S9 ) Grimm Myth. 3, 417 Nr. 25. 60 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 287 Nr. 14 = Wuttke 472
§752. 61 ) Baumgarten Jahru.s. Tage 9 Anm.;
Pollinger Landshut 224. 82 ) Stern Rußland
1, 73 f- 63 ) Zingerle Tirol 124 Nr. 1124 =
Meyer Germ. Myth. 73. 64 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 281 f. ® 5 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 244. fl6 ) Ranke Sagen 2 198. 67 ) Kuhn
и. Schwartz 451 Nr. 387; Rochholz Glaube
2, 55 * 88 ) Stern Türkei 1, 380. 69 ) Ebd. 1, 367.
30 ) Krauß Sitte u. Brauch 453. 71 ) Stern
Rußland 1, 436. 71a ) Waldheimat (Budweis 1926)
12, 182. Vgl. MschlesVk. 18 (1916), 41 ff.
3. Als Marientag, dann als Vortag
ries Sonntags und dort, wo man den
Montag als ersten Wochentag zählt, auch
als gerader Wochentag 72 ) ist der S.
ein Glückstag 73 ). Er gehört mit seinem
Abend schon zum Sonntag 74 ) und hat
damit auch für diesen und die folgende
Woche Vorbedeutung. Will im Voigt¬
land ein Mädchen am Sonntag viele
Tänzer haben, so muß es am S. zuerst den
Boden der Holzgefäße scheuern 75 ). Wenn
am S. abends das jüngste Kind im Bette
niest, so folgt eine glückliche Woche 76 ).
Wenn der Schmied am S. Feierabend
macht, so schlägt er noch dreimal mit
riem Hammer auf den Amboß; dadurch
wird der Teufel für die kommende Woche
angeschmiedet 77 ). Nur in der Oberpfalz
wird der S. als Schlußtag der Woche be¬
tont, wenn man sagt, daß dieser dem
alten Herrn gehört, der Sonntag (Tag der
Auferstehung) und Montag, der dem hl.
Geist geweiht ist, dem jungen 78 ). Die
Berolzheimer sagen, wenn am S. um
2 Uhr Feierabend geläutet wird: „’s
Wuchcherle is gschtarbe 44 79 ).
Andrerseits erscheint der S., wie schon
früh mit dem Saturnstag der Sabbat
(s. d.) so ), als Unglückstag, besonders
dann, wenn der Gedanke an den im
Grabe ruhenden Heiland im Vordergrund
steht. Dies spricht z. B. ein altes S.gebet
aus Schwaben 81 ) aus:
Heut ist die heilige Samstag Nacht,
Wo unser Herrgott auf dem Grab saß.
Er schrie: O ach! und o Weh!
Wie tun meine heiligen fünf Wunden so weh!
Die falschen Juden hand gschlaga und gstoßa.
Die kleinen wie die großa.
An dem Tage, an welchem der Herr tot
im Grabe liegt, müssen die bösen Geister
besondere Macht haben und frei schalten
können. Daher ist der S. kein geheurer
Tag 82 ), ein Teufelstag 83 ) und Hexentag,
an dem die Hexen ihren Sabbat (s. d.)
feiern 84 ). Daher übt man auch an diesem
Tage Gegenzauber gegen Behexung der
Kühe aus 85 ) oder man kann bösen Zauber
erzeugen. Wenn man, wie die Akten
eines Schweizer Hexenprozesses aus 1587
überliefern, Steinregen hervorrufen
wollte, mußte man eine Locke von einem
Haar, das an einem S. nach der Vesper
gestrählt worden war, mit einem Stocke
in einem Topfe herumrühren 86 ). Nach
romanischem Volksglauben haben die
Hexen keine Macht über einen, wenn
man das Wort S. auf eine gewisse Art
und in einem bestimmten Augenblick
ausspricht 87 ). In Frankreich gilt die
Nacht vom Freitag auf S. und auch die
vom S. auf Sonntag als Geisternacht 88 ),
und ein junger Mann verwandelt sich
jeden S. in einen Werwolf 89 ).
Dort wo die Bezeichnung Sonnabend
üblich ist, erhält der S. dieses Namens
wegen die Bedeutung eines Unglücks¬
tages. Er ist, wie der Mittwoch (s. d.).
927
Samstag
930
Samstag
929
kein Tag 90 ). In einigen Orten Anhalts
unterläßt man am S. die erste Aussaat,
weil der Tag Abend, nicht Tag heiße 91 ).
In Mecklenburg dürfen am Mittwoch und
Sonnabend keine besonderen Angelegen¬
heiten vorgenommen werden, weil sie
nicht für volle Tage gehalten werden 92 ).
72 ) Vgl. Meyer Baden 135. 73 ) Drechsler
2, 188; Wrede Rhein. Volksk. 93. 74 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 418. 75 ) Wuttke 363 § 547.
76 ) Ebd. 208 § 287; Rochholz Glaube 2, 56.
77 ) Rochholz Glaube 2, 58; Wuttke 281 § 412 ;
vgl. Heyl Tirol 766 Nr. 73. 78 ) Bavaria 2
(1863), 242 =5 Wuttke 61 § 72 — Stemp-
linger Aberglaube 115. 79 ) Meyer Baden 513.
80 ) Boll Offenbarung Joh. 134 Anm. 81 ) Bir-
linger Aus Schwaben 2, 203. 82 ) Lachmann
Überlingen 53. 83 ) Schönwerth Oberpfalz
3, 47. Auch in Frankreich bevorzugt der Teufel
den S., vgl. Sebillot Folk-Lore 1, 397 -
84 ) ZfdMyth. 1, 299; Leoprechting Lechrain
17, 152 f.; SAVk. 25, 287 f.; W T uttke 158 § 215.
Vgl. H. Ch. Lea Geschichte der Inquisition im
Mittelalter (Bonn 1913) 3, 550 ff. u. Fuhr¬
mann De conventu sagarum ad sua sabbata
(Wittenberg 1667). 85 ) Seligmann Blick
1, 357 f. (Tirol). 86 ) Lütolf Sagen 224. 87 ) Se¬
ligmann Blick 2, 374 f.; vgl. 2,354. 88 ) Se¬
billot Folk-Lore 1, 145. 274; 2, 424. 89 ) Ebd.
2, 437. 80 ) Jahn Pommern 352 Nr. 445.
91 ) ZfVk. 7 (1897), 148. 92 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 216.
4. Die Heilighaltung des S.es durch
Arbeitsruhe 93 ) beginnt gewöhnlich erst
mit dem Nachmittag 94 ), mit dem Feier¬
abendläuten 95 ) (s. Feierabend) oder dem
Abend 96 ), selbst, ein deutlicher Beweis,
daß die Beziehung zum folgenden Sonn¬
tag vorherrscht. Im Saterlande heißt
der letzte Teil des Tages der heilige
Abend, und spätestens eine Stunde vor
Sonnenuntergang werden die Arbeiten
eingestellt 97 ). Nach einer Kärntner
Sage 98 ) verkündete einem einsam leben¬
den Bauern, der die fernen Kirchenglocken
nicht hören konnte, an jedem S. um
2 Uhr nachmittags der Himmel durch ein
wunderbares Läuten den Beginn der
Feierzeit. Ansonst ist wohl heute über¬
all, wie früher schon der Vormittag, der
ganze S. ein schwerer Arbeitstag für
das weibliche Geschlecht. Deswegen
gingen im Egerland die Mütter mit Mäd¬
chen am S. nicht zur Einsegnung, weil
man glaubte, daß dann die Mädchen in
der Arbeit saumselig und in der Hauswirt¬
schaft nicht fertig werden, was sich be-
’ sonders am S. als wichtigsten Arbeits-
j tag zeigen mußte 99 ),
i Allgemein verbreitet ist der Glaube,
daß man am S. keine neue Arbeit be¬
ginnen soll 100 ). Man wird das ganze
! Jahr 101 ) oder überhaupt nicht fertig
I damit oder sie gerät nicht 102 ).
Arbeit am S. bringt Unglück 103 )
! oder wird von höheren Mächten bestraft,.
I wie jede Entweihung des Feierabends
I (s. d.j. So soll z. B. nach einem Schweizer
i Bericht aus 1560 ein Mann, der am S.
abends fischte, von einem Gespenst ent¬
führt worden und längere Zeit krank
gelegen sein 104 ). Den nach dem Abend¬
läuten am S. pflügenden Bauer schreckt
! oder tötet ein plötzlich auftauchendes
; und von ihm eingespanntes schwarzes
■ Pferd 105 ). Die christliche Legende feiert
in der Sage von der hl. Notburga die
i Heiligung des Marientages 106 ). Andrer-
i seits darf sich nach einer norddeutschen
1
Sage der, welcher mit dem Teufel einen
Pakt eingegangen ist, nur am S. ra¬
sieren 107 ).
! Im besondern gilt das Arbeitsverbot
| am S. für das Spinnen. An diesem Tage
! darf am Abend oder nach Sonnenunter-
|
gang nicht gesponnen werden lü8 ); zum
Lichten gehen nur die Bettpisser 109 ).
Was man am S. abends spinnt, wird in
der Nacht wieder verdorben und weg¬
genommen no ) oder von den Mäusen zer¬
nagt 111 ). Wenn man zu dieser Zeit oder am
Sonntag Wolle „afwinnt“, so bekom¬
men die Schafe, von denen die Wolle ist,
die Drehkrankheit (sei wardn narrsch) 112 ).
Spinnarbeit an diesem Abend wird be¬
straft, indem ein ungeheurer nackter
oder blutiger Arm am Fenster erscheint 113 )
oder ,,Berta met der blauerigen Hand"
kommt und diese durch das Fenster
streckt 114 ) oder sich die Tür öffnet und
eine Stimme ruft:
i
Säterdag to late spönnen
Nümmer nich in himmel kommen U5 ).
I Es heißt auch, daß beim Spinnen oder
Haspeln am S. Abend oder Sonntag der
Teufel hinter einem steht 116 ) oder daß
dann die Hexe kommt oder der Teufel
und den Flachs beschmutzt 117 ). Einem
Mädchen erscheint der verstorbene Gro߬
vater und droht, ihm den Hals umzu¬
drehen, wenn es nicht binnen einer Stunde
mit dem Rocken fertig werde und dann
Feierabend mache 118 ). Nach einer Sage
aus Sunderwitt 119 ) spannen zwei alte
Frauen auch am S. Die eine starb und
erschien am nächsten S. abends der an¬
deren, die noch eifrig spann, und zeigte
ihr ihre glühende Hand und sprach:
Seer du, hvad jeg i Helvede vandt,
Fordi jeg an Löverdag Aften spandt!
(Sieh, was ich in der Hölle gewann,
Weil ich am Samstagabend spann!)
Wer an diesem Abend spinnt, findet auch
sonst nach dem Tode keine Ruhe 120 ).
Sogar zur Mondfrau kann die Spinnerin
am S. werden 121 ) (s. Mond). Auch bei
den Tschechen gilt das Spinn verbot
an diesem der Muttergottes geweihten
Tage. Man sagt: „Was am S. gesponnen
wird, das stiehlt der Weber“ 122 ). Der
magyarische Volksglaube begründet das
Spinnverbot damit, daß man an einem
S. den Strick geflochten hat, mit dem
Jesus an die steinerne Säule gebunden
wurde. Daher habe die Muttergottes
jeden verflucht, der am S. spinnt 123 ).
Wer dies tut, dem werfen die Hexen
Spindeln durch den Rauchfang in die
Stube hinein 124 ).
Der Rocken muß überhaupt am S.
abgesponnen sein. Sonst kommt Frau
Holle hinein und zerzaust ihn 125 ), oder
er wird von der „ölen Hakschen“ (s.
Harke, Frau) verunreinigt 126 ). Oder es
spinnen sonst die Hexen 127 ) oder der
Teufel haspelt am Sonntag 128 ) oder es
wird kein gutes Garn und cs bleicht
nicht 129 ). Diese Überlieferungen waren
wohl auch geeignet, den Fleiß der Spinne¬
rinnen anzuregen. In Butjadingen (Olden¬
burg) war es früher Brauch, daß jene
Mädchen, welche in der Woche die ge¬
hörige Stückzahl nicht gesponnen hatten,
am S. nach 4 Uhr nachm, vom Gro߬
knecht mit dem Mistkarren auf den Mist¬
haufen geführt wurden 130 ).
Auch beim Klöppeln herrscht ähn¬
licher Glaube. Im Erzgebirge schneidet
man am S. abends die Klöppelspitzen ab
oder nimmt den Brief herunter, weil
sonst „e fauler Maa“ darauf sitzt 131 ).
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
Was ein altes Weib am S. näht, galt
noch zu Beginn des 18. Jh.s als nicht
dauerhaft 132 ). Frauen dürfen überhaupt
am S. abends bei den galizischen Juden
nicht nähen, weil sonst die Toten
kommen könnten, damit man ihnen die
„Tachrichiii ‘ (Totengewänder) flicke 133 ).
Nach magyarischem Volksglauben darf
man am S. kein Kleidungsstück zuschnei¬
den, weil die Person stirbt, der man das
Kleid bereitet, es sei denn, daß man das
Kleid bis Mitternacht ganz fertig ge¬
macht hat 134 ). Nach tschechischem
Volksglauben darf das Leichengewand
nicht am S. gesponnen und am Sonntag
gemangelt sein; sonst hat der Tote keine
Ruhe 135 ). Am S. wurde, wie man früher
glaubte, bloß das Nothemd (s. d.) ge¬
sponnen 136 ).
ö3 ) Vgl. Baumgarten Aus der Heimat 3, 149
u. bes. W. Treutlein Das Arbeitsverbot im
deutschen Volksglauben. Bühl (Baden) 1932.
94 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 31; Verna-
leken Alpensagen 185; Eckart Südhannover.
Sagen 199 f.; Reiser Allgäu 2, 358 {. = Sar«
tori Sitte u. Brauch 2,70; Herzog Schweizer¬
sagen 1, 69; Halt rieh Siebenb. Sachsen 288.
95 ) Grimm Sagen 154 Nr. 202; Bartsch Meck¬
lenburg 2, 218; SAVk. 2i (1917). 82 - 96 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2,347; Baader NSagen 16;
Waibel u. Flamm 2, 210, 331; SAVk. 2, 278.
97 ) Strackerjan 2, 27 Nr. 288. 98 ) Gräber
Kärnten 336t. Dasselbe: Baumgarten Jahr
u.s.Tage 31. ") Gr ü ne r Egerland 39. 100 )Wolf
Beiträge 1,217; Wuttke 62 § 72; Drechsler
2, 188; Fogel Pennsylvania 261 Nr. 1361.
101 ) SAVk. 12 (1908), 214 (Schaffh.). 102 ) Ebd.
7, 134. 103 ) Wuttke 62 § 72. 104 ) Lütolf
Sagen 504. 105 ) Kuhn u. Schwartz 57 f. Nr. 61;
Kuhn Westfalen 1,344 Nr. 381. 106 ) Panzer
Beitrag 2, 11 f. 48. 107 ) Müllenhoff Sagen
(1921) 201 Nr. 302. 108 ) Wuttke 62 § 72; 402
§ 619; Baumgarten Jahr u. s. Tage 31; Sar-
tori Sitte u. Brauch 2, 192; Kuhn u. Schwartz
445 Nr. 356; 447 Nr. 370; Schönwerth Ober¬
pfalz 1,417 Nr. 2; 2,59 Nr. 4; Meyer Baden
513; John Westböhmen 9,261;. Lachmann
Überlingen 53; Haltrich Siebenb. Sachsen 289;
ZfVk. 9 (1899), 308. 310 (Norddeutschland);
Schulenburg Wend. Volksthum 147; Ger¬
hardt Franz. Novelle 118 (16. Jahrh.). 109 ) En¬
gelien u. Lahn 282; Drechsler 2, 188.
110 ) Meier Schwaben 2, 492. m ) Drechsler
2, 188; Kuhn u. Schwartz 445 Nr. 356 (Sonst
nesteln de müs in). 112 ) Bartsch Mecklenburg
2, 218; Wuttke 437 § 687. 113 ) Kuhn West¬
falen 1, 60 f. Nr. 47 f. 114 ) Ebd. 2,4 Nr. 7.
115 ) Ebd. 1, 99 Nr. 99. 116 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 218. 117 ) ZfVk. 9 (1899). 310 (Nord¬
deutschland). u8 ) Reiser Allgäu 1, 362.
3 o
Samstag
Samstag
119 ) Müllenhoff Sagen (1921) 175 t. Nr. 260.
120 ) Grimm Myth. 3, 458 Nr. 680. 121 ) Roch-
holz Glaube 2, 57. 122 ) Grohmann 147.
123 ) Wlislocki Magyaren 164 f. = ZfVk. 4
(1894), 309. 124 )ZfVk. 4, 308. m ) Kuhn West¬
falen 2, 3 f. Nr. 2; Wolf Beiträge 1, 217; Wuttke
26 § 25. 126 ) Andree Braunschweig 327.
127 ) Panzer Beitrag 2, 299, 554. m ) Wuttke
62 § 72. 129 ) Schönbach Berthold v. R. 151;
Grimm Myth. 3,438 Nr. 130; Meyer Aber¬
glaube 209; Birlinger Schwaben 1, 414; Witz-
schel Thüringen 2, 277 Nr. 19; Sartori Sitte
u. Brauch 2, 45. 13 °) Strackerjan 2, 27
Nr. 288. 131 ) John Erzgebirge 37. 132 ) Maenn-
ling 224 = Schultz Alltagsleben 241.
133 ) Urquell 4 (1893) ,118. 134 ) ZfVk. 4 (1894),
308. 135 ) Wuttke 461 § 731. 136 ) Grimm
Myth. 2, 920.
5. Nach älterem Glauben sind S.s-
kin der trag, faul, langsam und zu allem
ungeschickt 137 ). An einem der letzten
Wochentage geborene Menschen heiraten
entweder spät oder gar nicht 138 ). Im
Erzgebirge heißt es von S.skindem, daß
sie im späteren Leben wenig auf Sauber¬
keit halten 139 ); bei den pennsylvanischen
Deutschen, daß sie viel arbeiten müssen 140 );
in Ostpreußen, daß sie zur Heuchelei und
Lüsternheit neigen 141 ); in Franken da¬
gegen, daß sie mehr sehen und hören als
andere Leute 142 ). Bei den Bulgaren
gelten sie als geistersichtig 143 ) und als
Glückskinder 144 ). Als solche betrach¬
teten auch die Juden die Sabbatkinder,
die eine zwei- bis dreifache Seele emp¬
fangen und gelehrt werden 145 ). Dagegen
meinen die Spaniolen, daß solche Kinder
auch an einem S. sterben, weil durch sie
infolge der nach einer Woche vorzu¬
nehmenden Beschneidung der Sabbat
entweiht wird. Doch glauben auch sie,
daß die am Sabbat Geborenen Glücks¬
kinder sind und jeder an diesem Tage
geborene Knabe ein Heiliger werde 146 ).
Wie hier, bezieht sich mehr auf den Sonn¬
tag (s. Sonntagskind) der Glaube der
Magyaren, daß der am S. um Mitternacht
Geborene im Leben unverhofft zu großem
Reichtum gelangt 147 ).
Der S. ist ein günstiger Tag für den
Kirchgang der Wöchnerin bei Mäd¬
chen im Egerland 148 ), ein ungünstiger in
Oberösterreich und Schwaben 149 ). Eine
Taufe am S. ist bei den Nordfriesen
selten 150 ). Bei Entwöhnung der
Kinder wird im Egerland der S. bevor¬
zugt 151 ).
Wohl in ganz Süddeutschland ist der
S. neben dem Dienstag und Donnerstag
der beliebteste Tag zum Fenstergang 152 );
auch in Norrland fallen die Kommnächte
meistens in die Nacht von S. auf Sonn¬
tag 153 ). Im Saterlande galt ehemals der
S. für den besten Hochzeitstag 154 );
sonst wird er selten hiezu gewählt 155 ).
Erst in neuerer Zeit kommt er neben den
alten Hochzeitstagen, dem Dienstag (s. d.)
und Donnerstag (s. d.), mehr in Be¬
tracht 156 ), besonders in Städten und bei
Fabrikarbeitern, weil dann auch der
Sonntag in das Fest einbezogen werden
kann, ohne daß ein weiterer Arbeitstag
versäumt wird 157 ). In Schlesien sieht
dies die Kirche nicht gern, weil sich die
Feier gewöhnlich in den Sonntagmorgen
hinein ausdehnt 158 ). Auch bei den
Slawen 159 ) und Romanen 160 ) erscheint
der S. zuweilen als Hochzeitstag.
Mit einer Übertragung von Aberglauben
des Sonntags (s. d.) hat man es bei der
Ansicht zu tun, daß bald wieder ein
Todesfall eintritt, wenn am S. der Kirch¬
hof geöffnet ist 161 ).
Schultz Alltags-
221 i.
Penn-
§ ?-•
137 ) Maennling 168 =
leben 241. 138 ) Meyer Aberglaube
139 ) John Erzgebirge 50. l4 °) Fogel
sylvania 33 Nr. 16 f. 141 ) Wuttke 62
142 ) Ebd.; vgl. Hillner Siebenbürgen 26 Nr. 3;
Gassner Mettersdorf 14. 143 ) Frazer 3,89;
10, 285. 144 ) Stern Türkei 1, 375. 145 ) Maenn¬
ling 168. 14e ) Stern Türkei i, 37b.
147 ) Wlislocki Volksglaube u. religiöser Brauch
der Magyaren 67 = ZfVk. 4 (1894), 309. 148 ) John
Westbohmen 261. 149 ) Baumgarten Aus der
Heimat 3, 27; Birlinger Aus Schwaben 1, 390.
15 °) Jensen Nordfries. Inseln 227. 151 ) Grüner
Egerland 40. 152 ) Meyer Baden 174. 191;
John Westböhmen 261. 153 ) Heckscher 354.
154 ) Strackerjan 2, 27. 155 ) Hesemann
Ravensberg 71; ZfVk. 19 (1909), 440 (Mans-
felder Seekreis). 156 ) Sartori Westfalen 86;
John Westböhmen 132. 157 ) Höhn Hochzeit
Nr. 6, 3 (I); Meyer Baden 280; Sartori Sitte
u. Brauch 1,61. 158 ) Drechsler 1, 235.
159 ) Tetzner Slawen 432. 16 °) Rev. Tradition-
nisme fran£. et ötranger (Paris) 1906, 73;
Atradpop. (Palermo e Torino) 1 (1881), 430;
19 (1900), 180; Lares (Roma) 4, 58 (Apulien).
m ) Höhn Tod Nr. 7, 345.
6 . In der Vieh- und Feldwirtschaft
ist der S. im allgemeinen ungünstig. Zu¬
weilen darf der erste Viehaustrieb nicht
am S. geschehen 162 ); in Oldenburg darf
am S. überhaupt kein Vieh ausgetrieben
werden, weil sonst das Sterben hinein¬
kommt 163 ). In Seidelsdorf in Württem¬
berg wurde der S. als ein Halbfeiertag
eingeführt, um eine Seuche zu beschwören.
Denn vorher erschrak das Vieh jedesmal,
wenn es am Abtritt eines bestimmten
Hauses vorüberkam, wurde krank und
verendete 164 ). In einigen Orten Nord¬
deutschlands wurden früher am S. keine
Pferde angeschirrt 165 ). Damit die Milch
der Kühe nicht versiegt, gibt man zu¬
weilen die am S. gemolkene Milch den
Armen 166 ). Die pennsylvanischen Deut¬
schen beachten den S. auch bei der
Schweinezucht 167 ). In Mecklenburg wird
das Federvieh am Mittwoch oder S. aus¬
getrieben; es wird dann von den Krähen
nicht gesehen, denn dies sind keine
Tage 168 ). Wird in Schlesien an einem
S. an einem Taubenhaus gebaut, so bleibt
keine Taube mehr. An diesem Tage soll
man auch den Söller nicht von dem
Taubenmiste säubern 169 ). Am S. soll
kein Mist aus den Ställen getragen 17 °)
und kein Dünger geführt werden 171 ). Im
letzten Falle kann deswegen eine Vieh¬
seuche entstehen 172 ). Im Oberamt
Öhringen haben die Bauern nach mehreren
Hageljahren, die sie als Strafe ansahen,
das Gelübde getan, am S. das Dungführen
zu unterlassen, um den Sonntag besser
heiligen zu können 173 ).
Am S. soll man nicht säen 174 ), weil
„der Tag (Sonnabend) Abend, nicht Tag
heiße' *, wie man in einigen Orten An- ]
halts sagt 175 ). Doch fing man gerade am S.
in Klein Paschleben (Anhalt) mit dem Säen
an, ,,damit keine Mäuse ins Getreide
kämen“ 176 ). Und auch sonst ist der S.
ein beliebter Säetag 177 ), neben dem
Mittwoch besonders für Erbsen 178 ), weil
vor allem dann, wenn vor Sonnenaufgang
(s. d.) oder nach Sonnenuntergang (s. d.)
gesät wird, die Vögel den Erbsenbeeten
fern bleiben 179 ). Auch für die Leinsaat
sind diese zwei Tage am besten 18 °). End¬
lich wird der Erntebeginn gern auf
den S. verlegt 181 ), weil dann die Mäuse
nicht ins Korn kommen 182 ) oder weil an
diesem Tage, der sich durch sonniges
Wetter auszeichnet (s. o.), die Ernte
trocken eingebracht und der Ertrag
größer wird 183 ). Beginnt man am Mon¬
tag (s. d.), der ein Unglückstag ist, mit
der Mahd, so mäht man doch schon am
S. vorher einen kleinen Ackerstreifen,
damit man sich einreden kann, die Emte-
arbeit habe am S. .begonnen 184 ).
Am Dienstag, Donnerstag und S. soll
man nicht in die Kohlpflanzungen
gehen, sonst kommen die Graswürmer an
den Kohl (Emmenthal) 185 ). Am S. soll
kein Obst von den Bäumen getan werden
(Württemberg) 186 ); soll man nach dem
Vesperläuten die Matten nicht wässern,
sonst muß man es nach dem Tode auch
tun (Süddeutschland) 187 ). In Ungarn
durfte man noch vor etwa 50 Jahren in
einer Ortschaft in den Weinbergen nichts
arbeiten 188 ).
162) Wuttke 440 § 693; Sartori Sitte u.
Brauch 2, 149. lfl3 ) Strackerjan 2, 27 Nr. 288;
2, 140 Nr. 340 = Wuttke 435 § 684. l84 ) Eber¬
hard t Landwirtschaft 1. 185 ) Kuhn u. Sch wart z
447 Nr. 370. lÄÄ ) Seligmann Blick 2, 129.
167 ) Fogel Pennsylvania 164 Nr. 778; 175
Nr. 840. 168 ) Bartsch Mecklenburg 2, 143 —
Meyer Germ. Myth. 254 (Hinweis auf Zingerle
Tirol 121 unrichtig). 1#J ) Drechsler 2,94.
17 °) Kuhn u. Schwartz 447 Nr. 370. i7i )
Drechsler 2, 188; Sartori Sitte u. Brauch
2, 59 - 172 ) Meier Schwaben 2, 493 = Wuttke
418 § 650; Müllenhoff Sagen 240 Nr. 328;
Hovorka u. Kronfeld 2, 316 f.; FFC. Nr. 30,
52. 173 ) Eberhardt Landwirtschaft 1. 174 )
Wuttke 418 § 651; Drechsler 2, 188; Eber¬
hardt Landwirtschaft 2. 175 ) ZfVk. 7 (1897), 148.
176 ) Ebd. 177 ) Bartsch Mecklenburg 2, 216;
John Erzgebirge 219; Drechsler 2,188.
178 ) Kuhn u. Schwartz 446 Nr. 361 ; Kuhn
Westfalen 2, 95 Nr. 302; Sartori Westfalen 115;
ZfrwVk. 1909, 184; Kück Lüneburger Heide
74; Wuttke 418 § 651. 179 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 164; Wuttke 420 § 655. 18 °) Drechsler
2, 188; ZfrwVk. 1909, 190; 1910, 35 f.
1S1 ) John Erzgebirge 221 — Sartori Sitte u.
Brauch 2, 73. 182 ) Drechsler 2, 188; Mitteil.
Anhalt. Gesch. 14, 16. 183 ) ZfVk. 7 (1897), 152
(Anhalt). 184 ) Strackerjan 2, 24 Nr. 283;
Wrede Rhein. Volkskunde 93. 185 ) SAVk. 15
(1911), 1. 186 ) Eberhardt Landwirtschaft 12.
187 ) Wuttke 62 § 72. 188 ) ZfVk. 4 (1894), 309.
7. Auch im sonstigen Aberglauben
zeigt sich die schwankende Stellung des
S.s, der bald günstig, bald ungünstig ist.
Am S. soll kein Dienstantritt er¬
folgen 189 ), denn „S.s goht de Fulen
tau“ 190 ). Ein am S. eintretendes Mäd-
30*
935
Samtband — Sand
Sand
938
chen zerbricht viel Geschirr 191 ). Andrer¬
seits soll man, vom Standpunkt des
Dienstboten aus, gerade am S. den
Dienst antreten, weil einem dann das
Jahr kurz erscheint 192 ). Im Erzgebirge
zieht das Gesinde meist am Dienstag,
aber auch am S. und Donnerstag ein 193 );
im Egerland heißt es, daß am S. die
fleißigen Dienstboten einziehen 194 ).
Der S. ist günstig zum Beginn eines
Hausbaues 195 ) und wird für das Richt¬
fest gern gewählt 196 ), wohl in Rücksicht
auf das Wochenende und den folgenden
Sonntag. Dagegen soll man am S. in
ein neues Haus oder eine neue Wohnung
nicht einziehen 197 ); nur im Erzgebirge
bevorzugt man hiebei auch den S. 198 ).
Endlich soll man am S. keine Reise
antreten und auch keine neuen Klei¬
der kaufen oder zuschneiden 199 ).
Volksmedizin. Der S. war noch
vor 70 Jahren im Böhmerwald der
Aderlaßtag 200 ). Wenn es am S. nach
dem Feierabendläuten regnet, so ver¬
treibt man im Allgäu Warzen, indem
man sie mit dem Schaume einreibt, der
sich unter der Dachtraufe bildet 201 ). In
Wilfertsweder (Schwaben) schneidet man
sich alle Montag und S. die Nägel ab;
dann ist man frei von Kopfweh und
nimmt alle Zähne mit ins Grab 202 ). Wer
am S. erkrankt, stirbt nicht (Tirol) 203 ).
Im Erzgebirge dagegen stirbt gerade
dieser 204 ). In Mecklenburg vermeidet
man bei Besprechung von Kopfweh 205 )
und bei Madenkrankheit der Tiere 206 )
den Mittwoch und Sonnabend, weil dies
keine Tage sind. Bei den Bulgaren
opfert man am S. den Krankheits-
geistem 207 ), im bosnischen Save¬
lande beginnt eine Kur gegen Epilepsie
damit, daß man durch 80 Tage jeden
Montag und S. fastet und jeden Freitag
heiligt 208 ). Nach magyarischem
Glauben bleibt von Krankheit ver¬
schont, wer am S. reine Leibwäsche an¬
zieht, besonders wenn er vorher das
Kreuz macht; denn dann fleht für ihn
die liebe Jungfrau kniefällig zu ihrem
hl. Sohn 209 ). Von einem Augenübel kann
man befreit werden, wenn man am S.
reine Leibwäsche anzieht und von einer
Hebamme das nicht zugeknöpfte Hemd
am Halse und Handgelenk mit einem
roten Faden zu binden läßt 210 ). Der S.
ist aber auch gefährlich. Wenn Weiber
am S. ein Fußbad nehmen, bekommen
sie übermäßige menses 211 ).
Ein Traum in der Nacht von S. auf
Sonntag geht in Erfüllung 212 ). Wenn
man am S. niest, kommt am Sonntag
Glück 213 ). Am S. soll man zu Ehren
der Muttergottes nicht pfeifen und
kein Obst essen 214 ). Wie der S., so
ist auch der Sonntag 215 ). Bloße litera¬
rische Überlieferung ist endlich, was es
bedeuten soll, wenn man den ersten
Donner im Jahre an einem S. hört.
Diese Überlieferung geht über Beda auf
Johannes Laurentius Lydus zurück 216 ).
Mit einem Schlagring, den man aus
dem gefundenen Hufeisen eines Teufels¬
rosses, in das böse alte Häuserinnen von
Geistlichen nach dem Tode verwandelt
werden, an einem S., wenn alle Arbeit
getan ist und die Feierstunde begonnen
hat, geschmiedet hat, kann man beim
Raufen die stärksten Gegner über¬
winden 217 ).
iB9) Wuttke 62 § 72; 403 § 623; Drechsler
2, 188; Fogel Pennsylvania 154 Nr. 724.
19 °) Sartori Sitte u. Brauch 2, 39 f. 191 ) Köhler
Voigtland 358; John Westböhmen 261. 192 )
Wuttke 403 § 623; Sartori Sitte u. Brauch
2,39 (Masuren). ,93 ) John Erzgebirge 29.
194 ) John Westböhmen 261. 195 ) Fogel Penn¬
sylvania 247 Nr. 1278. 19€ ) Sartori Sitte u.
Brauch 2,6. 197 ) Drechsler 2, 188; Wuttke
396 § 608 (Böhmen); Fogel Pennsylvania 150
Nr. 705. lö8 ) John Erzgebirge 28. 103. 199 ) Zin-
gerle Tirol 124; Wuttke 62 § 72; 407 § 629;
Drechsler 2, 188. 20 °) J. Blau Georg Leopold
Weisel (BdböVk. 17, 1926) 32.
201
) Reiser
Allgäu 2, 444. 202 ) Birlinger Aus Schwaben
1, 390 - 203 ) Heyl Tirol 766 Nr. 74. 204 ) John
Erzgebirge 111. Vgl. Jühling Tiere 282.
205 ) Bartsch Mecklenburg 2, 425. 206 ) Ebd.
2, 153 - Vgl. Zahler Simmenthal 46. 207 ) Krauß
Relig. Brauch 40. 208 ) Stern Türkei 1, 181.
2 °9) wiislocki Magyaren 164 = ZfVk. 4 (1894),
309. 21 °) ZfVk. 4, 308. 211 ) Wiislocki Ma¬
gyaren 169. 212 ) SAVk. 8, 271. 213 ) Zingerle
Tirol 123. 2 i 4 ) Ebd. 215 ) Ebd. 124.
bach Berthold v. P. 150. 217 )
Tirol 251 f.
Samtband s. 1, 863 ff.
216 ) Schön-
Alpenburg
Jungbauer.
Sand. ,,Der S.mann kommt” sagt die
Mutter zu dem müden Kinde, d. h. es
ist Zeit, schlafen zu gehen; das Kind
reibt sich die Augen, als wäre S. hinein-
gekommen, weil bei eintretender Müdig¬
keit die Augen trocken werden und in
den Augenrändern sich kleine trockne
Körperchen bilden, die fürs Gefühl kleinen
S.körnchen gleichen. Diese Erscheinung
wurde für die Kinderwelt dem S.manne
zugeschrieben, einem freundlichen Geiste 1 ),
den leider E. T. A. Hoffmann im ersten
seiner phantastischen ,,Nachtstücke” ins
Entsetzliche verzerrt hat. Will man
jemandem sein geistiges Erkennen so
blenden, daß er das Richtige nicht er¬
kennt, das Vorgeführte für besser hält,
als es ist, so ,,streut man ihm S. in die
Augen”. Gespenster streuen wirklich
S. in die Augen; so wirft ein schatz¬
hütender Geist allen, die näher heran¬
kommen, S. in die Augen. Wenn Hexen
Menschen am Leibe schaden wollen, so
werfen sie ,,blauen” S. auf dieselben
(Oberpf.) 2 ). Einem Steinsprenger, dem
die Erdmännlein helfen, und der sie
seinen Freunden zeigen will, wirft der
letzte vorüberkommende Zwerg (zur
Strafe?) S. in die Augen 3 ). Die von
Geistlichen gebannten bösen Geister
(Wiedergänger, Mörder, Meineidige) ver¬
langen oft, am Ziele ihrer Verbannung
angekommen, eine Aufgabe, nach deren
Lösung sie frei sein sollen. Eine der
gewöhnlich gestellten Aufgaben ist, S.-
körner zu zählen 4 ). Einem hessischen
Bauern, der verarmt ist, verspricht der
Teufel zu dienen, wenn er stets Arbeit
für ihn habe, sonst sei er ihm verfallen.
Der Teufel bringt jede Arbeit schnell
fertig, dem angsterfüllten Bauern fällt
nichts mehr ein; da rät ihm seine Frau,
dem Teufel die Aufgabe zu stellen, aus
einem S.haufen ein Seil zu drehen, das
noch den Kindeskindern hält, und der
Teufel muß wütend abziehen 5 ). Ähn¬
liche S.strickaufgaben kommen bei Joh.
Pauli, Hans Sachs u. a. vor und finden
sich auf Island und auch im Orient 6 ).
In einer niederländischen Sage wird eine
Mahr ,,gezeichnet” und unschädlich ge¬
macht, indem man eine Handvoll trocke¬
nen S. in die Luft und in jedes Eckchen
des Zimmers wirft 7 ). Andererseits wird
erzählt, daß sich eine Hexe nackend im
S.e badete, wie ein Huhn 8 ). Birlinger
berichtet, daß ein Handwerksbursche
vor Zeiten Gewitter machte, indem er an
einen Bach trat, S. herausholte und
diesen rückwärts ins Wasser warf; als¬
bald zogen Wolken auf, und es kam ein
entsetzliches Hagelwetter 9 ).
Der S. spielt auch in der Volksheil¬
kunde eine gewisse Rolle. Besonders
magisch wirksam ist der S. vom Kirch¬
hof spf ade oder von den Schuhen, in
denen man zum hl. Abendmahl gegangen
ist, gegen Behexung und Krankheit 10 ).
Gegen Warzen hilft Waschen der damit
behafteten Stellen mit S. aus der offenen
Gruft eines Toten vom anderen Ge-
schlechte; doch muß es stillschweigend
geschehen und der S. wieder im Namen
Gottes in die Gruft geworfen werden
(Wusterhausen) 11 ). S., von den Zweigen
einer alten Rottanne an der Erde rein
gefegt, läßt, dreimal auf die Warzen
gestreut, sie verschwinden 12 ). Reiner,
weißer S., auch Scheuers., löffelweise mit
Wasser eingenommen, gilt als Mittel
gegen das kalte Fieber 13 ). Treibs. aus
Flüssen, mit reinem Brunnenwasser ein¬
genommen, soll gegen Magenschmerzen
helfen 14 ). Allgemein empfiehlt man,
geschwollene Glieder in heißen S. zu
baden. Rachitische Kinder bettet man
in heißen S. ein. Dies entspricht den
heutigen, oft günstig wirkenden S.-
bädern 15 ). — In Ostpreußen wird der
Herde, wenn sie beim ersten Austriebe
im Frühjahr den Hof verlassen hat,
S. vom Kirchhofe entgegengeworfen, da¬
mit das Vieh nicht einander stößt; auch
bewirft der Hirt das Vieh mit S. von
Maulwurfshügeln, dann wird es blitz¬
blank wie der Maulwurf selbst 16 ).
S. auf die Füße streuen verzögert die
Hochzeit 17 ); fällt einem Mädchen beim
S.schütten S. auf die Füße, so bleibt
es ledig (Oldenburg) 18 ). Beim Teller¬
greifen (vgl. Salz) bedeutet der ergrif¬
fene S. den Tod 19 ). Wenn man von
weißem S.e träumt, so gibts in der
Familie eine Leiche (Mittenwalde) 20 ). Es
bringt Unglück, wenn beim S.streuen
in der Stube S. auf einen Gegenstand
I geworfen wird (Schleswig-Holstein) 21 ).
939
Sardonyx- Sarg
942
Sandmann—Saphir
J ) Strackerjan 1, 517 Nr. 260; Drechsler
1, 217 Nr. 246; Mülhause 267. 2 ) Stracker¬
jan 1, 210 Nr. 173 f.; Schönwerth Oberpfalz
3 . i 7 6 - 3 ) Rochholz Sagen 1, 287 Nr. 202.
4 ) Strackerjan 1, 253 Nr. 183 u. 2, 117 Nr. 344;
Jegerlehner Oberwallis 300 Nr. 7. -_ Vgl.
Seligmann 2, 39 (Neapel) und Rochholz
Naturmythen 13 (Island). 8 ) Wolf Hess. Sagen
( I ^ 53 ) 88 Nr. 130; vgl. Jahn Pommern 321
Nr. 402 letzte Zeilen u. 555 Nr. 693. 6 ) ZdVfVk.
17 (1907), 462; Zachariä Kl. Sehr. 399; ZdVf¬
Vk. 7 (1897), 449 ; Urquell 4 (1898), 9; Bolte-
Polivka 2, 513; Jegerlehner Oberwallis 293
Nr. 3 u. Register s. v. Aufgabe; Maurer Island.
Volkssagen 160 f. 7 ) Wolf Niederl. Sagen
342 f. Nr. 249. 8 ) Grimm Myth. 2, 911. ») Bir-
linger Volkst. 1, 330 Nr. 3553. 10) Wuttke
144 § 198. ll ) ZdVfVk. 8 (1898), 200. 12) Ebd
_*> Ur queil 2 (1891), 97; ZfrwVk. 1 (1904), 199.
) ZfrwVk. ebd. 95. 15 ) Lamm er t 247; Ho-
vorka-Kronfeld 2, 689 u. 696. 656. 76.
j 38 - Vgl. Most Encyklopädie 22, s. v. Arenatio.
16 ) Lemke Ostpreußen 1, 81 f. «) Stracker¬
jan 2, 117 Nr. 344. 18 ) Wuttke 222 § 317.
) Ebd * 2 33 § 333 ; Bartsch Mecklenburg
2, 237 Nr. 1231. 20) Engelien und Lahn 284h
Nr. 288. 21 ) ZfVk. 20 (1910), 384 Nr. 68.
t Olbrich.
Sandmann. Der S. gehört zur Gruppe
„Kinderschreck“ (s. d.), ist aber durch¬
weg freundlicher, selten ernstlich schrek-
kender Natur. Wenn der S. dem schläfrig
werdenden Kinde Sand in die Augen streut,
ists Zeit zu Bett zu gehn (vorwiegend nord¬
deutsch) x ). Wollen die Kinder abends
nicht zu Bett, so droht man ihnen mit
dem S., der wirft den Kindern Sand in
die Augen, setzt sich auch auf die Lider,
bis sie zu fallen, oder beißt solange in die
Augen, bis sie sich schließen 2 ). — In
Bayern spielt neben dem S. auch das
„Pechmannei“ eine ähnliche Rolle: es
verklebt die Augen der Kinder mit sei¬
nem Pech 3 ) (s. o. Sp. 937).
l ) Grimm DWb. 8, 1769 t.; vgl. auch z. B.
Drechsler 1,217; Urquell 4.233; Wossidlo
Mecklenburg 3, 39; Strackerjan i, 517 Nr. 260;
Schulen bürg Wend. Volkstum 43 Anm.;
W. Grimm Kl. Sehr. 1, 401. Vgl. Humper-
dmcks Oper „Hänsel u. Gretel“. 2 ) Mülhause
267 x . 3) schmeller Wb. i 2 , 379; Grimm
DWb. 7, 1520. Ranke.
Sandstein, Mühlstein. Von der medi¬
zinischen Anwendung des ,,groben S.s“
berichtet Schwenckfelt: Ein ausgezeich¬
netes Heilmittel gegen Nasenbluten ist
d^r in die Nase aufgenommene Dampf
940
! eines heißgemachten und in schärfsten
Essig abgelöschten lapis molaris 1 ).
l ) catalogus 1, 392. f Olbrich.
Sanguinaria s. Hirtentäschchen 4
139 -
Sanikel (Bruchkraut, Heil aller Schäden;
Sanicula europaea).
1. Botanisches. Doldenblütler mit
handförmig geteilten Blättern und kleinen
rötlichweißen Blüten. Der S. wächst in
Wäldern vor allem in gebirgigen Gegen¬
den J ). Manchmal heißen auch andere
Gewächse besonders gewisse Alpenpflanzen
S., so die Zahnwurz (Dentaria ennea-
phyllos) und die Aurikel (Primula auri-
cula).
] ) Mar zell Kräuterbuch 456.
2. Der S. galt in früheren Zeiten als
ein vorzüglich Wundkraut. „S. heilt das
Fleisch im Topfe zusammen“ heißt es be¬
sonders in Böhmen und Schlesien 2 )..
Daß die Kraft mancher Wundkräuter
so groß sei, daß Fleischstücke im Topfe
zusammenwüchsen, hieß es schon im
Altertum 3 ). „S. ist so kräftig, daß
einem der Brustkasten anwachsen kann“ 4 ).
„Wegbreit (Plantago), Schännikel und
Ahrenpris (Veronica) — Dat makt de
Düwel de Buern wies“, soll ein Arzt
geklagt haben, weil sich die Bauern mit
diesen Kräutern selbst heilten 5 ). Wenn
ein Kind einen Bruch hat, so gibt man
ihm schwarze und weiße S.Wurzel im
abnehmenden Mond 6 ). Vor den „Pfixen“
(Krätze?) sucht man sich zu schützen,
indem man S.wurz bei sich trägt 7 ). In
Oberbayern wird der S. von Raufhelden
in der Tasche getragen 8 ). S. am Himmel¬
fahrtstag gesucht, ist gut für krankes
Vieh (Westfalen) 9 ).
2 ) Das Kuhländchen 9 (1927), 138; Die Graf¬
schaft Glatz 5 (1910), 147; MnböhmExc. 14.
167; SAVk. 7, 50. 3 ) so bei Apollonius:
Keller Kerum natur. scriptor. Graeci minores
I ^ 77 » 48; Oribasius De simplicibus 1533, 1, 48.
4 ) Drechsler Schlesien 2, 210; vgl. auch John
Westböhmen 231. 8 ) Wagenfeld Münsterland
2 3 J : v gl- auch Rolland Flore pop. 6, 197.
6 ) Lammert 120. 7 ) Zimmermann Volksheil¬
kunde 79. 8 ) Höfler Volksmedizin 103. ®) Kuhn
Westfalen 2, 159 = Wuttke 109 §138.
Marzell.
Saphir. Griech. orotircpsipoc; lat. sapphi-
rus aus sem. sappir. Ein Name für den
941
heute so genannten Edelstein ist aus dem
Altertum nicht überliefert, denn die Alten
verstanden unter dem Saphir nicht den
heute so genannten Edelstein, sondern
den Lasurstein x ). Im Mittelalter wurden
dem S. wunderbare Kräfte gegen alle
Krankheiten der Seele und des Leibes
zugeschrieben. So sagt Konrad von
Megenberg: er besitzt die Kraft, bei
seinem Träger friedfertige Gesinnung zu
erzeugen und ihn gegen Untreue, Haß
und Erschrecken zu sichern; Seligmann
berichtet, daß man den S. in Ringen
und Halsbändern gegen Beschreiung und
Neid trug. Eine Klosterhandschrift aus
dem 15. Jh. sagt, der weißgewölkte S.
überwinde Haß, Untreue und Neid,
mache das Herz fröhlich, verscheuche das
aus Traurigkeit entstandene Weh, mache
kühn und überwinden. Die hl. Hilde¬
gard gibt eine Anweisung, wie man den
S. bei Besessenheit mit Erfolg anwenden
könne 2 ). Wer ihn trägt, muß sich, sagt
Megenberg, der Keuschheit befleißigen;
Zedier fügt hinzu, der S. zerspringe oder
bekomme wenigstens Flecken, wenn sein
Träger sich fleischlich vermische. Wegen
seiner Eigenschaft, keusch und züchtig
zu erhalten, trugen ihn die Geistlichen
im Mittelalter als Schmuck und Talis¬
man 3 ). Ais magisch wirkend galt der
S. bei mancherlei Krankheiten. Nach
Megenberg erhielt er Leib und Glieder
in dem natürlichen Ernährungszustände,
beruhigte die innere Hitze, wirkte schwei߬
widrig, heüte Geschwüre, vertrieb die
Gesichtsrose und zerteilte Nieren- und
Augenschmerzen, heilte die Krankheiten
der Zunge, zerteüte Geschwülste und
vertrieb den Gesichtskrebs (Lupus). Zed¬
ier kennt außerdem die Wirkung des S.s
gegen die Pestblattern, wenn man mit
dem Stein einen Kreis um sie zieht. Zu
Gesners Zeiten strichen manche Arzte
um die Karbunkel mit einem S.stein,
der zur besseren Handhabung in einen
bleiernen Handgriff eingelassen war. Zed¬
ier kennt auch die Wirkungen des Steins
bei Entzündungen der Augen, Blattern
und Masern und berichtet, daß die Che¬
miker aus ihm Tinkturen gegen Pest und
Gift, auch Salze gegen obgenannte Krank¬
heiten herstellten 4 ). In den genannten
Quellen heißt es auch, der S. mache die
Augen klar, wenn man sie mit ihm
reibt 5 ). Die mittelalterlichen Alchimisten
schrieben dem S. einen Teil der Kräfte
zu, die sie beim ,,Stein der Weisen“ vor¬
aussetzten 6 ). — Der S. ist Monatsstein
für die im September Geborenen, nach
anderen für den Mai oder April. Er galt
als Sinnbild der Beständigkeit und Treue 7 ).
*) Brückmann 304; Schräder Realiex*
1, 212; Pauly-Wissowa 2. R. 1,2356; Berg¬
mann 444. 2 ) Megenberg Buch d. Natur 39 2 :
Seligmann 2, 31; Alemannia 26 (1898), 203t.;
Franz Benediktionen 2, 566. 3 ) Megenberg
a. O. 393; Zedier s. v. 34, 34; Westermanns
Monatshefte 119. Bd. (1916), 659. 4 ) Megen¬
berg a. O. 392; Zedier a. O.; Gesner d. f. I. 35
(mit Abbildung); Hellwig Kalender 55; vgl.
Schade 1413 Sp. 2; Agrippa v. N. 1, 114:
Tiede Gotteserkenntnis 135 h 5 ) Vgl. auch
Hovorka-Kronfeld 1, 106 u. Hellwig a. O.
«) Tiede a. O. 7 ) Vgl. Monatssteine; Hovorka-
Kronfeld 1, 106 u. 2, 884 u. Th. Körner Die
Monatssteine Str. 4. t Olbrich.
Sardonyx. Eine Varietät des Kar¬
neol-(Sarder) und einer weißen Onyx¬
lage. Wie sehr der S. von den Alten
geschätzt wurde, beweist die bekannte
Erzählung vom Ringe des Polykrates,
in den nach Plinius ein S. gefaßt war.
Der S. galt als Schutz gegen Verzaube¬
rung und gab auch den Furchtsamsten
Mut*). Es wurde ihm auch die Kraft
zugeschrieben, vor Unkeuschheit und
Hoffahrt zu bewahren 2 ). Von seinen
Heilwirkungen berichtet Zedier, gestoßen
und eingenommen, stillt er das Bluten
und den Durchfall 3 ). Lonicer erwähnt
seine Anwendung gegen Nagelgeschwüre 4 )
(ovug = Nagel, similia similibus).
Der S. gehört zu den zwölf Monats¬
steinen; wenn die im August Geborenen
ein glückliches Eheleben führen wollen,
sollen sie einen S. tragen 5 ).
l ) Brückmann 213; Kluge Handb. d. Edel¬
steinkunde 390 f.; Seligmann 2, 31; Hovorka-
Kronfeld 1, 106; Schade 1420 h 2 ) Schade
1422; Lonicer 58. 3 ) Zedier 34,91. 4 ) Lo¬
nicer a. O. 5 ) Hovorka-Kronfeld a. O.;
vgl. Megenberg, Buch d. Natur, 395 : s.
Monatssteine. t Olbrich.
Sarg. 1. Der S. aus Stein oder Holz
kommt schon in vorgeschichtlicher Zeit vor
und wurde wohl, wie Grabkammer und
943
Sarg
Sarg
946
Hausurne, als Wohnung des Toten oder
seiner Seele betrachtet. Er diente ihm also
zum Schutz, sollte aber zugleich auch
ihn festhalten und die Lebenden vor der
unerwünschten Wiederkehr schützen 1 ).
Neben dem Schutz der Leiche durch lose
Bretter kommen seit der Steinzeit
Baumsärge vor, ausgehöhlte Eichen¬
stämme, der Länge nach gespalten; in
die eine Hälfte wurde die Leiche gelegt,
die andere diente als Deckel. Man glaubt
in diesem, dem Einbaum gleichen Toten¬
baum, der auch als nauffus (= navis?)
bezeichnet wird, einen Hinweis auf Schiff¬
bestattung und Totenreise sehen zu
dürfen. Das mag wohl für einen Teil der
Fälle stimmen 2 ). Solche Särge kommen
bis in neueste Zeit in Rußland vor 3 ).
x ) ERE. 2,18; 4, 425 f.; Hoops Realie* r. 4,
83; Helm Religgesch. 1, 143 ff. 2 ) Hoops
Reallex. 1, 183 f.; 4, 83. 337 f.; Schräder Real-
lex. 2 2, 280 ff. (nimmt eher rohe Nachahmung
des Steins.s an). Boot als S.: FFC. 41,97!.;
ARw. 7, 507; 14, 360; ZfEthn. 17, 47. 3 ) Globus
59 , 236; Zelenin Russ. Volksk. 323; vgl. Globus
59,168; 89, 368; ZfEthn. 30, 353 f.; 43,205;
Koch Animismus 94.
2. Es ist aber fraglich, ob in alter Zeit
alle Leichen in solchen Särgen beigesetzt
wurden, denn noch bis heute hat sich an
einzelnen Orten in Europa die Bestattung
ohne Sarg erhalten 4 ). In Würtemberg
deutet man dies aus dem Glauben, daß
man so eine leichtere Auferstehung
habe 5 ). Die Leiche wurde aber auf eine
andere Art geschützt: in Flandern wickelte
man sie in Stroh 6 ), die Ostjuden kleiden
das Grab mit einem Bretterverschlag
aus 7 ). Vielleicht diente auch eine Art
Totenbrett zu diesem Zweck (lignum
insuper positum, Leg. Bajuv.) 8 ), ein Über¬
rest des Brauches wäre die Sitte, das Ge¬
sicht der Leiche mit einem Brettchen zu
bedecken 9 ). Kinderleichen wurden in
der Bretagne (18. Jh.) in Baumrinde ge¬
wickelt 10 ); an andern Orten wird ein
Kind in der Wiege begraben 11 ).
Der Tote wurde früher auch bloß auf
einem Brett (s. Totenbrett) zu Grabe
getragen, und dort ließ man ihn in Bayern
vom Brett hinuntergleiten, daher soll
das Sterben auch Brettlrutschen heißen 12 ).
Es kam auch vor, daß man einen Ge-
meindes. besaß, worin die Leichen zum
Grabe getragen wurden; dort nahm man
sie dann heraus und legte sie ins Grab
(Dode-usleere, Baden) 13 ).
4 ) ZföVk. 6,63; frühere Zeiten: LeBraz
Legende 1,253; N. Arch. f. sächs. Gesch. 28
(1907), 1 ff.; Eidgenöss. Abschiede VII, 2,
1227; Friedli Bärndütsch (Grindelwald) 625;
Argovia 3, 140; FFC. 41, 97. 156 ff.; Höhn
Tod 320. 5 ) Ebd. 345. «) BF. 2, 338.
7 ) Südd. Monatshefte 1916 (Febr.), 798.
8 ) Meyer Baden 598 ff. 9 ) Urquell 2, 102; Lam-
mert 104. 10 ) LeBraz Legende 1, 252 Anm.;
vgl. Sartori Stitte u. Br. 1, 150. 11 ) SchwVk.
8, 22 f. (Bern 17. Jh.). 44; FFC. 41, 28; 61, 17;
Globus 59, 83. 12 ) MschlesVk. 6. Heft 37; E. H.
Meyer D. Volksk . 273 f.; Höhn Tod 345;
Schweizld. 2, 351; Diener Oberglatt 155. 13 ) J.
Meier Kulturhistor. a. d. Kelleramt 137; Nider-
berger Unterwalden 3, 178; Pupikofer Gesch.
d. Thurg . 2 2, 524; Bulletin du Glossaire 14, 22;
Höhn Tod 332 f. 345; Bavaria 1,412; Meyer
Baden 590; Lammert 104; vgl. ARw. 24, 306.
3. Die Namen des S.s deuten dadurch,
daß manche Entlehnungen aus dem La¬
teinischen Vorkommen, darauf hin, daß
durch die christliche Kirche auf die Sitte
eingewirkt wurde. S. wird als Entlehnung
aus lat. sarcophagus angesehen (ahd.
sarh); daneben kamen die Entlehnungen
mhd. arke, ags. eist, altn. llkkista, ahd.
sark-scrini 14 ) vor. In Süddeutschland
ist daneben noch das alte deutsche Wort
Totenbaum in Gebrauch 15 ). Daneben
heißt er aber im Schwäbischen und
Siebenbürgischen auch Bahre, eine Be¬
deutungsverschiebung, die etwa zweifel¬
haft erscheinen läßt ob Sarg oder Trag¬
bahre gemeint seien 16 ). Andere Aus¬
drücke sind Totentruhe, früher Trog 17 ),
augsburg. Hobel, Kobel 18 ), nordd. Hues-
holt, Dodkiste 19 ), in Braunschweig Ruste-
käste 20 ).
14 ) Kluge Eiym. Wb. s. v. Sarg; Schräder
Reallex 2 2, 280; vgl. K. Gernand Die Bezeich¬
nung des S.s im Galloroman. (Gießen. Beitr. z.
Rom. Phil. H. 21. 1928). 15 ) Schweizld. 4, 1248;
Birlinger Aus Schwaben 2, 313; Meyer Baden
590; Höhn Tod 332. 16 ) Höhn Tod 332;
Fischer Schwab. Wb. 1, 638 f.; Birlinger Aus
Schwaben 2, 311 f. ; Schulierus Siebenb. Wb.
1 f 394 - 17 ) Höhn Tod 332. 18 ) Birlinger
Aus Schwaben 2, 312. 19 ) ZfVk. 3, 269. 20 ) An-
dree Braunschweig 315; Brunner Ostd. Volksk.
192.
4. Auf Föhr kamen früher Steins.e
vor 21 ). Sonst sind sie immer aus Holz
und je nach Vermögen verziert 22 ). In
Belgien soll früher auch der Teigtrog be¬
nutzt worden sein 23 ). Fast immer ist
er mit einem Deckel versehen, selten mehr
werden die Leichen im offenen S. ge¬
tragen 24 ), oder speziell Kinder 25 ). Häu¬
figer werden verschiedene Farben ver¬
wendet: für Erwachsene und Verheiratete
braun oder schwarz, für Ledige und Kin¬
der weiß 26 ), blau 27 ), grün 28 ), gelb 29 )
oder rot 30 ). Auch Wöchnerinnen er¬
halten weiße oder blaue S.e 31 ). In
Amerika ist man dazu übergegangen,
die S.e möglichst schön farbig herzu¬
stellen 32 ).
Das Holz zum S. oder der fertige S.
wird zum Voraus verfertigt oder bereit¬
gehalten 33 ); in Rußland glaubte man,
sich dadurch ein langes Leben zu sichern,
man schüttete Korn in den S. und ver¬
teilte es an Bettler 34 ).
Auf dem Deckel wird oft ein Fensterchen
angebracht, damit man den Toten noch
ansehen könne 35 ). In Rußland und Ru¬
mänien geschieht es aber, damit der Tote
sehen könne, was vorgehe 36 ). Vom 1792
verstorbenen Herzog Ferdinand v. Braun¬
schweig erzählt man, er habe sich, aus
Besorgnis lebendig begraben zu werden,
einen S. machen lassen, worin ein Fenster
mit einer Luftröhre war 37 ).
21 ) J ensen Nordfries. Inseln 339: vgl* Globus
89, 384. 22 ) Schramek Böhmerwald 227; Meyer
Baden 601. 23 ) Volkskunde 11, 153 i. 24 ) Zin-
gerle Tirol 50; MschlesVk. 6.Heft, 37 (Bayern);
Bavaria 1, 412; Höhn Tod 332 f.; ARw. 24, 305
{Griechen). 25 ) Osenbrüggen W ander Studien
4, 24; Rtrp. 15, 616. 26 ) Graubünden, Wallis,
Unterwalden, Aargau schriftl.; Drechsler
Schlesien 1,296; Roch holz Glaube 1,139;
SAVk. 6,49; Wirth Beitrage 2/3,56; Sartori
Westfalen 102; Höhn Tod 332; Wrede RheinVk.
137; Schüller Progr. v. Schäßb. 1863, 54 f-;
ZfEthn. 31,293; ZföVk. 4,268; John West¬
böhmen 174 f.; ZrwVk. 5, 250. 259 f.; Caminada
Friedhöfe 163; Hoffmann Ortenau 65; Meyer
Baden 590; Strackerjan 2, 218. 27 ) Grau¬
bünden, Wallis, Aargau schriftl.; vgl. SAVk.
20, 156 f.; Laube Teplitz 32; Brunner Ostd.
Volksk . 198. 28 ) Franziska Hager Chiemgau
{1927), 292. 29 ) Wirth Beiträge 2/3, 56; Sar¬
tori Westfalen 102; Seefried-Gulgowski
221; Schulenburg Wend. Volksth. 114.
3 °) Sartori Westfalen 102; vgl. ZfVk. 23,262.
51 ) Höhn Tod 332; ZföVk. 4,268. 32 ) Basl.
Nachr. 11. Okt. 1927. 33 ) Troels-Lund 14,
113; Feilberg Dansk Bondeliv 2, 102; Kück
Lüneburg 261; Jensen Nordfries. Inseln 339:
Andree Braunschweig 315; ZrwVk. 4, 274.
34 ) Zelenin RussVk. 323. 35 ) G. Keller
D. grüne Heinrich 3, Kap. 7; Niderberger
Unterwalden 3,162; Rochholz Sagen 2,133;
vgl. Fensterurnen: Oldenb. Jb.d.Ver.f. Altertkde.
u. Landesgesch. 31 (1927), 2 3 * ö* 36 ) FFC -
41, 165; 61, 16; Flachs Rumänen 54. 37 ) Krü-
nitz Encyclop. 73 * 33 ° L
5. Das S.kissen wird meist mit Hobel¬
spänen gefüllt, bei den Juden mit Erde,
womöglich aus dem hl. Land 38 ), oder
man nimmt Rosenblätter 39 ) oderOrangen-
und Lorbeerblätter 40 ); ein Federpolster
darf man nicht nehmen, sonst entsteht
im nächsten Jahr große Dürre 41 ). In
der Naht dürfen keine Knoten sein,
besonders bei einer verehelichten Person,
sonst kann der hinterbliebene Teil nicht
wieder heiraten 42 ). Die Nadel, womit
das Kissen genäht worden, wird zer¬
brochen und ins Kissen gesteckt 43 ). In
Württemberg wird ans Kopfende manch¬
mal ein Neues Testament gelegt 44 ). Es
dürfen keine eisernen Nägel am S. sein,
sonst mehren sie durch Brennen die
Leiden des Toten im Fegfeuer 45 ). Im
Norden legte man im 17. Jh. Hopfen ins
Kissen oder in den S. 46 ); bei den Ost-
jaken wischt ein altes Weib den S. mit
einem Eichhomschwanz ab und bläst
dabei jedesmal in die Türe hinein, damit
der Tote nicht wiederkehre 47 ).
Christlicher Brauch ist, den S. mit Weih¬
wasser zu besprengen, ihn mit geweihten
Kräutern auszuräuchern oder geweihtes
Wachs hineinzutropfen 48 ). Oder man
verbrennt darin, bevor die Leiche hinein¬
gelegt wird, eine Handvoll Hobelspäne 49 ).
38 ) Höhn Tod 332. 39 ) Gassner Mettersdorf
86. 40 ) FL. 14, 83 (Malta). 4l ) DHmt. 4* *5 2 ;
Rogasener Fam bl. 5 (1901), 3. 42 ) Urquell 4, 52
(Siebenb.); John Westböhmen 171. 43 ) Grau¬
bünden mündl. 44 ) Höhn Tod 33 2 * 45 ) Rehm
Volksfeste 113. 46 ) Troels-Lund 14,120.
47 ) FFC. 41, 122 f. 48 ) ZrwVk. 6, 225; Meyer
Baden 590; SchwVk. 8,37; ZföVk. 7, 226 f.;
Brand Pop. Ant. 2,306; BF. 2,341; vgl.
Fontaine Luxemburg 153; Schramek Böhmer¬
wald 228. 49 ) SchwVk. 17, 30.
6 . Wie bei andern Begräbnisgebühren,
gilt auch hier die Vorschrift, man dürfe
dem Schreiner bei der Bezahlung des S.
nichts abhandeln, man dürfe es nicht
schuldig bleiben, sonst habe der Tote
keine Ruhe 50 ). In Meiderich war es
früher Nachbarpflicht, den S. zu be-
947
94 &
Sarg
zahlen 51 ). Am Attersee zimmerten die
vier nächsten Nachbarn den S. 52 ).
Das S.machen wird (wie z. B. das Gr,ab-
machen) als gefährlich empfunden; bei
den Ostjaken und in Indien nehmen drum
alle Männer oder Dorfeinwohner daran
teil 53 ). In Schweden ritzte der Schreiner,
wenn er die Arbeit begann, ein Kreuz
über die Tür der Werkstatt, damit der
Tote nicht hinein komme 54 ); bei den
Huzulen werden den Männern nach Voll¬
endung der Arbeit die Hände gewaschen,
und jeder erhält ein Licht, ein Handtuch
und ein Brot 55 ). In Dänemark gehört
der Schreiner zu den nächsten Gästen 56 ).
In Württemberg soll der Schreiner, wenn
er einen S. macht, nicht zugleich Bienen¬
kästen machen 57 ). Bei den Russen wird
die Axt, die benutzt worden ist, mit in
den S. gelegt 58 ).
Vereinzelt ist der Glaube, ein S. aus
Weißtannenholz faule nicht 59 ). Der S.
darf nicht zu groß sein, sonst folgt wieder
ein Todesfall in der Familie 90 ), oder der
Tote gehört nicht hinein, d. h. er ist
scheintot 61 ).
Um den Kindern die Furcht vor dem
Toten zu nehmen, läßt man sie mit dem
rechten Fuß in den S. treten 62 ), oder
man setzt sich zum gleichen Zweck auf
den S. 63 ). Wer sich aus Scherz in einen
S. legt, stirbt bald 64 ). Wenn ein Ver¬
wandter des Toten mit dem S.deckel an¬
gestoßen wird, muß er bald sterben 65 ).
Ein Schwerkranker stirbt nicht, wenn
man schon einen S. für ihn hat machen
lassen 66 ).
Mehrfach wird in sagenhaften Berichten
(wie z. B. von Attila und anderen Kö¬
nigen) von drei- oder gar siebenfachen
S.en (aus Gold, Silber und anderem Me¬
tall) erzählt 6? ). Dieses sorgfältige Ein¬
schließen, das mit dem Einhüllen von
Häuptlingen verglichen werden kann,
sollte wohl den mächtigen Toten fest-
halten 68 ). Puppens.e, die in einem alten
Haus gefunden wurden, werden als Bau¬
opfer erklärt 69 ).
60 ) Germania 29, 89; MschlesVk. 8 Heft 15, 79;
11, 73; Grimm Myth. 3, 455; Witzschel Thü¬
ringen 2, 258. 61 ) Dirksen Meiderich 51; vgl.
Birlinger Aus Schwaben 2, 326. 62 ) Baum¬
garten Aus d. Heimat 3, 115; vgl. Höhn Tod
33 2 - 53 ) FFC. 41, 98; ZfEthn. 16, 364. fi4 ) Ro-
s£n Död och begravning 5. 55 ) Globus 69,91.
56 ) Feilberg Dansk Bondeliv 2, 116. 57 ) Höhn
Tod 332; vgl. Lammert 105. 88 )Zelenin
RussVolksk. 321. 5Ö ) SAVk. 21, 204; vgl. FFC.
41, 98 (junges Holz f. junge Leute). ®°) Flachs
Rumänen 54; Rosen Död och begravning 5
(auch nicht zu kurz); vgl. Höhn Tod 333.
61 ) Bern schrifti. 62 ) John Erzgebirge 126.
63 ) Wuttke 317 § 7470. ® 4 ) Grohmann Aber¬
glaube 220. 65 ) MschlesVk. 8 Heft 15, 74.
68 ) Wirth Beiträge 2/3, 51. ® 7 ) Jordanes
Gotengesch. c. 49; Waibel u. Flamm i, 102 f.;
2, 266 f.; Kuhn Mark. Sagen 110 Nr. 107;.
229 Nr. 209; Eisei Voigtland 184; Schell Berg~
Sagen 319 Nr. 55; Zaunert Rheinlandsagen
i, 4. 9; WestdZfVk. 31 (1934), 21 ff. 68 ) ERE.
4, 425. ® 9 ) NdZfVk. 9, 191 fl.
7. Der S. wird auf verschiedene Alt
geschmückt. Er wird mit einem Tuche,,
meist Bahrtuch genannt, von schwarzer
oder weißer Farbe, manchmal mit einem
Kreuz geschmückt, zugedeckt 70 ). In
Tirol erhält es der Totengräber als Ge¬
schenk 71 ). In Graubünden war es mit
roten Bändern geschmückt 72 ). Ein
weißes Tuch wird besonders einer ver¬
storbenen Wöchnerin über den S. gelegt 73 )„
ebenso Ledigen und Kindern 74 ), diese er¬
halten in Steiermark auch ein buntbe¬
maltes „Uberthan“ 75 ).
Manchmal wird auf den S. ein weißes
oder buntes Kreuz gemalt oder be¬
festigt 76 ), auf Föhr bei Wöchnerinnen 77 ).
In Österreich wird ein Buch oder die
Statue des Kirchenpatrons auf dem S.
mitgetragen 78 ).
Der verbreitetste Schmuck sind heut¬
zutage die Kränze, die von den Ver¬
wandten und Bekannten geschenkt, auf
den S. gelegt und an den Wagen gehängt
und nachher ins Grab geworfen oder
darauf gelegt werden. Der Brauch wird
aus der Antike übernommen worden sein.
Bei Griechen und Römern war es Sitte,
die Leiche mit Kränzen zu schmücken 79 ).
Die christliche Kirche war gegen diesen
heidnischen Brauch, konnte ihn aber
nicht ausrotten und deutete ihn um als
,,Krone des Lebens“ oder „Krone der
Jungfräulichkeit“. So wurde zunächst
wohl der Leichnam auf der Bahre, dann
auch der S. mit Kränzen geschmückt;
die Totenkrone (s. d.), die doch eigentlich
aufs Haupt der Leiche gehörte, wird auf
949
Sarg
95a
den geschlossenen S. gestellt. Heutzutage
werden Kränze und Kronen wohl immer
als Schmuck oder Auszeichnung emp¬
funden, obschon manchmal in Bestand¬
teilen (Pflanzen) und Farbe noch etwas
Apotropäisches enthalten zu sein scheint.
Bis in neuere Zeit war es an manchen
Orten noch nicht Brauch, den Verheira¬
teten Kränze zu geben 80 ). Wo es aber
Brauch ist, nimmt man (neben künst¬
lichen Blumen) oft immergrüne Pflanzen
(Buchs, Efeu, Eibe, Rosmarin) 81 ), auch
Raute wurde auf den S. gelegt 82 ).
öfters wurde und wird noch der Blumen¬
schmuck auf die Ledigen eingeschränkt
oder sie erhalten eine besondere Art
Kränze oder Kronen. Als Schmuck der
unschuldigen Kinder und der Jungfrauen
ließ die Kirche wohl den Kranz bestehen,
weil sich die Sitte umdeuten ließ
(„Schmuck der Unschuld, Krone der
Jungfräulichkeit“) 83 ). Wenn aber alle
Ledigen, auch Jünglinge, die Auszeich¬
nung erhalten, so sehe ich darin doch
eine Andeutung, daß wir es hiebei im
Grunde mit einer Klasse der zu früh Ver¬
storbenen zu tun haben, die schon im
vorchristlichen Glauben ihre Sonder¬
stellung hatte.
So werden manchmal nur die S.e
Lediger mit Kränzen geschmückt 84 ). Oft
sind es Guirlanden, die von den ledigen
Mädchen verfertigt werden; meist legt
man sie aufs Grab. Sie werden aus Buchs
oder Moos hergestellt und mit weißen,
blauen oder roten Papierrosen ge¬
schmückt 85 ). Im Engadin hatte man bis
in neuere Zeit künstliche, aus weißen,
blauen und roten Federchen hergestellte
Sträuße, mit Filigranverzierungen und
Spiegelchen, die man auf die S.e Lediger j
steckte 86 ). Sie sind wohl eine Abart der
eigentlichen Totenkronen (s. d.), die
früher oft in kostbarer Ausführung, auf
die S.e von Kindern und Ledigen gesetzt
wurden. In Gussenstadt (Württ.) und
Belgien werden bei Ledigen an den vier
Ecken des S.tuches Taschentücher an¬
genäht, die dann die Träger erhalten (vgl.
Leichenzug) 87 ).
Mit den Totenkränzen ist verschiedener
Aberglaube verbunden: wer an solchen
riecht, verliert den Geruch (vgl. Grab¬
blumen) 88 ). Zu Totenkränzen müssen
Blumenstöcke gänzlich verbraucht wer¬
den, da diese sonst welken 89 ). Werden
Kränze nachträglich ins Haus oder aufs
Grab gebracht, so stirbt bald jemand
aus der Familie 90 ). Wer den letzten
Kranz bringt, stirbt als nächster 91 ). Fällt
ein Blatt oder eine Blüte von den Kränzen,
so müssen sie sorgfältig aufgehoben und
mit ins Grab gegeben werden, sonst folgt
bald ein neuer Todesfall in der Familie 92 ).
Dem Toten müssen alle Blumenspenden
mitgegeben werden; denn er holt die, die
im Hause liegen bleiben 93 ). Kränze mit
dem Namen eines Angehörigen soll man
nicht auf den S. legen, da der Tote den
Spender nach sich zieht 94 ). In Frank¬
reich glaubt man aus dem raschen Welken
der Blumen schließen zu können, daß die
Seele verdammt sei 95 ).
„Totenkränze“ nennt man kranzartig
zusammengeballte Federn im Kissen; sie
gelten als Todesvorzeichen für einen
Kranken 96 ).
70 ) Wirth Beiträge 2/3, 57; Höhn Tod 338;
ZföVk. 7, 227; Kück Lüneburg 255. 257;
Bartsch Mecklenburg 2, 96; Hoops Sassenart
120; RTrp. 18, 459; BF. 2, 353; Brand Pop.
Ant. 2, 284. 71 ) Hörmann Volksleben 428.
72 ) Rochholz Glaube 1, 138. 73 ) Kuhn West¬
falen 2, 49t.; Montanus Volksfeste 91; Strak-
kerjan 2, 218; Mannhardt 1, 577. 74 ) Hör¬
mann Volksleben 428; Brand Pop. Ant. 2, 284;
Erk-Böhme 3, 1060 (blau); Schmitz Eifel
1, 66. 75 ) ZföVk. 4, 294. 7 ®) Niderberger
Unterwalden 3, 173; Feilberg Dansk Bondeliv
2, 118; Jensen Nordfries . Inseln 340; Mül¬
hause 79 (rot oder blau). 77 ) ZfVk. 19, 276.
78 ) Hmtg. 3, 151 f. 79 ) Köchling De corona-
rum vi 52 fl. 94 t; Klein Der Kranz bei d. alten
Griechen. Progr. hum. Gymn. Günzburg 1912,
42 ff.; vgl. Eit rem Opferritus 64 ff. 80 ) SAVk.
23, 183; Graubünden schrifti.; SAVk. 18, 169;
vgl. Höhn Tod 339 (Juden); Brunner Ostd.
Volksk. 192. 81 ) Bodemeyer Rechtsaltert. 187;
Baumgarten Aus d. Heimat 1, 146; Höhn
Tod 338; Unoth 1, 137t.; ZrwVk. 6, 137;
ZfVk. 12, 196; Schweiz.Id. 4, 1248; vgl.
Wächter Reinheit 44; FL. 14, 180; Sdbillot
Folk-Lore 3, 405t.; Brand Pop. Ant. 2, 251 ff.
82 ) H. Christ Z. Gesch. d. alten Bauerngartens
1916, 26L (vgl. J. P. Hebel, Kannitverstan).
83 ) Menzel Symbolik 1, 140I 510; SchwVk.
11, 18. 84 ) Bühler Davos 1, 376; Caminada
Friedhöfe 59; Thurgau mündl.; SAVk. 23, 183;
Fischer Oststeirisches 48t.; vgl. Höhn Tod 338.
85 ) Diener Ober glatt 155L; Schweiz Id. 3, 840;
95i
Sargholz
Sarglegung
954
2 , 35 °f-I SAVk. 18, 169; SchwVk. 17, 52; Bux-
torf-Falkeisen Basler. Stadt- u. Landgesch.
2, 123; Caminada Friedhöfe 58; Wallis, Grau¬
bünden, Aargau, Thurgau schriftl.; Höhn
Tod 332. 338; Birlinger Aus Schwaben 2, 323;
Globus 59, 381; Meyer Baden 590; BdböVk.
4, 61; Fontaine Luxemburg 153; Hörmann
Volksleben 428; Bodemeyer Rechtsaltert. 187;
Pitre Usi 2, 223; Brand Pop. Ant. 2, 302ff.;
Sebillot Folk-Lore 3, 405. 8e ) SAVk. 18, 169;
mündl. Mitt. 87 ) Höhn Tod 339; BF. 2, 353;
vgl. Brand Pop. Ant . 2, 305; ZföVk. 6 , 232
(bunte Tücher). 88 ) Grimm Myth. 3, 445 =
Rockenphilosophie 612. 89 ) Pfister Hessen
167; vgl. ZföVk. 3, 185; Most Sympathie 28;
Schüller Progr. v. Schässb. 1863, 64. 90 )
Wirth Beiträge 2/3, 51; MsächsVk. 7, in; vgl.
HmtK. 40, 87. 91 ) Wirth a. a. O. 92 ) ZrwVk.
4, 279; Höhn Tod 345. ö3 ) ZfVk. 13, 390;
Peuckert Schlesien 233; vgl. Wien.ZfVk.
34, 68. 94 ) HmtK. 40, 87. 9S ) Sebillot Folk-
Lore 3, 518. 9 ®) Lammert 101. Geiger.
Sargholz enthält als Totenfetisch (s. d.)
Zauberkraft, die zum Guten oder Bösen
dienen kann.
1. Sargspäne die sich beim Sarg¬
machen ergeben, sollen dem Toten mit
in den Sarg gegeben werden, sonst findet
er keine Ruhe 1 ). Man soll sie nicht ver¬
brennen 2 ), sonst kommen Pest und
Seuchen 3 ), oder der Tote bekäme Blasen
im Gesicht 4 ). Man soll sie in eine Felsen¬
kluft werfen 5 ). In Schlesien hängte man
sie (oder andere Hobelspäne) am Weg
an einen Strauch, als Zeichen, daß in der
Nähe jemand gestorben sei 6 ). Wenn
man sich „verhoben** hat, soll man Sarg¬
späne mit Schnaps genießen 7 ); oder man
soll Hühneraugen damit bestreichen 8 ).
Man hält Sperlinge ab, wenn man sie in
den Acker steckt oder ihn damit be-
räuchert 9 ).
*) ZrwVk. 2, 195; John Westböhmen 176;
Rosen Död och begravning 5; Feilberg Dansk
Bondeliv 2, 134; Zelenin Russ. Volksk. 323.
2 ) Wehren Laupen (1840) 147; FFC. 41, 98.
3 ) Krauss Relig. Brauch 135. 4 ) FFC. 61, 22.
ß ) Urquell 4, 116. 6 ) MschlesVk/ 6. Heft, 34;
9. Heft, 25; Drechsler 1, 307L 7 ) Urquell
3 * r 49 - 8 ) Lammert 219. 9 ) Urquell 3, 149;
Wuttke 417 § 649.
2. Ebenso wird S., meist angefaultes,
das aus einem Grab stammt, speziell aus
einem Wöchnerinnengrab 10 ), gebraucht als
Heilmittel: Aus der L. Vis. XI. 2, 2 stammt
als Verbot: „si quis mortui sarcofacum
abstulerit dum sibi vult habere reme-
dium“ n ), und ähnliches nennt im 14. Jh.
Frater Rudolf 12 ). Man braucht es als
Mittel gegen Schwindsucht und Hexerei 13 ).
Ins Kraut gesteckt, bewahrt es vor Raupen
und Hasen 14 ), im Hause aufbewahrt, ver¬
treibt es Ungeziefer 15 ). In den Tauben¬
schlag gelegt, hält es die Tauben darin 16 ).
In einem Vogelbauer, aus solchem Holz
verfertigt, werden die Vögel leicht zahm 17 ).
In Steiermark macht man mit S. am
Karsamstag auf dem Friedhof ein Feuer,
wovon jeder Hausvater auf seinen Herd
zu bekommen sucht 18 ).
l0 ) SAVk. 15, 178; G roh mann Aberglaube
142. 11 ) Vordemfelde 159. 12 ) Theolog.
Quartalschr. 88, 426. 13 ) Wirth Beiträge 2/3,
59; Graubünden mündl.; Vernaleken Alpen¬
sagen 413; Fossel Volksmedizin 91; vgl. Wlis-
locki Magyaren 47; Bern sehr. 18. Jh. in einer
Roßarznei. 14 ) Montanus Volksfeste 114;
Grimm Myth. 3, 440 = Rockenphilosophie
269; John Erzgebirge 220; Panzer Beitrag
1, 263. 15 ) Manz Sargans 95; vgl. FFC. 30, 44.
16 ) Wirth Beiträge 2/3, 59; Vernaleken
Alpensagen 419; Drechsler Schlesien 2, 94;
Grohmann Aberglaube 142. 17 ) Drechsler
Schlesien 2, 239. 18 ) Rosegger Steiermark 69.
3. Besonders S., das ein Astloch (s. d.)
hat, kann zu Zauber benutzt werden:
Sieht man durch das Loch, so kann man
Hexen oder um Mitternacht auf einem
Kreuzweg den Teufel sehen 19 ). In der
Thomasnacht um 12 Uhr sieht man auf
dem Friedhof durch ein solches Astloch
die Toten des künftigen Jahres 20 ). Ge¬
treidesamen soll man durch ein solches
Astloch laufen lassen vor der Aussaat,
um Sperlinge vom Getreide abzuhalten 21 ).
Guckt man durch das Loch, so sieht man
an einem Pferde, das man kaufen will,
alle Fehler 22 ), sieht man einen Jäger
dadurch an, so trifft er nichts 23 ), sieht
man auf ein Brautpaar am Altar, so wird
es eine unglückliche Ehe 24 ). Steckt man
das Gewehr durch das Loch, so trifft man
einen Werwolf 25 ).
19 ) Müllenhoff Sagen 214 Nr. 290; Fran-
z isci Kärnten 81; Urquell 3, 200; Schön-
wert h Oberpfalz 3, 174; SAVk. 25, 134 (v. S.
eines ungetauften Kindes); Lütolf Sagen 233;
Sooder Rohrbach 112. 20 ) Vernaleken
Mythen 341; Alpensagen 341. 406; vgl. Wuttke
248 § 359 : Tetzner Slaven 385; ARw. 17, 130.
21 ) Krünitz Encyclop. 74, 466. 22 ) Enge¬
lien u. Lahn 275. 23 ) Wuttke 265 § 388.
24 ) Ebd. 25 ) Jecklin Volkstümliches 444;
Vernaleken Alpensagen 120. Geiger.
Sarglegung. Mit der S. wird meist
möglichst lange gewartet, bis am Abend
oder am Morgen vor dem Begräbnis 1 );
der Deckel wird erst ganz zuletzt drauf
gelegt, bis die Verwandten den Toten
nochmals gesehen haben 2 ). Seltener
heißt es, daß die S. möglichst bald er¬
folgen soll 3 ). In Schlesien wird bis zur
Einbettung in den eigentlichen Sarg die
Leiche in einen Wechselsarg gelegt, in
eine entlegene Kammer gestellt und eine
schwere Axt auf den Deckel gelegt, damit
der Böse dem Verstorbenen nichts an¬
habe 4 ). Meist besorgt der Schreiner die
S., oder es helfen die Leichenfrau, Nach¬
barn, Wächter, Patenkinder 5 ). An¬
gehörige dürfen nicht helfen 6 ). Eine
Schwangere darf beim Schließen des
Sarges nicht dabei sein, sonst stirbt ihr
Kind 7 ).
Wenn der Tote in den Sarg gelegt, oder
wenn dieser verschlossen wird, beten die
Anwesenden, besprengen den Toten mit
Weihwasser, oder es wird ihm ein Licht
in die Hände gegeben 8 ). In Norddeutsch¬
land und Skandinavien findet ein eigent¬
liches S.sfest mit Bewirtung der Ge¬
ladenen statt 9 ). Die S. ist etwas Ge¬
fährliches 10 ), sie verunreinigt, darum muß
der Schreiner, der sie besorgt hat, nach¬
her die Hände mit Wasser und Salz
waschen 11 ).
Die Leiche soll man recht weich legen 12 ).
Wenn sie auf dem platten Leibe liegt
(d. h. wohl auf dem Bauche), so sterben
die nächsten Verwandten 13 ). Liegt die
Leiche im Sarg auf der rechten Seite, so
stirbt jemand männlichen Geschlechts aus
der Familie, wenn auf der linken, jemand
weiblichen Geschlechts 14 ). In Hel-
singör wurde in der Pestzeit 1636 die
Leiche eines unschuldigen Mädchens auf
die linke Seite gelegt, damit die Seuche
aufhöre 15 ).
Das Schließen des Sargs ist be¬
sonders wichtig: das Zunageln soll mit
einem Schlage 16 ) oder auf dreimal ge¬
schehen 17 ); zuerst wird das Fußende,
dann das Kopfende zugenagelt 18 ). Ist
der Tote ein alter Mann, so kann der Sarg
sofort zugenagelt werden, bei Ledigen
wartet man damit bis zum ersten Glocken¬
zeichen des Begräbnisläutens 19 ). Wenn
ein Nagel beim Einschlagen sich biegt und
die Spitze zum Brett heraussieht, folgt
bald jemand 20 ), dasselbe geschieht, wenn
der Sarg dumpf tönt 21 ).
Bei den Juden in Württemberg werden
die Nägel in vorher ausgebohrte Löcher
gesteckt und nachher wieder heraus¬
gezogen 22 ), dasselbe wird aus Irland be¬
richtet; es soll der Seele erleichtern in
den Himmel zu kommen 23 ). Den Sarg
eines neugeborenen Kindes soll man nicht
vernageln, sonst bekommt die Mutter
keine Kinder mehr (Irland) 24 ). Eiserne
Nägel, überhaupt Eisen darf nicht am
Sarg sein 25 ), er wird gefügt, nicht ge¬
nagelt 26 ). Man muß Holznägel, speziell
aus Ebereschenholz dazu nehmen, dann
bleibt der Tote ruhig im Grabe 27 ).
Auch andere Mittel sollen wohl den
Toten in den Sarg bannen: in Dänemark
zeichnete der Küster auf den Sargdeckel
Namen und Alter des Toten, darunter ein
Stundenglas und Totenkopf, Forke und
Spaten 28 ). Manchmal werden auch
brennende Lichter auf den Sarg gestellt 29 ).
Wird der Sarg nicht ordentlich ver~
nagelt, so muß der Tote fortwährend auf
die Erde zurückkehren (Posen) 30 ). Drum
werden die Särge böser Toter mit sieben
Schlössern oder mit Eisenstangen ver¬
schlossen 31 ). Gibt der Witwer der toten
Frau einen festen Sarg, so kann er bald
wieder heiraten (Irland) 32 ). In Rußland
wird der Sarg mit hochroten Fäden um¬
wickelt 33 ), bei den Tschuwaschen werden
zwei Stangen quer über dem Sarge be¬
festigt **).
x ) HessBl. 6, 102; Egerl. 9 , 3 °; Höhn Tod
335; ZrwVk. 5, 256; ZfVk. 3, 269; Wallis, Unter¬
walden schriftl.; Bern schriftl.: weil die Leiche
schöner bleibe. 2 ) Reiser Allgäu 2, 296L;
Meyer Baden 591; ZrwVk. 4, 282; Höhn Tod
333 - 3 ) Bern schriftl.; vgl. Jensen Nordfries.
Inseln 339. 4 ) Drechsler 1, 292. 5 ) ZAlpV.
54, 14; Thurgau, Graubünden, Luzern, Bern
schriftl.; Sartori Sitte u. Brauch 1, 135; Reiser
Allgäu 2, 296t.; ZfVk. 19, 2 73 ; Kück Lüneburg
262; Heimat (Kiel) 33, 210. 6 ) Höhn Tod 332.
7 ) Wittstock Siebenbürgen 72. 8 ) Rosen Död
och begravning 8; Niderberger Unterwalden
3, 162; SchwVk. 8, 37f.; Höhn Tod 333; Fon¬
taine Luxemburg 153; Baumgarten Aus d.
Heimat 3, 112; Meyer Baden 590; Globus
69, 197; ZföVk. 7, 227; 6, 232. 9 ) Urquell
955
Sargnagel
Satan— Sauerdorn
958
10 ) Frazer 3, 53. n ) Neue Zürch. Ztg.
Nr. 341; Graubünden, Bern schriftl.
1, 10; Troels-Lund 14, 126; Jensen Nord¬
fries. Inseln 337f.; vgl. Caminada Friedhöfe
177.
1917
12 ) Keller Grab. d. Aber gl. 3, 56; Basler Nach¬
richten 13. V. 1929: Bauer befiehlt im Testa¬
ment, den Sarg recht weich auszupolstern
(Schwaben). 13 ) Lammert 106; vgl. Birger
Mörner Tinara 113. 14 ) Lammert 106;
Ke 11 er Grab d. Abergl. 1, 82t. 15 ) Troels-Lund
14,121. M ) Praetorius Philos. 219. 17 ) Höhn
Tod 333. 18 ) Wirth Beiträge 2/3, 59. 19 ) Grau¬
bünden mündl. 20 ) Grimm Myth. 3, 477;
Witz sch el Thüringen 2, 255. 21 ) HessBl.
15, 129 = Grimm Myth. 3, 452. 22 ) Höhn
Tod 346. 23 ) Le Braz Legende 1, 249; Crooke
Northern India 222. 24 ) Le Braz a. a. O. 25 )
MschlesVk. Heft 15, 79; Zelenin Russ. Volksk.
322. 28 ) Rosön Död och begravning 5. 27 ) FFC.
41, 98; Feilberg Dansk Bondeliv 2,133; Rosön
Dödsrike 203. 28 ) Feilberg Dansk Bondeliv
2, 114. 29 ) Strackerjan 1, 32; Baumgarten
Aus d. Heimat 3, 113. 3 °) MschlesVk. Heft
15» 79 - 3l ) Müllenhoff Sagen 53 Nr. 58;
Seefried-Gulgowski 226. 32 ) Le Braz Le¬
gende 1, 249. a3 ) ARw. ii f 406f. 34 ) Casträn
Vorlesungen 120; vgl. ferner: FFC. 41, 98;
Melusine 10, 64. Geiger.
Sargnagel. Wie das Sargholz so dienen
Sargnägel oder andere Eisenteile (Henkel)
als Totenfetisch, indem man sie, auch
verarbeitet als Kreuze oder Ringe, bei
sich trägt x ). Häufig werden sie im Heil -
zauber zu sog. Gicht- oder Krampf¬
ringen verarbeitet. Die Nägel müssen
vom Schmied um Mitternacht auf dem
Friedhof geholt werden, und er muß sie
nackt in der Karfreitagsnacht schmieden 2 ).
Das Tragen solcher Ringe schützt gegen
Gicht und Krampf 3 ), Epilepsie 4 ), Veits¬
tanz 5 ), Rheumatismen 6 ) und andere
Leiden 7 ).
Bei Zahnschmerzen soll man mit einem
S. im kranken Zahn stochern bis es
blutet 8 ), dann den Nagel in die Erde
scharren e ) oder in einen Baum schlagen 10 ),
oder ihn im Keller gegen Sonnenaufgang
in einen Balken einschlagen unter Her¬
sagen eines Spruchs 11 ), dann vergeht
das Zahnweh, aber man verliert binnen
kurzem alle Zähne 12 ). Man heilt damit
auch Warzen 13 ), offene Wunden 14 ),
Ohrenschmerzen 15 ), Rheumatismen 16 ).
Man legt sie in Branntwein, um damit
Trinker zu kurieren 17 ). Rost von einem
S. nimmt man gegen Wechselfieber ein 18 ).
Wie gegen Krankheiten, so schützt der
I S. auch gegen andere schädliche Einflüsse
und dient zu Abwehrzauber. Die
Schweine schützt man gegen Behexung,
indem man eine Sargschraube in den
Futtertrog schraubt 19 ); Sargnägel im
Stall schützen das Vieh vor Krank¬
heiten 20 ). Bei einer Viehseuche mußte
man zwei toten Tieren einen S. ins Herz
stoßen, damit das Übel aufhöre 21 ). Um
Mäuse zu vertreiben, sollte man an vier
Ecken des Zimmers ein Loch bohren,
Quecksilber hineinlegen und einen S.
dazuschlagen 22 ). Wenn es nicht buttem
will, stecke man einen S. unter das Butter-
faß (gegen Hexen) 23). Tauben hält man
im Schlag, indem man einen S. hinein¬
legt oder -schlägt 24 ). Schlüssel und Ringe
aus S. halten den Teufel und Gespenster
ab 25 ). Um Bier wohlschmeckend zu
machen, soll man einen S. ins Faß legen 26 ).
Bei den Finnen werden Pflug und
Samengefäß durch einen S. geschützt 27 ).
' Wie alle Totenfetische kann der S. auch
zu Schaden zauber benutzt werden;
der S. ist gefährlich, darum darf man
einen solchen, wenn man ihn beim Grab¬
machen findet, nicht mit bloßen Händen
sondern nur mit einem Tuch anfassen 28 ).
Nimmt man von einem Menschen ein
Stück Kleid und nagelt es mit einem S.,
unter Angabe der Zeit, wann der Mensch
sterben solle, in des Teufels Namen an
einen Galgen, so wird der Betreffende
sterben 29 ). Legt man drei Nägel vom
Kopfbrett eines Sarges unter die Tür¬
schwelle, so bringt das dem Hausherrn
die Abzehrung 30 ). Schlägt man einen S.
in eine Bank, so bekommt der zuerst
drauf Sitzende die Krankheit des Toten,
von dessen Sarg der Nagel stammt 31 ).
Steckt man einen S. einige Mal in die Fu߬
spur eines Menschen, so verwelkt er all¬
mählich 32 ). Dieses Mittel benutzt man
besonders, um Diebe zu bannen. Man
schlägt einen S. in seine Fußspur 33 ), oder
man geht vor Sonnenaufgang zu einem
Birnbaum, hält drei Sargnägel (oder Huf-
nägel) gegen Sonnenaufgang und sagt
dazu einen Spruch (indem man sie wohl
in den Baum schlägt, was nicht immer
gesagt wird) 34 ). Auch gegen Tiere wird
es verwendet: S. in die Fährte des Wildes
.gesteckt, halten es im Revier 35 ), in die
Hufspur eines Pferdes gesteckt, macht
er es lahm 36 ). Schlägt man einen S. über
<lie Eingangstür des Stalles, in die Krippe
oder den Trog, so magern die Tie r e ab
und krepieren 37 ). Sogar einen Baum
kann man verdorren machen, indem man
'einen S. hineinschlägt 38 ).
*) Strackerjan 2, 219: ZrwVk. 10, 296t.;
Seligmann 2, 14; Meyer Baden 571. 2 ) Die¬
ner Hunsrück 93; Wirth Beiträge 2/3, 59;
Andree-Eysn Volkskundl. 136; MsächsVk.
3, 121; ZrwVk. 2, 281; Wuttke 135 § 186.
*) Wuttke 356 § 534; Seyfarth Sachsen 291;
Unoth 1, 186; Höhn Volksheilkunde 1, 143;
Schweizld. 6, 1072; Volkskunde 11, 44; Black
Folk-Medicine 175. 4 ) MschlesVk. 9. Heft, 85.
• 5 ) Lammert 273; ZfVk. 4, 83. •) ZrwVk.
.5, 271; MsächsVk. 2, 24; Unoth 1, 186. 7 ) Wirth
Beiträge 2/3, 59; MsächsVk. 3, 121; Drechsler
Schlesien 2, 299; John Erzgebirge m. 8 ) John
Westböhmen 249; Wuttke 352 § 527; Bartsch
Mecklenburg 2, 123; Meyer Baden 570; Boh-
nenberger Nr. 1, 26; HessBl. 6, 103; Schön¬
werth 3, 245; Schulenburg 235; Zimmer-
mann Volksheilkunde 41; Germania 29, 88;
Vernaleken Alpensagen 419; Schmitt Hetlin¬
gen 16; Fogel Pennsylvania 312 Nr. 1658.
*) Lammert 235L 10 ) Drechsler Schlesien
2, 299; vgl. Most Sympathie 125 (gegen Bruch).
ll ) ZföVk. 15» 175. 12 ) Gr oh mann Aberglaube
169. 13 ) Fogel Pennsylvania 319 Nr. 1694.
l4 ) Strackerjan 1, 90. 1S ) ZfVk. 8, 287.
18 ) Fogel Pennsylvania 328 Nr. 1751. 17 )
Meyer Baden 570; Zimmermann Volksheil¬
kunde 62. 18 ) Becker Pfalz 135. l9 ) Stracker¬
jan 1, 434; Seligmann 2, 14. 20 ) Wuttke 286
§ 420; Wirth Beiträge 2/3, 59; Krünitz En-
cyclop. 73, 777. 2l ) Reiser Allgäu 1, 145.
2a ) Lütolf Sagen 283f. (1583). 23 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 355; ZrwVk. 10, 270. 24 ) Ho-
vorka-Kronfeld 1, 375. 25 ) Wuttke 135h
§ 186. 2Ä ) Drechsler Schlesien 2, 239; vgl.
Krauss Sagen u. Märchen 385 Nr. 112. 27 ) FFC.
3 °» 72; 31, 70. 28 ) Witz sc hei Thüringen 2, 254.
89 ) Lammert 102. 30 ) Fossel Volksmedizin
103; ähnlich: Schönwerth Oberpfalz 3, 200;
vgl. Krau ss Relig. Brauch 137. 31 ) Fossel
Volksmedizin 10. 3a ) Schulenburg 235; ZfVk.
4, 42. 33 ) Fogel Pennsylvania 377 Nr. 2026;
Schönwerth 3, 213; vgl. Baumgarten Aus
d. Heimat 2,82. 34 ) Strack Blut 51; Diete¬
rich Kl. Sehr. 197; Baumgarten Aus d. Hei¬
mat 2, 88; Kuhn Westfalen 2, 194; SAVk.
2, 265L; 15, 185; Schönwerth 3, 213; Alber¬
tus Magnus 3, 52. 85 ) Wuttke 135 § 186; 453
§ 715. 38 ) Bartsch Mecklenburg 2, 155; Krü¬
nitz Encyclop. 73, 777; Mo^t Sympathie 28;
Staricius Heldenschatz 339b; So oder Rohr¬
bach 33. 37 ) Schulenburg 236; Drechsler
Schlesien 2, 107; Wuttke 135 § 186; 267 § 392.
**) Wuttke 265 § 388. Geiger.
Satan s. Teufel (Nachtrag).
Sator s. Nachtrag.
Saturn s. Planeten.
Satyrion s. Knabenkräuter,^ i555ff.
Sau s. Schwein.
sauber s. rein.
Sauerampfer s. Ampfer 1, 371.
Sauerdorn (Berberitze, Erbseldom,Essig-
dorn. Saurach; Berberis vulgaris).
1. Botanisches. Dorniger Strauch
mit eiförmigen, am Rande gezähnten
Blättern. Die gelben Blüten hängen in
Trauben herab. Die Früchte sind rote,
länglich-eiförmige Beeren. Der S. wächst
nicht selten in Hecken, in Gebüschen, an
Feldrainen (wo er als Überträger des
Getreiderostes nicht geduldet werden
soll) J ).
D Marzeil Kräuterbuch 127 f.
2. Der S. wird in der Sympathie¬
medizin gebraucht. Damit die Kinder
schmerzlos zahnen, näht man die Blüten
in ein leinenes, dann in ein rotes Säckchen.
Dieses hängt man dem zahnenden Kind
um den Hals und zwar alle vier Wochen
ein neues unbeschrien, am nämlichen
Datum des Monats und zur nämlichen
Stunde. Das Anhängsel darf niemals vom
Halse genommen werden. Das alte
Säckchen wird unberufen verbrannt und
dazu werden drei Vaterunser gebetet 2 ).
Die dornigen Triebe müssen in der Kar¬
freitagnacht zwischen 11 und 12 Uhr
geschnitten werden, und zwar muß bei
jedem Schnitt die heüigste Dreifaltigkeit
angerufen werden. Wer stets einen
solchen Zweig bei sich trägt, wird nie
im Leben von Domen gestochen noch
weniger kann ihm ein Dom im Fleisch
haften bleiben. Wo ferner ein solcher
Zweig unter Anrufung der drei höchsten
Namen irgendwo im Haus oder im Stall
eingesteckt wird, kann nie ein böser
Zauber wirken 3 ). Wegen des gelben
Splintes (und wohl auch wegen der gelben
Blüten) dient der Strauch als Gelbsucht-
mittel. Man trinkt den Rindenabsud 4 ),
den Kühen hängt man bei „Gelbsucht“
das Holz um 5 ). Im Elsaß wendet man
„Erbseleholz“ gegen Flechten an; ist es
verdorrt, so verdorren auch die Flechten 6 ).
Gegen Zahnschmerzen vergräbt man die
959
Sauerklee—Sauerteig
960
961
it
abgeschnittenen Finger- und Zehennägel
unter einem S. 7 ). Die Früchte des S.s
in der Johannisnacht gesammelt heilen
die Tobsucht 8 ).
2 ) Lammert 126. 3 ) Stoll Zauberglaube 54.
4 ) Manz Sargans 79; Wilde Pfalz 219; FL. 20,
72 (Durham). 5 ) Marzell Bayer. Volksbotanik
155. 6 ) Martin u. Lienhart Elsäss. Wb. 1,
331. 7 ) Drechsler Schlesien 2, 300. 8 ) Reite-
rer Ennstalerisch 23.
3. Sind die S.früchte dick und kurz,
so kommt ein strenger, aber kurzer
Winter, sind sie lang und dünn, so steht
ein langer, aber milder Winter bevor 9 ).
9 ) Marzell Bayer. Volksbotanik 132; Fischer
Schwab. Wb. 5, 1556; Barbisch Vandans 1922,
322.
4. Am Vorabend vor Walpurgis steckt
man S.zweige auf den Misthaufen 10 ),
wie dies auch mit den Zweigen anderer
Domsträucher geschieht, s. Dorn (2, 257).
Aus dem Holze des S.s war die Dornen¬
krone Christi gemacht 11 ).
10 ) Schramek Böhmerwald 151. n ) ZöVk.
7 , 155 - Marzell.
Sauerklee (Hasenbrot, -klee, Kuckucks¬
brot; Oxalis acetosella). Niedrige Pflanze
mit dreizähligen, kleeähnlichen Blättern
und weißen, rötlich geaderten Blüten.
Der S. ist an feuchten, schattigen Wald¬
stellen häufig anzutreffen 1 ). Kuckucks¬
brot, -klee heißt er deswegen, weil er
blüht, wenn der Kuckuck ruft; auch
sonst werden ja Frühlingspflanzen nach
dem Kuckuck benannt 2 ). Sobald der
Kuckuck im Frühjahr ruft, glauben die
Kinder, daß jetzt der S. vorhanden und
auch für sie genießbar sei 3 ). Das Fieber
bekommt man nicht, wenn man d’e drei
ersten „Kuckucksblätter“ verzehrt, die
man findet 4 ), vgl. Frühlingsblumen (3,
160). Wenn der S. reichlich blüht, gibt
es ein nasses Jahr 5 ); wenig Blüten be¬
deuten das Gegenteil 6 ).
*) Marzell Kräuterbuch 452 f. 2 ) Marzell
Pflanzennamen 161 f. 3 ) ZrwVk. 12, 185.
4 ) Arch. schlesw. holst. Ges. f. Gesch. 3. F. 7
(1869), 383. 6 ) Hagen Preußens Pflanzen 1818,
1, 35 l 6 ) ZfrwVk. 6, 140. Marzell.
Sauerkraut (Brassica oleracea var. capi¬
tata). S. (Sauerkohl) ist das infolge
einer Gärung sauer gewordene Wei߬
kraut. S. darf man nicht im Zeichen der
Fische einmachen 1 ) f vermutlich weil es
sonst „wäßrig“ würde; es soll vielmehr
dazu die Zeit des „alten Lichtes“ benutzt
werden 2 ). An Fastnacht ißt man S. 3 ),
dann bleibt man frei von Flöhen (Ober-
plalz) 4 ). In Gossensaß gibt man das an
Fastnacht übrig gebliebene S. den Hennen,
dann hat der Hahn den Sieg, wenn er
mit anderen Hähnen kämpft 5 ). Saure
Speisen, mancherorten auch das S., am
hl. Abend gegessen, lassen den Esser im
kommenden Jahr sterben, andere wieder
essen drei Tage vor dem hl. Abend an
jedem Abend S., damit kein hartes Jahr
komme 6 ). Pferde und Kühe bekommen
an jedem der drei hl. Abende Brotschnitte
mit S. 7 ). Einem Dienstboten darf man
nicht gleich am ersten Tag seines Einzugs
S. zu essen geben, sonst fällt ihm jede
Arbeit schwer 8 ). Beim Tode des Haus¬
herrn muß das S. gerührt werden, sonst
geht es zugrunde 9 ). In der Volksmedizin
findet das S. vielfach Verwendung. Die
S.brühe ist ein Präservativ gegen ver¬
schiedene Krankheiten. Gegen Nasen¬
bluten hält man ungekochtes S. in der
Hand, bis es warm wird 10 ), vgl. Korn¬
blume. S. hilft gegen „Lungenfäul“ 11 )„
gegen Kopfweh ißt man rohes S., und
zwar morgens nüchtern 12 ), vgl. auch
Kohl. Mädchen trinken nicht, wenn sie
S. gegessen haben. Sie fürchten sonst
außerehelich schwanger zu werden 13 ).
1 ) Fogel Pennsylva?iia 187 Nr. 904. 2 ) Zrw¬
Vk 6, 184. 3 ) Kuhn u. Schwartz 371 Nr. 8.
4 ) Wuttke 315 § 466. 5 ) ZfVk. 4, 110 = Sar-
tori Sitte u. Brauch 3, 113. 6 ) John Erzgebirge
1 54 ^ vgl. auch ZfVk. 4, 319. 7 ) Ebd. 162.
8 ) Grimm Myth. 3, 465 Nr. 862 = Meyer
Aberglaube 222. 9 ) Hartmann Dachau u .
Bruck 228. 10 ) Lammert 41. 197. n ) Schra¬
mek Böhmerwald 281. 12 ) Höhn Volksheil¬
kunde 1, 122. 13 ) And ree Braunschweig 403.
Marzell-
Sauermilch s. Molke 6, 460 ff.
Sauerteig 1 ).
1. Vegetationsdämonen und Hexen
gieren nach dem S., machen den Brotteig
ergiebig oder schaden dem S. durch
Schadenzauber: In einer ungarischen Ur¬
kunde heißt es, daß die Hexen das Mehl
verderben und . . „fermentum alterius
massam farinaceam ita corumperere
attentasse, ut nulli panes inde pinsi
Sauerteig
potuerint“ 2 ). Wenn nach thüringischem
Aberglauben das wüde Heer durch ein
Haus zieht und eines aus dem Gefolge
den Finger in das zum Säuern des Brotes
dienende Säuerwasser taucht, geht das
Brot im Hause nie aus 3 ).
x ) Über Technik und Art Hahn in ZfVk. 20,
240; Staub Brot 22 ff.; Ebert Reallex. Index;
Schräder Reallex. s. v. Teig; Zedier s. v.Teig;
Künitz s. v. Vgl. die Hypothese von O. Benn-
dotf im Eranos Vindobonensis 375; ZföVk.
Lappl. 4, 27. 2 ) Wlislocki Magyaren 115;
nach Ivolyi Magyar Mythologia 1854, 434.
3 ) C. L. Wucke Werra 2 (1864), 158; W. 17;
Kühnau Brot 25; Zaunert Natursagen 1,20.
2. Gegen den Schadenzauber durch
bösen Blick oder sonst eine Behexung
wendet man allerlei Vorsichtsmaßregeln
an: In Neukirchen in der Oberpfalz
darf beim Brotbacken, wenn das „Dampf!“
gemacht wird, die Stubentür nicht ge¬
öffnet werden und niemand darf hin-
und hergehen, damit dem Teige nichts
ankönne; in den S. wird Weihwasser
gespritzt 4 ). Beim Einsäuern muß man
dreimal mit der flachen Hand auf den
S. schlagen, so daß es der Ofen hört
und dabei sprechen: Backofen riecht
Dich 5 ) (vgl. backen § 4/5). Beim Säuern
darf kein Wasser verschüttet werden,
sonst geht das Brot auseinander 6 ). Wie
auf den Teig, so macht man auch auf
den S. eine oder mehrere Kreuze 7 ).
Wenn man Märzschnee als „Sürwater“
verwendet, verhindert das nach dem j
Glauben in Rendsburg in Holstein das
Schimmeln des Brotes 8 ). In Österreich
darf man in der ersten Woche vor Ostern
nicht den S. über Nacht stehen lassen,
sonst kommt der Theodor, und das Brot
mißrät 9 ). In Rumänien darf nur der beim
Kuchenbacken den Kuchen ansehen, der
den S. hinzugefügt hat; der Blick eines
jeden anderen würde den Teig am Auf-
gehen verhindern 10 ).
4 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 406, 15. 5 ) W.
620. 6 ) W. 620. 7 ) Curtze Waldeck 391
Nr. 106; BlpommVk. 3, 149; 4, 72 ff.; Heimat
2, 98 ff.; Fox Saarl. Vk. 399. 8 ) Mensing Wb.
1, 207. 9 ) ZföVk. 1897, 181 Nr. 247. 10 ) Selig¬
mann Blick 1, 236.
3. S. als Opfergabe: In Serbien gibt
man den Toten mit in den Sarg ein
Töpfchen mit Wasser, ein Töpfchen voll
Bichlo Id - StäubH, Aberglaube VII
j öl und Wein und dazu ein Laibchen S.
aus Weizenmehl 11 ).
n ) Krauß Rel. Brauch 149; Sartori Toten¬
speisung 12.
4. Der S. güt bei manchen Völkern als
kultisch-unrein mit verschiedener Be¬
gründung: Der Flamen Dialis durfte kein
gesäuertes Brot essen 12 ); Plutarch be¬
gründet das 13 ): f) Cupj 7^7 OV£V <pftopa?. Er
durfte farina fermentata nicht berühren 14 ).
I Auch die Juden durften am Fest der
ungesäuerten Brote kein Brot essen, das
mit S. angesetzt war 15 ). Auch für das
iudicium offae wird gelegentlich bestimmt,
daß das Brot absque fermento sein soll 16 ).
A. Jacoby vermutet hier eine Beziehung
zum Abendmahl, für das vom 9. Jh. ab
ungesäuertes Brot vorgeschrieben war 17 ).
12 ) Frazer 2, 13 mit Lit.; Friedrich Sym¬
bolik 694; ZföVk.Suppl.4,27. 13 ) Plutarch^Mfl^s/.
Rom. 109. 14 ) ARw. 8 Beiheft 29. 16 ) ARw. 13,
559 ff.; Kloster 7, 60 A.; über die ungesäuerten
Brote im christlichen Kult: Gihr Meßopfer
456 ff. 16 ) MG. leg. sectio 5 (formulae) 631, 40.
17 ) ARw. 13, 559; Migne Patr. 107, 317 (Rha¬
banus Maurus).
5. S. zusammen mit Apotropaia ver-
| wendet: Zum Schutze des Viehs gräbt
j man in Nadech am St. Georgstag in die
Schwelle des Stalles ein Loch, in das
man Salz, Knoblauch 18 ) und S. legt;
dann verschließt man das Loch mit
einem Dornstrauch; wenn trotzdem ein
1 Tier beschrien wird, salbt man es mit
dieser Mischung 19 ).
18 ) Krauß Rel. Brauch 125 ff. i9 ) Selig¬
mann 1. c. 2, 98 ff.
6. Augurien mit S.: Wird am kroati¬
schen Küstenland in einem Hause der
S. wurmig, so wird noch in demselben
Jahre jemand aus dem Hause sterben 20 )
(vgl. die Teigaugurien). Berührt man
die Stirne eines Verstorbenen mit der
Zunge und empfindet dabei einen säuer¬
lichen Geschmack, so glaubt man, der
Teufel habe die Seele geholt und an
seiner Krankheit seien die Hexen schuld 21 ).
20 ) ZfVk. 2, 185. 21 ) Höhn Tod 325.
7. Wie Essig, Mehl, Wein usw. muß
auch der S. bei Eintreten des Todes des
Hausherrn gerückt werden (OA. Gera-
bronn, Mergentheim), damit er die Kraft
nicht verliere 22 ).
22 ) Ebd. 323.
31
963
säugen—Schabe
Schabe
966
8 . S. in der Volksheilkunde: Die Ma¬
gyaren legen auf Bauchgeschwülste S.,
der mit zerhackten Traubenblättem ver¬
mischt ist 23 ). Als Abtreibungsmittel
trinken die deutschen Frauen und Ru¬
mäninnen im früheren Südungarn S. in
Essig 24 ). Ir» der Gegend von Insterburg
muß man, um eine zarte Gesichtsfarbe
zu bekommen, zur Nacht dicke Milch
oder S. zwischen zwei Lappen ein¬
geschlagen auflegen 25 ). Vgl. Teig.
23 ) Hovorka-Kronfeld 2, 396. 24 ) 11 c. 1,
171. 25 ) Urquell i, 137 Nr. 23; 3, 70. Eckstein.
säugen s. Wöchnerin.
Saumockel s. Korndämonen 5, 249h.
Schabe.
1. Etymologie. Unter Sch. versteht
man entweder die Kleidersch. (s. Motte
59 1 ) oder die Küchensch., den
Kakerlak (blatta orientalis). Die Be¬
kanntschaft mit der Küchensch. ist ver¬
hältnismäßig jung. Dieses Insekt wurde
wahrscheinlich erst im 16. Jh. in Deutsch¬
land eingeschleppt 1 ). Die Übertragung
des Wortes „Sch.“ auf die blatta orientalis
hat darin seinen Grund, daß dieses Insekt
nachts alles Genießbare beschabt und
benagt. Ebenso wird dän. mol für Kleider¬
und Küchensch. gebraucht 2 ). Aus „Sch.“
wurde volksetymologisch Schwabe,
Schwabenkäfer 3 ). Vgl. rum. svab 4 ).
Auch sonst werden diese Insekten gerne
nach ihrer vermeintlichen Herkunft be¬
nannt. Zur Zeit Dantes nannte man sie
in Siena fiorentini , in Florenz siennesi 5 ).
In Rovigno heißen sie sciavi „Slaven“ 6 ),
in Sassari cadalani „Katalanen“ 7 ) (Von
diesen wurde ein Teil Sardiniens koloni¬
siert 5 )). Im Trentino heißt die Küchensch.
russischer Käfer: sbovo ( balao ) russo 8 ).
Analog heißt in Ostdeutschland eine
bräunlich gefärbte Art (blatta germanica)
Russen 9 ) (s. d.). In Norddeutsch¬
land heißen sie Dänen 10 ) (Benennung
nach dem jeweüigen Nachbar).
Auf die exotische Herkunft des Tieres
deutet der Name Kakerlak (gackerlak,
kakelak, kakeleker 11 ), ndl. kakker-
lak), der mit dem Insekt aus Süd¬
amerika nach Deutschland kam und im
Ndd. schon im 16. Jh. als Schimpfwort
gebraucht erscheint 12 ). In französischen
964
Mundarten hat sich kakerlak mit cancre
„Krebs“ vermischt: cankerla (La Rochel-
le) 13 ).
Auch span, cucaracha scheint eine
Kontamination von kakerlak und cuca
„Kornwurm“ zu sein. Auf dieses cuca¬
racha geht engl, cockroach zurück, aus
dem dann roach als selbständiges Wort
abgesondert wurde {roach ist auch ein
Fischname: Rotauge). Als Lehnwort
aus dem Spanischen erweist sich gen.
cucuäcia 14 ).
Andere Namen des Insekts beziehen
sich auf sein Vorkommen in Backstuben
und Mühlen und seine Vorliebe für
Brot. Es heißt Bäcker(in): neuprov.
panatiero (Gard) 15 ), hierher auch: bete
des boulangers 16 ), mittelfr. grillon des
fourniers „Bäckergrille“ 17 ), ecrevisse de
boulanger „Bäckerkrebs“ (Argot) 17 );
Müller: franz. meunier (M.-et-L.) 18 ), ital.
mulinaro (Potenza) 19 ); hierher auch:
miller's black beeile „Müllers schwarzer
Käfer“ 20 ); Brotfresser: franz. mange-
pain 21 ), bete ä pain (Reims) 22 ), ital.
mangia-fane (Roma) 23 ). Die häufigste
Bezeichnung im Franz, ist cafard, das
Sainean 24 ) sehr gut zu neuprov. cafi
„Abfälle“ stellt, von denen sich die
Küchensch. tatsächlich nährt.
Vielfach begegnen Benennungen
a) nach der schwarzen Färbung: engl,
dial. black clock , bl. bob, bl. worm , bl. dor,
bl. jack 2i ). Hierher auch parson „Pfar¬
rer“ 25 ); franz. noirot 26 ), bete noire 27 ),
morete (Marne) 28 ); ital.: bao nigher
{bao = Käfer, Bergamo) 29 ), woretula
(Friaul)
b) nach dem widerlichen Geruch:
franz. bete puante „stinkendes Tier“ 31 ),
sard. pretta-pudiga „schwarz und stin¬
kend“ 32 );
c) nach der raschen Fortbewegung:
curicurente (Roma) 33 ), füsci-füsci (Po¬
tenza) 33 ), füi-füi (Trapani) 33 ). Kurzweg
„Käfer“ heißt die Küchensch. im Bergi-
schen: bewerte 34 ), im Ital.: scarabö 35 )
(Pirano), im Neuprov.: escaravä 36 ), beide
zu lat. scarabaeus 37 ). Hierher auch:
gottschee. hauschkawer 38 ), holl, spek-
kever 39 ). Auf Verwechslung mit dem
Heimchen (Hausgrille) beruhen: franz.
965
cricri 40 ), crinchon noir „schwarze Grille“
(Saint-Pol) 41 ). Siehe auch weiter oben.
*) Weigand-Hirt DWb. 1, 964. 2 ) Hein¬
zerling Wirbellose Tiere 16. 3 ) Leit-
haeuser Volkskundl. 1/2, 30. 4 ) Hiecke Tier¬
namen 141. 5 ) A. France Le puits de St. Claire
93 1 . 6 ) Garbini Antroponimie 1386. 7 ) Ebd.;
Meyer-Lübke REWb. Nr. 1758; Jaberg-
Jud AIS. Nr. 472. 8 ) Garbini op. cit.
1386. 9 ) Müllenhoff Natur S. 5 § 7. 10 ) Rol¬
land Faune 3, 286. X1 ) Nemnich 1, 620 f.;
DWb. 9, 2145. 12 ) Weigand-Hirt a. a. O.
l3 ) Rolland a. a. O. 14 ) Garbini op. cit. 1391.
1S ) Rolland op. cit. 3, 285. 16 ) op. cit. 3, 286.
17 ) op. cit. 13, 86. 18 ) Ebd. 19 ) Garbini op.
cit. 1302. 20 ) Heinzerling op. cit. 16. 21 ) Rol¬
land op. cit. 13, 86. 22 ) op. cit. 3, 285. 23 ) Gar¬
bini op. cit. 1283. 24 ) Etym. franQ. i, 208 3 .
25 ) Rolland op. cit. 3, 286. 26 ) Ebd. 27 ) op.
cit. 1387. 28 ) Ebd. 29 ) Garbini op. cit. 1387.
30 ) Ebd. 31 ) Rolland op. cit. 3, 285. 32 ) Gar¬
bini op. cit. 1388. 33 ) op. cit. 1387. 34 ) Leit-
baeuser Volkskundl. 1/2, 30. 35 ) Garbini
op. cit. 1383. 36 ) Rolland op. cit. 13, 86.
• 37 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 7658. 38 ) Sat¬
ter Gottscheer Tiernamen 7. 39 ) Heinzerling
op. cit. 16. 40 ) Rolland op. cit. 13, 81. 41 ) Ebd.
2. Dämonismus. Als Teufelstier
{schwarze Färbung!) erscheint die Küchen¬
sch. in Bergamo, wo sie bao del diäol
„Teufelskäfer“ oder cävre del diäol „Teu-
ielsziege“ heißt 42 ). Hierzu stellt sich
franz. diave (Malmedy) 43 ). In enger Ver¬
bindung mit dem Teufel steht die Hexe,
■daher in der Cöte d’or sortiere**). Vgl.
in Bologna nona „Großmutter“, vecia
„Alte“ 45 ). Aus deutschem Sprachgebiet
liegen vorderhand keine Analogien vor.
Immerhin erscheint das Insekt als Hexen¬
tier in folgendem Aberglauben: Soviel
Schwaben man in das Feuer wirft, soviel¬
mal 9 Schwaben fallen einem demnächst
in den Suppen topf 46 ).
42 ) Garbini op. cit. 3191. 43 ) Rolland op.
cit. 13, 87. 44 ) op. cit. 3, 286. 45 ) Garbini op.
cit. 236. 46 ) Rosegger Steiermark 64.
3. Krankheitsdämon. Der weit ver¬
breiteten Vorstellung, daß durch das
Vorhandensein imaginärer Insekten im
Gehirn des Menschen geistige Störungen
verursacht werden 47 ), verdankt im Franz,
das Wort cafard = Küchensch. seine durch
die Soldatensprache mächtig geförderte
Verbreitung im Sinne von Spleen, Trüb¬
sinn u. dgl. {coup de c. t c. noir , c. vert) 48 ).
Als Synonyma werden gebraucht im
Franz, hanneton „Maikäfer“ (s. d.), im
Deutschen Käfer (s. d.). — Wenn
sich in den Sommermonaten in den Stuben
die weißen Käfer sehen lassen, d. i.
Küchensch.n, die die braune Haut abge-
gestreift haben, befürchtet man „Risl“
(Oberöst.) 49 ).
47 ) Riegler Tier 244. 48 ) Sainean Lan-
gage parisien 142. 49 ) Baumgarten Aus
der Heimat 1, 113.
4. Schutzgeist. Vielfach hat die
Küchensch. die Rolle des Heimchens
übernommen, mit dem sie von einem
oberflächlichen Betrachter verwechselt
werden kann. Wie das Heimchen er¬
scheint sie als Schutzgeist des Hauses
(Rußland, Frankreich). Der polnische wie
der russische Bauer hegen das Insekt
mit Pietät 50 ), denn seine Anwesenheit im
Hause gilt als Glückszeichen, im Gegen¬
teil bedeutet es Unglück, wenn die Kü¬
chensch. das Haus verläßt 51 ). Ja der
russische Bauer nimmt bei einem Woh¬
nungswechsel sogar diese Insekten mit,
soweit sie sich einfangen lassen 52 ). In
der Provence (Gard) bringt die Tötung
einer Küchensch. Unglück 53 ). In Eng¬
land (Lancashire) erfolgt ein Donner¬
schlag, wenn man auf das Insekt tritt,
daher sein Name thunderclock „Donner¬
käfer“ 54 ).
50 ) Drechsler 2, 222; Rolland Faune 3, 286.
51 ) op. cit. 3, 287. 52 ) Ebd. 53 ) Sebillot Folk-
Lore 3, 307. Rolland op. cit. 3, 286.
5. Abwehr. Dort, wo man obige opti¬
mistische Auf fassung von den Küchensch.n
nicht hat, sucht man sich durch verschie¬
dene abergläubische Mittel ihrer zu ent¬
ledigen. In Schwaben (und Pennsyl-
vanien) kehrt man am Karfreitag die
Stuben in der entgegengesetzten Rich¬
tung als man sonst gewöhnt ist, z.B.rück¬
wärts statt vorwärts 55 ). In Oberösterreich
geht man im Frühjahr, wenn zum ersten
Male gemäht wird, mit der Sense ins
Zimmer, wo Küchensch.n (Schwaben und
Russen) sind, und wetzt die Sense unter
Hersagung einer Beschwörungsformel.
Fort wetzend geht man auf die Wiese und
das Ungeziefer verläuft sich von selbst 56 ).
In Schlesien packt man eine Küchensch.
in einen Korb und trägt ihn in ein anderes
Haus, in das die übrigen nachfolgen 57 ),
oder man gibt einem Toten in einer
31*
9 6 7
schaben—Schachtelhalm
Schachtmännchen
Schadenzauber
970
Schachtel einige Küchensch.n. mit 58 ) oder
man stiehlt schließlich einen Hemmschuh
und legt ihn auf den Ofen 59 ). In der
Bukowina räuchert man das Haus mit
gefundenem Leder aus 60 ).
55 ) Birlinger Volksth. 2, 78; Fogel Pennsyl¬
vania 251 Nr. 1300. 56 ) Baumgarten Heimat
2, 99. 57 ) Drechsler 2, 3. 58 ) Grimm Myth.
3, 455 Nr. 608; Schönwerth Oberpfalz 3, 283;
Grohmann 189 (Böhmen). 59 ) Grimm Myth.
3, 448 Nr. 430. 60 ) Hovorka u. Kronfeld
U 375 -
6. Volksmedizin. Trotz ihres ekel¬
haften Geruches werden die Küchensch.n
in der Volksmedizin verwendet. Gegen
Epilepsie werden sie zerstoßen einge¬
geben 61 ). Gegen Würmer erhalten Kin¬
der sie abgekocht 62 ), bei Fraisen in die
Milch geworfen 63 ). In Bayern gelten sie
als harntreibendes Mittel 64 ).
61 ) Jühling Tiere 96. 62 ) Ebd. 63 ) Ebd.
64 ) Hovorka u. Kronfeld 1, 375.
Riegler.
schaben s. 1, 125 ff.
Schabziegerklee (Siebengezeit; Trigo-
nella caerulea, Melilotus caeruleus).
1. Botanisches. Schmetterlingsblüt¬
ler mit dreizähligen Blättern und hell¬
blauen, in Köpfchen vereinigten Blüten.
Der Sch. riecht stark aromatisch, ab und
zu wird diese aus Süd Osteuropa stam¬
mende Pflanze als Brot- oder Käse¬
gewürz angebaut 1 ).
*) Mar zell Kräuterbuch 205; Festschr. zum
70. Geburtstage Aschersons. Leipz. 1904, 168
bis 181; J. Nevinny Trigonelia caerulea. Eine
pharmakogn. Studie. In: Ber. d. naturw.-
med. Ver. Innsbruck 29 (1906), in—192.
2. Der Name ,,Siebengezeit“ kommt
daher, weil dieser Klee, so lange er im
Feld steht, im Tag „siebenmal seinen Ge- j
ruch hat und so offt auch widerumb
verleürt“ 2 ). Offenbar wegen des starken
Geruches gilt der Sch. als hexen vertrei¬
bend: „die Weiber henckens über die
Tisch in die kammern über ire better für
böss gespenst und gifft“ 3 ). Der Wetter¬
auer Pfarrer C. Rosbach 4 ) reimt dar¬
über:
Also mit diesem Kräutlein viel
Groß Narren werk und Gaukelspiel
Sie treiben für deß Teuffels Gespenst
Und brauchen dazu viel Sententz
Der Aberglaub wechst so mit Macht
Wo man Gotts Wort nit hat in acht.
Die alten Weiber henckens auff
Und haben denn groß achtung drauff
Wie sichs siebenmal behend t
Im Tag da in der Stuben wendt.
In Thüringen (um Greiz) werden getrock¬
nete Kränze von fruchtendem Sch. über
dem inneren Eingang der Wohnstuben auf¬
gehängt; sie verhindern, daß irgend ein
böser Mensch das Zimmer betritt, schützen
gegen Hexerei und bringen Glück ins
Haus 5 ). Als glückbringendes Mittel wird
die getrocknete Pflanze zusammen mit
Tausendgüldenkraut (s. d.) in die Spar¬
büchsen gelegt, damit das Geld nicht aus¬
geht 6 ). Als „Neidkraut“ wird der Sch.
dem Vieh unter das Futter gestreut,,
wenn es nicht fressen will 7 ). Vielleicht
hat die Verwendung des Sch.s als Brot¬
gewürz z. T. seinen Grund in den apo-
tropäischen Eigenschaften der Pflanze, s.
Kümmel. In der Lausitz wird der Auf¬
guß als Waschmittel bei (durch Zauberei
verursachten) „Schreck“ gebraucht 8 ).
2 ) Bock Kreutterbuch 1539, 2, x v.; vgl. auch
Praetorius Saturnalia 1663, 82; ZfVk. 3, 449;
Ascherson-Graebner Synopsis der Flora v.
Mitteleuropa VI, 2 (1906/10), 380. 3 ) Bock
a. a. O., ebenso Schröder Apotheke 1693, 1042.
4 ) Paradeiß gär tlein 1588, 135. 3 ) Irmischia 3
(1883), 27, ähnlich Köhler Voigtland 416.
6 ) Oberfranken: Mitt. Von Hoffmann 1908.
7 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 204. 8 ) Asche r-
son-Gräbner a. a. O. Marzeil.
Schachtelhalm (Zinnkraut; Equisetum
arvense).
1. Blütenlose Pflanze mit tief im Boden
kriechendem Wurzelstock, als Unkraut auf
t • #
Ackern verhaßt 1 ). Mehr scherzhaft ist
es wohl gemeint, wenn es manchmal
heißt, unten an den Wurzeln hingen Gold¬
stücke, man müsse daher die Pflanze ganz
aus dem Boden ziehen 2 ). Es ist dies
eine Aneiferung, das Unkraut völlig aus¬
zugraben, da es sonst immer wieder er¬
scheint.
x ) Marz eil Kräuterbuch 3S6. 2 ) Andree
Braunschweig 403; Fett weis Verz. volkst.
Pflanzennamen vom Niederrhein 1916, 3; Hmbl.
d. Rot. Erde 2 (1920), 38.
2. Mit dem Absud wäscht man sich die
Haare, um deren Ausfall zu verhindern 3 ).
Es dürfte dies ein „homoeopathisches“
Mittel sein, da die sterilen Wedel des
Sch.s einem Haarschopf gleichen, vgl..
Klette.
3 ) Das Kuhländchen 10 (1928), 42.
969
3. Burschen in der Gegend des Isteiner
Klotzes (Baden) suchen die Gunst eines
Mädchens dadurch zu erreichen, daß sie
es Tee vom Riesen-Sch. (E. maximum)
trinken lassen. Hier ist jedenfalls die
Gestalt der fruchtbaren Sprosse, die
einem membrum virile gleicht (vgl. die
alte Bezeichnung „Pfaffenpint“ = penis
sacerdotis für den Sch.), maßgebend 4 ).
4 ) Tschirch-Festschr. 1926, 255. Marzeil.
Schachtmännchen s. Berggeister.
Schädel s. Kopf.
Schadenzauber. Es kommt aus primi¬
tiven Geisteslagen her, daß die Menschen
das ihnen zustoßende Übel, einen Un¬
glücksfall, eine Erkrankung oder das Ab¬
handenkommen eines Besitzstückes auf
das Handeln unsichtbarer übelwollender
Mächte, böser Geister zurückführen oder
auf einen von menschlichen Neidern und
Feinden ausgeführten Bosheitszauber, mag
dieser letztere nun gleichfalls durch Hilfe
böser Dämonen (s. d.) oder aus eigenstem
magischem Kraftbesitz des Zaubernden
geübt werden. An dieser Geisteslage ist
Grundsätzlich-Unbeträchtliches geändert,
wo der Glaube an schädigenden Zauber
innerhalb höherer Kultur auftritt. Auch
daß man einen Gott oder Götter als Helfer
für Erreichung einer bösen Absicht wider
einen Mitmenschen angeht und daß mittels
eines Fluches (s. d.) Ungemach von den
Göttern gesendet wird (vgl. das Geschick
des Alkibiades) l ), wiederholt sich im
Volke mit christlicher Religion. Bei ge¬
schärftem moralischem Sinn spricht man
dann noch besonders von Menschen, die
Böses rein aus Lust zum Bösen anstiften,
weil sie mit dem Teufel im Bunde sind 2 )
(s. Bilmesschnitter); ja die davon über¬
haupt nicht mehr los können, sondern
fortgesetzt Schaden machen müssen, und
sollten sie damit gegen sich selbst oder
gegen ihr Eigentum sich richten 3 ). Daher
berührt sich S. engstens mit Hexentum (s.
Hexe), ist er auch ein Hauptanliegender
Hexen und wird die Absicht solches S.s
auch darin erblickt, das von ihm be¬
troffene Individuum von Gott loszureißen
und dem Teufel zu eigen zu geben 4 ).
Diejenigen S., welche Krankheit her-
vorrufen, werden als Leidwerchen zu¬
sammengefaßt 5 ). Frauen sind geleid-
wercht, wenn die Geburtswehen plötzlich
aussetzen und die Geburt nicht vonstatten
gehen will. Eine alte Frau, die sich durch
zeitliches und ungestümes Schicken um
Brot verdächtig gemacht, hat die Bäckers¬
frau so bezaubert aus Rache, weil der
Bäckermeister mit einer Brotschuld nicht
länger warten wollte 6 ). Kinder, welche
Nächte lang schreien, sind geleidwercht.
Man stellt dies dadurch fest, daß, nachdem
Urin der Eltern in versiegeltem Fläschchen
in versiegeltem Schrank aufbewahrt ist,
am vierten oder fünften Morgen jemand
kommt und um Gottes und der Heiligen
willen etwas leihen oder einen Gefallen
erwiesen haben will. Eine 84 jährige Frau
braucht da nur um etwas Milch zu bitten,
so ist sie als Hexe entlarvt 7 ). S. bewirkt,
daß Kinder nicht gedeihen, ja verdorren 8 ).
Durch solchen Zauber schwindet auch die
Butter auf unerklärliche Weise, wogegen
kirchliche Benediktionen helfen 9 ). —
Böser Zauber kann einen Menschen, an
dem Rache genommen werden soll, in ein
Tier verwandeln. Ein solcher Zauberer,
der andere aus Bosheit in Tiere verwan¬
delt, kann selber verschiedener Tiere Ge¬
stalt annehmen und so seine Macht stärker
betätigen. Bei den alten Orientalen und
Griechen waren es meist die Götter,
welche Menschen in Tiere verwandelten
(oder Kirke die Gefährten des Odysseus),
und die nordischen Götter können Men¬
schen oder sch selber in Tiere verwandeln
(s. Verwandlung) und dadurch alles mög¬
liche Unheil heraufbringen (Odin, Loki) 10 ).
Auch Brot dient zum S. Wenn jemand
eine Brotrinde heimlich in die Federbetten
eingenäht erhält, hat dies Unglück oder
langsam zehrende Krankheit zur Folge
(Mittelschlesien) n ). Eheleute werden
durch S. zu Zanksucht gegeneinander ge¬
reizt und verlieren die Fähigkeit zum ehe¬
lichen Akt 12 ). Man übt solchen Zauber
durch Rückwärtsgehen (wie es Hexen
gern tun) und Umwandeln gegen den
Lauf der Sonne 13 ). Aber auch die ein¬
fache Art der Verfluchung gehört hierher
(s. Fluch), zumal wenn sie mit magischem
Ritus verbunden wird: Einschneiden des
97i
Schadenzaubersprüche
Schaf
974
Fluchs gegen den Mörder in die Baum¬
rinde 14 ). In ein Buch gelegte Verwün¬
schung wider den Entwender schädigt
den Dieb oder macht die Entwendung
unmöglich 15 ).
Besonders glaubt man an die Wirksam¬
keit solchen S.s auf das Vieh. In der
Schweiz weiß man, daß jemand, der Hagel¬
unwetter Voraussagen kann, auch seinen
Feinden Schaden anzaubem kann 16 ) und
ebenso den Ziegen und Kühen 17 ). Vieh
wird z. B. behext durch dreimaliges Her¬
umgehen ums Tier von Sonnenaufgang
an mit einem Salznapf 18 ). Eine bestimmte
Pflanze, die man in ein Häuschen legt, in
dem Käse bereitet wird, hindert die
Milch am Gerinnen 19 ). Wie man von
Bauern erzählt, die einander die Kühe
töten können, ohne irgend etwas machen
zu müssen 20 ), so kennt Verf. einen nieder¬
österreichischen Bauern, der weiß, daß
der Besitzer des Nachbarhofes durch
Femwirkung eine seiner Kühe mit einem
Katarrh behaftet, einer anderen die Milch
genommen hat. — Gegen jede Form des
S.s gibt es bestimmten Schutzzauber (s.
d.) oder Gegenzauber (s. d.).
x ) Stemplinger Aberglaube 65; O. Gruppe
Griech. Mythologie u. Religgesch 3 883, vgl.
Panzer Beitrag passim. 2 ) Köhler Voigtland
420. 3 ) Wuttke 260 § 380. 4 ) ebd. § 379;
Drechsler Schlesien 2, 256. 5 ) Stoll Zauber -
glauben 52. •) Ebd. 115. 7 ) Ebd. 112. 8 ) Ebd.
113 t. •) Ebd. 116. 10 ) Wundt Mythus 3, 158.
195 ff. n ) Drechsler Schlesien 2, 15 f. 12 ) Ebd.
3, 259 ff. 13 ) Knuchel Umwandlung 39 f.
14 ) Meyer Religgesch. 137. 16 ) Sartori 2, 19.
1C ) SAVk. 3, 115. 17 ) Drechsler Haustiere 17 f.
18 ) ZfVk. 24, 159. 19 ) SAVk 14, 293. 20 ) Ebd.
2, 17- K. Beth.
Schadenzaubersprüche.
1. Einleitendes. Die Grenze zwischen
Heilsamem und Schädlichem in den Zau¬
ber- und Segenssprüchen — die schon in
dem römischen Zwölftafelgesetze berück¬
sichtigt war x ) — war nicht immer leicht
zu ziehen. Den Feind oder gar den Dieb
und den Zauberer zu fluchen ist Förde¬
rung der eigenen, gerechten Sache. Auf
christlichem Boden beschwören zwar bös¬
artige Sprüche in der Regel in Teufels
Namen, mitunter aber in Gottes oder in
beider 2 ).
Die aus der Erde gegrabenen Nach-
972
lasse der Antike spenden uns eine
Menge von Fluchsprüchen, auf Tafeln
geschrieben, vom 4. vorchristl. Jh.
an vorrätig, in denen der Gegner im
Prozeß, der Rival im Wettrennen usw.
„gebunden", verzaubert wird und sein
Leben oft den unterirdischen Gottheiten
übergeben 3 ). — Aber auch in anderen
Zaubersprüchen der Antike kommt ge¬
legentlich ein, jedenfalls bedingter, Scha¬
denwille zum Ausdruck, so in dem Liebes-
zwang (s. Liebessegen § 1) und in den
Drohungen gegen die Götter selbst, falls
sie dem Magier nicht beistehen; auch die
altnordische Magie weist solche Züge
auf 4 ). Mit dem ethisch-religiösen Dualis¬
mus der christlichen Kirche trat hier im
volkstümlichen Bewußtsein eine, wenn
auch nicht ganz scharfe so doch klarere
Sonderung ein zwischen „Segen" einerseits
und bösen Sprüchen andererseits.
l ) Plinius Nat. hist. lib. 28 § 17. *) Grimm
Myth. 3, 502 Nr. XXXVIII; ZfdMyth. 3, 321,
s. Art. Liebessegen § 1 mit Anm. 3. 3 ) Wünsch
Defixionum tabellae Atticae 1897 (Inscr. Graecae,
ed. Academ. reg. Boniss. vol. III pars III);
Wünsch Sethianische Verfluchungstafeln aus
Rom, 1898; RhMus. 55, 62 ff. 232 ff. 4 ) Egils
Saga cap. 60; Fornaldar sögur 3, 202 ff.
2. Deutsche Sprüche. Aus dem
Mittelalter ist sehr wenig derartiges über¬
liefert. Zu nennen wäre ein lateinischer
Spruch, 14. Jh., „Ut aliquis febricitet":
man schlägt drei Nägel in eine „Aspe"
(das deutsche Wort ist in Geheimschrift
als Ispm gegeben) mit dem Wunsche,
daß so lange sie da sitzen, soll NN wie
der Baum zittern 5 ). S. auch unten a und
b. Aus neuerer Zeit, z. T. aus den Hexen¬
prozessen seit dem 16. Jh., liegen einige
deutsche kurze, volkstümliche Sprüche
vor, die sich gewöhnlich auf begleitende
Riten beziehen; z. T. gehören sie jedoch
wohl mehr der Hexensage als der Praxis
an (vgl. Abschwörung).
a) Schaden an Menschen. Beispiele:
„Wolauf elb und elbin ... du sollst zu
dem und dem, du sollst seine beine
necken . . . sein fleisch schmecken . . .
sein blut trinken und in die erde sinken,
in aller teufel namen" (Quedlinburger
Akten) 6 ). „So soll in aller Teufel Na¬
men der Müller vergehen wie die [gleich-
973
zeitig gegossene] Milch auf den heißen
steinen" (Akten Stadt Schleswig, die
Worte dänisch hergesagt ?) 7 ). Recht ver¬
breitet ist der Spruch: „Ich NN thu dich
anhauchen, drei Blutstropfen thu ich
dir entziehen, den ersten aus deinem Her¬
zen, den anderen aus deiner Leber, den
dritten aus deiner Lebenskraft, damit
nehme ich dir deine Stärke und Mann¬
schaft" (Manneskraft) 8 ). Dieser Spruch,
noch im 20. Jh. gebraucht 9 ), erinnert
formell sehr an einen alt norwegischen
(J. 1325), der Impotenz bewirkte: ,,.. .
einer beiße dich in den Rücken, ein anderer
b. d. in die Brust, ein dritter wende über
dich Haß(?) und Neid" 10 ); beide sind
Dreiheitssprüche (s. Segen § 5) nach
Art z. B. der Marcellussprüche und
des ersten Merseburgerspruches.
b) Aneignung fremden Gutes. Be¬
zeichnend für die Ärmlichkeit der hier
tätigen Schadenzauberinnen (während
Rachesprüche unter Gruppe a noch
z. B. im 17. Jh. von adeligen Personen
benützt wurden) ist, daß die für die
Hexe selbst ersehnte Ausbeute ihrer
bösen Künste sich fast immer auf Milch
und andere Naturalien beschränkt. Riten
zum Melken fremder Kühe oder zum
Buttem fremder Milch sind bisweilen von
Worten begleitet (vgl. 1, 1729ff.). Beim
Melken heißt es z. B.: „Hole (d. i. Hölle,
Ofenecke ?) ich melcke dich ins teuffels na¬
men, gib mir so uiel alsz trofen an der kuhe
seindt" u ) (hessischer Prozeß J. 1596). Eine
Strophe, mit Parodie derselben, ist um 1400
überliefert 12 ). — Beim Buttern (mehr
sagenhaft): „Von jedem Haus a Bröckl ar-
basgroß (erbsengroß), na werd (dann wird)
der Butter wie mein Kopf so groß" 13 ). —
Ähnliche Melk- und Buttersprüche fran¬
zösisch, englisch, skandinavisch 14 ). —
Vereinzelte deutsche Sprüche, 16. Jh.,
bezwecken Eiergewinn 15 ) oder Aneignung
der Ackerfruchtbarkeit des Gegners 16 ).
S. weiter Abschwörung, Teufelsbeschwö¬
rung, Teufelspakt.
5 ) ZfdA. 13, 214. 6 ) Grimm Myth. s. Anm. 2.
7 ) Müllenhoff Sagen 518 Nr. 35. 8 ) Kuhn
Westfalen 2, 191 Nr. 542; ZföVk. 2, 154; Württ-
Vjh. 13, 198 Nr. 188 (Albertus Magnus); Sey-
farth Sachsen 44, vgl. den Liebessegen SAVk.
6 , 65 (1407). ®) Tägliche Rundschau 19.
2. 1911. 10 ) Norske Hexefml. Nr. 238, vgl.
Ohrt Trylleord 92 f. 11 ) ZfdMyth. 2, 73.
12 ) Mone Anzeiger 5, 452 f. (HessBl. 12, 189),
vgl. Grimm Myth. 3, 417 Nr. 30 (15. Jh.).
13 ) DG. 15, 208, vgl. Urquell 1892, 324. 14 ) Sebil-
lot Folk-Lore 3, 84; Henderson Notes on the
Folk-Lore of Northern Counties 163; County
Folk-Lore 3, 128 (J. 1624); Danmarks Tryllefml.
Nr. 982 fi.; Meddelanden frän Nordiska Museet
1897 S. 48. 16 ) ZfVk. 15, 181, Braunschweig.
16 ) Z. des Harzvereins 35, 423 (bei Hälsig
Zauber Spruch 58). Ohrt.
Schaf.
1. Als eines der am frühesten gezähmten
Tiere x ) von sehr hohem Kulturwert ist
seine Bedeutung für den Aberglauben,
die vorwiegend freundliche Seiten zeigt,
erklärlich. Bei den Germanen gab es
zeitweüig Sch.-Opfer 2 ), vor allem Früh¬
jahrsbittopfer (s. Widder 1), Ernte- und
wahrscheinlich Totenopfer 3 ). Als Ernte¬
opfer überlebsel findet es sich 1802 noch in
Thüringen 4 ), am Ritten bei Bozen wurde
früher nach der Ernte ein Sch. geschlach¬
tet 5 ), heute noch findet in Markgröningen
(Württ.) am 24. August ein Wettlauf der
Mädchen um ein Sch., barfuß über ein
Stoppelfeld, statt 6 ). Die Gegenwart
kennt noch Gebildbrote 7 ) in Gestalt
eines Sch.es, Stellvertreter des ehemaligen
Opfertieres und Opferspeise. Es ist Sym¬
bol der Wachstumskraft, als solches
wohl entstanden aus der Auffassung der
Wolken als Sch.e und Lämmer 8 ). Ge¬
wisse weiße Wolken nennen wir heute
noch Sch.e 9 ), Frau Holle treibt sie aus
(Brand.) 10 ). Als Wolkentier scheint es
auch in gewissem Zusammenhang mit der
wilden Jagd 11 ) zu stehen, worauf die
verschiedenen gespenstigen Sch.e, die als
„Dorftiere" umgehen, hindeuten. Mann¬
hardt sieht in ihnen Seelentiere (Kinder¬
seelen, die bei Frau Göde, Hrösa, Holda
weilen) 12 ). — An ein altes Opfer erinnert
noch der im ehern, österr.-Schlesien vor¬
handene Glaube der Bauern, daß ein
Knochen des nach dem Pfingstritt ge¬
bratenen und gemeinsam verzehrten
Sch.es, den sie am nächsten Tage vor
Sonnenaufgang ins Feld stecken, den
Saaten Gedeihen bringt 13 ). Weiter
erinnern an ehemalige Opfer noch die Ver¬
wendung des dreikantigen Schlüssel¬
beines zum Liebeszauber 14 ), das ehe-
975
Schaf
976
dem zur Weissagung gedient haben !
mußte 15 ) wie das Sprungbein (talus,
astragalus), das sich auf deutschem Boden
nurmehr im Kinderspiel findet 16 ), und
der Glaube, daß man das Zungenbein 1
des Sch.es nicht zerbrechen darf, !
9 i
wenn man ein Kind erwartet, da dieses j
sonst stottern würde 17 ).
x ) Es ist seit der neolithischen Zeit bezeugt \
(Keller Antike Tierwelt r, 309) und war in der j
Bronzezeit häufig Grabbeigabe. Auf dem !
Lohensteine fanden sich 26% aller Opfergebeine 1
als dem Sch. u. d. Ziege zugehörig (Höfler !
Organotherapie 88 f. = Korrespondenz-Bl. f. j
bei den Schotten und Südslaven ebenso ver¬
breitet wie bei den Beduinen und Mongolen
Inner-Asiens (ZdVfVk. 10,332; 19,434; 23,149;
Grimm Myth. 2, 932; 3,322; Höf ler Organoth.
31), so daß die Annahme der Entstehung dieser
Art Weissagen bei den Mongolen wohl abzu¬
lehnen ist. Vgl. noch: Liebrecht Zur Volksk.
499 f-
2. Die Sch.e sind verschiedenen schäd¬
lichen Einflüssen unterworfen 18 ), wogegen
man die für den Haushalt wertvollen
Tiere zu schützen versucht. Hat man
Sch.e gekauft und eingetrieben, so mache
man mit einem grauen Feldstein drei
Anthropologie 13 [1882], 18). Es war im Alter- i
tum das bequemste und gewöhnlichste Opfer- '
tier, ist vielfach bezeugt bei Babyloniern, Phö¬
niziern (als Reinigungs- oder Friedensopfer),
bes. bei den Griechen, die vor allem den Gott- 1
heiten d. Unterwelt bes. schwarze Sch.e opferten |
und an ihrer Stelle ungeschorene schwarze 1
Sch.sfelle oder auch nur einen Faden aus schwär- j
zer Wolle als Totenopfer darbrachten (Höfler i
a. a. O. 31. 88); dann bei den Römern zu allen ‘
Gelegenheiten (Keller a. a. O. 325). 2 ) Höfler j
Weihnacht 15. 3 ) Bei den Inselschweden wurde
ein Sch. bei Begräbnissen geopfert (Mannhardt ,
Germ. Mythen 51), in Litauen wird noch immer !
beim Tode eines Familienmitgliedes ein Schaf
geschlachtet (Wuttke 291 § 425 = Hintz
Altpreußen 101). Auch bei den Dinka findet
sich das Sch.-Opfer beim Begräbnis (ZdVfVk.
J 7 > 376). — Bei den Schweden und Dänen
fand es sich auch als Bauopfer (Höfler a. a. O.
89 = Müllenhoff Altertumsk. 4, 257); in einer
deutschen Sage ist ein schwarzes Sch. Teufels¬
opfer (Grimm Myth. 2, 843), in einer anderen,
vogtländ., Opfer für den Lindwurm (Eisei
Vogtland 156 Nr. 426). 4 ) Höfler Organoth.
89 = Müllenhoff Altertumsk. 4, 527. 5 ) Heyl
Tirol 760 Nr. 49. 6 ) Sartori 3, 243 = Meier
Schwaben 437. 7 ) Reuterskiöld Speise¬
sakramente 109. 8 ) Mannhardt Germ. Mythen
448; ders. Götter 89. 9 ) Strackerjan Olden¬
burg 2, 142 Nr. 372. 10 ) Wuttke 25 § 23.
X1 ) Meyer Germ. Mythol. 240. l2 ) Mannhardt
German.Mythen 490. — Ein Zwerg in einer Schwei¬
zer Sage heißt selbst Lämmli (Ebd. Anm. 1).
13 ) Mannhardt 1, 400; ders. Forschungen 188;
Höfler Organotherapie 89 — Vernaleken 306
(28); Sartori 3, 216 Anm. in. 14 ) Weinhold
Neunzahl 18. 15 ) Vgl. Grimm Myth. 2, 932.
16 ) ZdVfVk. 10 (1900), 352. —• Es wurde seit
den ältesten Zeiten als Würfel verwendet in
der antiken Welt sowohl wie in Mittel- und
Nordeuropa als auch in Innerasien und dient
heute noch auf Island Wahrsagezwecken
(Ebd.). 17 ) Ebd. — Im alten Norden war es
Talisman gegen Ohren schmerzen, bei den
belgischen Fischern schützt es gegen Meeres¬
gefahren (Höfler a. a. O. 89). —- Die Weis¬
sagung aus Sch.sknochen: Schulterblatt,
Schlüsselbein und Sprungbein ist auf Island,
Kreuze auf die offen stehende Tür, daß
sie es sehen können (Bielefeld 1790) 19 ).
In Lüneburg erhalten sie auf Weih¬
nachten besonders gutes und reichliches
Futter, sogar ganze Korngarben. Einmal
hat man das unterlassen, und da hat dann
der ,,lütje öle“, der Teufel, das Vieh ge¬
füttert 20 ). Man soll sie nicht zählen 21 )
und nicht am Sonntag entwöhnen (Penn-
sylvanien) 22 ). Scheren muß man sie
bei abnehmenden Mond, damit keine
Motten in die Wolle kommen (Meckl.) 23 )
oder im Zeichen der Wage (Pennsylv.) 24 ).
Vor dem Scheren läßt man es zuerst die
Schere belecken und nach der Schur
fortgehen mit den Worten: „Geh nackt
weg und komm’ zottig wieder'' 25 ). Da¬
mit die Wölfe sie nicht nehmen, nimmt
man eine Wolfsleber, Zunge, die Gurgel,
einen Natterbalg und Grundwurzel, dörrt
alles, zerstößt es und gibt es den Sch.en
am Karfreitag vor Sonnenaufgang auf
Steinsalz; so wird der Wolf kein Sch. zer¬
reißen; ob ers schon nimmt, es kommt ohn*
allen Schaden wieder (Schles.) 26 ). Man darf
sie nicht Lawendel fressen lassen, da es
für sie tötlich ist. Nur durch vieles Wasser¬
trinken entgehen sie dem Tode (Tir.) 27 ).
Mit vielerlei Mitteln suchte man sie bes.
gegen Krankheiten zu schützen 28 ).
Durchs Notfeuer wurden sie nicht ge¬
trieben (wohl wegen ihrer Furcht und
Dummheit, die sie inmitten der Flammen
verbrennen ließen), sie erhielten aber von
der Asche ihren Teil ins Futter gemengt 29 ).
Im ehern, österr.-Schlesien legte der Hirt
vor dem ersten Austrieb im neuen Jahre
Peitsche und Stab in Form eines Kreuzes
auf die Erde und ließ die Sch.e darüber-
977
Schaf
978
gehen, damit sie gegen Krankheit und
Unfälle geschützt wären 29a ). Um die
Drehkrankheit von ihnen abzuhalten,
darf man nicht um den Tisch gehen
{Württ .) 30 ), auch nicht am Samstag
{Westf.) 31 ) oder an Maria Lichtmeß
{Ostpr.) 32 ) spinnen. War die Krankheit
bereits ausgebrochen, so hieb man einem
Sch. den Kopf ab, besonders wenn man die
Krankheit den „Unterirdischen“ zu¬
schrieb, die man dadurch zu besänftigen
suchte 33 ), und hängte ihn über der Stall¬
tür 34 ) auf oder im Kamin (Wald.) 35 ),
oder man tötete das zuletzt drehkrank
gewordene Sch., indem man ihm mit einem
Schlage den Kopf abtrennte und den
Körper unter der Giebelseite des Hauses,
unter strengstem Stillschweigen, ein¬
grub 36 ). Auch vergrub man ein lebendes
Sch. unter der Stalltür (Oberpf.) 37 ). Man
gab den kranken Tieren auch Milch von
ihren gesunden Kameraden mit Wasser
verdünnt zu trinken 38 ). In manchen
Gegenden aber beseitigte oder schlachtete
man sie nicht, weil die Schäfer glaubten,
daß an ihrer Stelle doch andere erkranken
müßten (Meckl. 39 ), Schles. 40 )). Ist unter
der Herde Schorf ausgebrochen, so braucht
der Schäfer nur etwas von diesem Schorf
zu einer Leiche in den Sarg legen und be¬
graben lassen, damit die Herde geheilt
wird. Doch darf nicht das kleinste
Flöckchen Wolle mit in den Sarg kommen,
sonst geht die ganze Herde zugrunde
(Lauenb.) 41 ). Hat ein Sch. einen Fuß
gebrochen, so umbindet und schient man
das dem gebrochenen Fuße entspre¬
chende Bein eines Stuhles; es darf sich
aber niemand darauf setzen, bis das Tier
geheilt ist (Bay.) 42 ). Auch ließ man
kranke Sch.e durch ein gespaltene junge
Eiche kriechen 43 ) (s. durchkriechen 2,
480 65 ). Damit die Sch.e nur Mutterlämmer
zur Welt bringen, soll man dem Widder
den rechten Testikel entweder fortnehmen
oder verbinden, wenn er zu den Sch.en
gelassen wird 44 ). Sollen die Sch.e lammen
und sie werden noch auf die Weide ge¬
trieben, so wirft man die Heu- und Stroh¬
halme, die sie beim Austreiben etwa mit
aus dem Stalle zerren, wieder in den¬
selben zurück; dann lammen sie nicht
außerhalb des Stalles (Meckl.) 45 ); und
da der Donner bei alleinstehenden Sch.en
Fehlwurf bewirkt, sammelt man sie bei¬
einander unter ein Dach 46 ) (S. Lamm
1. 5, Widder 3).
18 ) In Kleinasien glaubt man, daß sie bes.
unter dem bösen Blick zu leiden haben, in der
Romagna geben sie keine Milch infolge der
Jettatura. Andererseits tragen in Persien die
Kinder ein Sch.sauge gegen den bösen Blick
(Seligmann Blick 1, 216; 2, 164). 19 ) Grimm
Mythol. 3. 463 Nr. 816. 20 ) Höfler Weihnacht
12 = ZdVfVk. 6 (1896), 369. 2l ) (Keller) Grab
des Aberglaubens 2, 202 ff. 23 ) Fogel Pennsyl¬
vania 175 Nr. 843. 23 ) Bartsch Mecklenburg
2, 109. 24 ) Fogel a. a. O. 245 Nr. 1268. 25 ) Lieb¬
recht Zur Volksk. 320. 26 ) Drechsler Schlesien
2, 117. 27 ) Heyl Tirol 794 Nr. 200. Muß nicht
Abergl. sein, sondern kann auf Beobachtung
beruhen. 28 ) In Rom besteckte man zur Ab¬
wehr von Krankheit bei den Palilien am
21. April den Sch.stall mit einem grünen be¬
laubten Zweig [Lebensrute] (Mannhardt i,
295 ). 29 ) Jahn Opfergebr. 32 f. 29a ) Peter
österr.-Schlesien 2, 251. 30 ) Schmitt Het-
tingen 18. 3X ) Wuttke 62 §72; 437 § 686 =
Kuhn Westfalen 2,95 Nr. 298. 32 ) Wuttke
a. a. O. Auch bei den Wenden hielt man die
Drehkrankheit für das Werk überirdischer
Mächte und duldete nicht, daß zwischen Weih¬
nachten und Neujahr gesponnen wurde, damit
die Sch.e verschont blieben (Schulenburg
Wend. Volkst. 134). 33 ) Liebrecht a. a. O.
324. 34 ) ZdVfVk. 10 (1900), 209. 35 ) Jahn
Opfergebr. 331 = Wuttke 437 § 687; Höfler
Organoth. 90 = Wuttke a. a. O. 36 ) Jahn
a. a . o. — Die Esten nageln zur Abwehr der
Seuche einen Sch.skopf an die Tür der Hürde
(Sepp Religion 270!.), in Schottland wurde
am Old May-Day ein Sch. zur Abwehr von
Übel von den Herden lebendig verbrannt
(Frazer 10, 306 f.). 37 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 341. 38 ) ZdVfVk. 8 (1898), 44. 39 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 154. 40 ) Drechsler Schlesien
2, 116 f. 41 ) Wuttke 186 § 255. 42 ) Ebd. 436
§ 686 = Panzer Beitr. 2, 302. 43 ) Grimm
Mythol. 3,468 Nr. 923- 44 ) ZdVfVk. 13 (1903),
272. 45 ) Bartsch a. a. O. 2, 153 f. 46 ) Megen-
berg Buch der Natur 27.
3. Das Sch. ist Orakeltier und zu¬
kunftkündend. a) Im Angangglauben
überwiegt seine Glücksbedeutung 47 ), die
ohne Zweifel auf seinen Beziehungen zu
den Lichtwolken (Schäfchen, Lämmer¬
wolken) 48 ) (s. Sch.wolke), aber auch auf
seinem hohen Kulturwert beruht 49 ). Das
Begegnen besonders einer Herde gilt ohne
weiteres als gutes Vorzeichen 50 ) (Bad. 51 ),
Old. 52 ), Schwz. 53 ), Westf. 54 )) für die
Reise und Besuch. Wenn eine Dame beim
Ausgehen zuerst Sch.e sieht, so bedeutet
979
Schaf
Schaf
982
dies, daß sie bei den Herren beliebt ist
(Schles.) 55 ). Selten hält man es für unheil¬
kündend, meist wenn man auf ein Sch.
stößt 56 ) (Erzgeb.) 57 ). Ein in der Sil¬
vesternacht über den Weg laufendes Sch.
bringt Tod in die Familie (Erzgeb.) 58 ).
Vielfach achtet man darauf, ob die Herde
rechts (s. d.) oder links (s. d.) vorbei¬
kommt. Welches von beiden das Glück¬
lichere ist, darüber sind die Ansichten
verschieden. Meist gilt links für glück¬
verheißend nach dem Spruch: „Sch.e zur
Linken, Wird Freude dir winken; Sch.e
zur Rechten, Da gibt es zu fechten“ u.
ähnl. Fassungen (Bay. 59 ), Erzg. 60 ),
Hess. 61 ), ob. Nahetal 62 ), öst. 63 ), Schles. 64 ),
Schwz. 65 ), Vogtl., Umg. v. Weimar 66 ),
Böhm 66a )). Das Entgegengesetzte 67 ) gilt
weniger häufig (Braunschw. 68 ), Lau-
enb. 69 ), Old. 70 ), Schles.) 71 ).
b) Sch.e künden auch den Tod an,
denn sie können „quad sehen“, d. h. sind
geistersichtig (Ostfriesl.) 72 ). Wenn ein
Sch. drei schwarze Lämmer gebiert, so
muß jemand im Hause des Eigentümers
sterben (Old.) 73 ). Als Vorzeichen einer
baldigen Pestilenz wurde es ehedem
im Emmental angesehen, wenn junge
Sch.e vor der Zeit läufig wurden 74 ).
Stoßen sie einander, so kommt Krieg
oder Streit (Meckl.) 75 ) oder anderes
Wetter (Dithm.) 76 ), springen sie auf
der Weide viel und lebhaft, kommt
Wind 77 ) (Meckl.) 78 ). Nehmen sie, wie
von einem panischen Schrecken ergriffen,
Reißaus, dann ist die ,,Paßjungfrau“ in
der Nähe (Rogasen-Umg.) 79 ). — Der
Traum von Sch.en bedeutet Unglück
(Meckl.) 80 ).
c) Eine nicht unwichtige Rolle spielt
das Sch. im Heiratsorakel. Um zu
erfahren, ob es im kommenden Jahre
heiraten werde, geht (oder reitet) das
Mädchen (auf einem Besen) in der
Christnacht (Schwz.) 81 ) oder Mat¬
thiasmitternacht (Hess.) 82 ) zum Sch.-
Stall und klopft dreimal an; je nachdem
ein Widder, ein altes oder junges Schaf
oder ein Lamm blockt, bekommt sie einen
reichen, alten oder jungen Mann, oder
ihr wird ein bitteres Schicksal (ledig
bleiben oder ein außereheliches Kind) zu
98a
Teil. Ähnlich dem Sch. st allhorchen ist
das Schafegreifen, das in der Christ- oder
Silvesternacht oder zur Zeit der Lösl-
nächte geübt wird; Kommt dem im
finsteren Stall umhertappenden Mädchen
auf den ersten Griff ein Widder in die
Hände, so hofft sie, einen Mann im kom¬
menden Fasching zu erhalten, greift sie
ein Sch., so bleibt sie noch ledig 83 )
(Ennstal, Gastein 84 ) Samland 85 ),
Schles. 86 ), Belg. 87 )). Über Weissagung
aus den Knochen des Sch.es s. o. 1. S,
Hammel 2.
47 ) Grimm Myth. 2, 944; Wuttke 128 § 174.
48 ) Wuttke 201 § 272 = Mannhardt Germ.
Myth. 173. 245. 397. 4Ö ) ZrhwVk. 1914,
261. 50 ) Wuttke 201 § 272; Grimm Myth.
3, 466 Nr. 882; Strackerjan Oldenburg 2, 142.
51 ) Meyer Baden 515. 52 ) Strackerjan
a. a. O. 53 ) Unoth 1, 186 Nr. 115. 54 ) Kuhn
Westfalen 2, 59. 55 ) Drechsler Schlesien 2,
117. 56 ) ZdVfVk. 11 (1901), 277. 57 ) John Erz -
gebirge 75. 233. 58 ) Ebd. 233. 59 ) Pollinger
Landshut 167. 60 ) John a. a. O. 61 ) Hess-
Arch. 9, 88 . 62 ) ZrhwVk. 1905, 207. 63 ) Zfö-
Vk. 13 (1907), 34. M ) Drechsler a. a. O. 65 >
SAfVk. 7, 134. 66 ) Köhler Voigtland 387.
66a ) MVerfGeschBö. 6 (1868), 208 (Saazer
Kreis); Laube Teplitz 50. 67 ) Grimm Myth.
2, 944; ZdVfVk. 4 (1894), 83; 10 (1900), 209.
® 8 ) Andree Braunschweig 401. 6Ö ) Wuttke 201
§ 272. 70 ) Ebd. = Strackerjan a. a. O. 1, 23.
71 ) Urquell 3 (1892), 108; Peter Österr.-Schle¬
sien 2, 256.— Vgl. noch: Agrippa v. Nettes¬
heim 1, 254; Meier Schwaben Nr. 342; Leop-
rechting Lechrain 88; Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 274; ZdVfVk. 25 (1915). 23; Dähn-
hardt Volkstüml. 2, 88 Nr. 362; Kuhn Märk .
Sagen 387 Nr. 96; Kuhn u. Schwartz 465
Nr. 468. — Nach magyar. Glauben ist Angang,
der Sch.e glückbringend, bes. f. Kranke u.
Hochzeiten (Wlislocki Magyar. Volksgl. 74).
72 ) Grimm Myth. 3, 476 Nr. m. 73 ) Wuttke-
a. a. O. = Strackerjan a. a. O. 1, 23.
74 ) SchwVk. 1, 19 = SAfVk. 6, 58. 75 ) Wuttke
a. a. O. 76 ) ZdVfVk. 24 (1914), 61. 77 ) Ebd. <y
(1899), 235. 78 ) Bartsch Mecklenburg 2,
213. — Weiden die Sch. hastig, so ist nach
magyar. Glauben Sturm u. Ungewitter zu
erwarten (Wlislocki a.a. O.). 79 ) Rogasener
Familienblatt 6 (1902), 27. 80 ) Bartsch a. a.O.
2. 314. — Bei Magyaren bedeutet er Geld
(Wislocki a. a. O.). 81 ) SAfVk. 8, 270; 12,
43 (Literatur). 82 ) Wuttke 238 § 341
— Mühlhause 62. 83 ) Wuttke 236 § 337.
84 )Reiterer Ennstalerisch 99; GrimmM ytho -
logie 3, 469 Nr. 952. 85 ) Hovorka- Kronfeld
2, 173; Frischbier Hexenprozesse 163.
84 ) Drechler Schlesien 1, 11. 87 ) Wolf Beitr.
i, 122.
4. In der Volksmedizin finden das
981
Sch. und seine Teile vielfach Verwen¬
dung "). Erkältung vergeht, wenn man
dreimal ein Sch. in seinen Schuh hinein¬
riechen läßt (Braunschw.) 89 ). Wer den
Nachtnebel hat, welche Krankheit man
sich zuzieht, wenn man in die unter¬
gehende Sonne oder in den Vollmond
sieht, der soll durch ein Sieb auf Sch.e
schauen, wenn der Schäfer dieselben früh
aus dem Sch.-Stalle treibt (tsch. Bö.) ").
Dem Blute wird ganz außerordentliche
Wirkung bei Fallsucht nachgesagt 9l ).
„Verrufene“ Kinder müssen drei Tropfen
Blut aus dem linken Ohre eines schwarzen
Sch.es einnehmen (Preuß., Litt.) 92 ).
Bei Schlag- oder Quetschwunden hilft
ein frisch ausgezogenes aufgelegtes Sch.-
Fell, das man einen Tag und eine Nacht
liegen lassen muß e3 ). Die heilsame Wir¬
kung des Felles zeigt sich auch darin,
daß man gegen böse Träume darauf
schläft 94 ). — Sch.fett (Unschlitt) legt
man auf gegen „riihe der neglen“ ö5 ), mit
pulverisierter Hauswurz und Butter galt
es als Mittel gegen den Kropf 96 ) (Tir.) 97 ),
mit Rauten und Mehl gegen Geschwulst 98 ),
mit Honig als heilsames Pflaster gegen
geschwollene und offene Beine 99 ). Auch
ist es gut gegen Druckschäden 10 °). —
Die Galle heilt Krebs (Bö.) 101 ) (das
„harte Geschwür“) und hilft gegen
Epilepsie 102 ) und Hornhauttrübungen 1023 ).
— Das Gehirn ist mit Honig ge¬
trunken ein vorzügliches Mittel gegen
Zahnbeschwerden kleiner Kinder 103 ) und
ein gutes Schlafmittel in bösen Krank¬
heiten 104 ). — Gegen das „Schwinden“
der Glieder (Schwindsucht) half ein Destil¬
lat aus zwei Lebern von schwarzen Käl¬
bern und drei Köpfen von schwarzen
Sch.en 105 ). „So eyn gebärend weyb
auffgeblasen ist (d. h. wenn sich die
Gebärmutter mit Luft füllt: Peritonitis
gravidae s. puerperae) sol man jr ein . . .
Schaffläber in heißer äschen gäben, biss
auff vier tage vnnd alten weyn ze trin-
cken“ 106 ). Die Lunge wird aufgelegt
gegen Fieberhitze 107 ) (bei Tobsucht) und
auf schwer heilende Wunden 108 ). — Sehr
häufig findet sich Sch.-Kot (Mist,-Lor¬
beeren) (Old.) 109 ) zur Heilung von Brand¬
wunden (Bö., Schles., Tir.) I10 ), Druck¬
schwellungen m ), Gelbsucht 112 ), Krebs¬
geschwüren 113 ) und Geschwüren an den
Brüsten, der Frauen 114 ); er vertreibt,
bei Frauen auf die Brüste (bei Tieren auf
das Euter) gelegt, doch so, daß die
Brustwarzen frei bleiben(P), die Milch,
ohne daß böse Folgen entstehen 115 ). Saft
aus Sch.-Lorbeeren gilt für schwei߬
treibend 116 ) und als Abführmittel für
Kinder (Oberpf.) 117 ), ein an schwarzen
Blattern Erkrankter wurde dadurch, daß
man ihn bis zum Halse in Sch.lorbeeren
eingrub, gesund 118 ). Auch helfen sie
gegen die Pest 119 ). — Wenn man einen
gewissen Sch.knochen stets bei sich trägt,
soll man keine Gliedsucht bekommen
(Schwz.) 12 °). Ein Kind, das an Mast¬
darmvorfall leidet, setze man mit dem
nackten Gesäß auf ein neues gewärmtes
eichenes Brett, welches mit Sch.mark dick
bestrichen ist 121 ). — (Schuß-)Wunden
heilt man durch Auflegen von weißer
Sch.wolle nebst Baumwolle und Schwe¬
fel 122 ); ungewaschene Wolle wird gegen
Gicht, Gliedersucht, Rheumatismus und
Kartarrhe verwendet 123 ). Das ist nicht
ganz Aberglaube, da dem in der Wolle
enthaltenem wasserhaltigen Wollfett (La¬
nolin), das schon beim Waschen der Wolle
gewonnen wird, dem sog. „Wollschweiß“,
den bereits die Griechen benützten und
Oesypus nannten, ein Teil der Heil¬
wirkung zugeschrieben werden muß 124 )
(s. Hammel 3, Lamm 6, Widder 4).
88 ) Wuttke 128 § 174 = ZdVfVk. 8, 45 f.
89 ) Andree Braunschweig 421. 90 ) Wuttke
35 ° § 524 = Grohmann 174 = Casopis 1854,.
S. 534. 91 ) Jühling Tiere 154; Hovorka u.
Kronfeld 2, 210. 92 ) Jühling a. a. O. 158;
Hovorka u. Kronfeld 1,80. — In Bosnien
trinkt man das Herzblut eines Hammels gegen
Fieber (Höf ler Organotherapie 246). 93 ) Jüh¬
ling a. a. O. 154. 94 ) Mannhardt Germ.
Mythen 103. — In Spanien (Pampeluna) be¬
festigen die Frauen den Kindern auf den
Schultern Hautstücke von einem Sch. gegen
das Beschreien (Seligmann Blick 2, 121).
95 ) J üh ling a. a. O. 96 ) Ebd. 157. 97 ) ZdVfVk.
8(1898), 44. 98 ) J ühlin g a. a. O. 158. 99 ) Ebd.
157. 10 °) Ebd. 155. 101 ) Hovorka u. Kron¬
feld 2, 402; Urban Heilkunde Westböhmens
74; Schmidt Mieser Kräuterbuch 60. 102 ) H ö f-
ler Organoth. 208 = Jühling a. a. O. 158.—
Die Verwendung der Galle, des Gehirns, der
Leber, Lunge und teilw. der Wolle des Sch.s
ist ohne Zweifel aus der antiken Medizin
983
Schaf
984
(Hippokrates, bes. Plinius u. a.) übernommen.
Vgl. Höfler Organotherapie 89. 91. 170 ff.
207 ff. 273 f. (s. Lamm, Widder). 102a ) Höfler
Volksmedizin 163. 103 ) Höfler a. a. O.
go = Jühling 154. 104 ) Höfler a. a. O. — In
Irland geschätzt gegen Ruhr (Höfler a. a. O.
91)- 105 ) Höfler Organoth. 90. 106 ) Jühling
а. a. O. 254 f. 107 ) Höfler a. a. O. 274 — Jüh¬
ling a. a. O. 46. 155 f.; Hovorka u. Kron-
feld 2, 234. 108 ) Jühling Tiere 156. 109 ) Strak-
kerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 372. uo ) Jühling
Tiere 157; ZdVfVk. 8, 44; ZföVk. 4 {1898), 218;
Urban a. a. O. 75; Drechsler 2, 291.
in ) Jühling a. a. O. 155. 112 ) Ebd. 113 ) Ebd.
I 55 - i 57 - 1U ) Ebd. 155. 156. 157. 115 ) Ebd.
156; Zahler Simmenthal 82. 116 ) Jühling
a. a. O. 158. 117 ) Ebd. 158 = Schönwerth
Oberpfalz 3, 270; vgl. Fogel Pennsylvania 271
Nr. 1412. 118 ) Jühling Tiere 158. 119 ) Schultz
Alltagsleben 242. 12 °) SAfVk. 21 (1917), 40.
121 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 139. 122 ) Jüh¬
ling a. a. O. 155. 123 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 278. 124 ) Jühling a. a. O. 158. —■ Die Wolle
(vom Kopfe des Sch.s) vertritt im Opferritus
des Altertums den ganzen Kopf; im Volks¬
medizin. Brauche vertreibt sie das Fieber (die
Fieberdämonen) (Höfler Organotherapie 89).
5. Von sonstigem Aberglauben
wäre zu erwähnen, daß die Sch.e be¬
sonders fett werden, wenn sie des nach¬
mittags trübes Wasser trinken 125 ); daß
sie, wenn bei Nordwind befruchtet, männ¬
liche Junge, bei Südwind dagegen weib¬
liche werfen; daß die Lämmer weiß,
schwarz oder scheckig werden, je nach¬
dem die Adern unter der Zunge des Sch.es
weiß, schwarz oder rot sind 126 ), und daß
man nicht die (eingeschnittene Eigen¬
tums-) Marke an den Ohren der Sch.skÖpfe
essen soll, weil man davon ein Sch.dieb
wird 127 ).
125 ) Megenberg Buch der Natur 127.
126 ) Ebd. 128. 127 ) ZdVfVk. 8 (1898), 157.
б. Sagen von gespenstigen Sch.en
sind in der volkstümlichen Überlieferung
nur in einzelnen deutschen Gegenden j
zahlreicher, so in der Schweiz, im Vogt¬
land, in Sachsen, Schwaben und in
Oldenburg, wo der Glaube herrscht, daß
der Teufel als Sch.bock 128 ) erscheint.
Bald sind sie schwarz (Schwz. 129 ), f
Vogtl. 130 )), bald weiß (Sachs., Vogtl.) 131 )
und grau 132 ), manchmal ohne Kopf
(Old.) 133 ) oder sechsfüßig (Vogtl.) 134 ),
bald erscheinen sie allein (Schwz. 135 ), !
Vogtl., Thür. 136 )), bald in ganzen Herden
(Schwa. 137 ), Bö., Schles. 138 )), manchmal
; von einem umgehenden Schäfer geführt
; (Vgtl. 139 ), Schwa. 137 ), Schwz.), fallen die
Leute an, springen ihnen auf den Rücken
usw. Besonders oft haben die sog. „Dorf-
■ tiere" (s. d.) die Gestalt von (grauen)
; Sch.en 140 ), in ihrer Gestalt gehen auch
! verwünschte Seelen um (Oberpf. 141 ), Ka-
schubei 142 ), Berg. Gebiet 143 )). Als
weißes (Vogtl., Sachs. 144 )) oder drei-
! beiniges Sch. (Oberpf.) 145 ) erscheint die
Unheil oder Tod verkündende Winsel-
! oder Klagemutter (s. d). Manchmal
i werden auch Menschen durch Hexenwerk
j 111 Sch.e verwandelt (Mähren) 146 ). Daß
i das Sch. nicht so häufig als Gespenster-
I tier vorkommt, ist jedenfalls auf den
Einfluß des Christentums zurückzuführen
(Osterlamm!). Eine Bestätigung dafür
bietet der Glaube der Kaschuben, nach
dem der Teufel die Gestalt des Sch.es
nicht annehmen kann 142 ), ferner die
Schweizer Sage, die erzählt, daß ein
Sch., das man taufte, sich in ein Un¬
getüm verwandelte 147 ). Eine Sage er¬
zählt, warum das Sch. den Schwanz
niederhängen läßt 148 ), von den goldenen
Sch.en der Heimchen erzählt man im
Vogtland 149 ). Sch.skot ist ein verwunsche¬
ner Schatz (Old.) 150 ) (s. Hammel 4,
Lamm 3. 8, Widder 5).
128 ) Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 372.
129 ) SchwVk. 5, 23 f. 130 ) Eisei Voigtland 124
Nr. 320 1 . 13 i) Wuttke 53 § 59 == Köhler
Voigtland 525; Meiche Sagenbuch 30 Nr. 46.
132 ) Mannhardt Germ. Mythen 490. Auch
in dän. Sagen (ebd.). 1 33 ) Strackerjan a. a. O.
1, 295. 134 ) Eisei a. a. 0 .124 Nr. 320 2 . 135 ) Roch-
holz Naturmythen 90 Nr. 22. 136 ) Eisei a. a. O.
Anm. 1; Köhler Voigtland 526. l37 ) Birlinger
Volkst. i, 16 f.; Variante bei Meier Schwaben
95 - 138 ) Kühnau Sagen 1, 377. 139 ) Eisei
a. a. O. 76 Nr. 192. 140 ) Mannhardt a. a. O.
141 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 144. 142 ) See-
fried-Gulgowski Kaschübei 181. 143 ) Schell
Bergische Sagen 162 Nr. 57. 144 ) Eisei a. a. O.
I2 4 Nr. 319 (Anm. 3 u. 4); Meiche a. a. O.
47 ^ r - 38. 49 Nr. 42. 145 ) Schönwerth a. a. O.
L 268. Auch die Sch.e der dänischen Sagen
sind Todesvorzeichen und zeigen den Zusammen¬
hang der deutschen Dorftiere mit Folgegeistern
(Mannhardt Germ. Mythen 490). 146 ) Ver-
naleken Mythen 150. — Nach engl. Volksgl.
verwandeln sich Hexen selbst in schwarze
Sch.e; schießt man auf sie mit einem silbernen
Sixpennystück, so müssen sie ihre wahre Ge¬
stalt annehmen (Frazer 10, 316). 147 ) Kohl¬
rusch Sagen 205; Kuoni St. Galler Sagen
985
Schaf bock -- Schäfflertanz
986
171 f. 1«) ZdVfVk. 16 (1906), 371. — Diese
Christi. Sage findet sich auch in Westirland,
Rumänien, auf einigen griech. Inseln des östl.
Mittelmeeres, in Kleinasien und bei den
Ägyptern (Ebd. Literatur). 149 ) Eisei a. a. O.
101 Nr. 260. 150 ) Strackerjan Oldenburg 2,
142 Nr. 372.
Vgl. noch Hammel, Lamm, Widder.
Herold.
Schafbock (Gebäck) s. 3, 321 ff.
Schäfer s. Nachtrag.
Schäferlauf, -Sprung. Wettläufe der an |
manchen Orten zunftmäßig vereinigten 1 )
Schafhirten (der Meistersöhne und -töch-
ter) fanden im Sommer und Herbst
statt 2 ), in Urach am St. Annentage (26.
Juli) 3 ), in Bretten am Lorenztage (10.
August) 4 ), in Wildberg am 22. Sep¬
tember 5 ). In Markgröningen ist alle
zwei Jahre zu Bartholomäi Sch. Mädchen
und Burschen laufen da barfuß über ein
Stoppelfeld. Der Preis ist gewöhnlich
für die Burschen ein Hammel, für die
Mädchen ein Schaf 6 ). Die Sch.e ge¬
hören zu den Erntefestlichkeiten. Sie
sind wohl darin begründet, daß mit
vollendeter Ernte die Weide auf den
Stoppelfeldern frei wird 7 ). Mannhardt
sieht in dem Brauche einen Wettlauf
nach dem „entweichenden Getreide¬
tier“ 8 ). S. Schäfertanz.
l ) Sartori Sitte 2, 147. 2 ) ZfVk. 3, 11 f.
3 ) Meier Schwaben 2, 434 f. 4 ) Meyer Baden !
189; Birlinger A. Schwaben 2, 210 f. 5 ) Ebd.
2, 212 f. 6 ) Meier Schwaben 2, 437; Reins¬
berg Festjahr 300 ff. Eine Schilderung aus
neuester Zeit: Kölnische Zeitung v. 3. Sept.
1930. 7 ) ZfVk. 3, 12. 8 ) Mannhardt 1, 39 &f.;
Ders. Forschungen 170 f. 174. Sartori.
Schäfertanz. j
1. Nach dem Schäferlaufe (s. d.) halten
die Schäfer in Markgröningen einen Tanz
ab x ). In Stadt Ilm fand bis zum Jahre
1800 ein mehrtägiges Fest für die Schäfer
der Umgegend um Margaretentag (13.
Juli) statt. Sie tanzten um einen Fichten¬
baum, nachdem sie dem Amtmann einen
Widder mit vergoldeten Hörnern über- |
reicht hatten. Voraus ging ein von dem
ältesten Schäfer geführter Tanz in selt¬
samen Schlangen Windungen. Dieser wurde
am Schlüsse des Festes noch einmal
wiederholt, und die Tänzer hieben die
Fichte und die sonstigen Maien zu¬
sammen. Einer sprang hinzu und brach
den geschmückten Wipfel ab. Nach
diesem wurde dann um die Wette ge¬
laufen 2 ). In Rotenburg a. T. hielten
die Schäfer von ganz Franken am Dienstag
nach Bartholomäi einen Tanz um den
Brunnen auf dem Markte, während eine
mitgebrachte Gans enthauptet wurde 3 ).
Auch in Gera war zu Bartholomäi ein
Sch. mit einem geputzten Hammel 4 ).
1 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 211 f.; Ders.
Volkst. 2, 280 f. 2 ) Witzschel Thüringen 2,
318 ff.; Kück u. Sohnrey 210 f. 3 ) Schöpp-
ner Sagen 2, 356. 4 ) Köhler Voigtland 217 f.
2. Als Sch. werden auch gewisse Volks¬
tänze bezeichnet, die bei Hochzeiten und
sonstigen Festlichkeiten, mit lebhafter
Handlung verbunden, zur Aufführung
kommen. So wird die Schafschur panto¬
mimisch dargestellt 5 ). Ein Mädchen
(Schaf) wird an die Burschen (Böcke)
verkauft 6 ). In Dassel wird Ostern auf
dem Ziegenanger ein Schäferreigen ge¬
tanzt, über dessen Herkunft man eine
Sage erzählt 7 ). Verbreiteter ist eine
mit Gesang verbundene Handlung zwi¬
schen Edelmann, Schäfer und Hund 8 ).
6 ) HessBl. 26 (1927). 73 - 6 ) Seefried - Gul-
gowski 113 f. 7 ) Kuhn Westfalen 2, 148 t.
8 ) Hüser Beiträge 2,37 f.; Nds. 6,186 f. (Celle);
n, 184 (Mecklenburg); Stahl Niederdeutsche
Volkstänze 31. Sartori.
Schäfflertanz. Alle 7 Jahre in der
Woche nach Fastnacht und in der hast¬
nacht selbst wird in München von den
Küfern der Sch. aufgeführt, nachweislich
seit 1463. Die Teilnehmer, die eine
besondere Kleidung tragen, drehen unter
einem hüpfenden Tanze, allerlei Gänge
und Lauben bildend, mit Buchs und
Bändern gezierte Reifen. Ein Spa߬
macher ist dabei, der scheinbar von
einem ausgestopften alten Weibe (Gredl)
in einer Bütte auf dem Rücken getragen
wird ü. Der Brauch wird mit einer Pest
und der Tötung eines Lindwurms zu¬
sammengebracht 2 ). Vielleicht geht er
auf alte Frühlingskulte zurück, die sich
mit Zunftbräuchen verbunden haben 3 ).
Solche Büttnertänze finden auch an
vielen anderen Orten statt 4 ). S. Küfer.
i) Panzer Beitrag 1, 230 lf.; Sepp Religion
85 ff.; Reinsberg Festjahr 69 Fehrle
Volksfeste 45 f.; Bayerischer Heimatschutz 19
(1921), 20 ff. Vgl. Liebrecht Gervasius 193-
98 7
Schaf garbe
Schaf läuse—Schalensteine
990
210 f. Über die Melodie: ZfVk. 12 (1902), 104.
215. 2) Panzer 1, 232. 359. 3) Fehrle Volks¬
feste 46; Bayerischer Heimatschutz 19, 20.
4 ) Sepp Religion 87f.; Wirth Anhalt 216;
Meschke Schwerttanz 19; MitteldBlfVk. 7
( I 93 2 )» ii- In Ostpreußen führen die Mädchen
-zu Fastnacht Bügeltänze zum Gedeihen des
Flachses auf; Lemke Ostpreußen 1, 8 ff.; vgl.
Sartori Sitte 3, m A. 87. Bügeltänzer in
Westfalen: ZfrwVk. 3, 217. Sartori.
Schafgarbe (Achillea millefolium).
1. Botanisches. Korbblütler mit
kleinen, in einer Trugdolde stehenden
Blütenköpfchen und doppelt-fiederteiligen
Blättern. Die Strahlenblüten sind meist
weiß, manchmal auch rötlich (s. unter 3).
Die Sch. ist bei uns überall auf Wiesen,
an Rainen, Wegrändern usw. häufig. In
der Volksmedizin wird sie vielfach gegen
Magenschmerzen, Blutungen, Frauen¬
krankheiten verwendet x ).
*) Marzeil Kräuterhuch 247 f.; Heilpflanzen
2 °5 212; Tschirch Handb. der Pharma¬
kognosie 2 (1912), 994 f.
2. Der Sch. werden wohl wegen ihrer
(vermeintlichen) großen Heilkraft auch
sonst besondere Wirkungen zugeschiieben.
Mancherorts, z. B. im Allgäu 2 ), ist sie
ein Bestandteil des an Maria Himmel¬
fahrt geweihten Krautbüschels („d'San-
ge“), daher auch „Zangeblume“, „-kraut“
(s. Kräuterweihe). In der Pfalz hängt
man in den protestantischen Gegenden
statt des Wurzwischs ein Bündel Sch.
an Stall und Scheuer zur Abwehr der
Blitzgefahr 3 ). In der Oberpfalz 4 ), ferner
in der Gironde 5 ) schützt sie vor bösem
Zauber. Bei den Slowenen verleiht die Sch.
Zauberkräfte 6 ). Nach einem alten „Zauber¬
buch“ („Von Landgrafen zu Hessen“)
kann man durch das „Sanct Margarethen¬
kraut“ (= Sch.) gutes Glück zum Spielen
haben: „Nim Sanct Margarethenkraut,
da findet man es, 8 Tage vor und 8 Tage
nach Margarethen. In der Wurzel
deßelbigen Krautes findet man rothe
Würmer, nim derselben 3 Stück, und
trage sie bei dir auf der rechten Seiten,
in einen säubern Tüchlein, in einen
Beutel, so hast du Glück und ist solches
Probat. Dieses Kraut muß in zunehmen¬
den Mond gegraben — wo dann die
rothen Würmer gefunden werden“ 7 ).
Vielleicht handelt es sich hier um die
988
Larven einer Gailmücke (Rhopalomyia
millefolii), die am Wurzelhals der Sch.
eiförmige Anschwellungen hervorbringt 8 ),
vgl. auch Knäuel (4,1566). Die Angabe, daß
die Sch. besonders an jenen Stellen wachse,
wo man am Weihnachtstage das Tisch¬
tuch ausschüttet 9 ), beruht wohl auf
einer Verwechslung mit dem verwandten
Mutterkraut (6, 702).
2 ) Reiser Allgäu 2, 156. 3 ) Becker Pfalz
33°- 4 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 220. 5 ) Sebil-
lot Folk-Lore 3, 483, vgl. Rolland Flore pop.
7, 46. 6 ) ZföVk. 4, 152. 7 ) Egerl. 3, 22 = John
Westböhmen 227. 314. ») Roß Pflanzengallen
1911. 8b. •) Perger Pflanzensagen 133.
3. In der sympathetischen Me¬
dizin wird die Sch. oft genannt. Sie
hilft gegen fast alle Krankheiten, nur
muß sie zwischen n und 1 Uhr gesammelt
werden 10 ). Als hochgeschätzte Heil¬
pflanze darf sie auch in der Gründonners¬
tagsuppe nicht fehlen n ). In früheren
Zeiten hing man (z. B. in Thüringen)
Sch.nkränze in den Häusern als Pest¬
schutz auf 12 ). Gegen Fieber bricht man
im Saargebiet neun Sprossen der Sch.
ab, zerschneidet sie und gibt sie dem
Fiebernden in einem Löffel voll Suppe zu
trinken, am 2. Tag verfährt man genau
so mit acht Sprossen usw. Am 9. Tag
soll dann das Fieber vergangen sein 13 ).
Wenn die Sch. hin und wieder (z. B. in
Bayern) gegen Rückenschmerzen und
Kreuzweh verwendet wird, so beruht
dies vielleicht darauf, daß die Blätter
der Sch. entfernte Ähnlichkeit mit dem
Rückgrat haben, vgl. auch den öster¬
reichischen Volksnamen „Herrgotts
Ruckenkraut“ 14 ). Ist einem Stück Vieh
ins Auge geschlagen oder gestoßen, so
daß man fürchten muß, es könne das
Auge verlieren, so wendet man dieses
Unglück durch folgenden Zauberspruch
ab: „Es gingen drei Brüder frisch aus.
Es begegnete ihnen der liebe Herr Jesus
Christ und fragt sie: Was suchet ihr?
Wir suchen das Kraut, das vor allem
Schaden gut ist. Gehet hin auf den
Mosisberg, nehmet das öl von den Blumen
der Wollen- [Wollkraut, Verbascum ?] und
Sch.n, drückt darauf und drein, daß
nichts beschwört noch begehrt [— eiter-
gärig wird, vgl. Höfler, Krankheitsnamen
989
177], daß es keinen Eiter mehr giebt.
Im Namen usw.“. Diese Besprechung
wird dreimal hintereinander vor Sonnen¬
aufgang wiederholt (Neudorf bei Grau-
■denz) 15 ). Gegen Wechselfieber legt man
einen kleinen Beutel mit Sch. auf die
Herzgrube und die Füße 16 ). Dem
Glauben an die schlafmachende Wirkung
der Sch., von dem auch die hl. Hilde¬
gard 17 ) spricht, liegen vielleicht anti¬
dämonische Anschauungen zugrunde. In
der deutschen Volksmedizin ist dieser
Glaube nicht nachzuweisen 18 ). Im
Bayerisch-Österreichischen heißt es viel¬
fach, daß die weißblühende Sch. für die
Weiber, die rotblühende dagegen (s.
unter 1) für die Männer gehöre 19 ), im
Böhmerwald glaubt man jedoch das
Umgekehrte 20 ). In Tirol dient der Tee
von den roten Blüten bei Ausbleiben
der Menstruation, der von den weißen
Blüten gegen Magenbeschwerden 21 ). In
manchen Gegenden stecken die Kinder
die Fiederblättchen der Sch. in die Nase,
um „künstlich“ Nasenbluten hervorzu¬
rufen. In England dient dieses Nasen¬
bluten als Liebesorakel 22 ).
10 ) D. Kuhländchen 10 (1928), 10. n ) Drechs¬
ler Schlesien 2, 209. ia ) Wolff Scrut. amul.
-medic. 368, vgl. Montanus Volksfeste 144;
Schönwerth Oberpfalz 3, 20. 13 ) Schneider
Heilmittel u. Heilbräuche im Saar gebiet 1924,
31. 14 ) Mar zell Heilpflanzen 209 f. l5 ) Frisch¬
bier Hexenspruch 34. 16 ) Wirth Beiträge
6/7, 28. 17 ) Causae et curae. Ed. Kaiser 1903,
184. 18 ) Marzeil Heilpflanzen 211 f. 19 ) Mar-
zell Bayer. Volksbotanik 156. 20 ) DbotMon.
17 {1899), 75. 21 ) Tiroler Heimatbl. 3 (1925),
H. 8/9, 24. 22) Marzell Schafgarbe- Nasen-
bluten-Liebesorakcl in: ZfVk. 30/32, 69—-71;
im Samtal läßt ein Kranz aus „Gochal“ (= Sch.)
in der Johannisnacht den „Zukünftigen'* im
Traume sehen: Hör mann Volksleben 115.
4. Von den alpinen Sch.n wird be¬
sonders im Volk die weiße Sch. (A.
Clavenae) geschätzt, die als „Abraute“,
„Hobrat“ (s. auch Eberreis 2, 527) die
bösen Geister vertreiben soll 23 ). Auf
dem Ötscher (Niederösterreich) ist sie
ein Bestandteil der täglichen „Maul¬
gabe“ des Viehes 24 ). In Kärnten zählt
sie zu den an Maria Himmelfahrt (15. Aug.)
geweihten Kräutern 25 ). Das gleiche gilt im
Suldental von der verwandten Moschus-
Sch. (A.moschata) 26 ). S. auch Sumpfgarbe.
23 ) Unger u. Khull Steir. Wortschatz 8.
24 ) Höfer u. Kronfeld Volksnam. d. nieder-
österr. Pflanzen 1889, 63. 25 ) Dalla Torre
Alpen fl. im Wissensschatze d. deutsch. Alpen¬
bewohner 1905, 12. 2< ) Andree-Eysn Volks¬
kundliches 102. Marzell.
Schafläuse (Schafzecken) werden
gegen Epilepsie (Braunschw.) x ) und,
dem Kranken ohne sein Wissen gewöhn¬
lich in gekochten Zwetschken gegeben,
gegen Gelbsucht verwendet (Lippe) 2 );
drei Stück auf die drei Essenszeiten in
je einem Stückchen Brot gegessen helfen
gegen Leberkrankheit (Württ.) 3 ). —
Wenn sich die Sch.zecke in den Nacken
einbeißt, wächst der Hanf hoch; je tiefer,
desto niedriger wächst er 4 ). — Von ge¬
wissen, dem Ricinus (Schaflaus, gern.
Zecke, Holzbock) ähnlichen Käfern wird
Erde aufgeworfen, die man 3 Tage lang
auf Kropf und gichtkranke Teile legte;
man blieb dann ein ganzes Jahr vom
Übel verschont 5 ). In Würzburg wiederum
gab man 7—9 Würmchen aus der Schaf-
kunze (Larve der Rosengallwespe: rho-
dites rosae) in Rotwein unter gewissen
Sprüchen gegen Fallsucht 6 ).
*) Andree Braunschweig 423. a ) ZrhwVk.
1907, 230. 3 ) Höhn Volksheilkunde 1, 106.
4 ) Urquell 4 (1893), 89. 5 ) Hovorka u. Kron¬
feld 2, 14. ®) Ebd. 2, 215; Lammert 273.
Herold.
Schaflorbeeren s. Hammel 3, Schaf 4.
Schafwolke s. Wolke.
Schalensteine , Näpfchensteine. Seit
geraumer Zeit haben die Archäologen ge¬
wissen Steindenkmälem ihre Aufmerk¬
samkeit zugewandt, die nach der Form
der auf ihnen vorkommenden Zeich¬
nungen und Vertiefungen Sch.- oder
Näpfchensteine genannt werden. In Schles¬
wig-Holstein vergleicht der Volksmund
diese Vertiefungen mit einem Uhrglas;
in Dänemark nennt man die Steine nach
den Vertiefungen in einem Festgebäck
aebleskivestene (Aepfelscheibensteine).
Die Sch. sind verbreitet durch ganz
Europa und sind auch in Asien und
Nordamerika nachgewiesen. Zahlreich
finden sie sich in Nord- und Westeuropa
in den von Germanen in der Urzeit be¬
wohnten Gebieten. Die roh eingegrabenen
Zeichnungen kommen nicht nur auf
991
Schall—Schallmei
992
freiliegenden einzelnen Steinen (errati¬
schen Blöcken), sondern auch auf an¬
stehenden Felsen vor. Auf skandinavi¬
schen Felsen sind mit den Schälchen
figürliche Darstellungen untermischt.
Wenn auch manche dieser Vertiefungen
natürlichen Ursachen ihre Entstehung
verdanken mögen, z. B. dem Wasser, das
die weichen Teile auswusch, so weisen
doch in den meisten Fällen bestimmte
Merkmale, verbindende Linien, unter¬
mischte andere Zeichen darauf hin, daß
eine künstliche Bearbeitung vorliegt. Ihre
Bedeutung ist trotz mannigfacher Deu¬
tungsversuche noch nicht sicher bestimmt,
doch wird man, solange keine bessere
Erklärung sich findet, an einer religiösen
Bedeutung der Näpfchensteine festhalten
müssen, zumal oft das Radzeichen, das
Sinnbild des Sonnenkultus der Germanen,
mit den Näpfchen vermengt ist x ). Wo,
wie in Schleswig, die Näpfchensteine in
prähistorischen Grabhügeln oder als Grab¬
decksteine Vorkommen, ist wohl, wie
Mestorf nachzuweisen versuchte, ihre Be¬
ziehung auf den Totenkultus (Opfermahl
bei den Begräbnisfeiern) kaum anzu¬
zweifeln 2 ). Der Volksaberglaube ver¬
bindet mit den Näpfchensteinen mythi¬
sche Vorstellungen, die sich in volks¬
tümlichen Benennungen widerspiegeln.
So heißen sie in Schweden elfstenar
(Elfensteine), elfquarnar (Elfenmühlen),
und man glaubt, daß unter ihnen Elben
wohnten und sich der Grübchen be¬
dienten, um ihr Mehl darin auszumahlen.
Noch heutigen Tages wird in Schweden
auf den Elbensteinen geopfert, indem
man die Schälchen mit Fett salbt und
irgendeine kleine Gabe (Nadel, Münze,
Bändchen, Blumen) hineinlegt. Man tut
das, um sich vor der Rache der unter
den Steinen hausenden sehr empfind¬
lichen ,,Kleinen“ zu schützen, aber auch
um bei Krankheiten (hauptsächlich Fieber,
Hautkrankheiten) Heilung von ihnen zu
erbitten. An Orten, wo kein Sch. in der
Nähe bekannt ist, schleift man an den
Mauern von Kirchen kleine Höhlungen
aus; in den so ausgegrabenen Näpfchen
an der Marienkirche in Greifswald fanden
sich Spuren, daß Fett in sie gerieben
wurde; das Fieber wurde in sie von
Kranken ,.hineingepustet“. Die Näpfchen
an einer Kapelle in Kanton Wallis werden
immer tiefer hineingeschliffen, weil das
herausgeriebene Ziegelmehl Kranken als
Medizin gereicht wird 3 ). Von dem
Näpfchenstein bei Göhren, dem sog.
Buskahm (slav. Gottesstein), geht die
Sage, die Seejungfern hielten auf ihm in
der Johannisnacht Reigentänze ab; wenn
heute eine Hochzeit gefeiert wird, be¬
geben sich alle Hochzeitsgäste zu dem
Steine und führen auf seiner Platte einen
Reigentanz auf. Nach dem Näpfchen¬
stein zwischen Schönebeck und Trampke
sollen Riesen vom Sivalinsberge her Kegel
geschoben haben 4 ) (wahrscheinlich ein
Erklärungsversuch, wie die runden Ver¬
tiefungen in dem Steine entstanden sind).
Einer der gewaltigsten und schönsten
Sch. ist der von St. Luc, in dem sich
360 kreisrunde Löcher befinden. Der
Volksmund sagt, Feen hätten ihn aus
Rache nachts auf St. Luc herabrollen
wollen, sie hätten aber nicht vermocht
ihn von der Stelle zu bringen, sie hackten
ihre Absätze mit solcher Kraft hinein,
daß die Abdrücke zurückblieben, und
stemmten ihre Hüften so an, daß die
Spuren davon an dem Steine haften
blieben 5 ).
*) Helm Religgesch. 1, 231 u. 173 f.; Hoops
Reallex. 4, 90; Mestorf in MittanthrVer. Schles¬
wig-Holstein (1888) 7, 23. — Ältere Literatur
bei Zedier 23, 1407 s. v. Näpfchenstein.
2 ) Mestorf a. O. 7. 27 (25); 3, 24; 8, 16-
(Zfschlesholst.lauenbGesch. 14, 339 — 344).
3 ) eb. 7, 23t.; Rtitimeyer Urethnographie
368 ff. *) Jahn Pommern 168 Nr. 213; Haas-
Rügen 71 u. Mönchgut (Progr. Stettin 1905),
*3 u - I 3 3 - 5 ) Jegerlehner Unterwallis 181
Nr. 22 (vgl. Oberwallis 307 zu Nr. 22).
Abbildungen bei Helm a. O.; Mestorf 3, 18
u - 7 * 25 f. Olbrich f.
Schall s. Glocke.
Schalmei. Die griechischen auXot (lat.::
tibiae) waren, wie genaue Untersuchungen
erhaltener Exemplare und der Aussagen
antiker Autoren ergaben *), Doppelrohr-
blatt-Instrumente 2 ); die auch heute noch
übliche Gleichsetzung mit „Flöten“ ist
daher irreführend 3 ). Es wurden diese
antiken S.en vielfach zu religiösen Hand¬
lungen herangezogen, so vor allem beim
i
993
Schalmei
Dionysos- 4 ), Kybele- 5 ) und Korybanten¬
kult 6 ) zwecks Herbeiführung ekstatischer
Zustände; sie erklangen auch bei Opfer¬
handlungen 7 ) und Begräbnisfeiern 8 ), wo
sie mit ihrem scharfen, durchdringenden
Ton offenbar apotropäischen Zwecken
dienten 9 ). Auch anderweitige bezaubernde
Wirkung schrieb die Antike der S.musik
zu; diesbezügliche Anekdoten und Er¬
zählungen wurden bis in die Neuzeit
herein von Autor zu Autor überliefert 10 ).
Die Instrumente selbst fanden freilich
mit dem Ausgang der Antike den Weg
nicht zu den Nachfolgestaaten, sondern
hielten sich nur in Ostrom, und so bezog
auch Deutschland die S. erst im Hoch¬
mittelalter als ein fremdes Kulturgut, das
letzten Endes aus Arabien stammte. Es
bedurfte allerdings noch vieler Ver¬
besserungen, bis aus dem mittelalter- ;
liehen Instrumente unsere heutige klang- |
schöne Oboenfamilie entstand 11 ). Ver¬
gessen sei aber nicht, daß daneben heu¬
tigen Tages noch die Knaben zur Maien¬
zeit auf eine recht urtümliche Weise sich
„Schulmeien“ anfertigen, auf denen sich
zwar keine Melodie blasen, aber tüchtig
lärmen läßt 12 ).
Eine abergläubische Verwendung findet
die S. bei uns gerade in ihrer Eigenschaft
als Lärminstrument: wenn es gilt, am
Walpurgisabend die Hexen auszutreiben,
so werden zu diesem Zwecke S.en aus
dicken Weidenstämmchen hergestellt, um
damit vor den verdächtigen Häusern zu
blasen 13 ), oder es mischt sich das S.tuten
in den übrigen Spektakel, den man am
30. April zum „Hexenauspatschen“ ver¬
anstaltet 14 ).
Doch glaubt man auch, daß den Hexen
bei ihren Gelagen von S.bläsern auf¬
gespielt werde 15 ); fehlt doch hinsichtlich
dieses Aberglaubens kaum irgend ein ge¬
bräuchliches Instrument. Einst fliegen
Hirten mit zum Brocken und fallen mit
ihren S.en in die dort spielende wunder¬
schöne Musik ein. Der Teufel reicht ihnen
aber eine andere S., auf der sich ganz
prächtig spielen läßt, so daß die Hexen
stubenhoch springen. Die Hirten bitten
sich das Instrument aus, müssen aber
am nächsten Morgen sehen, daß es eine
Bächtold-Stäubli , Aberglaube VII
alte Katze war und das Mundstück deren
Schwanz, den sie kurz und klein gekaut
hatten 16 ). Auch Gockelius berichtet 17 ),
daß die Spielleute beim Hexentanze „an¬
statt der Schalmeyen und Sackpfeiffen
einem schäbigen Hund oder Katzen
salv. ven. in den Hindern blasen“. S.spiel
kann auch Hexen anlocken; das erfuhr
ein Schäfer, auf dessen Spiel vier Hasen
aus dem Walde kamen, um darnach, bei
den Pfoten sich fassend, eine „Turichte“
zu tanzen 18 ). Schäfer, die bezecht mit
ihren S.en und Sackpfeifen am Hörselberg
vorbeizogen, wurden gezwungen, 13 Tage
lang im Berge aufzuspielen; sie musizieren
hernach nie wieder und enden ihr Leben
unter stetem Seufzen und Trauern 19 ).
Ganz vereinzelt ist ein Bericht von
reigenden Zwergen, denen mit S.en auf-
gespielt wird 20 ). Ein Beinergerippe, auf
einer S. zum nächtlichen Totentanz auf¬
spielend, ist auf einem Holzschnitt Wohl-
gemuths dargestellt 21 ).
x ) Grundlegende Abhandlung von A. Ho*
ward The attlos or tibia, Harvard studies in
dass, philology IV (Boston 1893). 2 ) Curt
Sachs Die Musikinstrumente (Breslau 1923) 71;
ders. Geist und Werden der Musikinstrumente
(Berlin 1929) 153f.; Pauly-Wissowa 2, 2416t.;
vgl. Encyclop. Italiana 5 (1930), 360; E. Clos-
son Une nouvelle Serie de hautbois egyptiens
antiques = Studien d. Mus.gesch., Festschr. f.
Guido Adler (Wien 1930) S. 17—25. S. a. G.
Kinsky Geschichte der Musik in Bildern
(Leipzig 1929) 17/1. 3 ) Curt Sachs Real-Le x.
der Musikinstrumente (Berlin 1913) 23a. 4 ) Pau¬
ly-Wissowa 11, 2, 2153; H. M. Fitzgibbon
The Story of the Flute 2 (London [1929]) 10;
J. Quasten Mttsik u. Gesang in den Kulten der
heidn. Antike u. christl. Frühzeit (193°) 5 lf -:
Kinsky a. a. O. 19/1. Darstellungen von Dio¬
nysos zeigen diesen oft begleitet von S. spielen¬
den Satyrn oder Mänaden: Usener Sinthflut
112. 116. 118; Roscher Lex. 2, 2, 2264. 226of.;
4, 454. 456. 466. 474f. 489. 515; Plinius hist,
not. lib. 35 cap. 10 (Ausgabe von Sillig 5, 247
§306 nennt einen Satyr mit tibia als Gemälde
des Protogenes). 5 ) Roscher Lex. 1,1, 1037; 2,
1, 1656. 1665. 1668; das Instrument ist für den
Dienst der Göttin erfunden*, s. ebd. 2, 1, 1658.
5. ferner Quasten a. a. O. 52—55. 168. 6 ) Pau¬
ly-Wissowa 11, 2, 1442L — Wenn die Über¬
reizung zum Korybantismus führte, dessen
Hauptsymptom darin bestand, daß die Be¬
sessenen den Klang von S.en zu hören glaubten
und alsdann wie wahnsinnig wild zu tanzen
begannen, galt als bestes Heilmittel, nach ho¬
möopathischer Methode ihnen auf der S. vor¬
zublasen: Abert Lehre vom Ethos (Leipzig
32a
995
Schaltjahr
996
1899) 62. ’) Wi ssowa Religion (1902) 352;
ARw. 7, 272; Pauly-Wissowa 11, 2, 2153;
Quasten a. a. O. 6—13. 16. 2iff. 26ff. 158;
bei Libationen: ebd. 34; Kinsky a. a. O.
9/1 u. 2; 18/4. 8 ) Quasteng. 196 -203. 222f.;
Abert Lehre vom Ethos 62. Vgl. Isidor von
Sevilla Etyrnol. lib. 3 cap. 21,4 (= MSL. 82,
166). — In China, Annam und Tonkin ist die
Oboe ausschließlich Trauerinstrument, s. C.
Sachs Die Musikinstrumente Indiens und
Indonesiens (Berlin 1915) 157. 9 ) Wächter
Reinheit 12; Stengel Opfergebräuche 18
Anm. 5; Samter Geburt 12; Quasten a.
a. O. 37g. 10) Einiges sei angeführt. Die
halesische Quelle fängt bei S.blasen zu
tanzen an: Solinus Polyhistor (Basileae 1543)
S. 27 cap. 11; Henr. Corn. Agrippa La Philo¬
sophie occulte (De la Haye 1727) livre 11 chap. 24
S- 3 ° 9 ; Tharsander Schauplatz 3, 129; vgl.
auch Gesta Romanorum hrsg. v. Oesterley
(1872) 507 cap. 150 mit Anm. S. 737; weitere
Belege s. o. unter Pfeife Anm. 168. — Inseln in
einem lydischen See tanzen nach dem Schall
einer ,,Flöte“: Tharsander Schauplatz 3, 130
(unter Bezugnahme auf Varro); vgl. Plinius
hist. nat. lib. 2 cap. 45 (Ausgabe von Sillig
1. 188 § 209): Agrippa a. a. O. — Von Tieren,
die durch den S.klang bezaubert werden, weiß
natürlich vor allem Aelian zu erzählen. So hält
sich der Aulet Pythocharis durch Spielen auf
seinem Instrument die Wölfe vom Leibe:
AiXtavo'j rrept Ctotuv lotox^xo; ßtßfci* 1? (Basileae
1750) curante Abrahamo Gronovio lib. 11
cap. 28 S. 641; Jo. Bapt. Portae Magiae nat.
hbri viginti (Ffti. 1607) lib. 15 cap. 4 S. 531. —
Den Stachelrochen fängt man, indem man ihn
durch S.spiel an die Oberfläche lockt: Aelian
lib. 17 cap. 18 (S. 937 ); Porta a. a. O. S. 532;
s. ferner oben unter Pfeife Anm. 166. — Auch
Hirsche und Eber lockt man durch S.spiel
aus ihren Verstecken und zwingt sie, zu folgen,
wobei sie in die aufgestellten Netze gehen:
Aelian lib. 12 cap. 46 (S. 717L); Porta a. a. O.
S- 532; vgl. ferner oben 6 , 682 Anm. 417. —
Uber die Wirkung auf Stuten s. Aelian lib. 12
cap. 44 (S. 713t.); Porta a. a. O. S. 532 und
oben 6, 682 Anm. 432. n ) Curt Sachs Hand¬
buch der Musikinstrumentenkunde (Leipzig 1920)
3 I 3“3i6. — Vgl. auch Nordisk Kultur 25
( I 934 )f 67. 12 ) Bayerland 23, 72; SAVk. 7, 145.
— Nach einer Sage aus Rügen (Haas Rüg.
Sagen 5 45f.) bestraft ein sächsischer Fürst einen
Hirtenknaben, der einen jungen Baum seines
Waldes zwecks Verfertigung einer S. abgeschält
hatte [nach altdeutschem Recht] damit, daß
er ihm den Leib aufschneidet, das Ende des
Gedärms um einen [wohl: den beschädigten]
Baum bindet und nun den Knaben um den
Baum jagt, also ,,ausdärmt“. Der Fürst wird
späterhin zum Wode (< Arndt Märchen und
Jugenderinnerungen 1,401 ff. ( 2 33 6);Heckscher
187. 13 ) Bavaria 3 a, 302 (Oberfranken); vgl.
Laube Teplitz 40. 14 ) Bayerland 23, 725.
15 ) Georg Rudolf Widmann Des bekandten
Ertz-Zauberers Doktor Joh. Fausts ärgerliches
Leben u. Ende (Nürnberg 2 1726) 484. 16 ) Pröh-
le Harz 40 Nr. 60; ders. Unterharz n8f. Nr.
311. Vgl. Luck Alpensagen 64f. (Hirtenpfeife
= Katzenschwanz). 17 ) Tractatus Polyhisto -
ricus Magico-Medicus Curiosus (Fft. und Leip¬
zig 1699) 12. 18 ) Kuhn u. Schwartz 90L
Nr. 101; s. dazu die Anm. S. 480. 1 9 ) Bech-
stein Thüringen 1, 124L 20) Haas Rügen -
sehe Sagen 5 (Stettin 1920) 27L Nr. 51. 2 *) Ab¬
druck bei Lüers Payr. Stammeskunde (Jena
C I 933 ]) x 74 - Seemann.
Schaltjahr. Das Sch. 1 ) ist im Volks¬
glauben, wie alles vom Normalen und
Geregelten Abweichende, unglückbrin¬
gend. Es bringt viel Unglück 2 ) und
auch viele Gewitter 3 ). Wichtige Unter¬
nehmungen gedeihen in einem Sch. nicht 4 ).
Wer in einem Sch. oder während der Zeit
der Zwölften heiratet, hat in der Ehe
kein Glück 5 ). Auch was man in einem
Sch. baut oder anpflanzt, gerät nicht 6 ).
Nach französischem Glauben tragen die
in einem Sch. gepfropften Apfelbäume
nur alle vier Jahre Früchte 7 ). Darauf
bezieht sich, wenn es in einer öster¬
reichischen Schrift aus 1682 heißt, „daß
man in den Schalt-Jahren kein junges
Vieh abnehmen oder einigen Baum peltzen
solle“ 8 ).
In einem Sch. ist manches verkehrt
gegenüber den gewöhnlichen Jahren. So
sind die Bohnen mit dem verkehrten
Ende in den Hülsen angewachsen 9 ).
In einem Sch. muß am Neujahrstage der
Glückwünschende ein Geschenk machen 10 ),
und während man sonst einem andern
das neue Jahr „abzugewinnen“, d. h.
mit den Glückwünschen zuvorzukommen
sucht, läßt man im Sch. anderen den
Vortritt 11 ). Im Zusammenhang mit der
bevorzugten Stellung des Weibes im
Frühling (s. Frühlingsfeste) und besonders
im Februar (s. Weibermonat) steht das
in einem Sch. geltende Vorrecht der
Weiber 12 ). In Luxemburg haben dann
die Mädchen das Recht, die Männer zu
freien 13 ). Auf der Ile dTs und in Eng¬
land gilt dasselbe, und die Mädchen
können jeden Mann, der ihnen gefällt,
um die Ehe fragen. Die Galanterie ver¬
bietet es jedem, nein zu sagen; man
kann sich aber durch ein Geschenk
wieder loskaufen 14 ). Im Jahre 1924
haben die Besitzer großer Hotels in
1
Scham, Schamgefühl
998
997
London diesen alten Brauch am 29.
Februar in etwas geänderter Form wieder
zu erneuern versucht 15 ).
Dieser Brauch ist an den Schalttag
selbst geheftet. Schalttage galten schon
bei den alten Mexikanern als Unglücks¬
tage (s. d.), an denen man nichts arbeiten
durfte. Und wer zu dieser Zeit geboren
wurde, galt als Unglückskind 16 ). Nach
deutschem Glauben sehen die am 29.
Februar Geborenen Geister und müssen
sie oft tragen 17 ). Diesen Tag hält das
Volk für den eigentlichen Schalttag,
während der gregorianische Kalender den
24. Februar, wie dies auch schon bei
den Römern üblich war, als Schalttag
einsetzt und die Reihe der Heiligen¬
namen zwischen dem 1.—23. und dem
25. —28. Februar durch diesen einge¬
schobenen Tag trennt 18 ). Und da der
24. Februar sonst der Matthiastag ist
(in einem Sch.e aber der 25.), so verband
das Volk auch die Begriffe Matthiastag
und Schalttag in der Weise, daß es sagt,
Matthias sei an Judas Stelle als Apostel
eingeschaltet worden 19 ). Nach einer
Tiroler Sage sonnt sich alle 100 Jahre
am 29. Februar ein Schatz 20 ). Ähnlich
zeigt sich auch nur im Frühling eines
Sch.es die weiße Frau einem kleinen
Mädchen in der verfallenen Barbara¬
kirche bei Langensteinbach 21 ).
Da unser Kalender die Einschaltung
eines ganzen Monats nicht kennt, fehlt
auch der Begriff Schaltmonat in diesem
Sinne. Mit diesem Wort, das im Chinesi¬
schen als Personenname vorkommt 22 ),
bezeichnet man den Februar als den
Monat, in welchem schon bei den Römern,
zu der Zeit, als der Februar mit dem
Jahresanfang am 1. März der letzte
Monat des Jahres war, der Schalttag
eingeschoben wurde. Als eine Schalt-
periode zum Ausgleich zwischen dem
Mondjahr von 354 Tagen und dem
Sonnenjahr von 366 Tagen hat man
allgemein die Zeit der Zwölften, an die
sich so viel Aberglaube geheftet hat, an¬
gesehen 23 ), wogegen in neuerer Zeit
wahrscheinlich gemacht wurde, daß hier
ein germanisches Abbild des christlichen
Dodekahemeron vorliegt 24 ) (s. Zwölften).
J ) Vgl. M. P. Nilsson Primitive Time-Recko-
ning (Lund 1920) 240 ff. 2 ) Urquell 1 (1890),65;
ZfVk. 20 (1910), 384 (Süderstapel in Stapel¬
holm). 3 ) Urquell 6 (1896), 16. 4 ) Wolf Bei¬
träge 1, 216; Wuttke 87 § 105. b ) Bartsch
Mecklenburg 2, 59. 6 ) Grimm Myih. 3, 442
Nr. 247 = Meyer Aberglaube 231. 7 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 373. 8 ) H. v. Hohberg Georgica
curiosa d. t. Bericht von dem adelichen Land-
und Feldleben (Nürnberg 1682) 1, 192 f. —
ZfVk. 23 (1913), 61. 9 ) Strackerjan 2, 101;
123 Nr. 356 = Wuttke 87 § 105. 10 ) Zfrw-
Vk. 1907, 12 = Sartori Sitte u. Brauch
з, 56. n ) Strackerjan 2, 42. 12 ) Becker
Frauenrechtliches 26. 13 ) Fontaine Luxemburg
32, 145. 14 ) Bächtold Hochzeit 1, 63. Vgl.
H. A. Rose Customary restraints on celibacy
(FL. 30, 61 ff.). 15 ) Le Mondain (Genf), 22. März
1924. 16 ) Frazer 6, 28 Anm. 3; 9, 339 ff.;
K. Weule Leitfaden der Völkerkunde (Leipzig
и. Wien 1912) 45. 17 ) Wolf Beiträge 1, 238;
Wuttke 87 § 105; 316 § 469. 18 ) Pauly-
Wissowa 3, 1, 503. 19 ) Leoprechting Lech¬
rain 160. 20 ) Heyl Tirol 264 Nr. 79. 21 ) Mone
Anzeiger 5. 321 = Grimm Myth. 2, 805 —
Mannhardt Germ. Mythen 470 t. 22 ) ZfVk. 2
(1892) 321. 23 ) Frazer 9, 325 ff., 34 2
24 ) Schräder Realiex. 392. Jungbauer.
Scham, Schamgefühl. „Über das Sch.
bei den verschiedenen Völkern ist zu
allen Zeiten viel geschrieben. . . . Einige
Ethnographen versuchten gar ihr Glück
mit einer Einteilung der Völker in scham¬
hafte und schamlose“ 4 ). Kinder wurden
bei älteren Kulturvölkern nicht be¬
kleidet 2 ), kleine Kinder laufen, auch bei
uns, ohne Scheu nackt umher, bis sie
auf das Schickliche und Unschickliche
hingewiesen werden. Bei den Wilden
wird die Bekleidung angelegt zur Zeit der
beginnenden Pubertät 3 ). Diese Anfänge
der Kleidung deuten die einen Forscher
als ein Zeichen des sich regenden und
allgemein menschlichen Sch.s 4 ), die an¬
deren erklären, daß es ein solches nicht
gebe, daß bei der Bekleidung von Hüften,
Hals und Scheitel des Menschen lediglich
der Wunsch des Schmuckes 5 ) oder der
Auszeichnung vor anderen bestimmend
sei 6 ), daß höchstens in kälterer Gegend
das berechtigte Verlangen, sich gegen
die Witterung zu schützen, zur Be¬
deckung des Körpers gezwungen habe 7 ).
Während die einen Forscher den Scham¬
reflex, das Erröten des Weibes, als den
Rest vom Zorn des Urweibes gegen den
es packenden Mann erklären 8 ), so wollen
999
Scham— Scharbe
1000
andere, wie Visscher und Schmitz, ein
ursprüngliches, allgemeines Sch.gefühl
moralischer oder ästhetischer Art kon¬
statieren. Man weist einmal auf die
Schamlosigkeit mancher Negertänze hin 9 )
und redet anderseits von einer scheuen
Sittsamkeit, die den Weibern der Wilden
eigen sein soll und auch dem Manne
nicht fehle 10 ). Um den Gegensatz auf
die Spitze zu treiben, werden Perversitäten
des Sch.gefühls angeführt. „Die Araberin
zeigt Busen, Bein und Fuß, aber nicht
das Hinterhaupt“ u ). Das Gesicht zu
zeigen, gilt den mohammedanischen
Frauen meist für frevelhaft 12 ). Als
Grund wird angegeben die Furcht vor
dem Zauber, vor dem bösen Blick 13 ),
man weist daneben auf praktische Gründe
hin, da in der Wüste Staub und Hitze
zum Verhüllen des Gesichtes zwingen.
Sicher erscheint, daß bei wilden und
zivilisierten Völkerschaften die Eifersucht
des Mannes viel darauf hingewirkt hat,
der Frau eine vollständigere Verhüllung,
als sie für den Mann nötig erschien,
zu gebieten 14 ). Unter den Wilden trägt
die Frau eher eine Hülle oder Kleidung
als die Mädchen. Es soll angezeigt
werden, daß sie fortan nur einem gehört.
Der Begriff des Sch.gefühls soll ein
merkwürdiger, undefinierbarer sein, weil
ihn jedes Volk anders deute 1S ). Kant
löst von seinem Standpunkt aus die
Frage, indem er von den beiden mächtig¬
sten Trieben ausgeht, die das Leben der
Menschen beherrschen, und den Wider¬
streit zwischen den natürlichen Begeh¬
rungen und der moralischen Bestimmung
des Menschen zeigt: das natürliche Ver¬
hältnis von Mann und Weib fällt unter
den Begriff des Naturtriebes, er wider¬
streitet dem Begriff der menschlichen
Würde 16 ). Der homo noumenon schämt
sich seiner tierischen Empfindungen. —
In dem Verhältnis beider Geschlechter
hat das Weib das zartere Gefühl, es fühlt
seine Schwäche, die Scheu, und Sitt¬
samkeit gibt ihm den Schutz. Wenn
sich daher die Frauen der Perser und
Spartaner vor ihren fliehenden Männern
entblößten, so sollten diese wohl durch
die schimpfliche Gebärde erinnert werden.
daß sie die Pflicht hatten, für das Weib
gegen den Feind zu streiten 17 ).
*) Urquell 2 (1891), 180. 2) L i p p e r t Kultur-
gesch. 1, 443. 3 ) Schmitz Tracht S. 44. 4 ) Vis¬
scher Naturvölker 1, 121 —124. 5 ) Ebd. 120 1 .
| e ) Schmitz Tracht S. 34. 7 ) Ebd. S. 4. 8 ) ARw.
21.179. 9 ) Schmitz Tracht S. 9. 10 ) Visscher
Naturvölker 1, 122. n ) Schmitz Tracht S. 51t.
12 ) Ebd. S. 50 f. 13 ) Stern Türkei 2, 161 u. 407.
14 ) Schmitz Tracht S. 17. 1S ) Stern Türkei
2, 163. 1«) Kant Smtl. Wke (Ha. 1838) 5, 254.
17 ) Seligmann 2, 204. f Boette.
Scham s. Geschlechtsteile.
Schämeler s. 5, 1766.
Schande. Der Begriff ist bekannt, das
Wort viel im Volke gebraucht. Luther
wendet das Wort oft an in der Bedeutung
von entehren, entheiligen. Eine große
Schandtat ist, wenn sich nahe Bluts¬
verwandte miteinander vergehen (3. Mose
21, 7). So versteht auch das Volk meist
unter Sch., an der Ehre Schaden leiden. —
Ehrliche Mädchen erhalten die Ehrung
durch den Maibaum, unehrliche, d. h.
solche, die ihre Ehre verloren, oder in der
Liebe wankelmütig waren oder sich Haß
und Verachtung zugezogen hatten 1 ), er¬
halten den Schandmai. Ein Sch.nzeichen
ist es, wenn vor die Tür eines Burschen
und seines Mädchens der Abfall von
Gemüse gestreut wird 2 ), oder Häckerling
von der Wohnung des einen bis zum
Hause des anderen 3 ). In Grömbach
wird der Sch.nkloß durch den Ort gejagt
und gewaltig dazu geknallt 4 ).
*) Mannhardt (1875) 163 ff. 2) Sartori
Sitte u. Brauch 3. 175; Wrede RheinVk. 263;
Sartori Westfalen 163. 3 ) ZdVfVk. 10 (1900),
43. 4 ) Sartori Sitte 3, 19. f Boette.’
Scharbe, f. und m. (Phalacrocorax),
eine Vogelfamilie zu der auch der Kor¬
moran (Ph. carbo) gehört 1 ). Nach alt¬
überliefertem Glauben verdaut die Sch.
ihre Speise nicht 2 ), weil sie keinen
Magen hat 3 ). Anderseits sagt Gesner
in seinem „Vogelbuch“ (1582) fol. 47
verso: „Etliche kürsiner bereitend sein
haut, damit die als ein Brusttuch auff
den magen gelegt werde, als ob sy ein
krafft zu töuwen (verdauen) in jren
habe: dan man sagt, daß dieser vogel ein
gantz starcken vnd woltöuwenden
magen habe. Darumb man gmeinlich
von einem frässigen menschen sagt, er
habe ein Sch.nmagen“.
x ) Vogelbrehm (1927) 54ff-; Suolahti
Vogelnamen 3930. 2 ) ,,daz er [pellicanus] nieht
■des neferdeuue, des er ferslindet; nieht mer
danne hier in disen seuuen diu scarba", Notker
zu Psalm 101 V. 7. 3 ) Traugermundslied Str. 4:
„der sch. ist äne magen": MSD. 1, 193 und
dazu 2, 307. Iioffmann-Krayer.
Scharbockskraut (Feigwarzenkraut; Ra-
nunculus ficaria, Ficaria verna).
1. Zu den Hahnenfußgewächsen ge¬
hörige Frühlingspflanze mit nierenförmigen
Blättern und gelben glänzenden Blüten 1 ).
In den Blattachseln entstehen weiße,
weizenkomähnliche Brutknospen, die
später zu Boden fallen, bei Regengüssen,
dann in großen Mengen zusammen¬
geschwemmt werden und vielleicht Anlaß
zu den Sagen vom Getreideregen gegeben
haben 2 ), vgl. auch den alten Namen
„Erdgerste“ für das Sch. In der Pfalz
spricht man von einem „Mannarege“ 3 ).
Im Kanton St. Gallen gaben diese Brut¬
knöllchen gegen Ende der 40er Jahre
des vorigen Jahrhunderts Veranlassung
zur Sage vom Kartoffelregen 4 ). „Ge¬
treideregen“ soll in Schlesien gefallen
sein in der Nacht vom 25. zum 26. Juni
1571 5 ) und am 18. August 1606 um
Görlitz, im Jahre 1857 in Dittmannsdorf
bei Neiße 6 ). In letzterem Falle sammelte
das Volk die Körner und buk von ihnen
Brot, das etwas bitterlich schmeckte.
Professor (der Botanik) Goeppert in
Breslau soll die eingesandten Proben
untersucht und als Knöllchen des Sch.s
festgestellt haben.
x ) Marzell Kräuterbuch 466. 2 ) Pieper
Volksbotanik 14. 3 ) Wilde Pfalz 57. 4 ) Wart¬
mann St. Gallen 64. 5 ) Kühnau Sagen 3, 451 f.;
•ebenso 1571 in Zittau: MnböhmExc. 3, n6f.
*) Kühnau a. a. O. 3, 455.
2. Daß man das Sch. gegen Feig¬
warzen 7 ) und Hämorrhoiden 8 ) ver¬
wendete, geht auf die „Signaturenlehre“
zurück: Die Wurzelknollen des Sch.s
haben Ähnlichkeit mit Feigwarzen oder
Hämorrhoidalknoten.
7 ) Höfler Krankheitsnamen 126. 8 ) Dodo-
naeus Pemptades 1616, 49; Hermant et Boo-
mans La medecine popul. 1928, 25. Marzell. ;
Scharfrichter s. Nachtrag.
Scharlach s. Nachtrag.
Schatten s. Nachtrag.
Schatz. Einleitung. Der Glaube an
unterirdische Schätze und an magische
Mittel, in ihren Besitz zu gelangen, spielt
im Aberglauben des Volkes eine große
Rolle. Zufällige Funde und die Hoffnung,
durch Finden einesS.es schnell und mühe¬
los reich zu werden, belebten den S.aber-
glauben immer von neuem.
1. Schätze und S.orte. Die Schätze,
die das Volk im Innern der Erde ver¬
mutet, sind verschiedener Größe und Ge¬
stalt. Nach dem Glauben des Volkes
liegen Geldkessel- und -töpfe vergraben
in allen Stellen in und außer dem Hause x ).
Wo das Gras üppiger wächst 2 ), kein
Schnee liegen bleibt 3 ), des Morgens kein
Tau liegt 4 ), wo eine Sternschnuppe hin¬
fällt 5 ), der Regenbogen die Erde be¬
rührt 6 ), liegt ein S. vergraben. Gewaltige
Schätze unbekannter Herkunft ruhen in
den S.kammern der Berge 7 ). Sie sind
aufgestapelt in großen Fässern und
Truhen 8 ). Unermeßlich, unerschöpflich
sind die Vorräte 9 ), eine eiserne Tür ver¬
sperrt den Eingang zur S.höhle 10 ). Solche
S.berge gibt es in großer Anzahl. Auch
die Berge, in denen Zwerge hausen 11 ), die
weiße Frau ein- und ausgeht 12 ), in denen
die Bergentrückten wohnen 13 ), wo der
Kaiser und das schlafende Heer ihre Ruhe¬
stätte haben 14 ), haben gewaltige Schätze
in ihrem Innern. Krönt den S.berg eine
Burgruine, ein verfallnes Schloß, werden
die Schätze als versunkene, verwunschene,
verzauberte Burgreichtümer gedeutet 15 ).
Mitunter gibt die Volksphantasie den
Schätzen eine bestimmte Gestalt. So
sucht man im Norden Deutschlands die
goldene Wiege 16 ), im Süden ein goldenes
Kegelspiel 17 ), ein Spinnrad 18 ), einen
goldenen Pflug 19 ). Goldene Enten und
Gänse sitzen auf goldenen Eiern 20 ), eine
Gluckhenne hütet goldene Küken 21 ).
2 ) Kühnau Sagen 3, XLVI f. 2 ) Scham¬
bach-Müller Sagen 108 ff. 3 ) Birlinger
Volkssagen 1, 100. 4 ) Praetorius Weltbeschrei¬
bung 307. 422. 5 ) Grohmann 32. 6 ) Ebd.
41. 7 ) Kühnau Sagen 3, XLVff.; 3, 646.
8 ) Vernaieken Mythen 131. 9 ) Kühnau
Sagen 3, 643. 10 ) Kuhn Westfalen 64 Nr. 51;
Sepp Religion 15. 11 ) Meiche Sagen 339
Nr. 438; 316 Nr. 418. 12 ) ZfdMyth. 1
(1:853)» 193 : Gräber Kärnten 112; Kuhn
1003
Schatz
Schatz
1006
1004
1005
Sagen 10 Nr. 14; Panzer Beitr. 2, 133. 13 ) Heyl
Tirol 384 Nr. 63; SAVk. 25, 289 u. 299;
Kühnau Sagen 3, 649; Meiche Sagen 38
Nr. 34; 742 Nr. 914. l4 ) Gräber Kärnten
96—106; Kühnau Sagen 3, 670. 15 ) Ebd.
3 » 585. 18 ) Bartsch Mecklenburg i, 263;
Lau ff er Niederd. Volksk. 89; Tettau-Temme
2 35 - 17 ) Heyl Tirol 504 Nr. 69; Vonbun
Sagen 123. 18 ) Schell Sagen 9 Nr. 23;
354 Nr. 911. l9 ) Panzer Beitr. 1, 295.
20 ) Witzschel Thüringen 242; Meiche Sagen
863 Nr. 1075; Sommer Sagen 63; Knoop
Schatzsagen 29. 21 ) Heyl Tirol 514 Nr. 80;
Panzer Beitr. i, 315.
2. Eigenschaften der Schätze. In
den Besitz vergrabener Geldschätze zu
gelangen, wird dadurch erschwert, daß
sie die Fähigkeit besitzen, ihren Standort
wie ihre Gestalt zu verändern. So heißt
es: die Schätze rücken fort 22 ), sie wach-
sen 23 ), sie fallen und steigen 24 ). Nur
alle sieben 25 ), alle hundert 26 ) Jahre
kommen sie an die Oberfläche der Erde,
wo sie sich als blaue Flämmchen 27 ), als
„Schatzfeuer' 1 anzeigen. Das Volk sagt:
ein S. sonnt sich 28 ), er blüht 29 ), er
brennt 30 ), spielt 31 ); es buttert Gold 32 ).
Er blüht auch in bestimmter Gestalt als
Lilie 33 ), als Kugel 34 ). Das Blühen der
Schätze geschieht meist nachts 35 ). Und
nur zu bestimmten Zeiten, die für die
Hebung günstig sind. Oft wird ein S.
gar nicht als solcher erkannt; denn er
erscheint in Gestalt eines wertlosen Gegen¬
standes, so als glühende Kohlenstück¬
chen 36 ), Laub 37 ), Knochen 38 ), Kutter 39 ),
Strohhalme 40 ), Haselnüsse 41 ), Flachs-
knotten 42 ), Nägel 43 ) und ähnliches. Man
hebt die Dinge auf, wirft sie aber als j
wertlos weg. Ein zufällig an der Kleidung |
hängengebliebenes Stück oder das in die |
Tabakspfeife gelegte Stück glühender j
Kohle erweist sich zu Haus als pures Gold. |
Diese Täuschungen der Geister zu er¬
kennen, empfiehlt der große Paracelsus
die Feuerprobe 44 ).
22 ) Meiche Sagen 714 Nr. 884; Birlinger
Aus Schwaben 1, 267. 23 ) Heyl Tirol 630
Nr. 96; ZföVk 4 (1898), 226. 24 ) Meier Schwaben
1, 151; Kühnau Sagen 3, 684. 2S ) Eckart
Südhannov. Sagen 73; Bindewald Oberhessen
1; Meier Schwaben 2, 505; Birlinger Volkst.
1, 81. 2 ®) Meier Schwaben 1, 151; John West¬
böhmen 528; Heyl Tirol 264 Nr. 79; Meiche
Sagen 715 Nr. 886. 27 ) Kühnau Sagen 3, 690;
Bartsch Mecklenburg 1, 245; Müller Sieben - !
bürgen 89. 28 ) Reiser Allgäu i, 249, 255. 1
29 ) Panzer Beitr. 1, 284. 30 ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 245; Meiche Sagen 715 Nr. 886.
31 ) Meiche Sagen 733 Nr. 905. 32 ) Sepp
Religion 237. 33 ) Heyl Tirol 162 Nr. 68.
34 ) Heyl Tirol 633 Nr. 99. 35 ) Heyl
Tirol 461 Nr. 20. 38 ) Knoop Schatzsagen 5;
Lohmeyer Saarbrücken 323; Eisei Voigtland
46 Nr. 102; Reiser Allgäu 1, 246; Bindewald
Oberhessen 201. 37 ) Vonbun Sagen 122; Heyl
Tirol 385 Nr. 64. 38 ) Bechstein Thüringen
2, 436. 39 ) Meiche Sagen 697 Nr. 863. 40 ) Mei¬
che Sagen 702 Nr. 869. 41 ) Heyl Tirol 635
Nr. 99. 42 ) Grimm Sagen 141 Nr. 10. 43 ) SAVk.
25 S. 58. 44 ) Paracelsus De occulta philo -
Sophia 52.
3. S.hüter. Die unter der Erde ruhen¬
den Schätze sind selten unbewacht.
Irgend ein böser oder guter Geist wacht
über dem S. und verhindert bzw. er¬
möglicht die Hebung. Am häufigsten
begegnet der Teufel als S.hüter 45 ). Alles,
was drei Fuß unter der Erde liegt, gehört
dem Teufel 46 ). Er vermag sogar, Schätze
durch die Luft zu tragen 47 ). Am jüngsten
Tage fallen ihm alle bis dahin noch nicht
gehobenen Schätze als Besitz zu 48 ). Beim
Vergraben werden ihm Geldschätze zur
Obhut übergeben 49 ). Er sucht daher,
die Hebung nach Möglichkeit zu ver¬
eiteln. Er erscheint an der S.stelle in
schreckenerregendem Aufzug, so mit
einem Menschen- und einem Pferdefuß,
bekleidet mit wassergrüner Hose und
rotem Kleide 50 ), auf einem Faß reitend 51 ),
mit einem Galgen 52 ) oder einem glühen¬
den Wagenrade 53 ), in Gestalt eines Tieres,
(eines Bären 54 ), Hahnes 55 ) oder Hundes) 56 ),
Tiere treten auch selbständig als S.hüter
auf. Ein schwarzer Hund sitzt am S.-
feuer 57 ), Schlangen 58 ), Kröten 59 ) und
Frösche 60 ) erscheinen am S.ort. In den
Alpen hüten große Würmer, sogenannte
Lindwürmer Schätze 61 ). Als S.hüter be¬
gegnen uns auch arme Seelen 62 ) und
Graumännlein 63 ). Sie haben zu Lebzeiten
auf Unrechte Weise Geld erworben und
vergraben. Deshalb müssen sie solange
am S.e büßen, bis derselbe gehoben ist.
Ihre Erlösung hängt von der glücklichen
Hebung des S.es ab 64 ). Sie suchen deshalb
die Hebung zu fördern. Sie beschenken
die Menschen 65 ), winken sie herbei 66 ),
zeigen ihnen die S.stelle 67 ) und fordern
zur Hebung auf 68 ). Die Bewohner des
S.berges stehen mit den Schätzen in loser
Beziehung. Der weißen Frau kommt es
auf ihre Erlösung an. Dem glücklichen
Erlöser schenkt sie die Schätze als Be¬
lohnung 69 ). Die Zwerge spielten als Hüter
und Besitzer der Bergschätze im Mittel-
alter eine größere Rolle als im heutigen
V olksglauben 70 ).
4S ) Kühnau Sagen 3, 166; Knoop Schatz¬
sagen 8; Müilenhoff Sagen 271 Nr. 312;
Strackerjan 1, 323; Birlinger Aus Schwaben
1, 456; Eisei Voigtland 11 Nr. 21; Müller
Siebenbürg. 99. 48 ) ZfdMyth. 1 (1853), 243.
47 ) Strackerjan 2, 220 Nr. 464. 48 ) Renner
5100. 49 ) SAVk. 25, 288; Knoop Hinterpomm.
74; Müilenhoff Sagen 41 — 43; Praetorius
Weltbeschr. 178; Theoph. Albinus 486.
*°) Pröhle Unterharz 61. 51 ) Kühnau Sagen
3, 595. 52 ) Kühnau Sagen 3, 561. 53 ) Bartsch
Mecklenburg 1, 252. 54 ) Tettau-Temme 141.
<5S ) Knoop Schatzsagen 26. 68 ) Eckart Süd¬
hannov. Sagen 177; Panzer Beitr. 2, 67.
* 7 ) Kühnau Sagen 3, 604; Knoop Hinterpomm.
73; Schell Sagen 12 Nr. 31; Kuhn Westfalen
11 Nr. 14; SAVk. 25, 235; Birlinger Volkst.
1, 84; Eisei Voigtland 135 Nr. 359; Stracker¬
jan 1, 323. 58 ) Herzog Schweizersagen 2, 17;
Meiche Sagen 277 Nr. 357; Grohmann 214;
Panzer Beitr. 1, 37; Schell Bergische Sagen
258 Nr. 689. 59 ) Ebd. 172 Nr. 703; 153
Nr. 446; Eisei Voigtland 154 Nr. 419; Meiche
Sagen 277 Nr. 357; Vonbun Sagen 129; Heyl
Tirol 264 Nr. 79. 60 ) Knoop Schatzsagen 14.
€1 ) Herzog Schweizersagen 2, 17; Heyl Tirol
156 Nr. 56; 413 Nr. 98; Alpenburg
Tirol 377. 62 ) Heyl Tirol 637 Nr. 102; ZföVk.
4 (1898), 225. ® 3 ) Meiche Sagen 169 Nr. 238;
Meier Schwaben 1, 284; Eisei Voigtland 173
Nr. 468; Bechstein Thüringen 2, 145; Küh¬
nau Sagen 1, 209; Strackerjan 1, 205.
Tettau-Temme 189; Meier Schwaben 1, 401;
Kühnau Sagen 1, XXI. 66 ) Eisei Voigtland
48 Nr. 107; Meiche Sagen 684 Nr. 847; Panzer
Beitr. 2, 134. ® 7 ) Meiche Sagen 147 Nr. 179;
Eisei Voigtland 45 Nr. 101; Schell Berg.
Sagen 214 Nr. 592; Kuhn und Schwartz
Sagen 178. ® 8 ) Bartsch Mecklenburg 1, 294;
Eisei Voigtland 46 Nr. 102. 69 ) Engelien-
Lahn 1,36; Grimm Sagen 17 Nr. 13; Bech¬
stein Thüringen 2, 93; Heyl Tirol 692 Nr. 13;
’ 70 ) Für d. Mittelalter s. Lütjens Zwerg 88.
100. Für d. Neuzeit: Kühnau Sagen 3, 695;
Meiche Sagen 337 Nr. 438; 316 Nr. 418.
Vgl. ferner Mogk Festschrift 536 ff.
4. S.gräber. Einen S. finden, ist
Glückssache. Nur Sonntagskinder finden
die S.stelle 71 ). Oft ist der S. für einen
bestimmten Menschen mit bestimmtem
Alter 72 ) und bestimmten Eigenschaften 73 )
Vorbehalten. Nur diese Menschen können
ihn mit Erfolg heben. Gegen die bösen
S.geister haben besondere Gewalt reine 74 ),
sündenlose 75 ) Menschen. Unschuldige
Kinder 76 ) oder Jungfrauen 77 ) können
Schätze heben. Mitunter genügt es, solche
Personen zum S.graben mitzubringen 78 ).
Eine besondere Gewalt über die Geister¬
welt haben Geistliche. Sie werden mit
Vorliebe zum S.heben herangezogen 79 ).
Franziskaner 80 ) und Jesuiten 81 ) gelten als
gute S.gräber. Es werden sogar Pro¬
zessionen an die S.stelie unternommen 82 ).
Meist mißlingt die S.hebung, weil einer
der Gräber ein Gebot Übertritt oder des
rechten S.grabens unkundig ist. Kundige
S.heber werden weit hergeholt und gut
bezahlt 83 ). Zigeuner, Bettler, Studenten
und fahrende Schüler 84 ), aber auch Sol¬
daten, Türken, Armenier, Spanier und
Zauberer 85 ) galten als erfahrene S.gräber.
71 ) Lohmeyer Saarbrücken 146; Meiche
Sagen 710 Nr. 881; Schramek Böhmerwald
256; Heyl Tirol 384 Nr. 62; Müller Sieben¬
bürgen 89. 72 ) Kühnau Sagen 3, 583; Meiche
Sagen 754 Nr. 924. 73 ) Eisei Voigtland 182
Nr. 485; Meiche Sagen 691 Nr. 855; Bir¬
linger Schwaben 1, 266. 74 ) Kühnau Sagen
3, 606; Herzog Schweizersagen 2, 17. 75 ) Mei¬
che Sagen 249 Nr. 919; Kühnau Sagen 3, 572.
7 ®) Bechstein Thüringen 2, 93; Heyl Tirol
510 Nr. 76; Kühnau Sagen 3, 612. 77 ) Kühnau
Sagen 3, 569; Meiche Sagen 173 Nr. 235;
718 Nr. 890. 78 ) Leoprechting Lechrain
43. 79 ) Birlinger Volkst. 1, 90. 83. 80 ) Bir¬
linger Schwaben 1, 343. 81 ) ZföVk. 4 (1898),
226. 229. 82 ) Knoop Schatzsagen 8.
83 ) Wuttke 411 § 639. 84 ) Amersbach
Grimmelshausen 1, 28; Müilenhoff Sagen 220
Nr. 323; Birlinger Volkst. 1, 84. 85 ) Prae¬
torius Wellbeschreib, s. Index: Schatzheber.
5. Zeiten der Hebung. Der gute
S.gräber muß vor allem die Zeiten kennen,
die für die Hebung günstig sind. Für das
S.graben werden folgende Nächte bevor¬
zugt: Christnacht 86 ), Johanni 87 ), Sil¬
vester 88 ), Bartholomäus 89 ), Thomas 90 ),
Laurentius 91 ). In diesen Nächten sind
die Geldschätze unbewacht. Am Kar¬
freitag 92 ) und Palmsonntag 93 ), während
in der Kirche die Passion gesungen wird,
tun sich die Berge auf und zeigen die
Schätze. Die arme Mutter, die ihr Kind
im S.berg vergessen hat, eilt zur Öffnung,
um es im Berg wiederzufinden. Die für
den S.sucher günstigen Zeiten sind sogar
in besonderen Kalendern zusammen¬
gestellt 94 ).
8 ®) Kühnau Sagen 3, 565; 3, 605;
1007
Schatz
1008
Meiche Sagen 707 Nr. 876; 741 Nr. 913.
87 ) ZdVfVk. 3 (1893), 133; Wettstein Disentis
173; Gräber Kärnten 103. 88 ) Meiche Sagen
703 Nr. 871. 89 ) Heyl Tirol 99 Nr. 61; ZdVfVk.
3 ( J ^ 93 )» 173 - ö0 ) Pollinger Landshut 106.
91 ) Wettstein Disentis 173. 92 ) Meier
Schwaben 388; Birlinger Volkst. 1,471; SAVk.
25, 61; Drechsler 1, 86; Meiche Sagen 697
Nr. 862. 93 ) ZföVk. 1904, 143; Kühnau
Sagen 3, 668; Schramek Böhmerwald 143.
9i ) DG. 15, 31.
6. S.mittel. Der kundige S.gräber
sucht die S.stelle mit Hilfe der Wünschel¬
rute 95 ). In einem Grund- oder Erdspiegel
sieht er die verborgenen Schätze 96 ). Wer
durch das Johannesfeuer gesprungen ist,
erblickt Schätze 97 ). Diese Fähigkeit er¬
langt man auch, wenn man das Christo-
phel-Gebet betet 98 ). Glückskinder er¬
fahren die S.stelle im Traum. Ähnlich
auch in der weit verbreiteten Sage vom
Traum vom S. auf der Brücke 99 ). Der ;
Besucher im S.berg hat den Eingang ge- j
funden mit Hilfe der an den Hut ge¬
steckten Blume (Schlüsselblume, Spring-
auf). Ihre Bedeutung erkennt er erst,
wenn er schon wieder im Freien ist
und die Blume im S.berg gelassen hat
(„Vergiß das Beste nicht“, „Vergiß mein
nicht“) 10 °).
#5 ) Kühnau Sagen 3, 706; Knoop Hinter -
Pommern 63; Wrede Eifel 100; ZfwVk. 1906,
290; Strackerjan 2, 220; Köhler Voigt¬
land 433; Meiche Sagen 155 Nr. 206; Bir¬
linger Schwaben 1, 261 — 62; Herzog Schweizer¬
sagen 2, 17; ZföVk. 4 (1898), 114. °«) Ranke
Volkssagen 245; Leoprechting Lechrain 130;
Praetorius Weltbeschreibung 493. 9? ) Wuttke
80 § 93. 98 ) BayrHefte 6, 185; Schell B er gische
Sagen 696 Nr. 771. ") Grimm Kl. Sehr. 3, 419;
Eisei Voigtland 470; Meiche Sagen 682
Nr. 840; SAVk. 25, 57; Hüser Beitr. 2, 20.
I0 °) Baader Volkssagen 81; Hocker Volksglaube
234; Bindewald Sagen 3; Müllenhoff Sagen
221 Nr. 325; Witzschel Thüringen iyz.
127.
7. S.hebung. a) Opfer. Um leichter
in den Besitz des S.es zu kommen, bringt
man dem S.geist, meist dem Teufel selbst,
ein Opfer. Man bietet ihm eine Gegen¬
gabe und sucht, ihn günstig zu stimmen.
So werden Tiere als S.opfer dargebracht;
Bock 101 ), Hahn 102 ), Katze 103 ), Schlange 104 ),
Hund 105 ), Pferd 106 ) werden geopfert. Die
Tiere müssen ein bestimmtes Aussehen
haben, ganz schwarz, ohne ein weißes
Härchen 107 ), seltener ganz weiß 108 ) sein.
Die Tiere werden an der S.stelle ge¬
schlachtet, ihr Blut muß über den S..
tropfen, oder sie werden gekocht 109 ).
Mitunter werden sogar Menschenopfer ge¬
fordert 110 ). Eine reine Jungfrau 111 ), die
| eigene Tochter 112 ), die eigenen Söhne 113 ).
I Die Opfer müssen weißhaarig sein 114 ).
! Manchmal genügt es auch, solche Perso-
J nen zum S.graben mitzubringen 115 ).
b) Beschwörung. Oft nimmt die
! S.hebung die Form einer Geister- bzw.
Teufelsbeschwörung 116 ) an. Der S.geist
wird zitiert, der Teufel wird gezwungen,,
den S. herauszugeben. Der S.gräber wird
zum Zauberer. Es bedarf auch magischer
Kreise und Zeichnungen 117 ). Die nötigen
Zauberwörter und Formeln 118 ) stehen in
dem Christopheibuch 119 ) (s. d.). Zur
Hebung bringe der S.gräber Zauberbücher
mit 120 ). Fausts Höllenzwang 121 ), das
6. und 7. Buch Moses 122 ), das Evangelien¬
buch 123 ), die Bibel 124 ), das Gertruden¬
büchlein 125 ) (s. d.) vergesse man nicht.
Bestimmte Gebetsübungen sind erforder-
| lieh 126 ). Daß der S.gräber gegen die bösen
S.geister gefeit sei, soll er geweihte Lich¬
ter 127 ), Weihwasser 128 ) oder sogar die
j Hostie mit Monstianz 129 ) bei sich haben.
| c) Bannung. Eine andere Art der
| S.hebung ist das Bannen. Sieht jemand
! zufällig ein S.feuer, so muß er etwas
| Geweihtes 130 ), z. B. einen Rosenkranz 131 ),
ein Gebetbuch 132 ) oder einen eisernen
Gegenstand 133 ), z. B. Taschenmesser 134 ),.
Hacke 135 ), Löffel 136 ) oder ein getra¬
genes Kleidungsstück 137 ), z. B. Tuch 138 ),
! Schuh 139 ) in das Feuer werfen. Tut er
dies, so ist der S. gebannt, d. h. er kann
Gestalt und Ort nicht verändern.
d) Besuch im S.berg. Die Schätze
des Berges findet der S.sucher in der
S.kammer. Er kann sich von den Schätzen
nehmen, darf jedoch sich nicht zu lange
in der Höhle aufhalten. Denn das Tor
der S.kammer schlägt nach bestimmter
Zeit zu. Ist der S.gräber noch nicht im
Freien, bleibt er für ein oder sieben Jahr
im Berg eingeschlossen 140 ). Meist ist die
Gewinnung der Bergschätze an die Er¬
lösung eines Geistes geknüpft. Die
Schloßjungfrau oder das Burgfräulein
erscheint in verschiedener Gestalt, als
1009
Schatz
1010*
Drache 141 ), Schlange 142 ), Kröte 143 ). Der
Erlöser hat den Schlüssel zu den S.truhen
dem Tier zu entreißen. Gelingt ihm dies,
so ist der Geist erlöst. Die Bergschätze
fallen dem Erlöser als Belohnung zu 144 )
(über andere Erlösungsbedingungen s.
„Erlösung“).
Bei der S.hebung hat unbedingtes
Schweigen zu herrschen 145 ). Selbst
Lachen und Niesen kann die Hebung ver¬
eiteln 146 ). Erst wenn der S. unter der
Dachtraufe ist, darf man sprechen 147 ).
Der nach Haus eilende S.gräber darf sich
auch nicht umwenden 148 ). Bricht der
S.gräber ein Gebot, ist die Hebung mi߬
glückt .
101 ) Müllenhoff Sagen 271 Nr. 328; Schell
Bergische Sagen 152 Nr. 445; Eisei Voigtland
11 Nr. 21; Meiche Sagen 734 Nr. 906; Binde¬
wald Oberhessen 138. 102 ) Eckart Südhannov.
Sagen 178; Schambach-Müller 108; Kuhn
Sagen 100 Nr. 102; Haupt Lausitz 221, 258;
Kuh n und Schwartz ii. l04 ) Meiche Sagen
734 Nr. 906. 105 ) Haupt Lausitz 221 Nr. 258.
106 ) Eckart Südhannov. Sagen 171. 107 ) Müllen¬
hoff Sagen 41 Nr. 44; Schambach u. Müller
108. 108 ) Eckart Südhannov. Sagen 178;
Schambach u. Müller 108; Müllenhoff
Sagen 41 Nr. 43. 109 ) Mannhardt Aberglaube
7. 82. uo ) Eisei Voigtland 178 Nr. 477.
m ) Meiche Sagen 893. 112 ) Meiche Sagen
705 Nr. 874. U3 ) Meiche Sagen 281 Nr. 364;
709 Nr. 880. 114 ) Meiche Sagen 705
Nr. 874; 706 Nr. 875. 115 ) Meiche Sagen
706 Nr. 875. llft ) Gauß Schatzgräber im Basel¬
land Meyer Aberglaube 290; Panzer Beitr. 2,
279; Birlinger Aus Schwaben 1, 270. 117 ) Prae¬
torius Weltbeschr. 494; Schell Bergische Sagen
221 Nr. 607; Meiche Sagen 695 Nr. 860.
UB ) Meiche Sagen 687 Nr. 851; 686
Nr. 850; Kühnau Sagen 3, 570; 3, 725.
u9 ) Schell Bergische Sagen 293 Nr. 768.
uo ) ZföVk. 4 (1898), 225. 121 ) Kühnau Sagen
3, 706; Meiche Sagen 526 Nr. 672. 122 ) Meier
Schwaben 1, 35; Birlinger Volksth. 1, 83 ff.
lts ) Kühnau Sagen 3, 668. l24 ) Meiche Sagen
695 Nr. 860. 12S ) ZföVk. 4 (1898), 228; Knoop
Schatzsagen 8. m ) Birlinger Aus Schwaben
1, 456; Alemannia 17 (1889), 239; Bir¬
linger Volkst. 1, 83 ff.; SchwVk. 2, 58.
X17 ) Schell Bergische Sagen 266. 293; Prae¬
torius Weltbeschr. 107. 169. 128 ) Knoop
Schatzsagen 20; SchwVk. 2, 58. 129 ) Hof¬
mann Bad. Franken 27. 130 ) Kühnau
Sagen 3, 579; Drechsler Schlesien 1, 86 ff.
m ) Kühnau Sagen 3, 668; 3, 711; Korth
Jülich 123; Birlinger Schwaben 1, 260;
Heyl Tirol 515 Nr. 82. 132 ) ZfVk. 4 (1894), 393.
1SS ) Eisei Voigtland 172 Nr. 466; ZdVfVk. 2
(1892), 79. 134 ) Drechsler 1,86 ff.; Müllen¬
hoff Sagen 373 Nr. 545; Schell Bergische Sagen
Bächtold «Stäubli, Aberglaube VII.
172 Nr. 504. 135 ) Grimm Sagen 6 Nr. 3;
Meiche Sagen 403 Nr. 328. 138 ) Kühnau
Sagen 3, 691. 137 ) ZdVfVk. 7 (1897), 125;
Witzschel Thüringen 289; Grimm Myth .
1, 591. 138 ) Kühnau Sagen 3, 716; Bartsch
Mecklenburg 1, 246; Pröhle Unterharz 96
Nr. 229; ZföVk. 10 (1904), 143; Wuttke 412
§ 640. 139 ) Knoop Schatzsagen 4; Plenzat
Ostpreuß. 76; Schell Bergische Sagen 172
Nr. 504. 14 °) Meiche Sagen 742 Nr. 914.
141 ) Heyl Tirol 261 Nr. 76. l42 ) Kuhn u.
Schwartz 121; Panzer Beitr. 1, 146; Heyl
Tirol 510 Nr. 76. l43 ) SAVk. 25, 289; Baader
Volkssagen 75; Rochholz Sagen 2, 6. 144 ) Heyl
Tirol 692 Nr. 13; Hüser Beitr. 2, 11; Schell
Bergische Sagen 420 Nr. 1072. 145 ) Kühnau
Sagen 3, 725; Bartsch Mecklenburg 1, 252;
Wrede Eifel 100. 148 ) Ranke Volkssagen 243.
147 ) Vonbun Sagen
130-
148 ) Grohmann
215; Haupt Lausitz 221 Nr. 258; Kuhn
Westfalen 235 Nr. 270; Meiche Sagen 316
Nr. 418.
8. Vorgänge bei der S.hebung. Nun
versucht der Teufel oder ein anderer S.¬
geist die Gräber bei ihrer Arbeit zu stören.
Der Teufel erscheint selbst an der S.stelle
oder läßt furchterregende Gestalten auf-
ziehen, einen Reiter ohne Kopf 149 ), einen
grünen Reiter auf einem Ziegenbock 150 ).
Die Schatzgräber erhalten Ohrfeigen 151 ),
ein Unwetter bricht los’ 52 ). Sie sehen
über sich einen riesigen Mühlstein an
einem dünnen Faden hängen, den ein.
großer Mann durchzuschneiden droht 153 ).
Männer errichten einen Galgen und drohen
einen der Gräber („den mit der roten
Kappe“) aufzuhängen 154 ). Bald wirft
es mit Steinen, von denen doch keiner
trifft 155 ). Oft versucht der Teufel, die
Hebung zu vereiteln, indem er die Gräber
in verschiedener Gestalt anredet, um sie
zum Bruch des Schweigens zu veran¬
lassen 156 ). Eine Kutsche fährt vorbei, ein
nachjagender Reiter fragt, ob die Kutsche
schon vorbei sei 157 ). Ein lahmes, lang¬
sames Gefährt folgt einem sehr schnellen
und fragt, ob es dieses noch einholen
könne 158 ). Sehr häufig sind spaßige Auf¬
züge, die die Gräber zum Lachen reizen,
so eine Kutsche von Gänsen oder weißen
Mäusen gezogen, mit Heu oder Federn
beladen 159 ). Aber auch noch andere Auf¬
züge sollen dem Gräber eine spöttische
Bemerkung entlocken 160 ). Der Teufel
gaukelt vor: die Mühle 161 ), das Dorf 162 ),
der Wald 163 ) stehe in Flammen. Eilen
32b
IOII
Schatz
1012
Schatz
1014
1013
•die Gräber zu Hilfe, so sehen sie, daß
alles Täuschung war 164 ).
Bei der Größe und Menge der Gefahren
ist es also nicht verwunderlich, daß so
wenige S.hebungen gelingen. Irgendein
Gebot wird meistens übertreten. Der S.
plumpst in die Tiefe. Aber selbst ge¬
lungene S.hebungen bringen kein Glück.
Wer einen S. hebt, muß bald oder in
einem Jahr sterben. Dieses zu verhindern,
scharre man das Loch, das man gegraben
hat, gut zu 165 ).
l49 ) Eisei Voigtland 60 Nr. 132; Hof mann
Bad. Franken 28. 15 °) Kühnau Sagen 3, 725.
151 ) Meie he Sagen 752 Nr. 920; 754
Nr. 924. 132 ) Reiser Allgäu 1, 251; Kühnau
Sagen 3, 585. 153 ) Schell Bergische Sagen
296 Nr. 771; Witzschel Thüringen i, 122;
Birlinger Volkst. 1, 84 ff.; Heyl Tirol 637
Nr. 103. 154 ) Panzer Beitr. 1, 183; Ranke
Volkssagen 243. 155 ) Müller Siebenbürgen 91;
Meie he Sagen 153 Nr. 206. 156 ) Eisei Voigt¬
land 178 Nr. 476; Witzschel Thüringen, 216;
Meiche Sagen 229 Nr. 290. 157 ) Meie he
Sagen 738 Nr. 907; Ranke Volkssagen 1, 243.
158 ) St racker j an 1, 325; 2, 262; Kühnau
Sagen 3, 707; Plenzat Ostpreußen 76; Eckart
Südhannov. Sagen 12. 159 ) Knoop Schatzsagen
9. Ähnlich Müllenhoff Sagen 108 Nr. 134;
Schambach-Müller 110 Nr. 139; Stracker-
jan Oldenburg 1, 325; Knoop Hinterpommern
142. 160 ) Knoop Hinterpommern 44; Müllen¬
hoff Sagen 108 Nr. 134; 381 Nr. 578;
Schambach u. Müller 110 Nr. 139. 161 ) Rei¬
ser Allgäu 1, 250; Ranke Volkssagen 243.
162 ) Meiche Sagen 753 Nr. 922; Reiser Allgäu
1,65. 163 ) Pollinger Landshut 106. 1#4 ) Müller
Siebenbürgen 90; Wuttke 412 § 641; Pfister
Hessen 96; Grohmann 214. 165 ) Wuttke
413 § 641.
9. Der S.glaube bei anderen Völ¬
kern. Der S.aberglaube ist nicht auf
Deutschland beschränkt. S.gräber sind
an der Arbeit im nordischen Island wie
am Mittelmeer, in der Bretagne und in
Rußland, ja sogar im fernen Indien. Den
nordischen Völkern ist gemeinsam die
Vorstellung des S.feuers 166 ). Dort kennt
man die Spukerscheinungen beim Graben
(die spaßige Fuhren, das brennende
Dorf) 167 ). Auf Island und in England
(bes. im Keltischen) finden wir die Vor¬
stellung vom büßenden S.geist 168 ). In
England kennt man auch das S.opfer 169 ).
In der Bretagne und in Rußland säen die
Bauern Famsamen, wo sie einen S. ver¬
muten 170 ). Der S.glaube in Estland zeigt
! dieselben Formen wie der deutsche 171 ).
Das Volk, bei dem S.gräberei am meisten
; geübt worden ist, sind die Magyaren.
Dort betrieb man es als Handwerk 172 ).
Den südlichen Völkern ist das S.opfer
; gemeinsam 173 ). Aus Serbien ist der Fall
einer Selbstopferung bekannt 174 ). In
Sizilien sollen noch im Jahre 1894 44 Kin¬
der getötet worden sein, mit deren Blut
man Schätze heben wollte 175 ). Das S.-
opfer ist verbreitet von Arabien 176 ) bis
hinüber nach Indien 177 ). Der Drache
(s. d.) ist S.hüter bei vielen Völkern. Der
Teufel ist S.hüter in den südeuropäischen
Ländern 178 ) und in Rußland 179 ). Die
Vorstellung vom büßenden S.geist kennen
auch die südlichen Völker 180 ). Die stärkste
Ausprägung hat dieser Glaube in Indien
gefunden 181 ). Wer einen S. vergräbt und
stirbt, muß ihn nach dem Tode in Ge¬
stalt einer Schlange hüten 182 ).
186 ) Folklore 6 (1895), 288. 297; Thorpe
Mythology 2, 263; Henderson Notes 320;
Sikes Goblins 387; Folklore 1901, 75. 167 ) Thor¬
pe Mythology 2, 119. 264; Folklore 1914,
342. 168 ) Maurer Volkssagen 70 — 72; Hender¬
son Notes 321; Leather Folklore 33; Sikes
Goblins 151. 169 ) Henderson Notes 248;
Folklore 1904, 337. 340. 17 °) Frazer
11, 287 ff. 171 ) Eisen Mythologie 74 — 79.
172 ) Wlislocki Magyaren 82 ff. 173 ) Folklore
1899, 182; 1930, 29; 1900, 331; 1923, 381.
l74 ) Strack Blut 76. 175 ) Groß Handbuch 425.
176 ) Folklore 1899, 236. 177 ) Crooke Folklore
217; Campbell Notes 264; Folklore 1909, 211.
178 ) Folklore 1913, 363. 179 ) Ralston Folktales
23. 180 ) Bush Folklore 270. m ) Crooke
Folklore 217. 182 ) Enthoven Notes 1, 119 und
140; ebd. 2, 75 u. 59.
10. Ursprung und Geschichte des
S.glaubens. Bei der Mannigfaltigkeit
und Verbreitung der einzelnen Vor¬
stellungen ist die Frage nach dem Ur¬
sprung nicht leicht zu beantworten. Die
letzten Wurzeln des S.aberglaubens liegen
jedoch sicher nicht im Mythischen 183 ),
vielmehr ist bei der Entstehung der
Totenglaube bestimmend gewesen 184 ).
Der präanimistisch denkende Mensch
sieht im Toten den Menschen mit den
Bedürfnissen und Rechten eines Leben¬
den. Er gibt ihm Speise und Trank, aber
auch sein Eigentum in das Grab mit.
Tut er dies nicht, holt es sich der Tote.
Aus der Sitte der Grabbeigabe entwickelte
sich der Brauch der Grabausstattung.
Man gibt dem Toten Schätze für das Jen¬
seits mit, die nicht zu seinem Eigentum
gehörten. Prunkvolle Grabausstattung
ist für das Germanische durch Prähistorie
und Literatur belegt. Das Hügelgrab war
also der Ort kostbarer Schätze und reizte
früh zur Beraubung. In den Hügelraub¬
geschichten des Nordens wird erzählt,
wie der Tote sein Eigentum verteidigt.
Es kommt immer zu einem erbitterten
Kampf, in dem der dämonische Tote auch
als Tier (Drache) auftreten kann (Beo¬
wulf, Gullthorissaga). Ungewöhnliche
Naturerscheinungen begleiten den Kampf.
So können wir die Grabraubgeschichten
die ältesten S.sagen nennen.
Für die Vorstellung vom Totenreiche
war das Einzelgrab Vorbild. Die Schätze
wurden dem Toten mitgegeben oder auf
dem Scheiterhaufen verbrannt, damit
sie der Tote ins Jenseits mitnehme und
dort geziemend auftreten könne. So
bildete sich die Vorstellung von Schätzen
in der Unterwelt, wie sie uns aus Er¬
zählungen von Besuchern im Jenseits
bekannt sind (Saxo Grammaticus, Wil¬
helm von Malmesbury). In unseren
Sagen von Bergschätzen entdecken wir
auch die typischen Totenreichmotive:
Bewohner des S.berges, der schwarze
Hund am Eingang, die auf die Fersen
fallende Tür, die den Berg öffnende
Schlüsselblume. Der S.berg ist also in
seinem Ursprung der Berg der Toten.
Ursprünglich hieß es, der Tote sei Herr
der in das Grab mitgegebenen Schätze.
Später kam dazu die Vorstellung, man
könne nach Walhall mitnehmen, was man
zu Lebzeiten vergraben hat (Ynglinga-
saga). Der Tote ist mithin nicht nur Be¬
sitzer und Hüter des Grabs.es, vielmehr
auch aller von ihm vergrabenen Schätze.
So wurde der Tote der Hüter der unter¬
irdischen Schätze.
Die typischen Erscheinungsformen des
Toten sind Hund, Schlange, Wurm, Kröte,
Pferd. Diese Tiere sind auch tatsächlich
die bekanntesten S.hüter. Als in christ¬
licher Zeit das Mitgeben ins Grab, wie
das Vergraben des Totenteils zu Leb¬
zeiten in Verruf geriet, galt das Ver¬
graben von Schätzen als Sünde. Wer es
getan hat, muß das Unrecht wieder gut¬
machen. Der Tote als S.wächter wird
dann gedeutet als büßende arme Seele,
die auf die Erlösung wartet. So wurde
aus dem bösen S.wächter der gute S.geist
und nicht umgekehrt. Auch die Vor¬
stellung des S.feuers hat im Totenglauben
ihre Parallele: das Hügelfeuer. Es heißt
im Nordischen: Wo ein großes Feuer
brennt, ist ein Hügelgrab. Dort ist auch
ein Ort großer Schätze. Diese Vorstellung
verband sich auf der einen Seite mit
christlicher Höllenvorstellung, auf der
andern lebt sie isoliert vom Totenglauben
im S.feuer weiter. Eine Belebung fand
diese Vorstellung durch den Irrlicht¬
glauben. Noch heute wird das S.feuer
öfters als Irrlicht des S.geistes angesehen.
Naturwissenschaftlich gesehen rühren alle
diese Erscheinungen von phosphoreszieren¬
dem Holz oder brennender Sumpfluft
her (s. oben Irrlicht). Auch das S.opfer
ist als Totenopfer zu deuten. Der S.¬
gräber, der Hügelräuber bietet dem S.¬
geist, dem Toten, eine Gegengabe, einen
Ersatz für den S. Was hat der ,,fressende
Tote“ lieber als ein Tier oder einen Men¬
schen? Auch die Schreckerschei¬
nungen sind zu einem Teil Totener¬
scheinungen. Sie lassen noch heut die
typischen Erscheinungsformen des reiten¬
den oder fahrenden Toten erkennen.
Wir finden dieselben Züge wie auch das
Motiv vom nachhinkenden Gefährt in den
Sagen vom Geisterheer wieder.
Im ausgehenden Mittelalter bildete
sich die Vorstellung, man könne durch
Verschreibung an den Teufel Geld er¬
halten. Nun wird plötzlich der Teufel
zum Besitzer und Hüter großer Schätze.
Der dämonische Tote wird als Teufel auf¬
gefaßt. Das S.opfer gilt jetzt dem Teufel.
S.feuer und Schreckerscheinungen sind
Machwerk des Bösen. Neue Züge kommen
aus dem Teufelsglauben in den S.glauben.
Das Suchen nach Schätzen mit bestimm¬
ten Zaubermitteln scheint im Mittel-
alter noch unbekannt gewesen zu sein.
Unter dem Einfluß der Magie bildeten
sich die meisten Mittel. Man lernt, dem
Teufel durch Beschwörung Geld abzu-
1
Schauder, Schauer—schauen
I0l6
IOI 7
Schauerfeier — schaukeln
IOl8
IOI5
trotzen. Mit Zirkel und Zeichnungen
zitiert man den S.geist. Die Zaubermittel
werden jetzt die Mittel des S.gräbers.
Durch Fasten, Gebet, Enthaltsamkeit
und Schweigen bereitet sich der S.gräber
vor wie der Zauberer. Die Wünschelrute,
das erprobte Mittel des Wassersuchers,
wird zum Werkzeug des S.gräbers.
Das S.graben beschränkte sich im
nordischen Altertum ausschließlich auf
die Hügelgräber. Auch die deutschen
Hügelgräber zeigen Spuren früherer Be¬
raubung. Im Mittelalter sind die Belege
für S.gräberei selten. Im 16. Jh. besonders
im 30jährigen Krieg ist viel Geld ver¬
graben und gesucht worden. Die zu¬
nehmende Zivilisation läßt diesen Glauben
aussterben, obgleich das zufällige Finden
alter Geldschätze noch heut keine Selten¬
heit ist.
183 ) Schwartz Ursprung 64; Laistner
Nebelsagen 233; Meyer German. Myth. 89;
ZdVfVk. 4 (1894), 73. 420; ZfdMyth. 3, 368
bringen mythologische Lösungsversuche. L.
Winter gibt in Die deutsche Schatzsage Köln
1925 eine Zusammenstellung ohne Lösung.
184 ) Entwicklung und Belege s. Hirsehberg
Schatzglaube und Totenglaube. Hirschberg.
Schauder, Schauer. ,,Wann einem ein
Schauder durchs Haar geht, das bedeutet,
daß ein böser Geist in der Nähe ist oder
vorüberzieht“ x ). Dieser Satz macht
deutlich, daß die Empfindung des Sch.s,
stärker des Schauders, bei dem Manne
des Volkes religiös bestimmt ist. Zwar
ist das Wort vom Sch. oder Schauder
im Volke weniger gebraucht. Unter Sch.
versteht man gewöhnlich den Platzregen.
Für die Empfindung ist das Wort Grauen
das gebräuchliche. Und allerdings ist
die Empfindung reichlich über diese
schlichten wahrheitliebenden Menschen
ausgegossen. Sie machen daraus kein
Hehl: Ein ,,gesetzter Mann“ kann als
Jäger auf dem Anstand sitzen an schönem
Abend. Plötzlich bewegen sich in seiner
Nähe die Bäume von einem starken
Winde. Weiter hinaus bleibt der Wald
still wie zuvor. Ihn kommt das Grauen
an, er geht heim 2 ). Dieses unerklärÜche
Erlebnis wird im Volke vielfach berichtet.
Daß einer, ,,der was kann“, ferne Dinge
beobachtet, ist nichts seltenes, aber die
Gabe erfüllt regelmäßig die naiven Men¬
schen mit Grauen 3 ). Dagegen ist in
einer dritten, mir bekannt gewordenen
Geschichte von einem in der Dämmerung
vorübergehenden gespenstigen Jäger das
Erlebnis so eigentümlich geartet, daß
die Geschichte vereinzelt bleibt und keine
rechte Parallele zu ihr in den Büchern
der Volkskunde zu finden ist. Der Er¬
zähler glaubte an sein Erlebnis. Es stellt
eine seltsame Massenpsychose vor 4 ).
Natürlich stellt sich der Schauder, das
Grauen an unheimlichen Orten, an alten
Richtstätten, in der Nähe von Fried¬
höfen ein. Die Toten haben die Macht
über den Lebenden. Es geschieht aber
auch, daß die Menschen, die einem Sch.
nachgegeben haben, zu anderer Zeit ihre
eigene Empfindung verspotten. Die aber
die Geister oder den Teufel beschwören,
ohne in der Kunst sicher zu sein, ver¬
fallen immer dem Sch. bis zur lähmenden
Furcht 5 ).
Die schaudernden Menschen haben das
Gefühl, einer unerklärlichen, unsichtbaren
Macht gegenüber zu stehen, wider die
sie nichts vermögen. Das Gefühl ver¬
nichtet sie, wenn die Macht unheimlich
ist (Erlkönig), es erhebt aber wieder den
Menschen, wenn er zu derselben Macht
ein Vertrauen haben darf, wie Elias zu
dem Herrn, der ihm am Horeb im stillen,
sanften Sausen naht 6 ). Da wird das
Schaudern zu einem heüigen Sch., die
Furcht wandelt sich zur Ehrfurcht ein
Gefühl, das die englische Sprache mit
awe bezeichnet.
2 ) Wolf Beiträge 1, 25 f. 2 ) Werner Aus e.
vergessenen Ecke 3, 170. 3 ) Boette Relig.
Volkskunde S. 92. 4 ) Werner Aus e. vergessenen
Ecke 3, 130. 5 ) Meiche Sagen S. 525. 672 ff.
8 ) Kön. cp. 19 und Jes. cp. 6. t Boette.
schauen. Das meiste unter Zusehen.
Im eigentlichen Sinne wird man sch.
sagen — terminologisch ist der Ausdruck
nicht fest —, wenn bei gewissen zauberi¬
schen Handlungen der Blick plötzlich
für unsichtbare Dinge (Teufel- und Geister¬
sehen) hell wird, etwa in der Art wie
Goethe Faust Ostspaziergang: Sie Heß
mich zwar in S. Andreas Nacht (s. d.)
den künftigen Liebsten leiblich sehen. —
Mir zeigte sie ihn im Kristall. . . Es ist
in vielen Fällen ein Hindurchsehen, meist
durch eine Öffnung, einen Ring, Ärmel,
Finger oder ähnl. Praktisch gesehen
dürfte das den einfachen Grund haben,
das Blickfeld zu isolieren. Vom Stand¬
punkt des Abergläubischen aus bedeutet
es ein Bannen des Blickes in der Art,
wie Kreis oder Ring (s. d.) wirken. So
zeigt der Pfarrer die Teufel auf dem
Tanzboden, indem er durch seinen Ärmel
wie durch ein Rohr sch. läßt x ). Ein
verhältnismäßig alter Beleg: Sch. durch
den Armring 2 ).
1 ) Rochholz Sagen 2, 162. 2 ) Grimm Myth.
2, 783. Aly.
Schauerfeier s. Hagel, Hagelzauber
Sp. 1314«.
schaukeln.
1. Das Sch. auf einer besonders her¬
gerichteten Schaukel ist in manchen
Gegenden zu bestimmten Zeiten als
magischer Ritus üblich x ). Ihm wird
eine heilsame Wirkung zugeschrie¬
ben 2 ). In Imeretien schützt es vor Kopf-
und Seitenschmerzen 3 ). In Bosnien,
Herzegowina und Altserbien bleibt, wer
sich am Lazarussamstag schaukelt, das
ganze Jahr gesund 4 ). Bei den Balkan-
völkem schaukelte man Hunde (immer
an einem Montag), um sie vor Wahn¬
sinn zu schützen. Ein treibender Baum
stirbt rasch ab, wenn eine solche Schaukel
an ihm befestigt wird, und das ganze
Dorf, das sie benutzt, wird von Unglück
heimgesucht 5 ). Auch zur Beförderung
der Ekstase dient das Sch. 6 ). Es wirkt
in räumliche und zeitliche Ferne auf
Pflanzen und Wild und fördert den
Wuchs des Grases und des Reises 7 ).
Die Letten glauben, je höher sie zwischen
Ostern und Johanni sch., um so höher
werde ihr Flachs wachsen 8 ). In Sam-
land riefen die Burschen, wenn sie zu
Fastnacht die Mädchen schaukelten:
„Hoch Vaters Gerstel“, und diese: „Hoch
Mutters Flachs!“ 9 ). Auch zur Sonne
hat das rituelle Sch. Beziehung. Durch
die Bewegung soll ihr Gang sympathetisch
beeinflußt werden 10 ). Bei den Esten
sch. sich die Mädchen die ganze Johannis¬
nacht hindurch bei den brennenden Holz¬
stößen 11 ). In Mitteldeutschland ist die
Kirmesschaukel noch weit verbreitet 12 ).
Der Bauer macht sie für seine Kinder,
und zwar nur am Kirmessonntage, der
überall in den Herbst fällt. Sie diente
in Burghausen am Bienitz zum Hafer-
ausdreschen. Ein Haferfeld, aufgegangen
aus solch einem „Kirmesdrusch“, blieb
von Hagelwetter verschont 13 ). In den
erwähnten Fällen handelt es sich um die
Hängeschaukel. Aber auch die Dreh-
schaukel wird ähnlich verwandt 14 ). In
Westfalen wird zu Ostern für die Kinder
auf dem Düngerfall eine Drehschaukel,
die sog. „Froitmiähr“ (= freche, zähe
Mähre) aufgebaut 15 ). Zu vergleichen
ist der zu Pfingsten hergestellte „blin'
Hingst“ in Mecklenburg 16 ).
Wenn ein Kind sich aussch. läßt, so
stirbt innerhalb eines Jahres ein Glied
der Familie 17 ).
*) Frazer4, 277Ü.; 7,107; ZfrwVk. 23 (1926),
47 ff. 2 ) Ebd. 23, 50. 3 ) Globus 80, 305. 4 ) A-
Rw. 9, 452. 5 ) ZfVk. 9, 61 ff. 8 ) ZfrwVk. 23, 51.
7 ) Ebd. 52 f.; Zelenin Russische Volkskunde
352 f. 354. 8 ) Schroeder Arische Religion
2, 345. Vgl. oben 3, 1436. 9 ) Schnippei
Volksk. v. Ost- u. Westpreußen i, 100. 10 ) Zfrw¬
Vk. 23, 53 ff.; MitteldBlfVk. 3 (1928), 50. 52 ff.
Nach Wilke ist die Beziehung zum Monde ur¬
sprünglicher: Ebd. 54. 11 ) ZfrwVk. 23, 54.
12 ) MitteldBlfVk. 3, 49. 1 3 ) Ebd. 157. 14 ) Zfrw¬
Vk. 23, 56. 15 ) Ebd. 43 ff. 16 ) Nds. 6, 272.
17 ) John Erzgebirge 115.
2. Vom 14. bis ins 19. Jh. hat sich
der Brauch gehalten, bei der Christfeier
in der Kirche das Christkindchen zu
wiegen 18 ). Als man das im Preetzer
Kloster einmal abschaffen wollte, ertönte
doch die Orgel zur bestimmten Zeit 19 ).
In Altheim ist von Weihnachten bis
Lichtmeß eine kleine Wiege in der Pfarr¬
kirche aufgestellt, in der eine Puppe als
Christkindlein von den Kindern ge¬
schaukelt wird. Sie schlafen dann
besser 2°).
18 ) Tille Weihnacht 59 f. 62; Vogt Weih¬
nachtsspiele 144. 19 ) Müllenhoff Sagen 169 f.
20 ) Pollinger Landshut 199.
3. In einigen Kirchen werden Wiegen
aufbewahrt, die von Frauen, die Nach¬
kommenschaft wünschen, geschaukelt
werden müssen 21 ). Eine leere Wiege
aber soll man nicht sch. Sonst nimmt
man dem Kinde die Ruhe 22 ), oder es
stirbt 23 ), wird krank 24 ), kriegt Leib-
ioi9
Schaum—Schaumkraut
1020
schmerzen oder Krämpfe 25 ), weint viel 26 ),
wächst an 27 ), wird ein Dieb 28 ). Bei den
Golden gilt es als große Sünde, die leere
Wiege zu sch. Nur der Geist allein hat
das Recht dazu, während man das Kind
begräbt 29 ). Auch wenn zwei Personen
zugleich ein Kind wiegen, hat dieses
keine Ruhe oder stirbt 30 ).
Wenn das Kind während der Taufe
geschüttelt oder geschaukelt wird, so
wird es ein Kleiderzerreißer 31 ). Man
soll auch nicht in zweckloser Angewohn¬
heit mit den Füßen sch., sonst
schaukelt man den Teufel oder läutet
ihn aus 32 ) oder schaukelt seine Mutter
ins Grab 33 ).
21 ) Andree-Eysn Volkskundliches 57; Kriss
Volkskundliches ol. altbayr. Gnaden Stätten IJJ.
2Z ) Liebrecht Zur Volksk. 361 f.; Bartsch
Mecklenburg 2, 33; Strackerjan 1, 49; ZfVk.
L 189 ( 3 i); 27, 149; John Erzgebirge 55; John
Westböhmen 107; Zingerle Tirol 4 (26).
23 ) Vernaleken Mythen 353 (75); Reiser
Allgäu 2, 232; Meyer Baden 44; Bohnen¬
berger 19; Schüller Progr. v. Schäßburg
1863, 24 (20); Zingerle Tirol 4 (24); Volks¬
kunde 25 (1914). 132 f. 24 ) Birlinger Volkst.
L 495 (8)» Ders. A. Schwaben 1, 393; Meyer
Baden 44; Strackerjan 1, 49; Urquell 6, 173
(Pommern, Rügen); Zingerle Tirol 4 (25);
Strauß Bulgaren 385. 23 ) Nds. 22, 154 (Ammer¬
land). 26 ) Strauß Bulgaren 298. 27 ) Wolf
Beitr. 1, 208 (43: Hessen). 28) Urquell 6, 175
(Pommern). 29 ) Globus 74, 270. 30 ) Wolf
Beitr. i, 208 (47: Hessen); Panzer Beitrag
L 236 (116); Schüller Progr, von Schäßburg
1863, 24 (20). 31 ) Engelien u. Lahn 1, 246
(89); Toppen Masuren 82. 32 ) Urquell3 (1892),
39 (Schlesien). Oben 3, 232. 33 ) Wuttke 308
(452); ZfVk. 40 (1931), 282.
4. In Besprechungsformeln werden
Augenkrankheiten „geschaukelt“ =
fortgestoßen (mhd. schoc, schocke =
sch., Schaukel; vgl.franz choc = Stoß 34 )).
34 ) Kuhn Westfalen 1, 206 f. (588); Hofier
Krankheitsnamen 558,
5. Naturgeister sch. sich: die indi¬
schen Gandharven und Apsarasen auf
silbernen und goldenen Sch. an „laub-
umlockten“ Bäumen 35 ), die russischen
Rusalky auf Birkenkränzen, die man
ihnen im Walde angebracht hat 36 ).
3j ) Oldenberg Relig. d. Veda 248. 250. 252;
Meyer Indogerm. Mythen 1, 89. 36 ) Zelenin
Russische Volksk. 368. 369. 393; Grohmann
Sagen 136. Sartori.
Schaum. Wie das Waschen in fließen¬
dem Wasser (s. Fluß) oder Regenwasser
i ( s * d-) güt auch das Waschen im Sch.
dieses Wassers als heilkräftig. Es
! hilft gegen Warzen 1 ), Sommerflecken 2 ),
| Kopfweh 3 ). Von seiner Zauberkraft
wird in der Rockenphilosophie (6 Kap. 3)
; berichtet: „Einer hatte heimlich Vieh
an einem heimlichen Orte bekommen; da
er solches nicht los werden konnte,
fragte er einen Mühlknecht um Rat.
Dieser riet ihm, er sollte sehen, daß er
Sch. aus einem fließenden Wasser kriegen
könnte, und damit sollte er sich schmieren".
Der Sch. eines gewissen Sees in Frankreich
erzeugt, in Teiche oder Flüsse gegossen,
alle Arten von Fischen 4 ). Schädlich
wirkt der Sch. der Flut für den Hund,
der davon trinkt: er wird toll 5 ). Zeigt
sich auf dem Meerwasser Sch., sagt
man in hrankreich, die Fee Amigna
koche 6 ). — S. a. Milch.
M SAVk. 25, 280; Manz Sargans 59. 61;
Meyer Baden 548 (am Karfreitag); Sebillot
Eolk-Lore 2, 380. 2 ) SAVk. 12 (1908), 151
(Baselland); Stoll Zauberglaube 80. 3 ) Sey-
farth Sachsen 237. 4 ) Sebillot a. a. O. 2, 456.
5 ) Ebd. 2, 20. «) Ebd. 2, 16. Hünnerkopf.
Schaumkraut (Wiesen-Sch.; Cardamine
pratensis).
1. Botanisches. Kreuzblütler mit
unpaarig gefiederten Blättern und lila¬
farbigen (oder weißen), traubig an¬
geordneten Blüten. Das Sch. ist auf
feuchten Wiesen überall häufig 1 ).
1 ) Marz eil Kräuterbuch 251.
2. Wenn im Frühjahr viel Sch. auf den
Wiesen wächst, kommt später (im Herbst)
eine Überschwemmung 2 ). Wenn es viel
„Hungerblumen“ (Sch.) auf den Wiesen
gibt, so gibts später wenig Heu 3 ), vgl.
Hungerblümchen. Das Sch. zieht den
Blitz an, man darf es daher nicht ab¬
reißen und ins Haus bringen 4 ), es heißt
deswegen auch Wetterblume (Aalen),
Gewitterblume (Unterfranken), Donner¬
blume (Nassau), Dundermaie (Schweiz),
s. Gewitterblumen (3, 833).
2 ) Wörnitztal: Orig.-Mitt. v. Herrlinger 1907;
Schulenburg 268 = Brandenburg 112; Kro¬
aten von Themerau in Niederösterreich (hier ist
nur von „weißfarbigen Blümchen" die Rede):
ZföVk. 7, 237; Mar zell Bayer. Volksbot. 126.
4 ) Fischer SchwäbWb. 6, 739; Marzell
Bayer. Volksbot. 134; dagegen soll es in der
Pfalz den Blitz abwehren (?): Wilde Pfalz 274.
3. Wenn man das Sch. abreißt, dann
pißt man ins Bett (Kinderglaube) 5 ),
vgl. auch Hirtentäschchen, Löwenzahn.
Der Glaube spielt wohl auf die (ver¬
meintlichen) harntreibenden Wirkungen
des Sch.s an, wie er auch in den Volks¬
namen Bettsächer (Schweiz), -brunzer
(bayer. Schwaben), Harnsamen, Grieß-
blümel [Harngrieß] (Böhmerwald) zum
Ausdruck kommt. Das Sch. wird mit
anderen Frühlingspflanzen am Himmel¬
fahrtstag gesammelt, getrocknet und sorg¬
fältig auf bewahrt. Wenn im Laufe des
Jahres ein Stück Vieh erkrankt, so wird
ihm von diesen Kräutern ein Trank
eingegeben 6 ).
3 ) Oberbayern: Orig.-Mitt. v. Dietmeier 1907.
•) Hessler Hessen 2, 220. Marzell.
Schauspieler s. Nachtrag.
Schauteufel (Schodüvel). Schwarz¬
vermummte Gestalten mit Hörnern und
roten Zungen, die in niederdeutschen
Städten des Mittelalters zu Weihnachten
und Fastnacht herumliefen und die Leute
neckten und ohrfeigten (Schodüvel lopen).
Solche Vermummungen galten vielen als
frevelhaft und konnten böse Folgen
haben x ).
l ) Seifart Sagen a. Hildesheim 2, 7 ff. 150 ff.;
Schambach u. Müller 156 t. 356; Heck¬
scher 425; ZfrwVk. 3, 216 f.; KblNdSpr. 12
(1887), 14; 13, 59. 73 ; 14 . 10.67t.; Schiller
u. Lübben Mittelniederdeutsches Wbch. 4, 108ff.
(Herleitung zweifelhaft; viell. von schuwen —
scheuchen ?). Sartori.
Scheere s. Nachtrag.
scheeren s. Haar.
Scheibenschlagen.
1. Ein verbreiteter Frühlingsbrauch in
Süddeutschland und in der Schweiz x ).
Man läßt Holzscheiben anfertigen, etwa
acht Zoll im Durchmesser, in der Mitte
mit einem Loch, macht sie im Feuer
glühend und wirft sie mit einer Rute
oder von einem Brett aus, das man durch
einen Schlag emporschnellt, mit mäch¬
tigem Schwünge in die Luft 2 ). Die
Scheiben sind rund, viereckig, sechseckig
oder am Rande ausgezackt 3 ). Doch
kann auch jeder brennbare Gegenstand
als „Scheibe“ verwandt werden, selbst
Kartoffeln 4 ). Diese Scheiben werden
angezündet und geworfen am Fastnachts¬
feuer, vor allem am Sonntag Invocavit
(s. Funkensonntag) 5 ), an Laetare 6 ),
am Osterfeuer 7 ), am Sonntag nach
Ostern 8 ), am Mittsommerfeuer 9 ), am
Abend vor Ulrichstag (4. Juli) 10 ). Das
älteste Beispiel ist vom 21. März 1090
überliefert, wo das Kloster Lorsch durch
eine solche Wurfscheibe in Brand
geriet 11 ). In nichtgermanischen Ländern
scheint das Sch. nicht vorzukommen 12 ).
2 ) Reuschel Volkskunde 2, 50; Fehrle
Volksfeste 36; ZfVk. 3, 349 ff- 359 ; 4, 196. Der
„ Scheibensonntag'‘ in der Eifel (Schmitz
Eifel i, 24; Fontaine Luxemburg 61) ist wohl
eine unrichtige Verhochdeutschung von Scheef-
(Schöf-, Schoof-, zu Schaube = Strohbund)
Sonndig: Wrede Eifeier Volksk. 210. 2 ) Meier
Schwaben 380 f.; Reiser Allgäu 2, 96 f.; Panzer
Beitr. 1, 211; Hörmann Volksleben 31h;
Kapff Festgebräuche 13. 3 ) SAVk. 11, 247;
Reiser Allgäu 2, 96. 97; Panzer 2, 538;
Wolf Beitr. 1, 73. 4 ) Panzer 2, 241. 5 ) Sar¬
tori Sitte 3, 167 f.; ZfVk. 3, 350 ff.; 4, 195 i.
6 ) Meyer Baden 211. 7 ) Sartori 3, 150 Anm.
13; ZfVk. 3, 352; Wolf Beitr. 1, 73; Panzer
Beitr. 2, 529. 8 ) Meier Schwaben 382 (23);
Birlinger Volkst. 2, 105 f. 109. 9 ) ZfdMyth.
3, 31; Franzisci Kärnten 77 L; Grimm
Mythol. 3, 177; Wolf Beitr. 1, 73; Sartori 3,
228 Anm. 31. 10 ) ZfVk. 5, 420. u ) Ebd. 3, 349.
12 ) Ebd. 4, 196.
2. Jede der abgeschleuderten Scheiben
wird mit einem Spruche einer bestimmten
Person als Ehrung gewidmet, vor allem
der Geliebten 13 ). Je höher sie fliegt,
desto ehrenvoller für die Person, der sie
gilt 14 ), desto größer die Liebe des
Werfenden 15 ). Die Mädchen zeigen
sich durch Kuchen und Ostereier erkennt¬
lich, auch sammeln die Burschen bei den
Geehrten Gaben ein 16 ). Doch werden
auch Scheiben zum Unglimpf und zur
Beschämung anderer geschlagen, nament¬
lich unbeliebter Mädchen 17 ). Hier und
da werden beim Wurfe alle heimlichen
Liebschaften ausgerufen 18 ) und Ver¬
gehen gerügt, die den ordentlichen Ge¬
richten entgangen sind 19 ). In Schelingen
(Kaiserstuhl) schleudert man die bren¬
nende Scheibe über des Feindes Haus 20 ).
Die erste Scheibe gilt oft der h. Drei¬
faltigkeit 21 ). In Naunders (Tirol)
trieb dagegen mal einer dem Teufel
eine Scheibe, die einen unabsehbaren
Bogen machte 22 ). Aus der Bahn der
1023
Scheide— Scheinhandlung
1024
Scheibe, ihren Wendungen, der Höhe
und Schönheit ihres Bogens kann man
Schlüsse auf das Glück des Werfenden
wie auch des mit dem Wurfe Geehrten
ziehen 23 ). Auch Wünsche für die Frucht¬
barkeit des Jahres werden beim Wurfe
ausgesprochen 24 ). Brandreste der Schei-
I man in den Flachsacker 25 ).
In der Schweiz lebt noch der Glaube,
daß das Fastnachtsfeuer als „Heiden¬
feuer“ keine Entzündungsgefahr in sich
berge und daß eine an der alten Fast¬
nacht geschlagene Scheibe nicht imstande
sei, etwas in Brand zu setzen 26 ). Man
erzählt sich aber auch unheimliche Ge¬
schichten vom Sch., das Dämonen
zwingt sich zu zeigen 27 ). Über Mitter¬
nacht wagte man das Sch. nicht aus¬
zudehnen aus Furcht vor dem Bösen 28 ).
Das Sch. ist wie das Fastnachtsfeuer
überhaupt nicht ohne christlich-religiöse
Beeinflussung geblieben 29 ). Ursprüng¬
lich mag es wohl einen Zauber darstellen,
der auf den Gang der Sonne einwirken
soll 30 ). Doch liegt auch die Absicht der
Vertreibung von Hexen und bösen Geistern
nicht fern 31 ). Manchmal wird auch
während des Sch.s geschossen 32 ).
13 ) Meyer Baden 215; Panzer Beitr. 2, 539;
zfVk - 3 , 362 fk; Sartori 3, 107! **) Meyer
Baden 213. **) Birlinger Volkst. 2, 61.
*> Sartori 3, 108 Anm. 74; ZfVk. 9, 350;
Reiser Allgäu 2, 100 f. 17 ) Panzer Beitr.
2, 240 t. 341; Franzisci Kärnten 78; Meyer
Baden 215; Hörmann Volksleben 33. 121;
ZfV k. 3, 365. 18 ) Mannhardt 1, 456; ZfVk. 3!
365- 19 ) Panzer 1, 210; Reiser 2, 98; ZfVk!
3 » 365» 20 ) Meyer Baden 216. 21 ) Panzer 2, 539■
Meyer Baden 215; ZfVk. 3, 363 f. 22) Panzer
2 39 ^ ZfVk. 3, 360. 23 ) Jahn Opfergebr. 91;
Panzer 2, 539 h; ZfdMyth. 3, 31; ZfVk. 3!
366 ff. 24 ) j ahn opfergebr. 90; Zingerle
lirol 140 (1225); Hoffmann-Krayer 136.
) Jahn Opfergebr. 92. 26) jyjanz Sargans 38.
') Alpenburg Tirol 356h; Zingerle Tirol
140; ZfVk. 3, 360. 361 f. 28 ) Hörmann Volks¬
leben 34; Zingerle Tirol 140f.; Hmtl. 13 (1926),
- 3 - B# ) ZfVk. 3, 360. 30 ) Helm Religgesch. 1,
176. 186 f.- Frazer 10, 334. si) ZfVk 3 36i .
vÜf Zer IO ' 345 - 32 ) ^ e * er Schwaben 2, 382;
ZfVk. 4, 196.
3. Ein weitverbreitetes Spiel ist auch
das Werfen (Rollen, Tröndeln, Tru(n)seln,
im Elsaß und in der Schweiz Humussen)
nicht brennender Holzscheiben auf
dem Erdboden 33 ).
33 ) Rochholz Kinderlied 452 h; Kück u
Sohnrey 288 f.; Sartori Westfalen 156.
s. a. Rad.
. Sartori _
Scheide s. Grenze.
Scheidegänger s. Grenze.
Scheidung s. Ehe.
I Scheinhandlung (= Sh., Schein = S.).
Sh.en begegnen in verwandter Gestalt,
doch mit verschiedener Absicht im älteren
Rechtsleben wie im altertümlichen Volks¬
brauch, welchen beiden Bezirken auch
in dieser Hinsicht eine gleiche Gebärden¬
sprache eigentümlich ist.
1. Recht. Das alte deutsche Recht
ist gleich dem englischen und dem nor¬
dischen Rechte stets bestrebt gewesen,
die einmal gebildeten Rechtsformen zu
erhalten, auch wo sie haben ergänzt,
durchbrochen oder neu gestaltet werden
müssen. Eine bewußt oder unbewußt
sinnlos gewordene Rechtshandlung
hat daher oft als Sh. oder S.leistung
fortgelebt ! ). Als solche Sh.en, unbeholfene
Rechtsmittel also, weder Aberglaube noch
Aberrecht, kennen alte Rechtssitten den
S.preis der Verlobungsgabe des
Bräutigams, der ursprünglich an den
Gewalthaber der Braut zum Abkauf der
Munt gezahlt wurde 2 ), das spätere Hand¬
geld, Ringgeld oder Arrha, vgl. 4, 1138 ff.
Neben solchem unbewußt verblaßten
Rechtsbrauch 3 ) stehen Sh.en, welche
bewußt die (überholte) Form täu¬
schend wahren, statt ein Aus¬
nahmerecht zu schaffen, als wie
| die S.trauung mit dem unmittelbar
vor der Hochzeit gestorbenen Manne,
um der Frau die durch das Beilager be¬
dingte ehegüterrechtliche Stellung der
Witwe zu verschaffen 4 ); der S.lohn als
unbeträchtliche Gegenleistung für eine
Schenkung, um nicht den germanischen
Grundsatz der Entgeltlichkeit aller recht¬
lich belangreichen Verträge zu durch¬
brechen 5 ); der S.prozeß, auch S.zwei-
kampf, gegen einen Toten, um auch bei
der Durchführung der Straflosigkeit der
Tötung eines friedlosen Verbrechers auf
handhafter Tat nicht zu einer Ausnahme
greifen zu müssen 6 ). Daher wurden im
Rechtsleben des deutschen Mittelalters
1025
Scheinhandlung
1026
*
S.wergeld und S.buße (Schattenbuße)
«um regelmäßig geübten, umständlichen
Mittel, um in gewissen Fällen Bußlosigkeit
auszudrücken, so einerseits, durch die
Tat begründet, bei der Tötung oder Ver¬
letzung eines nächtlichen Heimsuchers,
Einbrechers oder Lauschers, Ehebrechers,
Ächters 7 ), andrerseits, durch die Person
begründet und ironisch her ab würdigend,
eines Rechtlosen, z. B. eines Spielmanns,
Gauklers, Bettlers, Landstreichers, auch
eines unehelich Geborenen und später
eines Henkers 8 ). Auch wenn im 15. und
16. Jh. eine Todesstrafe aus Gnade ge¬
mildert werden sollte, schritt man zur
S.s träfe als wie einer Hinrichtung des
Schattens des Verurteilten oder einer
gespielten Verstümmelung 9 ). Ähnlich er¬
scheint, wo eine inhaltlose Berechtigung
dargestellt werden soll, besonders in der
Bildersprache der bäuerlichen Weistümer,
ein S.recht, das oft als Verspottung
des rechtlos Gewordenen wirkt, wenn
etwa einem Grundherrn als Nutzungs¬
recht an einem Walde nur ein Reis oder
einen Kranz um den Hut zu brechen
gestattet wird 10 ).
Die alte rechtliche Sh., welche ein
von den vorgetäuschten Formen ab¬
weichendes Recht gestalten will, ist durch¬
aus zu unterscheiden von der verwandten
symbolischen Rechtshandlung, die
einen geistigen Vorgang versinnbildli¬
chend zu unterstreichen sucht 11 ), erst
recht natürlich von dem betrügerischen,
heimlichen S.geschäft 12 ).
A) Vgl. O. Peterka Das offene zum Scheine
Handeln im dt. Rechte des MA. 1911. 2 ) Ebd.
yü. (langobard. u. salisch); Kondziella Volks¬
epos 115; ZRG. germ. 47 (1927), 203; zum
Problem des S.raubs der Braut u. der S. kämp¬
fe auf der Hochzeit vgl. ZfvglRw. 5, 338; 12,
129fr; Bächtold Hochzeit 1, 197h; s. o. 1, 1526.
2, 571 f. 4, 157 k 955 k 3 ) Vgl. auch die zum
S.begräbnis abgeschwächte Totenfolge des
nord. Blutsbruders (Egilssaga einhendar c. 6;
Gislasaga c. 14.), ZfvglRw. 34, 49 ®* 53 *k
4 ) Peterka 11 (spätfränk.); Sh.en sind in ge¬
wissem Sinne alle Rechtsgeschäfte mit Toten,
s. °- 7 » 554 ; zur Totenhochzeit, bes. vorgeschichtl.
u. slaw., vgl. O. Schräder Totenhochzeit i 9 ° 4 -
*) Peterka i2f. (nord., langobard.); zum
S.pfand bei Vertragsabschlüssen (Kauf u. Ver¬
kauf) vgl. ebd. 13fr.; Schröder Lehrbuch d. dt.
Rechtsgeschickte* 322k 331; ZRG. 13 (1878),
220; s. o. 4, 11380. •) Peterka 32h. (dt. u.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
nord.); ma. S.prozeß bei der Eigentumsüber¬
tragung, ebd. 2ifk; Schröder Rechtsgeschichte
6 310. 7 ) Ebd. 37fr (auch nord.); O. Gierke
Der Humor im dt. Recht (1871) § 12 S. 33ff.;
Grimm RA. 2, 253k; Schröder Rechts¬
geschichte 6 505; E. Goldmann Ruoda (1923)
10; R. His Strafrecht d. dt. MA. 1, 66k 205.
280. 288k 4i8;Wilutzky Recht 3, 35; JbhistVk.
1, ii3fk; ZRG. 45 (1925), 487; Liebrecht
Zur Volksk. 33; Zachariae Kl. Sehr. 168ff.
8 ) Amira Grundriß 146. 246: Peterka .420.;
Grimm RA. 2, 2510. 346. 348; ZRG. 29
(1908), 334ff.; ZfVk. 17, 461. 9 ) Grimm
RA. 2, 252; Lieb recht a. a. O. 424. 10 ) Peterka
18; Gierke a. a. O. § 11 S. 3off. 37ff.: Bei¬
spiele der S.erfüllung erloschener Verbindlich¬
keiten. n ) Peterka 47k; vgl. Recht § 3.
12 ) Man denke auch an den S.eid, abgeleiteten
Eid, Eidtäuschung, s. o. 2, 668ff.; 6, 122.
2. Sitte. Der Absicht der symbo¬
lischen Rechtshandlung kommt die ma¬
gische Sh. nahe, der Analogie-Hand¬
lungszauber 13 ). Über diese Ähnlich¬
keitszauber hinaus gibt es magische Sh.en,
wo wie bei jenen S.vorgänge an die Stelle
wirklicher Vorgänge treten, doch nicht
um eine gleiche oder symbolisch über¬
tragene Wirkung zu erzielen, sondern um
eine allgemeine zauberische Segnung aus¬
zulösen. Hierher gehören die S.opfer
der Fruchtbarkeitszauber als wie die
S.tötung (S.hinrichtung) des Maikönigs,
des Pfingstl 14 ), während die S.kämpfe
zwischen Sommer und Winter 15 ) oder
die S.hochzeit eines mythischen Braut¬
paars im Mai 16 ) als bestimmte agraxische
Analogiehandlungszauber erscheinen. Ei¬
nen andern, ebenfalls segnenden Sinn
enthält die S.hochzeit der Begräbnis¬
bräuche verstorbener Lediger 17 ). Bei
der Aufnahme des jungen Menschen in
den Männerbund stellt die S.tötung eine
Verwandlung dar 18 ).
Der S.verkauf eines kranken oder
/
schlecht gedeihenden Haustiers an einen
Nachbar (auch die Frau oder ein Kind),
also ein vorgetäuschter Besitz Wechsel, übt
eine magische Stärkung auf das ver¬
handelte Tier aus 19 ). Wiener Kinder¬
glaube berichtet von „den Polnischen“,
daß sie dementsprechend auch ein tod¬
krankes Kind zum S. verkaufen, weil dann
der Todesengel sich nicht auskenne 20 ).
Hier ist offenbar eine Dämonentäu-
s c h u n g beabsichtigt. Die gleiche Zauber¬
wirkung bezwecken auch manche irre-
33
1027
Scheinkampf — Schellkraut
1028
führenden Hochzeitsgebräuche wie
Kleiderlisten, Brautunterschiebungen, S.-
eheschließungen und S.gefechte am Hof
des Hochzeitshalters 21 ), lauter Sh.en, die
den gleichen Sinn haben wie die afri¬
kanischen S.gräber und S.leichen, welche
ebenfalls gefährliche Dämonen ablenken
sollen 22 ).
13 ) S. o. 1, 385t. 39iff. u. Adoption 1, 194t.,
Scheingeburt, durchkriechen 2, 503 k 14 ) Frazer
4 » 214h.; s. o. 2, 856h; 5, 1512. 1524. 1536;
6, 168; vgl. die nord. S.opferung Wikars durch
Starkad zur Erlangung eines günstigen Fahr¬
winds, Gautrekssaga c. 7, Palaestra n, Ein¬
leitung S. 100 f. «) S. d. und 4, 122 ff. 953 ff. ;
vgl. Mannhardt r, 548«.; Sartori Sitte u.
Brauch 3, 120C 124. 165. 179. 191. 202. 234t.;
Becker Pfalz 304ff.; O. Höfler Kult . Geheim¬
bünde d. Germanen (1934) r 54 Ü- 16 ) Vgl.
5 > I 524f., aber auch auf der pfälz. Kerwe
Becker Pfalz 332. ») S. o. 5, ioo8f.; vgl.'
Leichenwache 5, mof. «) Vgl. Initiation
4» 688. 854 f.; die S.tötung beim Schwerttanz,
Naumann Gemeinschaftskultur 134 u. Weiser
Jünglingsweihen 84; S.aufhängungen als Ini¬
tiationsritus, Weiser a. a. O. 79f. «) Drechs¬
ler 2, 118; Urquell 4, 116; Toppen Masuren
98 = Sartori Sitte 2, 143; Seligmann Blick
U 336,' offenbar nicht dt., sondern slaw. Ur¬
sprungs. 20) WZfVk. ^ ?5 . s Q ^ ij8i
) Samter Geburt 98h. 106; ZfvglRw. 21
(1908), 2 6 7 ff. {Die S.ehe in europ. Hochzeits-
brauchen); 31 (1914), 321g. 34 of. ; Naumann
Grundzüge 84; HessBl. 27, i 54 f.; s. o. 4, i 7 of.
1512 und Anm. 2 dieses Artikels. «) Frazer
fi. Müller-Bergström.
Scheinkampf s. Nachtrag.
scheintot. Die Furcht, scheintot be¬
graben zu werden, ist heute bei manchen
Leuten noch groß, und es werden etwa
einmal Fälle erzählt, wo die Gefahr im
letzten Augenblick noch abgewendet wer¬
den konnte. Der Gedanke hat auch einen
Dichter wie Gottfried Keller beschäftigt
und zu seinem Gedicht „Lebendig be¬
graben“ angeregt.
Auch im Volksglauben taucht der
Scheintote auf. Man erzählte sich Ge¬
schichten von S.en, die man mit zerfleisch¬
ten Gesichtem und Händen gefunden l ),
oder von einer Wöchnerin, die man noch
lebend ausgegraben, die noch ein paar
Jahre gelebt, aber weiße Haare gehabt
habe 2 ).
Man glaubt, wenn ein S.er wieder auf¬
lebe, müsse er doch bald sterben 3 ). Man
soll einen beerdigten S.en nicht wieder
ausgraben, da, soweit er schauen möchte,
die Felder unfruchtbar würden 4 ). Wieder¬
kehrende S.e lachen nicht mehr 5 ). Man
verlobte sie irgend einem Heiligen 6 ), man
habe sie nochmals getauft 7 ). Man glaubte,
eine Verstorbene sei nur s„ als beim
Leichenzug die Pferde nicht mehr vor¬
wärts wollten 8 )..
Weit verbreitet ist die S.e in Sagen.
Meist ist es eine Frau, die mit Kleinodien
begraben wird. Als der Totengräbei aber
diese rauben will, erwacht sie und kehrt
zurück 9 ), oder es ist das romantischere
Motiv von der scheintoten Braut 10 ).
)Krünitz Encycl. 73, 157 ff. 2 ) Graubünden
“‘-/gl. Höh “ Tod 356. 5 ) Urquell 1, 9.
) Zfo\ k. 3, 216. 5 ) ZrwVk 23 13-» 13c
!> YT 6 , 1 , 1 2 ' 90 f - ? ) Krünitz Encycl. 73, 181.'
) Schell Berg. Sagen 45. 9 ) L le brecht ZVk
H h'' Z -PT 2 °; ? 53 2I ’ 282; 3°/32, 127 ff.;
Hohn 356 f.; Gering Isl. Aev. 2, 171;
Kr umtz Encycl. 73, 159; Müller Uri 1, 17 •
Keller Grab 4 . 143 f. u») Liebrecht a. a. O.j
ZfVk 20, 353 ff.; Krünitz Encycl 73, 707.
Scheitorakel s. Holzscheitorakel 4
2 79
Schelle s. Glocke.
Schellenmoritz s. Mauritius 6, 31.
Schellfisch (Gadus aeglefinus).
i* ^ er Hecht (s. d.), so hat nach
der niederrheinischen und vlämischen
Volksmeinung der Sch. die Leidens¬
werkzeuge Christi im Kopf 1 ).
* j Beitr. 2, 458 (N.-Rhein); Dähn-
hardt NS. 2, 297.
2. In Vlamland, Holland und Deutsch¬
land werden Legenden erzählt, nach
denen der Name Sch. („Schelmfisch* 1r )
und gewisse Eigenheiten am Körper von
dem schwierigen Fang oder dem Anfassen
durch Petrus hergeleitet werden 2 ).
*) Ebd * ff.; ZfdMyth. 2, 315; Wolf
Beitr. 1, 139. 140; 2, 461; Kuhn u. Schwartz
302. 505 (mit weiterer Lit.); Grässe Preußen
2, 1008. '
3 - Ir der isländischen Volksmedizin
wird die Galle gegen das Ohrsausen ver¬
wendet 3 ), die Leber gegen verschiedene
Krankheiten 4 ).
r u H ^ fler 0 r g an °therapie 227 (H. sagt fälsch¬
lich „Ohrwurm”). *) Ebd. 190.
Hoff mann- Krayer.
Schellkraut (Goldwurz, Warzenkraut;
Chelidonium maius).
IO29
Schellkraut
1030
1. Botanisches. Die Blätter des
Sch.s sind gefiedert (die oberen fieder-
spaltig), auf der Unterseite sind sie blau¬
grün. Die Blüten besitzen vier goldgelbe
Blütenblätter. Die ganze Pflanze enthält
einen gelblichroten, etwas ätzenden Milch¬
saft, der vom Volk gern zum Betupfen
der Warzen benutzt wird. Das Sch. ist
an Mauern, an Zäunen, in Hecken, auf
Schutt usw. überall häufig 1 ). In der
volkskundlichen Literatur und in alten
Schriften wird das Sch. manchmal mit
dem Türkenbund (s. d.), der ebenfalls
,,Goldwurz“ heißt, verwechselt.
*) Marz eil Kräuterbuch 343 h; Heilpflanzen
55 — 61; Hovorka u. Kronfeld i, 385 f.;
Archivum Romanicum 7 (1923), 275 — 287
(die romanischen Volksnamen und verschie¬
denes Volkskundliches.)
2. Das Sch. war in früheren Zeiten als
Heilkraut hochgeschätzt. Ob das yeXiSo-
vtov der Alten 2 ) wirklich unsere Art war,
ist zweifelhaft, jedenfalls aber hielten es
die mittelalterlichen Ärzte dafür. Die
hohe Wertschätzung der Pflanze geht
schon daraus hervor, daß man „cheli¬
donium“ („Schwalbenkraut“, weil es mit
der Ankunft der Schwalben erblüht und
bei deren Wegzug verwelkt, nach Theo-
phrast und Plinius; vgl. auch unten) als
„coeli donum“ (= Himmelsgeschenk)
deutete 3 ). Wegen der gelben Blüten
und vor allem wegen des gelben Milch¬
saftes gilt das Sch. seit den ältesten Zeiten
als Mittel gegen Gelbsucht 4 ), so schon
bei Dioskurides und bei (Pseudo-)Apu-
leius: „ad auriginem Herbam celidoniam
tritam ex aqua bibat, miraberis“ 5 ). In
der Sympathiemedizin der neueren Zeit
heißt es oft, man müsse gegen Gelbsucht
die Blätter des Sch.s in die Schuhe legen
und darauf gehen 6 ), auch in der Tasche
wird es getragen 7 ). In der Gegend von
Tuttlingen schüttet man an 3 Freitagen
vor Sonnenaufgang den Urin des Gelb¬
süchtigen an das Sch. und spricht:
Schöllkraut, ich tränke dich,
Gelbsucht, ich senke dich in den Boden 8 ).
In Niederbayern werden 9, 7, 5, 3 Sch.-
wurzeln und ebenso viele Wachsbröck-
chen von einem zu Lichtmeß geweihten
Wachsstöckel in einen Fleck eingenäht,
-der rückwärts zwischen den Schulter¬
blättern auf den bloßen Körper gehängt
wird. Täglich sind so viele Vaterunser
zu beten als Wurzeln eingenäht sind.
Nach 9 Tagen wird dann das Päckchen
rückwärts ins Wasser geworfen 9 ). Übri¬
gens kann die Wirkung des Sch.s bei
Gelbsucht z. T. physiologisch begründet
werden 10 ). Ebenso beruht es wohl auf
der Signaturenlehre, wenn man in der
Pfalz den Kühen, die rote Milch geben,
Sch. verabreicht 11 ) und wenn es gegen
den „Rotlauf“ gebraucht wird 12 ). Auch
als Warzenmittel (s. unter 1) wird es
nicht selten auf abergläubische Weise
gebraucht 13 ). Das Sch. muß zu diesem
Zweck bei abnehmendem Mond 14 ), am
besten am Freitag 15 ), auf einem Kirch¬
hof 16 ) gepflückt werden. Man betupft
die Warzen mit dem Sch.safte während
einer Beerdigung 17 ), auch darf man die
Warzen nach dem Betupfen nicht an¬
schauen 18 ). Warzenähnliche Aufschwel¬
lungen (Stengelknoten?) des „Warzen¬
krautes“ (Sch.) finden in der Weise Ver¬
wendung, daß jene, in einer der Zahl der
Warzen entsprechenden Menge, im „Wei-
chiband“ (die Hose nach oben abschlie¬
ßender gurtähnlicher Saum) eingenäht
getragen werden 19 ). Eine Hs. des 15. Jh.s
bringt als Rezept gegen den „Frörer“
(= kaltes Fieber) 2°): Nim schelkrautt und
legs in die schuch zu früe for der sunnen
drei dag nacheinander und drit in dreien
tag auf kain loß ertreich mit kein Fuß.
Es hilft 21 ). Dieses Fiebermittel ist auch
jetzt noch bekannt 22 ). Schon in der An¬
tike wurde das ^eXiooviov gegen Augen-
krankheiten angewendet 23 ). Dioskuri¬
des 24 ) und Plinius 25 ) berichten, daß die
alten Schwalben („Schwalbenkraut“, vgl.
auch oben!) ihre erblindeten Jungen da¬
mit heilten 26 ). „Wenn den jungen swal-
ben die aügel we tuont, so pringt in die
muoter ain kraut haizt celidonia, daz ist
schellkraut, wann daz ist guot zuo den
äugen“ 27 ). Besonders wandte man das
Sch. gegen das „Fell“ in den Augen
(pterygium) an 28 ). Gegen trübe Augen
steckt man Sch.wurzel mit einer Kletten¬
wurzel in ein Säckchen und hängt es
sich um den Hals 29 ), oder legt Sch.blätter
in die Schuhe 30 ). Ferner sollte die am
33*
I
1031
Hals getragene Sch.Wurzel ein Mittel gegen
Pest sein 31 ). Das Zittern der Hände
wird beseitigt, wenn man diese in einem
Absud des Sch.s badet 32 ). Nach einer
Aufzeichnung des 18. Jh.s aus dem Ziller¬
tal muß das Sch. als „Schwindwurz“
nackt gegraben werden. Es darf nicht
mit bloßer Hand angerührt werden. Zu¬
sammen mit dem „Schwindholz“ (s. Esche
2, iooi Anm. 52) und Kirchhof erde (s. d.)
wird es in einen ledernen Beutel getan,
der dem schwindsüchtigen Menschen oder
Vieh umgehangen wird 33 ). Ein altes
handschriftliches Arzneibuch läßt die
„Schwindwurz“ an einem Freitag im
Neumond vor Sonnenaufgang graben.
Wer das Schwinden hat, muß 7 oder
9 Wurzeln an einem Freitag, wenn man
„Schiede läuth“ (11 Uhr vorm.), um¬
hängen 34 ). Das Sch. soll gegen Schlangen¬
bißgut sein 35 ). Sch. gestoßen mit Schweine¬
fett und Honig zu einer Salbe vermengt
auf ein Pflaster geschmiert und über den
Kropf gelegt, vertreibt ihn 36 ). „Für die
Ruhr des Viehes“ muß man Sch. an einem
Freitag vor Sonnenaufgang graben 37 ).
Eine „Sympathiekur“ gegen verschie¬
dene Krankheiten (z. B. Gicht) besteht
darin, daß man zu einer ungeraden Stunde
drei Sch.pflanzen mit der Wurzel aus¬
gräbt und in ein Bündelchen schnürt.
Dies wird um den Hals gehängt und dann
gewartet, bis die drei Pflanzen vertrocknet
sind 38 ). Wird der Kranke, dem man
„Schielkraut“ (= Sch.?) unters Haupt¬
kissen legt, heiter gestimmt, so genest
er 39 ), vgl. Eisenkraut (2, 738), Türken¬
bund. Wenn man Sch. unter dem linken
Fuß trägt, wird man beim Wandern
nicht müde 40 ), ein Glaube, der sonst
vom Beifuß (1, 1007) gilt. Eine alt¬
englische Beschwörung des Sch.s („celan-
dine“) gegen Hämorrhoiden hat stark
christlichen Einschlag 41 ). Die Beziehung
zu den Hämorrhoiden ist wohl in dem
rötlichgelben Milchsaft des Sch.s zu
sehen. Wegen dieses Milchsaftes wurde
das Sch. auch gebraucht, um den Kühen
die „verlorene Milch“ wieder zu bringen 42 ).
Der Cod. Sangall. 44 (9. Jh.) gibt Sch.
in Wein, „si mulieri lac defugit“ 43 ).
Vielleicht wirkt hier auch der Glaube
1032
an apotropäische Eigenschaften des Sch.es
(das Versiegen der Milch ist ein Werk
der Hexen!) mit. Sch.blumen sind ein
Bestandteil eines „Balsams gegen alle
Zauberei“ 44 ). Auch bei den Letten
spielt das Sch. als Mittel gegen Hexen
im Haus eine große Rolle und wird
deshalb auch „Hexenkraut“ genannt 45 ).
In Italien ist das Sch. eine Zauber¬
pflanze 46 ).
2 ) Theophrast Hist, plant. 7, 15, 1; Dios-
kurides Mat. med. 2, 180; Plinius Nat. hist.
25, ^9- 3 ) Vgl. Gubernatis Plantes 2, 64.
4 ) Vgl. auch Frazer 1, 79 ff. 5 ) Corpus
Medic. Lat. 4 (1927), 134. 6 ) z. B. Lammert
249; Martin u. Lienhart Elsäss . Wb. 1, 532;
Manz Sargans 81; Ulrich Volksbotanik 14;
MnböhmExc. 20, 130; Wart mann St. Gallen
21; Zimmermann Volksheilkunde 46.
7 ) Tschirch-Festschrift 1926, 258. 8 ) Höhn
Volksheilkunde i, 108. 9 ) Marz eil Bayer.
Volksbot. 169. 10 ) Netolitzky Die Volksheil¬
mittel gegen Wassersucht und ihre Deutung. SA.
aus Pharm. Monatshefte. Wien 1921, 13. 11 ) Wil¬
de Pfalz 225; bei den Letten gegen das Blut¬
harnen der Kühe: Histor. Studien aus d. phar-
makol. Inst. d. Univ. Dorpat 4 (1894), 241.
12 ) Mar zell Bayer. Volksbotan. 155. 13 } Vgl.
auch Frankenland 1915, 239. 14 ) Tirol: Zs.
D.-ö. Alpenver. 17 (1886), 225. 15 ) ZfrwVk. 3
(1906). 231. 16 ) ZfdMyth. 4, 115. 17 ) Marzell
Bayer. Volksbot. 152. 18 ) Andrian Altaussee
137. 19 ) Manz Sargans 60. 20 ) Höfler Krank¬
heit snamen 169. 21 ) Birlinger Aus Schwaben
1, 462. 22 ) Marzell Bayer. Volksbot. 165;
Schneider Heilmittel u. Heilbräuche im Saar¬
gebiet 1924 31. 23 ) z. B. auch bei (Pseudo-) Apu-
leius: Corp. Med. Lat. 4 (1927), 133. 24 ) Mat.
med. 2, 180. 25 ) Nat. hist. 25, 89. 26 ) Vgl.
auch Grimm Myth. 3, 193. 27 ) Megenberg
Buch der Natur, ed. Pfeiffer 200. 28 ) Pfeiffer
Arzneibücher 145; Thesaurus pauperum 1576,
25 v. 29 ) Schullerus Pflanzen 385; vgl. auch
Rhiner Waldstätten 11; auch bei Pferden an¬
gewendet: Zahler Simmenthal 189. 30 ) SAVk.
12, 152. 31 ) Schroeder Apotheke 1693, 928;
Brauner Thesaurus Sanitatis 1728, 3, 315; vgl.
ZfrwVk. 11, 169 (Solingen). 32 ) MittnböhmExc.
20, 132. 33 ) Schrank u. Moll Naturhist.
Briefe 2 (1785), 363. 34 ) Höhn Volksheilkunde
I, 95 - 35 ) um Jena: Verh. Bot. Ver. Prov.
Brandenburg 64 (1922), 62. 36 ) MnböhmExc.
20, 132; der Glaube geht offenbar auf Plinius
Nat. hist. 26, 24 zurück. 37 ) Zahler Simmen¬
thal 189. 38 ) Ma.r zell Heilpflanzen 60. 39 )Roch-
holz Glaube 1, 213. 40 ) SAVk. 19, 218.
41 ) Cockayne Leechdoms 3, 39; Payne Engl.
Med. in the Anglo-Saxon times 1904, n6f.
42 ) Paullini Baurenphysik 1711, 135; (Pachel-
bel) Beschreibung des Fichtelberges 1716, 155;
Wilde Pfalz 225 (zusammen mit Gundermann,
s. d.). 43 ) Jörimann Rezeptarien 19. 44 ) Selig-
1033
mann Blick 2, 103, vgl. auch ebd. 1, 39b.
45 ) Hist. Stud. aus d. pharmak. Inst. Univ.
Dorpat 4 (1894), 174. 46 ) ATradpop. 4, 171.
3. Der Glaube, daß derjenige, der ein
Maulwurfsherz und Sch. bei sich trägt,
jeden Feind überwindet 47 ), ist kein
deutscher; er entstammt wohl der ge¬
lehrt-magischen Literatur 48 ). Das „Nagel¬
kraut“ (wohl fälschlich als Sch. gedeutet;
s. Habichtskraut 3, 1296) gräbt man am
Karfreitag vor Sonnenaufgang. Die
Wurzel eröffnet dem Träger die Orte,
wo Schätze verborgen sind 49 ). Viel¬
leicht denkt man bei der gelben Blüten¬
farbe an das Gold (vgl. auch den Namen
„Goldwurz“ für das Sch.).
47 ) Grimm Myth. 3, 232; Sterzinger Aber¬
glaube 177; Alpenburg Tirol 399; ZfVk. 8, 41;
Wirth Beiträge 4/5, 31. 4S ) Albertus Magnus
1508, cap. 4; vgl. auch Mizaldus Memorab.
Cent. 1592, 63. 4Ö ) John Westböhmen 227.
Marzell.
Schelmwurz s. Nieswurz.
scheiten, schimpfen.
1. Während der Fluch (s. d.) dem
Wunsche und der Absicht entspringt, auf
einen andern durch Vermittlung über¬
menschlicher Wesen oder durch magische
Kraft Wirkung Unheil herbeizulenken,
wirkt das bloße S. unter Anwendung be¬
leidigender Worte und grober Drohungen
mehr in rein menschlicher Weise auf einen
Gegner ein und zwingt ihn zum Nach¬
geben oder zum Weichen. Es gehört
also zu den mancherlei Lärmmitteln, mit
denen auch feindliche Geister einge¬
schüchtert und unschädlich gemacht
werden können. Freilich gehen S. und
Fluchen nicht nur im Ausdruck, sondern
auch in der Absicht oft ineinander
über 1 ).
Auf den Nikobaren schimpft man die
bösen Geister aus den Wohnungen her¬
aus 2 ). Während bei den Chams in Kam-
bodja und Annam der Tote verbrannt
wird, erfüllt ein Mann das Sterbehaus
mit Flüchen und bittet dann den Geist,
nicht wiederzukommen und die Familie
zu plagen 3 ). Die Russen wehren dem
Waldgeist durch unanständiges Fluchen
„mit Nennung der Mutter“ 4 ). Wenn bei
den Batak auf Sumatra eine Familie den
einzigen Sohn verliert, so sucht die
1034
Mutter manchmal durch Vermittlung
des Verstorbenen einen neuen zu erhalten.
Zu Ehren des Geistes wird ein Fest ab¬
gehalten, wobei ein Knabe den Ver¬
storbenen darstellen muß. Die Mutter
überhäuft ihn bald mit Schmeicheleien,
bald mit gräulichen Schimpfworten und
Flüchen, bis die übrigen Familienmit¬
glieder sich ins Mittel legen und sie an
ferneren Schmähungen hindern 5 ). Die
Ägypter drohten bei ihren magischen
Verrichtungen der Gottheit, falls sie
nicht zur Hilfe kommen wollte 6 ). Christ¬
liche Märtyrer wurden im Gebete an¬
gefahren, barsch zur Rede gestellt und
bedroht 7 ). Maßlos grob behandelt der
heutige Italiener in der Erregung und
Wut seine Heiligen. Manche reißen ihre
Kopfbedeckung herunter und rufen eine
Menge von Heiligennamen in den Hut
hinein mit allen möglichen vom Ärger
eingegebenen Titeln. Sind endlich die
Ströme der Verwünschungen erschöpft,
so werfen sie den Hut zu Boden und zer¬
treten ihn in hellem Zorn 8 ).
Nach deutschem Glauben kann alles
„Ungerade“, Kobolde, Gespenster,
Holzfräulein u. dgl. das Fluchen nicht
vertragen, sondern flieht davor 9 ). Feuer¬
männer und Irrlichter werden durch
Fluchen verscheucht 10 ). Die vom wilden
J äger herabgeschleuderte Pferdekeule
wird durch kräftiges Fluchen und Sch.
vertrieben 11 ). Netze, die am Turme der
im See untergegangenen Kirche hängen
bleiben, lösen sich erst wieder, wenn die
Fischer zu fluchen anfangen 12 ). Die
Windsbraut soll man sch., dann weicht
sie 13 ). Ebenso drohende Gewitter¬
wolken 14 ). Krankheitsdämonen
werden gescholten und bedroht 15 ). Die
hl. Adelheid soll durch Sch. kranke Non¬
nen geheilt haben 16 ). Ein alter Engel¬
städter Bürgermeister betrieb bei Zahn¬
weh das Fluchen als eine Art Sympa¬
thie 17 ). Auch für den christlichen Exor¬
zismus ist das Sch. des Dämons charak¬
teristisch 18 ). Die Irländer geben am
Maimorgen Butter nur einem Kranken
und dann mit einem Fluche 19 ). Wenn
die Kinder am Totensonntag den Tod
ins Wasser geworfen hatten, eilten sie,
Schellkraut
Schelmwurz—schelten, schimpfen
10 35
schelten, schimpfen
IO36
ohne sich umzusehen, davon. Das zu¬
letzt bleibende wurde verspottet und mit
unflätigen Schimpfliedem nach Hause
begleitet 20 ). Die ihm anhaftende Ge¬
fahr wollten die übrigen sich dadurch
vom Leibe halten. Wenn auf den He¬
briden die Person, deren böser Blick
den Kühen die Milch genommen hat,
öffentlich ausgescholten wird, so kehrt die
Milch wieder zurück 21 ). Bei der Ernte
(namentlich beim Schnitt der letzten
Garbe) und beim Rapsdreschen werden
vorübergehende Fremde mit Schmä¬
hungen überhäuft 22 ); es soll dadurch
wohl alles Böse dem gewonnenen Ertrage
femgehalten werden. Und wenn der¬
jenige, der den letzten Drischelschlag
getan hat, dem Nachbarn den von ihm
erwischten „Komgeist“ in Gestalt eines
Strohbündels, einer Puppe oder dgl. unter
Schmähversen auf die Tenne wirft 23 ),
so darf man darin wohl einen ähnlichen
Sinn vermuten.
D Eine umfangreiche Sammlung von Schimpf¬
wörtern beginnt: Urquell 2, 110 und wird in den
folgenden Bänden fortgesetzt. Uber das Schelten
im Rechtsbrauch: Grimm RA . 3 612 f. Schelt¬
worte: ebd. 643 ff. 2 ) Frobenius Weltan¬
schauung d. Naturvölker 74. 3 ) Frazer 1, 280.
4 ) Zelenin Russische Volksk. 388. 5 ) Andree
Parallelen 2, 134. 6 ) Wiedemann Relig. d.
alten Ägypter 148. Vgl. ARw. u, 13 f. 7 ) Lu¬
cius Heiligenkult 286 f. 8 ) ZfVk. 10, 338.
9 ) Meier Schwaben 83 (90). 275 (309); Schül¬
ler Progr. v. Schäßburg 1865, 65; Birlinger
Volkst. 1, 302 f.; Mannhardt 1, 81. 103;
Kuhn Westfalen 1, 17 (21); Eisei Voigtland
23; Alpenburg Alpensagen 312; Rochholz
Sagen 1, 54; Schöppner Sagen 3, 340; Jahn
Pommern 259. 372; NddZfVk. 6 (1928), 230;
oben 2, 1642 f. 1643 f. 10) Schambach u.
Müller 215; Müllenhoff Sagen 186; Pröhle
Unterharz 103; Jahn Pommern 395 f.; Kuhn
u. Schwartz 84 t. 143; Schmitz Eifel 2, 51;
Rochholz Sagen 2, 85; Wlislocki Magyaren
124. Eingeborene Matrosen auf Malakka
stießen Scheltworte gegen das St. Elmsfeuer
aus: Sebillot Legendes de la mer 2, 106.
11 ) Püschke D. Sage vom Wilden Heere 75.
12 ) Knoop Posen 45 (12). 1 3 ) Birlinger
Volkst. 1, 192; Meyer German. Mythol. 138.
14 ) Polling er Landshut 98; Trede Heidentum
4 > 37 J f-; Schell Bergische Sagen 520 (50).
Chapman sah, wie Bamangwato-Frauen, die
ein Maisfeld abernteten, bei einem Gewitter
mit erhobenen Hauen scheltend ,,Morimo, Mo-
rimo!“ gen Himmel schrieen, weil sie von
Morimo in der Arbeit gestört wurden: Schnei¬
der Relig. d. afrikan. Naturvölker 71. Beduinen
drohen nach jedem Donnerschlag mit der
Faust: Jacob Altarabisches Beduinenleben 5.
Dagegen sucht man in einigen Gegenden Indiens
bei Dürre durch allerlei boshafte Mittel andere
Leute zu ärgern und glaubt, daß durch ihr
S. Regen herbeigeführt werde: Frazer 1, 278
15 ) ZfVk. 5 (1895), 21. 1«) Oben 1, 170. 1 7 ) Hess-
Bl. 10, 118. 18 ) Franz Benediktionen 2, 54.
539 f- 19 ) Lady Wilde Ancient eures etc. of
Ireland 53. 20 ) Drechsler 1, 70. 21) Selig¬
mann Blick 1, 332. 22 ) Mannhardt For¬
schungen 44; Sartori Sitte 2, 78; Strackerjan
2» 131» Pfannenschmid Erntefeste 403;
Wossidlo Erntebräuche 56 Anm. 34. 23 ) Sar¬
tori 2, 102. Bei den Hos in Nordindien herrscht
während des Erntefestes, das zugleich der
Austreibung der bösen Geister dient, große
Ausgelassenheit. Kinder sch. ihre Eltern in
groben Ausdrücken und umgekehrt usw.:
Frazer 9, 137.
2. Ein anderer Gesichtspunkt veran¬
laßt, daß durch Sch. und Fluchen ein
Gegenstand als verächtlich und keiner
Beachtung wert hingestellt und dadurch
der Aufmerksamkeit schlimmer Mächte
entzogen wird. Hier wird also der Ge¬
fährdete und Bedrohte das Opfer der
Beschimpfungen, aber zu seinem Heil.
Verbreitet ist der Brauch, Kindern
häßliche, herabsetzende Namen zu geben,
um den Dämonen den Geschmack an
ihnen zu verderben 24 ). Balkan Völker
suchen ihre Kinder durch solche Namen
vor Krankheiten zu sichern 25 ). In
Sinzlow (Pommern) darf man ein kleines
Kind (auch junges Vieh) durchaus nicht
„Ding“ nennen, lieber kann man „Dreck“
sagen 26 ). Bei Griechen wird der männ¬
liche Neugeborene, so lange er noch nicht
getauft ist, Drakos genannt 27 ). Übrigens
läßt sich im einzelnen Falle nicht immer
mit Sicherheit angeben, ob für das
Sch. der eine oder der andere Grund ma߬
gebend ist. Nach Theophrast soll man
beim Säen des Kümmels fluchen und
lästern 28 ). Um böse Mächte zu vertrei¬
ben ? Oder um die Saat als wertlos hin¬
zustellen? Nach Plinius betet man, daß
der Kümmel nicht auf gehe. Derselbe
erzählt auch, daß das Basilienkraut (oci-
mum) unter Flüchen und Schmähworten
gesäet werden müsse 29 ). Auch die Raute
soll unter Verwünschungen am besten
wachsen 30 ). In Unterfranken ist der
Glaube verbreitet, daß man beim Zwie¬
belsäen ärgerlich und zornig sein müsse.
1037
schelten, schimpfen
1038
und man ruft daher diesen Zorn beim
Pflanzen absichtlich hervor. Marz eil er¬
klärt diesen Glauben durch den Hin¬
weis, daß Zwiebeln und Petersilie (von
deren Aussaat ähnliches gilt) scharfe und
hitzige Pflanzen seien, die sympathetisch
beeinflußt würden, wenn ein scharfer,
hitziger Mensch sie säe 31 ). Aber auch
beim Leinsäen soll geflucht werden, dann
„wird“ der Lein, und wenn im Egerlande
die Bäuerin an ihrem Flachsfelde vorbei¬
geht, so schimpft sie oder spuckt hinein, das
hilft für einen guten Flachsbau 32 ). So
muß bei Ruhla vor dem Säen des Flachses
der Mann sich mit seiner Frau absicht¬
lich ernstlich veruneinigen 33 ). Verächt-
lichungmachung und dadurch Ablenkung
des Neides, des bösen Blickes und ähn¬
licher Gefahren ist auch für gewisse
Hochzeitsbräuche maßgebend. In
Steiermark ist vor der Hochzeit überall
spottendes, beißendes, boshaftes Gerede
über die Brautleute üblich, und jeder
weiß etwas Nachteiliges von ihnen zu
erzählen 34 ). Im oberen Patznaun wurde
die Braut bei der Kranzabnahme hin-
und hergezerrt und mit allerlei Sch.namen
belegt 35 ). Werden Bräute am Hochzeits¬
tage gescholten, so werden sie schöne
Frauen, sagt man in Thüringen 36 ).
Wenn — wie in Westfalen 37 ) — beim
Abladen des Brautwagens scharfe Kritik
der Zuschauer Brauch ist, so ist auch
darin wohl eigentlich ein Mittel zur Ab¬
wehr des „bösen Blickes“ zu sehen. In
Behar (Indien) werden die Leute, die
einen Hochzeitszug zum Hause der Braut
begleiten, von den weiblichen Verwandten
der Braut oft derb gesch. in dem Glauben,
das trage zum Glück der Neuvermählten
bei 38 ).
Wie die römischen Soldaten ihren
triumphierenden Feldherrn auf seiner
Fahrt zum Kapitol mit Spottliedern
begleiteten 39 ), so soll man dem zur Jagd
ausziehenden Weidmann — auch Fliegern,
Touristen, Prüflingen und Schauspielern 40 )
— „Hals- und Beinbruch“ an wünschen 41 ),
und in Werroschen glauben die Fischer,
daß sie nie besseres Glück haben, als
wenn andere Leute ihnen nachfluchen.
Sie ärgern daher die andern und reizen
sie zu Ausbrüchen der Wut 42 ). Wenn
bei den Huzulen ein Viehbesitzer oder
Hirt sich bewußt ist, daß er den bösen
Blick habe, so erteilt er einem seiner
Hausgenossen den Auftrag, ihn ins¬
geheim „Teufel“ oder „Räuber“ zu sch.,
wenn er sich dem Vieh nähere; das soll
die Wirkung des bösen Blickes auf¬
heben 43 ).
24 ) Crooke Northern India 187!.; Bastian
Die Völker d. östl. Asien 3, 219 (Siam); War¬
neck Relig. der Batak 20; Globus 87 (1905),
176L (Evhe-Neger in Togo); Scheftelowitz
Altpalästinensischer Bauernglaube 117. 25 ) Zf¬
Vk. 8, 2 4 6f. 26 ) Urquell 6, 181. 27 ) Hahn
Griech. u. albanes. Märchen 1, 39 Anm. 2.
28 ) Theophrast. Hist, plant. 7, 3, 3; Nilsson
Griech. Feste 431 A. 1. 29 ) Plin. Hist. nat.
19, 36; BayHfte. 1 (1914), 200; Frazer 1, 281
(nach ihm sollen die bittern Worte den bittern
Geschmack und damit die Heilkraft verstärken).
Vgl. oben 2, 1642. 30 ) Grimm Mythol. 2, 1027;
3 . 368
böhmen 196. 33 ) Meyer Deutsche Volkskunde
227. Vgl. Sudetendeutsche Zeitschr. f. Volks-
31 ) BayHfte. 1,201. 32 ) John West¬
kunde 4 (1931), 91. 34 ) Rosegger Steiermark
132. 167. 35 ) Zingerle Tirol 21 (133)- Viel¬
leicht ist das hier Ersatz für den tätlichen
Kampf um die Braut. 36 ) Witzschel Thü¬
ringen 243 (89). 37 ) Sartori Westfalen 89;
ZfrwVk. 17 (1920), 44t. 38 ) Frazer 1, 279.
Andere Beispiele aus Indien für das glück¬
bringende Sch.: Frazer 1, 279f. 39 ) Roscher
Mythol. Lex. 2, 1, 727. An der afrikanischen
Westküste muß der Häuptling, der sich seine
Würde durch Geschenke erkauft, vorher
Schmähungen erdulden: Bastian D. deutsche
Expedition an der Loangoküste 2, 14, vgl. 59.
40 ) WZfVk. 33 (1928), 16. 4l ) Sartori Sitte
2, 164; Frazer i, 280L 42 ) Boeder Ehsten gof.
43 ) Globus 69, 386.
3. Das Fluchen und Sch. wird unter
gewissen Umständen ausdrücklich ver¬
boten 44 ). Wenn man Mäusen flucht,
so vermehren sie sich 45 ). Wer in der
Nähe des Bienenstandes flucht, wird
gestochen 46 ). Daß Fluchen den Teufel
herbeilockt, ist nicht verwunderlich 47 ).
Er nährt sich geradezu von den Flüchen
und Scheltworten der Menschen und
magert ab, w r enn diese eingestellt wer¬
den 48 ). Dem Fluch- und Sch.verbot kann
auch die Meinung zugrunde liegen, daß
der Lärm die unliebsamen Mächte auf¬
rege und herbeirufe. Daher soll man in
einem Bergwerk weder pfeifen noch flu¬
chen 49 ). Wenn der Nachtjäger kommt,
soll man nicht sch., sonst werden die
1039
Schemenlaufen— Scheune
Scheune
1042
1040 1041
Pferde ausgespannt 50 ). Nicht selten ist
der Glaube, daß Irrlichter und Feuer¬
männer durch Necken, Sch. und Fluchen
angelockt werden 51 ). Oft ist es für ein
Unternehmen verhängnisvoll, wenn es
in irgend einer Weise , ,beschrieen“ wird.
Bei vielen Gelegenheiten darf aus diesem
Grunde nicht gesprochen und gelacht
und auch nicht gescholten und geflucht
werden. An einen Fischplatz auf Island
knüpfte sich der Glaube, die Fischerei
sei weniger ergiebig, wenn Streitigkeiten
vorkämen 52 ). Soll ein junger Baum gedei¬
hen,darf man beimPflanzen nicht fluchen 53 ).
Wenn etwas überläuft, soll man da¬
rüber nicht sch., denn das gebührt dem
Feuer (Böhmen) 54 ). Wenn ein Wechsel¬
balg infolge geeigneter Mittel wieder ab¬
geholt ist, muß man die alte Frau, die
ihn zurückgenommen hat, in Ruhe ihres
Weges gehen lassen und ja nicht sch.,
sonst behält man den Wechselbalg auf
dem Halse 55 ). Wenn im Hause viel ge¬
schimpft wird, ist dort kein Wohlstand.
Wenn die Mutter schimpft und läßt dabei
ein Häferl fallen, bedeutets Unglück 56 ).
44 ) Oben 2, 1642t. 1648t. 45 ) Panzer Beitr.
1, 265 (142). 46 ) Messikommer 1, 190; Eber¬
hardt Landwirtschaft 21. 47 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 126t.; Ranke Sagen 260f.; NddZf-
Vk. 6 (1928), 231. 48 ) Manier Isländ. Volkssag.
122. 49 ) Sartori 2, 167 A. 6; Wlislocki Ma¬
gyaren 38. 50 ) Schulenburg 133. 51 ) Alpen¬
burg Tirol 135t.; Schulenburg 110; Eisei
Voigtland 165; Panzer Beitr. 1, 257 (19);
Schönwerth Oberpfalz 2, 99; Rochholz Sagen
2, 79. S. dagegen Anm. 10. 52 ) Thule 6, 48t.
(Gesch. von d. Leuten aus dem Lachswassertal
cap. 14). Der Geist, den die Eingeborenen des
nördlichen Teiles der Gazellehalbinsel (Neu-
Pommern) in ihren Fischapparat zaubern, da¬
mit er ihnen Fische anlocke, muß sehr zart
behandelt und oft gepriesen und angerufen
werden, damit er nicht ungnädig werde. Wenn
aber Fremde vorbeifahren, so beschimpfen sie
den Geist mit höhnischen Worten, so daß er
erzürnt fortgeht: Anthropos 8 (1913), 340.
M ) ZfVk. 24, 193. 54 ) Wuttke 294 (430).
55 ) Haupt Lausitz 1, 69. 56 ) WZfVk. 38 (1928),
140.
4. Der Donner erscheint im Volks¬
munde öfters als ein Ausdruck des Un¬
willens der Gottheit. Man sagt zu un¬
artigen Kindern: ,,Hörst du, wie der
Herrgott zankt, greint, sch.?“ 57 ). Auch
das Feuer sch. und schilt 58 ).
57 ) Meier Schwaben 259; Vernaleken My¬
then 316; WZfVk. 32 (1927), 86. 58 ) Oben
2, 1398.
5. Wer nüchtern dreimal niest, hat an
dem nämlichen Tage ein Geschenk oder
Schelte zu erwarten 59 ).
59 ) Drechsler 2, 195. Sartori.
Schemenlaufen heißt in Tirol der zu
Fastnacht, namentlich am ,,unsinnigen
Donnerstag“ und am Faschingsdienstag
vollzogene Umlauf maskierter (ahd. scema,
mhd. sceme = Schatten, Maske 1 )), im
Gesicht geschwärzter, mit Kuhschellen
behängter Burschen, die die Begegnenden
begießen und mit Aschensäcken ins Ge¬
sicht schlagen 2 ). Der Brauch gehört
zu den Mitteln, die der Fruchtbarkeit
feindlichen Dämonen zu verscheuchen
und dadurch das Gedeihen von Acker
und Menschen zu fördern. In Nürnberg
hießen die Läufer Schemen, Schembarte,
Schönbarte 3 ). Das Schönbartlaufen
war ursprünglich ein Aufzug und Tanz
der Metzger und wurde 1458 durch Teil¬
nahme von Patriziersöhnen zu einem
Fest der oberen Stände 4 ). In Bautzen
hielten am Donnerstag vor Fastnacht
die Frauen Semperlaufen, kamen in
die Häuser der Bürger, trieben Possen
und sammelten Würste, Fleisch, Geld
und andere Gaben 5 ). S. Maske (5,
1765ff.), Semper, Zimbertstag.
4 ) Grimm Mythol. 2, 873. Anm. 2; 3, 307;
Güntert Kalypso 120. Nach Meuli im SAVk.
28 (1927), 29 A. 1 ist Schatten = Totenseele.
Vgl. oben 5, 1756fr. 1811 und Höfler Kul¬
tische Geheimbünde d. Germanen 1, bes. 68 ff.
2 ) Zingerle Tirol 136 (1198); Hörmann
Volksleben 12 f. 13 f.; Alpenburg Tirol 49.
266; K. Eichhorn D. Imster Schemcnlaufen.
Imst 1914: NddZfVk. 7 (1929), 146 f. 3 ) Mann¬
hardt 1, 545; Panzer Beitrag 2, 246 ff. (der
Brauch wurde 1539 eingestellt); Sepp Religion
104 ff. 4 ) Mannhardt 1, 334 (es kommen
später auch ein wilder Mann und eine wilde
Frau darin vor); ZfVk. 19 (1909), 247t.;
T. Brüggemann Über die Schembartläufer von
Nürnberg. Habilitationsschrift der technischen
Hochschule in Aachen. 1918; Bayer. Heimat¬
schutz 29 (1933)» 43 f- 5 ) Haupt Lausitz
2, 59; Meie he Sagen 963 f. Sartori.
schenken s. Geschenk 3, 716 ff.
Scherben s. zerbrechen.
scheuem s. kehren 4, 2111 ff.
Scheune. Das Wort bedeutet ursprüng¬
lich ein Schutzdach und geht auf die
Wurzel *(s) keü = ,»bedecken“ zurück.
Vgl. anord. skaunn = „Schild“ und
skür = „Schale“; sowie lit. skürä
= Leder und Rinde, ahd. seugina, mhd.
schiune = Scheune, Scheuer, Kornspei¬
cher J ). Trotz ihrer verschiedenen Namen
und Formen ist die Sch. ihrem Wesen
nach das schützende Behältnis geblieben,
in dem die Feldfrucht geborgen wird.
Die meisten abergläubischen Vorstellun¬
gen und Bräuche, die sich mit der Sch.
verbinden, schließen daher Schutz- oder
Segnungs-, Abwehr- oder Vegetations¬
riten in sich.
Ais ausgesprochener Abwehrritus gibt
sich die verbreitete Gepflogenheit zu er¬
kennen, am Scheunentor tote Tierkörper
zu befestigen. In der Oberpfalz wird ein
Geier mit ausgespannten Flügeln an das
Sch.ntor genagelt, damit der Blitz nicht
«inschlage 2 ). Dasselbe ist in ganz Ober¬
steiermark der Fall 3 ). Im Gebiet von
Landshut wird zum selben Zwecke eine
tote Fledermaus mit ausgespannten Flü¬
geln angenagelt 4 ). Eulen und Fleder¬
mäuse, in derselben Weise befestigt,
schützen dort und in der bayrischen
Rheinpfalz das Getreide vor allerlei Un¬
heil 5 ). Noch um 1900 sah man am
Niederrhein im Kreis Mors Eulen und
Bussarde ans Sch.ntor genagelt als zau¬
berische Abwehr gegen Blitz und Feuer¬
gefahr 6 ). Die Sitte ist durch Deutsche
auch nach Amerika verpflanzt worden,
wo in Pennsylvania Raben, Eulen oder
Weihe in gleicher Art an die Sch.ntore
geheftet werden 7 ). Dort heißt es auch:
„Wammer en scheier üf der Himmelfaer-
dekdak üfschlakt (d. h. wann man am
Himmelfahrtstag das Scheunentor auf¬
schlagt), schlaktes giwitter nei 8 ). In der
Oberpfalz hat sich auch eine Sonder¬
form dieses Abwehrbrauches entwickelt;
•dort schreibt der Bauer am St. Nica-
siustage vor Sonnenaufgang den Namen
Nicasius an das Sch.tor, um das Getreide
vor Mausefraß zu schützen 9 ).
Abwehrriten sind es auch, wenn man
beim Einbringen des Getreides drei Garben
mit den Ähren auf den Boden stellt, um
das Korn gegen Mäusefraß zu schützen 11 )
oder in den 4 Winkeln der Sch. etliche
Garben kreuzweise übereinander legt,,,da¬
mit der Drache oder die Drut nichts da¬
von holen“ können 12 ).
Dagegen ist es als Vegetationsritus an¬
zusehen, wenn man an dasselbe Sch.ntor
die letzte Garbe befestigt. Das geschieht
in Siebenbürgen (Kreis Schäßburg) eben¬
so wie im Odenwald und in Hessen, wo
der mit bunten Bändern gezierte Ernte¬
kranz, der mit dem letzten Fuder heim¬
gebracht wird, an das Sch.ntor genagelt
wird 13 ). Ähnliche Bräuche sind auch
in Frankreich bekannt; in Nivernais
wird das bouquet de la poilee (ein Eichen¬
zweig mit Bändern, Ähren, Blumen und
einer Flasche Wein) bei der letzten Ernte¬
fuhre von der Haustochter über dem Tor
der Sch. aufgehängt 14 ). Dabei wird das
Sch.ntor da und dort auch durch den
Sch.ngiebel ersetzt. Auch auf diesen
pflanzt man den Erntemai oder — wo
dieser unbekannt ist — die letzte Garbe 15 ).
In dieselbe Gruppe von Fruchtbarkeits¬
kulten gehört es auch, wenn im Bay¬
rischen das Laub- und Reisergestell des
„Wasservogels“ oder dessen hölzerner
Schnabel auf den Sch.nfirst befestigt
wird, wobei man auch die Vorstellung
der Blitz- und Feuerabwehr damit ver¬
bindet 16 ).
Die ursprüngliche Idee aller dieser
Sitten war aber wohl, wie schon W. Mann¬
hardt richtig erkannte, „der Wunsch,
daß das Numen der Vegetation auch über
der Weiterfortpflanzung der in der Sch.
geborgenen Nährfrucht segnend wachen
und walten möge“ 17 ). Daß diese Deutung
richtig ist, geht auch daraus hervor, daß
gewisse Verkörperungen des Vegetations¬
geistes geradezu als Sch.ngeist bezeichnet
werden. In Mitteldeutschland ließ man
bei der Ernte gegendweise die letzten
Halme auf dem Felde stehen, band sie
aber mit Ähren zusammen, füllte den
unteren Zwischenraum mit Blumen, Ähren
oder Steinen, worauf sämtliche Ernte¬
arbeiter darübersprangen oder mit den
Füßen anstießen oder rundherumtanzten.
Man nannte dieses Kornbündel „Scheune“,
den Brauch selbst „Sch.bauen“, „über
die Sch. springen“ u. dgl. Der Sinn des
Brauches, der in Peru im 16. Jh. eine
1043
Scheune
Schicksal
IO46
1044 I0 45
Parallele besaß, ist der, daß dem Korn¬
dämon über den Winter ein Scheunchen
gebaut wird 18 ). Etwas Ähnliches ist
auch in Frankreich üblich: Pour expulser
en Poitou les charangons (Kornwurm)
d un grenier, il faut y mettre une poignee
de chebe verte 19 ). Im Kreise Glatz
hieß ein nach dem Ausdreschen Vor¬
gesetzter Napfkuchen, dessen Form sehr
an eine gebundene Garbe erinnerte,
,,S cheunbaba . Dieser Kuchen wurde
auch als Weihnachtsgebäck verwendet 20 ).
In Westpreußen heißt der, welcher den
letzten Drischelschlag tut, Baba , ebenso
sagt man dort und in Polen von der letzten
Garbe: „da sitzt die Baba drin“ 21 ). In
Vorchdorf in Oberösterreich heißt der
Drescher, der den letzten Schlag tut,
Stadl- oder Scheunpudl ; in der Ober¬
lausitz muß er die Sckciinbetze (Sch.-
Hündin), d. i. ein mit Obst und Getreide
In mehreren Orten des Regierungsbezirkes
Stralsund ruft der Drescher seinem neu¬
gierigen Kinde zu: „Warte, der Scheun-
kater wird dich kriegen“. Hier zeigen sich
deutliche Zusammenhänge mit dem kat-
zengestaltigen Korngeist, wie denn auch
um Lyon die letzte Garbe le chat heißt 22 ).
Vielleicht hängt es — wenigstens teil¬
weise — mit derartigen Vorstellungen
zusammen, daß die Sch. als Aufenthalts¬
ort verschiedener dämonischer W T esen gilt.
Auf der kurischen Nehrung kennt man
den Kauks , einen spannlangen Kobold,
der aus einem Wind- oder Teufelsei aus¬
schlüpft, das von einem alten, sieben Jahre
im selben Haus gepflegten Hahn gelegt
wird. Dieser Kauks fördert die Vorräte
in der Sch. Wenn er sieben Getreide¬
körner in die Sch. bringt, so ergeben
diese sieben Scheffel voll Körner 23 ). Im
Erzgebirge diente die Sch. in der Christ¬
nacht als Tanzplatz für umherziehende
Geister, die dafür die Güte der Vorräte
mehrten 24 ). Im Schwarzwald erzählt
eine Sage von einem armen Mann, der
in einer Sch. übernachtete. Um Mitter¬
nacht wurde er durch eine wunderschöne
Musik und lustiges Gelärm geweckt. Er
sah die Sch. erleuchtet und eine Menge
Frauen und Männer drin versammelt 25 ).
Auch nach kroatischem Volksglauben
treiben die Hexen in Sommernächten in
Sch.n ihr Wesen 26 ). Im Baselland er.
zählt eine Sage von einer alten Schloßsch-
zu Waldenburg. In dieser erschien häufig
ein Mann aus der Burgruine mit einer
goldenen Uhrkette angetan, der sich den
Dreschern zeigte und alsbald lautlos ver¬
schwand 27 ). Mehrere Sagen berichten
auch vom Zug der wilden Jagd mitten
durch eine Sch. 28 ). Möglicherweise spielt
dabei in einem oder anderem Falle die
Erinnerung an einstige Flurumritte mit,
die wie der ,,Kuchenritt" der Luzerner
oder wie schwäbische oder oberpfälzische
Umritte durch Höfe und Sch.n hindurch¬
zogen 29 ). Auch die Blumen und Zweige,
über die eine Prozession mit dem Aller¬
zusammenhängen. Auf Sylt und Amrum
muß die Sch.ntenne in der Richtung
des Sonnenlaufes gefegt werden, sonst
stehlen die Unterirdischen das Korn 31 ).
Im Alemannischen mußte das Sch.fegen
zu Fasten geschehen, ein Brauch, der
von den Deutschen auch nach Amerika
gebracht wurde 32 ). Um Balingen und
im angrenzenden Hohenzollern kehrt
man am Vorabend des heiligen Abends
die Sch.ntenne sauber. Diejenigen Ge¬
treidearten, die am nächsten Morgen von
der Obertenne heruntergefallen sind, ge¬
deihen im kommenden Jahr am besten 33 ).
Ähnlich auch im Erzgebirge und anderen
Gegenden 34 ).
Im Osten ist die Sch. (ebenso wie die
Badestube und Riege) auch der Ort für
kultische Feste. Bei den Litauern wird
das Voressen des Flachsbrechfestes in
der Sch. abgehalten, und zu Fastnacht
wird in der Sch. geschaukelt 35 ).
*) Falk u. Torp 2, 1040; Weigand DlVb.
2, 700; Schräder Reallex. 2, 444^. 2) Bavaria
2, 299. 3 ) Eigene Beobachtung. 4 ) Pollinger
Landshut 162. 5 ) Ebd. 154 u. Bavaria 3, 342. 6 )
Wrede Rhein. Volkskunde 66. 7 ) Fogel Penn¬
sylvania 382 Nr. 2056. 8 ) Ebd. 256 Nr. 1331.
9 ) Bavaria 2, 300. «) Bavaria 2, 300.
12 ) Ebd. 2, 299 u. 3b, 935. 13 ) Mannhardt
1, 216. 14 ) Ebd. 1, 205. 15 ) Ebd. 1, 216.
16 ) Panzer Beitrag 2, 87. 129; Bavaria 1, 375ff-
1003; Mannhardt 1, 357. 17 ) Mannhardt
1, 216. 18 ) Mannhardt Forschungen 347.
19 ) Sebillot Folk-Lore 3, 473 u. 4, 456.
20 ) Mannhardt Forschungen 334 t. 21 ) Ebd.
106. 22 ) Mannhardt 2, 173. 23 ) Negelein
im Clobus 82, 239. 24 ) John Erzgebirge 151.
25 ) Waibel und Flamm 2, 49f. 26 ) Krauß
Volkforschung 44. 27 ) Lenggenhager Sagen
i47ff. 28 ) Rochholz Xaturmythen 24. 29 ) Grimm
Grenzaltertümer (1845) 135; derselbe Weis-
tümer 3, 710. 717. 30 ) Sebillot Folk-Lore 3,
42 u. 4, 456. 31 ) Müllenhoff Sagen 314 Nr. 3
(alte Ausgabe Nr. CD XXV). 32 ) Fogel Penn¬
sylvania 255 Nr. 1323. 33 ) Kap ff Festgebräuche
S. 6. 34 ) John Erzgebirge 151; Eberhardt
Landwirtschaft S. 1. 35 ) Tetzner im Globus
73, 318. v. Geramb.
Schicksal.
1. S.sgewalt und Leben. 2. S. u. Ordnung.
3. Einstellung zum S. 4. Der S.sgedanke im
alten Griechenland u. Orient, 5. bei Indern u.
Eraniern, 6. bei den Germanen.
1. Von S. sprechen wir, wenn die Her¬
gänge in der Geschichte oder im Einzel¬
leben der Zielmäßigkeit zu entbehren oder
weder mit menschlicher noch mit über¬
menschlicher Absicht in ursächlicher Ver¬
bindung zu stehen scheinen. Wo die Zu¬
sammenhänge des Geschehens uns fremd¬
artig und rätselvoll anmuten, weil sie
augenscheinlich nicht Verwirklichungen
von Absichtlichkeit und ihr Sinn uns ver¬
schlossen, eine Sinnhaftigkeit nicht auf¬
findbar ist, da erblicken wir in solchen
dunklen Verkettungen S. Man wird so¬
nach Hegels Definition nicht ganz zu¬
treffend finden, nach der unter dem Ge¬
sichtspunkt des absoluten Geistes mit S.
die List der Vernunft gemeint werden soll,
welche den Menschen betrügt (die Inder
sagten Maya), indem sie ihn trotz dysteleo¬
logischen Scheines als Mittel zur Verwirk¬
lichung ihrer Ziele gebraucht, die, dem
empirischen Geist verhüllt, in der abso¬
luten Vernunft vorhanden sind. Das ist
der Versuch, die Idee des S.s mit der
göttlichen Weltleitung in Einklang zu
bringen; die Welt wird als Erscheinung
des göttlichen Logos verstanden. Allein
hiermit würde der Begriff des S.s selber
preisgegeben werden. Diesem ist gerade
eigentümlich, daß sein Geschehen nicht
als Erzeugnis des Logos begreiflich wird.
gefüllter Topf, dem Nachbarn, der noch
nicht fertig ist, auf die Tenne werfen.
Heiligsten schritt, streut man nachher ir
Frankreich in die Sch., weil dadurch di<
Nagetiere vertrieben werden 30 ).
Endlich gibt es noch Vorschriften ri
tueller Art, die mit dem Wesen der Sch
Dieser Versuch spekulativer Philosophie
ist dem einfachen Geschichtsverständnis
unzugänglich. Dieses kann den Wider¬
spruch nicht verwinden, an dem der S.s-
begriff entsteht, den Widerspruch zwischen
dem häufigen tatsächlichen Geschehen und
jenem, welches die einfache menschliche
Vernunft für angemessen oder ersprießlich
erachtet. Die Spannung zwischen all¬
gemeinem Geschehen und völkischen Be¬
langen oder diejenige zwischen persön¬
lichen Widerfahrnissen und persönlichen
Bestrebungen erzeugt, wenn sie eine ge¬
wisse Höhe erreicht, den Gedanken des
S.s. In solcher Spannung wird die tra¬
gische Paradoxie empfunden, die man
deshalb, weil sie auf einer logisch nicht
zulänglichen, ihrer Herkunft nach nicht
bekannten Schickung beruht, S. nennt.
Dazu kommt, daß der besinnliche Mensch
in sich selber einen unlogischen Rest, ein
Geheimnis, vor dem er still steht, findet
und fragt, ob zwischen jenen beiden un¬
logischen Momenten, dem unenträtsel-
baren Geheimnis des Geschehens und dem
Geheimnis seines persönlichen Seins eine
Verbindung vorhanden sei. Das Dasein
einer solchen Verbindung drängt sich ihm
auf, weil er durch die ihn betreffenden
Vorgänge fort und fort in seiner Existenz
erschüttert wird. Er merkt, daß er durch
jene Spannung in seinen Zielen beein¬
trächtigt, in seiner Existenz bedroht,
bisweilen, wenn auch selten, auf ungeahnte
Weise gefördert wird. Das S. ist ein Be¬
griff, der sich einstellt, indem der Mensch
seine Existenz als Problem faßt und sich
genötigt sieht, seine Widerfahrnisse als
Äußerungen einer rätselhaften, nicht wie
der Mensch urteilenden und bestimmenden
(blinden) Kraft anzusehen, welche ent¬
weder an ihm vorbeigeht oder ihn be¬
drückt oder zerstört oder erhebt.
S. ist hiernach die Gewalt, die das
Individuum wie auch das Gemeinwesen
im Augenblick, jetzt und wieder, bindet;
die bewirkt, wie sein Lauf beginnt und
weitergeht; die alle anderen je auf andere
Weise bindet und die Gesamtheit in¬
gleichen; so jedoch, daß man so viele S.e
wie Menschen annehmen möchte: dies
der Ansatz der individuellen S.sgeister,
1047
Schicksal
Schicksal
1050
persönlichen Schutzgeister u. ä„ der Idee
des in einer der Person zugeordneten
Pflanze (oder einem Gegenstände) vor¬
handenen S.s (s. Orendismus; Märchen,
Bd. 5, Sp. 1600. i625ff.). S. läßt sich
auch als das Prinzip des am Einzelnen
sich vollziehenden und an der Gesamt¬
heit vollstreckten Geschehens bezeich¬
nen; es ist dies Geschehensprinzip, sofern
wir uns ihm, bewußt oder unbewußt,
unterordnen. Denn eben mit solcher
Unterordnung anerkennen wir das S.-
hafte in jener Gewalt; geben wir zu, daß
wir keinen Einfluß darauf nehmen können;
postulieren wir eine Geschehens-Deter¬
mination und nicht etwas Personhaftes;
nicht göttliche Wesen, mit denen es immer
irgendwelche Wechselwirkung gibt, son¬
dern etwas Unpersönliches, von dem
wir uns in bloßer bestimmungsmäßiger
Abhängigkeit wissen. Das ist im allge¬
meinen der psychische Weg des Menschen
zum Gedanken des S.s.
2. Mit der Einschaltung des Gedankens
S. ist der Gedanke Gott ausgeschaltet.
Wer neben seinem Gottesglauben einen
S.sglauben besitzt, muß einen Trennungs¬
strich zwischen den beiden Mächten ziehen
und entweder die eine oder die andere als
Urheber eines Ereignisses ansehen. Das
S. wird eingeschaltet, wenn man sich
weder auf Gott noch auf sich selbst ver¬
lassen kann, wenn das Ich keinen festen
Stützpunkt mehr hat, weder in sich selber
noch in Gott. Es entbehrt aber der inneren
Kräftigkeit, welche das Vertrauen auf
Gott in sich trägt. Daher ist die Wen¬
dung ins dumpfe Gebiet des ,,blinden“
oder „launischen“ S.s nicht so einfach,
weil weniger ermutigend, wie die Trau
auf die Sonne oder die eigene Kraft, die
bei den Nordgermanen in der Sagazeit
heimisch war. Ihr geht ein Verzicht oder
Verlust voraus, die Nichtwahrnehmung
der Ordnung im Geschehen x ). Damit be¬
mächtigt sich des Menschen etwas wie
Verzweiflung an der Macht der Ordnung,
und er postuliert an der Stelle der früher
gemeinten Ordnung eine neue Form der¬
selben: die Notwendigkeit, weshalb
bei den Griechen das S. auch Ananke, bei
den Römern (dira) Necessitas hieß. Im
1049
| Begriff dieser Notwendigkeit hegt, daß
i unverständliche und unwendbare Härte
! doch mit einer Art von ordnungsmäßigem
Zusammenhang gepaart ist, daß also das
Geschehen nicht bloßes Chaos sei, viel¬
mehr gegen das Chaos anrenne und ihm
eine Ordnung entgegensetze. Allein diese
i Ordnung ist nicht eine solche, der sich der
I Mensch einfügen kann, denn sie ist un-
i durchdringlich; ja sie steht so durchaus
neben der menschlichen Ordnung, daß
diese von ihr nicht bejaht wird. Das aber
bedeutet, daß der Mensch selber im S.s¬
glauben die zentrale Stelle einbüßt, die er in
seiner gewöhnlichen Weltbetrachtung ein¬
nimmt. Er läßt im S.sglauben den Ge¬
danken zu, daß es etwas Wichtigeres als
ihn zu geben scheine. Der sinnlose Zufall,
der wahllos erhebt und vernichtet, und der
keine ethischen Unterschiede macht, zer¬
bricht auch die anthropozentrische Auf¬
fassung des Spießbürgertums 2 ).
Dieser Umstand ist es, der dem S. seine
sehr große Bedeutung im Aberglauben
gibt. Der Mensch begnügt sich weder da¬
mit, daß das S. in jedem Falle unab¬
änderlich sein soll, noch damit, daß es ihn
im Verhältnis zu anderen Weltbestand¬
teilen zurücksetzt oder gar ignoriert. Er
wagt und hofft wider das S. In seiner
Preisgegebenheit sucht er nach Mitteln,
das über ihn Bestimmte wendbar zu
machen. Der Aberglaube tritt hierbei
theoretisch und praktisch in Funktion;
theoretisch, sofern es sich um Ermittelung
und Feststellung dessen, was durchs S.
bestimmt ist, handelt; praktisch, sofern
gegen die begrifflich im S. steckende un¬
abänderliche Notwendigkeit mit den Mit¬
teln der Magie Sturm gelaufen wird.
*) Berdiajew Das Schicksal des Menschen
in unserer Zeit 15. 2 ) G. Fricke Gefühl und
Schicksal bei H. Kleist 55 ff.
3. Ob das S. zum Gegenstand des Aber¬
glaubens gemacht wird, hängt davon ab,
wie sich der Mensch zu der ihn bedrän¬
genden oder begünstigenden schicksal¬
haften Art des Geschehens verhält. Man
bewertet das S. verschieden, indem man,
je nach der von ihm gemachten Erfah¬
rung, ihm einen Augenblicks- oder Zufalls¬
charakter oder beharrliche Tendenz, hier
wieder ob mit allmählicher Wirkung oder
stoßweißen Vorfällen zuerkennt. Man
kann 1) den „Schlägen“ des S.s mit völli¬
ger Ergebung in dessen Gewalt und Un¬
abwendbarkeit begegnen und auf diese
Weise dem Fatalismus (s. d.) huldigen;
das bedeutet die besinnungslose Kapitula¬
tion vor der Allgewalt des S.s. Solche Er¬
gebung kann (aber muß nicht) selber ma¬
gischer Aberglaube sein. 2) Man kann —
wenn auch nur unter Umständen und
namentlich gegenüber dem S. anderer
Personen — unter bedingungsloser Aner¬
kennung der Unabwendbarkeit mit Hu¬
mor Stellung nehmen; da wird das S. nicht
als letzte höchste Instanz ernst genom¬
men; ob eingestanden oder nicht, muß
hier neben dem humoristisch betrachteten
S. eine andere Instanz für das Welt¬
geschehen zugelassen sein. 3) Man kann
durch direkte Einflußnahme auf den
Gang der Dinge die Vorstellung von der
Unentrinnbarkeit brechen und Verhal-
,tungsweisen (zumeist magische) vorneh¬
men, welche gegenwirken. 4) Man kann
durch moralische Anstrengung die feste
Tendenz des S. zu meistern suchen. Mit
Worten wie „In deiner Brust sind deines
S.s Sterne 3 )“ und „Dein S. ruht in deiner
Brust“ 4 ) deutet Schiller an, daß der ethi¬
sche Idealismus den Fatalismus über¬
windet. Beachtenswert ist Goethes ernst¬
hafte Kombination: „Kannst dem S.
widerstehen, aber manchmal gibt es
Schläge; wilTs nicht aus dem Wege gehen,
ei so geh du aus dem Wege“ 5 ). 5) Der
religiöse Fürsehungsglaube setzt
dem S.sglauben die Überzeugung auf Got¬
tes höchste Zielsetzung in aller Welt¬
regierung entgegen. Unter diesen Ein¬
stellungen zu den Fügungen des S.s ent¬
halten die Ergebung und magische Gegen¬
wirkung (1 und 4) die meisten abergläu¬
bischen Antriebe.
8 ) Schiller Piccolomini 2 , 6. 4 ) Ders. Jung¬
frau v. Orleans 3, 4. 5 ) Goethe Memento.
4. In seiner Entwicklung kann der S.s-
glaube ein mehr religiöses und ein mehr
profanes Aussehen erhalten. Da er seiner
Grundrichtung nach der Teleologie der
Welt entgegengesetzt ist, die Religiosität
sich jedoch diesen Einspruch nicht gut¬
willig gefallen läßt, so ist er fort und fort
zur Auseinandersetzung mit dem reli¬
giösen Glauben genötigt. Dessen unge¬
achtet nimmt gerade er auf der Stufe des
Polytheismus die Partei des entschie¬
deneren Glaubens an die hohe Weltlei¬
tung. Wo immer innerhalb polytheisti¬
scher Denkweise der Begriff des S.s deut¬
lich aufscheint, wird er, auch wenn die
Unterscheidung von drei Moiren, Parzen
oder Nornen herausgebildet ist, zum
Gegenmoment gegen die Vielheit der mit
einander konkurrierenden übernatürlichen
Gewalten und gegen die Zerrissenheit der
Weltleitung. Dort bedeutet das S. die
Besinnung auf die Einheit des Göttlichen.
Der griechischen Moira wird ein zwie¬
faches Geschäft zugewiesen: 1) sie ist die
dem Individuum von Geburt an zur Seite
stehende Macht, weshalb sie häufig mit
der Geburtsgöttin Eileithyia (als ihrer
Schwester) 6 ) zusammengenannt wird,
welch letztere auch „ihre Fäden spinnt“ 7 ),
ebenso wie bei Plato Ananke (Notwendig¬
keit) mit der Spindel gedacht ist wie die
drei Spinnerinnen (Klothes) oder Moiren,
in die die Moira gespalten wird. 2) Die
Moira, namentlich im Singular, ist die
weltordnende Macht, die das Verhältnis
der Teile des Kosmos und die Geschicke
der menschlichen Verbände regelt. Zu
keiner Zeit aber scheint das Verhältnis zu
den Göttern klar abgesteckt gewesen zu
sein. Im allgemeinen sind die Götter der
Moira untergeordnet, womit festgehalten
wird, daß hier die einheitliche Spitze der
Götterwelt zu erblicken ist. Homer:
„Den Tod können selbst Götter von einem
geliebten Mann nicht abwenden, wenn
einmal die verderbliche Moira Hand an
ihn gelegt“ 8 ). Drum lenkt die Theorie
ein und macht die Götter zu Vollstreckern
des S.sbeschlusses. Athene ist es, die den
Tag des S.s gegen Hektor heraufführt 9 ).
Die Phäaken dürfen zwar den Odysseus
sicher in seine Heimat geleiten, dort aber
„wird er leiden müssen, was die Bestim¬
mung und die furchtbaren Spinnerinnen
beim Eintritt in die Welt ihm gesponnen
haben, als die Mutter ihn gebar“ 10 ).
Doch wird die Moira gelegentlich mit dem
obersten Gott zu einer festen Zweiheit
I 05 i
Schicksal
Schicksal
1054
verbunden; vgl. auch die Trias „Zeus,
Moira und die dunkelwandelnde Erinys“;
und die Zusammengehörigkeit kann so
eng werden, daß es eins ist, ob das S. oder
der „Ratschluß des Zeus“ ausgeführt
wird. Anderseits ist nicht selten das S.
den Göttern untergeordnet n ). „Zeus
selber vermag nichts zu gewähren, zu
schaffen ohne dich, Ananke“ 12 ).
Nach und nach indessen trat das S.
geradezu an die Stelle der menschenähn¬
lichen Götter, auch da, wo Eine Gottheit
verehrt wird oder ausgewählt zu werden
im Begriff ist. Der Mono-Pan-Theismus
der Stoiker, der die Welt durch Eine gött¬
lich-geistige Kraft, die Weltseele oder das
Pneuma oder den Logos wie durch eine
Fürsehung regiert sein ließ, führte diese
Auffassung bis zur deterministischen
Spitze des Weltgeschehens durch: in der
Heimarmene fallen Physis und Ethos zu¬
sammen und unterliegen demselben Ge¬
setz. Doch findet die Stoa die Anknüpfung
an den religiösen Volksglauben durch den
Gedanken, daß die ganze Welt in allen
ihren Teilen von göttlichen Kräften und
Wirkungen erfüllt ist und daß alle welt¬
lichen Vorgänge in der Allharmonie zu¬
sammenklingen 13 ). Hierbei wird ins
griechische Denken die astrologische S.s-
vorstellung des älteren Orients aufgenom¬
men, die in der Erfassung der Korrespon¬
denz zwischen Makro- und Mikrokosmos,
zwischen den Dingen und Vorgängen
„oben und unten“ ihre Wurzeln hat und
in den Gedanken ausläuft, daß das S. in
den Sternen, die dabei als beseelte Wesen,
willenhaft waltende Mächte gelten, zu¬
hause ist. Buch und Tafeln des S.s sind
oben im Himmel d. h. in den Gestirnen
geschrieben 14 ). Wird auf diesem Boden
das Kompromiß zwischen Gottes- und
S.sglauben geschlossen, so bleibt auch
hier die Spannung, die in der Frage zum
Ausdruck gelangt, wessen Macht die
größere sei. Einerseits besteht Neigung,
das S. als unpersönliche, nicht ver¬
menschlichte Macht über alles Göttliche
zu setzen, anderseits entsteht die Neigung,
gerade das willenbegabte göttliche Wesen
zum Lenker des S.s zu machen. So ent¬
steht z. B. die Vorstellung, daß Marduk
1052 1053
als der höchste Gott in Babylon auf S.s-
beschluß hin den Kampf wider die chao¬
tische Tiamat aufzunehmen hat 15 ). Daß
auch auf dem Boden des Monotheismus
der reine Fatalismus sich ausbreiten kann,
dafür legt die Entwicklung des Islam
Zeugnis ab. Der Türke ist ins Kismet,
d. h. das zuerteilte Los, ganz ergeben (s.
Fatalismus 16 )), der Araber nimmt das
Unglück mit „Mektub!“ („Es stand ge¬
schrieben“) entgegen. Und wie hier
ist der Ursinn des römischen Fatum
(„Spruch“) der Gedanke, daß irgendwie
ein Wille geäußert, „ausgesprochen“ ist:
wobei ein göttliches Subjekt als sprechend
oder schreibend mitgedacht ist, während
bei den Römern der spezifisch unper¬
sönliche S.sgedanke vermißt wird 17 ).
6 ) Pindar Siegeslieder j, 1. 7 ) Pausanias
Reisen 8, 21. 8 ) Homer Ilias 3, 236. ») Ebd.
8, 613. 10 ) Homer Odyssee 7, 195 ff- n ) Beth
Rehggesch. 48. 12 ) Euripid es Alkestis 970 f.
13 ) Wendland Die hellenistisch-römische Kul¬
tur 3. Aufl. mf. 14 ) Jeremias Das Alte
Testament im Licht des alten Orients 3. Aufl.
61. 160. 166 f. 15 ) Ebd. xof. 16 ) Ebd. 321.
17 ) Wissowa Religion 213.
5. Die geschichtlich bedeutendste Aus¬
gestaltung hat der S.sglaube unter der
Aegide der Astrologie erlangt. Die
Juden erfuhren deren Einschlag so stark,
daß ihr Wort für S. Mazal ist, was Ge¬
stirn heißt; ein aus der Tragik des jüdi¬
schen Volkes geborenes Sprichwort lautet:
„Juden haben kein Mazal“ 18 ) (kein
gutes Gestirn). Nach dem gott-frommen
Siegesliede der Debora haben „die Sterne
wider Sisera gekämpft“ 19 ). Es ist die
zuvorerwähnte Vorstellung von der Kor¬
respondenz der oberen und unteren Welt,
welche zunächst in der Anschauung von
der Parallelität der Gestimbewegung mit
den menschlichen Erlebnissen hervorge¬
brochen ist. Wir beobachten einen Rhyth¬
mus des Geschehens auf der Erde und er¬
kennen einen Rhythmus des Werdens,
des Auf- und Abbaues im Menschen, und
es wäre seltsam, wenn diese Rhythmen
nichts mit einander zu schaffen hätten.
So entsteht die Erwägung, daß der Mensch
mit seinem Geschick und, da ja doch dies
vielfach von seinem Verhalten abhängig
ist, daß er mit seinem Verhalten in den
kosmischen Rhythmus hineingeflochten
ist; entweder so, daß nur ein Parallelis¬
mus beider vorhanden ist, oder so, daß
der kosmische Rhythmus Verursacher
des irdisch-menschlichen ist 20 ). Herme¬
tische Weisheit (s. Hermes Trismegistos)
weiß davon, daß das Sein in seiner Ganz¬
heit kausalmechanisch aus dem Ursein
gewirkt ist. Moderne Astrologie liest,
soweit sie besonnen vorgeht, nicht das
Einzelschicksal aus den Sternen, sondern
erblickt in dem Gang des universalen
Sternenmeers den ewigen Rhythmus, der
alles und drum auch das Leben des Ein¬
zelnen umfaßt. Sie weiß, daß das Selbst
des Menschen, wenn es wahrhaft frei ist,
nicht nur dem Zwang des äußerlichen
Geschehens gehorcht, sondern auch dem
Gesetze seiner eigenen innersten Struktur.
Diese aber findet der Astrolog wieder als
die Entsprechung des oberen Sphären¬
ganges; seine Lehre geht aber auch dazu
über, Mittel für die Gestaltung des indi¬
viduellen, sozialen und politischen S.s aus¬
findig zu machen. Hiervon ist schon in
alten indischen Schriften die Rede, nach
denen sich S.serforscher (daivacintakas)
am Hofe des Königs befanden 21 ). Da¬
neben sieht man sich ratlos gegenüber der
Determination. „Von des S.s Macht ver¬
anlaßt beschimpft der eine den andern“ 22 ).
„Der Knoten des S.s ist nicht auflösbar“
usw. Das Rita, der gleichmäßige Kreis¬
lauf der Weltordnung, steht in ähnlichem
Verhältnis zu den Göttern wie die Moira 23 ).
Daß der Mond leuchtet, daß die Sterne
ihre Straße ziehn, ist Rita und ist Varu-
nas Gebot. In Indien wie Persien tritt all¬
mählich die Zeit in den Rang der S.s-
macht, wozu bei den Griechen ganz ähn¬
liche Ansätze vorhanden sind. Die Zeit
schafft alle Dinge und rafft sie wieder hin¬
weg 24 ). Bei den Persern (Eraniern) wird
Vor allem wie bei den Griechen die Zeit
über den höchsten Gott gestellt. „Die
Zeit ist stärker als die zwei Schöpfungen,
als die Schöpfung des Ormuzd und die
des Ahriman“ 25 ). Dann wird die „frei-
•chaltende Zeit“ als die höchste S.sgott-
heit verehrt 26 ), als der „von selbst exi¬
stierende Zarvan“ 27 ) (mittelpersische
Schriften, Firdusi, Manichäismus 28 )).
6. Unter den germanischen Stämmen
war der Gedanke des S.s beliebt. Nach
Art der personifizierten S.sidee finden sich
bei den Germanen unter mancherlei
Namen weibliche Wesen, die der einzelnen
Menschen Heil oder Unheil „erspähen“,
„künden“, aber auch „spinnen“ und da¬
nach knüpfen oder abschneiden (Zu den
drei Nornen s. Bd. 6, 1121 ff.). Gleich
hier muß ein Wort zu B. Kum¬
mers Hypothese gesagt werden, daß der
S.sglaube den Germanen überhaupt fremd
und, wo er sich finde, später Import
sei 29 ). Sein Hauptargument, daß der
tätige Mensch nicht fatalistisch sein könne,
daher keine S. kenne, daß der Glaube an
den Fulltrüi, den „Freund Gott“, zur
vollständigen Eigenbestimmung befähige,
ist rationalistisch-unpsychologisch; es setzt
künstlich harmonisierte Seelen voraus.
Vielmehr ist das S. für den Germanen oft
genug die Instanz, an der er seine Erd¬
mäßigkeit inne wird und vor der er sich,
wie häufig der antike Grieche, mit seinen
Göttern identisch, will sagen, in gleicher
Situation fühlt 30 ). Der Prometheische
Trotz, der jeden seichten Optimismus
ausfegt, ist das heilsame Element in die¬
sem S.sglauben („Hat denn nicht mich zum
Manne geschmiedet, die allmächtige Zeit
und das ewige S., meine Herren und
deine?“) 31 ). Die Nornen drehen dem
eben geborenen Helgi nächtlicher Weile
die S.sfäden und spannen sein goldenes
Lebensseil am Himmel aus. Der Glaube
an ein unerschütterlich bestimmtes S.,
durch das jedes Einzelne geregelt ist,
gehört zum Zentrum germanischer Le¬
bensauffassung. Dabei wird das Ethische
ausdrücklich einbegriffen: „Jeder muß
das tun, was ihm bestimmt ist“. „Das
wird geschehen müssen, was vorgezeichnet
ist“. „Dem Wort der Urd widerspricht
niemand, wenn es auch widerwärtig be¬
stimmt ist“ 32 ). — Wenn nun eine der
Nornen das Werk der anderen bisweilen
zu vernichten droht 33 ), so liegt da der
Versuch vor, innerhalb des S.s selbst die
Möglichkeit der Wendbarkeit und Ent-
rinnbarkeit sicher zu stellen. So versucht
der Germane S. und individuelles Lebens¬
problem miteinander in Einklang zu
1055
Schicksalstage—schielen
IO56
bringen. Der Versuch gelingt durch die
Spaltung der S. wirkenden göttlichen
Kraft in co- und contra-ordinierte persön¬
liche Repräsentanten. Eben hiermit wird
aber auch der Übergang zur ethischen Be¬
wältigung gefunden, das durch das S. auf
gar mancherlei Weise auf gegeben wird.
Durch die Aufspaltung der einheitlichen
Tendenz des S.s aber eröffnet sich die Tür,
durch welche der Mensch mit seiner ethi¬
schen Haltung dem S.sspruch entgegen¬
tritt. Selbst dem ,,Unabwendbaren“
wird aufrecht entgegen gegangen, und da
kann es sein, daß der Mutige nicht er¬
liegt, sondern obsiegt 34 ).
Das S. zu erfahren ist besonderes An¬
liegen des Gottes Odin. Er selbst führt
seinen Pflegesohn Starkad auf die ein¬
same Insel, wo der Rat der 12 Götter
tagt und Tor als der unholde, Odin als der
holde Geist das Ergehen des heranwach-
senden Knaben festsetzen. Es ist der
I
Gedanke völliger Determination, die als
Urlegung, Ursetzung (orlog) bezeichnet
wird, der zufolge sich das Geschehen nach
,,Not“ (naudr) vollzieht. Wie mächtig
dieser Gedanke dem Germanen vor dem
der Erschaffung stand, geht daraus her¬
vor, daß man in der Christianisierungs¬
epoche den christlichen Gott nicht den
Erschaffer, sondern Mcotod nannte, d. h.,
genau wie das S., die ,,zumessende“
Macht 35 ).
18 ) Jeremias a. a. O. 422. 19 ) A. T. Buch
Richter 5, 20. 20 ) Jeremias Religgesch. 25 ff.
51. 149. 21 ) Negelein Weltgesch. des Aber¬
glaubens 1, 210 ff. 220 ff. 22 ) Scheftelowitz
Die Zeit als Schicksalsgottheit 7. 23 ) Beth Re¬
liggesch. 49. 24 ) Scheftelowitz 15. 25 ) Ebd.
44. 26 ) 47. 2 7 ) 48. 28 ) 56. 29 ) Kummer
Midgards Untergang 164 ff. 30 ) Kurt Leese
Rasse, Religion, Ethos 83. 31 ) Goethe Pro¬
metheus. 32 ) K. Maurer Die Bekehrung des
norwegischen Stammes 2, 162 ff. 33 ) Beth Re¬
liggesch. 50. 34 ) Leese a. a. O. 81. 35 ) Leese
85; H. Böhmer Das germanische Christentum
(Theol. Studien u. Kritiken 1913) 202 ff.; vgl.
bes. H. Naumann Germanischer Schicksals
glaube 1934. K. Beth.
Schicksalstage. Dieser im Volke selbst
nicht gebräuchliche Ausdruck ist eine
Zusammenfassung der Begriffe Glücks¬
tage (s. d.) und Unglückstage (s. d.),
also der Tage, an welchen das Schicksal
in gutem oder bösem Sinne in das Men¬
schenleben eingreift, an welchen aber
auch der Mensch selbst auf sein Geschick
Einfluß nehmen kann, indem er dem
Unglück auszuweichen und das Glück
an sich zu ketten sucht 1 ) (s. Tage-
wählerei). Auch die Lostage (s. d.)
gehören hierher, die nicht allein das
I zukünftige Wetter vorausbestimmen
lassen, sondern dem Menschen auch ge¬
statten, Glück und Unglück kommender
Tage zu erforschen. Sie sind heilige,
zaubervolle Tage (oder Nächte). Und so
findet sich zuweilen das Wort Sch. in
diesem Sinne verwendet, wenn es etwa
heißt, daß an den Sch.n verborgene
Schätze „blühen“ und dem Glücklichen
zufallen, der sie zu heben versteht 2 ).
Umgekehrt kann es auch geradezu Un¬
glückstage bedeuten 3 ).
Man spricht nicht allein von Sch.n,.
sondern auch von Schicksalszeiten
des Jahres. Sie sind selbst dann, wo sie
sie sich scheinbar an christliche Feste,
wie Weihnachten und Ostern, anschließen,
augenscheinlich aus heidnischen Auf¬
fassungen und Festen entsprungen. Dabei
darf nicht der Unterschied des alten und
neuen Kalenders übersehen werden, indem
in verschiedenen Gegenden Deutschlands
bei Zeiten derselben Bedeutung oft ein
Unterschied von 10 bis 12 Tagen besteht.
So hat der 12. Mai als der frühere I. Mai
noch immer einige Bedeutung behalten 4 ).
Es scheint, daß der Glaube an Sch.
unter den sog. Gebildeten, auch der
Gegenwart, stärker ausgeprägt ist als im
Volke 5 ).
1 ) Wuttke 56 §63. 2 ) Drechsler 2, 44.
3 ) Zahler Simmenthal 25. 4 ) Wuttke 62 § 73.
5 ) Vgl. ebd. 487 § 777. Jungbauer.
schielen. Wer schielt, der ist ein
Neidhammel und des bösen Blickes ver¬
dächtig J ). In Mecklenburg darf er beim
Buttern nicht zugegen sein, sonst be¬
kommt man keine Butter 2 ). Schielen
ist auch ein Charakteristikum eines
Menschen, der das zweite Gesicht hat 3 ).
Wenn in England (Cambridgeshire) ein
Schielender jemanden anblickt, so wird
dieser den ganzen Tag Unglück haben,
denn der Schielende kann durch einen
hindurchsehen und seine Gedanken
1057
Schierling—schießen, Schuß
IO58
lesen 4 ). Auf der Halbinsel Maläka
glaubt man, daß der Schielende ein
größeres Gesichtsfeld hat als der Normal¬
sehende 5 ) (s. Auge).
1 ) Seligmann Zauberkraft 235. 375; Selig¬
mann Blick 2, 284. 2 ) Bartsch Mecklenburg
2, 136. 3 ) Seligmann Zauberkraft 235 Anm.
4 ) Ebd. 235. 5 ) Ebd. 236. -j* Seligmann.
Schierling (Conium maculatum).
1. Botanisches. Doldenblütler mit
hohlem, am Grunde gewöhnlich rot-
geflecktem Stengel und dunkelgrünen,
glänzenden, dreifach gefiederten Blättern.
Der Sch. ist stark giftig und riecht un¬
angenehm mäuseartig. Er wächst hier
und da an Zäunen und Mauern. An
Ufern von Bächen und am Rand von
Sümpfen wächst der Wasserschierling
(Cicuta virosa), der einen hohlen und
durch Querwände gekammerten Wurzel¬
stock besitzt 4 ). Wegen seiner Giftigkeit
spielte der Sch. schon im Altertum eine
große Rolle 2 ).
*) Marzell Kräuterbuch 322 f. 391. 2 ) Mar-
zell Heilpflanzen 96—99; Tschirch Hb. d.
Pharmakognosie 3 (1923), 219 ff.; Lewin Gifte
in der Weltgeschichte 1920, 65 — 72; Schräder
Reallex. 2 2, 294 f.; Hertz Abhandlungen 246 ff.
2. Der Sch. ist eine Hexenpflanze
wie schon die dritte Hexe in Shake¬
speares „Macbeth“ (IV, 1) spricht von
„root of hemlock (Sch.) digg’d i' the
dark“ als Bestandteil der Hexenbrühe.
In einem mecklenburgischen Hexenprozeß
aus dem Jahre 1609 bezeichnet die An¬
geklagte ein Pflaster von „Wedenduncks-
Wurzeln“ (niederd. Wödendunk — Sch.)
und unbenutztem Wachs als Heilmittel
gegen die durch einen Zauberguß bewirkte
Lähmung 3 ). Hexen können durch das
Walburgisfeuer vertrieben werden. Es
werden an einem Donnerstag um Mitter¬
nacht von Kienspänen, Sch., Spring¬
wurzel, Rosmarin, Schlehdomreisem Bün¬
del gemacht, diese werden am 1. Mai
angezündet und verbrannt, jedoch von
solchen Menschenhänden, die sich vorerst
durch die Gnaden der Kirche von allen
9
Sünden gereinigt haben 4 ).
3 ) Schiller Tierbuch 1, 32. 4 ) Alpenburg
Tirol 260; ob wirklich volkstümlich?
3. Gegen Fallsucht grabe in der
Johannisnacht zwischen 11 und 12 Uhr
unbeschrien und stillschweigend eine Sch.-
Bächtold*Stäubl i, Aberglaube VII.
Wurzel aus und lasse sie das Kind solange
an einem Faden um den Hals tragen,
bis sich der Schaden verliert 5 ). In der
modernen Homoeopathie wird übrigens
der Wasserschierling mit Vorliebe gegen
Fallsucht (Epilepsie) angewendet 8 ).
5 ) Bartsch Mecklenburg 2, 290 = Arch. d.
Ver. f. Freunde d. Naturgesch. in Mecklenburg
50 (1896), 209; Fossel Volksmedizin 92. 8 ) Fel-
lenberg-Ziegler Kleine homoeopath. Arznei¬
mittellehre ö 1919, 106. Marzell.
schießen, Schuß. Aus Arabien, Persien
und von den meisten Völkern idg. Her¬
kunft wissen wir von Weitschüssen, die
mythischen Helden zugewiesen werden.
Aber auch im engeren Bereich der ger¬
manischen Mythen, Sagen und Märchen
ist die Gestalt des femtreffenden Meister¬
schützen wohlbekannt. Sie hat in der
Wielandsage typische Ausgestaltung und
in deren weiten Verzweigungen reichen
Niederschlag durch die Jahrhunderte ge¬
funden 4 ).
*) Jiriczek Deutsche Heldensagen 1 (1898),
S. 1 —54; Symons im Grundriß der Germa¬
nischen Philologie 2. Aufl. 3 (1900), 722 bis 731.
So hat gerade die Vorstellung von
dem durch geheimnisvolle Kräfte er¬
langten Zauberschuß überall gewirkt und
ist im Aberglauben bis heut lebendig
geblieben.
Zauberschützen erwähnt für Deutsch¬
land der Hexenhammer (1489); sie sch.
am Karfreitag beim Zelebrieren der Messe
drei- bis viermal nach dem Bild des
Gekreuzigten wie nach der Scheibe und
haben die Macht, täglich drei bis vier
Menschen mit einem Treffschuß zu töten;
auch ohne die Opfer zu sehen, gelingt
der Schuß.
Auch der Schuß ins Ebenbild
gehört zu dieser Gattung des Zauber¬
schusses 2 ).
Ins Gebiet soldatischen Aberglaubens
weisen Berichte von Zauberschützen, die
Hut, Säbel, Sattelknopf, den rechten
Steigbügel usw. absch. 3 ).
2 ) In Anlehnung an antike Belege tritt
die Erzählung Gesta Romanorum (Österley
1872 Kap. 102 u. Liter. S. 727) auf: Eines
römischen Ritters Frau will den Buhler ehe¬
lichen, wenn er den Gatten ungesehen beseitigt.
Während des Bades sieht der Ritter im Zauber-
Spiegel, daß sein in Wachs geformtes Bild an die
Wand geheftet ist; er erkennt die Gefahr und
34
1059
schießen, Schuß
IOÖO
wie der Ehebrecher darnach schießen will,
duckt er sich dreimal ins Wasser; der Pfeil kehrt
zum Schützen zurück und tötet ihn. Roch*
holz in Argovia 17 (1886), 77 ff. (mit weiteren
Belegen bis ins 19. Jh.). 3 ) Hofmann Bad.
Franken 31; Strackerjan 1, 281; Meiche
Sagen 556.
Wie bei Gewehr, Kugel wendet sich
besonders der Jägeraberglaube dem
Sch. und Schuß zu; zunächst ein¬
fachere Formen: den ersten Schuß aus
neuem Gewehr in die Luft zu feuern 4 );
ein keusches Mädchen über das Gewehr
springen zu lassen 5 ); am Katharinen-
und Markustag nicht zu sch. 6 ), weil
sonst das ganze Jahr hindurch kein
Jagdglück beschert ist und die Gewehre
verderben.
Wenn aber der abergläubische Brauch
zu den geheimnisvollen Kräften aus
Tier- und Pflanzenreich greift, so kann
man darin bewußte Schußhilfe sehen.
Einen von einer Jungfrau am Sonntag
gesponnenen Faden durch das Blut eines
Wiedehopf ziehen und um den rechten
Arm binden, gibt Treffschuß 7 ). Und
beim Zielsch. trifft immer das Schwarze,
wer am Goldenen Sonntag die rechte
Hand mit einem Strick, daran ein Dieb
am Galgen gehangen, umwindet 8 ). Ver¬
hexte Tiere sind mit Brot, das man
in die Flinte steckt, besser zu treffen 9 );
in gleicher Weise kann ein beherzter
Jäger ein Gespenst niederstrecken 10 ).
Sichertreffende Kugeln erlangt man durch
Weizenkörner, die beim Gießen ins Blei
gegeben werden 11 ). Auch Johannis¬
kraut ist Schießzauber 12 ). Wer Brot
ins Gewehr lädt, schützt die Waffe vor
dem Gebanntwerden 13 ). Vor allem
hilft „Gesegnetes“ gegen Hexen, die
meist als Hasen, in den Alpen als Gemsen,
den Jäger verspotten. Wer aber Oster¬
kohlen vom Osterfeuer, am Karfreitag
auf dem Friedhof angezündet, im Flinten¬
kolben mit sich führt, der erlegt die
Hasenfrau und tötet damit die Hexe 14 ).
Ebenso erfolgreich gegen Hexen, Zauberer, ;
ist der Schuß, wenn in den Gewehrlauf
ein Zettel (wohl mit Charakteren be¬
schrieben) eingeschoben wird 15 ); oder
der Schuß mit Erbsilber, meist in
Knopf form 16 ). Überhaupt kann man mit
Erbsilber alles treffen, was mit Zauberei
„festgemacht“ ist, so ein Gewehr, das
nicht trifft, in Ordnung bringen, auch
Krankheiten, Zahnweh, heilen 17 ). Ein
Kreuzknopf hat auch die Macht, gegen
ein Gespenst zu helfen 18 ). Ein geweihter
Marienzwanziger trifft einen verhexten
Reiter, daß er tot aus der Luft herab¬
stürzt 19 ). Endlich tötet eine um Mitter¬
nacht hergestellte gläserne Kugel, über
die der Zauber gesprochen wurde, selbst
den in einen Hirsch verwandelten alten
Jäger, der Freikugeln gießen konnte und
„fest“ war 20 ), oder sie trifft die Wetter¬
hexe 2l ). Eine weitere Schußhilfe ist
Staub, der unter der Türschwelle mit
dem Flintenlauf hervorgeholt wurde und
mit Speichel zu einem Brei vermischt
auf die Flinte gestrichen wird 22 ).
Zu bleibendem Jagdglück glaubt der
Jäger der immer treffenden Kugel zu
bedürfen; je mehr er dem ‘Besegnen'
verfällt, desto schwerer verwickelt er
sich in die Netze, die ihm der Böse ge¬
stellt hat. Gegen seine 23 ) oder die in
bestimmter Frist zu stellende Seele eines
anderen wird er selbst gegen Schuß
gefeit 24 ) und erkauft sich den Frei¬
schuß 25 ). Wir verbinden gemeinhin
mit dem Wort Freischütz (3, iff.)
die Vorstellung, daß ein Jäger mit Hilfe
der unterirdischen Mächte Kugeln (3. 7.
63) gieße und dazu zauberkräftige Kräuter
und Teile von Tieren, denen besondere
magische Kräfte zugeschrieben werden,
verwende. Die Kugeln treffen nach dem
Willen des Jägers ihr Ziel, aber die letzte
oder drei letzten lenkt der Teufel. Dazu
hat neben mehr oder minder bleibenden
Dichtungen und Romanen Karl Maria
v. Webers Oper ‘Freischütz' mit ihrem
romantischen Stimmungsgehalt reich¬
lichen Anlaß gegeben. In Wahrheit
aber hat, wer überhaupt mit schwerem
Zauberbrauch und Verfehlung gegen das
Allerheiligste zur Erlangung bleibenden
Jagdglücks umging und seine Seele daran
gab, den „Freischuß“ erlangt. Er kann
sich unsichtbar machen, er trifft alles
Wild, auch wenn er es nicht sieht oder
sogar in entgegengesetzter Richtung
schießt. Nach seinem Tod geht er meist
1061
schießen, Schuß
I 0 Ö 2
um, in Jagdkleidung; da und dort gelingt
es, ihn zu bannen.
Aber den frommen Jäger, der bei der
Heimkehr vom Anstand vom Teufel in
die Irre geführt wird, kann ein Flinten¬
schuß wieder auf den rechten Weg
bringen 26 ).
Den leichteren Formen des Jäger¬
aberglaubens gehört die Schußstellung,
den Schuß verkeilen u. ä. an, auch
Wildsegen finden sich mehrfach: Daß
kein anderer ein Wild sch. kann: Sprich
dessen Namen, z. B. Jakob Wohlgemuth,
schieß, was du willst, doch schieß nur
Haar und Federn und was du den armen
Leuten gibst 27 ).
4 ) Fogel Pennsylvania 365 (mit einer
Parallele aus Heidelberg). 5 ) Strackerjan
I, 97 t. (Münsterland). 6 ) Boeder Esthen
91. 7 ) Alemannia 2 (1875), 130 (Beleg aus d. J.
1727, Bonndorf [BaarJ). Wachtelgalle:
Baumgarten Aus d. Heimat 1,103. 8 ) Schultz
Alltagsleben 240 h (Beleg aus Amaranthes
Frauenzimmer-Le xicon 1715). 9 ) Wettstein
Disentis 175; ZfrwVk. 1 (1904)» 236. 10 ) Schell
Bergische Sagen 76. — Wer eine Hostie in seinen
Leib einheilen läßt, kann wunderbare Schützen¬
künste ausüben: Alpenburg Tirol 359 (Beleg
aus dem Bregenzerwald, Ende 18. Jh.s).
il ) Kronfeld Krieg 118 (ohne nähere Angaben).
u ) Kuhn Mark. Sagen 387. 13 ) Meier Schwa¬
ben 1, 250; Wettstein Disentis 175. 14 ) Herzog
Schweizer sagen 2, 71; Eisei Voigtland 140.
11 ) SAVk. 17 (1913), 83 f. ie ) Müllenhoff
Sagemzgi.’, Strackerjan 2, 355; ARw. 4(1901),
275 (Schweden, Norwegen); Meiche Sagen 544;
ZfrwVk. 1 (1904), 236. 17 ) Müllenhoff Sagen
229 f. 18 ) Strackerjan 1, 314. 19 ) Kühnau
Sagen 2, 630. 20 ) Witzschel Thüringen 2, 67.
•*) John Westböhmen 199. 22 ) Grohmann 208.
Äl ) Um, wenn man auf die Jagd geht, stets sein
Ziel zu treffen, muß man sagen: komm teufel
und halte mir das thier, ich gebe dir meine Seele
dafür. Oder man muß das Abendmahlsbrot
wieder aus dem Munde nehmen und es dann in
die Büchse laden; Kuhn u. Schwartz Nordd.
Sagen 429. 24 ) Die Kugel fliegt zum Schützen
lurück und tötet diesen; im Jägeraberglauben:
Schell Bergische Sagen 307: Ein Graf will den
verhaßten Jäger mit einer Blutkugel töten.
Aber der Jager kennt die Venetische Kunst,
•f hängt seinen Hut an einen Baum, stellt sich
beiseite. Mit lautem Knall trifft die Kugel den
Hut. Der Jäger schickt sie sofort dem Grafen
nach, der tot umsinkt. Ähnlich von zwei För¬
stern: Ranke Volkssagen 34 f., von einem ver-
lauberten Hasen: ZfrwVk. 3 (1906), 87. — Heyl
Tirol 785 berichtet von einem allgemeinen
Glauben in Tirol, daß das Wiesel verzaubert sei;
Wer auf ein Wiesel schieße, den treffe die zurück-
prallende Kugel. Im Soldatenaberglauben:
ZfrwVk. 2 (1905), 311 (Vorkommnis im Zau¬
berer- und Hexendorf Nattenheim in der Ei¬
fel). 25 ) Zimmerische Chronik 2. Aufl. 1, 450 ff.:
. . . wann ainer in der carwochen die vier passion
here und uf ainem bain stände, dieweil die ge¬
lesen werden, und nachgends mit ainem bogen . . .
drei schütz in ain crucifix thue, so künde er
hernach mit solchem pfeil kain schütz mer feien,
sonder treff, was er begere oder darnach er ab¬
ziele ... Es folgt nun die Geschichte vom ver¬
hängnisvollen Schuß in Stetten: der Pfeil bleibt
im Kruzifix haften (wiederholt z. B. von Bir-
linger A us Schwaben 1, 79 mit einem gleichen
Beleg aus England). Beleg aus dem Ende des
16. Jh.s von einem Freischützen im Dienst der
Stadt Basel: SAVk. 18 (1914), 52. — Vgl. noch
Thomas Ebendorfer von Haselbach (1387 bis
1464, Niederösterr.): . . . similiter, qui in die
Parasceves tres ictus de balista ad ymaginem
crucifixi jaciunt, ut bene post sagittent ad
metam . . . (ZfVk. 12 [1902], 13 f.). — Frank
System der medicin. Polizei 1788. IV 564. —
Oder: Drei Schüsse, die der Schütze auf einem
Tuch knieend, gegen Sonne, Mond und Gott
abgibt, machen ihn zum Freischützen: Drei
Blutstropfen fallen dann vom Himmel; Hof-
mann Bad. Franken 26 (mit weiterer Lit.). —
Oder: Man darf bei der Kommunion die Oblate
nicht verschlucken, sondern muß sie unbemerkt
in die Tasche stecken. Im Wald wird die Oblate
von einem alten Freischützen an einen Baum
genagelt. Wie der J ägerbursche darnach schießen
will, sieht er Christus am Baum stehen; nach
einigem Zögern drückt er ab und durchbohrt
die Oblate, die ganz blutig wird (Hildesheim):
Ranke Volkssagen 32 ff.; ähnlich: Meiche
Sächs. Sagenbuch 583h; Veckenstedt Wend.
Sagen 30öS.; Strackerjan 1, 98. 281 f. —
Ranke ( Volkssagen 32 ff.) gibt eine mecklen-
burg. Sage wieder, nach der ein Jägerbursche
3 Probeschüsse tun soll, während der alte Jäger
auf einem Rehbock, Hirsch und Wildschwein
vorbeireitet. Obwohl der Alte sich als schu߬
fest ausgibt, schießt der Junge nicht und hat
es damit verpaßt, Freischütze zu werden. Aber
der Alte verschwindet: der Teufel hat ihn ge¬
holt, weil er ihm keine Seele verschaffte (vgl.
Literaturnachweis 24: wenn der Jäger schu߬
fest war, mußte die Kugel auf den Schützen
zurückfahren und den Jungen töten, der damit
dem Bösen als Preis für des alten Jägers weiteres
Freischützenleben zugefallen wäre).
Köhler Kl. Sehr. 3, 200 f. (über Grässe
Quelle des Freischütz 1875. — Mit Angabe der
älteren Literatur). — John Volkstümliches im
Freischütz in: ZföVk. 11 (1905), 165 ff. Es gibt
keine Freischützsage. Reiner Volks- und
Jägeraberglaube, der im einzelnen nachweisbar
ist, hat im besonderen Fall eines Gerichtsver¬
fahrens im Jahr 1710 zu Taus (Westböhmen)
aktenmäßig Niederschlag gefunden und ist als
Geschichte in Form eines Gerichtsfalles 1730
zuerst veröffentlicht worden. Darauf beruht
Apel und Launs * Gespensterbuch’ 1810, das den
Freischütz als ‘Volkssage' bringt und in leichter
34*
1063
schießen, Schuß
IO64
Ausschmückung Nebenumstände (Liebes¬
geschichte, Probeschuß) jenem ersten reinen
Tatsachenbericht v. J. 1731 hinzufügt. Auf
dieser Fassung des 4 Gespensterbuches' beruht
Joh. Friedr. Kinds Dichtung und Karl Maria
v. Webers Vertonung (1. Aufführung 1821 zu
Berlin). — Hasselberg Der Freischütz . . . 1921
(mit Abdruck der beiden 'Quellenstücke' von
1730 u. 1810).
Weitere Nachweise zum Freischützstoff in
der schönen Literatur bei Krüger Deutsches
Literatur-Lexikon 1914, uou. Kosch Deutsches
Literatur-Lexikon 1 (1927), 501.
Zahlreiche Jägersagen von Schützen, die
immer treffen, bei Grässe Jägerbremer 1857,
Jägerhörnlein 1861 (= Jägerbrevier Teil 2),
Jägerbrevier 2 1869, Teil 2 Hubertusbrüder 1875.
2fl ) Stöber Elsaß 1, 20. 27 ) Geistl. Schild 166.
Kuhn Westfalen 2, 196; Birlinger Aus Schwa¬
ben 1, 457 bringt diesen Spruch als Eingang
eines längeren Segens.
Vom Zauberschuß, der zum ,,freien
Schuß“ führte, fand sich leicht der
Weg zum Frevelschuß gegen Kruzifix,
Bild oder Statue der Heiligen aus Trotz
gegen Gott und seine Fügungen.
Ein Jäger kommt nach mühseliger,
erfolgloser Jagd zu einem Kruzifix und
verfehlt auch dort ein Reh; voll Wut
legt er auf den Gekreuzigten an, schießt,
aber das Bild bleibt unversehrt; beim
zweiten Schuß — seiner letzten Kugel —
stürzt er tot zu Boden und muß nun
bis zum Jüngsten Gericht umgehen 28 ).
Das gleiche Motiv begegnet in Sagen
früherer Kriege. Ein Schwede beschoß
im 30jährigen Krieg ein Muttergottes¬
bild; er sinkt, mit dem letzten Schuß
aus seinem Gewehr, tot zu Boden 29 ).
Der Rache des Toten verfällt, wer ihre
Ruhe stört 30 ).
In unsere Zeit (1905) führt der Bericht
vom Schuß gegen Gott, den Himmel,
den ein Gutsbesitzer bei Deutsch-Eylau
aus Ärger, wegen des vielen Regens die
Frucht nicht einfahren zu können, ab¬
gegeben hat. Sofort kommt ein Gewitter
auf, ein Blitz versteinert den Frevler 31 ).
28 ) Schell Bergische Sagen 414. — Vgl.
den Schuß Punkers von Horbach (im Hexen¬
hammer): Argovia 17 (1886), 80 ff. 2 »)
Kühnau Sagen 3, 412. Ähnlich für die
schlesische Lausitz ebd. 3, 402, für Breslau
3 . 334 - — Zu vgl. ist: ein Soldat schießt
einem Rittersteinbild die Nase ab, ihm wird im
Krieg ebenfalls die Nase weggeschossen: Hof-
mann Bad. Franken 40. 30 ) Ein Feldhüter
schießt nachts aus reiner Bosheit in den Fried¬
hof. Da packt ihn ein Toter und zerdrückt
ihn an der Friedhofmauer: Heyl Tirol 472.
31 ) Belege für diese bemerkenswerte Sagen¬
bildung, die rasche Einbeziehung verwandter
Nebenumstände und Weiterführung des Ge¬
dankens eines göttlichen Strafgerichts: ZfVk.
16 (1906), 1770. 429. und 23 (1913), 188 f.;
Ranke Sagen 231 f. 285. — Ähnliche Fassung
von einem Wirt in Frankfurt a. M., dem ein
Unwetter die letzte Hoffnung zerstört und der
in seiner Verzweiflung in den Himmel schießt.
ZfVk. 23 (1913)* 3°3 (mü weiterem Nachweis).
Drei^ Schüsse gegen Sonne, Mond und Gott,
um 'Freischütz' zu werden: Hof mann Bad.
Franken 26 und Ranke Sagen 33; Schell
Bergische Sagen 28. — Vgl. Roch holz Teil 31.
— Den Schuß nach dem Himmel als Regen¬
zauber führt Meiche Sagen 64 an. Fernzuhalten
ist davon Schießen nach Sonne und Mond, das
auf mythische Urgründe zurückgeht und wozu
altindische Anklänge vorliegen (ZfdPhil. 1
[1869], 94 f.; vgl. Losch Balder 156 t.; Meyer
German. Mythologie 246).
Das Sch. zu bestimmten Zeiten
des Jahres, die für die Landwirt¬
schaft bedeutsam und nach dem Witte¬
rungsverlauf entscheidend sind, steht in
seinen Grundursachen dem Feuer, dem
Lärmen, Schreien, Glockenläuten, Peit¬
schenknallen nah: das Sch. wirkt sogar
besser, da es Lärm und Feuer ist! Aber
Erwachsene, sogar der Hofbauer, oder
der erste Knecht üben es aus. Im eigent¬
lichen Sinn gilt es, schädigende Mächte,
feindlich gesinnte Dämonen von Haus
und Hof, Menschen und Vieh, von Acker
und Flur fernzuhalten oder zu vertreiben,
und gutes Gedeihen, reiche Ernte zu
erzielen. An den Grenzen des Besitztums,
auch kreuzweise, über das Haus, an der
Dungstätte, über den Brunnen als an
lebenswichtigen Plätzen schießt der länd¬
liche Bewohner, dem der alte Brauch
noch irgend lebendigen Inhalts ist. Dem
Städter ist nur die Freude am Sch. in
der Neujahrsnacht verblieben; die Jugend
hat es übernommen. Und in gleicher
Weise begleitet sinnvoller Brauch des
Sch.s Geburt, Taufe und Hochzeit auf
dem Land.
• •
Uber das gesamte deutsche Siedlungs¬
gebiet (auch weithin über Europa und
Asien: Krauß Sitte u. Brauch 56. 391;
Wlislocki Magyaren 150; Seligmann
2, 274) ist der Brauch belegt, den wir
nach dem Ablauf des Jahrs verfolgen.
schießen, Schuß
1066
I
r
IO65
Am hl. Abend wird über die Felder
geschossen, auch über oder in die Obst¬
bäume 32 ); auf Straßen, aus Wohnungen;
als besonders günstige Stunde wird —
wenn überhaupt — die Zeit vor, während
und nach der Mette angegeben 33 ); man
„schießt das Christkindl an“ 34 ). In
Mecklenburg wird über oder in die
Brunnen geschossen 35 ).
In der Silvesternacht und am Neu¬
jahrstag wird — im ganzen nördlichen
Europa — eifrig geschossen, auf dem
Land über Felder und Fluren, in die
Obstbäume, in den Städten auf den
Straßen 36 ); mehrfach als „das alte Jahr
aussch., das neue Jahr ansch.“ bezeichnet,
und den Mädchen oder Ortsgenossen, die
man ehren will, zugebracht. Als Dank
folgt meist eine Bewirtung 37 ). Burschen
und Mädchen pflegen am Neujahrstag
einander vor allem Gebäck zu schenken,
wohinter tieferer magischer Sinn liegt 38 ).
Aber die Sitte, das Neujahr anzusch.,
scheint in einigen Gegenden nachzu¬
lassen 39 ). Bartsch meidet von Mecklen¬
burg: „Silvesterabend wird fleißig ge¬
schossen, denn der Knall und das Feuer
verscheucht die bösen Geister. Wer das
Ding aber richtig versteht, schießt nur
siebenmal, nämlich dreimal in den Brun¬
nen, und einmal auf jeder Ecke des
Hauses. Was darüber ist, das ist von
Übel“ 40 ).
Am Ostersonntag, beim Sonnen¬
aufgang, schießt man über die Felder,
so fast überall im Voigtland, Erzgebirge
und Böhmen 41 ). In Böhmen, Schlesien
und unter den Wenden ist es Sitte,
noch in der Osternacht zu sch. 42 ): auch
hier, um feindliche Dämonen zu ver¬
treiben und von den grünenden Saaten
fernzuhalten. Geweihte Kugeln werden
auch am Ostertag an den vier Ecken
der Felder gegen Hexen abgeschossen 43 ).
Doch ist die Gefahr, die den Äckern
droht, in der Blüte- und Reifezeit des
Korns am größten: die Hexen jagen in
den Gewittern einher. Gegen sie hilft,
besonders in den „Hexenzeiten“, jede Art
Lärm, Glockenläuten und wieder starkes
Sch., besonders am Walpurgisabend (1.
Mai) 44 ) und in der Johannisnacht (24.
Juni) 45 ). — Pfingstsch. ist bis 1880
in der Oberpfalz im Gebrauch gewesen 46 ).
— Der Fronleichnamstag ist in katho¬
lischen Landen der Tag allgemeiner Flur-
und Wetterprozessionen (einige von vielen
Nachweisen bei Sartori Sitte u. Brauch
3» 219).
32 ) Drechsler 1, 15 f. 21. 30; 2, 58. 250;
John Westböhmen 20; Jahn Opfergebräuche
214 f.; Birlinger Volksth. 2, 8; Bronner
Sitt’ u. Art 11; Hörmann Volksleben 232;
Andree-Eysn Volkskundliches 160. Beleg aus
Gossensaß: ZfVk. 8 (1898), 250. — Fogel
Pennsylvania 209 (allgem.: man müßte in
einen unfruchtbaren Baum hineinschießen; vgl.
Wuttke 426). 33 ) John Westböhmen 20;
Pollinger Landshut 196; Bronner Sitt ' u.
Art 11. 34 ) John Westböhmen 20; Drechsler 1,
21; Pollinger Landshut 196; Bronner Sitt’ u.
Art 11. 35 ) Bartsch Mecklenburg 2, 226. 244
(vgl. Literaturnachweis 40). 36 ) Sartori Sitte 3,
68 f. u. Anm. (mit Literaturangaben). Weitere
Nachweise: In Köln seit 1697 bezeugt: Wrede
Rhein. Volkskunde 169.; S t racker j an 2,
30; Kuhn und Schwartz 376 (gegen Hexen!);
Kuhn Mark. Sagen 378; Bartsch Mecklenburg
2 232; Drechsler 1, 15 f. 49; Meyer Baden
201; Alemannia 27 (1899), 241 („Schießnacht“
in Mückenloch b. Neckargemünd); Kapff Fest¬
gebräuche 7; Stäuber Zürich 2, 128. — Allgem.:
Wuttke 65. Belege für das übrige nördl. Eu¬
ropa und aus Italien: ARw. 4 (1901), 170 ff.
274 ff.; Sartori Sitte 3, 69 (Die Kaschuben
schießen nach der Stelle, wo Kornfelder liegen,
um volle Ähren zu bekommen); Fogel Penn¬
sylvania 208. 37 ) Bartsch Mecklenburg 2, 232;
John Erzgebirge 182. In Württemberg werden
die „Anschießer“ am Neujahrstag von den
Mädchen zu einem Glas Most oder „Schußwein“
oder zu einer größeren Mahlzeit eingeladen:
Kapff Festgebräuche 7. Ansprache und Sprüch¬
lein im obern Nahetal: ZfVk. 12 (1902), 418f. —
Schmitz Eifel 1, 5; Bronner Sitt’ u. Art 53;
Reiser Allgäu 2, 28; Meyer Baden 201;
Alemannia 27 (1899), 241; Wrede Rhein.
Volkskde 169. Für Minden i. Westf.: ZfrwVk.
1907, 10 f. (wo auch weitere lokale Lit.); Sar¬
tori Westfalen 139. Weitere Lit. bei Sartori
Sitte 3, 68. 38 ) z. B. einen gebackenen Ring
im fränkischen Unterland: Kapff Festgebräuche
7. Eine Bretzel: Meyer Baden 201. 39 ) Meyer
Baden 201 (Gegend um Kehl). Westfalen:
ZfrwVk. 1907, 10.
Schon 1674 wurde in Bayern durch kurfürstl.
Befehl das Sch. in den hl. Zeiten (Thomas-,
Christ- u. Neujahrstag, hl. Dreikönig) unter¬
sagt; 1717 wurde das Verbot des „Sch.s und
Plenkelns aus den Häusern in den hl. Nächten“
erneuert: Bronner Sitt’ u. Art 350. — In Elg
bei Zürich wurde das Neujahrssch. auf Antra
von Pfarrer und Gerichtsherrn 1722 abgeschabt:
Stäuber Zürich 2, 128. Verbot für das Hoch¬
stift Speyer durch landesherrliche Verordnung
bO fcO
1067
schießen, Schuß
1068
m Hessen-Cassel 1767: Frank System der medi-
cm. Policei IV (1788), u 9 f. ; für die hohenlohen-
schen Lande 1787 bei 5 fl. Strafe: Journal von
u. für Deutschland 1788 1,354; für Universität
Marburg 1790, bei 10 Th. Strafe: Journal von
u. für Deutschland 1790 1, 63. Früher wurde
im Zürcher Oberland während der Fastnacht
mehr geschossen; hier war Sch. eine Freude
vor allem der Buben: Messikommer alter
Zeit. 1, 139 f-; Sartori Sitte 3, 99. 40 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 232. Die Siebenzahl der Schüsse
ist lediglich Verstärkung des Abwehrzaubers.
Parallelen zur bes. Beachtung des Brunnens
bei Sartori Sitte 3, 70. «) John Erzgebirge
194i Reinsberg Böhmen 139; John West¬
böhmen 65; Köhler Voigtland 173. 42 ) Laube
Teplitz 39; Drechsler 1,96; Schulenburg
Wend. Volksthum 142. 43 ) Wuttke § 646
44 ) Allgem.: Wuttke 76. 185. 281; Kuhn u.
Sch wart z Sagen 376; Köhler Voigtland 427
(gegen den Bilmschnitter: kreuzweises Schießen
über die Felder: ebd. 373); Drechsler 1, 136;
John W estbohmen 71 (wer den Sch. von weitem
hört, soll sagen: Schieß meine Hexe a mit). 72
(über den Düngerhaufen). 265; John Erzgebirge
197 f- (mit der Stelle über den Walpurgisglauben
aus der ,,Chemnitzer Rockenphilosophie“);
Schramek Böhmerwald 251. 45 ) Zeugnis aus
Norwegen bei Liebrecht Zwr Volksk. 319 u.
ARw. 4 (1901), 278. Für Deutschland sind
andere Abwehrmittel überliefert: Sartori Sitte
3, 222, Baumgarten Jahr u. s. Tage 28. —
Hierher auch das Sch. beim Springen über das
Sonnwendfeuer: Schramek Böhmerwald 158.
46 ) Unangesprochen und nüchtern vor Sonnen¬
aufgang gegen den Bilmes dreimal über die
Acker sch. oder während des Umgangs um die
Acker: Bronner SitV u. Art 171; Schönwerth
Oberpfalz 1,435 kennt 2 Fassungen. Hier ist
kreuzweises Sch. mit an Ostern geweihter
Kugel Bedingung. Köhler Voigtland 373.
Nur mehr Ausdruck froher Stimmung,
heiteren Lebensgefühls und daher dem
Aberglauben fern ist das Sch. während
der Weinlese, das für Württemberg,
Baden, Elsaß und das Rheinland reich¬
lich bezeugt ist. Gleiches gilt wohl auch
vom Sch. beim Dienst boten Wechsel: in
Westfalen schießt am Tag des Dienst¬
austritts (Tag vor Weihnachten) und
Dienstantritts (Tag vor Neujahr) die
Herrschaft; anderwärts, besonders in
Schwaben, entläßt man nur die beliebten
Dienstboten mit Schuß und Peitschen¬
knall 47 ).
47 ) Kuhn Westfalen 2, 117; vgl. Sartori Sitte
2, 40 (mit weiterer Lit.).
Auch das Sch. bei Geburt, Taufe,
Verlobung und noch mehr bei Hoch¬
zeit hat zum Grund die uralte Abwehr
schädigender Dämonen, besonders der
Hexen, und ist, eine nicht mehr ver¬
standene Zauberhandlung, zum freudigen
Ausdruck der Ehrung geworden.
I Geburt: Im westfälischen Münsterland
zeigen drei Schüsse, nah am Geburts¬
haus abgegeben, die Geburt eines Knaben,
zwei die eines Mädchens an 48 ); ähnlich
im Etschtal in Tirol 49 ).
Taufe: Während des Gangs zur Kirche
und nach der Taufhandlung auf dem
Heimweg 50 ), mitunter beschränkt auf den
Erstgeborenen 51 ), wird (gewöhnlich von
den Nachbarn) geschossen, wofür der
Vater des Täuflings oder der Pate meist
Bier (in den Weinländern natürlich Wein)
spendet 52 ). Das Sch. 'zu Ehren des Va¬
ters während des Taufzuges zeigt aber ein
Vergessen des ursprünglichen Zweckes
des Schusses; ebenso, wenn man bei der
Taufe unehelich Geborener 'zum Spott' 54 )
schießt.
Die Hochzeit gibt willkommenen An¬
laß zu vielfältigem Sch.: beim Gang zur
Kirche und ins Hochzeitshaus; auch
schon während des Tages, aber besonders
mit einbrechender Nacht. In Westfalen
beim Aufträgen des Hauptgerichts. Meist
sch. die Jugendfreunde des jungen Paares,
aber auch jüngere Burschen dürfen teil¬
nehmen 55 ). Die Erinnerung an das
Sch. als Dämonenabwehr scheint überall
geschwunden; es ist lediglich Ausdruck
der Freude und Zustimmung der Nach¬
barn oder der Dorfgemeinde bei der
Gründung des neuen Hauswesens.
48 ) Sartori Westfalen 77; ders. Sitte 1,
26. — Sch. zur Erleichterung der Geburt
bei den Serben, Armeniern; über dem Leib
der Kreißenden wird ein Sch. abgegeben:
Stern Türkei 2, 295. 299* 49 ) Sartori Sitte
U 2 5 (1. 30: Kirgisenbrauch). 50 ) Frank Sy¬
stem der medicin. Policei IV (1788), 112 (allge¬
mein üblich); Meyer Baden 26. 29; Schmitt
Hetlingen 21; Pollinger Landshut 241 („die
Kindtaufe wird angeschossen“); Schönwerth
Oberpfalz 1, 167 (nicht überall). 51 ) Meyer
Baden 26; Höhn Geburt 270; Schönwerth
Oberpfalz 1, 167 (3 Schüsse bei Knaben, 2 bei
Mädchen); Reiser Allgäu 2, 225. 52 ) Höhn
Geburt 270; Reiser Allgäu 2, 225. «) und
54 ) HöhnC^ 270. 55 ) Frank 1788 System
der me di cm. Policei IV 119 f.; Lit.: SAVk. 11
(1907), 267 Anm. 3; ARw. 4 (1901), 170 ff.
274 ff.; Meyer Volkskunde 177; Meyer Baden
2 93 - 32 i; Schmitt Hetlingen 21; John Erz¬
IO69
schießen, Schuß
1070
gebirge 95; Wrede Rhein. Volksk . 128 f.; Sar¬
tori Westfalen 90. 94 (in Westfalen, in der Eifel,
Thüringen u. Hessen wird auch die Verlobung
durch Schüsse begrüßt: Sartori Sitte 1,57.58.
Der Hochzeitlader kündigt sich durch einige
Schüsse an: Sartori Sitte 1,63; man schießt
in Westfalen auch schon einige Tage vor der
der Hochzeit: Sartori Westfalen 86. 88. 89). —
Bei den Sorben-Wenden ist das Sch. während
des Wegs in die Kirche nicht mehr üblich:
Tetzner Slaven 317. — Im Jahr 1767 wurde
in einer Hessen-Casselschen Verordnung das
Sch. bei Hochzeiten verboten: Frank System
der medicin. Policei IV (1788) n 9 f.; 1785 im
öttingischen Gebiet, beim Einholen der Braut:
Journal von u. für Deutschland 1785 1, 533;
1787 für Schleiden (Eifel): Wrede Rhein.
Volksk. S. 220 Anm. 261. Auch in den übrigen
deutschen Landen geht der Brauch gerade in¬
folge der scharfen obrigkeitlichen Verordnungen
zurück. — Sch. am Polterabend: Sartori
Sitte 1, 71 (Oberpfalz, Schwaben, Allgäu, Lüne¬
burger Heide).
Doch auch im Alltagsleben schädigen
feindliche Mächte den Menschen, sein
Hab und Gut, seine Arbeit: dem Bauern
sind — nach allgemeinem Glauben und
in zahlreichen Sagen — Gewitter be¬
sonders gefährlich, die die Hexen zu¬
sammentreiben. Wenn man mit geweihten
Dingen oder einer geweihten Kugel bei
Glockengeläute beim ersten Segen mit
der Monstranz, in die Wetterwolke schießt,
so stürzt die Hexe — nackt — tot herab,
und das Gewitter verzieht sich rasch, ohne
Schaden zu tun 56 ). Bösartig sind die
Hexen weiter beim Buttern; sie ver¬
ursachen, daß ,,es nicht buttert“: hier
hilft kreuzweiser Schuß durch (in) das
Butterfaß und Verschließen der Löcher
mit Zapfen 57 ), dreikreuziges Messer ins
Faß stoßen 58 ), viereckiger [!] Klee
oder Erbschlüssel unter das Faß 59 ),
auch glühendes Eisen 60 ).
Von Schüssen auf Geister 61 ),
Geisterlichter 62 ), den ewigen Jä¬
ger 63 ), die Habergeiß 64 ) und ins
Teufelsloch 65 ) wissen die Sagen zu
erzählen, oft mit wechselndem Ausgang,
daß der Arm des Schützen erlahmt, die
Kugel zurückprallt und zu seinen Füßen
niederfällt, daß nur Weihwasser vor dem
verfolgenden Gespenst rettet usf. Nur
eine geweihte Kugel kann ein Ge¬
spenst töten.
56 ) In Baden, Oberpfalz, Tirol, Bayern,
Böhmen, Schlesien, Westfalen (,,de Hexe
blank makeri')', vgl. Weinhold Ritus 14;
Schramek Böhmerwald 251 (bei Gewittern
wurde früher geschossen); Drechsler 1,136;
Kuhn Westfalen 2, 31; Ranke Volkssagen 22
(Beleg aus Baden); Mones Anzeiger 4, 309;
Heyl Tirol 546 (Teufel und der feindliche
Nachbar werden aus der Wetterwolke herab¬
geschossen); John Westböhmen 199 (der Pfarrer
selbst schießt, da Wettersegen und Wetter¬
läuten nichts nützt, eine gläserne geweihte Kugel
in die Wetterwolke. Die Hexe kommt herab
und soll verbrannt werden, entkommt aber an
einem losen Zwirnsfaden — den sie sich erbittet —
in die Höhe und verschwindet). Bei Gröbming
(Dachsteingebiet) glaubt man, nur dann die
Wetterhexen aus der Luft sch. zu können, wenn
man ihren Namen während des Sch.s errät.
Darum schießt man mit der Böllerladung einen
ganzen Kalender in die Luft, denn der Name
der Hexe muß ja auch im Kalender stehen
ZfVk. 5 (1895), 409. Mit einem von Zi¬
geunern stammenden Gewehr fällt bei jedem
Sch. auf einen Baum ein Vogel herab, bei jedem
Sch. auf eine Hecke liegt ein Hase darin:
Schönwerth Oberpfalz 3, 162. 67 ) Vonbun
Beiträge 82 f.; Manz Sargans 113 (,,schoß man
früher . . .“); ZfrwVk. 10 (1913), 268. 270
(Rheinland, Siegkreis); John Westböhmen 204.
— Belege zum Sch. in oder über das Butterfaß
und über den Bräubottich für Schweden, Nor¬
wegen: ARw. 4 (1901), 278. 58 ) Chemnitzer
Rockenphilosophie (Grimm MythA 3, 437 )-
59 ) u. 60 ) John Westböhmen 204. 61 ) Meiche
Sagen 84 (Mann ohne Kopf). 62 ) Heyl Tirol
143; Witzschel Thüringen 1, 255 f. 63 ) Schell
Bergische Sagen 274. 64 ) Heyl Tirol 494.
65 ) Ebd. 421.
Sch. im volksmedizinischen Aber¬
glauben. Über dem Kranken oder dem
erkrankten Glied wird ein Gewehr ab¬
geschossen, um das Unheil oder den
Krankheitsdämon zu vertreiben 66 ); be¬
sonders gebraucht wird dies Mittel gegen
den schwarzen Umlauf am Finger 67 );
bei den Masuren gegen Gesichtsrose 68 ).
In der Szegeder Gegend dienen Holz¬
pfropfen aus den Prozessionsmörsern gegen
Zahnschmerzen 69 ). Früher war Sch.
gegen Seuchen gebräuchlich 70 ). — Hier¬
her mag noch der Aberglaube gestellt
werden, gegen Raupenfraß an drei Frei¬
tagen vor Sonnenaufgang mit Schie߬
pulver zu sch. und den Rauch über das
Kohlfeld ziehen zu lassen 71 ).
68 ) Allgem.: Liebrecht Zur Volksk. 319
(gültig bei Krankheiten von Menschen und
Tieren; im letzteren Fall schießt man
über den Viehstall). Belege für Schweden u.
Norwegen in ARw. 4 (1901), 275. — Gewehr
durch das Fenster absch. Stand des
Schießpulver—Schildkröte
1072
IO7I
Schützen am Kopfende des Bettes des Kranken:
Schulenburg Wend. Volksthum 99. 67 ) Frisch¬
bier Hexenspr. 62; Drechsler 2, 317; Ho-
vorka u. Kronfeld 2, 402. w ) Urquell 3
(1892), 71. 6# ) ZfVk. 4 (1894), 402. 70 ) Luzerner
„Ordnung zur zyt der pestilentz“ 1594. S. 37:
morgens und abends sollen einige Kanonen¬
schüsse, aber nur als Pulverladung, über die
Stadt hingeschossen werden (Roch holz Natur -
mythen 14). 7l ) Engelien und Lahn 273.
Zu den zahlreichen Kriegsprophe¬
zeiungen gehört auch starkes Sch, in der
Luft, das wie Kanonenschüsse weithin
dröhnt 72 ).
72 ) Das sog. „Sch. von Beifort“, auch das
„Rothenburger Geschütz“ in einigen Schweizer
Gegenden: SchwVk. 2, 70. 94; vgl. das Rot-
hornsch.: Lütolf Sagen 93; Müller Sieben¬
bürgen 71; Schramek Böhmerwald 118 (hört
man am hl. Abend auf dem Kreuzweg sch., so
ist das ein Zeichen baldigen Krieges). Basler.
Schießpulver s. 7, 382 f.
Schiff, Schiffer s. Nachtrag.
Schiffshalter (Echeneis), besonders der
Schildfisch (E. remora L.) t haben
ihren Namen daher, daß sie sich zuweilen
an Schiffen festsetzen 4 ). Die Beschreibung
bei Konrad von Megenberg 2 ) stammt
von antiken und mittelalterlichen Schrift¬
stellern 3 ).
*) Brehm 3, 480. 2 ) Buch der Natur 251.
) Plinius (32, 1, 1) s. bei Lenz Zoologie 518;
Oppianus De piscalione 1, v. 212: ib. 501
Hoffmann-Krayer.
Schiffsnamen. Verbreitet ist die feier¬
liche „Taufe“ des Schiffes, bei der das
Zerschellen einer Flasche am Bug nicht
fehlen darf. Unglückliche Namen werden
vermieden. In der englischen Marine
ist der Glaube verbreitet, ein Schiff, das
seinen Namen wechsle, habe niemals
Glück 1 ).
x ) Sartori Sitte 2, 161; Rtradpop. 8, 464.
^ Aly.
Schild s. Nachtrag.
Schild, geistlicher s. 3, 566 f.
Schildkröte.
1. Biologisches. Nach Megenberg
ist die lebendige Sch. ohne Gift, nach
dem Tode aber wird sie giftig. Er beruft
sich auf Ambrosius, der sagt, daß man
sofort vergiftet wird, wenn man mit
bloßen Füßen auf die Nieren einer toten
Sch. tritt. Auch der Genuß der Eier
sei schädlich 4 ). Die Zählebigkeit des
Tieres veranlaßte den in der Antike
(bei Aristoteles, Apollonius, Tertullian)
verbreiteten Glauben, daß man den
Sch.n sogar das Herz herausnehmen
könne, ohne daß sie sterben 2 ). Aus
dieser Zählebigkeit erklärt sich die Ver¬
wendung zu talismanischen Objekten,
deren Benützung gesundes und langes
Leben sichern sollte 3 ). Es ist heute
festgestellt, daß die Sch. vermöge ihrer
rotgelben Öltröpfchen in der Netzhaut
imstande ist, im Nebel und in trübem
Wasser ziemlich weit zu sehen. Die
volksmedizinische Verwendung der Sch.
bei Augenleiden ist wohl darin begründet.
Im Altertum glaubte man, daß die Sch.
ebenso wie die Strauße durch das An¬
blicken der Eier ihre Jungen am Aus¬
schlüpfen verhindern 4 ) und daß sie ihre
Schlangenbisse selbst mit Origanum (Ma¬
joran) heÜen; auch der Adler verwendet
die Sch. als Heilmittel 5 ).
*) Megenberg Buch der Natur 240. 2 ) Hof¬
ier Organotherapie 139. 3 ) Keller Antike Tier¬
welt 2, 252. 4 ) Seligmann Blick 1, 133.
5 ) Höfler Organotherapie 138.
2. Religiöse Bedeutung. Die
Seesch. spielte eine Rolle in den griechi¬
schen auf das weibliche Geschlechtsleben
bezüglichen Festen 6 ). Sie erscheint als
Attribut der syrischen Astarte-Aphrodite
Urania, der Göttin der gesitteten ehe¬
lichen Liebe 7 ). Auf der Tür eines grie¬
chischen Hochzeitsgemachs ist eine Sch.
abgebildet, die entweder als Apotropäon
für die Weiblichkeit oder als Symbol der
körperlichen Keuschheit oder der ge¬
schlechtlichen Reinheit aufzufassen ist 8 ).
Die Sch. erscheint ferner als Attribut des
Seelenführers und Hirtengotts, Hermes-
Mercur sowie Apollos — die Leier wird
aus ihrer Schale verfertigt. Auf zwei
karthagischen Skarabäen Sardiniens wird
dargestellt, wie die der Astarte heilige
Sch. geopfert wird 9 ). Für ihre Ver¬
ehrung spricht auch der Umstand, daß
man in Mizia in Siebenbürgen die Opfer¬
gaben in ihren durch einen Deckel zu
öffnenden Leib weihte, wie auf Kos in
den Schlund einer Schlange 10 ). Nicht
selten begegnet sie als antike Grab¬
beigabe, bisweilen aus Ton hergestellt 11 ).
Auf dem Boden der am mittleren Dnjepr
aufgedeckten Wohngruben fand Chwojko
regelmäßig ein Paar Sch.nschalen. Da
dies immer nur auf das Vorhandensein
eines solchen Tieres hinweist, denkt er
an religiöse Bedeutung desselben 12 ). Der
Sch. schreibt man apotropäische und
Gesundheit fördernde Kräfte zu. Sie
hilft gegen Zauber 13 ) und bösen Blick 14 ),
vielleicht, weil ihre Augen weit in die
Feme strahlen 15 ), deshalb trägt man gern
Amulette aus ihren Schalen sowie kleine
Sch.n aus Bronze, Edelsteinen und Bern¬
stein 16 ). Um den Hagel fernzuhalten,
wurde sie bei den Griechen lebendig
vergraben, so daß sie auf den Rücken zu
liegen kam 17 ), auch gegen Ungeziefer
schützte sie 18 ). In Ostpreußen pflegt
man in dem Kübel, in welchem der Trank
für die Schweine gesammelt wird, eine
Sch. zu halten, damit die Schweine fett
werden 19 ).
Wegen ihrer vielfachen Verwendung in
der Heilkunst erscheint sie auf einem
geschnittenen Stein geradezu als Zeichen
Äskulaps 20 ). Sch.ngalle ist seit alter
Zeit ein beliebtes Mittel bei Augen-,
Ohren-, Mund- und Halsleiden, Epi¬
lepsie 21 ), frische Leber reinigt die Gebär¬
mutter 22 ) ebenso wie ihr Gehirn 23 ).
Schon Plinius (XXXII) empfiehlt Sch.n-
fleisch als Mittel gegen Vergiftungen,
Kropf, Skorpionenstich und Epilepsie,
das Blut gegen Augenleiden, Schlangen¬
bisse, Ausschläge, Fallsucht, Zahnweh,
Ohrenfluß, Kopfweh, Kropf usw. 24 ). Hip-
pokrates erwähnt als Konzeption befördern¬
des Mittel eine Scheideneingießung aus
Milch, Granatapfelsaft und einer ver¬
brannten Sch.nrute. Die Bedeutung der
Sch. als eines gynäkologischen Heil¬
mittels ersehen wir auch daraus, daß es
noch im 17. bis 18. Jh. in Bayern Sitte
war, bei Wochenbettsmahlzeiten Napf¬
kuchen in Sch.nform zu essen 25 ). —
Vergleichsweise sei erwähnt, daß heute
noch die Sch. besonders bei den Serben
wegen ihrer Heilkräfte geschätzt wird:
„Wieviel Sechsecke sie hat, soviel Arz¬
neien enthält sie“ 26 ). Ihr Blut trinkt
man gegen Keuchhusten 27 ) und Herz¬
klopfen 28 ). Auf serbischen Teppichen
(bes. denen von Pirot) ist die stilisierte
Sch. kornjaca, das häufigste Ornament,
sie soll wohl Gesundheit und langes
Leben verbürgen.
6 ) Nilsson Griech. Feste 379. 7 ) Keller
Antike Tierwelt 2, 250; Höfler Organotherapie
137. 8 ) Höfler 138, Fig. 39 [aus Diction-
naire des antiquites grecques et :omaines 3,
2, 1424, Fig. 4691] und Fig. 40 [im genannten
Dictionnaire 3, 2, 1649, Fig. 4862]. ®) Furt-
wängler Antike Gemmen I Taf. XV Fig. 59
u. 60 ; Höfler Organotherapie 137. 10 ) Höfler
139. u ) Fehrle Geoponica 21 f. 12 ) Schrä¬
der Sprachvergleichung 150. 13 ) Homerische
Hymnen III 37. 14 ) Höfler Organotherapie
139; Seligmann Blick 2, 130, hierzu Fig. 120.
15 ) Keller Antike Tierwelt 2, 252. 16 ) Höfler
138; Seligmann 2, 130. l7 ) Fehrle
Geoponica 10 f. 18 ) Fehrle 21, wo weitere
Literatur. 19 ) Toppen Masuren 99; Bartsch
Mecklenburg 2, 157; Drechsler 2, 118.
20 ) Höfler 138. 21 ) Höfler 222. 22 ) Höf¬
ler 186. 23 ) Höfler 139. 24 ) Höfler 139.
25 ) Höfler 139. 26 ) Hovorka-Kronfeld 1,
153. 27 ) Zbornik za narodni zivot 1, 105 —
Umgebung von Bar-Antivari. 28 ) Zs. Karadzic
4, 125 — um Aleksinac.
3. Die Entstehung der Sch. sucht
folgende ätiologische Sage zu erklären:
Eine Mutter ging zu ihrer verheirateten
Tochter zu Gaste. Kaum hat die Tochter
durch das Fenster ihre Mutter kommen
gesehen, deckte sie eine gebratene Henne,
von welcher sie mit ihrem Manne eben
gegessen hatte, rasch mit einem anderen
Teller zu und versteckte sie vor der Mutter,
um ihr nichts davon geben zu müssen.
Die Mutter kam, saß eine Weile da und
ging ohne alle Bewirtung fort. Sofort
holte die Tochter den Braten, um ihn zu
Ende zu essen. Als sie aber den oberen
Teller abheben wollte, war er an den
Braten angewachsen. Im Augenblicke
verwandelten sich auch die beiden Teller
samt der Henne in eine — Sch. So ist
die Sch. entstanden 29 ). In ähnlicher
Weise denken sich die Serbokroaten die
Sch. aus einer gebratenen Henne ent¬
standen, die ein geiziger Bauer vor dem
eintretenden Gevatter zwischen Teller
und Kuchen verborgen hat 30 ). Diese
Sage, die in mehreren serbokroatischen
Varianten begegnet, geht nach R. Köh¬
ler 31 ) zurück auf Thomas Cantimpre
Bonum universale de apibus [XIII. Jh.,
Normandie]: Der Gansbraten, den der
1075
Schilf—schinden
Schinder— Schirm
IO78
undankbare Sohn vor dem Vater zwischen
zwei Tellern versteckt hat, wird zu einer
Sch., die ersterem ins Gesicht springt und
dort anwächst 32 ). In einem Gedichte
Bruder Werners bei MSH. III 16 Nr. 26
trägt eine Sch. einen Affen über einen
See, verlangt aber mitten auf dem See das
Herz des Affen. Letzterer rettet sich in der
Nähe des Ufers durch einen Sprung ans
Land 33 ). In einer schlesischen Sage er¬
scheint die Sch. als fliegendes Ungetüm,
das fürstlich Lichtensteinsche Wappen
wird daraus gedeutet 34 ).
Zum Schluß sei erwähnt, daß sich die
Seelen Ertrunkener in Sch. verwandeln
und daß sich auch auf altägyptischen
Gräbern schildkrötenköpfige Totengenien
fanden 35 ).
29 ) Urquell 3 (1892), 17. 30 ) Vuk Ka¬
radzic Rjecnik s. v. kornjaca. 31 ) Ar¬
chiv f. slav. Phil. III 215. 32 ) Maretic im
Zbornik za narodni zivot VII Agram 1902,
S. 226—229. 33 ) Liebrecht Zur Volksk. 122,
Parallele zu Benfey Panischat antra 1, 420.
34 ) Kühnau Sagen 1, 556. M ) Höf ler ib. 139.
Schneeweis.
Schilf (Phragmites communis).
I. Grasart mit 3 bis 4 m hohen Stengeln,
breiten Blättern und in Rispen stehenden
Ährchen 1 ). Cato 2 ) gibt eine Kur an,
um verrenkte Knochen unter Hersagung
eines Zauberspruches mit Hilfe eines
„harundo“ wieder einzurenken 3 ). An
den Blättern des Sch.s bemerkt man zwei
bis drei Eindrücke, die durch den Druck
der die jüngeren Blätter umgebenden
älteren Scheiden in der Knospenlage ver¬
ursacht werden 4 ). Nach einer besonders
im Niederdeutschen weit verbreiteten
Legende rühren diese Eindrücke daher,
daß Jesus am Kreuz, als ihm die Kriegs¬
knechte auf einem Rohrstengel den
Schwamm mit Essig reichten, in das
Blatt hineinbiß 5 ). Nach einer anderen
Version biß Christus hinein, als er in
seiner Leidensnacht über den Bach Kidron
ging 6 ); nach einer dritten hielt er sich
mit den Zähnen an einem Sch.rohr fest,
als sein Boot am Untergehen war 7 ). Auch
Petrus 8 ) oder der Teufel 9 ) werden als
Verursacher der Bißspuren angegeben.
Nach einer Sage aus Friaul sprießt aus
dem Wocheinersee alle hundert Jahre
1076
einmal für die Zeit von zwei Stunden
ein Sch.rohr auf, das die Kraft besitzt
jede Krankheit zu heilen 10 ). Durch die
Samenfäden des Sch.s (wohl Typha) er¬
blindet man X1 ).
*) Marz eil Kräuterhuch 431 f. 2 ) De agri-
cultura 160; Plinius Nat.hist . 17, 267. 3 ) Vgl.
auch Frazer Balder 1913, 2, 177; Pauly-
Wissowa 10, 2, 1538 f. 4 ) Ascherson u.
Graebner Synopsis der mitteleurop. Flora 2
(1898/1902), 332. 5 ) Handtmann Mark.
Heide 83; Wossidlo Volkst. aus Mecklenburg
1885, 28, auch bei den Wenden Schulenburg
268 = Ders. Wend. Volkst. 162 und Ungarn
Sklarek Ungar. Volksmär ch. 1901, 285.
®) Bartsch Mecklenburg 1, 524. 7 ) Wossidlo
a.a. O. 8 ) Handtmann a.a. O. 82. e ) Wossidlo
a. a. O.; Dähnhardt Natursagen 2, 232 (Prov.
Groningen); Ascherson u. Graebner a. a. O.
(Schweden). 10 ) Mailly Sagen aus Friaul 1922,.
25. n ) Urquell 6, 133.
2. Am Tag Abdon soll man das Sch.
aus den Teichen schneiden, dann kommt
es nicht mehr 12 ), s. Abdontag (1, 21).
12 ) Rockenphilosophie 1707, 2, 265. Marzeil.
Schimmel s. Pferd 6, 1598 ff.
Schimmelreiter s. Nachtrag.
schimpfen s. schelten.
Schindel s. Nachtrag.
schinden. Es scheint eine besondere
Lust der Geister und Dämonen zu sein,
Menschen zu sch. 1 ); dazu gibt auch die
Sage deutliche Belege; ein fluchender
Hirte wird vom ,,Geiggle“ geschindet 2 ),
ähnlich ein Wildschütze, der über einen
aus einer Hütte heraussehenden Bocks¬
kopf spöttelt 3 ), ferner der Prahlhans auf
der Schindwiese 4 ); der Wassermann schin¬
det einen Buben 5 ), der mit Steinen in sein
Element wirft, u. ä. noch öfter 6 ); der
Teufel schindet Leichen 7 ), der Drache
eine Frau 8 ), Unterirdische sch. in den
See hinabgelassenes Vieh 9 ). Besonders
aber zu Leben gekommene Puppen sch.,
so die Unze der Sennen 10 ), der Kunizen 11 )
oder ein zu Leben erwachter Strohmann 12 ).
Dabei kommt vielfach die abgezogene
Haut auf das Dach 13 ). Hexenmeister
gaben Anleitung, Vieh lebendig zu sch. 14 ).
Übermütige sch. verschiedentlich in der
Sage Vieh 15 ), stets aber büßen diese
Tierquäler hart 16 ); Bocksch. wird be¬
sonders erwähnt 17 ).
Das Sch. war sonst als Strafe im
IO77
Rechtsbrauche üblich 18 ) und kam wohl
als Absch. von Hautstreifen ehedem auf
dem Wege zur Richtstätte zuweilen vor 19 );
wer am Pfingstmontag zu spät austrieb,hieß
Froschschinder und mußte einen Frosch
sch. 2°) (Schönwerth). Übrigens wollte
man sonst mit dem Sch. beim Frosch
(s. d.) bezwecken, daß er schreie, da man
so Regen zu erwirken hoffte 21 ).
Bäume zu sch. galt allzeit als Frevel 22 ),
und selbst Spanholz ließ man zu gewissen
Zeiten ungeschunden, damit man das
Jahr über das Vieh nicht schinde 23 ).
l ) Quitzmann Baiwaren 180; Höfler
Krankheitsnamen 569. 2 ) Heyl Tirol 611
Nr. 76. 3 ) Ebd. 18 Nr. 15. 4 ) Ebd. 282
Nr. 99. 5 ) Ebd. 159 Nr. 62. 6 ) Zfd-
Myth. .2, 354 f. 7 ) Seefried-Gulgowski
Kaschüben 174. 194 f. 8 ) Meie he Sagen 305
Nr. 396. d ) Heyl Tirol 400 Nr. 86. 10 ) Ebd.
611 Nr. 75. n ) Ebd. 76 Nr. 39. 12 ) Vernaleken
Alpensagen 203. 13 ) Heyl Tirol 18 Nr. 15; 76
Nr. 39; 611 Nr. 75; 76; 282 Nr. 99. ,4 ) Reiser
Allgäu 1, 218. I5 ) Heyl Tirol 95 Nr. 57; 498
Nr. 64; 242 Nr. 53; 588 Nr. 49; 653 Nr. 123;
Umlauft Georg, stat. Handb. d. öst.-ung.
Mon. 96 (Gasteinertal); Mannhardt 2, 171.
Vgl. noch Rochholz Naturmythen 81 ff.
16 ) Ebd. ,7 ) Kuoni St. Galler Sagen 90; vgl.
Mannhardt 2, 171. 18 ) Grimm Rechtsalter¬
tümer 2, 291. 19 ) John Westböhmen 354.
20 ) John Westböhmen 221. 21 ) Mannhardt
355 f* 22 ) Mannhardt 1, 26 f. 75 f. 23 ) Grimm
Mythologie 3, 418 Nr. 45. Webinger.
Schinder s. Abdecker 1, 19 ff.
Schinken.
1. Das wilde Heer schenkt einen Pferde-
sch. x ). Der alte Schippenbach und die
wilde Jagd reichen dem Bauern eine
Ochsenkeule 2 ). Besonders der wilde
Jäger in Schleswig-Holstein schenkt
Pferdesch. 3 ).
*) Künzig Sagen 22. 51, vgl. 53. 2 ) Schwartz
Sagen der Mark Brandenburg 129, 781. 3 )Müllen-
hoff-Mensing Sagen Nr. 565. 570. 571.
2. Der Sch. wird auch als Osterspeise
geweiht 4 ). In der Rheingegend legt man
während der Lesung der Passion an den
4 Tagen der Karwoche Sch. auf oder unter
die Altäre in dem Glauben, daß dieses
Fleisch gegen Unglück und Dämonen
schütze und daß Kreuze, die man aus den
Sch.knochen mache, Menschen und Felder
gegen Gewitter schütze 5 ) (vgl. Speck).
4 ) Franz Benediktionen 1, 583. 602 ü. 5 ) Ebd.
2, 43 1 v gl- Kloster 9, 1043. Eckstein.
Schirm.
1. Von einer verhältnismäßig so jungen
Erfindung, wie es der Regen sch. ist,
wird man kaum erwarten, daß sie im
Aberglauben eine große Rolle spiele.
Dennoch gibt es eine hierher gehörige
abergläubische Vorstellung, die in über¬
einstimmender Form auf einem sehr
großen Gebiete, wenn auch nur ziemlich
sporadisch, verbreitet ist: die Vorstellung
nämlich, daß das Aufspannen eines
Regensch.s im Zimmer Unglück bringe;
so im sächsischen Erzgebirge 1 ), in der
Schweiz 2 ), bei den galizischen Juden 3 ),
in Frankreich 4 ), in England 5 ) und be¬
sonders in Nordamerika — sowohl bei
den pennsylvanischen Deutschen 6 ) als
überhaupt bei den Amerikanern, beson¬
ders in den Weststaaten der Union (und
auch bei den amerikanischen Negern) 7 ).
Welcher Art das drohende Unglück ist,
wird manchmal nicht genauer angegeben;
die aus Frankreich und Amerika 8 ) be¬
richtete Meinung, daß der im Zimmer
aufgespannte Regensch. der betreffenden
Person unter Umständen den Tod bringen
könne, scheint recht selten zu sein; in
der Regel heißt es bloß, daß er Zank
und Streit, und zwar besonders Fa¬
milienzwist verursach e (Erzgebirge,
Schweiz, Amerika); im Zusammenhang
mit dem letzteren Punkte (Ehezwist!)
steht es, daß der Schweizer Aberglaube
besonders vor dem Trocknen eines Regen¬
sch.s über einem Bett 9 ), der amerika¬
nische vor dem Hinlegen eines Regen¬
sch.s auf ein solches 10 ) warnt, und daß
die Wudu von Louisiana durch letzt¬
genanntes Mittel Zank und Streit im
Hause her vorrufen 11 ).
*) John Erzgebirge 35. 2 ) SchwVk. 9, 36;
10, 35 * 3 ) Urquell 5 (1894), 81. 4 ) SchwVk. 9,
11. 5 ) SchwVk. 9, 36. 6 ) Fogel Pennsylvania
104 Nr. 436. 7 ) Knortz Streifzüge 1, 190;
Amerik. Aberglaube 39. 8 ) Knortz Amerik.
Aberglaube 39 (In Amerika glaubt man, daß
der die Regel Übertretende sich entweder nicht
verheirate oder bald sterbe; eine Trauung hin¬
gegen unter einem auf gespannten Regenschirm
bringe Glück). 9 ) SchwVk. io, 35. 10 ) Knortz
Amerik. Aberglaube 39. 11 ) Knortz Streifzüge
1, 190.
2. In die deutsche Gespenster- und
Dämonen weit hat sich der Regensch.
i°; 9
schlachten
1080
1081
schlachten
1082
nur in ein paar vereinzelten Ausnahme¬
fällen verirrt. Ein meineidiger Schultheiß
der Stadt Baden in der Schweiz muß
nach seinem Tode einen Schimmel reiten,
wobei er einen weißen Regensch. offen
durch die Luft umschwingt und seinem
Rosse „Hüscht umme" zuschreit 12 ). Das
dämonische Brätweible bei Hinterreute
läßt sich bisweilen mit einem großen
Sch. und sonst „eigenartigem Verzug”
sehen 13 ).
12 ) Rochholz Sagen 2, 119 Nr. 345. 13 ) Rei¬
ser Allgäu 1, n8 Nr. 112.
3. Es gibt ferner eine Legende von
einem frommen, aber einfältigen Menschen
(z. B. einem alten Mütterchen), der zum
Erstaunen des Pfarrers in aller Unschuld
seinen Regensch. in die Luft hängt, wo
er auch richtig hängen bleibt 14 ). Diese
Legende ist recht alt 15 ), doch wird in
älteren Fassungen statt eines Regensch.s
ein Mantel erwähnt.
14 ) ZfdMyth. 2 (1854), 347 Nr. 39; Heyl
Tirol 14 Nr. 6. 15 ) Sie gehört zum Typus der
Geschichte Joh. Pauli Schimpf u. Ernst Nr.
332; vgl. auch ZfVk. 30/32, 171; Jegerlehner
Oberwallis 301 zu 1, 95 Nr. 19.
4. Höchst merkwürdig ist die aus dem
Vogtland belegte Sitte, einem Toten
bisweilen einen Regensch. und Gummi¬
schuhe mitzugeben 16 ).
I6 ) Köhler Voigtland 441.
5 - In den bisher zitierten Texten ist
entweder ausdrücklich von einem Regen¬
sch. die Rede, oder es ist doch unter dem
allgemeinen Ausdruck „Sch.” am ehesten
ein Regensch. zu verstehen. Im Gegen¬
satz dazu wird der Sonnensch. in
unseren Quellen fast niemals erwähnt;
es gibt da nur eine nicht ganz klare
Notiz aus Niederösterreich (man weiß
nicht recht, ob es sich um eine scherzhafte
Redensart, um einen wirklichen Aber¬
glauben oder gar um eine Sitte handelt):
„Geht eine erwachsene Person an einem
Sonntage mit einem roten Sonnensch.
über Feld, so sagt man, daß sie bald
heiraten wird (Straßertal)” 17 ). — Daß
der Sonnensch. (der ja um Jahrtausende
älter ist als der Regensch.) im Orient und
in Afrika die Rolle eines Kultgegen¬
stands und insbesondere eines wichtigen
Würdeabzeichens gespielt hat und
noch heute spielt 18 ), hat für uns hier,
wo wir es mit dem deutschen Aberglauben
zu tun haben, natürlich kein Interesse.
17 ) Landsteiner Niederösterreich 55. l8 ) Glo¬
bus 27 (1875), 71 — 73 = Andree Parallelen
1, 250—258; Intern. Arch. f. Ethnogr. 16 (1904),
3 ° — 37 » Pauly-Wissowa s. v. Schirm;
Frazer 7, 1, 20 1 . 31; ZfVk. 23, 160.
Anderson.
schlachten.
1. Unter s. wird hier verstanden die
Tötung und Zerlegung von Vieh im
Haushalt nach einem gewissen gere¬
gelten und herkömmlichen Verfahren.
In den germanischen Ländern wurde
der Oktober und öfter noch der No¬
vember als Schlachtmonat bezeich¬
net 4 ). Da war das wirtschaftliche Jahr
zu Ende, und mit dem Überfluß des
Viehes wurde, wenn auch allmählich, auf¬
geräumt. Das gab Gelegenheit zu großen
Schmausereien über einen längeren Zeit¬
raum hin 2 ). Namentlich Martini ist
Schlachtzeit 3 ), aber auch Weihnachten
und Fastnacht 4 ). Im Altenburgischen
geraten die Rindszungen, die „in der
Fasten” geräuchert werden, am besten 5 ).
Für den Eichsfelder ist Thomastag
(21. Dezbr.) Schweineschlacht tag (Swine-
thommes) 6 ). Man schlachtet nicht vor
dem Gallustage (16. Oktober), nach dem
sich erst das Pökelfleisch halten soll 7 ).
In Mecklenburg darf man auch am Gallus¬
tage selbst und das ganze Jahr hindurch
an solchem Tage, an dem Gallus gewesen
ist, kein Schwein s., sonst wird der Speck
gelb oder „gallig”, oder das Fleisch
nimmt kein Salz an 8 ). Auch am Grün¬
donnerstage soll man nicht schlachten 9 ) ;
man verhindert dadurch Regen 10 ). In
Lippe schlachtet man nicht gern an einem
Freitag u ), in Baden wählt man Dienstag
oder Donnerstag oder auch Donnerstag
oder Samstag 12 ). Der Insel-Este schlach¬
tet kein Tier bei Nordwind, weil das
Fleisch dann nicht weich wird 13 ). In der
Hoch-Bretagne schlachtet man die
Schweine bei Ebbe (der Speck soll dann
besser sein), in der Nieder-Bretagne die
Eber bei Flut, die Sauen bei Ebbe,
anderswo schlachtet man überhaupt bei
Flut 14 ). So auch in Norwegen, dann
rinnt das Blut besser 15 ). Man soll
Lichtes”
eintritt
Fleisch,
Schweine nur bei abnehmendem Monde
s. 16 ), sonst wachsen Maden darin 17 ).
Doch wird auch eben so oft der zuneh¬
mende Mond empfohlen, weil dann das
Fleisch beim Kochen recht auf läuft und
ergiebiger wird 18 ). In Fürstenberg
(Westf.) benutzt man die Zeit des „alten
(vom Vollmond bis zum Wieder-
des • ersten Mondviertels) 19 ).
das bei Neumond geschlachtet
wird, verdirbt schnell 20 ). In Heeren b.
Camen (Westf.) schlachtet man nicht bei
Vollmond, weil sich das Fleisch nicht
halten soll 21 ). Anderswo wieder gilt das
Fleisch von Tieren, die bei Vollmond
geschlachtet werden, für besser als das
von solchen, die man bei abnehmendem
Monde schlägt 22 ). Aber Gänse muß
man bei Vollmond s., bei abnehmendem
würden sie mager werden 23 ).
4 ) Weinhold Monatnamen 51 ff.; Pfannen-
schmid Erntefeste 217 f.; Bilfinger D. ger -
man. Julfest 33; 19. Jahresber. d. histor. Ver.
f. d. Grafsch. Ravensberg (Bielefeld 1915) 31 f.
In Westfalen sagt man: gut s. ist nur in einem
Monat, der mit r endet: Woeste Wörterb. d.
westfäl. Mundart 238 (wo freilich steht: an¬
fängt). 2 ) Jahn Opfergebr. 252; Grimm Mythol.
1» 42,* Lippert Christentum 587h; Meyer
Mythol. d. Germanen 324; Wuttke Sachs.
Volksk. 299. 313. 3 ) Tille Weihnacht 6 f. 24;
Sartori Sitte 3, 266; Kuhn Westfalen 2, 98;
ARw. 19 (1918), 99- 4 ) Wrede Eifeier Volks-
kde 2 . 185. Bei den Magyaren darf und soll man
das Schweineschlachten in der Christwoche
verrichten: "SNMsloclzi Magyaren 27. 5 ) Mittel-
dBlfVk. 6 (1931), 13. •) Kück u. Sohnrey 2
207. 7 ) Ebd. 8 ) Bartsch Mecklenburg 2, 220.
•) Wuttke 74 (86). 30 ) Ebd. 303 (446). n ) Zfrw-
Vk. 4, 302. 12 ) Meyer Baden 334. Schlachttage
in Norwegen: Nils Lid Norske slakteskikkar
(Kristiania 1924) 1, 56 h 13 ) Zeitschr. f. Völker¬
psychologie 17, 360; vgl. N. Lid 61 ff. 14 ) Se*
billot Legendes de la mer 1, 133. 15 ) Nils Lid
39 f. 16 ) Bartsch 2, 199 (947). 17 ) ZfrwVk. 6,
195 f.; Knoop Hinterpommern 172 (156);
Alemannia 25, 51 (Siegelau); Holschbach
Volksk. d. Kr. Altenkirchen 140; Wolf D. Mond
im deutschen Volksglauben 28. 18 ) Pollinger
Landshut 157; Meyer Baden 334 (damit der
Speck nicht auslaufe); Strackerjan 1, 126;
ZfrwVk. 2, 208; 4, 302; 12, 247. Vgl. Nils Lid
1, 30 ff. 19 ) ZfrwVk. 6, 184. 20 ) Andree Braun¬
schweig 413. 21 ) mündl. 22 ) Fischer D. Buch
vom Aberglauben 91 = MitteldBlfVk. 6 (1931),
13 Anm. 1. 23 ) Strackerjan 1, 126; ZfdMyth.
1.
2. Das Eins, eines Rindes oder Schwei¬
nes ist ein h äu s 1 i c h e s F e s t, ursprünglich
eine Opferhandlung 24 ). Im Altenburgi¬
schen wurde beim Zerlegen eines Ochsen
oder Rindes von jeder Seite ein „Stück¬
lein” Fleisch abgeschnitten und —- wohl
als Opfer — weggeworfen 25 ). So oft die
Esten etwas s., wäre es auch nur ein
Huhn, legen sie ein Stück davon hinter
den Viehstall zum Opfer 26 ). Ähnlich bei
den Litauern im 17. Jahrhundert 27 ). In
Holstein wurde das Tier geschmückt 28 ).
Die Kinder haben schulfrei 29 ). Nach¬
barn und Verwandte helfen und schmausen
mit 30 ). Oder sie wünschen wenigstens
„Glück zum Toten”, schätzen das Ge¬
wicht des Tieres ab, werden mit Geträn¬
ken bewirtet und vergnügen sich mit
Kartenspiel 31 ). In Braunschweig trinkt
das ganze Haus vor dem Abstechen
des Schweines (am Martinstage) mit dem
Schlachter Warmbier 32 ), und in Olden¬
burg gibt es abends, wenn der Schlachter
die Kuh auseinandergehauen hat, für ihn
und die Nachbarn „satt Bier” 33 ). In
Norwegen wird der Schlachttrunk un¬
mittelbar nach dem Töten des Schweines
vor dem Brühen aufgetragen 34 ).
Der Metzger (s. d.) ist der Held des Ta¬
ges und sitzt oben am Tisch 35 ). Sein Be¬
rufsname hat sich erst spät entwickelt; das
S. ist lange Zeit hindurch Aufgabe des
Hausherrn geblieben 36 ). Oft besorgt
es auch jetzt noch der Nachbar 37 ).
Freunden und Nachbarn, auch dem Pfar¬
rer und dem Lehrer wird ihr Anteü ins
Haus geschickt 38 ). Im Allgäu bekommt
der Pfarrer von jedem Stück, das im
Jahre geschlachtet wird, die Nieren 39 ).
Der Schwanz des Schweines gebührt (in
Holstein) dem Hauswirt 40 ). Den Kin¬
dern macht es Freude, wenn sie ihn
irgend jemand unbemerkt anstecken kön¬
nen 41 ). Faule Dienstboten kriegen „die
Alte” (die Geschlechtsteile des Rindes) 42 ).
Einem Bettnässer soll man die vulva
des Schweines braten und zu essen ge¬
ben 43 ). Beim Ganses, erhält die Jugend
die knorpelige Luftröhre 44 ). Wer an
seinem Namenstage nicht „traktiert” hat,
dem wird, wenn geschlachtet wird, der
Peserek (Schweinsblase ?) auf den Rücken
gehängt 45 ). Im Altenburgischen waren
bei den Fleischern Benennungen vielleicht
1083
schlachten
IO84
abergläubischen Charakters für gewisse
Fleischstücke üblich (z. B. Drudenstück,
Hexe, Maus u. a.) 46 ).
In Mecklenburg steckte, wenn das
Schwein auf der Leiter hing, die Gro߬
mutter wohl in die Seiten Tüten mit
Rosinen, die die Kinder suchen mußten 47 ).
Arme und fremde Kinder kommen und
betteln mit einem Liede um ihren An¬
teil 48 ), führen auch Tänze dabei auf 49 ).
In einigen Gegenden Siebenbürgens wird
nach dem Schweines, eine Art Totentanz
aufgeführt, während unter dem Fenster
Knaben mit Bratspießen so lange Lärm
machen, bis man ihnen eine Wurst zum
Fenster hinauswirft 50 ). Auch die Mit¬
glieder der Spinnstube stellen sich ein 51 ).
Im Brandenburgischen werden sie stellen¬
weise mit Wasser begossen 52 ). Gewöhn¬
lich sind die Heischenden vermummt; sie
scheinen sich dadurch als geisterhafte
Wesen kennzeichnen zu wollen. Im
Württembergischen dringen sie (beim
Fastnachtss.) schreiend ins Haus ein,
holen sich von der Metzelsuppe, was
ihnen gefällt, ohne ein Wort zu reden,
nur ,,hintersche schwätzend“ und ent¬
fernen sich wieder 53 ). Überhaupt spielt
das Stehlen beim Schlachtfest eine
Rolle. In Essen-Borbeck suchte man ein
„Ferkespöttken“ zu entwenden 54 ). Im
Kr. Altenkirchen muß man, wenn das
Schwein auf der Leiter hängt, auf der
Hut sein, daß nicht Schwanz und Ohren
gestohlen werden 5ö ). Wer in Kappel
beim Sauwadelstehlen ertappt wird, der
wird in einen Saustall gesperrt 56 ). Im
württembergischen OA. Neuenburg durf¬
ten die jungen Leute bis vor kurzem an
Fastnacht, dem Hauptmetzeltag des Win¬
ters, versuchen, einen Schweinskopf von
der Metzelsuppe wegzustehlen und unbe¬
merkt wieder an seinen Platz zu bringen.
Wem dies gelang, der bekam Fleisch und
eine Schüssel voll Kraut von der Metzei¬
suppe 57 ). Im Unterengadin suchen die
Burschen, wenn in einem Hause, wo ein
junges Mädchen wohnt, geschlachtet wird,
den Ochsen oder die Würste zu stehlen.
Wo ein junger Bursche wohnt, tun es die
Mädchen. Der Ochse muß ausgelöst
werden. Der Ertrag wird gemeinsam ver-
schmaust 58 ). — Kinder und Dumme
werden mit Narrenaufträgen gefoppt 59 ).
24 ) Pauly-Wissowa n, 2, 2171 f.; Reuter-
skiöld Speisesakr. 2 f.; oben 2, 1023. 1025;
vgl. die Schilderungen der Odyssee 3, 421 ff.;
12, 353 ff.; 14, 418 ff. Bei Semiten: Robertson
Smith Relig. d. Semiten übers, v. Stübe, 177.
179. 217 f. 227. 25 ) MitteldBlfVk. 6 (1931), 13.
26 ) Grimm Mythol. 3, 491 (97). 27 ) Tetzner
Slaven 78 f. 28 ) Schütze Holst. Idiotikon 3,
181. 182; Nds. 35 {1930), 152 (Hamburg)
29 ) Kück u. Sohnrey 2 207; SAVk. 19, 82.
83 f.; ZfVk. 14, 428 h 30 ) Kück u. Sohnrey 2
207 f.; SAVk. 19, 82; Wrede Rhein. Volksk. 2
219; Köhler Voigtland 259; ZfrwVk. 15 (1918),
20; 16, 49. Auch bei Arabern und Zulus:
R. Smith 216. 31 ) J ostes Westfäl. Trachten¬
huch 51; Nds. 35 (1930), 208 f. (Swiensköst in
den Vierlanden). 32 ) And ree Braunschweig
368. 33 ) Strackerjan 1, 201. 34 ) Nils Lid
67. 35 ) Kück u. Sohnrey 2 208; Wrede Eifeier
Volkskde . 2 186. 36 ) Schräder Reallex. 292
= 29. Jahresber. d. histor. Ver. f. d. Grafsch.
Ravensberg (Bielefeld 1915), 32 f. So in Hol¬
stein: Schütze Holstein. Idiotikon 3, 182.
In Norwegen muß der Besitzer bei einigen
Verrichtungen gegenwärtig sein, er muß z. B.
selbst die Kuh losmachen: Lid Norske Slak-
teskikkar 68. Bei den Juden darf das Schächten
nur von Leuten ausgeübt werden, die sich
diesem Geschäfte zeitlebens widmen. Der
Schächter (Schochet) ist eher Priester als
Metzger: Globus 89 (1906), 26. Besonders
feierliche Schlachtungen werden mitunter von
Knaben vollzogen: HessBl. 27, 69. 72 (Russen);
Smith Relig. d. Semiten 321 Anm. 716. — Der
Schlachter als Hochzeitskoch und Tanzordner:
ZfVk. 8, 433 (Braunschweig). 37 ) Holschbach
Volksk. d. Kreises Altenkirchen 124. 38 ) Sartori
Sitte 2, 155 f.; Ders. Westfalen 108; SAVk.
24 (1922), 68. Uber die Verteilung bestimmter
Teile des Schlachttieres an bestimmte Per¬
sonen: Ztschr. f. Völkerpsychol. 18, 140 ff. Auch
der Verstorbenen wird gedacht: Sartori
Totenspeisung 48. Geschlachtetes Vieh als
Zins: Grimm RA. 377. 39 ) Birlinger Volkst.
2, 440 (400). 40 ) Pröhle Harzsagen 249.
41 ) Nds. 27, 596 (Amt Calenberg). 42 ) Panzer
Beitr. 2, 218 i. In Westfalen wird der Penis
vom Schwein zum Schmieren der Säge oder
als Meisenfutter verwandt: 29. Jahresber.
d. histor. Ver. für d. Grafsch. Ravensberg
(Bielefeld 1915), 63. 43 ) Witzschel Thüringen
2, 286(116). 44 ) Oben 3, 292. 45 ) ZfrwVk. 11
(1914), 229. Peserek ist vielmehr = Penis.
48 ) MitteldBlfVk. 6 (1931), 12 f. 47 ) Wossidlo
in „Mecklenburg“ 3, 237. 48 ) Sartori 2, 156.
157. 49 ) Kapff Festgebräuche 12. 50 ) Wlis-
locki Magyaren 30. 51 ) Sartori 2, 157; ZfVk.
27 (1917), 55 ff.; Wirth Anhalt 194t. 52 ) Kück
u. Sohnrey 2 208. 53 ) Kapff Festgebr. 12; vgl.
SchwVk. 18, 22 (47f.). M ) ZfrwVk. 16, 50.
55 ) Holschbach 124. 56 ) Birlinger Volkst. 2,
440 (401). 57 ) Kapff 12. 58 ) SAVk. 19 (1915),
schlachten
1086
•1085
32 f. 83 f.; vgl. 20, 263; SchwVk. 11, 21; 18, 47 f.
*•) Sartori 2, 156; HessBl. 18, nof.
3. Vor dem S. kann es wohl Vorkom¬
men, daß sich der Metzger bei dem Tiere
gewissermaßen entschuldigt 60 ). In Schwe¬
den sagt er: ,,Dies geschieht um der
Nahrung willen, nicht aus Haß“ 61 ). Oft
wird der tötende Stich erst gemacht,
nachdem der Schlachter ein Kreuz über
das Tier geschlagen oder den Namen des
Heilandes ausgesprochen hat 62 ). Man
deckt auch vor dem Todesschlage dem
Tiere die Augen zu 63 ), damit es nicht
durch seinen Blick schade. Umgekehrt,
wenn jemand mit dem bösen Blick ein
Tier beim S. ansieht, wird es nur schwer
sterben (Schweden) 64 ). Darum ist es
in Schweden Brauch, Fremde sowie
menstruierende und schwangere Frauen
davon fernzuhalten 65 ). Beim S. für
ihre Hochzeit durfte die Braut nicht
helfen, sonst hatte sie keinen Segen in
ihrer Wirtschaft 66 ). Überall herrscht
der Glaube, daß man das Tier beim S.
nicht bedauern dürfe, weil es sonst nicht
absterben könne 67 ) oder wenig Blut gäbe
und sein Fleisch den Menschen schädlich
sei 68 ), oder weil man sonst selbst schwer
sterben müsse 69 ). Wenn der Mann ein
Schwein schlachtet und die Frau darüber
Trauer empfindet, so läuft das Schwein
weg 70 ). Hört man irgendwo ein Schwein
beim S. schreien, und man sperrt sogleich
eine schwarze Katze unter eine Frucht¬
reuter, so soll das Schwein nicht ver¬
enden können (Niederösterreich) 71 ). Be¬
hextem Vieh, das der Metzger nicht zu
töten vermag, haut man in Tirol zuerst
einen Fuß ab oder wenigstens hinein,
wodurch die Hexe selbst verwundet
wird 72 ). Oder der Metzger muß dreimal
vorher im Stalle mit dem Messer in den
Schweinemist stechen 73 ) oder (bei den
Insel-Esten) das Messer durch Feuer
und dann dreimal unter der linken Fu߬
sohle durchziehen 74 ). Der Selcher, der
ein Schwein schlecht trifft, wird krank 75 ).
Beim Schweines, hat man gern, wenn die
Krähen herbeikommen, denn das be¬
deutet Glück 76 ). Fällt ein Rind beim S.
auf die linke Seite, so fällt es auf die
teure Seite 77 ), und der Schlachter hat
Unglück; man wendet es daher auf die
rechte Seite 78 ). Wer eine schwarze Kuh
und einen schwarzen Ochsen einschlachtet,
hat einen Todesfall in seinem Hause zu
erwarten 79 ). Das erste Kalb darf man
nicht im Haushalte s., sondern muß es
an den Fleischer verkaufen 80 ). Beim
Eins, darf man keinen wunden Finger
haben, sonst verdirbt das Fleisch 81 ).
60 ) DG. 15 (1914)» I 55 - Vgl. Nils Lid 78 ff.
61 ) ARw. 28 (1930), 168. Der Fleischer gilt
als Feind des Viehes und darf darum den Vieh¬
stall nicht betreten; das zu verkaufende Tier
wird ihm im Hofe vorgeführt: MschlesVk. 27,
230. In griechischen Kulten wurde er als
Mörder betrachtet: Mannhardt Forschungen
69!.; Robertson Smith Relig. d. Semiten
279. 62 ) ARw. 28, 167. So wendet der Araber
die Basmala an: Smith 321. 63 ) SAVk. 19, 83.
64 ) Seligmann Blick 1, 210; ZfVk. 11, 318.
Vgl. auch Nils Lid 82 ff. 65 ) ARw. 28, 167.
66 ) MitteldBlfVk. 4 (1929), i6r. Vgl. Schu¬
lenburg Wend. Volkst. 119. Aber in Burow
bei Lübz mußte am Vorabend der Hochzeit
die Braut ihre Befähigung, der Hauswirtschaft
vorzustehen, dadurch beweisen, daß sie in
Gegenwart der Gäste das „Inster“ der zur
Hochzeit geschlachteten Kuh regelrecht ausein¬
andertrennte: Wossidlos Bericht ind. Zeitschr.
d. Heimatbundes Mecklenburg 1927, 3. Ä7 )Meier
Schwaben 2, 509; Panzer Beitr. 1, 263; ZfVk.
11, 220; Rosegger Steiermark 63 (man macht
die Hand des Metzgers unsicher); SAVk. 7, 141;
Urquell 3, 108; Köhler Voigtland 427; John
Erzgeb. 227; Strackerjan 1, 51; Engelien
u. Lahn 271; Bartsch Mecklenburg 2, 147
(663); Sartori Sitte 2, 156, Anm. 6; Ztschr.
f. Völkerpsychol. 17, 359; Nils Lid 70 ff.;
Sebillot Folk-Lore 3, 89; oben 1, 967 f.
68 ) Pröhle Harzsagen 149. 69 ) Urquell 1, 8;
6, 191 (Ditmarschen). 70 ) Knoop in: Beitr.
z. Volkskunde d. Provinz Posen 1 (Rogasen
1905), 48 (419). 71 ) Urquell 6, 219. 72 ) Zin-
gerle Tirol 67 (574. 575); vgl. Ztschr. f. Völker-
psych. 17, 358. 73 ) Schulenburg Wend.
Volkst. 114. 74 ) Ztschr. f. Völkerpsychol. 17,
359. Vgl. Wirth Anhalt 193. Über den
Schutz des Messers vor Bezauberung: Lid
85 ff. Soll ein Stück Vieh koscher ge¬
schlachtet sein, so darf das zum Halsschnitt
verwandte Messer nach dem Gebrauch keine
Scharte auf weisen; sonst ist das Fleisch unrein:
29. Jahresber. d. Historischen Ver. für d.
Grfsch. Ravensberg (Bielefeld 1915), 37-
75 ) WZfVk. 34 (1929), 29. 76 ) SAVk. 24, 65.
77 ) Drechsler 2,108. 78 ) John Erzgebirge 227.
79 ) Grimm Mythol. 3, 467 (887: Westfalen),
vgl. 2, 951. 80 ) Sartori 2, 138. 81 ) ZfVk. 24,
57 ( 37 * Stapelholm).
4. Manche schneiden dem geschlach¬
teten Schweine die Saugwarzen ab und
werfen sie in den Stall zurück; so viele
1087
Schlachtenbaum— Schlafapfel
Schlaf ap fei
1090
Ferkel gibt es dann das nächste Jahr 82 ).
Oder: dann schlagen die Schweine nicht
aus der Art (Kujavien), die übrigen
Schweine und besonders die Ferkel werden
ein gutes Aussehen erhalten (Kr. Schro-
da) 83 ). Man trägt auch die Schüssel,
in der das Blut aufgefangen wurde, in
den Stall und legt sie dort, den Boden
nach oben gekehrt, hin, damit andere
Schweine nicht nachsterben 84 ). In Fini-
stere nimmt man eine Handvoll Borsten
vom Rücken des geschlachteten Schweines
und wirft sie in den bisherigen Stall, das
bringt seinem Nachfolger Glück 85 ). Die
Empfindung, die zu diesem Verfahren
Anlaß gibt, ist dieselbe, die auch vor¬
schreibt dem Acker ein paar Halme zu
lassen 86 ), den Obstbaum nicht aller
seiner Früchte zu berauben 87 ). Es muß
etwas übrig bleiben, in dem sich die
Fruchtbarkeitskraft halten kann 88 ). In
Bevers gab es zu Mittag am Schlachttage
stets die geräucherte Zunge des Rindes
der vorjährigen Metzgerei 89 ). Soll auch
das irgend einen Zusammenhang her-
stellen ?
82 ) Sartori Sitte 2, 156 Anm. 7; ARw.
28 (1930), 168 (Schweden). 83 ) Knoop
Beiträge z. Volkskunde d. Provinz Posen 1
(Rogasen 1905), 48 (418). 84 ) Ebd. 48 (417).
8fi ) Sebillot Folk-Lore 3, 112. 86 ) Sartori
2, 56. 82 ff. 87 ) Ebd. 2, 121. 88 ) Im Bergischen
nennt man das: ,,Der ät mot dropen bliven",
d. h. die Art, das, was das Wesen des Baumes
darstellt, muß droben bleiben: Schoneweg
D. Leinengewerbe in der Graf sch. Ravensberg 26.
89 ) SAVk. 19, 83. Die vorjährige Mettwurst
darf beim Frühstück vor dem Schlachten nicht
fehlen: Nds. 38, 24.
5. Während des Wurstkochens darf man
nicht reden, sonst kocht die Wurst aus 90 ).
Man verriegelt die Tür, damit kein Frem¬
der ins Haus kommt, sonst platzt sie 91 ).
Mit dem Stroh, auf dem beim S. die ge¬
kochte Wurst gelegen hat, umwickelt man
die Obst bäume, damit sie gut tragen 92 ).
In Münchingen verbrannte man beim
Sieden des Brühwassers einen alten Besen,
um Hexen zu verscheuchen 93 ). S.
Fleisch, Metzger.
*°) Knoop Hinterpommern 172 (157).
9l ) Engelien u. Lahn 1, 273 (209). 92 ) Hoops
Sassenart 28; Sartori 2, 119 Anm. 12.
83 ) Meyer Baden 334. Sartori.
Schlachtenbaum s. Nachtrag.
1088 1089
Schlaf, schlafen s. Nachtrag.
Schlafapfel (Rosenapfel, -schwamm,
Schlafkunz, -rose; Fungus cynosbati).
1. Moosartige rundliche Auswüchse an
den Zweigen der Hundsrose (s.d.), hervor¬
gebracht durch den Stich der gemeinen
Rosengallwespe (Rhodites rosae). Die
Galle (s. 3, 269ff.) besitzt im Inneren
mehrere Kammern, die von je einer
Larve (,,Würmchen") bewohnt werden.
Im Eisacktal sollen übrigens auch die
Hagebutten (s. Hundsrose) als „Sch."
bezeichnet werden 1 ).
x ) ZfdMyth. 1, 327. Ausführliches über die
Geschichte und Aberglauben der Rosengalle bei
Bohner Geschichte der Cecidologie 1 (1933)
388 ff.
2. Weitverbreitet ist der Glaube, daß
der unter das Kopfkissen gelegte Sch.
Schlaf bewirke 2 ). Wenn man den
Sch. unters Kissen legt, erwacht man
am andern Morgen zur rechten Zeit 3 );
wer auf einem „Siebenschläfer" (= Sch.)
ruht, kann nur sieben Stunden schlafen 4 ).
Der Schläfer wacht erst auf, wenn der
Sch. weggenommen wird 5 ). Der Sch.
unter dem Kissen schafft angenehme
Träume 6 ). Der Sch. verliert seine
Wirkung, wenn er über Wasser getragen
worden ist 7 ), er muß unter dem Gebet¬
läuten, unbeschrien und nicht mit der
bloßen Hand gepflückt werden 8 ), er muß
zufällig gefunden sein 9 ). Offenbar hängt
der Glaube an die schlafmachenden
Wirkungen des Sch.s zusammen mit dem
an den „Schlafdom", s. darüber unter
„Dornröschen" (2, 358ff.). Der das
menschliche Heim schützende Dorn¬
strauch — der Sch. ist wohl pars pro
toto — wird zum Symbol des Schlafes 10 ).
Auch die zauber wehr ende Kraft des Dorn¬
strauches (s. 2, 357) hat mitgewirkt:
die bösen Dämonen stören den Schlaf.
So wird der Sch. ganz allgemein als
Schutzmittel in die Kissen eingenäht 11 ).
Der Sch., bei sich getragen, bringt im
Dep. Loiret Glück 12 ). Als „Barbara-
kisselchen" (Barbara als Patronin gegen
Blitzgefahr, s. 1, 908) schützen die Sch.
aus dem Weihbüschel gegen den Blitz 13 ).
2 ) z. B. DG. 21, 46; ZfdMyth. 1, 327; Wolf
Beiträge 1, 234; Rochholz Kinderlied 333;
Wuttke 110 § 144; Köhler Voigtland 416;
I John Erzgebirge 55; SAVk. 23, 188; Mülhause
12 f.; Drechsler Schlesien 2, 216; Marzeil
Bayer. Volksbot. 164!.; Alpenburg Tirol
360; Höhn Volksheilkunde 1, 136. 3 ) Meier
Schwaben 1, 249. 4 ) ZfrwVk. 10, 58. 5 ) Schwld.
1, 383. °) Lammert 94. 7 ) Spieß Fränkisch -
Henneberg 153; Drechsler Schlesien 2, 216.
*) Aufkirchen am Hesselberg in Mittelfranken:
Orig.-Mitt. von Gebert 1909. 9 ) John West'
böhmen 107. 10 ) Höfler Botanik 87. u ) Ploß-
Renz Kind 3 1 (1911), 112. 12 ) Rolland
Flore pop. 5. 246. 13 ) Taubergrund: Alemannia
1914, 183.
3. Die Sch. landen schon in der antiken
Volksmedizin Verwendung. Marcellus
Empiricus 14 ) gibt als Heilmittel „ad
profluvium et incontinentiam ventris:
spongeam quae in pruno silvestri vel in
spina aut in rosa silvestri nascitur,
colliges et supra vatilum [Pfanne, Hafen]
tostabis et diligenter teres atque in
calicem mittes ac desuper ovuip incoctum
defundes et bene permiscebis, deinde super
vatilum candentem defundes et coques
ac laboranti cyliaco [xotktaxöc, unter¬
leibskrank] quasi ovum tortum mandu-
candum dabis". Rein abergläubisch ist
das Mittel wohl nicht, da die im Sch.
enthaltene Gerbsäure adstringierend wirkt.
Nach homoeopathischem Grundsätze gal¬
ten die in den Sch .n befindlichen ,,Würmer' *
(s. unter 1) und dann die Sch. selbst als
Mittel gegen Eingeweidewürmer 15 ). Die
zwischen den zwei Frauentagen gesammel¬
ten Sch. werden den Pferden zum Ab¬
treiben der Würmer gegeben und zwar
die rotbraunen Sch. den Hengsten, die
bleichen den Stuten 16 ). Gegen den
„schlafenden Wurm" (= panaritium) 17 )
wird der Sch. auf dem Leib getragen 18 ).
„Vorn hoen siechtagen (= Epilepsie) 19 )
nim von einem vngeschnetten — (?)
das blutt oß dem herczen, von einem
vngeschnetten geis bogk auch das blutt
oß dem herczen, schlaffapfel, das sintt
die ruchen knoten, die an rosen streuchen,
aber hagen dom wagsen, die polfer klein
vnnd reibe sie wole, vnnd gescht [Gischt]
von einem fliesenden waser, das vermisch
alles wolle dorcheinander, das gep dem
krangken zu dringken dorch ein totten
bein, den man dorch ein mans bein,
dem wibe dorch ein wiber bein" 20 ).
In Würzburg gab man dem Epileptischen
Bächtold*Stäubli, Aberglaube VII
7—9 „Würmchen" aus dem Sch. in
Rotwein und unter gewissen Sprüchen 21 ).
Als „Auswuchs" der Hundsrose hilft der
Sch. gegen den Kropf („Auswuchs" am
Körper) 22 ). Drei Hand voll „Kropf-
äpfel" (= Sch.) werden in einen neuen
irdenen Topf getan. Bei Neulicht schöpft
man aus einem von Osten nach Westen flie¬
ßenden Wasser drei Liter mit den Worten:
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und
des hl. Geistes". Mit diesem Wasser
füllt man einen ungebrauchten irdenen
Topf und kittet mit Lehm den Deckel
darauf, der mit drei kleinen Löchern
versehen sein muß, damit der Dampf
entweichen kann. Genau drei Stunden
vor Eintritt des Vollmondes wird dann
der Topf über das Feuer gesetzt, nachdem
man noch vorher für 60 Pfennige Kropf¬
schwamm (spongia) dazugetan hat. Ist
nun die Masse der Kropfäpfel einge¬
trocknet, so wird diese bei Eintritt des
Vollmondes in einen Liter Weihwasser
geschüttet. Von diesem Wasser trinkt
der Patient morgens und abends je ein
Gläschen voll, doch muß er beim Hinab¬
schlucken fest an seinen Kropf drücken.
Das Mittel darf nur bei abnehmendem
Mond angewendet werden 23 ). Zu be¬
denken ist noch, daß auch der echte
Schwamm (spongia), dem der Sch.
(„Rosen schwamm") äußerlich etwas
gleicht, gegen Kropf angewendet wird.
Hier ist jedoch die Anwendung wegen
des Jodgehaltes der Meeresschwämme
eine rationelle. Auf dem Ofen gedörrte
Sch. ins Ohr gesteckt oder gekaut oder
in der Tabakspfeife geraucht sind ein
Mittel gegen Zahnweh 24 ), ebenso das
Pulver aus den Insekten, die sich in den
Sch.n verfingen 25 ). In Frankreich 26 )
und in England 27 ) wird der Sch. als
Amulett gegen Zahnweh in der Tasche
getragen (vgl. Roßkastanie). In Mittel¬
franken schützt der in der Tasche ge¬
tragene oder auf den Hut gesteckte Sch.
vor dem „Wundgehen" (intertrigo) 28 ),
vgl. Wacholder.
14 ) ed. Heimreich 27, 119, vgl. 27,
108. 15 ) Tabernämontanus Kräuterbuch
1731, 1497; Brauner Thesaurus Sanitatis
1728, 3, 429; Camerarius Hortus medicus etc.
1588, 146. 16 ) Zincke Oecon. Lexik. 1744,
35
Schlaf dorn—Schlag, schlagen
Schlag, schlagen
1094
IO9I
2, 2586, vgl. Wuttke 436 § 686. 17 ) Höfler
Krankheitsnamen 832. 18 ) Schweizld. 1, 383.
19 ) Höfler a. a. O. 726. 20 ) Jühling Tiere
178. 21 ) Lammert 273. 22 ) Tabernaemon-
tanus a. a. O. 23 ) anscheinend aus einem
,,Sympathiebuch“: Marzell Bayer. Volks¬
botanik 158. 24 ) Urquell 2, 129 = Drechsler
Schlesien 1, 213; 2, 300. 25 ) Zimmer mann
Volksheilkunde 42. 26 ) Sebillot Folk-Lore
3, 411; Rolland Flore pop. 5, 246. 27 ) FL. 13,
173. 28 ) Orig.-Mitt. von Pfabel 1921.
4. In Böhmen pflücken Verliebte den
Sch. („spänek“) insgeheim mit bedeckten
(s. unter „bloß“ 1, 1430) Händen ab
(hauptsächlich im Frühjahr vor Sonnen¬
aufgang) und legen ihn sich gegenseitig
heimlich ins Bett, damit sie gut schliefen,
angenehm träumten und eines dem andern
treu bliebe 29 ). In England wurde der
Sch. von den Mädchen auf der Brust
getragen, damit ihnen der Liebhaber
treu bleibe 30 ). Findet man einen Sch.
im Frühjahr, so hat man Günstiges zu
erwarten, erscheinen sie im Herbst, so
verkünden sie Unglück. Pflückt man sie
aber ab und wirft sie rücklings über das
Dach, so wird das Unheil in Segen ver¬
wandelt 31 ). Findet man im Sch. ein
„Würmchen“ (s. unter 1), so wird der
Sommer kühl, ist es aber ein ,,Mückchen“,
so wird der Sommef\varm 32 ), vgl. Galle
(3, 270).
28 ) Grohmann 100 = Marsick Liebeszauber
1893, j 5 - 30 ) Friend Flowers (1883), 288.
31 ) D. Böhmerwald 9 (1907), 187. 32 ) Marzell
Bayer. Volksbot. 311.
Marzell.
Schlafdorn s. Dornröschen (2, 358 f.),
Schlafapfel.
schlafende Helden s. bergenent¬
rückt 1, 1063 f.
Schlafkraut s. Tollkirsche.
Schlafmohn s. Mohn 6, 450 ff.
Schlafrose s. Schlafapfel.
Schlag, schlagen.
1. Der S. als Ausdrucksbewegung und
Trennungsbrauch. — 2. In rechtlichen Be¬
ziehungen. — 3. Im Leben des Kindes. —
4. Im Hochzeits- und Totenbrauche. — 5. In
der häuslichen Arbeit. — 6. Übergang zu etwas
Neuem. Hänselbrauch. Einführung in eine
neue Würde. Mannbarkeitsbrauch. — 7. Im
Heilzauber. — 8. Im Garten- und Ackerbau. —
9. Der S. mit der Lebensrute im Jahresfest¬
brauche. — 10. Vertreibung von Geistern. —
11. Zauber und Entzauberung durch den S.
Der zweite Zauberschlag. — 12. Der S. im
IO92
Fernzauber. — 13. S.Werkzeug aus bestimmten
Stoffen. — 14. Einzelnes.
1. Der S. ist zunächst eine Aus¬
drucksbewegung, durch die der Mensch
Gefühle der Lust wie der Unlust zu einer
Art von Entladung bringt. Er schlägt
sich an die Stirn, wenn ihm ein plötz¬
licher Einfall kommt, vor den Mund,
wenn ihm ein unbedachtes Wort ent¬
fahren ist. Homerische Götter und Hel¬
den s.en sich in heftigem Unwillen die
Schenkel x ), und mancher heutige Mensch
tut dasselbe vor ausgelassener Heiter¬
keit 2 ). Durch den S. drückt der Mensch
unter Umständen auch eine gewisse er¬
löste Befriedigung über den Abschluß
einer Tätigkeit aus. So kann man den
S. bei vielen Gelegenheiten unter die
Trennungsbräuche rechnen 3 ). Es
wird mit ihm gleichsam ein stoffloser
Strich unter eine Handlung oder einen
Zustand gemacht. Wenn ein solcher S.
infolge öfterer Wiederholung bei gleichen
Anlässen zum Brauche wird, pflegt ihm
eine — meist abergläubische — Begrün¬
dung gegeben zu werden. Er muß doch
zu irgendetwas „gut“ sein.
Wenn Kinder sich nach längerem
Spiele oder Zusammensein von einander
trennen, so sucht wohl eines dem andern
zum Abschied einen leichten S. auf
Schulter oder Rücken zu versetzen und
dabei zu rufen: „Du hast den Letzten“.
Namentlich geschieht das abends, wenn
es ins Bett gehen heißt 4 ). Daß dieser S.
Befürchtungen hervorrufen kann, zeigt
möglicherweise der Umstand, daß gelegent¬
lich magische Abwehrmaßregeln dagegen
ergriffen werden 5 ). Doch kommt auch
der Zuruf: „Der Letzte macht fett!“
vor 6 ). In Niederntudorf (Kr. Büren,
Westf.) liefen am Vorabend vor Licht¬
meß, wenn es acht ges.en hatte, in wildem
Durcheinander alle Hausbewohner der
eine zum andern und riefen sich gegen¬
seitig freudig auf die Schulter s.end:
„den Lesden vermanen“ zu. Darauf
gings ins Nachbarhaus zu gleichem Ver¬
fahren (an diesem Abend wird zum
erstenmal wieder geläutet, bis dahin
schweigt das „Beiern“) 7 ).
Dem Kleinen, das zu Bett gebracht
1093
werden soll, gibt die Mutter einen Klaps
vor den Hintern 8 ). Beim ersten Aus¬
triebe des Viehes nach langer Winter¬
haft wird es mit einem S. entlassen 9 ).
Nach Schmiedebrauch tut der letzte,
der am Feierabend die Werkstätte ver¬
läßt, mit dem Hammer einen kalten S. —
oder drei — auf den Ambos 10 ). Zunächst
ist das wohl ein bloßes Schlußmachen.
Aber als Grund wird — wenigstens in
bestimmten Bezirken 11 ) — angegeben,
daß durch diesen S. die Kette, mit der
der Teufel angeschmiedet sei, wieder fest¬
gemacht werde. Anderswo mag die Ab¬
sicht, böse Kobolde zu verscheuchen,
zugrunde liegen 12 ). — Wenn man mit
» einem Stock in der Luft vorwärts und
rückwärts schlägt, so daß es pfeift, so
kann das zunächst ein Ausdruck über¬
schüssiger Lebenskraft sein, aber in Nor¬
wegen sagt man, daß dadurch die Wolfs¬
zähne geschärft würden 13 ). Sagen berich¬
ten von der Vertreibung von Fischen durch
einen Klaps, der einem einzelnen Ver¬
treter verabreicht wird, eine Art von
Trennungszauber, der auf die ganze Art
ausgedehnt wird 14 ). Mit dem Hillebille-
s.en bei Hausbau und Hausrichtung ver¬
bindet sich die Absicht, böse Geister zu
vertreiben 15 ). Und so entgeht kaum
eine dieser in Gestalt des S.s vollzogenen
* Ausdrucksbewegungen der schließlichen
Ausdeutung als magisches Mittel zu
irgend einem Zwecke. Dieser Zwecke
sind hauptsächlich drei: 1. Trennen und
Überleiten, 2. Scheuchen, Abwehr und
Austreibung, 3. Vermittlung von Leben,
Fruchtbarkeit und Glück. In zahlreichen
Fällen ist freilich die Unterscheidung
zwischen den verschiedenen Ursachen
und Zwecken des brauchmäßigen S.s
nicht mit Sicherheit anzugeben. Es wird
also im folgenden versucht werden, die
Bräuche und Anschauungen nach den
verschiedenen Gelegenheitenzuordnen.
Bemerkt sei noch, daß der Brauch manch¬
mal einen einzigen S. verlangt, manch¬
mal ein längeres oder kürzeres Prügeln.
Ein wesentlicher Unterschied in der Ab¬
sicht scheint aber im allgemeinen nicht
zu bestehen.
2 ) II. 12, 162; 15, 113. 397 usw. 2 ) Aus Wut
sowohl wie im Übermaße des Wohlbefindens
bearbeitet der Gorilla mit beiden Fäusten die
gewaltige Brust: Brehm Tierleben 3 1, 66. 68.
69. 3 ) v. Gennep Rites de passage 248t.
4 ) Progr. d. Gymnas. zu Heiligenstadt 1864, 16;
Meyer Baden 51; ZfrwVk. 3, 84; Nds. 16, 220.
258. 277. 295. 333; SchwVk. 7, 94L; 8, 19. 21 f.;
MschlesVk. 31/32 (1931), 288; BadHmt. 15
(1928), 252; Lütolf Sagen 118 (hier rief der
Schlagende: „Nachtzigge, dass d' Katz bi d’r
ligge“). Ganz ähnlich ist der „letzte Schubser"
bei den Kindern der Wadschagga: Globus 95,
287. 5 ) Nds. 21, 299. 6 ) MschlesVk. 31/32, 368.
7 ) Nds. 19, 169. Auch beim Beginn des täglichen
Abendläutens (Allerheiligen, Martini) wie beim
Schlüsse (Lichtmeß) wird der Brauch geübt:
Nds. 8, 193; ZfrwVk. 27 (1930), 86; Blätter zur
näheren Kunde Westfalens (Meschede) 9 (1871),
11. 8 ) ZfrwVk. 11, 295. 9 ) Sartori Sitte 2, 151;
3, 181 f.; ZfrwVk. 13, 266; Reiser Allgäu 2, 375;
Haltrich Siebenb. Sachsen 276 (2). Im Gouv.
Wladimir schlagen am Tage des ersten Aus¬
triebs die Hauswirtinnen die Kühe mit ihren
Hauben; dann, heißt es, kehren die Kühe heim
und bringen Nachkommenschaft: Z eien in
Russische Volksk. 60. 10 ) Sartori 2, 166;
SchwVk. 14 (1924), 9f.; Zingerle Sagen 290
(516); Alpen bürg Tirol 252; Heyl Tirol 766
(„damit ist die Wochenarbeit zu Ende");
Olrik Ragnarök, übertr. v. Ranisch, 148. 175.
igof. 194t. 196. 205. 2o6f. 207. 208. 234 — 241.
290. 443; ARw. 20, 112. Der Geist eines Er¬
hängten gebietet Schmieden auf diese Weise
Feierabend: Pröhle Deutsche Sag. 109; Wolf
Niederländ. Sag. 408 (330). ll ) Oben 1, 359;
3, 1375. 12 ) Olrik 240L 13 ) Liebrecht Zur
Volksk. 332 (175). 14 ) Sartori 2, 162 Anm. 18.
Im Pinega-Kreise (Gouv. Archangelsk) s.en die
Fischer die ihnen zu klein erscheinenden Fische
und werfen sie wieder in den Fluß: Zelenin 78.
15 ) Sartori 2, 4 Anm. 10. 8 Anm. 16.
2. Man legt mit einem S.e, d. h. mit
Kraft und Nachdruck, seine Hand auf
den in Anspruch genommenen Gegen¬
stand. Der langobardische Spielmann,
dem König Karl Land und Leute schenkt,
soweit sein Horn zu hören ist, gibt jedem
Begegnenden eine Ohrfeige mit den Wor¬
ten: „Du bist mein eigen“ 16 ). In Assing-
hausen geht der Hirt, wenn er die Schafe
eingepfercht hat, dreimal um die Hürden
und schlägt dabei mit seinem Hammer
auf die Pfähle. So glaubt er seine Herde
sichergestellt zu haben 17 ). Damit die
Kuh trächtig bleibt, muß man, wenn man
mit ihr vom Farren kommt, ihr drei
Schläge auf den Rücken geben 18 ). Auch
hier darf man wohl an eine Art von Be¬
sitzergreifung und -Sicherung denken.
Häufig kommt der S. (Prügel, Ohrfeigen)
35*
1095
Schlag, schlagen
Schlag, schlagen
IO98
bei der Festlegung der Grenze und beim
Grenzbegang zur Anwendung 19 ). Als
Aneignungsritus finden wir ihn bei der
Grundsteinlegung und dem Bau eines
Hauses 20 ). Hier und da tut noch der
Bauherr den ersten S. auf den Stein oder
schlägt den ersten Nagel ein, anderswo
setzt er den Schlußstein oder den letzten
Nagel 21 ). Für den S. im Handel und
Verkehr kommt nicht bloß das Trennen¬
de, Scheidende im Übergang zum Aus¬
druck, sondern auch das Bekräftigende,
Entscheidende in der Aneignung. Der
Zuschlag mit dem Hammer bei Verstei¬
gerungen gehört hierher 22 ). Den voll¬
zogenen Handel bekräftigen beide Par¬
teien durch Handschlag 23 ). Nach Ab¬
schluß eines Vertrages muß oft ein
Dritter „durchschlagen" 24 ). Dasselbe
geschieht beim Abschluß einer Wette,
wobei stellenweise der S. von unten auf
erfolgen muß, weil man „es" sonst in
den Erdboden hereinschlägt 25 ). Wenn
ein Kalb verkauft wird, gibt man der
Kuh einen S. auf den Rücken und spricht:
„Hier haste einen S., daß du dich nicht
länger grämst als einen Tag * 4 26 ). Bei den
Kroaten von Muraköz schlägt man die
zum Verkauf getriebene Kuh mit der
Schaufel, mit der man das Brot in den
Backofen zu schieben pflegt, auf die
Hüfte, damit die Kuh dem Käufer breit¬
hüftig erscheine 27 ). In Reichenbach
schlägt man die Kuh, die zum Verkauf
geführt wird, mit einem Zweige, an den
sich ein Bienenschwarm gesetzt hatte;
es stellen sich dann viele Käufer ein 28 ).
16 ) Grimm RA. 76; Chron. Novaliciense
3, 10. 17 ) Hüser Beiträge 2, 28 (27). 18 ) Eber¬
hardt Landwirtschaft 16; Sebillot Folk-Lore
3, 80. l9 ) Künssberg Rechtsbrauch u. Kinder¬
spiel 15ff. 20f.; NddZfVk. 7, 48ff.; Urquell
3 , I28f. (Ungarn); Sartori Sitte 2, i84ff.;
Ders. Westfalen 2 134. 20 ) Oben 3, 1372; ZfEthn.
30, 48. 21 ) Sartori 2, 4. 22 ) Ebd. 2, 182; oben
3, 1371. 23 ) Oben 3, I40iff. 24 ) Drechsler
2, 24; Globus 66, 275 (Rutenen und Huzulen).
Beim Abschluß der Werbung: Piprek Sla¬
wische Brautwerbungs- und Hochzeitsgebräuche
4. 4f. 26. 27. Wenn bei den Wanyamwesi die
für einen Mord festgesetzte Strafsumme be¬
zahlt ist, wird ein Ochse in der Mitte durch¬
schnitten, um durch diese symbolische Hand¬
lung anzuzeigen, daß nunmehr die Verhand¬
lungen ebenfalls „abgeschnitten“, d. h. beendet
det sind: Stuhlmann Mit Emin Pascha ins
Herz von Afrika 92. 25 ) Reuter Läuschen u.
Riemeis 3 180. 26 ) Drechsler 2, 102. 27 ) Eth-
nolog. Mitt. a. Ungarn 4, 174. 28 ) Drechsler
2, 108; Köhler Voigtland 412; vgl. 434.
3. Bei den Kirgisen schlägt, wenn die
Wehen zu lange dauern, der Vater mit
seiner Reitpeitsche an die Zeltwände r
damit die Teufel abgehalten werden.
Auch die Wöchnerin selbst wird aus¬
gepeitscht 29 ). In Griechenland schlägt
der Mann der Kreissenden ihr mit den
Quasten seines Gürtels auf die Schulter 30 ).
Nach altrömischem Brauch gingen bei
der Geburt drei Männer um das Haus,
schlugen die Schwelle zuerst mit einem
Beil, dann mit einer Mörserkeule und
fegten sie endlich mit einem Besen 31 ).
Die Hindus rufen bei schwierigen Ge¬
burtsfällen einen Magier zur Hilfe, der
den Unterleib der Kreissenden mit einem
Stecken bearbeitet, um den Teufel aus
ihr auszutreiben 32 ). In der Muraköz
muß die Hebamme, wenn sie zum ersten¬
mal das Zimmer betritt, die Gebärende
mit ihrem Kopftuche und ihrem Rosen¬
kränze dreimal s.en, damit die Geburt
schnell von statten gehe und das Wochen¬
bett fieberfrei sei 33 ). An vielen andern
Orten dagegen prügelt zur Beschleunigung
der Entbindung die Gebärende ihren
Mann; unterläßt sie das, so geht die
Geburt nur langsam vorwärts S4 ). Wenn
das Kind zur Welt gekommen ist, unter¬
läßt es in Iglau (Mähren) die Mutter
nicht, mit der Handfläche seinen Rücken
zu s.en, damit aus ihm ein fester, gegen
die Schicksalsschläge abgehärteter Bauer
werde 35 ). In Königswalde gibt ihm die
Hebamme einen S. auf den Hintern,
damit die Lebensgeister geweckt werden,
anderswo, damit es zeitig sprechen ler¬
ne 36 ). Im Badischen wird es von der
Hebamme geschüttelt, um es zum Schrei¬
en zu bringen, und wenn das nicht hilft,
so gibt sie ihm einen Klaps auf den Hin¬
tern 37 ). In Langenfeld bei Salzungen
besteht der Glaube, daß, wenn eine Wöch¬
nerin vor dem Kirchgänge das Haus ver¬
läßt und einem Bräutigam oder jungen
Ehemann begegnet, diesem die Frau oder
das Kind bei der Niederkunft stirbt.
Diese haben daher auch das Recht, die
Sünderin mit Peitschenhieben nach Hause
zu treiben 38 ). Kommt das Kind nach
der Taufe wieder in die Wohnstube
zurück, so müssen es die Paten mit der
Windel dreimal ins Gesicht s.en, wenn
es keine Sommersprossen bekommen
soll 39 ). Da und dort wird mit Flegeln an
ein Scheunentor, in dessen Nähe der Tauf-
zug vorbeikommt, geklopft oder auf Bret¬
ter, die auf den Boden gelegt werden,
gedroschen 40 ). Bei der Entwöhnung
wird das Kind ein paarmal von der Mutter
mit dem Rollholz aufs Gesäß ges.en 41 ).
Damit die Kinder leicht Zähne bekom¬
men, legen manche Mütter sie auf die
Stubenschwelle und s.en ihnen mit der
flachen Hand dreimal auf den Hintern
(Ostpreußen) 42 ). Wer den ersten Zahn
des Kindes sieht, gebe ihm auf der Stelle
eine Ohrfeige, so zahnt es hernach leicht
(Land ob der Enns) 43 ). Auch versetzen
Eltern dem Kinde, wenn es aus Unacht¬
samkeit oder Übereile hinfällt, einen S.,
damit es sich in Zukunft mehr in acht
nehme 44 ). Weint ein Kind zu oft, so
schlägt man es bei den galizischen Juden
sanft mit einer Rute und wirft diese auf
einen fremden Wagen, damit er das
„Gwein" fortführe, oder man wirft die
Rute in ein fließendes Wasser 45 ). Über¬
gangsbrauch und Übelabwehr vereinigen
sich wieder am Geburtstage 46 ). An
seinem ersten Geburtstage muß ein Kind
Schläge kriegen, dann wird es recht
fromm 47 ), und unter den Schulkindern
in Schlaupitz ist es Sitte, daß jedes an
seinem Geburtstage von den Kameraden
eine tüchtige Tracht Prügel erhält, „da¬
mit das Fleisch im Grabe besser faule" 48 ).
Wenn in Tiefenbach das Kind zum ersten¬
mal zur Schule geht, soll man es mit
Wintergrün auf den Kopf s.en und dazu
sprechen: „Gehe zu und lerne was" 49 ).
Dadurch soll wohl der Kopf recht frisch
und hell gemacht werden. In Ostfries¬
land wurde bei der Aufnahme in die
Schule und bei der Entlassung, auch vor
und nach den Ferien, den Kindern ein
kleiner S. auf die Schulter versetzt 50 ),
und in Brilon schlugen die Knaben am
Tage des Schulschlusses (Michaelistag)
mit hölzernen Hämmern wild auf die
Bänke los 51 ). Im übrigen begleitet ja
der S. als Erziehungsmittel das kind¬
liche Lebensalter auf Schritt und Tritt,
und vielleicht ist auch dieses Mittel von
der Absicht beeinflußt worden, die Bos-
heits- und Dummheitsgeister aus dem
Körper herauszuj agen 52 ). In Eberstall¬
zell (Oberösterreich) darf man Kinder
nur mit Birkenruten s.en 53 ). Freilich
findet sich oft auch das ausdrückliche
Verbot Kinder, bevor sie ein Jahr alt
sind, überhaupt zu s.en 54 ). Man fürchtet
wohl die Entwicklung zu hemmen und
zurückzutreiben. Über das Verbot mit
gewissen Stoffen oder unter bestimmten
Umständen zu s.en s. unten 13. In Schle¬
sien soll man ein Kind nicht auf den Mund
s.en, sonst lernt es nicht sprechen 55 ),
in Baden nicht, wenn es am Boden liegt 56 ).
Beim Erscheinen der ersten Blutung
schlägt die Mutter das Mädchen auf beide
Wangen, damit sein Gesicht stets so rot
sei wie nach dem S.e 57 ).
29 ) Globus 69, 228. 30 ) Mannhardt 1,
302. 3l ) Samter Geburt 30; Roscher
Mythol. Lex. 2, 1, 197; Knuchel Umwandlung
lof. 32 ) Samter 47. 33 ) Temesväry Volks¬
bräuche in der Geburtshilfe Ungarns 49. 34 ) Ebd.
Bei den Ureinwohnern von Celebes s.en die
Nachbarn den Vater, wenn er nach der Geburt
des Kindes vom Baden kommt: Clemen D.
Anwendung der Psychoanalyse auf Mythologie
u. Religionsgeschichte 85. Reichliche Prügel
für Männer und Knaben nach der Geburt
eines Häuptlingssohnes bei den Abiponen:
Klemm Allg. Kulturgesch. 2, 123 f. (nach Do-
britzhoffer). 35 ) ZfVk. 6, 252. 36 ) John Erzgeb.
49. 37 ) Meyer Baden 15, vgl. 17. 38 ) Witz-
schel Thüringen 2, 245t; vgl. Geburt
25. 39 ) Witzschel 2, 246 (19). Bei einer
„Taufe“ der Dajaken in Südost-Borneo nahm
ein Mann das etwa ein Jahr alte Knäblein und
stieg mit ihm ins Wasser. Unter Gesang schlugen
nun die Zauberer mit Zweigen um sich herum,
brannten sie an und schwangen sie um den
Kopf des Täuflings, um alle Unglücksfälle,
welche ihn in Zukunft treffen könnten, zu ent¬
fernen: Globus 72, 272. 40 ) Höhn Geburt 270.
4l ) Temesväry 118. 42 ) Urquell 1, 134 (12).
43 ) Grimm Mythol. 3, 460 (751). 44 ) Urquell
N. F. 2, 29. 45 ) Urquell 4, 170 (139)- 46 ) Sar¬
tori 1, 46 Anm. 2. 47 ) Engelien u. Lahn
1, 247 (104). 48 ) Drechsler 1, 218. 49 ) Schön-
w^erth Oberpfalz 1, 183. 50 ) Lüpkes Ostfries.
Volksk . 99. 51 ) Sartori Westfalen S3. 52 )
Kunze Birkenbesen 23h (Internat. Archiv f.
Ethnographie 13); ARw. 11, 150. 53 ) Baum¬
garten Jahr 4 Anm. 5. 54 ) Rochholz Kinder¬
lied 320; Höhn Geburt 277; Drechsler i, 211.
5S ) Drechsler 1, 211. 56 ) Meyer Baden 51.
1099
Schlag, schlagen
Schlag, schlagen
1102
57 ) Temesvary 2. Bei denUaupe(Südamerika)
wird das junge Mädchen beim Eintritt der
Pubertätszeit im oberen Teil der Hütte zurück¬
gehalten und erhält von jedem Freunde und
Familienmitgliede viermal in vierundzwanzig
Stunden Hiebe mit schmiegsamen Ranken auf
den nackten Leib. Bei den Macusindianern in
Britisch Guayana muß sich das Mädchen auf
einen Stuhl oder Stein stellen und wird von der
Mutter mit dünnen Ruten gepeitscht: ZfEthn.
41 (190g), 679t. In Neukalifornien wird es in
die Erde gegraben und diese mit Ruten ge¬
schlagen: Mannhardt 1, 303.
4. Auch im Hochzeitsbrauche findet
der S. mannigfache Verwendung vom ein¬
fachen Backenstreiche bis zu allgemeinen
Prügeleien und Kämpfen der Hochzeits¬
gesellschaft 58 ). Der S. kann auch hier
als Übergangs- (Trennungs- oder An¬
gliederungsbrauch ), als Fruchtbarkeits¬
zauber und zur Vertreibung schädlicher
Mächte dienen. Im Totenbrauche
kommt er häufiger bei außereuropäischen
Völkern vor 59 ), doch auch vereinzelt in
Deutschland. So gibt man in Schlesien
einem Gehängten, nachdem man ihn
abgeschnitten hat, eine Ohrfeige, um
ihn zu erlösen 60 ), oder bevor man ihn
abschneidet, sonst dreht er einem den
Hals um oder beunruhigt einen 61 ). Wenn
in Oldenburg ein Jude stirbt, wird er,
so heißt es, bei der Beerdigung mit dem
Gesicht gegen den Erdboden durch alle
Räume des Hauses getragen und dabei
fortwährend gegeißelt, wobei gesprochen
wird: „Guck hierhin, guck dahin, guck
nimmer nicht wieder“ 62 ). In Krumbach
wurde früher nach einem Todesfälle an
alle vier Hausecken mit einer Axt oder
einem Prügel ges.en 63 ). Ein Absolutions¬
ritus des 16. Jh.s aus Chur und Konstanz
schreibt vor, daß ein Exkommunizierter
nach seinem Tode noch losgesprochen wer¬
den könne, wenn sein Leichnam ausge¬
graben und gepeitscht werde; sei die
Ausgrabung nicht statthaft, so peitsche
man die Erde, in der er liegt 64 ). Kinder,
die sich an ihren Eltern tätlich vergreifen,
müssen, ehe sie sterben können, erst mit
Wermut ges.en werden 65 ). Der Geist
des Sohnes verlangt von seiner Mutter,
daß sie ihn mit einem Ginsterzweige hart
s.e, weil sie ihn bei Lebzeiten zu sehr
geliebt und nie geschlagen habe. Sie
1100 IIOI
muß immer stärker s.en, bis er schließlich
erlöst ist 66 ). Auch an die Sagen von der
aus dem Grabe wachsenden Hand, die
wieder zurückgeschlagen werden muß,
ist zu erinnern 67 ). Manchmal hat der
S. sich zu einem bloßen Streicheln des
Toten 68 ) oder Anrühren des Sarges 69 )
abgeschwächt. Weit verbreitet ist der
Brauch, daß die Hinterbliebenen ihrer
Trauer über den Verlust eines Angehörigen
durch Selbstverstümmelungen und Selbst¬
peinigungen Ausdruck geben, zu denen
auch der S. gehört 70 ). Bei den Griechen
bedeutet xoTtxecj&ctt, bei den Römern
plangere geradezu trauern. Bei den Juden
s.en sich die Trauernden auf die Schen¬
kel 71 ). In Frankreich wurden im 17. Jh.
bei Hinrichtungen mitgenommene Kinder
mit Ruten gestrichen, damit sie vor dem
größeren Unglück behütet würden. Auch
in Meinersen (Hannover) wurden bei der
Hinrichtung eines Vatermörders einige
von den zuschauenden Bauernsöhnen
durchgeprügelt 72 ). In Kujavien muß
man beim Tode des Besitzers jede seiner
Kühe s.en und sagen: „Der Besitzer ist
gestorben“ 73 ). Die Letten brechen auf
dem Heimwege von der Bestattung grüne
Zweige ab und s.en mit diesen die im
Hause Verbliebenen 74 ).
M ) ZfrwVk. 22 (1925), 63ff.; Mannhardt
1* 299ff- 59 ) Scherke Über d. Verhalten d.
Primitiven zum Tode 31 f. 164; Frazer 9, 2öoff.
Auf Neuseeland wird der Körper eines ver¬
storbenen Häuptlings nach dem ersten Tage
mit eigens dazu gesammeltem frischem Flachs
geschlagen, um das über ihm schwebende Übel
abzuwehren; darauf ist der Geist des Toten in
die höheren Reiche übergegangen: Klemm
AUg. Kulturgesch. 4, 325. Bei einer Leichen¬
feier in Nitilu (Liberia) begannen vor der Be¬
stattung zwei mit schwarzen Teufelsmasken
verhüllte Gestalten einen wilden Tanz um die
Leiche und schlugen dabei mit schwarzen Ruten
auf diese ein. Es waren die beiden Zauber¬
doktoren, die die Aufgabe hatten, den Toten
von bösen Geistern zu befreien: Globus 96, 249.
In China ist das S.en der Leiche ein Mittel gegen
Wiedergängerei: Wilhelm Chinesische Volks¬
märchen 202f. (67); Stenz Beiträge z. Volks¬
kunde Süd-Schantungs 70. ®®) TJrguell 4» 193.
61 ) Drechsler 1, 312. 62 ) Strackerjan
1, 451 f. 63 ) Meyer Baden 584. 64 ) Nider-
berger Unterwalden 3, 97. Nach kaukasischer
es der größte Schimpf, den man
einem Toten antun kann, wenn man sein Grab
durch S.en schändet: Dirr Kaukasische Märchen
88. «*) Curtze Waldeck 246. 66 ) LeBraz
La Ugende de la niort 3 2, ioof. 67 )Deecke
Lübische Sagen Nr. 153; Kuhn u. Schwartz
45; Bartsch Mecklenburg 1, 459. 460; ZfVk. 10
(1900), 125 (Ingolstadt in Bayern); Knoop
Posen 130. 68 ) SAVk. 24, 43 (damit einem der
Verstorbene nicht im Schlafe erscheine). 69 )
Bartsch 2, 96 (333). 70 ) Samter Geburt 177;
Scherke 115; Globus 87, 400; Frazer 9, 260h.
71 ) Cal and D. altindischen Toten- u. Bestat¬
tungsgebräuche 24. 114. 138. 139. Bei den Kaf-
fitscho geißeln sich beim Tode von nahen Ver¬
wandten die Männer mit Dornenzweigen, ebenso
!• n 7 # j _
1 1 _ r
kessen ergreifen im Augenblicke, wo einer stirbt,
die Männer ihre Reitpeitschen und Stöcke und
schlagen unbarmherzig auf ihre Glieder: Klemm
Allg. Kultur ge sch. 4, 37. Allgemeine Geißelung
mehrere Monate nach einem Todesfälle bei den
Arawaken von Britisch Guayana: Koch Zum
Animismus d. südamerikan. Indianer 73 f.
(Internat. Archiv f. Ethnographie, Supplem. zu
Bd. 13). Namentlich die hinterlassene Witwe
ist das Opfer solcher S.e: Ebd. 70; Tylor
Cultur 1, 447; Bastian D. deutsche Expedition
an d. Loango-Küste 1, 167. 72 ) v. Künssberg
Rechtsbrauch u. Kinderspiel 20. 73 ) Rogasaner
Familienblatt 4, 35 (13). Auch in Loango
müssen Schafe, Ziegen, Schweine, Hühner und
Enten im gleichen Falle leicht geschlagen und
hin- und hergetrieben werden: Pechuel-
Loesche Volkskunde von Loango 324. Vgl.
ZrwVk. 1, 36ff. 74 ) Globus 82, 368; vgl. 371
Anm. 19.
5. Bei gewissen Verrichtungen in der
häuslichen Arbeit spielt der S. eine
Rolle. Wird das Garn auf den Webstuhl
gebracht, so muß die Person, welche den
„Reetkamm“ hält, wenn das Garn auf
den sog. Garnbaum gewunden ist, so¬
gleich den Reetkamm auflösen und mit
beiden Teilen desselben jeder Person, die
beim Aufbringen des Gams beteiligt war,
einen S. geben; doch muß der Doppels,
in Form eines Kreuzes fallen und dabei
gesprochen werden: „E Kriez ok e
Schlag — Oen veertie Dag af“. Das Garn
wird dann schnell abgewebt 75 ). Im Sater-
lande wird die Bierhefe, ehe man sie
in die Maische legt, mit einem belaubten
Eichenzweig gestrichen 76 ). Die Bulgaren
im Novoselver Bezirk backen in der Morgen¬
dämmerung des Ignatiustages Brot und
s.en den Teig mit dem Hanfhechel 77 ).
Will das Buttern nicht geraten, so
peitsche man das Butterfaß mit einer
Weidenrute, die aber nicht mit dem
Messer geschnitten werden darf 78 ).
7ß ) Frischbier Hexenspr. 126. 76 ) Strak-
kerjan 1, 126. Vgl. Sartori Sitte 2, 32 Anm. 42.
77 ) Strauss Bulgaren 352. 78 ) Grimm My-
j7. «;
_ o \
6. Manches gehört in das Gebiet der
Hänselbräuche. In der Pflege Reichen¬
fels geben solche, die zum erstenmal
Bier schenken, etwas zum besten.
Dabei muß jeder Gast auf den Ofen
steigen und wird dabei tüchtig ge¬
peitscht 79 ). Hat jemand ein neues
Kleidungsstück zum erstenmal an,
so wird er mit der Hand ges.en ®°). Man
nennt das „die neue Naht ausklopfen“ 81 )
oder „den Schneider herausklopfen“ 82 )
und ruft dabei: „Das Neue muß man
klopfen, das Alte muß man stopfen“;
dadurch bekommt das Kleid längere
Dauer 83 ). In Ostpreußen ruft der Schla¬
gende: „Neuschlag! Neuschlag! morgen
zu Stück“ (entzwei) 84 ). Wird eine
neue Speise zum erstenmal gegessen,
so versetzen sich die Tischnachbam einen
leichten Schlag 85 ). In Wien kriegt man,
wenn man zum erstenmal Obst oder Ge¬
müse ißt, einen S. und wird beim Ohr
gezupft 86 ). Wenn in Münster i. W. die
Hausfrau den Neujahrskuchen an die
Familienmitglieder verteilte, schlug sie
jedem mit geballter Faust auf die Brust 87 ).
In Niederehe erhielten die Kinder einige
Zeit nach Johannis den „Jesusknüpps“,
d. i. einen leichten S. mit einem Stock
auf die Stirne und durften von nun an
von den wilden Stachelbeeren essen.
Eine Beräucherung der Stachelbeer¬
hecken mit den brennenden Johannis-
sträuchern ging voraus 88 ). Man kann
diese Schläge als bloße Übergangsbräuche
betrachten, aber der Gedanke an die
Abwehr schädlicher Mächte scheint doch
hineinzugreifen.
Wichtiger sind die Veranlassungen, die
den Menschen in einen neuen Stand,
eine neue Würde einführen, wodurch
ihm besondere Rechte erteilt und be¬
stimmte Pflichten auferlegt werden 89 ).
So kennzeichnet der S. die Aufnahme
des Knaben in die Gemeinschaft der
Jünglinge und Männer und in die Geheim¬
bünde der Naturvölker, und was damit
zusammenhängt 90 ). Oft wird als Grund
der Schläge eine Tapferkeitsprobe in der
H03
Schlag, schlagen
1104
Ertragung von Schmerzen oder die Ge¬
wöhnung daran angegeben oder auch die
Stärkung der Zeugungskraft oder all¬
gemeine Kräftigung 91 ).
Der Junggesellenklasse (Burschen¬
schaft) entspricht im mittelalterlichen
Handwerk die Gesellenschaft. So ist
auch das Gesellenmachen oft mit dem
S. verbunden. Der aufzunehmende Lehr¬
ling wird verprügelt, mit Ruten ges.en,
erhält eine Ohrfeige 92 ) (s. d.). Auf der Baar
wird der Lehrbube durch den Förster
mit Überreichung des Hirschfängers wehr¬
haft gemacht, wobei er eine Maulschelle
erhält 93 ). In Lamme (Braunschweig)
mußten sich die Enken beim Hänseln
auf den Schlachtetisch legen, der Kopf
wurde niedergehalten, und sie kriegten
die „Britze Bratze". In Bahrstedt schlug
man sie beim Sprung vom Stuhle, auf
den sie sich hatten setzen müssen, mit
der Schaufel vor das Gesäß; in Flechtorf
schlug man nur mit dem Dreschflegel
das Bierfaß, über das sie gezogen waren 94 ).
In München schlägt am Faschingsmontag
der Altgesell dem freizusprechenden Metz¬
gerburschen während des Spruches mit
der flachen Hand immer zwischen die
Schultern 95 ). Solche Hänselbräuche
kamen namentlich auch bei den Proben
der Lehrlinge in den hansischen Fakto¬
reien des Nordens zu barbarischer Wir¬
kung 96 ). Sie sind auch bei Offizieren
und in Schulen üblich gewesen 97 ) und
noch immer nicht ausgestorben.
Wenn bei der indischen Königsweihe
die Priester den eben gesalbten König
s.en, so ist es, meint Oldenberg wohl mit
Recht, doch wohl nur ein hineingelegter
Sinn, wenn sie dabei sagen: „Ich führe
dich darüber hinweg, ges.en zu werden".
Richtiger wird die Bedeutung des Brau¬
ches in einer andern zugehörigen Wen¬
dung ausgedrückt sein: „Wir s.n das
Übel von dir hinweg" 98 ). Bei der Huldi¬
gung für einen neuen Herzog in Kärnten
gibt der „Herzogbauer" dem Fürsten
einen leichten Backenstreich 99 ). So
mußte denn auch der Schützenkönig in
Warburg das sog. Pritschen an sich vor¬
nehmen lassen 10 °).
Einen deutlichen Trennungsbrauch fin¬
den wir in Sent (Unterengadin). Hier
machen am ,,Vorstehertag" (dem dritten
Sonntag im Februar), wenn die Vereidi¬
gung der neuen Vorsteherschaft statt¬
findet, die Knaben einen mächtigen
Schneemann. Sein Kopf soll womöglich
einige Ähnlichkeit mit dem alten Vor¬
steher haben. Kaum hat dieser seine
Rede beendet, so gibt einer der Knaben
dem Schneemann eine herzhafte Ohr¬
feige, so daß der Kopf auf den Platz rollt,
alle brechen in lauten Jubel aus und rufen:
,.Nieder mit dem Alten!" 101 ).
79 ) Witzschel Thüringen 2, 287 (125).
80 ) John Westböhmen 250. 8l ) Picks Monats-
sehr. f. d. Gesch. Westdeutschlands 4 (1878),
382, vgl. 540. 82 ) ZfrwVk. 3, 84; HessBl. 4, 8.
83 ) Grimm Mythol. 3, 468 (922). 8 «) Lemke
Ostpreußen 2, 290; Schnippei Ost - u. West¬
preußen 96. In Lindlar (Bez. Köln) wird ein
Mädchen, das zum erstenmal mit einem neuen
Kleide erscheint, von den Freundinnen in den
Arm gekniffen, was man „Nökneff" nennt. In
Würzburg sagt man ,,einem den Schneider aus-
zwicken": Blätter z. bayerischen Volkskunde 10
( i 925), 16. In Schlesien klopft man den Träger
eines neuen Gewandes auf die Schulter oder
zieht ihn am Ohr: Drechsler 2, 10; letzteres
auch in Böhmen und im Voigtlande: Zeitschr.
f. Völkerpsychol. 18, 18. 85 ) Ebd.; SchwVk. 15
(1925), 27 (14); Globus 73, 316 (Litauer).
8S ) WZfVk. 33 (1928), 20; s. ferner Sartori
2. 32.3h; HessBl. 28 (1929). 227. 87 ) Nds.
* 3 : 133 . 88 ) Schmitz Eifel 1, 42. 89 ) Bei den
Römern erhielt der Sklave bei der Freilassung
einen Backenstreich (Eit rem Opferritus u.
Voropfer 50 Anm. 2) oder wurde mit einer Rute
berührt (Liv. 2, 5, 9). Ähnliches Verfahren mit
entsprechender Formel im Heilzauber bei den
Abchasen: Globus 66, 54. Zu vergleichen ist
die Schilderung des Flavius Josephus (Gesch.
d. jüdischen Krieges 4, 10) von seiner Frei¬
lassung aus längerer Kriegsgefangenschaft durch
Vespasian; sie erfolgt durch Zerhauen seiner
Ketten. 90 ) Gennep Rites de Passage ii2f.
11 6. 154; Schürtz Altersklassen 98. 371 ff. 376.
383. Besonders berühmt ist die Geißelung der
Epheben im alten Sparta: ARw. 9, 407ff.;
r 4 > 643 ff.; Nilsson Griech. Feste 190 ff.;
Schwenn Menschenopfer bei d . Griechen u.
Römern 93«. ®i) Wenn nach Beendigung der
Knabenweihe bei den Magwamba und Ba-Pedi
(Bantus) der Knabe seine Schwester, Mutter
und Großmutter wieder sieht, so muß er jeder
einen Hieb versetzen (Zeller D. Knabenweihen
29), denn er ist jetzt ein Mann geworden und
von den Frauen seiner Verwandtschaft ge¬
schieden. Daß diese Schläge ein Zeichen seien,
daß die erotische Neigung zu ihnen in den
Knaben verdrängt sei (Zeller 153), ist nicht
wahrscheinlich. — In einigen Gegenden Un¬
garns werden am Aschermittwoch die erwach¬
senen Knaben zu Burschen geweiht, indem
jeder von ihnen sechs Stockhiebe erhält, worauf
eine Flasche mit Wein in die Erde vergraben
wird. Das nennt man „Begräbnis des Brüllen¬
den": Wlislocki Magyaren 86. 92 ) Oben
3, 1427t. 1429. 93 ) Meyer Baden 448, vgl. 449.
**) ZfVk. 11, 332. 333. 95 ) Panzer Beitr.
1, 229. 96 ) Hansische Geschichtsblätter 1877,
93 f. 96; Rochholz Kinderlied 534L ö7 ) Ders.
a. a. O.; ARw. 10,159. 98 ) Oldenberg Veda
491; vgl. Schroeder Arische Religion 2, 301.
99 ) Grimm RA. 3 253. 10 °) Bericht über d.
Gymnasium Petrinum zu Brilon 1893, 8.
101 ) SAVk. 19, 72 f. (der Schneemann soll eigent¬
lich Symbol des Winters sein).
7. Im Heilzauber hat der S. zur Folge,
daß die bösen Mächte, die von dem Kran¬
ken Besitz ergriffen haben, aus ihm her¬
ausgejagt werden 102 ). Oft ist an Stelle
des S.es das Bestreichen getreten. Die
hl. Adelheid verleiht unrein singenden
Nonnen durch einen S. eine helle, reine
Stimme 103 ). Gegen Gliederlähmung wird
in Südungarn das gelähmte Glied mit
Birkenreisern, die einige Tage lang in
Salzwasser gelegen haben, gepeitscht,
wobei beide beteiligten Personen den
Spruch hersagen:
Wer drinnen ist, der komm heraus,
Drei gute Urmen rufen ihn,
Drei gute Urmen treiben ihn
In den grünen, großen Wald.
Das hervorquellende Blut wird in einem
Säckchen im Walde in ein Baumloch ge¬
steckt 104 ). Bei Hans Sachs 105 ) wird dem
Bauern der Husten vom Apotheker her¬
ausgeprügelt. Namentlich Epileptiker,
Besessene und Behexte werden auf diese
Weise behandelt 106 ). Die Angelsachsen
trieben den Teufel mit Peitschen vom
Fell der Meerschweinchen aus Wahn¬
sinnigen heraus 107 ). In seinem Schwank
„Der pawer mit dem zopff" (v. 145 ff.)
läßt Hans Sachs den angeblich besessenen
Bauern vom Pfaffen mit Ruten ges. w r erden,
um den Teufel aus ihm herauszujagen 108 ).
In Irland tut dies der Hexendoktor mit
einem kräftigen Schwarzdornstock 109 ),
in Thüringen mit einem Haselstock 110 ).
Eine Frau, die mit ihrem verrückten
Mann ins Kloster ging, um ihn von den
Kapuzinern heilen zu lassen, erhielt zur
Antwort: man wisse ihr kein besseres
Mittel anzugeben, als sie solle dem Mann
alle Tage eine tüchtige Tracht Prügel
geben lassen m ). Einem Knaben in
Palästina, der epileptische Anfälle hatte
und den Geist in sich aufsteigen fühlte,
versetzte der Schech einen so schweren
S. auf die Schulter, daß eine Wunde ent¬
stand, durch die der Geist ausfuhr 112 ).
Zu den Krankheitsgeistern sind auch die
elbischen Wesen zu rechnen, die im sog.
Wechselbalg 113 ) und in der Gestalt
der Mahr 114 ) sich in dem Menschen fest¬
setzen und ebenfalls aus ihm herausge¬
prügelt werden müssen. Auch vom Alb
geplagte Tiere werden ges.en 115 ), wie
überhaupt das Vieh durch einen S. vor
Krankheiten bewahrt oder von ihnen
geheilt wird 116 ), auch behexte Kühe, die
Blut statt Milch geben 117 ). Ebenso werden
stößigen und ungebärdigen Tieren die
Nücken ausgetrieben 118 ). Vielfach wird
das Vieh an bestimmten Tagen, nament¬
lich im Frühling, mit Ruten gepeitscht
oder doch berührt, um gegen Unglück
gesichert zu sein 119 ). Die Esten s.en
ihre Hühner, wenn sie nicht legen wollen
mit einem alten Besen 120 ). In Mecklen¬
burg glaubt man, ein Huhn lege fleißiger,
wenn man es mit Nesseln gepeitscht
habe 121 ), und in Tiefenbach s.en die
Weiber am Fastnachtsdienstag die Hen¬
nen auf den Schw r anz, damit sie in diesem
Jahre viele Eier legen 122 ).
102 ) Kunze Birkenbesen 19F 23; Eitrem
Opferritus 378. 482; SAVk. 28 (1928), 840.;
Eisen-Erkes Estnische Mythol. 17. 103 ) Oben
1, 170. i04 ) Wlislocki Volksgl. d. Zigeuner 170.
Das Blut ist hier als Krankheitsträger gedacht.
Ein lappländischer Magier kann einem andern
keinen Schaden zu fügen, wenn dieser ihn so
lange schlägt, bis er blutet, denn der Verlust
seines Blutes ist der Verlust seiner magischen
Kraft: Seligmann Blick 2, 218. 105 ) Sämtl.
Fabeln und Schwänke herausg. von E. Goetze
- 1, 529 V'. 81 ff. 106 ) Mannhardt Aberglaube 54h
57f. 66ff.; Seligmann 1, 299. 300. Auch im
kirchlichen Exorcismus: Franz Benediktionen
2, 572. i07 ) Progr. des Realgymnas. zu Mei¬
ningen 1891, 37. 10S ) Sämtl. Fabeln usw. 1, 483 f.
109 ) Lady Wilde Ancicnt eures etc. of Ireland
| 35, vgl. 51. 110 ) Knuchel Umwandlung 62
1U ) SAVk. 21 (1917), 48. Ähnliches in Italien:
ARw. 11, 147. 112 ) Curtiss Ursemit. Religion
173. 113 ) ARw. 6, I 5 iff.; Kunze Birkenbesen
22f.; Meyer Baden 44; Vernaleken Mythen
248; Schulenburg Wend. Volkstum 109;
Toppen Masuren 21; Lemke Ostpreußen 1, 63;
Hellwig Verbrechen u. Aberglaube 40f.; Se-
billot Folk-Lore 1, 441. 442; 2, 115. ll4 ) Töp-
H07
Schlag, schlagen
IIOS
pen Masuren 30. 115 ) Eisen-Erkes Estnische
Mythol. 59. 61. 116 ) Curtze Waldeck 393 (116);
Bartsch Mecklenburg 2, 144 (641); John
Erzgebirge 227; Kunze Birkenbesen 22. 117 )
Kühnau Sagen 3, 222; oben 3, 1433. n»)
Drechsler 2, io6f.; Bartsch 2, 149 (672). 148
(670). n9 ) ZfVk. 1 (1891), 181; Bartsch
2, 258 (1348); Reiser Allgäu 2, 116; Frazer
9 , 266f. Vgl. Mannhardt 1, 269!!; Jahn
Opfergebräuche 297fr.; Schroeder Arische Relig.
2, 297 f-; Sartori 3, 182. Über den dabei be¬
nutzten Ebereschenzweig: ZfVk. 22, 182t.
Über den Birkenzweig: ARw. 2, 30ff. 120 )
Boeder Ehsten 123. 121 ) Bartsch 2, 159
( 738 ). 122 ) Sch önwerth Oberpfalz 1, 349.
8. In Garten und Feld werden die
Pflanzen zu bestimmten Zeiten durch
Schläge in ihrem Gedeihen gefördert.
Wenn Christabend der Galten im bloßen
Hemd mit einem Flegel gedroschen wird,
wächst im folgenden Jahr das Gras gut 123 ).
Im Böhmerwalde gehen am Johannis¬
tage Weibspersonen, bloß mit einem
Hemde angetan, in die Krautfelder, um
das Kraut zu schrecken. Sie s.en mit
einer Rute auf einige Krautpflanzen
los und bewirken dadurch, daß die üb¬
rigen, in Schrecken gesetzt, ordentlich
und rasch wachsen und auch schön wer¬
den 124 ). Die Obstbäume schlägt
man 12S ) namentlich zu Weihnachten und
Neujahr 12 «), zu Fastnacht 127 ) und am
Karfreitag 128 ). Besonders die Nußbäume
sind diesem Verfahren ausgesetzt 129 ).
Auch in den Bräuchen des Ackerbaues
und der Ernte fehlt der S. nicht. Wenn
im Schaumburgischen zuerst wieder ge¬
pflügt ist, peitschen die Knechte die
Mägde unter dem Rufe: „Teuf, ek will
dek de Fleie utklappen" 13 °). In Deutsch¬
land und Rußland wird die letzte Garbe
ges.en, damit im nächsten Jahre die dem
Gedeihen der Feldfrucht schädlichen Tiere
vernichtet seien 131 ). In Grüneberg muß
der mit dem Komschnitt zuerst Fertige
die Begegnenden s. 132 ). In Luxemburg
wird allen Mädchen, die bei der Wein¬
lese eine Traube übersehen hatten, mit
einem Bläuel auf den Hintern „die
Pritsche gegeben" 133 ). Beim letzten
Dreschers, fand ähnlich dem Hillebilles.
beim Hausbau taktmäßiges S.en und
und Klappern statt 131 ).
123 ) Grimm Mythol. 3, 473 (1041). Schra-
mek Böhmerwald 235; vgl. ZfrwVk. 2, 295;
Kunze Birkenbesen 17. 39. 125) Mannhardt
2 75 fr 126 ) Sartori Sitte 3, 35. 69. 127 ) Ebd.
3, u6. 128 ) Ebd. 3, i 45 . 129 ) Ebd. 2, 118 Anm.
ii» ZfrwVk. 14, 50 f.; Mannhardt 1, 276. 277'
KblNdSpr. 18, 80. 13 °) Lyncker Sagen 257.
Mannhardt 1, 303 vergleicht damit die Sitte
der Salivas (Südamerika), vor Beginn der
Feldarbeit die jungen Leute auszupeitschen, um
ihnen die Faulheit auszutreiben. 131 ) Mann-
hardt Forschungen 146. 316; Sartori 2, 89
Anm. 18. Vertreiben des Rostes, der Raupen
usw. durch S.: Rantasalo Ackerbau 4, 49.
2 ) Engelien u. Lahn 235. 133 ) Fontaine
Luxemburg 140. 134 ) Sartori 2, 100; ZfrwVk
17» 3 b.
9. Durch das ganze Jahr hindurch,
meist an christliche Festtage angeschlos¬
sen, ziehen sich Bräuche, die der von
Mannhardt so ausführlich behandelte
„Schlag mit der Lebensrute“ kenn¬
zeichnet 135 ). Menschen, Tiere (s. oben 7)
und Pflanzen (s. oben 8) werden gepeitscht.
Die Bezeichnungen dafür sind mannig¬
faltig: aufhauen, dengeln (= hämmern),
fitzein, frischgrünstreichen, fudeln (fut-
teln, fuen), kindein, pfeffern (s. d.),
schmackostern (s. d.), stäupen (stiepen,
stupen), quicken (quitzen). Beide Ge¬
schlechter s.en sich gegenseitig, namentlich
an die Hände und Füße (Waden, Knö¬
chel), an alle Glieder von oben herab 136 ),
an Hinterteil und Geschlechtsteile 137 )!
Der Zweck dieser Schläge ist teils Ver¬
treibung des Bösen und Lebensfeindlichen,
teils Übertragung und Erweckung von
Gesundheit, Lebens- und Wachstums¬
kraft 138 ). Für das erstere ist der S. für
sich allein zweckerfüllend, für das zweite
kommt auch der Stoff des S.Werkzeuges
in Betracht: Weidenzweige mit jun¬
gen Trieben (Palmkätzchen), Birken¬
reiser, Flieder-, Kirschbaum-, Linden¬
zweige, die auch in Winter schon künst¬
lich zum Treiben gebracht werden, Ros¬
marin, Blumensträuße, Nesseln, grüne
Tannen- und Stechpalmzweige. Die
Gerte ist oft mit Bändern und Eiern
geschmückt 139 ), auch mit Wickelkindern,
schnäbelnden Täubchen und dgl. 140 ). Sie
darf nicht mit bloßer Hand angefaßt
werden 141 ). „Die Weide schlägt, nicht
ich“, rufen die Russen I42 ). Die Ge¬
schlagenen müssen ein Geschenk geben
und bestätigen dadurch den Empfang
eines ihnen nützlichen Vorteils 143 ).
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Schlag, schlagen
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In der Adventszeit dienen die „Klopf¬
nächte“ (s. d.) diesem Brauche 144 ). Dann
kommt der Nikolaus mit seiner Rute
und die wilde Schar der „Klose“, die
alle Begegnenden in lärmender Aus¬
gelassenheit peitschen 145 ). Zu Weih¬
nachten erscheinen Pelznickel und Ruh-
klase und s.en die Kinder 146 ), und diese
wieder auf ihren Sammelgängen Haus¬
bewohner und Begegnende, womöglich
mit etwas Grünem 147 ). Zu Neujahr
setzt sich das fort 148 ), auch noch am
Lichtmeßtage 149 ). Den Höhepunkt
erreicht dieses Treiben in der Fast¬
nachtzeit 150 ) und dann zu Ostern 151 ).
Aber auch noch am Mai tag und zu
Pfingsten müssen Blumen und frisches
Grün den Frühlings- und Sommersegen
auf diese Weise den Menschen über¬
mitteln 352 ). Am Johannistage schlägt
man sich an einigen Orten gegenseitig
mit Nesseln, die in Urin getaucht sind 153 ),
bis dann am Martinstage wieder der
Pelzmärte in Erscheinung tritt 154 ). Aber
noch am Katharinentage (25. Nov.)
werden im westlichen Böhmen die Mäd¬
chen mit einem Rosmarinstengel ge¬
peitscht 155 ).
135 ) Mannhardt 1, 251 ff.; ders. Forschungen
H3Ü. Vgl. ferner NddZfVk. 7 (1929). 150 Ü-J
Schröder Arische Religion 2, 293 h.; Frazer
9, 262 ff.; Nilsson Griechische Feste 191 ff. Im
klassischen Altertum wurden solche der weib¬
lichen Fruchtbarkeit nützliche Schläge an be¬
stimmten Festen vollzogen. So in Alea in
Arkadien am Feste der Skiereia (Nilsson
299 f.), am Feste der Bona Dea in Rom (Fehrle
Keuschheit 129; Mann hardt Forschungen 115h.),
bei Demeterfesten (Mannhardt Forsch. 120),
an den kaprotinischen Nonen (ebd. 121 f.;
Frazer 9, 258 f.) und, was am bekanntesten
ist, an den Luperkalien: Mannhardt For¬
schungen 81 ff., vgl. 154 t.; ARw. 13, 495 t.:
Eitrem Opferritus u. Voropfer 52. 136 ) Mann¬
hardt 1, 262. 137 ) Ebd. 1, 255 f. 281; Andree
Braunschweig 236; Hoops Sassenart 37. Mann¬
hardt will daraus den Ausdruck fudeln, fuen
(fud = vulva) erklären. Manche sehen in diesem
Schlage eine abgeschwächte Form des Ge¬
schlechtsaktes; Zweig und Stock seien Ersatz
für den Phallus. Schläge auf das männliche
Glied: Mannhardt Forsch. 128. 133. 138. 146;
Nilsson Griech. Feste 112 f.; um die erstorbene
erotische Lust zu beleben: Mannhardt Forsch.
147 Anm.; Frazer 9, 272 f.; Gennep Rites
de passage 248. 138 ) Mannhardt 1, 252. 253.
263. 280; ders. Forschungen 149 f. 139 ) Mann¬
hardt t. 270 . 140 1 Ebd. 1. 2S4. 141 1 Ebd. 1, 279.
1 42 ) Ebd. 1, 257. 143 ) Ebd. 1, 253. 281. 144 ) Sar¬
tori 3, 12. 145 ) Ebd. 3, 18. 146 ) Ebd. 3, 47 -
147 ) Ebd. 3, 46. 52. 53. 148 ) Ebd. 3, 61. 149 ) Ebd.
3, 86; vgl. 2, 112. 15 °) Ebd. 3, 100. 101 f. 132.
151 ) Ebd. 3, 136. 139. 154 f.; s. schmackostern.
152 ) Ebd. 3, 182 f. 201 f. 207 Anm. 52. 153 )1 Mann¬
hardt Germ. Mythen 102. 154 ) Sartori 3, 269.
Anm. 26. 155 ) Ebd. 3, 274.
10. An manche dieser festlichen Zeiten
und Tage heftet sich noch der besondere
Brauch, daß an ihnen die jungen Leute
ein (oft genau eingeübtes und geregeltes)
Knallen mit ihren Peitschen ver¬
anstalten 156 ). Mit diesen Schlägen (zu¬
gleich durch den damit verursachten
Lärm) sollen die in der Luft sich auf¬
haltenden bösen Geister verscheucht
werden. Oft geschieht das auch durch
Lufthiebe mit Stöcken 157 ). So ging
in Oberösterreich der Bauer in der Nacht
vor Karfreitag und am Georgitage hauend,
peitschenknallend und schießend seinen
Grund ab, um „abzujagen“ und schlug
mit Stecken und Geißeln an Tor und
Waschbank, an Zaun und Baum 158 ).
Erinnert sei an die Geißelung des Hel-
lesponts auf Befehl des Xerxes 159 ).
156 ) Oben 3, 471; Sartori 3, Reg. unter
„Peitschenknallen". 157 ) Frazer 9. 109. m.
115. 122. 131. 152. 156. 234. 158 ) Baumgarten
Jahr 2i. 23. 159 ) Herod. 7, 35; ARw. 11, 145 ff.
11. Andererseits verursachen Götter
und Geister durch einen S. Tod und
Krankheit 160 ). Ein S.anfall (s. Nach¬
trag) ist eine „Herrgottsohrfeige“ 161 ).
Überhaupt wird durch den S. mancherlei
Zauber vollzogen. Mit ihren Besen
die Bäche s.end verursachen die Hexen
*
Sturm und Hagel 162 ). Wenn auf den
kanarischen Inseln der Regen ausblieb,
pflegten die Priesterinnen die See mit
Ruten zu s.en angeblich um den Wasser¬
geist für seinen Geiz zu strafen 163 ). Um
Wind zu bewirken, prügelte man in der
alten französischen Marine die Schiffs¬
jungen 164 ). Bei Quiberon schlägt man
zu gleichem Zweck mit einem Hammer
in eines der Näpfchen eines Dolmen 165 ).
Die Finnen machten Wind, indem sie
mit einer Rute oder Peitsche auf die
Erde schlugen 166 ). Ein Rutens. des
Nickers teilt das Wasser 167 ). In der
Odyssee 168 ) verzaubert Poseidon das
Schiff der Phäaken durch einen S. mit
IIII
Schlag, schlagen
1112
der flachen Hand. So ist ja die Ver¬
wandlung in eine andere Gestalt ver¬
mittels eines S.es mit oder ohne Zauber¬
stab in den Sagen und Märchen der Völker
häufig, und ebenso wird die zauberhafte
Verwandlung durch einen S. wieder rück¬
gängig gemacht 169 ). Der zweite Zau¬
bers. hebt oft den ersten auf 170 ).
Kann man einem Wolf mit einem Strumpf
oder Stock über den Rücken s.en, so ver¬
renkt sich das Rückgrat und der Wolf
kann nicht von der Stelle; schlägt man
aber noch einmal, so renkt jener sich
wieder ein 171 ). Ein dreimaliger S. mit
dem Zauberstab an die linke Backe
nimmt das Gedächtnis, an die rechte
Backe stellt es wieder her 172 ). Wenn
man von jemand, den man für einen
Zauberer oder für eine Hexe hielt, einen
S. auf die Schulter oder an den Kopf
mit der linken Hand erhielt, so mußte
man mit derselben Hand und auf die¬
selbe Stelle ihn zurückgeben, sonst starb
man langsam dahin 173 ). Man hat das
Recht, dem Teufel drei Schläge zu geben.
Danach muß man immer wieder von
vorn zu zählen anfangen. Anderwärts
sagt man, daß es stets zwei oder eine
ungerade Zahl von Schlägen sein müsse 174 ).
Einen Gespensterhund schlägt einer im¬
mer: „eins, zwei, eins, zwei". Der Hund
will noch einen mehr, aber der Mann
sagt: „Mehr kommt dem Teufel nicht
zu" 175 ). Ein Bauer schlägt einen Geist.
„Da hast du einen!" sagt er bei jedem
S.e. Hätte er die Schläge gezählt, so hätte
es Macht über ihn gehabt 176 ).
160 ) ARw. 2, 130 ff. So schon bei Homer
II. 16, 791. 816. 849. Geister versetzen Ohrfeigen,
s. Geisterohrfeige: Seifart Sagen a. Hildesheim
2, 32; Haas Rügensche Sagen 38. 40. 123. Na¬
mentlich Irrlichter:Eisei Voigtland 163; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 100; Haas 121; Groh-
mann Sagen 208; Meier Schwaben 270 t.;
Schell Bergische Sag. 167; Roch holz Natur -
mythen 177; MschlesVk. H. 15, m. m) Wrede
Rhein. Volksk. 71; ZfrwVk. 5, 131. M) Grimm
Mythol. 2, 897; Sebillot Folk-Lore 2, 229,
438- 163 ) Frazer 1, 301. Indianer am
Orinoko schlagen bei Dürre Frösche mit Ruten:
ebd. 1, 292. Auf Java schlagen sich, wenn man
Regen haben will, zwei Männer einander mit
Ruten, bis das Blut herunterfließt. Das fließende
Blut stellt den Regen dar: ebd. 1, 257 f. *6 4 ) Se¬
billot Folk-Lore 1, 103. 165 ) Ebd. 1, 407.
166 ) Rantasalo Ackerbau 1, 27. 29 (soll eine
Nachahmung der vom Winde verursachten
Luftströmung sein). Sonst begleiten Schläge
auf die Erde oft eine Verfluchung: Heiler
Das Gebet 103; Trede Heidentum 3, 230. 231;
ARw. 22, 46; \\ eeks Dreißig Jahre am Kongo
deutsch v. Zech 227. 228. *«) Kuhn u. Schwartz
93 (104). 1 «) 13, 164. *») Laistner Sphinx
1, 322 f.; Stroebe Nordische Volksmärchen
1, 6 f., 2, 35 f.; Maurer Island. Volkssagen 161 ;
Grohmann Sagen 223; Grimm Mythol. 2, 917t ■
Märchen Nr. 96 (,,De drei Vügelkens"); ZfVk.
1, 427; Hess Bl. 28 (1929), 122 f. Dagegen
wird eine gespenstische Katze größer, als sie
einen heftigen Schlag erhält: Schell Berg.
Sagen 26 (21). In Vigaun (Oberkrain) darf man
eine Katze zwar schlagen, muß aber den
Schlag nach rückwärts führen, sonst türmt
sich die Katze zu ungeheurer Höhe auf: Ver¬
na leken Mythen 27 Anm. — Die Knochen
eines geschlachteten Ochsen werden mit Ruten
gepeitscht und das Tier dadurch wieder lebendig
gemacht: Mannhardt Germ. Mythen 39; ARw.
L 2Ö 5 (libysche Wüste). Jungmachende Prügel
kommen öfters im Märchen vor: Panzer Beitr.
9 i f.,‘ Mannhardt German. Mythen 117L
17 °) Zur Erklärung: SAVk. 27, 213 ff. 1™) Lieb-
recht Zwr Volkskunde 333 f. (wo mehr).
* u> ^ Rw ' 2 ' I3 °- 1?3) ZfdM y th - L 240 f. (Mosel).
Ähnlich: Alpenburg Tirol 258, vgl. 252. 314;
Grohmann 200 (1408). 174 ) Strackerjan
L 3 21 »' vgl. ZfVk. 3, 385. 175 ) Strackerjan
1, 321, vgl. 322; Bartsch r, 186; Zaunert
Westfäl. Sagen 262. Bartsch r, 185 f.
12. Gegen feindliche Wesen, nament¬
lich Hexen, wird oft ein Fernzauber
angewandt 177 ). Man kann einen Feind
treffen, wenn man auf ein Kleidungsstück
schlägt 178 ) und dabei seinen Namen
nennt 179 ) oder an ihn denkt 180 ). Ein
Mörder wird auf weite Entfernung durch
Hammerschläge auf den Sargdeckel des
Ermordeten zitiert 181 ). Ein Kutscher
schlägt seine Pferde und veranlaßt da¬
durch, daß ein Dieb das Gestohlene zu¬
rückbringt; die Pferde fühlen gar
nichts 182 ). Milch und Butter werden
mit Ruten ges.en, wenn man glaubt,
daß sie der Verhexung anheimgefallen
sind. Oft erscheint dann die Hexe, weil
sie sich getroffen fühlt 183 ). Auch wenn
der bezauberte Mensch leicht ges.en wird,
fühlt das der Schädiger und muß er¬
scheinen 184 ). Wenn man die Exkremente
der behexten Kuh in einen Sack tut und
diesen prügelt, so wird die Hexe zers.en 185 ).
Man steckt einen auf dem Rücken des
verhexten Viehes gefundenen Strohhalm
in einen Sack und zerdrischt diesen, dann
1
1113
Schlag, Schlaganfall—Schlange
1114
schreit die Hexe 186 ). Von der Hexe ge¬
liehenes Salz wird gepeitscht, und die
Schläge treffen jene 187 ). Wenn ein Wagen
nicht vorwärts will, so muß man in die
Speichen s.n, das fühlt dann die zaubernde
Person 188 ). Wenn man etwas von der
Erde, auf die ein Dieb getreten hat, in
einen Beutel füllt und täglich zweimal
mit einem Stocke so lange darauf schlägt,
bis Feuer kommt, so muß der Dieb die
gestohlene Sache zurückbringen, wenn
er nicht sterben will 189 ). Ist einer mit
Ungeziefer behext, so wickle er drei Stück
in ein Papier und schlage mit einem Ham¬
mer darauf. Die Hexe empfindet jeden S.
und wird kommen, um etwas zu leihen 190 ).
Auch wenn man Staub und Dreck aus den
vier Ecken des Hauses oder Stalles in
einen Sack tut und diesen mit Stecken
schlägt, empfängt die Hexe alle Schlä¬
ge m ).
177 ) Oben 2, 1343; 6, 961. 178 ) SAVk. 2,269 h;
x8, 40; Manz Sargans 108f.; Reiser Allgäu 2,
er Schwaben!, 245!. ;Landsteiner JVze-
derösterreich 54 Anm.2; Schönwerth Oberpfalz
3, 201 f.; ZfVk. 11, 15 f.; ZfrwVk. 14, 62;
Henssen Neue Sagen a. Berg u. Mark,
71; Kuhn Westfalen 2, 192 (543); Fehrle
Zauber u. Segen 650.; Wuttke 270 (398);
Frazer 1, 206 f. 179 ) Birlinger Volkst. 1,467;
Seyfarth Sachsen 60 f. 18 °) Oldenberg Veda
433.509. 181 ) Müllenhoff Sagen 201. 182 )Haas
Rügensche Sagen 3 28. 183 ) Grimm Mythol.
2, 897; Kühnau Sagen 3, 99b; John West¬
böhmen 204 h; Kunze Birkenbesen 22; ZfVk.
xi, 9; Seligmann Blick 1, 285. 314. 315;
Grohmann 139 (1016); Wuttke 445 (700.
701). 446 (704). 448 (706). 184 ) Grohmann
201; ZfdMyth. 3, 342 (Tirol). 185 ) Kühnau
Sagen 3, 25; ZfdMyth. 1, 200; Strackerjan
1, 96. 186 ) Grimm Mythol. 3, 456 (646: Pforz¬
heim). 187 ) Baader Sagen 93 (104). I88 ) Meyer
Baden 558; Drechsler 2, 251. 189 ) Grimm
Mythol. 3, 466 (876: Westfalen). l9 °) Ebd.
3, 458 (692: im Ansbachischen). 191 ) Seyfarth
Sachsen 61.
13. Bei all diesen Zauberhandlungen
wird oft vorgeschrieben, daß die dabei
benutzte Rute von einer bestimmten
Pflanze (Hasel, Dom, Weide usw.) oder
an einem bestimmten Tage (Gründonners¬
tag, Karfreitag, Johannistag usw.) ge¬
schnitten sein muß 192 ). Andererseits
wird auch oft das S.en mit Ruten von
bestimmter Herkunft untersagt. Wen
man mit einem Stecken vom Pimpernu߬
baum schlägt, der wild schwach 193 ). Mit
einem geschälten Stocke schlage man we¬
der Vieh noch Menschen, denn was damit
ges.en wird, muß verdorren 194 ). Über¬
haupt macht der S. mit einem Besen oder
dürren Holze den Geschlagenen mager
und dürr und läßt ihn vertrocknen 195 ).
Wen man mit dem Aberrück vom Rocken
schlägt, der kriegt ein Aberbein 196 ). Die
Esten halten es für schädlich, mit einer
Spindel ges.en oder berührt zu werden.
Geschieht das einer Schwangeren, so be¬
kommt das Kind schielende Augen 197 ).
Der Aargauer Volksglaube sagt: ein Kind,
das man mit dem Zweig der Hasel züch¬
tigt, verkrüppelt 198 ), öfters wird auch
untersagt, das Kind mit einer Weidengerte
zu s.en, sonst wächst es nicht mehr oder
bekommt die Zehrung 199 ). Das Vieh
darf man nicht mit einer brennenden
Rute s.en, sonst vergeht es bald darauf 200 );
auch nicht mit einer gedrehten Rute 201 ).
Auf Island nicht mit einem Ebereschen¬
zweig 202 ). Es ist auch nicht gut, ein
Tier mit einer Rute zu s.en, mit der man
ein Kind gezüchtigt hat 203 ).
192 ) S. namentlich oben 7 (Heilzauber) und 9
(S. mit der Lebensrute). 103 ) Grohmann 101
(703). l94 ) Grimm Mythol. 3, 448 (416).
195 ) Drechsler 2, 236; Kuhn Westfalen 2, 189;
John Westböhmen 109; Bartsch Mecklenburg
2, 144 (644); Urquell 4, 159 (Wotjaken);
Boeder Ehsten 129; Grohmann 112 (829);
Kunze Birkenbesen 24. 42 f.; Frazer 9, 264 f.;
oben 1, 1142. 196 ) Grimm Mythol. 3, 448 (434).
l9? ) Boeder Ehsten 129. l98 ) Rochholz
Kinderlied 522. l99 ) Wolf Beitr. 1, 208; Panzer
Beitr. 1, 266 (56); Meyer Baden 51. 200 ) Groh¬
mann 138 (1004). 201 ) ARw. 2, 38. 202 ) ZfVk.
22, 183. 203 ) Grimm Mythol. 3, 446 ( 377 ).
14. Einzelnes: Wenn jemand einen
andern sehr ges.en hat, so spucke er sich
sogleich auf die flache Hand, daß diesem
der S. nicht schade 204 ). Wen man Sil¬
vester um 12 Uhr tadelt oder schlägt,
der bleibt davon das ganze Jahr ver¬
schont 205 ).
204 ) Grohmann 227 (1617). 205 ) ZfVk.
4, 317 (Ungarn).
S. Kämpfe, Ohrfeige, Pfeffern,
schmackostern. Sartori.
Schlag, Schlaganfall s. Nachtrag.
Schlammbeisser s. Wetterfisch.
Schlange.
1. Natur. 2. Dämonisches Tier. 3. Kult¬
reste. 4. Orakel und Vorbedeutung. 5. Zauber.
6. Medizin. 7. Sage. 8. Darstellung.
Schlange
1116
III5
Es kann sich an diesem Orte nicht darum
handeln, den vielgestaltigen und s. z. s.
über die ganze Erde verbreiteten S.nglau-
ben auch nur summarisch zusammen¬
fassend oder gar entwicklungsgeschichtlich
darzustellen. Wir müssen uns hier auf den
S.nglauben des deutschen Sprachgebiets
beschränken, freilich mit Ausblicken auf
die andern germanischen Völker und Bei¬
ziehung außergermanischer Parallelen. Im
übrigen müssen wir auf die allgemeine
Literatur verweisen x ).
0 Vgl. auch die Literatur unter Kult A. 206.
Zeitl. geordnet: Conr. Gesner Schlangenbuch
(deutsch). Zürich 1589; H. Lutz(en) Ophio-
graphia Physico-Chymico-Medica, Augsburg
1670; J. B. Deane The worship of the serpent,
London 1830; 2™1 edition: 1833; A. de Ches-
nel Dictionnaire des superstitions. Paris 1856:
s. v. couleuvre, serpent, vipere; A. de Guber-
natis Die Tiere in der idg. Mythologie, Leipz.
1874: S. 637 ff.; Pauly-Wissowa 1, 77
(1894); 2. R. 2f 1, 494 ff. (1921); Feil¬
berg Drager, lindorme, slanger i jolkets tro,
in: ,,Naturen og Mennesket“, 1894, 164—196
(nicht eingesehen); C. F. Oldham The sun
and the serpent, London 1905; E. Roh de
Psyche 4 (1907) Register; Encyclopoedia of Re¬
ligion and Ethics (ERE), ed. by Hastings.
Edinburgh 1908 sq. Vol. 13, 538 sq. (Index);
besonders 1, 5250.; n, 399 0 .; O. Keller Die
antike Tierwelt, Leipz. 1909, Register; E. Kü¬
ster Die S. in der griech. Kunst u. Religion, Gie¬
ßen 1913; M. O. Howey The encircled serpent,
London o. J. (1925?); M. Wellmann Die
O-jatxct des Bolos Demokritos (Abh. BerlAk.
1928) S. 18 ff. 24; O. Stoll Suggestion u. Hy¬
pnotismus (Leipz. 1904) 214 f.; J. Th. Storaker
Naturrigerne i den norske folketro. Oslo 1928
{mit vergl. Lit.).
1. Natur. Seit Urzeiten ist die S.
wegen ihrer auffallenden körperlichen
und psychischen Eigenschaften Gegen¬
stand abergläubischer Vorstellungen ge¬
wesen. Ihre Körperform, ihre rasche
Fortbewegung ohne Gliedmaßen, ihr ver¬
giftender Biß und insbesondere ihre
Faszinierungsgabe, die kleine Tiere nicht
nur zu bannen, sondern sogar zu töten
vermag, erklären das zur Genüge.
Uber ihr Wesen haben sich infolge¬
dessen die abenteuerlichstenAnschauungen
gebildet, die sich zum Teil schon im frühen
Altertum finden. Von der Klugheit der
S. und ihrer Fähigkeit zu reden, spricht
bereits die Genesis (3,1), und noch im
Neuen Testament rät Jesus seinen Jün¬
gern, klug zu sein, wie die S.n (Matth.
10, 16). Diese Vorstellung ist ganz all¬
gemein und geht aus zahlreichen Be¬
legen der folgenden Kapitel hervor 2 ).
Zunächst einige Anschauungen des
Volks über das Wesen der S., ihre
Namen u. Arten. In den meisten
Gegenden des deutschen Sprachgebietes
unterscheidet das Volk keine S.n-Arten;
ja sogar die Blindschleiche (s. Bd. 1,
1396) und der Aal (Bd. 1,1) werden viel¬
fach als S. betrachtet. Einzig im deut¬
schen Norden lassen sich Unterschei¬
dungen nach weisen. So bezeichnet man
in Mecklenburg u. einzelnen Gegenden
Niedersachsens (Stade) u. Schlesw.-Hol-
steins, wo aber snaak auch Gattungsname,
(Mensing Schlesw . Wb. 4, 610) mit
Schnake (Snake) die Ringelnatter
(Tropidonotus natrix), mit Adder (Aller,
Arrer) die Kreuzotter (Pelias berus).
In Oldenburg (Ammerland) unterscheidet
man: die schwarzgraue Schnake (,,un¬
giftig“; wohl die Ringelnatter), die bunte
Adder („giftig“), die Kreuzschlange
(„tödlich“, die Kreuzotter). Auch Pom¬
mern kennt die Kreuzotter als giftig 3 ).
Die Bezeichnung „S.“ läßt sich nicht
näher lokalisieren, da sie die allgemeine
ist und immer mehr an Boden gewinnt.
Daneben Natter (Oberpfalz, Böhmen,
Tirol [Nader], Österr. Schlesien, Schweiz
[vereinzelt]), Otter (Sachsen, Schlesien
[neben Adder], Lechrain, Franken,
Württemberg, n.-ö. Böhmen, Ostschweiz
[meist Otere]), Adder od. Atter (Meck¬
lenburg, Oldenburg, Bayern, Schlesien),
Schnake, Snake (Niedersachsen, Meck¬
lenburg), Unke, Onke (Rheinland, Berg,
Eifel, Westfalen, Unterfranken [= Ringel¬
natter] Westerwald, Thüringen); in älterer
Zeit ausgedehnter: Wasserschlange
(alte Zoologie = Ringelnatter), Wasser-
natere (Schweiz: Aargau).
Weiteres über S.n-Namen s. Grimm
Myth. 2, 570 f. (Eigennamen sind an-
ord. Ofnir u. Sväfnir; über Niöhoggr s.
Sagen A. 777).
Jede S. ist im allgemeinen für das Volk
giftig und muß daher getötet werden.
Ausnahmen bilden nur die Haus-S.n (s.
1117
Schlange
1118
Kult) und andere dämonische S.n, deren
Tötung Unglück bringt oder geahndet
wird. Mancherorts (z. B. Schweiz) glaubt
man, daß die giftigen S.n den Menschen
angreifen (mündl.).
Auf reinem Aberglauben beruht die
Vorstellung folgender S.n-Arten:
a) Die geflügelte S. s. Drache (s.
Bd. 2, 364), der oft mit der „Kron-S.“
(s. u. g) verwechselt wird 4 ).
b) Der Has(s)elwurm (in Hannover
auch Hatworm) 5 ). Über ihn gehen die
Vorstellungen auseinander. Drachen-
i artigen Charakter hat er in der schles.
Lausitz: Katzenkopf, grün-gelb gefärbt;
frißt Menschen auf 6 ); ähnlich Pommern 7 ):
, feuersprühend, raubt Menschen und Vieh,
: wirft sich heulend ins Meer 8 ) (vgl. Sees.).
Nach der Tiroler Überlieferung hat er
die Größe eines Wickelkindes und die
Farben des Regenbogens 9 ). In Rollen-
hagens „Froschmeuseler“ wird ein heim¬
tückischer Mensch mit einem Hasel¬
wurm verglichen: „der H. schlich daher,
als wenns ein großer Meerahl wer“ 10 ).
Mancherorts ist er identisch mit dem
(weißen) S.nkönig, der Kronschlange (s.
u. g) 11 ), oder mit der Blindschleiche 12 ).
Nach einem alten Bericht ist der Hasel¬
wurm aus dem Ei eines männlichen
Haselhuhns entstanden (vgl.A.46) 13 ).
Er hält sich an der Wurzel eines Hasel-
strauches auf, an dem eine Mistel
wächst (s. u. A. 36. 147) 14 ) und nährt
sich von Haselblättern 15 ). Er kann
mit einer Haselrute getötet werden
(s. u. Zauber A. 293. 378; Sage A. 673.
707—7 11 ). Wie die Kron-S. besitzt er
zahlreiche magische Eigenschaften:
er macht reich, helisehend, unverwundbar,
verleiht die Fähigkeit, sich unsichtbar zu
machen, die Tier- und Pflanzensprache
zu verstehen, durch verschlossene Türen
zu gehen und schützt vor bösen Geistern 16 )
(s. u. Zauber A. 261. 286 ff.). Unzuver¬
lässig scheint, was Wlislocki, Volksglaube
65 von der „Haselschlange“ sagt 17 ).
c) Der Mur bl (wohl Metathese aus
Wurtnl), eine sagenhafte S. im Wurm¬
bachtale (Tirol) von kurzer, dicker Form,
„wie ein Wickelkind“ 18 ).
d) Der Stollenwurm, eine kurze,
dicke S. mit einem Katzenkopf (zuweilen
Krone; s. o. Anm. 6. 11) u. raupenartigen
Füßen 19 ).
e) Der Berg-, Birgstutze, eine S.
mit Füßen 20 ).
f) Der Tatzelwurm, S. mit 4 Füßen 21 ).
Von S.n mit Füßen wird überhaupt
hie u. da berichtet; noch im April 1935
(Nr. 16) bildet die „Berliner Illustr.
Ztg.“ ein tatzel- oder stollenwurmartiges
Tier ab, das in der Nähe von Meiringen
photographiert worden sein soll [!] (s. a.
National-Zeitung, Basel, 17. April, Morgen-
bl. 22 )). Ursprünglich, vor ihrer Verfluchung,
soll die S. Füße gehabt haben (s. A. 55) 23 ).
g) Viel häufiger ist die Vorstellung ge¬
krönter S.n, über die zahlreiche Sagen
berichten (s. Sage A. 627 ff.). Nach dem
böhmischen Volksglauben wächst der
Haus-S. (s. Kult) eine goldene Krone,
nachdem sie 10 Jahre in dem Haus ge¬
weilt hat. Diese Krone entsteht aus
Blumen, welche die S. während dieser
10 Jahre frißt. Die Blumen verwandeln
sich in dem Leibe der S. zu Gold. Jeden
Morgen vor Sonnenaufgang kommt die
S. hervor u. wartet so lange, bis die
Sonne einen kleinen Fleck bescheint.
Auf diesen Fleck legt die S. die ange¬
fangene Krone u. arbeitet so lange daran,
bis die Sonne vollends aufgegangen ist.
Sobald diese aber mit ihren Strahlen die
ganze Erde beleuchtet, schlüpft sie wieder
in ihr Loch, weü sie das Sonnenlicht nicht
vertragen kann 24 ). Man hat versucht,
die Krone natürlich zu erklären: als die
chromgelbe Zeichnung auf dem Kopfe
der männlichen Ringelnatter (bei der
weiblichen weiß) 25 ). Bei der weit ver¬
breiteten Vorstellung gekrönter Tiere
überhaupt ist das unnötig. Zu erwähnen
ist jedoch, daß Zähne aus Kuh-, Käl¬
ber- oder Schweinekinnbacken im
Volke oft als S.n-Kronen gelten und als
glückbringend angesehen oder gegen Gift
verwendet werden 26 ). Auch „Kronen“
aus vergoldetem Lehm werden ver¬
kauft 27 ). Seltener spricht man von
zwei gebogenen Haken, welche eine
elfenbeinerne Krone halten 28 ). Im
Bergischen glaubt man, daß die Forellen
vor dem Glanz der S.n-Krone er bl in-
Schlange
1119
den 29 ). Manchmal ist die Krone auch
diamanten 30 ), oder es wird von einem
Karfunkel gesprochen, der als Auge des
S.n-Königs angesehen wird 31 ). Dieser
S.n-Stein ist nicht zu verwechseln mit
dem unten erwähnten S.n-Stein (s.
A. 80 ff.).
Im Glauben der Samländer (Ost¬
preußen) hat der S.nkönig 12 Köpfe
und auf jedem eine Krone 32 ). Von
seiner Größe wird berichtet (vgl. A. 74) 33 ).
Flintenkugeln prallen an ihm ab 34 ).
Seine Farbe ist meist weiß (s. Orakel
A. 231; Sage A. 730), aber auch schwarz
und weiß gesprenkelt 35 ). Ihre Wohnung
haben die Schlangenkönige unter Hasel-
stauden (s. A. 14. 147) 36 ) oder unter
einem großen Stein 37 ). Um sie sind
ganze Scharen von S.n versammelt, mit
denen sie Tagungen abhalten 38 ). Nach
elsäß. Glauben können gekrönte S.n
singen (s. A. 141) 39 ).
h) Alt scheint die Vorstellung von
Schieß-S.n (s. Sagen A. 740), die im¬
stande sind, weite Sprünge zu machen.
„Jaculus haizt ain schozslang. diu
fleugt, sam Isidorus [Etym. 1 . XII. C.
IV, 29] spricht; von der spricht Lucanus
[Pharsalia IX, 7x9]: die snellen schie-
zerinne, wann si springent auf die paem
[Bäume], und so in ain tier begegent,
so werfent si sich auf ez also sneli als
ain geschoz... und toetent daz tier“ 40 ).
Auch sonst ist dieser Glaube im Alter¬
tum schon bezeugt 41 ). Nach Adelung
(Wörterb. 4, 65) ist die Schieß-S. „eine
Art ausländischer S.n, welche wie ein
Pfeil auf ihren Raub zu schießen pflegt“.
Das DWb. (9, 51) zitiert Campe,
Stieler, Frisch. Vereinzelt auch in neuerer
Zeit erwähnt 42 ), Springworm 43 ). Vgl.
auch A. 65.
i) Ähnlich die Reif-S. der Pennsyl¬
vania-Deutschen u. Schweden (hjulorm).
Sie bildet einen Reif, indem sie in den
Schwanz beißt. Auch sie kann springen.
Was sie antrifft, tötet sie 44 ).
k) Uber die sagenhafte See-S. s. d.
Entstehung der S.: a) Aus dem
Gründonnerstagsei einer schwarzen
Henne 45 ) oder aus einem Hahnei
(Frankr.) 46 ) (vgl. Basilisk Bd. 1, 935).
b) aus Natterwurz (Echium vulg.)
(s. Zauber A. 295. 392). Man mischt
I das Kraut nebst der blauen Blüte mit
vierblättrigem Klee und vergräbt beides.
Nach 7 Wochen werden daraus grüne
Würmer oder S.n, die jedoch noch nicht
leben. Diese genommen, gedörrt, ge¬
pulvert u. in eine Ampel geworfen, machen,
daß man überall S.n sieht (s. Zauber
A. 272) 47 ).
c) aus Weiden 48 ).
d) aus Mist? Die bergische Sage läßt
es im Unklaren, ob die S.n nur aus dem
Mist kriechen, wo sie ihre Wohnstätte
haben, oder ob sie darin entstanden
sind 49 ); im englischen Aberglauben aus
Schlamm 50 ).
e) aus Pferde- oder Menschen¬
haaren (Frankreich) 51 ); in einem ver-
verkorkten Fläschchen mit Wasser
(Basel, mündl. ca. 1880).
f) aus dem Rückenmark des Men¬
schen: „man spricht auch, daz auz des
menschen mark slangen werden und
allermaist aus des ruks dorn“ 52 ). Der
Aberglaube ist schon antik 53 ).
Urgestalt. Bis die S. von Gott ver¬
flucht wurde, konnte sie sprechen und
ging aufrecht auf dem Schwänze; dann
mußte sie auf dem Bauche kriechen (vgl.
1. Mose 3, 14) 54 ). Nach anderer Über¬
lieferung hatte sie Beine, deren Stümpfe
jetzt noch unter der Haut sichtbar seien
(s. A. 23) 55 ).
Begattung u. Gebären. Im Mittel-
alter wurde geglaubt, daß das Weibchen
durch das Maul befruchtet werde und
bei der Begattung dem Männchen den
Kopf abbeiße 56 ), und daß die Jungen
den Leib der Mutter gewaltsam durch¬
brechen 57 ). Beides findet sich schon
im Altertum.
Nach älterem Aberglauben begatten
sich die S.n mit den Aalen (s. Bd. 1, 1) 58 )
und Muränen 59 ). Überhaupt werden
Aal und S. zuweilen verwechselt 60 ). Die
Begattung mit Enten ist aus dem
mecklenburgischen 61 ), mit einer Henne
aus dem französischen Aberglauben be¬
zeugt 62 ).
Im Norden glaubt man, daß sich die
S. zum Gebären an einen Baum hänge
1121
Schlange
1122
und die Jungen fallen lasse, da sie sonst
von diesen totgebissen werde 63 ).
Unklar ist der Vers in Ben Jonsons
Prolog zu „The Devil is an Aß“:
Or, tül we speak, must all run in, to one,
Like the young adders to the old one's mouth 64 ).
Eigenschaften (s. a. Zauber). Über
die Klugheit der S.n s. Natur A. 2:
„Die rothen und Schuß-Attern sind sehr
giftig, gehen durch Eisen wie eine
Kugel und halten sich gern in den Filzen
(Moor) auf“ (s. o. h) 65 ).
Weiße S.n durchfahren den Men¬
schen wie ein Pfeil 66 ).
Auftreten. Bis Mariä Geburt (8.Sept.)
sind die Nattern sichtbar; dann ver¬
schwinden sie in ihren Löchern 67 ).
In Ungarn gilt: S.en, die sich bis zum
Laurentiustage (10. Aug.) nicht für den
Winter verkriechen können, gehen zu¬
grunde 68 ).
Alter und Tod. Eine alte Über¬
lieferung sagt, daß die S. unsterblich
sei, weil sie sich durch Abstreifen der
Haut immer wieder verjünge 69 ) (vgl.
Zauber A. 288).
Anderseits heißt es, daß keine S. älter
* werde als 10 Jahre; dann fahre sie in
die Hölle 70 ). Sie stirbt aber nicht, vor
Sonnenuntergang 71 ). In Norwegen
jedoch wird geglaubt, daß eine S., die
mit einem scharfen Instrument (Beil,
Sense) getötet worden, nach Sonnen¬
untergang wieder lebend werde 72 ).
Nach Agrippa von Nettesheim (2, 18)
stirbt sie, wenn einmal durchstochen;
zweimal durchstochen genist sie wieder.
„Ambrosius spricht, daz ains nüchtam
menschen spaichel die slangen ertoet“ 73 )
(s. Zauber A. 408; Medizin A. 597).
Manchen nordischen Aberglauben über
das Töten der S. und seine Folgen s. bei
Storaker Natur 232 f. 230 f.; über die
findige Weise, mit der sich die S. an
dem zu rächen versteht, der sie ange¬
griffen vgl. A. 167; Sagen A. 747.
Körperliches. Über besonders große
S.n berichten zahlreiche Sagen schon im
Altertum (vgl. A. 33) 74 ). Die S.n be¬
sitzen nur 3 Zähne, deren Biß aber
unheilbar ist 75 ).
Es soll S.n geben, die auf der Seite
Bäcbtol d-Stäubli, Aberglaube Vll
9 Augen haben. Der pommersche Volks¬
mund nennt sie „Edder“ und sagt: Wird
jemand von einer solchen S. gebissen,
so fallen ihm 9 Löcher (s. A.100 112) ein;
jedes Jahr heilt ein Loch zu, und wenn
das neunte heil ist, muß der Mensch
sterben (Wusseken, Pommern) 76 ). Viel¬
leicht ist das eine Verwechslung mit dem
Neunauge (Petromyzon). Nur antik
(Aelian) scheint die Meinung, daß die S.
ihr Herz in der Kehle habe 77 ).
S.n mit Ringzeichnung um den
Hals 78 ) werden von keinem Hunde
angegriffen 79 ).
Alt und weitverbreitet ist die Vor¬
stellung von dem heil- und zauberkräftigen
S.nstein, dessen Herkunft aber ganz
verschieden gedacht wird (s. a. oben
A. 30. 31) 80 ). Er ist entweder ein Edel¬
stein im Kopf der S. 81 ), oder er wird
von der S. ausgespien 82 ), oder von
vielen S.n zusammen (vgl. Sagen A. 681)
gemacht und bei ihnen gefunden (auch
„S.n-Ei“) (A. 86; Zauber A. 303) 83 ). Zu¬
weilen ist der zauberkräftige Stein in
der Krone 84 ). Ein anderer S.nstein,
wohl ein pharmazeutisches Präparat,
ist früher medizinal verwertet worden.
Adelung definiert ihn in seinem Wörter¬
buch (4, 118): „ein kleiner schwarzer
Stein mit einem schmutzig weißen Fleck
auf beiden Seiten, von welchem man irrig
glaubt, daß er in S.n gefunden werde
und das Gift an sich ziehe“. Etwas anders
die „Schatz-Kammer der Kaufmann¬
schaft“ (Leipzig, Heinsius, 1741, II, 1287):
„ein platter, ganz runder Stein,
der so breit ist als ein Liard in Frankreich,
jedoch bisweilen auch oval, dick in der
Mitten und am Rande dünne, zart und
von Farbe schwarz. Viele Geschicht¬
schreiber merken an, daß dieser sich in
dem Kopfe einer S.nart befinde . . .
Im Deutschen heißt sie Br illens.
Allein die heutigen Scribenten wollen
lieber glauben, daß dieser Stein (ein)
Gemenge sei von allerhand wider den
Gift dienlichen Materien: Solches werde
von den Indianern zubereitet, und
daraus dergleichen Küchlein zugerichtet,
wie wir zu sehen kriegen. Dem sei wie
ihm wolle, der Stein ist in gar viel Ländern
36
1123
Schlange
1125
Schlange
1126
hochgeachtet” (Folgt die Verwendung 85 )).
Daneben galt der Serpentin (s. Zauber
A. 260; Medizin A. 555 ff.) als S.nstein
oder -ei (s. Anm. 83). Die Ähnlichkeit
seiner Farbe mit der S.nhaut mag zu
dieser Vorstellung und auch zu dem
Namen: Serpentin von lat. serpens, griech.
Ophites (zu ophis „S.”) geführt haben 86 ).
„Donnersteine” wurden zuweilen „S.n-
steine” genannt 87 ). Auch andere Amu¬
lette und Talismane aus Stein, Glas,
Fossilien usw. werden als S.nsteine,
-äugen oder -eier bezeichnet 88 ). In Eng¬
land sind „adderstones” Steine, die durch
„Natterstich” ausgehöhlt sind; sie sind
zauberkräftig 89 ). Über den Edelstein,
den die S. als Dank spendet, s. u. Sagen
A. 638—640.
Sehr verbreitet ist die Meinung, daß
die S. steche, und zwar mit der Zunge
(s. A. 137) 90 ). „Noch immer glauben
Leute, daß die giftigen S.n mit der Zunge
stechen”, sagt J. P. Hebel 91 ). In Mecklen¬
burg wird der ,,Stich” der Kreuzotter
(Adder) mit ihrem „Angel” für tödlich
angesehen; auch die Ringelnatter (Snak)
vermag zu stechen, aber nur in die Ferse
(vgl. 1. Mose 3, 15). Dieser „Stich” ist un¬
gefährlich 92 ). Auch andere Länder kennen
diese Meinung 93 ). In Norwegen wird die
Zunge „ormenäl” (S.nnadel) oder „eiter¬
pinne” (Giftspitze), der S.nbiß „ormestyng”
(S.enstich) genannt 94 ). Das Gift kommt
durch einen Kanal im Rücken („eiter-
pipa”). Auch in England 95 ) kommt der
Glaube an die Giftigkeit der Zunge vor.
Diese volkstümliche Vorstellung hat wohl
auch deutsche Bibelübersetzer veranlaßt,
von der stechenden S. zu sprechen (1. Mose
3, 15; Prediger 10, 8 [Vulgata: „morde-
bit”]; Jesus Sirach 21, 2), obschon die
Verba im hebr. Grundtext anders lauten.
Vgl. über den S.n„stich” auch die S.n-
segen. Von dem Stechen mit dem
Schwänze spricht eine mittelalterliche
Erzählung 96 ). ;
Gift und Biß. Mancherorts wird
jede S., auch die Natter, als giftig (s. u.
A. 107) angesehen 97 ), sogar die Blind¬
schleiche (s. 1, 1396). Das Gift ist bei
heißem Wetter und bei Tage schärfer,
als bei kühlem und bei Nacht 98 ). Die S.n
1124
ziehen nach steiermärkischem Glauben
ihr Gift aus der Sonne "), nach schles-
wigischem aus der Erde und spritzen es
mit ihrer Zunge dem Menschen in die
Haut, daher zeigen sich nach dem „Stich”
zwei Löcher 100 ) (vgl. A. 76,112),oder haben
es nur zu bestimmten Zeiten (vor
Mariä Verkünd. 25. März) 101 ).
Von dem Hauch der Gifts, allein
bilden sich auf der Rinde einer vorge¬
haltenen Gerte Blasen, und ein Schwert
wird durch die Berührung mit der Zunge
zerfressen 102 ). Der Glaube, daß die
großen S.n ihr Gift in der Lebert
die kleinen im Eingeweide haben, schein,
antik 103 ). Über die giftige Zunge s. o.
A. 90. Zuweilen herrscht die Meinung,
daß das Gift der S.n von giftigen
Kräutern stamme, die sie verzehren 104 ).
Deshalb glaubt man auch, daß die Hauss.
(s. Kult) alles Gift im Hause an sich
ziehe 105 ). Nach Caesarius soll eine S.
das Gift aus einer Wunde gesogen
haben 106 ). Über die Giftigkeit der ver¬
schiedenen S.n herrschen zuweilen un¬
richtige Ansichten:
Stickt di 'n Adder (Kreuzotter),
steist noch mal Vatter (!);
stickt di’u Snaak (Ringelnatter),
kriggs 'n witt Laak (Leichentuch) (!);
stickt di 'n Sünndrang (Blindschleiche),
gaht de Klocken klingklang.
(ebd. Variante)
Bitt di 'n Snaak (Ringelnatter)
is ken Raad (Hilfe) (!)
bitt di 'n Aller (Kreuzotter)
steist noch mal Valler (Vater)
stickt di 'n Sünndrang (Blindschleiche)
gaht de Klocken Klingklang «»).
Schon mittelalterlich ist der Glaube,
daß die S. vor dem Bade ihr Gift auf
einen Stein ausspeie, manchmal mit
der Beifügung, daß sie sich den Kopf
an dem Stein zerschlage, wenn sie das
Gift nicht mehr finden könne 108 ). In
Böhmen gilt der Glaube, daß sich die S.
am Stephanstage (26. Dez.) bade und
ihr Gift ins Wasser spritze 109 ). Wird
die S. vom „Donner“ getroffen, so ver¬
liert sie ihr Gift no ). Ist der Mensch
gebissen, so steigt das Gift empor;
damit das nicht geschehe, hänge man
ihn an den Füßen auf 111 ). Es gibt eine
Sorte S.n, die immer 9 Löcher beißen
V
• *
\ müssen (vgl. A. 76. 100) 112 ). Wer von
* der „Dursts.” (situla) gebissen wird,
verfällt in eine feurige Hitze und ver¬
brennt in sich selbst U3 ). Diese Meinung
ist wohl auf die Antike beschränkt, wie
eine ganze Reihe von andern, die Megen-
berg erwähnt 114 ). Lebend dagegen ist
der Glaube, daß S.n, die auf einer Wiese
getötet wurden, das Gras so vergif¬
teten, daß im nächsten Sommer alle
Kühe starben, die davon fraßen 115 ).
Pflanzen sterben ab (Frankr.) 116 ). Ge¬
bissene Menschen können das Gift sogar
durch ihren Atem auf andere übertragen
(ebd.) 117 ). Bei den Pennsylvaniadeutschen
heißt es, daß die Horns, am Schwanz
ein Horn habe. Was immer sie damit
sticht, stirbt ab, und wäre es ein Baum 118 ).
Wiederum aus der Antike schöpft
Megenberg den Glauben, daß die „Natter“
. mit ihrem Gift das Wasser verderbe 119 ),
und daß die S., die einen Menschen mit
ihrem Biß getötet habe, selbst sterben
müsse 12 °). Wenn die S. gebissen hat,
muß sie in's Wasser schlüpfen, sonst
Stirbt sie, die Erde nimmt sie nicht mehr
auf 121 ); nach älterem Glauben kann sie
nur noch auf faulen Bäumen wohnen 122 ).
Vereinzelt steht die Überlieferung von
Schmerikon (Kt. St. Gallen), daß die
giftige Zunge der Ringelnatter (Tropi-
donotus natrix), einer Verleumderin in
das Getränk geworfen, deren Zunge so
auf sch wellen lasse, daß sie nicht mehr
sprechen und essen könne (s. a. Zauber
A. 357 ) 123 )-
Wohl aus dem Norden kommt der
Glaube, daß die S. nicht durch Wolle
beißen könne; daher schützen wollene
Strümpfe vor S.nbiß 124 ). In Schweden
gilt der für immun gegen S.nbiß, der
einmal von einem Hund gebissen worden
ist, aber nicht umgekehrt; auch Donners¬
tags-, Sonntags-, Weihnachts¬
und -Stiefkinder sind sicher vor S.n¬
biß 125 ). Uber die Scheu der S. vor
nackten Menschen s. u. Zauber A. 422,
über das Unschädlichmachen des Bisses
dadurch, daß man vor der S. fließendes
Wasser erreicht: ebenda A. 421 und
Sage A. 658. Megenberg (284) berichtet
von der „Tirus”-S., daß sie, neben Chri¬
stus am Kreuz hängend, dessen Blut
getrunken habe; seither sei ihr Fleisch
heilsam gegen jedes Gift (s. Theriak,
Medizin A. 433), nur nicht gegen das der
S. selbst. Andere Mittel gegen S.en-
biß s. u. Zauber A. 409 ff.; Volks¬
medizin A. 570 ff.
Verbreitet und alt 126 ) ist die Meinung,
daß die S. Milch trinke, Kühen und sogar
Frauen Milch aussauge (s. u. A. 155,
Kult A. 207. 212 u. Sagen A. 617 ff. 712.
769). Grundsätzliches über das Milch¬
trinken der S.n überhaupt und das
Saugen im besonderen s. Olbrich in den
MschlesVk. Heft n (1904), 67 ff. 127 ).
Beides ist naturwissenschaftlich abzu¬
lehnen. Literatur s. ferner u. Sage A. 617.
712, wo auch über schlangensäugende
Frauen. Hieher vielleicht der Aber¬
glaube, daß die Ottern demjenigen nach¬
ziehen, der mit einem Butterbrot in
den Wald geht 128 ).
Nur antik ist der Glaube, daß die S.
den Wein liebe 129 ).
Die Ansicht, daß sich die S. von Staub
oder Erde nähre (nur mündlich bezeugt)
ist biblischen Ursprungs (Gen. 3, 14;
Micha 7, 17; Jes. 65, 25).
Daß der S.n blick faszinierend wirkt,
ist eine längst bekannte Tatsache (vgl.
Auge Bd. 1, 684; Basilisk i, 936) 130 ),
er kann sogar töten 131 ). Anderseits
herrscht die Meinung, daß die S. sehr
schwache Augen habe 132 ) und zur
Kräftigung Fenchel esse 133 ).
Von dem Kopf sagt Megenberg, daß
die S. ihn berge, indem sie den ganzen
Leib darum winde und so den Feind
angreife (!). Wenn sie nämlich den Kopf
beschirme, so bleibe sie lebendig, wenn
auch der übrige Teil des Körpers zugrunde
gehe 134 ).
Bei der Beschwörung stecke sie ein
Ohr in die Erde und bedecke das andere
mit dem Schwanz, um den Zauberspruch
nicht zu hören (nach Psalm 58, 5) 135 ).
Auch der Glaube, daß die S. taub sei,
scheint vorzukommen 136 ).
Die S.nzunge gilt als giftig (s. o. A. 90.
123) 137) Zähne fossiler Haifische und
andere fossile Gebilde werden als S.n-
zungen bezeichnet (s. Bd. 2, 1716 ff.;
36*
1127 Schlange II28
3, 877 ff.) 138 ). Im römischen Altertum
galt die Zunge als dreispaltig 139 ).
Sobald die S. in Gefahr ist, pfeift sie;
dann kommen ihr andere S.n zu Hilfe 140 )
(s. u. Sage A. 651 ff.). Auch sonst ist das
Pfeifen oder sogar Singen bezeugt (s.
A. 39; Zauber A. 298) 141 ). Gegen Schlag
schützt sie sich mit ihrem Schwanz 142 ).
Daß sie Quellen bewacht, ist eine
alte Vorstellung 143 ).
Ebenso das Verhältnis der S. zu ge¬
wissen Bäumen. Besonders scheut sie
die durch Eschenlaub (s. a. A. 151) oder
Esche (s. Bd. 2, 999) 144 ). Man kann
sie mit einem Eschenzweig bannen oder
töten (s. u. Zauber A. 384). Man bringt
damit auch die nordische Sage von der S.
NiÖhoggr zusammen, die die Wurzel der
Esche Yggdrasil benagt (s.Sage A.777) 145 ).
Der Saft der Esche ist gut gegen S.nbiß
(s. u. Zauber A. 386, Volksmedizin A. 588 a).
In Devonshire bannt man mit dem Zweig
der Esche die S.n und nimmt ihnen ihr
Gift 146 ) (s. a. u. Zauber A. 387).
Auch zur Hasel sind Beziehungen da.
Einerseits vertraute, indem die S. gern
an der Wurzel dieses Strauchs weilt
(s. o. A. 14. 36) 147 ); anderseits feindliche,
indem die S. mit einer Haselrute getötet
werden kann (s. u. Zauber A. 293. 378 ff.;
Sagen A. 680. 707. 708).
Über die Birken (s. Zauber A. 388)
gehen die Meinungen auseinander: ent¬
weder nisten die S.n gern unter Birken 148 ),
oder man vermag sie mit einem Birken¬
zweig zu töten 149 ). Zu der Eiche lassen
sich im späteren Abendland keine Be¬
ziehungen mehr finden 150 ). Nicht ganz
klar ist, was Plinius von den Brombeer¬
stauden sagt (24, 73): „adversantur ser-
pentium sceleratissimis: haemorrhoidi
(Blutschlänge) et presteri („Durstschlan¬
ge“)“ (s. o. A. 113). Von dem Kraut „Ser¬
pentine“ (Allermann sh ami sch ?) wird
im Kt. Wallis (Schweiz) dasselbe gesagt,
wie vom Eschenlaub (s. 144: Plinius;
Panzer), daß die S. eher in's Feuer
gehe, als über dieses Kraut krieche 151 ).
Häufig herrscht die Vorstellung, daß
S.n, meist durch den Mund, in den
Leib des Menschen kriechen oder
hineingezaubert werden können (s. Me¬
dizin, Schluß; Sagen A. 762. 763) 152 ),
oder auch, daß S.neier unvermerkt im
Moorwasser getrunken werden und dann
im Leibe ausschlüpfen 153 ). Über das
Gebären von S.n s. Orakel A. 246.
Da, wo es sich um Frauen handelt, werden
in den meisten Fällen Wollustträume
die Ursache zu diesem Glauben bilden 154 )
(s. u. Sagen 762. 763; phallisch: s. Däm.
A. 200). Dr. med. J. Reichborn-Kjen-
nerud: Oy men i nordisk folkemedisin
(Norges Apotekerforenings Tidsskrift
1924; S.-A. S. 7) teilt jedoch mit, daß
1921 in dem Leib eines Mädchens durch
Röntgenbestrahlung im Reichsspital zu
Oslo eine Viper festgestellt wurde, die
während des Schlafs durch den Mund
in den Magen geschlüpft war. Wieder
herausgelockt wird die S. durch Milch
(s. o. A. 127 und Sagen Anfang; ferner
hier Bd. 6, 322 Anm. 339) 15ä ). Ein
anderes Mittel ist Stickwurz (Bryonia
dioica) 156 ); in Rezeptbüchem wird noch
eine Reihe weiterer Mittel genannt 157 ).
In einem Falle kriecht die S. wieder aus
dem Mund, als sich das Mädchen an die
gleiche Stelle im Walde legt, wo die S.
hineingekrochen 158 ).
Verhältnis zu andern Tieren.
Ihr Todfeind ist das Wiesel (s. Zauber
A. 390) 159 ), ein Glaube, der sich aus dem
Altertum vereinzelt bis in die neuere Zeit
gerettet hat; ebenso das Schwein 160 ),
in Frankreich die Kröte und die Gril¬
le 161 ), in der Antike der Ichneumon 162 )
und der Ibis 163 ). Über ihre Feindschaft
mit dem Adler s. d. Bd. 1, 181 Anm. 106
und Küster Schlange 127 ff.; Anhorn
Magiol . 928 (auch Storch); über Niö-
höggr und Adler s. Grimm Myth. 2, 664L
Bei den Juden (Agada) gilt der Hirsch
als Feind (s. Zauber A. 397; Medizin
A. 439. 588) 164 ). Nach Plinius verbrennt
der Hauch des Hirsches die S. 165 ). Natur¬
geschichtlich berechtigt ist vielleicht der
Glaube, daß, wo Eidechsen sind, sich
auch S.n befinden (vgl. überdies: Sagen
A. 761) 166 ).
Vereinzelter naturwissenschaft¬
licher Glaube. Verletzt man eine S.,
ohne sie töten zu können, so rächt sie
sich nach 3, 7, 10 oder 15 Jahren (Nor¬
1129
Schlange
1130
wegen) (vgl. hinter A. 73; Sagen A.
747) 167 ). Wenn man S.neier ins Feuer
wirft, wird die Mutter durch den Geruch
angezogen 168 ). Wohlgerüche vermeidet
sie 169 ); ebenso Tabakrauch (Buko¬
wina) 170 ). Der Glaube, daß den S.n Augen
und Schwanz wieder nachwachsen, ist '
antik 171 ). Im Tirol glaubt man, daß die
schlangenförmigen Linien auf dem Kirsch¬
baumlaub von kleinen S.n herrühre, die
auf die Kirschbäume herunterregnen 172 ).
Wirft man eine Ringelnatter in einen
Ameisenhaufen, so schreit sie, daß man
taub wird 173 ). Nach schleswig-holstei¬
nischem Glauben dagegen wohnt die S.n-
königin in einem Ameisenhaufen und wird
von den Ameisen beschützt und genährt 174 ).
2 ) S. a. Riegler Tier 203; Hopf Tierorakel
182 ff.; Dähnhardt Nat. Sagen 1, 92. Über
die 5 Weisheiten der S. bei Hugo von Lan¬
genstein Martina 15, 84 ff.; s. Köhler Kl.
Sehr. 2, 133. 136. 3 ) Bartsch Meckl. 2, 484;
ZfdMyth. 2, 294 Anm.; Strackerjan 2, 172;
ZfVk. 9, 212; Mensing Schlesw.-Wb. 1, 44; 4,
524; Shakespeare braucht snake, serpent, adder,
worm unterschiedslos: Phipson Animal-Lore
of Shakespeare’s time 372. 4 ) Grimm Myth.
2, 573 ff.; vgl. Len z Zoologie 433 (n. Herodot);
Seligmann Blick 1,218; S ebillot Folk-Lore 258
(bekommen nach 7 Jahren Flügel); Abel Vor¬
weltliche Tiere 15. 21 ff.; Haupt Lausitz 1, 75;
Sieber Sachs. Sg. 193 (Ottern kommen ge¬
flogen). 6 ) ZfdMyth. 2, 295. — Dänisch: Has¬
linger Grundtvig Gamle danske minder 2, 113;
nach DWb. IV, 2, 534. 6 ) Haupt Lausitz 1, 75.
7 ) Haas Greifswald 50 (Eilh. Lu bin Pomeraniae
descriptio „magnos serpentes, quos Germani
Haselwurme vocamus“). 8 ) Jahn Pommern 171.
®) Zingerle Sagen 184. 10 ) DWb. IV, 2, 534.
ll ) ZfVk. 11, 12; Sepp Sagen 615; ZfdMyth. 3,
30 f. (Kärnten); Hauffen Gottschee 102; Lexer
Kämt. Wb. 260 (fehlt bei Gräber Kärnten );
Alpenburg Tirol 218. 303. 12 ) ZfdMyth. 2, 295
(Northeim, Hannover); Baumgarten Aus d.
Heimat 1, 120; vgl. Bd. 1, 1396 (Blindschleiche).
x3 ) ZfVk. 28, 49 (nach EntzeltDß re metallica
1551, 244). l4 ) Hovorka-Kronfeld 1, 200;
Wuttke §58; Anhorn Magiologia 930; ZfVk.
11, 12; Alpenburg Tirol 378; Sepp Sagen 615;
Mackensen Name u. Mythos 45 f. (Anlehnung
an „Hasel“ sekundär); Folklore 32, 265. 15 )
Zingerle Sagen 185; Alpenburg Tirol 378; j
Wuttke §58. 16 )Kronfeld ATWtfg 98; Wuttke j
§58; Alpenburg Tirol 302 ff. 378; Zingerle
Sagen 183 f. 17 ) ZfVk. 2, 210 (Rezension von
Pischel). l8 ) Alpenburg Tirol 379- 19 ) Grimm
Myth. 571; Panzer Beitr. i, 345 (nach Wyss
Reise 422); Rochholz Sagen 2, 7; Naturmythen
188; Fient Prättigau 241; Kohlrusch Sagenb.
47ff.; Alpenburg Tirol 379; Vernaleken
Alpens. 264; ausführlich, mit weiterer Lit.:
SchwVk. 15 (1925), 19ff.; Laistner Sphinx 1,90.
20 ) Panzer Beitr. 1, 345; Baumgarten Aus d.
Heimat 1, 120; Andrian Altaussee 143. 21 )
ZdöAlpenV. 1887, 208 ff. 22 )Künzig Schwarz¬
wald 80; Kuoni St. Galler S. 191 f.; Fient
Prättigau 241; Krauß Sitte u. Br. 511 (S. ver¬
birgt ihre Füße); Sebillot Folk-Lore 3, 259;
Hovorka-Kronf. 1, 383. 23 ) Gorion Sagen
d. Juden 1, 88; Sebillot Folk-Lore 3, 255. 259;
24 ) Vernaleken Alpens. 258 t. 25 ) Lippert
Christentum 496; Bay. Hefte 1, 119; Elsaßl. 14,
34. 26 ) Adelung Wörterb. 4, 118; Schatzkammer
der Kaufmannschaft (Leipzig, Heinsius, 1742)
4, 127; Elsaßl. 14, 34. Außer der bei den Kron-
schlangensagen (s. u. A. 627) verzeichneten
Literatur vergl. noch über gekrönte S.en:
Strackerjan 2, 172; Schell Bergische Sg. 498;
Bartsch Meckl. 1, 273; 2, 485 (alle S.en be¬
kommen zuletzt eine Krone u. heißen dann
S.en-König); Kühnau Sagen 2, 373; Drechs¬
ler 2, 183 (Ottern-Königin); MSchlesVk. 9
(1902), 25; Vonbun Sagen 2 173 (a); Rochholz
Nat. Mythen 159 (mit Schlüssel zu Schatz¬
truhen); Lenggenhager Sagen 49; Schra-
mek Böhmerw. 245. 27 ) Andrian Altaussee 141.
28 ) Kühnau Sagen 2, 362. Uber S.en-Hörner
s. ZfVk. 15, 393 f. (Griechen); HansenZaMfe^-
wahn 252 (Papst Johann XXII. Hansen verweist
auf eine Arbeit über S.en-Hörner u. -Zungen in der
Röm. Quartalschr. 12 (1898), 162 ff.); Megen-
berg 266. 29 ) Schell Berg. Sg. 299. ö0 ) Stracker¬
jan 2, 172. 31 ) Grimm Myth. 3, 198; Stöber
Eis. Sg. 1, 1; Sebillot Folk-Lore 1, 242; 2, 207.
443 f.; SAVk. 25, 191 f. 32 ) Reusch Samland 2
42. M ) Birlinger Volkst. 2, 102; Stracker¬
jan 2, 172. 34 ) ebd. 35 ) Eisei Voigtl. 151 Nr.
412. 36 ) Leoprechting 98. 37 ) Sieber Sachs.
Sg- 193 - 38 ) Meie he Sagen 397. 398 (an Johan¬
nis); Meier Schwaben 1, 255; Fogel Pennsyl¬
vania 249 Nr. 1292 (am Piustag); Lemke
Ostpreußen, 96; Schulenburg Wend. Volkst.
48; Grohmann 79; Sagen 218. 220; Rochholz
Sagen 2, 7 (Schlangen-Ting bei den Lappen);
Boeder Ehsten 85 (Marcustag 25. Apr.);
Reichborn Ormen 29; Storaker Natur 239.
39 ) Stöber Eis. Sagen 2,66 (s. a. A. 141). 40 )
Megenberg 273 t. 41 ) Pauly-Wissowa 2. R.
2, 1, 522 axovTta;); Lenz Zool. 452. 462 (n.
Plinius 8, 23, 35; Lucanus, Phars. lat. Jaculus).
42 ) Reusch Samland 43 (Schieß-S.en, Leib¬
wächter des S.-en-Königs); Gredt Luxemb.
Sg. 277 (tragen Kronen, springen auf Bäume
durch die Luft, aus ihrem Rachen Feuerstrahl,
Vögel fliegen hinein); Amersbach Lichtgeister
25. Vgl. Riegler in WS. 8, 105 f. (frz.
gicle). 43 ) Mensing Schlesw. Wb. 1, 45. 44 )
Fogel Pennsylv. 219; Folkminnen och Folk-
tankar 6, 46; Ordbok över Svenska Spraket
Bd. 11 (1931), H 1003. 45 ) Birlinger Volks -
türnl. 1, 123. 46 ) Sebillot Folk-Lore 3, 269. 47 )
Alpenburg Tirol 398. 48 ) Wuttke 146 (Ost¬
preußen). 235 (im Segen). 49 ) Schell Berg. Sg.
53. 50 ) Shakespeare Ant. u. Cleop. 2,7. Sl )
Sebillot Folkl. 3, 257. 52 ) Ovid Metam. XV,
389; Plut. Cleom. 39; Aelian Hist. anim. 1,51;
Schlange
1132
II3I
Megenberg 261, 23 ff.; Vincentius Bellov.
Spec. Nat. 1 . XX, c. IV. 53 ) Lenz Zoologie 453
(n. Plinius 10, 56, 86); Pauly-Wissowa 1,77.
£4 ) ZföVk. 4, 216; Dähnhardt Nat. Sag. 1,
116. 207. 216 ff. 223; 2, 264. Sprechend ebd.
1, 219 ff. 63 ) Mensing Schlesw. Wb. 4, 524.
“) Arch. n. Spr. 55, 285; Physiologus in
Fundgruben ed. Hoffmann i, 21. 28; Herod.
3, 109; Aelian h. anim. 1, 24; Plinius NH. 10,
169; Isidor Etym. 1 . XII, c. IV, 11; Hugo v.
Trimberg Renner V. 10 1230.; Megenberg
285; Sebillot Folkl. 3, 256!.; Reichborn-
Kjennerud Ormen S. 41 Anm. 197 spricht
nur von dem Tod der männlichen S. nach der
Befruchtung; vgl. Bibi. trad. pop. esp. 1, 226.
57 ) Herod. 3, 109; Aristoteles Hist. An.
5, 34; Aelian h. anim. 1, 24; Pliniu s NH. 10,
170; Isidor Etym. 1 . XII, c. IV, 10; Renner
V. 10127; Physiologus, Hoffmann Fund¬
gruben 1, 21. 28; Megenberg 2 85; Sebillot
Folk-Lore 3, 256 f. Noch heute in Hannover:
Heckscher Hann. 1, 325; Plinius N.H. 32,
14; Megenberg 266. 68 ) Für Frankreich (Men¬
ton) s. Sebillot Folk-Lore 3, 258. 59 ) ebd. (Ille-
et-Vilaine). 60 ) Bakker Volksgeneeskunde 202.
61 ) Bartsch Mechl. 2, 182. 62 ) S ebillot a. a. O.
63 ) Reichborn-Kjennerud Ormen 41 Anm.
197; Storaker Natur 226. 64 ) Phipson Ani-
mal-Lore 314. ® 5 ) Leoprechting Lechrain 77.
e6 ) Fient Prättigau 240. 67 ) Drechsler 2, 182;
Grohmann 82. 68 ) ZfVk. 4, 405. 69 ) Frazer
Old Testament 1, 50. 66 ff.; Hovorka-Kron-
feld 1, 381; Höfler Organother. 144; Arch. f.
neu. Spr. 55,283t. (Antike); Physiologus (Hoff-
manns Fundgruben 1, 29); vgl. Abeghian
Armenien 81. 70 ) Vernaleken Alpensagen 259.
71 ) Strackerjan 2, 172; BIPomVk. 8, 93;
Roch holz Naturmythen 196; Fogel Pennsyl¬
vania 220 Nr. 1111; ZföVk 4, 216 (Bukovina);
Hempler Psychol. 99; Landstad Fra Tele -
marken (Oslo) 1927,82; Storaker Natur 232;
Notes & Queries 13. Ser. Bd. 1, 172. 218. 299.
4 I 5 * 45b. 478; Bd. 2, 180. 72 ) Reichborn-
Kjennerud Ormen 12. 73 ) Megenberg 261;
Anhorn Magiol. 928; Lenz Zool . 468 (n.
Aelian 2, 24). 74 ) Lenz Zool. 442. 450. 464. 465.
472 . 473 - 75 ) Megenberg 285. 7 «) BIPomVk.
8 > 6 7 - 93 * 77 ) Arch. neu. Spr. 55, 284; Megen¬
berg 260. 78 ) Storaker Natur 240. 79 ) Heyl
Tirol 246. 80 ) Allgemeines: Howey Encircled
Serpent 356 ff. 81 ) Grimm Myih. 2, 1020; 3,198;
dazu Liebrecht Gervasius 172 (m. indischen
Parallelen); Megenberg 262; Arch. neu. Spr.
55 » 284; Hovorka-Kronfeld 1, 383; Luck |
Alpensagen 43; Henne Volkssage 117 (n. Gerle
Hist. Bildersaal 2, 123); Folklore 32, 265 ff.
(Wales); Amersbach Lichtgeister 27; Wlislocki
Magyaren 83; Grohmann Sagen 219. 222.
82 ) SAVk. 26, 79 (jiddisch). 83 ) Meier Schwaben
L 255; Grohmann Sagen 220 f. (auf dem
Kopfe des S.enkönigs durch Geifer der übrigen
S.en erzeugt. Genaue Beschreibung des Steins);
Seligmann Heil- u. Schutz 223 f.; Amers¬
bach Lichtgeister 26 (S.enei, durch S.enknäuel
gemacht); Reichborn-KjennerudOm^w 29
(Norden, Großbritannien, keltischen Ursprungs;
vgl. Plinius N.H. 29, 52: „S.enei"), zitiert
in Anm. 200: Pannier Lapidaires franp.; Fra-
zer 1, 15; Reichborn-Kjennerud, Bustein
in Maal og Minne 1921, iff.; Storaker Natur
i 239; Folklore 32, 262h.; Sebillot Folk-Lore 2,
443L; Llano Roza Folkl. Astur. 133. Borneo:
Hovorka-Kronfeld 1, 65. **) Häuften
Gottschee 97 (mit weiterer Lit.). 85 ) s. a. Selig-
mann Heil u. Schutz 226. 86 ) Seligmann
Böser Blick 2, 28; Heil u. Schutz 224. 282;
Seyfarth Sachsen 260 f. 87 ) Heinsius Schatz¬
kammer d. Kaufmannschaft 1, 902. 88 ) Selig-
mann Heil u. Schutz 223 ff. zählt davon eine
ganze Reihe aus verschiedenen Weltteilen auf;
Lit. 287, Anm. 27. Als S.enauge, -eier bezeich¬
net Adelung Wörterb. 4, 117 versteinerte Zähne
des brasilianischen Seefisches le Grondeur oder
anderer, auch Echiniten. Aubert et Bour-
rilly Objets et rites talismaniques en Provence
(Valence 1907) 11 erwähnen einen eiförmigen
jad als „S.enei", der medizinal und magisch
verwendet wird. 89 ) Grimm Myth. 1, 537.
90 ) Hiob 20, 16: „Die Zunge der Natter wird
ihn töten". Höfler Organotherapie 145; vgl.
Megenberg 275; MSchlesVk. H. 5 (1898), 44;
Bartsch Meckl. 2, 452; Storaker Natur 226.
91 ) Werke 1834 Bd. 8,96. 92 ) Bartsch Meckl.
2, 484 h 93 ) Phipson Animal Lore 315 (mit
älterer Lit.); Black FMed. 51 Note fl Sebillot
3, 272. 94 ) Reichborn-Kjennerud 10;
Aasen Norsk Ordbog 558. 95 ) Hazlitt Faiths 2,
553 - ö6 ) Klapper Erzählungen 380 Z. 38.
87 ) Reichborn-Kjennerud 10; Sebillot 3,
273. 98 ) Megenberg 260. ") Germania 36,
384 (Steierm.). 10 °) Mensing Schlesw. Wb. 4,
524. l01 ) Reichborn-Kjennerud 26. l02 )
Megenberg 275. 303 ) ebd. 260. 104 ) Grimm
Myth . 3, 198; Wuttke § 153; Wossidlo
Meckl. 2, 348; Strackerjan 2, 172. 173;
vgl. Grohmann 51. 81. 105 ) Baumgarten
Aus d. Heimat 1, 117. 106 ) Wolf Beitr. 2, 444.
107 ) Mensing Schlesw. Wb. 1, 45; 4, 611. Eine
sinnwidrige Vermengung s. HmtK. 18, 126.
108 ) Birlinger Volkstüml. 2, 102; Fient Prät¬
tigau 241; Rochholz Sagen 2, 6 (Var.: Sage
von dem geraubten Gift und Tod der S.); R.
führt S. 7 auch den Physiologus an (vgl.
Hoffmann Fundgruben 1, 21. 29); Herzog
Schweizer sagen 2, 82; Lau eher t Physiologus 15;
Liebrecht Gervasius 65 (aus der Hist. Orient.
des Jacobus de Vitriaco, nicht,, J. a Voragine",
1,89); Megenberg 260 f.; Arch. neu. Spr. 55,
284; Anhorn Magiologia 942. 109 ) Grohmann
82. ll °) Heyl Tirol 797. 1U ) Megenberg 275.
n2 ) Lemke Ostpreußen 95. 113 ) Megenberg
281.267, der sich auf Jacobus (de Vitriaco)und
Solinus beruft. Letzterer (27, 31) sagt nur
kurz: „dipsas (gr. 0162;) siti interficit". Aelian
(Hist. Anim. 6, 51): „Die von ihr Gebissenen
bekommen einen brennenden Durst und ein
heißes Verlangen zu trinken, und sie trinken
ohne abzusetzen und zerplatzen ganz schnell
(vgl. auch Galenus Theriac. ad Pison. c. 8.
Tom. XIV, p. 234; Nicander Theriac. 3340.);
U33
Schlange
1134
Lenz Zool. 461 (Lucanus Pharsalia). 469
(Aelian). u4 ) Emoroi (Haemorrhois) 272: Ge¬
bissener schwitzt Blut (nach Isidor; vgl.Solinus
27, 32); Schelmschlange, Pester 276: Gebissener
schwillt an, n. Jacobus u. Solinus (S. 27, 32 hat
aber prester); Aspe (aspis) 262: Gebissener fällt
in Todesschlaf (n. Lucan; vgl. Plinius NH. 29,4,
18); Ipnapis 272: ebenso (n. Solinus ,,hyp-
nale" 27, 31). 115 ) Strackerjan 2, 173. 116 ) Se¬
billot 3, 272. U7 ) Ebd. ll8 ) Fogel Pennsyl¬
vania 239. 119 ) Megenberg 275 (Lucanus,
Isidor). I2 °) Ebd. 260 (Plinius). 121 ) Lemke
Ostpreußen 1, 95; Dähnhardt Natursagen 4, 269
(Ungarn). l22 ) Anhorn Magiol. 928. l23 ) Stoll
Zauberglaube 77 f. 124 ) ZfVk. 9, 212; 11, 318;
BlpomVk. 7, 164 (Pommern). In Dänemark:
der „Bläseorm" Anm. S. 13 vermag sein Gift
durch 7 Kirchenmauern zu blasen, nicht aber
durch gestrickte Strümpfe; Kamp Danske
Folkeminder 218; Feilberg Ordbog over Jyske
Almuesmal 1, 95 (nach Skattegraveren 3, 16).
125 ) Reichborn-Kjennerud Ormen 10 f.
126 ) Schon Solinus sagt von der Boa (2, 33):
„Captat primo greges bubulos et quae pluri-
mo lacte rigua bos est, eius se uberibus innectit,
suctuque continuo... extuberatur...Über¬
nommen von Megenberg 265. 127 ) Milch
trinkend (s.a. Sagen A. 617); Bolte-Polfv-
ka 2, 459 ff.; Hastings EHE. 11,410h; Ver¬
naleken Alpensagen 257; Hauffen Gottschee
102; Kuhmelkend s. noch: Bartsch 2, 182;
Alem. 25, 35; Hazlitt Faiths 2, 540a; Hein¬
sius Schatzkammer d. Kaufmannschaft 4, 126;
MSchlesVk. H. 5 (1898), 42; Gesner Fischb.
202; Bayr. Hefte 1, 120 A. 2; SAVk 13, 164;
14, 230 (Cysat); Lütolf Sagen 324; Mensing
Schlesw. Wb. 4, 525; Heckscher Germ. Kul¬
turkreis 94; Frauenmilch (s. a. Sage);
Meyer Abergl. 81; BIPomVk. 8, 67; Grimm
Myth. 3, 198 (Lukian); La Pie (Forli) 9, 244;
Folklore Italiano 3, 442 f.; Biblioteca trad.
esp. 1, 226. Im südl. Marokko glaubt man,
daß die S.n oft in der Nacht zu den
Frauen kommen, die ihre Kinder säugen,
sich an die Brüste der Ammen legen und den
Säuglingen das Ende ihres Schwanzes in den
Mund stecken. Solche Kinder erkennt man
später an bläulichen Lippen: Stern Türkei 1,
433 128) Köhler Voigtl. 427. 129 ) Aristoteles
An. Hist. 8, 4; Plinius 10, 198; 22, 106, nach
ihm Megenberg 260; Lenz Zool. 435;
Anhorn Magiol. 933. 13 °) Seligmann Blick
1, 132. l31 ) Sebillot 3, 268. 132 ) Plinius N. H.
8, 87 (hebetes oculos); Isidor Et. 1 . XII,
C. IV, 44; Megenberg 261, 34 (nach Rabanus).
333 ) Ebd. 262 (nach Alexander v. Tralles);
Grimmelshausen Simplizissimus 2, 12.
134 ) Buch d. Natur 261 (n. Isidor u. Plinius);
Köhler Kl. Sehr. 2, 133. 136 (vgl. A. 142);
Anhorn Magiol. 941. 135 ) Riegler Tier 197;
Franz Benediktionen 2, 171 (n. Augustin);
Megenberg 262 (n. Jacobus de Vitriaco);
Anhorn Magiol. 930 f. 938. 942; Phipson
Animal-Lore of Shakespeare's Time 334 (Quelle
von 1602). In einem englischen S.en-Segen:
Udal Dorsetshire Folk-Lore (Hertford 1922) 220.
136 ) Riegler Tier 197; Phipson ebda. 137 )Schon
biblisch: Hiob20,16; Ps. 140,4. 138 ) DWb.9, 475;
Reichborn-Kjennerud Ormen 28 (auch prä¬
historische Pfeilspitzen). 139 ) Lenz Zool. 441
(Virgil). 14 °) Strackerjan 2, 172; Hauffen
Gottschee 97; ZföVk. 4, 216; Birlinger Volkst.
1, 102. Weitere Lit. s. u. Sagen A. 651 ff. 672.
141 ) Höhn Tod 308. 142 ) Physiologus
| (Hoffmann’s Fundgruben 1, 29). Vgl. Me¬
genberg 261. 143 ) Küster 156; Rieh. Schrö¬
der Aberglaube 108; Sebillot 2, 206 f.;
3, 298. 144 ) Plinius N.H. 16, 13: „Die Kraft
der Esche ist so groß, daß die S. die Schatten
derselben nicht berührt. Aus der Erfahrung
bemerken wir, daß, wenn man mit Eschenlaub
Feuer und eine S. (zusammen) in einem Kreis
einschließt, die S. eher in das Feuer, als in das
Eschenlaub entflieht". Darüber auch Lenz
Zool. 455; Panzer Beitr. 1, 252 (n. „Arcani-
täten... wider Zauberer..1715 S. 68, wo die
Antipathie dadurch erklärt wird, „daß der
Eschbaum unter dem Einfluß der Sonne u. des
Jupiters stehet, die S. hingegen dem Saturne
und Mercur unterworfen ist, deren Ausflusse
(so!) von der Sonne Strahlen überwältigt
werden"); Henne Volkssage 91; Meyer Myth.
84; Wlislocki Sieb. Volksgl. 181; Notes and
Queries (1859) 88; Zingerle Sitten 103 Nr.
881; Cysat: Wo Geißen weident old (oder)
Eschböum sind / alls der Schlangen vnd
Wurmen Find, / Dieselben da nit blyben thuond
(SAVk. 14, 203). 145 ) Panzer a. a. O. 351;
Grimm Myth. 3, 237. 146 ) Henne am Rhyn
Volkssage 91. 147 ) Leoprechting Lechrain
77; Heyl Tirol. 247. In FL. 32, 268 A. 5 wird
eine Quelle des 17. Jhs. erwähnt, nach der die
S., welche auf einer Haselrute brütet, einen
blauen Steinring macht, in dem sich das Bild
einer gelben S. zeigt. l48 ) Cysat: „Die Würm
(S.en) wonent gern under den Wurzen der Bir-
chen, davon sy, die Birchen, vast den ganzen
Winter das Loub behaltent; ist ein Gemerk-
zeichen eines Wurmnestes darunter": SAVk.
14, 203. 149 ) Schönwerth Oberpf. 3, 266.
15 °) S.en sterben, wenn man Eichenblätter auf
sie wirft. Geoponica XIII, 8, 5 (nach Bolos
Democr.); XV, 1, 115; Delrio Disquis. (1679)
25 (dort auch die Notiz, daß die Viper durch
Schilf- od. Buchenruten starr gemacht
werden könne). 151 ) SAVk. 14, 293. l52 ) Hier¬
über besonders: Jacoby in ObdZfVk. 6, 13 ff.
(mit weiterer Literatur); Eesti Kirjandus 20,
298 ff. (dto.); Reichborn-Kjennerud Or¬
men 5 (ebenso); Wuttke 153; BargheerFiw-
geweide 418; Strackerjan 2, 172 f.; Groh¬
mann Abergl. 79 f.; Seligmann Blick 1, 203;
And ree Votive 156 (eiserne Votiv-S. für Be¬
freiung von S. im Leib); SAVk. 21, 218 f. (Pul¬
ver gegen Schlänglein, das von Hexe in den
Leib gezaubert. Dieses wird erbrochen und
trotz Hemmungszauber verbrannt. Vgl. Se¬
billot Folk-Lore 3, 276. Nur Schlafenden
durch den Mund in den Leib; S. macht die
Menschen zu diesem Zweck schläfrig: Stora-
“35
Schlange
1136
ker Natur 227. Im J. 1867 wurde eine schwedi¬
sche Frau von einer S. befreit. Ebd. 153 )Strak-
kerjan 2, 174; Hempler Psychol. 87. 154 ) F.
Riklin Wünschetfüllung und Symbolik im
Märchen. Leipz. u. Wien 1909; Hovorka-
Kronfeld 2, 621; HessBIVk. 10, 129. 213;
Stern Türkei i, 435 f. Nach Artemidor Onei-
rocr. IV 67 wird eine Frau, die träumt, sie gehe
mit einer Riesen-S. schwanger, einen großen
Redner gebären. 155 ) Meier Schwaben 1, 205;
Andrian Altaussee 137; SchwVk. 3, 73;
Strackerjan 2, 174; BIPomVk. 8, 93; SAVk.
18, 29; Andree Votive 156. Sebillot 3, 276.
156 ) SAVk. 27, 88 (15. Jh., Graubünden).
157 ) Alemannia 25, 35; 26, 2640.; Reichborn-
Kjennerud 8f. (u. a. Dampf von neugebacke¬
nem Brot). l58 ) Eisei Voigtl. 152f. 159 ) Schon im
Altertum: Pauly-Wiss. 2. Reihe 2, 1, 504;
Lenz Zool. 438: Adler, Wiesel, Schwein;
Panzer Beitrag 2, 370 (Aristoteles). 373;
ferner Liebrecht Gervasius 113; Baumgarten
Aus d. Heimat 1, 120. 16 °) Panzer Beitr. 2, 370
(Aristoteles); s. a. Anm. 159, Schweine können
S.en fressen: Lenz Zool. 455 (n. PI in. 11, 53
115); Leoprechting Lechrain 11; Storaker
Natur 227 A. 1. 161 ) Sebillot 3, 263 (in Lüttich
dagegen Freundschaft mit ihr). 182 ) Panzer
37 ° (nach Antigonus v. Karystos). 163 ) Well-
mann Bolos Demokritus. Abh. Berl. Ak.
1928 Nr. 7, 19. 164 ) Jahrb. f. jüd. Vk. 1,
299. 165 ) Lenz Zool. 455 (Plin. 11, 53,
115). 186 ) Lemke Ostpreußen 1, 95. 16? ) Lie¬
brecht Z. Volksk. 326. 168 ) Renward Cysat
27. I69 ) Megenberg 261 (nach Ambrosius ?).
l7 °) ZföVk. 4, 216. 171 ) Megenberg 260 (nach
Aristoteles Anim. Hist. 2, 17 [508b 6 ff.]).
172 ) Zingerle Sagen 372; Heyl Tirol 246.
173 ) Mensing Schlesw. Wb. 4, 611; Henne
Volkssage 107. 174 ) Men sing Schlesw. Wb. 4,
524-
2. Dämonisches Tier. Zu allen
Zeiten und bei allen Völkern haben die
besondem Eigenschaften der S. (ihr
Kriechen, ihr Gift, ihr faszinierender
Blick u. a.) Anlaß gegeben, in der S. ein
dämonisches Wesen zu sehen (vgl. 4. Mose
21, 4 ff.; Jes. 30, 6; 34, 15), das Gegen¬
stand der Furcht und Verehrung wurde.
Es ist hier nicht der Ort, über die Ent¬
stehung und die Formen des S.ndämo-
nismus, des S.nkults (s. u. Kult) und
der S.nsymbolik überhaupt zu sprechen;
die Literatur ist sehr reich 175 ). Wir haben
hier nur die Frage aufzuwerfen: inwie¬
weit zeigt sich der Glaube an den dämo¬
nischen Charakter der S. im deutschen
Aberglauben ? Und dafür finden sich
Zeugnisse sozusagen in jedem der folgen¬
den Kapitel, wie auch die altnordische
Sage schon personifizierte S.ndämo-
nen kennt 176 ), ähnlich wie die alt¬
griechische 177 ).
Vor allem gilt sie, vielfach in Er¬
innerung an die Paradiess. (1. Mose 3,
14 ff.), als Prinzip des Bösen, insbe¬
sondere des Verführers 178 ). Diese S.
wird in Darstellungen des Sündenfalls
oft mit einem Frauenkopf abgebildet
(s. Darstellung § 8), wobei die Frau als
Verführerin gedacht ist 179 ). Durch die
Begattung der S. mit Eva, wird ver¬
derbenbringendes Gift in die Menschheit
gebracht 18 °). Nach der Oberpfälzer Über¬
lieferung wird der Antichrist von einer
S. mit einer alten Jüdin erzeugt 181 ).
Die S. ist das Tier des Teufels 182 ); sie
ist vom Teufel besessen 183 ), ja, der Teufel
selbst tritt in Gestalt einer S. (s. Sagen
A. 752, vgl. 748. 749) auf 184 ). Hexen
und andere bösdämonischen Wesen haben
S.n als Attribut oder verwandeln sich
in S.n (vgl. Sagen A. 682) 185 ). Auch der
Alpdruck nimmt S.ngestalt an 186 ). Daher
wohl die Meinung, daß dem die Sünden
vergeben werden, der eine S. tötet 187 ).
S.n bringen Verderben u. Tod (s. Sa¬
gen A. 757 ff.). Hierher vielleicht die
Todesstrafe des Einnähens in einen
Sack mit einer S. 187 a ).
Anderseits aber ist die S.auch die tierische
Verkörperung des Spiritus familiaris.
Verstorbener oder der menschlichen
Seele überhaupt 188 ); daher kann die
Seele auch den Körper lebender Menschen
in Gestalt einer S. zeitweise verlassen 189 )
(vgl. u. Kult A. 211—217). Sie ist das
Symbol des Todes 190 ) und auch Wächter
des Totenreichs 191 ). Daher wird sie
zuweilen auf Gräbern abgebildet (s.
Darstellung) 192 ).
Spuren von Blitzsymbolik sind auf
deutschem Sprachgebiet kaum vor¬
handen 193 ). Wuttke (§§ 29. 153) deutet
allerdings die S., welche die weiße Frau
in der wilden Jagd begleitet, als Blitz,
wohl in Anlehnung an Schwartz; doch
ohne weitere Stütze. Poetisch spricht
man etwa von Blitzs.n oder vom Her¬
niederschlängeln des Blitzes. Auch mögen
die schlangenförmigen Spuren an blitz¬
getroffenen Bäumen zu einer Verknüpfung
der beiden Begriffe geführt haben 194 ).
1137
Schlange
1138
fV
iV
’-T
Die Spuren des Regensymbols sind
ebenfalls unsicher (vgl. Orakel A. 247
bis 249 195 ); Zauber A. 282). Grandios
hat Jerem. Gotthelf („Wassemot im
Emmental“) den sich von den Höhen
herunterstürzenden Fluß mit einer
riesigen S. verglichen 196 ). Als Wasser¬
dämon ist sie im Altertum nachgewiesen
(vgl. Sees.) 197 ), ebenso als Fruchtbar¬
ke itsprinzip (s. Kult A. 207; Orakel A.
246; Zauber A. 271; Medizin A. 495. 508.
549) 198 ). In Altpreußen baten die Frauen
die verehrten S.n, sie möchten den
Männern Kraft geben, damit sie von ihnen
schwanger würden 199 ). Der phallische
Charakter der S. (vgl. Natur A. 152—154;
Sagen A. 762. 763) ist überhaupt alt und
verbreitet 20 °), wie auch die geschlecht¬
lichen Beziehungen der S. zur Frau 201 ).
Bis in die Neuzeit hat sich dagegen die
alte Vorstellung von der Heilkraft der
S. erhalten (s. u. Volksmedizin; Sagen
A. 744) 202 ). Sie bringen aber auch sonst
Glück (s. Kult A. 211; Zauber, Sagen),
wer sie tötet, zieht Unglück an (s. Kult
A. 212). Die Hungersnot von 1817 wird
auf S.ntötung zurückgeführt 203 ).
Im Prättigau (Kt. Graubünden) ist
das Wort „Schlange“ Tabu; man be¬
zeichnet sie nur mit „Sch“ 204 ).
Uber den zwiespältigen Charakter der
S. (böser und guter Dämon) vgl.
Jahrb. f. jüd. Vk. 1, 299 ff. und unter
Kult. In Athen beschützt sie den Tempel
der Athene 205 ).
175 ) Hastings ERE. 11, 399—423» speziell
4C>7 a ; Schräder Reallex. 1 31 (Ahnenkultus);
Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 5oSff. (m. weit. Lit.);
Küster Die S. 56 ff.; ARw. 12, 221 ff. (Grabes¬
spende u. Totenkult); W. Schwartz Die
altgriech. S.engottheiten 2. Aufl. 1897; Ders.
Heidentum 112; Henne Volkssage 112; Cle-
men Reste 63 f.; Wissowa Religion 2 176 f.
u. a.; Bachofen Gräbersymbolik 152; Germa¬
nen: Grimm Myth. 2, 570ff.; Hoops Reallex. 4,
132; Hastings 11, 419. 176 ) Fäfnir, schatzhü¬
tend: Fäfnismpl. (Grimm Myth. 308. 573. 817);
Ofnir u. Sväfnir, S.ennamen und Odins Bei¬
namen (ebd. 570); Midgardsormr, die welt¬
umfassende Meer-S. (Golther Germ. Myth.
178). Im Suttungsmythus verwandelt sich
Odin in eine S. (Meyer Myth. 152. 183);
Hoops Reallex. 4, 132. Über die Verbindung
der Götter in S.engestalt mit Frauen s. Küster
152. 177 ) In Frankreich (Languedoc) wird die
S. mit dem Decknamen longo bezeichnet. Sebil¬
lot 3, 268. 178 ) Küster 94; Hopf Tierorakel
187 f.; ARw. 30, 331; Pauly-Wissowa 2. R. 2,
1, 509; Hastings ERE. 11, 403 (Kanaan,
Hebräer). 403a (Babylonien). 402b (Ägypten);
Seligmann Blick 1, 128 (Dschinnen); RGG. 1
5, 299 (ebenso); Hekate u. Isis: Elworthy
Evil Eye 132. 3iiff.; Bugge Götter- u. Helden¬
sagen 480 ff.; MSchlesVk. H. 5 (1898), 44;
Cleraen Reste 63 f. (m. weit.Lit.); Reichborn-
Kjennerud Ormen 4. 179 ) Singer Schweizer¬
märchen 2, 56 (zitiert Schmerber Die S. des
Paradieses, Straßburg 1905, und Abh. z. Germ.
Phil., Festschr. f. Heinzei 407, Anm. 5). l8 °)
Fest sehr. f. Heinzei ebda.; Ha stings ERE. n,
4io a ; Jewish Encyclopaedia s. v. Fall; Krauß
Rel. Brauch d. Südsl. 53. Ein frevelhafter
Knabe erbricht Vipern beim Sprechen: Sebillot
3, 297. 181 ) Schönwerth 3, 338. 182 ) Stracker-
jan 2, 172; Anhorn Magiol. 923; Sebillot 3,
255. 266. 279; Am Rücken des Verführers
kriechen S.en u. Kröten empor (Münster v.
Straßburg u. Basel); Otte Kunstarchäologie
1, 501; Elsaßland 14, 37; NdZVk. 11, 196. —
An der ,,Frau Welt“: s. Walther v. d. Vogel¬
weide 101, 11; dazu Ausg. v. Wilmanns-Michels
(1924) 2, 353 (mit weiterer Lit.). — Die S. ist
vom Teufel erschaffen: Dähnhardt NS. 1,
165 (Bretagne); Storaker Natur 226 (d.Teufels
Gürtel). 183 ) Luther Tischreden s. Dähn¬
hardt Natursagen 1, 156 Anm. 1. 184 ) Grimm
Myth. 2, 833; 3, 295; ZfVk. 7, 246 (erscheint
einer Hexe als S.); Grässe Preuß. Sag. 1, 591;
Klingner Luther 25; Anhorn Magiologia 494;
Schröder Abergl. (1886) 106 ff.; MacCulloch
Faith 61. — Vgl. Ofifb. Joh. 12, 9; 20, 2; dazu
Strack u. Billerbeck Kommentar z. NT.
3, 814; Jahrb. f. jüd. Vk. 1, 302; Lucifer u.
seine Gesellen werden S.en: Dähnhardt
Natursagen 1, 49 (Mähren). 185 ) Kühnau
Sagen 3, 63 (Hexe als S.); MSchlesVk. H. 5,
44 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 7. 14 (Hexe als
S.); Hexenhammer 2, 264. Vgl. Abeghian
Armen. Volksgl. 29. 30. 103; MacCulloch
Faith 48 (2 Stellen); Heyl Tirol 282 (böser
Geist hat Mantel aus S.enhäuten); Wuttke
§ 47 (Kobold). 186 ) Laistner Sphinx 1, 90 f.;
187 ) Storaker Natur 230. l8?a ) Grimm RA. 2,
279 ff. 1S8 ) Hastings ERE. 11, 405. 419; RGG. 1
5, 299; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 514 ff.;
Schräder Sprachvergl. u. Urgesch. 429; ZfVk.
25, 24; ARw. 12,221; 16,354; Küster 62 ff.
100 ff.; Roscher Lex. 3, 3223 (S. schwebt
über dem geschleiften Hektor); Frazer
5, 82 ff.; Hartland Primitive Paternity
1, 168; Meyer Myth. 63 f.; R. M. Meyer
Rel.-Gesch. 76; Wuttke § 60 (m. Lit.);
Schwebel Tod u. ewiges Leben 7; Grimm Sagen
Nr. 433; Myth. 3, 247; Ranke Volkssagen
270; MSchlesVk. H. 5 (1898), 40; Rohlfs
Sprache u. Kultur (1928) 24. RevTradpop. 17,
320 (neugriech.). 189 ) Grimm Sagen 2, Nr. 433;
ObdZfVk. 6 , 16 A. 1; Sooder Rohrbach 91 f.
190 ) Reichborn-Kjennerud Ormen 4. 31
Anm. 7 (anord. S.enname Näinn, anorw. när
„Toter“). 191 ) Singer Schweizer Märchen 2,
1139 Schlange 1140
81 (m. Lit.); Küster Schlange 85 fF.; Pauly-
Wissowa 2. R. 2, 1, 509; chthonische
Gottheit: ARw. 30 (1933), 331. 192 ) Caminada
Friedhöfe 49t. Grab schützend: Jahrb. f.
jüd. Vk. 1, 299. 193 ) s. Bd. 1, 1400; P. Sarasin
Helios u. Keraunos 61. 166; Schwartz Studien
68. 74; Ders. Idg. Volksglaube 8 f. 22. 92 t.
131 1 . 227; Laistner Nebelsagen 74; Mann¬
hardt Götter 102; Grohmann Sagen 215;
Hempler Psychol. 35. 59. l94 ) Laistner ebd.
195 ) Mannhardt German. Mythen 82; Gese-
mann Regenzauber 79. So (n. Wundt Völkersps.
3, 441 ff.); Natterköpfe am Zaum des ,,Wasser-
vogel" (einer reitenden Pfingstgestalt) ebd. 80
(n. Panzer Beitr. 2, 86); Grohmann Abergl.
52; Regenstreifen: S.en: Abeghian Armenien
82. 196 ) SAVk. 27, 136; vgl. Rothenbach 5;
Herzog Schweizer sagen 2, 84 t. 197 ) Küster
Schlange 1530.; Hastings ERE. 11, 408a;
ARw. 30 (1933)» 331 (babyl. u. sumer. Religion).
198 ) ARw. 14, 566 (Erichthonios); 30, 331 f.;
Bachofen Gräbersymbolik 154 f. 361; Küster
137 ff.; HessBll. 10, 213. 199 ) Grässe Preuß.
Sag. 2, 528 (n. Hartknoch Alt- u. Neupreußen
171). 20 °) Küster 149 ff.; Hastings ERE.11,
4° 6 (3); Hepding Attis 191; Eisler Welten¬
mantel 1, 123; Howey Encircled Serpent 126 ff.;
Stern Türkei 2, 140. 201 ) Weinreich Antike
Heilungswunder 93 f.; HessBl. 10, 213;
Wissowa Religion 176; Frazer 5, 81 f.;
Reichborn-Kjennerud 22 t.; Speiser Phal¬
lus u. Feuer in d. Mythol. Australiens Verhandl.
d. Naturf.-Ges. Basel 38, 219 ff.; Liebrecht
Z. Volkskde 240. 250; Urquell 4, 199; Crawley
Mystic Rose 1, 231. 232. 233; 2, 17. 133. 202 )
Küster 133 ff.; Hovorka-Kronfeld 1,380;
Hastings ERE. 11, 4o6 b ; RGG. *5,299; Grimm
Myth. 2,572; 3, 198; Reichborn-Kjennerud
Ormen 16 ff. Vgl. die Sage von dem Tote er¬
weckenden Kraut, das die S. bringt (Glaucos u.
Polyidos) Bolte-Polivka 1, 128; Grimm
Myth. 3, 350; Reichborn-Kjennerud Ormen
20. — S. am Heilquell liegend: Grimm Myth.
2, 985. — In Algerien wird bei Unfruchtbarkeit
den S.en ein Speiseopfer dargebracht: RTradpop.
27, 26S f. 203 ) Rochholz Naturmythen 196.
2M ) Fient Prättigau 241. 20S ) Lenz Zool. 433
(n. Herodot).
3. Kult. Über Ursprung, Verbreitung
u. Formen des S.nkults können wir hier
nicht sprechen, da sich auf deutschem
Boden nur letzte Spuren erhalten haben.
Für die eigentliche S. nverehrung
verweisen wir auf die reiche Literatur 206 ).
Von europäischen Völkern hatten die
Altpreußen, Letten und Litauer
einen ausgesprochenen S.nkult, indem
sie sich nicht nur Hauss.n hielten, sondern
auch Tempels.n, die von den Priestern
mit Milch (s. Natur A. 126. 127. 155;
Sagen A. 617 ff.) genährt wurden und
vom Volke Opfer empfingen. In Alt¬
preußen beteten die Frauen zu ihnen um
Kindersegen (s. Dämon A. 198) 207 ). Bei
den Germanen ist der S.nkult nicht mit
Sicherheit bezeugt 208 ), wenn wir nicht
den Bericht aus der Vita Sancti Barbati
(7. Jh.), nach welchem die Langobarden ein
S.nbild verehrt hätten, als altererbten S.n¬
kult deuten wollen. Jahn sieht darin eine
Hausschlangenverehrung 209 ) (s. a. A. 215).
Eine kindliche Form von S.nopfer
findet sich in Meura (Thüringen), wo die
Kinder, ehe sie zum Beerenlesen in den
Wald gehen, sprechen:
Atter, Atter, beiß mich nich,
Ech breng der o viel Beäre mit!
und bei der Heimkehr einige Beeren als
Dankopfer auf einen Stein legen 210 ).
Weit verbreitet ist dagegen der Glaube
an die glückbringende Hauss., der jeden¬
falls vielfach auf die Vorstellung zurück¬
geht, daß die Seelen Verstorbener in
ihr Gestalt angenommen haben (s. Dä¬
mon A. 188) oder daß sie der Genius des
Hauses sei 211 ). Auch auf deutschem
Boden findet sich die Überlieferung zahl¬
reich. Die Hauss., die oft unter der
Schwelle nistet, wird nicht nur geschont,
sondern auch gepflegt (s. Zauber A. 264),
namentlich mit Speise und Milch ge¬
füttert (vgl. Natur A. 127. 155; Dämon
A. 203; Sagen A. 619. 769). Dann bringt
sie Glück und Wohlstand und wehrt Un¬
glück, Krankheit, Blitzschlag usw. ab
(Orakel A. 221). Wer sie tötet, bewirkt
Todesfall in der Familie oder zieht Un¬
glück auf sie herab (vgl. Dämon) 212 ).
Zuweilen, besonders in Schlesien und im
Spreewald, ist es ein S.npaar, Männchen
u. Weibchen, das in Beziehung gesetzt
wird zu Hausvater und Hausmutter.
Wenn eines dieser letztem stirbt, zeigt sich
die betr. S. und folgt ihm im Tode nach 213 )
(umgekehrt s. Orakel A. 243).
Ähnliches gilt in Skandinavien. Der
Hausgeist (husrä, gärdsrä) erscheint in
o
Angermanland oft als S. 214 ). Auch in
Norwegen (buormen, husormen) glaubt
man an die Glückswirkung der Hauss.,
die noch zu Olaus Magnus' Zeiten als
Gott verehrt wurde 215 ). Die weiße S.
(hvitorm) ist in Schweden eine Art
Spiritus familiaris und wird mit ehr¬
fürchtiger Scheu gepflegt 216 ). Nach
Norlind wird sie in einer Büchse auf be¬
wahrt 217 ). Umgekehrt suchen sich die
Pennsylvaniadeutschen die Hauss.n vom
Leibe zu halten, indem sie alte Tisch¬
tücher verbrennen (s. Zauber A. 399) 218 ).
Der Glaube an die glückbringende Hauss.
ist aber weit über das germanische Sprach¬
gebiet hinaus verbreitet 219 ).
Allgemeines: 206 ) J. B. Deane The Worship
of the Serpent throughout the World. London 1833;
J. Fergusson Tree and Serpent Worship.
London 1868; C. S. Wake Serpent Worship.
London 1888; C. F. Oldham The sun and the
serpent. A contribution to the history of ser-
pent-worship. London 1905; Hastings ERE.
11, 399 ff. (mit reicher Lit.); Schurtz Urge¬
schichte der Kultur 581; Kelten: ERE. 11, 404.
Klassisches Altertum: J. Chr. Koch Disser-
tatio de cultu serpentum apud antiquos (in Thes.
Diss. ed J. Chr. Martini, Tom. II, P. 1 1765,
95) Lips. 1717; J. Mähly Die S. im Mythus
und Kultus der klass. Völker. Basel 1867;
E. Küster Die S. in d. griech. Kunst u. Religion
(Gießen 1913) 56 ff.; ARw. 10, 201 ff.; Pauly-
Wissowa 2. R. 2, 1, 508 ff.; ERE. 11, 404;
Samter Familienfeste 85 f. (Speiseopfer an
S.en); Wissowa Relig. 185; Hopf Tierorakel
186; ARw. 30, 332 (im Dionysoskult; trat an
Stelle des Phallus; zit. Gruppe Griech. Myth.
92 f.); Agrarkulte Eleusis u. Thesmophorien
zit.Nilsson Griech.Feste 320; Tempelhütende
S. in Athen, mit Honigkuchen gefüttert:
Lenz Zool. 433 (n. Herodot 8, 41). Kreta:
ERE. 11, 402; Ophiten ERE. n, 404; Wetzer
u. Welte Kirchenlex . 2 9, 5260.; Howey
Encircled Serpent 2240.; Lippert Christentum
232 ff. Makedonien: Globus 73, 6511. In¬
dien: ERE. 11, 411 ff.; S. C. Mitra Indian
ophiolairy and the snake-worship of the negroes
of the West-Indies. Journ. Anthrop. Soc.
(Bombay) 11 (1911), 186 ff.; Crooke Northern
India 135. 261 ff. 267 f. 269; Mitt. Anthr.
Ges. in Wien NF. VIII; Hovorka-Kronfeld
1, 383 (n. Haberlandt); ZfVk. 15, 81; Winter¬
nitz Das S.en-Opfer des Mahabharata. In:
Kulturgeschichtliches a. d. Tierwelt (Prag 1905)
68 ff.; Howey Encircled Serpent p. 42 — 70.
Armenien: Abeghian Armenien 74 ff. (Opfer
an S.en in Höhlen u. a.: Hähne, Weihrauch).
Hebräer u. Kanaaniter (vgl. Zauber A. 258):
ERE. 11, 403 t.; Smith Rel. der Semiten 91.
100; Guthe Bibelwörierb. 586; Howey En¬
circled Serpent 78 ff. Ägypten u. Islam:
ERE. 11, 402 f. 404; Amelineau Du role
des serpents dans les croyances religieuses
de VEgypte, in Rev. Hist. Rel. 51, 335 ff.;
52, 1 ff. (s. ARw. 9, 484!.); H. E. E. Hoyes
Serpent worship and Islam in Egypt in: Moslem
World 1918, 278—81; Howey The Encircled
Serpent p. 17 ff. (The Serpent Gods of Egypt).
Algerien: Bull. Soc. de Geogr. d'Oran. Mars
1911. Die Jessidis küssen das gemalte Bild
einer S.: Mercure de France Nr. 826 (1932),
S. 113. Babylonien: ERE. 11, 403. China,
Japan: ERE. 11, 402; Howey Encircled Ser¬
pent 253 ff.; Australien, Polynesien, Me¬
lanesien, Indonesien ERE. 11, 400 f.; An-
thropos 1, 183; Howey Encircled Serpent
274 ff.; Afrika: ebd.; W. D. Hambly Ser¬
pent worship in Afrika, in: Field Mus. Publ.
XXI, Nr. 1 (1931); Int. Arch. f. Ethn. 17, 91 ff.;
Howey Encircled Serpent 2360.; Amerika:
ERE. 11, 401 f.; Howey Encircled Serpent
280 ff. Pueblo-Indianer ZfVk. 23, 253. Slaven:
ERE. 11,422. 207 ) ERE. ii, 420 ff.; Globus
73 , 65 ff.; Grimm Myth. 2, 572 t.; Folklore
12, 293 ff.; Hopf Tierorakel 187; E. Schmidt
Volkskunde 26 (nach Enea Silvio Europa );
Jungfer Alt-Litauen 105; Tetzner Slaven 91;
Grässe Preuß. Sagen 2, 528. 208 ) Hoops
Reallex. 4, 132; Grimm Myth. 2, 570; ERE.
11, 419. 209 ) Gleiche Literatur; Jahn Opfer¬
gebräuche 292 f. 21 °) Witzschel Thüringen
2, 296 (n. Sigismund Landeskunde 1, 92). 211 )
Lippert Christentum 492 f. (m. weiterer Lit.);
ERE. ii, 419 (Germ.). 420 (Litauer usw.);
MSchlesVk. H. 5, 41; ZfVk. 3, 37; 15, 125
(Rez. von Politis MeXeTai); Bolte-Polfvka
2, 459; ZfVk. 23, 388 (Deutschland, Böhmen,
Schweiz, Zigeuner); 25, 24 (Deutschland,
Antike, Frankreich, Italien); ARw. 30, 332
(Griechenland, Ägypten). Klass. Altertum:
Küster Schlange 145 h; Pauly-Wiss. 1, 77;
Rohde Psyche 5 1, 254 A. 2; Schräder Spracli-
vergl. 2, 429 h.; Wissowa Religion 2 176;
PI in. NH. 29, 4, 22 (am Ehebett: Glück);
Gell. noct. att. VI, 1, 3; Livius 26, 19, 7 (S.
naht der Hausfrau als Genius). 2l2 ) Bolte-
Polivka 2, 459; Anhorn Magiol. 924; Jahn
Opfergebräuche 293 f. (mit reicher Lit.); Grimm
Myth. 2, 571 f.; 3, 197 f. 439 (Rockenphilos.);
Wuttke § 57. 153; Hopf Tierorakel 185;
Simrock Myth. 457; Barb. Renz Die heilige
S. auf unserem heimatlichen Boden in: Bay.
Heimatschutz 28 (1932), 44 ff.; Hovorka-
Kronfeld 2, 746; Rochholz Glaube 1, 145 f.;
2, m; Ders. Naturmythen 193 ff. 195 h; Ba-
varia 2, 2, 788; Lammert 37 (auf der Tür¬
schwelle kein Holz spalten). 99 (wer eine Haus¬
otter beschädigt oder nur sieht, muß sterben,
Bayreuth); Strackerjan 2, 173 f.; Birlinger
Aus Schwaben 1, 107 (in Häusern u. Ställen);
Ders. Volkst. 1, 496; Meier Schwaben 1, 204 f.;
Höhn Tod 308; Wlislocki Sieb. Volksgl.
182; dort auch der Glaube, daß die S. ihre
Krone auf ein weißes Tuch ablege, das man
zur Hälfte auf den Milchteller gelegt. Haupt
Lausitz 1, 75 f. (2 Haus-S.en, lassen sich nur
sehen, wenn der Hausvater oder die Hausmutter
stirbt; dann stirbt die betr. S. auch); Engelien
u. Lahn 1, 79 f.; Grässe Preuß. Sagen 2, 528
(bei den Altpreußen: S.en vom Priester hervor¬
gelockt, Speiseopfer für sie. Wenn sie es nicht
annahmen, bedeutete es Unglück; Enge¬
lien u. Lahn 79!. (ebenso); Drechsler
H43
Schlange
1144
Schlesien 2, 181 f. (Sch.en-Paar, Hausbewohner
werden nicht gebissen. Wer sie tötet, muß
sterben); MSchlesVk. H. 19 (1908), 14 (Speise¬
opfer; ziehen mit in ein anderes Haus); Küh-
nau Sagen 2, 41 f. (S. auf Steintreppe vor dem
Haus, mit Milch genährt); MSchlesVk. H. 5
(1898), 41 ff.; Eisei Voigtland 149; Köhler
Voigtland 496 (mit Milch genährt; wer sie
reizt, wird vom Otternkönig gestraft); Bech-
stein Thür. Sagenb. 2, 90; Leoprechting
Lechrain 77; Vernaleken Alpensagen 237;
Heyl Tirol 157; Hovorka-Kronfeld 1, 382
(Tirol: wer sie tötet, stirbt); Fossel Steier¬
mark 138 (halten Seuchen ab); Germania 36,
384 (bringt Glück, Steiermark); Baumgarten
Aus d. Heimat 1, 117 (ziehen Gift an, Ober-
Österr.); Fischer Ostsleier. Bauernleben 2 116;
Schramek Böhmerwald 245; Grohmann
81; Grohmann Sagen 221; Haltrich Sieben¬
bürg. Sachsen 310 (Milchopfer; bewahrt vor
Feuer u. Unglück; wenn getötet, stirbt der
ganze Hof. N.-Österr.); Wittstock Sieben¬
bürgen 63; Tetzner Slaven 22 (Altpreußen);
Greb Zips 47 (wohnt unter der Schwelle; man
darf nicht auf der Schwelle stehen, kein Holz
hacken, kein Essen über die Schwelle reichen).
2lü ) Haupt Lausitz 1, 75; Drechsler Schlesien
2, 181; MittSchlesVk. H. 19 (1908), 14; Wolf
Beitr. 2, 444; Grässe Preuß. Sagen 2, 396 f.;
Gorion Sagen d. Juden 1, 89: wäre die S.
nicht verflucht worden, so wären 2 S.en in
jedem Hause, die Kostbarkeiten bringen.
Über 2 S.en, an die das Leben des Königs u.
der Königin gebunden ist, s. Bolte-Polivka
4 * 139 . 2l4 ) FoF. 20 (1933). 106. 21S ) Bolte-
Polivka 2,459.460; Reichborn-Kjennerud
Ormen 21.f. (zit. Olaus Magnus III, Kap. 1:
im J. 1555 galt in abgelegenen Höfen Norwegens
und Wärmlands die S. als eine das Haus be¬
schirmende Gottheit). Die Haus-S. bringt
auch nach dem heutigen Glauben Gesundheit
und Glück. Man sieht sie gern im Stall, wo sie
Hexerei fernhält. Das hat dazu geführt, eine S.
oder wenigstens eine S.en-Haut unter die
Schwelle zu legen (erwähnt auch Plinius
N.H. 29,67). 216 ) ZfVk. 25, 225. 226; Fata¬
buren 1908, 112. 2l7 ) T. Nor lind Svenska
allmogens lif (Stockh. 1912) 640. 218 ) Fogel
Pennsylvania 219. 2l9 ) Bolte-Polivka 2,
459 f- Wenden: Wolf Beitr. 2, 444 (zwei
S.en); Wuttke Sachs. Volkskunde 353. Böh¬
Crooke Northern India 276 f.; Frazer OT.
3, 218. Armenien: Abeghian Armenien 74 ff.
Esten: Boeder Ehsten 39. Ägypten: Stern
Türkei 1, 434 (in Kairo gibt es ganze Quartiere,
die ihre Schutz-S. haben). Cypern: Ohne-
falsch-Richter Cypern 262 (vertilgen Un¬
geziefer). 219 ) Naturvölker: Hovorka-
Kronfeld 1, 383 (n. Schurtz Urgesch. d.
Kultur). Uber die Juden s. o. A. 213.
4. Orakel und Vorzeichen. Dank
ihrer Eigenschaften galt die S. von jeher
als klug und mit besonderem Wissen be¬
gabt (s. Natur, Dämon, Zauber). Daher
wird sie schon im alten Orient und klassi¬
schen Altertum als mantisches Tier be¬
trachtet 220 ). Gemäß ihrer Doppelnatur
als Symbol der Weisheit und des Bösen
bringt oder verkündet sie sowohl Glück
als Unglück. Glück und Heil bedeuten
vor allem die Hauss.n (s. d. in Kult
A. 212), besonders wenn sie sich zeigen 221 )
oder die dargebotenen Opfer anneh¬
men 222 ); schon wenn sich eine S. dem
Hause nähert (Norwegen) 223 ). Sieht ein
Sonntagskind eine weiße Natter, so hat
es ein großes Glück zu erwarten 224 );
dasselbe gilt für ihre Begegnung über¬
haupt 225 ), namentlich wenn sie von rechts
kommt 226 ), oder, in Norwegen, das Träu¬
men von ihr 227 ). Ebenda bedeutet S.n-
begegnung Glück auf einer bevorstehenden
Reise 228 ).
Wenn man die erste S., die einem im
Frühjahr begegnet, töten kann, hat man
Glück zu erwarten 229 ). Reichtum
bringen und bedeuten vor allem die
Krons.n (s. Natur g, Sage A. 634.
689 ff.) 230 ); auch das Finden einer weißen
S. 231 ). Das Verkünden von Fruchtbar¬
keit wissen wir jedoch nur aus dem
griechischen Altertum nachzuweisen 232 )
(vgl. Dämon A. 198; Kult A. 207).
men: Grohmann Sagen 221; Ders. Abergl.
78. 79. 81. 230; Wuttke 51. 115; Rochholz
Glaube 1, 146t.; Bolte-Polivka 2, 460. —
Slovaken ebd. Polen: Urquell 3, 288;
Bolte-Polivka 2, 460. Rußland: Hovorka-
Kronfeld 1, 325. Bulgarien: ZfVk. 2, 180
(zweiköpfig); Bolte-Polivka 2, 459. Süd¬
slaven, Montenegro, Albanien, Kl. Wa¬
lachei: Stern Türkei 1, 434 t. Serben:
Bolte-Polivka 2, 459. Slovenen: ebd.
460; Bukowina: ZföstVk. 18, 118. Frank¬
reich: Sebillot 3, 264. Italien: Rohlfs
Sprache und Kultur 24. Rätoromanen:
Decurtins Rät. Chrestom. 4, 1019. Indien:
Häufiger aber bedeutet sie Unglück:
wenn sie als Hauss. (s. Kult A. 212) die
! gebotenen Speisen nicht annimmt 233 )
oder sich irgendwie auffällig zeigt 234 ).
Das Gleiche wurde von einer S. gesagt,
die durchs Fenster ins Haus fiel 235 ). Auch
ihr An gang ist unheilverkündend 236 ),
besonders wenn sie als schwarze S. er¬
scheint 237 ), ferner vor einer Reise 238 ).
Das Erscheinen einer feurigen S. ist
ein böses Vorzeichen 239 ). All dieser
1145
1146
Glaube ist nicht auf das deutsche Gebiet
beschränkt 24 °). Das Unglück wird oft
noch eigens bezeichnet: Hungersnot,
Krankheit, Erdbeben, Hauseinsturz
(Aelian) 241 ), Feuersbrunst 242 ); nament¬
lich aber Tod. Von der Hauss. (s. Kult
A. 213) ist uns das öfters bezeugt 243 );
aber auch der Traum von einer S. be¬
deutet Tod 244 ). Vgl. ferner unten die Sagen
von dem todbringenden Raub der S.n-
Krone (Sagen A. 669 ff.). Seltener ist
die begegnende S. Eheverkündigerin 245 )
oder Geburtdeuterin (vgl. Dämon
A. 198. 199) 246 ), häufiger Wetter¬
prophetin. Regen (s. Dämon A. 195;
Zauber A. 282) kommt, wenn die Haus¬
otter einen pech- oder wacholderartigen
Geruch von sich gibt 247 ). Wenn viele
Nattern sich sonnen, dann wird es
„grob“ 248 ). Wenn sich in Oberflachs
(Kt. Aargau) die große S. bei der Wiß-
maidli-Tanne zeigt, so gibt es ein Ge¬
witter 249 ). Im Tirol zeigt eine grüne S. Ha¬
gel an 250 ); dagegen tritt eine trockene
Zeit ein, wenn die S. einen quakenden
Ton hören läßt (Dithmarschen) 251 ).
Wer von S.n träumt, kommt in Gesell¬
schaft (ebd.) 252 ), oder erlebt Streit 253 ).
„Ain slang und ain schütz, die mit ain-
ander vehtent, macht vrid“ 254 ). Wenn
eine Otter im Hause erscheint, solange
jemand krank ist, so glaubt man, der
Kranke habe etwas Schweres begangen
(OA. Crailsheim) 255 ). Nichtdeutsch ist
der Aberglaube, daß Träume von S.n
böse Absichten oder Schaden von
Menschen (Poitou, Vendee) oder Ver¬
leumdung (Aosta) bedeuten, eine ruhende
S. Unruhe (Vogesen), eine zusammen¬
gerollte Gefängnis 256 ). Ein im Schlafe
von einer S. umwundener Knabe wird
geuner: Urquell 6, 2 (langes Leben); SAVk.
14, 270 (Geschenke). — Südafrika: ZfVk.
23, *53 (nach Zs. f. Ethn. 6, 43); Samoa:
ebd. 388 (n. Turner Samoa 1884, 44). 226 )
Hopf Tierorakel 190 (wo?). 226a ) Mensing
Schlesw. Wb. 4, 524. 227 ) Reichborn-Kjen¬
nerud 21 (Norwegen). 228 ) Landstad Era
Telemarken (Oslo 1927) 82. 229 ) Mensing
Schlesw. Wb. 4, 524; Sebillot 3, 267 (Poitou).
23 °) Hopf Tierorakel 191. Talmudisch im 3. Jh.
n. Chr.: Wenn eine S. auf das Bett gefallen ist
und man spricht: ,,Er ist arm, in Zukunft wird
er reich werden“. ZfVk. 3, 37; 23, 388; wer
im Traum eine S. sieht, wird nach jüdischem
Volksglauben reich. Ebd. — Traum von
Nattern oder Vipern bedeutet Geld: Arte-
midor Oneirocrit. (deutsch) 122. 274. 231 )
Reusch Samland 5. 232 ) Pauly-Wiss. 2.
R. 2, 1, 508 (Aelian Hist. An. 6, 16);
ERE. 11, 406a. 233 ) Grässe Preuß. Sagen 2,
528. 234 ) Kühnau Sagen 2, 42. 44. 235 ) (Kel¬
ler) Grab des Abergl. 1, 13. 236 ) ZrwVk. 11, 264
(bergisch); Haas Greifswald 49 (die Berg-S.
im Bauerberg). 237 ) Liebrecht Zur Volksk.
328 (Norwegen); Fogel Pennsalvynia 112.
238 ) Anhorn Magiologia 145. 239 ) Stracker-
jan 2, 172. 24 °) Frankreich: S6billot 3,
265 f. (Angang unheilvoll für Schwangere). —
Klass. Altertum: ZfVk. 25, 24; 3, 37 f.;
Pauly-Wiss. 1, 77; Hopf Tierorakel 189.
Indien: Hopf Tierorakel 189; ZfVk. 23, 388.
Talmud: ebd. 387. Babylon: ebd. 388. Be¬
duinen: ebd. Burma: ebd. Zigeuner: ebd.
Verschiedene Völker: ebd.; Hopf Tier¬
orakel 190 f. 241 ) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1,
508 (Aelian 6, 16; 11, 19); Artemidor Oneiro¬
crit. (deutsch) 122. 242 ) Drechsler Schlesien 2,
182; MittSchlesVk. Heft 19, 14; vgl. Groh¬
mann Abergl. 23 (feuriger Drache). 243 )
Meyer Germ. Myth. 64; Rochholz Glaube 1,
141; Grimm Myth. 2, 572; 3, 439; Peter
Österr.-Schlesien 2, 33; Kühnau Sagen 2, 44;
MittSchlesVk. Heft 19, 14; Haupt Lausitz 1,
75 f.; John Erzgebirge 114; Eisei Voigtland
*53 (wer goldene S. sieht, muß sterben); Leo¬
prechting Lechrain 77. 231 (wenn die Haus¬
atter klappert); Höhn Tod 308 (wenn sie
pfeift oder singt); John Westböhmen 162 (wenn
sie sich zeigt oder „schlägt“). Norwegen:
Liebrecht Zur Volkskunde 326 (wenn sie
über die Landstraße kriecht, kommt auf dieser
berühmt 257 ).
bald eine Leiche). Böhmen: Wuttke § 57.
Südslaven: Stern Türkei 1, 434 f. (Haus-S.);
22 °) Hopf Tierorakel 182 ff.; Küster Schlan¬
ge 121 ff.; Wissowa Religion 2 176; Hovorka-
Kronfeld 1, 380; ERE. 11, 406k 221 ) Kühnau
Sagen 2, 43; ZfVk. 23, 388 (Talmud). 222 ) Gräs¬
se Preuß. Sagen 2, 528. Zeigt sich eine S.
unter dem Opferaltar, so verkündet sie Sieg:
Lenz Zool. 445 (n. ValeriusMaximus). 223 )Lieb-
recht Zur Volkskunde 328. 224 ) Alpenburg
Tirol 95; Mensing Schlesw. Wb. 4, 524 (S.en-
königin). 225 ) Reusch Samland 42; Meyer
Baden 515; ZfVk. 25, 24 (Altertum, deutsch,
französ., ital.); 11, 277. 278 (15. Jh.). Zi-
ZfVk. 2, 180 (wenn einer im Weingarten eine
S. ausgräbt. Kroatien). Römer: Wissowa
Religion 2 176 (Tod der Haus-S. zeigt Tod des
Hausherrn an; vgl. Kult A. 211); Schwarz
Menschen u. Tiere im Abergl. 45. Babylonien:
ZfVk. 23, 388 (wenn eine S. sich vor einem
Menschen aufbäumt, wird dieser ermordet
werden; nach Jastrow Relig. d. Babyl. u. Assyr.
2, 781). 244 ) MSchlesVk. H. 5, 43; Mensing
Schlesw. Wb. 4, 524. 245 ) Heyl Tirol 785;
Talmudisch: wenn eine S. aufs Bett gefallen,
heiratet die Jungfrau einen reichen Mann
ii 47
Schlange
1148
ZfVk. 3, 37. 248 ) Ein Mann sieht drei (so!)
Kreuzottern zusammengewunden und deutet
das, daß seine Frau Zwillinge (so!) gebären
werde. Veckenst. Ztschr. 3, 395 (poln. Posen).
Begegnet eine Schwangere einer S., so wird das
als unglückbringend angesehen (s. A. 240). Se-
billot 3, 265 f.: „Wenn eine S. einer Schwange¬
ren entgegenkommt, so mißgebieret sie; be¬
gegnet sie ihr aber, wenn sie im Gebären ist,
so beförderts die Geburt”. Jühling Tiere
163 (n. Albertus Magnus Von den Geheim¬
nissen der Weiber 1755, 219). Die Gemahlin
des Johannes, Fürsten von Epirus, träumt,
daß sie eine S. gebäre, welche ganz Epirus
bedeckte und den Kopf gegen die Türkei
streckte. Bedeutet einen Helden, welcher die
Türkei besiegen werde. Anhorn Magiologia
23. Talmudisch 3. Jh. n. Chr.: Wenn eine S.
auf das Bett gefallen ist, spricht man: ,,Sie
ist schwanger, sie gebirt einen Knaben”. ZfVk.
3, 37 - 247 ) MSchlesVk. H. 19, 14; Drechsler
Schlesien 2, 182; ZfVk. 4, 82 (Mittelschlesien);
Kühnau Sagen 2, 44; Anhorn Magiol. 924.
248 ) Baumgarten Aus d. Heimat 1, 120.
249 ) Rochholz Schweizer sagen 2, 5. 25 °) Heyl
Tirol 789. 251 ) ZfVk. 24, 60. 252 ) Ebd. 20, 384.
253 ) Mensing Schlesw. Wb. 4, 524; Fogel
Pemsylvania 78. 254 ) Megenberg 470, 8 (nach
dem Büchlein des Juden Tethel). 255 ) Höhn
Tod 308. 256 ) Sebillot 3, 267; Anderes: Kü¬
ster Schlange 132. 257 ) ZfVk. 23, 388 (nach
Cicero De divin. II cap. 31 § 66 f.); vgl. Weite¬
res bei Küster Schlange 132; Artemidor
Oneirocrit . 122
5. Zauber, Magie. Die magischen
Anschauungen und Handlungen lassen
sich in zwei Hauptgruppen teilen: I. Zau¬
ber der von den S.n ausgeht, II. Zauber,
der an den S.n ausgeübt wird.
I. S. ist Subjekt des Zaubers.
Die dämonischen Eigenschaften (s. Natur,
Dämon) der S.n haben schon im Altertum
zu der Meinung geführt, daß sie ein
zauberkräftiges Tier sei, das entweder
von sich aus magische Handlungen aus¬
führt oder vom Menschen zu solchen be¬
nutzt wird 253 ). Daher auch die zahl¬
reichen Amulette (s. Darstellung) mit
S.ndarstellungen u. S.npartikeln 259 ), oder
aus Serpentin, der ja als S.nstein gilt
(s. Natur A. 86; Medizin A. 555 ff.) 2Ö °).
So verleiht die S. dem Menschen be¬
sondere Eigenschaften, Kräfte u. Schutz
(s. a. unten die einzelnen Teile der S.).
Wer in den Besitz eines Haselwurms (s.
Natur A. 7) gelangt, dem bleiben alle bö¬
sen Geister fern, er kann sich unsicht¬
bar (vgl. A. 285. 311. 319. 348. 352; Sagen
A. 631) u. unverwundbar (vgl. A. 299.
304. 324. 338. 362) machen, er geht mit
seiner Hilfe durch verschlossene Türen
(vgl. A. 319. 362; Natur A. 16) 261 ) und fin¬
det Schätze (s. Sagen A. 689) 262 ). Ähn¬
liches gilt für Schweden 263 ). Daß die
S. Glück bringt, ist schon bei ihrem An¬
gang (s. Orakel A. 221 und Kult A. 212)
gezeigt worden. Wenn man eine S. mit
ins Bett nimmt hat man viel Glück
(Brandenburg) 264 ) (vgl. noch A. 285
326 und Dämon). Wer eine Viper an
einem Stock in den Rauch hält, der
kann die Zukunft Voraussagen (vgl.
Orakel) 265 ). Überhaupt verleiht sie
Wissen 266 ) (s. u. A. 283. 309), auch Er¬
folg vor Gericht 267 ) (s. a. A. 303. 325).
Zahlreiche Eigenschaften besitzt nach
einem älteren deutschen Arzneibuch, das
Pulver, das am 1. August aus einer
verbrannten Natter hergestellt ist: es
dient gegen Kopfwunden, gegen
Feinde, macht die Menschen fügsam,
enthüllt Geheimnisse, macht beliebt,
das Gesinde treu 268 ). Auch nach einer
sächsischen Sage wurde mit S.npulver
allerlei Zauber getrieben 269 ). Para¬
celsus besaß einen Haselwurm, der alle
Heilkräuter kannte und Schätze er¬
kennen ließ 27 °) (s. A. 284). In Norwegen
u. Schweden gilt der auf Plinius (NH. 30,
129) zurückgehende Glaube, daß einer,
der eine S. und einen Frosch oder
Vogel voneinander getrennt hat, die
Kraft gewinne, einer Frau in Kinds-
nÖten die Geburt zu erleichtern (s. A.
291; Medizin A. 495. 508. 549) 271 ). In
Tirol: wenn man die S.n, die aus Natter¬
wurz (Echium vulg.) entstanden sind,
in einer Ampel verbrennt, so sieht man
überall S.n (s. Natur A. 47) 272 ).
Auch auf Tiere wirkt der S.nzauber.
In das Fressen für die jungen Gänse
mischt man das Pulver von einer ge¬
trockneten, vor dem Georgitage getöteten
S.,dann fressen sie kein unreines Insekt 273 ).
Bienen, die mit dem Staub einer S.n-
spur bestreut werden, müssen in den
Stock zurückkehren 274 ). In Polen ge¬
deihen die Kühe, wenn man eine vor
dem Adalbertstage gefangene S. hinter
dem Ofen hält 275 ). Besonders oft wird
die S. im Schießzauber verwendet
1149 Schlange H 5 O
(s. A. 301. 302. 308. 321 f. 354. 361).
Schießt man einmal eine S., bes. Kreuz¬
otter, aus dem Gewehr, so treffen alle
Schüsse 276 ). Hat ein Gewehr Tötung
und Brand verloren, so schieße man
seine gewöhnliche Ladung auf eine Kreuz¬
otter, dann bekommen die Schüsse
Wirkung 277 ). Nach altem Egerländer
Glauben kann man bewirken, ,,daß die
Schrot beym Schüssen vor dem Flinten¬
lauf niederfallen“, wenn man frühmorgens
im Tau eine S. fängt, ,,doch nicht mit
bloßer Hand“, und mit ihr den Flinten¬
lauf bestreicht 273 ). Außerdeutsch ist
der Fischzauber: Man nagelt eine
lebende S. durch die Augen an die Wand,
schindet sie und wirft sie an die Stelle,
wo man fischt; das gibt einen reichlichen
Fang (Finnby kapell) 279 ), oder man
läßt eine Stecknadel solange in einer S.
stecken, bis diese tot ist, und macht
daraus einen Angelhaken (Smäland) 28 °).
Mit einem Stock, mit dem man vor
Georgi eine S. totgeschlagen hat, wird
man jeden im Kampf überwinden 281 ).
Im Kalewala (12, 31 ff.) wird ein Kampf¬
hemd in der „Jauche“ schwarzer S.n
gewaschen. Regen (s. Dämon A. 195;
Orakel A. 247) bewirkt man, indem man
eine S. mit dem Kopf nach unten auf¬
hängt (Böhmen) 282 ).
Eine besondere Form des Zaubers ist
das Essen von S.nfleisch. Es ver¬
leiht reiches Wissen (s. A. 266. 309) 283 ),
Kenntnis der Heilkräuter (s. A. 270) 2Ö4 ),
bringt Glück, schützt vor Verwun¬
dung (s. A. 261), macht unsichtbar
(s. A. 261. 311. 319. 348. 352), öffnet alle
Schlösser (vgl. A. 261. 319) 285 ), macht
reich (s. Orakel A. 230) 286 ). In Dals-
land (Schweden) glaubt man, daß einer
weissagen könne, wenn er von dem
Fleischabsud einer weißen S. gegessen
habe 287 ). Über die verjüngende Kraft
des S.nfleisches berichten antike und
mittelalterliche Schriftsteller (vgl. Me¬
dizin A. 434. 546) 288 ). Namentlich aber
verleiht es die Fähigkeit, die Sprache
der Tiere (s. A. 309. 332), insbesondere
der Vögel, zu verstehen. Als Sigurd
den Drachen Fafnir getötet hatte, briet
er sein Herz an einem Spieß. An dem
aufschäumenden Blut verbrannte er sich
den Finger und führte ihn zum Mund;
alsbald verstand er die Sprache der ihn
warnenden Meisen 289 ). Dasselbe gilt
vom Fleisch einer S., besonders einer
weißen 29 °) (vgl. auch Aal Bd. 1, 4; dazu
MSchlesVk. H. 8, 3). In Norwegen soll
der Genuß vom Fleisch der weißen S.
die Geburt erleichtern (s. A. 271) 291 ).
Die S. ist das Tier der Hexen. Mit ihr
üben sie Zauber aus (s. o. Dämon A. 185).
Einen Menschen kann man mit folgendem
Segen „beschwören“ (?): „Ich zerteile
eine S., ich nehme das Haupt und den
Schwanz, so teilen wir uns die S. ganz,
im Namen fff“ 292 )* Nach dem ober¬
österreichischen Glauben kann man seinen
Feind in der Ferne mit einer Haselrute
(s. Natur A. 147; Zauber A. 378; Sagen
A. 680. 707. 708) verprügeln, mit der
man eine Natter, die einen Frosch im
Bauch hat, erschlagen hat 293 ). Mehrfach
belegt ist der Geburtshemm- oder
Abtreibungszauber bei Mensch und
Vieh mit Hilfe einer S. 294 ). Vgl. die
Fruchtabtreibung mit Natterwurz (s. Na¬
tur A. 47) 295 ). In Polen können Liebes¬
paare mit Hilfe einer S. getrennt wer¬
den 296 ). In Norwegen darf eine Schwan¬
gere keine S. sehen, sonst bekommt das
Kind ein „S.nauge“ (Hystagmus) oder
eine „S.nhaut“ (Ichthyosis) 297 ). Die S.n
vermögen sogar durch ihren Blick oder ihr
„Pfeifen“ (vgl. Natur A. 141) Menschen
zu töten 298 ). Ihr Biß tötet sogar Unver¬
wundbare 299 ).
Auch gegen Behexung finden die
S.n Verwendung 300 ).
Ähnlich wie die ganze S. werden auch
ihre einzelnen Teile im Zauber ver¬
wendet.
Augen (s. a. Kopf): „Andere
Schützen, die nach der Scheiben oder
Ziel schießen (vgl. Zauber A. 276. 308.
321. 322. 354), verwahren die ausge-
stoßne S.naugen unter den Körnlein
(Korn, Absehen) vomen am Rohr“ 301 ).
Blut: „Die Wildschützen legens in
ihr Bürstrohr (Jagdflintenrohr) und tun
ein wenig gedürrt S.nblut in die Kugel¬
form, da sie Kugel gießen“ (s. A. 339) 302 ).
Das S.n ei (s. Natur A. 83. 86; Medizin
Schlange
1152
II 5 I
A * 457 ) gilt in Südfrankreich als zauber- (s. A. 311. 352) zu machen und kann
kräftig; man kann damit Prozesse (s. alle Schlösser öffnen (s. A. 261; Natur
A. 267. 325) gewinnen (auch in Böhmen) A. 16) 319 ). Degenklingen werden in
und Schätze entdecken 303 ). Duellen wirksam, wenn man den Griff
Fett (s. Med. A. 458) verleiht Stärke mit einer S.nhaut umwindet 320 ); ebenso
und Unverwundbarkeit (s.A.261) 304 ); Gewehre (s. A. 276. 301. 308), wenn
mit seiner Hilfe kann man alles sehen 305 ). man mit ihr den bloßen Arm umwickelt 321 ).
Wer sich mit S.nfett die Hände schmiert. Durch eine abgestreifte S.nhaut werden
kann lebendige S.n ohne Schaden fangen Erbsen gesät; die daraus entstehenden
(Böhmen) 306 ); dem Körper verleiht es Erbsen werden in den Kugelguß gegeben.
Geschmeidigkeit 307 ); in der franzö- Mit diesen Kugeln trifft man alles 322 ),
sischen Schweiz wird es zum Treff- Mit einer S.nhaut kann man sich hieb¬
zauber (s. A. 276. 301) verwendet 308 ), und stichfest machen (s. A. 261. 285.
Geifer (s. Med. A. 498): Nach Saxo 362) 323 ) und Feinde erschrecken 324 ),
verleiht der in die Speise tropfende Geifer In Böhmen dient sie, im Neumond ge¬
wissen, Verstehen der Tiersprache wonnen und pulverisiert, zu sehr ver-
(s. o. A. 266. 289. 332) und Sieg im schiedenen Zwecken:
Krieg (s. A. 347. 360) 309 ). 1. Wenn Jemanden eine Schlange
Gift: „Waffen, die nach der Glut sticht, so streue von diesem Staube auf
etlich mal in S.ngift abgeleschet werden, die Wunde, und am dritten Tag wird
haben eine große Stärk und Härte“ 310 ). er geheilt sein.
„Haar“ (?): „So nyme wydehopffen 2. Streue dir diesen Staub in die
blutt und har von eyner s.n, man ziehe die Haare, und so lange du ihn darin haben
har durchs blutt, behald's bey dir, so bist wirst, brauchst du keinen Widersacher
du unsichtbar“ 3U ) (vgl. A. 262. 285. zu fürchten, denn du wirst jeden leicht
319. 352). überwinden.
Haut (s. Med. A. 500 ff.): Wird als Amu- 3. Wenn du dich mit Wasser, in welches
lett gegen allerlei Unheil auf der Brust etwas von diesem Pulver gestreut ist,
getragen 312 ). Pulverisiert in Wasser zwischen den Augen wäschst, so
zwischen die Augen gestrichen (Böhmen) kann dir Niemand schaden, z. B. dich
oder ganz in die Tasche eingenäht (Fer- behexen, beschreien usw.
rara), wehrt sie Hexerei ab 313 ). Ebenso 4. Wirst du vor Gericht gerufen, so
ein Stab, mit S.nhaut überzogen (Un- streue dir davon in die Schuhe oder
gam) 314 ). Sie dient ferner gegen die Stiefel, und es wird Jedem scheinen, als
Verhexung des Bieres (s. Bd. 1, 1264), ob du am besten sprächest (s. A. 267. 303).
und auch die Schnapsbrenner bewahren 5. Wenn du einem Schlafenden etwas
sie in den Brennereien (Polen) 315 ). Korn von diesem Staube in die Hände streust,
wird vor Ungeziefer und Wild bewahrt, so bekennt er dir alle seine Geheim-
das vor der Aussaat durch eine S.nhaut nisse.
geschüttet worden ist 316 ); auch im Alter- 6. Willst du einen treuen Knecht
tum fördert sie das Pflanzenwachs- haben, so streue ihm davon in die Kleider,
tum 317 ). „Einer S. Haut, im zunehmen- und er wird treu sein,
den Monde zu Pulver gestoßen, hat man- 7. Trage dieses Pulver immer bei dir,
nigfaltige kräfte: so eyner zweyffelt an und du wirst überall geachtet und
ettlichen zukünfftigen zufeilen oder deinen Feinden zum Schrecken
Sachen, welcher gestaldt sich die möchten sein 325 ).
begeben, so streue er dis pulfer auf sein In Ungarn: Zieht man die Haut einer
heubt, und das heubt mit einem tuch vor dem Georgstage gefangenen S. auf
umbwunden, und sich schlaffen gelegt, einen Stab, so kann man damit selbst
so würd er im schlaffe sehen, wie es Eisen zerbrechen; wer aber diese Haut,
sich begeben werde“ 318 ). Mittelst einer um seinen Hals gewickelt, bei sich trägt,
S.nhaut vermag man sich unsichtbar der wird glücklich 326 ). In Spanien
H 53
Schlange
1154
bringt sie Glück im Spiel 327 ); in Sa- die Sprache der Gänse (vgl. A. 289,
voyen in der Lotterie 328 ). In Biel s. Bd. 3, 294) 342 ). In Finnland wird
(Schweiz) gilt dagegen das Berühren gegen Wanzen ein S.nkopf in die Wand
einer S.nhaut für unheilbringend 329 ). verpflöckt 343 ). Mit S.nköpfen wird aber
Unter die Schwelle gelegt, bewirkt sie auch Hexerei getrieben 344 ). In Nor-
Unfruchtbarkeit (s. A. 294) bei Mensch wegen würd das Vieh böse, wenn es einen
und Tier 330 ), oder Haß und Feind- S.nkopf frißt 345 ) (S.nkopf gegen S.n
Schaft 331 ). s. A. 394).
Herz (s. Med. A. 529 ff.): Über die Krone: verleiht Reichtum (s. Orakel
Wirkung des siedenden Herzblutes von A.230; Sagen A. 634 ff.) 346 ), Sieg (s.
dem Drachen Fafnir s. o. A. 289. 309. A. 309. 360) 347 ), Unsichtbarkeit (s.
Auch bei den alten Arabern herrschte A. 261. 285. 311. 319. 352) 348 ) und
der Glaube, daß man durch den Genuß Zauberkraft 349 ).
von S.nherz und -leber die Tier sprache Leber: s. Medizin. Im Hexenzauber 350 ),
verstehen könne 332 ). Über einen Fall Schwanz (s. a. Medizin) gegen Vieh-
von Hellsehen nach dem Genuß eines behexung 351 ). Stein (s. Natur A. 80 ff.;
S.nherzens berichtet Reichborn S. 27 Medizin) macht unsichtbar (siehe
(vgl. A. 287). Im Norden wird es auch A. 348) 352 ).
zum Liebeszauber (s. A. 364) ver- Wirbel: Rosenkränze aus S.nwirbeln
wendet 333 ), in der französischen Schweiz sind zauberkräftig. Auch die aus den
zum Zauber überhaupt 334 ). Anderwärts Früchten der Coix lacrimae gefertigten
gegen Hexerei 335 ). Rosenkränze heißen „Natterbeten“ 353 ).
Horn: „Von S.nhörnern und S.n- Zähne im Kugelzauber (s. A. 276)
zungen, vornehmlich im 14. Jh.“ handelt (französ. Schweiz) 354 ).
ein Aufsatz von Pogatscher in der Röm. Zunge (s. A. 338): Die S.nzunge (s. a.
Quartalschr. 12 (1898), 162 ff. Das Horn Medizin), als vermeintlicher Sitz des
(vgl. Natur A. 118) soll zur Erkenntnis Giftes und der verführerischen Über¬
giftiger Speisen dienen 336 ). Die redung (s. Natur A. 34), findet natur-
Knochen dienen nach Plinius (NH. 30, gemäß auch im Zauber ihre Verwen-
122) zum Herausziehen von Geschossen. duijg 355 ). Im Saterland trug man in
Kopf: Stärke, Reichtum, Glück einem Westenknopf eine Natterzunge,
erlangt man, Übel wehrt man ab, das schützte gegen Unheil 356 ). Beim
wenn man ein „Otterköpfchen“ (Cypraea- Mondwechsel dem Tiere ausgerissen und
Muschel, die als S.nkopf gilt) bei sich einem Verleumder in die Speise gegeben,
trägt (s. Muschel Bd. 6, 632 f.) 337 ). j läßt sie dem Verleumder die Zunge
„Für Hauen und Stächen“ (s. j ansclrwellen (s. Natur A. 123) 357 ). Ein
A. 261): „von einer S. den Kopf oder die Natternzünglein in das Wetzsteinfaß ge-
Zungen (s.d.) nähmen an einem Suntag legt bewirkt, daß die Sense gut schnei-
vor Sonnenaufgang. Sie muß aber noch det 358 ); freilich: wer sich an einer solchen
lebendig sein, du mußt die Zungen neh- Sense schneidet, dessen Wunde heilt nie
men und zu Bulfer machen. Nims unter mehr 359 ). Wer 9 S.nzungen bei sich
den lingen Arm“ 338 ). In einen S.nkopf, trägt, hat Erfolg beim Raufen (s.
d. h. in die ausgestochenen Augen (s.d.) A. 309) 360 ). Waffen werden treffsicher
und den Rachen, werden Erbsen gelegt, j (s. A. 276) gemacht 361 ), sich selbst macht
und der Kopf in feuchter Erde vergraben. I man „fest“ gegen Hauen und Stechen
Die wachsenden Erbsen werden im Kugel- j (s. A. 261), unsichtbar und fähig alle
guß verwendet, um die Kugel treffsicher Schlösser zu öffnen (s.o. A. 261. 319) 362 ).
zu machen (s. A. 302) 339 ). Ein S.n- In Böhmen glaubt man, daß sie Stärke
köpf bringt Glück im Spiel 340 ), ist verleihe, die Feinde schrecke und schaffe,
auch gut gegen Zauber und Hexerei | daß man jeden in der Rede überwinde 363 ),
(s. A. 337) 341 ). Wer Erbsen ißt, die aus i m Norden übt man Liebeszauber (s.
einem S.nkopf gewachsen sind, versteht A. 333) aus, indem man eine S.nzunge in
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
37
1155 Schlange 115Ö
die Kleider näht 364 ). Verbreitet ist der
Glaube, daß eine S.nzunge, in die Peit¬
schenschnur geflochten, den Zugtieren
die Last erleichtere, die Reitpferde hurtig
mache und sie vor dem Schaden eines
kalten Trunkes oder des Übersaufens
bewahre 365 ). Um die Kühe ,,bissen“
(pissen) zu machen, stecke man eine
Natter-Angel (Zunge) in das Ende eines
Hirtenstocks und stoße ihn in die Erde 366 ).
In Polen hängt man eine S.nzunge gegen
Behexung in den Stall 367 ).
II. S. ist Objekt des Zaubers.
Das Bannen, Beschwören der S.n
ist alt und weitverbreitet 368 ). Seit Ein¬
führung des Christentums wird es meist
durch kirchlich sanktionierte Mittel aus¬
geübt (s. a. S.nsegen). In Krautergers-
heim (Elsaß) gilt St. Aper als schlangen¬
bannender Heiliger 369 ). Hier sei auch
eine, obschon außerdeutsche, S.npro-
zession des hl. Dominikus erwähnt,
die alljährlich anfangs Mai in dem kleinen
Abruzzendorfe Cocullo veranstaltet wird
und darin besteht, daß die Statue des
Heiligen, behängt mit lebenden ungif¬
tigen S.n, durch das Dorf getragen wird,
um die Gegend vor giftigen S.n zu
schützen 37 °). Im Attental (Baden) werden
die S.n durch Bau einer ,,S.nkapelle“
gebannt (vgl. A. 375) 371 ). Oft aber sind
es auch ungeistliche Personen, die den
Bann ausüben (s. Sagen A. 727 ff.) 372 ).
Im Elsaß werden die S.n an Petri Stuhlf.,
an Pfingsten oder am Schellentag (2. Don¬
nerstag im Februar) durch Lärm ver¬
trieben. Dabei in Hindisheim der Spruch:
Krötte un Schlange üs em Hof,
Krötte un Schlange üs em Hüs.
Alli erüs.
Ein anderer Spruch in Laubach (s. S.n-
segen) 373 ). In Böhmen fängt man eine S.,
und macht ihr drei Kreuze, je eins auf
Kopf, Rücken und Schwanz. Wenn diese
S. zu den anderen kommt, wandern alle
aus der Gegend 374 ). Im hintern Attental
(b. Freiburg i. Br.) betet der Bauer zu
Mariä Lichtmeß (2. Febr.) mit seinen
Leuten in der S.nkapelle (vgl. A. 371)
drei Rosenkränze, und nach der Heim¬
kehr wird dreimal eine Kette um das
Haus gezogen, um die S.n fernzuhalten 375 ). ;
Über S.namulette s. Zauber (A. 259).
Wirksam ist das Glockengeläute 376 ),
besonders wenn eine S. in den Guß
hineingeworfen worden ist 377 ).
Von Pflanzen ist es namentlich die
Hasel (s. o. A. 293; Sagen A. 680. 707.
708) 378 ). Die (naturerklärende) Legende
erzählt, daß ein Haselstrauch die hl. Maria
gegen eine aufspringende S. schützte, als
sie im Walde Erdbeeren für das Jesus¬
kind pflückte. Zum Dank habe die
Jungfrau dem Strauche die Kraft ver¬
liehen, vor S.n zu schützen (s. Sage
A. 709) 379 ). Wenn man einer Kreuzotter
ein Haselnußblatt hinwirft, verfolgt sie
einen nicht 38 °). S.n können mit Hasel¬
ruten in einen Kreis gebannt und ge¬
tötet werden 381 ) oder sie werden
steif 382 ) (s. Natur, Zauber, Sagen a. a.O.).
Nach Bernardino da Siena wird eine ge¬
gabelte Haselrute gegen den S.nbiß ver¬
wendet 383 ). Auch die Esche (Fraxinus)
ist der S. Feind (s. Natur A. 144 ff.;
Med. A. 588 a). Mit einem Eschenzweig
kann sie getötet werden 384 ). Die Wiege
des S.en-Erlösers ist aus Eschenholz 385 ),
Eschensaft ist gut gegen S.nbiß 386 ). In
Devonshire bannt man mit dem Zweig
der Esche die S.n und nimmt ihnen ihr
Gift (s. Natur A. 146). Man befestigt
Eschenzweige am Halse des Viehes, um
es vor Bissen zu sichern 387 ). Über die
S. Nfdhoggr und die Weltesche Yggdra-
sill s. Sagen A. 777. Ähnlich die Birke
(s. Natur A. 148 f.) 388 ). In einem Halber-
stadter Hs.-Fragm. des 14. Jh.s wird
der schon antike Glaube erwähnt, daß
man S.n in einen Ring von Betonie
(s. A. 427c) bannen könne 389 ). Seltener
die Raute (s. d.). Wiesel (s. Natur
A. 159) bekämpfen die giftigen S.n mit¬
telst der Raute (vgl. Med. A. 588),
welche sie im Mund verbergen 39 °). Gegen
S.nbiß wird Raute eingenommen 391 ).
Natterwurz (s. Natur A. 47) vertreibt
S.n im Haus (Graubünden, 15. Jh.) 392 ).
Auch der Farn ist ihnen feindlich 393 ).
Um S.n zu vertreiben, halte man sich
einen roten Hahn oder trage einen
S.nkopf (s. o. A. 337 ff.) bei sich 394 ).
Vor den milchsaugenden S.n schützt
sich das Volk durch einen weißen
>
1157
Schlange
1158
% Hahn 395 ), vor S.n überhaupt, indem
man einer Hauss. ein Kreuz auf den
Kopf macht 396 ). Daß die S. mit dem
Hirsch feind ist, zeigte schon das Kap.
Natur (A. 164 f.). Durch den Geruch
1 i des Hirschhorns werden nach jüdischem
* und römischen Glauben S.n gebannt 397 )
(vgl. Medizin A. 439. 588); in Rom auch
durch Ziege nhufe 398 ) (vgl .Medizin A. 604).
Über den Adler als S.nfeind s. d. (Bd. 1,
181. 183 Anm. 106).
Die Pennsylvania-Deutschen verbrennen
. alte Schuhe und Tischtücher (s. Kult
** i x
A. 218), um die S.n zu vertreiben 3 "). Die
V Kroaten gießen Rübensuppe um den
Hausgrund 400 ), in Ungarn vertreibt sie
■ schon das Schlüsselrasseln der Haus¬
frau 401 ). Über weitere Abwehrmittel
des Altertums und des Mittelalters s.
Franz Bened. 2,173; Pradel Gebete 120 f.
Wer S.n vor dem Georgstag erblickt,
vor dem fliehen sie stets (Böhmen) 402 ).
1. Segen zur Beschwörung und gegen den
Biß der S.n s. Schlangensegen.
S.n werden auch dadurch vertrieben,
daß man eine verbrennt 403 ) oder sonst
tötet 404 ). Man muß sie aber töten, bevor
sie einen sieht 405 ). Eine S. zu töten
• bringt Glück (s. a. Sagen A. 635. 675) 406 ).
Man kann sie durch Menschenharn töten
(Val de Bagnes, Kt. Wallis) 407 ), nament¬
lich aber durch Speichel (s. Natur A. 73;
Medizin A. 597) 408 ).
Zauberische Mittel gegen den S.n¬
biß (s. Natur A. 124 ff.) gibt es in großer
Zahl, und es ist nicht immer leicht eine
Grenze zu ziehen zwischen Zauber- und
Volksmedizin (s. d. A. 570 ff.). Verschie¬
denes aus dem Altertum u. Mittelalter
führt Franz [Bened.) an 409 ).
In Pommern wird der Biß mit einem
Rasenstück bestrichen, das wieder ein¬
gesetzt wird 410 ), oder mit einem Woll-
faden umwunden 411 ), in Mecklenburg
oberhalb und unterhalb der Wunde ein
1
seidenes Band, welches eine Braut an
ihrer Krone gehabt hat, umgewickelt 412 ).
In Norwegen dagegen läßt man prophy¬
laktisch eine S. in ein seidenes Hals¬
tuch beißen, dann schadet ihr Biß nicht
mehr 413 ). In der Kaschubei wird das
gebissene Glied mit einem Brautgürtel
abgebunden 414 ). In der Oberpfalz wird
eine vor Walpurgis gefangene S. pul¬
verisiert und dieses Pulver auf die
Wunde gelegt oder eingenommen 415 ), bei
den Pennsylvania-Deutschen ist es eine
Kröte, die, aufgelegt, das Gift aus der
Wunde zieht 416 ). Im Erzgebirge hilft
das Einnehmen eines Gänseeies (s.
Med. A. 408 und Bd. 3, 296) 417 ). Gegen
S.nbiß ist man geschützt, wenn man an
Karfreitag oder Christabend die Schuhe
putzt (Westf., Neumark) 418 ), sich am hl.
Abend oder zu Ostern die Füße wäscht
(Erzgeb.) 419 ); dagegen darf der Gebissene
nicht in ein Haus gebracht werden, wo
ein Feuer brennt (Meckl.) 420 ). Ver¬
breiteter ist die Meinung, daß der Ge¬
bissene, wenn er vor der S. an oder über
das nächste Wasser gelangen könne,
gerettet sei, andernfalls sterben müsse
(vgl. Natur 32; Sagen A. 658) 421 ).
Nackte Menschen werden nach älterem
Glauben von S.n geflohen 422 ), auch
Schlafende verschont 423 ). Ebenso
Sonntags-, Donnerstags- u. Weihnachts¬
kinder 424 ). Merkwürdig ist der Pfälzer
Aberglaube, über den eine Zeitung des
18. Jh.s berichtet: ,,Die Frauenspersonen
verstecken diese Nacht (Fastnacht) ihre
Spinnräder, umwinden ihre Rocken
und glauben, daß sie dieses Jahr weniger
S.n sähen“ 425 ). Verwandt bei den Esten:
„Am Matthiastage (24. Febr.) lassen
sie keine Spindel im Hause sehen,
sondern verstecken solche mit Fleiß, und
wollen dadurch verhüten, daß ihnen die
S.n Schaden zufügen sollen“ 426 ). Wer
an Fronfasten grasen ging, über den
kamen giftige S.n 427 ).
Vereinzelte S.nmagie: Salbei,
in eine Lampe geschüttet, läßt das Haus
voll S.n erscheinen (Tirol) 427 a ). ,,Daß
eine Kammer voller Schlangen zu
sein scheint. Schlage eine Schlangen
zu todt, thu sie in einen neuen Topf mit
einem Wachs über das Feuer, koche sie
biss sie eindorret, darnach mit demselben
Wachs mache eine Kerze oder Licht,
und zu Nacht zünde es in einer Kammer
an, so scheinet sie voller Schlangen“ 427 b ).
,,Daß sich die S.n untereinander zerbeißen:
nimm Betonien (s. A. 389), mach um
37*
H 59
Schlange
1160
die S.n einen Ring; ehe sie aus demselben
kriechen, eher zerbeißen sie einander
selber“ (Berner Rezeptbuch) 427 c ).
Sonstiger Aberglaube: Wenn man
Farnkraut bei sich trägt, so wird man
von S.n verfolgt 427 0 ). Wenn man zum
erstenmal eine S. gesehen hat, darf man
es nicht erzählen; sonst sieht man in
diesem Jahre keine mehr; d. h. wohl:
das Glücksorakel (s. Orakel A. 221) ist
wirkungslos geworden (Norwegen) 427e ).
Uber die Verwandlung in ein anderes
Geschlecht bei Beobachtung sich kopu¬
lierender S.n s. Am. Joum. Philol. 49,
267—275 (,,Teiresias and the snakes“).
258 ) Verschiedenes bei Küster Schlange
112 ff. Anm.; Gressmann Der Zauberstab
des Mose und die eherne Schlange ZfVk. 23, 18 ft.
259 ) Vermischtes: Howey Encircled Serpent
197 ff. Antike: Pauly-Wiss.i, 77; 2. R. 2, 1,
518; Reichborn-Kjennerud Ormen 28 (Wir¬
belsäule der S.; verweist auf Plinius NH. 29,
mann 80. 282 ) Ebd., 52 (334). So. 283 ) Zin-
gerle Sagen 184; Rochholz Naturmythen
197 f.; ERE. 11, 419; Reichborn-Kj. 20;
Storaker Natur 241 f. 284 ) Alemannia 2, 132
(aus der Baar); Bugge Heldensage 126; Germa¬
nia 11, 395. 398. 400. 285 ) Leoprechting
Lechrain 77; Glück auch in Frankreich: Se-
billot 3, 285. 286 ) Bechstein Thür. Sagenb.
1, 221; Alpenburg Tirol 378. 287 ) Hembygden
(Göteborg) 1927, 70. 288 ) Notes & Queries Vol.
152, 386. 442; Phipson Animal Lore of Shake¬
speare’s Time 315 (n. Boorde Dyetary 1542,
vom jüdischen Volksglauben); Sebillot 3, 294.
S. verjüngt sich selbst (vgl. Natur A. 69.
125): Delrio Disquis. (1679) 225. 289 ) Das
Lied von Fafnir (Fäfnismol): Übers, v. Hugo
Gering S. 207, der den isländischen Glauben
erwähnt, daß ein Rabenherz oder eine Stein¬
falkenzunge dieselbe Wirkung habe; Panzer
Beitr. 1, 350 f. 290 ) Grimm KHM. Nr. 17, dazu
Bolte-Polivka 1, 131 ff. (mit reicher Litera¬
tur); Aarne FFC. Nr. 15; Panzer Sigfrid
101 f.; Kuhn u. Schwartz 154; Grimm
Sagen Nr. 132 (Seeburger See); Rochholz
Nat. Mythen 197 f.; Henne Volkssage 113;
Liebrecht Gervasius 155 Anm.; Alemannia 2,
67); Seligmann Blick 2, 130; Grimm Myth. 132 (a. d. Baar); ZfVk. 11, 12 (Tirol); Sepp
2, 982 (Zauber mit S.en - Partikeln, n. Hincmar Altbayr. Sagen 615 f.; Leoprechting Lechrain
v. Reims [9. Jh.] 1,654); Büd oder Kopf einer 77; Peuckert Sckles. Sagen 238; Drechsler
S. als Abwehr des Übels: Reichborn-Kj. 22. 2, 182 (Gänsesprache); Peter Österr. Schlesien
S.en-Armbänder: Hovorka-Kronfeld 1, 2, 32 (ebenso); Kühnau Sagen 2, 389 (ebenso);
381. 26 °) Seyfarth Sachsen 260 f. 261 ) Krön- Grohmann Aberglaube 202 (ebenso); s. a.
feld Krieg 98. 262 ) Alpenburg Tirol 378; Gans: 3, 294 u. Eckart Südhann. Sagenb.
Zingerle Sagen 184. Vor dem heil. Adalbert- uöf.; Hovorka-Kronfeld 1, 383. Frank¬
tage fange man eine Schlange, darauf lege reich: Sebillot 3, 293 t.; Antike Parallelen:
man sie am Feste in ein Gefäß voll Milch, Reichborn-Kj. 21. 38 Anm. 120; Storaker
und dann brate man sie lebendig in einem
neuen Topfe; wer die gebratene Schlange ver¬
zehrt und die Milch austrinkt, der erblickt
alle Schätze der Welt und wird deren Herr (Po¬
len). Urquell 3, 239. 263 ) ZfVk. 25, 226
(allwissend, reich, unsichtbar). 264 ) Wuttke
153. 265 ) Agrippa v. Nettesheim 1, 232;
Alpenburg Tirol 303. 266 ) Reichborn-Kj.
20. 267 ) ebd. 38 A. 110. 268 ) Jühling Tiere
269. 269 ) Meiche Sagen 511. 27 °) Zingerle
Sagen 183. 184; Alpenburg Tirol 302 f. 378
(Kräuter- und Blumensprache verstehen); Sepp
Altbair. Sagen 615 f.; vgl. Rochholz Naturm.
197 f.; Grohmann 230. 271 ) Liebrecht
Z. Volkskunde 333; Reichborn-Kjennerud
23 u. Anm. 139 (mit weiterer Lit.; in Schweden
genau wie Plinius); Storaker Natur 229;
Agrippa v. Nettesheim 1, 232. 272 ) Alpen¬
burg Tirol 398. 273 ) Grohmann Aberglaube
141 Nr. 1029. 274 ) Agrippa v. Nettesheim
1, 215 f. 275 ) Urquell 3, 238. 276 ) MSchlesVk.
H. 15, iii ; Wlislocki Sieb. Volksgl. 181; BlPom-
Vk. 8, 94; Doebel Jäger-Practica 3 (1745), 117
(auf eine Eiche schießen; vgl. Natur A. 150);
Müllenhoff Sagen 229 f. (wenn ein Gew’ehr
behext ist); Liebrecht Z. Volkskunde 332
(Norwegen). 277 )ZfVk. 8, 173 (Tirol). 278 ) John
Westböhmen 324. 279 ) Hembygden 6 (1915),
84, 19. 28 °) Fataburen 1906, 240. 281 ) Groh-
Natur 241 f.; Pauly-Wiss. 1, 77; 2. R. 2. 1,
508 (Meiampus, Kassandra u. a.); Lenz Zool.
459 (Plin. NH. 29, 4, 22); W. R. Halliday
Greek Divination (London 1913) p- 77- 83. 88;
Tawney-Penzer The Ocean of Story (London
1924 fr) 2, 108; AmJournPhilol. 49, 267 f.;
Bolte-Polivka 1, 133. Alt-Arabien: Stern
Türkei 1, 433 (ohne Quelle). Orient :
Höfler Organotherapie 223. 2äl ) Storaker
Natur 242. 292 ) ZfdMyth. 2, 117. 293 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 2, 90. 294 ) Hexen¬
hammer 2, 76 f. (S. unter Schwelle, Abtrei¬
bungen); Montanus Volksfeste 179 (wohl nach
dem Hexenhammer). — Plinius NH. 30, 128:
,,Viperam mulier praegnans si transcenderit,
abortum faciet". 295 ) Alpenburg Tirol 398.
296 ) Urquell 3, 239. 297 ) Reichborn-Kj. 14 ff.
298 ) Wolf Beitr. 2, 445; ZfVk. 3, 175 (Tirol).
2 ") Berthold Unverwundbarkeit 64. 30 °) s. o.
A. 258 ff.; Urquell 3, 238 (Polen). 301 ) Birlin-
ger Aus Schwaben 1, 108. 302 ) Ebd. 303 ) Henne
Volkssage 117; Aubert et Bourrilly Objets
talismaniques (1907) p. 11; Grohmann Sagen
220. 304 ) Grässe Preuß. Sagen 2, 894; Kron-
feld Krieg 192. 305 ) Storaker Natur 241.
306 ) Grohmann Abergl. 81. 307 )Ebd. 308 )SAVk.
19, 228. 309 ) ERE. 11, 419b. 3l °) Birlinger
Aus Schwaben 1, 109 f. 311 ) Zeit sehr. f. d. Myth.
3, 332 (Arzneibuch Anf. 17. Jh.). 312 ) Luck
Schlange
IIÖ2
X16l
Alpensagen 43; Reichborn-Kj. 28; Aubert
et Bourrilly Objets talismaniques (1907) p. 11.
- 313 ) Grohmann 81; Seligmann Blick 2, 131;
Sebillot 3, 285. 314 ) Wlislocki Magyaren 90.
- 315 ) Urquell 3, 238. 3l6 ) Birlinger Aus Schwa¬
ben 1, 110. 3l7 ) Pauly-Wiss. 1, 77; 2. R. 2, 1,
506 (Pallad. IV, 10, 3; XII, 7, 4). 3l8 ) Zeitschr.
f. d. Myth. 3, 332 (Arzneibuch Anf. 17. Jh.).
In Frankreich (Gironde) verschafft sie den
Rekruten eine glückliche Losnummer, Sebillot
3, 285. 319 ) Alpenburg Tirol 368; vgl. Aubrey
Remaines 53 f. 181. 32 °) Birlinger Aus Schwa¬
ben 1. 109. 321 ) Ebd. 110. 322 ) Baumgarten
A. d. Heimat 2, 94 (Ob.-Österr.). 323 ) Staricius
Heldenschatz (1679) 91; vgl. Schröder Aber¬
glaube (1886) 107. 324 ) Jühling Tiere 159; Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 110. 325 ) Grohmann
81. 328 ) ZfVk. 4, 400. 327 ) Llano Roza Folkl.
Astur. 143; Kopfhaut e. S. in Stock: auf dem
Jahrmarkt Glück (Polen) Urquell 3, 238.
328 ) v. Gennep Religions 3, 261. 329 ) SchwVkde.
10, 36. 33 °) Hexenhammer 2, 76. 219. 331 )
Ebd. 2, 218. 332 ) Stern Türkei 1, 433; Hopf
Tierorakel 183 (s.o. A. 290); SAVk. 14, 293.
333 ) Reichborn-Kj. 23 u. Anm. 141. 142.
Die S. im Liebeszauber: bei Properz III, 6, 28;
Urquell 3, 239 (Polen). 334 ) SAVk. 14, 293.
335 ) Höfler Organother. 2, 62 (n. Schröder
1683); Seligmann Blick 2, 131 (s. o. A. 325).
338 ) Hansen Zauberwahn 252. 337 ) Wuttke
116 § 153; 306 § 451; 309 § 455 (Süd-Dtschl.);
S.enkopf in der Tasche verschafft Glück im
Spiel: Henne Volkssage 119 f- (dazu eine
Sage aus dem Solothurnischen); ZfVk. 4, 83
(Mittelschlesien); Rochholz Naturmythen 201
(Tirol). S.enkopf gegen Hexe: Krauss Sl.
Volkforsch. 66. 338 ) SAVk. 7, 51. 339 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 108 (nach Lutzen
1670); Kronfeld Krieg 112T; John West¬
böhmen 329; SAVk. 7, 52; SchwVkde. 12, 49
(französ. Schweiz). 34 °) Herzog Schwei zersägen
2, 83. 341 ) Reichborn-Kj. 26. 342 ) Groh¬
mann Abergl. 202. 343 ) Hembygden 6 (1915),
84 Nr. 19. 344 ) Hexenhammer 2, 219. 345 )
Reichborn-Kj. 23. 346 ) Hauffen Gottschee
97; Wlislocki Sieb. Volksgl. 181. Zum Geld
gelegt, bewirkt die Krone, daß das Geld nicht
abnimmt. Andrian Altaussee 141; Ho¬
vorka-Kronfeld 1, 268 (rum. Ungarn).
347 ) Reu sch Samland 42. 43 (die Sage vom
Alten Fritz u. s. Dragoner). 348 ) Schmeller
Bair. Wb. 1, 1373; Andrian Altaussee 141
(weißes Kelchtuch hinlegen). 349 ) Grohmann
Abergl. 79; Urquell 3, 239 (Polen). 35 °)
Jahn Pommern 13. 351 ) Arch. f. Kultg. 10,
112 (1521). 352 ) Lütolf Sagen 326 (Cysat). j
353 ) Andree-Eysn Vkdl. 142. 354 ) SAVk. 19,
227. 355^ Pogatscher Von S.enhörnern u.
S.enzungen. Röm. Quartalschr. 12 (1898),
162 ff. Im 16. Jh. schenkte man sich im Norden
Otternzungen. Troels-Lund Dagligt Liv
i Norden 14, 18. 356 ) Strackerjan 1, 68;
2, 172; vgl. Reichborn-Kj. 28 (im MA. gegen
Verhexung); in Frankreich Glück: Sebillot
3, 285. 357 ) St oll Zauberglaube 42. 358 ) Ebd.
194; Manz Sargans 145 (m. Lit.); Luck
Alpensagen 43. (Schweiz); Germania 36, 384
(Steierm.). 359 ) Stoll ebd. 38 °) Leoprechting
Lechrain 77 f.; Wuttke 116 §153 (Lahr).
381 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 108 f.; Kron¬
feld Krieg mf.; John Westböhmen 327 f.;
ZfVk. 8, 173 (Tirol). 382 ) Alemannia 2, 132
(Baar); SAVk. 7, 51 (Fest); Alpenburg Tirol
377 ff.; Bartsch Meckl. 2, 349 (in Schuh).
363 ) Grohmann Abergl. 81. 384 ) Reichborn-
Kj. 23 u. Anm. 141. 365 ) Grimm Myth. 2,
573 : 3 » 44 ° Nr. 174 (n. d. Chemnitzer Rocken¬
philos.); BIPomVk. 8, 94; Staricius Helden¬
schatz (1679) 354 f. Panzer Beitrag 2, 206;
Leoprechting Lechrain 78; Birlinger Aus
Schwaben 1, 109; Witzschel Thüringen 2,
277; ZfVk. 8, 173 (Tirol); Wirth Anhalt 273;
SAVk. 6, 57 (Berner Arzneibuch); Andree
Braunschweig 426 (über dem Pferd anbringen).
366 ) Bartsch Mecklenburg 2, 149. 367 ) Urquell 3,
238. 388 ) Sepp Religion 299 (Altertum, christ¬
lich, durch Götter, Helden, Heilige); Howey
Encircled Serpent 187 ff.; Anhorn Magiologia
(1674) 923 — 945 (ausführlich); Beispiele von
S.enbeschwörern 932 f. 934 (Salzburg); Delrio
Disquis. (1679) 126 f.; Kohlrusch Sagenb.
48; Jegerlehner Sagen 2, 24. 275; Lütolf
Sagen 243; Fient Prättigau 240; Schulen¬
burg Wend. Vt. 49; MSchlesVk. H. 5 (1898),
47; Rochholz Naturm. 202; Franz Bene¬
diktionen 2, 171 ff. (christl. Beschwörungen
seit dem 9. Jh.); Franz Nicolaus Jawor
186; ZfVk. 8, 342 (St. Patrick); Storaker
Natur 237 f. 389 ) Elsaßland 14, 36. 37 °) S. die
Abbildung, nach Photographie, in der ,,Zürcher
Illustrierten" vom 3. Juni I 93 2 - I n Nino
Usi abbruzesi konnte ich den Brauch nicht
finden. 371 ) Meyer Baden 79. 495 f. 372 ) Reich¬
born-Kj. 11 (für Skandinavien), wo auch
S.ensegen, ohne Texte, erwähnt werden; Meyer
Germ. Myth. 98; Meyer Baden 80 (Bayern,
Westfalen); Panzer Beitr. 2, 272 (1611); Jahn
Pommern 22 f. (mit Pfeife S.en zusammen¬
geschart). 373 ) Elsaßland 14, 38. 374 ) Groh¬
mann Abergl. 79. 375 ) Meyer Baden
80. 495; Knuchel Umwandlung 85. 378 ) ZfVk.
7, 362 (zit. Kuhn Mark. Sagen 169); Jahn
Pommern 217; Grässe Preußen 1, 99 f. (s. a.
2, 454); Otte Glockenkunde 173 f. Anm. 4);
Meyer Germ. Myth. 99; Temme Altmark 115.
377 ) Temme ebd.; Kuhn ebd.; Sepp Altbay.
Sagensch. 313; Lippert Christentum 494.
378 ) Sloet Dieren 335 (zit. Menzel Odin 115;
Kuhn Herabkunft 201. 229); Bartsch Meckl.
2, 452; Eisei Voigtl. 153; Dähnhardt NS.
2, 44. 379 ) Dähnhardt Natursagen 2, 44;
ZfVk. 11, 7 (zit. Vonbun Volkssagen a.
Vorarlberg 7 [2. Aufl. 177!.; Ders. Beiträge
127]); BüchliSagtfw a.Graubünden 2 Sgi.
38e ) BayerHefte 1, 108. 381 ) ZfVk. 11, 7 (zit.
W. Hertz Die Sage vom Giftmädchen S. 17
Anm.); SAVk. 6, 54; BayerHefte 1, 108;
Rochholz Naturmythen 196; Kuhn Herab¬
kunft 220; Büchli Sagen a. Graubünden 2
(1935), 89 f.; Meiche Sagen 636; ZfdMyth. 2,
Schlange
1163
II64
295 (Göttingen); Zingerle Tirol 104 Nr. 887;
Cers. Sitten 63; Baumgarten Aus d. Heimat 1,
136. 382 ) Elsaßland 14, 37. 383 ) ZfVk. 22, 126 =
Zachariae Kl. Sehr. 354; einjährige Hasel:
Amersbach Grimmelshausen 2, 56. 384 ) Panzer
Beitrag 251 f.; Kuhn Herabkunft 220; Henne
Sage 91. 385 ) Wucke Werra 2. 386 ) Black
Folk-Medecine 196. 387 ) Henne Volkssage 91.
388 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 266. 389 ) ZfdPh.
32, 165; nach Macer Floridus De virtutum
herbarum u. dieser nach Plinius NH. 25, 101;
Schönbach Berth. v. Regensb. 41. 39 °) Alpen-
bürg Tirol 383. 391 ) Jörimann Rezeptarien
157 (dort wird S. 125 aus einem Bamberger
Rezeptarium auch die „Coniza" genannt. —
Vgl. auch Arnald von Villanova Breviarium
1 . III, c. 19, opp. p. 1357. 392 ) SAVk. 27, 88;
Ho vorka-Kronfeld 1, 325 (n. Dioskurides);
s. a. A. 408. 393 ) Kuhn Herabkunft 222. 394 )
6. u. 7. Buch Mosis 59; Jahn Pommern 177;
BIPomVk. 8, 93. 395 ) Vernaleken Alpensagen
264. 39€ ) Grohmann 79. 397 ) Jb. f. jüd. Vkde.
1, 299; Lenz Zool. 473 (nach Palladius De re
rust. 1,35,11). 398 ) Lenz ebd. 399 ) Fogel Penn-
sylv. Germans 220. 4 °°) Sartori 3, 116 (n. Ethn.
Mitt. a. Ungarn 4, 172). 401 ) ZfVk. 4, 396. 402 )
Grohmann 82. 403 ) Fogel Pennsylv. Germans.
2 i 9 - — Im Johannisfeuer: Sebillot 3, 280.
Über eine rituelle Verbrennung von S.en, mit
Prozession, in Luchon (Pyrenäen) s. Mann¬
hardt 1, 515 f. 404 ) SAVk. 14, 293 (Val de
Bagnes, KI. Wallis). 405 ) RTradpop. 27, 474.
406 ) Sebillot 3, 279 (gelingt es nicht: Unglück);
zuerst im Frühling: Urquell 3, 238 (Polen);
Feinde bezwingen: Notes & Queries (1859)
S. 90. 407 ) SAVk. 14, 293. 408 ) Megenberg 261
(Ambrosius, nach Aristoteles, s. Lenz Zoologie
437); Sebillot 3, 265; Hovorka-Krönfeid 1,
325: Natternkopf (Echium) ins Maul gespien
(vgl. Anm. 392). 409 ) Benediktionen 2, 173
(Cato De agric. c. 102; Columella De re rust.
1 . VI, c. 1; Megenberg 249: Krebse. 273: S.en-
leber. 317: Kastanie. 322: Saft des Feigen¬
baums; u. weitere Quellen). Indien: ERE. 11,
417a. 41 °) Jahn Pommern 154 Nr. 475. 411 )
BIPomVk. 8, 94. 412 ) Bartsch Mecklenburg
2 > 453 f- 4l3 ) Land stad Fra Telemarken (1927)
83. 414 ) Hempler Psychol. 31. 415 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 266; in Böhmen eine,
pulverisierte S.enhaut: Grohmann 81; in
Brasilien das Schwänzende einer S.; Hovorka-
Kronfeld 2, 383. 416 ) Fogel Pennsylv. Germ .
291. 417 ) Wuttke 74 § 85. 418 ) Ebd. § 87;
Kuhn Westf. Sagen 2, 134; Aigremont Fuß-
erotik 6 1. 4iy ) John Erzgebirge 112; Witzschel
Thüringen 2, 198. 42 °) Bartsch Meckl. 2, 453. —
Weiterer Aberglauben: Frankreich: Wenn
man im Frühjahr den ersten Schmetterling
tötet, ist man das ganze Jahr gegen S.enbiß
geschützt, ebenso wenn man am Petrustag
(wohl Petri Stuhlf., 22. Febr.) nichts Spitzes
in die Hand nimmt. Sebillot 3, 266. Wir¬
kungslos ist das S.engift zwischen den Marien¬
tagen (M. Himmelf. u. M. Geb.). Ebd. 3, 276.
Franz. Schweiz: Gegen S.enbiß wird die
m
Wunde mit einem Geldstück umfahren;
SAVk. 12, 109; Knuchel Umivandlung 70.
421 ) Grimm Myth. 1, 487 A. 4 (n. Lenz S.en-
kunde 208); Drechsler Schlesien 2, 291;
Grabinski Sagen 43; Rogasener Familienbl.
1, 44; Bartsch Mecklenburg 2, 452 f. (Füße-
waschen); Vernaleken Mythen 313; ZfVk. 8,
173 (W r asser trinken: Tirol); Grohmann
Abergl. 80; BIPomVk. 8, 93; ZföVk. 4, 216
(Rumänen, Bukowina); Reichborn-Kj. 11
(zitiert Feilberg Dansk Bondeliv 1, 322, un¬
auffindbar); Storaker Natur 227; Sebillot 3,
275. 422 ) Carus Zoologie 334 (bei Epiphanius
umgekehrt); Sebillot 3, 269 (MA.); Physio-
logus, in Hoffmanns Fundgruben 1,29; Lau-
chert Physiologus 15; Megenberg 261; Arch.
f. neu. Spr. 55, 284 (Kreßner). 423 ) Megen¬
berg 281. 424 ) Storaker Natur 136 t. 232
(darum darf man auch keine schlafende S.
töten). 425 ) Becker Pfälzer Vkde. 141; Schra-
mek Böhmerwald 135; vgl. Schönwerth Ober-
pfalz 1, 417. 426 ) Boeder Ehsten 77. 427 )Leh-
mann Sudeten 147. 427a ) Alpenburg Tirol 399.
427 b) SAVk. 6. 54. 427 c) Ebd. 57. 42? d) Grimm
Myth. 2, 1013 (ohne Ortsangabe); Perger
Pflanzensagen 215 (n. Grimm). 427 Q Liebrecht
Zur Volkskunde 332.
6. In der Volksmedizin wird die S.
begreiflicherweise sehr häufig verwendet,
und nicht immer ist die Grenze gegen
den Zauber scharf zu ziehen. Der Glaube
an die heilbringende S. wird wesentlich
gestützt durch die Erzählung 4. Mose 21,
9, wonach derjenige, der die eherne S.
anblickte, vom S.nbiß geheilt wurde (s.
ZauberA. 409 ff. u. unten A. 570 ff.). Aber
auch sonst ist die magisch-medizinische
Verwendung der S.n schon seit frühen
Zeiten nachgewiesen 428 ). Zuweilen sind
sie das Symbol bestimmter Krank¬
heiten 429 ). Daß die Hauss.n neben
anderem Übel auch Krankheiten ab-
wehren, ist oben gezeigt worden (Kult
A. 212). Dank ihrer Klugheit kennt die S.
das heilende Lebenskraut (s. Sage
A. 744) 430 ). S.n waren noch bis ins
18. Th. ein medizinischer Handels¬
A. 744 ) 430 );
18. Jh. ein
artikel 431 ).
satz von D.
artikel 431 ). Einem (undatierten) Auf¬
satz von D. Mathiex in der Pariser
„Liberte“ ist zu entnehmen, daß eine
der Madame de Sevigne bekannte Dame
durch Vipembouillon von schwerer Krank¬
heit geheilt worden sei (vgl. auch Sloet
Di er 67 t 329 t.). Als die Königin Anne
d’Autriche 1663 von einem heftigen
Fieber ergriffen wurde, verordneten ihr
die Ärzte einen ,,Schlangentee“, von dem
1165
Schlange
II66
r * ♦
f,
fi
; I
sie mit „einer bewunderungswürdigen
Schnelligkeit“ genas. Im 17. Jh. war
die Verwendung von Schlangen für Arznei¬
mittel so groß, daß die Tiere zu Tausenden
immer in Bündeln von zwölf zusammen,
nach Paris gebracht wurden. Als im
Jahre 1820 die französische Akademie
der Wissenschaften von dem Ministerium
des Innern angefragt wurde, ob die Ein¬
führung giftiger S.n verboten werden
sollte, forderte ein Mitglied dieser ge¬
lehrten Körperschaft, daß eine Aus¬
nahme bei den Vipern gemacht würde,
die „einen wichtigen und nützlichen
Handelszweig darstellten“ (vgl. auch
Sebillot 3, 288).
Marshall führt folgendes an: Die
Kreuzottern werden noch vielfach zu
medizinischen Zwecken benutzt, nament¬
lich ist die in bergigen, trocknen, sandigen
Gegenden lebende wegen ihrer vermeint¬
lichen großem Heilkraft sehr bevorzugt.
Die „allerbesten“ waren die schwarzen,
welche eine häufige Varietät gerade an
feuchten Stellen bilden 432 ).
S.nbestandteile enthielt auch ursprüng¬
lich der Theriak 433 ). Der Genuß von
S.n fleisch verjüngt (A.546 und Zauber
A. 288) 434 ).„Wider den aussatz. Nim
eine S. vnnd schneidt ihr den kopff vnnd
den schwantz abe, fünf finger lang auff
allen beiden Seiten vnnd nim die einge-
weidt herauß vnnd thue darzu schmer
vnnd dasselbe fleisch vnnd seudt in
wasser vnnd mache darauß einen tranck
vnnd thue darzu Zucker“ 435 ). Gegen
Zahnweh 436 ) und Bauchwassersucht
(wo?) 437 ) wird eine S. angebunden.
Für die besonderen Krankheiten s. das
folgende und die einzelnen Teile der
S. 438 ). Selbst Hirsche (s. Natur A.
164 t.; Zauber A. 397; unten A. 588)
fressen nach einem alten Glauben S.n
zur Heilung 439 ).
Oft wird die S. getrocknet oder ver¬
brannt, pulverisiert, und das Pulver
bzw. die Asche zu Heilzwecken ver¬
wendet (s. auch Fleisch der S.: A.
476 h.) 44 °). Gegen Augenkrankheiten 441 ),
Aussatz: S.nasche in Wein 442 ); gegen
Bräune wird eine S. mit einem roten
Faden erwürgt u. dieser dem Kranken
der
ver¬
um den Hals gewickelt 443 ). Geschwüre
werden mit dem Pulver bestreut 444 ),
gegen Gicht (Plinius?) 445 ), Hautkrank¬
heiten (Plinius, Hippokrates u. a.) 446 ),
Krebs 447 ), Kropf (Plinius) 448 ), Ohr¬
krankheit (id.) 449 ), giftige Wunden 45 °),
Zahnweh 451 ). Gegen Magenkrank¬
heiten werden Votivs.n dargebracht 452 ).
Auch in der Tiermedizin findet das
S.npulver Anwendung 453 ).
Einzelne Teile der S.: Auge: Auf
leidende Augen band man das rechte
Auge einer S., die man aber leben
ließ 454 ), im Altertum gegen Schnupfen 455 ).
Blut: Gegen Blutspucken wird ein
in Vipernblut getauchter Faden (s. a.
A. 564) um den Hals gelegt 456 ).
Ei (s. a. Natur A. 83). Gegen Epi¬
lepsie gebe man dem Kranken einen
Kuchen aus S.neiern zu essen (Böh¬
men) 457 ).
Fett (s. Zauber A. 304) 458 ):
Gegen Asthma 459 ), Augenkrank¬
heiten 46 °), Darmsucht 461 ), Epilep¬
sie 462 ), Gebärmutterkrankheiten 463 ),
Gelenkentzündung 464 ), Rheumatis¬
mus 465 ), Harn- 466 ), Herz- 467 ), Ohren¬
leiden 468 ), Schmerzen 469 ), Schwind¬
sucht 470 ), Veitstanz 471 ), Verren¬
kung 472 ), Wunden 473 ). Aus Böhmen
ist der merkwürdige Glaube bezeugt,
daß ein Mensch, der sich mit S.nfett
ein schmiere, sich bewegen könne, wie
er wolle, ja sich sogar wie ein Rad zu-
sammenrollen (Schlangenmensch!) 474 ).
Fett in der Pferdemedizin s. DWb. 9,
458; gegen „Feuer“ der Schweine 475 ).
Fleisch (s. o. A. 431 ff.), bzw. ein Ab¬
sud davon oder Spiritus, schon in der
antiken Medizin 476 ). Das Fleisch der
weißen S. (s. Natur A. 35; Zauber A.
287) (hvidorm) heilt nach norwegischem
Glauben alle Krankheiten 477 ). Be¬
stimmte Krankheiten: Augenleiden 478 ),
Aussatz 479 ), Drüsen (Kropf) 48 °),
Epilepsie 481 ), Menstrualblutvergif-
tung 482 ), Nervenleiden 483 ) Schwind¬
sucht 484 ), Syphilis (Frankr.) 485 ),
Trunksucht 486 ), Zahnweh (Norw.) 487 ).
Nach anderer Meinung macht es kräf¬
tig 488 ). Auch für China ist S.nfleisch als
medizinisches Mittel gegen verschiedene
1167
Schlange
Il68
Krankheiten bezeugt 489 ). In der Tier¬
medizin für Schweden u. Böhmen 490 ).
Nicht selten berichten Volkserzählungen
von Vergiftungen durch S.nfleisch (s.
Sagen A. 764) 491 ).
Galle 492 ): gegen Augenleiden (an¬
tik) 493 ), Epilepsie 494 ), Geburt beför¬
dernd 495 ) (s. Zauber A. 271. 291; hier
A. 508. 549); auch gegen Hundebiß 496 ).
Gedärme: gegen Epilepsie (Bos¬
nien) 497 ).
Geifer (s. Zauber A. 309), in ein
Speisegericht gemischt, wirkt heilkräf¬
tig (Saxo III, 123; V, 193) 498 ).
Gift der S. (Natur A. 97 ff.) ist gut
gegen Epilepsie, Schwindsucht und
eiternde Wunden 499 ).
Vielfach ist die Verwendung der Haut,
besonders der von der S. selbst abgestreif¬
ten (s. Zauber A. 312) 50 °), gegen Augen¬
leiden 501 ), Blutung 502 ), Darmkrank¬
heiten 503 ), zieht Dornen aus (s. A.
526) 504 ), gegen Erkältung 505 ), Fie¬
ber 506 ), Fußschmerz 507 ). Alt ist schon
der noch heute geltende Glaube, daß
eine S.nhaut, auf eine Gebärende gelegt
oder um den Leib gewunden, die Geburt
erleichtere, ja sogar Abortus herbei¬
führe (s. oben A. 495) 508 ). Ferner ist sie
gut gegen Gelbsucht 509 ), Geschwül¬
ste, wenn zwischen den Marientagen
gewonnen 510 ), gegen Gicht (s. Rheu¬
ma), Haarausfall (Norden) 511 ), Keuch¬
husten 512 ), Kopfweh (England, Spa¬
nien) 513 ), als Strumpfband gegen
Krämpfe 514 ), Kramp f adern 515 ),Läuse-
sucht (Plinius) 516 ), allzu starke Men¬
struation 517 ), Ohrenleiden 518 ), Rheu¬
ma u. Gicht 519 ), Rose u. Rotlauf 520 ),
Rückenweh 521 ), Ruhr 522 ), Wunden 523 ),
Zahnbeschwerden 524 ), Zehenschmer¬
zen 525 ). Aus Frankreich ist sie als Mittel
gegen Nachtwandel, Halsweh, Furunkel,
Wunden, zum Ausziehen eines Doms
(s. A. 504) u. zum Abtreiben der Frauen¬
milch bezeugt 526 ), aus der Antike als
Tiermedizin 527 ); in Baden gegen Un¬
fruchtbarkeit des Viehs 528 ). Das Herz (s.
Zauber A. 332 ff.) gegen Epilepsie 529 ),
Fieber 530 ), Hautleiden 531 ), Ruhr 532 ),
Z a h nbeschwerden 533 ). Die Knochen,
bzw. Wirbel (s. a. Zauber A. 353) der
S.n werden, besonders in bayrisch-öster¬
reichischen Gebieten, oft von Kindern
an der ,,Fraisenkette' f gegen die Kon¬
vulsionen getragen 534 ); auch werden
sie zusammen mit dem Blute eines
schwarzen Hahns in Taufwasser oder
Dreikönigswasser gekocht und getrun¬
ken 535 ). Natternbeine, am bloßen Leibe
getragen, helfen gegen das ,,Kalte Gift“
(Arthritis frigida) 536 ). Bei den Rumänen
in der Bukowina gilt der Glaube, daß, wer
auf S.nknochen trete, einen geschwollenen
Fuß bekomme 537 ).
Kopf (s. a. Zauber). Nach Höfler, Org.
145 ist S.nkopf auch die Bezeichnung der
ägyptisch-j üdisch-griechischen Propheten
für ßÖc'Xtat = Commiphora africana (zit.
Dieterich Papyrus magica 816 u. Be-
rendes Dioscurides 83), ein Salben- u.
Räucherungsmittel gegen S.nbiß (s. 11.
A. 570) und Sehnen- oder Nerven¬
knoten u. Totgeburten (?). Ohne Be¬
zeichnung einer bestimmten Krankheit
als Heilmittel erwähnt in ZfVk. 3, 381
(Tirol); für verschiedene Krankheiten
(Fieber, Flüsse, Melancholie, Pest, Kopf¬
schmerzen) bei Birlinger Aus Schwaben
1, 107 f. Gegen Augenleiden 538 ). ,,Vor
den Aussatz nim einen S.nschwantz
und Kopf, abgehawen und gederret, zu
vom die Haut abgezogen, eine Stunde
in Salz geleget, darnach zu Pulver ge¬
macht, das auf Brot zu sich genommen'' 539 ).
Gegen Fieber (s. o.) * 540 ), Gicht 541 ),
Halsbeschwerden 542 ), Läuse, Nerven¬
knoten 543 ), Schwindsucht bzw. Muskel¬
schwund 544 ), Zahnbeschweren 545 ). Pul¬
verisiert und mit Hanfsamen vermischt
getrunken wirkt er verjüngend (vgl. A.
434; Zauber A. 288) 546 ).
Die Leber (s. Zauber A. 350; unten A.
582) war noch im 18. Jh. offizinell 547 ).
Gegen Epilepsie („schwere Not“) 54S ),
Geburt fördernd (s. A.495. 508) 549 ),gegen
Hautleiden 550 ), Ruhr 551 ).
Der Schwanz (s. Zauber A. 351) ist
ein Mittel gegen Aussatz (s. Kopf A.
539 ) 552 ) und Krampf 553 ). Die Rassel
vom Schwanz der Klapperschlange wird
in Pennsylvania für das Zahnen u.
gegen Keuchhusten verwendet 554 ).
Über den Stein im Kopf der S. s.
Schlange
1170
IIÖO
Natur A. 81 ff.; Sagen A. 628 ff.; über
andere „S.nsteine'' (Serpentin usw.): Na¬
tur A. 86; Zauber A. 260. Vgl. weiter:
Reichb. 29; Schatzkammer der Kauff-
mannschaft 2 (1741), 1287; Verwendung
u. Wirkung ebd. 1288; Seyfarth Sachsen
260 (Kindern um den Hals gegen Krank-
beit u. Behexung); Pires de Lima
Pedras de Cobra in: Lusa 3, 70 f.
Hierzu eine briefliche Auskunft von
Prof. Dr. J. A. Häfliger in Basel: ,,Der
Lapis Serpentis oder magneticus oder
Magnes venenorum, der Giftmagnet, soll
von S.n aus Ostindien stammen; schwarze
Farbe, linsenförmig, beidseitig mit gelb¬
lichem Fleck gezeichnet. Ob diese
Steine natürlich oder künstlich sind, ist
zweifelhaft". S.nsteine werden ange¬
wendet: Gegen Gift 555 ), Pest 556 ),
Wassersucht 557 ).
S.nzähne (s. Zauber A. 354) sind gut
gegen Fieber 558 ) und für das Zahnen
(Plinius 30, 136) 559 ); auch die Ruthenen
streuen das Pulver eines zerstoßenen
S.n- oder Hundezahns auf den schmer¬
zenden Zahn 560 ).
Die Zunge ist seltener ein medizinisches
als ein magisches Mittel (s. Zauber
A. 355 ff.) 561 )* Wunden wird sie zur
Heilung aufgelegt 562 ). Nicht zu ver¬
wechseln ist damit die Pflanze „Natter-,
Otter-, Schlangen-Zunge“, Ophioglossum
vulgatum (s. 6, 981) und fossile Gebilde
dieses Namens (s. 2, 1716 ff.; 3, 877 ff.).
Immerhin wird schon in der Homilia
de sacrilegiis § 15 die S.nzunge als Heil¬
mittel erwähnt: „quicunque ad fri-
gaturas (kaltes Fieber). linguam
serpentis ad collum hominis suspen-
dit“ 563 ). Indirekt wirkt die S. als
Heilmittel, wenn man einem an
der Bräune Erkrankten einen roten
Faden um den Hals hängt, mit dem
eine Kreuzotter erwürgt worden ist (s. a.
A. 456) 564 ). Ein an Schwindsucht
leidender Knecht in Mecklenburg, der
aus einem Fäßchen getrunken hatte,
in dem eine S. ertrunken war, wurde von
der Krankheit geheilt 565 ).
Die Slowenen haben folgendes Vor¬
beugungsmittel gegen Zahnweh: Zahn¬
schmerzen bekommt man nie wieder.
wenn man im Frühjahr eine lebende S.
derart auf einen Stock zieht, daß die
Haut gerade paßt; man läßt sie darauf
trocknen, und dann raucht man dieses
Holz in einer Pfeife wie Tabak 566 ).
Die Braten von verschiedenen S.n
gelten als schweißtreibend und urin¬
treibend. Wer diese Speise scheut, der
kann Hühner oder Gänse mit feinge¬
schnittenem S.nfleisch füttern und als¬
dann diese schmackhafteren Tiere ver¬
zehren (n. Marshall) 567 ).
Wieder den krebs. Fähe eine
schlangen vnnd tödte sie, dieselbe aber
bescharre in den mist vnnd laß sie solang
da liegen, biß würmlein darauß werden,
darnach nim dieselbe vnnd derre sie
vnnd mache darauß ein salben 568 ).
In England trinken Frauen, welche
ihre Schönheit bewahren wollen, Wein,
der über lebende Nattern gegossen worden
ist 569 ).
Besonders behandelt seien die Mittel
gegen den S.nbiß (s. Zauber A.
409 ff.) 570 ). Vor allem ist es die S. selbst
und ihre Teile, die zur Heilung ihres
Bisses gebraucht wird. Man ißt ihr
Fleisch 571 ).
In der Gegend von Bodenbach (Böh¬
men) töten die Leute die giftigen S.n,
die sie in den Wäldern finden und hängen
sie auf den Zweigen der Bäume auf. Wird
jemand von einer S. gebissen, so legt er
ein Stück von einer solchen getöteten
Schlange auf die Wunde und erwartet
davon sichere Heilung 572 ).
Die Asche einer verbrannten S. wird
auf die Wunde gestreut 573 ).
Von einzelnen Teilen der S. gelten
als Heilmittel gegen Biß: das Blut 574 ),
Eingeweide 575 ), Fett 576 ), die Galle 577 ),
Haut 578 ), das Herz 579 ), der Kopf 580 ),
die Krone 581 ), die Leber (s. a. Galle) 582 ).
Auch die sog. S.nsteine (s. Natur A. 80ff.;
Zauber A. 352) 583 ) ziehen das Gift aus
der Wunde 584 ); vgl. auch das „S.nei“ 585 )
(s. A. 457; Natur A. 83, 86; Zauber
A. 307). Als Amulett wird Achat ge¬
tragen 586 ), feuchte Erde auf die Wunde
gelegt 587 ). Von Heilkräutern und
-pflanzen sind zu nennen: Agrimonia
(Odermennig) mit Hirschhorn (vgl.
Schlange
1172
II 7 I
Zauber A. 397) und Raute (s. Zauber
A. 390 f.) in „Aqua pisilis“ 588 ),ein Dekokt
von Eschenblättern (s. Natur A. 144;
Zauber A. 270.3S4 ff.; Sagen A.777) 588a ),
Sonchus oleraceus (Hasenkohl, Gänse¬
distel), Ocymum (Basilienkraut), Klee,
Teucrium (Bergpolei) 589 ), Knoblauch
und Zwiebel 590 ), die Blätter der weißen
Lilie 591 ), Blüten von Kornähren 592 ),
Zweige der Silberpappel 593 ), S.n-
kraut 594 ), Brom beerblätter 595 ), Jo¬
hanni sbeerblätter in Urin und Essig
gekocht 596 ). Auch gegen S.nbiß, wie
gegen die S. überhaupt, ist menschlicher
Speichel wirksam (s. Natur A. 73;
Zauber A. 408) 597 ), ebenso Tabak und
Terpentin 598 ). Von Tieren nament¬
lich die Kröte (s. Zauber A. 416) 599 );
ferner die noch warmen Eingeweide eines
Huhns (Worcestershire) 60 °), in England
eine Taube 601 ), Schweinefett 602 ). Im
Altertum Schweinemist 603 ), Schabsei
von einem Ziegenhorn (vgl. Zauber
A. 398) 604 ). Ebenda wurde Skor-
pionenfleisch gegen den Biß der Sterns,
angewendet 605 ), in Altaussee Skorpion-
öl 606 ), in Kärnten Wespennester 607 ),
im Erzgebirge ein Gründonnerstags¬
gänseei (s. Zauber A. 417) 608 ), oder die
Wunde wurde in fließendes Wasser ge¬
halten 609 ). In Böhmen ißt man am
Gründonnerstag Honigbrot 610 ), oder
man trinkt Wasser, das am Agathentag
geweiht wurde 611 ), oder man trägt pro¬
phylaktischweiße Kiesel in der Tasche 612 ).
In Ostpreußen wird das gebissene Glied
in ein Erdloch gesteckt, das mit Butter¬
milch gefüllt ist 613 ). In Norwegen wird
ein viereckiges Rasenstück, das mit
Urin getränkt ist, auf die Wunde ge¬
halten 614 ). Ebenda schneidet man das
Fleisch der Bißwunde aus und wirft es
weg. Die Elster, die es frißt, stirbt da¬
von 615 ). Salz schützt das Vieh vor
S.nbiß 616 ).
Zahlreiche Mittel gegen die S.n im
menschlichen Leibe (Natur A. 152ff.)
zählt Alemannia 26, 264 ff. auf.
428 ) Hastings ERE. 11, 406 b (allg.). 416b
(Indien). 421 b (Litauen); Frazer OT. 2, 47.
50; Guthe Bibelwb. 586; (Litauen) Küster
Schlange 1330.; Wissowa Religion 217. 308;
Pauly-Wiss. 1, 78; ARw. 10, 201 ff. (Askle-
pieion); eine reichhaltige Monographie : J. R e i c h-
born-Kj ennerudOrwews i nordiskfolkemedisin y
belyst ved den klassiske oldtidsmedisin. (Spct-
tryk av Norges Apotekerforenings Tidskrifts
farmac.-videnskab. del) Kristiania 1924
(Reichb.); Grimm Myth. 2, 527; 3, 198;
Black Folk-Medicine 155 f.; Peters Aus
Pharmazeut. Vorzeit 2,32 h.; Schatzkammerder
K auß mannschajt. Leipzig 1742: 3, 474 f.(Natter);
4, 126 ff. (Schlange). 429 ) J. C. Hasseil
The serpent as a symbol in mental disease, in
Proc. Ass. Isthmian Canal Zone (Mount Hope)
9 39 ff-; Symbol der Gürtelrose: Black
Folk-Medicine 10. 43 °) Jungbauer Volksmed.
M 3 - 431 ) Schatzkammer a. a. O.; G. H. Zin¬
kens Oecon. Lex. 6 (1800)2, 816. 432 ) Jüli-
ling Tiere 163. 433 ) Lenz Zool. 458 (n. Plin.
NH. 29, 70); Bakker Volksgeneeskunde 542 (nach
Paulus v. Aegina, 7. Jh. n. Chr.); spätere
Zusammensetzung des Theriak: Hovorka-
Kronfeld 1,413.Ausführlich GesnerSchlangen¬
buch (1589) S. LV ff.: Von der Viper gemacht
(nach Galenus). Genaue Beschreibung der
Zubereitung und Wirkungen. 434 ) Agrippa
v. Nettesheim 1, 105; ähnlich Dioskundes
und heute noch in Südtirol: Hovorka-Kron-
feld 1, 381. 435 ) Jühling Tiere 159 f. 436 ) Ebd.
163. 437 ) Wuttke 487. 438 ) Außerdeutsches:
Hals: Black Folk Medicine 58 (Engl.); Kopf¬
weh: Hovorka-Kronfeld 2. 883 (Indien);
Epilepsie: Reichb. 23 (Norw.); Höfler
Organotherapie 144 (Bosnien); Rücken weh:
Reichb. 24 (Norw.); Syphilis: Sebillot
3, 288. 439 ) Hrabanus Maurus: Migne
CXI, 204 (n. Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 505 17 ).
44 °) Land stad Fra Telemarken (1927) 83
(Asche). Beräucherung des Kranken mit dem
5. npulver: Urquell 2, 238 (Polen). 441 ) Se¬
billot Folk-Lore 3, 289. 442 ) Jühling Tiere
160. 164; Megenberg 285. 443 ) Albertus
Magnus 4, 47, 165. 444 ) Hovorka-Kron¬
feld 2, 402 (Aussee); ZfVk. 8, 173 (Tirol).
445 ) Hovorka-Kronfeld 2, 270. 448 ) Reichb.
26. 447 ) Jühling Tiere 162 (n. Fossel 156);
Heyl Tirol 788 . 448 ) Hovorka-Kronf. 2, 14;
9 mal an den Hals gestrichen: Notes & Oueries
( i 8 59 ) 36- 449 ) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 506.
45 °) Jühling 160. 163 (n. Schönwerth); ZfVk.
8, 173; SAVk. 15, 178. 451 ) Gesner S.enb.
1589. 9 b ; Jühling Tiere 163. 452 ) Andree
Votive 156. 453 ) Grohmann 141 (Gänse).
230 (Kühe). 454 ) Jühling Tiere 163; ange¬
hängt: Agrippa v. Nettesheim 1, 126.
455 ) Plinius 29, 131. 456 ) Wuttke 153;
Bavaria 4, 1, 223; Jühling 162; Lammert
198; Fogel Pennsylvania 273. 457 ) Groh¬
mann 176; Jühling Tiere 162. 458 ) Vor
I 5 ° Jahren in Ostpreußen noch offizineil. Ur¬
quell 3, 69. Vgl. auch Schatzkammer der Kaufj-
mannschaft 4 (1742), 128; Reichb. 27 (tw. n.
Plinius ); DWb. 9, 469; heilt alles: Storaker
Natur 242. 459 ) Jühling 162 (n. Fossel 104).
,eo ) Megenberg 285; Drechsler 2, 296(poln.);
Urquell 3, 15 (Ostpreußen). 86 (dto); Jühling
158 f. 160. 162 (n. Fossel 94); Hovorka-
I
1173
Schlange
1174
® Kronfeld 2, 798 (Slovaken). 461 ) Jühling
W' 161. 462 ) Jühling 161; Fossel Steierm. 74;
p s Hovorka-Kr. 2, 678 (Ramsau). 463 ) Jüh-
L:. ling 159. — Für Empfängnis: Hippo-
J. kratiker Ibpt arosptov 8, 433, s. Pauly-Wiss.
2. R. 2, 1, 506. 464 ) Höhn Volksheilkunde
1, 142. 465 ) Hempler Psychol. 58; Sebillot
j J Folk-Lore 3, 288. 466 ) Hovorka-Kr. 2, 145.
f 487 ) Zahler Krankheit 81. 468 ) Jühling 161
(n. Fossel 96). 469 ) Bartsch Meckl. 2, 101.
47 °) Jühling 160. 161.162 (n. Fossel 105.106);
■X Zahler Krankh. 81; Hovorka-Kr. 1, 324 f.;
j 2,44. 471 ) Jühling 161. 472 ) Lammert 213.
473 ) SAVk. 8, 152. 474 ) Grohmann 81.
475 ) Bartsch Meckl. 2, 182. 478 ) Pauly-Wiss.
2. R. 2, i, 506; Plinius 29, 69. 70 aus einem,
Salomo zu geschriebenen Buche; s. Wellmann
' Abh. Berl. Ak. 1928 Nr. 7, S. 13, n. Ana-
stasius Sinaiticus [640—700] Quaestiones
41 (Migne Patr. Graeca 89, 598 D). 477 ) Sto¬
raker Natur 242. 478 ) Pauly-Wiss. 1, 78.
47fl ) Jühling 159. 480 ) Höfler Organotherapie
■ 143 (nach Celsus V, 28, 7); Pauly-Wiss. 1, 78.
481 ) Hempler Psychol. 58 (Kreuzotterspiritus).
488 ) Bakker Volksgeneeskunde 542. 483 ) Jüh-
,* ling 161. 484 ) Fogel Pennsylv. 273; Bartsch
Meckl. 2, 182. 485 ) Sebillot Folk-Lore 3, 288.
486 ) Bartsch Meckl. 2, 182. 487 ) Reichb. 26.
488 ) DWb. 9, 458. 489 ) Höfler Organotherapie
• 143. 490 ) Reichb. 26; Grohmann Abergl. 230.
491 ) Liebrecht Z. Volkskunde 214. 492 ) Höfler
Org. 223 (Varia). 493 ) Ebd. (a. Rom, China).
494 ) Hovorka-Kr. 2, 215; Höfler Organoth.
189. 223. 495 ) Höfler Org. 189 f. 496 ) Ebd.
223 (Marco Polo). 497 ) Ebd. 189. 498 ) Grimm
Myth. 3, 344; Stern Türkei 1, 433 (ebenfalls
n. Saxo). 4 ") Reichb. 23. 28 u. Anm. 194.
50 °) Schatzkammer d. Kaufm. 2, 347; ohne
Indikation: Hovorka-Kr. 1, 382; Verna-
leken Alpensagen 237. 501 ) Megenberg 285;
Hovorka-Kr. 1, 381. 502 ) Jühling 159. 160;
RevTrpop. 26, 258 (Lüttich). 503 ) Aubrey
; Remaines 38. 224. 504 ) Ebd.; Notes & Queries
(1859) 168. 505 ) Hovorka-Kr. 2, 20 (Plinius).
808 ) Wuttke 354. 530; Weinhold Neunzahl
46; Jühling 162 (nach Grohmann, Buck);
Hovorka-Kr. 2, 359 (Wundfieber, Bayern);
Sebillot 3, 289 (Kindbettfieber). 607 ) Ger¬
mania 36, 384 (Steierm.). 508 ) Aus dem Orient:
Wellmann in Abh. Berl. Akad. 1928, Nr. 7,
S. 17; auch Plinius 30, 129. — W T eiter:
Reichb. 27 (Norw. u. klass. Alt.). 41 A. 180:
auch den Kühen das Kalben erleichternd;
Pauly-Wiss. 1, 78; 2. R. 2, 1, 506; Jühling
158 (n. Gesner). 160 (n. Dörler u. Fossel).
163 (n. Kräuterman); Zimmermann Volks¬
heilkunde 57; Meyer Baden 388 (Österr.);
Engelien a. Lahn 265; ZfVk. 8, 173 (Tirol);
Alemannia 3, 172; SAVk. 2, 262 (Abortus,
Zürich); Lammert 169 (Nachgeburt beför¬
dernd) Staricius Heldenschatz (1679) 519;
Schatzkammer d. Kaufm. 2, 347; DWb. 9, 463:
gegen vorzeitige Geburt. 509 ) Schatzkammer
d. Kaufm. 4, 128. 51 °) Baumgarten A. d.
Heimat 1, 120, vgl. Reichb. 28: gegen Abszesse.
I 5U ) Höfler Organoth. 143; Reichb. 28 (Dä-
nem.); in Polen zur Beförderung des Haar¬
wuchses: Urquell 3, 238. 512 ) Fogel Pennsyl¬
vania 338. 513 ) Aubrey Remaines 38 A. 1;
Notes & Queries (1859) S. 51,5; Llano Roza
Folkl. Asturia.no 133. 514 ) Stoll Zauber glaube
46 (Kt. St. Gallen). Ein Exemplar befindet
sich im Museum für Völkerkunde zu Basel,
Nr. VI 6125; Reichb. 28 (Dänem.). 515 ) Pauly-
Wiss. 2. R. 2, 1, 506. 51S ) Hovorka-Kr. 2, 753;
Pauly-Wiss. 1, 78. 517 ) Jühling 159.
6I8 ) Hovorka-Kr. 1, 381; 2, 811 (Bayern);
Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 506 (Dioscurides).
519 ) Stracker jan 2, 172; das Museum f. Völker¬
kunde in Basel besitzt eine Kreuzotterhaut aus
Oldenburg, die gegen Gicht gebraucht wurde
(Nr. VI, 11 667); Hovorka-Kr. 1, 325
(Bayern); 2, 278 (Tirol); auch in China:
Black Folk Medecine 156. ß2 °) Hovorka-Kr.
2, 741. 521 ) Reichb. 27. 522 ) Pauly-Wiss.
2. R. 2, 1, 506; Hovorka-Kr. 2, 301 (Plinius).
823 ) Lammert 202; Buck Volksmed. 52 (pul¬
verisiert gegen Wundfieber); Jühling 159.
160. 162; DWb. 9, 463; Buck Volksmed.
52; Sebillot 3, 288; Urquell 3, 238 (gg. Beulen:
Polen). 524 ) Hovorka-Kr. 1, 381, 2, 828;
Fogel Pennsylv. 312. 313; Pauly-Wiss. 2. R.
2,1, 506; Megenberg 285; SAVk. 15, 241 (franz.
I Schweiz). 525 ) J ühling 158. 159. 528 ) Sebillot
1 3, 289. 527 ) Cato De re rust. 73, 102; Plinius
NH. 30, 148; Höfler Organoth. 143. 528 ) Meyer
Baden 401. 529 ) Fogel Pennsylv. 275; Reichb.
27 (Irrsinn). 63 °) Hovorka-Kr. 2, 322
(Quelle?); Höfler Organoth. 262 (Plinius).
531 ) Ebd. 188. 532 ) Ebd. 189, 262. 533 ) Ebd. 262
(n. Plinius); Jühling 163. 534 ) Schmeller
Bayr. Wb. 1, 617; ZfVk. 5, 412; ZföVk. 13, 100;
Jühling 160 (n. Fossel 72); Andree-Eysn
Volkskundl. 141. 142 (auch die aus den Früchten
der Coix lacrimae gefertigten Rosenkränze
heißen ,,Natterbeten' 4 ). 535 ) Jühling 161
(gegen Nerven" ; F o s s e 1 73: gegen Fraisen).
536 ) Baumgarten A. d. Heimat 1, 120. 537 ) Zfö¬
Vk. 4, 216. 538 ) Pauly-Wissowa 1, 78 (Trief¬
augen). 539 ) Jühling 160. 54 °) Hovorka-
\ Kr. 2, 322; Jühling Tiere 162; Wuttke 353;
DWb. 9, 462; Grohmann Abergl. 166 (mit
einer Silbermünze abgeschnitten). 541 ) Höfler
Organoth. 145; Hovorka-Kr. 2, 270. 542 ) Jüh¬
ling 163. 543 ) Höfler Organotherapie 145
(Plinius). 544 ) Reiser Allgäu 2, 158. 439 (einer
Kuh um den Hals). 54S ) Höfler Organoth. 145
! (Plinius); Reichb. 26 (Norwegen). S46 ) 6. u.
7. Buch Mosis 98. 547 ) Höfler Organoth. 188.
548 ) Ebd. 189. 223 f. 549 ) Ebd. 189. 224. 55 °) Ebd.
188. 551 ) Ebd. 189. 262; Jühling 164. 552 ) Jüh¬
ling 160. 553 ) Höhn Volksheilkunde 1, 129 f.
554 ) Fogel Pennsylv. 313 Nr. 1664; 336 Nr. 1782.
555 ) Lütolf Sagen 326 (Cysat). 556 ) Ebd.
' 557 ) Ebd.; BIPomVk. 8, 94. 558 ) Agrippa
v. Nettesheim 1, 126; Jühling 163. 559 ) Pau¬
ly-Wiss. 2. R. 2, 1, 506. 56 °) Hovorka-Kr.
! 2, 838. 561 ) Reichb. 28; ZfVk. 3, 381 (Tirol);
; für Wunden: Jühling 164. 562 ) Jühling 164.
563 ) Saupe Indiculus super stitionum 14.
”75
Schlange
I I 7 Ö
564 ) ZfVk. 8, 172 (Tirol); Hovorka-Kr. 2,
697 f.; Lammert 141; Jühling 162 belegt
den Glauben auch aus Mecklenburg. Uber diese
„Vipernschnur“ gegen „Halsschwindsucht“ s. a.
Hovorka-Kr. 2, 63. 565 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 182. 568 ) Hovorka-Kr. 2, 825.
567 ) Jühling 164. 568 ) Ebd. 159. 569 ) Ho¬
vorka-Kr. 2, 883. 57 °) Hastings ERE. 11,
406b; Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 500 £E.; Sebil-
lot 3, 275 ff. ß71 ) ERE. 11, 406b. ß72 ) Groh-
mann 80; ähnl. Black Folk Medecine 51;
Bakker Volksgeneeskunde 542. ß73 ) Reichb.
26; Storaker Natur 235. 574 ) Ebd.; Sebillot
3 » 275. 57ß ) Megenberg 285; Lenz Zool. 459
(n. Plinius). 678 ) ERE. 11, 406b; Jungbauer
Volksmed . 84; Jühling 163 (n. Kräutermann);
Bakker Volksgeneeskunde 542; Storaker Na¬
tur 235. 577 ) Hofier Organoth. 223. 224.
fi78 ) Reichb. 28 (Cato, Plinius); ZföVk. 8, 186
(Kärnten); auch bei den Rumänen in der Buko¬
wina; ebd. 4, 216; Bakker Volksgeneeskunde
541 (Milch, in der eine S.nhaut gekocht);
De Cock Volksgeneeskunde 283. 579 ) Höfler
Organoth. 262. 68 °) Ebd. 144. 145 (Plinius);
Lenz Zool. 458 (ebenso); Jühling 163;
Pauly-Wiss. 1, 78; Reichb. 26 (Schweden,
Plinius 29, 69); BIPomVk. 8,94; Sebillot
3, 275. 580 *) Wuttke 57 (Böhmen). 581 ) Reichb.
27; Höf ler Organoth .1 88 (Plinius, Megen¬
berg 281); Pauly-Wiss. 1, 78; Sebillot 3, 275.
582 ) DWb. 9, 470. 583 ) Hauffen Gottschee io2f.;
Llano Roza Folkl. Asturiano (1922) 133.
584 ) Eiförmiger Jade: Aubert et Bourrilly
Objets et rites talismaniques en Provence (Va-
lence 1907) p. 11. ß8ß ) Alpenburg Tirol
411. 586 ) Bartsch Mecklenburg 2, 453. 587 ) Jö-
rimann Rezeptarien 134; Wuttke 133;
Black Folk Medecine 200. 588 ) Wlislocki
Siebenb . Volksgl. 181; Lenz Zool. 455 (PIin.
16, 13, 24). ß89 ) Hovorka-Kr. 1, 382 f. (Dal¬
matien). 59 °) Fogel Pennsylvania 220
Nr. 1110. ß91 ) DWb. 9, 456 (n. Lonicer).
6ü2 ) Wuttke 126 (Erzg., Böhmen). 593 ) Ebd.
146 (Böhmen). ß94 ) Joh. v. Muralt Lustgarte
( I 7 I 5) 2 93 n ennt die lat. Namen: Scorzonera
hispanica seu angustifolia prima; Lonicer
Kräuterbuch (Neudr. d. Ausg. v. 1679) 562:
Scorzonera u. Viperina. Im Schwld. 3, 910 be¬
zeichnet S.nkraut 6 andere Pflanzen, von denen
Aspidium filix mas von den S.n vermieden
wird (Tabernaemontanus). 595 ) De Cock
Volksgeneeskunde 283(franz. Segen). 596 ) Ebd. 129
(16. Jh.). 597 ) Schröder Apotheke 5 (1718), 32.
* 98 ) 6. u. 7. Buch Mosis 16. ß ") Urquell 3, 72
(Litauen). 60 °) Black Folk-Medecine 158.
® 01 ) Aubrey Remaines 224. 602 ) De Cock
Volksgeneeskunde 283. 603 ) Lenz Zool. 439
(Cato de re rust.). 8M ) Black 162. 605 ) Megen¬
berg 280 (n. Plinius). 606 )Andrian Altaussee
137 - 607 ) ZföVk.8, 186. «° 8 ) Wuttke §85. §450.
609 ) Schramek Böhmerwald 245; vgl. Bartsch
Meckl. 2, 455 Nr. 2088a. 61 °) Grohmann 81.
® n ) Ebd. 82. 8l2 ) Jungbauer Volksmed. 51
(n. Bächtold Soldatenbrauch 28). 6l3 ) Lemke
Ostpreußen 95; Hempler Psychol. 59 (der
Gebissene wird sogar bis an den Hals in die
Erde eingegraben); Storaker Natur 234.
flu ) Ebd. 615 ) Ebd. 616 ) Hempler Psychol. 50.
7. Sagen. Lit.: C. Olbrich, Dt. S.n-
sagen MSchlesVk. H. 5 (1898), 39 ff.
Der Glaube, daß S.n die Milch lieben
und daher aus Schüsseln trinken oder
aus Kuheutern saugen (s. Natur A. 127.
155) hat auch zu Sagen geführt. Von
eutersaugenden S.n wird verschiedent¬
lich berichtet (s. A. 769). Falls die S.
getötet wird, siecht die Kuh 617 ). Auch
schlafenden Frauen saugen sie an der
Brust 618 ) (vgl. A. 712). Das Ernähren
der Hausschlange (s. Kult) mit
Milch kommt massenhaft vor 619 ). Ver¬
breitet ist der Sagenzug von dem Kinde,
mit dem die (oft gekrönte) S. Milch
trinkt, und das die S. ermahnt, nicht nur
Milch, sondern auch Brocken zu neh¬
men 62 °), selten umgekehrt: nicht Brocken,
sondern Milch 621 ), oder: nicht zu viel
Milch 622 ), oder: nicht übergreifen 623 ).
Meist gedeiht das Kind dabei; seltener
ist die Abmagerung 624 ). Für die Milch¬
spende zeigt sich die S. erkenntlich
(s. o. Kult, s. u. Kronschlange) 625 ). Wird
die S. getötet,so stirbt auch das Kind 626 ).
Noch ausgedehnter sind die Sagen
von den Krons.n, S.nkönigen oder
-königinnen (Natur g), die oft auch
Hauss.n sind (s. Kult u. die vorige Sa¬
ge) 627 ). Ihre Krone (bzw. der in oder
auf dem Kopfe befindliche Stein; s. Natur
A. 81 ff.; Medizin A. 584) ist zauber¬
kräftig; man kann sie am Johannistage
um die Mittagsstunde erlangen 628 ); sie
bringt Glück (s. Kult A. 211 f.; Orakel
A. 221), Gedeihen 629 ), Kindersegen 630 )
(s. a. Dämon A. 198), verleiht sogar
Unsichtbarkeit (s. Zauber A. 261) 631 )
und Unsterblichkeit (vgl. Natur
A. 69) 632 ). Wünsche gehen in Erfül¬
lung, wenn man gleichzeitig mit einer
Sternschnuppe die S.nkönigin sieht (!) 633 ).
Besonders aber verschafft die Krone
Reichtum (vgl.a. A. 679; Orakel A. 230;
Zauber A. 346) 634 ). Seltener ist der Zug,
daß durch die Tötung der milchtrinken¬
den Krons. (s. Zauber A. 406) 635 ) oder
durch Herunterschlagen der Krone 636 )
die gewonnene Krone Reichtum bringe.
1177
Schlange
II78
Nach einem bergischen Volkslied erringt
der Besitzer der Krone eine schöne
Braut 637 ). Als Belohnung für die
Milchspende schenkt die S. ihre Krone
entweder dem Kinde oder der Magd 638 ),
letzterer manchmal als Hochzeitsgabe 639 ),
seltener einem Manne 640 ) (s. a. A. 645).
Vor dem Baden oder Trinken legt die
S. ihre Krone ab 641 ). Wer sie (bzw.
ihr Karfunkelauge oder das abgelegte
Schlüsselchen) findet, wird reich (s.
A. 679; Orakel A. 230) 642 ), ja sogar Kö¬
nig 643 ). Man kann sie auch durch einen
Rosenkranz erlangen, auf den die S. ihre
Krone legt 644 ). Zuweilen schenkt sie
die abgelegte Krone (s. A. 638 ff.) 645 ).
Typisch ist das Ablegen auf ein weißes,
rotes (meist seidenes) oder goldenes
Tuch, das mit Absicht des Räubers
hingelegt worden (s. a. u. die Raub¬
sagen). Hiezu die Variante: Gänse¬
hirtinnen breiten ihre schön gewaschenen
Schürzen aus. Der S.nkönig legt
aber seine Krone auf die schlichte Schürze
eines armen Mädchens 646 ). Die Bedingung
des Gewinns ist oft sittliche Reinheit 647 ).
Seltener legt sie die Krone auf einen
Stein 648 ). N ach einer schwäbischen
Sage muß man einen schweren Stein
auf die Krone legen, dann zerschellt die
S. daran 649 ). Andere Wirkungen des
Kronenverlusts sind meist außer¬
deutsch 650 ). — Wenn sich der Kronen¬
räuber vor der Kronens. und ihren herbei¬
gepfiffenen Helferinnen (s. Natur A. 140)
hinter Türen flüchten kann, ist er
gerettet; die S. kommt um (s. A. 672) 651 ).
Manchmal schützt auch ein Baum den
Räuber (vgl. A. 667) 652 ). Nach einer
Sage gelingt der Raub einem Mädchen,
das aber von dem Schrei der S. taub
wird 653 ). Oder die Krone wird im Kampf
mit der S. errungen 654 ). Zuweilen aber
nur, indem der Fliehende etwas von
sich zurückwirft, auf das sich die
verfolgenden S.n stürzen (vgl. A. 666) 655 );
oder es gelingt ihm, mit dem Pferd über
eine Mauer zu springen 656 ), oder über
ein Wasser (vgl. A. 668) 657 ). Ein Mittel,
das sonst gegen das Gift des S.nbisses
angewendet wird (s. Zauber A. 421), ist
das Zuerst trinken des Wassers. Hier ist
der Kronenräuber gerettet, wenn er das
Wasser vor der S. trinken kann, andern¬
falls verloren 658 ). Der Fliehende muß
im Zickzack laufen 659 ). Andere Sagen¬
züge sind vereinzelt: Man muß der Krons.
über 9 Feldraine nachlaufen 660 ), über
sämtliche Ortsfelder und Wiesen lau¬
fen 661 ), ein Wagenrad (vgl. A. 674) vor¬
beirennen lassen, dem die S. nacheilt 662 ).
Der Räuber des Diamants der geflügelten
S. flüchtet sich in ein Faß, das außen
mit Nägeln bespickt ist. Wie die S. es
umschlingt, wird sie getötet 663 ). Wohl
unvolkstümlich ist die Sage von dem
„Kronschlänglein“ (Erk-Böhme 1, 34,
Nr. 13 a), wo der Held der badenden S.n-
jungfrau ihr Krönlein raubt und diese
menschliche Gestalt annimmt und seine
Frau wird 664 ).
öfter aber mißlingt der Raub der
Krone. Nach einer Sage aus Poln. Ober¬
schlesien kann sich der Räuber in sein
Haus retten; aber die S.n dringen durch
den Schornstein herein und nötigen ihn,
die Krone herauszugeben. Sie lassen
ihm aber viel Geld zurück 665 ). Manchmal
wird die Krone auf der Flucht weg¬
geworfen (vgl. A. 65s) 666 ). Ein Flur¬
schütz hätte die Krone behalten können,
wenn ein Nußbaum (s. o. A. 652) in
der Nähe gewesen wäre, der ihn vor den
S.en geschützt hätte; so aber muß er die
Krone wegwerfen, wird jedoch geister¬
sichtig 667 ). Auch den rettenden Bach
(s. o. A. 657) kann er nicht mehr er¬
reichen 668 ). In den meisten Fällen aber
wird der Räuber von der S. oder ihren
Helferinnen getötet (vgl. Orakel A. 244).
Einige Sagen berichten das ohne nähere
Begleitumstände 669 ); nach andern wird
er vor der Grenze des S.enbereichs ein-
geholt 670 ), oder sogar noch in seinem
eigenen Hause, wo er sich in einem
Schrank eingeschlossen hat, durch den
Gifthauch der S.n getötet 671 ). Einmal
wird auch berichtet, der Räuber habe
die verfolgende S., die er durch Weg¬
werfen der Jacke und Stiefel habe auf¬
halten wollen, bei seinem Hofe ver¬
wundet, worauf die durch einen Pfiff
(s. Natur A. 140 f.) herbeigeeilten S.n
ihn getötet hätten (s. A. 651) 672 ). Ziem-
H79
Schlange
1180
lieh verbreitet ist der Zug, daß der in denen die S. (oft Schlüssel tragend)
Räuber glücklich in sein Heim entrinnt, Schätze hütet oder Schätze weist
aber durch eine S., die sich im Schweif (s. a. Drache). Die Vorstellungen einer
seines Pferdes festgebissen hatte, ge- chthonischen Gottheit und einer ver-
tötet wird 673 ). Vereinzelt steht der wandelten Schloßjungfrau (s. d. Er-
Zug, daß einer ein Wagenrad in den lösungssagen) gehen hier durcheinander 689 ).
S.nhaufen geworfen hat und nachher Der in eine S. verwandelte (und in
von einer S., die sich im Nabenloch ver- dieser Gestalt schatzhütende) Mensch
borgen gehalten, getötet worden ist 674 ). kann erlöst werden. In weitaus den
Wer eine Krons. tötet, wird von ihren meisten Fällen ist es eine Jungfrau, die
Helferinnen ebenfalls getötet 675 ). Eine sich oft zuerst in menschlicher Gestalt
Sage erzählt, daß es einem Knaben ge- zeigt und dann in tierischer (S. oder
lungen sei, einer roten S. die Goldkrone sonstiges abstoßendes Tier) durch drei
mit einem Stein abzuwerfen; diese Küsse oder anderer Handlungen zu er-
sei aber in den Stadtgraben gefallen und lösen ist. Vorherrschend ist das Miß-
nicht mehr gefunden worden. Sein Arm lingen der Erlösung wegen Abscheu 690 ),
sei ihm lahm geblieben 676 ). Unwesent- Oft ist der kommende Erlöser derjenige,
lieh ist der Zug, daß die S. ihre Krone der in der Wiege liegen wird, die aus
von den Menschen nur bewundern läßt 677 ). einem Baum gefertigt ist, welcher aus
Viele glückbringende S.n weilen auf einem Fruchtkern aufgewachsen ist, den
einem Hof. Als der S.nkönig erschos- ein vorbeifliegender Vogel fallen gelassen
sen wird, ziehen sie weg, und der Hof hat (Erlöser in der Wiege) 691 ).
zerfällt 678 ). In einem andern Falle ver- Die Vorgeschichte der Verwandlung, die
schafft die Krone des erschlagenen S.n- Person des Erlösers und die Bedingungen
königs Reichtum (s. o. A. 642) 679 ). Das der Erlösung variieren. Zuweilen wird
Krönlein der mit einer Haselgerte (s. ganz allgemein von der Möglichkeit
A. 707. 708; Natur A. 147; Zauber A. 293. einer Erlösung gesprochen, ohne daß
378) getöteten S.nkönigin geht bei ihrem eine Handlung erzählt würde 692 ); auch
Luftsprung verloren 680 ). Erlösungsbedingungen werden nicht
Von der Gewinnung eines S.n st eins immer genannt; die Erlösung wird ein-
aus einem zusammengeballten Haufen fach durch Furcht vereitelt 693 ). Meist
von S.n berichtet eine Sage aus Schwä- aber sind Aufgaben zu erfüllen. Am
bisch-Hall (s. Natur A. 83) 681 ). häufigsten ist das Küssen (oft dreimalig)
S.nverwandlung. Dieses Motiv ist der S. oder anderer abstoßender Tiere 694 ).
in der Mythologie verschiedener Völker Gewöhnlich schreckt der Erlöser vor dem
nachweisbar 682 ) (vgl. Dämon A. 185) Kuß zurück 695 ), oder er versagt beim
und erscheint auch in der deutschen Sage dritten Kuß 696 ). Bisweilen sind es
häufig (s. a.: schatzhütend, Erlösung) 683 ), drei verschiedene Gestalten, die geküßt
In den meisten Fällen ist es eine Jung- werden müssen 697 ),
fr au (oft „■weiße Frau“), die in dieser Oder der Erlöser wird abgeschreckt
Gestalt ein Vergehen abbüßen muß oder durch die seinen Leib oder Hals (oft
durch Bosheit verzaubert worden ist
(s. a. Erlösung A. 690) 684 ). Im Venus¬
berg sind es 3 Jungfrauen, die jeden
Sonntag als S.n erscheinen 685 ). Ferner
sei an die weiblichen Dämonengestalten
(Meerfrauen u. ä.) erinnert, die halb
Mensch, halb S. sind 686 ). Aber auch
Männer werden für ihre Untaten in S.n
verwandelt 687 ). Umgekehrt können S.n
in Drachen verwandelt werden 688 ). Ver¬
breitet und alt sind Sagen und Mythen,
dreimal) umwindende S. 698 ) oder durch
Haar, das in S.n verwandelt wird 699 ).
Schon das bloße Berühren 700 ), Strei¬
cheln 701 ), auf die Stirn klopfen 702 ) der
S. wird verweigert. Verbreitet ist die
Aufgabe, der S. den (oft glühenden)
Schlüssel, der zum Schatze führt, aus
dem Maule zu nehmen 703 ), oft mit dem
eigenen Mund 704 ). Bei der erlösenden
Handlung darf man sich nicht stören
oder beirren lassen, auch nicht spre-
1181
Schlange
Il 82
kV
chen 705 ). Untiere und Hemmungen
müssen mutig überwunden werden 706 ).
Das kann mit Hilfe einer Haselgerte
(s. A. 680) geschehen 707 ), wie ja über¬
haupt die Hasel (auch die Esche und
Birke; s. Natur A. 144. 147 f. 149!;
Zauber A. 293) wirksam ist gegen S.n 708 ).
Die Legende sagt, daß ein Haselstrauch
die Mutter Gottes vor einer S. geschützt
habe, und deshalb habe sie ihm die Kraft
verliehen, die Menschen vor S.n zu
schützen (s. A. 728; Zauber A. 379) 709 ).
Kann die S. getötet werden, so ist der
Verwunschene erlöst 71 °). Vereinzelt
scheint, daß an der Stelle, wo eine Kreuz¬
otter getötet worden, anderntags ein
großer Mann mit S.nkopf steht 7U ).
Vereinzelte Erlösungsmotive:
Eine weiße Frau trinkt als S. drei Züge
an einer Frauenbrust (s.NaturA. 126L);
als beim dritten Zug die Frau aufschreit,
kommt die Erlösung nicht zustande (vgl.
o. A. 618) 712 ). Heinrich auf dem Hesel¬
berge befreit eine S.njungfrau, indem er
sie dreimal „Serpentina“ nennt 713 ).
Eine andere kann dadurch befreit werden,
daß man die von S.n und anderen Tieren
bewachten Schatzkisten furchtlos
öffnet 714 ). Eine Jungfrau, halb Mensch,
halb neunköpfige S., bestellt ihren
Erlöser in die Kirche, was dieser ver¬
säumt. Dadurch wird die Erlösung zu¬
nichte gemacht 715 ).
Ein Fischer fängt eine schöne S. in
seinem Netz und erlöst sie so 716 ). Eigen¬
artig die Ermahnung der S. an eine Frau,
die eine Schlüsselblume gepflückt
hatte; wenn sie bis morgen Mittag ge¬
wartet hätte, so wären die Schätze ihr
gewesen 717 ). Ein Prinz wird erlöst,
indem die dritte von drei Schwestern
7 mal ruft: ,,Schlauch dich
Wurm“ 718 ). In einem Falle tötet die
S. den Erlöser 719 ). Nicht selten wird
die Krons. (s. o. A. 627) mit dem Er¬
lösungsmotiv verknüpft. Wer die
Krone gewinnt, erlöst die Verwunschene
und wird reich 720 ), dagegen bleibt der
als Otternkönig verwunschene Prinz noch
lange verzaubert, weü ihm die Krone
geraubt worden 721 ). Eine Krons., mit
Schlüssel im Maul, verschwindet weinend,
weil ein Mann sie töten wollte 722 ).
Hier mag auch das Märchenmotiv
vom S.nbräutigam, der dann zu einem
schönen Jüngling sich verwandelt, ange¬
reiht sein 723 ) und umgekehrt die S.n-
braut 724 ). Das Erlösungsmotiv ist
nicht genannt in der Siebenbürger Sage
von dem verwunschenen Schloß, in dem
ein Weib auftritt, das zur Hälfte jung und
frisch, zur Hälfte welk und verdorrt ist,
und eine S. sich als eine der Schreck¬
erscheinungen zeigt 725 ).
S.nbannsagen (s. Zauber A. 368 ff.)
sind ebenfalls häufig. Das Bannen konnte
durch Geistliche 726 ) oder Weltliche 727 )
(Fahrender Schüler, ,,Fremder“, „Zau¬
berer“) geschehen. Nach einer Vorarl¬
berger Legende vertreibt Maria S.n mit
einer Haselrute (vgl. A. 709) 728 ). Oft
werden die S.n mit Erfolg in ein Feuer
gezaubert 729 ); aber viel häufiger ist
die Tötung des Beschwörers durch
die am Schluß herbeigeeilte weiße (sel¬
tener rote) S., S.nkönigin oder S.nkönig;
vorwiegend in Südbayem, Tirol, Vorarl¬
berg, Ober-Österreich und der Schweiz (s.
Natur A. 35; Orakel A. 231) 73 °); zu¬
weilen ist es eine Grube, in die die S.n
gebannt werden; auch dabei kommt der
Beschwörer meist um 731 ); nach einzelnen
Sagen geht die weiße S. mit zu¬
grunde 732 ). Von diesen Normen ab¬
weichend sind folgende Züge: der Be¬
schwörer, der den S.n die Kronen weg¬
zaubern konnte, wird in dem Zauberkreis
von einer roten S. getötet, oder er ent¬
flieht auf einem Pferd den weißen S.n 733 ).
Er hat die Rückwärts-Bannformel ver¬
gessen 734 ) oder beim Pfeifen einen Fehler
gemacht 735 ), und die allzu zahlreich
herbeigebannten S.n zerreißen ihn. In
Sachsen gilt der befremdliche Glaube,
daß der Beschwörer hätte sterben müssen,
wenn der Otternkönig nicht mit er¬
schienen wäre 736 ).
Über Kämpfe mit S.n s. Drache (Bd.
2, 371 ff.). Kampf einer S. mit einem
Löwen s. Grimm Myth. 2, 571 (Wolf¬
dietrich), mit Adler s. Bd. 1, 1S1;
andere tierische Feinde s. Natur A. 159 ff.
Vereinzelt stehende Sagen. In
Schlange
II83
1184
einem Würzburger Gasthaus spukt alle
7 Jahre ein böser Geist in Gestalt einer
großen S. 737 ); ebenso in dem Burghof
des Schlosses Rotteln (Baden) 738 ). Im
Kt. Wallis erscheint ein feuriges Tier,
halb S., halb Vogel (geflügelte S., Drache ?
s. d.) 739 ). „Schießs.n“ (s. Natur h)
ziehen nach einer Luxemburger Sage
einen Wagen durch die Luft 74 °). In der
Wiege liegt statt des Kindes eine Ringel¬
natter 741 ). Manche Sagen haben Bezug
auf Geld u. Gold (s. o. schatzhütend,
Erlösung; Reichtum: Zauber A. 286) 742 ).
Einzelne Züge zeigen Dankbarkeit und
Freigebigkeit (s. o. milchtrinkende
u. Krons.) 743 ), ihre heilenden, ja sogar
Tote belebenden Kräfte tun sich auch
in der Sage kund (s. Dämon A. 202,
Volksmedizin A. 430) 744 ). Unter dem Stuhl
eines kranken Kindes fand man eine
sterbende S.; das Kind aber ward ge¬
sund 745 ). Ein Mann fällt in eine S.n-
grube, nährt sich jahrelang vom Lecken
an der S.krone der Königin 746 ). Sehr
oft tritt sie aber auch strafend und
rächend auf (s. Natur hinter A. 73 und
A. 167) 747 ).
Die naturwissenschaftlichen Sa¬
gen (Entstehung s. Natur A. 45 ff. u.
dgl.) über die S. sind wohl alle außer¬
deutsch. So ihre Entstehung aus dem
Speichel des Teufels (Estland) 748 ),
aus seinen Gesellen (Mähren) 749 ), die
Erklärung der Beinlosigkeit (vgl.
Natur A. 23. 55), weil eine S. die Mutter
Gottes erschreckt hatte 75 °), die Er¬
klärung des flachen Kopfs der Vipern:
weil sie damit ein Loch in der Arche
Noah verstopften 751 ).
Die S. als Teufelstier (s. Dämon
A. 178—184) kommt auch in Sagen vor.
In S.ngestalt verwehrt der Teufel das
Fällen der Teufelsbuche 752 ). Als große,
schwarze S. badet sich der Teufel in
einem Teich, genannt „Teufelsbad“ 753 ).
Sennen, die das Beten vergessen haben,
werden von einer riesigen S. bedroht 754 ).
Das neugeborene Kind eines Trinkers,
der es in seinem Rausche „Teufel“ ge¬
nannt hat, wird in eine S. verwandelt 755 ).
«f *
Ähnlich die Urner Sage, nach der ein
Mann zu seiner schwangeren Frau sagt:
„der Tyfel hesch byn-der“, worauf sie
eine S. gebirt 756 ). Als Teufelstier bringt
sie Verderben und Tod (s. a. Dämon).
Der hochangeschwollene Hornbach oder
die Emme kommt als grüne S. herunter¬
gestürzt, auf deren Kopf ein grünes
Männchen sitzt 757 ). Aus der hoch¬
gehenden Reuß steigt eine riesige S. und
verschlingt die am Ufer weidenden Rin¬
der 758 ). Selbst Menschen frißt sie auf 759 ).
Ein schlafender Zimmergesell wird durch
seinen Kameraden vor einer S., die auf
jenen vom Baume herabschießen will,
gerettet, indem er ihm ein Beil auf die
Brust legt, an dem die S. zerschellt 760 ).
Ein Anderer wird durch eine Eidechse
gerettet (vgl. Natur A. 166) 761 ).
Vereinzeltes: Über das Ver¬
schlucken von S.n durch Menschen
(s. Natur A. 152. 153) gibt es eine Reihe
von Sagen 762 ). Caesarius v. Heisterbach be¬
richtet von einer schwangeren Frau in Flan¬
dern, die eine S. verschluckt habe. Als das
Kind zur Welt kam, habe es die S. um den
Hals gehabt. Diese konnte nur mittelst
eines Schwertes, das auf das Kind gelegt
wurde, abgelöst werden 763 ). Die Ver¬
giftung mit S.nfleisch wird in einem
Volksliede dargestellt (vgl. Med. A.
491) 764 ). Umgekehrt die Würzung der
Speise durch eine S. 765 ). Verwandlung;
des Brotes der hartherzigen Bäuerin in
S.n u. Kröten 766 ). Eine mißhandelte
Zigeunerin flucht S.n in ein Schloß 767 ).
Eine große S. wird in Gestalt eines
Baumstamms verbrannt 768 ). Eine S.,
die die gemolkene Milch von drei Kühen
ausgesoffen hat, zerplatzt (s. o. A.
617) 769 ), eine andere, die ungelöschten Kalk
gefressen, zerplatzt beim Löschen des
Durstes 770 ). In einer Graubündner
Sage erinnert eine S. einen treulosen
Geliebten an sein Eheversprechen 771 ).
Anderseits wird nach einer alten Fabel eine
S., die ihrem Befreier versprochen hatte,
ihn zu verschonen, und das Versprechen
nicht halten wollte, durch List wieder
gefangen 772 ). Eine böhmische Legende
sagt, daß die Gifts, mit den ge¬
fallenen Engeln vom Himmel gefallen
sei 772a ).
Endlich sei die schöne Sage von Karl
Schlange
Il86
II85
dem Großen erwähnt, der vor seiner
Residenz in Zürich eine Glocke für Bitt¬
steller hatte aufstellen lassen, die von
einer S. benützt wird, um von dem Kaiser
Recht zu erlangen gegen eine Kröte, die
sich in ihr Nest gesetzt hatte. Die Kröte
wurde verbrannt, und als Dank ließ die
S. einen kostbaren Edelstein in den
Becher des Kaiser fallen 773 ).
Über Parcelsus und seinen Diener,
der das Geheimnis des S.nzaubers er¬
lauscht s. Zauber A. 270. Nach einer
historischen Überlieferung erscheint eine
S. den bereits versöhnten Königen von
Frankreich u. England und bewirkt
dadurch erneut die Schlacht zwischen
den beiden Heeren 774 ). Erdumschlingend
ist die Midgards, (midgardsormr) der
Edda 775 ), deren Rolle beim Weltunter¬
gang sich aber im deutschen Aberglauben
kaum wiederspiegelt 776 ); eher der des
Nfdhpggr 777 ), der die Weltesche be¬
nagt (vgl. Natur A. 145). Seeschlange
s.d.
• _
€l7 ) Jegerlehner Sagen 2, 300 (Literatur);
Kohl rusch Sagen 48 (Stollenwurm); Walliser
Sagen 1, 150; SAVk 13, 164; Uetz Währ-
schafts 67; Jenzer Heimatkunde v. Schwärzen-
burg (Bern 1869) 176 fl.; Luck Alpensagen 44;
Heyl Tirol 158. 247 t.; Schramek Böhmer¬
wald 245; Schell Bergische Sagen 374; Haas
Rügensche Sagen 87; Jensen Nordfries. Inseln
176fr. Vgl. Sebillot Folk-Lore 3,274; Hovorka-
Kronfeld 1, 383. 6l8 ) Wolf Beitr. 2, 442
(nach Bechstein Thüringen 1 764); Sebillot
Folk-Lore 3, 274; Llano Roza Folkl. astur. 134;
Schlangensäugende Frauen an mittelalterli¬
chen Kapitalen (Soest, Arles, Pamplona,
Husby) und Plastiken als Symbol der Luxuria
oder Mutter Erde s. NdZfVk. 11, 192 t. 206.
211 (Abb. 12), vgl. A. 712. ® 19 ) Vgl.
die nachfolgenden Sagen: Bolte-Polivka 2,
459 ff-; ferner Wuttke § 57; Meyer Germ.
Myth. 73; Kühnau Sagen 2, 41 f.; Drechsler
2, 182; Köhler Voigtl. 496; Heyl Tirol 157;
Rochholz Glaube 2, 112; Wuttke Sachs.
Volksk. 353 (wendisch); Boeder Ehsten 39.
62 °) Literatur bei Bolte-Polivka 2, 459 ff.;
Jegerlehner Sagen 2, 328; Henne Volkssage
117; außerdem: Baden: Meyer Baden 78 f.;
Baader Sagen 94; Hoffmann 91;
Schmitt Hetlingen 10; Bayern: Sepp Sagen
615; Bayr. Hefte 6 (1919), 164; Reiser Allgäu
1, 269 t.; Berg: Schell Berg. Sagen 332 (Vari¬
ante: die S. verschwindet, als das Kind ihr
mit d. Löffel auf d. Kopf schlägt); Branden¬
burg: Engelien u. Lahn 79 f.; Mecklen¬
burg: Bartsch 1, 277 (S. getötet, d. Kind
siecht hin); Sachsen: Sieber Sachs. Sagen
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
194 t.; Schlesien: MSchlesVk. 11 (1909),
97; Kühnau Sagen 2, 39. 43 (S. getötet, Kind
stirbt). 352 (S. = Wassermann; vertrieben;
Kind ertrinkt); Württemberg: Meier Schwa¬
ben 1, 204 (2 Versionen). 206; Vorarlberg:
Vonbun Sagen 2 176 f. (Krone vom Kopf ge¬
schlagen; S. kommt nicht mehr; Glück schwin¬
det aus dem Haus). Schw r eiz: Caminada
Friedhöfe 50 f.; Jegerlehner Sagen 2, 268;
SAVk. 8, 303; So oder Rohrbach 91 (S. kommt
als Hausgeist vom Ofen — Herd.); Rochholz
Glaube 2, 112. 621 ) Vernaleken Mythen 137;
Kuoni St. Galler Sagen 24. 622 ) Haas Grimmen
28. 623 ) Schell Berg. Sagen 297. ® 24 ) Scham¬
bach u. Müller 186; Engelien u. Lahn 79 f.
625 ) Verwandelt Scherben zu Silbermünzen:
Meier Schwaben 1, 28. 626 ) Mensing Schlesw.
Wb. 4, 525; Lemke Ostpreußen 1, 96. 627 ) All¬
gemeines über den S.en-könig s. o. Natur.
Ferner: Böckel Volkssage 90; Grimm Myth.
2, 572; Krone: 3, 198; Bolte-Polivka 2, 463;
HmtK. 30, 45. 628 ) John Westböhmen 87.
629 ) Liebrecht Gervasius m; Henne Volks¬
sage 2 115 h.; Haas Rügensche Sagen 163;
Müllenhoff Sagen 355; Rochholz Schweizer¬
sagen 2, 6; SAVk. 8, 302; Fient Prättigau
240 f. 63 °) Heyl Tirol 94 f.; Vernaleken
Alpens. 248. 831 ) Schmeller Bayr. Wb. 1, 1373.
* 32 ) Müllenhoff Sagen 355; Mensing Schlesw.
Wb. 4, 524. 633 ) MSchlesVk. H. 5 (1898), 43.
e34 ) Hovorka-Kronf. 1, 324; Niederhöffer
Meckl. Sg. 4, 43; Sieber Sächs. Sagen 194;
Kohlrusch Sage?i 6; Vernaleken Alpens.
237 f. 242; Gräber Kärnten 154. 157; Germania
36, 384 (Steierm.). S. auch namentlich die
Kronerwerbungssagen (u. A. 647 ff.). 636 ) Meier
Schwaben 1, 205; Heyl Tirol 494. 636 ) Bir-
linger Volkst. 1, 102. 637 ) Erk-Böhme 1, 34.
638 ) Vonbun Sagen 2 176; Reiser Allgäu 1,
270; Gräber Kärnten 153 f., ähnl. 157 Nr.
201 (dem Kinde); Baader Sagen 7; Woeste
Mark 50; Heyl Tirol 377 (der Magd). 639 )
Haupt Lausitz 1, 78; Eisei Voigtl. 153;
Knoop Schatzsagen 41; Meier Schwaben 1, 205;
Grimm Sagen 16 f.; Myth.2, 572; Reiser Allgäu
1, 270; Waibel u. Flamm 1, 302; Sieber
Sächs.Sagen 195; Sepp Bayr. S. 614!.; Verna-
leken Alpensagen 247 (17z 3 ; ähnl. b); Heyl Tirol
377; Vonbun Beitr. 117; Vonbun Sagen 2 175;
Herzog Schweizer sagen 2, 81 f.; Niderberger
Unterwalden 2,89 (—Lütolf 324); Rochholz
Naturmythen 193 f. 64 °) Vernaleken Alpen¬
sagen 248; Heyl Tirol 94 f. (bringt einem kinder¬
losen Manne Kindersegen). 641 ) Literatur hier¬
über: Bolte-Polivka 2, 463; Jegerlehner
Sagen 2, 328 (vgl. A. 305); ZfVk. 25, 120.
Weiteres: Hovorka-Kronfeld i, 382 (auf
Stein); ZfdMyth. 1, 191 f. (Trier); Eisei Voigtl.
150 (auf Tuch, zum Essen des hingelegten
Käses); Meier Schwaben 1, 207 f.; Birlinger
Volkst. 2, 103; MSchlesVk. H. 3, 68 (auf
Purpurtuch); Kühnau Sagen 2, 369 (auf
weißes Tuch); Drechsler 2, 182 (an Peter u.
Paul, 29. Juni; vgl. Grohmann 79); Verna¬
leken Alpens. 259 (auf rotseidenes Tuch);
33
II87 Schlange Il88
Roch holz Schweizersagen 2, 6; SAVk 25,
191 (Berner Jura). Vgl. Sebillot Folk-Lore i,
242; 2, 206 (Goldring); SAVk 25, 191 (franz.
Schweiz). 642 ) Sepp Sagen 614; Hessler Hessen-
Nass. 224; Heyl Tirol 649; Kühnau Sagen
2, 371 (Schlüssel); Stöber Eis. Sagen (Kar¬
funkel). 643 ) Grohmann 79. G44 ) Heyl Tirol
686. 645 ) Bartsch Meckl. 1,278 (armes Mäd¬
chen); Eckart Südhann. S. 145 (Holzhacker).
646 ) Niederhöf fer Meckl. Sg. 4,130 h 647 )Bayr-
Hefte 6, 164; Hessler Hess. Nass. 152 (Er¬
lösung der Unkenkönigin durch reinen Jüng¬
ling); Me ich e Sagen 398 (Reinheit); Wucke
Werra 16; Haupt Lausitz 1, 78 (Kuchen auf
weißem Tuch); Drechsler 2, 182 f. (weißes
Altartuch); Laube Teplitz 51 ( 2 54) (rotes
Tuch); Baumgarten Aus d. Heimat 1, 117
(das weiße Tuch muß e. Mädchen von 7 Jahren
gesponnen u. ein Knabe von 7 Jahren gewebt
haben); Fischer Osisteir. 114 ( 2 116); John
Westböhmen 87; Grohmann 79 (Gewinn
schützt vor S.en). 648 ) Stöber Eis. S. 1, 57.
649 ) Meier Schwaben 1, 207; Gredt Luxemb.
Sagen 277. 65 °) S. wird blind SAVk. 25, 191.
6ül ) Kühnau Sagen 2, 378 (im Zickzack fliehen);
Panzer Beitr. 1, 183; 2, 17 f. (eiserne Tür);
Meier Schwaben 1, 206; Birlinger Vt. 1, 103;
Elsaßland 14, 34; Jegerlehner Sagen 2, 268 f.
(eigens errichtetes Häuschen); Schmitz Eifel
2, 38 (Einsiedlerklause); Baumgarten Aus
d. Heimat 1, 118 (9 Türen); Vonbun Sagen 2 174
(7 Türen). 652 ) Meier Schwaben 1, 207 (Räuber
unentdeckt); Kühnau Sagen 2, 376 (S. müht
sich vergeblich ab). Vgl. u. Anm. 667. 653 ) Mül-
lenhoff Sagen 355 (Nr. 474) (Krone auf Schür¬
ze). 654 ) Kühnau Sagen 2, 364 f.; Sieber
Sächs. Sagen 194. ® 55 ) Kühnau Sagen 2, 39 f.
(Mantel u. Pferd). 376 (Mantel); Baum¬
garten Aus d. Heimat 1, 118 (Tuch; Patronen¬
tasche). Vgl. a. Anm. 657. 656 ) Haupt Lausitz
1, 75 (Zusatz: später fängt ein Fischer die
kronenlose S. u. will sie töten; auf der Flucht
wirft er seine Jacke zurück). 657 ) Eisei Voigtl.
i5o(Mantelsack zurückwerfen). 152; Bechstein
Thüringen 2, 189; Kühnau Sagen 2, 375 f.
Vgl. u. Anm. 668. 658 ) DGaue 14, 263. ® 59 )
Baumgarten A. d. Heimat 1, 120; Kühnau
Sagen 2, 378; Meier Sagen 206. 6 ®°) Schra¬
me k Böhmerwald 245. 601 ) ZföVk. 13, 135
(Nordböhmen). 662 ) Herzog Schweizersagen
1, 240. ® 63 ) Alemannia 25, 35 (als der Mann das
Rad später wieder holte, biß ihn die darin
verborgene S. zu Tode). 664 ) Bolte-Polivka 3,
407 A. 1. 665 ) Kühnau Sagen 2, 374. 660 ) Von¬
bun Sagen 2 174 f.; Strackerjan 2, 173; Ku*
oni St. Galler Sagen 50; Herzog Schweizersagen
2, 13. 667 ) Zaunert Rheinland 2, 242. ® 68 ) Glo¬
nin g Oberösterr. Sagen 49. 689 ) Kühnau
Sagen 2, 370. 379 f.; Schell Berg. Sagen 298;
Schambach u. Müller 185L (goldenesTuch);
Gräber Kärnten 154 f. ® 70 ) Kühnau Sagen
2, 367; Haupt Lausitz 79. 671 ) Strackerjan
2, 173. 072 ) Grässe Preuß. Sagen 2, 726 —
Hessler Hessen-Nassau 243. ® 73 ) Köhler
Voigtland 495; Meiche Sagen 395; Sieber 1
Sächs. Sagen 193 f.; Bartsch Mecklenb. 1, 278.
279; Niederhöffer Meckl. Sg. 4, 130; Verna-
leken Alpens. 243; Hauffen Gottschee 98;
Reu sch Samland 42 erzählt die Geschichte
von Friedrich dem Großen, der einen Dra¬
goner auf die Suche nach einer S.enkrone ge¬
schickt habe. 674 ) Andrian Altaussee 141.
675 ) Schramek Böhmerwald 176; lückenhaft
scheint eine schlesische Sage, wo von einer
Wirkung nicht berichtet wird: Kühnau Sagen
2, 380. Nach Aubrey Remaines 224 verfolgt
das Männchen bzw. Weibchen der getöteten S.
den Töter bis an seine Zimmertür, wird aber
ebenfalls getötet (Dorsetshire). ® 76 ) Grässe
Preußen 2, 894. 677 ) Bartsch Meckl. 1, 278.
® 78 ) Hoffmann Ortenau 91. 679 ) Bartsch
Meckl. 1, 280. 68 °) Luck Alpens. 44. 681 ) Meier
Schwaben 1, 255. 682 ) Küster 151 f.; Mann¬
hardt WFK 2, 66; Güntert Kalypso 105. 109;
JbfjüdVk. 1, 302; Bolte-Polivka 2, 235.
270; 4, 209; Sebillot Folk-Lore 3, 289 ff.
® 83 ) MSchlesVk H. 5 (1898), 44 ff. ® 84 ) ZfVk.
25, 120 A. 1; Wolf Beitr. 2, 215; Amersbach
Lichtgeister 28; Liebrecht Z. Volksk. 375 f.;
Kühnau Sagen 1, 273. 280; Bavaria 2, 2, 799;
Grässe Preuß. Sagen 1, 531 (e. Mönch). 538;
Sieber Sächs. Sagen 296; Grimm Sagen 17
(Nr. 25); Zingerle Sagen 325; Gräber Kärnten
148; Vernaleken Mythen 124; Luck Alpen¬
sagen 44 f.; Kuoni St. Galler S. 50; Gloning
Oberöstr. Sg. 50 (Vorsage zu einer Kronenraub¬
sage); McCulloch Faith 195. ® 85 ) Tobler
Schweiz. Volkslieder 1, 102; dazu R. Köhler in
AfdA. 11, 78; MSchlesVk. H. 5 (1898), 44
Anm. 3. ® 8 ®) Grimm Myth. 2, 810; Quitz-
mann Baiwaren 170 f. (nach Schönwerth
Oberpfalz 2, 192). 687 ) Künzig Schwarzwald
76. 688 ) Landstad Fra Telemarken (1927)
82 f.; Storaker Natur 239. ® 89 ) Grimm Myth.
2, 817; Wuttke § 57; Kuhn Westf. S. 346
(Grundsätzliches über Schlüsseljungfrauen);
Küster 93. 120; Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 517;
Grimm Sagen Nr. 433 (weisend); Henne
Volkssage 115 (weisend); Panzer Beitr. 1,
2. 36; Meier Schwaben 209; Schöppner
Sagenb. 1, 455; 3, 155; Birlinger Volkst. 1,
103; Hebel Pfälz. Sagen 11; Grässe Preuß.
Sagen 2, 636; Schambach und Müller 185 f.;
Zaunert Rheinland 1, 278 t.; Kühnau Sagen
2, 43 (weisend); Grohmann Sagen 222. 223;
Zingerle Tirol 298. 301. 323 324. 325. 326
(weisend); Alpenburg Tirol 330. 331; Frei¬
sauf f Salzburg 563; Müller Siebenbürgen 84
(n. Miles Chronik v. 1551); Rochholz Schwei¬
zersagen 2, 4 (weisend); ders. Naturmythen 197;
ders. Glaube 1, 187; Jegerlehner Sagen 2,
236; Müller Uri 1, 277; SAVk. 20, 426 f.;
Kuoni St. Galler S. 50; Stäuber Abergl. 62;
Gredt Luxemb. Sagen 244. 580. 584. — Vgl.
Sebillot Folk-Lore 3, 297 (Frankreich); ZfVk.
1, 168 (Island). 6a0 ) Vor allem Emma Frank
Der Schlangenkuß. Leipzig 1928; Laistner
Sphinx 1, 94; Lippert Christentum 496;
Amersbach Lichtgeister 23 (erwähnt S.en-
Jungfrau Elidia: Lanzelet 7881. 7907. 7990;
1
1189
Schlange
1190
vgl. Grimm Myth. 2, 810). ® 91 ) Ranke Der
Erlöser in der Wiege. München 1911; Henne
Volkssage 118; Häuffen Gottschee 99. 692 ) Heß-
Ier Hess. Nass. 152 (verbunden mit Kronen¬
sage); Gräber Kärnten 145 f. (Erlöser in der
Wiege); Schmitz Eifel 2, 38 (Nonne als S.
mit Schlüssel im Maul auf Geldkiste). ® 93 )
Bartsch Meckl. 1, 271 (S. mit vielen kleinen
S.en schrecken d. Schäfer ab); Vonbun Beitr.
27 (Zöpfe der Jungfrau sind S.en); Stöber
Eis. Sag. 2, 118 (schatzhütende S. neben der
Jungfrau schreckt ab). ® 94 ) Emma Frank
Der Schlangenkuß. Leipz. 1928; Bolte-Po-
Mvka 2, 37 A. 2. 236 (nord. Quellen). 271; 4,
170. 685 ) Schambach u.Müller 104; Baader
Sagen 200, 2. Sage (Zauberblume); Grässe
Preuß. Sagen 1, 591; Haas Pomm. Sagen 103
{2 Edelfräulein als S.en); Gräber Kärnten
159 (Erlöser in der Wiege). ® 96 ) Grimm Myth.
2, 809 unten; Grimm Sagen Nr. 13 (nach
Prätorius Weltbeschreibung 661 ff. u. and.
Quellen); Bindewald Sagenbuch 64; Heßler
Hess. Nass. 134 (beim 2. Kuß, Zauberblume);
Meiche Sagenbuch 572; Rochholz Schweizer¬
sagen 1, 250 ff. (nach Stumpf Schweizer -
chronik u. a. Quellen); Singer Schweizer
Märchen 2, 60 ff. (rätoromanisch, 1. Kuß:
Kopf, 2. Kuß: Leib, 3. Kuß: Beine in Menschen
verwandelt. Erlösung gelingt); Müller Uri 1,
277 (Erlösung nicht genannt). 697 ) Baader
Sagen 198; Neugesammelte S. 75 (Frosch, S.,
Drache); Stöber Eis. Sg. 2, 173; Hebel
Pfälz. Sg. 119 (S., Kröte, Jungfrau); Wucke
Werra 1 (S., Drache, Jungfrau). 698 ) Alpen-
burg Tirol 193; Heyl Tirol 632; Zingerle
Märchen a. Süddeulschl. 385 f. (Kronschlange);
Zingerle Sagen 315 (um den Hals). 316 (2 S.en
um den Hals). 158 (3 Jungfrauen; am nackten
Körper empor); Herrlein Spessart 336 (Erlöser
in der Wiege); Heyl Tirol 511. 6 ") Vonbun
Beitr. 27. 70 °) Gräber Kärnten 151 f. 701 ) Cami-
nada Friedhöfe 50 f. (n. Decurtins Rät. Chrest.
2, 145). 702 ) ZfVk. 7, 446 (Schlesien). 703 ) Küh¬
nau Sagen 1, 245 f. 250. 257; Andrian Altaus¬
see 140; Hauffen Gottschee 99; Gräber
Kärnten 149 (Erlösung gelingt). 150 (dto.). 151
(mißlingt); Friedli Bärndütsch 7, 487; Luck
Alpensagen 45 (Trauring). 704 ) Zaunert Rhein¬
land 1, 302; Knoop H. Pommern 32; Gredt
Luxemb. 9 (Nr. 1 u. 2). 218. 222 (3 mal). 282
(Ring st. Schlüssel). 579; Schmitz Eifel 2,
37 (2 Nonnen); Hessel Mosel 118 (dto.);
Gräber Kärnten 147 f. 152. 159 (Erlöser in d.
Wiege). 705 ) Baader Sagen 246 (Erlösung
gelingt, Schatz gewonnen); Freisauff Salzb.
S. 575 (mißlingt). 70 ®) Heßler Hessen 259
{mit Rute feur. Hund erschlagen. Erlöser in d.
Wiege). 707 ) Zingerle Sagen 319 (3 Türen
werden durch die Haselrute geöffnet, Löwen,
Eber, Wölfe, S.en unschädlich gemacht, Wasser¬
fluten durchschritten; beim Drachen versagt
der Erlöser); Hauffen Gottschee 99. 101.
708 ) Kühnau Sagen 1, 267 (gköpfige S., Birke);
Alpenburg Tirol 392 (Hasel); Zingerle
Sagen 320 (Hasel). 709 ) Vonbun Sagen 2 (1889)
178; ders. Beitr. 127. 71 °) Kühnau Sagen
1, 256 (vereitelt). 286 f. (dto.). 284. 287 (ge¬
lingt); Heyl Tirol 496; Müller Uri 1, 277
(Kröte, S. [nicht die verwandelte Jungfrau],
Drache erschlagen; endgültige Erlösung durch
Messe). 711 ) Hempler Psychologie 35. 7ia )
Bindewald Sagenb. 63. 7l3 ) Panzer Beitr. 1,
140. 714 ) Baader Sagen 211 (Erlöser in d.
Wiege). 715 ) Kühnau Sagen 1, 269 (dto.).
716 ) Zingerle Sagen 147. 7l7 ) Bindewald
Sagenb. 208. 7l8 ) Zingerle Sagen 322. 7l9 ) Grä¬
ber Kärnten 152 f. (Erlöserinder Wiege); Bolte-
Polivka 2, 420; 4, 140. 72 °) Vonbun Sagen 2
173 (b)» Schell Berg. Sg. 298; Kühnau Sagen
2, 367 f. (S.en-Königin unerlöst). 721 ) Ebd. 2,
377. 722 ) Bechstein Rhön 158. 723 ) Bolte-
Polivka 1, 4 A. 1; 2, 251 f.; Müllenhoff
Sagen 383; Sudetendt. Ztschr. 4, 247 ff.
724 ) Wolf Dt. Hausmärchen 2650.; Laistner
Sphinx 1, 99 ff. 725 ) Müller Siebenbürgen 43.
726 ) Kohlrusch Sagen 158 f.; Genoud Le¬
gendes frib. 230 f.; Vernaleken Alpens. 252 f.;
Jegerlehner Sagen 2, 269; Herzog Schweizer¬
sagen 1, 114; 2, 192; Kuoni St. Galler S. 4;
Heyl Tirol 29 (Kapuziner von der weißen S.
durchbohrt s. u.). 650 (weiße, schwarze, grüne
S.); Schell Berg. Sg. 303 (durch Messelesen
S.en vom Friedhof vertrieben); Birlinger Volkst.
1, 104 f. (Drachenart. S.). 727 ) Veckenstedts
Zs. 2, 186 (Hinterpommern); Vernaleken
Alpens. 250 f.; Waibel u. Flamm 1, 234;
Kohlrusch Sagen 237 f.; Lütolf Sagen 243;
Jegerlehner Sagen 2, 267 (die gefürchteten
3 weißen S.en erscheinen nicht, s. u., daher
bleibt der Beschwörer am Leben); Heyl Tirol
29 (Frage: „Lieber Schatten oder Würmer“?
Seitdem keine Sonne mehr im Tal). 728 ) Von¬
bun Sagen 2 177 f. 729 ) Grimm Myth. 3, 197;
in Indien nötigt das S.en-Opfer die S.en, sich
ins Feuer zu stürzen; Meier Schwaben i, 208 f.;
ZfVk. 8, 325 (aus Dux); Storaker Natur 237 f.
73 °) Einige Lit. in Jegerlehner Sagen 2, 310;
Henne Volkssage 113L; weiter: Reiser All¬
gäu 1, 213 f.; Andree-Eysn Volkskunde 216;
Baumgarten A. d. Heimat 1, 119 f.; Vonbun
Sagen 2 179 f.; Vernaleken Alpens. 251;
ZfdMyth. 2, 348 (Tirol); ZfVk. 4, 122 (ib.);
Alpenburg Tirol 218; Zingerle Sagen 180 f.
182; Heyl Tirol 378; Gräber Kärnten 155 f.
157 {.; Hauffen Gottschee 99; Baumgarten
A. d. Heimat 1, 119 (S.königin; rote S.); J eger-
lehner Sagen 2, 24; Jecklin Volkstüml. 3, 87
(3 weiße S.en erdrosseln den Beschwörer).
Nordisches: Lundqvist Halländsk folkiro om
den vita ormen, Halländsk bygdekultur 176 —
190. 731 ) Grimm Sagen Nr. 247 (nach Wier
De praestigiis daemonum 1583, 160; Anhorn
Magiol. 934 f. eine alte u. ungeheure S. tötet
den Beschwörer); Hexenhammer 2, 241 f.;
MSchlesVk. 10, 97 f.; Freisauff Salzburg
251 ff. 732 ) ZfdMyth. 1, 239 (Tirol);
Zingerle Sagen 182; Alpenburg Tirol 273 f.;
Heyl Tirol 156. 377; Kuoni St. Gail. Sag. 122 f.
733 ) Jungbauer Böhmerw. 110. 734 ) Eisei
Voigtl. 151 (412). 735 ) Kühnau Sagen 2, 372.
38 *
Schlange
1192
II9I
’ 3S ) Meiche Sagen 575. 737 ) ZfdMyth. 3, 63.
738 ) Baader Neuges. Sagen 9; Künzig Schwarz¬
wald 79. 739 ) Jegerlehner Sagen 2, 32. 74 °)
Gredt Luxemb. Sg. 226. 741 ) Meiche Sagen
535 * 742 ) Reichtumspendende S. (s. o. Kron-S.):
Bolte-Polivka 2, 461; S.en werden zu Gold:
Müllenhoff Sagen 355 (Nr. 476); zeigt Erz¬
gänge: Alpenburg Tirol 95; weilt in einer
Schatzhöhle: Meier Schwaben 1, 32; S.en liegen
auf Geld: Reu sch Samland 74; Mädchen
nachts in S.en-Gestalt, besitzt großen Schatz:
Gräber Kärnten 150 f.; die Scherben, aus
denen die Kron-S. Milch getrunken, werden zu
Silbermünzen: Meier Schwaben 1, 28. S.
wandelt Sand zu Geld: Baader Sagen 155;
S.en an der Stelle, wo Kohlen zu Gold verwan¬
delt worden: Freisauff Salzb. Sg. 87; graues
Männchen wirft Faß mit Kohlen unter die S.en;
die Kohlen werden im Schuh einer Frau zu
Gold: Eisei Voigtl. 152. Abgeschnittenes
Gras verwandelt sich in S.en und diese in Gold:
Grässe Preußen 1, 466. 743 ) S. tötet einen Bären,
um ein Kind zu schützen: Wolf Beitr. 2, 442
(n. Bechstein Dt. Sagenbuch ). Zwei Nat¬
tern bringen einem kinderlosen Mann ein weißes
und ein rotes Krönlein und damit Kinder¬
segen: Alpenburg Tirol 388; S. verleiht
Wunschring: Köhler Kl. Schriften 1, 366.
440 (vergleichend); spendet Edelstein: Schell
Berg. Sg. 297; vergiftet die Milch der Räuber,
die einen Mann gefangen halten: W T aibel u.
klamm 2, 168. 744 ) Sie saugt eine schwärende
Wunde aus: Caesarius v. Heist. 2, 264;
heilt einen Menschen, in den sie während des
Schlafes hineinkriecht (s. Natur): Stracker-
3 an 2, 173; belebt mit Heilkraut einen Toten
(Polyidos u. Glaukos): Grimm Märchen Nr. 16;
dazu Bolte-Polivka 1, 126 ff. 128; 4, 114;
Meier Märchen S. 55. 745 ) Mensing Schlesw.
Wb. 4, 525. 746 ) Hauffen Gottschee 98. 747 )
S. ringelt sich einem undankbaren Sohn, einer
gottlosen Bäuerin, einer hochmütigen Frau
um den Hals: Bolte-Polivka 3, 167 (nach
Caesarius v. Heisterb. 6, c. 22); Verna-
leken Alpensagen 249; Heyl Tirol 158; oder
sie legen sich auf den kranken Leib des un¬
geratenen Sohnes: Tettau u. Temme 144;
saugen einem wollüstigen Schloßherrn das
Blut aus: Wolf Niederländ. Sg. 668; Fluchende
erschrecken sie: Bartsch Meckl. 1, 280;
bringen Unglück über einen eigennützigen
Untervogt: Rochholz Naturmythen 197; kom¬
men in großen Mengen in die W’ohnung eines
Wucherers, eines Geizigen: Grässe Preußen 2,
84; Kiihnau Sagen 3, 175 f.; Zingerle Sagen
180; S. spritzt Gift in den Speisetopf dessen,
der ihre Jungen versteckt hat: Meyer Aber gl.
81 (nach Joh. v. Winterthur Chronik 133);
da, wo die S.en getötet worden, stirbt das Vieh
(weil die S.en das Gift [ s. Natur] aus den
Kräutern gezogen): Strackerjan 2, 173.
748 ) Dähnhardt Natursagen 2, 281. 749 ) ZföVk.
5, 63. 76 °) Dähnhardt N.-S. 2, 264. 751 )
Sebillot 3, 255; Parallelen bei Dähnhardt
Natursagen 1, 276 ff. 732 ) Jungbauer Böhmerw,
34. 753 ) Grässe Preußen 2, 959. 754 ) Jeger¬
lehner Sagen 2, 269. 755 ) Ebd. 2, 278. 756 )
Müller Uri 2, 168. 757 ) Vernaleken Alpens.
78 f. 79 f.; vgl. Jerem. Gotthelf Wassernot.
758 ) Rochholz Schweizersagen 2, 3; Herzog
Schweizer sagen 1, 241 f. 759 ) Aus dem Nonnen¬
loch (Siebenbürgen) stürzt sich eine S. auf die
unten Vorbeigehenden: Müller Siebenbürgen
128. Ein Freimaurer wird von einer S. erdrosselt:
Kühnau Sagen 3, 255. 76 °) Baader Sagen 310.
761 ) Vonbun Sagen 2, 183; ZföVk. 4, 235;
Urquell 5, 113 (Westpreußen); vgl. Sebillot
Folk-Lore 3, 263; ZföVk. 4, 216 (Bukowina).
Weiteres s. Eidechse Bd. 2, 681 — 83. 762 )
ObdZfVk. 6, 13 ff.; Bolte-Polivka 3, 84.
Einem mit offenem Mund schlafenden Mädchen
kriecht eine S. in den Leib; sie wird durch Milch
wieder herausgelockt, aber das Mädchen siecht
zu Tode. Jahn Pommern 138. Verwandtes:
Eisei Voigtl. 152; Meier Schwaben 1, 205;
SchwVkde 3, 73. Ein Kranker wird gesund,
nachdem ihm eine S. in den Leib und wieder
herausgekrochen war. Strackerjan 2, 173;
durch Milch herausgelockt: ebd. 174. Eine Frau,
die aus einem S.enbrunnen Wasser getrunken,
gebirt 62 S.en. Birlinger Volkst. 1, 253. Vgl.
Hembygden 7, 53. 763 ) Dialogus miraculorutn
2, 264. 265; dazu Wolf Beitr. 2, 443. Die S.
wird durch ein Milchbad wieder losgebracht.
Baader Sagen 94; vgl. Grimm Myth. 2,
572; 3 » 198; MSchlesVk. H. 5, 42. 764 ) Erk-
Böhme Liederhort 1, 190a ff. 76S ) Gräber
Kärnten 156 f. 158 t. 768 ) Baader Sagen 51.
767 ) Meiche Sagenb. 581. 768 ) Jungbauer
Böhmerw. 23. 769 ) Kühnau Sagen 2, 398. 77 °)
Müller Siebenb. 128. 771 ) Flugi Volks-Sagen
42 ff.; Vonbun Beitr. 117; Henne Volkssage
118 f. 772 ) Köhler Kl. Sehr. 1, 412. 581; Burk¬
hard Waldis Esopus ed. Kurz Anm. zu IV,
Nr. 99. 772a ) Grohmann Abergl. 79. 773 )
Nach Heinrich Brennwalds Chronik in SAVk. 17,
200 f. u. bei Kohlrusch Sagen 301 ff.; s. a.
Klapper Erzählungen 366; Gesta Romanorum
Nr. 105; ausführliche Quellenangaben s. Kaiser¬
chronik hg. v. Maßmann 3, 997—1002. Vgl.
Rochholz Naturm. 198. 200. 774 ) Anhorn
Magiol. 925 t. (zit. Camerarius Medit. hist.).
Auf Kornhaufen in Ungarn 927. 77G ) s. na¬
mentlich Howey Encircled Serpent 399 — 406;
Hoops Reallex. 3, 221; Grimm Myth. 2, 663; 3,
236; Golther Myth. 178. 776 ) Olrik Ragnarök
54 — 5 6 - S.en, namentlich aber Drachen und
Weitende in dänischen, färöischen, Österreich,
(nur Drachen!), persischen, indischen Sagen
ebd. 97—102. 326. Dazu der ungarische Volks¬
glaube, daß die Welt untergehe an dem Tage,
w r o eine weiße S. aus dem Blocksberge in Ofen
hervorkriechen wird: Grohmann Sagen 60.
777 ) Bugge Göttersagen 480 ff.
8 . Über die Darstellung der S. auf
Felsen, Denkmälern, Bauten oder be¬
weglichen Gegenständen besitzen wir
keine umfassenden Arbeiten. Das Fol-
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gende bietet nur eine ganz dürftige, ge¬
legentlich aufgezeichnete Auswahl. Ei¬
niges verdanke ich Herrn Prof. K. Prei-
sendanz in Karlsruhe u. Herrn Oskar
von Zaborsky in Berlin.
Allgemeines: Göttersymbol s. bei
Ebert Reallex. 4, 2, 438; 11, 264 ff.
Weiteres bei Eiworthy Evü Eye 122;
Seligmann Blick 2, 130 f.; F. X.
Kraus Realencyklopädie d. christl. Altert.
2, 733 f*
Orient u. Ägypten: ZfVk. 23, 21 ff.;
Howey Encircled Serpent 17 (ägypt.
Götter); Pietschmann Gesch. der
Phönizier (1889) S. 224—227; Greß-
mann Bilder zum AT 2 . 149 Nr. 5 I 4 »
7- oder 9 köpfiger S.nbaum Naga, Abb.
bei Wirth Urschrift der Menschheit.
Antike: Daremberg et Saglio 2,
1, 403 ff. ( draco)\ Pauly-Wiss. 2. R. 2,
1, 520 f.; Küster Die S. in d. griech.
Kunst u. Rel. 3 fl- 20 ff.; Jac. Herold
Heydten-Weldt (Basel 1551): Horapollon-
bilder mit S.n: Nr. 3. 26. 28. 30.
In und an Gräbern (vgl. Dämon
A. 192): Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 514 h;
Bachofen Gräber Symbolik passim (s.
Register); Küster 66 ff. 75; ARw. 12,
221 ff. (auch auf Dipylonvasen); auf
den Kultdenkmälern der „thrakischen
Reiter“: ARw. 15, 154* l6 °-
Säule mit drei S.nköpfen, Hippodrom,
Konstantinopel: Gazette des Beaux-Arts,
Apr. 1930.
Über Haustüren (Pompei); Küster
114 Anm.
Auf Panzer: Küster 49; Athene:
Roscher Lex. 1, 694. 696. 702 (zu den
Darstellungen der Athene mit S. s.
Petersen Burgtempel der Athene 45).
Auf Schild: Daremberg et Saglio
1, 1249. 1252; Küster 49. 50. Aigis
der Athene: Küster 116 f.
Auf Helm: Küster 49; Lenz Zool.
456; vgl. die Ptolemäer-Kamee in Wien
u. Erman Ägypten S. 97.
An Stab (caduceus des Hermes):
Howey Encircled Serpent 71 ff.; Preller-
Robert Griech. Myth.* 417 f.; ZfVk.
23, 21 ff.; Grimm Myth. 3, 197.
Auf Cameo: Bachofen Gräbersym¬
bolik 138 f. (S. u. Ei, s. a. 419). S. u.
Asklepios: Küster 133 ff.; Roscher
Lex. 1, 632 ff.; Howey Encircled Serpent
89 ff. S. u. Athena Hygieia: Küster
117.
Votiv- S.: Päonie auf d. Kopf: Roscher
Lex. 3, 1246 (Paian); SchwVkde. 22, 115.
Auf Amuletten u. ä. (s. o. Allge¬
meines und Zauber A. 259) auf magi¬
schem Nagel: Daremberg et Saglio
1, 1241.
Als Schmuck: sehr häufig; besonders
Armbänder, s. z. B. Hovorka-Kron-
feld 1, 381 (Pompei). Fibeln: Ebert
Reallex. 3, 296. 302.
Germanische Völker. Nordische
Bronzezeit: Reichborn-Kj ennerud
21 unten. Felsen: Der „Snakenstein“
bei Donnern (Hannover): ZfdMyth. 2,
294. Kapitell: Geflügelte S. im Kampf
mit einem Wolf (?), Petridom in Bre¬
men; s. Germanien 1933» 361. Mutter
Erde mit S.: NdZVk. xi, 206 ff. Römi¬
sche Darstellung in Deutschland: ebd. 221.
Gräber: Meyer Germ. Myth. 59; Ca-
minada Bündner Friedhöfe 49. Tore:
Zwei symmetrische S.n: Friedhofstor
Damsdorf, Ostpommem (Kaschubei).
An Häusern: Wuttke SächsVk. 429.
In Kaufläden u. ä.: Wiener Zs. 35, 1 ff.
Auf Schwert u. Helm: Grimm
Myth. 2, 573.
Auf mittelalt. Evangelienmanuskript
(Schweden): Aubrey Remaines 38.
Amulett: Andree-Eysn Volkst. 71
(Tau-Amulett, Eherne S., Mose).
Auf und an Gegenständen: Rüti-
meyer Urethnographie 147 (Kürbis¬
flaschen).
Auf Rasiermesser (Grabbeigabe der
jüng. Bronzezeit aus Jylland: Museum
in Kopenhagen Nr. B 4548; zwei ge¬
krönte Schlangenköpfe am Griff eines
Milchlöffels aus dem Lötschental
(Wallis): Germ. Museum in Nürnberg;
am Griff eines Schulzenstabes aus
Ostpommern, in d. Ausstellung „Deut¬
sches Volk, deutsche Arbeit", Berlin 1934*
Schaft eines Kienspanhalters von
den Halligen: Germ. Mus. Nürnberg.
Geschlängelter Hirtenstab: Portheim-
Mus. Heidelberg; Gemälde von Schon-
gauer „Anbetung des Kindes“ im Kais.
Friedr.-Museum, Berlin. Vgl.die „Ziegen- 2. Doppelköpfige S. Howey En-
hainer", Wanderstöcke der Handwerks- circled Serpent S. 317. 318; Seligmann
burschen. Heil- und Schutzmittel 159 (Eiserner Ring,
Wohl nicht germanisch, eher gallisch, Kalkutta).
ist die Darstellung des Gottes Cer- 3. S. mit Menschenkopf (vgl. Dä-
nunnos auf dem Silberkessel von Gunde- mon A. 179). J. K. Bonneil The Ser-
strup. Der Gott hält mit der linken pent with a Human Head in Art and
Hand eine Schlange. Mystery Play. Am. Journ. of Archaeo-
Andere Völker. Zuweilen an Gegen- logy 21 (1917), 255 ff.; Hovorka-Kron-
ständen, so z. B. am Hals der Gusla feld 1, 381 (Münze von Abonoteichos).
(slavische Laute) s. Spieß Bauernkunst Sehr häufig wird die Paradies-S. mit
57 und im Museum für Völkerkunde, weiblichem Kopf dargestellt. Eine be-
Basel. Ebenda um den Griff eines sondere Auffassung auf dem Sünden¬
hölzernen Löffels (Zigeuner) u. als fallbild des Hugo van der Goes in Wien:
Griff eines Eisenmessers (unbekannter die S. als Weib mit je zwei Armen,
Herkunft). Als Wagengeschirrauf- derartigen Beinen u. langem, glattem
satz s. ZfVk. 43, 180 (Abb. 3, 1 Neapel); Schwanz. — Über die Paradies-S. aus¬
sehrhäufig als Fingerring. führlich: H. Schmerber Die S. des
Spezielle Formen der S.n-Dar- Paradieses, in: Kulturgeschichtliches aus
Stellung: der Tierwelt. Prag 1905, S. 37 ff.
1. Sich in den Schwanz beißende 4. Uraeus-S. (Hierogramm: Scheibe,
S. (Symbol der Ewigkeit): Howey Flügel, S.); Howey Encircled Serpent
Enctrcled Serpent (S. 4: Persischer Gott 1 ff.; Erman Ägypten 94. 98. 253 (am
Azon; S. 109: Christus-Medaille, von S. Hause). 360. 371.
eingefaßt, S. 133 • au f der Crux ansata, 5. S. und Baum. Howey Encircled
ankh, Roscher Lexikon 4, 1474! Tre- Serpent 108 ff. S. noch Drache (Bd.
centa Emblemata (Augsb. 1716). Prei- 2, 364 ff.).
sendanz Die S. der Ewigkeit. Garten- Hofimann-Krayer.
laube 1933, 669 t. Schlangcn-Segen L ) heißen streng ge-
Länderumfassend: Midgard-S. (s. nommen Sprüche, die Schlangen bän-
Sagen A. 775 )- digen oder vom Stechen abhalten wollen;
Auf Grabsteinen (s. o.): Grabplatte aber die, in neuerer Zeit gewöhnlicheren,
Herders in der Weimarer Hofkirche. Sprüche gegen die Folgen eines Schlangen-
Grabstein in Wiesbaden (vgl. Goethe bisses (eigentlich Wundsegen) sind öfters
Briefe 24, 92, 16). ähnlichen Inhalts und von jenen kaum
Amulette: Kopp Palaeogr. crit. IV, scharf zu trennen.
ZfVk. 43, 185 h Abb. 3, 2 (Neapel). 1. Antike und spätlateinische
Gegenstände: Auf einem Leb- Sprüche. Im Aberglauben der südlichen
kuchenmodel aus St. Gallen, im Länder spielen Schlangensprüche natür-
Museum für Völkerkunde, Basel, sind lieh eine große Rohe. Aus dem Altertum
drei konzentrische schwanzbeißende S.n liefert uns besonders Ägypten Beiträge,
dargestellt. Um eine Uhr im Rathaus zu altägyptische und später griechische, z. T.
Heilbronn. Zwei Tür klopf er in der Rue mythischen Inhalts 2 ). Der christlichen
du Pont S.-Marcel in Metz. Oberer Rand Kirche (wie schon innerhalb der ägypti-
eines phönikischen Gefäßes, im sehen Religion) war die Schlange ein
staatl. Museum, Berlin (Preisendanz Symbol des Bösen, und das Bibelwort
a. a. O. 670). 1. Mosis 3,14 h wurde beliebtes Motiv
Handschriften: Süddeutsche Mini- der Sch.segen. Lateinische (nicht-rezi-
atur aus dem Kloster Reichenau (Preisen- pierte) Beschwörungen liegen seit unge-
danz Gartenlaube 1933, 670). Über dieses fähr 900 vor 3 ); z. T. enthalten sie Zauber-
Symbol s. n. Cumont in Festschr. f. Worte, oft auch das Schriftwort Psalm 90
Benndorf 291—295; Etudes syr. 60 f. I (deutsch 91), 13 (später auch deutsch
1197
Schlangen-Segen
1198
und französisch verwertet) 4 ), weiter die
Anrede „Sta, sicut stetit aqua Jordanis“
(bei der Taufe Jesu), vgl. Jordansegen § 3.
1 ) Literatur Franz Benediktionen 2,
171 ff.; Schönbach Analecta Graeciensia 36 ff.;
ZfVk. 21, 389. 2 ) Hälsig Zauberspruch 13 f.;
Erman Die ägyptische Religion 2 115. 168;
Leemans Papyri Graeci 2, 101 f. 3 ) Stein¬
meyer 392 u. MSD. 2, 48 (beide (?) 10. Jh.); I
ZfdA. 13, 216 (14. Jh.); Germania 32, 452 j
(15. Jh. Schönbach HSG. Nr. 1093 u.
seine Analecta Graeciensia Nr. 17 um 1600);
Wierus De praestigiis daemonum 534 (16. Jh.).
4 ) Meyer Baden 81; RTrp. 19, 491.
2. Deutsche Segen, episch, durch¬
wegs in später Überlieferung und großen¬
teils recht unklarer Form. Zwei Haupt¬
typen; der eine erzählt vom Stich der
Schlange, der andere nicht. In beiden
spielt so gut wie Christus auch Maria eine
Rolle, entsprechend der kirchlichen, früh
bezeugten 5 ) Auslegung von 1. Mosis 3, 15
als Maria so gut wie Christus geltend.
a) „Die Schlange sticht, Christus
spricht, Christus hat gesprochen: Diese
Schlange hat nicht giftig gestochen'* 6 ).
Oder z. B.: „Die Schlange stach, die Otter
biß, Mutter Maria schwur, daß alles böse
Gift hinausfuhr“ 7 ). Auch mehr kirch¬
lich: „Schlange, du erster Sündenfall,
Christus dir den Stachel nahm, Maria
dir den Kopf zertrat, daß du mußt hegen
wie ein Stab“ 8 ). Diese Gruppe wirkt
natürlich vorwiegend als Heil- nicht als
Abwehr segen. — Viele derartige, z. T.
anschaulichere Segen skandinavisch 9 ). In
französischem Segen wird Petrus ge¬
stochen, Christus erteilt ihm Rat 10 ).
b) Der Heilige meistert die Schlange.
Der epische Teil weiß von keinem Biß,
dennoch wird auch diese Gruppe gewöhn¬
lich „gegen [vollzogenen] Schlangenbiß“
verwendet. Hauptmotive: Christus (Maria,
Adam, „Ich“ o. a.) findet Schlangen und
schlägt sie mit einem Stabe oder pustet
(auf den Eiter?), oder sie verschwinden
von selbst; z. B.: „Christus und Petrus,
die beiden gingen über Land, was fanden
sie da ? Addern und Schlangen und Utzen.
Und was taten sie da? Pußen“ n ).
Skandinavisch ist das verwandte Motiv,
Maria bindet die Schlange mit ihrem
(Karfreitags-) Bande, sehr beliebt 32 ). —
Petrus und der Wurm: „Christus und
Petrus gingen wohl über die Heid', da
kam eine Schlange von ihrer Weid'. Da
sprach Christus zu Petrus: Was ist das
für ein Wurm ? Es ist eine Schlange voller
Gift und Zorn. So bald Petrus dies errät,
so bald der Schlange ihr Gift vergeht“ 13 )
(vgl. die antike Vorstellung von der Macht,
die die Kenntnis des (geheimen) Namens
verleiht).
c) Endlich unklare Segen über Spiel
der Otter und der Schlange (vgl. zum
Anfang „Streitmotiv“ § 4), z. B.: „Die
Otter und die Schlang', die spielen beid'
im Sand, die Ott beißt,die Schlange sticht,
Gott den Vater vergesse nicht“ 14 ). Der
Schluß auch: „Die Otter sich versah, daß
sie unsern Herrn Jesum stach“ o. ä. 15 )
(Texte, in deutscher Sprache publiziert 16 ),
über den Ursprung der Sch. [von Gott,
Teufel oder Weide] haben polnisches
Original).
*) Vgl. Harnack Lehrbuch der Dogmenge¬
schichte 2 1,507; Lehner Die Marienverehrung in
den ersten Jkk. 263. 8 ) ZfVk. 5, 18 Siebenbürgen.
7 ) Frischbier Hexenspr. 89. 8 ) Ebenda. —
Weiter ZfVk. 1, 196 Brandenbg.; 7,172 Nr. XXI
Mecklenbg.; Bartsch Mecklenburg 2, 454 t.
Nr. 2085 —87. 2091; BIPommVk. 7, 150 f.;
Frischbier Hexenspr. 87 f. Nr. 1 — 4. 9 ) Dan-
marks Tryllefml. Nr. 462 ff. (vom 15. Jh. an);
Norske Hexefml. Nr. 112 f. 127; Meddelanden
fran Nordiska Museet 1897, 22 f. l0 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 277. n ) Strackerjan 1, 77.
Vgl. Lammert 217; Urquell 1 (1890), 18 Dith¬
marschen; Bartsch Mecklenburg 2, 453 f.
Nr. 2081 — 84; 2, 455 Nr. 2089. l2 ) Ohrt Da
signed Krist 53 ff. mit Belegen. 13 ) BIPommVk.
7, 152, vgl. ZfEthn. 31, 465. 14 ) Frischbier
Hexenspr. 88 Nr. 6. Vgl. Bartsch Mecklen¬
burg 2, 454 f. Nr. 2088 a; 2, 457 Nr. 2101;
Jahn Hexenwesen 113. l5 ) BIPommVk. 7,
150 f. l6 ) Frischbier Hexenspr. 88 ff. Nr. 5. 8.
10; Wuttke § 235.
3. Deutsche Besprechungen (un¬
episch) — nicht häufig — bannen die
Schlange zum Totliegen oder Versinken.
Im 15. Jh.: „Lig lig lang, du teyfelische
schlang, du tewfels aygne, lig nw für
tode“ 17 ). In östlichen Gebieten sind vor¬
beugende Segen am Gründonnerstag und
(mit Hinweis auf Christi Leiden) am
Karfreitag üblich (gewesen), z. B.: „Heute
ist Gründonnerstag, Schlangen und Ottern
vor mir erschrag’n, Wenn sie mich werden
sehn, solln sie drei Meilen vor mir in die
Erd hineinkriechen“ 18 ). — Der Eiter
1199
Schlangenstein
1200
soll so lauter und rein werden ,,als unser
lieben frawen gspint (Milch), die sie gab
Jesus Christus ihrem lieben kint“ (16.
Jh.) 19 ).
l7 ) Schönbach Analecta Graeciensia Nr. 14.
18 ) ZfVk. 2i f 389 Nr. 1 Mähren; vgl. Drechsler
1, 81. 88 (John Erzgebirge 112). 19 ) Mone
Anzeiger 3, 281 Nr. 13. Anders BIPommVk.
1 , I 5 i- Ohrt.
Schlangenstein (s. a. Spalte 1119.
1122). Nach einem im Altertum und
Mittelalter verbreiteten Aberglauben
trägt die Schlange im Kopfe einen
Stein, oder sie erzeugt ihn durch
ihren Atem 1 ). Aus Böhmen wird be¬
richtet, daß die Schlangen sich zu einer
bestimmten Zeit und Stunde versammeln,
einen Kreis bilden und solange zischen,
bis eine klebrige Masse entsteht, die dann
zu einem festen Stein verhärtet. Er hat
die Gestalt einer Eichel, ist durchsichtig,
hat die Farbe eines dunklen Smaragds,
ist unten flach und hat dort, wo er ange¬
wachsen ist, drei Löcher 2 ). Gesners Ab¬
bildung des Sch.- oder ,,großen Krotten¬
steins“ (serpentium lapis, Ophites) ent¬
spricht teilweise dieser Beschreibung 3 ).
Der Sch. wirkt, ebenso wie der Stein der
angeblich giftigen Kröte, nach dem Grund¬
satz ,,similia similibus curantur“, vor
allem gegen Gift. Vergiftete Geschwüre,
Geschwülste, Entzündungen heilen so¬
fort, wenn man sie mit dem Sch. berührt;
auf giftige Bisse gelegt, zieht er (selbst
anschwellend) das Gift heraus. Er be¬
wahrt auch vor Pestilenz, Verzauberung
und Faszination 4 ). Der Sch. wurde
hochgeschätzt. Crusius in seiner schwä¬
bischen Chronik berichtet, wie ein ange¬
sehener Mann auf dem Lande bei Schwä-
bisch-Hall einen Sch. gewann und seine
Nachkommen gemäß seinem Testament
ihn als heiliges Erbe bewahrten und nur
gegen eine größere Summe als Unterpfand
nach außerhalb verliehen 5 ). Ebenso
vererbt sich der Gottscheer Sch.. noch
heute von Mutter auf Tochter und wird
sehr wert gehalten 6 ).
Eine märchenhafte Vorstellung, die
auf alte mythische Gedankenkreise zurück¬
geht, verbindet Schlange und Edelstein
als fast untrennbare Begriffe. In den
Frauennamen Otlind, Bouglint (Schatz¬
schlange, Armspangenschlange) spiegelt
sich diese Anschauung wieder 7 ), ebenso
in dem Brauche, Ringe und Geschmeide
in Schlangenform zu bilden 8 ). Rochhoiz
erzählt, daß man in reformierten Land¬
schaften oft behauptet, wenn jemand
mit Ringen und Edelsteinen begraben
werde, lege sich eine Schlange auf sein
Herz und bewache sie. Ein Liebesstein
ist der Edelstein, den nach der bekannten
Sage die dankbare Schlange Karl dem
Großen brachte und den dieser seiner
Gemahlin schenkte. Dieser Stein hatte
die geheime Kraft, daß er den Kaiser
beständig zu seinem Gemahl, nach ihrem
Tode zu ihrem Leichnam, dann zu dem
Höfling, der ihn entwendete, und schlie߬
lich zu der Quelle, in die dieser ihn un¬
willig warf, hinzog. An dieser Stelle
gründete der Kaiser seinen nachherigen
Lieblingsaufenthalt Aachen 9 ). Grimmels¬
hausen erwähnt ,,Caroli Magni und seiner
Konkubine Fastrada“ Ring im Galgen¬
männlein unter den Zaubersteinen 10 ).
Als Sch. kam nach Europa auch ein
runder, weißer, schwarzgefleckter, ziem¬
lich schwerer Stein. Er wurde angeblich
in dem Haupte der Cobra del Capello
(Brillenschlange) gefunden, in Wirklich¬
keit aber von geschäftstüchtigen India¬
nern und Jesuiten in Bengalien u. a.
hergestellt. Auf eine Stelle gelegt, in die
eine Schlange gebissen hatte, fiel er angeb¬
lich nicht eher ab, als bis er alles Gift
,,magnetisch“ in sich gesogen hatte 11 ).
Die Benutzung eines solchen Sch. wurde
1870 in Schlesien festgestellt bei einer
ministeriellen Nachforschung nach Ge¬
heimmitteln gegen den Biß toller Hunde 12 ).
Vgl. Drachenstein, Krötenstein, Ser¬
pentin, Karfunkelstein.
*) Seligmann 2, 28; Liebrecht Gervasius
no unten. 2 ) Grohmann Sagen 220 f.; vgl.
Schwartz Studien 70 1 u. Sebillot Folk-Lore
2, 443; Häuften Gottschee 98 (Märchen 1. u. 2).
3 ) Gesner d. f. I. 161. 4 ) Seligmann aaO.;
Zedier 16, 739 s. v. lapis anguium; Meier
Schwaben 256 oben; Hauffen 102 f.; vgl.
Frazer 1, 165 (Griechen). 5 ) Crusius Schwäb.
Chronik 2, 383 = Meier aaO. 255 Nr. 284.
6 ) Hauffen aaO. 7 ) Grimm Myth. 3, 198;
Liebrecht Gervasius 172; vgl. Schulenburg
Volkstum 172. 8 ) Grimm Myth. 2, 817;
Wuttke 51 § 57; Wuttke Sächs. Vk. 549.
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1201 Schlangenzunge — Schlehe 1202
9 ) Rochhoiz aaO. 198 u. 200 Nr. 8; Grimm
Sagen Nr. 459 mit Anm.; Klapper Erzählungen
134 Nr. 33. l0 ) Amersbach Grimmelshausen
2, 64. 11 ) Zedier 16, 750 s. v. lapis serpentis;
Bergmann 467. 12 ) Rübezahl 9, 325 u. 562.
Zu dem Sch. als Siegstein (Grimm Myth.
2, 1020) s. s. v. Siegstein; Schlangenzungen
s. s. v. Fossilien § 7 — Schlangeneistein
s. s. v. Echenit. f Olbrich.
Schlangenzunge s. Glossopetren,
Fossilien.
Schlapphut s. Breithut.
Schlaraffenland s. Nachtrag.
Schlehe (Schlehdorn, Schwarzdorn;
Prunus spinosa).
1. Botanisches. Dornstrauch mit
eiförmigen, am Rande gesägten Blättern
und weißen, bereits im Aprü erscheinenden
Blüten. Die Früchte schmecken herb,
sind etwa kugelig und blau bereift. Der
Tee von Sch.nblüten wird im Volk als
abführendes und blutreinigendes Mittel
gebraucht J ). Sch.nfunde wurden in den
neolithischen Pfahlbauten gemacht, die
Sch.n waren offenbar wie viele andere
„Wildfrüchte“ in vorgeschichtlichen
Zeiten ein wichtiges Nahrungsmittel 2 ).
Mit Recht nennt Höfler 3 ) die Sch. einen
„echt germanischen“ Strauch.
*) Marzeil Kräuterbuch 131 f. 2 ) Marzell
Heilpflanzen 69 ff. 3 ) Botanik 31.
2. Nach einer schwäbischen Legende
war aus dem Sch.dorn die Dornenkrone
Christi gemacht, daher schlägt auch der
Blitz nicht in den Strauch und man ist
bei einem Gewitter unter ihm sicher 4 ),
vgl. Hasel. In Posen heißt es, daß der
Sch.dorn vom Kreuzdorn (s. d.) vor den
anderen Bäumen verdächtigt wurde, die
Zweige für die Dornenkrone Christi her¬
gegeben zu haben. Da erbarmte sich
Gott des Sch.doms, und zum Zeichen
der Unschuld des Strauches überschüttete
er ihn in einer Nacht plötzlich mit Tau¬
senden weißer Blüten 5 ). Eine böse Frau
aus Schlaupitz bei Reichenbach an der
Elbe wird in einen Sch.dorn verbannt 6 ).
Ein Waldweiblein verfluchte die Sch.n
auf der Burg Breitenstein 7 ). Aus einer
Leiche wächst ein Sch.dorn s ). Unter
einem Sch.dorn ist ein Schatz vergraben 9 ).
Die Sch. („Schwarzdorn“) hat eine Anti¬
pathie gegen den Weißdorn (s. d.) 10 ).
Als „Lebensrute“ dient in Auerbach
(Oberpfalz) die Sch. 11 ) Sch.nzweige sind
auch ein Bestandteil der „Mirtesgert’n“ 12 ).
Vielfach wird, besonders im westlichen
Deutschland, dem verachteten Mädchen
ein Sch.nzweig als „Maie“ gesteckt 13 ).
Holt sich jemand einen „Korb“, so wird
ihm in Billigheim ein Sch.dorn auf den
Dunghaufen gesetzt 14 ).
4 ) Wuttke iii § 145. 5 ) Aus d. Posener
Lande 3 (1908), Nr. 24. 6 ) Urquell 3, 280 =
Kühnau Sagen 1, 450 f. 7 ) Panzer Beitrag
2, 68 f. 8 ) Bastian Elementargedanke 1, 28.
•) SAVk. 25, 57. 151. 10 ) Grimm Myth. 3, 471.
n ) Heimatbilder aus Oberfranken 3 (1915), 123.
12 ) Marzell Bayer. Volksbot. 59. l3 ) Kapff
Festgebräuche 60; ZfwVk. 8, 73; ZfVk. 7, 78;
Wirth Beiträge 6/7, 12. 37; auch in Frank¬
reich; Rolland Flore pop. 5, 406. 14 ) Meyer
Baden 256.
3. Wie alle Dornsträucher (s. 2, 357)
wehrt auch der Sch.dorn die Hexen ab.
Man nagelt am Walpurgisabend die Zweige
an die Stalltüren oder steckt sie auf den
Misthaufen 15 ). In Slavonien trägt man
als Schutz vor Hexen Sch.dornen im Kleid
eingenäht, in Häusern, wo es kleine Kinder
gibt, befestigt man an Türen und Fenstern
Sch.dornen 16 ), die Muhammedaner tragen
gegen Verhexung immer einen Sch.dorn¬
stock bei sich 17 ). Daß eine Hexe dem
Vieh nicht schaden kann: „Hole den Sch.¬
dorn vor Sonnenaufgang am Walburgis¬
abend, mache ein Säcklein voll, nimm
von jeglicher Kuh ein bischen Milch,
läbe sie, als wenn du Käs machen willst,
gieße diese Milch ins Säcklein, worin der
Sch.dorn und hänge dies alles in Rauch,
so wird dir keine Hexe schaden“ 18 ).
Ist die Kuh verhext, so soll man beim
Buttern Dornen der Sch. ins Butterfaß
stecken. Melkt dann die Hexe die Kuh
wieder, so stechen die Dornen sie in die
Hand 19 ). Wenn sich die Milch nicht
ausbuttern läßt, muß man sie mit einem
Sch.nzweig peitschen; jeden Schlag spürt
die Hexe 20 ), s. Kreuzdorn, Weißdorn.
Nach einer schlesischen Chronik plagten
zu Freudenthal i. J. 1651 die Gespenster
die Leute, und die Hexen schwärmten
in ganz Schlesien umher. Da ließ man
an etlichen Orten Leichen aus den Grä¬
bern nehmen und stieß ihnen einen Sch.¬
dorn durchs Herz 21 ). In einer schlesischen
1203
Schlehe
1204
Sage sucht ein Metzger mit einem Stock
aus Sch.dom einen Ochsen, den er im
Walde findet, zum Aufstehen zu bringen.
Aber es gelingt ihm nicht. Da vernimmt
der Metzger die Worte: „Hättest du nicht
den geweihten Sch.dom, wärest du sicher
meiner Macht verfallen“ 22 ). Am Abend
vor Martini soll man unbeschrien Sch.-
dornzweige holen und sie auf die Blumen-
beete legen, dann erfrieren die Blumen
nicht 23 ).
15 ) Drechsler Schlesien 1, 109; Grohmann
100; Wuttke 435 § 682; 281 § 411. 16 ) Krauß
Slav. Volkforsch . 72. l7 ) WissMittBosnHerc. 7,
350. l8 ) Aus einem Zauberbuch: John West¬
böhmen 320 — Seligmann Blick 2, 104.
i9 ) JbElsaß-Lothr. 10, 238. 20 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 337. 2l ) Kühnau Sagen 1, 195.
22 ) Peter Österreich-Schlesien 2, 38 h =
Kühnau Sagen 2, 683. 23 ) Röckingen am
Hesselberg (Mittelfranken): Orig.-Mitt. v. Witt¬
mann 1909.
4. Als erste „Frühjahrsblüten“ (s.
Frühlingsblumen 3, 160) schützen die
Sch.nblüten vor Krankheiten. Ißt man
die ersten ansichtig gewordenen drei Sch.n¬
blüten, so brennt einem der Sod (Sod¬
brennen) das ganze Jahre nicht 24 ), vgl.
Seidelbast. Drei verzehrte Sch.nblüten
schützen vor Fieber 25 ). Beim Abpflücken
spricht man: „Etz eß' i die äschtn drei
Schläichablei (Sch.nblüten), daß i's Feibö
(Fieber) net kreig“ 26 ). Vom blühenden
Sch.dorn bricht m$n einen Dom und reibt
damit das Zahnfleisch, das schützt vor
Zahnschmerzen 27 ). In Böhmen vertreibt
man mit den ersten Sch.nblüten, die man
ins Bett legt, die Flöhe 28 ). Um im neuen
Jahr vor Fieber geschützt zu sein, trank
man in Oberfranken am Silvesterabend
einen aus Schlüsselblumen und Sch.n¬
blüten hergestellten Tee, dann erst wurde
der Silvesterpunsch getrunken 29 ). Sch.n¬
blüten in Milch abgesotten sind ein Mittel
gegen Sommersprossen 30 ). Gegen Augen¬
flecken nimm neun Sch.n, die am Johannis¬
abend gesammelt sind (Rezept des 18.
Jh.s) 31 ). Im „Renner“ beichtet eine
Frau, sie habe an einem Freitag drei Sch.n
gegessen (antikonzeptionelles Mittel ?)
und bekennt daneben, daß sie vom Pfarrer
acht Kinder empfangen habe 32 ). Am Kar¬
freitag vor Sonnenaufgang geht man in
den Wald und schneidet von einem
Sch.dorn, der sich nach Osten neigt,
unter dreimaligem Abbeten des „Glau¬
bens“ ein Stücklein ab. Um den Hals
gehängt bewirkt es, daß in die Haut ein¬
gedrungene Holzsplitter nicht eitern 33 ).
Am Agathentag (5. Febr., s. 1, 208) holt
man um 12 Uhr von einem Sch.dorn das
„Agathenhölzl“, ein fingerlanges Stück
Holz. Es hat die Kraft eine Wunde oder
Geschwulst, wenn man darüber streicht,
zu heilen 34 ). Die gelbe „Rinde“ (Bast)
der Sch. hilft gegen Gelbsucht 35 ), die
Abkochung der Wurzelrinde ist wirksam
gegen Gelbsucht, wenn man einen Du¬
katen (s. Gelbsucht 3, 585; Gold 3, 918)
in die kochende Flüssigkeit wirft 36 ).
Wenn man eine Sch. an die linke Brust
bindet, verschwindet die Gelbsucht 37 ).
Hier soll wohl die Sch. die Gelbsucht in
sich auf nehmen (s. auch unter „gelb“
3, 577 )* Gegen Warzen spießt man eine
(Nackt-) Schnecke an einen Sch.dorn und
spricht dazu:
Schneck, i tu di nit ins Grab,
Büß di Lebe am Dorn do ab.
Wenn di Lebe isch entflohn
Sin mini Warzen au dervon 38 ).
Die Magyaren stechen bei abnehmendem
Monde eine spanische Fliege (Lytta vesi-
catoria, ein bekanntes Aphrodisiakum)
auf einen Sch.dorn, bei Neumond nimmt
man das vertrocknete Insekt herab, stößt
es zu Pulver und mischt es in den Schnaps
für das Mädchen, dessen Liebe man er¬
werben will 39 ). Das Hausbuch eines ober¬
bayerischen Dorfbaders aus d. J. 1681
gibt als Blutstellungsmittel an: „nimm
Moos [es sind wohl Flechten gemeint!]
vom Sch.nbaum und ein wenig Baumöl
und drei Haar von der Heimlichkeit
(mons Veneris) und bind es über“ 40 ).
In Rotwein gesotten und übergelegt
diente dieses „Moos“, „daß die Brüche
nicht weiter zunehmen“ 41 ). Die Dornen
der Sch. gelten als giftig 42 ), im Gegensatz
zu denen des Weißdorns verursachen sie
bösartige Wunden, die leicht in Eiterungen
übergehen 43 ).
24 ) Im Ansbachischen: Journ. v. u. f. Deutsch!.
3 (1786), 1, 346 = Grimm Myth. 3, 459 =
Lammert 250. 25 ) Marzell Bayer. Volksbot.
153; vgl. Spieß Fränkisch-Henneberg 153.
26 ) Mittelfranken: Marzell Bayer. Volksbot.
179. 2? ) Strobl Altbayer. Mittel 1926, 17.
1205
Schleiche — Schleie
1206
28 ) DVöB. 6, 29. 29 ) Marzell Bayer. Volksbot.
8. 30 ) Bayer. Schwaben: Orig.-Mitt. v. Hafner
1909. 3l ) Schweizld. 4, 1364; 9, 501; SAVk. 7,
49. 32 ) Schmeller BayWb. 2, 520, vgl.
Höfler Botanik 32; Grimm Myth. 2, 976.
33 ) SAVk. 2, 260. 34 ) JbElsaß-Lothr. 10, 231.
35 ) ZfrwVk. u, 170. 36 ) WissMittBosnHerc. 2,
445. 37 ) Albertus Magnus 20 4, 53 = Heyl
Tirol 792. 38 ) Zimmermann Volksheilkunde
74, vgl. SAVk. 12, 151. 39 ) Urquell 2, 56.
40 ) Höfler Waldkult 121. 41 ) Brauner
Thesaur. Sanitalis 1728, 3, 23. 42 ) Kummer
Volkst. Pflanzennamen usw. aus d. Kt. Schaff¬
hausen 1928, 78. 43 ) Wartmann St. Gallen 62,
ebenso in England: FL. 22, 304.
5. Blühen die Sch.n reichlich, so gibt
es wenige J ungf rauen 44 ), viele Schwan¬
gere 45 ), viele uneheliche Geburten 46 ).
Das starke Blühen gilt offenbar als ein
Fruchtbarkeitssymbol: wenn es viele
Blüten gibt, gibt es auch viele Früchte,
s. Hasel.
44 ) Leoprechting Lechrain 179 = Wuttke
207 § 286. 45 ) Fischer SchwäbWb. 5, 918.
4ß ) Rothenburg o. T.: Bayerland 24 (1912/13),
218.
6. Im landwirtschaftlichen Aber¬
glauben spielt das Blühen und Fruchten
der Sch. eine große Rolle. Je früher die
Sch.n blühen, desto früher ist auch die
Getreideernte 47 ). So viele Tage vor Ge-
orgi 48 ) oder Walburgi 49 ) die Sch. blüht, so
viele Tage vor Jakobi beginnt die Ernte.
Wenn es viele Sch.n gibt 50 ), dann gibt
es einen strengen Winter 51 ), vgl.
Eberesche (2, 527).
47 ) Bartsch Mecklenburg 2, 194; Peuckert
Schles. Vk. 1928, 114; 45. Jahresber. d. west-
fäl. Prov.-Ver. f. Wissensch. u. Kunst 1917,
57; vgl. auch Weinkopf Naturgeschichte 60.
48 ) Fischer SchwäbWb. 2, 281. 828; Reiser
Allgäu 2, 133; Birlinger Aus Schwaben 1, 384:
Marzell Bayer. Volksbot. 127. 49 ) Marzell
aaO.; Köhler Voigtland 339; John West¬
böhmen 377. 50 ) Marzell Bayer. Volksbot. 132;
Fischer SchwäbWb. 5, 918; auch in Frankreich:
Rolland Flore pop. 5, 405. 51 ) Vgl. auch
Wein köpf Naturgeschichte 150.
7. Wenn man einem einen Possen
spielen will, damit er nichts mehr treffen
kann, so nimmt man dessen Büchse,
schießt durch einen Hollerbaum und
schlägt das Loch mit einem Sch.dom¬
zapfen zu 52 ). Nach einem alten Schaden¬
zauber macht der Zauberer das Bild des
zu Schädigenden in Wachs nach, und
durchsticht es mit einem Sch.dorn (oder
einem zugespitzten Eichenhölzchen) und
vergräbt das Wachsbild unter der
Schwelle, über die der Mensch, den das
Bild vorstellt, tritt. Dabei fühlt dann
dieser einen ungeheuren Schmerz 53 ). Der
englische Glaube, daß die ins Haus ge¬
brachten (ersten) Sch.nblüten Unglück
bringen 54 ), scheint bei uns nicht vorzu¬
kommen, vgl. Frühlingsblumen (3, 160).
62 ) Aus einem alten Brauchbüchlein: Pfälz.
Geschichtsbl. 4 (1908), 30. 53 ) Carrichter
Ratio Medendi etc. 1551 in Merklin Tract.
phys.-med. de incantam. 1715, 210= Fromann
De fascinatione 718. 54 ) Friend Flowers 541;
Bartels Pflanzen n. Marzell.
Schleiche s. Blindschleiche.
Schleie oder Schleihe (tinca). Nach
Albertinus x ) u. A. ernährt sich die
Sch. von Schlamm und Kot, welche An¬
sicht wohl auf die schleimige Haut des
Fisches zurückzuführen ist, die ihm auch
den deutschen Namen gegeben hat 2 ).
Albertinus überliefert auch, daß sie
sich mit der Kröte vermische, während
Megenberg (S. 342) ausdrücklich sagt:
„ein slei laicht (hier i. S. v. „begattet
sich“) mit ainem sleien“. Nach C. Gesner
hat die Sch. einen Stein im Kopf 3 ).
1 ) Albertinus Welt Tummelpl. 603; vgl.
DWb. 9, 576 (nach Döbel Jägerpractica 1746).
2 ) Kluge Etym. Wb.; Mangolt Fischbuch
(1557) 140. 3 ) Fischbuch 167 b.
2. Volksmedizinisch wird die Sch.
gegen Fieber, Gelbsucht und Bauch¬
geschwulst angewendet, indem sie le¬
bend auf den Puls, die Fußsohle, den
Rücken, die Brust, den Nabel usw., ge¬
bunden wird (s. Fisch 4), pulverisiert
gegen Feigenwarzen und aufbrechende
Blattern 4 ), ihre Galle gegen Ohrbe¬
schwerden 5 ). Nach Hohbergs „Ge-
orgica“ jedoch (1682) ist „der Schley
ein Fisch, daran man leicht ein Fieber
erwerben kann“, wohl wegen seiner
Schwerverdaulichkeit 6 ).
4 ) Fischbuch 167 b. 5 ) Jühling 29 (16./17.
Jh.). 30. 31; Hovorka-Kronfeld 2, 108. 113.
327. 418; Lammert 249. 264; ZföVk. 6, 112
(Egerland); Seyfarth Sachsen 191; Schön-
werth 3, 254; Gesner Fischbuch 168; Buck
Volksglauben 53; Schramek Böhmerwaldbauer
261. 284; Grohmann Abergl. 230; Staricius
Heldenschatz 554 f.; Schulenburg 100;
Schmidt Mieser Kräuterb. 58; Huß Abergl. 4;
Fossel Steierm. 84.120. 6 ) Höfler Organotherap
1207
Schleier
1208
227 (1685); DWb 9, 576; vgl. auch C. Ges ne r
a. a. O.
3. Nach der Sage soll die Sch. eine
verwunschene Prinzessin sein 7 ).
7 ) Kuhn Westfalen 2, 81.
Hoffmann-Krayer.
Schleier.
1. Der Sch. als Teil der weiblichen
Tracht x ) ist nicht allein als reines Schmuck¬
stück anzusehen, sondern seit je mit dem
Aberglauben, bei einzelnen Völkern auch
mit religiösen Vorschriften verknüpft.
In erster Reihe bezweckt der Sch. die
Verhüllung des Kopfes (s. d.), der am
meisten bösen Einflüssen ausgesetzt ist,
von dem aber auch am leichtesten ein
böser Zauber ausgehen kann (s. Auge,
Blick, Haar), somit also den Schutz der
eigenen Person, aber auch der Umgebung,
was bei weiblichen Personen namentlich
während der Pubertätszeit der Mädchen,
während welcher diese bei manchen Völ¬
kern mit einem Sch. oder sonstwie ver- |
hüllt sein müssen 2 ), dann während der j
Menstruation, noch mehr aber im Zu- j
Stande der Braut und endlich bei dem !
t
Tod des Mannes oder eines Angehörigen i
wichtig ist 3 ). Im deutschen Volksbrauch |
haben wir es nur mit den zwei letzten
Fällen zu tun, mit dem Brautschleier |
und Trauerschleier, wobei auch die |
Farbe des Sch.s bedeutsam ist, wie über¬
haupt beim Kleid (s. d.).
Im Altertum war der das Auge be¬
deckende und so auch die in der Erotik
so wichtige Blindheit sinnbildlich aus¬
drückende Sch. der Schmuck hetäri-
scher Frauen 4 ), wobei nicht allein
dort, wo der Sch. aus dünnem, durch¬
sichtigem Flor hergestellt war 5 ), sondern
durch die Verhüllung an sich schon ein
starker erotischer Reiz wirksam war.
Wie Astarte, so waren auch Helena,
Dido, Leda 6 ), ferner Selene, Hekate u. a.
mit dem Sch. geschmückt. Doch braucht
man deshalb nicht überall eine Mond¬
göttin zu erblicken und anzunehmen,
daß diese (in der Konjunktion) als ver¬
schleierte Braut in das Haus des (Sonnen-)
Bräutigams kommt 7 ). Im eleusinischen
Ritus wurde Demeter als Herrin des j
glänzenden Sch.s gefeiert. Auch an die i
verschleierte Istar von Ras-el'-ain und
an die Überlieferung von der verschleierten
Göttin von Sais ist zu verweisen 8 ). Nach
1. Mos. 28, 15 (Juda sah Thamar und hielt
sie für eine Hure, denn sie hatte ihr Ant¬
litz bedeckt) war der hetärische Sch.
auch bei den alten Juden eingeführt.
Bei diesen verstanden es aber auch
Zauberinnen netzartige Sch. zu ver¬
fertigen, mittels deren man seinem Gegner
den Tod zufügen und sich selbst vor feind¬
lichem Zauber schützen konnte 9 ). Es
erscheint also der Sch. auch als ein ver¬
derbendes Schicksalstuch in Beziehung
zu den unterirdischen Mächten und dem
Tode 10 ), etwa als Todesnetz, dem
niemand entrinnen kann.
Schon bei einzelnen der eben erwähnten
antiken Göttinnen kommt mit dem Sch.
auch das Motiv der Reinheit, Unbe¬
rührtheit und Jungfräulichkeit in
Betracht n ), das oft in dichterischen
Bildern und Umschreibungen begegnet 12 ).
Die Römer gestatteten nur den Jung¬
frauen und nicht den Witwen sich zu
verschleiern. Auf der Synode zu Rouen
wurde bestimmt, daß Witwen überhaupt
nicht, Jungfrauen aber nur vom Bischof,
nicht vom Priester den Sch. erhalten
durften. Doch scheint das Verbot des
Sch.s für Witwen erst im 9. Jh. völlige
Geltung gefunden zu haben 13 ). Die
Kirche betonte schon früh, daß der Sch.,
an dessen Stelle später meist der Jungfern¬
kranz trat, das Sinnbild der Verhüllung,
der Zucht und Schamhaftigkeit sei
und darum nur gottgeweihten Jungfrauen
und der schamhaften Braut gegeben
werde, der letztem, um sie, wie Ambrosius
(De Abraham. 1, 9) sagt, an die eheliche
Schamhaftigkeit zu erinnern 14 ). Und
Tertullian meint: Die Jungfräulichkeit
nimmt ihre Zuflucht zu einem Sch. wie
zu einem Helm oder Schild, um sich vor
dem Gift zu schützen, das ihr durch den
Blick mitgeteilt werden kann 15 ).
Mit dem Sch. als solchem hat die Vor¬
schrift aus der spätkarolingischen Zeit
nichts zu tun, daß Frauen beim Kirchen¬
besuch den Kopf mit einem Sch.tuch
verhüllen mußten, weil durch ihre Schuld
die Sünde in die Welt gekommen sei 16 ).
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1209 Schleier 1210
Denn sie konnten dazu auch den hoch¬
gezogenen Mantel (s. d.) benutzen. Im
übrigen war der Sch. bis zum 13. Jh.
mehr eine Art Kopftuch als ein florartiges
Gewebe. Erst dann wurde unter dem
Namen ,,Rise“ (diu rise) eine besondere
Form des Sch.tuches aus dünnem Stoff
behebt und im Zusammenhang mit der
Sitte des aufgebundenen Haares immer
mehr zur Tracht der verheirateten
Frauen, während die ledigen Mädchen
loses Haar und Schapel trugen. Als da¬
mals die gelbe, jüdische Farbe beim Sch.
Mode wurde, wandte sich Berthold von
Regensburg mit den Worten dagegen,
daß man diese gelben Sch. und Gebende
(Kinntuch) den Jüdinnen, Pfaffendirnen
und öffentlichen Weibern überlassen
solle 17 ). Im gleichen Sinne predigte
Geiler von Kaisersberg 18 ). Nicht selten
erließ man eigene Verordnungen, um ehr¬
bare Frauen von den übrigen zu unter¬
scheiden. So verfügte der Rat von Stetten
im Jahre 1440, daß die nicht in offenen
Frauenhäusern wohnenden heimlichen
Frauen, die Straßendirnen, an ihren Sch.n
einen zwei Finger breiten, grünen Streifen
tragen mußten 19 ). Mitunter wurde ge¬
meinen Dirnen und fahrenden Fräulein
das Tragen von Sch.n überhaupt ver¬
boten 20 ). Andrerseits ist aber aus dem
15. und 16. Jh. zuweilen der Brauch über¬
liefert, daß der Rat einer Stadt den zu
Fall gekommenen Mädchen einen Sch.
schickte 21 ), worin wohl weniger das Motiv
des Schutzes vor den Einwirkungen ge¬
schlechtlicher Unreinheit als vielmehr
eine Mahnung zur Sittsamkeit, verbunden
mit einer öffentlichen Rüge, zu er¬
blicken ist.
Das Gebot der strengen Verschleierung
bei den mohammedanischen Frauen, ge¬
regelt durch Sure 24, 31, soll durch die
Eifersucht Mohammeds veranlaßt worden
sein 22 ). Als nach dem Weltkrieg Kemal
Pascha aus Gründen der Gesundheit,
Sittlichkeit und öffentlichen Sicherheit
das Tragen des Sch.s in der Türkei verbot,
zeigte sich ein starker Widerstand, nament¬
lich bei der Landbevölkerung, wo man
im Sch., den Religion, Tradition und
Aberglaube (s. böser Blick) geheiligt
hatten, das Sinnbild der Treue und Sitt¬
samkeit sah und Frauen, welche den Sch.
abgelegt hatten, als schamlose, entartete
Geschöpfe betrachtete 2S ).
*) DWb. 9, 576 ff.; F. Hottenroth Hand¬
buck der deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 978;
Weinhold Frauen 2 (1882) 2, 3230.; Hjalmar
Falk Altwestnordische Kleiderkunde Viden-
skapsselskapets Skrifter II. Hist.-filos. KI. 1918
Nr. 3 (Kristiania 1919) 102 ff. 2 ) Vgl. Frazer
10, 45 ff. 55. 90 ff. 3 ) Vgl. Pehr Lugn Die
magische Bedeutung der weiblichen Kopfbe¬
deckung im schwedischen Volksglauben, M. d.
AnthrGes. Wien 50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920),
106 3 . 4 ) Storfer Jung fr .-Mutterschaft 53.
6 ) Ebd. 57 f. 6 ) Ebd. 53. 7 ) Siecke Götter¬
attribute 255 f., vgl. 187. 8 ) Eisler Welten¬
mantel 74 3 . e ) Scheftelowitz Schlingenmotiu
16. lö ) Bachofen Gräbersymbolik 71. 309. 312.
11 ) Vgl. Storfer aaO. 56. l2 } Besonders
Schiller „Die Braut von Messina" II, 1 (Den
Sch. zerriß ich jungfräulicher Zucht) und „Die*
Glocke". l3 ) Hefele Conc.gesch. 3, 97 Nr. 9.
14 ) Falk Ehe 8. 15 ) Seligmann Blick 2, 224.
36 ) Hottenroth aaO. 106. 17 ) Ebd. 221.
18 ) Ebd. 378. 19 ) Birlinger Schwaben 2, 456 t.
20 ) Falk Ehe 9. 21 ) Grimm RA. 2, 303!.;
Weinhold aaO. 2, 327 f. 22 ) Jeremias
Religgesch. 103 2 . 23 ) Vgl. Bohemia (Prag) vom
28. Jänner 1927.
2. Neben dem Trauerschleier, der
bei den Frauen in der Schwalm noch
heute von blauer Farbe ist 24 ), kommt
besondere Bedeutung dem Brautschleier
zu, der allerdings bei der deutschen Land¬
bevölkerung viel weniger im Gebrauch
ist als in den Städten.
Schon die Ausdrücke vtSu^rj für Braut
und nubere = verhüllen, heiraten (vgl.
nubes = Wolke, Hülle, Sch.) beweisen,
welche Wichtigkeit man dem Verhüllen
der Braut bei den Griechen und Römern
beilegte 25 ). Die römische Braut setzte
sich verschleiert auf das Glied des ithy-
phallischen Mutunus 26 ) und wurde mit
einem roten Kopftuch verhüllt, dem
flammeum, das auch zur Amtstracht der
flaminica gehörte 27 ) und beim Opfern
getragen wurde 28 ). Ein roter Sch. ist
gegenwärtig noch üblich bei den Albanern,
Neugriechen, Armeniern, Indem und Chi¬
nesen. Zuweilen tritt an seine Stelle ein
rotes Tuch, Halsband oder rote Fäden 29 ).
Einen roten Sch. tragen die Bräute bei
den Krimtartaren und die Frauen in Syrien
und Ägypten 30 ). Mit einem Sch. ohne,
nähere Angabe der Farbe wird ferner
*
12 I I
Schleier
1212
die Braut bei den Persern, Esten 31 ) und
Russen, bei welchen mitunter über die
Braut, wenn sie das Hochzeitskleid an¬
gelegt hat, ein Fischnetz geworfen wird,
und endlich bei den polnischen Juden
verhüllt. Nach dem Talmud trugen bei
den Juden aber bloß die jungfräulichen
Bräute einen Sch. 32 ). In Mauretanien
trägt auch der Bräutigam das Gesicht
mit einem Sch. bedeckt, ebenso der Ver¬
lobte bei den Djats von Bhartpur in
Indien und im Pandschab junge Leute
überhaupt, was schon von den arabischen
Jünglingen vor der Einführung des Islam
berichtet wird 33 ).
Während hier überall der Sch. als
Schutz- und Abwehrmittel erscheint, ist
der durchwegs weiße Brautschleier auf
deutschem Boden das Sinnbild der Rein¬
heit und Jungfräulichkeit. Diesen Ge¬
danken hat seit je auch die Kirche betont.
In ältester Zeit kam die Braut schon ver¬
schleiert zum Altäre, vom 4. Jh. an emp¬
fing sie den Sch. während der Trauung
aus den Händen des Priesters, weshalb
die Einsegnung geradezu velatio nuptialis
= hochzeitliche Verschleierung genannt
wurde 34 ). An den Brautschleier knüpft
sich in Rochlitz (Ostböhmen) der Glaube,
daß die Braut die Herrschaft in der
Ehe erhält, wenn sie während der Trau¬
ung ihren Sch. über die Füße des Bräuti¬
gams legt 35 ). Der Sch., der so in der
Kirche seine Weihung erfahren hat, ist
heilkräftig. Im Erzgebirge gibt die
Mutter, wenn ein Kind an Krämpfen
leidet ihren Brautschleier auf dessen
Bett 36 ). In Steiermark hilft gegen Kopf¬
weh der Männer das Umwickeln ihres
Hauptes mit einem weiblichen Sch. 37 ).
Eine Wortanalogie liegt bei dem Glauben
vor, daß bald ein RißindieEhe kommt,
wenn die Braut ihren Sch. zerreißt 38 ),
oder es Unglück in der Ehe bedeutet,
wenn der Sch. reißt, herunterfällt oder
sonst etwas am Hochzeitskleid nicht in
Ordnung ist 39 ).
Die Entschleierung, das Zerreißen
des Brautschleiers, ist ein sinnbildlicher
Akt für das Zerreißen des Hymens und
das Ende des jungfräulichen Standes.
Im Ravensbergischen wird der Sch. der
Braut nach dem Abtanzen des Kranzes
und nach der Haubung zerrissen, wobei
jeder Anwesende ein Stück zu erhaschen
sucht 40 ), was auch in Preußen und selbst
in Berlin Sitte ist. Wenn die Stücke an
die anwesenden Mädchen verteilt werden,
glaubt man, daß diese bald heiraten
werden 41 ). Im Egerland heißt es allge¬
mein, daß ein Stück von einem solchen
Sch. Glück bringt 42 ). In Rußland wird
der Sch. zerrissen, wenn die Haubung
in der Kirche stattfindet 43 ). Bei den
Bulgaren erfolgt die Entschleierung der
Braut in feierlicher Weise. Dabei wirft
man in manchen Orten den Sch. auf den
Apfelbaum, unter dem die Entschleierung
stattfindet 44 ). Bei verschiedenen moham¬
medanischen Völkern wird die Braut
gewaltsam entschleiert. Bei den Esten
nimmt der Brautvater mit seinem Degen
der Braut den Sch. ab, auf der Insel ösel
löst ihr der Vater des Bräutigams den
Sch. 45 ).
Ein Brautschleier höherer Art ist der
Sch. der gottgeweihten Jungfrau, der
Nonne, die damit die Vermählung mit
dem himmlischen Bräutigam feiert 46 ).
In den ersten christlichen Jahrhunderten
unterschied sich der Sch. der gottge¬
weihten Jungfrau nicht von dem der ver¬
heirateten Frau, womit also betont wurde,
daß .sie nicht mehr dem Mädchenstande
angehörte 47 ). Auch der Jungfrau
Maria kommt der Sch. zu. Einen Sch.
Mariens zeigte man in Chartres 48 ). Doch
ist hier auch ein Zusammenhang mit
antiken Gottheiten festzustellen. Dies
beweist besonders das Büd der Madonna
auf dem Monte S. Giuliano in Sizilien,
dem alten Eryx, der Kultstätte der puni-
schen Venus Erycina. Das Bild ist das
ganze Jahr über mit sieben Sch.n ver¬
hüllt, die nur am 15. August zu Maria
Himmelfahrt, also in dem Monat, wo die
Sonne in das Sternbild der Jungfrau tritt,
bei einem großen Prozessionsfest feierlich
weggenommen werden 49 ). Auf Sizilien
ist auch die Sage von der hl. Agatha da¬
heim, die, um einer verhaßten Heirat zu
entgehen, wie einst Penelope, stets das
vollendete Stück des Brautschleiers wieder
auf trennte 50 ).
213
Schleier
1214
24 ) Heckscher 491. 25 ) Falk Ehe 8.
26 ) Storfer Jung fr.-Mutter Schaft 54 f. 27 ) Sam-
ter Familienfeste 47. 2S ) Vgl. Pley de lanae usu
43 fi. 2# ) Samt er Familienfeste 48 ff. 30 ) Selig¬
mann Blick 2, 252. 254. 257. 31 ) Ebd. 2, 224.
32 ) Scheftelowitz Schlingenmotiv 55. 61.
33 ) Ebd. 55 f. 7 = Seligmann Blick 2, 224.
34 ) Falk Ehe 8. 36 ) W. Oehl Hochzeitsbräuche
(1922), 105. 36 ) John Erzgebirge 53 f. — Sey-
farth Sachsen 274. 37 ) Hovorka u. Kron-
feld 2, 192. 38 ) ZfrwVk. 1908, 118. 39 ) SAVk.
12 (1908), 214 (Schaffhausen). 40 ) Hesemann
Ravensberg 74. Nach Knoop Hinterpommern
161 Nr. 59 hat die Braut Unglück in der Ehe,
wenn der Sch. nicht bald nach der Trauung
zerrissen wird. 41 ) Storfer a. a. O. 50 l .
42 ) Egerl. 20 (1916), 6. 43 ) Heckscher 420.
44 ) Krauß Sitte u. Brauch 450 f. 45 ) Storfer
a. a. O. 55 1 . 46 ) Ebd. 54. 47 ) Ebd. 46. 48 ) Eis¬
ler Weltenmantel 185 3 . 49 ) Ebd. 86 3 . 50 ) Ebd.
132 f. 138. 144.
3. Schon früh wurde der Sternenhimmel
mit einem Sch. der unsichtbar über dem
Irdischen schwebenden Gottheit ver¬
glichen und so der Sch. zu einem Seiten¬
stück des Mantels (s. d.) als kosmischen
Weltenmantels 51 ). Vom Mantel hat der
Sch. mitunter auch die Bedeutung als
Schutzmittel und Schutzzeichen
übernommen, womit sich allerdings auch
andere Momente vermischen. Dem xpij-
Ssfiov, das Aphrodite der Andromache
schenkt, entspricht der Sch., der den
Odysseus vor den Unbilden des Meeres
schützt ö2 ). Auf ihrem ausgespannten
Sch. vermögen weibliche Heilige nach
französischer Überlieferung Gewässer zu
übersetzen 53 ) (s. Mantel). Kriemhild
bedeckt im Rosengarten schützend Sieg¬
fried mit ihrem Sch., als er von Dietrich
besiegt wird 54 ).
Keinerlei Herrschaftszeichen liegt vor,
wenn die Herrscher von Naturvölkern
sich des Sch.s bedienen 55 ). Dies geschieht
zum Schutz gegen den bösen Blick und
zur Abwehr aller bösen Einflüsse wie
beim Braut- und Trauerschleier. Aus
diesem Grunde legt die Hebamme im
Peloponnes auf das Gesicht des neu¬
geborenen Kindes einen Sch. 56 ) und
breitet der Malaie über den Kopf der
Wöchnerin ein Netz 57 ), wobei vielleicht
auch die Vorstellung mit spielt, daß die
Dämonen durch die Maschen des Netzes
gefesselt werden.
5l ) Eisler Weltenmantel 51. 87. 90. 52 ) Gün¬
ter! Kalypso 191. 53 ) Sebillot Folk-Lore 2, 28.
54 ) Grimm RA. 1, 220. 55 ) Vgl. Frazer 3,
120 ff. 56 ) Seligmann Blick 2, 224. 57 ) Schef¬
telowitz Schlingenmotiv 61.
4. In der Sage erscheint der Sch. zu¬
nächst als Sinnbild der Wolke und des
Nebels. Frau Holle, die Wolkenfrau,
wäscht oft ihren weißen Sch., der am
Sonntag (s. d.) trocken sein muß, wie
man im Harz sagt, um zu begründen,
daß am Freitag (s. d.) oder Samstag (s. d.)
die Sonne scheinen muß 58 ). An ihre
Stelle trat oft die Jungfrau Maria, die
ebenfalls am Samstag ihren Sch. bleicht 59 )
oder trocknet 60 ), was zuweilen auch auf
den Sonntag übertragen wurde 61 ). Wie
den weiblichen Regengeistem 62 ), kommt
der Sch. auch den Nebel- und Irrgeistem
zu. Einen Sch. hält z. B. die Nebelfrau
den Leuten vor, um sie vom Wege abzu¬
bringen, was mitunter auch ein Zwerg
mit seiner Mütze tut, die er den Wande¬
rern vor die Augen hält 63 ). Einen weißen
Sch. besitzt auch die Mahr, wenn sie in
menschlicher Gestalt als schönes Mädchen
auf tritt 64 ).
Andrerseits kommt in mehr geschicht¬
lichen Sagen die Tatsache zum Aus¬
druck, daß vorwiegend Frauen aus höheren
Gesellschaftsschichten Sch. trugen. Einen
langen, wallenden Sch. hat die weiße
Frau der Rosenberge von ihrer Haube
herabhängen. Ist der Sch. schwarz, so
steht dem Hause ein Unglück bevor 65 ).
Einen schwarzen Sch. trägt die sonst
weiß gekleidete, „kehrende“ Schloßfrau
von Schüttenhofen 66 ), ein grauer Sch.
verhüllte Gesicht und Haar der weißen
Frau, die Eichendorff sah 67 ), verschleiert
ist ferner auch der Geist der Jakobe von
Baden 68 ). Auch sonst tragen geisternde
Schloßfrauen meist weiße Sch. 69 ) oder
sie waschen diese 70 ), worin sich der Zu¬
sammenhang dieser Wesen mit den er¬
wähnten Gestalten der Natursage äußert.
Ähnlich dem Handschuh (s. d.) bildet
der vom Winde entführte Sch. einer hoch¬
stehenden Frau oft den Mittelpunkt von
Gründungssagen, so der vom Stift
Klosterneuburg, Kloster Frauenroth
u. a. 71 ). Drei Sch. ließ der Sage nach
1215
schließen—Schloß
1216
Kaiserin Kunigunde im Winde fliegen
und gelobte dort, wo sie liegen blieben,
je eine Kapelle zu stiften 72 ).
An Stelle anderer Kleidungsstücke oder
Tuchfetzen tritt der Sch. auch in einzelnen
Nachzehrersagen 73 ). So lange diese
unheimlichen Toten an einem Sch. oder
Tuch zehren, dauert das Sterben. Als
man die 1345 in Lewin verstorbene Hexe
wieder ausgrub, hatte sie die Hälfte ihres
Sch.s schmatzend in sich gefressen 74 ).
58 ) Mannhardt Germ. Mythen 260; Zaunert
A atursagen 1, 101. 59 ) John Erzgebirge 250.
60 ) Drechsler 2, 188. 6l ) Wuttke 59 § 66.
62 ) Vgl. Meyer Religgesch. 100. 63 ) Jungbauer
Böhmerwald 73. 64 ) Vgl. Kuhn Herabkunft d.
Feuers 91; Quensel Thüringen 264. 65 ) Jung¬
bauer Böhmerwald 138. 141. 66 ) Ebd. 144.
67 ) Peuckert Schlesien 125. 68 ) Schell Ber -
gische Sagen 110 Nr. 62. €9 ) Vgl. Kapff Schwa¬
ben 54. 67. 86; Zaunert Rheinland 1, 231.
70 ) Wucke Werra 158 Nr. 273. 7l ) DG. 22
(1921), 6f. 72 ) Kapff Schwaben 40. 73 ) Quen¬
sel Thüringen 139. 74 ) Sieber Sachsen 282.
Jungbauer.
schließen s. Schloß.
Schlinge (s. Knoten). Statt des fest¬
gezogenen Knotens genügt in der Phan¬
tasie des Volkes die Schl., um dieselbe
bindende Wirkung auszuüben. Scheftelo-
witz hat das Material dafür mit bemerkens¬
werter Vollständigkeit gesammelt x ).
Statt der wirklichen Sch. tritt oft das
ornamentale Sch.motiv ein, wie überhaupt
in prähistorischer Ornamentik eine Menge
Magie steckt, die nicht immer leicht zu
erkennen ist. Das bekannteste Sch.motiv
ist das Unendlichkeitszeichen 00.
*) Schlingenmotiv. Aly.
Schloß.
1. Das nüchterne Erfordernis, Haus
und Hof und Kasten und Schrank durch
ein Schl, vor dem Eindringen oder dem
Zugriff Fremder zu schützen, wird in den
Bereich des Volksglaubens gerückt, wenn
in besonderen Fällen, so vor allem zum
Schutz gegen die Geisterwelt, das ge¬
wöhnliche Schl, und der rein technische
Vorgang des Schließens als unzureichend
angesehen und besondere Schlie߬
maßnahmen gefordert werden. So
gibt es nach pommerschem Glauben
,,Kreuzschlösser“, mit denen man un¬
lösbar fesseln kann *). Vielleicht hat es
mit ihnen eine ähnliche Bewandtnis wie
mit dem Graubündener „Marrschloß“,
das von einer Hexe nicht geöffnet wer¬
den kann, weil es der Bauer in den drei
höchsten Namen an die Stalltür gehängt
hat 2 ). Sonst wird beispielsweise ver¬
langt, daß bei besonderen Gelegenheiten
das Türschi, noch zusätzlich mit einem
blauen Schürzenbande zugebunden sein
muß oder die Schlüssellöcher zu ver¬
stopfen sind 3 ).
*) Knoop Hinterpommern 130. 2 ) Jecklin
Volkstüml. 66 f. 3 ) Belege bei Samter Ge¬
burt 26.
2. Um so anreizender wird das Verlan¬
gen, aus eigener Kraft oder im Bunde
mit übernatürlichen Mächten Schlösser
ohne Schlüssel zu öffnen.
Min geselle Wolvesdriizzel
üf tuot er ane slüzzel
alliu slöz und isenhalt:
in einem jär han ich gezalt
hundert isenhalte groz,
daz ie daz sloz dannen schoz,
als er von verre gie dar zuo,
heißt es schon im ,,Meier Helmbrecht" 4 ),
eine Fähigkeit, die dann bei Vintler 5 )
in dem kurzen Satz verzeichnet wird:
So findt man etlich leut, die geend
Des nachtes durch verschloßne thür.
In einem obersteirischen Hexenprozeß
von 1602 bekundet die Angeklagte, daß
sie durch Verzehren eines ihr vom Teufel
gereichten, in Brot gebackenen Zettels
die Gabe erlangte, jedes Schl, durch
bloßes Berühren zu öffnen 6 ), und von dem
oldenburgischen Wiedergänger Sprengepyl
wird berichtet, daß überall die Schlösser
aufspringen, wo er vorbeigeht 7 ). Meistens
ist allerdings eine besondere Anstrengung
vonnöten: Das Schl, wird aufgeblasen.
Das tut z.B.in einer Tiroler Erzählung auf
den Herbeiruf durch eine Hexe der Teufel
selbst, weil diese ,,in der Satansschule zu
kurze Zeit gelernt hatte“ 8 ). Der Lipp'ntonI
hingegen, ein Schwarzkünstler in Wälsch-
noven, konnte das aus eigener Kraft,
ebenso wie ein anderer am Böhmerwalde 9 ),
und vor dem Räuberhauptmann ,,Hoich
Hans“ waren nicht einmal die Schlösser
an und in der Kirche sicher 10 ). Nach
wendischem Volksglauben soll dabei durch
einen Strohhalm geblasen n ), im Ober-
fl
V
.1
k
1217 Schloß I2IÖ
österreichischen mußte ein Spruch her¬
gesagt werden 12 ). Dörrpulver der ver¬
schiedensten Art (vgl. unten) 34__:36 ) muß
man dazu verwenden, und eine Ein¬
zelvorschrift verzeichnet das ,,Inventar“
eines Zauberbuches von 1595: ,,Wan
einer ein naterzung nimbt und last zehen
messen darüber lesen und nimbts her¬
nach in den mund und blost sie in das
schloß, so geet es auff“ 13 ).
Der Räuber Glyda im Lande Kuja-
wien war ein Meister im öffnen von
Schlössern, und zwar führte er bei seinen
Einbrüchen drei Dinge mit sich: das
Kräutlein der Schildkröte, daß er sich
in die Hand hatte ein wachsen lassen, die 1
in der Johannisnacht gepflückte Blüte des j
Farnkrautes und eine Diebskerze 14 ). ;
Die schon im Altertum bekannte 15 )
Vorstellung von schlössersprengenden
Pflanzen ist im deutschen Volksglauben
in verschiedenen Spielarten verbreitet.
Ein Kraut mit dieser Fähigkeit kennt die
isländische Überlieferung 16 ). Simplizis-
simus wendet sich gegen die Auffassung, j
,,daß ein gewächs sei, so die krafft habe, j
ein schl. mit stählinen federn ... auffzu-
sprengen“ 17 ). Daß es Eisenkraut sei,
glaubt man vorwiegend in slavischen Ge¬
bieten 18 ), und in Gestalt einer gelben oder
weißen Schatzblume 39 ) oder der blauen
Schlüsselblume 15 ) tritt eine solche
Pflanze in der deutschen Volkssage auf.
Meistens ist das Kraut von Menschenhand
nicht zu finden; man muß eine List an¬
wenden, um es zu bekommen. So ge¬
wann man das Schildkrötenkräutlein 14 ),
indem man eine der früher um Strelno
lebenden Schildkröten durch Pfähle von
ihrem Nest absperrte; sie lief dann ei¬
lends fort und brachte ein Kräutlein im
Maule herbei, mit dem sie die Pfähle
in die Luft sprengte, der Finder aber alle
Schlösser aufschließen konnte 20 ). In
der oberösterreichischen Überlieferung
tritt an die Stelle des Schildkrötennestes
das Adlernest, und damit haben wir den
sachlichen, wie im siebenbürgischen
Springkraut oder -gras 21 ) den sprach¬
lichen Übergang zu dem bekannten
Springwurzelmotiv. Die Angabe eines
Arzneibuches aus dem deutsch-fran- s
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
zösischen Grenzgebiet 22 ) wird in einer
Wolfsthurner Handschrift aus dem glei¬
chen 15. Jh. näher ausgeführt: ,,Wiltu
slos auf tun ane Schlüssel, so ge, wo du
ains grunspechten oder pamhackl [Baum¬
hacker] nest vindest vnd nym ain guten
keil vnd verschlach daz nest, so pringet
der vogel ain wurcz vnd halt die an den
keil vnd so velt der keil aus dem loch, so
lat der vogel die wurcz vallen, so schaw,
daz du vnder dem pawm schon gekert
habst oder etwas sawbers dar vnder
gepraitt, da die wurcz auf vall, vnd so
du sy dan vindest, an welhes slos du sy
habst, daz get gegen dir auf (es ist herba
meropis oder boumheckelkrüt)“ 23 ). An
die Stelle des Grünspechtes treten ge¬
legentlich Elster und Wiedehopf 24 ) oder
der schwarze Star 25 ); auch mit Fröschen
läßt sie sich gewinnen 26 ), und bei näherer
Bestimmung wird im besonderen der
Wegwartenwurzel die Fähigkeit zuge¬
sprochen 27 ), Schlösser aufzusprengen.
Eine Spielform des Springwurzelmotivs
ist die entsprechende Gewinnung und
Verwendung des Rabensteins (s. d.) 28 );
dafür an dieser Stelle nur ein Beleg aus
dem 15. Jh. 29 ): ,,Ge zu einem rapen
nescht, nim im die eyer ab, sud si hert,
leg si dan wider in das nest, so kumpt
der rapt und pringt ein stein, da mit mach
er die ayer wider frisch und fruchtbar,
so bereit ein linlachen, spreit es under den
bäum, wen er das kraut oder stein fallen
lat, das er darauff fall, nim den stein
in ein ring, leg under in ein lorper plat;
wan du den mit dem stain ain schlos
an rierst, das get auff, sic poteris capti-
vum liberare“. Vereinzelt 30 ) wird er¬
zählt, daß der Wiedehopf in seinem Nest
einen Stein mit gleicher Kraft haben
soll.
Als drittes Mittel führte jener Räuber in
Kujawien eine Diebskerze (oben 2,23off.)
mit sich. Daß diese Schlösser und Türen
öffnen kann, ist häufig bezeugt 31 ), und
zwar werden Händchen oder Finger un-
getaufter Kinder verlangt 32 ) oder die
Hand eines Fünfjährigen 33 ) oder aber
beim Schloßaufblasen das Pulver aus
den gedörrten Gliedern der ungeborenen
Leibesfrucht 34 ), dem damit dieselbe Kraft
39
1219
Schloß
1220
zugeschrieben wird, wie den pulveri¬
sierten Überresten von Laubfrosch 35 )
und grüner Eidechse 36 ).
Ferner werden für den gleichen Zweck
ganz vereinzelt noch Laurentius¬
kohle 37 ) und Hahnfeder 38 ) empfohlen,
und ein christlich verbrämter Zauber¬
spruch aus dem 15. Jh. beschließt den
Reigen: ,,Atollite portas, principes ve-
stras vnd III pater noster, vnd van du
kunnst, der antiffen [Antiphon] Cum
rex glorie huncz an die wort de klau-
stris“ 39 ).
4 ) Grimm Myth. 2, 1028. 5 ) ZfVk. 23, 17.
6 ) Ebd. 7, 190. 7 ) Strackerjan 1, 231; 2, 223.
8 ) Heyl Tirol 308. 9 ) Ebd. 424; Schönwerth
Oberpfalz 3, 55 f. Heyl Tirol 108. u) Schu¬
lenburg Wend. Volksthum 125. 12 ) Baum¬
garten Jahr u. s. Tage 6; Aus der Heimat 2,
89. X3 )Byloff Volkskundliches aus Strafprozessen.
Berlin 1929, 17. 14 ) Szulczewski Allerhand
fahrendes Volk in Kujawien. Lissa 1906, 31 f.
15 ) Vgl. Kohlrusch Sagen 274 f. 16 ) ZfVk. 13,
268. 17 ) DWb. 9, 768. 18 ) Vgl. oben 2, 739.
19 ) Meiche Sagen 609 f. 611 f.; Ranke Sagen
116. 20 ) Knoop Tierwelt 44 f. 21 ) Haltrich
Siebenb. Sachsen 298. 22 ) SAVk. 27, 83. 23 )ZfVk.
1, 321. 24 ) Oben 3. 1622. 2 M Binde¬
) Oben 3, 1622.
) Binde¬
wald Sagenbuch 224 f. 26 ) Lütolf Sagen 352.
27 ) Meier Schwaben 1, 238 t.; Ägypt. Geheimn.
2, 9, nach Jahn Hexenwesen 193. 28 ) Dazu noch
Baumgarten Aus der Heimat 2, 90. 29 ) SAVk.
27,82 t. 30 ) Ebd. 81. 31 ) Belege bei Heckscher
362. 32 ) Wuttke 134 = Böckel Volkslieder
XXXI. 33 ) Urquell 3, 148 (Polen). 34 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 2, 97; 3, 137; Baum¬
garten Jahr u. s. Tage 6 — Osenbrüggen
Studien 301. 35 ) Oben 3, 132. 36 ) John West¬
böhmen 319. 37 ) Oben 5, 928. 38 ) Grimm Myth.
3, 192. 39 ) ZfVk. 1, 321.
3. Die einfache Bedienung des Schl.es
als eine handliche Form des Zutuns
und Öffnens hat es dem auf Sinnfälligkeit
sich gründenden Volksglauben nahege¬
legt, das Schl, als Bild in die Welt
seiner Vorstellungen und Handlungen
zu übertragen.
Das wird z. B. sichtbar an Wendungen
aus christlichen Gebeten und Segen¬
sprüchen. In einem Salzburger Wolfs¬
segen soll Petrus seinen Schlüssel nehmen
und den Wölfen den Rüssel verschlie¬
ßen 40 ). Ein Tiroler Viehbewahrungs¬
segen vor der Almfahrt will einen Ring
schließen um das Vieh, ,,und der Ring
ist beschlossen mit 77 Schlössern“ 41 ).
Ein Siebenbürger Schutzgebet 42 ) lautet:
,,Des Morgens wenn ich aufstehe, drei
Schlösser um mich gehen: das eine ist
Gott der Vater, das andere ist Gott der
Sohn, das dritte ist Gott der heilige
Geist“. Dem gleichen Vorstellungskreis
gehört schließlich ein den heiligen sieben
Himmelsriegeln (s. d.) ähnliches 43 ) Ge¬
betbuch an: ,,Die sieben Schl.“ (s. sie¬
ben Schloßgebet), ,,darinnen sich
ein Mensch wieder alle Gefahr des Feinds
in der Stund des Tods sicher verschließen
kann“ 44 ). Wohl weil ,,viele Sünder keine
büße mehr thuen, und bethen die heiligen
7 schloß dafür, und der teufel mag ihnen
doch nicht zu“ 45 ), wurde es 1754 vom
Bischof von Konstanz verboten 44 ).
Von bewirkender Kraft wird diese Bild¬
vorstellung im Übertragungs- (s. d.)
zauber. Wie jemand zum Nutzen oder
zum Schaden seines Nächsten seine Lei¬
den und seine Freuden verbrennen, weg¬
schwemmen, verpflöcken, verlegen usw.
kann, so vermag er sie auch zu verschlie¬
ßen, und sie sind dann so lange ferne von
ihm, als das Schl, nicht geöffnet wird.
Nach einer (unvollständigen) Hand¬
schrift vom Ende des 18. Jh. (?) kann man
jemanden fest stellen, wenn man ein
neues Schl, unter diesem Gedanken be¬
spricht 46 ). Ebenso läßt sich von ferne
das Gewehr eines anderen verderben,
wenn man ein solches Schl, im Augen¬
blicke des Schusses zuschließt und zu
Hause unter der Türschwelle vergräbt 47 ).
Gegen die Folgen eines Meineids soll
man sich durch Beistecken eines zuge¬
sperrten Schlosses schützen können 48 ).
Ein Kind kann man vor Mundweh be¬
wahren, wenn man in seinem Munde wie
in einem Schlosse einen Schlüssel um¬
dreht und diesen dann versteckt 49 );
haben aber Mensch oder Tier die Mund¬
sperre, so muß man in ähnlicher Weise
den Mund aufschließen 50 ), oder man hängt
ein Hängeschi, versperrt an die Stalltür,
entfernt es nach 24 Stunden und öffnet
es mit dem Spruche: ,»Christus ist ge¬
storben. ..“ 51 ). Bei Milchverhexung soll
man den Harn der Kuh in ein Schl, laufen
lassen, dieses schließen und so abdichten,
daß die Flüssigkeit nicht heraus kann;
Schloß
1222
die Hexe kann alsdann ihr Wasser nicht
lassen und kommt zum Geständnis 52 ).
Am häufigsten aber werden derartige
Vorstellungen wirksam im Liebes- und
Ehezauber angesichts des Umstandes,
daß im besonderen der weibliche Schoß
unter dem Bilde des Schlosses begriffen
wird. Man braucht in der Erotisierung
der diesbezüglichen Liebeslieder und son¬
stigen Wendungen keinesfalls so weit zu
gehen wie Storfer 53 ) und wird doch an
Hand einfacher sprachlicher Zeugnisse 64 )
diese Beziehung nicht leugnen können,
wie es andererseits sichtbar wird, daß
alle nähere Ausdeutung dieser Beziehung
südlich-orientalischen Ursprungs ist 55 ).
In der deutschen Überlieferung sind ledig¬
lich ganz einfache Gedankenverbindungen
vorstellungs- und brauchbildend gewor¬
den: Der weibliche Schoß ist das Schl.,
das sich bei der Geburt öffnet; man soll
deshalb die analogen Schließvorgänge der
unmittelbaren Umwelt beobachten und
schädliche Übertragungen vermeiden.
Beispielsweise soll sich die Schwangere
auf keinen Kasten setzen, der unter ihr
zuschließen kann; sonst kommt das Kind
nicht zur Welt, bevor man sich wieder
draufgesetzt und dreimal aufgeschlossen
hat 56 ). Segen für Gebärende bitten
Maria und Jesus, der Kreißenden das
Schl, aufzuschließen 57 ). Weitverbreitet
ist ferner die Sitte, zur Erleichterung
der Geburt bei der Entbindung alle
Schlösser im Hause zu öffnen 58 ), und noch
Most berichtet 59 ), daß er mit Er¬
folg dieses Mittel verordnet habe, wenn
auch nur „um psychisch zu deriviren
und convulsivische Contractiones uteri,
die Angst und Gemüthsaufregung so
mancher Kreisenden, hervorgerufen durch
das Geschwätz dummer Hebammen und
den theilnehmenden Nachbarinnen etc.,
zu mindern und abzuleiten“. Ist das
Kind aber zur Welt gekommen, so soll die
Wöchnerin vor Ablauf von sechs Wochen
kein Schloß im Hause aufsperren; ent¬
weder wird das Kind dann ein Dieb 60 ),
oder aber sie, die mehr sieht als andere,
wird durch eine geisterhafte Erscheinung
erschreckt werden 61 ).
Ethnographische Parallelen 62 ), nach
denen die Braut sich durch Verschließen
eines Schlosses selbst kinderlos macht,
finden im deutschen Volksglauben keine
unmittelbare Entsprechung. Dagegen ist
diese Vorstellung in Gestalt des Schaden¬
zaubers 63 ) durch andere weit verbreitet.
,,Wenn jemand während der Copula-
tion dreimal um einen Brunnen läuft,
jedesmal die Namen der Brautleute hin¬
einruft, ein Schl, zuschnappt und in den
Brunnen wirft, so können sie als Ehe¬
leute sich nicht vertragen“ 64 ). Diese
Überlieferung ist eine in der angestrebten
Wirkung verharmloste Spielart eines
solchen Sch.schließens, das sich als
eine der 50 Formen 65 ) des berüchtigten
Nestelknüpfens (s. d.), mit dem Bös¬
willige angesichts des Trauungsaktes den
Bräutigam impotent und die Braut
empfängnisunfähig machen wollen, von
der Antike bis zur Neuzeit nachweisen
läßt 66 ).
Endlich begegnet das Schließen auch
im Totenbrauche. Der Todkranke
kann nicht sterben, wenn in der Wohnung
ein Schl, versperrt ist; es sollen deshalb
alle Schlösser im Hause geöffnet wer¬
den 67 ), ,,Schubladen und alles“ 68 ). Wird
die Leiche hinausgetragen, legt man auf
die Türschwelle ein Schl, (oder eine Axt) 69 ),
und nachdem sie fort ist, wird wiederum
alles verschlossen, damit der Tote nicht
zurückkehren kann 70 ).
40 ) ZföVk. 3, 5. 41 ) Ebd. 2, 151. 42 ) Müller
Siebenbürgen 76. 43 ) DG. 5, 6. 44 ) Nider-
berger Unterwalden 1, 595. 45 ) DWb. 9, 769.
46 ) ZfdPh. 38, 366. 47 ) ZföVk. 3, 274. 48 ) Ur¬
quell 2, 59. — „Um den bösen Leumund schwei¬
gen zu machen/' soll man ein ungeöffnetes
neues Schl, auf einen Kreuzweg legen; wer es
aufnimmt, auf den geht die Nachrede über:
ZföVk. 3, 183 (Romanen in der Bukowina).
49 ) Krauß Sitte 546. 50 ) ZföVk. 13, 139 (Nord¬
böhmen). 51 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 266.
52 ) Wuttke 444; Meyer Baden 400. 53 ) Stor¬
fer Jungfr . Mutterschaft 123. 125; dazu Hovor-
ka u. Kronfeld 2, 178. 54 ) DWb. 9, 770;
Mensing SchleswWb. 4, 560. 55 ) Storfer
Jungfr . Mutterschaft 123 ff.; Hovorka u.
Kronfeld 1, 163; 2, 178; Stern Türkei 2,
289. 56 ) Grimm Myth. 3, 475. 57 ) Ebd. 3,
504 t. 58 ) Samter Geburt 125 f.; Liebrecht
Zur Volksk. 360; Sartori Sitte u. Brauch 1, 22;
Drechsler 1, 182; Köhler Voigtland 435;
Gaßner Mettersdorf 12; Wittstock Sieben¬
bürgen 20; Hillner Siebenbürgen 15; ZfVk. 17,
1223
Schloßgebet — Schlüssel
1224
166 (Weißrußland). 5B ) Most Sympathie 136.
60 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 26.
fil ) Drechsler 1, 205. 62 ) Krauß Sitte 546;
Urquell 3, 162 ZfVk. 16, 313; Stern Türkei
269 f.; Hovorka u. Kronfeld 1, 163. 63 ) Vgl.
Andree Parallelen 2, 12. 64 ) Baumgarten
Aus der Heimat 3, 94. 65 ) Anhorn Magiologia
741
) Als Ergänzung zu den beim Art
,,Nestelknüpfen“ (oben 6, 1014 ff.) gegebenen
Belegen vgl. noch Alemannia 2, 136t. (1587);
ZfVk. 6, 427 ff. (1611 u. 1697); Grimm Myth .
3 » 453 (i790); Jahn Hexenwesen 161. 165;
Jahn Pommern 349; Seefried-Gulgowski
109; Wuttke 270. 372. 67 ) Samt er Geburt 128;
Lammert 167. 68 ) Fogel Pennsylvania 132.
B9 ) Toeppen Masuren 108 f.; Wuttke 464.
70 ) Oben 5, 1129; Wuttke 465. Freudenthal.
Schloßgebet s. Nachtrag.
Schlucksen (Segen) 4 ).
1. Allgemeines. Indem hier schon
das Reden an und für sich dem Übel phy¬
sisch entgegenwirken soll, sind diese
Segen von dem Leidenden selbst zu
sprechen, gewöhnlich viele Male und mit
verhaltenem Atem. Wie oft andere Segen
für leichtere Übel (Warzen u. dgl.) sind
auch die Sch.segen keine geheime Über¬
lieferung. Indem sie häufig Kindern
vorgesagt werden, erhalten sie z. T. ein
scherzhaftes Gepräge und können sich
mit sinnlosen Reimen schmücken. Ein
Grundstock von ihnen sind aber wirkliche
Heilsegen nach alten Mustern. Durchweg
sind sie spät, mündlichen Weges über¬
liefert. — Z. T. ähnliche Segen auch in
anderen Sprachen 2 ).
x ) Literatur: O. Ebermann ZfVk. 13, 64 ff.
(Abhandlung u. Belege). Belege auch ZfrhwVk.
1913, 37tf.; Höhn Volksheilkunde 1, 126 ff.;
Nds. 24, 267; 25, 144. 2 ) Vgl. ZfVk. 13, 65. 67;
(ital.) Liebrecht Zur Volksk. 349.
2. „Ich“ und das Sch. (keine süd¬
deutschen Belege?). Z. B.: ,,Snickup
un ick gungen aewer ’n Steg, Snickup
füllt rin un ick gunk weg“ 3 ). In nieder¬
rheinischen Sprüchen heißt es: ,,Ek en
de hik wej gunge över de Rin“ usw. 4 ),
im Norden neben „Steg“ auch „wy Stegen
daer en Knick“ (Zaun) oder ,,gingen
aewern Weg“ (< Steg) 5 ). Ursprünglich
ist hier sicher das dem Dämon unmög¬
liche Überschreiten eines fließenden Was¬
sers. Verwandt sind die Mordsegen (s. d.)
und der „Streit“ (s. d.): Der Dämon und
die heilige oder die leidende Person treten
zusammen auf, wetteifernd oder streitend.
3 ) Strackerjan 1 1, 76; vgl. Die Heimat 19,
2io Lübeck; Bartsch Mecklenburg 2, 365
Nr. 1709 (2, 364 Nr. 1707); Hovorka u. Kron¬
feld 2, 198. 4 ) ZfrhwVk. 1913, 41. Vgl. A. de
Cock Volksgeneeskunde 177. 5 ) Müllen-
hoff Sagen 512 Nr. 13.
3. Fortbannung. „Häcker, Häcker,
reit über d’ Äcker, reit über die Brach,
reit den alten Weibern nach“ (indem
man an drei böse alte Weiber denkt 6 ));
ähnliche Formen besonders süddeutsch 7 ).
Norddeutsch z. B.: „Hückup, loop't
Stück up, loop linge längs den Redder
(eingezäunter Weg), kumm mien Leewdag
nich wedder“ 8 ). Auch Übertragung auf
andere, z. B. den Nachbar: ,,.. . ech han
en nu, ech han en dan, ech gäv en mine
nevemann“ 9 ).
®) Hovorka u. Kronfeld 2, 198 Schwaben.
7 ) Birlinger Volksth. 1, 481. 482; Höhn Volks¬
heilkunde 1, 127. 8 ) ZfVk. 13, 66 Nr. 6; vgl.
Müllenhoff Sagen 152 Nr. 13. 9 ) ZfrhwVk.
1913, 42; vgl. Müllenhoff wie Anm. 8.
4. Ändere Formen z. T. weniger sinn¬
voll 10 ). — Besonders zu merken sind
Sprüche über das Sch. als ein Zeichen,
daß eine andere Person an den Leidenden
denkt; sie dienen mitunter zugleich als
Liebesorakel o. dgl. Z. B. ,,.. . ist er (der
Schatz) mir gut, gibt es mir Mut; ist er
mir gram, fängt der Schluckauf wieder
von neuem an“ 11 ).
l0 ) Beleges. Anm. 1. 11 ) ZfVk. 13, 68 Nr. 11
(vgl. Drechsler 2, 311). Ähnlich Danmarks
Tryllefml. Nr. 894 t.; slavisch Hovorka u.
Kronfeld 2, 199. Ohrt.
Schlüssel.
1. Groß ist vor allem nach der Vor¬
stellung des Volkes die Heilkraft des
Sch.s: a) bei Blutungen aus der Nase ü;
b) bei Krämpfen, bes. Wadenkrämpfen 2 );
c) gegen Schlucken 3 ); d) gegen Hunds¬
wut (in Schwaben bereits 1556 belegt) 4 );
e) gegen das Aufliegen 5 ). Sch. werden
auch zur Eindämmung von Feuers¬
brünsten verwendet 6 ), desgleichen
gegen Hexen und Teufel 7 ), ferner
zum Zwecke der Wahrsagung 8 ), der
Aufspürung von Dieben 9 ), wobei
gewöhnlich ein Evangelium oder eine
Bibel (oft Erbbibel) an einen Sch. ge¬
hängt wird, so daß das Buch daran
schwebt. Werden nun die Namen der
Verdächtigen genannt, so bewegt es sich
bei dem rieh tigen. Will man einen Schatz
1225
Schlüssel
1226
heben, so verwendet man hiezu mit¬
unter zauberkräftige Sch. 10 ). Die Braut
wird haushälterisch werden, wenn man
ihr einen Sch. nachwirft 11 ). Neuge¬
kauftes Vieh wird heimisch, wenn es
über einen auf die Schwelle gelegten oder
unter der Schwalle vergrabenen Sch.
schreitet 12 ). Das Brot wird im Back¬
ofen nicht verbrannt, wenn man in
den Teig einen Sch. drückt 13 ). Reich ent¬
faltet ist der Sch.-Aberglaube, der sich an
Schwangerschaft, Geburt, Wochen¬
bett, Pflege des Neugeborenen
knüpft. Die Schwangere schützt sich
vor Übel werden, wenn sie einen Sch.
trägt I4 ). Besitz eines Sch.s erleichtert
die Geburt 15 ), Zusammenbinden von
Sch.n erschwert sie 1G ). Das Kind in der
Wiege wird nicht vertauscht, wenn
man einen Sch. hineinlegt 17 ). Beim
ersten Kirchgang trägt die Wöchnerin
einen Sch. 18 ). Das Kind läßt sich leicht
entwöhnen, wenn man in die Wiege
einen Sch. gibt 19 ).
Gesondert zu betrachten ist der Brauch,
mit Sch.n zum Zwecke der Erzielung
zauberischer Wirkung zu klingeln. Hier
wird die Zauberkraft des Sch.s mit der
Zauberkraft des Lärms kombiniert (vgl.
Sch.lärm, -gerassel, -klingeln).
Nicht bloß der Sch. selbst, sondern auch
sein Abbild ist von zauberwirkender
Kraft erfüllt gedacht. Darauf beruht
z. T. der an den Sch.-Kreuzer, d. h.
einen Kreuzer mit einem Sch. auf dem
Revers, geknüpfte Aberglaube. Eheleute
legen beim Kirchgang drei Sch.-Kreuzer in
die Schuhe 20 ). In einem Tuch aufgehängt,
bringt er Gestohlenes wieder 21 ), in die
Kleider der Rekruten genäht, gewährt
er Glück bei der Losziehung 22 ).
*) Lammert 197; Hovorka-Kronfeld2,7;
Fogel Pennsylvania 301 Nr. 1591. 2 ) ZdV-
fVk. 7 (1897), 290; Seyfarth Sachsen 266;
Meyer Baden 576; ZfrwVk. 1913,193 ; Andree-
Eysn Volkskundliches 137 f.; Manz Sargans 80.
3 ) Lammert 241. 4 ) Fischer SchwäbWb.
s. v. Sch.; Birlinger Aus Schw. 1, 106 f. 405;
Fogel Peyinsylvama 276 Nr. 1453. 5 ) Schön¬
wert h Oberpfalz 263. 6 ) Schell Berg. Sagen
523 Nr. 60. 7 ) Wuttke 478 § 762; 281 § 411;
Grimm Mythologie 2. 917 t.; Meier Schwaben
2, 387. 8 ) Drechsler 2, 236; Meiche Sagen
491 Nr. 638; Lachmann Überlingen 394 t.;
Fogel Pennsylv. 64 Nr. 201; Agrippa v. Net¬
tesheim 5, 363; SchwVk. 3, 75. 9 ) John
Westböhmen 276; Meyer Baden 567; Schell
Berg. Sagen 210 Nr. 168; Meyer Aberglaube
284h; ZföVk. 6, 113. l0 ) Kühnau Sagen 3,
751 f. 571 f.; MschlesVk. 18 (1906), 88 f. 93;
Sommert Egerland 90 f. 11 ) Meyer Aber¬
glaube 220; Grimm Mythol. 3, 448 Nr. 425.
12 ) Wuttke 439 § 691; Meyer Baden 413.
13 ) Seligmann 2, 176; Kuhn Mark. Sagen 75;
ZföVk. 1, 249. 14 ) Höhn Volksheilkunde 1, 103.
lä ) Liebrecht Zur Volksk. 360. l6 ) Scham¬
bach u. Müller 135 Nr. 150, 354. l7 ) Grimm
Myth. 3, 480 Nr. 484; Wuttke 382 § 581;
Höhn Geburt Nr. 4, S. 262. 18 ) Höhn Geburt
S. 266; Bohnenberger Nr. 1, S. 25.
l9 ) Grimm Myth. 3, 461 Nr. 770. 20^21^22^ pj_
scher SchwäbWb. s. v. Schlüsselkreuzer 966.
2. Mitunter muß der Sch., um
zauberwirkende Kraft entfalten zu kön¬
nen, eine besondere Eigenschaft auf¬
weisen oder es wird die bereits vor¬
handene zauberwirkende Kraft des Sch.s
durch diese besondere Eigenschaft noch
gesteigert. Hier ist zu nennen:
1. der Erbschlüssel: gegen Hunds¬
wut 23 ), bei Herzleiden 24 ), gegen Krämp¬
fe 25 ), zur Förderung des Zahnens 26 ), beim
Buttern 27 ), beim Austrieb des Viehs 28 ),
beim Diebszauber 29 ), beim Aufspüren
von Hexen 30 ), bei der Erkundung der
Zukunft 31 ), beim Herbeiholen des Teu¬
fels 32 ). Der Besitz eines Erbsch.s befähigt,
einen Horcher an der Wand oder an der
Tür taub zu machen 33 ). Mitunter genügt
nicht einfache, sondern nur wiederholte
Vererbung des Sch.s 34 ) (vgl. Erbdinge).
2. der Kreuzschlüssel, d. h. ein Sch.,
dessen Bart einen Kreuzschnitt hat:
gegen Verhexung des Viehs 35 ), des neu¬
geborenen Kindes 36 ), zur Wahrsagung 37 ),
zum Diebszauber 38 ).
3. Der geweihte glühende Schl.:
gegen Hundswut (s. g. Hubertusschi.) 39 ).
4. Sch., der alle drei Weihnachts¬
nächte auf dem Tisch gelegen ist 40 )
(vgl. Weihnachten).
5. Sch. vom Scharfrichterschwert
oder Beil: zum Aufschließen des Reiches
des Bösen (vgl. Scharfrichter) 4l ).
6. Sch. aus einem Sargnagel verfer¬
tigt: zum Aufschließen der Hölle 42 ).
7. Mitunter werden zwei Sch. vorge¬
schrieben, die übers Kreuz zu legen
sind: gegen Krampf 43 ).
1227
Schlüsselblume
1228
8. Sch., der in der Karfreitagnacht
von drei Meistern stillschweigend ge¬
schmiedet wurde 44 ).
9. Der Kirchsch. 45 ).
23 ) Schönwerth06er/>/a^3,263. 24 )Bartsch
Mecklenburg 2, 411. 25 ) Seyfarth Sachsen
65; Birlinger Volksth. 1, 481; Grimm Myth.
з, 449 Nr. 474; ZföVk. 13 (1907), 139; Mitt.
Anhalt. Gesch. 14, 13. 26 ) John Erzgebirge 54.
27 ) Wuttke 448 §707; Drechsler 2, 255;
Bartsch Mecklenburg 2, 136. 28 ) John Erz¬
gebirge 227. 29 ) John Westböhrnen 27b] Wuttke
2 54 §368; Bartsch Mecklenburg 2, 333 t.;
Frischbier Hexenspr. 117I; ZfVk. 20 (1910),
386; Müllenhoff Sagen 88 Nr. 100; Kuhn
и. Schwartz 448 Nr. 377. 3 <>) Grimm Myth.
2, 928 f.; Drechsler 2, 243; Strackerjan
1, 422; 2, 220. 31 ) Grimm Myth. 3, 470 Nr. 954;
ZföVk. 6 (1900), 120; Köhler Voigtland 365;
Dähnhardt Volkst. 1, 77. 32 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 48. 33 ) Grimm Myth. 3, 441 Nr. 202.
34 ) Wuttke 254 § 368. 3 5 ) Knoop Hinter¬
pommern 172; ZfrwVk. 2, 291; Wuttke
446 § 702. 36 ) ZfrwVk. 1905, 178. 37 ) Grimm
Myth. 3, 454 Nr. 579; SAVk. 2, 218; 3, 75;
Schönwerth Oberpfalz 3, 217; Meyer Baden
166. 38 ) Hesemann Ravensberg 112. 39 ) Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 405. 40 ) Hovorka u.
Kronfeld 2, 395. 41 ) Meier Schwaben 2, 387.
42 ) Ebd. 43 ) Meyer Baden 576. 44 ) Meier
Schwaben 2, 387. 45 ) Fehrle Zauber u. Segen
20; Wuttke 446 § 702; Birlinger Aus Schwa¬
ben 1, 106.
3. Gewisse Handlungen, mit dem
Sch. vorgenommen, bringen Unheil.
Pfeift man auf einem hohlen Sch., so ruft
man das Elend herbei 46 ). Mit einem Sch.
in der Hand darf man nicht in den Schaf-
stall gehen, sonst werden die Schafe
„drehend“ 47 ). Läßt man einen Bund Sch.
zur Erde fallen, so kommt unangenehmer
Besuch 48 ). Wer den Haussch. verliert,
muß sterben 49 ). Paten dürfen auf dem
Kirchgänge keinen Sch. bei sich tragen;
sonst bekommt das Kind ein verschlos¬
senes Herz 50 ).
46 ) Grohmann 224. 47 ) Drechsler 2, 116.
48 ) Ebd. 2, 236. 49 ) Wuttke 221 § 314.
° ü ) Wuttke 389 § 593-
4. Der Glaube an die zauberwirkende
Kraft des Sch.s findet sich auch außer¬
halb unseres Gebietes. Schon bei
den Etruskern dürfte der Sch. als
Amulett gedient haben 51 ). Bei den
Griechen band man, um Felder und
Gärten vor Hagel zu schützen, rings
um das Grundstück Schlüssel verschie¬
dener Türen 52 ). Bei den Römern
schenkte man den Frauen Sch. ob signi-
ficandam partus facilitatem (Festus s. v.
clavis) 53 ). In Neapel und Sizilien
trägt man gegen die Jettatura einen
Sch. bei sich 54 ). In Umbrien verwendet
man Sch. gegen Krämpfe bei Kindern
und gegen Epilepsie 55 ). Die Verwen¬
dung von geweihten glühend gemachten
Sch.n gegen Hundswut findet sich in
Frankreich und anderwärts 56 ).
51 ) Seligmann 2, 10. 52 ) Fehrle Gcoponica
20. 53 ) Atradpop. 17, 96. 54 ) Seligmann
2, 10. 65 ) Bellucci II feticismo primit . in Italia
1907, 104. 108 f. 56 ) ZfVk. 11, 207 u. 342; 24,
145; H. Gaidoz La rage de St. Hubert. 1887,
126 f.
5. Die Erklärung des an den Sch.
sich knüpfenden Aberglaubens ist leicht
zu geben. Da man mit dem Sch. alles
Verschlossene aufsperren und alles
Nichtverschlossene einsperren
kann, wird dem Sch. im Wege analogi-
sierender Schlußfolgerung die Kraft zu¬
geschrieben, alles als einsperrbar Vor¬
gestellte (Krankheitsdämonen, Übel aller
Art) zu verschließen, so daß es un¬
schädlich wird, alles als ein gesperrt Vor¬
gestellte erforderlichenfalls aus dieser
Haft zu befreien (Schatz, Kind im
Mutterleib, Wissen um die Zukunft
usw.). Dazu tritt die Zauberkraft des
Metalls, aus dem der Sch., sobald man
vom Holzverschluß zum Metallsch. über¬
gegangen war (vgl. Hoops Reallex., s. v.
Schloß u. Schlüssel; Schräder Reallex.
s. v. Schlüssel; I. Brtfndum-Nielsen,
Acta Philologica Scandinavica VI, 171 —
190; Literatur: 175 3 , gefertigt wurde 57 ).
57 ) J. A. MacCulloch bei Hastings, s. v.
locks and keys 123. Goldmann.
Schlüsselblume (Himmelsschlüssel,
Primel, Primula officinalis).
1. Botanisches. Frühlingspflanze
mit eiförmigen, runzeligen Blättern und
dottergelben, duftenden, trichterförmigen
Blüten, die in einer Dolde angeordnet
sind. Häufig (in Norddeutschland fehlend)
auf trockenen Wiesen. Feuchtere Stellen
bewohnt die ähnliche hohe Sch. (P. elatior)
mit fast duftlosen, schwefelgelben Blüten.
In der Volksmedizin wird aus den Blüten
ein Tee gegen Erkältungskrankheiten,
Brustbeschwerden usw. bereitet 4 ).
1229
Schlüssellauf
1230
121
l ) Marzeil Kräuterbuch 267 f.; Heilpflanzen
1 — 126.
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2. In vielen Sagen, die landschaftlich
nur wenig voneinander ab weichen, findet
ein Knabe, Hirt usw. eine (goldgelbe)
Blume, die ihm dann die Felsentore zu
verborgenen Schätzen öffnet (vgl. Spring¬
wurz). Da der Finder aber die Blume
im Berg liegen läßt (obwohl ihm eine
Stimme zuruft: „Vergiß das Beste nicht!“),
kann er nie mehr zu den Schätzen ge¬
langen. Häufig wird diese Blume als
Sch. gedeutet, manchmal ist auch von
einer „blauen“ Blume die Rede 2 ). Ab
und zu heißt es auch, daß die gefundene
Sch. zu Gold wurde 3 ). Die Sch. entstand
aus den Himmelschlüsseln, die dem hl.
Petrus einst zur Erde entglitten 4 ).
2 ) Z. B. Wuttke 31 §31; Ranke Volks¬
sagen 114; Panzer Beitrag 1, 182 f. 188 f. 294t.;
Grimm Myth. 2, 812; 3, 288; Meier Schwaben
37; Schönwerth Oberpfalz 2, 239 f.; Meiche
Sagenbuch 609; Hebel Pfalz. Sagen (1912),
142. 149; Lohmeyer Saarbrücken 73 f.; Zfrw¬
Vk. 6, 138; SudetendZfVk. 2, 159; auch in Eng¬
land: Friend Flowers 1883, 100; FL. 12, 445.
3 ) Rochholz Schweizersagen 1, 258; Herzog
Schweizersagen 2, 45. 4 ) Aus d. Posener Land 3
(1908), Nr. 24; Schullerus Pflanzen 155;
Volkskunde 15, 116; Rolland Flore pop. 9, 69;
FFC.37,91; vgl. auch Haltrich Siebenb. Sachs.
1883, 298; Gloning Oberösterreich 1884, 109.
3. Als Frühlingsblume (s. 3, 160) hat
die Sch. besondere Kräfte. Drei Blüten,
verschluckt, sind ein Schutzmittel gegen
Fieber 5 ), bei den Rumänen in der Buko¬
wina gegen Halsdrüsen 6 ). Sch.n bringen
Glück ins Haus 7 ). Meist heißt es aber,
man dürfe die Sch.n nicht abbrechen,
sonst sterben die jungen Hühner 8 ). Die
Erklärung, daß die Hühner sonst „ver¬
schlossen“ (Schlüsselblume!) werden und
nicht mehr legen 9 ), ist wohl nicht zu¬
treffend, denn von anderen Frühlings¬
blumen (Kuhschelle, Nieswurz), deren
Blüten keine Schlüsselform haben, glaubt
man das Gleiche. Vielleicht bringt der
Glaube zum Ausdruck, daß die Sch.n
als Frühlingsblumen „tabu“ sind. An
Walburgi soll man neunerlei Blumen
(Sch.n müssen dabei sein) rupfen und in
eine Truhe legen. Ist es in der Nacht da
drinnen nicht ruhig, so hat man eine Hexe
dabei gefangen lü ). Vor Sonnenaufgang
gepflückte und dann getrocknete Sch.n
gebe man an Walburgi dem kranken Vieh
ein u ).
5 ) Frischbier Naturkunde 331; auch in
Dänemark: Danm. Tryllefml. 1, 212. 6 ) ZföVk.
4, 217. 7 ) Haas Rügensche Sagen 1891, 155.
8 ) Kuhn Westfalen 2, 62; besonders in England
und Frankreich ist dieser Glaube verbreitet:
Friend Flowers 1883, 300. 580; Dy er Plants
273; FL. 25, 369; Bartels Pflanzen 11; Sebillot
Folk-Lore 3, 471; Rolland Flore pop. 9, 75.
9 ) Wirth Beiträge 6/7, 16. 10 ) Reubold
Beiträge z. Volkskde im BA. Ansbach 1905, 38.
u ) Albertus Magnus. Toledo 20 3, 30; Mar-
zell Bayer. Volksbotan. 31.
4. Wenn ein Mädchen schon in der
Karwoche eine blühende Sch. findet, so
heiratet es noch im selben Jahre 12 ).
Auf der Danziger Nehrung geschah das
„Himmelschlötelstecken“, d. h. das
Stecken der Sch.n als Liebesorakel 13 ).
l2 ) Schullerus Pflanzen 155. l3 ) Brunner
Ostdeutsche Vk. 1925, 234.
5. Die Sch.n (gelbe Farbe!) sind ein
Mittel gegen Gelbsucht 14 ).
14 ) ZfrwVk. 5, 100.
6. Wenn die ersten Sch.n recht lange
Stiele haben, so wird auch die Gerste 15 )
oder der Hanf 16 ) lang werden.
15 ) Marzell Bayer. Volksbot. 124. l6 ) Fi¬
scher SchwäbWb. 3, 1143.
7. Wenn man am Gründonnerstag die
Sch.n (Primeln) im Garten umsetzt,
dann werden sie bunt 17 ), (nach drei
Jahren) rot 18 ) oder gefüllt 19 ), s. Nelke,
Stachelbeere.
17 ) Nordwestpfalz: Orig.-Mitt. von Grill
1913. l8 ) D. Kuhländchen 9 (1927), 160.
19 ) Wetterau: ZfdMda. 1918, 142. Marzell.
Schlüssellauf. In Oberbayern hielten
die Burschen während des Hochzeits¬
zuges aus der Kirche zum Wirtshaus bar¬
fuß den Braut- oder Schl. ab. Wer das
Ziel zuerst erreichte, erhielt einen ver¬
goldeten Holzschlüssel, der ihm an den
Hut gebunden wurde, und einen Geld¬
preis. Vom letzten Läufer sagte man: „er
hat d'Sau“; ihm wurden Rücken und
Hut mit Sauschwänzchen besteckt. Ge¬
meint ist wohl ein symbolischer Lauf
nach dem Schlüssel der Brautkammer,
den der Bräutigam, wenn ihm ein anderer
zuvorkam, mit entsprechender Buße ab¬
kaufen mußte x ).
In der Oberpfalz wird in ähnlicher
Weise das „Backofenschüssellaufen“
geübt. Ist der Name vielleicht aus einem
1231
Schlüsselloch
1232
„Schl." verderbt? Der Sieger soll ein
unbescholtener Mann sein, weil seine
Untugenden auf das erste Kind des
Paares übergehen 2 ). Auch in West¬
böhmen findet ein „Ofenschüsselrennen"
nach dem Verlassen der Kirche statt 3 ).
Vgl. oben 6, 1202.
2 ) Bavaria 1, 398 — Quitzmann 88 f.;
ZfVk. 3 (1893), 14 f. 2 ) Schönwerth Oberpfalz
1, 93; ZfVk. 3, 15t. 3 ) John Westböhmen
j 46. 151. 156; Schramek Böhmerwald 205;
Rank Böhmerwald 66. Sartori.
Schlüsselloch. Haus und Dach bilden
zusammen eine schützende Hülle, die
nicht nur Kälte und Unwetter von den
Inwohnern abhält, sondern die auch wie
der Zaun, die Dorfgrenze, die Bannmeile
u. dgl. einen magischen Bannkreis be¬
deutet, die den inneren von dem äußeren
magisch-mystischen Machtbereich schei¬
det 4 ). Diese magische Bann- und Grenz¬
fläche wird durch Schornstein, Rauch¬
löcher, Fenster, Türe (s. diese alle) und
ebenso auch durch das Sch. unterbrochen.
Daher sind alle diese Öffnungen Einbruch-
steilen für magische Mächte, Dämonen
und Geister aller Art. So kann z. B. der
Alp außer durch das Astloch, Riemenloch
oder durch das kleine Zugloch am Fenster
auch durch das Sch. kommen 2 ).
Im nördlichen Teil des deutschen
Reiches ist es namentlich die Nacht mar
(Mar, Mährt, märte, Mat), die durch das
Sch. ins Schlafzimmer schlüpft. „Man
kann den Mahrt fangen, wenn man
schnell das Sch. verstopft, durch welches
er hereingekommen ist" 3 ). Dann ge¬
schieht es oft, daß sich die Nachtmare als
schönes Mädchen entpuppt, das mit dem,
der sie fing, eine Ehe eingeht und Kinder
erzeugt, bis er einmal den Pfropf aus dem
Sch. zieht, worauf die Mare verschwin¬
det 4 ). Anderswo muß man das Sch.
verstopfen oder den Schlüssel darinnen
stecken lassen, damit die Mahre nicht
hereinkommen kann 5 ). Auch die Wal-
ridersken (Druck- und Totengeister)
kommen nach oldenburgischem Volks¬
glauben durch das Sch. 6 ). In Mittel¬
deutschland ist es der Alp, der ebenfalls
durchs Sch. kommen muß, wenn die
Türe verschlossen ist 7 ). Wenn man das
Sch. verstopft (allgemein), oder etwas
Heiliges, wie eine Bibel oder ein Gesang¬
buch davor anbringt (Oldenburg), ist
man vor dem Alpdrücken geschützt 8 ).
Man verklebt daher das Sch. mit ge¬
weihtem Wachs, macht drei Kreuze
darüber und droht: Wart', ich nagle dich
an! (Schönau) 9 ). In Süddeutschland
(Baden) kriecht das Schrättele durch
das Sch. und hockt dem Schlafenden auf
die Brust 10 ).
Auch die Hexen können gleich dem
Teufel durch das Sch. in Häuser aus- und
eingehen u ). Dieser Glaube ist in Süd¬
tirol schon am Beginn des 15. Jh.s be¬
zeugt. In Vintlers ,,blume der fügend"
(1411) v. 105 heißt es „und auch vil pösz
lütt die gend des nacktes durch verschlossen
tiir (l 12 ). In Appenzell hieß es: Häxa
chönid dör-ena Schliiselloch döra schlüffa lz ).
Und auch ihnen versperrt man den Zu¬
tritt durch Verstopfen der Sch. 14 ). Daher
müssen am Hexenabend alle Schlüssel im
Sch.stecken 15 ). Andererseits bedienen sich
Hexen gelegentlich auch des Sch.s, um
unberufenen Spähern durch dieses das
Augenlicht auszublasen 16 ). Bisweilen
kommt sogar die Habergeiß durch das
Sch. 17 ), kurz man sieht, es ist eine ganze
Reihe unheimlicher Gestalten, die durch
das Sch. aus- und einziehen können.
An sie hat wohl auch Goethe gedacht,
wenn er in der Szene der vier grauen
Weiber im II. Teil seines Faust die eine
sagen läßt: „Ihr Schwestern, ihr könnt
nicht und dürft nicht hinein, die Sorge,
sie schleicht sich durchs Sch. ein". Na¬
türlich hat es nichts mit diesem Glauben
zu tun, wenn der gute Knecht Ruprecht
den Kindern durchs Sch. zusieht 18 ).
Die Gefahr, daß Unholden durch das
Sch. ins Haus oder in die Schlafstuben
eindringen, ist besonders groß, wenn sich
eine Schwangere oder ein neugeborenes
Kind in der Wohnung befindet. Schon
während der Geburt werden alle Türen fest
verschlossen und die Sch.er verstopft 19 ).
In Thüringen muß bis zur Taufe das Tür¬
schloß Tag und Nacht mit einem blauen
Schürzenbande zugebunden sein 20 ). Auch
an der oberen Nahe werden die Sch.er bei
Entbindungen verstopft, „damit keine
Hexe Eingang finde" 21 ). In der bayri-
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I233 Schlüsseljungfrau—schmackostern 1234
sehen Pfalz verstopfte man während der
Geburt alle Sch.er, damit die Hexen oder
der Teufel keinen Wechselbalg unter¬
schieben 22 ). In Kupprichhausen (Baden)
verstopfte man die Sch.er um der Kinder
willen mit geweihtem Wachs 23 ). Im
Schwäbischen glaubte man, daß das Kind
eine geschwollene Brust bekäme, wenn
eine Hexe durch das Sch. in die Schlaf¬
kammer fährt 24 ). Aber auch die Schwan¬
gere selbst darf nicht durch das Sch.
sehen, sonst lernt das zu erwartende
Kind schielen 25 ). Ähnliche Bräuche
sind auch von den anderen Völkern be¬
kannt. In Ungarn werden bei Entbin¬
dungen nicht nur die Sch.er verstopft,
sondern außerdem auch noch die Türen
mit Unterhosenbändern zugebunden 26 ),
Und selbst aus Niederländisch-Indien,
von den Philippinen usw. sind ähnliche
Abwehrmaßnahmen bekannt 27 ).
Eine besondere Bedeutung im Volks¬
glauben besitzen begreiflicherweise die
Sch.er von Kirchen- und Friedhoftüren.
Sie dienen seit alter Zeit allerlei unheim¬
lichem Zauber: ,,so send denn ettlich
jrawen , die er schlingen umb die Kirchen
gen und haissent die totten auf steh ' er¬
zählt schon Vintler am Beginne des
15. Jh.s 28 ). Nach einem alten dänischen
Aberglauben muß man dreimal um die
Kirche gehen und das dritte Mal durch
das Sch. rufen oder pfeifen, dann muß einem
der Teufel erscheinen 29 ). Ähnlich ist
der alpenländische Glaube, daß man
einen Hecketaler gewinnen könne, wenn
man eine schwarze Katze in einen Sack
steckt, diesen mit 99 Knoten zubindet,
damit dreimal um die Kirche läuft und
jedesmal durch das Sch. nach dem
Küster ruft. Dann erscheint beim dritten
Mal der Teufel und „kauft die Katz im
Sack" um den Hecketaler. Dann muß
man aber laufen, daß man unter sein
Dach kommt, denn wenn es dem Teufel
gelingt, die Knoten vorher aufzulösen,
dann ist man verloren 30 ). Ein furcht¬
barer Schadenzauber war in der Ober¬
pfalz bekannt: Der frevelnde Zauberer
beschwor um Mitternacht so lange die
Toten durch das Sch. der Kirchhoftür,
bis diese wütend aus ihren Gräbern
eilten, sich in das Haus des bezeichneten
Menschen stürzten und diesen im Schlafe
zu Tode drückten 31 ). Ein alter Diebs¬
bann bestand darin, daß man um Mitter¬
nacht durch das Sch. einer Friedhof¬
kirche hineinruft: „Ihr Toten steht auf
und legt euch nimmer nieder, bis daß der
Dieb erscheint und bringt mir meine
Sachen wieder". Dann müssen die Toten¬
geister den Dieb solange ängstigen, bis er
die gestohlenen Dinge zurückbringt 32 ).
Auch zum Orakeln dient das Sch. der
Kirchentüre: Blickt man in der Neujahrs¬
nacht beim Mitternachtsläuten durch
ein solches, so sieht man um den Altar
alle Personen gehen, die im Laufe des
nächsten Jahres sterben werden 33 ). End¬
lich findet das Sch. der Kirchentür auch
im Heilzauber der Volksmedizin Ver¬
wendung: „Wer mit dem nächtlichen
Bettnässen behaftet ist, der gehe still¬
schweigend an einem Freitage vor Sonnen¬
aufgang nach der Kirchentür und blase
dreimal in das Sch." 34 ).
*) Knuchel Umwandlung 82 ff. a ) Laistner
Sphinx 1, 112. 3 ) Knoop Hinterpommern 83.
4 ) ebend. und Simrock Myth. 437. 5 ) ZfrwVk.
1906, 209 (Kr. Minden); Andree Braun¬
schweig 379; Woeste Mark 48 Nr. 24. 6 ) Strak-
kerjan 2, 223 Nr. 470 7 ) Grohmann 24.
8 ) Wuttke 285 § 419. 9 ) Drechsler 2, 177.
10 ) Meyer Baden 551. n ) Grimm Myth. 2,
899 und 908. 12 ) ebend. 3, 422. l3 ) Vernaleken
Alpensagen 420 Nr. 152. 14 ) Meyer Baden 560.
15 ) John Westböhmen 72. lfl ) Baader Sagen 69;
Grimm Myth. 475. 17 ) Ranke Sagen 213 2 .
18 ) Köhler Voigtland 163. 19 ) Wuttke 382
§ 581 (Pfalz). 20 ) Ebd. 382 § 581. 21 ) Wollt
in ZfrwVk. 2 (1905), 178. 22 } Bavaria 3 b,
345. 23 ) Meyer Baden 554. 24 ) Rochholz
Kinderlied 335. 25 ) Andree Braunschweig
285. 26 ) Temesvary Geburtshilfe 70. 27 )
Samter Geburt 26. 28 ) Grimm Myth. 3, 424 f.
(Vintler V. 205h.). 29 ) Ebd. 2, 851. 30 )
Vernaleken Alpensagen 99; Simrock Mytho¬
logie 461. 31 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 200.
32 ) Ebd. 3, 214. 33 ) SAVk. 8, 274. 34 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 103 f. Geramb.
Schlüsseljungfrau s. Nachtrag.
schmackostern heißt an manchen
Orten der Mark Brandenburg, in Ost-
und Westpreußen (hier am bodenständig¬
sten 1 )), Voigtland, Schlesien, Böhmen
und Mähren, auch in Oberhessen 2 ) der
„Schlag mit der Lebensrute", der ge¬
wöhnlich am Ostermontag, seltener am
1235
schmähen—Schmerle
1236
Ostersonnabend oder -sonntag vollzogen
wird. Man leitet das Wort von poln.
smigaC, smagac (peitschen) ab, andere
von niederd. smacken = schlagen. Volks¬
etymologisch wird es mit dem Wohlge¬
schmack der Eier und Leckereien, mit
denen sich die geschlagenen Mädchen er¬
kenntlich zeigen 3 ), oder mit dem bunten
Papierschmuck der Ruten zusammen¬
gebracht 4 ). Gewöhnlich schlagen am
Ostermontag Burschen und Knaben die
Mädchen in ihren Häusern, namentlich
auf Hände und Füße 5 ), und am Oster¬
dienstag rächen sich die Mädchen, gehen
aber in der Regel nicht in die Häuser 6 ).
Die Sache darf nur bis Mittag dauern 7 ).
Auch die dabei benutzte Rute heißt
,, Schmackost er“ 8 ). Sie ist entweder
eine von Lederriemen verfertigte Peitsche,
oder sie besteht aus 3 9 ), 6 oder 9 10 ) zu¬
sammengedrehten, mit bunten Papier¬
schnitzeln dicht durchflochtenen Weiden¬
ruten oder aus Süßholz 11 ), aber auch
ein frischer Zweig wird dazu benutzt 12 ).
Bei den Kaschuben legen die Knaben die
grüne Rute, die sie schon Wochen vor¬
her in Wasser getan und an einem war¬
men Orte haben treiben lassen, am Oster¬
morgen dem Hausherrn und der Hausfrau
vor die Füße. Die übrigen Familien¬
mitglieder werden leicht damit ge¬
peitscht 13 ). Die Mädchen bedanken sich
für das S. mit Kuchen und Eiern, denn es
bringt ihnen Glück und Gesundheit und
verscheucht Krankheiten wie Rücken¬
schmerzen, Beinweh und fallende Sucht 14 ).
Manchmal ist mit dem S. das Bespritzen
mit Wasser verbunden und wird auch so
benannt 15 ). Wer ordentlich geschlagen
und tüchtig naß wird, den verschonen
Flöhe und anderes Ungeziefer 16 ). In
Gilgenburg nimmt man dem Kinde, das
sch. geht, durch ein Handtuch eine Rute
aus der Hand, bewahrt sie auf und treibt
damit das Vieh aus, wenn es zum ersten¬
mal auf die Weide gehen soll 17 ). In
Lichten (Österreich. Schlesien) schmacko-
stert am Ostermontag auch der Hirt j
seine Schafe, damit sie das ganze Jahr
gut folgen 18 ). S. schlagen.
1 ) Schnippei Ost- u. Westpreußen 1, 85. (
2 ) Grimm Mythol. 1, 491 Anm. 3 ) Hoops '
Sassenart 55. 4 ) Lippert Christentum 603;
Engelien u. Lahn 232. 5 ) Mannhardt 1, 262.
G ) Ebd. 1, 259 ff.; Frazer 9, 268 f.; Kück u.
Sohnrey 82; Sartori Sitte 3, 154; ARw. 3,
186; ZfVk. 10, 332 f. 444 ff.; Vernaleken
Mythen 300 f.; Brunner Ostdeutsche Volksk.
218 f.; Lehmann Sudetendeutsche Volksk. 144;
Peuckert Schlesische Volksk. 100 f. Ältere
_ ✓
Zeugnisse: Schnippei Ost- u. Westpr. 1, 84 t.
Vgl. Grimm Deutsches Wbch. 9, 99. 7 ) Verna¬
leken Mythen 300; Peuckert 101. 8 ) Verna¬
leken 300; Fehrle Volksfeste 57 f.; Engelien
u. Lahn 232; Grimm Mythol. 3, 168. 9 ) En¬
gelien u. Lahn 232. 10 ) Mannhardt 1, 261.
n ) Vernaleken 300; Schnippei 1, 148 (Schle¬
sien). l2 ) Mannhardt r, 261; Schnippei
1, 84. l3 ) Seefried-Gulgowski 211.
14 ) Mannhardt 1, 263. 15 ) Fehrle Volksfeste
57 f.; Urquell 2, 7 ff. 36 ff.; Seefried-Gul-
gowski 211; Gesemann Regenzauber 56. 58 f.;
Grimm Mythol. 1, 490 t. Anm.; ZfVk. 30, 166.
16 ) Drechsler 1, 101. 102; Mannhardt 1, 263.
17 ) Toppen Masuren 69. 18 ) Mannhardt
1, 270. Sartori.
schmähen s. schelten.
Schmalzblume s. Dotterblume,
Hahnenfuß.
Schmellengras s. Gräser.
Schmerle, Schmerling m. (Nemachi-
lus barbatulus L.). Der Fisch wird oft
mit der Grundel (s. Bd. 3, 1186) ver¬
wechselt oder identifiziert x ).
Wenn ein Kind den „Pfitzwurm“
(pfetzender Bauchwurm) hat, so bindet
man ihm eine S. auf den Nabel, bis sie
verfault 2 ). Ähnlich gegen den ,,Vermis
umbilicalis' ‘ (s. H ö f 1 e r Krankheitsnamenb .
830). Ein Kind wurde von ,,Mittessern“
(Akne ? 3 )), Erwachsene von Schwindsucht
geheilt, indem man ihnen eine lebende S.
auf die Brust band 4 ). „Grundel“-öl ist
gut für das ,,Fell“ im Auge (ptery-
gium?) 5 ), der Kopf der „Grundel“ wird
gegen Blasenstein, ein Absud des Fisches
gegen „Erbgrind“ verwendet 6 ).
Gegen Behexung werden einem Kinde
fünf „Grundeln“ auf die Brust gebun¬
den 7 ).
Nach der Sage fallen bei Sorau am
25. Mai 1661 mit einem Landregen zahl¬
reiche S.en auf die Felder 8 ).
x ) Schwld. 2, 776: Grundel: 1. Schmerle >
(cobitis barbatula), 2. Gründling (gobia fluvia-
tilis); BIPomVk. 5, 126 (weitere pommersche
Namen; Brehm 3, 210. 2 ) ZfdMyth. 1, 199
(Harz); Pröhle Harzbilder 82; Schönwerth
1, 181. 3 ) La mm er t 130 (nach älterer Quelle);
1237
Schmetterling
1238
Hovorka-Kronf. 1, 435 („Grundel“). 4 ) Sey-
farth Sachsen 191. 5 ) Schönwerth 3, 240.
6 ) Gesner Fischbuch 163. 7 ) Rochholz Sagen
2, 179. 8 ) Haupt Lausitz i, 258.
Vgl. Grundel, Wetterfisch.
Hoffmann-Krayer.
Schmetterling.
1. Etymologisches, a) Bildwörter.
Sch. ist der Gesamtname der in zahlreiche
Familien zerfallenden Ordnung der Falter.
Auffällig ist es, daß der Landmann., der
sonst bei jeder Tiergruppe die einzelnen
Arten mit Namen belegt, im allgemeinen
solche für den Sch. nicht kennt 1 ). Im
besten Falle wird zwischen Tag- und
Nachtfaltern unterschieden. Es ist das
Verdienst Oehl's 2 ), die elementare Ver¬
wandtschaft eines großen Teils der Sch.s-
namen in europäischen und außereuro¬
päischen Sprachen erkannt und nach¬
gewiesen zu haben. Die meisten Sch.s-
namen sind Bildwörter, d. h. der optische
Eindruck des rhytmischen Flügelschlags
wird akustisch (durch Reduplikation)
ausgedeutet 3 ). Ein typisches Bildwort
ist lat. papilio — franz. papillon , tirol.
pavel, trient. pavela 4 ). Hiermit sind ele¬
mentar verwandt hess. papiller, papoller ,
pipoldern 5 ), pdpler 6 ), westpfälz. bubeller ,
hierzu franz.-dial. boubele (Hautes-Vos-
ges) 6 ), span, borboleta 1 ), ferner von
Rolland 8 ) ohne Lokalisierung ange¬
führt: deutsch-dial. peipel, peipling , pa-
pöltere, pipöltere , hierzu ndl. pepel (nicht
aus papilio, wie Kluge 9 ) will), pepeling,
piepel, piepeleer, pater (dissimiliert aus
*paper), schoenlapper (volksetym.)
„Schuhflicker“ 10 ). In ndd. hülebüle,
ülepüle, uulbuul, puituhl 11 ) scheint sich
ule „Eule“ volksetymologisch einge¬
mischt zu haben. Ital.-dial. bellera
(Perugia 12 )), bendola, benola (Pesaro) 12 ),
brendola (Arezzo) 12 ) setzen ein lat.
bellula voraus, wobei eine Einmischung
von phalaena 13 ) anzunehmen nicht un¬
bedingt nötig ist.
Im deutschen Sprachgebiet wird der
Sch. am häufigsten als „Flatterer“ be¬
zeichnet. Nhd. falter beruht auf ahd.
fifaltra — mhd. vivalter 14 ), noch erhalten
in bayr. feifalter (feilfalter) 15 ). Volks¬
etymologische Umgestaltung ist häufig:
eis. pfifolter, pfifholter, Schweiz, pfifkalter.
pipolter , fifolter, schwäb. baufalter, wei(h)~
falter, bayr. außer feif alter noch feurfalter,
pfeiffalter 16 ). Was letzteren Namen an¬
langt, sei darauf hingewiesen, daß der
Totenkopf (acherontia atropos) einen
pfeifenden, schrillenden Ton hervorbringt
und daß auch von einigen anderen Sch.n
Laut Äußerungen ausgehen. Aus Ober¬
bayern werden unter anderen noch fol¬
gende Namen gemeldet 17 ): jeinjalter,pfeif -
kalter, fleimutter, pjeimutter, weinfältlein,
weinvater, weinmutter, pfeif alter, pf eilf alter,
beienfalter = Bienenfalter (man fängt einen
Bienenschwarm, indem man den ersten
Frühlingssch. durch das Ärmelloch des
Rockes fliegen läßt 18 )) ,baumfalter, spei (/)-
fältlein, speibfaltet. Aus Niederbayern:
weinfalter, spanfalter, feigfalter, fauf alter,
pfaufalter . Aus der Oberpfalz: feuerfalter,
zweif alter. Aus Oberfranken: zweifalter,
zwifalter, fliegfalter, fliegalter, flieghalter,
zweipfalter, zweitfalter, fliegveilcken. Aus
Unterfranken: zwijaller, zwickfalter. Aus
Erzgebirge-Oberpfalz: zweifelsfalter, zwei -
selsfalter 19 ). Aus Kärnten liegen vor:
falfalterte, käafalterte, sp eilf alterte,
fletterle 20 ). Das Ndd. hat ähnliche Bil¬
dungen wie fifolter — andd. vivoldaro,
fifau, fifault(e)r, fifaulster, fifaumel 21 ),
ndl. wiewouter, vijfwouter 22 ), flieflotter 23 ).
Hierher auch aengl. fifealde, schwed.
feffel 24 ), anord . fifrilde 25 ), schwed. fjäril 2 *).
falter erscheint ndd. als fladder 27 ),
während sich vom Typ fifaltra weiter
entfernen ndd. flutter 27 ), tirol. flutterl 28 )
(vgl. rum. flüture), schwäb. flutterschc
flüitersche, flotterseke 29 ), obersteir. fle¬
dert ze 30 ), tirol. flitterl 31 ), flittersche (Vor¬
arlberg) 32 ), ndd. flidderk (Minden-
Ravensberg) 33 ), filette 34 ). Noch weiter
abseits stehen ndl. vlinder, engl.-dial.
flinder 35 ). Ein dem ahd. fifaltra nahe¬
stehende Bildung ist ital. farfalla > afrz.
farfaille 36 ), das eine Fülle von Varianten
aufweist 37 ).
b) Benennung nach Vögeln 7 ). Dem
Landmann ist alles Vogel, was fliegt; daher
wird auch der Sch. häufig nach dem Vogel
benannt:
Gt) zunächst ganz allgemein: bayr.
faltervogel 38 ), engl.-dial. bonny bird „hüb¬
scher Vogel“ 39 ), ndd. sommersvogel (Min-
1239
Schmetterling
1240
den-Ra vensberg) 40 ), meckl. sommer-
vogel 41 ), mittelfränk. summersvogel 43 ),
schwed. sommarfdgel 42 ), ndd. maivogel
(Minden-Ravensberg 44 )), sonnenvögele 45 ),
ndd. sonnenvogel (Minden-Ravensberg) 46 ),
meckl. sunvagel 47 ) (vgl. franz.-dial. screil-
lot „kleine Sonne“, Baume 48 )), ndd.
himmelsvogel (Minden-Ravensberg) 49 ),
dän. dagvugl 50 ), Schweiz, muetergottes -
vogel 51 ), gäl. eunan de „Gottes Vogel“ 52 ),
schwäb. müllervogel (wegen des Flügel¬
staubes) 53 ), hess. pannevogel 54 ), niederrh.
pannewxver 55 ), eis. rupenvogel 56 ), vgl.
ital.-dial. osel da rughe „Kohlweißling“ 57 ),
ndd. gelvogel (Gelbvogel) „Zitronen¬
falter“ 58 ), semmelvogel 59 ), bievogel (Bie¬
nenvogel, Oberpfalz) 60 ), ndd. flüchel ,
flüggelken (mit Varianten) 61 ), fluchter 62 ),
vgl. ital.-dial. voländola (Lucca) 63 ),
ndd. wessflog „Kohlweißling“ 64 ).
ß) spezialisiert nach bestimmten Vö¬
geln wie Huhn, Taube, Eule: norw.-dial.
marihoena „Huhn der h. Maria“ 65 ),
nordfranz. glaine Dien „Huhn Gottes“ 66 ),
steir. weinhahnl (Sch., der sich in Wein¬
bergen aufhält 67 )), sizil. puddira 68 ),
kalabr. puddida zu lat. pnlla „Henne“ 69 ),
arpin. palomma „Taube“ zu lat. paliwi -
bus id. 70 ), ndd. uhle „Eule“ (Minden-
Ravensberg) 71 ), auch wissenschaftliche
Benennung einer großen Sch.familie),
klappuhle 11 ), mah-uhlen 71 ), flatschoigel
„Kleeeule“ 72 ). Vgl. auch weiter oben
unter a): ülepüle usw.
c) nach der Fledermaus. Nicht
selten sind Benennungen nach der Fleder¬
maus. Der Name dieses Tieres wurde auf
den Nachtsch. übertragen, weil er wie
die Fledermaus (s. d.) lichtscheu ist und
nur zur Nachtzeit herumflattert 73 ).
fledermaus heißt der Sch. in Mittel-
franken 74 ), in Nassau 75 ), wo auch flim¬
mermaus 76 ) vorkommt. Im Bergischen
begegnen fladdermus 77 ) und ftuttermaus 11 ).
Auch eis. speckmaus 78 ) und blindermaus
(Hunsrück) 79 ) sind ursprünglich Fleder¬
mausnamen (s. d.).
d) nach kindlichen Anredeformeln
(s. weiter unten unter 8: „Kinderreime“).
e) nach dem Flügelstaub. Der
weiße Flügelstaub der Sch.e ruft den
Vergleich mit dem mehlbedeckten Müller
(Mahler) hervor, zunächst in der Kinder¬
sprache 80 ). Im Anhaitischen bezeichnet
Müller oder Mahler in erster Linie den
Kohlweißling, dann auch andere Sch.e
mit weißem Flügelstaub 81 ). Aus Mittel¬
franken liegen vor: Müller 82 ), aus der
Oberpfalz: Müllner, M Hier mahler, Haler-
mahler , Minermahler, M ül hier müllner -
mahler , Bienenmahler 83 ), aus England:
miller 84 ). Analoga in italienischen Mund¬
arten: sard. faghefarina „mach Mehl“ 85 ),
farenue (=farinola)* 6 ). Auf lat. pollen
„Staubmehi“ beruhen: pollara (Avelli-
no) 87 ), ponnula (Bari) 88 ), sulzb. molinaro
„Müller“ 89 ), ebenso midinaru (Syrac.) 90 ),
mulinara (Turin) 90 ), molinel(a) (Trient 90 ).
Auffallend ist gottscheerisch pächmoltcr
(pächmulter , pächmauter) , das Satter 91 )
als „Backtrog“ deutet. Wahrscheinlicher
ist pächmolter — Schwinge 92 ).
f) auf Animismus beruhend (siehe wei¬
ter unten unter „Seelenepiphanie“).
x ) ZfdMda. 6, 241; Heinzerling Wirbellose
Tiere n. 2 ) Bibi. dell'Arch. rom., serie II,
v °l- 3 * 75 t- 3 ) Edlinger Tiernamen 95.
4 ) Meyer Lübke REWb. Nr. 6211; Jaberg-
Jud AIS. Nr. 480. 5 ) Heeger Tiere 1,
16 § 32. 6 ) Wien: MnböhmExc. 31, S. A.,
S. 34. 7 ) Edlinger Tiere 96. 8 ) Faune
13, 187- 9 ) FA. Wb. 400. 10 ) Rolland Faune
13, 188. u ) Wossidlo Mecklenburg 2, 463.
12 ) Garbini Antroponimie 464. 13 ) Meyer -
Lübke REWb. Nr. 6454. l4 ) Riegler Tier
245. 15 ) Weigand-Hirt DWb. 1, 497.
l6 ) op. cit. 2, 407. 17 ) Kranzmayer WbK.
18 ) Strackerjan Oldenburg 1, 124. l9 ) Kluge
Ft.Wb. 124. 20 ) Car. 96, S. 58 u. passim.
21 ) Leithaeuser Volkstüml. 1/2, S. 31.
22 ) Rolland Faune 13, 188. 23 ) Zandt-Cor-
telyou Insekten 48. 24 ) a. a. O. 48 f. 25 ) Kluge
op. cit. 124. 26 ) DWb. 9, 1048. 27 ) Leit¬
haeuser a. a. O. 28 ) Weinkopf Naturge¬
schichte 54. 29 ) Kranzmayer WbK. 30 ) Wein¬
kopf a. a. O. 3l ) Ebd. 32 ) Weinkopf op. cit.
138. 33 ) Hartwig Tiernamen 1, 31. 34 ) Leit¬
haeuser a. a. O. 35 ) Rolland Faune 13, 188.
36 ) op. cit. 13, 186. 37 ) Garbini op. cit. 460.
462. 463. 38 ) Kluge Et.Wb. 124. 39 ) Rolland
Faune 13, 185. 40 ) Hartwig Insekten 1, 31.
41 ) Wossidlo Mecklenburg 2, 424. 42 ) DWb.
9, 1048. 43 ) Kranzmayer WbK. 44 ) Hart¬
wig op. cit. r, 31. 45 ) Mannhardt Germ.
Mythen 414 f. 46 ) Hartwig op. cit. 1, 31.
47 ) Wossidlo a. a. O. 48 ) Rolland Faune 3,
314. 49 ) Hartwig op. cit. 1, 31. 50 ) DWb. 9,
1048. 5l ) Bibi, dell’Archiv. rom., serie II, vol. 3,
101. 52 ) Ebd.; Grimm Mythologie 3, 201.
53 ) Kranzmayer WbK. 54 ) Leithaeuser
Volkskundl. 1/2, 31. 00 ) Heinzerling Wirbel-
1241
Schmetterling
1242
lose Tiere 11. 56 ) Martin u. Lienhart Elsäss.
Wb. 1, 101. 57 ) Garbini Antroponimie 468.
58 ) Leithaeuser a. a. O. 5Ö ) Ebd. 60 ) Kranz¬
mayer WbK. 6l ) Hartwig op. cit. 1, 31.
62 ) DWb. 9, 1047. 63 ) Garbini op. cit. 467.
64 ) Leithaeuser a. a. O. 65 ) Mannhardt
op. cit. 371. 68 ) Rolland op. cit. 3, 314.
67 ) Weinkopf Naturgeschichte 142. 68 ) Gar¬
bini op. cit. 749. 69 ) Meyer-Lübke REWb.
Nr. 6828. 70 ) op. cit. Nr. 6181. 71 ) Hartwig
op. cit. 1, 31. 72 ) Leithaeuser a. a. O. 73 ) Pa¬
lander Ahd. Tiernamen 24. 74 ) Kranzmayer
WbK. 75 ) Kehrein Nassau 1, 326. 76 ) a. a. O.
77 ) Leithaeuser op. cit. 1/2, 31. 78 ) Martin u.
Lienhart Elsäss.Wb. 79 ) ZfdMda. 6, 241.
80 ) Mann har dt Germ. Mythen 372 f., wo auch
entsprechende Kinderreime stehen. 81 ) Wirth
Beiträge 4/5 S. 35. 82 ) Kranzmayer WbK.
83 ) id. 84 ) Mannhardt op. cit. 372. 85 ) Meyer-
Lübke REWb. Nr. 3128. 86 ) Bertoni It. dial.
52. 87 ) Garbini Antroponimie 465; Meyer-
Lübke REWb. Nr. 6636; Bertoni a. a. O.
88 ) Meyer-Lübke a. a. O. 89 ) Meyer-Lübke •
REWb. Nr. 5643. 90 ) Garbini op. cit. 466.
91 ) Gottscheer Tiernamen 16. 92 ) Ebd.
2. Biologisches. Nach Aristoteles
sind die Sch.e (Cm^at) Insekten mit Fühl¬
hörnern, welche ein hartes Körnlein legen,
aus dem ein Wurm (axwXr^) hervorgeht.
Dieser wird zu einer Raupe (xajxinr]), die :
besonders auf Kohlblättern lebt. Diese ;
verwandelt sich in eine Puppe (^puaa'X-
mc), die eine harte Hülle hat. Aus ihr !
wird der Sch. 93 ). Nach französischem
Volksglauben ist er ein Geschöpf Gottes 94 ),
nach rumänischem ist er aus den Tränen
der h. Jungfrau entstanden. Ihr Herz
vergiftet, wer Sch.e tötet 95 ).
93 ) Keller Antike Tierwelt 2,436. 94 ) Rol¬
land Faune 3, 300. 95 ) Marian Insectele 292.
3. Seelenepiphanie. Der Sch. scheint
wie kein anderes Tier als Erscheinungs¬
form der Seele prädestiniert. Wie aus
der Puppe der Sch., entwickelt sich gleich¬
sam die Seele aus dem Leichnam 96 ).
Daher bei den Griechen Sch. = ^ü^t] 97 ).
Als Seelentier ist der Sch. bei den Alten
Symbol der Unsterblichkeit. Schwirrten
doch zur Sommerszeit an den blumen¬
geschmückten Grabstätten unmittelbar
vor den Toren der Städte Hunderte von
Abend- und Nachtfaltern, darunter der
schrill pfeifende Totenkopf 98 ). Die Seele
erschien den Alten entweder direkt unter
dem Bilde des Sch.s oder weiterhin unter
dem eines mit Sch.sflügeln ausgestatteten
Mädchens 99 ) (Märchen von Amor und
Psyche!). Bereits auf etruskischen Skara-
bäen des 5. Jh.s ist der Sch. das Bild
der Seele 10 °). Auf Gemmen und Sarko¬
phagen, auch über einem Totenschädel,
findet man ihn im Altertum allent¬
halben 101 ). Athene beseelt den Menschen
des Prometheus, indem sie einen Sch.
über seinen Kopf hält, und ebenfalls als
Sch. schwebt die entfliehende Seele über
dem auf dem Boden hingestreckten Leich¬
nam 102 ). Goethe hat die antike Auf¬
fassung vom Seelensch. im zweiten Teil
des „Faust“ verwertet, wo Mephisto die
Gestalt der Seele mit den Worten be¬
schreibt: Das ist das Seelchen, Psyche,
mit den Flügeln, die rupft ihr aus, so ist's
ein garst'ger Wurm 102 ).
Die Vorstellung des Seelensch.s I03 ),
die sich auch bei wilden Völkerschaften
findet lü4 ), hat sich durch das Mittelalter
bis in die neueste Zeit erhalten. Zuweilen
nimmt diese Vorstellung eine christliche
Färbung an. Die Entpuppung des Sch.s
liefert einen guten Vergleich mit der Lehre
von der Auferstehung; daher findet man
Sch.e hin und wieder auf Grabmälern der
Christen, doch dürfte dieser Brauch dem
heidnischen Altertum entlehnt sein 105 ).
Der weiße Sch. ist Sinnbild der Un¬
schuld lü6 ). In Irland hält man einen
weißen Sch. für die Seele eines sünden¬
reinen oder begnadigten Toten, der sich
auf dem Wege zum Paradies befindet:
sind die Flügel eines Sch.s gefleckt, so
ist die Seele zum Fegefeuer verurteilt,
doch muß sie noch eine Zeitlang auf Erden
zubringen 107 ). In der Haute-Bretagne
fliegt ein grauer Sch. aus dem Munde
eines Sterbenden, setzt sich ihm auf die
Brust, später auf den Sarg. Schließlich
fliegt er eine Zeitlang in der Umgebung
des Toten umher, um seine Sünden zu
büßen 108 ). Vgl. den sard. Namen (Säs-
sari) puzzone-peccatu „Sündenvogel“ 109 ).
Auch nach germanischem Glauben ver¬
läßt die Seele als Sch. den Schlafenden 110 ).
— In Dinan (Normandie) hält man den
Totenkopf für eine Seele aus dem Fege¬
feuer, deren Erlösung bevorsteht 111 ).
Derselbe Glaube herrscht in den Abruzzen
(Chieti), wo jeder weiße Nachtsch. „Seele
aus dem Fegefeuer“ ( almadidi lu purga-
1243
Schmetterling
1244
im
torie) U2 ) heißt. In Val d'Aosta und Deux-
Sevres hält man die Nachtsch.e, die um
die Lampe fliegen, für Seelen aus dem
Fegefeuer, die ihre Verwandten und
Freunde besuchen 113 ). In Rumänien
heißt der Kohlweißling sufletnl mortilor
,,Seele der Toten“, man darf ihn weder
fangen noch töten m ). Auch in Yorkshire
heißt ein Nachtsch. soul ,.Seele“, ebenso
franz. äme 115 ). Hieher gehörig ferner:
sard. (Sässari) spiritu „Geist“ 116 ), made-
gassisch lolo id. 117 ), eskim. torngaviak
(torngak) „böser Geist“ 118 ), engl, ghost-
moth „Geistermotte“ 119 ), tirol. und steir.
Schneider seele 120 ).
Auch Reste von Totemismus — in
Samoa verehrt man den Sch. als Gott m )
— finden sich in Sch.snamen. „Gro߬
mutter“ heißt der Sch. im Rätorom.
(Engadin): mammadonna 122 ) und im
Russischen: babocka (neben babuska) 123 ).
Vgl. auch schwed. käring-själ „Alt¬
weiberseele“ 124 ). Im irischen Volks¬
glauben heißt es ausdrücklich, die Sch.e
seien Ahnenseelen 125 ). Weiße Sch.e
(s. auch oben) sind meist Kinderseelen,
über dem von einer Hexe getöteten Kinde
schwebt ein schneeweißer Sch. als Seele
(Prozeß vom Jahre 1680) 126 ). In Ru¬
mänien verwandeln sich unschuldige Kin¬
der nach dem Tode in (weiße) Sch.e. Diese
dürfen nicht getötet werden 127 ). Fliegt
in Kalabrien ein Sch. um die Wiege eines
schlafenden Kindes, so heißt es, es sei
seine Seele 128 ). Es erscheinen aber nicht
nur Seelen der Verstorbenen in Sch.s¬
gestalt, auch die Ungebornen nehmen
eine solche an 129 ). So sagt man im Möll¬
tal in Kärnten: Damals bin ich noch den
Pfeif altern, d. h. Sch.n nachgeflogen, d. h.
ich war noch eine Seele, nicht auf der
Welt 130 ) (vgl. auch unter „Mücke“).
Der Seelensch. hat im himmlischen Elben¬
lande bei Holda und den Kinderseelen
seinen Sitz 131 ).
In diesem Zusammenhänge ist es be¬
greiflich, daß der Sch. bei wilden Völker¬
schaften auch als Mittel der Befruchtung
erscheint 132 ). Als ein Überbleibsel des
Glaubens der alten Iberer an die Seelen¬
wanderung faßt Edlinger 133 ) den merk¬
würdigen baskischen Sch.snamen astoaren
arima „Seele des Esels“ auf.
Die oben erwähnte Verchristlichung
der Vorstellung vom Seelensch. führte
schließlich zu der nahehegenden An¬
schauung von der Sch.sgestalt der Engel
(Italien, Frankreich). Als einen solchen
deutet man in Kalabrien einen Sch., der
um die Wiege eines Kindes fliegt 134 ).
Daher der ital.-dial. Name angaleddra
„Engelchen“ (Lecce) 135 ), franz.-dial. ange
(Norm.) 136 ), anjoulet (Landes) 136 ), bret.
ealik „Engelchen“ 136 ). Auch Dante be¬
zeichnet im „Paradies“ die Seele als
farfalla angelica.
96 ) ARw. 16, 383. 97 ) Riegler Tier 246.
98 ) Keller Antike Tierwelt 2, 437 f. 99 ) ARw.
16, 382. 10 °) ARw. 16, 384. ebenda.
102 ) ARw. 16. 385. 103) UrqU ell 4> l6o . Fra-
zer Golden bough 6, 164; 8, 290. 291. 296.
105 ) Knortz Insekten 137. 10 «) Sebillot Folk -
Lore 3 . 332 . 107 ) Knortz a. a. O. l08 ) Sebillot
a. a. O. 109 ) Garbini Antroponimie 468.
u0 ) Grimm Mythologie 3, 247. «*) Sebillot
op. cit. 3, 333. n 2 ) Garbini op. cit. 468;
Rolland Faune 13, 188. u3 ) Sebillot op. cit.
3 » 3 2 5 - 114 ) Marian Insectele 291; Hiecke
Tiernamen 140. 115 ) Rolland Faune 3, 315;
Riegler Tier 246. ne ) Garbini op. cit. 469.
117 ) Bibi, dell' Arch. rom. Serie II, vol. 3. 101.
118 ) Edlinger Tiernamen 96. 119 ) Rolland
Faune 13, 189. 12 °) Unger u. Khull Steir.
Wortsch. 551; Dalla Torre Tiernamen 136;
Wein köpf Naturgeschichte 136. 121 ) Frazer
Golden bough 8, 29, vgl. den irischen Sch.s¬
namen anaman-de „Gottesseele" (Grimm
Mythologie 3, 201). 122 ) Garbini op. cit. 472f.;
AnSpr. 149, 272. 123 ) a. a. O. 124 ) Grimm My¬
thologie 3, 201. 12 °) Bonnerjea Superstitions 50,
l26 ) Müller Hexenglaube 58. l27 ) Marian
Insectele 292. i 28 ) Knortz Insekten 137.
i 29 ) ZfVk. 4> 132. i 30 ) j? Kranzmayer
mündlich. Ähnlich ZfVk. 4, 132. 131 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 372. l32 ) ZfEthn. 41,
667 f. 133 ) Tiernamen 96. 1 34 ) Knortz In¬
sekten 137. 135 ) Bertoni Ital. Dial 52. 1 36 ) Rol¬
land Faune 3, 375.
4. Elbische Bedeutung. Eng mit
der animistischen Rolle des Sch.s hängt
seine elbische Bedeutung zusammen 137 ).
Nach deutschem Volksglauben sind die
Sch.e entweder gute Holden — sie ziehen
Feen wägen 138 ) — oder böse Dinger 139 ).
Letztere gehen aus der Vermischung der
Hexen mit dem Teufel hervor 140 ). Auch
kann nach Mannhardt 141 ) der Sch.
Teufelsepiphanie sein. Schon die Römer
nannten Abend- und Nachtfalter fauni ,
1245
Schmetterling
1246
d. i. Walddämonen 142 ). Noch jetzt finden
sich allenthalben Elbennamen zur Be¬
zeichnung von Sch.n, so Zünsler, Zie-
bold 143 ), Schweiz, doggeli (toggeli), land¬
mess er 144 ), schrätteli 145 ), schrdtl, schrat -
tele, schrettele 146 ), sarrätola (Noriglio) 147 );
Jolechetta (Aquila) 148 ), folietau, foul -
Ictau 149 ) (Planches-les-Mines) zu lat.
follis 150 ). Noch im 17. Jh. hielt man den
rötlichen Saft, den die Sch.e in den
Bäumen ansetzten, für das Blut der vom
Teufel verfolgten Schretlein 151 ). Auch
die Koboldnamen ital. farfarello, franz.
farfardet 152 ) hängen mit farfalla „Sch.“
(siehe oben) eng zusammen. Hieher ferner
Donnerkeil 153 ) als Bezeichnung eines
Elbengeschosses. Auch bei den Wenden
ist der Sch. Erscheinungsform des Ko¬
bolds 154 ). Zwerge verwandeln sich eben¬
falls gerne in Sch.e 155 ), ebenso Hexen
oder genauer ihre Seelen. 156 ). So heißt
der Zitronenfalter Hex in Münster 157 ).
Der Totenkopf in Rumänien strigä nopfii
„Nachthexe“ oder sufletul de strigoiü,
„Zaubererseele“ 158 ); im Schottischen ist
witch „Hexe“ Bezeichnung eines Nacht-
sch.s 159 ), im mod.-provenz. heißt der
Totenkopf masca 16 °), d. i. Zauberin. Im
Mecklenb. sind unter anderen Namen
Kätelflicker, Kätelböter 161 ) für den Sch.
üblich. Diese Wörter bedeuten eigent¬
lich „Hexenmeister“, wobei darauf hin¬
gewiesen sei, daß der Kessel Attribut der
Hexe ist. Im Rumänischen heißt der
Rübensaatpfeifer (butys margaritalis) stri-
goie? {strigoiü = Hexenmeister“,,), er ent¬
steht aus Leuten, die als strigoi gestorben
sind 162 ). Bei den Südslawen glaubt man,
in jeder Hexe hause ein höllischer Geist,
der sie zur Nachtzeit als Sch. verlasse.
Sieht man nachts einen Sch. ums Licht
schwirren, hält man ihn für eine Hexe,
fängt ihn, brennt ihm die Flügel am Licht
ab und beschwört ihn: Gevatterin, komme
morgen wieder, ich werde dir Salz ge¬
ben 163 ). Bei den Wenden des Spree¬
waldes gilt ein Nachtfalter, der sich zu¬
fällig ins Zimmer verirrt, als Hexe und
wird getötet 164 ). Nach Grimm 165 ) fährt
aus einer schlafenden Zauberin der Geist
in Gestalt eines Sch.s. Dasselbe berichtet
Sebillot 166 ) aus der Gegend von Menton
mit dem Zusatz, der Sch. sei schwarz und
fliege aus, um bösen Zauber [maleflces)
zu vollführen. Auf germanischem, ins¬
besondere auf niederdeutschem Gebiet
ist der Glaube sehr verbreitet, daß Hexen
in Sch.sgestalt Milch, Rahm, Butter
stehlen 167 ). Daher heißt der Sch. Milch¬
dieb 168 ), Milchstehler, Milchtrud, Milch¬
zauberin, Milchmahler, Molkendieb , Mol¬
kenteller, Molkenstehler, Molkentöfer
{töfer = Zauberer), molketewer 169 ),
Schmantlecker ( Schmant ~ Rahm) 17 °),
Schmetterling {Schmetten = Rahm), in
Oberfranken Schmeckerling 171 ). Auch
die Namen Schlinderling (Oberfranken),
Schmuckenstehler , Schweif alter lein (Ober¬
bayern) 172 ) scheinen ihren Anlaut von
Schmetterling bezogen zu haben. Am
häufigsten sind Zusammensetzungen mit
„Butter“. Schon altengl. ist der Name
des Nachtfalters nihtbuttorfleoge 173 )
„Nachtbutterfliege“, neuengl. butterfly.
Mecklenburg bietet bodderlicker, bodder-
flicker, boddervagel 174 ), aus den Nieder¬
landen 176 ) liegen vor botervlieg 175 ), boter-
vogel, botersnep, botervijver, boterkapel.
Deutlich bekunden den Hexenglauben
boterhex und boterwijf 177 ).
Eine rationelle Deutung der mit
„Butter“ zusammengesetzten Sch.snamen
gibt Öhl 178 ).
137 ) Grimm Mythologie 2, 834; Meyer Germ.
Myth. 120. l38 ) Sebillot Folk-Lore 2, 27.
l39 ) Schräder Reallex. 1024. l4 °) Hüser Bei¬
träge 2, 33. 141 ) Mannhardt Germ. Mythen
372. l42 ) Keller Antike Tierwelt 2, 439 -
143 ) Mannhardt op. cit. 372 f. l44 ) Laistner
Nebelsagen 341. 145 ) Rochholz 1, 347. l46 ) Gar¬
bini Antroponimie 471. 147 ) ebenda. 148 ) op.
cit. 468. 149 ) Rolland Faune 3, 3 * 4 - l50 )Meyer-
Lübke REWb. Nr. 3422. l51 ) Knortz In¬
sekten 136 f. 152 ) Sainean in ZfrPh. 31, 273;
Spitzer in AnSpr. Bd. 141, S. 148. 153 } Mann¬
hardt Germ. Mythen 715. l54 ) Veckenstedt
Sagen 413. l55 ) Meyer Germ. Myth. 127.
156 ) Grimm Mythologie 2, 905; Meyer Germ.
Myth. 113; ZfVk. 2, 179; ATradpop. 3, 320;
Schwebel Tod 125. 157 ) Leithaeuser Volks¬
tümliches 1/2, 31. l58 ) Marian Insectele 268;
WS. 7, 142. 159 ) Rolland Faune 3, 3 I 5 *
16 °) op. cit. 3, 230, 332. l61 ) Wossidlo Mecklen¬
burg 2, 463. 182 ) Hiecke Tiernamen 241.
163 ) Krauß Relig. Brauch 112. 164 ) Schulen¬
burg IVend. Volkstum 76, 161; Knortz In¬
sekten 137. 165 ) Grimm Mythologie 2, 905.
166 ) Sebillot Folk-Lore 3, 332. l67 ) WS. 7,
141; Mannhardt Germ. Mythen 54; Riegler
12 47
Schmetterling
1248
Tier 245; Edlinger Tiernamen 96; Leit-
haeuser Volkstümliches 1/2 131; Hüser Bei¬
träge 2, 33; Jahn Opfer gebrauche 348; From*
mann Mundarten 6, 77; Heinzerling Wirbel¬
lose Tiere n; Tobler Epiphanie 37; Wirth
Beiträge 4/5, 95; de Cock Volksgeloof 146;
Wossidlo Mecklenburg 2, 463; Güntert
Kalypso 224; Günther Rotwelsch 70; Kuhn
Westfalen 70. 168 ) Hess. Lippendaif — Ziegen-
(milch)dieb (Woeste Wb. 329). 169 ) DWb. 9,
1047. 17 °) Kluge Et.Wb. 104; Weigand-
Hirt 2, 749. l7i ) Kranzmayer WbK.
172 ) ders. 173 ) Zandt-Cortelyou Insekten 57.
I74 ) Wossidlo op. cit. 2, 424. l7S ) Vgl. anhalt.
butterfliee für den Kohlweißling (Wirth
Beiträge 4/5, 35). 176 ) de Cock op. cit. 145 f.
177 ) op. cit. 146. 178 ) MeyerGm?z. Myth. 133 f.;
Wuttke S. 273 § 402.
5. Krankheitsdämon, a) Alp. Der
Sch. hat als Krankheitsdämon hervor¬
ragende Bedeutung. Es ist naheliegend,
daß er als Alp erscheint, da einerseits
Hexen gern Sch.sgestalt annehmen (s.
oben), andererseits häufig die Schlafenden
„drücken", d. h. als Alp fungieren. Der
Glaube an den Alpsch. findet sich bei den
Deutschen, insbesondere in Tirol 179 ), im
Egerland 180 ), in der Schweiz 181 ). In ober- j
deutscher Mundart werden für „Alp¬
druck" und „Sch." dieselben Ausdrücke
gebraucht: Schrättcli , Toggeli 182 ). Ge¬
meingermanisch scheint der Glaube zu
sein, man könne den Alp mit bloßen
Gedanken aus Zorn oder Haß anderen
zuschicken; dann kriecht er als ein
kleiner weißer Sch. aus den zusammen¬
gewachsenen Augenbrauen der Menschen
hervor, fliegt und setzt sich auf die
Brust des Schlafenden 183 ). Auch
slawischen Stämmen ist der Alpsch. nicht
fremd. So erscheint in der Lausitz die
Murawa, ein weiblicher Alpdämon, bei
Tage, wenn es während des Sonnenscheines
regnet, als Sch. von aschgrauer Farbe 184 ).
Auch bezeichnet nach Liebrecht 185 )
mura den Alp und den Abendsch. Analog
bedeutet slow, veia „Sch.", „Hexe" und
„Alp" 186 ). Bei den Romanen (Italien,
Rumänien) finden sich auch Spuren des
Alpsch.s. In Pola und Dignano 187 ) be¬
zeichnet massarol (zu lat. mattea
„Keule") 188 ) den Sch. und zugleich
einen alperzeugenden Kobold. Bei den
Rumänen 189 ) erfährt das Alpmotiv eine
balkanmäßige Umbiegung in den Vam¬
pirismus. Hexe oder Hexenmeister
(sufletid de strigolü — Zauberseele; vgL
weiter oben) schleichen sich in das Herz
der Menschen und besonders der Kinder,
um ihr Blut zu saugen, bis sie sterben.
Ähnliches bei den Südslawen 19 °). Im
Baskischen bedeutet ingume sowohl „Sch."
wie auch „Alpdruck" 191 ).
b) Pest. Der Sch. gilt ferner als Ver¬
breiter der Pest. In Westfalen fliegt der
Pestsch. den Leuten an den Hals 192 ).
Nach Landtman 193 ) findet sich der
Glaube an den Pestsch. auch bei den
Schweden Finnlands. Bei den Rumänen
hat der Totenkopf den Namen baba
ciumei „Pestuhu" 194 ).
c) Fieber. Bei den alten Griechen galt
die Lichtmotte als Fieberbringer (wohl
deswegen, weil dieser Sch. zu einer Zeit
erscheint, da sich das Fieber besonders
bemerkbar macht). So heißt griech.
r^TrtaXoc „Fieber" und „Lichtmotte" 195 ).
Auch in Albanien 196 ), Rumänien und Li¬
tauen glaubt man an den Fiebersch.: ru-
män. friguri < lat. frigora 197 ), mazed.
hiavrä < lat. febris 198 ) „Fieber" und
„Sch/ 4 (Totenkopf) 199 ), ebenso vereint
lit. drugys beide Bedeutungen 200 ).
d) Hirntierchen. Der Sch. gehört
zu jenen „Hirntierchen", deren imagi¬
näres Vorhandensein im menschlichen
Gehirn Geistesstörungen hervorruft 201 ).
Im deutschen Aberglauben übernimmt
allerdings der Sch. diese Rolle nicht,
umso häufiger bei den Romanen. Die
franz. Redensart etre atteint de \a papillonne
läßt eine Sch.skrankheit vermuten, be¬
zeichnet aber nur „das Gefallen an der
Veränderung" (goüt du changement). Dü¬
stere Gedanken werden als papülons
noirs bezeichnet 802 ). Von borboleta „Sch."
bildet der Portugiese das Zeitwort borbo-
letear „phantasieren" 203 ), ähnlich heißt
rum. a se fluturd (von fiüture „Sch.")
„wahnsinnig werden" (fluturatic = wahn¬
sinnig"). Der Italiener sieht Sch.e umher¬
fliegen, wenn er von Schwindelerschei¬
nungen ergriffen wird 204 ). Auf derselben
Vorstellungsbasis beruht der Glaube der
Zigeuner, daß, wer zu Ostern einen Sch.
fliegen sieht, den ganzen Sommer hin¬
durch Tag für Tag einen Rausch haben
1249
Schmetterling
I2SO
wird 205 ). Hierbei sei an eine römische
Grabschrift der Kaiserzeit aus Anda¬
lusien (anth. epigr. 185) erinnert, die den
Erben den Auftrag gibt, ungemischten
Wein auf die Asche zu gießen, damit des
Verstorbenen Seele als trunkener Sch.
herumfliege: volitet mens ebrius papi-
lio 206 ).
e) Hautkrankheiten. Ein spezifisch
rumänischer Glaube ist es, der Staub ge¬
wisser Nachtsch.e erzeuge bei Berührung
mit der menschlichen Haut eine Art
Nesselausschlag, rote Flecke, die streiten
heißen, wie die Sch.e, die sie hervor-
rufen 207 ) (Vgl. spätgriech. ^a>pa „Krätze"
und „Nachtsch." 208 )). Die blauen Flecke
auf den Händen der Sterbenden heißen
im Rum. strelicii de moarte 2Ü9 ).
f) Verschiedenes. Gleichfalls rumän.
ist der Glaube, der Nachtfalter fliege den
Menschen in die Augen, um sie zu blen¬
den 210 ). Nach böhmischem Aberglauben
wird Augenschmerzen haben, wer im
Frühling zuerst einen roten Sch. sieht 211 ).
Leibschmerzen werden nach indianischem
Aberglauben durch einen gestreiften Sch.
verursacht. Der Patient wird homöo¬
pathisch geheilt, indem sein Körper mit
vier bis fünf aus Rehhaut geschnittenen
Nachbildungen des genannten Insekts
unter Absingung eines Sch.slieds massiert
wird 212 ).
179 ) Meyer Germ. Myth. 133 f.; Wuttke
S. 273 § 402. l8 °) Grüner Egerland No. 84;
Ranke Sagen 270. l81 ) Mannhardt Germ.
Mythen 372. 182 ) ebenda. l83 ) Grimm Kl.
Sehr, i, 477; Schräder Reallex. 1024; Gün¬
tert Kalypso 226. 184 ) Meiche Sagen 286;
Laistner Nebelsagen 336; Kühnau Sagen 3,
106. 185 ) Gervasius 76. l8e ) Grimm Mytho¬
logie 2, 905. l87 ) Garbini Antroponimie 468.
l88 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 5425. l89 ) Ma
rian Insectele 271. 19 °) Krauß Slav. Volk¬
forschung 424. m ) Rolland Faune 13, 200.
192 ) ZfdMda. 3, 348; ZfdMyth. 2, 83; Grimm
Mythologie 3, 348; Mannhardt Germ. Mythen
372; Kuhn Westfalen 1, 141 Nr. 148 c. 193 ) Folk-
diktning 7, 735. l94 ) Marian Insectele 263.
195 ) Güntert Kalypso 226 f. 196 ) op. cit. 227.
197 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 3515. l97 ) op.
cit. Nr. 3230. 199 ) Hiecke Tiernamen 184.
20 °) Edlinger Tiernamen 141. 201 ) Riegler
Tier 248. 202 ) Brissaud Express, popul. 266;
WS. 7, 133. 203 ) Riegler Tier 248. 204 ) Spitzer
Hunger 186. 205 ) SAfVk. 14, 270. 206 ) Keller
Antike Tierwelt 2, 490. 207 ) Marian Insectele
305; Hiecke 127. 208 ) Güntert Kalypso 227.
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
209 ) Marian a. a. O. 2l °) Marian Insectele
293 f. 2U ) Grohmann Aberglaube 85; Wuttke
S. 205 § 262; Knortz Insekten 137. 212 ) op.
cit. 141.
6. Orakeltier. Als Orakel spielt der
Sch. eine hervorragende Rolle. Deutlich
zeigt sich ein Dualismus in der Auf¬
fassung seines Angangs. Die Fälle von
guter und schlechter Bedeutung dürften
sich ungefähr die Waage halten.
a) Gutes Omen. Das gute auspicium
bezieht sich in der Regel auf Liebe oder
Geld. Der Anblick des ersten meist durch
seine Färbung spezifizierten Frühlings-
sch.s bedeutet Hochzeit 213 ) oder Ge¬
vatterschaft 214 ). Wenn in der Gegend
von Deslawen bei Jechnitz (Westböhmen)
der Jüngling den ersten Frühlingssch.
fängt, laufen ihm alle Mädchen nach 215 ).
Ähnliches wird aus Ungarn berichtet 216 ).
Die siidslavische Braut trägt in gewissen
Gegenden einen Sch. über der Stirne 217 )
(Vgl. weiter oben die erotische Bedeu¬
tung des Sch.s bei den Alten und einigen
wilden Völkern). —- Der erste weiße
Frühlingssch. bedeutet Glück in Geld¬
sachen 218 ). Vgl. florent. fortuna als
Bezeichnung eines kleinen weißen
Sch.s 319 ); ist er gelb, deutet er auf Gold,
wenn weiß, auf Silber (Vogesen) 220 ).
Will man immer Geld haben, schüttelt
man im Frühjahr beim Anblick des ersten
Sch.s die Geldtasche (Gegend von
Owinsk, Posen) 221 ). Wer in Böhmen Er¬
folg im Lottospiel haben will, fängt vor
Georgi einen weißen Sch. mit der Hand,
addiert zum Datum die Zahl der Flecken
und hat die ersehnte Glücksnummer 222 ).
Ein roter Sch. deutet auf eine hoffnungs-
frohe Zukunft (Sachsen) 223 ) oder auf ein
gutes Jahr (Anhalt) 224 ), so auch ein
gelber 225 ), während ein brauner auf eine
längere Lebensdauer hoffen läßt (Ober¬
öst.) 225 ). In Irland bringt ein Sch.,
der sich einem auf den Rock setzt, Se¬
gen 226 ).
Vielfach deutet der Sch. auf Neuig¬
keiten (Brief, Besuch) 227 ). Vgl. die
Namen franz. porte-nouvelle 228 ), nou -
veile, bonne nouvelle, port. boa nova,
prov. visito 229 ). — Die Färbung des
ersten Frühlingssch.s gibt den Mädchen
40
1251
Schmetterling
1252
einen Fingerzeig, in welche Farbe sie
sich während des ganzen Jahres kleiden
sollen (Neuengland) 230 ).
b) Böses Omen. Während im all¬
gemeinen hellgefärbte Sch.e Glück be¬
deuten, verkünden dunkel (grau, braun,
schwarz) gefärbte Unglück (Krankheit,
Seuche, Teuerung, Geldverlust ) 231 ). Aber
auch weiße und gelbe Sch.e können ein
böses Omen sein 232 ). Viele weiße Sch.e
auf einmal bedeuten Krieg 233 ), Teuerung,
Seuche 234 ). Im Kriegs- und Elendsjahr
1573 sollen sich in Belgien ungeheure
Massen von Sch.n gezeigt haben 235 ).
Vereinzelt steht der Glaube, daß, wer den
ersten Frühlingssch., den er erblickt,
erfaßt, im Laufe des Jahres Messer
finden werde 236 ). Mit diesem Aber¬
glauben hängt wohl die engl.-dial. Be¬
zeichnung cnt-throat ,, Kehlabschneider'*
für den Sch. zusammen 237 ).
Schon auf Gemmen des fünften vor¬
christlichen Jahrhunderts ist der Sch.
als Begleiter des Totenführers Hermes
dargestellt 238 ). Es ist begreiflich, daß die
Nachtfalter, namentlich der Totenkopf
(Acherontia atropos) im abergläubischen
Menschen die Vorstellung des Todes
erwecken. So heißt dieser Sch. bezeich¬
nenderweise auch Leichenvogel , Toten¬
vogel 239 ), Toteneulerl 239 ), Sterbevogel 239 )
(wegen der an einen Totenkopf erinnern¬
den Flecken am Halsschild). Vgl. auch
egerl. Tud (Tod) m ), ital.-dial. morte
(Reggio in Cal.) 241 ). Er setzt sich ans
Fenster und fliegt gern in die Kranken¬
zimmer. Pfeift oder stürzt er sich in ein
offenes Licht, bedeutet es Tod 242 ). Nicht
nur im schwarzen Sch. 243 ) erblickt man
einen Todesboten, sondern ebenso häufig
im weißen 244 ) oder (sehr selten) im
gelben 245 ). In England gelten drei zu¬
sammen fliegende Sch.e als Vorboten des
Todes 246 ). Im Westen von England muß
man den ersten Sch. des Jahres töten,
sonst hat man Unglück 247 ). Unter den
Tagfaltern gilt der Trauermantel als
Todesomen 248 ).
c) Wettervorhersage. Nach Plinius
kündigt das frühzeitige Erscheinen von
Zitronenfaltern ein baldiges Frühjahr
an 249 ). Ungeheure Massen von Sch.n
deuteten nach belgischem Aberglauben
auf Sturm (1562) 25 °). Ein gelber Sch.
bringt kaltes, ein weißer mildes Wetter
(Basse-Normandie, Haute-Bretagne) 251 ).
Nach Anhalter Aberglauben bedeutet
ein Sch. in der Stube schönes Wetter 252 ).
2l3 ) Andree Braunschweig 401; Wirth Bei¬
träge 4/5, 34; John Erzgebirge 240; Sebillot
Folk-Lore 3, 308. 2U ) Wuttke S. 205 § 282;
John a. a. O. 215 ) John Westböhmen 294.
2l6 ) ZfVk. 4, 400. 2l7 ) Krauß Sitte u. Brauch
444. 2l8 ) Wuttke S. 205 § 282 ; ZfdMyth. 3, 175 ;
Hopf Tierorakel 202; Knortz Insekten 137.
2l9 ) Garbini Antroponimie 468. 22 °) Sebillot
op. cit. 3, 324. 221 ) Knoop Tierwelt 45.
222 ) Knortz op. cit. 137. 223 ) ZfVk. 23, 260.
224 ) Wirth Beiträge 4/5, 34. 225 ) Baum¬
garten Heimat 1, 121. 220 ) Knortz op. cit.
140. 227 ) ZfVk. 11, 448; Sebillot op. cit.
3, 325 (Haute-Bretagne); Knortz op. cit. 140
(Neuengland). 228 ) Sebillot op. cit. 3, 325.
229 ) Rolland Faune 13, 207. 230 ) Knortz op.
cit. 140. 231 ) Sebillot Folk-Lore 3, 324 (Vallee
d’Aoste); John Erzgebirge 240; Wuttke
S. 205 § 282; ZfdMyth. 3, 175. 232 ) Wuttke
a. a. O.; SAfVk. 24, 64. 233 ) Wuttke a. a. O.;
Grohmann Aberglaube 85. 234 ) Köhler Voigt¬
land 390. Ähnliches in der Lausitz (Knortz
Insekten 137). 235 ) Hopf Tier orakel 202.
236 ) Rolland Faune 3, 316. 237 ) op. cit. 13, 188.
238 ) Höfler Organotherapie 112. 239 ) Schön¬
werth Oberpfalz I, 170 f. 240 ) ZföVk. 2, 329.
241 ) Garbini Antroponimie 470. 242 ) Schön¬
werth a. a. O.; Schwebel Tod 125; Hopf
a. a. O.; John Erzgebirge 113; Höhn Tod
Nr. 7, S. 308. 243 ) ZfVk. 2, 779; 23, 149; John
op. cit. 114, 240. 244 ) Haupt Lausitz 1, 194
Nr. 226; John op. cit. 114; Andree Braun¬
schweig 401; ZfVk. 23, 138; Wirth Beiträge
4 / 5 * 34 - 24S ) Baumgarten Heimat i r 121;
Gaßner Mettersdorf 80. 246 ) Henderson
Folk-Lore 48. 247 ) Wirth op. cit. 4/5, 34.
248 ) Bonnerjea Superstitions 50. 249 ) Hopf
Tierorakel 202. 25 °) ebenda. 251 ) Sebillot
Folk-Lore 3, 320. 252 ) Wirth Beiträge 4/5, 34.
7. Volksmedizin. In der Volks¬
medizin ist der Sch. ohne jegliche Be¬
deutung. Zerquetschte Sch.e gelten als
auf lösend 253 ). In Rumänien trinken die
Mädchen Sch.sschuppen, allerdings nicht
gegen eine Krankheit, sondern gegen das
Sitzenbleiben auf Tanzunterhaltungen 254 ).
2j3 ) Jühling Tiere 99. 254 ) Marian Insectele
294.
8. Sch. in Kinderreimen. Der Sch.
wird in vielen Kinderliedern angesungen,
die meist ein hohes Alter haben. Aus dem
14. Jahrhundert ist in einem englischen
Manuskript ein Bild erhalten, das einen
Knaben darstellt, der einen Sch. an
1253
Schmetterling
1254
einem Faden gefangen hält und auf¬
fliegen macht 255 ). Die alt mythische Be¬
deutung einiger dieser Kinderlieder ist
unverkennbar. Klar zutage liegt eine
animistische Auffassung in der Aufforde¬
rung an den Sch., Kinderseelen für die
gebärende Mutter zu kaufen: wanner
köpen wy en Kindje ? 256 ) (Vgl. weiter
oben Sch. als Vermittler der Empfängnis).
So erscheint der Sch. als Kinderbringer
in folgendem Reim:
Müller, Müller, Mahler,
die Jungens kosten ’n Taler,
die Mädchen kosten ’n Taubendreck,
die wirft man irit der Schaufel weg 257 ).
Auf den Sch. als Kinderbringer deutet
entfernt auch folgender in der Languedoc
übliche Reim 258 ):
Parpalhon, moun bon ami,
Parpalhon, marida-te.
Ounte te maridarai,
Aici ou alai ?
Vgl. den Sch. als Liebesorakel (6 a);
schon in spätgriechischer Zeit trat der
Sch. in Bezug zu Aphrodite, Eros und
selbst Priapus 259 ). In einem nieder¬
deutschen Reim verspricht das Kind dem
Sch., mit ihm nach Engclland zu fahren,
womit das Land der Engel, also das Jen¬
seits gemeint ist 26 °).
Diese Kinderreime haben auch eine
onomasiologische Bedeutung, denn bei
einigen Sch.snamen ist die Herkunft
aus Kinderreimen ohne weiteres ersicht¬
lich. So findet sard. faghe farina „mach"
Mehl“ (vgl. weiter oben) seine Erklärung
in dem Zusatz: si no ti occo ,,sonst bringe
ich dich um“ 261 ). Folgende dial. Namen
sind entstanden aus der Aufforderung
der Kinder an den Sch. zu fliegen:
sard. bola-bola (Sässari) 262 ), franz. vore-
bebe, vore-bebe, vou-bebe (Lure) 263 ) —• sich
auf die Erde herabzulassen: ital. bassa -
terra (Trentino) 264 ), ca-calore, cala-cala
(Capo Corso) 265 ), sard. cala-calögga (Cä-
gliari) 266 )) — sich zu setzen: span. (u.
sard.) mariposa ,,Maria, setze dich!“ 267 ).
Auch ndd. Sch.sreime beginnen mit der
Aufforderung: bottervagel, sätt dek 2es ).
Kätelböter (sommervogel), seit dy 289 ).
255 ) Mannhardt Germ. Mythen 369. 2o6 ) op.
cit. 373. 257 ) op. cit. 373f- 258 ) Sebillot Folk-
Lore 3, 329. 259 ) Keller Antike Tierwelt 2,
439 f 26O) Mannhardt op. cit. 373. 261 ) Gar¬
bini Zoologia popolare 74. 262 ) ders. Antro¬
ponimie 470. 263 ) Rolland Faune 3, 314.
264 ) Garbini op. cit. 470. 26ä ) ebenda. 266 ) eben¬
da. 267 ) Meyer-Lübke REWb. Nr. 6308;
Riegler Tier 246; AnSpr. 149 S. 77h 268 ) Kuhn
u. Schwartz 453 Nr. 396. 269 ) Müllenhoff
Sagen 509 Nr. 2; Kuhn Westfalen 2, 77 Nr. 235.
9. Vegetationsdämon. In West¬
falen und der Mark ist am Tage Petri
Stuhlfeier das Süntevugeljagen üblich.
Hierbei rufen die Kinder:
Riut, riut, Summervugel,
Sünte Peiter isse kummen,
Sünte Tippes (Matthias) will kummen.
Der Sommer- oder Sonnenvogel ist der
Kohlweißling 27 °). Nach Mannhardt 271 )
klopfen am Peterstag Schweinehirten
und Knaben an alle Türpfosten mit
Hämmern und sagen eine Beschwörungs¬
formel auf, die mit den Worten beginnt:
„Heraus, heraus, Sommervogel!“ und
den Zweck hat, den Winter zum Weichen
zu bringen und Ungeziefer zu vertreiben.
In dem in Hohenzollern-Hechingen nach
Verlauf einer Pestepidemie eingeführten
Brauch ist jedoch der Sommer vogel
kein Sch., sondern eine Taube 272 ).
27 °) Bronner Sitt* u. Art 114; Woeste
Mark 24. 271 ) Forschungen 133 f. 272 ) ebenda;
Sepp Religion 61.
Zusammenfassung. Die meisten
Sch.snamen, deren Zahl Legion ist, ent¬
stammen der Kindersprache und sind soge¬
nannte Bildwörter, d. h. das Kind ahmt
den optischen Eindruck des rhythmischen
P'lügelschlags durch Silbenreduplikation
nach (vgl. lat. papilio , wiener, päpler ),
Zahlreich sind die kindlichen Anreden
an den Sch., die dann häufig als Namen
geblieben sind, z. B. span, mariposa . Zu
allen Zeiten und bei allen Völkern ist der
Sch. Seelenepiphanie. Er verkörpert
tote Ahnen, Kinderseelen, Elben und
Hexen. Als Hexe stiehlt er Milch, Rahm,
Butter, was in vielen mundartl. Namen
zum Ausdruck kommt. Mit seiner
animistischen Bedeutung hängt seine
Rolle als Krankheitsdämon eng zu¬
sammen. Er erzeugt Alpdruck, sendet
Pest und Fieber und verwirrt die Ge¬
danken. Als Orakeltier kündet er bald
Gutes, bald Böses, je nach seiner Fär¬
bung und der Zeit seines Erscheinens
(Tag- und Nachtfalter). Riegler.
40 *
seiner
seine
zu¬
sammen.
1255
Schmied—Schmu ck
1256
Schmied s. Nachtrag.
Schmiele s. Gräser.
Schmuck.
1. Allgemeines. Erklärung. 2. Art und Ver¬
wendung. 3. Kopfschmuck u. a. 4. Hausschmuck.
1. Beim Sch. 1 ) hat man den eigent¬
lichen Sch., entstanden aus dem uralten
Trieb und Bedürfnis, sich zu schmücken,
von jenem zu unterscheiden, der erst im
Laufe der Kulturentwicklung aus einem
ursprünglichen Zaubermittel dazu ge¬
worden ist 2 ) oder noch heute in aber¬
gläubischem Sinne verwendet wird. Schon
früh ist eine Vermischung der Begriffe
Sch. und Zauberding eingetreten. Dies
beweist der Umstand, daß im Indischen
die Amulette mit demselben Wort wie
der Halssch. benannt werden und ähn¬
liche sprachliche Erscheinungen auch im
Griechischen zu treffen sind 3 ).
Durch das Tragen bestimmter, erst
später zu Schwachen gewordener Gegen¬
stände glaubte der einfache Mensch ent¬
weder seine eigene Kraft oder besondere
Eigenschaften zu erhöhen, z. B. die Stärke
des Bären oder die Schnelligkeit des Hir¬
sches zu erlangen, wenn er deren Zähne
trug 4 ). Meist aber handelt es sich beim
Sch. um einen Abwehrzauber. Neben
den abschreckenden Dingen, z. B. Krallen,
Hörnern u. a. sind besonders die an¬
lockenden, glänzenden Gegenstände, also
der eigentliche Sch., wichtig. Sie sollen
den Blick des feindlichen Wesens oder
Menschen auf sich ziehen und so vom
Träger selbst ablenken 5 ). Deshalb sind
bei manchen Völkern des Orients nament¬
lich die Frauen und Kinder mit Sch.
geradezu überladen 6 ), wobei allerdings
nicht übersehen werden darf, daß gerade
im Orient von Natur aus eine große Far¬
ben- und Sch.freude herrscht. Bei den
pennsylvanischen Deutschen begründet
man die Sitte, Kinder möglichst mit Sch.
zu behängen, damit, daß sie dadurch hoch¬
sinnig und reich werden sollen 7 ).
Andrerseits besteht der Glaube, daß
man sich gerade durch Sch.losigkeit
am besten vor Neid und Unheil schützt
(s. Kleid), wie dies auch an den schmuck¬
losen, äußeren Fassaden orientalischer
Häuser (s. u.) zum Ausdruck kommt 8 ).
Doch kommen hier auch sittliche und
religiöse Momente in Betracht, wenn etwa
bei den Israeliten jeder Sch. für die Ver¬
storbenen streng verpönt ist 9 ) oder wenn
bei den Mysterien zu Adania, bei den
arkadischen Mysterien und bei den Ka-
lathosprozessionen in Alexandria Sch.
verboten war 10 ), oder wenn nach christ¬
licher Auffassung der Teufel es ist, der
durch Sch. und Geschmeide die Menschen
und besonders die Weiber zu verlocken
sucht 11 ). Daß der Sch. etwas Gefähr¬
liches und Teuflisches sein kann, ist wohl
begründet, da die Vorliebe für Sch. und
Reichtum und der Besitz kostbarer Sch.-
sachen leicht Anlaß zu Verbrechen gibt.
Kriminal- und Detektivromane verwerten
gern das Motiv des fluchbeladenen Sch.s
(etwa Rubine, des „Teufels Tränen"),
der jedem Träger einen jähen, gewalt¬
samen Tod bringt 12 ).
Der Teufel als Schatzhüter hat seine
Vorläufer in den antiken Berg- und
Götterschmieden, z. B. dem eben¬
falls krummen Hephaistos, und den
Zwergen der deutschen Sage, welche
die kunstfertigen Hersteller von allerlei
Geschmeide sind 13 ) und von denen auch
meist der Sch. der Götter stammt. Wie
Athene die Aegis, so besitzt Freya (s. d.)
einen kostbaren Brustsch., welcher zer¬
springt, als sie vor Zorn schnaubt 14 ).
Im Aberglauben kommt es beim
Sch., wie beim Kleid (s. d.), auf den Stoff,
die Form, Farbe, Art und Herkunft,
sowie auch auf die Umstände der Ver¬
wendung an. Zuweilen spielt auch der
Zahlenglaube herein, so z. B. die Fünfzahl
bei einem um den Hals getragenen mau¬
rischen Frauensch., auf welchem eine
Silberplatte fünf buckelartige Erhöhungen
hat 15 ). Der Sch. wirkt aber nicht allein
passiv, sondern wird auch aktiv zu aber¬
gläubischen Handlungen gebraucht, so
besonders der Ring (s. d.), wenn man etwa
in Schottland, um die Milch zu schützen,
die Kuh durch den Trauring melkt 16 )
oder gegen Impotenz einen bestimmten
Wein zuerst durch den Ring laufen läßt,
dem man der Gattin am Hochzeitstage
gegeben hat 17 ). Allerdings ist hier bloß
die Gestalt und Herkunft des Sch.st ückes
1257
Schmuck
1258
maßgebend, nicht der Sch. als solcher.
Zuweilen werden Sch.Sachen wie Uhren,
Uhrketten, Ohrringe, Broschen, Arm¬
bänder, Halsketten u. a. an Stelle von
Ringen als Ehepfand geschenkt 18 ).
Die einzelnen Formen des Sch.es auf
den Mond und die Mondgottheiten zu¬
rückzuführen 19 ), ist ebenso einseitig wie
wenn man den Sch., wenn er auch im
allgemeinen besonders das weibliche Ge¬
schlecht kennzeichnet, als ein Sinnbild
des weiblichen Geschlechtsteiles
selbst hinstellt unter Hinweis darauf, daß
der Koran für vulva die Wörter „Sch."
und „Zierde" gebraucht oder daß in einem
neugriechischen Liede ein junges Mädchen
seine Geschmeide ausbreitet, sie öffnet
und schließt und die Sonne (Phallus)
auffordert, hervorzutreten, sie zu be¬
scheinen 20 ).
*) DWb. 9, ni2ff.;F. Hottenroth Handbuch
der deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 978;
Schräder Reallex. 728 ff.; Heckscher 252 ff.;
E. Bassermann-Jordan Der Schmuck (Leip¬
zig 1909) mit Lit. 129 ff.; K. Weule Leitfaden
der Völkerkunde (Leipzig u. Wien 1912) 120 ff.
2 ) Vgl. Wundt Mythus u. Religion 1, 141. 144.
295. 301. 308. 322. 3 ) Vgl. Schräder Reallex.
729. 4 ) Ebd. 5 ) Seligmann Blick 2, 229.
6 ) Ebd. 2, 234. 7 ) Fogel Pennsylvania 40 f.
Nr. 67 ff. 8 ) Seligmann Blick 1, 17. 225.
Vgl. 2, 222. 9 ) Höhn Tod Nr. 7, 321. 10 )Nilsson
Griech. Feste 339. 345. 351. ll ) Sieber Sachsen
88. Vgl. Goethes Faust. 12 ) Z. B. R. Fuchs-
Liska Springende Schatten. Kriminalroman
(Berlin 1920). 13 ) Heckscher 73. 331. 14 ) Vgl.
Grimm Myth. 1, 284; ZfdA. 30, 219; Meyer
Religgesch. 215. 15 ) Seligmann Blick 2, 177.
1S ) Ebd. 2, 231. 17 ) Ebd. 1, 328. 18 ) Bächtold
Hochzeit 1, 179 ff. 19 ) Siecke Götterattribute
237 ff. 20 ) Storfer Jungfr .-Mutterschaft 57.
2. Als Sch. und meist zugleich als
Amulett werden verwendet Gegen¬
stände aus edlen Metallen (s. bes. Gold),
Edelsteine (s. d.), die, wie der Rubin,
Amethyst und Saphir auch als Gegen¬
gifte dienen 21 ), unechte Steine und Glas,
ferner Perlen (s. d.), Korallen (s. d.),
Bernstein (s. d.), dann Pflanzen und vor
allem Blumen (s. d.), denen oft eine
besondere sinnbildliche Bedeutung zu¬
kommt, weiter Köpfe, Schädel, Felle,
Zähne — durchbohrte Tierzähne sind die
primitivste Art des Sch.s 22 ) —, Krallen 23 ),
Federn u. a. von Tieren, Muscheln (s. d.),
künstliche Nachbildungen von Tieren,
wie der ägyptische Skarabäus 24 ); und
künstlich hergestellte Dinge wie Ringe
(s. d.) und Ohrringe (s. d.), Fibeln und
Spangen, die in der ältesten germani¬
schen Zeit, besonders im Norden, das
wichtigste Sch.stück waren, Nadeln (s.
Haarnadel), Bänder, z. B. Armbänder,
Halsbänder, Uhrbänder, Ketten, z. B.
Halsketten und Uhrketten, Broschen,
Kämme und besonders Münzen 25 ) (s. d.),
endlich Nachbildungen menschlicher
Körperteile, z. B. des Auges 26 ), das auch
als Ornament auf Zaubermänteln er¬
scheint 27 ), des Gesichtes, das im Gor¬
gonentypus am wirksamsten hervortritt 28 ),
der Hände u. a. Dazu kommen die zu¬
gleich als Sch.sachen dienenden reli¬
giösen Zeichen, das schützende Kreuz
oder Madonnenbild am Halse, geweihte
Ketten und Medaillen, Rosenkränze, das
Agnus dei, womit die Kirche die alt¬
römischen Bullen ersetzte 29 ) u. a.
Diese Sch.sachen werden entweder am
bloßen Körper, der selbst durch Täto¬
wierung (s. d.) verziert und geschützt
sein kann, getragen oder in den Haaren,
am Hals, an der Brust, in den Ohren, am
Arm, an den Fingern, am Hut (s. d.) und
anderen Kleidungsstücken, unter welchen
bei der weiblichen Volkstracht besonders
Mieder und Brustlatz bevorzugt werden 30 ).
Die Kleidung selbst ist vom Sch. oft
scharf getrennt 31 ), ist aber dann, wenn
sie als bloßer Sch. empfunden wird, der
Mode unterworfen, während der kost¬
bare Sch. aus Edelmetallen, Edelsteinen
u. a. der Mode wenig unterliegt, da er
meist von fast unbegrenzter Dauer ist
und nur schwer beschafft werden kann 32 ).
Schutz- und Abwehrmittel sind vor¬
nehmlich alle Arten von Anhängsel
an Bändern und Ketten, so auch viele
der seit dem 18. Jh. üblich gewordenen
Berlocken (franz. breloques) oder Zier¬
gehänge am Uhrband oder an der Uhr¬
kette. Als Glückszeichen sind vor
allem vierblättrige Kleeblätter aus Gold
oder Silber beliebt, die von weiblichen
Personen auch am Armband oder an der
Halskette getragen werden. Sehr häufig
sind Anhängsel im katholischen Süd¬
deutschland, wo vielfach die Erinnerung
1259
Schmuck
I2ÖO
an ihre ursprüngliche Bedeutung verloren
gegangen ist. In Bayern sind silberne
Feigen, d. s. Hände mit dem Daumen
zwischen dem Zeige- und Mittelfinger,
die an Uhrketten, Miederschnüren und
selbst Rosenkränzen oder auch an langen
Haarnadeln getragen werden, nicht selten.
Sie bilden zuweilen das Werbegeschenk
des Burschen an das Mädchen. Bei An¬
nahme der Werbung schenkt dieses dem
Burschen ein silbernes Herz, das er an der
Uhrkette trägt 33 ). Weitere Anhängsel
sind geweihte Münzen, Medaillen, Kreuze,
wie etwa das Benediktuskreuz oder der
Benediktuspfennig, dann silberne Nepo¬
mukszungen 34 ), Wolfgangshacken, Se-
bastianspfeüe, Notburgasicheln 35 ), aller¬
lei herzförmige Amulette 36 ); eiserne,
kupferne und silberne Ringe, die man
gegen Fallsucht, Fieber und Gicht nicht
allein an den Fingern, sondern auch an
der Brust trägt, ferner zur Abwehr der
Trud und der Hexen Trudenmesser, die
früher von den Frauen am Gürtel ge¬
tragen wurden 37 ); dann kleine Toten¬
köpfe aus Silber, verschiedene Steine,
wie die Blutsteine (Hämatit, Jaspis,
Heliotrop) und Schrecksteine (Serpen¬
tin, Bergkristall), Augensteine (Achate),
Adler- oder Klapper steine, die an die
lärmenden Crepundia und Glöckchen er¬
innern, welche die Römer als Anhängsel
trugen 38 ), endlich Korallen, Muscheln,
Tierknochen, Tiernachbildungen wie
Fischchen, Schweinchen 30 ) u. a. Die
männliche Bevölkerung von Oberbayern
schmückt sich mit Vorliebe mit dem in
Silber gefaßten „Maderboanl“, dem Penis¬
knochen eines Marders oder Iltisses, womit
man die männliche Kraft zu erhöhen ver¬
meint. Weitere Anhängsel sind die
„Schergrebeln“ genannten Maulwurfs¬
pfoten und Zähne von verschiedenen
Tieren, von welchen besonders die „Hirsch-
granln“ Glück bei der Jagd bringen
sollen Oft sind mehrere dieser Stücke
an den sogenannten „Fraisbeten“ aufge¬
reiht 41 ). Im südlichen Böhmerwald
werden häufig silberne Pferde als An¬
hängsel an den Uhrketten, besonders von
Fleischhauern und Viehhändlern, ge¬
tragen 42 ).
2l ) Vgl. L. Lew in Die Gifte in der Welt¬
geschichte (Berlin 1920) 46. 22 ) Müller Alter-
tumsk. 1, 38. 151; Schräder Reallex. 729.
23 ) Vgl. Seligmann Blick 2, 142. 24 ) Vgl.
E. Bassermann -Jordan Der Schmuck (Leip¬
zig 1909) 15- 25 ) Vgl. N. Zegga Die Münze
als Schmuck, WZfVk. 30 (1925), 40ff. 26 ) Selig¬
mann Blick 2, 144Ä. 27 ) Wundt Mythus u.
Religion i, io6f. 28 ) Seligmann Blick 2, 307.
29 ) Ebd. 2, 232. 30 ) Vgl. K. Spieß Die deut¬
schen Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig
1911) 22. 25. 31 ) Schurtz Tracht 7. 32 ) Ebd.
971 * 33 ) Andree-Eysn Volkskundliches 118ff.
34 ) Ebd. i26£f. 35 ) Ebd. 133. 38 ) Ebd. 134f.
37 ) Ebd. 136L 38 ) Vgl. Seligmann Blick
2, 100. 166. 272. 274t. 39 ) Andree-Eysn
a. a. O. 138E. 49 ) Ebd. 142ff. 41 ) Ebd. i 44 fL
42 ) Verf.
3. Besonders wichtig ist der Kopf¬
schmuck, weil der Kopf und seine Be¬
deckung (s. Hut) der höchste und sicht¬
barste Teil des Körpers und der Klei¬
dung ist, von dem aus daher der Ab¬
wehrzauber am besten möglich ist, der
aber auch zuerst geschützt werden
muß. Dieser Sch. ist bei Naturvölkern
hauptsächlich ein Haarschmuck, bei
Kulturvölkern vorwiegend ein Hut¬
schmuck.
An den Haaren, aber auch an der
Kopfbedeckung werden als Schutz- und
Abwehrmittel, meist gegen den bösenBlick,
bei verschiedenen Völkern Münzen ge¬
tragen 43 ), dann Edelsteine, so bei den
Persern Türkise, in einen Ring gefaßt,
mit drei Perlen und einer Pfauenfeder in
einer Stimbinde, gegen Pocken oder
Masern u ), ferner Korallen 45 ), Früchte,
Wurzeln und Kräuter 46 ), Maulwurfs¬
pfoten 47 ), Vögel —* auf der Insel Banda
(Molukken) tragen die Krieger den Para¬
diesvogel als Kopfsch. 48 ) —, weiter Hörner
und hornartige Dinge 49 ), künstliche
kleine Hände aus verschiedenem Stoff 50 ),
farbige, glänzende Bänder 51 ), blaue
Knöpfe, welche die persischen Kinder im
Haare tragen 52 ) und allerlei andere
Amulette 53 ). In diesem Zusammen¬
hang ist auch auf die Masken (s. d.) zu
verweisen.
Der Hut wird nicht allein mit bunten
Bändern und Blumen, namentlich bei
festlichen Anlässen, bei der Musterung,
bei Hochzeiten usw., geschmückt 54 ),
sondern auch, wie es vor allem der Süd-
1261
Schmuck
1262
deutsche liebt, mit den Federn und
Haaren erlegter Tiere, aber auch mit deren
von Natur aus abwehrenden und schrek-
kenden Zähnen und Krallen. Der in den
Alpen so beliebte, aus den Rückenhaaren
der Gemse gemachte Gemsbart, mitunter
durch einen Dachsbart ersetzt, macht
den Träger kräftig und gewandt, die
Klaue der Gemse wird, in Ringe gefaßt,
gegen Schwäche und Kraftlosigkeit im
Alter getragen 55 ). Ähnlich dienen Hörner
als Schreckmittel, so in Frankreich an der
Hutschnur getragene Köpfe des Hirsch¬
käfers mit seinen Hörnern oder am Kopf
getragene Antilopenhörner in Afrika,
Widderköpfe und Stierköpfe an Bau¬
werken u. a. 56 ). Auch der Federschmuck
am Hute war ursprünglich wohl mehr
Zaubermittel als Sch. Aus dem Umstand,
daß einzelne Federn, z. B. Hahnenfedern,
Ähnlichkeit mit der Mondsichel haben, ;
auf einen Mondmythus zu schließen 57 ), !
geht aber zu weit.
Schutz und Abwehr bezweckt ur¬
sprünglich auch der Kopfputz der
Braut, die in den Alpen hie und da noch
mit einem roten Haar-, Zopf- oder Stirn¬
band geschmückt ist. Im Gailtale tragen
auch die Männer bei Hochzeiten neben den
künstlichen Blumensträußen ein blutrotes
Band am oberen Hutrande 58 ). Dagegen
scheint die oft riesige Brautkrone (s. d.),
der die Totenkrone (s. d.) zur Seite steht,
sich aus dem jungfräulichen Kranz ent¬
wickelt zu haben und mehr Sinnbild der
jungfräulichen Reinheit zu sein 59 ). Das
Wort Flitterbraut findet sich als Name
eines Gespenstes in Brotterode 60 ). Es
stammt von dem mit Flittergold reich ver¬
zierten Kopfputz der Bräute. Auch in
Indien dient neben echtem Gold Blatt¬
gold oder Goldpapier als schützender
Kopfschmuck 61 ).
Die gleichen Sch.Sachen wie am Kopf
oder Hut werden meist auch am Hals¬
band oder an Halsketten getragen,
so Münzen und Medaillen 62 ), Steine,
Korallen, Schnecken 63 ) und andere Tiere
und Tierbilder 64 ), menschliche und tieri¬
sche Körperteile 65 ), auf antiken Hals¬
bändern z. B. Hahnenköpfe 66 ), Pflanzen
und Kräuter 67 ) und sonstige Sch.dinge 68 ).
Zum Halsschmuck gehören ferner die
Broschen, deren Form und Gestalt
(Spinnen, Sterne u. a.) sie meist als
Glückszeichen erkennen läßt. Im süd¬
lichen Böhmerwald und Oberösterreich
werden von Frauen oft große Silber¬
münzen als Broschen getragen 69 ). Von
den an den Armbändern getragenen
Amuletten 70 ) sind besonders merkwürdig
die aus blauem Glas, welche junge Mäd¬
chen in Griechenland tragen. Denn sie
sollen zerbrechen, w r enn jemand ihre
Trägerinnen mit bösem Blick ansieht 71 ).
Auch bei den Haustieren soll der
Sch. ursprünglich Böses abwehren. Dies
bezw 7 eckt das Dachsfell, welches man in
Baden und in der Schweiz am Kummet
befestigt 72 ), was auch im Böhmerwald
geschieht, wo daneben meist noch ein
Stück roten Wollstoffes und Messing¬
plättchen angebracht sind 73 ). Der
im Berchtesgadner Land beim herbst¬
lichen Abtrieb von der Alm übliche reiche
Sch. der Tiere, von welchen die wert¬
volleren Larven tragen 74 ), dient eben¬
falls zum Schutz und zur Abwehr.
Magische Bedeutung hatte früher auch
der Sch. der Waffen, besonders der
Verteidigungswaffen (Helm, Panzer,
Schild), ferner ist noch zu erwähnen der
Sch. an Schiffen und Wagen, bei Ge¬
fäßen, z. B. Vasen, beim Hausgerät
u. a. 75 ).
43 ) Seligmann Blick 2, 2of. 44 ) Ebd. 31.
45 ) Ebd. 33. 46 ) Ebd. 53. 69f. 84. 47 ) Ebd. 126.
48 ) Ebd. 129. 49 ) Ebd. 137. 50 ) Ebd. 176. 51 ) Ebd.
243. 52 ) Ebd. 247. 53 ) Ebd. 303 f. 54 } Vgl.
Heckscher 266f. 55 ) Andree-Eysn Volks¬
kundliches 142 f. 56 ) Seligmann Blick 2,
1130. 130. 57 ) Siecke Götterattrihute 209.
58 ) Geramb Brauchtum 121. 59 ) Vgl. Spieß
a. a. O. 27f. 35Ü-, bes. 38t. 60 ) Wucke Werra
53 Nr. 101. 61 ) Seligmann Blick 2, 7. €2 ) Ebd.
2, 20f. 63 ) Ebd. 26ff. 64 ) Ebd. ii2ff. 65 ) Ebd.
i36ff. 66 ) Ebd. 120. 67 ) Ebd. 5off. 68 ) Ebd.
232ff. 69 ) Verf. 70 ) Seligmann Blick 2, 30.
32. 176. 71 ) Ebd. 1, 268. 72 ) Ebd. 2, 114. 73 ) Verf.
74 ) Andree-Eysn a. a. O. I92ff. 75 ) Vgl.
Seligmann Blick 2, 312.
4. Auch der Hausschmuck, den man
im Orient oft absichtlich unterläßt, weil
schöne Häuser, wie auch schön gekleidete
Menschen, eher vom bösen Blick und Neid
bedroht sind 76 ), war ursprünglich viel¬
fach mit Aberglauben verbunden und
126
Schmutz—schnalzen
1264
ist es zum Teil noch heute. Ein Abwehr¬
zauber liegt vor, wenn die Hausbe¬
malung mit Blut ausgeführt wird, wofür
später meist rote Farbe eingetreten ist 77 ).
Im Böhmerwald und in Westböhmen
geschah das Ausmalen der Stubenwände
noch in neuerer Zeit in der Weise, daß
der Bauer nach dem Weißen der Wände
mit seinen in Tierblut getauchten fünf
Fingern daran Verzierungen anbrachte 78 ).
Magischen Zwecken dienen die Pferde¬
köpfe am Giebel des Hauses, die in
Schleswig-Holstein zuweilen auch an die
Wand des Hauses gemalt oder, wie um
Bremen, Verden und in Oldenburg, über
dem Herde angebracht werden 79 ). Viel¬
fach ist es noch Brauch, erlegtes Raub¬
wild, besonders Vögel, im Hause an den
Türen anzunageln oder im Stalle aufzu¬
hängen, doch wird dies in neuerer Zeit
mehr aus Ehrgeiz und Jägerstolz getan,
besonders im Norden, wo man das Haus
auf diese Weise mit Raubtierköpfen
und besonders mit Renntiergeweihen
schmückt ®°). Doch spielt sicher auch
heute noch dabei der Gedanke mit, daß
dies Glück bringe, was z. B. die Biadju
auf Borneo sagen, wenn sie die Giebel
ihrer Häuser mit Bildern des Rhinozeros¬
vogels aus Holz schmücken 81 ). Die ur¬
sprüngliche Bedeutung des Wetter¬
hahnes (s. d.) auf dem Dache der Häuser
oder auf dem Kirchturme ist heute dem
Volke unbekannt, wie auch mancher
andere Sch. an und in den Kirchen mit
der Zeit unverständlich geworden ist.
Dasselbe ist der Fall beim Hausschmuck
mit Blumen u. a. bei festlichen Anlässen 82 ).
Vom Innenschmuck kommt in katho¬
lischen Gegenden dem Sch. des Tisch¬
winkels der Stube, der gewöhnlich „Herr¬
gottwinkel“ heißt, besondere Bedeutung
zu, namentlich der Heilig-Geist-
Taube, die aber nicht allein im katholi¬
schen Süddeutschland daheim ist, sondern
sich vereinzelt auch im protestantischen
Norden und sogar bei den Griechen in
Kairo findet. Sie dient ursprünglich und
zum Teil noch heute zum Schutz und zur
Abwehr, ebenso wie das meist,,Unruh“ ge¬
nannte zierliche Deckengehänge, das stille
steht, wenn eine Hexe die Stube betritt 83 ).
76 ) Seligmann Blick 1, 17. 225. Vgl. 2, 222.
77 ) Heckscher 247. 478. 78 ) Verf. 7e ) Selig¬
mann Blick 2, 129. 80 ) Heckscher 389t.
81 ) Seligmann Blick 2, 114. 82 ) Heckscher
177. 83 ) Andree-Eysn Volkskundliches 78ff.
Jungbauer.
Schmutz s. Kehricht, rein.
Schnake s. Mücke 6, 596.
schnalzen. 1. S. mit der Zunge, im
Verkehr des Menschen mit seinen Haus¬
tieren als Verständigungsmittel benützt i ),
kommt in primitiven wie entwickelteren
Religionen auch der Gottheit gegenüber
zur Anwendung, um diese herbeizurufen
oder gnädig zu stimmen 2 ). Bei einzelnen
Völkern dient Lippensch. zur Heilung
von Kranken oder Kräftigung von Kin¬
dern 3 ).
Nach deutschem Aberglauben soll man
es unterlassen, beim Einherbrausen der
wilden Jagd mit Schreien und Sch. sich in
den Lärm einzumischen 4 ).
*) Sittl Gebärden 223. 2 ) Heiler Gebet
(1918) 36; Dieterich Mithrasliturgie 7. 9. 33.
40; Th. Hopfner Offenbarungszauber (1921)
201 f. §780; Pauly-Wissowa 11, 2, 2151.
Von den alten Griechen wurde es namentlich
beim Blitzen geübt (Aristophanes Wespen
626 sagt Zeus: xav etaxpe«»iuo, zonzüCou^tv).
S. auch Franz Benediktionen 2,38 und oben 3,
358. 3 ) Boeder £Ä5/e« 53. 4 )Freisauff Salz¬
burg 152.
2. Schnalzt es, wie wenn die Reifen der
Eimer und Scheffel absprängen oder ein
Brett sich spaltete, so gilt dies als Todes¬
vorzeichen 5 ).
5 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 263.
3. Gemeinschaftliches Sch. mit der
Peitsche (s. d.) ist ein namentlich im
Süden des deutschen Gebietes zu be¬
stimmten Zeiten geübter Brauch (Fa-
schingssch. 6 ), Fastensch. 7 ), Pfingstsch. 8 ),
Sonnwendklöcken 9 )), welcher zwar
mancherorts nur noch als reine Kraft-
und Geschicklichkeitsübungr betrieben
und Geschicklichkeitsübung betrieben
wird 10 ), vielfach jedoch noch als ein
Mittel zur Hexenvertreibung gilt u ): so¬
weit es nämlich gehört wird, haben die
Hexen keine Macht über Menschen, Tiere
und Frucht 12 ).
Auch die Wildfrauen werden durch
Peitschensch. vertrieben 13 ). Mutter¬
gottesbilder siedeln um, wenn die Hirten¬
knaben ungebärdig sch. und johlen 14 ).
Mutter-
1265
Schnaps—Schnecke
1266
Seinem Zorn über Gottes Fügung soll
man nicht durch Peitschensch. Luft
machen 15 ).
Mit einer langen Peitsche schnalzt der
Nachtjäger 16 ). Teuflisches Peitschensch.
kann man nachts beim Kreisstehen ver¬
nehmen 17 ) sowie an Orten, wo tagsüber
die Fuhrleute geflucht und auf die Pferde
eingehauen hatten 18 ).
6 ) TirHmtbll. 9 (1931), 65H.; Th. Kürzl '5 Fa-
schingsch. = Der Arbeiter-Trachtler Jg. 8,
Kr. 2 S. 2 f. 7 ) Hager An der Herdflamme der
Heimat (1927) 155 f. 8 ) Ethnolog. Mitt. aus
Ungarn 5 (1896), 21; M. Haberland Deutsch¬
österreich (1927) 254. 278; A. Wackwitz Die
deutsche Sprachinsel Anhalt-Gatsch (1932) 282 f.;
H. Koren Volksbrauch im Kirchenjahr (1934)
141; G. Gräber Volksleben in Kärnten (Graz
1934) 2 73 - 9 ) Adrian Salzburg 152; M.
Haberland Deutschösterreich 308; Bron-
ner Sitt ' und Art 24. 10 ) Haberland
Deutschösterreich 304. u ) ZföVk. 2, 195;
3, 113 (Böhmen); John Westböhmen 2 71;
Schönwerth Oberpfalz 1, 317. 12 ) Das Wald¬
viertel 3. Band: Volkskunde hsg. von E. Stephan
(Wien o. J.) 68; Calliano Niederösterr . Sagen¬
schatz 3, 152. 13 ) Andrian Altaussee 142;
Fritz Langer Radmer (— Steirisch Land und
Leute Bd. 2) (Eisenerz 1924) 134. 14 ) Depiny
Oberösterr. Sagenbuch S. 341 Nr. 156. 15 ) Ebd.
S. 286 Nr. 403 (Ein Bauer hatte vor einem
Kreuzstöckl um guten Markt gebeten; nach
schlechten Geschäften schnalzt er bei der Heim¬
fahrt vor dem Stöckl und wird dafür vom Teufel
in einen Hund verwandelt). 16 ) Karasek-
Lück Die deutschen Siedlungen in Wolhynien
(1931) 74. 17 ) Depiny Oberösterr. Sagenbuch
S. 195 Nr. 214. 18 ) Ebd. S. 299 Nr. 491. 495
und S. 300 Nr. 497. Seemann.
Schnaps s. Branntwein.
schnarchen s. Nachtrag.
Schnecke.
1. Biologisches. Man glaubte, daß
die Schnecken bei großer Feuchtigkeit
und Wärme aus Lehm oder faulem Gras
entstehen (lat. Umax stellte man zu
limtts) und daß sie Erde fressen. Weiter
glaubte man, daß sie fast vollständig
zerfließe, wenn man sie mit Salz bestreut 1 ).
Alt und sehr verbreitet ist die Ansicht,
daß die Sch. in ihrem Kopf ein Steinchen
berge, das magische Kraft besitze und
verschiedene Krankheiten heile 2 ). Es
verleiht dem, der es unter der Zunge trägt,
die Gabe wahrzusagen, allerdings nur
während des ersten und letzten Mond¬
viertels. Der Stein zerfällt nicht im
Feuer 3 ).
*) Megenberg Buch der Natur 257. 262.
2 ) Keller Antike Tierwelt 2, 522; R. Cysat
27; J ühling Tiere 165; Höhn Volksheilkunde
116. 3 ) Megenberg ib. 380.
2. Volksmedizinisches. In allen
deutschen Landschaften verwendet man
den Sch.n schleim — besonders von
schwarzen Sch.n — zur Vertreibung von
Warzen und Hühneraugen, wobei man
vielfach gewisse Zeiten beobachtet 4 ) oder
zauberische Maßnahmen damit verbindet.
So steckt man die Schnecke, mit der
man die Warzen bestrichen hat, uralter
Gepflogenheit folgend, auf einen Wei߬
dorn: so wie die Sch. verdorrt, sollen auch
die Warzen vertrocknen und abfallen 5 ).
Anderswo vergräbt man die Sch. nach
dem Bestreichen — wie sie verfault, so
werden die Warzen verschwinden 6 ) —
oder man läßt sie zwischen zwei Steinen 7 )
oder im Rauch 8 ) umkommen. Vielfach
bestreut man die Sch. vor dem Bestreichen
mit Salz 9 ). Es wird auch empfohlen,
in den drei höchsten Namen ein Kreuz
über die Warze zu schneiden, dann mit
einer vorher getöteten Wegschnecke
wiederum im Namen der heiligsten Drei¬
faltigkeit, dreimal darüberzustreichen,
dann die Schnecke hinter sich zu werfen,
ohne sich dabei umzusehen 10 ). Sehr
altertümlich mutet auch folgendes Ver¬
fahren an: „Man hebt vor Sonnenauf¬
gang eine schwarze Schnecke mit der
mit einem Handschuh bekleideten Hand
aus dem Tau auf, fährt damit im Namen
Gottes über die betreffenden Stellen
und legt das Tier genau wieder auf
die gleiche Stelle“ 11 ). Gegen Hühneraugen
legt man auch schwarze Schnecken in
die Schuhe 12 ). Nach schlesischem Brauch
soll man vor Sonnenuntergang schwarze
Sch.n sammeln, in einen Topf mit Salz
werfen, den Topf neun Tage lang unter
der Erde vergraben halten und dann in
einem Glase an der Sonne das Sch.nöl
destillieren 13 ). Auch Sommersprossen
und Leberflecke vertreibt man durch
Bestreichen mit einer schwarzen Sch. 14 ),
ebenso Muttermale 15 ) und Kröpfe 16 ).
Zerquetschte Weinbergsch.n oder schwarze
I 2 Ö 7
Schnecke
Schnecke
1270
1268
(rote) Erdsch.n legt man auf Pestbeulen 17 ),
Brandwunden und entzündete Stellen
auf 18 ), ferner auf Blattern 19 ). Schaum
von in Wasser gekochten frischen Sch.n
vertreibt Fisteln 20 ), und Pulver von
gebrannten und zerstoßenen Sch.n-
häusem ist gut gegen den Wolf (Haut¬
ausschlag am After) 21 ). Sehr verbreitet
ist die Verwendung des Sch.nzuckers
(Sch. mit Zucker gekocht) gegen Keuch¬
husten 22 ) und Schwindsucht 23 ). Auch
Dekokte ohne Zucker 24 ) und Einrei¬
bungen mit dem Fett gekochter Sch.n 25 )
helfen gegen Schwindsucht. Eine große
Rolle spielen die Sch.n als Heilmittel gegen
Augenleiden 26 ) Nasenbluten 27 ), Hals¬
schmerzen 28 ), Kopfweh 29 ), Fieber 30 ),
Zahnschmerzen 31 ), Leberleiden 32 ), Milz¬
stechen 33 ), Durchfall 34 ), Wassersucht 35 ),
Auszehrung 36 ), Magenschmerzen 37 ), Ge¬
bärmutterleiden 38 ), in Pulverform gegen
Gelbsucht 39 ), Harnstrenge 40 ) und nässen¬
de Wunden 403 ).
Einen Bruch heilt man durch Auflegen
einer roten Wegsch. 41 ), mittelst Sch.n-
schmalz 42 ) oder durch folgendes Ver¬
fahren: „Drei schwarzen Sch.n schneide
die Augen von den Hörnern herunter,
gib sie in 1 / 2 Maßl Branntwein und laß
das Ganze neun Tage und Nächte stehen.
In der neunten Nacht, genau zur Mitter¬
nachtsstunde, trink ungefähr den dritten
Teil aus. In der folgenden Nacht trink
das zweite Drittel und in der dritten den
Rest“ 43 ). Das Schmalz der roten Sch.n 44 )
und das durch Ansetzen von Sch.n ge¬
wonnene öl 45 ) heilt Lahmheit und ge¬
quetschte Glieder. Gegen Gicht und
Rheumatismus legt man zerquetschte
Sch.n auf 46 ).— Damit der Wurm am
Finger aufspringe, „laß in deiner Hand
eine schwarze Sch. sterben und fasse mit
derselben des Patienten Finger“ 47 ).
Anderswo zerstößt man Sch.nhäuser,
Glas und Knoblauch und legt das Ganze
auf 48 ). Gegen Fallsucht werden pulve¬
risierte Sch.nhäuschen in Milch einge¬
nommen 49 ). Nach Megenberg 50 ) besitzt
das Blut der Sch. die Fähigkeit, die
Schweißporen zu verstopfen. Wenn man
es auf die Haut streicht, verhindert es dort
dauernd das Hervorwachsen von Haaren.
Interessant sind einige Fälle von Sym¬
pathiezauber: „Wenn man eine
schwarze Sch. in der geschlossenen Faust
absterben läßt, vergeht der lästige Schweiß
der Hände“ 51 ). „Wenn du nimmst den
rechten Fuß einer Sch. und hängst
ihn einem ins Zipperlein an seinen rechten
Fuß, so tuts ihm recht“ 52 ). Um schwarze
Haare blond zu färben, sammle man im
Mai eine Anzahl roter Sch.n, lege sie in
! eine Büchse und gebe Salz dazu.... Man
schere alsdann die schwarzen Haare
völlig ab und bestreiche den Kopf mit
dieser Salbe, so wachsen binnen kurzem
blonde Haare nach 53 ).
Ein sehr beliebtes Sympathiemittel,
um das Zahnen der Kinder zu erleichtern,
besteht darin, daß man „Sch.nzähne“
(— Reibscheiben der gewöhnlichen Wein-
bergsch.) in ein Säckchen einnäht und
dem Kinde um den Hals hängt 54 ). Im
Altertum galt der Genuß von Sch.n als
aphrodisisches Mittel 55 ).
In der Tierheilkunde gibt man
pulverisierte Sch.n den Kühen ein, damit
sie rindern 56 ) oder damit sie gedeihen 57 ).
Sch.n bilden einen wichtigen Bestandteil
einer Salbe gegen das Trieben (Vieh-
krankheit, wenn Blut im Harn abgeht) 58 ).
4 ) ZfrwVk. 1908, 98 (Kreis Bielefeld):
Vollmond; Grohmann Aberglaube 172; J üh-
ling Tiere 168; Lammert 184: bei abnehmen¬
dem Mond. 5 ) Meier Schwaben 2, 518;
SchwVk. 4, 43 (Baselland); SAVk. 8, 147;
12, 151; Schmitt Heltingen 16; Stracker-
jan Oldenburg 1 91; ZfrwVk. 1905, 282; 1908,
97. 114; Manz Sargans 61; ZfVk. 4 (1894),
84; Bohnenberger 15; Seyfarth Sachsen
192; Andree Braunschweig 419, wo Lit. über
dieselbe Heilmethode in England; John Erz¬
gebirge m. 240; J ühling Tiere i86f.; Ho-
vorka-Kronfeld 2, 8. 8 ) Lammert 219;
Bohnenberger 14; Bartsch Mecklenburg
2, 120; J ühling 169. 7 ) Wuttke § 487;
J ü h li n g 168. 8 ) Drechsler 2, 286. 9 ) Lam¬
mert 219; J ühling 166. 10 ) Stoll Zauber¬
glauben 74 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 489.
12 ) J ühling Tiere 169. 12 ) J ühling Tiere
167 f.; Manz Sargans 62. 13 ) Drechsler 2,
218 f. 14 ) Manz Sargans 63; ZfVk. 7 (1897),
74; Lammert 179; J ühling 167 f.; John
Erzgebirge 240; ZföVk. 13, 130; Müller Iser-
gebirge 22. 15 ) Laube Teplitz 60. I6 ) J üh¬
ling 170. 17 ) Grimm DWb. s. v. Sch.
I8 ) Grimm ebd.; SAVk. 8, 152. 19 ) Jüh¬
ling 164; SAVk. 15, 183 (Schwyz, 17.
Jh.). 20 ) Jühling 164. 21 ) Jühling 166.
1
i
2
- *
1
1269
167. 22 ) Seyfarth Sachsen 242; ZfrwVk.
1, 202; 3, 192t.; Urquell 4, 154. 23 ) Stracker-
jan 2, 178 Nr. 412; ZfrwVk. 1, 94; Schmidt
Kräuterbuch 58; Jühling 164. 167. 170. 24 )Ho-
vorka-Kronfeld 2, 32. 45; Stoll Zauber¬
glauben 87. 25 ) Jühling 168. 2ß ) Zahler
Simmental 73; Jühling 167. 170. 27 ) Ho-
vorka-Kronfeld 2, 7. 28 ) Jühling 165 f.;
Meyer Baden 574; Seyfarth Sachsen 293;
ZfrwVk. 3, 165; SchwVk. 11, 48; Hovorka-
Kronfeld2,8. 29 )Hovorka-Kronfeld2,i92.
30 )Cysat27; Lammert 264. 31 )SAVk.7,137; 15,
7; Zahler Simmental 73 Anm.3. 32 ) Jühling
164f. 33 ) Jühling 167; Hovorka-Kronfeld 2,
268. 34 ) J ühling 166; SAVk. 15,178; Hovorka-
Kronfeld 2, 301. 35 ) Grimm DWb. s. v. Sch.;
Jühling 164. 36 ) Hovorka-Kronfeld 2,62.
37 ) Hovorka-Kronfeld 2, 82. 38 ) Jühling
165; Hovorka-Kronfeld 1, 384. 39 ) Jühling
167; Zahler Simmental 80; ZfrwVk. 3, 230h
40 ) Jühling 165. 169; Zahler Simmental 81;
SAVk. 15, 93; Hovorka-Kronfeld 1, 384; 2,
140. 40a ) J ühling 166. 41 ) Urquell 4 (1893), 154;
ZfrwVk. 1914, 165. 42 ) Jühling 167; ZfVk. 8,
175. 43 ) ZfVk. 8 (189S), 175. 44 ) ZfVk. 24
(1914),297 u.301. 45 ) Jühling 166. 169; Höhn
Volksheilkunde 1, 143. 46 ) Jühling 165. 170;
SAVk. 8, 151. 47 ) Lammert 215. 48 ) Jüh¬
ling 165. 167. 49 ) Höhn Volksheilkunde i, 131.
50 ) Buch der Natur 257 f. 51 ) Lammert 217.
52 ) Jühling 170, aus Albertus Magnus 220.
«) ZfVk. 8 (1898), 175. M ) Grüner Eger-
land 40; Bohnenberger Nr. 1, S. 16; Bir-
linger Schwaben 1, 393; Meyer Baden 50;
Stoll Zauberglauben 37; SAVk. 8, 144 Nr. 6;
Manz 54; Reiser Allgäu 2, 232; ZföVk. 9
(1903)» S. 215 f. 55 ) Keller Antike Tierwelt 2,
519. 58 ) Zahler Simmental 74. 57 ) ZfVk. 4
(1894), 400. 58 ) ZfVk. 8 (1898), 175.
3. Als Apotropaion gegen Krämpfe
hängt man dem Kinde drei, sechs oder
neun Sch.nzähne in einem scharlachroten
Lappen um den Hals 59 ). In Niederöster¬
reich gelten Sch.nzähne (Hovorka-
Kronfeld 1, 385 versteht darunter ab¬
weichend „Fühlhörner“) als Heilmittel
gegen Fraisen. Auch gegen Rotlauf
hängten sich die Frauen Sch.n an den I
Hals 60 ).
Die Verwendung der Sch.n als Amu- j
lette 61 ) entspricht alter Tradition: In
der Antike, wo die Sch. als Symbol der
weiblichen Scham betrachtet wurde, fin¬
den wir sie als Amulettier auf Lampen
und Gemmen; sie gehört zu den Tieren,
die das „böse Auge“ angreifen 62 ). Ver¬
gleichsweise sei erwähnt, daß sich die
serbische Wöchnerin zur Abwehr feind¬
licher Dämonen mit Sch.nhäuschen und
Knoblauch an rotem Faden schmückt 63 ).
Um den Hagel abzuwehren, soll man eine
aus dem Wasser geholte Sch. mit dem
Rücken auf die Hand legen und rechts
und links neben sie etwas Erde schütten,
so daß sie sich nicht um drehen kann 64 ).
Vgl. hiezu den bei den alten Griechen mit
der Schildkröte (s. d.) geübten Abwehr¬
zauber, die man auf den Rücken legte
und so vergrub. — Damit das Ungeziefer
nicht schade, soll man Samen auf
einem Sch.nhaus dörren 65 ).
59 ) Jühling Tiere 168, aus Schönwerth 2,
123. 60 ) ZföVk. 6, in. 6l ) ZfVk. 25, 88.
62 ) Seligmann Blick 2, 131. 206, wo Lit.;
ib. Fig. 51. Fig. 125. 6a ) Srpski Etnografski
Zbornik 19,95: Gegend Homolje. 64 ) Grimm
DWb. s. v. Sch. 65 ) Grimm DWb. s.
v. Sch.
4. Was die Verwendung der Sch.
im Festbrauch betrifft, so bilden sie in
schwäbischen Landschaften am Ascher¬
mittwoch die rituelle Speise, daher heißen
im oberen Allgäu die gemütlichen Zu¬
sammenkünfte an diesem Tage „Schneg-
genball“ 66 ). In den besonders an das
Weihnachtsfest geknüpften schnecken¬
förmigen Kultbroten sieht Höfler Nach¬
ahmungen von Bronzespiralen und Teile
des indogermanischen Hakenkreuzes und
glaubt, trotz der Namen „Sch.nbrot,
Doppelsch., Häusleschneck usw.“, nicht
an eine Beziehung zum Sch.ntier 67 ).
Rasselnde Sch.nschalen gehören zur Aus¬
stattung des wilden Manns (Marling bei
Meran) und des Pfingstfliteri in Pfaffen¬
heim bei Gebweiler 68 ).
C6 ) Reiser Allgäu 2, 91; Birlinger Volksth.
2, 54; Hofier Fastnacht 91; Sartori Sitte und
Brauch 3, 134. 67 ) ZfVk. 12 (1902), 201;
13 (1903), 391 f-; ZföVk. 9 (1903)» 197;
Höfler Weihnacht 43; Höfler Fastnacht 96.
€8 ) Sartori ib. 3, 200, wo Lit.
5. Die Sch. in der Mantik. Weit ver¬
breitet ist die Meinung, daß Regen bevor¬
stehe, wenn die Sch.n mit Erde auf dem
Schwanz umherkriechen 69 ). „Beladet
sie sich mit Grund, so tut sie starken
Regen kund“ (Grimm DWb. s. v. Sch.).
Vielfach aber hofft man auf trockenes
Wetter, wenn die schwarze Sch. Sand auf
dem Schwänze trägt 70 ) oder wenn sie
ein grünes Blatt mit sich führt 71 ). Wenn
man eine Sch. tötet, gibt es Regen 72 ).
1271
Schnecke
1273
Schnee
1274
„Gibt es viele Sch.n, muß man den Wein
zusammenlecken“ 73 ).
Aus dem Verhalten der Sch.n zieht man
Schlüsse bezüglich des bevorstehenden
Winters: Wenn sie sich früh deckeln,
gibt es einen frühen Winter 74 ), wenn sie
tief in die Erde kriechen, steht ein kalter,
langer Winter bevor 75 ).
69 ) ZfVk. 24 (1914), S. 60. 70 ) Stracker-
jan 1, 27; John Erzgebirge 240. 71 ) Grimm
DWb. s. v. Sch. 72 ) Dirksen Meiderich 49
N. 7. 73 ) Eberhardt Landwirtschaft 11.
74 ) Bartsch Mecklenburg 2, 212. 75 ) Cysat 27;
R. Zau nick Die Schnecke in der Volkswetter-
künde HessBl. 13, 189; Dähnhardt Volks¬
tümliches 2, 87 Nr. 350; Saupe Jndiculus 26 f.
6. Bei allen deutschen Stämmen
wissen die Kinder kurze Sprüche, durch
welche die Sch.n aufgefordert werden,
die Hörner zu zeigen, und im Weigerungs¬
fälle mit einer Strafe bedroht werden
z. B.:
„Schnägg, Schnägg! strek dyni alli vieri
Hörnli uus!
oder i tödt di, oder i mörd di, oder i khy di
überä Hag uus,
oder i loo di loo doorä bis übermoorä!" 7ß ),
„Schnägg, Schnägg,
Zeig mer diner vier Horen,
Suscht rierrendiuf en Tiggel-Täggelstein“ 77 ).
„Schneke, schneke, rek di hourn,
gib dir a viertl wäzenkourn,
rekstu sie nöt, wirf i di in drek,
freßent di die faken wek,
woder i wirf di ins pfarrerhaus,
jagent di die hunt dawaus!" 78 )
„Schneck, Schneck, streck d'Hörner us,
Oder i wirf dir e Stein ufs Hus."
„oder i wirf di über Hecke un Dörner
nus" 79 ).
oder:
„Schnecke, Becke, recke deine 4, 5 Hurner
raus,
wenn de se nich rausreckst, schmeiß ich
Dich ei a Groaba,
do frassa dich de Hunde und de Roaba" 80 ).
„Schnecke, Schnüre, zeig deine vier Finger-
chen raus.
Wenn du das nicht thust.
So schmeiß ich dich in den Graben,
So fressen dich die Raben" 81 ).
Dieselbe Drohung kennen die Banater
Schwaben 82 ):
„Schneck, schneck, schnür aus,
streck die langen Hörner aus" 83 ).
„Snaierlus! Krup ut dien Hus,
Stick dien fief-fack Hörn ut!
I272
Wullt du se nich utstek'n.
Will ick dien Hus terbrek’n" 8I ).
„Snaierlus, krüp üt din Hüs
mit all dln ver fif Kinner" 8 ’ J ).
„Snaierlus, krüp üt din Hüs,
din Hüs dat brennt
din Kinner de schrigt. Oh, oh, oh!" 86 )
„Tingel, tangel tuts
stick din Hörn herut,
wenn du dat nich dais,
sla 'k di Hus un Hof entwai" 87 ).
„Kuckuck, Kuckuck, Gerderut,
Stäk dine ver Hörns herut" 8s ;.
Simrock meint, daß die erste Zeile nicht so¬
wohl des Reimes wegen herbeigezogen ist, als
weil auch der Kuckuck Versteckens spielt,
indem er sich in dem grünen Laub verbirgt.
„Gederüt, Gederüt
stik dln ver hörens üt.
ik wil di tobreken
ik wil di tosteken usw." 89 ).
4
In der Fabel überlistet die Sch. den
Fuchs beim Wettlauf, indem sie sich
ihm auf den Schweif setzt 90 ).
Von sonstigem Aberglauben sei
erwähnt, daß sich an die Wand geworfene
Sch.n in Geld verwandeln; wer sie aber
an ihren Fühlern zwickt oder das Tier
sonst plagt, wird krank 91 ). Zu ersterem
stimmt eine Sage aus dem Allgäu: „Am
Steineberg, seithalb zwischen Reutte und
Pflach, hatten einmal einige arme Kinder
von der Umgegend Sch.n gesammelt.
Als sie heimkamen, hatten sie anstatt der
Sch.n im Sacke lauter blanke Gold¬
stücke 92 ).
Gegen Sch.nfraß schüttet man in
Luxemburg Wasser auf den Dünger, das
am Donnerstag der Fronfasten (Sept.)
zu Ehren des hl. Udalricus geweiht
worden ist 93 ).
76 ) SAVk. 13, 301. 77 ) SchwVk. 9, 9: Brienz-
wiler. 78 ) ZfdMyth. 3, 33. 79 ) Meyer
Baden 56: Ettenheim. 80 ) Urquell 4 (1893),
198: Am Zobten. 81 ) Schulenburg Wend.
Volkstum 161. 82 ) K. Bell Das Deutsch¬
tum im rumänischen Banat, Dresden 1926,
S. 128. 83 ) Urquell 1 (1890), 92: Neustadt
bei Friedland in Böhmen. 84 ) Urquell 1, 92:
j Norderdithmarschen und Stapelholm. 85 ) Ur¬
quell 4 (1893), I 49 : Dittmarschen. 86 ) Urquell
4 (1893), 149: Süderstapel in Stapelholm. 87 ) Ur¬
quell 1, 92: Koldenbüttel in Eiderstedt. 88 ) Sim¬
rock Mythologie 2 S. 516. 89 ) ZfdMyth. 3, 397:
‘ Bremen; Kuhn und Schwartz 453 Nr. 398;
:y
3
.•I
t
iV
t
Müllenhoff Sagen 509 Nr. 3; Schneller
Wälschtirol 250. Vgl. slavische Parallelen zu
den obigen Schneckenliedern: Urquell 1 (1890), 8:
Serbisch; ib. 1 (1890), 92: Serbisch; ib. NF. 1
(1897), 12: Tschechisch. 90 ) ZfVk. 9 (1900), 58.
91 ) Hovorka-Kronfeld 1, 385: Bayern. 92 )
Reiser Allgäu 1, 259. 93 ) Fontaine Luxem-
s msrr
Schnee.
1. Deutungen. Über Entstehung
und Herkunft des Sch.s finden sich im i
Volksglauben die mannigfachsten An¬
schauungen, meist zu einem kurzen Spruch
geprägt. Die Ähnlichkeit der wirbelnden
Sch.flocken mit Flaumfedern, nach Hero-
dot 4, 31 eine schon bei den Skythen
geläufige Parallelisierung, führte zu der
bekannten Vorstellung, daß Frau Holle
durch Ausschütteln ihrer Betten den Sch.
bei uns hervorruft. Oft treten an die
Stelle der mythologischen Gestalt der
Frau Holle die Engel oder die Mutter
Maria, auch einfach die Waldweiber 1 ).
Nach einer Schweizer Sage wird der Sch.
aus den Hemdfetzen der „Tante Arie“
gebildet, eines teils gut-, teils bösartigen
Ortsdämons des Berner Jura 2 ). Auch
auf das Gänserupfen wird das Schneien
zurückgeführt. In Oldenburg sagt man
so beim Sch.fall: „De ollen Sillensteder
Wiwer sünd bit Göseplücken“ 3 ). In
Schwaben heißt es, der Sch. werde im
Sommer klein gehackt, auch geschnitzelt
oder gehäckselt 4 ). Verwandt ist die Auf¬
fassung des Sch.s als Wolle, Werg, Abfall
von Flachs 5 ). In Saulgau sagt man, wenn j
gefrorener Sch. fällt: „Es wird Asche j
gesät“ 6 ). Von der Deutung der Sch.- !
flocken als Mehl zeugen Sprüche wie:
„Die Müllerbuben klopfen ihre Kittel
aus“ (Ellwangen), „Die Müller- und
Bäckerbuben schlagen einander“ (Mer¬
gentheim) 7 ), „Es schneit, da können wir
Baumkuchen backen“ (Kreuzburg in
Schlesien) 8 ). Andere hierher gehörige
Sprüche aus Schwaben lauten: „Es kom¬
men Pudelkappen“, „Es fliegen Heu¬
mucken“, „Es schneit Schneidergais“ 9 ).
In Westböhmen sagt man, wenn große
Flocken fallen: „Heut schneits für die
Herren“, bei kleinen Flocken: „Heut
schneits für die Bauern“ 10 ).
Sch. fall, der Schaden bringt, wird
auf böse Weiber und Hexen zurückge¬
führt 11 ).
0 ZdVfVk. 9 (1899), 234; Grimm Sagen
474 Nr. 4; Grimm Mythol. 1, 222; 2, 911;
3, 314; Sebillot 4, 469, um nur wenige Stellen
zu nennen. 2 ) ZdVfVk. 25 (1915), 119.
3 ) Strackerjan 2, 110. 400; s. auch Fogei
Pennsylvania 221 Nr. 1112. 4 ) Meier Schwaben
1, 261; Laistner Nebelsagen 325 ff.; Mann¬
hardt Götter 94. 5 ) Strackerjan 2, 124
Nr. 359; s. auch Montanus Volksfeste 38;
Laistner 331 ff. 6 ) Birlinger Schwaben
1, 400. 7 ) Birlinger Volksth. 1, 197 f.; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 135 ff. 8 ) Drechsler
2, 150. 9 ) Meier Schwaben 1, 262. 10 ) John
Westböhmen 237. u ) Meyer Baden 552;
Sebillot i, 98 ff.
2. Personifikationen. Wie andere
Naturerscheinungen wurde auch der Sch.
personifiziert; doch haben wir in Deutsch¬
land nur spärliche Belege. In der nor¬
dischen Mythologie wurde der Sch. zu
einem greisen König des kalten Finnland
mit dem Namen Snaer, „der Alte“. Sein
Vater ist Jökull (Eisberg) oder Frosti
(Frost); seine drei Töchter Fönn (dichter
Sch.), Drifa (Sch.gestöber), Mjöll (feiner,,
glänzender Sch.). Dreihundert Jahre ist
König Snaer alt; wenn die Menschen sich
ein hohes Alter wünschen, sagen sie*
sie möchten so alt werden wie er 12 ). In
einer St. Galler Erzählung vom Sch.-
mannli haben wir einen Beleg für die Sch.-
geister, die wetterkundig sind und auch
andere Weissagungen erteilen, ähnlich
wie die Nebeldämonen 13 ). Auch ein
Sch.fräulein wird einmal genannt 14 ).
12 ) Mannhardt Götter 95. 13 ) Kuoni St*
Galler Sagen 166 ff.; Wettstein Disentis 155 ff.
14 ) E. H. Meyer G^man. Mythol . 122.
3. Eine Reihe von Wetterregeln und
sonstigen Voraussagen stehen mit dem
Sch. bzw. Sch.fall in Zusammenhang.
Will der erste Sch. im Herbst nicht von
den Dächern, so bedeutet das einen frühen
Frühling; taut er schnell, so wird er im
Frühjahr lange liegen bleiben und es gibt
einen späten Frühling (Emmenthal) 15 ).
Bei Sch.treiben hat man auf lange an¬
dauernden Sch. zu rechnen: Treibeschnee
ist Bleibeschnee; liegt er erst drei Tage,,
so liegt er auch drei Wochen 16 ). Wenn
der Sch. im Fallen ans Haus klebt, wird
es warm 17 ). Schnee, den die Sonne nimmt,
kommt wieder. Es wird im Winter so-
1275
Schnee
viel Sch. fallen, als Tage sind vom ersten
Sch.fall bis zum kommenden (gelegent¬
lich auch bis zum vorausgehenden) Neu¬
mond 19 ). Schneit es auf die Palmen des
Palmsonntags, dann schneit es auch auf
die Schöwer (Schober, zusammengestellte
Garben auf den Erntefeldern) 20 ). Sch.
an den beiden letzten Faschingstagen
bedeutet viel Obst und viele Pilze, man¬
cherorts allerdings auch viele Raupen 21 ).
Wenn es zu Neujahr schneit, gibt es
viele Bienenschwärme (Ostpreußen) 22 ).
Schnelle Schmelze des Frühlingssch.s
deutet auf Gedeihen der Frühsaat, das
Gegenteil auf Gedeihen der Spätsaat 23 ).
Der Sch. muß die Zaunpfähle einschneien,
sonst gibt es kein Heu 24 ). Annesensch.
(Andreassch.) tut den Samen weh 25 ).
Schneit es bei einem Brand, so fängt
die Brandstelle am folgenden Tag wieder
zu brennen an 26 ).
Wenn es in den Brautkranz schneit,
so bedeutet dies Glück (Lauenburg) 27 ).
In Schlesien bedeutet Sch.fall bei be¬
liebigem Anlaß Glück 28 ).
Aber auch Unglück kann durch Sch.
bewirkt bzw. angezeigt werden. So führte
man einmal im Voigtland ein großes Vieh¬
sterben auf einen blutigen Sch. zurück,
der kurz vorher gefallen war 29 ). Das
Wesentliche ist hier natürlich die blutige
Farbe des Sch.s. Welche Erscheinung die
natürlich falsche Deutung als blutiger
Sch. zugrundeliegt, ist nicht festgestellt.
Ganz äußerliche Symbolik enthält fol¬
gende Anschauung: Wenn zwischen Weih¬
nachten und Neujahr große Sch.flocken
fallen, dann sterben im folgenden Jahr
meist alte Leute, bei kleinen Flocken
hauptsächlich junge 30 ). Eine noch hier¬
hergehörige Regel aus der Oberpfalz
lautet: Fällt an Mariae Lichtmeß Sch.,
dann sterben viele Wöchnerinnen 31 ).
Hierher gehört auch eine weit (auch
über Deutschland hinaus) verbreitete
Legende, nach der die Muttergottes Maria
durch Sch.fall Ort, Lage und Größe der
ihr versprochenen Kirche, wie sie es
wünscht, anzeigt 32 ). Diese Legende hat
sich mit einer Kirche in Rom verbunden;
das Fest Mariae Schnee, das nach dem
römischen Meßbuch am 5. August ge¬
feiert wird, ist darauf zurückzuführen.
Zu diesen Regeln und Anschauungen,
in denen der Sch. das Mittel der Voraus¬
sage ist, treten einige andere, in denen der
Sch.fall selbst angezeigt wird. Auf Sch.
deutet es, wenn ein Strohhalm in der
Stube liegt, oder wenn ein brennender
Span im Winter einen großen Rispel
hat 33 ). Auf frühen Sch. deutet es, wenn
die Ameisen hoch im Heu zu finden sind;
auf späten, wenn tief 34 ).
15 ) SAVk. 15 (1911), 6. 1Ä ) ZdVfVk. 9
(1899), 234. 17 ) Urquell 4 (1893). 89.
l9 ) ZdVfVk. 23 (1913)» 61; s. auch Fogel
Pennsylv. 223 Nr. 1128. 20 ) ZdVfVk. 4 (1894),
110. 21 ) Ebd. 4 (1894), 322. 22 ) Wuttke
97 § 266. 23 ) Urquell 4 (1893), 90. 24 ) Schön¬
werth Oberpfalz 2, 135. 25 ) Ebd. 2, 135.
26 ) John Erzgebirge 251. 27 ) Wuttke 97
§ 266. 28 ) Drechsler 1,258. 29 ) Eisei Voigt¬
land 262 Nr. 660. 30 ) ZdVfVk. 9 (1899), 234.
31 ) Schönwerth Oberpf. 1, 207. 32 ) Möllen¬
hoff Sagen 113 f. Nr. 141; Witzschel Thüringen
2, 49 Nr. 52; Meiche Sagen 653 Nr. 609;
Sebillot 4, 123. 33 ) Grimm Mythol. 3, 474
Nr. 1043; 3, 475 Nr. 1094. 34 ) Heyl Tirol
790 Nr. 196.
4. Auch Heilkräfte birgt der Sch.
nach dem Glauben des Volkes in sich.
So soll man bei Frostbeulen die Füße in
Sch. baden oder in eiskaltes Wasser
stecken 85 ). Gegen Augenweh vor allem
hilft Sch.wasser 36 ). Auch zur Vertreibung
von Sommersprossen und sonstigen Schön¬
heitsfehlern, überhaupt zur Erzielung von
Schönheit dient das Sch.wasser, besonders
das des Märzsch.s 37 ). Mancherorts wa¬
schen sich die Leute am Karfreitag mit
Sch., damit sie das ganze Jahr hindurch
schön weiß sind; doch genügt auch Flu߬
wasser; die Wirkung hängt also in erster
Linie von der Beobachtung des Tages
ab 38 ). Sch.wasser vom erstgefallenen
Sch. schützt die damit begossenen Pflan¬
zen vor dem Erdfloh 39 ). Eine in Mecklen¬
burg, Thüringen, der Lausitz und sonst
geläufige Anschauung sagt, man dürfe
Kinder nicht entwöhnen, wenn Sch. liegt,
sonst bekämen sie weiße Haare 40 ).
35 ) ZrwVk. i (1904), 103. 36 ) Fogel Penn¬
sylvania 270 Nr. 1401; Sebillot 1, 95 ü.
37 ) Seyfarth Sachsen 252. 38 ) Grohmann
46. 39 ) ZföVk. 4 (1898), 214. 40 ) Andree
Braunschweig 293; Wuttke 392 § 601; Fogel
Pennsylvania 46 f.
1277
Schneeballgebet
5. Sonstiges. Über die Herkunft der
weißen Farbe des Sch.s geht in der Ober¬
pfalz folgende schöne Legende: Als Gott
alles erschaffen hatte, Gras, Kräuter,
Blumen mit ihren bunten Farben, sagte
er zum Sch., der noch allein keine Farbe
hatte, er solle sie sich sonstwo suchen, da
er ja doch alles fresse. Der geht also zu
Gras, Rose, Sonnenblume, Veilchen und
bittet um ein bißchen Farbe, wird aber
überall abgewiesen. Da denkt er nach,
wie er sich rächen könne. Doch da er¬
barmt sich seiner zuletzt das Sch.glöck-
chen und bietet ihm sein Mäntelchen an.
Daher ist der Sch. allen Blumen Feind,
außer dem Sch.glöckchen 41 ).
Auch einige Rätsel des Volksmundes
haben den Sch. zum Gegenstand. In
Oldenburg lautet eines: Keem 'n Kärl
van 'n Himmel, wull de ganze Welt be¬
decken, kunn nich eenen Pohl (Wasser¬
tümpel) bedecken 42 ). Das bekannteste
ist das Rätsel vom Sch. und der Sonne,
das sich schon im Althochdeutschen
findet und in seiner geläufigsten Form
so lautet:
Da kam ein Vogel federlos,
saß auf dem Baum blattlos.
Da kam die Jungfer mundlos
und aß den Vogel federlos
von dem Baume blattlos 43 ).
Einen verborgenen Goldschatz stellt
der Sch. dar in folgender vereinzelter
Geschichte aus dem badischen Oden¬
wald: Ein Mann sieht in mondheller
Nacht auf dem Weg zwischen Hettingen
und Götzingen um einen Baum herum
fußhohen Sch. liegen. Er umgeht ihn vor¬
sichtig, um sich die Schuhe nicht schmut¬
zig zu machen; erst als er vorbei ist, fällt
ihm auf, daß Sch. um diese Jahreszeit —
es ist Hochsommer — etwas Seltsames
sei; doch als er sich umwendet, ist der Sch.
verschwunden. Wäre er hindurchge¬
schritten, hätte sich der Sch. in Gold
verwandelt 44 ).
In Schwaben findet sich ein Hügel,
auf dem den ganzen Winter hindurch
kein Sch. liegen bleibt; in alten Zeiten
soll da ein Schloß gestanden haben und
mit unermeßlichen Schätzen in die Tiefe
gesunken sein 45 ). In der Nähe von Kon¬
stanz bleibt eine Mordstelle dauernd von
Sch. frei 46 ).
Eine Warnung, nicht in den Sch. zu
schreiben, findet sich in den Schriften des
Humanisten Giraldi (1479—1552). In
seiner Erklärung pythagoreischer Sym¬
bole, die teils antikes Überlieferungsgut
enthält, größtenteils Fälschungen, meist
Entlehnungen aus den Adagia des
Erasmus, findet sich der Spruch: in nive
non scribendum; in der antiken Über¬
lieferung findet sich der Spruch nicht;
sein Sinn ist unklar; vielleicht ist er durch
das: in aqua scribis aus Erasmus Chil. 1,
4, 56 p. 134 veranlaßt 47 ).
41 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 1370. 42 )Strak-
kerj an 2, 110. 43 ) SAVk. 24,109ff. 44 ) Schmitt
Hettingen 9, 11. 45 ) Meier Schwaben 1, 5 Nr. 3.
46 ) Waibel und Flamm 1, 57 nach Zim-
mernsche Chronik 1, 453. 47 ) ZfVk. 25, 22. 29.
Zimmermann.
Schneeballgebet (s. Kettengebet). Es
ist im wesentlichen die gleiche Erscheinung
wie das Kettengebet (s. d.). Auch hier
handelt es sich um ein kurzes Gebet ganz
allgemeinen Inhalts, an das sich die Auf¬
forderung an den Empfänger schließt, es
neunmal abzuschreiben und täglich an
eine Person zu versenden. Wer es tut, hat
nach 9 Tagen Glück, wer es unterläßt
kann Unglück erleben. Der Gebetstext
lautet —mit geringen Varianten: „Gebet!
O süßer Jesus! Wir bringen Dir unsere
Bitte vor, o großer Gott! Habe Erbarmen
mit uns und der ganzen Welt! Wasche
unsere Sünden mit deinem heiligsten,
teuersten Blute ab, jetzt und in Ewigkeit.
Amen“ x ). Während des Krieges ge¬
wannen auch die Sch.e eine ungeheure
Verbreitung; sie dienten den Soldaten
vielfach als magische Amulette (s. Schutz¬
briefe). Dabei wurde als „Gebet“ von
München aus sogar Bismarcks Aus¬
spruch „Wir Deutsche fürchten Gott,
sonst nichts auf der Welt“ verbreitet.
Der Unfug nahm in der Kriegszeit solchen
Umfang an, daß der Polizeipräsident von
Frankfurt a. M. amtlich bekannt gab, daß
die Verbreitung dieser Texte strafbar
sei 2 ).
l ) Nach R. Fr. Kaindl in ZfVk. 21 (1911),
403; vgl. Grabinski Neuere Mystik 59t.;
ZfVk. 26, 327. 2 ) Kronfeld Krieg 21.
f Stube.
1279
Schneegans— Schneeglöckchen
1280
Schneegans, Wildgans, Graugans
(Anser cinereus, nicht Chen hyper-
boreus, die in Mitteleuropa selten) *)•
Eine biologische Eigenheit der Sch.
ist ihr hohes Alter 2 ). Gesner berichtet
auch (nach Plutarch, de solert. anim.),
daß die Sch.e beim Fliegen über den
Taurus aus Furcht vor dem Adler einen
Stein in den Schnabel nehmen, um nicht
zu schreien. Die Sch. gilt vielfach als
Wetterprophet, besonders als Vor¬
zeichen der Kälte 3 ). Frisch sagt in
seinem Wörterbuch 2, 213 a (nach DWb.
9, 1252): ,,anser ferus, qui imminente
nivis et frigoris tempore migrat in loca
mitiora“. Fliegen die wilden Gänse hoch,
ruhig und in der gewöhnlichen Ordnung,
so wird oder bleibt das Wetter still, aber
kalt, fliegen sie niedrig und in Unordnung,
so tritt Schneesturm ein 4 ). Im Erz¬
gebirge heißt es: Ziehende Sch.e bringen
in 14 Tagen Schnee 5 ), in Württemberg
und ähnlich in Baden: Bilden sie beim
Flug einen spitzen Winkel („Heulieher“),
so wird es kalt, einen stumpfen (,,Pflug¬
schleife“), so wird es wärmer 6 ).
Volksmedizinisches bei Gesner
scheint nur auf antiken Quellen zu be¬
ruhen.
Über einen merkwürdigen Brauch
in Hessen berichtet die ZfVk. 18, 312:
Wer die ersten Sch.e von Süden nach 1
Norden ziehen sah, und im Herbst von
Norden nach Süden, bekam von der
Großmutter ein Geschenk. Sie erzählte,
wenn man sie irreführen wollte, um sie
länger sehen zu können, der müßte dem
linken Fuß den Schuh und Strumpf aus-
ziehen und ihnen das bloße Bein zeigen
und sich auf die Erde legen; dann wären
sie so lange irre, bis wir Strumpf und
Schuh wieder angezogen und aufgestanden
wären. Durch Runterkucken würde der
Führer an der Spitze irre, und der ganze
Zug käme in Unordnung (Aufgeschrieben
von dem Arbeiter Drude, der früher
Schäfer in Ehringen, Kreis Wolfhagen in
Hessen, war).
Zwei Sagen erzählt Grimm in seiner
Mythologie (2, 919): 1. Ein Jäger schoß
nach Wildgänsen und traf eine, die herab
ins Gebüsch fiel; als er hinzutrat, fand er
eine nackte Frau unverwundet darin
sitzen, die ihm wohlbekannt war und die
ihn dringend bat, sie nicht zu verraten
und ihr aus ihrem Hause Kleider bringen
zu lassen. Er warf ihr sein Schnupftuch
zur Bedeckung zu und ließ die Kleider
holen (n. Mones Anzeiger 6, 395).
2. Niklaus von Wyle überliefert uns, ein
Wirt sei durch Zauberei einer Frau länger
als ein Jahr wilde Gans gewesen, bis er
sich einmal mit einer andern Gans ge¬
zankt und gebissen und diese ihm zu¬
fällig das Tüchlein, worin der Zauber
verstrickt war, vom Hals abgerissen habe.
— Endlich Birlinger (Aus Schwaben 1,
103 f.), nach der Zimmerschen Chronik,
von einer Gräfin von Aichelberg, geb. von
Ravenstein, die die schadenbringenden
Sch.e durch Aufstecken einer hölzernen
Gans von Äckern ihrer Bauern verbannt
habe.
*) Suolahti Vogelnamen 416; DWb. 9, 1232;
Schwjd. 2, 374; Fischer SchwäbWb. 5, 1050;
Gesner Vogelbuch 62 ff. 2 ) Ebd. 63 b;
Albertus De anim. 23, 24; DWb. 9, 1232.
3 ) Suolahti a. a. O. (zitiert Albertus Mag¬
nus 23, 23). 4 ) Orphal Wetterpropheten 74.
166; SAVk. 12, 18; England: Swainson British
Birds 147 f.; Norwegen: Storaker Elementerne
i den norske Folketro (Oslo 1924) Nr. 279 f.
5 ) John Erzgebirge 235. 6 ) Fischer SchwäbWb.
5, 1050; Meyer Baden 416.
Hoff mann-Kray er.
Schneeglöckchen (Galanthus nivalis).
Zwiebelgewächs mit schmalen Blättern
und weißen Blüten mit 6 Perigonblättern,
von denen die drei inneren an der Spitze
grün gefleckt sind. Als eine der ersten
Frühlingsblumen (oft schon im Februar
blühend) wird das Sch. häufig in Gärten
gepflanzt, ab und zu kommt es auch wild
vor. Nach einer Legende hat bei der Er¬
schaffung der Welt das Sch. dem Schnee
seine Farbe verliehen (oder auch um¬
gekehrt), daher sind Schnee und Sch. so
gute Freunde, während der Schnee den
anderen Blumen feind ist x ). Mit dem
ersten Sch., das man im Frühjahr sieht,
soll man sich die Augen auswischen; dann
werden sie das ganze Jahr nicht krank,
und wenn sie krank sind, so werden sie
gesund 2 ), vgl. Frühlingsblumen, Wind¬
röschen. In England heißt es, daß man
die Sch. nicht ins Haus bringen dürfe.
schneeweiß — Schnittlauch
1282
n
1281
sie gelten (wegen der weißen Blüten¬
farbe) als Todesboten 3 ), bewirken, daß
die Milch der Kühe wässerig wird 4 ) und
die jungen Hühner nicht ausgebrütet
werden 5 ), s. Schlüsselblume. Die Slo¬
waken graben die Zwiebeln der Sch. aus
und geben sie den Kühen, damit ihnen die
Zauberinnen nicht die Milch wegnehmen 6 )
J ) Schönwerth Oberpfalz 2, 137; Schulle-
rus Pflanzen 143; Knoop Pflanzenwelt 11, 87;
FFC. 37, 92. 2 ) Grohmann 90 = Wuttke
101 § 127, vgl. Zahler Simmenthal 101 (,,Schnee-
blüraly“ für böse Augen). 3 ) Dyer Plants 274;
Bartels Pflanzen 11. 4 ) Burne Hb. of Folkl.
1914,37. 6 ) FL. 20, 343. 6 ) Hovorka u. Kron-
feld 1, 385. Marzell
9
schneeweiß s. weiß.
Schneidendes s. Nachtrag.
Schneider s. Nachtrag.
schneien s. Schnee.
schnell s. gehen.
schnellen s. prellen (7, 306).
Schnepfe. Es kommen im Wesent¬
lichen zwei Arten in Betracht: 1. die
Wald-Sch. oder Sch. an und für sich
(Scolopax rusticola L.), 2. die Heer-Sch.,
Bekassine (Gallinago gallinago s. scolo-
pacina), auch Himmelsziege u. a.
(s. d. Bd. 4, 35) ü-
Die Sch. (vorwiegend die Heer-Sch.)
wird von den Mythologen nach Jakob
Grimm, der sich noch vorsichtig aus¬
drückt 2 ), wegen ihres mundartlichen Na¬
mens ,,Donnerziege“ als dem Donar
heiliges Tier bezeichnet 3 ); doch s. u.
Orakel. Zuweilen ist sie Hexentier
(vgl. u. Orakel). Hörte man im Voigt¬
land das Geschrei der Heer-Sch.en, so !
glaubte man, Hexen flögen durch die
Luft 4 ). Ein Pfarrer, der nach einer Sch.
geschossen, hatte eine weit entfernt woh¬
nende Hexe getroffen 5 ).
Die Sch. ist Wetterprophet. Wenn
das Wetter ändert, so stößt sie ein
meckerndes (Himmelsziege) Geschrei
aus 6 ). Namentlich aber verkündet sie
Gewitter 7 ) oder Regen 8 ). Unglück:
Wenn Brautleute beim Verlassen der
Kirche einem alten Weibe, einer Katze,
einem Hasen oder einer Sch. (s. o. Hexen-
tier) begegnen, so bedeutet das Unglück
B ächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
in der Ehe 9 ). In Skandinavien ist sie
überhaupt Schicksal kündend 10 ).
Sch.nköpfe wurden als Mittel gegen
Zauberei den Kindern angehängt n ).
Urr, Jungbunzlau glauben die Jäger,
wenn man mit Sch.nkot das Pulver
menge, so habe es zauberische Kraft 12 ).
Im Böhmerwald kennt man folgendes
Mittel gegen das Fieber: Man geht vor
Sonnenaufgang in den Wald, sucht ein
Sch.nnest, nimmt ein Junges heraus
und behält es drei Tage bei sich. Nach
drei Tagen geht man in den Wald zurück
und läßt die Schnepfe los; alsogleich
verliert man das Fieber. (Von einem
Kellner aus Budweis, A. Schramek, aus
Prag) 1 3 ).
Nach dänischem Glauben werden die
alten Junggesellen in Moor-Sch.n ver¬
wandelt 14 ).
1 ) Suolahti Vogelnamen 274 ff. 2 ) Myth.
1, 153. 3 ) Mannhardt Germ. Mythen 4h;
Simrock Myth.* 237; Sommer Sagen ;
Laistner Sphinx 2, 250 ff. 4 ) Köhler Voigt¬
land 420. 5 ) Schell Belgische Sagen 338.
b ) Baumgarten A. d. Heimat 1, 97. 7 ) Grimm
Myth. 1, 153; 2, 502; DWb. 2, 1258 (nach
Grimm identisch mit Regenpfeifer, s.
Charadrius Bd. 2, 20) (zit. auch Meckl.
Jahrbb. 20, 180); Simrock Myth* 237;
Meyer Myth. 110. 8 ) Hopf Tierorakel 170
(nach Aldrovandus Ornith.) ; Gesner Vogel¬
buch 112. *) Grohmann 120, Nr. 916. 10 )
Grimm Myth. 1, 153; DWb. 2, 1258. n ) Mon¬
tanus Volksfeste 177 (ohne Quelle). 12 ) Groh¬
mann 208 Nr. 1443. 13 ) Ebd. 166 Nr. 1173.
14 ) Dähnhardt Naturs. 3, 406. Vgl. Haber¬
geiß (Bd. 3, 1291, wo cs in Anm. 18 heißen
muß: Laistner Sphinx 2, 233 ff.), Himmels¬
ziege (Bd. 4, 35). Hoffmann-Krayer.
Schnitt, Schnitter s. Nachtrag.
Schnittlauch (Allium Schoenoprasum).
Lauchart mit röhrenförmigen, stielrunden
Blättern und bläulichroten Blüten. Als
Speisegewürz für Suppen 11 sw. oft in
I Gärten gezogen.
' Der Sch. darf nicht bei abnehmendem
I
I Mond verpflanzt werden, sonst „ver¬
kriecht“ er sich in der Erde x ), am
besten gedeiht er, wenn man ihn am
Vorabend von Georgi (s. 3, 650) versetzt 2 ).
Man düngt ihn mit Kaffeesatz 3 ). Wenn
man schönen Sch. ziehen will, muß er
gebettelt oder gestohlen sein 4 ), vgl.
Raute. Der Tod des Hausherrn wird
j auch dem Sch. angesagt 5 ).
4ia
1283
Schnupfen—Schnur
1284
*) Marzell Bayer. Volksbot. 102; Barbisch
Vandans 1922, 322. 2 ) Marzell a. a. O. 121.
3 ) Wartmann St.Gallen 10; Eberli Thurgau
135. 4 ) Vonbun Beiträge 132; Barbisch
Vandans 1922, 348; Fischer SchwäbWb. 5,
1077. 6 ) Freiburg i. B.: Meyer Baden 585.
2. Je schöner im Garten der Sch. ist,
desto böser ist die Hausfrau 6 ), vgl.
Petersilie. Im Schwäbischen heißt es:
„Wo der Sch. und d’ Katz nex (nichts)
ist, da ist au* s' Weib nex“ 7 ). Wenn der
Sch. „verkreist“ (verwächst), stirbt je¬
mand aus dem Haus 8 ).
6 ) Oberes Eisacktal: Der Schiern 8 (1927), 126.
7 ) Fischer SchwäbWb. 5, 1077. 8 j Ebd.
3. Als erstes Grün gehört der Sch. zum
Gründonnerstaggemüse, dessen Genuß
Gesundheit verleiht 9 ). In Rußland
bäckt man an Christi Himmelfahrt
Piroggen (Pasteten) mit Sch. als Erstlings¬
gemüse im Frühjahr 10 ).
°) Wuttke 74 §86; Drechsler Schlesien
2, 209. 10 ) Yermoloff Volkskalender 243.
Marzell.
Schnupfen s. Nachtrag.
Schnupftabak. Seine Verwendung
als Niesmittel gründet sich auf die alte *)
und neuere Anschauung 2 ), daß mit dem
Nasenschleim Krankheitsstoffe aus Kopf
und Hirn herausfließen. Diese Auffassung
kommt auch in den Aufschriften zu dem
echten Schneeberger Sch. zum Ausdruck:
,,Dieses edle, gerechte und approbierte
Schneeberger Haupt-, Hirn- und Flu߬
pulver des Tages etlichemal gebraucht ist
gut für den Schwindel, verzehret die
Flüsse, stärket das Gedächtnis und führet
viel Feuchtigkeit aus dem Gehirn“ 3 ).
Ähnliche Wirkung schrieb man dem
Oberurner ,,Veieli“ (Amikablüten mit
,,Schneeberger“ vermischt) 4 ) zu. Sch.
aus Maiglöckchenblüten verwendet man
gegen den Schlagfluß 6 ).
Weitere Verwendung in der Volks¬
medizin findet Sch. gegen Zahn¬
schmerzen 6 ), Schlucken 7 ), üblen Geruch 8 ),
gegen Schwangerschaft und zur Abtrei¬
bung der Frucht 9 ). Er wurde aufgelegt
bei Croup (Stickhusten) 10 ), sowie auf
offene Wunden u ). Simplizissimus bereitet
aus geröstetem Nasenblut Sch. gegen das
Nasenbluten 12 ). Dasselbe Mittel finden
wir in der jüdischen Volksmedizin 13 ).
Gibt man jemand in Schwaben ge¬
dörrte Fuchsleber zu schnupfen, so wird
er niesen und in die Hosen machen in
einem Atem 14 ). Im Zürcher Unterland
tat man anderen Rosstaub in die Sch.s-
dose, um sie zu heftigem Niesen zu
bringen 15 ).
Niesen gilt als Glückszeichen; deswegen
nehmen die Esten Sch. am Christ¬
morgen 16 ).
*) oben 5, 232 f.; Hildegardis causae et
curae (ed. Kaiser) 38; Tabernaemontanus
Artzneyb. (1597) 45 b. Nach Zeugnissen De
La Vejas war dies auch die Meinung der Wilden
bei der Entdeckung Amerikas (Flügel Volks¬
medizin 6). 2 ) Flügel Volksmedizin 6 (Franken).
3 ) Bargheer Eingeweide 351; Jungbauer
Volksmedizin 140; Seyfarth Sachsen 299.
4 ) Schweizld. 9, 1261. 5 ) Hovorka u. Kron-
feld 1. 284; vgl. Leoprechting Lechrain 90.
6 ) Manz Sargans 56. 7 ) Hovorka u. Kron-
feld 2, 198. In Oberbayern wird S. aus Stein¬
bockshorndosen gegen den „Schnackler" ge¬
nommen (Höfler Organotherapie 97); vgl.
Lammert 242. 8 ) Flügel Volksmedizin 6
(Franken). ®) Jungbauer Volksmedizin 48;
Hovorka u. Kronfeld 1, 160 (Hippokrates).
10 ) Joh. Fr. Osiander Volksarzneimittel (Han-
nov. 1861) 108. n ) Manz Sargans 70. 12 )Amers-
bach Grimmelshausen 2, 60. 13 ) Strack Blut 99.
14 ) Buck Volksmedizin 49. 15 ) Messikommer
26. 16 ) Boeder Ehsten 92. Groth.
Schnupftuch s. Taschentuch.
Schnur, s. Faden. Ein geflochtener
Faden hat die Eigenschaft des Fadens
in erhöhtem Maße, wie alles Verflechten,
Verknoten, Verdrehen die bindende Kraft
in jeder Beziehung steigert. Infolge¬
dessen hat z. B. die goldene Schnur in
einem schlesischen Liede den Sinn des
hegenden Fadens 1 ). Zur Vertreibung
von Warzen wird häufig eine Schnur ge¬
fordert 2 ). Eine Sch. um den Hals oder
Kopf vermag ein Kind zu schützen
genau wie der Faden 3 ). Was man sonst
binden nennt (s. d.) wird vielfach, ohne
damit etwas besonderes sagen zu wollen,
als Schnüren bezeichnet 4 ). Eine ähnliche
Steigerung der bindenden Kraft verur¬
sacht der Knoten (s. d.), die Schlinge
(s. d.) und der gezwirnte Faden (Art.
Zwirn).
*) Vernaleken Mythen 299; allgemein
Knuchel 104. 2 ) Seyfarth Sachsen 184. 234;
Manz 60; SAVk. 2, 260. 3 ) Seligmann 2, 228
aus Frankreich; ZföVk. 10, 98 aus slavischem
1285
schnüren—Schrat, Schrättel
1286
Gebiet; die rauhe
,,der rohe Faden“.
,,binden“ II.
Schnur Unoth 1, 189 ist
4 ) S. die Stellen zu
Aly.
M'l
P
l 1
t
schnüren s. binden.
Schnurrbart s. Bart.
Scholle (Pleuronectes latessa) und die
Flunder (P. flesus). Humoristisch-
märchenhafte Erzählungen berichten, wo¬
her die Sch. oder die Flunder oder der
Steinbutt ein schiefes Maul bekommen
haben *).
M Grimm KHM. Nr. 172; dazu Bolte-
Poiivka 3, 284 (mit weiterer Lit.); ZfVk.
16, 391 ff.
Hoff mann-Kray er.
Schöllkraut s. Sc hellkraut.
Schönbartlaufen s. Schemen laufen.
Schönetrinken s. Min ne trinken.
Schornstein s. Nachtrag.
Schoßwurz s. Eberreis.
Schradellaub s. Stechpalme.
Schrat, Schrättel (Schraz, Schrätzel).
Bezeichnung für den Waldgeist, Kobold,
A1 P (vgl- 5 > 1794 *•)•
1. Der Name, schon althochdeutsch in
den beiden Formen scrato sw.M. 4 ) und
scra(a)z, (skrez) st. M. 2 ), mittelhd. als
schrate , schretel (in), schraz , schrawaz ,
schreczl(in) 3 ) belegt, erscheint heute in
Süd-, bes. SW-Deutschland, aber auch
im Fichtelgebirge 4 ) und in der Ober¬
pfalz 5 ) in den verschiedensten Ablei¬
tungen und Entstellungen: als Schrat(t) e ),
Schrat(t)el 7 ), Schrät(t)ele 8 ), Schrät(t)~
lein 9 ), Schrättli(n)g 10 ), Schröt(t)ele n ),
Schröttlich 12 ), Schreitet 1 *), Strätteli 14 ),
Strädel 15 ), Rettete 16 ); Schraz 17 ), Schrätzel 18 ),
S ehr ätzlein 19 ), Schrätzmännel 20 ), Strazel ,
Strasel, Sehr äset 21 ), Scherzet 22 ), Ratz (pl.
Razen ) 23 ), Rätzel 24 ); Schrecksele 2 *), Schreck -
le 26 ), Schragerl 21 ), Schrackagerl,Stracka-
gerl 2 *),Sträggele 29 ) ;Schlaarzla(?) 30 ) ; Schräke -
lein 31 ); Letzet und Letzekäppel(l) 32 ). Der
Name war früher weiter verbreitet; heute
scheint er in Mittel- und Norddeutschland
ausgestorben. Die Grenzen der Ver¬
breitung der einzelnen Formen sind noch
nicht fest gestellt. — Aus dem Deutschen
ist das Wort in die benachbarten sla-
vischen Sprachen gedrungen: poln. (vor
1500) skrzat und skrzot ,,Hausgeist,
Zwerg“ 33 ), tschech. skrat, skrdtek, skritek
,,Kobold, Gold bringender Teufel“ 34 ),
slow. Skrat, skratek , skratelj ,,Kobold,
Bergmännchen ‘ ‘, skratcc ,, Windwirbel,
Weichselzopf“ 35 ). — Hd. Schrat gehört
zusammen mit altnord, skrat(t)i ,,Zau¬
berer, Riese“, neuisl. skratti ,,Teufel“,
vatnskratti ,,Wassergeist“ 36 ), schwed.
skratte ,,Narr, Zauberer, Teufel“ 37 ), neu-
engl. (dial.) scrat ,,Teufel 1 ‘ 38 ) (aus dem
Nordgerm, von den Esten als krat ,,Ko¬
bold, Drak“ entlehnt) 39 ); doch macht
das Nebeneinander der hochd. Formen
mit t und mit 2 Schwierigkeiten. —• Die
Etymologie des anscheinend germ. Wortes
ist dunkel: Mogk stellt es (wie Cleasby-
Vigfusson) zu norw. schwed. skratta
,,(laut) lachen“, dän. skratte „klirren“,
skrade „rasseln“ 40 ); Falk und Torp zu
norw. skreda „Schwächling“, mittelndd.
schrade „dünn, mager, kümmerlich" 41 ).
*) Steinmeyer Althd. Gl. 1, 602, 12 f.; 2, 17,
46. 159, 29. 160, 3. 469, 4. 518, 35. 534, 43. 550,
58. 570, 61. 678, 45; 3, 244, 22. 672, 49. 674,
25 (waltscrate) ; 4, 204, 5. 373, 7; auch sletto
H 5 ßo * 5 °* 2 ) Ebd. 1,589, 26 (pl. scrazza). 602,
14 ( scraaz ); 2, 412, 57 {skrez) ; 3, 220, 32
(screiz ). 244, 22 (pl. screzza, screzzolscratto) ;
273, 43 (pl- walts[c]raze) . 278, 15 (pl. screza );
4* 243, 3 ( scraz ); auch sklezzo 2, 23, 59; slezzo
III 501, 30; vgl. schletzen und Zwerge bei Wick-
ram, ZfdA. 8,412. 3 ) MhdWb. 2, 2c>5a;Lexer
Mhd. Hdwb. 2, 788 f., 792; 3,663 {waltschrate) ;
Diefenbach Glossar 293b. 422a; Schmel-
ler BayWb. 2, 610 f.; Franz Nie. de Jawer 172.
4 ) Bavaria 3, 306; Köhler Voigtland 479;
Zapf Fichtelgeb. 43. 5 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 288 ff. 6 ) Hertz Elsaß 73; Birlinger
Volksth. 1, 305; Bohnenberger 6; Fischer
SchwäbWb. 5, 1131; Rochholz Naturmythen
108; Lütolf Sagen 59 ff.; Reiser Allgäu 198;
Savi-Lopez Alpensagen 205; Schmeller
BayWb. 2, 611 (Sette Communi); Gräber
Kärnten 36. 7 ) ZfVk. 1, 216; 6, 324; 7, 253;
8, 446; Bohnenberger 6; Fischer SchwäbWb.
5, 1130; Andree-Eysn Volkskundliches 114;
ZfdMyth. 4, 298; Depiny Sagenbuch S. 45
Nr. 90; Gera mb Brauchtum 80; Gräber
Kärnten 34; ZföVk. i, 216; 3, 51. 270. 8 ) ZfVk.
8, 446; 23, 119; Stöber Eis. Volksbüchl. 112;
Hertz Elsaß 73; Martin u. Lienhart Elsäss.
Wb. 2, 519; Meyer Baden 550; Künzig Bad.
Sagen Nr. 54 ff.; Alemannia 25, 34; Bohnen¬
berger 6; Birlinger Volksth. 1, 304!.; Ders.
Schwaben 1, 129 f.; Meier Schwaben 1, 171 f.;
Höhn Volksheilkunde 136; Fischer SchwäbWb.
5, 1130; Lütolf Sagen 59 f.; Kohlrusch
Sagen 318; SAVk. 2, 272; 20, 63; Vonbun
Sagen 78; Ders. Beiträge 39; Alpenburg Tirol
269; Vernaleken Alpensagen 178. 179. 395;
1287
Schrat, Schrättel
1288
Panzer Beitrag 2, 299 f. 9 ) Laistner Sphinx
2, 210; Jahn Opfergebr. 285; Birlinger
Volksth. 1, 305; Fischer SchwäbWb. 5, 1130;
Höhn Volksheilkunde 136; Niderberger
Unterwalden i, 181; Vernaleken Alpensagen
173; Alpenburg Tirol 269. 10 ) Liitolf Sagen
59; Kuoni St. Galler Sagen 12. 17. 51. 67. 70.
80. 11 r. 120. 179. 280; Manz Volksbrauch 105,
110, 113; Savi-Lopez Alpensagen 205; Von-
bun Sagen 78 f.; Ders. Beiträge 39. n ) Waibel
u. Flamm 2, 138. 264. 265; Liitolf Sagen 60.
12 ) Alpenburg Tirol 269. 13 ) ZfVk. 10, 234.
14 ) SchwVk. 1, 93. 15 ) Stoll Zauberglaube 160 f.
16 ) Hertz Elsaß 73; Meier Schwaben 1, 173;
Fischer SchiväbWb. 5, 1130. 17 ) Panzer
Beitrag 1, in; Schönwerth Ober pfalz 2,
290 f.; Schmeller BayWb. 2, 614; Alpen¬
burg Tirol 269; Sommert Tillenwunder 89.
18 ) Wuttke 26, 273; Hoops Rcallex. 4, 139;
Stöber Elsäss. Volk sh. 112; Meyer Baden
550; Meier Schwaben 1, 173; Lütolf Sagen 60;
Alpenburg Tirol 269; Bavaria 3, 306; Köhler
Voigtland 479; Zapf Fichtelgeb. 43; Schön-
werth Oberpfalz 2, 290 f.; Ders. Nachlaß 105.
19 ) Hoops Rcallex. 4, 139; Güntert Kalypso
234; Vonbun Sagen 79. 20 ) Stöber Elsaß 1, S.
85; Hertz Elsaß 73; Martinu. Lienhart Elsäss-
Wb. 2,520. 21 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 290 ff.
22 ) Grimm DWb. 8, 2597. 23 ) Schönwerth 2,
288. 290 f. 300. 24 ) Stöber Eis. Volksb. 112;
Hertz Elsaß 73; Meyer Baden 550; Künzig
Bad. Sagen 55, 56; Panzer Beitrag 1, in.
25 ) Meyer Baden 550; Meier Schwaben 173.
26 ) Meyer Baden 550; Fischer SchwäbWb. 5,
1130; schon frühmhd.: waltscherekken Stein-
meyer Althd. Gl. 3, 76, 44. 27 ) Schönwerth
Oberpfalz 1, 327 t. 331. 28 ) Grohmann Aber¬
glaube 16 Nr. 75; 234 Nr. 1695; Wuttke
Sachs. Volksk. 326. 29 ) Meuli oben Bd. 5, 1794.
30 ) Schleicher Sonneberg 76. 31 ) Schmeller
BayWb. 2, 600. 32 ) Stöber Elsaß 2, 110. 176 f.
33 ) Brückner Slownik ctymologiczny jezyka
polskiego (Krakow 1927) 497 a; Grimm Myth.
1, 397 - 34 ) Ebd. 35 ) Pletersnik Slov. nemSki
slovar 3,634 a; vgl. Krauß Slav. Volkforschung
88. 89; Gräber Kärnten 34; Vernaleken
Mythen 240. 3C ) Cleasby-Vigfusson Ice-
landic-English Dict. 556 b. 37 ) Hellquist
Svensk Etymologisk Ordbok (1922) 746.
33 ) Wright-Wülker 5, 274; vgl. Liebrecht
Gervasius 82. 39 ) Ruß wurm Eibofolke § 373 ff.;
Mannhardt 1, 115. 40 ) Grundriß d. germ.
Philologie III 2 269. 41 ) Torp Wortschatz der
german. Sprachen 472; Falk u. Torp Etym. Wb.
2, 1025 s. v. skr ante.
2. Bedeutung. In den althoch¬
deutschen Glossen erscheint scrato , scraz
usw. als Übersetzung von pilosi (haarige
Geister, Jes. 13, 21) 42 ), fauni (silvestres
homines) 43 ), satiri **),incubus, incubitor * 5 ),
larva 46 ). Darnach war die älteste erreich¬
bare Bedeutung des Wortes auf deutschem
Gebiet etwa ,,menschen- (oder tier-)
ähnliches Geistwesen, das im Walde
haust, den Alpdruck verursacht, und das
in Masken nachgeahmt wird*' 47 ). In
späterer Zeit treten noch die Bedeutungen
,, Kobold“ und vor allem ,,alpender
Mensch'* hinzu.
Die Bedeutung ,, Waldgeist“ hält
sich durch die mittelhochdeutsche Zeit,
vgl. satyrus... ein schretel 48 ), walt-
schrate 49 ), geht dann aber mehr und mehr
verloren. Am nächsten steht ihr, was
im 19. Jh. in der Oberpfalz von den
Schrazeln oder Razeln erzählt wird: sie
hausen wie die Zwerge — in Familien —
im Berg und im Wald in Höhlen, die noch
als ,,Razellöcher“ gezeigt werden u.
dgl. 50 ). Ähnliches gilt von den Schrätz-
männeln im Elsaß 51 ).
Die Bedeutung Kobold ist durch ver¬
schiedene mhd. Glossierungen von pe -
nates durch schretlein , schreczlin 52 ) be¬
zeugt. Auch in der Heinrich von Frei¬
berg zugeschriebenen Reimerzählung vom
,,Schrätel und Wasserbär“ (13. Jh.) ist
das sch. ein echter Kobold 53 ). Nach
Michael Behaim (um 1460) glauben
manche, ,, jeglich haus hob ein schreczlein:
wer das ert , dem geb es gut und er “ 54 ).
Auch sonst sind Opfer an das schretlin
bezeugt 55 ). Heute ist die Bedeutung
,,Kobold“ für Sch. vor allem noch in
SO-Deutschland 56 ) und bei den westlichen
Slaven 57 ) anzutreffen. In Kärnten zeigt
sich der Schratt als Hausgeist im Spiel
der Sonnenstrahlen an der Wand, als
blaues Flämmchen oder als rotes Gesicht,
das zum Kellerfenster herausschaut 58 ).
Als selbständiger Alpdämon erscheint
das schretel auch in spätmittelalterlichen
Glossen für incubus 59 ); später verhältnis¬
mäßig selten 60 ); gelegentlich mit der
Unterscheidung: das Schrattei ist für
das Vieh, was für die Menschen die
Trud 61 ). — Bei weitem die verbreitetste
Bedeutung ist heute alpender Mensch
(daher z. B. ,,Schrätelhexe“) 62 ). Das
Wort Sch. hat also vor allem in SW-
Deutschland eine ganz ähnliche Be¬
deutungsentwicklung durchgemacht wie
in Mitteldeutschland das Wort Alp (oben
1, 284 ff.). Ais älteste Belege der neuen
Bedeutung dürfen wohl die Personen-
1289
Schreck — Schreckläuten
1290
Beinamen Scratman (1244), Scrazmann 63 )
und Natscharat (1272) 64 ) gelten. Man
erkennt einen solchen ,,Schrättlich“ an
den zusammengewachsenen Augenbrauen
(,,Räzel“) 65 ). — Seltener ist die Erklär¬
ung des alpenden Sch. mit Hilfe des
Totenglaubens: er ist ein ungetauftes
Kind 66 ) oder ein verstorbener Ange¬
höriger des Gequälten 67 ). — Die ge¬
legentlichen Bedeutungen , »Wirbel¬
wind“ 68 ), ,,Teufel“ 69 ), „Schmetter¬
ling“ 70 ) lassen sich leicht einer der
oben besprochenen Hauptbedeutungen an¬
schließen.
Die Tätigkeit des Sch. in seinen ver¬
schiedenen Bedeutungen und die gegen
ihn angewandten Mittel werden in den
Artikeln Alp, Kobold, Waldgeister be¬
handelt.
42 ) Steinmeyer Althd. Glossen 1, 589, 25.
602, 12 f. 43 ) Ebd. 2, 580, 50. 678, 45; 3, 2 73 »
43. 44 ) Ebd. 3. 76, 44. 420, 72. 45 ) Ebd. 2,
159, 29. 160, 3; 3, 484, 4. 501, 30; vgl. auch
1,589. 25. 4S ) Ebd. 2, 17, 46. 23, 59.412,57.
409, 4- 5i8. 35 - 534 . 43 - 55 °, 58. 57 °. 6 i; 3.
220, 32. 244, 22 f. 278, 15; 4. 204, 5. 243, 3.
3 73 . 7 - 47 ) Ähnlich Meuli oben V 1794 f.
48 ) Schmeller BayWb. 2, 611. 49 ) Mhd. Wb.
2, 2, 205 a. 50 ) Schönwerth Oberpfalz 2,
288 ff.; Ders. Nachlaß 105 f.; Panzer Beitrag
1, in. 51 ) Stöber Elsaß 1, 85. 52 ) Diefenbach
Glossar 422; Schmeller BayWb. 2,611; Deutsche
Städtechroniken 3, 55, 7 (Nürnberg 14SS); Bir-
linger Schwaben 1, 130; ZfVk. 8,446. 53 ) Ges.
Ab. III 257 ( :- Heinr. von Freiberg ed. Bernt
S. 249f.). 54 ) AnzfKddV. 4. 448 (= Wacker¬
nagel Lesebuch 2 1005 und Hansen Hexen¬
wahn 208); vgl. Hans Sachs Fastnachtssp. 7,
148. 5S ) Schmeller BayWb. 2, 611; Jahn
Opfergebr. 285!.; Panzer Beitrag 2, 262 f.;
vgl. auch Schönwerth Oberpfalz 2, 291.
56 ) Bavaria 3, 306; Köhler Voigtland 479;
Schönwerth Oberpf. 2, 291 ff.; Zapf Fichtel¬
geb. 43; ZföVk. 3, 51; ZfVk. 1, 216; 7, 253;
MucharGescfc. d. Steiermark 1, 157 (— Lütolf
Sagen 60); Gräber Kärnten 34 f.; Vernaleken
Alpensagen 178; Vonbun Beiträge 39 b;
Savi-Lopez Alpensagen 204; Bay Hefte 3,
72 Anm.; Kohlrusch Sagen 152. 57 ) oben
Anm. 30—32. 58 ) ZfdMyth. 4, 298. 59 ) Diefen¬
bach Glossar 293 b. 60 ) Stöber Elsaß 2, 110.
176; Höhn Volksheilk. 1, 136; SAVk. 2, 272;
3, 248 (Cysat); Kohl rusch Sagen 1, 152;
Savi-Lopez Alpensagen 2040.; DWb. 9,
1649. 1736. 61 ) Alpenburg Tirol 369.
62 ) Fischer SchwäbWb. 5, 1131. 63 ) Grimm
Myth. 1, 396 N. 13S. 64 ) Mon. Boica tom. 29
pag. 504 (= Roch holz Sagen 1, 35S).
€5 ) Goethe Dichtung u. Wahrheit Buch 9 (Jubil.
Ausg. Bd. 23, 173); dazu Hertz Elsaß 73;
DWb. 8, 197. ® 8 ) Fischer SchwäbWb. 5, 1131 ;
vgl. ZfVk. 23, 7. 67 ) Meyer Baden 550.
68 ) Panzer Beitrag 2, 209 (== Alpenburg
Mythen 268); Frommann Mundarten 6, 343;
Veckenstedts Zs. 3, 341; 4, 165. 69 ) Alemannia
2 5 . 34 : Gräber Kärnten 34 b; ZfVk. 6, 322 f.
70 ) Schöpf Idiot. 646; Frommann Mundarten
4, 53; Kornmann Mons Veneris (1644) 161
(= Mannhardt 1, 115)- Ranke.
Schreck s. Kinderschreck.
Schreckläuten.
1. So heißt in Schwaben und Tirol
das dreimalige Läuten, das um 11 Uhr
oder um Mitternacht zum Besuch der
Christmette einladet und in man¬
chen Gegenden eine Stunde dauert l ).
Es soll den Teufel und alle bösen
Geister vertreiben 2 ). In Wurmlingen
läutet man am Nachmittag vor Weih¬
nachten um 3 Uhr „die Schrecke“ 3 ).
Man umbindet während dieses Läutens
die Obstbäume mit Stroh, um sie frucht¬
bar zu machen 4 ), und füttert das Vieh
und die Hühner 5 ). Stellt man sich zur
Zeit des S.s an einem Kreuzwege auf und
spielt seine Zither, so kann man ein
meisterhafter Spieler werden, wenn man
auf keinerlei Erscheinungen achtet 6 ).
Jn Geislingen holt man sich während des
Sch.s Wasser zum Trinken; alles Wasser
und alle Brunnen sind da heilig und
geweiht. In der Familie muß alles
trinken 7 ). Wer während des Läutens bei
drei verschiedenen Quellen trinkt, dem
fließt bei dem letzten Born Wein (Paz-
naun) 8 ). Wer dreimal nacheinander
hilft die Schrecken zu läuten, wird militär¬
frei 9 ). In der Kirche kann man die
Toten des nächsten Jahres sehen (Paz-
naun) lü ).
1 ) Hörmann Volksleben 231; Hmtl .9 (1922),
1 12. 2 ) Sartori Sitte 3, 41 Anm. 91. 3 ) Meier
i Schwaben 2, 463; Birlinger Volkst. 2, 8 (wäh¬
rend des Läutens schießt man draußen vor dem
Ort). 4 ) Meier Schwaben 2, 463; Birlinger
Volkst. 1, 465; Meyer Baden 384- 5 ) Meier
Schwaben 2, 463; Birlinger A. Schwaben 2,
382; ZfVk. 7 (1897). 360; Meyer Baden 487.
6 ) ZfVk. 7, 354 (Paznaun). 7 ) Birlinger
A. Schwaben 1, 3S2. 8 ) ZfVk. 7, 355 - 9 ) Bohnen¬
berger 24. 10 ) ZfVk. 7, 355.
2. In der Oberpfalz heißt das Läuten
beim Abholen der Leiche aus dem
Hause Sch. n ). An manchen Orten des
Allgäus wird an einem Hochzeitstage
>
1291
Schreckstein—Schuh
1292
nach dem Frühgebetläuten vom Mesmer
noch eigens geläutet, was man ebenfalls
Sch. nennt, eine Ehrung, für die der
Hochzeiter dem Mesmer eigens zu zahlen
hat, die aber nur erfolgt, wenn der Hoch¬
zeiter ein Jüngling ist 12 ).
n ) Sartori Glockenbuch 103; Schönwerth
Oberpfalz 1, 256; Bayerischer Heimatschutz 16
(1918), 44. 12 ) Reiser Allgäu 2, 251.
Sartori.
Schreckstein. In Grimms Mytho¬
logie (3, 361) wird ein Sch. erwähnt,
den man sich umhing, um sich vor
Schreck zu schützen. Solche Sch.e werden
noch heute in vielen Gegenden als Schutz
gegen Beschreien, plötzliches Erschrecken
und die Fraisen genannten krampfhaften
Zuckungen (mhd. vreise = Schrecken,
Angst, Not) kleinen Kindern an den Hals
gehängt. Auch stillende Frauen tragen
Sch.e zum Schutz gegen das (durch
Schreck verursachte) plötzliche Versagen
der Milch. Das Tragen von Sch.en ist
nachgewiesen in Mecklenburg, Branden¬
burg, Posen, Schlesien, Sachsen, Thürin¬
gen, Süddeutschland, dem Rheinlande
und Österreich x ). Die Sch.e sind aus
Serpentin, rötlichem Achat, roter Koralle,
Kristall geschliffen oder aus Belemnit-
stückchen, Kalksandstein, Gips herge¬
stellt. Alle haben eine herzförmige Ge¬
stalt, sind im Querschnitt bikonkav und
zur Befestigung der Schnur, an der sie
getragen werden, durchbohrt. Manchmal
sind sie in Silber gefaßt 2 ). In Zedlers
Lexikon wird als Sch. der grüne Malachit
erwähnt und berichtet, daß abergläubische
Leute auf ihm das Zeichen der Sonne
eingruben und vermeinten, wenn sie
ihn bei sich trügen, vor Zauber, Ge¬
spenstern und giftigen Tieren sicher zu
sein 3 ). — Vgl. Fraisenstein, Malachit.
Der rote Achat und der rotgesprenkelte
Jaspis werden in Italien als Sch., in
Persien als Schutz gegen den bösen Blick
getragen 4 ).
x ) Seligmann 2, 45 f. Nr. 26 (Quellenangabe);
Verh. d. Berl. anthropolog. Gesellsch. 1877, 450
u. 472; ZdVfVk. 6 (1896), 253; Andree-Eysn
139 ; Seyfarth Sachsen 48 u. 50; Köhler Voigt¬
land 355; John Westböhmen 108 u. Erzgebirge 52;
Hovorka-Kronfeld 2, 680 s. v. Fraisenstein;
Bergmann 478. 2 ) Seligmann 2, 26 (Abbildung
1, 245 Nr. 39; ZföVk. 4 (1893), 224 u. 13 (1907),
101 f. 105. 107. 112; Seyfarth 260. Vgl. Blut¬
stein, ZföVk. 4, 118. 107. 105. 112; Andree-
Eysn a. O.; vgl. Frauenzimmerlexikon 397 u.
Ausland 63 (1890), 534 (mit Abbildungen).
3 ) Zedier 35, 1119 s. v. Malachit; vgl. Gesner
d.f.l. 120. 4 ) Bellucci II Feticismo in Italic 1
(1907), 870.; Seligmann 2. 28. — Abbildungen
von Schrecksteinamuletten bei Andree-Eysn 141
(Fig. 113U. 114). 145 (Fig. 119 Nr. 9). 144 (Fig. 118
Nr. 4). f Olbrich.
schreiben s. Nachtrag,
schreien s. Ruf.
Schreiner s. Nachtrag,
schreiten über s. Nachtrag.
Schrift s. Nachtrag.
Schritt s. gehen,
schröpfen s. Nachtrag.
Schuh.
1. Allgemeines. Erklärung, a) Fuß u. Schuh.
Geschlechtssymbolik, b) Form, c) Stoß u. Farbe,
d) Sonstiges, e) Sprachgebrauch u. Volksdichtung.
— 2. Anziehen. — 3. Schmieren u. Putzen. —
4. Neue u. alte Schuhe. — 5. Der Schuh in der
Sage. — 6. Flugschuhe. — 7. Einschuhigkeit. —
8. Abwehrzauber, a) Nachtgeister, b) Hexen,
c) Im Schuh auf bewahrte Zaubermittel. —
9. Schuhnach werfen. — 10. Schatzglaube. —
ii. Zeugung u. Geburt. —'‘ 12. Liebeszauber. —
13. Eheorakel (s. Schuhwerfen). — 14. Hochzeits¬
schuhe. a) Geschenk verboten, b) Geschenk
üblich, c) Schuhanziehen, d) Zaubermittel im
Schuh, e) Böser Zauber u. Abwehr, f) Schuh¬
ausziehen u. Schuhstehlen, g) Spätere Verwen¬
dung. — 15. Tod. a) Allgemeines, b) Toten¬
schuhe. c) Schuhopfer, d) Eiserne und Dauer¬
schuhe. — 16. Volksmedizin. — 17. Vieh- und
Feldwirtschaft. — 18. Rechtswesen, a) Adoption
u. Legitimation, b) Besitzzeichen, c) Herrschafts¬
und Standeszeichen, d) Wappen, e) Abgabe,
f) Ablegen der Schuhe, g) Sonstiges.
1. a) Ein großer Teil des mit dem
Sch. 1 ) verknüpften Aberglaubens erklärt
sich aus einer Übertragung der mit dem
Fuß (s. d.) verbundenen Vorstellungen
und Überlieferungen auf die Fußbeklei¬
dung (Schuh, Stiefel, Pantoffel, Sandale
u. a.) 2 ). Wie der Fuß ist auch der Sch.
zum Sinnbild der Macht, des Rechtes
und Besitzes geworden 3 ). Vor allem
aber spielt er eine ebenso bedeutende
Rolle in der Geschlechtssymbolik,
wobei allerdings nicht allein bloße Über¬
tragung, sondern auch das besondere
Verhältnis zwischen Fuß und Sch. in
Betracht kommt.
Wie aus den Sagen von den Sandalen
j •
X
1
.1
1
*
1293 Schuh 1294
des Perseus und Jason und den Sch.en
der ägyptischen Isis, der delphischen
Charila, der Nitokris oder Rhodope, der
etrurischen Tanaquil u. a. hervorgeht,
war der Sch. zugleich mit dem Fuß schon
im Altertum ein Sinnbild der geschlecht¬
lichen Fruchtbarkeit 4 ). Dasselbe
ist er auch im deutschen Volksglauben,
doch wird er hier, wie zuweüen auch der
Strumpf (s. d.), geradezu zum Sinnbüd
des weiblichen Geschlechtsteiles
und zum weiblichen Geschlechtszeichen,
während der Fuß, mit dem man in das
Loch des Sch.es fährt, das männliche
Glied versinnbildet 5 ). Diese Anschauung
kommt in vielen Wörtern, Redensarten
und Volksdichtungen zum Ausdruck. Ein
vielgebrauchtes Weib wird ein Latsch
(ausgetretener Sch.) genannt. Ge¬
schlechtlich ausschweifen, Ehebruch be¬
gehen heißt in Sachsen ,,auslatschen“.
Einen Mann warnt man vor dem Ehe¬
bruch mit den Worten: ,,Man muß nicht
die Füße in fremde Sch.e stecken“. Ein
volkstümlicher Ausdruck für coire ist
,,schustern“. Doch braucht dies nicht
allein als ,,sich mit dem Sch. (= vulva)
der Frau beschäftigen“ erklärt werden 6 ),
sondern es ist hier mehr an die Arbeit
des Schusters zu denken, der mit der
Ahle oder Pfrieme Löcher bohrt. Wenn
die weibliche Periode neben ,,roter König“,
,,Tante“ und anderen personifizierenden
Umschreibungen auch der ,,rote Schuster“
genannt wird, so ist besonders dort eine
Beziehung zum Sch. vorhanden, wo die
in der warmen Jahreszeit auf dem Lande
barfuß gehenden weiblichen Personen
während der Menstruation Sch.e an-
ziehen. Daher sagt man auch von einem
menstruierenden Mädchen, daß es „in
die Sch.e kommt“ 7 ). Zu erinnern ist
ferner an die Redensart: „Sie hat ein
Hufeisen abgeworfen, verloren, abge¬
rannt usw.“, die man von einem ledigen
Frauenzimmer, das niederkommt, ge¬
braucht 8 ). Auch das im 16. Jh. als eine
Art scherzhaften Flickwortes oder Flick¬
reimes beliebte Wort „et cetera Bund¬
schuh“ weist auf die erotische Bedeutung
des Sch.es hin, besonders in dem Zu¬
sammenhang, in welchem es in „Ein
Kurtzweilige Faßnacht Predig von Doc-
tor Schwärmen von Hummelshagen“
steht 9 ). Zu mehrfachen Umschreibungen
dient der Holzschuh in zwei Vierzeilern
aus dem Böhmerwalde:
Dirndl, wennst heiratst,
o
Aft heiratst hält mi(ch);
Und i hän an al(t)n Hultschuah,
Den wirf i(ch) in di(ch).
Die Hültschuah wer(d)n brocha,
Sie kimmt in d' Sechswocha;
In Sunnta geht s’ für.
Da Hultschuah mit ihr 10 ).
Im ersten Vierzeiler scheint der männliche
Samen gemeint zu sein, im zweiten wird
zuerst die Niederkunft als „Brechen der
Holzschuhe“ bezeichnet und dann ange¬
führt, daß zum Vorsegnen auch der
„Holzschuh“ mit der Wöchnerin mitgeht.
In Frankreich gilt ebenso das Brechen
eines Holzsch.es als Zeichen verlorener
Jungfräulichkeit oder Schwanger¬
schaft, wenn die Braut am Hochzeits¬
tage, wie es hie und da Sitte ist, auf einem
Holzsch. über einen sogenannten Braut¬
felsen herabrutscht u ). In gleicher Weise
scheint das Verlieren der Sch.e bei be¬
stimmten Anlässen auf den Verlust der
Jungfrauschaft hinzudeuten. Wenn früher
in Westfalen Burschen und Mädchen über
das am 1. Mai entzündete Feuer sprangen,
durfte kein Mädchen einen der niedrigen
Sch.e verlieren 12 ). Nach einer franzö¬
sischen Sage sucht das Fräulein von
Garenne nachts unter schrecklichem
Schreien im Walde bei Etrepigny ihre
verlorenen Pantoffeln 13 ).
Wie der Fußgeruch in der Erotik und
bei primitiven Völkern mit ihren scharfen
Sinnen im Leben überhaupt eine große
Rolle spielt 14 ), so ist auch der Geruch
des Sch.es nicht unwesentlich. Er erklärt
zum Teil auch den Sch.fetischismus,
bei dem allerdings noch mehr Form, Ge¬
stalt und Farbe des Sch.werkes ma߬
gebend sind 15 ). Vor allem gilt der kleine,
zierliche Sch. oder Pantoffel, wie z. B.
das Märchen vom Aschenbrödel zeigt,
als Schönheitsmerkmal 16 ). Als Feti¬
schismus ist der besonders bei den Polen
bekannte Brauch anzusprechen, aus dem
Sch. der geliebten Dame zu trinken. Im
älteren deutschen Brauchtum war aber
T
1 k
1295
Schuh
1296
der Umtrunk aus Sch.en, früher aus wirk¬
lichen, später aus Glasgefäßen, ein Sinn¬
bild der Zusammengehörigkeit 17 ) (s. u.
§ 18). Trinkgefäße in Form von Stiefeln,
die in Mähren schon aus neolithischer
Zeit nachgewiesen sind 18 ), im „Ruod-
lieb“ erwähnt werden und besonders in
Studentenkreisen beliebt waren 19 ),
brauchen durchaus nicht immer eine aber¬
gläubische Bedeutung zu besitzen. Der
Künstler sah in dem Stiefel oder Sch.,
der sich so gut als Behälter eignete (s. u.),
das nächstliegendste und passendste Vor-
büd. Wie der Sch., ursprünglich der Fuß,
zum Längenmaß, so wurde der Stiefel
zum Hohlmaß.
b) In dem Kinderbrauche, zu Nikolaus
und Weihnachten Sch.e zur Aufnahme
der Geschenke aufzustellen, hat man ohne
Grund einen tieferen Sinn finden wollen.
Der hl. Nikolaus als Vegetationsgeist,
wie ihn Mannhardt auf faßt 20 ), wird,
wie man erklärt hat, durch das Symbol
der Fruchtbarkeit, den Sch. begrüßt, in
den er zum Zeichen künftigen Segens
Äpfel und Nüsse legt, während umgekehrt
sein eigenes Pferd aus diesem Sch. Nah¬
rung erhält 21 ). Der Sch. oder auch der
Strumpf, der ebenso verwendet wird,
verdanken dies sicher in erster Reihe
ihrer Form, die sie von Natur aus zu
einem Behälter macht, der wie der Hut
(s. d.) stets zur Hand ist, um irgendwelche
Dinge aufzunehmen. Daher wird auch
der Sch. neben dem Hut und den Taschen
(s. d.) der Kleider so oft benützt, um
darin Schutz- und Abwehrmittel aufzu¬
bewahren (s. u. § 8). Mit dem Hut hat
der Sch., besonders der Holzsch. und
Pantoffel, auch das gemeinsam, daß er
leicht angezogen und ausgezogen werden
kann, woraus sich zum Teil wieder an¬
dere Verwendungsarten im Aberglauben
(s. Sch.werfen) erklären. In einzelnen
Sagen bleibt wie der Hut (s. d.) auch
der Sch. zuweilen zurück, wenn Frevler
versinken oder sonstwie umkommen 22 ).
Betreffs der einzelnen Sch.arten, der
Stiefel, Niedersch.e, Bundsch.e, Holzsch.e,
Pantoffel u. a., wird kein besonderer
Unterschied im Aberglauben gemacht.
Bloß darauf ist aufmerksam zu machen.
daß der Stiefel mehr männliche, der Sch.
im engeren Sinne weibliche Bedeutung
hat ö).
c) Auch Stoff und Farbe des Sch.es
sind wichtig. Beim Leder macht es einen
Unterschied aus, von welchem Tier es
stammt. Nach oberösterreichischem Glau¬
ben bleiben Sch.e aus Fuchsleder bei
Tage zu Haus und gehen nachts aus 24 ).
Bei den Römern durfte die Flaminica
Dialis keine Sch.e aus dem Leder eines
gefallenen Viehes tragen (s. Kleid). Nach
romanischem Glauben sollen den Kindern
Sch.e aus Wolfsfell angezogen werden 25 ).
Ein weiterer Unterschied ist, ob die Sch.e
neu oder alt, gut oder zerrissen sind. Vor
allem die Sch.e der Toten (s. u. §15),
deren Reise in die Unterwelt oder in das
Jenseits weit und schwierig ist, müssen
fest und dauerhaft sein 26 ).
Auch die Farbe ist von Einfluß. Nach
der Rockenphilosophie kann ein Kind
kein Blut sehen, wenn man ihm unter
einem Jahre rote Sch.e anlegt 27 ). Rote
Sch.e werden mitunter der Hexe zum Lohn
gegeben. In Kleinrußland denkt man sich
die Cholera als ein altes Weib, das rote
Sch.e trägt 28 ) (s. Kleid).
d) Wichtig sind ferner die Art und Um¬
stände beim Anziehen und Ausziehen
der Sch.e, das Putzen oder Schmieren,
die Paarigkeit der Sch.e, z. B. ob es
sich um den meist glückbringenden,
rechten oder den linken Sch. handelt, wo¬
bei der erste das männliche, der zweite
das weibliche Geschlecht vertritt (s. links,
rechts), dann die Spitze und der Absatz
und die Stellung der Sch.e, z. B. ob sie
verkehrt, die Spitze nach hinten und der
Absatz nach vorn, stehen, was wohl öfters,
wie das verkehrte Aufnageln der Hufeisen,
zur Täuschung von Gegnern absichtlich
gemacht wurde. Nach einer schlesischen
Sage gibt ein Einsiedler einer Magd aus
Ruten geflochtene viereckige Sch.e, so
daß die verfolgenden Räuber nicht er¬
kennen können, wohin sie geflohen ist 29 ).
Wie die Art des Tragens und der Ver¬
wendung, z. B. magisches Verkehren
und Wechseln der Sch.e, Hineinspucken
u. a., so sind auch die Herkunft, die
allfällige kirchliche Weihe, besondere
1297
Schuh
1298
zeitliche und andere Umstände von Be¬
deutung. Wie andere Kleidungsstücke
können auch die Sch.e von Geisterwesen
die Person des Trägers vertreten. Wer
sie in seine Hand bekommt, hat auch den
Besitzer in seiner Macht 30 ). Auch nach
dem Glauben der Zigeuner kann man die
Nivashi-Töchter durch Wegnehmen ihrer ]
roten Sch.e und Streuen von Stechapfel- j
samen in seine Gewalt bringen 31 ). |
e) Im Sprachgebrauch erscheint der 1
Sch. oft belebt und verpersonlicht. Von '
einem vorn an der Spitze aufgerissenen :
Sch. sagt man im Böhmerwald: ,,Er hat ■
Hunger, er reißt das Maul auf“ 32 ). Diese
persönliche Vorstellung des Sch.es tritt
auch sonst in Redensarten und Sprich¬
wörtern entgegen 33 ), ebenso in Liedern,
wie in dem bekannten ,,Stiefel muß ster¬
ben, ist noch so jung, so jung“ 34 ), und
in Rätseln, wie z. B. ,,Geht im Hof
herum, hat das Maul voller Menschen¬
fleisch“ 35 ). Einzelne Rätsel beziehen
sich auf die Sch.sohle, die Sch.nägel oder
auch auf den Stiefelknecht 36 ), die wie
das Sch.band (s. d.) auch im Aberglauben
mitunter besonders hervortreten. Dort
wo der Sch. beim Spiel erscheint, z. B.
beim schwäbischen Schühleschlupfis oder
Schühlesuchen 37 ), dem Sch.schoppen
(Sch.schieben) 38 ) oder Sch.verschieberles-
spiel 3Ö ) oder dem Sch.suchen im Allgäu 40 ),
braucht nicht in jedem Falle ein tiefer
Sinn gesucht werden, da an die Stelle des
Sch.es auch andere Dinge, z. B. ein
Schlüssel, treten können, der Sch. dabei
also nichts Wesentliches darstellt. Doch
zeigt sich besonders dort, wo erwachsene
Burschen und Mädchen ein solches Sch.-
spiel treiben, deutlich die erotische Grund¬
lage 41 ).
Erwähnt sei noch, daß das Wort Sch.
und Zusammensetzungen mit Sch., z. B.
Rothsch. (Tanzhebhaber) auch als Fa¬
miliennamen Vorkommen 42 ).
l ) P. Sartori Der Schuh im Volksglauben
ZfVk. 4 (1894), 41 ft. 148 ff. 282 ff. 412 ff.; DWb.
9, 1838 ff.; Hoops Reallex. 4, 140 t.; Schräder
Reallex. 739 f.; Weinhold Frauen 2 (1882) 2,
2630.; F. Hottenroth Handbuch der deutschen
Tracht (Stuttgart o. J.) 978; K. Spieß Die
deutschen Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig
1911) 16; Heckscher 259 ff. 4920.; Hjalmar
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
Falk Altwestnordische Kleiderkunde, Videnskaps-
selskapets Skrifter II. Hist.-filos. Kl. 1918 Nr. 3
(Kristiania 1919) 129 ff. Vgl. J. Nacht The
symbolism of the shoe with special reference to
jewish sources, Jewish Qarterly Review 6, iff.;
L. Levy Die Schuhsymbolik im jüdischen Ritus,
Monatsschrift f. Geschichte u. Wissenschaft des-
Judentums 62. NF. 26 (1918), 1780.; vgl. dazu
Ethnographia 30 (1920), 109 ff*; American Notes
and Queries 5, 1 (Superstitions of shoes). 2 ) Vgl.
Sartori a. a. O. 50. 3 ) Aigremont Fußerotik
62 f. 4 ) Vgl. ebd. 42 ff.; Bachofen Mutterrecht 72.
117. 158. 169. 214. 357. 413 u. Gräber Symbolik 136L
209. 231 1 . 389; Aly Volksmärchen 69, vgl. 90;.
Weinreich Heilungswunder 22; Sartori a. a. O.
50 f.; H. Güntert Der arische Weltkönig u. Hei¬
land (Halle 1923) 301 f. 5 ) Aigremont Fußerotik
45 ff. Vgl. Levy a. a. O. 182 f. 6 ) Aigremont
a. a. O. 51. 7 ) Ebd. 52. Vgl. Sartori a. a. O.
158 f. 8 ) Liebrecht Zur Volksk. 490 ff. 9 ) Ebd.
495 ff. 10 ) Verf. n ) Sebillot Folk-Lore 1, 337.
12 ) Sartori Westfalen 160. 13 } S6billot Folk-
Lore 1, 282. 14 ) Vgl. H. Güntert a. a. O. 302.
16 ) Aigremont Fußerotik 47 ff. 16 ) Ebd. 50 f.
17 ) DWb. 9, 1851. 18 ) H. Güntert a. a. O. 301.
19 ) Vgl. Rochholz Sagen 2, IV. LIV. 20 ) Mann¬
hardt 2, 1840. Anm. 2l ) ZfVk. 4, 51. Vgl.
Lauffer Niederdeutsche Volksk . 2 124. 22 ) Vgh
ZfVk. 5 (1895), 239 ff. 23 ) Liebrecht Zur Volksk.
440 Anm. 24 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage 21 8 .
25 ) ZfVk. 4, 152. 26 ) Vgl. Aigremont Fußerotik
65 ff. 27 ) Grimm Myth. 3, 436 Nr. 40. 28 ) ZfVk.
4, 302. 2Ö ) Peuckert Schlesien 40 t. 30 ) Vgl.
Zaunert Natursagen 1, 49 f.; ZfVk. 4, 298.
31 ) Wlislocki Volksglaube 32. 32 ) Verf. 33 ) Vgl.
Wander Sprichwörterlexikon 4, 348 ff. M ) Jung¬
bauer Bibliogr. 312 Nr. 2088. Daß in diesem
Studentenlied ursprünglich ein Mann namens
Stiefel gemeint war, weiß das Volk nicht. 35 ) Lisa
Tetzner Deutsches Rätselbuch (Jena 1924) 53.
36 ) Vgl. ebd. u. ZfdMyth. 3, 189L 37 ) Meyer
Baden 178. 38 ) Birlinger Volksth. 1, 432 = Zf¬
Vk. 4, 163. 39 ) Eberhardt Landwirtschaft 12.
40 ) Reiser Allgäu 2, 365. 41 ) Vgl. Aigremont
Fußerotik 56 f. 42 ) A. Heintze Die deutschen
I Familiennamen 5 (Halle 1922) 49.
2. Wie beim Strumpf (s. d.) ist auch
beim Sch. das Anziehen von Vorbe¬
deutung. Schon Kaiser Augustus hielt
es für ein übles Vorzeichen, wenn er mor¬
gens einen Sch. auf den falschen Fuß zog
(Suet., Aug. 92). Damit brachte er eine
gefährliche Empörung in Verbindung
(Plin., Hist. nat. 2, 5) 43 ). König Wladis-
laus, ein Litauer von Geburt, hielt den
Tag für unglücklich, an dem er zuerst
den linken Sch. angezogen hatte 44 ). Auch
in ganz Deutschland wird seit je beachtet,
ob man den Glück verheißenden rechten
oder den unheilbringenden linken Sch.
am Morgen zuerst anzieht. Schon Vintler
41b
1299
Schuh
1300
spottet 1411 in „Blume der Tugend“ j Analogieglauben am Werke. Auch der
{V. 7850): | Umstand, daß meist tierisches, unreines
und etleich die jechen
es sei nicht guet, daz man
den lenken schuech leg an
vor dem gerechten des morgens frue 45 ).
In Schwaben bestand bei Marktleuten
der Glaube, daß sie ihre Ware teuer los
werden, wenn sie am Morgen den rechten
Sch. zuerst anzogen 46 ). Besonders wichtig
ist es, am Hochzeitstage den rechten Sch.
zuerst anzuziehen, was namentlich die
Braut im deutschen Ostböhmen genau
beachtet 47 ).
Nach isländischem Glauben zieht man
sich das Unglück zu, wenn man sich
Strumpf und Sch. hintereinander erst
auf einem Fuß anzieht, und ebenso zieht
man sich das Glück aus, wenn man auch j
beim Ausziehen so vorgeht 48 ). Auch bei |
den pennsylvanischen Deutschen bringt j
es Glück, wenn man zuerst die beiden
Strümpfe anzieht und dann erst die
Sch.e 49 ). Ebenda sagt man, daß der,
welcher morgens beim Anziehen die Sch.e
zuletzt anlegt oder sie anzieht, bevor er
die Hose anlegt, an dem Tage Anlaß haben
wird sich zu schämen 50 ).
Nach der Rockenphilosophie bedeutet
Niesen beim Anziehen Unglück 51 ). Ein
häufiger Abwehrzauber beim Anziehen
ist das Spucken in den Sch. (s. u.).
43 ) Dieterich Kl. Sehr . 516; Rochholz
Naturmythen 67. 44 ) ZfVk. 4, 151 f. 45 ) Vgl.
Zingerle Tirol 33. 46 ) Birlinger Aus Schwaben
1, 414 = Aigremont Fußerotik 61. 47 ) W.
Oehl Deutsche Hochzeitsbräuche in Ostböhmen,
BdböVk. 15 (Prag 1922), 51. 48 ) Liebrecht
Zur Volksk. 369 Nr. 12. 49 ) Fogel Pennsylvania
109 Nr. 465. M ) Ebd. 361 Nr. 1925 f. 51 ) Grimm
Myth. 3, 440 Nr. 186.
3. Das Schmieren und Putzen der
Sch.e ist bald erlaubt, bald verboten,
was je nach dem Zusammenhang eine
verschiedene Erklärung fordert. Kaum
dürfte hiebei der Glaube in Betracht
kommen, daß durch das auffrischende
Schmieren dem Sch. als „Lebens- und
Segenssymbol neue Kräfte verliehen
werden“ 52 ). Denn die Überlieferungen
bringen mehr Verbote als Gebote zum
Schmieren. In vielen Fällen ist der zeit¬
liche Aberglaube das Wesentliche, in
anderen wieder sieht man deutlich den
Fett (s. d.) zum Schmieren verwendet
; wird, darf nicht außer acht gelassen
! werden.
Sch.e darf man nicht schmieren
am Abend (s. d.), weil dies Unglück zur
Folge hat 53 ), im Simmenthal auch nicht
am Sonntag (s. Sonntagsheiligung), weil
dies den Tieren unter der Haut weh tut
oder sie tötet 54 ), ferner nicht in den
Zwölften 55 ), was wieder besonders für
die Viehwirtschaft wichtig ist. Im Ans-
bachischen glaubte man gegen Ende des
18. Jh.s, daß das Vieh behext wird, wenn
Bauer oder Knecht in den Zwölfnächten
frisch geschmierte Sch.e in den Stall
brachten 56 ). In einzelnen Orten Württem¬
bergs unterläßt man noch heute das
Schmieren der Stiefel in dieser Zeit, denn
wenn man in den Zwölften dem Vieh
mit geschmierten Stiefeln einen Stoß gibt,
so heilt es schwer 57 ). Bei den Wenden
in Niedersachsen darf der Pate am Tauf -
tag keine geschmierten Stiefel tragen,
damit das Kind stets eine reine Haut
hat 58 ). In Mecklenburg darf man auch
zu einem Begräbnis die Sch.e nicht
| schmieren, weil sonst der Tote naß liegt
| oder keine Ruhe im Grabe hat 59 ). Es
I heißt ferner, daß von den Leichen-
| begleitern jener zuerst stirbt, welcher
| frisch geschmierte Stiefel anhat 60 ), wozu
: die Redensart in Burgund stimmt, daß
■ der Tod dem Menschen, noch ehe er ihn
: hole, die Sch.e schmiere 61 ). In Branden¬
burg besteht der Glaube, daß man die
Sch.e nicht auf den Füßen putzen
soll. Wer dies tut, erleidet einen schweren
Tod 62 ). Nach magyarischem Glauben
wird eine Braut ihrem Mann bald abhold
werden, wenn man ihre Sch.sohlen vor
der Trauung mit dem Blute (s. d.) oder
dem Speichel (s. d.) des Bräutigams ein¬
schmiert 63 ). Vereinzelt wird vom obersten
Hof im Glotterthal bei Freiburg der selt¬
same Brauch überliefert: So lange Speck
im Salz war, durfte im Hof kein Sch.
geschmiert werden, sondern nur über
der Grenze des Gutes, so daß alltäglich
im Winter die Sch.e auf einer Brücke, welche
die Grenze bildete, gereinigt wurden 64 ).
1301
Schuh
1302
Andrerseits bringt das Schmieren der
Sch.e zu bestimmten Zeiten Vorteile.
Man vertreibt die Ratten, wenn man
alle Sch.e vor Sonnenaufgang blank
putzt oder wenn man sie statt am Vor¬
abend der drei Hauptkirchenfeste
schon am vorhergehenden Abend putzt 65 ).
Um Bodenbach in Nordböhmen vertrieb
man die Ratten, indem man an einem
hohen Feiertag altes, nicht geputztes
Sch.werk stillschweigend, wobei man nur
in Gedanken ein Vaterunser betete, auf I
einen Kreuzweg legte. Die Richtung
der Sch. spitze zeigte dann die Gegend
an, nach welcher die Ratten auswan-
derten 66 ). Nach norddeutschem Glauben
bekommt man kein Ungeziefer, wenn
man sich zu Ostern die Sch.e schmiert
(Schlanow, Mark Brandenburg) 67 ), und
man wird von keiner Schlange und
keinem anderen Tiere gestochen, wenn j
man sich am Karfreitag die Sch.e putzt
(Westfalen) 68 ), was aber einer Über¬
lieferung aus Mecklenburg widerspricht,
wonach man gerade von Ottern und
Schlangen gebissen wird, wenn man am
Karfreitag mit geputztem Sch.zeug
geht 69 ). Auch ein Hexenbann läßt
sich mit geschmierten Sch.en ausführen:
Wenn man Sch.e von Knaben mit Wagen¬
schmiere oder Schweinsfett bestreicht und
sie alsdann in die Kirche schickt, so kann
keine Hexe heraus, bevor die Knaben
heraus sind 70 ).
62 ) ZfVk. 4, 157. 53 ) Bartsch Mecklenburg 2,
317. 64 ) Zahler Simmenthal 19. 55 ) Kuhn u.
Schwartz 411 Nr. 160 (Thomsdorf in der
Uckermark). 56 ) Grimm Myth . 3, 458 Nr. 686.
67 ) Eberhardt Landwirtschaft Nr. 3, 14- !
“) Ploß Kind 1, 187. * 9 ) Bartsch Mecklenburg
2, 96. 60 ) ZfVk. 4, 157. 61 ) Grimm Myth. 2, 704;
Rochholz Kinderlied 352 f. 62 ) Kuhn Mark .
Sagen 385 Nr. 74; Wuttke 315 § 465 = ZfVk.
4, 151. 63 ) Urquell 3 (1892), 270. 64 ) Meyer
Baden 336. 65 ) Drechsler 1, 23; 2, 4. 66 ) Groh-
mann 59 Nr. 393. 67 ) ZfVk. 1 (1891), 181.
M ) Kuhn Westfalen 2, 134 Nr. 401 = Wuttke
75 § 87; 346 § 517. 69 ) Bartsch Mecklenburg
2, 258. 70 ) ZfVk. 4, 157.
4. Neue Sch.e, welche knarren, sind
noch nicht bezahlt 71 ), wozu man in
Schlesien auch sagt: „Man ist dem Lehr¬
ling das Trinkgeld schuldig geblieben“ 72 ).
Diese Beseelung des Sch.es, der noch in
magischer Verbindung mit seinem Her¬
steller steht, den zu bezahlen er mahnt,
erinnert daran, daß auch bei Kleidern
(s. d.), aus welchen der Schneider „aus¬
zuzwicken“ ist, erst nach Bezahlung und
längerem Tragen ein fester, geheimnis¬
voller Zusammenhang mit dem Träger
sich ergibt. Die erotische Bedeutung
des Sch.es dagegen erscheint, wenn es bei
den Tschechen heißt, daß der junge Mann,
dessen Stiefel knistern, bald heiraten
wird 73 ).
Neue Sch.e soll man nicht auf den
Tisch geben, weil man keine Ehre damit
aufhebt 74 ) oder weü man, wenn man
sie noch dazu nach dem ersten Gebrauch
mit einem Stiefelknecht auszieht, dann
darin unbequem geht und sie nicht lange
besitzt 75 ). Überhaupt gilt, was bei alten
oder ungereinigten Sch.en zum Teil auch
pädagogischer Aberglaube ist, daß man
Sch.e nicht auf den Tisch, die Kommode
oder den Stuhl stellen soll. Wenn dies
der Fall ist, muß man sie, ehe man sie
anzieht, vorher wieder auf die Erde setzen,
sonst hat man Unglück 76 ). Auf den Tisch
gestellte Sch.e bringen Ärgernis (Schle¬
sien) 77 ), Streit im Hause 78 ) oder be¬
wirken, daß man ausgelacht wird 79 ).
Auf Island glaubt man, daß der, welcher
seinen neuen, zu kleinen Sch. durch
Anstücken vergrößern lassen muß,
etwas geschenkt bekommt, bevor der
Sch. vertragen ist 80 ). Bei den Wenden
ist ein alter Sch. auf dem Wege ein
schlechtes Zeichen 81 ).
71 ) Meier Schwaben 2, 507 = ZfVk. 4, 15 1 »
Schmitt Hetlingen 17; Alemannia 33 (i9°5)»
304; Wuttke 212 § 296; Schramek Böhmer¬
wald 255; Egerl. 20 (191b), 6; Fogel Penn¬
sylvania 382 Nr. 2053 u. bes. J. Müller Knar¬
rende Schuhe, ZfrwVk. 22 (1925)» 53 *L
72 ) Drechsler 2, 201. 73 ) Grohmann 223
Nr. 1259. 74 ) ZföVk. 13 (1907) ,133- 75 ) Müller
Isergebirge 35. 76 ) Strackerjan 1, 50 Nr. 43:
2, 228 Nr. 483 = Wuttke 315 § 465. 77 ) Urquell
3 (1892), 40. 78 ) Rogasener Fambl. 3(1899),
40. 79 ) John Erzgebirge 35. Vgl. SudZfVk. 2
(1929), 79. 132. 203. 250; 3 (i 93 °h 4 °* l8 °- 22 7 -
80 ) ZfVk. 8 (1898), 160. 81 ) Schulenburg
244 = ZfVk. 4, 151.
5. In der Sage sind dem Proportions¬
gesetz gemäß die Sch.e der Riesen und
später des Teufels von gewaltigem Aus¬
maß. Ein daraus geworfenes Körnlein
wird ein Riesen stein 82 ). Steine und Erde
1303
Schuh
1304
oder Wasser, das die Riesen aus ihren
Sch.en schütten, werden zu einem Berg
oder See 83 ). Nach einer französischen
Sage fangen Schäfer einen Riesen, indem
sie einen großen, mit Teer gefüllten
Stiefel hinstellen. Der Riese tritt hinein
und kann den Fuß nicht mehr zurück¬
ziehen 84 ). Ähnlich fangen Holzhauer
ein Feenkind mit roten Sch.en, die an
einen Baum festgenagelt sind 85 ). Den
Geistern sind die Sch.e zuweilen etwas
Unbekanntes. Ein Fänggenmannli in
Churrätien, dem man ein Paar Sch.e
hinstellte, will diese zuerst über den Kopf
anziehen, steckt aber dann doch die Füße
hinein, fällt aber um und lernt erst mit
der Zeit, in den Sch.en zu gehen, worauf
es für immer verschwindet 86 ).
Zwerge lassen sich mitunter gegen
reiche Bezahlung von Menschen Sch.e
machen, doch dürfen diese davon nichts
erzählen 87 ). Sie verfertigen aber auch
selbst, wie z. B. auch der irische Cluri-
caun 88 ), Sch.e, was man mit der angeb¬
lichen Wolken- und Nebelnatur der
Zwerge in Verbindung gebracht hat 89 ),
aber auch damit erklärt, daß der Sch.
hier das Sinnbild des Erntesegens, der
Fruchtbarkeit ist, da die Zwerge durch
ihr unterirdisches Feuer die droben
stehende Saat zum Reifen bringen 90 ).
Näher liegt die Erklärung, daß es sich
meist um arme Seelen und ruhelose Geister
handelt, welchen die Sch.e Linderung
auf ihrem beschwerlichen Wege ins Jen¬
seits oder sogar Erlösung bringen (s. Kleid).
Der verwünschte Schwertmann bettelt
die Menschen um ein Paar Sch.e an, um
seinen brennenden Füßen Linderung zu
schaffen 91 ). Ein ausgelohnter Dienst¬
zwerg ruft:
Hab ich deine Schuh,
So hab ich meine Ruh' 92 )
Ein beleidigter Niß wird durch geschenkte
weiche Pantoffel versöhnt 93 ). Diesem
Sch.opfer an Tote (s. u. § 15), an deren
Stelle später Geisterwesen getreten sind,
steht das Motiv gegenüber, daß man die
Geister, namentlich die Hausgeister,
durch Schenken von Sch.en ver¬
treibt 94 ). Eine wichtige Begründung
dieses Verhaltens liegt wohl darin, daß
ein Geschenk von Sch.en, mit welchen
man geht und wandert, geradezu eine
Aufforderung zum Weitergehen ist. Doch
kommen wie beim Kleidergeschenk
(s. Kleid §11) auch andere Gründe in
Betracht. So sagt z. B. das Futter¬
männchen im Voigtland, das keine Sch.e
hat, als es ein Paar neue erhält: ,,Ach,
nun wissen sie es und ich muß fort“ 95 ).
Auch die Waschweibchen verschwinden,
wenn sie Sch.e bekommen 98 ).
Die Sch.e der Zwerge sind mitunter
von Silber 97 ), wie nach einem Kinder¬
reim auch die des hl. Nikolaus 98 ), oder
von Glas "). Manchmal haben sie hohe
Absätze 100 ). Vom Hausgeist wird ver¬
einzelt berichtet, daß er weiche Pantoffel
bevorzugt 101 ). Vom wilden Jäger wird
dagegen in einem Fall überliefert, daß er
klappernde Sch.e hat, die man weithin
hört 102 ). Im Vintschgau heißt es, daß
an der Spitze des wilden Heeres ein
stumpfer Besen von selbst den Weg kehrt
und hinter ihm zwei leere Sch.e nach¬
trappen. Nach anderen Tiroler Sagen
zieht ein zierlich geputzter Sch. voran.
Wenn dieser ruhig steht und jemand
hineinsteigt, so wird er sogleich weit fort-
getragen 103 ). An dem Fuß, den der wilde
Jäger im Vorbeijagen herab wirft, ist oft
noch ein Strumpf oder Sch. 104 ). Auch die
Sch.e der vom wilden Jäger verfolgten
Wesen werden zuweilen hervorgehoben 105 )
(s. Totensch. unten § 15).
Der Wassermann hat im Böhmer¬
wald große Röhrenstiefel 106 ), sonst aber
auch, wie ihn überhaupt zerrissene Kleider
(s. d.) kennzeichnen, zerfetzte Sch.e 107 ),
die er oft selbst flickt 108 ). Vereinzelt hat
die Fußbekleidung eines Geistes besondere
Bedeutung. Hat der im Eulengebirge
spukende General schwarze Stiefel,
so ist er guter Laune; trägt er gläserne,
so hat er seinen bösen Tag 109 ). Ganz
selbständig tritt ein geisterndes Stiefel¬
paar in einer schlesischen Sage auf 110 ),
was an den Geist Stiefeli im Schwarz¬
wald erinnert 111 ). In beiden Fällen liegt
der Sage eine Übervorteilung zugrunde,
was auf die rechtliche Bedeutung des
Sch.es (s. u. § 18) hinweist. Erwähnt sei
noch der weit verbreitete Schwank von
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in
I305 Schuh I306
den Stiefeln mit den Totenbeinen,
den schon Bebel (Facet. 2, 142) er¬
zählt 112 ).
Bei den Sch.en erkennt man in der
Sage oft das Spiegelbild landesüb¬
licher oder wechselnder Mode¬
trachten. Auch von längst nicht mehr
bestehenden Sch.arten weiß die Sage
noch zu berichten. So wird von den
Schnabelsch.en, die im 15. Jh. ihre Blüte¬
zeit hatten, das Motiv überliefert, daß
die hindernden Schnäbel von den Kriegern
abgeschnitten wurden, z. B. sollen dies
1532 die Belagerer von Dortmund, um
schneller fliehen zu können, getan haben,
wobei viele die Sch.e überhaupt aus¬
zogen 113 ). Dies erinnert an das Weg¬
werfen der Sporen in der sogenannten
Sporenschlacht (1302) oder das Ab¬
schneiden der langen Enden der Eisensch.e
durch die österreichischen Ritter vor der
Schlacht bei Sempach (1386) 114 ). Doch
kann hier neben der Beseitigung des
Hindernisses auch ein anderes Motiv im
Spiele sein. In Gegenden, in welchen
Holzsch.e daheim sind, erscheinen Geister
gern in solchen, so in Tirol 115 ) oder in
Rohlingen bei Ellwangen, wo ein kleines
Weibchen mit gewaltigen Holzsch.n zu
gewissen Zeiten um Mitternacht sich
zeigt 116 ). In einer altertümlichen Tracht
mit weißen Strümpfen und Schnallen-
sch.en tritt neben andern auch das Kä¬
sperle von Gomaringen auf 117 ), glänzende,
schwarze Sch.e mit weißen Strümpfen
und einem Napoleonshut trägt einmal
auch ein Bergwerksgeist 118 ). Bei weib¬
lichen Geistern, besonders Schloßfrauen,
sind meist Pantoffel verschiedener Farbe
die typische Fußbekleidung 119 ). Nach
einer norddeutschen Sage wird eine weiße
Frau mit gelben Pantoffeln für immer
von ihrem Platze verscheucht, weil ein
Knecht bei ihrem Anblick ruft: ,,Die hat
ja gelbe Pantoffel an“ 120 ). Der Pantoffel
begegnet auch in der Sage von der hl.
Kümmernis 121 ) und in dem Tiroler Glau¬
ben, daß die Muttergottesschühlein
genannten kleinen Blumen unter den
Füßen Mariens auf geblüht sind und ihren
Sch.en ähnlich sehen 122 ). Hier hat man
es zugleich mit dem alten Motiv von der
befruchtenden Wirkung der Fußspur (s. d.)
göttlicher Personen zu tun.
An Stelle der Fußspur erscheint zu¬
weilen genauer der Sch.abdruck als
Sagenmotiv, durch das sch.ähnliche Ein¬
drücke im Gestein oder auf Bauwerken
erklärt werden 123 ).
82 ) Zaunert Natursagen i, 24; Sieber
Sachsen 133. 83 ) Zaunert Rheinland 1, 62 f.
u. Westfalen 4. Weitere Lit. ZfVk. 4, 293.
84 ) S6billot Folk-Lore 4, 32. 85 ) Ebd. 1, 263 t.
86 ) Vonbun Beiträge 61. 87 ) Schell Bergiscke
Sagen Nr. 346 — Zaunert Rheinland 1, 204.
88 ) Rochholz Sagen 1, 377. 89 ) Vgl. ZfVk. 4,
295 ff. 90 ) Aigremont Fußerotik 28. 91 ) Müllen-
hoff Sagen (1921) 280 Nr. 411. 92 ) Rochholz
Sagen 1, 379. 93 ) Müllenhoff a. a. O. 352
Nr. 517. 94 ) Kuhn Westfalen 1, 158 Nr. 163
Anm.; ZfVk. 4, 298 f.; Meiche Sagen 293
Nr. 380; Kühnau Sagen 2, 63 Nr. 729 = Peuk-
kert Schlesien 231. 95 ) Eisei Voigtland 55
Nr. 123. 96 ) ZfVk. 4, 301; J ungbauer Böhmer¬
wald 64 f. 97 ) Zaunert Rheinland 1, 247.
98 ) Ebd. 2, 183. ") Heckscher 72. 10 °) Quen-
sel Thüringen 196. 101 ) Müllenhoff Sagen
(1921) 337 Nr. 499. Vgl. ZfVk. 4, 299 f.
102 ) Schambach u. Müller Nr. 99, 4.
103 ) Laistner Nebelsagen 291 f. = ZfVk. 4, 289.
104 ) ZfVk. 4, 290 f. 105 ) Ebd. 291. i06 ) Jung¬
bauer Böhmerwald 51. 107 ) Ebd.; Peuckert
Schlesien 207. 108 ) ZfVk. 4, 301. 109 ) Kühnau
Sagen 1, 568 Nr. 606 = Peuckert Schlesien
146. 110 ) Kühnau Sagen 1, 496 t. Nr. 526.
111 ) Rochholz Sagen 1, 377; vgl. 2, LIII. 1 ;
ZfVk. 4, 290. Vgl. Haupt Lausitz 1, 202 Nr.
238. 112 ) Lit. s. SAVk. 5 (1901)» I2 7 ; 8 (1904b
66. 113 ) Zaunert Westfalen 179. 114 ) Vgl.
ZfrwVk. 1914, 83; J. W. Wolf Niederländische
Sagen (Leipzig 1843) 196 h Nr. 119. 115 ) Heyl
Tirol 21 Nr. 19; ZfVk. 4, 415 f. 116 ) Birlinger
Volksth. 1, Nr. 91 = ZfVk. 4, 301. 117 ) Kapff
Schwaben 49 f. ll8 ) Sieber Sachsen 163.
nt») Wolf Beiträge 2, 240; Stöber Elsaß 1, 27
Nr. 39. Vgl. ZfVk. 4, 413. 12 °) Grimm Myth.
2, 806. 121 ) Vgl. Grimm Sagen 234 Nr. 329;
Quensel Thüringen 96 f.; ZfVk. 4, 419 f.
122 ) Zingerle Tirol 109 = Dähnhardt Natur¬
sagen 2, 258 = Bolte-Polivka 3, 457. 123 ) Vgl.
Müllenhoff Sagen (1921) 147 f. Nr. 213;
Schöppner Sagen (1874) 3, 81 Nr. 1023 — DG.
11 (1910), 162; Quensel Thüringen 153;
Aigremont Fußerotik 12 fi.
6. Das Seitenstück zum Flugmantel
(s. d.), der Zaubersch., mit dem man
fliegen oder auf einmal große Strecken
zurücklegen kann, ist vielleicht ein Sinn¬
bild der Wolke 124 ), aber auch verwandt
mit dem Totensch., der weithin führt und
daher oft eiserne Sohlen haben muß
(s. u. § 15). Die Vorstellung eines solchen
Sch.es kann sich auch in der Weise ent-
Schuh
1307
1308
wickelt haben, daß man dem einfachen
Sch. in der Phantasie eine erhöhte Lei¬
stungskraft zukommen ließ und so einen
Wunschtraum verwirklichte. Träume
haben sicherlich dazu beigetragen, daß
der Glaube an Flugsch.e entstanden ist,
namentlich Flugträume, die nicht allein
von einer freien und leichten Atmung im
Schlafe herrühren, sondern oft auch durch
eine Empfindungslosigkeit der Fußsohlen
ausgelöst werden 125 ).
Solche Flugsch.e trägt Hermes; Athene
wird von ihren Sandalen mit zauberhafter
Schnelligkeit nach Ithaka getragen, Per¬
seus erhält von den Nymphen mit der
Hadeskappe auch Sch.e und Tasche. Eben¬
so kann Loki mit seinen Sch.en durch Luft
und Wasser schreiten, und Ullr heißt von
seinen Schneesch.en, mit denen er auf
dem Wasser gehen kann, önduras, sein
weibliches Gegenbild Skadhi öndurdis 126 ).
Auch auf die germanischen Schwan¬
flügel und Schwanhemden (s. d.) ist hin¬
zuweisen 127 ).
Im Märchen erscheint vor allem der
Siebenmeilenstiefel 128 ). Schon in
der Märchensammlung des Somadeva
aus Kaschmir fliegt der König Putraka in
Zauberpantoffeln zu den Wolken em¬
por 129 ). Wie der Menschenfresser im
Däumlingsmärchen, setzt die Hexe in
dem hessischen Märchen ,,Der liebste
Roland“ den entflohenen Kindern in
Siebenmeilenstiefeln nach, an deren Stelle
in einer anderen Lesart Schlittsch.e treten.
In einem Märchen aus Waldeck machen
die Zaubersch.e mit jedem Schritte zwei
und drei Meilen. In einem Märchen aus
Hirschau in der Oberpfalz gibt eine Hexe
einem Prinzen der Reihe nach Sch.e, die
mit jedem Schritte eine Viertelstunde,
eine halbe Stunde und eine ganze Stunde
zurücklegen. Mit den letzten holt der
Prinz eine verwünschte Jungfrau 13 °).
Auch Elben und Zwerge vermögen mit
ihren Zauberstiefeln weite Strecken in
kurzer Zeit zurückzulegen 131 ). Der Niß
Puck kann dies mit seinen Pantoffeln 132 ),
ebenso macht zuweilen ein Hausgeist die
weitesten Wege mit seinen Stiefeln 133 ).
Auch die Sagen der Indianer kennen
solche Meilenstiefel 134 ). Mitunter ge¬
hören sie zu den Wunschdingen, um
welche man streitet. In einem süd¬
slawischen Märchen streiten drei Teufel
um einen Bundsch. Schlägt man mit
diesem auf den Boden, so kommt man
durch neun Königreiche 135 ).
Auch der gestiefelte Kater hat eine
Art Meilenstiefel, da er sie braucht, um
mit Windeseile Wild für seinen Herrn
zu jagen 136 ).
Die französische Volksdichtung kennt
Stiefel, mit welchen man, wie sonst auf
Mänteln (s. d.), Schürzen (s. d.) oder
Schleiern (s. d.) über Gewässer gehen
kann, ohne naß zu werden 137 ).
124 ) ZfVk. 4, 283. 125 ) Vgl. Lehmann Aber¬
glaube 2 (1908) 484. 126 ) Lit. in ZfVk. 4, 283 f.
i 27 ) Yg] Grimm Myth. 1, 324. 128 ) Vgl. ebd.
1, 416 f.; Köhler Kl. Sehr. 1, 265; Bolte-
Pollvka 2, 318 ff.; Haupt Lausitz 1, 202
Nr. 238 u. bes. Märchen-Wb. 1, 35 ff. 129 ) Vgl.
Schultz Zeitrechnung 37 t. 13 °) ZfVk.
4, 284 ff. mit zahlreichen weiteren Bei¬
spielen. Vgl. Panzer Beitrag 1, 191 ff.;
2, 120 ff. 131 ) Grimm Myth . 1, 420 f. 132 )Wolf
Beiträge 1, 333; vgl. 1, 21. 133 ) Rochholz
Sagen 2, LV; vgl. 1, 377. 134 ) ZfVk. 4, 286.
135 ) F. S. Krauß Sagen u. Märchen der Süd¬
slawen (Leipzig 1883/84) 1, 308 = Schultz
Zeitrechnung 131. 136 ) Vgl. Grimm Myth.
1, 416 f.; 3, 145; Bolte-Polivka 1, 330;
ZfVk. 4, 300; H. Güntert Der arische Welt¬
könig u. Heiland (Halle 1923) 302. 13? ) Sebillot
Folk-Lore 2, 28.
7. Bei einzelnen alten und neuen Vö -
• • 0
kern, z. B. den Atolern, Hemikern und
Arabern, ist der Brauch überliefert, im
Kampfe einen Fuß unbeschuht zu
lassen. Darin wollte man die Darbringung
des linken Sch.es, den die Ätoler und nach
ihnen die Hemiker auszogen, an die
Muttergottheit sehen 138 ). Doch liegt
näher, an den Glauben zu denken, daß
die Mutter Erde, wenn man einen Fuß
nackt (s. d.) mit ihr in Berührung bringt,
dem Kämpfer erhöhte Kraft verleiht,
wie auch Antäus im Kampf mit Herakles
so lange unbesiegbar bleibt, als er die
Gäa mit den Füßen berührt 139 ). Auch
die Rücksicht auf die Mächte der Unter¬
welt dürfte mitspielen. Beim Zauber mit
Hilfe chthonischer Mächte mußte man
ohne Schuhe (s. u. § 18) erscheinen, da
so der Kontakt mit den Gewalten der
Erde und Tiefe am besten erzielt wurde 140 ).
1
1309 Schuh jo
Ferner ist auf den ebenfalls schon aus
dem Altertum überlieferten Brauch hin¬
zuweisen, bei besonderen Anlässen einen
Sch. geschlossen und den anderen
offen zu tragen, wobei mit dem Lösen
des Sch.es jedenfalls das Freimachen
von einem magischen Zwang, den ein böser
Feind ausübt, bezweckt wird 141 ), was
in erhöhtem Maße der Fall ist, wenn der
Sch. überhaupt ausgezogen wird. In
der Ungleichartigkeit, z. B. dem Tragen
verschiedener Sch.e oder Strümpfe (s. d.),
liegt endlich selbst schon ein Abwehr¬
zauber.
Nach deutschem Volksglauben verliert
der, welcher in einem Sch. oder Stiefel
läuft, das Maß, wenn er nicht denselben
Weg zurückläuft 142 ). Sonst findet sich
das Motiv der Einschuhigkeit in einzelnen
Sagen. Ein gespenstischer Schimmel¬
reiter im Walde bei Kusterdingen heißt
Eintöffeler, weil er an einem Fuße bar¬
fuß ist und am andern einen Pantoffel
trägt 143 ). Das Kätterle von Wertheim
liegt mit nur einem Pantoffel in der Gruft,
was vielleicht, wie ähnliche Fälle des Be-
grabens mit nur einem Sch., auf einen
Abwehrzauber zurückgeht 144 ). Die
verwunschene Schloßjungfrau in der
Stolpe bei Lossin hat nur einen Sch. und
kann erlöst werden, wenn ihr jemand
ein Paar Sch.e, ohne zu handeln, bringt 145 ).
Im Schlosse Kalenberg haust ein kleiner
Geist namens Stiefel. Seit ihm einmal
oin Bein beschädigt wurde, trägt er an
diesem einen das ganze Bein bedeckenden
Stiefel 146 ). Eine Sage vom Lechrain
berichtet von einem Forstgehilfen, der
an den ebenfalls oft seinen Pferdefuß
verdeckenden Teufel erinnert, weil er
an einem Fuß stets einen Pantoffel
hat 147 ).
138 ) Bachofen Mutterrecht 159. 13a ) Vgl.
Levy a. a. O. (o. Anm. 1) 185. 140 ) Th. Hopf¬
ner Griechisch-ägyptischer Offenbarungszauber,
Studien zur Palaeographie u. Papyruskunde
Bd. 21 (Leipzig 1921) 239 f. § 857. 141 ) Vgl.
Fraze r 3, 311 ff. 142 ) Grimm Myth. 3, 473
Nr. 1039 (Neue bunzlauische Monatsschrift
I 79 I / 9 2 )* 143 ) Kap ff Schwaben 26. 144 ) Roch¬
holz Sagen 1, 377; ZfVk. 4, 426. 145 ) Knoop
Minterpommern 51. 140 ) Grimm Sagen 72
Nr. 77 = Haupt Lausitz 1, 202 Nr. 238.
347 ) Leoprechting Lechrain 60 f. — Roch¬
holz Sagen 2, XXXVIII.
8 . a) Zur Abwehr böser Nachtgeister,
vor allem des Alp, der Mahren oder
Walridersken, aber auch der Hexen,
werden die Sch.e oder Pantoffel vor
dem Schlafengehen so vor das Bett ge¬
stellt, daß die Spitzen zur Tür ge¬
kehrt sind 148 ). In der Mark Branden¬
burg sollen sich dabei die Spitzen be¬
rühren 149 ). Es handelt sich hier um die
Täuschung des Dämons, dem man
glauben machen will, daß man wegge¬
gangen ist, also eine Täuschung, wie sie
im wirklichen Leben und darnach in
sagenhaften Überlieferungen durch ver¬
kehrtes Tragen der Sch.e 15 °) oder auch
verkehrtes Auf nageln der Hufeisen wieder¬
holt begegnet. In Oldenburg wird aus¬
drücklich gesagt, daß die Walriderske
dann glaubt, es sei niemand im Bett. Es
heißt auch, daß sie dann nicht hinein kann,
weil sie stets in die Fußtapfen des Schlä¬
fers treten muß 151 ), In Ostpreußen sagt
man, daß sonst der Teufel oder der Mahr
die Sch.e anziehen würde 152 ). Wenn ver¬
einzelt das Umgekehrte Brauch ist und
die Sch.e mit den Spitzen gegen das
Bett zu aufgestellt werden 153 ), soll wohl
ausgedrückt werden, daß der Mensch auf
den Besuch des Alp vorbereitet ist und
ihm entgegen treten will. In Oldenburg
wird in diesem Falle der Nachtmahr mit
einem Spruche angesprochen, worin Auf¬
gaben gestellt werden, die er in der Nacht
nicht fertig bringt 154 ). Die Stellung der
Sch.e mit den Spitzen zur Tür erinnert
daran, daß eine Leiche beim Heraus¬
heben aus dem Bett und Hinaustragen im
Sarge stets die Füße gegen die Tür zu
gerichtet haben muß, damit sie nicht
zurückkehrt 155 ).
Der Nachtgeist kann aber auch da¬
durch in Verwirrung gebracht werden,
daß man die Sch.e verkehrt unter
das Bett 156 ) oder zu Häupten des
Bettes 157 ) stellt, mit den Absätzen gegen¬
einander 158 ) oder so, daß die beiden
Ballen nach auswärts gerichtet sind 159 )
oder daß der rechte Sch. links, der linke
rechts steht, oder bei Holzschuhen, daß
der eine mit der Öffnung nach vorn, der
Schuh
1312
I 3 II
andere nach hinten liegt 160 ). Dies ge¬
schieht in Norddeutschland auch mit
Stiefeln, damit der Kobold nicht wieder
kommt, wobei der eine Stiefel mit der
Spitze nach innen gestellt und daneben
noch ein Besen hingelegt wird 161 ). Zu¬
weilen stehen die Sch.e kreuzweise über¬
einander 162 ), worauf schon J. H. Voß in
der Dichtung „Allegro'' Bezug nimmt:
Die klagt, wie manche liebe Nacht
Ein schwerer Alp sie stöhnen macht.
Wenn rückwärts nicht gestellet war
Mit Kreuzen ihr Pantoffelpaar 1 * 3 ).
Im Kempenland (Belgien) gibt man zum
Schutz gegen Hexen vor dem Schlafen¬
gehen zu den Sch.n noch eine Axt neben
das Bett, erhöht also die Abwehr durch
die Drohung 164 ). Auch in Frankreich
dienen Sch.e zur Abwehr böser Nacht¬
geister 165 ), im bosnischen Saveland gegen
den Vampir 166 ). Nicht die Stellung der
Sch.e,sondern die Sch.e selbst erscheinen als
Abwehrmittel, wenn man in der Gegend
von Matsch in Tirol einen hölzernen
Stiefel über das Bett zum Schutz gegen
die Drud aufhängt 167 ). Diese kann selbst
die Gestalt eines Sch.s annehmen. Nach
einer hessischen Sage faßt ein von der
Mahr geplagter Mann nachts in der Bett¬
decke einen Pantoffel und nagelt ihn j
an die Tür. Am Morgen sieht er, daß dies
seine Frau ist 168 ).
Dieser Abwehrzauber fand eine Weiter¬
entwicklung und Übertragung auf andere
Erscheinungen, die zum Teil nichts anderes
sind als die primären Ursachen oder Be¬
gleiterscheinungen des Alpdrückens. Ge¬
gen Schlaflosigkeit schützt man sich
in Schlesien und Brandenburg, indem
man neben anderem die Sch.e mit der
Spitze gegen das Bett zu stellt 169 ). Nach
Schweizer Glauben kann der im Traum
Verfolgte laufen, wenn man die Sch.e
vor das Bett stellt, so daß die Spitze des
rechten etwas vorgerückt ist 170 ), oder
indem man den linken Sch. vor den
rechten stellt 171 ). Ebenda sichert man
sich gegen nächtliche Fußkrämpfe,
wenn man die tagsüber getragenen Sch.e
mit den Spitzen nach außen unter das
Bett stellt 172 ). In Mecklenburg wird
der krank, welcher die Sch.e vor dem
Schlafengehen so vor das Bett stellt, daß
sie hinter das Bett sehen 173 ). Wenn
Hundegeheul vor dem Hause anzeigt,,
daß jemand sterben wird, gibt man bei
Balkanvölkern einen Pantoffel vor das
Fenster, bei einigen Völkern den linken,
j bei andern den rechten. Bei den syrischen
Christen legt man in diesem Fall, wenn
ein Kranker im Hause ist, in dessen
Stube einen Sch. verkehrt hin und ver¬
jagt den Hund 174 ).
b) Um Pforzheim bestand früher der
Glaube, daß man nachts keine Furcht
vor Hexen zu haben brauche, wenn man
vor dem Schlafengehen den linken Sch.
umkehre 175 ). In Oldenburg hilft be¬
sonders der beim Abendmahl getragene
Sch. gegen Hexerei 176 ). In Niederöster¬
reich heißt es von den Hexen, daß sie
immer zweierlei Fußbekleidung haben,
entweder einen Tuch- und einen Ledersch.
oder einen Leder- und Filzsch. 177 ) oder
einen Ledersch. und einen Tuchpotschen 178 )
(= Tuchpantoffel). In Hessen glaubt
man dagegen, sich durch das Tragen von
zweierlei Sch.n vor dem Behext werden
zu sichern 179 ). In Österbotten (Närike)
ging eine Frau, um einen Waldbrand zu
löschen, mit unpaarigen Sch.n dreimal
von Westen nach Osten um das Feuer 180 ).
Wer nach oberösterreichischem Glauben
am Georgitag vor Sonnenaufgang unge¬
kreuzt und ungewaschen mit einem Sch.,
ohne ein Wort zu sprechen, aufs Feld
geht, sieht die Hexen 181 ). In Hexen¬
prozeßakten heißt es häufig, daß eine der
versammelten Frauen am rechten Fuß
den goldenen Sch. trage 182 ). Einen
behexten Sch. stellt ein Holzschnitt
bei Ulrich Molitoris, De Lamiis et j>ytho-
nicis mülieribus (Konstanz 1489) dar.
Die Hexe schießt auf den vor ihr lie¬
genden Sch. einen Pfeil ab, der Besitzer
des Sch.s steht mit entblößtem rechten
Fuß dabei 183 ). Verbreitet ist der Glaube,
daß man beim Werfen des linken Sch.s
in den Wirbelwind die darin verborgene
Hexe zwingt, in ihrer wahren Gestalt
sich zu zeigen 184 ). In Frankreich ver¬
treibt man Gewitter, besonders Hagel¬
wetter, indem man unter Beobachtung
besonderer Formen Sch.e dagegen wirft 185 ).
Schuh
1313
1314
Ein Kreuz auf den Sch.sohlen schützt
in Oldenburg gegen Hexen 186 ), in der
Schweiz zugleich mit in Kreuzform ein¬
geschlagenen Schuhnägeln überhaupt
gegen Gespenster 187 ). Nach dem Glau¬
ben des 17. Jh.s konnten Diebeshenker
oder Teufelsmeister Übeltäter bannen,
wenn sie deren Sch.e bekamen, die sie
über den Galgen warfen 188 ). Alte Sch.e
dienen oft als Werkzeug der Hexen.
Nach einer Sage aus Oldenburg konnte
in einer Bierbrauerei kein Bier mehr er¬
zeugt werden, bis man einen alten Pan¬
toffel fand, mit dem eine entlassene
Magd die Brauerei behext hatte 189 ).
In Thomar, Estremadura, sind dagegen
alte Sch.e ein Abwehrmittel gegen Hexen.
Hierzu, namentlich gegen den bösen
Blick, werden Sch.e auch verwendet
bei den Serben, Türken, Fellachen in
Jerusalem, Beduinen, Arabern, Arme¬
niern und in Indien 190 ). In Bengalen
stellt man beim Bau eines neuen Hauses
daneben einen Bambusstab auf mit einem
Strohwisch, einem alten Sch. und einem
schwarzen Topf, um den bösen Blick ab¬
zuhalten 191 ).
Böses wehrt man ferner ab durch
Spucken in die Sch.e vor dem An¬
ziehen 192 ). Nach Arndt spuckte man
beim Übernachten in einem fremden
Hause dreimal in die Pantoffeln oder in
die Schlafmütze, bevor man sie anzog 193 ).
Im Lüneburg isehen spuckt man in den
Sch., wenn man etwas Wichtiges vor¬
hat. Nach Plinius spuckten die Alten vor
dem Anziehen in den rechten Sch. 194 ).
In Frankreich spuckt man, um bösen
Zauber, der am Harnen hindert, abzu¬
wehren, auf den rechten Sch., bevor man
ihn anzieht 195 ) (s. spucken, Speichel,
Münze). Vom Bann kann man sich be¬
freien, wenn man ausden Sch.n schlüpft 196 ).
Bei den Wenden meint man sich gegen
Bann zu schützen, wenn man nur in
Sch.n oder Pantoffeln, nicht in Stiefeln
geht. Zieht man jene aus, so löst sich der
Bann 197 ). Nach dem Glauben der Ober¬
pfalz kann sich der Verirrte vom Blend¬
zauber 198 ) auch dadurch befreien, daß
er den Absatz des rechten Sch.s ab¬
schneidet 199 ). Sonst ist Sch.wechsel
Bächtold»StäubIi , Aberglaube VII.
(s. d.) das beste Gegenmittel. Hier und
da mag der Sch. an Stelle eines älteren
Mondamulettes getreten sein. An die
Sitte der römischen Patrizier, an den
Sch.n Halbmonde zu tragen 200 ), er-
Sch.n Halbmonde zu tragen 20 °), er¬
innert der heutige italienische Brauch,
einen kleinen Sch. als Amulett gegen den
bösen Blick bei sich zu führen 201 ). Es
geht aber zu weit, wenn man Schnabelsch.e
wegen ihrer Form als Mondsymbol auf¬
faßt und damit die rotglühenden Eisen¬
schuhe im deutschen Märchen vergleicht,
in denen sich die böse Stiefmutter zu Tode
tanzen muß 202 ).
c) Die Sch.e dienen wie die Taschen
(s. d.) der Kleider oft zum Auf be¬
wahren von Zaubermitteln ver¬
schiedener Art 203 ). Besonders zauber-
kräftig sind die zu Johannis gesammelten
und im Sch. getragenen Kräuter 204 ).
Nach Schweizer Glauben erkennt man
die Hexen in der Kirche, wenn man vor
Sonnenaufgang Klee in die Sch.e gibt 205 ).
Hat auf Island jemand Metall in den
Sch.n, so kann ihm niemand Blendwerk
vormachen 206 ). Die Frauen in Jerusalem
stecken ihren Männern gegen den bösen
Blick heimlich Fasuch, eine harzige,
weihrauchähnliche Masse, in die Sch.e
oder Kleidung 207 ). Nach dem Glauben
der Slowenen in Kärnten kann man die
Tiere in der Christnacht sprechen hören,
wenn man Stiefel mit neun Sohlen und
darin Farnwedel trägt 208 ). Sonst macht
Farnsamen in den Sch.n unsichtbar 209 )
oder bewirkt, daß man die unterirdischen
Schätze heben kann 210 ), oder daß man,
wenn der Samen oder auch die Blüten
in der Johannisnacht geholt wird, nicht
müde wird 211 ). In Frankreich legte man,
um schnell zu gehen, ein Briefchen, mit
dem Namen der hl. drei Könige be¬
schrieben, in den Sch. 212 ). Nach angel¬
sächsischem Glauben kann man Ge¬
stohlenes wieder erlangen, wenn man eine
rechteckige, mit Buchstaben beschriebene
Figur, welche schweigend gezeichnet
sein muß, in den linken Sch. unter die
Ferse legt 213 ). In Komotau (Deutsch¬
böhmen) glaubte man noch um die Mitte
des 19. Jh.s, daß ein Mädchen bei einer
Tanzunterhaltung den ganzen Abend
42
Schuh
Schuh
1315
sitzen bleibt, wenn man ihm den aus den
Pferden gestriegelten Staub in die Sch.e
streut 214 ). Dieser Pferdestaub ist ein
bekanntes Juckpulver, das zuweilen von
boshaften Burschen auf dem Tanzboden
ausgestreut wird 215 ).
148 ) Maennling 316; Grimm Sagen 73
Nr. 80; Meyer Germ. Myth. 79; Sartori Sitte
u. Brauch 2, 24 u. in ZfVk. 4, 304 f.; Heckscher
343 ; Joh. Friedr. Schütze Holsteinisches
Idiotikon (Hamburg 1800 ff.) 4, 286; Kuhn u.
Schwartz 420 Nr. 197; Woeste Mark 48;
Bartsch Mecklenburg 2, 3. 317; Finder Vier¬
lande 2, 247; O. u. Th. Ben ecke Lüneburger
Heimatbuch (Bremen 1914) 2, 523; Kück Lmms-
burger Heide 242; Fr. Plettke Heimatkunde
des Regierungsbezirkes Stade 1 (Bremen 1909),
338; Müllenhoff Sagen (1921) 536; ZfVk.
1 (1891), 79 (Jamund bei Köslin); ZfrwVk.
1906, 209; Zaunert Rheinland 2, 151; BlPomm-
Vk. 10, 132; Lemke Ostpreußen 1, 67; Sieber
Sachsen 204; Huß Aberglaube 31 = Hovorka
u. Kronfeld 2, 254t.; Vernaleken Mythen
271; Rochholz Sagen 2, LV; Manz Sargans
112; Schulenburg 150t. 149 ) ZfVk. 1, 190.
i:o ) Vgl. Mitteil. Anhalt. Gesch. 4, 10. 151 ) Strak-
kerjan 1, 472 Nr. 252. 152 ) Frischbier Hexen-
spr. 10. I53 ) Vgl. ebd. Anm.; Meier Schwaben
1, 177 Nr. 13; Seligmann Blick 2, 227.
154 ) Strackerjan 1, 472 Nr. 252. 155 ) Wuttke
460 ff. §§ 729. 736; Meyer Germ. Myth. 70.
156 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 215 Nr. 6.
157 ) Grimm Myth. 3, 449 Nr. 457. 158 ) Drechs¬
ler 2, 177. 159 ) Reiser Allgäu 2, 426. 16 °) Strak-
kerjan 1, 472 Nr. 252. 161 ) Kuhn u. Schwartz
215 Nr. 243, 494. 162 ) Strackerjan 2, 228
Nr. 483; Wuttke 285 § 419. 163 ) Lauffer
Niederdeutsche Volksk. 2 134. 164 ) Selig¬
mann Blick 2, 17. 165 ) Sebillot Folk-Lore
1, 141. I66 ) Globus 61, 326 = ZfVk. 4, 305.
167 ) Laistner Sphinx 2, 208. Vgl. ZfVk. 4,
305. 168 ) ZfVk. 4, 304. 169 ) Drechsler 2, 265;
Wuttke 313 § 462 — ZfVk. 4, 154. 17 °) Zahler
Simmenthal 48; Manz Sargans 145. 171 ) SAVk.
24 (1922), 67. 172 ) Ebd. 2, 261; Reiser Allgäu
2, 445. 173 ) Bartsch Mecklenburg 2, 489 f.
= ZfVk. 4, 150. 174 ) Stern Türkei 1, 418.
175 ) Grimm Myth. 3, 456Nr. 642. 176 ) Strack er-
jan 2, 228 Nr. 483. 177 ) Landsteiner Nieder¬
österreich 48 4 = ZfVk. 4, 302. 178 ) Pfalz
Marchfeld 65. 173 ) Wolf Beiträge i, 226 —
ZfVk. 4, 304; Seligmann Blick 2, 222.
:8 °) Knuchel Umwandlung 88. 181 ) Baum¬
garten Jahr u. s. Tage 24. 182 ) Grimm Myth.
2, 896. 183 ) Soldan-Heppe r, 252. 184 ) Baader
Sagen Nr. 237 = Kuhn Westfalen r, 108
Nr. 110 Anm.; Meyer Baden 368; Wuttke
303 § 444 (Schwaben); ZfVk. 4, 303. 185 ) Sebil¬
lot Folk-Lore 1, 109 h 186 ) Strackerjan i,
426 Nr. 229 = Seligmann Blick 2, 336;
ZfVk. 1 (1891), 181 (Neumark) = 4, 304; vgl.
4, 419. 187 ) Lütolf Sagen 514 Nr. 469. 188 ) Prae-
torius Phil. 11. 189 ) Strackerjan 1, 380.
19 °) Seligmann Blick 2, 22 7 l. 191 ) Ebd. 2, 41.
192 ) Ebd. 2, 207. 216. 193 ) Heckscher 134 f.
194 ) Ebd. 393. 195 ) Wolf Beiträge 1, 250 =
ZfVk. 4, 150. 196 ) Heyl Tirol 164 Nr. 72.
197 ) Schulenburg 82 = ZfVk. 4, 155. 198 ) Vgl.
ZfVk. 4, 155. 298. 199 ) Schönwerth Oberpfalz
3, 276. 20 °) Seligmann Blick 2, 138. 201 ) Ebd.
2, 227. 202 ) Siecke Götterattribute 95 f. 203 ) Vgl.
ZfVk. 4, 153 f.; Sebillot Folk-Lore 3, 485 f.
204 ) Vgl. Frazer 11, 54 f. 60. 65. 205 ) Grimm
Myth. 2, 903. 296 ) ZfVk. 13 (1903), 272 =
Heckscher 384. 207 ) Seligmann Blick 2, 62.
208 ) Ausland 62, 265 = ZfVk. 4, 155 = Wein¬
hold Neunzahl 17. 209 ) Sieber Sachsen 128;
Zaunert Westfalen 287. Vgl. Sebillot Folk-
Lore 3, 485. 210 ) Peuckert Schlesien 77.
211 ) Geramb Brauchtum 61 (Tirol). 212 ) Wolf
Beiträge 1, 248 ^ ZfVk. 4, 154. 213) Fischer
Angelsachsen 20 = ZfVk. 4, 153. 214 ) Q ro h-
mann 200 Nr. 1407. 215 ) Verf.
9. Glück bringt das Nachwerfen
eines Sch.s. Es geht nicht an, hier ein¬
fach ein Opfer für die bösen Dämonen
zu erblicken 216 ). Je nach den Um¬
ständen sind verschiedene Erklärungen
möglich, auch eine Motivenkreuzung kann
stattfinden 217 ), indem etwa die rechtliche
(Herrschaftssymbol) und zugleich auch
die geschlechtliche (Fruchtbarkeits¬
symbol) Bedeutung in Betracht kommt.
Zuweilen ist auch hier der Sch. bloß an
Stelle des Fußes getreten 218 ).
Schon in dem niederdeutschen Schau¬
spiel Theophilus 219 ) sagt der Held, im
Begriff zum Teufel zu gehen, zu dem
Juden, der ihm den Weg weist:
Up dat it my wol enhant gae
So werp my einen alden scho nae!
Ähnlich heißt es in dem Gedicht ,,Der
Minne Falkner“ 220 ) (v. 78):
Er sprach: wirff nach den Siegel,
wünsch heile meiner ferte!
Noch heute ist es im Saterland und Mün¬
sterland Brauch, wenn jemand zur Jagd,
auf Reisen oder in Geschäften das Haus
verläßt, ihm einen Holzsch. nachzu¬
werfen, wenn er bei der Tür hinausgeht;
dann hat er Glück 221 ). Ebenso verfährt
man im Aargau und in England 222 ). In
Irland muß man einem Angehörigen,
der auf Reisen geht, einen Pantoffel oder
den rechten Sch., der an sich glück¬
bringend ist, nachwerfen 223 ). Deutlich
ist die Beziehung zwischen dem
Sch., den man beim Gehen und Reisen
in erster Reihe braucht, und dem Gange
1317
oder Reise selbst erkennbar. Wenn in
der Türkei ein Seemann ein Schiff ver¬
läßt, wirft ihm jemand von der übrigen
Mannschaft einen alten Sch. oder sonst
eine * abgetragene Sache nach. Hier wird
als Grund angegeben, daß der Betreffende,
wenn er ein ,,böses Auge“ habe, es mit¬
nehmen oder auf den Sch. übergehen
lassen soll 224 ).
Dagegen bezweckt der schon im alten
Griechenland nachgewiesene, in Deutsch¬
land nur vereinzelt belegte, früher am
Rhein und jetzt noch in Oberschlesien
bekannte 225 ), besonders in England,
Schottland und Dänemark gepflegte
Brauch, Neuvermählten ein Paar
alte Sch.e nachzuwerfen, in erster Reihe
eheliche Fruchtbarkeit 226 ). Doch
liegt schließlich auch hier das Motiv der
Reise vor, die für das ganze Leben gilt.
Andrerseits mag in dem Umstand, daß
nicht einzelne Sch.e, sondern ein Paar
Sch.e nachgeworfen werden, ein Hinweis
auf die rechtliche Bedeutung der Ehe und
die Gleichstellung beider Teile zu er¬
kennen sein. Daß es gerade alte Sch.e
sind, braucht keineswegs eine erhöhte
Potenz, die man den Neuvermählten
wünscht, bedeuten 227 ). Neue Sch.e weg¬
zuwerfen, wäre denn doch zu kostspielig.
Diese Sitte ist auch in Amerika daheim 228 ),
ferner bei den Türken, wo man damit dem
bösen Blick begegnet, und bei den Zigeu¬
nern in Siebenbürgen, welche ausdrück¬
lich angegeben, daß dann die Ehe frucht¬
bar wird 229 ).
216) Vgi Samter Geburt 195 ff. 205 f. 217 ) Vgl.
sbd. 206. 218 ) Vgl. ZfVk. 21 (1911), 414.
519 ) Trierer Hs. des 15. Jh.s, hg. von Hoffmann
von Fallersleben 1, 524 f.; ZfVk. 4, 152.
* 20 ) Schmellers Ausgabe von Hadamars von
Laber Jagd in der Bibliothek d. liter. Vereines
in Stuttgart, Bd. 20, S. 171 ff. 221 ) Stracker¬
jan 1, 37 Nr. 27; 111 Nr. 128 — Wuttke 406
§ 628 = Seligmann Blick 2, 227 f. = ZfVk.
b J 53 - 222 ) Geburt 198. 223 ) Rochholz
Kinderlied 353 224 ) Samter Geburt 198.
J25 ) Ebd. 196. 226 ) Ebd. 195 ff.; Seligmann
Blick 2, 227; ZfVk. 4, 153; ZföVk. 20 (i 9 1 4 ).
jo 3 . Vgl. Crooke Northern India 2 (1896)
2 » 34 - 227 ) Liebrecht Zar Volksk. 492. 228 ) ARw.
[8 (1915), 593; vgl. 21, 240. 229 ) Samter Geburt
mc I • Qolirr m ar-iri R7i rh O O 9 S
10. Im Schatzglauben ist der Sch.
häufig vertreten, worin man aber keines¬
wegs eine Beziehung zur angeblichen
Gewitternatur der Schatzsagen zu suchen
braucht 230 ). Gleichwie durch andere
Kleidungsstücke (s. Kleid) und Gegen¬
stände (s. bes. Stahl, Messer) kann man
brennende Schätze auch durch Darauf¬
werfen der Sch.e oder Stiefel bannen 231 ),
was der rechtlichen Bedeutung der Sch.e
bei Besitzergreifungen entspricht (s. u.
§ 18). Im besondern heißt es, daß man
den rechten Sch. 232 ) oder, wie in Ost¬
preußen, den linken werfen so 1 ! 233 ). In
einer Sage aus Hinterpommern wird der
Sch., den jemand auf den in einer hohlen
Eiche von einem Hunde bewachten
Schatz wirft, von dem Wächter wieder
zurückgeworfen 234 ). Eine Erweiterung
des Motives bringt eine norddeutsche
Sage, nach welcher bei einem vom Teufel
bewachten Schatz ein feuriger Stiefel
steht. Wer diesen anzieht, dem muß der
Teufel den Schatz geben 235 ).
Ein tiefer Sinn steckt wohl kaum in
dem Sagenmotiv, daß Sch.e zum Auf¬
bewahren von Geld und Schätzen
dienen. Sie werden dazu eben gerade so
verwendet wie andere wegen ihrer Form
als Behälter passende Kleidungsstücke
(s. Schürze, Strumpf) oder die Taschen
(s. d.) der Kleider (s. o. § 8 c). An die
mythische Darstellung eines Gewitter¬
vorganges wird man schwerlich denken,
wenn der Drache, Teufel oder sonstige
Schatzbringer ihre Gaben in einem Sch.
tragen 236 ), auch nicht, wenn der wilde
Jäger einem Bauern Gold in den Stiefel
schüttet 237 ). Daß der Sch. in solchen
Fällen nur als Gefäß zu betrachten ist,
beweist das Sagenmotiv von dem Sch.
ohne Sohlen, mit dem man den Schatz¬
bringer, der Geld hineinschüttet, be¬
trügt 238 ). Eher wird man noch dort,
wo ein weiblicher Geist dem geliebten
Manne zum Abschied einen Sch. voll
Geld gibt 239 ), an die erotische Bedeutung
des Sch.s denken.
Auch in dem Sagenmotiv, daß von
geschenkten wertlosen Dingen, wie Koh¬
len, Holzspänen u. a., oder Schätzen, die
sich in Mist und Unrat verwandeln, der
zufällig im Sch. gebliebene Rest zu
Gold oder Geld wird 240 ), eine tiefere
1319
Schuh
Bedeutung zu sehen, ist unnötig, da das¬
selbe von der Schürze (s. d.) und anderen
Kleidungsstücken erzählt wird und der
Sch. sich natürlich am ehesten dazu eignet,
daß darin irgend etwas versteckt bleiben
kann, z. B. in den Sch.en des Wagner¬
meisters, der den Pflug der Perchte aus¬
bessert, ein Holzspan, der zu einem Gold¬
stück wird 241 ), oder an der Sch.schnalle
des Schäfers, der am Johannisabend die
verlorene Herde auf dem Kyffhäuser
sucht, die Wunderblume 242 ).
Auf Reichtum oder Armut deutet
das Volk die Art und Weise, wie die Sch.e
ausgetreten werden. Wer sie einwärts
tritt, wird reich, wer auswärts, arm 243 ).
Reich wird auch der, welcher ein rundes
Loch, das an die runde Münze erinnert,
in die Schuhsohle tritt 244 ) oder der seine
Sch.e so zertritt, daß sie zuerst vorn in¬
mitten der Sohle löcherig werden 245 ).
In Mecklenburg glaubt man, daß dem,
welchem das Dienstmädchen beim Aus¬
fegen mit dem Besen über die Stiefel
fährt, das Glück weggefegt wird 246 ).
23 °) Zfvt 4 420. 23 i) Jahn Pommern 300 ff.
Nr. 380. 384. 406. 409 u. Toeppen Masuren
34 u. Kuhn Mark. Sagen 384 Nr. 67 u. Roch-
holz Sagen 2, 161 = ZfVk. 4, 422; Heckscher
380; Kühnau Sagen 3, 699 Nr. 2099 (Poln.-
Oberschlesien); Kuoni St. Galler Sagen 77;
SchwVk. 4. 23 f.; vgl. 9, 10. 232 ) Wucke Werra
314 Nr. 544. 233 ) Wuttke4i2 § 640. 234 ) Knoop
Hinterpommern Nr. 147 = ZfVk. 4, 422.
235 ) Temme Pommern Nr. 201 = Jahn Pom¬
mern 287 Nr. 362. 236 ) ZfVk. 4, 420. 237 ) Ebd.
421 = Grimm Myth. 2, 771 = Rochholz
Sagen 2, LV. 23 «) ZfVk. 4, 421. 23 ®) Z. B.
Zaun er t Natursagen 1, 74 t. 240 ) Beispiele
s. ZfVk. 4, 421. 241 ) Quensel Thüringen 191.
242 ) Ebd. 171; Grimm Myth. 3, 288 = ZfVk.
4, 421. 243 ) Grimm Myth . 3, 436 Nr. 63 (Rocken¬
philosophie) u. Panzer Beitrag 1, 264 u.
Birlinger Aus Schwaben 1, 397 — ZfVk. 4,
131; Pfister Hessen 171; Wuttke 220 § 312.
244 ) Birlinger Aus Schwaben a. a. O.; Fogei
Pennsylvania 81 Nr. 297. 245 ) Unoth r, 180
(Schaffhausen). 248 ) Bartsch Mecklenburg
2, 317 — ZfVk. 4, 151.
11. In verschiedener Weise kommt der
Sch. bei der Zeugung und Geburt und
in der ersten Kindheit in Betracht. In
R an gg en (Tirol) und bei den pennsyl-
vanischen Deutschen muß der Mann,
der einen Buben haben will, zum Bei¬
schlaf Stiefel anziehen 247 ) (s. Hut § 7).
1320
In manchen Gemeinden von Poitou tau¬
chen Bräute ihre Sch.e in bestimmte
Quellen, um sicher Kinder zu bekom¬
men 248 ). Die Eskimo nehmen, um ihre
Frauen fruchtbar oder schwanger zu
machen, englische Schuhsohlen und be¬
hängen sich damit, weil sie das englische
Volk für besonders stark und fruchtbar
halten. In China wird ein geweihter Sch.
aus dem Tempel der Kindergöttin ge¬
nommen und im Hause des Weibes, das
Kinder wünscht, neben dem Bilde der
Göttin aufgestellt und verehrt. Wird
der Wunsch erfüllt, so stiftet die glück¬
liche Mutter ein Paar neue Sch.e in jenen
Tempel 249 ). In einigen Gegenden Est¬
lands wechseln die Schwangeren
wöchentlich ihre Sch.e, um den Teufel,
der ihnen auf Schritt und Tritt folgen
soll, von ihrer Spur abzuleiten 25 °). Neben
diesem Motiv der Täuschung mag wohl
! auch der Umstand in Betracht kommen,
daß die Frauen durch häufiges Anziehen
frischer Sch.e, die so immer wieder aus¬
getreten und erweitert werden, was man
auch bei den Geburtsorganen wünscht,
die glückliche Geburt beeinflussen
wollen 251 ). Bei den Gräco-Walachen
um Monastir sucht man die Geburt sogar
vor den nicht zur engeren Familie ge¬
hörenden Hausleuten zu verheimlichen.
Hat es aber trotzdem ein Mann erfahren,
so nimmt man ihm heimlich seine Sch.e,
schüttet etwas Wasser hinein und tropft
davon auf Lippen und Brust der Kind¬
betterin 252 ). Um die Geburt zu erleich¬
tern, war es in Schwaben noch zu Ende
des 18. Jh.s üblich, daß man der Kreißen¬
den die Pantoffel des Mannes anzog 253 ).
Zu demselben Zwecke trinken die ser¬
bischen Frauen aus dem Sch. des Mannes,
was auch in Syrien und Palästina der
Brauch ist. In einzelnen südslawischen
Gegenden wird hiebei verlangt, daß das
Wasser unberührt und unbesprochen sein
muß 254 ). In Syrien gibt man einer
Frau, die nach der Entbindung starke
Unterleibsschmerzen hat, die Sch.e des
Mannes, ohne daß sie es merkt, unter
die Kopfkissen 255 ).
Geht die Wöchnerin zur Einsegnung,
so muß sie neue Sch.e anziehen; sonst
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Schuh
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v
n
*
macht das Kind einen gefährlichen Fall,
wenn es laufen lernt 256 ), oder es lernt
spät sprechen, oder bekommt, wenn es
ein Mädchen ist, einst einen Witwer zum
Mann 257 ). In Ostfriesland streut die
Kindbetterin beim ersten Kirchgang etwas
Salz in die Sch.e und achtet darauf, daß
sie nicht in die Spuren anderer Leute
tritt, weil sie sonst eine geschwollene
Brust bekommt 258 ). Im Frei- und Keller¬
amte zog die Mutter zur Aussegnung ihre
Hochzeitssch.e an 259 ). In der Schweiz
gilt als üble Vorbedeutung, wenn die
Patin die Sch.e verliert 260 ). Bei den
Magyaren darf eine Wöchnerin nie barfuß
gehen, sondern muß, so lange sie im Bette
liegt, die stets davor stehenden Pantoffel,
die von der Gottesmutter, der Geburts¬
göttin sind, anziehen, wenn sie das Bett
verläßt. Nach dem endgültigen Verlassen
des Kindbettes darf sie diese Sch.e nicht
mehr gebrauchen. Nur Frauen, welche
dreimal Zwillinge geboren haben, erlaubt
es die Gottesmutter, diese Pantoffel ihr
Leben lang zu tragen 261 ). Bei den Serben
wird abends das Bett des neugeborenen
Kindes mit dem Rauch von alten Sch.en
eingeräuchert, wodurch man die Hexen
zu vertreiben glaubt 262 ).
Die ersten Sch.e eines Kindes sollen
nicht neu sein, da es sonst sehr viele
zerreißt (Oberamt Gerabronn) 263 ), nach
französischem Glauben sollen sie aus
Wolfsfell sein 264 ). Bei den ersten Sch.n
oder Kleidern (s. d.) darf man dem Schu¬
ster oder Schneider nichts abziehen,
sonst hat das Kind kein Glück 265 ). In
der hessischen Wetterau darf man die
ersten Sch.e dem Kinde nicht an¬
messen 266 ). In der Schweiz spricht man
zuweilen ein besonderes Sprüchlein, wenn
man einem Kinde die ersten Sch.e an¬
zieht 267 ). In der Mark Brandenburg
werden diese Sch.e aufbewahrt, weil sonst
das Kind nicht alt werden würde 268 ).
247 ) Zingerle Tirol 26; Fogel Pennsyl¬
vania 349 Nr. 1861; 355 Nr. 1897. Vgl. Lieb¬
recht Zur Volksk. 440. 248 ) Sebillot Folk-
Lore 2, 332. 249 ) ZfVk. 4, 157. 25 °) Boeder
Ehsten 45 = Ploß Kind 1, 9 - 251 ) Vgl. ZfVk.
4, 158. 252 ) Ebd. 134 = Stern Türkei 2, 294.
253 ) Grimm Myth. 3, 457 Nr. 673. 254 ) Stern
Türkei 2, 295 f- 299. 255 ) Ebd. 2, 311. 258 ) Grimm
Myth. 3, 449 Nr. 451 (Rockenphilosophie) ;
vgl. 462 Nr. 797; Schönbach Berthold v. R.
151; Wolf Beiträge 1, 212 (Wetterau) =
Wuttke 379 § 577. Vgl. Rochholz Kinderlied
316. 257 ) Drechsler 1, 208. 258 ) Ploß Kind
1, 229 = ZfVk. 4, 172. 259 ) Bächtold Hoch¬
zeit 1, 248. 26 °) ZfdMyth. 4, 3 = ZfVk. 4 , * 5 i-
281 ) Wlislocki Magyaren 163 f. 262 ) Ausland
49f 516 = ZfVk. 4, 304. 263 ) Höhn Geburt
Nr. 4, 278. 264 ) Liebrecht Gervasius 244 =
ZfVk. 4, 152. Vgl. Meyer Konv.-Lex. 20 (1908),
721. 265 ) Grimm Myth. 3, 443 Nr. 262 (Rocken¬
philosophie) ; Kuhn u. Schwartz 459 Nr. 440;
Drechsler 1, 213. 268 ) Wolf Beiträge 1, 207 h
Nr. 33 f. = ZfVk. 4, 175. 287 ) Rochholz
Kinderlied 320. 268 ) ZfVk. 1 (1891), 184.
12. Schon seit ältester Zeit findet man
den Sch. im Liebeszauber verwendet.
Weit verbreitet ist das Motiv von dem
Mädchen- oder Frauenschuh, der durch
den Wind oder durch einen Adler ent¬
führt wird, wie z. B. in der Sage von
Rhodope und dem ägyptischen König,
oder sonstwie in den Besitz eines Mannes
kommt und dessen Liebe entfacht (vgl.
das Märchen vom Aschenbrödel) 269 ). Mit
Hilfe von Sch.n verstehen es besonders
Hexen zu zaubern. Bei Lucian, Dial.
Meretr. 4, 4 hat eine alte Hexe, um einen
Treulosen wieder heranzuziehen, irgend
etwas von ihm nötig otov tp.aita 73
xpTjmSac t \ äXfyxc töv rpt/wv 73 xt tmv
Totootmv 27 °). Mit von ihr hergestellten
Zauberstiefeln bewirkte 1026 eine Nonne
zu Pfalzel bei Trier, daß der Erzbischof
Poppo, den sie liebte, jedesmal von
heftiger Begierde nach der Umarmung
eines Weibes ergriffen wurde, sobald er
die Stiefel anzog, die sie ihm geschenkt
hatte. Ebenso erging es anderen Männern,
welche die Stiefel anlegten. Schließlich
wurde die Nonne aus dem Kloster ge¬
stoßen und dieses aufgelöst 271 ). Nach
Hexenakten aus Steiermark (1546) wurde
ein Entlaufener durch Fernzauber in
der Weise zurückgebracht, daß die Hexen
in seine zurückgelassenen Stiefel ge¬
blasen hatten 272 ). Nach hessischem
Glauben konnte man jemand zwingen,
aus der Fremde heimzukommen, indem
man seine Sch.e in einen neuen Topf gab,
damit gegen den Strom Wasser schöpfte
und dann die Sch.e in dem Topf vier
Tage lang kochte 273 ). Nach Tiroler
Glauben kann eine Hexe auf einen Mann,
Schuh
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Schuh
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1323
den sie gern hat, so einwirken, daß er zu
ihr kommen muß, so oft sie es will.
Zieht er aber die Sch.e aus, so laufen
diese allein zu ihr 274 ) (s. Schürze,
Strumpf).
Um die Liebe einer Person zu ge¬
winnen, entwendet man ihr in Hessen
heimlich einen Sch., trägt ihn acht Tage
lang selbst und gibt ihn dann wieder
zurück 275 ). Um Landshut legt man der
geliebten Person unversehens vierblättri¬
gen Klee in den Sch., dann muß sie einem
nachlaufen 276 ). Ähnlich wird in Frank¬
reich dem Manne, um seine Liebe zu er¬
höhen, ein in der Johannisnacht ge¬
pflücktes Nußbaumblatt in den linken
Sch. gelegt 277 ). Bei den Finnen gewinnt
eine Frau die durch Hexerei verlorene
Liebe des Mannes wieder, wenn sie aus
einem seiner Sch.e fließendes Wasser
trinkt und den Sch. dann rückwärts
über die Schultern wirft 278 ). Bei den
Kaschuben verbrennt man einige Halme
der Stroheinlage, welche man in den
Stiefeln gegen Kälte und Nässe hat, und
mischt die Asche unauffällig in die
Speise oder den Trank jener Person, deren
Liebe man gewinnen will. Um diesen
Zauber abzuwehren, muß diese Person
dem Verliebten mit der Stroheinlage so
ins Gesicht schlagen, daß Blut, und sei
es nur ein Tropfen, fließt; dann hört die
Liebe auf 279 ).
Ein anderes Gegenmittel gegen ange¬
hexte Liebe wird aus dem 17. Jh. über¬
liefert. Man muß ein neues Paar Sch.e
anziehen, darin eine Meile geschwind
gehen, so daß die Füße schwitzen, dann
den rechten Sch. ausziehen und daraus
Bier oder Wein trinken. Dann wird man
der geliebten Person von Stund an
gram 28 °). Einem Pommerschen Kavalier,
der von einer geilen Metze einen Liebes¬
trank erhalten hatte, legte jemand Mist
in die Sch.e. Nachdem er eine Stunde
darin gegangen und sich satt gerochen
hatte, ward seine Liebe auch stinkend 281 ).
Um sich von angehexter Liebe zu be¬
freien, gab man bei den Tschechen den
vom Absatz des rechten Sch.s abge¬
schabten Kot in den Sch. und warf den
Kot von einem Steg aus rücklings über
1324
den Kopf ins Wasser, worauf man, ohne
umzusehen, seines Weges ging 282 ).
269 ) Vgl. die Lit. in ZfVk. 4, 160; Bolte-
Poh'vka i, 187; Storfer Jung fr.-Mutter schuft
73 1 - 27 °) ZfVk. 4, 159. 271 ) Ebd.; Zaunert
Rheinland 2, 67. 272 ) ZfVk. 7 (1897), 1 88 f.
273 ) Grimm Myth. 2, 915. 274 ) Zingerle Tirol
67 = ZfVk. 4, 302 f. 275 ) Wuttke 365 § 552.
Vgl. Grohmann 208 S. Nr. 1450. 278 ) Pollinger
Landshut 247. 277 ) Sebillot Folk-Lore 3, 392.
278 ) Seligmann Blick 1, 308. 279 ) Seefried-
Gulgowski 109. 28 °) Staricius (1685)
341 = Lammert 152 = Hovorka u. Kron-
feld 2, 170f. = Drechsler 1, 232f. 281 ) Graesse
Preußen 2, 465 = ZfVk. 4, 160. 282 ) Grohmann
209 Nr.» 1451 = Wuttke 367 § 555 = ZfVk.
4, 160.
13. Außer dem Sch.werfen (s. d.) gibt
es noch andere Eheorakel. Wenn in
Hessen die Mädchen am Neujahrsmorgen
zuerst ausgehen, haben sie einen Heller
im linken Sch. Der erste ledige Bursche,
den sie begegnen, ist der Zukünftige 283 ).
Im Zillertal (Tirol) kocht das Mädchen
in der Christnacht ein „Salzkoch“, wirft
ein neues Paar Sch.e durchs Fenster
hinaus und zieht sie draußen an, jedoch
ohne die Sch.bänder festzubinden. Dann
wäscht es sich das Gesicht, aber ohne sich
abzutrocknen. Der erste, der hierauf
dem Mädchen am Kirchhofgitter die Sch.e
binden und das Gesicht abtrocknen will,
ist der Zukünftige. Doch darf sich das
Mädchen dies von dem Scheinbild auf
keinen Fall tun lassen, weil ihm sonst
das Gesicht abfaulen würde 284 ). Bei den
pennsylvanischen Deutschen geht das
Mädchen, das neue Sch.e bekommen hat,
damit zu Bett. In der Nacht soll dann
ein Mann erscheinen, der die Sch.e aus¬
ziehen will. Diesen wird das Mädchen
zum Mann bekommen 285 ). In dem
Märchen ,,Die drei Männlein im Walde“
sagt ein Witwer, der unschlüssig ist, ob
er wieder heiraten soll, zu seiner Tochter,
sie möge einen durchlöcherten Stiefel
am Boden aufhangen und Wasser hinein¬
gießen. Wenn er das Wasser halte, wolle
er wieder eine Frau nehmen. Das Wasser
zieht das Loch in der Sohle zusammen
und der Stiefel wird voll, worauf der
Vater wieder heiratet. Dies erinnert an
das sizilianische Märchen „Von Giovan¬
nino und Caterina“, worin der Vater die
Lehrerin seiner Tochter erst heiratet.
wenn die über seinem Bett aufgehängten
eisernen Stiefel aufgebraucht sein wer¬
den 286 ).
Nach dem Glauben des Erzgebirges
bekommt ein Mädchen einen lahmen
Mann, wenn es mit nur einem Pantoffel
über die Stube geht 287 ). Auf baldige
Heirat schließt man, wenn jemandem
beim Stiefelputzen die Bürste oft aus
der Hand fällt 288 ), bei den Tschechen,
wenn einem Burschen die Stiefel knar¬
ren 289 ). Erwähnt sei noch der zum Stoff
von den Andreasgebeten um einen Mann
gehörende Schwank aus Hannover, in
dem der hinter einer Hecke stehende
Hirt dem Mädchen, das gern einen Mann
haben will und Gott um ein Zeichen
bittet, einen alten Sch. zuwirft, wofür
das Mädchen Gott freudig dankt 29 °).
283 ) Pfister Hessen 162. 284 ) ZfVk. 8 (1898),
330. 285 ) Fogel Pennsylvania 61 Nr. 189.
286) ZfVk. 4, 166. 287 ) John Erzgebirge 76.
288) Wuttke 220 § 312 =ZfVk. 4, 165. 289 ) Groh¬
mann 223 Nr. 1259. 29 °) ZfVk. 4, 164; Bolte-
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14. Betreffs des Schenkens der Hoch¬
zeit s s c h. e herrscht en tgegengesetzter
Glaube.
a) Dort wo die mit dem Sch. ver¬
knüpfte Vorstellung des Gehens, Weg¬
gehens oder Davonlaufens im Vorder¬
grund steht, hält man solche Geschenke
für ungeeignet, was besonders in Nord¬
deutschland der Fall ist. Hier bedeutet
die Redensart „jemand ein Paar Sch.e
geben“ so viel wie „jemand, den man
nicht mehr sehen will, fortweisen“. Ähn¬
lich scheint in einem serbischen Lied
das Hinw r erfen eines Sch.es ein Zeichen
der Verachtung zu sein, wobei der Sch.
an Stelle des Fußes (vgl. jemand einen
Fußtritt geben) getreten sein dürfte 291 )
(s. u. § 15a).
In Ostpreußen darf der Bräutigam der
Braut die Sch.e nicht besorgen, weil
sie ihm davonlaufen würde 292 ), in Bran¬
denburg mit der Begründung, daß dann
die Liebe fortläuft 293 ), in Thüringen und
Schlesien (Kreuzburg), weil sonst die
Liebe „zerlatscht“ 294 ), in Westpreußen,
weil dann nichts aus der Hochzeit wird
oder weil dann der Mann unter den Pan¬
toffel kommt 295 ), an der Ostsee, weil sonst
Braut und Bräutigam einander untreu
werden 296 ). Am allerwenigsten dürfen
die Brautigamssch.e geschenkt werden.
Die Braut darf ihrem Liebsten weder
Sch.e schenken noch Pantoffel sticken.
Im Erzgebirge 297 ), in Westpreußen 298 )
und an der Ostsee 299 ) sagt man, daß
dann die Ehe frühzeitig getrennt wird,
um Königsberg 300 ), in Sunden (Dithm.)
und Stadt Schleswig 301 ), daß sonst der
Bräutigam untreu wird und davon geht.
b) Dort wo die geschlechtliche und
rechtliche Bedeutung des Sch.es als Sinn¬
bild der Herrschaft und der Besitz¬
ergreifung 302 ) vorwiegt, gilt es dagegen
als selbstverständlich, daß der Bräutigam
der Braut die Hochzeitsschuhe, meist
zugleich mit dem Hochzeitskleide
schenkt. Dieser Brauch ist sehr alt.
Schon bei den alten Franken sandte der
Bräutigam der Braut ein Paar Sch.e 303 ).
In dem Gedicht vom König Rother
(V. 2020—2288) läßt der Werbende zwei
Sch.e, goldene und silberne, schmieden
und schuht sie der Braut, die ihren Fuß
in seinen Schoß setzt, selber an. Das¬
selbe ist der Fall in der Erzählung vom
König Osantrix in der Wilkinasaga 304 ).
Auch im Märchen macht nicht selten der
Prinz oder Verehrer der Geliebten außer
anderm auch Sch.e zum Geschenk 305 ),
und selbst im Kinderlied hat sich eine
Erinnerung an die Bedeutung der Sch.e
bei der Brautwerbung erhalten, indem
das bekannte Spiellied vom Herrn von
Ninive 306 ), das gewöhnlich von der Ab¬
holung einer dem Kloster geweihten
Tochter berichtet, auch Lesarten auf¬
weist, die von einem Herrn erzählen, der
mit einem Pantoffel ankommt und die
jüngste Tochter haben will 307 ).
Die Sitte des Schenkens der Brautsch.e
ist heute noch weit verbreitet, findet sich
nicht bloß im größten Teile Deutsch¬
lands 308 ), sondern auch bei romanischen
und slawischen Völkern 309 ). Gewisser¬
maßen als Angabe auf diese Sch.e wurden
in Graubünden früher bei Eheversprechen
außer anderen Dingen auch silberne
Sch.schnallen geschenkt 310 ). Im Allgäu
mußten früher die Brautsch.e unbe-
schrieen in das Haus gebracht werden 3U ).
132 7
Schuh
1328
Auch andere Hochzeitsteilnehmer pflegte
man mit Sch.en zu beschenken, so in Ober¬
österreich früher auch die Zubraut 312 ),
um Landshut Brautführer und Kranzei¬
jungfrau 313 ), in Westböhmen die Braut¬
mutter 314 ). In früheren Jahrhunderten
trieb man mit solchen Geschenken (s.auch
Handsch.) an die verschiedensten Leute
einen solchen Aufwand, daß wiederholt
von seiten der Obrigkeit dagegen ein¬
geschritten wurde. Die Hamburger Hoch¬
zeitsordnung von 1292 bestimmte, daß
der Bräutigam der Braut nur ein Paar
Sch.e schicken dürfe. In einem Erlaß
des Augsburger Magistrates aus dem
13. oder 14. Jh. heißt es ausdrücklich,
daß man bei einer Hochzeit niemand
Sch.e geben soll und nur ein Mann seiner
Hausfrau zwei Sch.e bringen dürfe. Das
Geseker Statutarrecht (Südwestfalen) von
1360 sagt, daß der Bräutigam drei Paar
Sch.e seiner Braut und ihren Nächsten
und die Braut dem Bräutigam ein paar
Linnenkleider geben mag „und numande
nicht mer“. Die Soester Schrae ver¬
bietet im 2. Artikel das Geben der Braut-
sch.e überhaupt 315 ). In einem Dorf bei
Bochum bestand aber noch im 19. Jh.
die Sitte, daß der Bräutigam dem Zimmer¬
mann ein Paar lange Stiefel schenkte 316 ).
In einzelnen Orten Badens schenken die
Kilbeknaben zur Kirchweih ihren Kilbe¬
jungfrauen Sch.e 317 ).
Auch der Vermittler bekam zuweilen
Sch.e zum Lohne geschenkt, weshalb man
vom Kuppler sagte: „Er verdient ein
Paar Sch. der Hölle zu“ 318 ) oder . . . „ein
Paar Sch. und d’ Holl’ dazu“ 319 ). In
einer Sage belohnt auch der Teufel ein
Weib, das ihm bei der Entzweiung eines
Ehepaares behilflich gewesen ist, mit
einem Paar Sch.e 32 °).
c) Das Sch.anziehen oder Sch.-
steigen, der germanische Verlobungs¬
brauch 321 ), besteht heute nicht mehr.
Bei romanischen Völkern aber werden
noch immer am Hochzeitstage der Braut
vor der Trauung die alten Sch.e aus¬
gezogen und die neuen angelegt, was
meist ein naher Verwandter oder ein
Freund des Bräutigams oder dieser selbst
tut. In Berry versuchen es alle Einge¬
ladenen, aber nur dem Bräutigam gelingt
es; im Bellunesischen zieht die Schwieger¬
mutter erst vor der Kirchentür der Braut
die neuen Sch.e an. In Frankreich werden
sie manchmal versteckt, wenn sie der
Braut angelegt werden sollen, und man
muß sie oft lange suchen 322 ). Allgemein
bestrebt sich die Braut beim Anziehen
am Hochzeitstage, daß sie zuerst in den
rechten Sch. schlüpft. Besonders im
deutschen Ostböhmen, wo die Braut schon
am Morgen mit dem rechten Fuß aus dem
Bett steigt, sieht sie darauf, daß sie zuerst
den rechten Strumpf und Sch. anzieht
• m
und zuerst in den rechten Ärmel fährt,
weil dann im Ehestand alles „recht“
geht 323 ).
Im Ansbachischen bestand noch 1786
der Glaube, daß die Braut die Herr¬
schaft bekommt, wenn ihr der Bräutigam
am Hochzeitstage den linken Sch. ein¬
schnallt 324 ) (vgl. u. § 18). Zu dem gleichen
Zwecke versucht noch heute, z. B. auch
im Ravensbergischen 325 ), die Braut wäh¬
rend der kirchlichen Handlung ihren Fuß
auf den Sch. des Bräutigams zu setzen.
In Landsberg a. W. trägt die Braut
Pimperneil, Salz und Dill im Sch., hält
während der Trauung den Fuß über den
des Mannes und spricht:
Ich trete auf Pimperneile, Salz und Dille;
Wenn ich rede, bist du stille 326 ).
d) In die Hochzeitsschuhe gibt man
oft allerlei Zaubermittel, die verschie¬
denen Zwecken dienen, vor allem Böses
abwehren, aber auch Fruchtbarkeit und
Glück in der Ehe und im ganzen Haus¬
wesen herbeiführen sollen. Wenn in die
Sch.e der Braut Getreidekörner ge¬
streut werden 327 ), so will man nicht allein
die junge Frau fruchtbar machen 328 ),
sondern auch ein günstiges Gedeihen des
Getreides selbst erzielen. Will man Glück
in der Viehwirtschaft haben, so gibt man
in Schlesien Kuhhaare und Schweine¬
borsten in die Braut sch.e 329 ). Nach
Tiroler Glauben muß die Braut etwas
Geweihtes in die Sch.e legen, damit ihr
nichts Böses begegne 330 ). Im Harz steckt
man in den Kranz und in die Sch.e der
Braut Dost (Majoran) 331 ), um Potsdam
legen die Verlobten Salz in die Sch.e 332 ),
1329
Schuh
1330
in der Normandie läßt der Bräutigam genauer ihres Verlustes, m der alten Sitte
in die Sch.sohlen der Braut ohne deren des Sch.ausziehens, indem der junge
Wissen Salz geben 333 ) oder auch ein Mann verpflichtet ist, seiner Gattin m der
Geldstück zwischen die Sohlen der Braut- Hochzeitsnacht die Sch.e zu lösen. Im
sch.e einnähen. Geld hat die Braut meist Orient wird der Hochzeitstag deshalb
beim Kirchgang in den Sch.en oder im geradezu „Tag des Schuhausziehens ge¬
rechten Strumpf, damit sie in der Ehe nannt. Nach dem Theatrum Diabolorum
nie daran Mangel hat, was auch in Schwe- (Frankfurt 1569) war es in Deutschland
den und Frankreich üblich ist 334 ). In zuweilen auch Brauch, daß ein junges
Schweden gibt man auch irgendein Me- Knäblein der neben ihm auf dem Bette
tall in die Hochzeitssch.e 335 ). Bei den sitzenden Braut die Pantoffel auszog und
Kaschuben kehrt der Bräutigam vor dem an die Wand nagelte zum Zeichen, daß
Kirchgang die Stroheinlage des Stiefels sie nun immer im Hause bleiben und das-
um 336\ selbe regieren, mit Kindern umgehen
e) Auch böser Zauber läßt sich mittels und sie aufziehen solle. In Rußland wird
der Sch.e ausführen. Nach dem Glauben durch das Sch.ausziehen besonders die
der Oberpfalz kann man der Braut wunde Überlegenheit des Mannes und die Unter-
Füße verschaffen, wenn man vor dem würfigkeit des Weibes betont 344 ). Ge-
Hochzeitstage einen ihrer Sch.e in die wohnlich muß die junge Frau am ersten
Hand bekommt und Asche von einem Tage nach der Hochzeit dem Manne die
alten, im Frühjahre geschossenen Hasen Sch.e ausziehen )•
hineinstreut; man kann sie lahm machen. Auf deutschem Boden ist heute viel
wenn man in den Absatz eines Braut- verbreiteter das Sch.stehlen durch
sch.es ungesehen einen undanks gefunde- Hochzeitsteilnehmer, das meist wahrend
nen, alten und im Feuer gelegenen Nagel des Hochzeitsmahles oder Hochzeits-
so einschlägt, daß er etwas vorsteht 337 ). tanzes geschieht. Der Bräutigam muß
Nach dem Glauben des schottischen Hoch- . dann den Sch. mit Geld auslösen ), m
landes soll der Bräutigam den Unken Sch. der Schweiz 347 ) und in Baden 34 ), aber
ohne Schnalle oder Riemen haben, damit auch der Brautführer, der den Raub ver-
ihm Hexen den Beischlaf in der Hoch- hindern soll. In der Rheingegend stehlen
zeitsnacht nicht unmöglich machen 338 ). die Weiber die Brautsch.e 349 ), anderswo
Nach tschechischem Glauben bleibt jene meist die jungen Burschen, welche mit-
Braut kinderlos, der man am Hochzeits- unter den geraubten Sch. versteigern
tage Mohn (s. d.) in die Sch.e gegeben und den Erlös vertrinken 350 ). In der
hat 338 ). Abwehr bösen Zaubers be- Bergstraße und im Odenwald trinkt man
zweckte wohl, wenn man in Oberöster- aus dem Sch. 351 ), in Axin bei Brettin tun
reich früher am Hochzeitstage rote Sch.e, dies alle Junggesellen der Reihe nach
wie sie auch die Braut in Südchina und versteigern dann den Sch. Das
trägt 340 ) anhatte, vor allem beim Hoch- eingegangene Geld bekommen die Ar-
zeitstanze, woher die Redensart rührt: men 352 ). In Unterfranken müssen die
„Zum Tanze gehört mehr als rote Brautjungfern den Sch. „kaufen , ein-
Sch.e“ 341 ). Nach Tiroler Glauben be- lösen, weil sie die Braut nicht genügend
deutete es Unglück in der Ehe, wenn die bewacht haben. Für das Geld wird dem
Braut am Hochzeitstage zu enge Sch.e Brautpaar ein Bild oder eine Uhr gekauft
hatte 342 ), während es dagegen in Island oder es fällt der Köchin zu. Manchmal
ganz allgemein heißt: Wer einen engen müssen die Brautjungfern einige Flaschen
Sch. erträgt, der wird später die Herr- Wein zahlen 353 ). An Stelle des Sch.-
schaft der Frau gut ertragen 343 ). stehlens — oder auch, wie in Nordbohmen,
f) Wie sonst der Kranz (s. d.), der zugleich damit— versucht man die Braut
Gürtel (s. d.), Schleier (s. d.) und auch zu rauben. Man lockt sie in irgendeinen
das Strumpfband (s. d.), erscheint der Raum und sperrt sie ein, bis der Bräutigam
Sch. als Sinnbild der Jungfräulichkeit, sie auslöst 354 ). Diese Sitte gehört ur-
Schuh
*332
1331
sprünglich, wie das Auftreten der falschen
Braut (s. d.), das erwähnte Verstecken
der Brautsch.e vor dem Kirchgang u. a.,
zu den hemmenden Elementen der Hoch¬
zeit. Auf sudetendeutschem Gebiet hat
sich in neuerer Zeit eingebürgert, daß
die Einnahmen beim Sch.stehlen und
beim Brautraub den deutschen Schutz¬
vereinen, namentlich dem deutschen Kul¬
turverband, zufließen.
g) Die Hochzeitsschuhe werden meist
aufbewahrt, besonders in der Schweiz,
weil man glaubt, daß die Liebe ausein¬
andergeht, wenn sie zerbrechen. In Tirol,
im Allgäu und in den Hochvogesen meint
man, daß der Mann die Frau nicht schla¬
gen könne, so lange sie die Sch.e besitze 355 ).
Auch nach einer Wiener Handschrift des
17. oder 18. Jh.s ist das Zerbrechen der
Hochzeitsschuhe ein unfehlbares An¬
zeichen, daß das Weib vom Manne ge¬
schlagen werden muß 356 ). Im Erzgebirge
dürfen die ersten Sch.e, welche die junge
Frau abreißt, nicht weggegeben, sondern
müssen weggeworfen werden, weil sie
sonst unglücklich wird 357 ).
Die Sch.e der Braut haben auch für
andere Mädchen Bedeutung. In Steier¬
mark kriegt das Mädchen keinen Mann,
das die Sch.e der Braut anzieht. Hier
handelt es sich wohl um die neuen Sch.e.
Bei den Serben dagegen schenkt die
Braut ihre alten Sch.e einer Freundin,
die bald zu heiraten wünscht. In einem
schwedischen Liede gibt Schön Anna
ihrer begünstigten Nebenbuhlerin ihre
„vertragenen“ Sch.e 358 ).
291 ) ZfVk. 4, 151. 180. 292 ) Lemke Ostpreußen
з . 45. 293 ) Engelien u. Lahn 244 Nr. 76.
294 ) Drechsler i, 232; Wuttke 366 § 553.
295 ) A. Treichel Hochzeitsgebräuche, besonders
aus Westpreußen, ZfEthn. 16 (1884), 130.
296 ) Baltische Studien 33 (1883), 117 Nr. 37.
297 ) John Erzgebirge 89. 298 ) Treichel a. a. O.
299 ) Baltische Studien a. a. O. 3C0 ) Urquell 1
(1890), 12 Nr. 11. 301 ) ZfVk. 23 (1913), 280.
302 ) Vgi Weinhold Frauen 2 (1882) 1, 372;
Ciszewski Künstl. Verwandtsch. 108. Vgl.
и. § 17. S03 ) Gregor. Turon De vitis patr.
c. 16 = ZfVk. 4, 166. Vgl. Liebrecht Zur
Volksk. 492 f. 304 ) ZfVk. 4> 167. 305 ) Ebd. 168
= Müllenhoff Sagen (1921) 408 Nr. 596.
306 ) Vgl. J. Bolte Das Kinderlied vom Herrn
von Ninive, ZfVk. 4, 180 ff. 307 ) Ebd. 182;
Urquell 5 (1894), 171 f.; F. M. Böh me Deutsches I
Kinderlied u. Kinderspiel (Leipzig 1897) 508 ff.,
bes. 521. 30 «) Lit. bei Bächtold Hochzeit i,
247. Dazu Sartori Westfalen 91; Geramb
Brauchtum 118. 137; W. Oehl Deutsche Hoch-
zextsbräuche in Ostböhmen, BdböVk. 15 (1922),
43; HessBI. 27 (1928), 193. Vgl. bes. Grimm
RA. 1, 214. 309 ) Bächtold a. a. O. 247 f.
31 °) Ebd. 126 f. 3ii) Reiser Allgäu 2,
250. 312 ) Baum garten Aus der Heimat
3, 60. 313 ) Pollinger Landshut 256. 314 ) John
Westböhmen 129. 3 i5) ZfVk. 4, 167t. 3 i6) Ebd.
169 = JbNdSpr. 1877, 130. 3l7 ) Meyer Baden
231. 318 ) Ebd 255 319 ) M Kirchhofer Wahr¬
heit u. Dichtung. Sammlung schweizerischer
Sprüchwörter (Zürich 1824) 198. 32 °) Lütolf
Sagen 187 t. Nr. 120. 3 2i) Vgl. Grimm RA. 1,
214; Bolte-Polivka 1, 187; Zf d Phil. 42
(1910), 144 ff.; H. Güntert Der arische Welt¬
könig u. Heiland (Halle 1923) 301. 322 ) Lit. bei
Bächtold Hochzeit 1, 249 t. 323 ) W. Oehl
a. a. O. 51. 324 ) Grimm Myth. 3, 459 Nr. 715.
325 ) Hesemann Ravensberg 76. 32S ) ZfVk. 1,
I ^ 3 » 4 * l 74 1 > vgl. 4 > 172. 327 ) Vgl. Mannhardt
Forschungen 358 ff.; Sebillot Folk-Lore 3,
486 f. 32 «) Vgl. ZfVk. 4, 171. 329 ) Drechsler
1* 259. 33 °) Zingerle Tirol 20. 331 ) Seligmann
Blick 2, 58. 332 ) Ebd. 2. 38. 333 ) Ebd. 2, 35.
334 ) Ebd. 2, 18 f.; W. Oehl a. a. O. 51. 335 ) Selig¬
mann Blick 2, 17 = Heckscher 383 f.
33 ®) Seefried-Gulgowski 109. 337) Schön-
werth Oberpfalz 1, 28 Nr. 4, 5. 338 ) Frazer 3,
300. 339 ) Grohmann 119 Nr. 900. 34 °) Selig¬
mann Blick 2, 257. 3 41 ) Baumgarten Aus
der Heimat 3, 60. 342 ) Zingerle Tirol 19 =
ZfVk. 4, 166. 343 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 344 ) Lit.
bei Bächtold Hochzeit 1, 249 t. Vgl. ZfVk.
4, 171. 345 ) Stern Rußland 2, 358. 3 40 ) Kuhn
Westfalen 2, 39 f. Nr. 109; ZfVk. 4, 169 f.;
Meyer Baden 310; ZfdPhil. 42 (1910), 146-
Vgl. Storfer Jungfr.-Mutterschaft 67; Aigre-
mont Fußerotik 55 f.; Levy a. a. O. (o. Anm. 1)
183. 347 ) Hoffmann-Krayer 39 f. 348 ) Meyer
Baden 300. 349 ) Kuhn Westfalen a. a. O. Anm.
35 °) Birlinger Volksth. 2, Nr. 324 (Altheim
bei Horb). Nr. 330 (Franken); Schmitz Eifel
1, 58; Ausland 1887, 266 (Hessen). 351 ) Wolf
Beiträge 1, 211 = Kuhn Westfalen a. a. O.
Anm. 352 ) Urquell 1 (1890), 34. 353) rq
(i9 I 4), 84. 354 ) Verf. 355 ) Lit. bei Bächtold
Hochzeit 1, 248. 358 ) Ebd.; Schönbach Berthold
v. R. 151; Grimm Myth. 3, 462 Nr. 795.
357 ) Wuttke 376 § 570 = ZfVk. 4 , 166. 338 ) ZfVk.
4 / 170 f.
15. a) Der Aberglaube in Brandenburgs
daß der einen schweren Tod erleidet,
welcher sich die Sch.e auf den Füßen
putzt, wurde bereits erwähnt 359 ) (s. o.
§3). In Mecklenburg muß der, welcher
einen Toten zum Grabe begleitet hat,
seine Stiefel so wieder anziehen, wie er sie
am Abend ausgezogen hat, und darf sie
nicht putzen, sonst hat der Tote keine
1333
Schuh
1334
Ruhe im Grabe 36 °). Die Wenden glauben,
daß man stirbt, wenn man träumt,
daß von den Sch.en Sohlen oder Absätze
abfallen 361 ). Wenn man von Toten
allzuhäufig träumt, soll man nach Zigeu¬
nerglauben seine Sch.e wegschenken 362 ).
Dies erinnert an die in einigen Gegenden
Pommerns übliche Redensart „dem Tod
ein Paar Sch.e schenken“, d. h. am Leben
bleiben, von einer Krankheit genesen 363 ).
In dieser Umschreibung dafür, daß der
Kranke den Tod wegschickt, ihm Sch.e
gibt, damit er sich auf die „Beine macht 4
(vgl. o. § 14a), braucht man kein ur¬
sprüngliches Opfer sehen. In Slawonien
läßt man einen Sterbenden, um ihm zum
Tod zu verhelfen, aus einem alten Sch.
Wasser trinken 364 ). Nach dem Glauben
der siebenbürgischen Rumänen stirbt der
Mann oder Bräutigam, wenn eine Frau
oder Braut nur an einem Fuß bekleidet
ist und mit dem andern barfuß geht, ein
Motiv, das auch in einem Märchen ver¬
wertet erscheint 365 ) (vgl. o. §7). In
Steiermark gilt als Anzeichen des nahen
Todes, wenn eine kranke Person sich ein
Paar neue Sch.e bestellt 366 ). Um Dachau
und Bruck in Bayern glaubt man, daß
jemand aus der Freundschaft stirbt, wenn
der Stiefelknecht von seiner Stelle an
der Wand herabfällt 367 ).
b) Die Sitte, den Toten Sch.e in das
Grab mitzugeben, kann aus zwei ver¬
schiedenen Beweggründen erklärt werden.
Man will die Rückkehr des Toten ver¬
hindern oder man will ihm seine Reise
in das Jenseits erleichtern 368 ), die man
sich lang und beschwerlich vorstellt 369 ).
Das erste ist namentlich bei Naturvölkern,
z. B. Indianern, Negern, der Fall, bei
welchen zuweilen die Fußbekleidung des
Toten auch verbrannt wird, damit er
nicht mehr zurückkommen kann 37 °), das
zweite dagegen ist vor allem bei Kultur¬
völkern Brauch. Schon in den älteren
griechischen Gräbern haben sich Sch.e
aus Ton gefunden, und auf einem aus
Athen stammenden Terrakottarelief des
Berliner Museums hat Andromeda ein
Paar Sch.e als Grabbeigabe. Ferner
sind in den griechischen Holzsarkophagen
des 4. Jh.s v. Chr., die man in Abusir in
Ägypten aufgefunden hat, den Leichen
ein oder auch zwei Paar wirkliche Sch.e
und ebenso in den südrussischen Gräbern
der gleichen Epoche und der Folgezeit
lederne Stiefel beigegeben 371 ). Auch
die meist als Hingabe der weiblichen
Geschlechtlichkeit an den in der Ferne
verstorbenen Mann gedeutete 372 ) indische
Sitte, daß die Witwe, wenn sie den
Scheiterhaufen besteigt, den Turban,.
Gürtel oder die Sch.e ihres Mannes mit¬
nimmt, kann betreffs der Sch.e auch so
aufgefaßt werden, daß sie dem toten
Mann die im Jenseits notwendigen Sch.e
mitbringen will 373 ). Bei den Juden
warnte man in talmudischer Zeit vor
dem Schlafen in Sch.en, das an den lod
gemahne. Da der Tote in seinen Sch.en
schläft, soll es der Lebende nicht tun 374 ).
Auf germanischem Boden, wo zunächst
auf den altnordischen Heisch. 376 ) zu
verweisen ist, wurden in alemannischen
Gräbern Totensch.e gefunden 376 ). Im
Hennebergischen nannte man noch im
19. Jh. die den Verstorbenen erwiesene
letzte Ehre und das Leichenmahl den
„Totensch.“ 377 ). In einer mit einem
bekannten Schwankmärchenstoff ver¬
quickten Sage aus Oldenburg bringen die
Leute von Hollwege den letzten katho¬
lischen Priester des Ortes, den sie, weil
er ihnen zu lange lebte, erschlagen haben,
nachts zu einem Schuster vor das benster
und bestellen für den Toten ein Paar
Sch.e 378 ). Während bei den Tschechen
noch zu Mitte des 19. Jh.s der Glaube
bestand, daß der Tote, dem man Stiefel
oder Sch.e in das Grab mitgibt, so lange
als Gespenst umgehen muß, bis er sie
zerreißt 379 ), ist es im deutschen Teile
Böhmens 380 ) und auch sonst auf deut¬
schem Boden selbstverständliche Pflicht
der Angehörigen, einem Toten mit einem
guten Kleide (s. d.) auch Sch.e anzu¬
ziehen 381 ). Kindern legt man sie an,
damit sie im Himmel nicht stolpern 382 ).
In Ostpreußen erhält die Leiche Strümpfe
und Sch.e, alles muß wie bei Lebzeiten
fest gemacht werden. Kann man die Sch.e
nicht auf die Füße zwängen, so soll man
sie doch daneben legen 383 ). In Königs¬
berg sagt man, der Leiche müssen Sch.e
Schuh
1335
angezogen werden, weil sie sonst bei ihren
nächtlichen Wanderungen nasse Füße
bekommen würde 384 ). In Masuren
müssen den Toten Sch.e oder Stiefel an¬
gezogen werden. Eine Frau drohte ihrem
Manne: ,,Ich ziehe dir, wenn du im Sarge
liegst, Chodaki's (Riemenschuhe) an, dann
kommst du zu spät zum jüngsten Ge¬
richt“ 385 ). Im Beinhause zu Macugnaga
am Monterosa waren die Schädel ver¬
storbener Priester mit einem schwarzen
Priesterkäppchen übermalt, was ein Bauer
mit folgenden Worten erklärte: ,,Wir
malen ihnen diese Zier an, damit ihnen
unsere schwer genagelten Sch.e nicht
zu tiefe Löcher in den Kopf drücken,
wenn wir den mit Totenschädeln ge-
pflastertenHöllenweg wandeln müssen“ 386 ).
Schon nach Snorris Norwegischer
Chronik müssen die dem Toten angelegten
Sch.e fest und womöglich neu sein, damit
er ungehindert nach Walhall gelangen
könne 387 ). In Deutschland begründet das
Volk diese Forderung meist damit, daß
der Tote feste Sch.e brauche, weil er
durch Dornen und Disteln müsse 388 ).
In einer elsäßischen Sage klagt eine ver¬
storbene Wöchnerin: ,,Warum habt ihr
mir keine Sch.e angelegt ? Ich muß durch
Disteln und Dornen und über spitzige
Steine“. Nachdem man ihr dann ein
Paar Sch.e vor die Tür gestellt hatte,
kam sie noch sechs Wochen lang jede
Nacht, um ihren Säugling zu stillen 389 ).
Dies wird auch sonst oft betont, daß vor
allem eine verstorbene Kindbetterin
Sch.e braucht, weil sie eine Zeitlang, im
badischen Oberland die ersten vier
Wochen, jeden Abend das Grab verläßt,
um ihr Kind zu pflegen 390 ). Sch.e und
Strümpfe müssen in der Schweiz außer¬
dem gut gebunden sein, damit sie nicht
aufgehen 391 ). Im Sarganserland sagt
man, daß die verstorbene Kindbetterin
Sch.e haben müsse, damit sie beim
Passieren des Fegefeuers ihre Füße nicht
verbrennt 392 ). Dies erinnert an die
Worte des Schwarz in Schillers „Räuber“
(I. 2.): „Mut hab' ich genug, um barfuß
mitten durch die Hölle zu gehn“. Ver¬
säumt man es, einer verstorbenen Wöch¬
nerin Sch.e mitzugeben, so spukt die
Tote so lange im Hause, bis es gelingt, ihr
ein Paar in die Schürze zu werfen 393 ).
In St. Peter in Baden konnte man einer
solchen nur dadurch Ruhe verschaffen,
daß man ein Paar Sch.e den Armen
schenkte 394 ) (s. u.). Auch von einer
verstorbenen Hexe wird aus dem
Voigtland berichtet, daß sie am dritten
Tage bei einem Schuster, der von ihrem
Tode nichts wußte, ein Paar Sch.e, nach
andern Pantoffeln bestellte. Als ihre
Angehörigen die vom Schuster gelieferten
Sch.e verbrannten, kam sie täglich vor
das Haus und verlangte ihre Sch.e 395 ).
Nach einer Sage aus der Oberpfalz mußte
man einer hochmütigen Bauerntochter
neue Sch.e in das Grab mitgeben. Ein
Mann sah sie aber im Nachtgload mit
zerrissenen Sch.n, worauf man das Grab
öffnete und die neuen Sch.e zerrissen und
bis an die Waden hinaufgeschoben fand 396 ).
c) Bei den Totensch.n und in Verbin¬
dung mit diesen erscheint häufig das
Motiv des Sch.Opfers. Wie man dem
einzelnen Toten Sch.e mitgab, so opferte
man auch den verstorbenen Ahnen, den
Hausgeistern und den armen Seelen zu
bestimmten Zeiten außer anderen Dingen
auch Sch.e. Burchard von Worms er¬
wähnt den abergläubischen Brauch, den
Hausgeistern in Keller und Scheune
Spielsachen, Sch.e, Bogen und Pfeile
hinzulegen 397 ). Nach dem Gewissens¬
spiegel des Predigers Martin von Amberg
versündigen sich die, „dy der Percht
speizz opfernt und dem schretlein und
der trut rotte schuechel“. In Schweden
setzt man den Seelen mitunter eine
Schale weißer Grütze und ein Paar neue
Sch.e hin 398 ).
Diese alten Opfer wurden durch den
Einfluß des Christentums oft zu Gaben
an die Armen oder an die Kirche 399 ),
durch die man sich selbst einen Vorteil
verschafft. So ist der fromme Glaube
verbreitet, daß man einmal im Leben
einem Armen ein Paar Sch.e schenken
soll, die man dann im Jenseits zum
eigenen Gebrauch wieder findet. Nach
einer Tiroler Legende verschenkte eine
mildtätige Jungfrau ihr einziges Paar
Sch.e an einen Armen. Nach ihrem Tode
1337
mußte sie auf der Wanderung ins Jen¬
seits barfuß über eine stachelige Heide
voll Dornen und Disteln gehen, fand aber
an einem Domstrauch das verschenkte
Paar Sch.e hängen 400 ). Diese Erzählung
weist zurück auf die Visio Godeschalci 401 ),
in welcher der kranke Bauer Godeschalk
am ersten Tage seiner im Winter 1189/90
unternommenen visionären Reise, auf
der ihn zwei Engel begleiten, zu einer
Linde kommt, die über und über mit Sch.n
behängen ist. Diese werden jenen gereicht,
welche im Leben Werke der Barmherzig¬
keit geübt hatten, damit sie danach eine
zwei Meilen breite, mit Dornen dicht
besetzte Heide passieren können 402 ).
Nach schottischem Glauben reicht jenen,
welche zu Lebzeiten einem Armen Sch.e
geschenkt haben, am Rande dieser Domen¬
heide ein alter Mann die Sch.e, so daß
man unverletzt darüber schreiten kann 403 ).
Dieses Motiv von den für das Jenseits
geschenkten Sch.n ist auch in Norwegen
bekannt 404 ). Mit diesem Sch.opfer an i
Arme kann sich aber auch ein Abwehr- j
zauber für das Diesseits verbinden. Nach
Zigeunerglauben soll die verstorbene Frau
dem Witwer „das Herz stehlen“, sein
Glück verhindern, wenn er nicht am
Jahrestage ihres Todes einem Armen seine
Fußbekleidung schenkt, in welche er
aber von einer Zauberfrau Haare des
neuen Weibes einnähen läßt 405 ).
An Stelle des Sch.opfers konnte ein
Brotopfer in Gestalt einer Sch.sohle
treten 406 ) (s. Opfer, Totenspeisung). Ein
solches sind die Hedwigssohlen, die in
Schlesien am 17. Oktober, dem Tage der
hl. Hedwig, gebackenen und von den
zum Grabe dieser Heiligen Pilgernden
gekauften Gebäcke in Form einer Sch.-
sohle 407 ). Mit altem Totenkult hängen
wahrscheinlich auch die im Bergischen
zur Kirmes gebackenen Sch.lappen zu¬
sammen 408 ), wohl aber kaum der Um¬
stand, daß nach einer Sage aus Deutsch¬
böhmen 409 ) eine Mutter ihrem verstor¬
benen Kinde Sch.e von Brot anlegt. Das
Kind erscheint dann so lange unter Kla¬
gen, bis man den Sarg wieder öffnet und
ihm wirkliche Sch.e gibt. Hier liegt das
gleiche Frevlermotiv vor wie in der
1338
südböhmischen Sage von den Semmel-
sch. 410 ).
Ein Sch.opfer findet sich bei den
Macedo-Walachen als Hochzeitsbrauch
und vielfach in Verbindung mit den über
den Leichen Erschlagener oder Verun¬
glückter errichteten Steinhaufen (s. d.),
die aber auch bloße Wegemarken sind.
Wie man auf diese außer anderen Dingen
auch Sch.e wirft, so ist es mitunter auch
Brauch, auf Bäume und Sträucher (s.
Lappenbäume) nicht nur Kleider und
Lappen, sondern auch Sch.e zu hängen,
wie besonders eine Überlieferung aus
Rußland erkennen läßt 411 ). Doch macht
sich hier mehr der Glaube geltend, daß
man besonders alte Sch.e, an welchen ein
Teil der Persönlichkeit des Trägers haftet,
nicht vernichten, sondern besser an einem
bestimmten Ort aufbewahren soll, wo sie
noch weiter durch Abwehr bösen Zaubers
dem früheren Besitzer nützen können.
So dürfen bei den Tscheremissen unbrauch¬
bar gewordene Sch.e nicht vernichtet
werden, sondern werden auf Stangen oder
sonstwie auf gehängt 412 ). Zwischen Person
und Kleid (s. d.) besteht eben eine sym¬
pathetische Verbindung, so daß das, was
mit dem Kleid oder Sch. geschieht, auch
mit der Person geschieht. Wird der Sch.
zerrissen, verbrannt oder vernichtet, so
läuft man Gefahr, sich selbst zu schädi¬
gen 413 ).
d) Aus der Vorstellung, daß der Toten¬
schuh fest und dauerhaft sein muß, hat
sich das häufige Sagenmotiv entwickelt,
daß ruhelose Geister Sch.e aus Eisen oder
sonst einem unzerbrechlichen Metall oder
Stoff haben. Mitunter dient dies zur
Umschreibung eines Zeitraumes (s. Zeit),
indem es heißt, daß jemand ein Paar
Eisensch.e oder eine Menge von Sch.n
braucht, um einen bestimmten Weg
zurückzulegen oder daß jemand so lange
wandern muß, bis eine bestimmte Anzahl
Sch.e zertreten ist 4U ).
Feste Sch.e hat vor allem der ewige
Jude, die außerdem von riesigen Aus¬
maßen sind. Sie werden in Ulm, Bern 415 )
und Basel 416 ) gezeigt. Die in Bern sind
aus hundert Fleckchen zusammengesetzt,
woraus man aber kaum auf ein Wolken-
Schuh
1339
Schuh
1340
symbol schließen kann 417 ). Die in der
Altertumssammlung der Stadt Ulm auf¬
bewahrten sind ebenfalls sehr groß 418 ).
Solche Sch.e mögen vielleicht einst von
Schustern in freien Stunden als Schau¬
stücke hergestellt und erst in späterer
Zeit zu einem Gegenstand der Sage ge¬
worden sein. Auch auf dem Rathause zu
Kaisersberg werden zwei riesige, eisen¬
beschlagene Holzsch.e gezeigt 419 ), und in
der Riesenkapelle des Klosters Hirsau
wird ein Riesenschuh des Räubers und
Menschenfressers Erkinger mit dessen Kleid
und Hosenträger auf bewahrt 42 °). Nach
sächsischem Glauben haben die Sch.e des
ewigen Juden fünf großköpfige Sch.nägel
in Gestalt eines Kreuzes, so daß der
ewige Wanderer dieses heilige Zeichen
überall dem Boden einprägt 421 ). Sch.e
aus Eisen oder mit eisernen Sohlen
kommen oft in Märchen 422 ) und Sagen
vor. Eiserne Pantoffel muß ein ver¬
wunschenes Fräulein im Rachelsee im
Böhmerwald tragen, weil es zu Lebzeiten
eine Magd mit einem Pantoffel erschlagen
hat 423 ).
Sonst kommen auch Sch.e aus Blech (s.
d.) vor. Solche trägt ein Geist im schwarzen
Broich bei Ratingen, dem alle vier Jahre
ein neues Paar von einem vornehmen
Geschlecht um Mitternacht auf einem
vierspännigen Wagen gebracht werden
muß 424 ), ferner ein von Kölner Dom¬
herrn in den Steinbruch bei Pfaffrath
verbannter Geist, dem die Bewohner des
benachbarten Schlosses, das er lange
unsicher gemacht hat, zu Weihnachten
ein Paar neue Blechsch.e in den Stein¬
bruch liefern müssen, wo bereits die
alten, abgenutzten stehen 425 ), ferner auch
der von einem Kapuziner in die Wahner
Heide verbannte Kölner Hausgeist Huppet
Huhot (Hubert Hochhut) 426 ) und ein
auch mit bleiernem Mantel bekleideter,
in das Siebengebirge verbannter Kölner
Wucherer 427 ). Im Siddhikür befiehlt
der mongolische König, daß ein Aufseher
nicht eher zurückkehren dürfe, bis er
steinerne Sch.e durchlaufen habe. In
einer isländischen Sage soll ein Knecht so
lange bei einem Bauern dienen, bis er ein
Paar Sch.e durchlaufen hat. Er kann es
1 aber nicht, denn sie sind von Menschen ¬
haut 428 ). In dem Motiv von den durch¬
laufenen 429 ), durchtanzten oder zer¬
rissenen Sch.n einen Wolkenmythus zu
sehen 430 ), ist unnötig. Gut gesohlte
Sch.e muß auch die vom wilden Jäger
(s. d.) verfolgte weiße Frau haben, nicht
selten aber auch Hufeisen 431 ) (s. d.).
Aus der Oberpfalz wird von dem ruhe¬
losen, von einem Priester in das tote
Meer verbannten Geist einer betrügeri¬
schen Wirtin überliefert, daß sie bat, ihr
abends zur Zeit des Gebetläutens
glühende Sch.e unter die Tür zu stellen,
damit sie darin fortfahren könne. Und
tatsächlich sah man sie diese Sch.e an-
ziehen und in der Luft davonfliegen 432 ).
3S9) Vgl.Wuttke 315 § 465 = ZfVk. 4, 151.
36 °) Bartsch Mecklenburg 2,96. 361 ) Schulen¬
burg 236. 362 ) Wlislocki Volksglaube 82.
363 ) ZfVk. 4, 150 f. 364 ) ZfVk. 1 (1891), 154.
365 j Ebd. 22 (1912), 163 f. Vgl. 4, 150. 386 ) Ebd.
4, 425. 367 ) F. X. Hartmann Dachau u.
Bruck 221 Nr. 74. 360 ) Vgl. ZfVk. 4, 423.
369 ) Dieterich Kl. Sehr. 316. 37 °) Beispiele in
ZfVk. 4, 423 f. 371 ) Samter Geburt 206 f.
372 ) Storfer Jungfr.-Mutterschaft 56. 373 ) Vgl.
ZfVk. 14 (1904), 202 1 . 374 ) Levy a. a. O. (s. o.
Anm. 1) 184. 375 ) Grimm Myth. 2, 697. Vgl.
Samter Geburt 207. 376 ) Liebrecht Zur
Volksk. 493. 377 ) Grimm Myth. 2, 697; ZfVk.
4, 425; Samter Geburt 207. 378 ) Strackerjan
2, 270 f. 379 ) Grohmann 197 Nr. 1377 =
Wuttke 462 § 731; BF. 2, 339; Pitre Usi 2,
209. 38 °) Verf. 381 ) Vgl. Meyer Baden 585;Schw -
Vk. 13, 41 f.; SAVk. 24, 63; ARw. 17, 452;
Eisenabnehmen: Schüller Progr. v. Schäßb.
1863, 13; vgl. Zelenin Russ. Vk. 322. 382 ) Roch-
holz Kinderlied 344; Ploß Kind 1, 90 f.;
ZfVk. 4, 426. 383 ) Lemke Ostpreußen 2, 58;
auch Graubünden, schriftl. 384 ) Urdhs-Brunnen
6, 154. 385 ) Toeppen Masuren 107 = Aigre-
mont Fußerotik 66; vgl. John Erzgebirge 123;
Globus 59, 301. 38G ) Rochholz Kinderlied 352.
387 ) ZfVk. 4, 424. 388 ) Meyer Baden 586; Stoll
Zauberglauben 69 f. 383 ) Stöber Elsaß Nr. 83 =
Rochholz Kinderlied 354. 39 °) Lütolf Sagen
188 Nr. 120; Hoffmann-Krayer 42; Meyer
Baden 394. 586; Sartori Sitte u. Brauch 1, 32.
134; Bavaria 2, 322 (nur Wöchn. u. Priester);
ZfVk, 19, 126; SchwVk. 5, 93; Pollinger
Landshut 298. 391 ) SAVk. 23, 123. 392 ) Manz
Sargans 127. 393 ) Rochholz Kinderlied 355.
354 ) Meyer Baden 586. 395 ) Eisei Voigtland
88 f. 396 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 125 Nr. 7.
397 ) Grimm Myth. 1, 398. 398 ) ZfVk. 4, 29Q 2 .
3 ") Vgl. Samter Geburt 208. 40 °) Heyl Tirol
142 Nr. 32. 401 )Müllenhoff Altertumsk. 5, 113,
402 ) Samter Geburt 208 3 ; Rochholz Kinder¬
lied 352; ZfVk. 12 (1902), 321. 403 ) Grimm
Myth. 2, 697; Rochholz Kinderlied 351 f.;
1341
Schuh
1342
Germania 7,438 Nr. 37; Samter Geburt 208 3 .
Vgl. Aigremont Fußerotik 66. 404 ) ZfVk. 4.
424; vgl.’Bolte-Polivka 2,441 (aus Berth.
v. R.: Betrüger behaupten: ,,Ich was zer Helle
und Sach dinen vater oder din muoter, und
man hülfe in wol mit zwein schuohen"); vgl.
Tylor Cultur 1, 487. 405 ) Wlislocki Volks¬
glaube 82. 40G ) ZfVk. 11 (1901)* 457 f- Vgl.
Rochholz Sagen 1, 243 f. 407 ) ZfVk. 11, 4550.;
Höfler Hochzeit 46; Samter Geburt 208 f.
408 ) ZfrwVk. 1, 212 f. = Sartori Sitte u. Brauch
3, 247 Anm. 17. 409 ) Grimm Sagen 176 f.
Nr. 237. 41 °) Ebd. Nr. 235; Jungbauer Böh¬
merwald 35. 244. 411 ) Samter Geburt 201 ff.
Vgl. ZfVk. 12 (1902), 320 f. 412 ) FFC. Nr. 61, 83.
4i3 ) Vgl. Frazer 1, 205 ff. 414 ) ZfVk. 4, 294 f.
41S ) Birlinger Aus Schwaben 1, 78 Anm.;
Rochholz Sagen 2, 307. 416 ) Nach G. Mey¬
rink Das grüne Gesicht (Gesammelte Werke,
Leipzig 1916, Bd. 2, 28). 417 ) ZfVk. 4, 292.
418 ) Kapff Schwaben 122 mit Bild 120 f.
419 ) Stöber Elsaß Nr. 88 = Rochholz Kinder¬
lied 352. 42 °) Kapff Schwaben 37. 421 ) Sieber
Sachsen 123. 422 ) Köhler Kl. Sehr. 1, 573;
Bolte-Polfvka 2, 272!.; Sklarek Märchen
289 Nr. 4 u. bes. MärchenWb. 1, 515 ff. Vgl.
Schneller IVälschtirol 24; Schultz Zeitrech¬
nung 131 f.; ZfVk. 4, 285. 433 ) Panzer Beitrag
1, 84 = ZfVk. 4, 302 = Jungbauer Böhmer¬
wald 50 = Waldheimat 4. Bd. (Budweis 1927), 4.
424 ) Schell Bergische Sagen 76 Nr. 8. 425 ) Ebd.
313 f. Nr. 41; ZfVk. 4, 415 mit weiteren Bei¬
spielen. 42ß ) Zaunert Rheinland 1, 186.
427 ) Ebd. 2, 12. 428 ) ZfVk. 4, 295- 429 ) Vgl.
Rochholz Sagen 1, 231. 43 °) ZfVk. 4, 294 f.
431 ) Zaunert Rheinland 2, 235 f. 432 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 134.
16. In der Volksmedizin hat der Sch.
verhältnismäßig, z. B. dem Hemd (s. d.)
gegenüber, wenig Bedeutung. Schnup¬
fen bekommt man, wenn man nur in
einem Sch. oder Strumpf geht 433 ), was
ja tatsächlich eine Erkältung veranlassen
kann. Vom Schnupfen kann man sich
befreien, wenn man jemanden unbe-
schrieen in die Sch.e schneuzt und so
•die Krankheit auf diesen überträgt ***).
Nach Ansicht der Gottscheer muß man
die Nase mit einem Sch.lappen abwischen
oder mit der Nase in einen Stiefel riechen
oder den Rauch von Hirsebrot einsau¬
gen 435 ). In Braunschweig 436 ) und bei
den pennsylvanischen Deutschen 437 ) muß
man bei Erkältung dreimal stillschwei¬
gend in seinen Sch. riechen 438 ),
nach der Rockenphilosophie muß ein
Weib, das Schnupfen hat, in des Mannes
Sch.e riechen. Ebenso soll man bei Fall¬
sucht dem Kranken das Innere seines
warm getragenen, noch schwitzigen Sch.s
vor die Nase halten 439 ) oder ihm selbst,
wenn er in Krämpfen hegt, den Sch.
ausziehen und ihn daran riechen lassen,
worauf er wieder zu sich kommen wird 440 ).
Bei Seitenstechen macht man im
Münsterland mit Speichel ein Kreuz
auf den Stiefel, dann hört der Schmerz
auf 441 ).
Eine Warze soll man mit der Sch.-
sohle reiben 442 ), gegen Rheumatismus
eine Kupfermünze in den Sch. geben 443 ).
Durch Hineinstecken der Finger in die
von den Füßen frisch geschlachteter
Tiere abgesottenen ,,Sch.e“ bewirkt man,
daß die Finger nicht ,,wehtuend“ wer¬
den 444 ). Auszehrung kann man an¬
hexen, indem man die Sch.sohle, wie
sonst die aus dem Rasen gestochene
Fußspur (s. d.) 445 ), in den Rauchfang
hängt 446 ). Zur Abtreibung der Leibes¬
frucht hilft ein Absud von verrosteten
Sch.nägeln 447 ). Drei verrostete Sch.¬
nägel aus dem linken Sch., mit Mähnen¬
haaren an die Stalltür genagelt, schützen in
Schlatt bei Staufen gegen die ,,Ver-
haxung“ der Flechten 448 ).
Bei den Siebenbürger Sachsen heilt man
ein behextes Kind, indem man das
Fußtuch des rechten Sch.s vom Vater,
wenn das Kind ein Mädchen ist, von der
Mutter, wenn es ein Knabe ist, in Urin
eintaucht und es dem Kind um die
Stirne schlägt 449 ). In Mecklenburg hilft
aus dem linken Sch. getrunkener Urin
bei vielen Krankheiten 450 ). So muß der
Kranke bei Bräune in diesen Sch. pissen
und daraus trinken 451 ). In Dänemark
harnt die Mutter eines behexten Kindes
in ihren rechten Sch. und läßt das Kind
an drei Donnerstagen morgens daraus
trinken. In Schweden läßt man das Kind,
wenn es von einer Hure beschrieen ist,
aus deren linken Sch., den man sich be¬
schaffen muß, trinken 452 ); ferner heilte
man die englische Krankheit (horskärfva)
dadurch, daß das Kind aus dem Sch. einer
leichtfertigen Person (schwed. hora =
Hure) zu trinken bekam 453 ).
Gegen Fieber legt man in Jever einen
Zettel, auf welchem das Fieber ab¬
geschrieben ist, ohne ihn zu öffnen, in
1343
Schuh
1344
den Sch. und läßt ihn dort, bis er zer¬
fetzt ist 454 ); bei den Serben im bosnischen
Drinagebiet füllt man einen alten Opanak,
den landesüblichen Sch., mit Salz, Brot
und Knoblauch und wirft ihn vor Sonnen¬
aufgang unter dreimaligem Hersagen eines
Zauberspruches, mit dem das Fieber
auf den Dorfschulzen, Pfarrer und Wolf
im Walde übertragen wird, in den Fluß,
worauf man, ohne sich umzusehen, heim¬
wärts eilt 455 ).
Zuweilen findet sich in der Über¬
lieferung und besonders in der Legende,
daß von bestimmten Sch.n, ursprüng¬
lich den Füßen, eine Heilkraft ausgeht.
Asklepios gab dem Aristides „ägyptische
Sch.e“ als Heilmittel, Pestkranke wurden
durch den Sch. des Märtyrers Epipodius,
dessen Name dazu Veranlassung gab,
geheilt, den blinden Geiger macht der
Sch. der hl. Kümmernis sehend 456 ).
Nach einer französischen Legende wurde
ein Ungläubiger, der an die Wunderkraft
der hl. Jungfrau und besonders des von
ihr herrührenden Sch.s zweifelte, dafür
mit schwerer Krankheit bestraft, um
seiner Reue willen dann aber wieder von
der hl. Jungfrau geheilt 457 ). In Schwaben
helfen gegen Hexerei und daraus ent¬
stehende Krankheiten die „Hexen pan-
töffelein“, kleine pantoffelartige Holz¬
stückchen, woran der Absatz von Wachs
angeklebt ist 458 ). Ähnlich hängen sich
die sibirischen Golden gegen Knieschmer¬
zen kleine Sch.e aus Papier oder Fisch¬
haut um 459 ).
In der Tierheilkunde sind wenig
Überlieferungen. In Oldenburg muß
man ein krankes Kalb aus einem beim
letzten Abendmahlsgange getragenen Sch.
Salzwasser trinken lassen 460 ), in Mecklen¬
burg kuriert man das Verfangen der
Schweine durch Bestreichen mit einem
Erbpantoffel 461 ), in Alt-Ruppin nimmt
man einen Lederpantoffel verkehrt und
bestreicht damit das kranke Schwein
während des Bötens 462 ) (= Büßens, Be¬
sprechens). Bei den Tschechen läßt man
kranke Hennen aus einem Sch. fressen 463 ).
433 ) Grimm Myth. 3, 445 Nr. 321 (Rocken¬
philosophie). 434 ) Lammert 240 — Meyer
Aberglaube 103; Birlinger^ws Schwaben 1, 405
u. Volksth. 1, 497. 435 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 6. 436 ) And ree Braunschweig 421. 437 ) Fo-
gel Pennsylvania 268 Nr. 1391. 438 ) Grimm
Myth. 3, 446 Nr. 361. 439 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 106 Nr. 393; Hovorka u. Kronfeld
2, 214. 440 ) ZfrwVk. 1904, 204. 441 ) Stracker-
jan 1, 79 Nr. 82 = ZfVk. 4, 149. 44Z ) Fogel
Pennsylvania 322 Nr. 1709. 443 ) Ebd. 327
Nr. 1742. 444 ) Zahler Simmenthal 48. 445 ) Vgl.
Seyfarth Sachsen 54 f. 446 ) Pfalz Marchfeld
65. 447 ) Höhn Geburt Nr. 4, 258. 448 ) Meyer
Baden 397. 449 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen
262 Nr. 4 = Seligmann Blick 1, 300.
45 °) Bartsch Mecklenburg 2, 101 Nr. 368.
451 ) Ebd. 2, 103 Nr. 381. Vgl. ZfVk. 4, 149.
452 ) ZfVk. 11 (1901), 328; Seligmann Blick
1, 300 f. 453 ) Pehr Lugn Die magische Bedeu¬
tung der weiblichen Kopfbedeckung im schwedi¬
schen Volksglauben, Mitteil. d. Anthropol. Ges.
in Wien, 50. bzw. 20. Bd. (Wien 1920), 85.
464 ) Strackerjan 1, 92 Nr. 101 = ZfVk. 4, 149.
455 ) Stern Türkei i, 244 = Hovorka u. Kron¬
feld 1, 154. 456 ) Weinreich Heilungswunder
70. 457 ) ZfVk. 4, 149. 458 ) Birlinger Aus
Schwaben 1, 367. 459 ) Globus 52, 207 = ZfVk.
4, 149. 480 ) Strackerjan 1, 433 Nr. 231 =
Wuttke 444 §698. 461 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 157 = ZfVk. 4, 148. «2) ZfVk. 8 (1898).
305. 463 ) Grohmann 141 Nr. 1037 =
Wuttke 431 §676 = ZfVk. 4, 148.
17. Eine geringe Rolle spielt der Sch.
innerhalb der abergläubischen Überliefe¬
rungen in der Vieh- und Feldwirt¬
schaft. In Württemberg wirft man hie
und da den linken Sch. einem Bienen¬
schwarm nach, der sich nicht setzen
will 464 ). Bei den Tschechen läßt man am
Weihnachtsabend die Hühner aus einem
Sch. Erbsen fressen, dann legen sie
besser 465 ). Im Verkehr mit den Haus¬
tieren ist oft wichtig, ob die Sch.e ge¬
schmiert sind oder nicht (s. o. § 3).
In verschiedenen Gegenden erscheint
ein Sch.abwischen als Emtebrauch,
was auf die Bedeutung des Sch.s als
Fruchtbarkeitssymbol hinweist 466 ). So-
werden dem bei den Erntearbeitern vor¬
beigehenden Fremden die Sch.e abge¬
wischt 467 ), wofür er bezahlen muß, im
Kreis Moers geschieht dies dem Mädchen,
das am ersten Erntetag das Frühstück
auf das Feld bringt, in Kent dem Be¬
sucher des Gutsherrn, wenn er das erste¬
mal auf das Hopfenfeld kommt 468 ), in
Westböhmen dem Bauer oder der Bäuerin,
wenn sie während des Getreideschnittes
zum erstenmal auf dem Feld erscheinen 469 ).
Jedesmal muß für das Sch.ab wischen ein
1345
Schuh
134 6
Trinkgeld gegeben werden. Mitunter ist
dieser Brauch verbunden mit dem älteren
des Beißens in die Zunge 470 ) (s.
beißen), dem eine starke erotische Be¬
deutung zukommt, oder dem ebenfalls
älteren des Ausziehens der Sch.e,
die dann wie die Brautsch.e (s. o.) aus¬
gelöst werden müssen 471 ). Im südlichen
Böhmerwald ist es noch heute üblich,
daß die in den Flachsbrechstuben arbei¬
tenden Weiber, die meist durch den
Flachsstaub und durch entsprechende
Gespräche geschlechtlich stark erregt
sind, jeden vorbeigehenden Mann an-
halten und unter Hersagen eines Spruches
ein Geschenk (Geld, Zucker) verlangen.
Weigert er sich, so kann es ihm ge¬
schehen, daß ihm die Weiber die Hose
herunterziehen 472 ). Auch in der Fast-
nachts- und Osterzeit finden sich ähn¬
liche Bräuche, indem Knechte den Mäg¬
den und diese den Knechten die Sch.e
abwischen oder Burschen und Mädchen
sich gegenseitig die Sch.e ausziehen, die
dann ausgelöst werden müssen 473 ). In
Westfalen werden auch dem Fremden,
der an einer Baustelle vorbeigeht, unter
Hersagen eines Spruches die Sch.e ge¬
putzt oder er wird mit einer Meßschnur
„geschnürt“, bis er ein Trinkgeld her¬
gibt 474 ).
Von weiterem Aberglauben ist noch
anzuführen, daß man ein Paar abge¬
tragene Sch.e oder Pantoffel in das
Gurkenbett vergraben muß, wenn man
recht dicke Gurken haben will 475 ). In
Finnland und Estland darf man bei der
Aussaat nicht barfuß sein, auch nicht
beim Pflügen. Auf diese Weise wie
auch durch Gegenstände, die man in die
Sch.e gibt, sichert man sich gegen Be¬
hexung 476 ). Hat man beim Pflügen des
Rübenfeldes zerrissene Sch.e an, so werden
die Rüben wurmstichig 477 ). Um eine
Behexung zu verhüten, hat man früher
beim Rüben säen den Samen in dem
Sch.haken des linken Fußes einer Hure
gehalten 478 ). Damit weder Schnecken
noch Wurzelwürmer die junge Saat ver¬
nichten sollten, verbrannte man altes
Sch.werk 479 ), wohl auch deshalb, weil
dies einen starken Rauch entwickelte,
Bächtoid>Stäubi>, Aberglaube V]I
oder einen gefundenen Birkenrindensch. 480 )
im Ofen der Samendarre. Das Ver¬
brennen alter Sch.e vertreibt nach
dem Glauben der pennsylvanischen Deut¬
schen die Schlangen 481 ).
464 ) Eberhardt Landwirtschaft Nr. 3, 22.
465 ) Grohmann 96 Nr. 666 = Wuttke 429
§673. 466 ) Vgl. bes. Mannhardt Forschungen
36 ff. 467 ) Kuhn Westfalen 2, 187 Nr. 524;
ZfVk. 4, 53. 488 ) ZfVk. 4, 53. 469 ) John West¬
böhmen 187. 47 °) ZfVk. 4, 53 f. 471 ) Kuhn
Westfalen 2, 128 Nr. 388. 472 ) Verf. 473 ) ZfVk.
4, 53 f.; Reinsberg Festjahr 117; Sartori
Sitte u. Brauch 3, 166. Vgl. Hofier Ostern 41.
474 ) Sartori Westfalen 30. 475 ) Andree Braun¬
schweig 405; Maack Lübeck 60. 476 ) FFC.
Nr. 30, 75; Nr. 31, 134. Vgl. Seligmann Blick
2, 231. 477 ) FFC. Nr. 30, 75. 478 ) Ebd. Nr. 31,
322. 479 ) Ebd. Nr. 62, 143. 48 °) Ebd. Nr. 55,
103. 481 ) Fogel Pennsylvania 220 Nr. 1109.
18. Wie der Fuß (s. d.) so wird auch
der Sch. zum Sinnbild der Macht und
Herrschaft, des Rechtes und Be¬
sitzes. Worauf man den Fuß oder Sch.
setzt, das erklärt man sich als unter¬
worfen, als sein Eigentum 482 ).
a) Bei der Adoption eines fremden
und der Legitimation eines natürlichen
Kindes kam das Symbol des Sch.s be¬
sonders im altnordischen Recht vor 483 ).
Als eine Adoptionszeremonie ist auch
das Sch.steigen der Braut (s. o.) aufzu¬
fassen 484 ). Eine alte Form der Ein¬
sprache gegen die Ehe war das Werfen
eines Pantoffels, wenn ein Weib Ein¬
spruch erhob 485 ) (s. Hut).
b) Früh wurde der Sch. zu einem
Besitzzeichen. Das Setzen des Fußes
oder Sch.s auf Land oder anderes Gut
als Zeichen der Besitzergreifung genügte
bei den alten Juden nicht. Dort mußte
das Feld der Länge und Breite nach ab¬
geschritten werden 486 ). So wurde der
Sch. zum Ackermaß, später zum Maß
überhaupt. Scuopuoza (Sch.fleck, Sch.-
lappe, assumentum ealeei) bezeichnet e
das kleinere Grundstück im Gegensatz
zur huoba. Im Ansbachischen hieß ein
kleinerer Teil der Hube Sch.kauf und
Enkelein (vom ahd. anchal, talus 487 )).
Flurnamen, in welchen das Wort Sch.
vorkommt, sind daher ziemlich häufig 488 ).
Ausziehen des Sch.s war Symbol für
die Auflassung von Gut und Erbe 489 ),
43
1347
Schuh
1348
wozu besonders auf alt jüdische Rechts¬
bräuche zu verweisen ist 490 ).
c) Am häufigsten ist der Sch. als Herr¬
schafts-, Hoheits- und Würdezei¬
chen zu finden. Im Eheleben sind die,
welche „unter den Pantoffel kommen“,
die Pantoffelhelden, die nach einer scherz¬
haften Meinung in Oberösterreich ihren
Festtag am Simonstag (28. Oktober)
haben, wo die Frau Mann (Sie-Mann)
ist 491 ). Schon in der altnordischen Sage
heißt Skirnir Freys Sch.knecht 492 ). Ein
besonderes Zeichen der Demütigung war,
wenn man einem höher Stehenden die
Sch.e binden oder lösen mußte 493 ). Mäch¬
tigere Könige sandten geringeren ihre
Sch.e zu, welche diese zum Zeichen ihrer
Unterwerfung tragen mußten 494 ). Der
Satz „Auf Edom werf ich meinen Sch.“
(Ps. 60, 10) bedeutet, den Vornehmen
Edoms werde ich den Fuß auf den Nacken
setzen 495 ). Bei den Einkleidungs¬
feierlichkeiten, besonders von Herr¬
schern, kommt daher dem Sch. eine be¬
stimmte Rolle zu 496 ), und das Anlegen
der ersten Sch.e geht bei Fürstenkindern
mitunter feierlich vor 497 ). Zum deut¬
schen Kaiserornat gehörten ein Paar
prächtig gezierte, sandalenartige Sch.e,
nach alten Urkunden soll es sogar drei
Paar kaiserliche Sch.e gegeben haben 498 ).
So wird das Tragen der Sch.e und be¬
stimmter Sch.e oft zu einem Recht be¬
sonderer Klassen und Personen, wie dies
auch in der katholischen Kirche beim
bischöflichen Sch. und päpstlichen Pan¬
toffel der Fall ist, und der Sch. wird zu
einem Würde- und Standeszeichen.
Seine Form und Farbe kann ihn aber
nicht allein zum Kennzeichen für be¬
sondere Personen und Gesellschafts¬
schichten, sondern auch ganzer Völker
machen, besonders im Orient 499 ). Nach
altem brahmanischen Ritual trug der
König bei der Inauguration Sch.e aus
Eberfell und durfte sein Leben lang den
Erdboden nicht mit bloßen Füßen be¬
rühren 50 °) (s. nackt, Fuß). Aegeus er¬
kannte an den Sandalen und dem Schwert,
die er unter dem Felsen verbarg, später
seinen Sohn Theseus. Bei den Römern
trugen alle Magistrate, die im Senate
waren, den roten Senatorensch., auf dem
bei den Patriziern die lunula hinzukam 501 ).
Im Gegensatz zur Sandale war der Sch.
(calceus) die nationale, zur Toga gehörige
Fußbekleidung des römischen Bürgers 502 ).
In Konstantinopel waren früher die Pan¬
toffel der Türkinnen gelb, der Armenier¬
innen rot, der Griechinnen schwarz und
der Jüdinnen blau. Im Mittelalter wurde
leichten Dirnen hie und da vorgeschrieben,
ein gelbes Fähnlein auf den Sch.n zu
tragen. Durch die verschiedenen Sch.-
formen, meist Reste der Mode früherer
Zeiten, unterscheiden sich noch gegen¬
wärtig zuweilen benachbarte Dörfer, z. B.
in Oldenburg, worauf Volksreime Bezug
nehmen 503 ).
d) Wie der Handsch. (s. d.) erscheint
der Sch. auch als Wappen. Der Schuh¬
macherzunft in Brüssel verlieh ihn an¬
geblich Kaiser Karl. Das Wappen von
Schwandorf hat neben den Löwen und
Rauten der Wittelsbacher auch einen
schwarzen Stiefel 504 ). Im Bauernkrieg
wurde der Bundsch. zum Heereszeichen,
das vor allem ausdrücken sollte, daß jetzt
die Bauern Herren seien. An die Wappen
einzelner Orte knüpfen sich gern Sagen,
welche diese Sch.e zu erklären suchen,
so z. B. beim Wappen von Schwan¬
dorf 505 ) oder der Stadt Ried in Ober¬
österreich 506 ).
e) Sch.e dienten auch als Abgabe,
woran sich ebenfalls nicht selten ursach-
deutende Sagen anschlossen, in welchen
es sich dort, wo sich die Abgabe auf ein
tägliches Glockenläuten bezieht, gewöhn¬
lich um die Rettung Verirrter handelt 507 ).
Solche Abgaben von Filzsch.en, Nacht¬
oder Morgensch.en und Bundsch.en wurden
in der 2. Hälfte des 15. Jh. namentlich
von Klöstern, besonders von den Cister-
ciensern und Prämonstratensern, aber
auch von den Benediktinern und Augusti¬
nern, den Stiftern und sonstigen Wohl¬
tätern geleistet, vornehmlich aber dann,
wenn diese sich die Rechtsprechung über
die vergabten Güter Vorbehalten hatten.
Dann waren es eben Zeichen des seitens
der Klöster anerkannten Vogteirechtes.
Nebenbei mag auch, da es sich meist
um weiche Filzsch.e handelt, die Deutung
1349
Schuh
1350
möglich sein, daß der Fuß des gestrengen
Grundherrn nicht zu fest auf den Nacken
der Untertanen drücken möge 508 ). Eine
Art Abgabe war auch das sogenannte
Pantoffelgeld, welches die Weiber des
Sultans noch um das Jahr 1000 als Nadel¬
geld bekamen. Es wurde nicht selten
statt in Geld durch Verleihung von Lehen
erstattet 509 ).
f) Während bloß in China der eigen¬
tümliche Brauch besteht, einen Manda¬
rinen, wenn er eine Stadt oder Gegend
verläßt, dadurch zu ehren, daß man ihm
die Stiefel auszieht 510 ), ist sonst allge¬
mein das Ablegen der Sch.e, die Ent¬
blößung der Füße ein Zeichen der Ehr¬
furcht, wie ähnlich der Pantoffelkuß
beim Papste wohl als höchste Ehrfurchts¬
bezeugung anzusehen ist, der Demut,
der Niedrigkeit und Unterwerfung 511 ).
Besiegte ziehen daher auch die Sch.e aus
(s. Hemd), und vogelfreie Verbannte
wurden entschuht 512 ).
Die Ehrfurcht vor der Gottheit
hat zu der uralten Vorschrift geführt, daß
man im Verkehr mit ihr keine Sch.e tragen,
ein Heiligtum nicht mit Sch.en betreten
dürfe, was vor allem seit je für die Priester
galt. Wie bei den alten Juden, den In¬
dern und anderen Völkern 513 ), wurden
auch bei den Griechen und Römern die
Sch.e auf heiligem Boden ausgezogen 514 ).
Das Heiligtum der Athene im nach¬
homerischen Troja kehrten Jungfrauen
mit nackten Füßen 515 ), und bei Ein¬
weihung in die Mysterien mußte der
Adept vor Betreten des Heiligtums Kleider
und Sch.e ausziehen 516 ). Wurden Sch.e
getragen, so gab es besondere Vorschriften
(s. Kleid §3 u. 5). Die ägyptischen
Priester trugen Papyrussandalen 517 ), die
Flaminica Dialis durfte weder Sch.e noch
Sohlen von dem Leder eines gefallenen
Viehes tragen 518 ) (s. rein, Reinheit).
Besonders streng achtet man bei den
Mohammedanern darauf, daß die Über¬
schuhe vor Betreten der Moschee ausge¬
zogen oder über die Straßensch.e Über-
sch.e angezogen werden 519 ). Nach christ¬
licher Auffassung wäre es dagegen höchst
unschicklich, ohne Sch.e, also in nicht
feiertäglicher Kleidung, in die Kirche
oder zum Empfang der Sakramente zu
kommen. Nach einer thüringischen Sage
waren die Leute von Ruttersdorf einmal
so arm, daß sie sich mangels Sch.e scheu¬
ten, zum Abendmahl zu gehen. Endlich
aber sammelten sie Geld und ließen ein
Paar Gemeindesch.e machen, verwahrten
sie in der Kirche und gingen nun nach
einander zum Tisch des Herrn 520 ). Doch
wird von der hl. Elisabeth überliefert,
daß sie nach der Geburt eines Kindes
ihren ersten Kirchgang zu einer fernen
Kapelle unbeschuht und barfuß machte 521 ).
Hier aber steht das Motiv der körper¬
lichen und geistigen Unreinheit der Kind¬
betterin vor der Aussegnung im Vorder¬
grund.
Wie gegenüber der Gottheit, so ist es
auch gegenüber vornehmen Personen
zuweilen Sitte, bei Betreten ihrer Woh¬
nung die Sch.e abzulegen 522 ). Ja ganzen
Ständen und Völkern, die man verachtete,
konnte sogar das Tragen von Sch.en ver¬
boten werden. So erwähnt Plutarch
eine ägyptische Sitte, nach welcher es
den Weibern nicht erlaubt gewesen sein
soll, Sch.e zu tragen. In Fez und Marokko
müssen die Juden außerhalb des Juden¬
viertels stets barfuß gehen. Sie tragen
dann die Pantoffel unter dem Arme oder
im Gewände verborgen 523 ). Die Ehrfurcht
vor dem toten Herrscher äußerte sich,
als die vornehmsten Römer mit aufge¬
lösten Gürteln und entblößten Füßen
die Asche des Kaisers Augustus sam¬
melten 524 ). Freiwillige Selbstdemütigung
und Trauer bringt der jüdische Brauch
zum Ausdruck, in Trauerzeiten und am
Versöhnungstage die Sch.e abzulegen 525 ).
Bei den Römern wurden dem Vater¬
mörder Holzsohlen unter die Füße ge¬
bunden, damit er die Mutter Erde nicht
berühre und verunreinige. Diesen Rechts¬
brauch mit den Psychoanalytikern, welche
den Vatermord aus dem Wunsch, mit
der Mutter Blutschande zu begehen, er¬
klären, dahin auszulegen, daß die Erde
berühren heiße, den Geschlechtsakt aus¬
üben 526 ), ist unnötig. Aus deutschen
Überlieferungen, besonders Sagen, geht
hervor, daß vor allem die Geisterwelt
nichts mit den Sch.en von Menschen zu
43 *
1 35 1
Schuh
1352
seine
tun haben will. Häufig ist das Motiv,
daß die von Geistern Entführten ihre
Sch.e zurücklassen 527 ), was ver¬
schieden erklärt werden kann. Zunächst
wird man auf die einfache Tatsache hin-
weisen, daß der vom Sturm Entführte
oder der in einem epileptischen Dämmer¬
zustand Befindliche — mitunter der An¬
laß zur Entstehung solcher Sagen 528 ) —,
hiebei mit dem Hut (s. d.) am ehesten
seine Sch.e verlieren wird, besonders
wenn es sich um Holzsch.e oder Pantoffel
handelt. Dann mag auch der Umstand
in Betracht kommen, daß die Geister¬
welt an den schmutzigen, mit Erde behaf¬
teten Sch.en Anstoß nimmt. Ferner kann
darin auch eine bloße Umschreibung der
höchsten Eüe, mit der sich alles vollzieht,
liegen 529 ). Dort wo Geister einen Sch.
zurücklassen, wird dagegen eher eine Art
Opfer vorliegen, wenn z. B. ein verfolgtes
Wichterchen einen silbernen Sch. zurück¬
läßt 53 °) oder der irische Cluricaun manch¬
mal freiwillig einen Sch. liegen läßt oder
sich wenigstens keine Mühe gibt, einen
zurückgelassenen wieder zu erlangen 531 ).
g) Früher wurde mitunter auch ein Eid
bei den Sch.en geleistet 532 ). Verbreitet
ist das (Schwank-) Motiv, daß jemand
unter den Hut eine Schöpfkelle und in
den Sch.n Erde gibt und darauf schwört:
,,So wahr ich meinen Schöpfer über mir
habe, auf dessen Erde ich stehe . . .“ 533 ).
In den Weistümern wird, wie sonst von
der Hose (s. d.), hie und da auch von den
Sch.en gesagt, daß es bei dringenden
Fällen nicht notwendig ist, beide zu Ge¬
richt anzuziehen 534 ). An alte Unschulds¬
proben erinnert der hölzerne Sch. oder
Fuß, der in der Salvatorkirche bei Strau¬
bing bis 1900 als Gewissensmesser
diente. Er mußte mit einem Stoß so ge¬
schwungen werden, daß er sich mindestens
dreimal um die Stange drehte, an welcher
er befestigt war. Dies galt als Zeichen,
daß der Schwinger ohne Todsünde war 535 ).
Nach der Sage bestand die Strafe der
Herzogin von Orlamünde darin, daß sie
in inwendig mit Nägeln und Nadeln be¬
setzten Sch.en von der Plassenburg nach
dem Kloster Himmelskron gehen mußte,
wo sie tot niederfiel 536 ).
Ein sonderbarer Brauch ist endlich bei
den Schweden und den Zigeunern daheim.
Am Julabend müssen in Schweden alle
Sch.e des Hauses die Nacht über dicht
nebeneinander aufgestellt sein, auf daß
alle Hausleute das ganze Jahr in Ein¬
tracht bleiben 537 ). Bei den Zigeunern
wird am Weihnachtstage ein bestimmtes
Bäumchen verbrannt und die Asche ge¬
sammelt. Diese gibt der Vorstand der
Sippe in seine Sch.e, und jedes männliche
Familienmitglied muß diese Sch.e auf
einige Minuten anziehen. Man sagt, daß
dies die Anhänglichkeit untereinander
bestärkt 538 ).
482 ) ZfVk. 4, 173. Vgl. AigremontF«^ro^
62 f.; Levy a. a. O. (s. o. Anm. 1). 483 ) Grimm
RA. 1, 213. 637 fr.; Bächtold Hochzeit 1,
250 ff.; Ciszewski Künstl. Verwandtsch. 107.
484 ) vg] ZfdPhil. 42 (1910), 144. 485 ) Bächtold
Hochzeit 1, 277. 486 ) Levy a. a. O. 179. 487 ) Zf¬
Vk. 4, 173. 488 ) Vgl. ebd. 296 1 ; Rochholz
Sagen 2, LIV. 489 ) Grimm RA. 1, 215. Vgl.
Rochholz Sagen 1, 377. 49 °) ZfVk. 4, 179 t.;
Levy a. a. O. 182 f.; Beck de juribus Judae-
orum 77 ff. 491 ) Baumgarten Aus der Heimat
3, 41. Vgl. ZfVk. 4, 174. 492 ) Grimm Myth. 1,
278. 493 ) Vgl. ZfVk. 4, 174 f. 494 ) Ebd.; Grimm
RA. 1, 214. 495 ) Vgl. Levy a. a. O. 181.
498 ) Gold mann Einführung 141. 497 ) Beispiele
ZfVk. 4, 175. 498 ) F. Hotten rot h Handbuch
d. deutschen Tracht (Stuttgart o. J.) 459 f.
4 ") Beispiele ZfVk. 4, 175 f. 50 °) Frazer 10, 4.
501 ) ZfVk. 4, 176. 502 ) Pauly-Wissowa 3, 1,
1340; 2. R. 2, 1, 754. 303 ) ZfVk. 4, 176. 504 ) Ebd.
177; Grimm RA. 1, 215. 505 ) Schöppner
Sagen (1874) 2, 138 Nr. 388 f. = Rochholz
Sagen 2, 120 = DG. 11 (1910), 158. 506 ) Glo-
ning Oberösterreich 15. 507 ) Beispiele ZfVk. 4,
177 • Vgl- Rochholz Sagen 1, 377; 2, LIV;
DG. 4 (1902), 50. 508 ) Alemannia 26 (1898), 45 f.
509 ) Stern Türkei 2, 81 f. 94. 51 °) ZfVk. 4, 178.
511 ) Ebd. 512 ) Ebd. 179. 5l3 ) Ebd. 178. 514 ) Die¬
terich Mutter Erde 81 2 . 134. Vgl. Frazer 8,
45 f. 51S ) ZfVk. 4, 178. 516 ) Dieterich Kl.
Sehr. 119. 517 ) ZfVk. 4, 178. 518 ) Ebd. 152.
Vgl. Frazer 3, 14. 519 ) ZfVk. 20 (1910), 141.
52 °) Quensel Thüringeyi 106. 521 ) Ebd. 51.
622 ) ZfVk. 4, 178 f. 523 ) Ebd. 179. 524 ) Ebd. 180.
525 ) Ebd.; Levy a. a. O. 181. 526 ) Storfer
Jungfr. Mutterschaft 115. 170. 527 ) Wucke
Werra 30 h Nr. 58 = Quensel Thüringen 167;
Jungbauer Böhmerwald 100. Weitere Bei¬
spiele ZfVk. 4, 417 f. 528 ) Vgl. BayHfte. 1 (1914),
44 ff. 529 ) Vgl. ZfrwVk. 1914, 84. 53 °) Schmitz
Eifel 2, 16 = ZfVk. 4, 298. Vgl. Rochholz
Sagen 1, 378. 531 ) ZfVk. 4, 298. 532 ) Ebd. 180.
533 ) Peuckert Schlesien 155 f.; Kapff Schwaben
110; Zaunert Rheinland 2, 217. Vgl. Zaunert
Westfaleyi 320; Hellwig Aberglaube 126 —
Aigremont Fußerotik 6g 3 . Vgl. oben 2, 669 f.
1353
Schuhband—Schuhwerfen
1354
534 ) Grimm RA. 1, 136 f. 535 ) And ree Votive
107. 536 ) Quensel Thüringen 27. 537 ) Heck¬
scher 123. 538 ) Wlislocki Volksglaube 141.
Jungbauer.
Schuhband. Vom Sch. wird im allge¬
meinen dasselbe überliefert wie vom
Strumpfband (s. d.) und Schürzenband
(s. d.). Geht es auf, so denkt jemand
an einen 1 ). Beim Zubinden muß man
dessen Namen nennen, sonst hält das
Band nicht 2 ). Bei jungen Leuten sagt
man, daß der Schatz an sie denkt 3 ), in
Steiermark glaubt das Mädchen, daß
dann der Geliebte kommt 4 ). Löst sich
auf Island der Schuhriemen eines Bur¬
schen, so heißt es, daß er bald heiraten
wird 5 ).
Lockert sich das Sch. am linken Fuß,
so bedeutet es Untreue des Geliebten
oder Ehegatten 6 ). In den schottischen
Bergen wehrt der Bräutigam Behexung
ab, indem er am linken Schuh weder Band
noch Schnalle trägt 7 ). Um leichter zu
gebären, bindet die Braut in Smaland
vor der Trauung die Sch.er nicht zu¬
sammen. Auf den Hebriden pflegen Braut
und Bräutigam vor der priesterlichen
Einsegnung ihre Schuhe, Strumpfbänder
und, was sie sonst Festanliegendes haben,
loszuschnüren 8 ).
*) SAVk. 7, 135; 25, 283; SchwVk. 10, 38.
2 ) Fogel Pennsylvania 387 Nr. 2083. 3 ) Zfrw¬
Vk. 1905, 145. 4 ) Reiferer Ennstalerisch 99.
5 ) ZfVk. 8 (1898), 161. 6 ) Reiferer a. a. O. 100.
Vgl. SAVk. 7, 135. 7 ) Seligmann Blick 2, 227.
*) Heckscher 364. Jungbauer.
Schuhmacher s. Nachtrag.
Schuhwechsel. Durch den Sch. wird
ebenso wie durch das Umkehren von
Kleidungsstücken (s. Ärmel, Kleid, Rock,
Schürze, Strumpf) ein Zauber beho¬
ben 1 ). Der durch Treten auf ein Irrkraut
oder aus einem anderen Grunde im Walde
Verirrte findet sich wieder zurecht,
wenn er die Schuhe wechselt 2 ). Zuweilen
muß aber außerdem der Irrsame aus dem
Schuh geklopft werden 3 ), oder es müssen
die Schuhe mit den Absätzen zusammen¬
geschlagen oder über die Schulter ge¬
worfen werden 4 ). In Rußland muß der,
welcher sich durch Treten in die frische
Spur des Waldgeistes verirrt hat, das
Futter des Hemdes, der Schuhe oder des
Pelzes nach außen kehren 5 ) oder die
Stiefel ausziehen und verkehrt (s. d.)
mit dem Absatz nach vorn wieder an¬
ziehen 6 ).
Auch sonst kann man durch Sch. Bann
und Zauber lösen, so wenn man durch
eine Geistererscheinung verblendet
wird 7 ). Im Erzgebirge geschieht es beim
Anblick eines Verdächtigen 8 ), um War-
burg, wenn man von einem bösen Geist
verfolgt wird 9 ), in Baden gegen einen
aufhockenden toten Kapuziner 10 ), in
Mecklenburg, um den durch den Schorn¬
stein in ein Haus gefahrenen Drachen
an der Rückkehr zu verhindern, wodurch
das Haus verbrennt. Doch ist hier kein
voller Sch. notwendig, sondern man zieht
bloß einen Pantoffel an den verkehrten
Fuß 11 ). Sehen die Kinder im thüringi¬
schen Niederhessen einen geordneten
Kranichzug in der Luft, so wechseln
sie schnell die Schuhe und stecken ein
Messer in den Erdboden. Dann muß
sich der Schwarm auf lösen 12 ). Der auf
einen Baum Gebannte wird brand¬
schwarz, wenn ihn der Meister nicht vor
Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang
löst oder wenn es ihm nicht gelingt, Erde
aufzunehmen oder die Schuhe zu wech¬
seln 13 ).
Statt des Sch.s wehrt Behexung auch
das Tragen von zweierlei Schuhen ab 14 )
(s. Schuh §8b).
*) ZfVk. 4 (1894), 155 f. 2 ) Ebd.; Mann¬
hardt 2, 177; Kuhn Westfalen 2, 23 Nr. 62;
Bartsch Mecklenburg 2, 317; Schmitz Eifel
2, 32; Schmitt Hetlingen 16; Meier Schwaben
2, 502; Rochholz Sagen 2, LV; Quensel
Thüringen 286; Wuttke 407 §630; Sartori
Sitte u. Brauch 2, 52; SchwVk. 5, 5 f.; ZfVk. 24
(1914), 417 (Helmstedt); Fogel Pennsylvania
387 Nr. 2080. 3 ) Wucke Werra 284 Nr. 489.
4 ) Wuttke a. a. O. 5 ) Mannhardt 1, 140.
®) Globus 57, 283 = ZfVk. 4, 156. 7 ) Scham¬
bach u. Müller 203. 8 ) Seligmann Blich
2, 227. 9 ) Hüser Beiträge 2, 15. 10 ) Baader
NSageyi (1859) Nr. 118. u ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 257. 12 ) Heßler Hessen 2, 459 = Heck¬
scher 382. 13 ) Rochholz Sagen 1, 78 = ZfVk.
4, 156. 14 ) Vgl. Seligmann Blick 2, 227.
Jungbauer.
Schuh werfen.
1. Allgemeines. 2. Dienst Wechsel. 3. Hoch¬
zeit. 4. Tod. 5. Sonstige Zwecke.
1. Das Sch. ist eine der vielen Formen
des Orakels durch den Wurf 1 ). Ob
es den Ägyptern schon bekannt war 2 ),
IJ 55 Schuhwerfen 13 5 6
ist fraglich. Auch auf deutschem Boden
läßt sich über das Alter des Brauches
nichts Bestimmtes angeben, da Belege
aus der älteren Zeit fehlen. Bloß die
,,Sermones disc. de tempore 11 nennen unter
abergläubischen Weihnachtsbräuchen das
„calceos per caput jaclare“ (Sermo XI) 3 ).
Genauere Nachrichten haben wir erst
vom 14. Jh. an (s. u.).
Die Erforschung der Zukunft durch
das Sch. erfolgt in den Losnächten
der Adventszeit und in den Zwölften 4 ),
namentlich zu Andreas 5 ), Thomas 6 ),
Weihnacht 7 ), Silvester 8 ) und Drei¬
könig 9 ), vereinzelt auch am Matthias¬
tag 10 ) und in der Brautnacht n ), im
schottischen Hochland am Abend vor
Allerheiligen 12 ).
Die Art des Werfens ist gewöhnlich
die, daß man sich mit dem Rücken gegen
die Tür auf den Fußboden setzt oder auch
niederlegt 13 ), seltener stellt, und mit der
Fußspitze den Schuh oder Pantoffel über
die Schulter gegen die Tür zu wirft. Nach
der Richtung, wohin die Spitze des Schuhes
zeigt, schließt man auf das Zukünftige.
Weist sie zur Tür hin, so wird man das
Haus verlassen, weist sie in die Stube
zurück, so wird man noch ein Jahr im
Hause bleiben 14 ). Hiezu spricht man
auch Reime, z. B. in Westböhmen:
Schüchel aus, Schüchel ein —
Wo werd' ich heute übers Jahr sein 15 )?
Eine besondere Art des Werfens ist in
Steiermark daheim (s. u.), auch die Zahl
der Würfe ist zuweilen bestimmt. Im
Egerland wird mitunter der Pantoffel mit
den Zähnen gefaßt und geworfen 16 ). Im
Koburgischen muß das werfende Mädchen
die Augen schließen 17 ). In der Oberpfalz
muß der rechte Schuh rücklings über die
rechte Schulter geworfen werden 18 ). In
Ostpreußen wird dem auf der Erde Sitzen¬
den ein Pantoffel auf den linken Fuß ge¬
zogen, den er über den Kopf zu werfen
hat 19 ), oder man zieht den rechten Schuh
über Nacht an und schleudert ihn beim
Erwachen mit dem Fuße über den Kopf 20 ).
Der Zweck des Werfens wird manch¬
mal nicht näher angegeben. Es soll ganz
allgemein erforscht werden, ob die wer¬
fende Person im nächsten Jahre im Hause
bleiben wird oder nicht, wobei Angaben
darüber fehlen, ob es sich um Dienstboten,
heiratslustige Mädchen, Frauen oder Män¬
ner, um die Erforschung, ob ein Dienst¬
wechsel, eine Heirat, der Tod oder anderes
bevorsteht, handelt. So heißt es in der
1411 geschriebenen Dichtung ,,Blume
der Tugend'‘ (V. 7938 ff.) von H. Vintler:
Un an d’ räch nacht (= Rauhnacht) wirffet
man
Die schuch, als ich gehört han,
Vber das haubt erßling,
Vnd wa sich der spitz keret hin,
Do sol d' mensch beleyben 21 ).
Ebenso ist die Frage ganz allgemein ge¬
halten in einer Wiener Handschrift aus
dem Jahre 1387 22 ) und in anderen Über¬
lieferungen 23 ). Nur hie und da wird
angegeben, daß die Richtung der Schuh¬
spitze die Gegend bezeichnet, nach
welcher hin man in dem Jahre kommen
wird 24 ).
2 ) Vgl. Zeißberg Hieb u. Wurf als Rechts¬
symbole in der Sage (Germania 13, 419 ff.);
ZfVk. 4 (1894), 161 ff. 2 ) ZfVk. 4, 164 2 .
3 ) Grimm Myth. 2, 936. 4 ) Vgl. Heckscher
359 - 5 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 138; Köhler
Voigtland 378; John Westböhmen 2 f.; J. Micko
Volkskunde des Marktes Muttersdorf (Mutters¬
dorf i. Westböhmen 1926) 21; John Erzgebirge
140; Dähnhardt Volkst. 1, 83 f. Nr. 1; Drechs¬
ler 1, 4; Hoffmann-Krayer 97; Messi-
kommeri, 158; ZfVk. 14 (1904), 280 (Koburg);
Wuttke 232 §332; G. Buschan Die Sitten
der Völker (Stuttgart o. J.) 4, 142. 6 ) Schön¬
werth Oberpfalz i, 138; Pollinger Landshut
195; Bavaria 1, 386; John Westböhmen 8;
Zingerle Tirol 184; Baumgarten Jahr u. s .
Tage 6; Pfalz Marchfeld 103; Reinsberg
Festjahr 370. 7 ) Schönbach Berthold v. R.
133; Grimm Myth. 3, 437 Nr. 101 = Meyer
Aberglaube 222 f.; Schönwerth Oberpfalz 1,
138; John Westböhmen 19; Schramek Böhmer¬
wald 119; John Erzgebirge 151; Drechsler
1, 27; 2, 20; Vernaleken Mythen 349; Hör¬
mann Volksleben 231; Andree Braunschweig
406; Jungbauer Bibliogr. 137 Nr. 821; ZföVk.
6 (1900), 120; Liebrecht Zur Volksk. 324 (Nor¬
wegen); Schulenburg 248; Tetzner Slawen
161. 463; Buschan a. a. O. Weitere Lit. s.
ZfVk. 4, 162. 8 ) Andree Braunschweig 329;
Bartsch Mecklenburg 2, 236; Strackerjan
i, 103; Lauffer Niederdeutsche Volksk. 2 87;
H. Frischbier Preußisches Wörterbuch (Berlin
1882/82) 2, 288; Kück u. Sohnrey 44; A. Haas
Rügensche Volksk. (Stettin 1920) 48; E. Finder
Die Vierlande (Hamburg 1922) 2, 182; Köhler
Voigtland 365; John Westböhmen 25; Laube
Teplitz 2 38; John Erzgebirge 181; Müller
Isergebirge 32; ZfVk. 7 (1897), 316 (Ostpreußen);
20 (1911), 385 (Schleswig-Holstein); 23 (1913),
1357
Schuhwerfen
128. Weitere Lit. s. Heckscher 359; ZfVk. 4,
162. 9 ) Vintler Blume der Tugend V. 7938 ff.;
vgl. ZfVk. 4, 161; Sch melier BayWb. 2, 390f.;
Heyl Tirol 754 Nr. 14; Hoffmann-Krayer
122. 10 ) Grimm Myth. 3, 461 Nr. 773.
21 ) Wuttke 232 f. § 332. 12 ) Frazer 10, 236.
— Vgl. noch Brauner Curiositäten (1737) 90;
Duller Das deutsche Volk 76; Rochholz Gau¬
göttinnen 41; Bronner Sitt u. Art 17; Halber¬
stadt Semmering 23. 13 ) Drechsler 1, 27 f.
14 ) Zingerle Tirol 184; Reinsberg Festjahr
370 u. a. 15 ) Jungbauer Bibliogr. 137 Nr. 281.
lö ) ZfVk. 12 (1902), 463. 17 ) Ebd.14 (1904), 280.
18 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 141 Nr. 7. 19 ) Zf¬
Vk. 7 (1897), 316. 20 ) Wuttke 232 § 332.
21 ) ZfVk. 23 (1913), 10. Vgl. ebd. 4 (1894), 161;
11 (1901), 278; Zingerle Tirol 290. 22 ) Schön¬
bach Berthold v. R. 133. 23 ) Grimm Myth.
2, 936; Vernaleken Mythen 349; Dähnhardt
Volkst. 1, 83 f. Nr. 1; John Westböhmen 8;
Müller Isergebirge 32. 24 ) Wuttke 232 § 332
(Brandenburg, Vogtland).
2. Mitunter wird angegeben, daß es
sich um Dienstboten handelt, welche
auf diese Weise erforschen wollen, ob sie
noch das ganze Jahr im Hause sein werden
oder nicht. Sie verlassen das Haus, wenn
die Schuhspitze gegen die Tür gerichtet
ist 25 ). Betreffs Dienstboten, die man
entlassen will, wird auch die Redensart
gebraucht, daß sie bald ein Paar Schuhe
bekommen werden 26 ). In Mecklenburg
finden sich örtliche Unterschiede, indem
sich die Werfer in einzelnen Orten in die
Tür stellen oder die Mädchen bei offener
Tür mit dem Rücken gegen diese auf die
Erde setzen. Zuweilen wird der Holz¬
pantoffel dreimal geworfen oder er muß
vom rechten Schuh sein 27 ).
Eine Übertragung liegt vor, wenn im
Erzgebirge der ganzen Familie ein Woh¬
nungswechsel bevorsteht, falls der am
Christabend geworfene Schuh mit der
Spitze zur Tür zeigt 28 ).
25 ) Maennling 196t. = Schultz All¬
tagsleben 5; Grimm Myth. 3, 437 Nr. 101
(Rockenphilosophie) = Meyer Aberglaube 222f.;
Panzer Beitrag 1, 266; Andree Braunschweig
329; Bartsch Mecklenburg 2, 236 f. = ZfVk.
4, 162 mit weiterer Lit.; Drechsler 2, 20; Mit¬
teil. Anhalt. Gesch. 14, 18; Sartori Sitte u.
Brauch 2, 37; Heckscher 359. 26 ) ZfVk. 8
(1898), 144. 27 ) Bartsch Mecklenburg 2, 23b 6 . 7 .
28 ) John Erzgebirge 151.
3. Bei der in der Geschlechtssymbolik
so wichtigen Stellung des Schuhes (s. d.
§ 1) ist verständlich, daß das Sch. haupt¬
sächlich als Eheorakel dient und zwar
in der Weise, daß die gegen die Tür ge¬
richteten Schuhspitzen anzeigen, die Wer¬
ferin werde im kommenden Jahre durch
diese Tür als Braut das Haus verlassen 29 ).
Seltener steht umgekehrt der Gedanke
an den zukünftigen Bräutigam, der
durch diese Tür kommen soll, im Vorder¬
grund. Dann bedeuten die mit der Spitze
gegen die Stube gerichteten Schuhe, daß
ein Bräutigam kommen wird und eine
Heirat zu erwarten ist 30 ). Die Spitze des
Schuhes zeigt auch die Richtung an,
woher der Zukünftige kommen wird 31 ),
oder die, wo man nächstens sein wird 32 ).
Auch im Unterengadin, wo das Mädchen
den rechten Schuh gegen den Kirchturm
wirft, zeigt er, wenn er nicht mit der
Spitze zum Turm liegt, was den Tod
bedeutet, die Richtung an, in welcher
der Zukünftige wohnt 33 ), ebenso im
Simmental, wo ein Pantoffel in den
Kamin geworfen wird 34 ). Bei den Wenden
bleibt man ledig, wenn der Schuh auf
die Sohle fällt; fällt er verkehrt, so verhurt
man sich 35 ). Ebenso ist es im schotti¬
schen Hochland, wo man am Abend vor
Allerheiligen den Schuh über das Haus
wirft, ein unglückliches Zeichen, wenn
die Sohle oben zu hegen kommt 36 ).
Es gibt noch andere Formen dieses
Eheorakels. In der Schweiz wird am
Andreastag der rechte Schuh rückwärts
über die linke Achsel die Treppe hinunter
geworfen. Kommt er mit der Spitze nach
außen zu liegen, so heiratet man im kom¬
menden Jahre 37 ). Bei den Slowenen
zieht man dabei Schlüsse nach den
Treppenstufen, auf welchen der Schuh
hegen bleibt. Fliegt er über alle Stufen,
dann gibt es schon im nächsten Jahr
Hochzeit, fällt er auf die letzte Stufe, so
geschieht dies erst nach einem Jahr. Die
vorletzte Stufe bedeutet zwei Jahre
Warten usw. 38 ). Sonst ist auch das Sch.
auf Bäume üblich. Um Velburg in der
Oberpfalz warfen die Mädchen früher in
der Andreas-, Thomas- oder Weihnacht
um die zwölfte Stunde den Schuh auf
einen Birnbaum. Es durfte nur zwölfmal
geworfen werden. Wenn bei einem dieser
Würfe der Schuh hängen blieb, so war
die Heirat sicher. So oft aber vom
1359
Schuhwerfen
1361
Schuhwerfen
1362
1360
13. Wurfe an der Schuh niederfiel, so
viele Jahre mußte man noch warten.
Auf Tod in dem Jahre wurde auch ge¬
deutet, wenn der Schuh beim ersten
Wurfe blieb 39 ). Um Treffeistein in der
Oberpfalz wurde der Schuh zu den ange¬
gebenen Zeiten dreimal über den Apfel¬
baum im Garten geworfen und der Hund
in einem Spruch auf gefordert, durch
Bellen anzuzeigen, wo der Geliebte
wohnt 40 ). Auch die Zigeunermädchen
in Ungarn werfen an gewissen Abenden
(Andreas, Silvester, Ostern, Pfingsten,
Georg) einen Schuh auf einen Weiden¬
baum. Bleibt er in den Ästen hängen,
so heiratet das Mädchen. So oft der Schuh
aber nach neun erfolglosen Würfen, die
bloß erlaubt sind, auf die Erde fällt, so
viele Jahre muß das Mädchen auf einen
Mann warten 41 ). Bei einem ähnlichen
Sch., das früher um Warnsdorf in Deutsch¬
böhmen üblich war, konnten neben
Schuhen auch Strohwische u. a. geworfen
werden. Blieben die auf blätterlose,
kleine Bäume zu Weihnachten geworfenen
Gegenstände gleich darauf hängen, so
erfolgte im künftigen Jahre die Heirat.
Mußte aber mehrmals geworfen werden,
so bedeutete jeder erfolglose Wurf ein
Jahr Wartezeit 42 ). Eine besondere Form
der Zukunftsbefragung war früher in
einzelnen Ortschaften Österreichs im
Brauche. Die Mädchen stellten sich am
heiligen Abend im Hofe oder Garten in
einen Kreis, verbanden sich die Augen,
drehten sich einige Male herum, nahmen
dann einen Schuh in den Mund und warfen
ihn drehend in die Höhe. Man glaubte,
daß das Mädchen, zu dem der Schuh
innerhalb des Kreises niederfiel, nie hei¬
raten werde. Dieses Sch. wurde von
jedem Mädchen wiederholt 43 ).
Eine Verbindung mit dem Spiegel¬
orakel ist im bayrischen Hochland da¬
heim, wo sich das Mädchen in der Thomas¬
nacht nackt vor den Spiegel stellt und
den Schuh rücklings über die Schulter
wirft, um den Zukünftigen zu schauen 44 ).
Das Werfen des Schuhes ist zuweilen gar !
nicht nötig. Im Kanton Thurgau stellt
die Ehelustige ihre Schuhe verkehrt unter
das Bett, so daß die Spitzen nach rück¬
wärts, die Sohlen nach oben gerichtet
sind. Dann besteigt sie mit dem linken
Fuß voran das Lager, löscht das Licht
und legt sich auf den Rücken, mit offenen
Augen des Geliebten harrend 45 ). Das
verkehrte Stellen der Schuhe erinnert
an den Aberglauben in Oldenburg, daß
der Mann untreu wird, wenn Schuhe einer
Frau vom Bette abgekehrt stehen 46 ).
Bei den Magyaren, wo das Sch. in der
Silvesternacht üblich ist und die nach
der Tür gerichtete Schuhspitze ebenfalls
die kommende Heirat verkündet, kennt
man noch ein anderes Eheorakel. Jede
der versammelten Jungfrauen stellt einen
ihrer Schuhe der Reihe nach auf, vom
Fenster zur Tür hin. Dann wird der erste
Schuh neben den letzten gestellt, der
zweite neben diesen usw. Das Mädchen,
dessen Schuh zuerst zur Tür gelangt,
heiratet vor allen anderen 47 ).
Das Sch. als Eheorakel ist auch in
anderen Ländern bekannt, so in Schwe¬
den 48 ) und Portugal 49 ). In Frankreich
spielt der Schuh bei der Bräutigams¬
schau am Andreastag, wo man den linken
Schuh unter das Bett stellt, eine Rolle 50 ).
In Northumberland wird anstatt des
Schuhes der Strumpf (s. d.) geworfen.
Betreffs weiterer Eheorakel mittels des
Schuhes s. Schuh § 13.
29 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 141 Nr. 7;
Bavaria 1, 386; Pollinger Landshut 195;
Köhler Voigtland 365; John Westböhmen 2. 8;
Laube Teplitz 2 38; Drechsler 1, 4L; Pfalz
Marchfeld 103; Wuttke 232 §332; ZfVk. 4
(1894),318; 7 (1897),316 (Ostpreußen); 12 (1902),
463 (Egerland); 14 (1904), 280; 20 (1910). 3 8 5
(Dithm.). 30 ) Urquell NF. 1 (1897), 53 f. (Schle¬
sien u. Ostpreußen) = Wuttke 232 §332;
Lauffer Niederdeutsche Volksk. 2 87; John
Erzgebirge 140; ZföVk. 13 (1907)» I 35 - 31 ) SAVk.
19, 29; ZfVk. 8 (1898), 398 (Bayern). Weitere
Lit. ZfVk. 4, 163. 32 ) John Erzgebirge 140.
33 ) Hoffmann-Krayer 122. 34 ) SchwVk. 3,
89. 35 ) Schulenburg 248 = ZfVk. 4, 164 =
Heckscher 359. 38 ) Frazer 10, 236. 37 ) Hoff-
mann-Krayer 97. 38 ) ZföVk. 4, 147.
39 ) Schönwerth Oberpfalz i, 138 Nr. 1. 40 ) Ebd.
i, 139 Nr. 2. Vgl. Wuttke 233 § 332 = ZfVk.
4, 163 f.; 12 (1902), 322. 4I ) Wlislocki Volks¬
glaube 129 f. = Weinhold Neunzahl 15.
42 ) Vernaleken Mythen 338 = ZfVk. 4, 163;
12, 321 f. 43 ) Vernaleken Mythen 330 =
ZfVk. 4, 164. 44 ) ZfVk. 4, 164. 45 ) SchwVk.
3, 89. 46 ) Strackerjan 1, 53; 2, 228 Nr. 483 =
Wuttke 376 §570 — ZfVk. 4, 160. 47 ) ZfVk.
4 » 3 i 8 .
212 f.
48 ) Heckscher 108. 49 ) ZfVk. 5 (1895),
50 ) Sebillot Folk-Lore 1, 58.
4. Durch das Sch. wird ferner erforscht,
ob der Tod bevorsteht oder nicht. Im
Egerland ließ manche verständige Haus¬
frau dies Orakel von den Töchtern und
Mägden des Hauses nicht durchführen 51 ).
Hiebei zeigt die Richtung der Schuh¬
spitze zur Tür an, daß der Werfende
noch im selben oder im folgenden Jahre
sterben muß 52 ). In Hinterpommern
heißt es auch, daß der Fragende in dem
Jahr stirbt, wenn der Pantoffel auf das
Maul, d. h. auf das Oberleder fällt 53 ).
Sonst bedeutet es auch den Tod, wenn
die Schuhspitze zum Kirchhof 54 ) oder
Kirchturm 55 ) weist. Dies wurde früher
in Nieder Österreich auch ohne Werfen
der Schuhe erforscht, indem die Mädchen
in der Thomas- oder Silvesternacht in¬
mitten des Hofes einen Besen in die Erde
oder den Schnee steckten und ringsum
im Kreis ihre Schuhe stellten. Zeigten
am Morgen zwei von den verschobenen
Schuhen gegen die Kirche hin, so stand
ein naher Todesfall vor 56 ).
In Krain warf früher der Bräutigam
in der Brautnacht seinen Schuh. Fiel
die Spitze nach der Wand zu, so starb
er zuerst, fiel sie nach dem Bette zu, so
die Frau 57 ). Auch für andere kann man
werfen, so z. B. im Stedingerlande eine
Frau für ihren Mann. Steht die Spitze
seines Schuhes, den sie wirft, nach dem
Hause, so lebt er noch lange; steht sie
hinaus zu, so stirbt er bald 58 ). In Nor¬
wegen glaubt man, wenn einem beim
Eintreten der Pantoffel abfällt und vor
der Tür liegen bleibt, daß jemand in der
Nähe „feig“, d. i. dem Tode nahe ist 59 ).
Auf Krankheit deutet in Westböhmen
das Querstehen des geworfenen Schuhes 60 ),
in Braunschweig, wenn der Schuh ver¬
kehrt steht 61 ), in Preußen, wenn die
Spitze gegen das Bett zeigt; zeigt sie
gegen den Ofen, so bedeutet es Frieren 62 ).
51 ) ZfVk. 12 (1902), 463. 52 ) Grimm Myth.
з, 461 Nr. 773 (Osterode am Harz, 1788);
Wuttke 232 t. §332 u. Strackerjan 1, 103
и. Lemke Ostpreußen 1, 3 u. Liebrecht Zur
Volksk. 324 f. (Norwegen) — ZfVk. 4, 162;
H. Frischbier Preußisches Wb. (Berlin 1882
bis 1883) 2, 288; John Westböhmen 8; Köhler
Voigtland 365. 378; John Erzgebirge 118. 151.
181; Heyl Tirol 754 Nr. 14; Tetzner Slawen
161 (Kuren); Heckscher 359. 53 ) Knoop
Hinterpommern 178. 54 ) John Erzgebirge 118;
J. Micko Volksk. des Marktes Muttersdorf (Mut¬
tersdorf in Westböhmen 1926) 21; SAVk. 19,
29. 55 ) Hoffmann-Krayer 122. 66 ) Verna¬
leken Mythen 351 = ZfVk. 4, 162. 57 ) Wuttke
2 33 § 33 2 — ZfVk. 4, 162. Vgl. Drechsler
1, 4; O. u. Th. Be necke Lüneburger Heimat¬
buch (Bremen 1914) 2, 513. 58 ) Strackerjan
r, 103 Nr. 115. 59 ) Liebrecht Zur Volksk. 327
= ZfVk. 4, 162. 60 ) John Westböhmen 2.
61 ) And ree Braunschweig 406. 62 ) Frisch¬
bier Preußisches Wb. 2, 288.
5. Das Sch. kann endlich noch zu
verschiedenen anderen Zwecken er¬
folgen. In Steiermark vollzieht sich das
Lössein durch Schuhwurf in folgender
Form: Man stellt sieben Stühle auf und
setzt auf jeden ein brennendes Licht.
Jeder Stuhl wird siebenmal umschritten,
wobei man den Stuhl jedesmal drehen
und sich jedesmal daraufsetzen muß.
Darnach setzt man sich mit verbundenen
Augen, den Rücken gegen die Tür ge¬
kehrt, zwischen die Stühle auf den Boden
und spricht siebenmal: ,,Heut ist Los¬
nacht, jedem steht ein Blick in die Zukunft
frei, darum will ich lössein und bitte die
Geister aller Farben und Religionen um
Beistand“. Nun ergreift man mit der
Linken einen von sieben Schuhen, die
vorher aufgestellt wurden und sieben
verschiedenen Personen angehören müs¬
sen, und wirft ihn, während man sich
einen Wunsch ausdenkt, mit der linken
Hand über die rechte Schulter zur Tür.
Fällt der Schuh mit der Spitze zur Tür,
dann geht der Wunsch in Erfüllung,
fällt er quer, dann werden sich Hinder¬
nisse in den Weg stellen, fällt er mit dem
Absatz zur Tür, dann wird der Wunsch
nicht erfüllt. Man darf sieben „Lössel-
würfe“, jedesmal mit einem anderen
Wunsch, tun 63 ).
Wenn in Franken ein Mädchen ihre
Pantoffel rückwärts wirft und dann die
Hinterseite derselben ihren Füßen ent¬
gegensteht, so wird sie die Herrschaft
im Hause bekommen 64 ). Nach dem
Glauben des Egerlandes ist eine Geburt
zu erwarten, wenn beim Sch. zwecks Er¬
forschung des Todes statt der Schuh¬
spitze der Absatz zur Tür gekehrt ist 65 ).
1363
Schule—Schürze
Schürze
1364
Wie dem Prinzen im Märchen drei ge¬
schenkte gläserne Pantoffel, die er am
Ende eines Weges hinter sich wirft, drei
neue Wege zeigen 66 ), so sucht man zu¬
weilen bei Meinungsverschiedenheiten,
heute mehr im Scherze, durch Werfen
eines Schuhes, dessen Spitze dann die
Richtung angibt, festzustellen, wohin
man seinen Spaziergang machen soll,
was in Thüringen „den Latsch werfen“
genannt wird 67 ). Auch die Mwenna in
Ostafrika suchen durch dreimaliges Wer¬
fen der rechten Sandale zu ergründen,
ob sie auf einer Reise Erfolg haben wer¬
den, was ein tritt, wenn die Sandale jedes¬
mal mit der oberen Seite zu Bodon fällt 68 ).
Endlich glaubt man sogar das Denken
durch Sch. beeinflussen zu können. Will
jemand etwas vergessen, so muß er, wenn
er wieder daran denkt, den Pantoffel
rückwärts über den Kopf werfen 69 ).
63 ) ZfVk. 8 (1898), 444 = Geramb Brauch¬
tum 11 o f. 84 ) ZfVk. 5 (1895), 416. 65 ) John
Westböhmen 2. 66 ) Wolf Beiträge 2, 216.
• 7 ) Dähnhardt Volkst. 1, 83 f. Nr. 1. 68 ) ZfVk.
4, 162 f. 69 ) Strackerjan 1, 114 Nr. 132 =
Wuttke 316 §468. Jungbauer.
Schule, Schüler s. Nachtrag.
Schulter s. Nachtrag.
Schuppenwurz (Lathraea squamaria).
1. Botanisches. Die Pflanze ist nicht
grün, sondern hellrosa gefärbt. Am
Grunde ist der fleischige Stengel dicht
mit bleichen Schuppen besetzt. Die
violetten Blüten stehen in einseitswendiger
Traube. Die Sch. kommt hin und wieder
in feuchten Laubwäldern und Hecken
vor, wo sie mit Vorliebe auf den Wurzeln
der Haseln schmarotzt. Sie blüht schon
im ersten Frühjahr 1 ).
*) Marzell Kräuterbuch 463 f.
2. Die Sch. soll einst (vielleicht wegen
ihres eigenartigen Aussehens) von Land¬
leuten als Amulett gegen Zauberei ge¬
braucht worden sein 2 ). In der Gegend
von Göttingen heißt die Pflanze „Weer-
kömen [Wiederkommen], dat verborgene
Weerkömen, Kum-weder [Komm wieder!]“,
weil man den Kühen die Pflanzen zu
fressen gibt, wenn sie die Milch verloren
haben 3 ). In Nordthüringen heißt die
Zahnwurz (Dentaria bulbifera) „Ver¬
loren un Wädderjekummen“, weil sie
den Kühen die verlorene Milch wieder¬
gibt 4 ). Vielleicht liegt hier eine Ver¬
wechslung mit der Sch. vor, die ebenfalls
wegen des zahnartig aussehenden Wurzel¬
stockes als „Zahnwurz“ bezeichnet wird.
Auch die Elsässer kennen ein Kraut
„Wiederkumm“ gegen das Milch versiegen,
das jedoch botanisch nicht identifiziert
ist 5 ), in Altbayern scheint man unter
dem „Wiederkum“ den Widerton (s. d.)
zu verstehen 6 ). Ein entsprechender
Pflanzenname ist offenbar das nieder¬
österreichische „Bring mas wida“ (Bring
mir's wieder, nämlich die verlorene Milch)
für den Knollen-Knöterich (Polygonum
viviparum) 7 ), vgl. auch Sonnenröschen.
Die Slovaken verwenden übrigens die
Zahnwurz (Dentaria euneaphyllos), um
den Milchertrag der Kühe zu erhöhen 8 ).
In Nordwestböhmen wird die Sch. als
„Maiwurz“ den Kühen unter das Futter
gemischt, damit sie reichlich Milch geben
und nicht behext werden 9 ). Die Be¬
ziehung zum Milchzauber mag vielleicht
darin zu erblicken sein, daß die Blüten
der Sch. eine gewisse Ähnlichkeit mit
einem Kuheuter haben, weshalb die
Pflanze in Kärnten auch „Kuhtutten“
heißt. Die (zahnähnlichen) Wurzel¬
stöcke (signatura rerum!) in der Tasche
herumgetragen heilen die Zahnschmer¬
zen
10
)
2 ) Hagen Preußens Pflanzen 1818, 2, 42.
3 ) Schambach Wb. 290. 4 ) Kleemann Beitr,
zu einem nordthüring. Idiotikon . Progr. Gymn.
Quedlinburg 1882, 24. 5 ) Martin u. Lien¬
hart Elsäss. Wb. 1, 441. 6 ) Marzell Bayer .
Volksbot. 54. 7 ) Höfer u. Kronfeld Volks¬
namen d. niederösterr. Pflanzen 1889, 51; ZfVk.
N. F. 3, 163 ff. 8 ) Holuby Trentschin 9.
9 ) Orig.-Mitt. v. Stelzhamer 1913. 10 ) Wart¬
mann St. Gallen 43. Marzell.
Schurtendiebe s. 5, 1793.
Schürze.
1. Allgemeines. Erklärung. 2. Sage.
3. Schwangerschaft u. Geburt. 4. Liebes¬
ieben u. Hochzeit. 5. Tod. 6. Volksmedizin.
7. Vieh- u. Feldwirtschaft. 8. Sonstiger Aber¬
glaube.
1. Im Aberglauben kommt vor
allem die an Werktagen zum Schutz und
an Festtagen zum Putz getragene Sch . 1 )
der Frauen in Betracht, weniger die ScIl
der Männer, die stets Arbeitssch. und den
7.
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1365
einzelnen Handwerken eigentümlich war.
Bei jener ist in erster Reihe die Beziehung
zum Geschlechtsleben maßgebend 2 ).
Die Sch., der ursprüngliche Schurz, be¬
deckt die weibliche Schamgegend — auf
Öland ist die Bezeichnung skamskyte
(Schamhülle) für Sch. verbreitet 3 ) —
und wird daher zum Sinnbild des weib¬
lichen Geschlechtsteiles, ihr Verlust zum
Verlust der Jungfräulichkeit 4 ). In ein¬
zelnen Redewendungen, z. B. vom
Sch.njäger, der hinter Sch.n wie der Teufel
her ist, wird dann die Sch. geradezu zum
Sinnbild des weiblichen Geschlechtes über¬
haupt 5 ).
Zu dieser geschlechtlichen Bedeutung
kommen noch weitere Umstände, so die
Farbe der Sch., durch die sich in der
Bretagne ledige Mädchen, Bräute, Ehe¬
frauen und Witwen voneinander unter¬
scheiden 6 ), die Herkunft, Reinheit, dann
die Art des Tragens und der Ver¬
wendung der Sch. selbst und ihrer ein¬
zelnen Teile, so des Saumes und Zip¬
fels, und besonders des Sch.nbandes
(s. d.).
Mancher Aberglaube erklärt sich als
bloße Übertragung von anderen Klei¬
dungsstücken (s. Kleid). An die Stelle |
des Mantels (s. d.) ist die Sch. getreten,
wenn nach einer oberösterreichischen
Sage die hl. Maria die im Donaustrudel
verunglückten Wallfahrer mit ihrer Sch.
auffängt, so daß der Teufel, der den
Strudel gemacht hat, nur eine einzige
Seele bekommt 7 ). Ebenso heißt es bei
den Magyaren, wenn Leute, besonders
kleine Kinder, irgendwo herabfallen, ohne
sich zu beschädigen, daß sie in die Sch.
der Gottesmutter gefallen sind. Bei den
Deutschen Ungarns um Csatäd (Uj-
Szent-Ivan) wird eine solche Sch. „Mutter¬
gottesschoß“ genannt, bei den ungarischen
Serben aber spricht man dann von
Marias Mantel 8 ). Wie der Mantel oder
Schleier (s. d.) oder Schuh (s. d. § 6)
zum Übersetzen von Gewässern dient, so
fährt ähnlich nach einer norddeutschen
Sage eine Hexe auf der ausgebreiteten
Sch. über einen Fluß 9 ). Auch in der
französischen Überlieferung findet sich
die Sch. in dieser Weise verwendet 10 ).
1366
Windzauber, der sonst mit dem Hut (s. d.)
und von Männern geübt wird, treiben in
Frankreich Frauen, indem sie mit ihren
Hochzeitssch.n den Boden einer Kapelle
auf der Seite wischen, woher sie den
günstigen Wind wünschen n ).
J ) Vgl. DWb. 9, 2060 ff.; Schweizld. 2, 445;
F. Hottenroth Handbuch d. deutschen Tracht
(Stuttgart o. J.) 978; K. Spieß Die deutschen
Volkstrachten (ANuG. Nr. 342, Leipzig 1911)
18 f.; Heckscher 265. 268. 497; ZfVk. 1 (1891),
86 f.; 12 (1902), 472; 22 (1912), 109; 26(1916),
222 f. Vgl. Köhler Voigtland 264. 266; John
Erzgebirge 41. 2 ) R. Wikman Byxorna, kjolen
och förklädet, ett bidrag tili frägan om klädedräk-
tens magi, Hembygden 1915, 61. 3 ) Pehr Lugn
Die magische Bedeutung der weiblichen Kopf¬
bedeckung im schwedischen Volksglauben, Mitteil,
d. Anthropol. Ges. in Wien, Bd. 50, bzw. 20
(1920), 100 6 . 4 ) Vgl. Storfer Jungfr.-Mutter¬
schaft 55 6 . 97. 98®. 5 ) ZfVk. 26 (191h), 222. Vgl.
Aigremont Fußerotik 51. 8 ) E. Herpin Noces
et bapteme en Bretagne (Rennes 1904) 16 f.
7 ) Gloning Oberösterreich 58. 8 ) Wlislocki
Magyaren 163. 9 ) Müllenhoff Sagen (1921)
237 Nr. 349. 10 ) Sebillot Folk-Lore 2, 28. 156.
ll ) Ebd. 4, 151.
2. In der Sage begegnet die Sch. in
verschiedener Weise. Gleich den Berg¬
leuten tragen die Bergmännchen Leder-
sch.n 12 ), gleich den wirklichen Maurern
haben die Freimaurer ein Schurzfell 13 ).
Der Sch.nzipfel der Wasserjungfrau ist
immer naß 14 ), was auch vom Zipfel
oder Saum des Rockes (s. d.) oder Kleides
(s. d.) der Wassergeister gilt. In ihren
Sch.n bergen die weiblichen Riesen den
Bauer mit seinem Gespann, wie in der
Sage vom Riesenspielzeug 15 ), oder tragen
Steine zu einem Bau herbei 16 ), die der
Teufel in den entsprechenden Sagen meist
in einem Sack schleppt. In ihren Sch.n
haben heidnische Jungfrauen den Jung¬
fernstein bei Eck in Oberösterreich an
seine Stelle getragen 17 ). Auch in der
französischen Sage verwenden Geister,
Feen und Heilige die Sch. zum Her¬
schaffen von Steinen 18 ). Den großen
schwarzen Stein auf dem Frauenbrei-
tunger Markt soll einst ein Leinweber in
seiner Sch. dorthin getragen haben, um
sich von einem schweren Verdacht zu
reinigen 19 ).
Am häufigsten ist das Sagenmotiv, daß
sich der nicht weggeworfene Rest des
Laubes, Kehrichtes, der Kohlen, Holz-
1367
Schürze
1368
späne und anderer Dinge, mit denen ein
Zwerg oder guter Geist die Sch. des
Menschen gefüllt hat, daheim in Gold
verwandelt 20 ). Eine Umkehrung dieses
Motives ist die Verwandlung der Lebens¬
mittel in Rosen oder Hobelspäne in den
Legenden von der hl. Elisabeth 21 ) und
der hl. Gottliebe 22 ). Zum Aufnehmen
von Schätzen wird die Sch. auch sonst
benützt 23 ), die ferner, wie andere Klei¬
dungsstücke, zum Bannen der Schätze
dient 24 ). Durch das Werfen der Sch. auf
jemand, z. B. auf den untreuen, beim
Wasserweibchen schlafenden Mann, gibt
die Frau ihr Besitzrecht kund 25 ).
Tote wünschen zuweilen ganz be¬
stimmte Kleidungsstücke. In einer
sächsischen Sage kommt ein verstorbenes
Kind jede Nacht und verlangt, daß man
ihm eine bunte Sch., die es immer ge¬
tragen, in das Grab lege 26 ). Nach Tiroler
Glauben trägt die Hexe, das alte Weib,
das bei jeder Prozession zuletzt geht,
eine blaue Sch. 27 ). Was das verbreitete
Motiv anbelangt, daß ein Nachzügler
des wilden Heeres ruft: ,,Wäre ich ge¬
schürzt und gegürtet, so könnte ich auch
mit“, so hat dies mit der Sch. selbst
nichts zu tun, da hier ein Umschürzen =
Umgürten gemeint ist 28 ) (s. Gürtel).
12 ) Quensel Thüringen 204. 13 ) Zaunert
Rheinland 2, 192. 14 ) Grimm Sagen 42 f.
Nr. 60; Zaunert Natursagen 1, 124. 15 ) Grimm
Sagen 13 f. Nr. 17; 232 Nr. 324; Kuhn u.
Schwartz 95 Nr. 107 = Zaunert Natur sagen
1, 9; Müllenhoff Sagen (1921) 298 Nr. 443;
Strackerjan 1, 507 Nr. 258i; Jahn Pommern
168 Nr. 214; Zaunert Rheinland 1, 278;
Quensel Thüringen 193 t.; Schönwerth Ober-
Pfalz 2, 267; Jungbauer Böhmerwald 22. 242;
Gräber Kärnten 50 Nr. 57; 60 Nr. 67. 16 ) J ung-
bauer a. a. O. 17 ) Gloning Oherösterreich 52.
18 ) Vgl. Sebillot Folk-Lore 1, 312. 324. 401;
2, 184; 4, 7 ff. 21 ff. 39 f. 117. 181 f. 19 ) Quensel
Thüringen 152. 20 ) Peuckert Schlesien 182;
Jungbauer Böhmerwald 59. 97; Kapff Schwa¬
ben 44; Sieber Sachsen 144 f. 149. 312. 316;
Quensel Thüringen 247. 250; Zaunert West¬
falen 32. 21 ) Quensel Thüringen 52. 22 ) Goy-
ert u. Wolter 92 ff. 23 ) Jungbauer Böhmer¬
wald 106; Sieber Sachsen 150. 24 ) Witzschel
Thüringen 1, 277 Nr. 287. 25 ) Jungbauer
Böhmerwald 63. 26 ) Sieber Sachsen 289.
27 ) Zingerle Tirol 60. 28 ) Vgl. Waschnitius
Perht 152.
3. Im Zustand der Schwangerschaft
wird die Frau durch die Sch. beschützt,
die aber auch die Leibesfrucht vor den
drohenden Gefahren behütet. Die Sch.
schützt ^ferner die Umgebung vor der
magischen Gefährlichkeit des unver¬
heirateten Weibes während seiner
Schwangerschaft 29 ).
Zunächst gibt es verschiedene Gebote
und Verbote für die Schwangere. Sie soll
mit ihrer Sch. nichts ab wischen, sonst
wird das Kind ungestüm 30 ), sie darf
keinem Pferd oder Ochsen aus ihrer Sch.
Futter reichen, sonst muß sie das Kind
12 Monate tragen 31 ). Doch wird sonst
gerade dies empfohlen, um eine recht¬
zeitige Niederkunft zu erzielen 32 ), wobei
es gewöhnlich ein Hengst 33 ) oder
Schimmel 34 ) sein muß, den die Schwan¬
gere aus ihrer Sch. fressen läßt. Nach
tschechischem Glauben muß eine schwan¬
gere Braut bei der Kirchfahrt den Pferden
eine Stecknadel ins Kummet stecken oder
sie ein Stück Brot aus ihrem Schoß
fressen lassen, denn sonst käme der Zug
nicht von der Stelle 35 ). Nach nord¬
deutschem Glauben soll eine Schwangere,
die Späne zum Feuer trägt, einen etwa
darunter befindlichen Keil nicht in der
Sch. behalten, weil sonst das Kind einen
Keilbruch bekommt 36 ). In Braunschweig,
aber auch bei den Weißrussen, besteht
die Forderung, daß eine Schwangere
nicht Gevatter stehen soll, weil dies
dem Täufling und ihrer Leibesfrucht
schadet und beide infolgedessen sogar
zugrunde gehen können. Jedes Unheil
glaubt man aber in Braunschweig und
Pommern £u verhindern, wenn die Patin
während des Taufaktes zwei Sch.n
anzieht 37 ).
In Oberösterreich war noch zu Ende
des 18. Jh.s der Brauch, daß Weiber beim
Eintritt in eine Stube, in welcher eine
Frau gerade ihre Niederkunft hatte,
schnell ihre Sch.n lösten und der Kreißen¬
den umbanden, um nicht selbst unfrucht¬
bar zu werden 38 ). Nach einer anderen
Überlieferung heißt es genauer, daß sie
mit ihren Sch.n der Gebärenden ein
Kreuz auf den Unterleib machten und
sie dann rasch wieder umbandeti, um
die Geburt zu beschleunigen und sich
selbst fruchtbar zu machen 39 ). So
1369
Schürze
1370
wurde durch das Lösen (s. d.) der Sch.
die Geburt beschleunigt und durch das
Umbinden der mit der fruchtbaren Frau
in Berührung gebrachten Sch. die eigene
Fruchtbarkeit gefördert. In Schlesien
pflegt man bei der Geburt eines Kindes
die Geschwister und Dienstboten zu
beschenken. Die Mägde erhalten gewöhn¬
lich eine Sch., die sogenannte Kindel¬
scherze 40 ).
Das neugeborene Kind soll nicht
in eine Sch. genommen oder eingehüllt
werden 41 ), weil es sonst später dem
anderen Geschlecht nachläuft 42 ) oder,
wenn es ein Mädchen ist und in eine
Frauenschürze gewickelt wird, später
keinen Mann kriegt 43 ). Nur bei den
Kaschuben wird das neugeborene Mäd¬
chen in die Sch. der Mutter eingewickelt,
damit es eine gute Hausfrau wird 44 ).
Bei den Weißrussen bringt die Patin das
Kind in der Sch. der Mutter zur Kirche,
wenn die Eltern wünschen, daß das
nächste Kind ein Mädchen sei, im Hemd
(s. d.) des Vaters, wenn man das nächste¬
mal einen Knaben wünscht 45 ). Damit
das kleine Kind nicht ausgewechselt
werden kann, wird in Thüringen des
Nachts die Tür der Wochenstube mit
einem blauen Schürzenband zugebun¬
den 46 ), und in der neunten Stunde muß
vor der Tür eine Weibersch. ausgebreitet
sein und vor dem Fenster ein Manns¬
hemd hängen, damit Hexen und böse
Leute dem Kinde nichts antun können 47 ).
29 ) Pehr Lugn a. a. O. (o. Anm. 3) 94- 100
30 ) Grimm Myth. 3, 459 Nr. 725 (Oberöster¬
reich, 1787). 31 ) ZfdMyth. 1,206; SAVk. 21 (1917b
33. 32 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 325;Drechsler
1,179; Ploß Kind 2 (1884) 31. 33 ) Boecler£ 7 *stett
45 f. 34 ) Wuttke 378 §573 (Harz). 35 ) Groh-
mann 119 Nr. 905 = Wuttke 371 §562.
3Ö ) Kuhn u. Schwartz 431 Nr. 264. 37 ) An-
dree Braunschweig 210 = ZfVk. 17 (1907), 165;
Sartori Sitte u. Brauch 2 , 35 3 . 38 ) Grimm
Myth. 3, 460 Nr. 730. 39 ) Samter Geburt 127f.
40 ) Drechsler 1, 185. 41 ) Kuhn Märk. Sagen
364; ZfVk. 1 (1891), 183. 42 ) Wuttke 381 § 580
(Brandenburg). 43 ) Urquell 5 (1894), 279 (Stet¬
tin) = Sartori Sitte u. Brauch 2, 35 3 . 44 ) See¬
fried-Gulgowski 121. 45 ) ZfVk. 17 (1907),
170. 48 ) Witzschel Thüringen 1 , 153 Nr. 149;
Wucke Werra 40 f. Nr. 77. Vgl. Seligmann
Blick 2, 246. 47 ) Witzschel a. a. O. 2, 245
Nr. 9 = Seligmann Blick 2, 226.
4. Im Liebesieben findet die Sch.,
noch mehr aber das Sch.nband (s. d.)
mannigfache Verwendung und Ausdeu¬
tung. In Mönchgut auf Rügen hängten
früher die Mädchen, wenn sie heiraten
wollten, eine Sch. heraus 48 ). Ähnlich
hängt in Luxemburg der Mann eine blaue
Sch. vor das Haus, wenn seine Frau mehr
als einen Tag abwesend ist und er seine
Nachbarn zum Besuch einladet 49 ) (vgl.
Hose, Rock). In Waggum dient das soge¬
nannte Sch.nsieben als Eheorakel. Die
Sch.n aller anwesenden Mädchen werden
in ein festes Knäuel zusammengebunden,
das so lange in einem großen Futtersiebe
geschüttelt wird, bis eine Sch. heraus¬
fliegt. Deren Besitzerin heiratet zuerst 50 ).
Nach Schweizer Glauben bekommt ein
Mädchen, das mit der Sch. an einer
Tischdecke, die so das männliche Glied
und den Mann versinnbildet, hängen
bleibt, bald einen Mann 51 ). Nach schwe¬
disch-finnischem Glauben verheiratet sich
die, welche sich ein Loch in die Sch.
brennt; Unglück in der Liebe hat die,
welche die Sch. schräg nach der rechten
Seite trägt 52 ). Um zu erfahren, ob der
Liebste treu ist, wickelt das Mädchen
um Halle in der Johannisnacht Johannis¬
kraut in einen Zipfel der Sch. (oder des
Hemdes) und drückt es; kommt es rot
durch, so ist es ein günstiges Zeichen 53 ).
Besondere Bedeutung hat das Hände-
abtrocknen an der Sch. eines Mädchens.
Bloß in Ostpreußen gilt, daß ein Mädchen,
welches einen jungen Mann an sich fesseln
will, ihm bei günstiger Gelegenheit ihre
Sch. (oder ihr Taschentuch) zum Ab¬
trocknen geben muß. Dann kann er sie
nimmer lassen und muß ihr stets nach¬
gehen 54 ). Sonst heißt es allgemein, daß
eine weibliche Person niemals jemand
an ihrer Sch. abtrocknen lassen soll, weil
sonst beide Personen einander gram
werden 55 ). Zum Teil als scherzhafte
Warnung vor Schlamperei ist die weit
verbreitete Meinung aufzufassen, daß
ein Mädchen, welches sich beim Waschen
die Sch. benäßt, einen Trinker zum
Mann bekommt 56 ). In Teplitz heißt es,
daß ein Mädchen, das die Sch. verkehrt
umbindet, einen versoffenen Mann be¬
kommt 57 ). Bei den Franzosen deutet
1371 Schürze 1372
die verkehrt angezogene Sch. auf Hoch¬
zeit 58 ). Bei ihnen spielt die Sch. schon
bei der Werbung eine Rolle, indem das
Mädchen ihre Zustimmung durch das
Betrachten der überreichten Sch., wie
in den Pyrenäen 59 ), oder durch ein be¬
stimmtes Rollen oder Falten ihrer eigenen
Sch., wie in der Dauphine 60 ), in den
Hochvogesen 61 ) und in Morbihan 62 ), zu
erkennen gibt.
Im Engadin schenkt der Bräutigam
der Braut bisweilen eine Sch. 63 ). In
Ehingen a. D. und Umgebung mußte
jede Braut, die zum drittenmal verkündet
war, eine schwarze Sch. anziehen und so um
ihre Jungfrauschaft trauern 64 ). Dem¬
gegenüber tragen die Braut und die an
der Hochzeit teilnehmenden Mädchen
in Oberösterreich und im Burgenland als
Zeichen der Unschuld weiße Sch.n 65 ).
In Oberösterreich bestand der Glaube,
daß der, welcher am Hochzeitstage ein |
Fleckchen von der Sch., der Braut sich
zu verschaffen wußte, es den neuen Ehe¬
leuten ,,antun“ konnte, das angerichtete
Unglück aber, selbst wenn er es wollte,
nicht mehr gutzumachen imstande war 66 ).
48 ) Urdhs-Brunnen 7, 174 = Sartori Sitte
u. Brauch 2, 35 3 ; Haas u. Worm Mönchgut 82.
49 ) Fontaine Luxemburg 91 = Sartori a. a. O.
2, 35 2 . 50 ) And ree Braunschweig 297. 51 ) Schw-
Vk. 8, 21. 52 ) Ebd. 8, 12 = Hembygden 6, 68.
53 ) Wuttke 234 § 335. 54 ) Frischbier Hexen-
spr. 159. 55 ) Grimm Myth. 3, 439 Nr. 147
(Rockenphilosophie); Köhler Voigtland 425 =
Wuttke 366 §553; Engelien u. Lahn 282;
Drechsler 2, 195; SchwVk. 8, 12. 56 ) Wolf
Beiträge i, 210; Hesemann Ravensberg 76;
John Erzgebirge 75; Köhler Voigtland 397;
Meyer Baden 169; Meier Schwaben 2, 505;
Reiser Allgäu 2, 285; SchwVk. 8, 12; Zingerle
Tirol 10; ZfVk. 3 (1893), 47 (Tirol); Baum¬
garten Aus der Heimat 3, 91; DG. 5 (1903), 197.
37 ) Laube Teplitz 2 56. 58 ) REthn. 27, 432 =
SchwVk. 8, 12. 59 ) REthn. 8 (1893), 240.
€0 ) Ebd. 9 (1894), 569. 61 ) F. F.Sauve Le
Folk-Lore des Hautes-Vosges (Les Litteratures
pop. de toutes les nations Bd. 29, Paris 1889)
82. 62 ) E. Carrance Le mariage chez nos peres
(Bordeaux et Paris 1872) 153. 63 ) Bächtold
Hochzeit 1, 234. 64 ) Birlinger Aus Schwaben
2,248. 65 ) Gerambßmwc^M«? 121. 66 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 3, 92.
5. Seltener begegnet die Sch. beim
Tod und Begräbnis. Im Oberamt
Rottenburg haben die zur Leiche ladenden
Mädchen mitunter eine Sch. am Arm.
Sie ist aufgerollt und wie ein Ring zu¬
sammengebunden, angeblich zum Sinn¬
bild, daß die Arbeit ruhe 67 ). In Sitten¬
hardt (Hall) erhalten die Mädchen, welche
bei Kindern unter einem Jahr als Leichen¬
trägerinnen dienen, im Trauerhaus einen
schwarzen Schurz, mit welchem vier
Wochen zu trauern ist. Auch in Holz-
kirch (Ulm) bekommen die Mägde des
Hauses, mitunter auch die Kinder der
Verwandten schwarze Sch.n zum „Klag-
ne(n)“ aus dem Trauerhaus 68 ). Bei den
Juden in Württemberg werden die ver¬
storbenen Frauen mit einer Haube und
Sch. bekleidet 69 ), bei den Juden im
Elsaß gehört eine Art Sch. zur Toten¬
ausstattung. Sie deckt den unteren Teil
des Bauches, wird zwischen den Beinen
durchgezogen und in der Kreuzgegend mit
Bändern befestigt 70 ).
In der Oberpfalz pflegte eine alte
Frau mit einer blauen Sch. bei jedem
Begräbnis zu sein. Eine solche Sch.
war das Zeichen, daß es der Seele des
Verstorbenen im Jenseits nicht schlecht
ergehe. Doch galt es auch als Zeichen,
daß bald wieder jemand nachsterben
sollte. ,,Die letzte vom Zuge muß ein
blaues Fürtuch sein“, war eine Redens¬
art 71 ), die sich wohl auch darauf bezog,
daß ebenso bei Flurumgängen, Wall¬
fahrten und ähnlichen Anlässen am
Schlüsse stets ein Weib mit einer blauen
Sch. ging 72 ), was vielleicht ein Abwehr¬
zauber gegen Hexen war, die nach dem
Glauben der Oberpfalz blaue Sch.n
trugen 73 ).
67 ) Höhn Tod Nr. 7, 328. 68 ) Ebd. 340. 355.
69 ) Ebd. 320. 70 ) SchwVk. 11 (1921), 20.
71 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 255 Nr. 5. 72 ) Ebd.
3, 176. 73 ) Vgl. ebd. 3, 175.
6. In der Volksmedizin kommt es
einerseits auf die Art und Beschaffenheit
der verwendeten Sch., andrerseits auf
die besonderen Teile der Sch. (s. Schürzen¬
band) und die damit vorgenommene
Handlung an.
Die von der Patin bei der Taufe eines
Kindes getragene Sch. legt man in Baden
dem von Gichtern (Krämpfen) befallenen
Kind unter den Kopf 74 ), was im Voigt¬
lande bei Fraißen der Kinder mit der
1373
Schürze
I374
Brautsch. geschah 75 ). In Franken und
Baden werden kranke Kinder auch in die
Sch. einer reinen Braut gewickelt 76 ).
Von den Teilen sind besonders der
Saum (s. auch Hemd, Kleid, Rock) und
die Zipfel der Sch. wichtig, die ja in
Wirklichkeit oft benützt werden, um
Fremdkörper aus dem Auge zu entfernen,
etwas zu bestreichen oder wegzuwischen.
Um Gerstenkörner zu vertreiben und
nach einem Sturz oder Stoß das Ent¬
stehen von Beulen zu verhindern, drückt
man mit dem Saum der Sch. unter Aus¬
sprechen der drei heiligen Namen drei
Kreuze auf die Stelle 77 ). In Franken¬
berg (Sachsen) bespricht man ein Gersten¬
korn mit den Worten:
Wernickel, ich drück dich
Mit mein Schürzenzippel;
Wulst warn wie ein grüß Haus,
Derweil warst wie ein Blutlaus 78 ).
In Niederösterreich muß man gegen
Mundfäule die zwei unteren Zipfel
der Sch., welche man anhat, kreuzweise
in die Hand nehmen, den rechten Zipfel
in die linke, den linken in die rechte
Hand, und zuerst mit der rechten Hand
den rechten Mundwinkel abwischen, dann
mit der linken Hand den linken, hernach
wieder den rechten, wobei man die
Namen der drei göttlichen Personen aus¬
spricht. Das Ganze muß dreimal wieder¬
holt werden 79 ). Im südlichen Böhmer¬
wald befreit eine kundige Frau den Ver-
neidetenin der Weise von seiner Krank¬
heit, daß sie an den Enden ihrer Sch.
einen Einschlag macht, so daß die Sch.
in eine trichterförmige Spitze zuläuft.
Mit dieser Spitze fährt sie dem Kranken
dreimal vom Kinn aufwärts, zuerst über
die Nase bis zur Stirn, dann über die
rechte Wange bis zur Schläfe und endlich
über die linke Wange bis zur Schläfe.
Diese Bewegungen muß der Verneidete
nachher selbst mit nassen Fingern wieder¬
holen 80 ). Wenn die Brüste einer jungen
Mutter aufspringen, so vergeht dies
Leiden, wenn sie den rechten Zipfel ihrer
Sch. unter das Sch.nband auf der linken
Seite steckt 81 ). Dieses Hinaufstecken
des Zipfels findet sich auch bei anderen
Heilhandlungen 82 ).
74 ) Meyer Baden 35. 40. 75 ) Grimm Myth.
3, 464 Nr. 853. 76 ) Wuttke 359 § 54 2 - 77 ) Se Y-
farth Sachsen 271. 78 ) Ebd. 84. 79 ) Pfalz
Marchfeld 92 f. 80 ) ZfVk. 1 (1891), 312. 81 ) Sey-
farth Sachsen 272. 82 ) Höhn Volksheilkunde
1, 92.
7. In der Viehwirtschaft ist am
häufigsten der Brauch, das Vieh und zwar
nicht bloß das Hornvieh, sondern auch
Schweine, beim ersten Austreiben im
Frühjahr über die vor der Stalltür
gelegte Sch. der Frau, Magd oder Hirtin
gehen zu lassen, um es an den Stall zu
gewöhnen oder damit es am Abend wieder
nachhause komme. Doch spielt mehr die
Absicht mit, das Vieh vor Behexung zu
schützen, da man es auch über andere
Dinge, z. B. ein Beil, Messer, eine Mist¬
gabel u. a., schreiten läßt 83 ) und zu¬
weilen zur Verstärkung der Wirkung ge¬
fordert wird, daß dieses Beil oder ein
Gegenstand aus Stahl (s. d.), die man
vor die Stalltür gibt, in eine blaue Sch.
(oder einen roten Weiberstrumpf) ge¬
wickelt sein soll 84 ). Gekauftes Vieh
gewöhnt man an den Stall, indem man
es über die Sch. der Bäuerin in den Stall
führt 85 ) oder, wie im Böhmerwald, über
die Sch. der Person, welche das Tier zum
Füttern bekommt 86 ). Vereinzelt heißt
es, daß diese Sch. rein sein soll 87 ). Um¬
gekehrt nimmt man dem verkauften
Vieh das Heimweh, indem man es über
die auf die Türschwelle gelegte Sch. aus
dem Stalle hinausführt 88 ).
Bei den Tschechen läßt die Hausfrau
ein neugekauftes Pferd, das beißt, aus
ihrer Sch. Hafer fressen, ehe man es
in den Stall führt 89 ). Bei den Magyaren
gibt man neugekauften Tieren, um sie
vor Krankheit zu schützen, das erste
Futter in der Sch. der Hausfrau oder
läßt es durch die Hose des Hausherrn
hindurch in den Futtertrog fallen 90 ). In
der Gegend von Herrenberg (Württem¬
berg) läßt man abortierendes Vieh aus
der Sch. der Bäuerin fressen 91 ).
In der Gegend von Crailsheim läßt
man die Kuh nach dem Kalben über die
Sch. der Bäuerin ins Freie 92 ). Wer das
Kalb von der Kuh nimmt, soll eine frisch¬
gewaschene Sch. haben, dann wird das
Tier reinlich 93 ). Da die Gefahr für eine
1375
Schürze
1377
Schürzenband
Kuh nach dem Kalben groß ist, wirft
man in Dänemark, wenn sie darnach
zum erstenmal gemolken wird, eine Sch.
auf den Melkeimer, damit böse Augen
das erste Maß Milch nicht sehen. Dann
halten sich auch die Zitzen der Kuh
gesund 94 ).
Wenn man um Landshut Hühner
kauft, legt man die Sch. der Bäuerin
oder Hausmagd vor das Hühnerloch und
steckt die Hühner verkehrt in das Loch 95 ).
Auch sonst läßt man neugekaufte Hühner
über die Sch. der Bäuerin in den Stall
eintreten oder zum erstenmal austreten 96 ).
In Hettingen 97 ) und in Westböhmen 98 )
breitet man eine blaue Sch. vor die
Steige, wenn man die Hühner zum ersten¬
mal ausläßt; das hält sie beim Haus. In
der Gegend von Gerabronn legt man
Eier mit dem Schurzzipfel unter, wenn
man Hühner mit Häubchen haben will ").
Bei den Tschechen deckt man die Gans,
wenn man ihr Bruteier unterlegt, mit
einer bunten Sch. zu, damit sie, wie
man sagt, die jungen Gänschen nicht
ausschreie 10 °).
In der Feldwirtschaft ist die Sch.,
die bei Feldarbeiten weniger als bei häus¬
lichen Arbeiten getragen wird, nur in
Bezug auf die Leinsaat zu finden. Damit
der Flachs recht lang werde, sät man
in Hannover den Lein aus der weißen
oder blauen Sch. der Magd 101 ) oder man
wirft, wie in Schwienhusen bei Delve,
nach der Aussaat die Sch. hoch in die
Luft 102 ).
83 ) Grimm Myth. 3, 454 t. Nr. 578. 615
(Gernsbach im Speierschen u. Pforzheim, Ende
des 18. Jh.s) = Wuttke 437 §687; Schön¬
werth Oberpfalz i, 321 Nr. 9. 84 ) Grimm
Myth. 3, 460 Nr. 752 (Osterode am Harz, 1788).
Vgl. ebd. Nr. 927 = Seligmann Blick 2, 17.
85 ) Meyer Baden 399 u. E. H. Meyer Deutsche
Volksk. (Straßburg 1898) 213 = Wuttke 439
§691 = Fehrle Geoponica 20; Eberhardt
Landwirtschaft Nr. 3, 15. 86 ) Verf. 87 ) Hüser
Beiträge 2, 26. 88 ) Fogel Pennsylvania 171
Nr. 815. 89 ) Grohmann 130 Nr. 947. 90 ) Wlis-
locki Magyaren 146. 91 ) Bohnenberger
Nr. 1, 16. 92 ) Ebd. 17. 93 ) Eberhard t Land¬
wirtschaft Nr. 3, 15. 94 ) ZfVk. n (1901), 322.
® 5 ) Pollinger Landshut 157. 96 ) Bohnen¬
berger 17; Eberhardt Landwirtschaft 20.
• 7 ) Schmitt Hettingen 15. 98 ) ZföVk. 8 (1902),
175. ") Eberhardt a. a.O. 10 °) Grohmann
1376
139 Nr. 1021. 101 } FFC. Nr. 31, 77. 102 ) ZfVk.
24 (1914)» 58 .
8. Von sonstigem Aberglauben ist zu
erwähnen, daß das Aus gehen ohne
Sch. für Frauen in der Nacht gefährlich
ist 103 ). In Gebweiler durften früher die
Frauen in der Karwoche nie ohne Sch.
das Haus verlassen 104 ). In Norwegen
gilt eine Frau ohne Sch. als ein schlimmer
Angang 105 ).
Das verkehrte Anziehen der Sch.
hat verschiedene Bedeutung. Geschieht
es unabsichtlich, so bekommt man ein
Geschenk oder man wird glücklich. Man
soll sie aber so lassen, sonst zerstört man
das Glück oder bringt Unglück in die
Familie 106 ). Aktiv übt man Gegenzauber
durch Ablösen und verkehrtes Umbinden
der Sch. (s. Sch.nband, Ärmel, Gürtel,.
Hemd, Rock, Schuh), um sich wieder
zurechtzufinden, wenn man auf eine Irr¬
wurz getreten ist und sich im Walde ver¬
irrt hat (Thüringen) 107 ). Auch in Frank¬
reich, z. B. den Bezirken Herault und
Gard, kehrt man gegen Behexung die
Sch. (oder das Halstuch) um 108 ). Im
Böhmerwald bewahrt man sich vor dem
„Beschauen", indem man von einer an¬
wesenden Frau die Sch. (oder das Hemd)
auf der verkehrten Seite nimmt, sich
damit das Gesicht abwischt und dreimal
über die Achseln spuckt 109 ).
Beim Schießzauber kommt vor allem
der Zipfel der Sch. in Betracht. Eine
Frau kann den Jäger am Schießen ver¬
hindern, wenn sie ihn scharf ansieht und
dabei ihren rechten Schürzenzipfel so
in die rechte Hand nimmt, daß, wenn
sie diese nach links dreht, die Hand ganz
von der Sch. verhüllt wird, was alles
stillschweigend geschehen muß 1I0 ). In
Braunau (Deutschböhmen) trifft der Jä¬
ger auf der Jagd nichts, wenn ein altes
Weib in der Nähe ist, das die Sch. mit
dem einen Zipfel aufgeschürzt hat 111 ).
Nach dem Glauben der pennsylvanischen
Deutschen bewirkt die Frau eines Be¬
sitzers, wenn auf dessen Grund ein Un¬
befugter jagt, durch Zurückwerfen der
Sch. über die Schulter, daß dem Jäger das
Gewehr nicht losgeht 112 ). In Smäland
kann ein Weib ein Gewehr für immer
.1
t.
1378
verderben, wenn es bei jedem Schuß
den Schürzenzipfel aufhebt 113 ). Wenn
ein Weib einem Jagdhund die Nase
mit ihrer Sch. reibt, ist er den ganzen Tag
unfähig, eine Spur zu verfolgen ll4 ) (s. Ge¬
ruch). Eine alte Frau in Prag pflegte
jedesmal, wenn der Schinder ihren Hund
verfolgte, den Zipfel ihrer Sch. in der
Hand zu halten, damit der Schinder den
Hund nicht erwische 115 ).
Wenn Ohrenklingen anzeigt, daß
man verlästert wird, beißt der Mann in
den Unken Rockzipfel, die Frau in den
linken Sch.nzipfel; dann beißt sich der
Verleumder auf die Zunge 116 ). Ähnlich
muß man, wenn eine Blase an der Zunge
erkennen läßt, daß man verleumdet oder
beklatscht wird, eine Sch. umbinden,
ins Unke Bindband drei Knoten machen
und dazu die Namen der drei göttlichen
Personen aussprechen 117 ). Flickt ein
Mädchen seine eigene Sch., so verarmt
der Bruder 118 ) oder es hat kein Glück
mehr 119 ). Bei den pennsylvanischen
Deutschen ist es ein Vorzeichen, wenn
man ein Loch in die Sch. brennt (vgl.
o. §4). Ist das Loch vorn, so hat man
Kummer und Sorgen, ist es hinten, so
sind diese vorbei 120 ). Bösen Zauber beim
Ausbuttern bricht man in Westböhmen,
indem man die Sch. einer zufälUg hinzu¬
kommenden Person faßt, dreimal daran
hinabstreift und tut, als ob man etwas
davon in das Butterfaß werfen wollte,
wozu man sagt: „Glück ins Faß 121 ).
In Schlesien wird das Umbinden einer
Sch. zum Brotkneten angeraten, dann
wird sich das Brot nicht spalten und nicht
,,erlöst' 1 werden 122 ). Einen Schladen den
kann man ausfragen, wenn man ihm eine
Sch. über die Brust anzieht 123 ). Auf
eine am Boden des Tatortes ausgebreitete
Sch. verrichten mitunter Diebe ihre
Notdurft, was noch 1903 bei einem Ein¬
bruch in Mengede geschah 124 ). In Frank¬
reich dient die Sch. beim Abwehrzauber
gegen Schlangen, indem man sie zu¬
sammenrollt, so daß sie selbst schlangen¬
ähnlich wird, und dazu entsprechende
Zauberformeln spricht. Man glaubt auch,
daß sich eine Schlange nicht bewegen
und leicht getötet werden kann, wenn
B ächtold-Stäubli, Aberglaube VIT
ein Weib beim Erblicken der Schlange
ein Eck ihrer Sch. zusammenfaltet 125 ).
Bei den Huzulen in Ostgalizien beschwören
Weiber den Hagel für das ganze Jahr,
indem sie die Sch.n über den Kopf
schwenken und den Hagel zu einer Mahl¬
zeit einladen. Hier ist die Abnahme der
Sch. wohl nur Ersatz für volle Nacktheit,
da die Huzulinnen bei heraufziehendem
Hagel den Gegenzauber nackt ausführen
oder dem Hagel auch den bloßen Hintern
zeigen 126 ).
103 ) Meyer Baden 529. 104 ) Sartori Sitte
u. Brauch 3. 144. 105 ) Ebd. 2, 35 = Liebrecht
Zur Volksk. 323. 328. 106 ) Fogel Pennsylvania
100 f. Nr. 410 f. 427. 107 ) Perger Pflanzen¬
sagen 215 = Grohmann 89 Nr. 624 Anm.;
Wuttke 407 § 630. 108 ) Seligmann Blick
2, 222. 109 ) Verf. 110 ) Bartsch Mecklenburg
2, 349. 111 ) Grohmann 213 Nr. 1480 =
Wuttke 271 § 399 - 112 ) Fogel a. a. O. 368
Nr. 1968. 113 ) Pehr Lugn Die magische Be¬
deutung der weiblichen Kopfbedeckung im schwe¬
dischen Volksglauben, Mitteil, der Anthropol.
Ges. in Wien, Bd. 50 bzw. 20 (1920), ioo 8 *
114 ) Fogel a. a. O. 265 Nr. 1376. 115 ) Groh¬
mann 213 Nr. 1480. 116 ) Strackerjan 1, 33
Nr. 22 = Wuttke 287 § 421 (ungenau).
“») Laube Teplitz 2 55 - 118 ) Urquell 1 (1890),
65 (Dönhoffstädt). 119 ) Fogel Pennsylvania
80 Nr. 286. 12 °) Ebd. 98 Nr. 397- m ) John
Westböhmen 205. 122 ) Drechsler 2, 13.
12 3 ) Wuttke 317 §470 (Schwaben). 124 ) Zfrw-
Vk. 1906, 230. 125 ) Sebillot Folk-Lore 3, 278.
126) Weinhold Ritus 34 f. Jungbauer.
Schürzenband. Das Sch. hat wie das
Strumpfband (s. d.) und das Schuhband
(s. d.) vor allem im Liebesieben Be¬
deutung. Wie damit die Schürze (s. d.)
gebunden und gelöst wird, bindet und
löst sich sinnbildlich die Liebe. Dement¬
sprechend wird das Aufgehen und
Lockern des Sch.es und Herunterfallen
der Schürze verschieden ausgedeutet.
Es heißt, daß dann der Schatz an das
Mädchen denkt x ), was auch die Fran¬
zosen sagen 2 ), oder daß das Mädchen
selbst an den Geliebten denkt 3 ). Im
Ennstal sagt dann das Mädchen: „Heut
gibts noch ’n Schmurangl (Liebesgekose)
ab" 4 ). In einem Vierzeiler aus dem
Böhmerwald wird die geschlechtliche Er¬
regung des Mädchens mit den Worten
umschrieben, daß ihr vor Liebe die „Fürta-
bandln zittern" 5 ). Dort wo der Gedanke
des Lösens der Liebe im Vordergrund
44
1379
Schuß—schütteln
1380
steht, bedeutet das Aufgehen des Sch.es,
daß der Bräutigam untreu ist und das
Mädchen verlassen wird 6 ). In Mecklen¬
burg aber bedeutet es bei einer unver-
lobten Jungfrau, daß sie bald heiraten
wird 7 ). Verliert die Braut bei dem
Gange zur Trauung die Schürze, so
wird sie nicht mehr lange leben 8 ). Geht
einer Frau die Schürze auf, so wird sie
bald Patin sein oder, wie man gewöhnlich
sagt, einen Patenbrief bekommen 9 ). Bei
den pennsylvanischen Deutschen bedeutet
es, daß die Frau ihren Mann verlieren
wird 10 ). Vereinzelt ist das Aufgehen des
Sch.es ein Zeichen, daß ein B r i e f kommt 11 ).
Da die Liebe gewissermaßen mit dem
Sch. gebunden ist, schneidet man in
Preußen, wenn man ein Mädchen los sein
will, diesem heimlich das Sch. ab und
näht ein anderes an 12 ). Nach einer Sage
aus der Oberpfalz muß ein von einem
Soldaten bezaubertes Mädchen diesem
nachlaufen, bis das Sch. gelöst wird.
Die Schürze wird dann augenblicklich
in der Luft hinweggeführt und das Mäd¬
chen ist vom Banne befreit 13 ). Nach
einer norddeutschen Fassung dieser Sage
muß das behexte Mädchen dem Soldaten
nachfiiegen. Ihr Vater fährt in einem
Wagen nach, holt sie ein und ruft der über
ihm Fliegenden zu, sie solle ihre Schürze
kreuzweise über den Kopf werfen. Das
Mädchen tut dies und fällt sofort herab,
während die Schürze weiterfliegt und
vor dem Soldaten, als er in der nächsten
Rast bei Tische sitzt, zu Boden fällt 14 ).
Auch in der Volksmedizin findet das
Sch. Verwendung. Bei den Wenden in
Preußen hält man dem an Krämpfen 1
Leidenden das angebrannte linke Sch.
einer Frau unter die Nase 15 ); dasselbe
macht man bei den Tschechen mit dem
angebrannten Band einer blauen Schürze
gegenüber vom Schlage Getroffenen 16 ).
Bei den pennsylvanischen Deutschen bin¬
det man um das verrenkte Bein eines
Pferdes ein gestohlenes Sch. 17 ).
2 ) Wolf Beiträge 1, 210; Strackerjan 1, 37
Nr. 27; Wuttke 220 §311; Meier Schwaben
2 » 503; Birlinger Volksth. 1, 478; Alemannia
33 (1905)» 301; Reiser Allgäu 2, 285; Unothi8o
(Schafihausen); SAVk. 21 (1917),202; SchwVk.
8 , 12; John Erzgebirge 75; John Westböhmen
2 50 - 253; Egerl. 22 (1916), 6; Schramek
Böhmerwald 255; Fogel Pennsylvania 89
Nr. 346; SudZfVk. 1 (1928), 222; 2 (1929), 35. 77.
202; 3 (1930), 84. 2 ) SAVk. 25, 283. 3 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 57; Andree Braunschweig 296.
4 ) Reiferer Ennstalerisch 100. ö ) Verf. 6 ) Ur¬
quell 1 (1890),12 Nr.14 (Ostpreußen); Seefried-
Gulgowski 108 f.; Strackerjan 1, 49 Nr. 42;
2, 191 Nr. 436; Kück Lüneburger Heide 156;
Vernaleken Mythen 77; Pfalz Marchfeld
101; SchwVk. 8, 12; Wuttke 220 § 311
(Bayern, Oldenburg); Böhmerwald (Verf.).
7 ) Bartsch Mecklenburg 2, 58. 8 ) Strackerjan
1, 37 Nr. 27. 9 ) Urqueli 3 (1892), 40 (Schlesien);
ZfVk. 4 (1894), 81 (Schlesien); Drechsler 1,
192; Wuttke 220 §311 (Schlesien, Branden¬
burg); Gassner Mettersdorf 23. 10 ) Fogel
Pennsylvania 102 Nr. 425. n ) SchwVk. 10,
36. 12 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 172. 13 )Schön¬
werth Oberpfalz 1, 132 Nr. 2 = Ranke Sagen 2
38. 14 ) L. Schirmeyer Osnabrücker Sagen¬
buch (Osnabrück 1920) 62 = Zaunert West¬
falen 284 f. 15 ) Hovorka u. Kronfeld 2,
208. 16 ) Ebd. 2, 248 = Grohmann 184 Nr. 1292.
17 ) Fogel Pennsylvania 164 Nr. 775.
Jungbauer.
Schuß s. schießen.
Schuß (Krankheit) s. Geschoß (3,755).
Schüssel s. Nachtrag.
schußfest s. festmachen II (2, 1353).
schütteln.
1. Zur Abwehr der aus dem verstorbe¬
nen Körper entweichenden Seele schüttelt
man die verschiedensten Gegenstände,
womit man sie von dem Toten, d. h.
dessen Seele, löst 4 ); dazu ist das unter
rücken und rütteln Vorgebrachte zu
vergleichen.
Man schüttelt den Kleesamen 2 ) (Ettlen-
schieß-Ulm), den Lein 3 ) (O. A. Crails¬
heim), den Salatsamen 4 ) (Dünsbach-
Gerabronn), das Saatgetreide 6 ), die Stock¬
häfen 6 ), die Bäume 7 ), insbesondere die
vom Verstorbenen gepflanzten 8 )
(Preußen 9 ), Ditmarschen 10 )), aber auch
beim Wegtragen der Leiche die Trag¬
bahre u ).
*) ZfrwVk. 1, 36. 2 ) Höhn Tod 323
3 ) Ebenda. 4 ) Ebenda. 5 ) John Westböhmen
167. 6 ) Höhn a. a. O. 7 ) Samter Geburt 66.
8 ) ZfrwVk. 1, 41; Mannhardt 1, 9. 9 ) Frisch¬
bier Hexenspr. 132. 10 ) Urquell 1, 10. u ) Groh¬
mann 189.
2. Sehr häufig stellt das Sch. einen
sympathetisch wirkenden Fruchtbar¬
keitszauber vor, der besonders gegen¬
über Bäumen angewendet wird 12 ); man
schütteln
am
1381
schüttelt diese zu Nikolaus 12a ), in der
Zeit der Zwölften überhaupt 13 ), sowie
besonders in der Thomasnacht 14 ), am
Christabend 15 ), zu Silvester 16 ), in der
Neujahrsnacht 17 ) (Kr. Minden), zu Mat¬
thias 18 ), beim Fastenläuten 19 ), am
Karfreitag 20 ) und Karsamstag 21 ) unter
dem Glorialäuten 22 ); ferner wenn die
Glocken zu einer Hochzeit geläutet
werden 23 ); die Rebstöcke aber am Jo¬
hannistag, damit der Wein einen ange¬
nehmen Geruch und Geschmack be¬
komme 24 ).
Das Sch. der Bäume am Fasching¬
dienstag vermittelt das ganze Jahr über
viele Vogelnester 25 ), am Karfreitag 26 )
oder Rupertitag 27 ) sie zu sch., hilft gegen
Raupen; auch Hasen verjagt man durch
Sch. von den Bäumen und verhilft diesen
so zu größerem Ertrage 28 ).
Ein deutlicher Übertragungszauber
liegt vor, wenn ein junges Bäumchen,
das zum ersten Male trägt, von einer
Ledigen geschüttelt werden soll, die das
erstemal in der Hoffnung ist; denn dann
wird es alle Jahre tragen 29 ) (Schwarz¬
wald).
Auch Bienenstöcke schüttelt man, damit
sie schwer werden, und zwar am Kar¬
samstag unter dem Glorialäuten 30 ) oder
am Weihnachtsabend 31 ). Von dem im
Keller aufbewahrten Kraut fällt durch
Sch. in der hl. Nacht der beste Same
32
aus 32 ). — Um die Geldbörse stets gefüllt
zu haben, schüttelt man sie zur Fast¬
nacht 33 ), wenn der Kuckuck zum ersten¬
mal gehört wird 34 ) oder beim Anblick der
■ersten Neumondsichel 35 ).
Schüttelt man den Täufling, so erhält er
viele Kleider 36 ) (Woldenberg). Es hat
diese Methode den Anschein, als sollte
mit dem Sch. die innere Kraft des ge¬
schüttelten Gegenstandes erweckt werden
oder aber als sollte er von Hinderndem
befreit werden, wofür die Anschauung
spräche, daß man das Kind sch. muß,
um es von bösen Mächten zu rei¬
um
es
L 37 )
von
zu rei¬
nigen ,5 ').
Das Sch. des Grenzzaunes in der Sil¬
vesternacht aber bezweckte z. B. in Ost¬
preußen, die Hühner des Nachbars zu
1382
veranlassen, in das Gehöft des Sch.den
zu legen 38 ).
Zum Liebeszauber schüttelte man ein
Säckchen, in dem Knochen eines in einem
Ameisenhaufen skelettierten Frosches
waren 39 ); zur Entdeckung von Dieben
dient das Sch. einer Schüssel 40 ).
12 ) Sartori 2, 118; vgl. Lippert Christen¬
tum 684; oben 6, 1171 f. 12a ) Marzell Bayer.
Volksbot. 4. 13 ) Sartori 2, 118. 14 ) Wuttke §668.
15 ) Urquell 5, 119; Sartori 3, 34 - lö ) Wuttke
§ 668; Sartori 3, 70. 17 ) ZfrwVk. 1, 12;
Meyer Volkskunde 207; Wuttke § 668.
18 ) Sartori 3, 90. l9 ) Wuttke § 668 . 20 ) Wuttke
§ 668; Sartori 3, 145. 21 ) Meyer Baden 385.
22 ) Reiser Allgäu 2, 127; John Westböhmen
63. 224. 265; Gallistl Heimatkunde des Bez.
Krummau 243; Sartori 3, 146; Birlinger
Aus Schwaben i, 386. 23 ) ZfVk. 10, 211. 24 ) Sar¬
tori 2, 109 = Meier Schwab. Sagen 428;
Wuttke § 669. 25 ) ZföVk. n, 189 (Böhmen);
John Westböhmen 41. 232. 26 ) Köhler Voigt¬
land 372. 27 ) Wuttke § 648. 28 ) ZföVk.! 1,189
(Böhmen). 29 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 390.
30 ) John Westböhmen 214. 31 ) Sartori 3, 34.
32 ) Leeb Sagen Nieder Österreichs 1, 70. 33 ) Wutt¬
ke §98.633. 34 ) ZföVk. 3,11; John Westböhmen
219; ders. Oberlohma 164; auch sonst allge¬
mein in den Alpenländern; vgl. Vernaleken
Mythen 315. 35 ) Wuttke § 632. 36 ) ZfVk. 1,
184. 37 ) Mann har dt Forschungen 367 =
ZfVk. 21, 412. 38 ) Andree-Eysn Volkskund¬
liches 236; Wuttke § 676. 39 ) John West¬
böhmen 295. 40 ) Grimm Mythologie 3, 321.
3. Wenn das Sch. des Baumes dessen
Fruchtbarkeit fördert, so mag es immerhin
auch übertragen wirksam sein, wenn es
zum Liebesorakel verwendet wird 41 ).
So losen die Mädchen unter dem Baume,
den sie sch., in der Thomasnacht und
bitten in einem Vierzeiler um ein Zeichen,
aus dem sich auf den künftigen Mann
schließen lasse 42 ); das geschieht auch
unter einem Zwetschken- 43 ) oder Weichsel-
baum 44 ), unter der Hasel 45 )- oder Holler¬
staude 46 ); am hl. Abend 47 ) oder aber
während des Aveläutens an beliebigen
Tagen 48 ) (Oberösterreich). Demselben
Zwecke dient auch das Sch. des Zaunes
(bei Burschen und Mädchen) in der
Christnacht 49 ), in der Andreasnacht 50 );
es ist dies offenbar ein Rest des alten
Grenzzaunsch.s 51 ), Erbzaunsch.s 52 ). Man
hat auch dieses Sch. aufgefaßt als
einen Vorgang, mit dem man die Kräfte
eines Gegenstandes weckt 53 ). Doch auch
das Sch. der Wäschestange 54 ) wie das
44 *
1383
Schu ttkarde—Schu t zbrief
1384
des Tischtuches vor dem Hause am
hl. Abend 55 ) gilt als Liebesorakel. Jedoch
reißt einem der Teufel das Tischtuch aus
der Hand, wenn man es in einer Rauh¬
nacht außerhalb des Fensters schüttelt 56 ).
41 ) Sartori 2, 118. 42 ) Wuttke § 365;
Sartori 3, 118; Leoprechting Lechrain 205;
J. Peter Sitten und Bräuche im niederöst.
Weinland (Budweis 1913) S. 107. 43 ) Wal¬
tin g e r Bauernjahr 94 f. 44 ) Krobath Kärntner -
Volk 18; Leeb Sagen Niederösterreichs 1, 73.
45 ) ZfVk. 11, 10. 48 ) Schärdinger Heimat
1911, 178. 47 ) Schramek Böhmerwald 118.
48 ) ZföVk. 3, 280. 49 ) Vernaleken Mythen
336; Andree-Eysn Volkskundliches 236 (mit
Literatur). ö0 ) John Westböhmen 3; ZföVk.
13, 135 (Nordböhmen). 61 ) Vernaleken
Mythen 339; John Westböhmen 3 f. 52 ) Köhler
Voigtland 382; ZfdMyth. 1, 87 = Wuttke
§ 367. 68 ) Wuttke § 252. M ) Köhler a. a. O.
S5 ) Vernaleken Mythen 340. 58 ) Andrian
Altaussee 120.
4. Wie beim Lossch. wurden seiner¬
zeit in der Gegend um Gera drei Stäbchen
geschüttelt, womit man im allgemeinen
auf Glück oder Unglück schloß 57 ); auch
mancherlei anderes schüttelt man' zum
Wahrsagen 58 ).
S7 ) Köhler Voigtland 399. 68 ) Wuttke
§ 252.
5. In der Volksmedizin ist das Sch.
des Bauches unter Segensformeln bei
Kolik nachgewiesen 59 ); das Neugeborene
wird geschüttelt, damit es schreie 60 ) (viel¬
leicht ursprünglich als Abwehr gegen
böse Mächte) 61 ), hingegen soll es wäh¬
rend der Taufe nicht geschüttelt werden 62 ).
Das Fieber schüttelt den Menschen 63 ); der
Frost anfall im Fieber erscheint sogar perso¬
nifiziert als Beutelmann oder Schüttler 64 ),
während der Schüttei das Fieber als
solches bedeutet 6S ) und auch als Schidel
auftaucht 66 ). Die mhd. Bezeichnung rite
leitet Vernaleken von riden, zittern, sch.
ab 67 ). Sympathetisch ging man vor,indem
man im Paroxismus im Garten das erste
beste junge Bäumchen möglichst stark
schüttelte, damit das Fieber in den Baum
fahre 68 ); besonders das Sch. der Birke 69 )
und des Holunders 70 ) ist zu diesem
Zwecke behebt. Parallel dazu stellt sich
das Absch. der Krankheit aus dem Hemde
des verstorbenen Kindes bei den Arme¬
niern 71 ) und ein ähnlicher Brauch bei
den Inkas 72 ).
ß9 ) Frischbier Hexenspr. 70. 60 ) Meyer
Baden 15. 6l ) Mannhardt Forschungen 367;
ZfVk. 21, 412. 82 ) Kuhn u. Schwartz 432
Nr. 272. 83 ) DWb. 9, 2110; Grimm Myth. 2,
966; S im rock Mythologie 536; ZfdPh. 6,
96 ff. M ) DWb. 9, 2111; Grimm Myth. 3, 337;
Schmeller BayWb. 2, 490; Höfler Krank¬
heitsnamen 605 f. 65 ) DWb. 9, 2106; Höfler
Krankheitsnamen 605 f. 68 ) Schmeller BayWb.
2, 490; Heimatgaue 1, 17. 67 ) Simrock
Mythologie 536; Germania 2, 174. 68 ) Halt-
rich-Wolff Siebenb. Sachsen 2ji. e9 ) Wuttke
§ 489. 70 ) Wuttke § 488. 71 ) Samter Geburt
66. 72 ) Ebenda.
6 . Allgemein bekannt ist ja die Volks¬
anschauung, daß Frau Hohe ihre Betten
schüttele, wenn es schneit 73 ), ähnlich ver¬
anlassen Hackelbergs Hunde durch ihr
Sch. Regen 74 ) oder die Rosse der Valky-
rien Tau und Hagel 75 ); und bei den
Griechen konnte durch das Sch. eines
Ziegenfehes Regen herbeigezaubert wer¬
den 76 ). Die neuere Sage steuert einen
entsprechenden Zug bei, indem sie uns
durch das Sch. eines mit Kieselsteinen
gefühten Fläschchens Ungewitter er¬
zeugt 77 ).
73 ) Meyer Germ. Mythologie 275. 74 ) Meyer
Germ. Mythologie 245. 76 ) Mogk Mythologie
1015; Grimm Mythologie 1, 533. 78 ) Gruppe
Griech. Mythologie 2, 823. 77 ) Rochholz Sagen
2, 177 = Bertsch Weltanschauung 280.
7. Aus außerdeutschem Gebiete ist
heranzuziehen, daß man in Hinterindien
das Fieber auch als Sch. eines Dämons
auf faßt, wobei noch dazu vielfach die
Beziehung zum Baumdämon hervor¬
tritt 78 ). Das Sch. der Bäume 79 ) und
Blumenstöcke 80 ) beim Todesfall ist
auch in der Provinz Lüttich übhch;
das Sch. der Küchlein ist hebräischer
Brauch 81 ), und betreff meteorologischer
Vorgänge gibt es bei Schweden 82 ), In¬
dem 83 ) und sonst 84 ) den unsrigen ver¬
wandte Auffassungen.
78 ) Mannhardt 1, 23. 79 ) ZfrwVk. 1, 41;
vgl. Sebillot Folk-Lore 3, 377 f. 80 ) Fo-
gel Pennsylvania 379. Nr. 2034. 81 ) ZfVk.
21, 412. 82 ) Mannhardt 1, 128 f. 83 ) Grimm
Myth. 2, 681; vgl. ARw. 5, 245 t 84 ) Grimm
Myth. 2, 681. Webinger.
Schuttkarde s. Karde.
Schutzbrief. Der Sch. ist die schrift¬
lich fixierte und weiterentwickelte Zauber¬
formel. Zu Grunde liegt ihm die Vorstei¬
1385
Schütze— Schutzzauber
1386
lung von der magischen Kraft bestimmter
Worte. Der Sch. geht hervor aus dem
Bestreben, die Zauberformel zu einem
dauernden Schutzmittel zu entwickeln,
das ständig beim Menschen bleibt. Wie
das gesprochene Wort in der Schrift
dauernde Gestalt gewinnt, so ist der
momentan wirkende Zauberspruch im
Sch. zu bleibender Kraft geworden, indem
der Mensch das beschriebene Blatt bei
sich trägt oder — was die Verbindung
noch verstärkt — es sogar verschluckt 4 ).
Zeiten der Not und Gefahr, besonders
Kriege, begünstigen die Verbreitung sol¬
cher Sch.e. Sie wurden auch gedruckt 2 )
und sind in den Kriegen 1866, 1870, be¬
sonders im Weltkriege, sehr verbreitet
gewesen. Es gibt Sch.e, die Krankheiten
heüen sollen, die oft aus Gewinnsucht
in der Landbevölkerung vertrieben wer¬
den 3 ). Besonders häufig dient der Sch.
zur Sicherung gegen Schuß, Hieb oder
Stich, er macht unverwundbar, wird
also besonders im Kriege von Soldaten
getragen 4 ). Unter diesen Sch.en treten
oft alte Stücke wieder auf, die durch ihre
Verbindung mit dem Himmelsbrief er¬
halten sind. So der Ölbergspruch (s. d.),
der 1866 und 1870 weit verbreitet war 5 ).
Ferner treten Züge des Holsteiner Typus
(s. d.) auf 6 ), sowie das ,, Grafenamulett“
(s. d.), das auch von reisenden Hand¬
werksburschen als Sch. auf der Wande¬
rung getragen wurde 7 ). Der Graf wird
auch hier „Philipp von Flandern“ (s. d.)
genannt; in einem Stücke erscheint er
als „Heinrich von Flandern“ 8 ). Sch.e
des 16. Jh.s wurden auf den Papst Leo
oder Kaiser Karl zurückgeführt (s. Kaiser
Karl-Segen) 9 ). Um den Sch. als Segens¬
mittel sicher zu erhalten, wird er auch
in versiegelter Glasröhre bewahrt 10 ).
Bei den Sch.en ist die christliche Formu¬
lierung stärker ausgeprägt n ). Im übrigen
ist der Sch., wenn auch in verschiedenen
Formen, allen deutschen Stämmen ge¬
meinsam 12 ).
*) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 2; Stübe Himmels¬
brief 6. 2 ) Wuttke 243. 3 ) ZVfVk. 23 (1913),
256. 4 ) Müllenhof f Sagen 518 Nr. 63; Branden-
burgia 1916, 173; Berthold Unverwundbar¬
keit 67; Drechsler Schlesien 2, 268; John
Westböhmen 279; MschlesVk. 13/14. 586 ff.;
19 (1908), 45 ff.; Andree Braunschweig S. 404;
Kondziella Volksepos 159. 5 ) Wuttke 178
§ 243. 6 ) John Westböhmen 279. 7 ) Branden¬
burg^ 1916, 173; Meier Schwaben 2, 526.
8 ) ZdVfVk. 14 (1904), 437 * 9 ) Brandenburg^
1916, 172. 10 ) Andree-Eysn Volkskundliches
101. u ) Franz Benediktionen 2, 270. 12 ) Ale¬
mannia 37 (1909), 5 7; Andree-Eysn Volks¬
kundliches 20; MschlesVk. 4 (1897), 90; 13
(i 9 ° 5 ), 28; Ganzlin Sächsische Zauberformeln
19 Nr. 30; Sartori Westfalen 74; Schwebel
Tod und ewiges Leben 91 ff. f Stübe.
Schütze (Sternbild) s. Sternbilder I.
Schutzengel s. Nachtrag.
SchutzformeL Weit verbreitet ist die
Erscheinung, durch eine kurze Formel
Schutz gegen schädigende Wirkungen
feindlicher Mächte zu suchen. Besonders
tritt sie bei dem sog. „Berufen“ (s. d.)
auf, wo schon das Wort „unberufen“
(s. d.) eine Sch. ist. Hinter ihr steht der
Gedanke, daß lobende Äußerungen den
Neid oder Haß dämonischer Gewalten
auf den Gelobten lenken könnten. Hierher
gehören zahlreiche Ausdrücke, die noch
heute im Verkehr leben. Auch Amulette
mit wenigen Worten sollen diese behü¬
tende Wirkung üben 1 ). Umfangreichere
Anrufung Jesu und das Zeichen des
Kreuzes kommen als Sch. gegen Feindes¬
list und Teufelsränke vor 2 ). Auch die
vier Evangelisten werden dafür ange¬
rufen 3 ). Sprüche als Schutzmittel er¬
scheinen als Hausinschriften 4 ). Beson¬
ders reich an solchen Schutzformeln ist
die muhammedanische Welt, wo sie be¬
sonders gegen den bösen Blick unwirksam
machen sollen. Auch lobende Äußerungen
werden dadurch unschädlich gemacht 5 ).
*) Seligmann 2, 309. 322. 2 ) Frischbier
Hexenspr. 121 f. 3 ) Geistl. Schild 5, 180.
4 ) Bender Hessische Hausinschriften (1913)
S. 12 ff. 6 ) Seligmann 2, 323. f Stübe.
Schutzgeist s. Nachtrag.
Schutzheilige, -patrone s. Heilige
Schutzsegen s. Feinde.
Schutzzauber.
1. Die Ursachen unheilvoller Ereig¬
nisse werden, vielfach noch heute,
im Volke bei übernatürlichen und bös¬
willigen, wenigstens im Augenblick übel
gesonnenen Mächten oder bei unper¬
sönlichen Mächten, d. h. krafthaltigen,
zauberischen Gegenständen gesucht. Um
1387
Schutzzauber
1388
entweder diese Mächte und Kräfte selber
oder deren Wirkungen für die Gegen¬
wart oder Zukunft fern zu halten, sei es
von der Person oder vom Eigentum,
werden mannigfaltige Schutzmittel an¬
gewendet. Dieselben haben großenteils
in uralten heidnischen Bräuchen ihre Vor¬
läufer, gehen jedoch zum Teil auch nur
auf Vorstellungen zurück, die sich in
älteren christlichen Zeiten ausgebüdet
haben 1 ). Aus sehr alter Zeit schriftloser
Kultur können naturgemäß bloß solche
Formen des S.s uns überkommen sein, die
im einfachen Tragen und Bei-sich-halten
von mit Zauberkraft geladenen Gegen¬
ständen bestehen, also von Amuletten
(s. d.). Zwei interessante Funde auf See¬
land aus der schwedischen Bronzezeit
bieten reichhaltige Zusammenstellungen
solcher Mittel:
a) in einem Ledersack ein Natter¬
schwanz, eine Falkenklaue, eine Mittel¬
meermuschel, ein Steinstückchen, eine
Pfeilspitze aus Feuerstein, ein Bruch¬
stück einer Bemsteinperle und, beson¬
ders noch in eine Blase eingehüllt, der
Unterkiefer eines Eichhorns mit einigen
Sternchen;
b) in verschlossenem Bronzegefäß ei¬
nige stark abgenutzte Pferdezähne,
ein Wieselknochen, das Klauenglied
eines Luchses, ein Wirbelknochen einer
Natter, ein Stück aus der Luftröhre
eines Vogels, der Rest eines Ebereschen¬
zweiges, etwas Schwefelkies, Kohle und
Bronze 2 ).
Während es sich bei diesen Tier-,
Pflanzen- oder Mineralteüen um Ein¬
zelstücke handelt, die als solche ihre
schützende Kraft bewährt haben (nach
Art der Fetische, s. d.), kommt in anderen
Fällen das ganze Schutztier oder -kraut in
Betracht, was mehrfach an den Totemis¬
mus (s. d.) erinnert. Der Totemist be¬
findet sich in einer so innerlich-wesen-
haften Verbundenheit mit seinem Totem,
daß letzteres bisweilen fast die Stelle
einer Schutzgottheit einzunehmen scheint,
wenn es auch nicht ein göttliches Wesen
ist, und Schutz nicht eigentlich das ist,
was dort erstrebt wird, vielmehr wie
etwas Selbstverständliches durch die we¬
senhafte Verbundenheit miterlangt wird.
Die Idee des Schutztieres an sich hat
nicht immer im Totemismus ihren Ur¬
sprung; das Tier kommt auch abgesehen
von Totembedeutung in die Rolle des
Schutzgeistes. Es ist dem Primitiven
in weitem Ausmaße das mächtige und
ihm als ein Anderes gegenüberstehendes
Wesen; denn es verfügt über eine Macht,
die dem Menschen abgeht, sei es über
größere Muskelstärke, schärfere Sinnes¬
organe, besondere dem Menschen fehlende
Funktionen wie fliegen, ständiger Auf¬
enthalt im Wasser, unter der Erde u. ä. 3 ).
Die Tiere repräsentieren ihm ein Wunsch¬
reich. Sie sind oft die dem Menschen
zugetanen Wesen (Sympathietiere 4 )).
Dazu kommt, daß Tiere als Mitbe¬
wohner von Hütte und Haus einen ge¬
achteten Platz in der Famüie erhalten
und ihnen daher das Wohl derselben am
Herzen zu liegen scheint 5 ). Die im Keller
der Familie wohnende Hausschlange oder
-kröte oder der im Garten residierende
Igel soll nur ja nicht in der Lebensgewohn¬
heit gestört werden. Bisweüen schätzt
man einen Vogel, der auf dem Dach oder
im nahen Baum nistet, z. B. einen Storch
oder eine Schwalbe, als Hüter 6 ). Man
trägt Sorge für diese Tiere, namentlich für
ihre sichere und baldige Rückkehr, wenn
sie das Haus verlassen haben sollten, und
fürchtet, sie verstimmt zu haben, falls sie
vorzeitig abgereist sind. An die Stelle der
Tiere treten Dämonen, denen einzelne
Gebiete des Lebens anvertraut zu sein
scheinen 7 ). Viel häufiger indessen als
in Form solcher Pflege schützender Wesen
tritt der S. als Abwehr von schädigenden,
böswilligen Kräften und Geistern auf.
Auch dabei dienen Tiere und Pflanzen als
Mittel, wozu s. unter „Abwehrzauber“.
Auch tote Tiere machen S. Eine aus¬
gestopfte Eule oder eine Fledermaus mit
ausgebreiteten Flügeln schützt gegen Be¬
zauberung. Ein Rindsschädel, wie er sich
in Bayern, Tirol und der Schweiz viel¬
fach an den Ställen aufgehängt findet,
schützt wider Wiederholung eines solchen
Unglücks, auf dessen Eintritt hin er auf¬
gehängt wurde 8 ).
i
1389
Schutzzauber
1390
*) Andree-Eysn Volkskundliches 99.
2 ) Helm Religgesch. 1, 166 f. 3 ) van der Leeuw
Phänomenologie der Religion 58; Beth Religion
u. Magie 145 fi. *) Naumann Gemeinschafts-
kullur 101 f. 104 ff. 6 ) Wundt Mythus 2, 294.
6 ) R ochholz Glaube 1,146. 7 ) Wundt a. a. O.
2. Kap. ,,Schutzdämonen der einzelnen Kultur
gebiete". 8 ) Andree-Eysn 110.
2. Daß Götter der alten Religion die Rolle
von Schutzmächten zugewiesen erhielten,
sieht man deutlich im Orient, wo ein
babylonischer Herrscher bei Wiederher¬
stellung der Pyramide von Babylon 8 gött¬
liche Figuren aus Bronze fertigen ließ,
damit sie alle Feinde erschreckten und ent¬
fernten °). Auch in der Wohnung, unter
das Bett, zur Rechten und Linken der
Türschwelle usw. stellte man im Zwei¬
strömeland Götter auf, damit sie vor
Krankheit und Ungemach bewahrten 10 ).
Dieselbe Sitte herrschte in Ägypten, wo
Gottheiten wie Bes, Anubis, Isis als Sta¬
tuetten oder auf Gemmen Schutz ge¬
währten. In Rom waren es vornehmlich
die griechische Nemesis, der Pan und der
Bonus Eventus (der gute Ausgang), auf
die man in dieser Hinsicht hoffte u ). Die
germanischen Äsen haben selber für Bal¬
dur S. gemacht und werden daher mit des
S.s Kraft in solcher Verbindung stehen,
daß sie ihnen ohne weiteres verfügbar ist.
Sind nun in christlicher Kulturumgebung
die dämonischen und göttlichen Gestalten
durch die Heiligen abgelöst, so wirkt das
Bild des hl. Leonhard und das des Wolf¬
gang, das auf einem Blechtäfelchen über
der Stalltür angebracht ist, Schutz gegen
das Einbrechen wilder Tiere 12 ). Das
Schutzzeichen des Waldemar scheint in
Deutschland eine bedeutende Rolle ge¬
spielt zu haben. Es gilt die strenge Vor¬
schrift, daß es nur dann eingeritzt oder
auf geschrieben werden darf, wenn jemand
von etwas Üblem gequält ist. Dann aber
soll es mit Flunderdarm auf die Haut
eines Hühnereies geschrieben und in die
Kopfbedeckung des damit zu schützenden
Menschen gesteckt werden 13 ).
Daß Pflanzen im S. breiten Raum ein¬
nehmen, hängt sicherlich in vielen Fällen
mit ihrer Heilkraft zusammen. Zudem
bedienen sich Schaden- und Schutzzauber
gern derselben Mittel, indem sie im Kampf
gegeneinander die gleichen Waffen führen.
Wo ein Kraut als Schädigungsmittel ver¬
wertet wird, dient ein anderes als Schutz¬
oder Heilmittel 14 ). Johanneskrautstengel,
die am 24. Juni an die Gitter des Hauses
gesteckt werden, gewähren Schutz gegen
Hexen 15 ). Tiroler Bäuerinnen zerreiben
das Kraut zwischen den Fingern und be¬
kreuzen sich mit dem roten Saft; dann ist
man den ganzen Tag gegen Hexen und
bösen Zauber geschützt 16 ) (s. auch
Wettersegen; Antiassei). Johanneswurz,
Majoran und andere Kräuter werden als
Schutz der Häuser an diesen aufgehängt
(im Voigtland) 17 ).
ö ) Seligmann 2, 316. 10 ) Ebd. n ) Ebd.
318 f. 12 ) Andree-Eysn 108. 13 ) ZVfVk. 13,
278. 14 ) Wundt 2, 406. 15 ) Andree-Eysn
101. 16 ) Ebd. 17 ) Eisei Voigtland 210.
3. Das Haus ist im besonderen Gegen¬
stand der Schutzmaßnahmen, denn es
ist der Inbegriff alles familiären und sach¬
lichen Besitzes. In Bayern, Österreich
und Ungarn werden Bauernhäuser da¬
durch geschützt, daß man (in der Regel
jährlich neu) Schutzbuchstaben und
-Zeichen an verschiedenen Stellen an¬
bringt. Oft finden sich solche Zeichen
von der Schwelle bis zum Giebel 18 ). Oben
auf der Tür stehen die wo möglich mit
geweihter Kreide alljährlich geschriebenen
Buchstaben C M B und hinter jedem ein
Kreuz. Sie werden heute allgemein in die
Anfangsbuchstaben der Namen der hei¬
ligen drei Könige gedeutet, welche wieder¬
um nach der Legende die Titel und Namen
der „Magier oder Weisen aus dem Morgen¬
lande“ sind (s. Dreikönige). Da schwer
einzusehen ist, wieso jene Gestalten in
jene Stellung von Schutzpatronen ge¬
raten seien, hat man viel nach anderer
Deutung der Zeichen gesucht, und die
Hypothese Kurt Liebig’s ist immerhin
erwägenswert, daß die 3 Buchstaben in
vorchristlicher Zeit die drei Runen Y d. i.
knospendes, entstehendes Leben, Y d. i.
der Mann in der Vollkraft und d. i.
der Tote auf der Bahre oder vergehendes
Leben gewesen seien und daß das Kreuz
einst Rune x Ehe und geordnetes
Leben gewesen sei, wozu ja häufig noch
das Sonnenrad kommt. Die „Schutz-
i39i
Schwalbe
1392
schrift“ wird hiernach interpretiert: „Ihr
geht von außen in dies Leben ein, bis zur
vollen Lebenskraft, dann wieder hinaus.
Haltet es recht und gedenket der Gott¬
heit (Sonne)“ 19 ). Doch fehlt es an der
Beweiskette für diese Runenlesung. Wohl
aber hatten die alten Nordgermanen
Schutzrunen als S. in Verwendung, wie
das Sigurdrifa-Lied bekundet: ,,Berg¬
runen sollst du kennen, wenn du bergen
willst und lösen die Frucht von Frauen.
An die hohle Hand sie zeichne und die
Handknöchel umspanne und bitte dann
Disen um Gedeihen“; und ein ähnlicher
Heilzaubervers über Astrunen 20 ). Manch¬
mal werden bloß noch drei Kreuze an die
Stalltür gemalt. Unter den Buchstaben
hängt oft ein Kränzchen von Johannis¬
kraut, das gleich wie die Buchstaben die
Kraft besitzen soll, vor Blitz und Hexen
zu schützen 21 ). Da ließe sich erörtern,
ob dies Kränzchen vielleicht die Stelle
des früheren Sonnenrades einnehme. Aber
auch unter die Schwelle werden Schutz¬
mittel gelegt, unter denen Salz und der
Benediktuspfennig bevorzugt sind. Das
führt auf die letzte Rubrik der Schutz¬
mittel, die rein dinglichen. Auch hier sind
eine Reihe kirchlicher Dinge an die Stelle
alter magischer Gegenstände getreten.
So verwendet man gegen böses Anhauchen
und heimliches Bestreichen mit irgend
einem Verderben bringenden Gegenstand
Weihwasser, ein Kreuz aus geweihtem
Wachs, Segensformeln 22 ).
Zur Ergänzung vgl. die Artikel Ab¬
wehrzauber und Gegenzauber, Segen,
Himmelsbrief.
18 ) Andree-Eysn 100; besonders zu be¬
achten Fig. 73, welche die mit Einkerbungen
und Schriftzeichen überladene Tür zeigt.
19 ) Liebig Sehkraft Glaubenskraft (Ludwigsburg
1935), 26 f. 107. 20 ) Seligmann 2, 291. 21 )
Eisei 210. 22 ) Andree-Eysn 99 f. 23 ) Meyer
Aberglaube 254; Strackerjan 2, 185; Sar-
tori 2, 1 f.; ZVfVk. 9, 383 f.; Knuchel Um¬
wandlung 44. K. Beth.
Schwalbe. Die S. kommt oft im dt.
Aberglauben vor 1 ), besonders als glück¬
bringender Vogel, und soll zuweilen den
schwarzen Hahn bezw. die schwarze Taube
vertreten 2 ). Sie ist ein heiliger Vogel, den
man weder stören, vertreiben noch töten
darf (allg.), und dem Hause, an dem sie
nistet, bringt sie Glück 3 ). Die S. wird
besonders mit Maria in Verbindung ge¬
bracht: heißt Muttergottesvögelein (Schl.,
Bö., Tir.) 4 ), auch Herrgottsvögelein
(Westf., Schw. und sonst) 5 ), sie soll an
Mariä Verkündigung (25. III) kommen und
an Mariä Geburt (8. IX.) wegfliegen 6 ). Die
Sitte, die Ankunft der S. im Frühling zu
begrüßen, kannten die alten Griechen und
später die Dt., die dem Verkünder Boten¬
lohn gaben 7 ). Beim Anblick der ersten
S. im Frühling kann man manchen Zauber
(s. auch unten an verschiedenen Stellen)
ausführen: wenn man über die linke
Schulter schaut, sieht man das Jahr alle
bösen Geister 8 ); liegt ein Haar einem
Junggesellen unter dem Fuß, so ist es
das Haar der künftigen Braut 9 ). Alt,
doch jetzt im Verschwinden ist der Glaube,
daß die S.n im Winter erstarrt im Wasser
liegen 10 ). Nur mittelalterlich ist der
Glaube, daß die Vögel sich versammeln,
wenn man viscus querci mit dem Flügel
einer S. an einen Baum hängt 11 ). Die
Beziehungen der S. zum Vieh sind reich¬
lich vertreten. Wenn S.n in einem Stalle
bauen, so stirbt kein Vieh 12 ). Fliegt
eine S. unter eine Kuh, so gibt die
Kuh rote Müch bzw. Blut 13 ), ebenso
wenn man eine S. tötet oder ihr Nest
zerstört (Süddt., Böhm.) 14 ). Wo S.n in
der Esse bauen, kann man keine Kälber
groß ziehen (Norddt.) 15 ).
Die S. zeigt das Wetter an: Fliegen
die S.n am Boden, so regnet es bald, und
umgekehrt 16 ). Tötet man eine S., so
regnet es lange 17 ). Nistet die S. unter
dem Dach, so bleibt das Haus vor Blitz
und Feuersgefahr verschont 18 ).
Als ominöser Vogel kann die S. durch
ihren Abzug Tod ansagen 19 ), dasselbe
bedeutete im Altertum und zuweilen in
der Neuzeit ihr Erscheinen im Haus 20 ).
Tod verkündend ist auch das Fallen eines
Jungen aus dem Neste 21 ). Eine weiße
S. ist ein ungünstiges Vorzeichen oder
zeigt Pest an 22 ). Antik ist der Glaube,
daß die S. ein Haus, das einstürzen will.
flieht 23 ). Meiden die S.n ein Haus, so
wohnen böse Leute darin 24 ). Sieht man
im Frühjahr S.n, welche sitzen, so hat
1393
Schwalbe
1394
man Glück in diesem Jahr, und umge¬
kehrt 25 ). Fliegt die S. ins Zimmer, so
bedeutet es Glück 26 ) oder daß die
Schwangere Zwillinge gebären wird 27 ).
Die S.n sagen eine Heirat voraus, wenn
sie um das Haus fliegen oder von dem
Mädchen, das Braut werden wird, bei
der Paarung gesehen werden; ist nur
ein Sohn im Hause, so muß er in den
Krieg 28 ). Setzt sich eine S. aufs Fen¬
ster, so bekommt man einen angenehmen
Brief 29 ). Beim Anblick der ersten S.
muß man das Geld in der Tasche um¬
rühren, dann hat man Geld das ganze
Jahr 30 ).
Volksmedizin u. Zauber. Reiche
Lit. bei Pauly-Wissowa 2. R. 2,773;
das meiste kehrt in der Neuzeit wieder.
Viel Aberglaube knüpft sich an den An¬
blick der ersten S.: er verleiht die
Fähigkeit Geister zu sehen 31 ); er
nimmt für ein Jahr Augen- und Zahn¬
schmerzen weg (nach altröm. Glau¬
ben) 3 -); dabei soll man sich auf den
Rücken legen, um das ganze Jahr Rücken¬
schmerzen zu verhüten (Schl., Böh.) 33 ),
oder etwas Erde aufheben und am ersten
Pfingsttage in die Kirche tragen, so er¬
kennt man die Hexen an den Milchgelten,
oder man gebraucht die Erde, um Flöhe
zu vertreiben 34 ); oder man benetzt sich
mit Wasser aus einer Mistpfütze, um von
Sommersprossen und Flechten frei zu
bleiben 35 ). Beim Anblick der ersten S.
soll man sofort stehen bleiben und unter
dem linken (oft: rechten) Fuße die Erde
aufgraben, weil man dann eine Kohle
findet, die das Fieber heilt (allg.) 36 ).
Diese Kohle ist wohl mit dem S.nstein
(s. d.) verwandt, wovon man zwei Arten,
einfarbig und vielfarbig (auch rot),
in dem Leibe junger S.n findet. Der viel¬
farbige hilft gegen Epilepsie 37 ), der
Glaube daran war schon dem Altertum
bekannt. Die jungen S.n, die den Stein
tragen, sitzen mit den Schnäbeln gegen¬
einander 38 ). Durch Verwechslung ent¬
steht der Glaube, daß man reich wird,
wenn man beim ersten Anblick einer S.
einen Stein auf hebt und in der Tasche
trägt 39 ), und die letzte Abschwächung,
d. h. der Glaube, daß man Geld haben
wird, wenn man das Geld in der Tasche
umrührt, war oben zitiert 40 ). Verworren
sind die Vorschriften, wonach man einen
Stein durch das Begraben von S.n- und
Katzenblut bekommt 4l ).
Junge S.n heilen Diphtheritis (schon
Plinius XXX. 30 bekannt), kranke
Augen 42 ), Fieber und Fallsucht 43 ). Die
S. findet man als Heilmittel bei den Alten
gegen Epilepsie und Halskrankheiten
(Bräune, Mundfäule, Geschwüre) 44 ). Be¬
gräbt man eine junge S. auf einen Kreuz¬
weg, so findet man nach neun Tagen
einen Würfel, womit man jederzeit ge¬
winnt 45 ). Mit den Herzen von drei jungen
S.n und dem rechten Flügel eines Wiede¬
hopfs bereitet man ein Mittel, um sicher
zu treffen 46 ). Gelegentlich findet die S.
noch eine andere Verwendung: ihr Fleisch
heilt Schlangenbiß oder fördert die Ge¬
burt 47 ), ihr Auge hindert am Ein¬
schlafen 48 ), die Galle dient als Ent-
haarungs-, d. h. Verschönerungsmittel 49 ).
Die S. liefert einen Liebeszauber 50 ).
S.nasche heilt Halsentzündungen,
Lippenwunden, Augenleiden, Epilepsie
und schützt gegen Betrunkenwerden (alles
schon antik) 51 ). Unglück bringt die
eingegebene Asche 52 ).
S.nblut heilt Epilepsie, Podagra und
erkrankte Augen 53 ). Es ist besonders
wirksam gegen Sommersprossen (s. auch
oben) 54 ). Gedörrtes Blut mit Pulver
gemischt macht treffsicher 55 ).
Durch ein S.n ei gewinnt man ein
Zaubermittel, immer Geld in der Tasche
zu haben: Ein gekochtes S.ei wird wieder
ins Nest gelegt, und wenn die S. das Ei
nicht ausbrüten kann, so bringt sie ein
Hölzchen oder eine Wurzel, wodurch
man reich wird 56 ).
S.nherz dient, in Milch gesotten, als
Gedächtnismittel 57 ), als Liebesmittel 58 )
und gegen Fieber und Fallsucht 59 ).
S.nkot wird für eine Unmenge von
Krankheiten gebraucht, doch sind die
Belege von Fall zu Fall fast immer ver¬
einzelt. Man verschreibt ihn z. B. gegen
Krämpfe, Bräune, Gliedschwamm, Kopf¬
schmerzen, Verstopfung des Stuhlganges
oder des Harnes, Blödsinn 63 ). All-
1395
Schwalbe
1396
gemeiner ist der Glaube, daß der S.nkot
für die Augen schädlich sei 61 ).
S.nzunge legt man unter die eigene
Zunge, um redselig zu werden 62 ).
Volksliteratur. Die S. tritt oft inBe-
ziehung zu der Kreuzigung und dem
Leben Christi, auch zum Himmelbau
Gottes 63 ). Sagen erklären die Entstehung
oder Form der S. 64 ). Ein weitverbreitetes
Lied interpretiert die S.nsprache: Wenn
ich f entzieh', wenn ich fort zieh', / ist
Kiste und Kaste voll, ist Kiste und Kaste
voll; / wann ich wiederkomm’, wann
ich wiederkomm’, / ist alles geleeret 65 )
(nach Rückert). Andre Lieder deuten
die Laute wieder anders 66 ). Auch sonst
erscheint die S. in Märchen und Sa¬
gen 67 ).
1 ) Allgemeines (doch ohne Quellenangaben)
bei Knortz Vögel 82Ü. und Pitre The swallow
book, New York 1912 (vgl. dazu ZfVk. 24. 103);
Feilberg Bidrag 3, 660 (reiche Lit.); M. Pi-
ronkov Die S. in unseren Volkstraditionen
Isvestija des Sem. f. slav. Phil, zu Sofia 1905,
251 — 62 (Zitat nach ZfVk. 16, 229); Pauly-
Wissowa 2. R. 2. 7680. Vieles ist auch sprich¬
wörtlich, s. Wander Dt. Spr.Lex. 4, 411 — 15.
2 ) Höfler Organotherapie 127. 3 ) Grimm
Myth. 2,560; Feilberg Bidrag 3, 660, 38;
Sartori Sitte 2, 13 Anm. 4; ZfVk. 4, 82;
10, 210; 12, 175; Andree Braunschweig 401;
SchwVk. 5, 2. 20; Haltrich Siebenb. 294;
Wolf Beitr. 1, 232; 2, 432; John Oberlohma
164; Alemannia 24, 154; Strackerjan 2, 160
Nr. 390; Panzer Beitr . 1, 262 Nr. 92; ZfdMyth.
2, 420; 3, 29; Grohmann 70 Nr. 491; ZföVk.
3, 11; Fogel Pennsylvania 104t. Nr. 437;
Urquell 3, 275 (Eingang ins Haus nicht ver¬
wehrt); s. auch Sebillot Folk-Lore 3, 172. 173.
188; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 771. Als Glücks¬
bringer: ZfVk. 12, 176; 22, 162; Schramek
Böhmerwald 243; Engelien-Lahn 270 Nr. 179;
ZfrwVk. 2, 209; Köhler Voigtland 389; Manz
Sargans 120; Birlinger Schwaben 1, 104
Anm. 413; Pollinger Landshut 154. Beim
Unfrieden im Haus zieht die S. aus, vgl. Wuttke
121 § * 59 ; John Erzgebirge 235. Vereinzelt
ist die Angabe, daß die S. Armut bringe, vgl.
ZfdMyth. 3, 317 Nr. 87; Grimm Myth. 3, 439
Nr. 148; Urquell 3, 275; 4, 88 (Hirundo rustica
bringt Armut, Mauerschwalbe Glück); Se¬
billot Folk-Lore 3, 172. Berührt man eine S.,
so bekommt man Krätze (Urquell N. F. 1, 49).
4 ) Drechsler 2, 227; ZföVk. 3, 11; Hovorka-
Kronfeld 1,388; Urquell 3,275; Grohmann
70 Nr. 489—90; MschIVk. 19 (1908), 91; vgl.
Heyl Tirol 789 Nr. 164. 6 ) Wuttke 120 § 159;
ZfdMyth. 2, 95; Sebillot Folk-Lore 3, 156 (ist
von Gott gemacht). 203; Wolf Beitr. 2, 432
(poule de Dieu); vgl. Grimm Myth. 3, 456
Nr. 628. 6 ) Urquell 3, 275; John Westböhmen
219 — Egerl. 5, 34; Fontaine Luxemburg 35.
7 ) Keller Tiere 309; Grimm Myth. 2, 636
(zum herumgetragenen Bild vgl. Höfler
Fastengebäcke 85); Drechsler 2, 227; Höfler
Fastengebäcke 98; ZfVk. 18, 312; ZfdMyth. 2, 95;
Wuttke 121 § 159; Kuhn Westfalen 2,71;
Theod. Storm In St. Jürgen (am Anfang);
Frazer8, 322. 8 ) Strackerjan 1, 221 Nr. 178.
9 ) Wuttke 203 § 278; Liebrecht Zur Volksk..
361; Hovorka-Kronfeld 1, 388; Kuhn West¬
falen 2, 71 Nr. 212; ZfdMyth. 2,95; 3,216;
Sebillot Folk-Lore 3, 192. Der Glaube hat
wohl keinen Bezug auf Freia. Übertragen auf
das Vieh kommt der Abergl. in Schlesien vor.
Betet man am Karfreitag vor Sonnenaufgang
im Freien mit gefalteten Händen, bis die erste
Schwalbe sichtbar wird, und öffnet dann die
Hände, so sieht man ein Haar, dessen Farbe be¬
stimmend ist für den Ankauf des Viehes; ist das
Haar rot, so gedeiht Rotvieh, d. h. Kühe, ist es
schwarz, Schwarzvieh, d. h. Schweine (Drechs¬
ler 2, 228). 10 ) Bartsch Mecklenburg 2, 173.
Nr. 822; Bräuner Curiositäten (1737) 678 h.;
Grohmann 70 Nr. 492; Feilberg Bidrag 3,.
660, 10. u ) Meyer Abergl. 66. ia ) ZfVk.
10,210; Urquell 3,107; Drechsler 2,227;
Rogasener Fambl. 5, 8 Nr. 40. Die Wenden
räuchern die Ställe gegen Zauberei mit den
Nestern der Rauch-S. (Schulenburg Wend.
Volkst. 156). Tötet man eine S., so geben die
Kühe keine Milch (Grohmann 71 Nr. 596).
13 ) Knoop Hinterpommern 171 Nr. 143; Bir¬
linger Volkst. 1,125 Nr. 183; Haltrich
Siebenb. 294; Wolf Beitr. 1,232 Nr. 381;
Hovorka-Kronfeld 1, 388 (zitiert Busch
104). 389 (rumänisch); Grimm Myth. 3, 471
Nr. 979; Sebillot Folk-Lore 3, 188 Anm. 4.
Knoop und Grimm geben Heilmittel an, sowie
Wuttke 447 § 706; gibt eine Kuh rote Milch,
so setzt man etwas davon in einem Scherben auf
einen Zaun, sobald eine S. vorüberfliegt, ist das
Übel vorbei. 14 ) Fogel Pennsylvania 160
Nr. 761; Reiser Allgäu 2, 437 Nr. 127; Urquell
3, 275; Meier Schwaben 1, 221 § 249. 15 ) Wuttke
444 § 699; Kuhn Westfalen 1, 9 Nr. 10; 2, 71
Nr. 213; Fricke Westf. 12; Hovorka-Kron¬
feld 1, 388. 16 ) SchwVk. 10, 34; ZfVk. 24, 60;
Andree Braunschweig 410; John Erzgebirge
250; Bartsch Mecklenburg 2, 207. 210. 218;
Schramek Böhmerwald 250; Fogel Penn¬
sylvania 229 Nr. 1172; Müller Isergebirge 15;
Pauly-Wissowa 2. R. 2, 772. 17 ) Maack
Lübeck 24; Kuhn Westf. 2, 72 Nr. 213; Grimm
Myth. 3, 446 Nr. 378; Bartsch Mecklenburg
2, 172. 18 ) SchwVk. io, 35; SAVk. 25, 187;
Höhn Volksheilkunde 1, 84 Anm. 115; Hovorka-
Kronfeld 1, 388; Andree-Eysn Volkskund¬
liches 107; Baumgarten Jahr 23; John Erz¬
gebirge 26. 235; Wuttke 120 § 159; 203 § 278;
304 § 448; 400 § 617; Bartsch Mecklenburg
2, 173 Nr. 818; Alpenburg Tirol 387; Rothen¬
bach Bern 37 Nr. 313—4; ZfVk. 1, 190; 16, 171 ;
Köhler Voigtland 389, 423; Strackerjan
2, in. 160; Drechsler 2, 227; MschIVk. 9
1397
Schwalbe
1398
(1902), 10; Manz Sargans 87; Meyer Baden j Stein findet man in einem Neste, wo S.n 7 Jahre
362; John Westböhmen 218; Pfister Hessen gebrütet, er hilft gegen Augenübel); Höhn Fo/As-
168; Urquell 3, 107; Kuhn Westf. 2,72Nr. 213t.; heilkunde 1, 135; MschIVk. 17 (1907), 40; 19
Fogel Pennsylvania 364 Nr. 1944; ZfrwVk. 11, (1908), 92; Wolf Beitr. 2,432; Sebillot Folk -
262; Wolf Beitr. 2, 432; ZfdMyth. 1, 236; 2, 95; Lore 3, 205 f.; Alpenburg Tirol 388; SAVk.
3, 29; Meier Schwaben 1, 221 § 249; 314 § 353 26, 79. 39 ) Megenberg Buch d. Natur 166;
(S. als Omen des Blitzeinschlagens); 2, Nr. 331; Jühling Tiere 236; ZfVk. 8, 169. 40 ) Wuttke
Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 15; Urquell 3, 107. 275. 408 § 632. 41 ) ZfdMyth. 3, 331. 42 ) Ur-
Tötet man eine S., so schlägt der Blitz ein oder quell 5, 23 Nr. 3. 5; Manz Sargans 146;
es entsteht eine Feuersbrunst: ZfdMyth. 2, 419; Bohnenberger Nr. 1, 23; Leoprechting
Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 16. Vgl. Feuerschwalbe Lechrain 82 f.; Wuttke 121 § 159; Amers-
Schönwerth Oberpfalz 2, 87 Nr. 7; Bartsch bach Grimmelshausen 2, 55; Hovorka-
Mecklenburg 2, 173 (See-S. heißt auch Brand- Kronfeld 1, 387 f.; ZföVk. 3,6 Nr. 4; ZfVk.
vogel). 19 ) Landsteiner Niederösterreich 29; 15, 391. 43 ) Dies hängt mit dem Glauben zu-
ZfdMyth. 2, 95; Wuttke 203 § 278; Drechsler sammen, daß ausgestochene Augen, besonders
2, 227; Hovorka-Kronfeld 1, 388; Meiche bei jungen S.n, wieder wachsen. Die S. als
Sagen 618 Nr. 760; ZfVk. 4, 82; 10, 210; vgl. Augenheilmittel war den Alten bekannt; s.
Sebillot Folk-Lore 3, 195. 20 ) ZfVk. 22, 162 Hovorka-Kronfeld 1, 387; Höfler Organo -
Anm. 1; SAVk. 7, 139 Nr. 100. 21 ) ZfrwVk. 4, therapie 127 f. 219 (nach Plinius und Quintus
270; ZfVk. 13, 389. 22 ) Strackerjan 2, 391 Serenus); Jühling Tiere 230 (S.n-Augen oder
Nr. 852; Müller Siebenb. 70; Meiche Sagen 239 -hirn wird gebraucht); MschIVk. 13 (1905)» 27;
Nr. 303; MschIVk. 19 (1908), 92 (zeigt einen Megenberg Buck d. Natur 166 f. Der Aber¬
seltenen Besuch an). 23 ) Megenberg Buch d. glaube hat Bezug auf den schon antiken Glauben,
Natur 166 (nach Solinus). 24 ) Wuttke daß geblendete, junge S.n ihre Augen dadurch
2 °3 § 2 78. 2S ) Grohmann 71 Nr. 504; Zfr- wieder bekommen, daß die alten Vögel ein Kraut
wVk. 11, 263. 2G ) Alemannia 24, 156. 27 ) (Chehdonia = Schöllkraut, s. d.) gebraucht. Zu-
Drechsler 1, 177; 2, 227; MschIVk. 19 (1908), weilen heißt der S.nstein Chelidonium in An-
92. 28 ) Grohmann 71 Nr. 599; 229 Nr. 1646; lehnung an diesen Pflanzennamen. S. Grimm
Schramek Böhmerwald 142; Wuttke 203 § Myth. 3, 350; Sebillot Folk -Lore 3, 175. 206;
278. Sieht sie einzelne S., so bleibt sie ledig. Wolf Beitr. 2, 432; Pauly-Wissowa 2. R.
29 ) Rogasener Fambl. 1, 40. 30 ) Drechsler 2, 770 (42). 44 ) Jühling Tiere 219. 229 ff.
2, 43; Wuttke 408 § 632. 31 ) Strackerjan 231t. 234 f. 255; Hovorka-Kronfeld
2, 12 Nr. 268. 32 ) Höfler Fastengebäcke 2, 8. 210; Lammert 15 Anm. 3; Drechsler
84; Sebillot Folk-Lore 3, 199; Grimm Myth. 2, 227. 307; ZfVk. 8, 169; SchwVk. 11, 20.
2, 947 Anm. 2; s. auch unten S. 7 Anm. 1. 45 ) Höhn Volksheilkunde 1, 84 Anm. 115;
M ) Urquell 2, 130 (zitiert auch Knauthe Jühling Tiere 228—30. 235h; Höfler
Ornith. Monatsschr. d. dt. Ver. z. Schutze der 127; Hovorka-Kronfeld 2, 77.
Vogelwelt 1887, 7); 3, 107; Drechsler 2, 227 202. 208. Zuweilen gebrauchte man S.nwasser,
(schützt auch gegen Halsweh und Hexenschuß). das man aus jungen S.n, destillierte, dafür.
284. 309; John Westböhmen 49 (hebt man beim 46 ) John Westböhmen 319. 4? ) John Westböh-
Anblick der ersten Zugschwalben, so bewahrt men 328 — Kronfeld Krieg 112. 48 ) Jühling
man sich vor einem Leibbruch). 219. 34 ) Köhler Tiere 229 t. 49 ) Sebillot Folk-Lore 3, 203;
Voigtland 412 f. (zum Flöhevertreiben, vgl. SchwVk. 4, 33. 50 ) In eine Reihe mit dem Ge-
Fogel Pennsylvania 372 Nr. 1993 [Wanzen]). rauche des S.nblutes (s. unten) für Sommer-
35 ) Drechsler 2, 227; ZfdMyth. 1, 199 (morgens sprossen zu bringen, s. Höfler Organotherapie
mit Besprechung) = Jühling Tiere 235; 219; Wuttke 343 § 512 = Jühling Tiere 234 =
Frischbier Hexenspr. 91; Hovorka-Krön- Grohmann 184 Nr. 1295; Drechsler 2, 227.
feld 1, 388; MschIVk. 19 (1908), 91. S. auch 51 ) ZfdMyth. 3, 328. e2 ) Höfler Organotherapie
S.nblut unten. 36 ) Feilberg Bidrag 3, 661, 7 127; Hüser Beitr. 2,28; Hovorka-Kronfeld
(reiche Lit.); Hovorka-Kronfeld 1, 387; 1, 386; 2, 8. 215. 219. 348; Jühling 229 f.
Wuttke 121 § 159; Urquell 3, 198. 275; 53 ) Jühling Tiere 346. 54 ) Jühling Tiere
Drechsler 2, 227 f.; Bartsch Mecklenburg 2, 230.233!.; Hovorka-Kronfeld 1,386; 2,220;
172 (heilt auch Tierkrankheiten); Strackerjan Höfler Organotherapie 127. 255; ZfVk. 8, 169;
1, 93 > Jühling Tiere 236; Grimm Myth. 2, 946; Megenberg Buch d. Natur 166. 55 )Wuttke
3, 441 Nr. 217; Haltrich Siebenb. 266 f. 294. 38 ) 121 § 159; 343 § 512; Drechsler 2, 225;
Feilberg Bidrag 3,661,34; Pauly-Wissowa Grohmann 184 Nr. 1295; Jühling Tiere 234.
2. R. 2,769(30); Hovorka-Kronf eld 1,386. 56 ) John Westböhmen 329 = Kronfeld
388; 2.210. 214; Jühling Tiere 233. 235f.; John Krieg 113. 57 ) Schulenburg Wend. Volkst.
Westböhmen 315; Lämmer 1 272; Bartsch Meck- 156; Köhler Voigtland 434; Urquell 5, 23
lenburg 2, 173; Wuttke 349 § 524 (auch Augen- Nr.3und5; Birlinger Schwaben 1,397; Wuttke
u. Ohrenkrankheiten); ZfVk. 8, 169; ZfdMyth. 3, 121 § 159. 68 ) Manz Sargans 144; Drechsler
332 ff.; Megenberg Buch d. Natur 166 (hilft 2, 267; Panzer Beitr. 2, 307; Höfler Organo -
kranken Augen, der Stein heißt Chelidonius [!], therapie 254. 69 ) Höfler Organotherapie 254 f.;
durch Übertragung von einem anderen Abergl., SchwVk. 4, 34; Wuttke 121 § 159; 363 § 548;
vgl. Meyer Abergl. 59); Urquell 3, 276 (den Kuhn u. Schwartz 460 Nr. 448; Wolf Beitr.
1399
Schwalbennest—Schwalbenstein
1401
Schwämme—Schwan
1402
1, 247 Nr. 552. 60 ) Höfler Organotherapie 254;
Hovorka-Kronfeld 2, 322; Jühling Tiere
230. 61 ) Jühling Tiere 230. 234; Höhn Volks¬
heilkunde 1, 115; Hovorka-Kronfeld 2, 237.
€2 ) Jühling Tiere 234; Hovorka-Kronfeld
1, 388; Megenberg Buch d. Natur 167;
Sebillot Folk-Lore 3, 204. ® 3 ) SAVk. 7, 51;
John Westböhmen 317; Kuhn u. Schwartz
460 Nr. 447; Höhn Volkskheilk. 1, 136.
64 ) ZföVk. 4, 132; Feilberg Bidrag 3, 660 f.;
Sebillot Folk-Lore 3, 168, 170. Uber den
Himmelbau vgl. Urquell 3, 275 u. eine kroatische
Erzählung (ZfVk. 16, 225). 65 ) Urquell 3, 18.
264; Wolf Beitr. 2, 432; Sebillot Folk-Lore
3, 7. 66 ) Erk-Böhme Liederhort 3, 387 (Re¬
gister); Feilberg Bidrag 3, 661, 36; Lewalter-
Schläger Kinderlieder 299 Nr. 102; ZfdMyth.
1, 239; 2, 114 t.; 3, 179; Bartsch Mecklenburg
2, 173; Kuhn u. Schwartz 452 f.; Kuhn West¬
falen 2, 72f. Nr. 2i6ff.; ZfVk. 13,92; Stracker-
jan 2, 160; John Erzgebirge 235. 67 ) Erk-
Böhme Liederhort 3, 387 (Register); Bartsch
Mecklenburg 2, 172. 174; ZfVk. 13, 91. 93; Wolf
Beitr. 2, 432 Anm. 1; Nilsson Griech. Feste
117 Anm. 1; Pauly-Wissowa 2. R. 2, 772;
Frazer 8, 322. 6S ) Sebillot Folk-Lore 3, 178
(bringt Teufelspakt zurück). 213 (als Führer);
Strackerjan 2, 160 Nr. 390. Reiche Angaben
bei Feilberg Bidrag 3, 660 f.
Taylor.
Schwalbennest wird besonders gegen
Halskrankheiten (und zuweilen Ge¬
schwüre) gebraucht 1 ), seltener gegen
Krämpfe, Podagra und Kindweh 2 ). Es
dient beim Liebeszauber (s. auch S.n-
herz) 3 ). Die Asche eines S.es macht
Schießpulver treffsicher 4 ). Es hilft einer
Kuh beim Schlangenbiß oder angeschwol¬
lenen Eutern 5 ). Es heilt Rückenweh 6 ) !
und Fallsucht (Bohnenberger 22). Man
räuchert damit, um „ Schreck'' zu
heilen 7 ).
Viele oben beschriebene Aberglauben,
die auf die Schwalbe selbst Bezug haben, 1
kehren wieder in Zusammenhang mit
dem S. in derselben Bedeutung; das S.
hält den Blitz fern vom Haus 8 ). Fällt
ein S. herab, so verlassen die Be¬
wohner das Haus in demselben Jahr
(s. oben) ö ). Zerstört man ein S.,
so stirbt der Bewohner des Hauses, gerät
das Haus in Brand oder schlägt Blitz
ein 10 ). Zerstört man ein S., so geben
die Kühe Blut statt Milch (s. oben) n ).
Wie das Zerstören Unglück bringt, so
bringt das Gegenteil Glück 12 ). Trägt
man ein S. bei sich, so kann man alles
behalten, was man hört (s. oben) 13 ). Die
1400
Pythagoräer duldeten kein S. am Haus
(Höfler Organotherapie 127).
*) Hovorka-Kronfeld 1, 389; 2, 9. 11. 19.
21. 24. 45; ZfVk. 8, 169; Höhn Volksheilkunde
1, 84; Schönwerth Oberpfalz 3, 267; Stari-
cius Heldenschatz 523; Schmidt Kräuterbuch
61; Urquell 4, 278; 5, 60; 7, 167; Lammert
141, 240; Bartsch Mecklenburg 2, 111 Nr. 420;
ZfrwVk 5, 98; ZföVk 13, 139; Heyl Tirol
787 Nr. 140; Jühling Tiere 230. 232 — 5;
Alemannia 8, 287. 2 ) Pollinger Landshut
288; Grimm Myth. 3, 459 Nr. 722; Lammert
125; Jühling Tiere 230. 232. 3 ) Höfler
Organotherapie 127; Urquell 6, 13; Kühnau
Sagen 3, 18; Wolf Beitr. 1, 247 Nr. 553.
4 ) SAVk. 19, 227 Nr. 53. 5 ) Drechsler 2, 106;
Rogasener Fambl. 5, 8 Nr. 41. ®) SAVk. 15,
93 (enthält auch schwache Erinnerungen an
S.stein, s. oben unter Schwalbe). 7 ) Schulen¬
burg Wend. Volkst. 101; Hovorka-Kronfeld
2, 230; ZföVk. 4, 216 Nr. 542. 8 ) Birlinger
Volkst . 1, 194 Nr. 307. 9 ) Wuttke 203 § 278;
Strackerjan 1, 25. 10 ) Grimm Myth. 3, 446
Nr. 381; Grohmann 71 Nr. 494 — 5; Egerl.
3, 59; Bohnenberger Nr. 1, 22; Stracker¬
jan 1, 25; Grabinski 45 1 ; Wuttke 304
§ 447; Köhler Voigtland 418; Rothenbach
37 Nr. 311. 312; Drechsler 2, 227. 11 ) Schu¬
lenburg Wend. Volkst. 156; Grimm Myth.
3, 461 Nr. 758; Grohmann 71 Nr. 502; Ro¬
gasener Fambl. 5, 8 Nr. 40; Drechsler 2, 227.
12 ) Schraraek Böhmerwald 244; Alemannia
24, 154; Grimm Myth. 3, 455 Nr. 609; Ur¬
quell 3, 275; Schmitt Hettingen 16. 13 ) Boh¬
nenberger Nr. 1, 22. Taylor.
Schwalbenstein, Chelidonius lapis
(griech. yekiüiiiv = Schwalbe), mhd. celi-
don. Der mit dem S. verbundene Aber¬
glaube ist z. T. aus dem Altertum über¬
nommen. So ist die bei den alten Angel¬
sachsen bekannte Vorschrift, wie man
den Stein gewinnen könne, sicher aus
dem Altertum entlehnt, während der
bei ihnen herrschende Aberglauben, drei
S.e schützten, als Amulett getragen,
gegen Maren und andere Dämonen, wohl
eigenes Gut ist 1 ). Aus dem Wüste von
Aberglauben, der diesen Stein umgibt,
kann hier nur das Wesentlichste hervor¬
gehoben werden. Der S. wird gewonnen,
indem man eine ganz junge Schwalbe
aus dem Neste nimmt, sie tötet, ihr den
Bauch aufschneidet und den Stein in
ihrer Leber sucht; eine zweite Art, den
Stein zu bekommen, entspricht der' Ge¬
winnung des Blend- und Rabensteins
(s. diese) 2 ). In Tirol sucht man ihn in
einem Neste, in dem Schwalben sieben
. •/
Jahre gebrütet haben 3 ). Je nach der
rötlichen oder dunkleren Farbe wurden
dem Schwalbenstein verschiedene Wir¬
kungen zugeschrieben: Der rote Stein
galt als Heilmittel gegen langwieriges
Siechtum, Mondsucht, Wahnsinn, Epilep¬
sie, er sollte als Amulett in ein reines
Linnen oder in Kalbsfell eingenäht und
an den linken Arm oder unter die linke
Achsel gebunden werden. Er macht
seinen Träger beredt, liebenswürdig und
geschickt. Der schwarze S. hilft gegen
Fieber, schädliche Säfte und Fallsucht,
hilft zum Erfolge bei allen Geschäften,
läßt dem Zorn der Könige und Herren
widerstehen und flößt Vertrauen zu
seinem Träger ein, so daß er alle leicht
für seine Ansicht gewinnen kann und
Gunst erlangt. *— Ein S. in der Börse
bei sich getragen, bewirkt, daß das Geld
nie ausgeht (Landshut) 4 ). Von allen
diesen Wunderwirkungen des Steines lebt
in Oberbayern und Tirol der Glaube an
seine Kraft gegen Epilepsie noch weiter.
Dort sucht man den Stein auch im Magen
der Fledermaus 5 ). Weitverbreitet war
die schon im Altertum herrschende An¬
sicht, der S. sei ein treffliches Mittel
gegen Augenleiden. Aristoteles hatte
die Schwalbe das scharfsinnigste Tier
genannt, dem sogar die Augen immer
wieder nachwüchsen; man war deshalb
im Altertum von der Wirkung des S.s
bei Augenleiden völlig überzeugt 6 ). Im
Mittelalter legte man geriebenen und
aufgelösten S. auf schmerzende Augen 7 ).
Drechsler zitiert aus einer alten Quelle,
der S. sei gut für das Gesicht und ent¬
ferne, ins Auge getan, schmerzlos das
Hineingekommene 8 ) (vgl. Krebsstein).
In Tirol glaubt man noch heute an die
große Heilkraft des S.s, besonders bei
Augenleiden 9 ), ebenso früher in Schle¬
sien 10 ).
Im 16. Jh. gehörte der S.
zu den Mitteln, die man Liebenden ein¬
gab u ). ^
Zu Zeiten Brückmanns (18. Jh.) nannte
man S.e kugelförmige, gelblich oder
bräunlich gefärbte Zähnchen von der
Größe des Leinsamens oder einer kleinen
Erbse. Er hält sie für Kieselsteinchen,
wie sie sich oft im Magen von Vögeln
finden, oder für steinhart gewordenen
Kot in jahrelang benutzten Schwalben¬
nestern 12 ).
Der Glaube des Mittelalters, daß der
S., in Schöllkraut (Chelidonium =
Schwalbenkraut) gewickelt, das Sehver¬
mögen verschlechtere 13 ), findet seine Er¬
klärung darin, daß zwei gleichwirkende
Mittel zu stark sind und das Gegenteil
bewirken 14 ).
i) F. L. Grundtvig Losningsstenen. Kjoben-
havn 1878, 176—173; Plin. h. n. 11 § 203 u. 37
§ 154; Dioscorides 2, c. 60; Heckenbach
de nuditate 45; Fischer Angelsachsen 15. 18.
41; Volmar 407 ff.; Marbod c. 14 — Meyer
Aberglaube 59; Schade 1368 ff. s. v. celidon.
2 ) Megenberg Buch der Natur 378; Grimm
Myth. 3, 362 f,; Agrippa v. N. 5, 293 u. 1, 216;
Wuttke 121 § 159; Bartsch Mecklenburg 2,
174; ZfdMyth. 2, 422; Hovorka-Kron¬
feld 1, 388; Bergmann 483; Jühling Tiere
297; Pollinger Landeshut 159; v gl- Sebillot
Folk-Lore 3, 205 f. (Normandie). 3 ) Heyl Tirol
796. 4 ) Megenberg a. O.; Staricius Helden¬
schatz (1706), 478 f.; Schade a. O.; Agrippa
v. N. 5, 293; Zedier 35, 1812; Lonicer 41 u.
60; Jahn Hexenwesen 184 Nr. 681; Bartsch
Mecklenburg 2, 174 Nr. 822 u. 173 Nr. 816 letzte
Zeüen; Pollinger a. O. 6 ) Wuttke 355 § 53 2 ;
Heyl Tirol 796 Nr. 216; Alpenburg Tirol
388; Hovorka-Kronfeld 2, 218. «) Ho¬
vorka-Kronfeld x, 386 f.; Plin. n.h. 8
§ 37. 7 ) ZfdMyth. a. O.; Gesner d. /. /. 107
Nr. 3 u. 4. 8 ) Drechsler 2, 297. *) Heyl
a. O.; vgl. Leoprechting Lechrain 82.
10 ) Drechsler 2, 297. 41 ) Sebillot a. O-
Anm.; Gerhardt Franz. Nov. 136. 12 ) Brück¬
mann 344 f. 13 ) Megenberg a. O. 379 -
14 ) Schade 1370. t Olbrich.
Schwämme s. Pilze.
Schwammstein s. Kropfstein.
Schwan (1. Sing-S., Cygnus cygnus
od. musicus. 2. HÖcker-S., C. olor.). Der
Name S. ist gleicher Wurzel wie lat.
son-are (idg. swon-). Ahd. albi 3 ist
„der Weiße“. Die vornehme Schönheit
in Gestalt, Farbe und Bewegung hat schon
früh Anlaß gegeben, dem S. übernatür¬
liche Eigenschaften zuzuschreiben und in
ihm ein höheres, nicht tierisches Wesen
zu sehen, das seine Gestalt angenommen
hat (s. u. dämon. Tier, Sagen).
Natur. Bis ins Altertum reicht zu¬
rück die Ansicht, daß der S. singe,
insbesondere wenn er seinen Tod ahne
(daher „S.engesang“. Über das etym.
unsichere mir schwant“ S. U. A. 20 )-
1403
Schwan
1404
Schon früh bestritten, aber von neuern
Forschern (Naumann, Brehm u. a.) be¬
stätigt und nur die Beziehung auf
den bevorstehenden Tod in Abrede ge¬
stellt 1 ). Schilling (nach Vogel-Brehm
102) sagt nur: ,,DerS.engesang ist oftmals
in der Tat der Grabgesang dieser schönen
Tiere; denn da diese in dem tiefen Wasser
ihre Nahrung nicht zu ergründen ver¬
mögen, so werden sie vom Hunger derart
ermattet, daß sie zum Weiterziehen nach
milderen Gegenden die Kraft nicht mehr
besitzen und dann oft, auf dem Eise ange¬
froren, dem Tode nahe oder bereits tot ge¬
funden werden. Aber bis an ihr Ende
lassen sie ihre klagenden u. doch hellen
Laute hören“.
Dämonisches Tier. Unsicher sind
die Zeugnisse über die Heiligkeit des
S.s. Nach den Mythologen ist er das Tier
des Njörör 2 ), wie bei den Griechen des
Apollo 3 ), und stellt die Wolke dar 4 ).
Im alten England werden Gelübde bei
Schwänen abgelegt, und als Buße für
einen getöteten S. muß man so viel Korn
spenden, daß der am Schnabel aufge¬
hängte S. davon bedeckt wird 5 ). Götter
und Dämonen nehmen S.engestalt an 6 ).
Verbreitet ist die Sage von den S.en-
jungfrauen (s. u.) 7 ), Nomen 8 ), Wal¬
küren 9 ) als Schwäne; zwei Schwäne am
Uröbom 10 ); in der märkischen Sage er¬
scheint ein Wasserdämon als S. u ), in
Friesland Hexen 12 ) (vgl. auch unten den
weissagenden S. [s. Orakel] und die S.-
Sagen u. Märchen). Schwanfüßige
Dämonen sind im germanischen Bereich
nicht mit Sicherheit nachzuweisen 13 ).
S.Verwandlungen sind schon im Altertum
vielfach belegt 14 ). Die gerettete Seele ent¬
fliegt in S.gestalt (vgl. u. Anm. 34, 41) 15 ).
Orakeltier. Der S. ist zukunftkün¬
dend lö ). Sein Angang bringt Erfolg 17 ),
besonders den Schiffern 18 ), öfter aber
Unheil 19 ). Daher vielleicht der Ausdruck
,,es schwant mir“ 20 ). Zuweilen verkündet
er Tod 21 ), einmal den Weltuntergang,
indem er einen Ring in einen See fallen
läßt 22 ); anderwärts Regen, Kälte oder
auch Tauwetter 23 ). In einer Olden¬
burger Sage weist er den Ort, wo ein
Kloster zu bauen ist 24 ).
Zauber. ,,Daß die Liebe nicht ge¬
brochen werde, nehme man einen Ring
des Geliebten u. lege ihn nebst einem von
sich in das Nest eines S.s“ (Belgien) 25 ).
,,Böse Geister zu vertreiben: nimm
die Lunge von einem S. und trage sie
an deinem Halse“ (Island) 26 ). Der S.
gilt auch sonst als übelabwehrend 27 ).
Medizin. ,,Ein junger S., in Öl ge¬
kocht, ist ein wunderbare Artzney der
Nerven und Sennadern. Das dienet auch
zu den Gebrechen des Sitzes und für den
Fluß der guldinen Ader“ (Hämorrhoi¬
den) 28 ).
Sagen und Märchen. Nochmals sei
auf die Sage von den S.enjung-
frauen verwiesen, denen ihr S.enkleid
geraubt wurde (s. o. däm. Tier) 29 ). Auch
ein König bzw. Prinz S. kommt vor 30 ).
Jungfrauen Verwandlungen ohne das
Raubmotiv sind in der Sage mehrfach
bezeugt 31 ). Umgekehrt wird in der Salz¬
burger Sage ein S. in eine Jungfrau ver¬
wandelt 32 ). Kinder werden Schwäne 33 ).
Der Geist einer Jungfrau wird in S.en¬
gestalt erlöst (vgl. o. Anm. 15) 34 ).
Durch Richard Wagners ,,Lohengrin“
ist die Sage vom Schwanritter all¬
gemein bekannt geworden, deren Ent¬
wicklung und verschiedene Gestalt hier
nicht zu erörtern ist 35 ). Nach einer an¬
dern Sage weist ein dem Schiffe voraus-
fliegender S. den Helden nach dem
Schlosse seiner Herrin 36 ). Weiterhin das
Märchen ,,S. kleb an“ 37 ). Nach einer
schlesischen Sage wird ein S. beim Aufruhr
in Böhmen Hilfe bringen 38 ). Im Voigt¬
land weist der S. einen Schatz 39 ). Eine
märkische Sage erzählt, daß ein Bauer
beim Graben eine Kette (an der ein
Schatz befestigt?) gefunden habe, sie
aber durch das Erscheinen eines schwar¬
zen S.s wieder fahren gelassen habe 40 ).
Merkwürdig ist die elsässische Sage von
dem toten Ritter, an dessen Stelle ein S.
tritt (Seelengestalt ? vgl. o. Anm.15. 34 ) 41 )-
Aus einer brodelnden Quelle in Pommern
kommt ein S. hervor 42 ). Ein weißer
S. führt zum ,,Engelland“, Glasberg
usw. 43 ).
Verschiedenes. In Pommern u. auf
Rügen bringt der S. die Kinder, die
1405
Schwanger sch af t
1406
er aus dem S.stein holt 44 ). Vielleicht
war der S. Opfertier. Laut Höfler
Organotherapie 136 soll sich in der
Opferstätte auf dem Lochenstein (Württ.)
unter den Opfergebeinen auch der Sing-
S. gefunden haben (nach Kbl. f. Anthr.
XIII, 1882, 19). Schwäne als Gebäck
s. ZfVk. 12, 200.
Monographie: P. Cassel Der S. in Sage
u. Leben. 3. A. Berlin 1872 (abgekürzt: Cassel).
*) Cassel 49 t!.; Lenz Zoologie 386 ff. (mit
neueren Zeugnissen von Aldrovandi 1634,
Wormius 1664, Ray 1667, Mauduit 1740,
Olofsen f 1768 u. a.); antike Stellen 393 ff.;
Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 785 f. (kurz vor
dem Tode 785 15 31 42 , klagend 785 16 , be¬
stritten 785 44ff -, Orpheus als S. 785 27 ; Sing¬
schwäne, dem Apollo heilig, beteiligen sich, nach
Aelian. hist. an. XI, 1, an Gottesdiensten im
Norden 788, wo geradezu Baldur u. Frau Holle
genannt werden; die Stelle kurz erwähnt auch
bei Isidor Etym. XII, VII, 19); Isidor a. a. O.
18; Albertus Magnus De anim. 8, 72; 21, 28;
23, 32; dazu Killermann Vogelkunde des Alb.
M. 84 (wo auch Zeugnis von Voigt Exkursions¬
buch zum Studium der Vogelstimmen 268);
Megenberg 174 (,,han ich nie gehoert“);
Rollenhagen Spiel vom reichen Manne (1590)
(Neudr. 159); Uhland Schriften 7, 350 (Is¬
land); Gomme Gentleman’s Magazine: Pop.
Super stitions 210; Müllenhoff Altertumsk.
1, 1 ff. 497 (beobachtet an der Nord- u. Ostsee;
altgerman. Dichtung); Naumanns Naturgesch.
d. Vögel Deutschlands 11, 458; Vogelbrehm
102. Älteste Belege für das Wort „Schwanen¬
gesang“: MSchlesVk. 18 (1917), 64 f. (1538). 2 )
Mannhardt Germ. Mythen 342; Meyer Germ.
Myth. 112. 3 ) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 788.
4 ) Schwartz Volksglaube 7. 9; Mannhardt
Germ. Mythen 38 Anm. (zitiert Stuhr Nor¬
dische Altertümer 99; Preller Gr. Myth. 1, 159
{Apollo]; Lauer System d. gr. Myth. 155. 176);
Meyer Myth. 112. 6 ) Grimm RA. 2, 553. 241.
*) Grimm Myth. 1, 324. 7 ) Cassel 6 ff.;
Grimm Myth. 1, 354 s.; Bolte-Polivka 2,
526; 3, 406 ff.; Hastings 125 f. 8 ) Meyer
Myth. 168. 9 ) Grimm Myth. 1, 354; 2, 871;
Hansen Zauberwahn 18. 10 ) Bugge Götter - u.
Heldens. 437. n ) Kuhn Mark. Sg. 66. 12 ) Mül¬
lenhoff Sagen 212; Grässe Preuß. Sg. 2,
1094 (nach ,,Der Lappenkorb“ 321). 13 ) Wolf
Beitr. 2, 219 (mißverstanden nach Grimm
Myth. 1, 356); Simrock Myth. 241. 391;
Aigremont Fuß - u. Schuh-Symb. 22 (nach
Simrock); über die schwanenfüßige Jungfrau
Perlapiinz kann ich nichts finden. 14 ) Pauly-
Wissowa 2. R. 2, 1, 787 ff. Über Zeus-Leda
s. Roscher Lex. 2, 19220.; Cassel 4.
1S ) Meiche Sagen 550; Toter als Sch. ZfdMyth.
3, 46. Vgl. Weicker Seelenvogel 24. 1# ) Grimm
Myth. 1, 354 (Fridlev bei Saxo Gr.); Meyer
Myth. 112 (idem; Elsa im Lohengrin). Antike:
Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 789. 17 ) Agrippa
v. Nettesheim 1, 246. In Grimms Sagen
Nr. 539 wird der Sch. zweimal als ein ,,Vogel
guter Bedeutung“ genannt. 18 ) Isidor Etym.
XII, VII, 19 (nach Aemilius Macer Anthol.
vet. lat. epigr. et poemat. I, N. 116), vermutlich
weil die Söhne der Leda, Castor u. Pollux,
Schifferpatrone waren; Hopf Tierorakel 19.
19 ) Ebd. 30. 176. 20 ) Grimm Myth. 1, 354 A.;
dagegen Kluge Et. Wb. 11 549. 21 ) Schwebel
Tod u. ew. Leben 121 f.; Kuhn Märk. Sg. 67;
Erk-Böhme Liederhort 1, 10 f. 22 ) Grimm
Myth. 1, 356 (n. Gottschalk Sagen u. Volks¬
märchen der Deutschen [1814] 227). 23 ) Hopf
Tierorakel 176 (nach Aldrovandi u. a.).
24 ) Strackerjan 2, 254; ähnlich Kühnau
Sagen 3, 493. 25 ) Wolf Beiträge 1, 210 (Belgien).
26 ) ZfVk. 13, 272. 27 ) Seligmann Blick 2,
131 f. 28 ) Jühling Tiere 245 (n. Gesner
Vogelbuch ). 29 ) Bolte-Polfvka 3, 406 ff. (zu
KHM. Nr. 193: Der Trommler), germ. Dich¬
tung ib. 416; Grimm Myth. 1, 354 f. (nach
Afzelius u. Molbech); Mannhardt Germ.
Mythen 342 (n. Wolf Deutsche Hausmärchen
217); dazu Bolte-Polivka 2,269. 30 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 342; Bolte-Polivka 3,
37 f. (zu KHM. Nr. 127: Der Eisenofen).
31 ) Mannhardt Germ. Mythen 343 (n. Deecke
Lübische Sagen Nr. 116); Rochholz Schwei¬
zersagen 144; Baader Sagen 251; Mannhardt
Germ. Mythen 343 (= Kuhn u. Schwartz 81).
32 ) Freisauff Salzb. Sagen 231. 33 ) Grimm
KHM. Nr. 49; dazu Bolte-Polivka 1, 427;
Kuhn Märk. Sagen 282; Schmitz Eifel 2,
16 f. = Zaunert Rheinl. 244 f. 34 ) Mann¬
hardt Germ. Mythen 342 (= Wolf Deutsche
Märchen u. Sagen 176). 35 ) Sechs Sagen bei
Grimm Dt. Sagen Nr. 540—545; Cassel 12 ff.;
Ehrismann Gesch. d. dt. Lit. II, 3, 43 f. 79 ff.
(mit reicher Lit.); Bolte-Polivka 1, 432
(zu KHM. Nr. 49: Die sechs Schwäne);
Hastings ERE. 12, I26 ab ; Mannhardt
Germ. Mythen 343: Gawan (s. Keller Rom-
vart 670), Lohengrin (n. von der Hagen
Schwanensage; Reiffenberg Le Chevalier au
Cygne ); ZfdMyth. 1, 306 (n. Jbb. d. V. v. Al¬
tertumsfreunden im Rheinland XIX 115 f-);
Grässe Preuß. Sg. 2, 47. 3$ ) Grimm Sagen
Nr. 539. 37 ) Bolte-Polfvka 2, 41 (zu KHM.
Nr. 64: Die golden Gans). 38 ) Peuckert Schles.
Sg. 72. 3# ) Eisei Sagenb. d. Voigtl. 147.
40 ) Kuhn Märk. Sg. 165. 41 ) Stöber Eis. Sg. 2,
129. 4a ) Knoop Volkssagen a. Hinterpommern
50. 43 ) Mannhardt Germ. Mythen 329 ff.
44 ) Ebd. 343 (nach E. M. Arndt Schriften für
u. an m. I. Deutschen 3, 547); Heckscher 90;
Meyer Myth. 88. 112 (n. Jahn Volkssg. a.
Pommern 390); Urquell 254; Haas Rügensche
Sg. z 155; Hastings ERE. 2, 663 b .
Hoff mann- Kray er.
Schwangerschaft (Schs.), Schwangere
(Sch.), schwanger (sch.) (vgl. Empfäng¬
nis, Geburt, Hebamme, Frau, Wöchnerin,
Zeugung x )).
1407
Schwangerschaft
1408
1. Friet de fru ok noch sau rike,
se geit doch mit ’r kau in’t like,
sagt ein Sprichwort aus Braunschweig x )
in Hinblick auf die neun Monate wäh¬
rende Schs. und die darin sich kundgeben¬
de Verwandtschaft menschlichen und tie¬
rischen Lebens, die am Muttergeschlecht
immer neu verstanden wurde, auch wenn
der Geist der Zeit den Menschen sonst
weitgehend löste von solchem Verstehen.
Der Volksglaube knüpft vielfältig diese
Verwandtschaft alles Lebenden
und Gebärenden. Er läßt die sch.e
Frau die sch.e Stute aus der Schürze
füttern 2 ), oder läßt sie den jungen Obst¬
baum vor der ersten Ernte schütteln,
umfassen oder pflanzen 3 ), stellt Be¬
ziehungen her zwischen der Sch.n und
der wachsenden Natur 4 ), nicht nur bei
Primitiven, sondern auch im kultur¬
bewußten Volk, führt die Sch. zum Hei¬
ligen in der Natur (Quellen) 5 ), achtet
ihre besondere Verbundenheit mit dem
Reifenden der fruchtbaren Erde, z. B.
wenn er ihr bei gefährlichem Erschrecken
rät, an ein erntereifes, wogendes Korn¬
feld zu denken 6 ), um jenes inneren Ernte¬
friedens willen, dessen die Frau in der
Schs. bedarf und dem Theodor Storm
deutschen Ausdruck gab:
Klingt im Wind ein Wiegenlied,
Sonne warm herniedersieht,
Seine Ähren senkt das Korn,
Rote Beere schwillt am Dorn,
Schwer von Segen ist die Flur —
Junge Frau, was sinnst du nur ?
Die sittliche, religiöse und auch aber¬
gläubische Wertung der Schs. hängt ab
davon, wieweit der herrschende oder
früher einmal herrschend gewesene Kul¬
turgeist sich zu den natürlichen Grund¬
lagen unseres Lebens bekennt oder in
welches Licht er sie stellt. So erwähnt
das Mittelalter in asketischen Schriften
oder Protesten gegen die Priesterehe die
sichtbar werdende Schs. mit rohen und
verächtlichen Worten 7 ); andererseits be¬
tonen schon früher Sittenprediger und
geistige Führer die Achtung vor den
sch.en Frauen, für die die Kirche öffent¬
lich beten ließ 8 ).
Diese Achtung ist im germanischen
Heidentum zumal im Norden bezeugt,
vielleicht im Gegensatz zu Beispielen
roher Mißachtung der Schs. z. B. in der
altirischen Sage 9 ), im Alten Testament 10 )
oder in mittelalterlichen Erzählungen. Sie
hängt zusammen mit der natürlichen
Achtung vor Kind (s. Kindersegen) und
Nachwuchs der eigenen Art. Diese Ach¬
tung und Schonung der Sch.n ist nicht
Produkt wachsender Zivilisation und ge¬
bunden an eine Kulturstufe; sie ist nach
Ploß „merkwürdig“ verschieden auf
gleicher Kulturhöhe bei verschiedener
Rasse n ). Bei den Ainus finden wir sie wie
in der Hochkultur der alten Mexikaner,
während die den Ainus benachbarten
Giljaken der Sch.n keinerlei Erleichte¬
rung gewähren und nur bei der Entbin¬
dung abergläubische Bräuche (Knoten¬
lösen u. a.) beachten 12 ). In der deutschen
Literatur geht das älteste gedruckte
Lehrbuch für Hebammen, Rösslins
Rosengarten (Der swangem frawen und
hebammen rosegarten, 1513) 13 ) nach
Text und Bildern zumeist auf Quellen
aus klassischer Zeit zurück, genau wie
die noch vor 1500 gedruckte Schrift
Ortolffs von Bayerland über Schs. und
Geburt (Diez biechlin sagt wie sich die
schwängern frawen halten sülle vor der
gepurt in der gepurt und nach der ge-
purt) 14 ). Im deutschen Volksglauben
geht die Bewertung der Schs. gleichfalls
vielfach direkt zurück auf Vorstellungen
aus der Mittelmeerwelt.
Für das nordgermanische Heidentum
ist eine abergläubische Beachtung der
sch.en Frau schwer nachzuweisen. Weder
bei der Borgny der Oddrunargratr 15 )
noch bei den uns bekannten sch.en Frauen
der Saga, etwa des Landnehmers Ingimund
Weib Vigdis 16 ), oder die isländische Tho-
runn 17 ), die bei einer Umsiedlung Mutter
wird, oder die Frey dis Erichstochter, die
als Sch.e mit unter den ersten Siedlern
Amerikas ist 18 ), erscheint uns die Schs.
als von besonders abergläubisch beach¬
teter, glück- oder unheilbringender Be¬
deutung, und die Gespräche und Ver¬
hältnisse, die Schs. und Geburt begleiten,
zeigen nur Fürsorge und Sachlichkeit. Die
Wertung der Schs. zeigt sich besonders
in der altisländischen S a g a in der schonen -
• ■
1409 Schwang
den und schlichten Bezeichnung des
sch.en Zustandes; es heißt: nicht heil,
nicht gesund, unrüstig, unleicht, be¬
schwert sein, oder: nicht allein sein, mit
einem Kinde gehen; niemals ist ein Spott
dabei 19 ). „Sie ist nicht allein“, heißt es
auch in Siebenbürgen 20 ). Andere Bezeich¬
nungen, wie „in anderen (gesegneten)
Umständen“, „in der Hoffnung“ sein 21 ),
unterscheiden sich von dem verächtliche¬
ren: „dick“, „hops“ oder jüdisch „mo-
bäres“ (me ’ubberet, auch machule -me-
kulläh, eigentlich zugrunde gerichtet) 22 )
und zeigen zweierlei Wertung. Ähnlich
steht es um die Wendungen, die die Be¬
fruchtung mit einem Gleichnis umschrei¬
ben: sie hat „Kürbisse gesteckt“ 23 ), es
hat sie ,,dr Herzwurm bsoicht“ 24 ), „sie
hat sich eine Schmiedeberger Schürze
gekauft“ 25 ), „sie hat sich an der Wagen¬
deichsel gestoßen“ 26 ), er hat „eingesät“,
„sie beurbert“ (zu urborn, mhd. Acker
urbar machen) 27 ), er hat ihr „a krumps
Fürda (Fürtuch) kaft“ oder deutlicher:
er hat „sei Weib verschandelt“ 28 ).
Im allgemeinen bleibt Spott und Mi߬
achtung überall den Sch.en fern; sie
werden im Gegenteil in Ehren gehal¬
ten und genießen allerlei Vorrechte 29 ).
Die Sch.e darf etwa beim Essen zuerst
zulangen 30 ) und beim Eintritt in fremde
Wohnung werden ihr Brot und andere
Lebensmittel gebracht 31 ). Sie darf sich
Brot in fremdem Hause schneiden, Früch¬
te in fremdem Garten brechen 32 ), Mund¬
raub begehen (wenn sie es gleich ver¬
zehrt) 33 ), und ähnlich genießt sie ein
besonderes Fischrecht für je eine Mahl¬
zeit 34 ); sie darf auch einmal zu unrecht
schimpfen u. a. m., und nicht einmal
aufs Rathaus befohlen werden deshalb 35 ).
Den Pferden, die die Sch.e fahren sollen,
gibt man Brot, damit sie Rücksicht neh¬
men 36 ). Selbst einem sch.en Bettelweib
darf man nichts abschlagen 37 ); wer es
tut, dessen Kleider fressen die Mäuse
u. a. 38 ). Die Sage erzählt von dem Edel¬
mann, der eine um Arbeitsbefreiung bit¬
tende Sch.e nicht schont, und dem dann
zur Strafe von seiner eigenen Frau eine
Mißgeburt (ein Tier!) geboren wird 39 ).
SchonungundBefreiung von schwe-
B ä c b t o Jd - S t ä u b 1 i, Aberglaube VII
erschaft I4IO
rer Arbeit (schwer heben) wird allge¬
mein gefordert, und selbst der Wiking
Palnatoki in der Joms vikingasaga 40 ) t
der seine Magd, die von einem Königs¬
besuch sch. wird, „aus der Arbeit nimmt,
bis ihr Zustand sich erleichtert habe“,
tut damit etwas Selbstverständliches auch
jenseits der Taufe, soweit es eben aus
Gründen der Gesundheit notwendig war.
Daß die Sch.e manchmal einen be¬
sonderen Platz in der Kirche bekommt,
in der hintersten Reihe, nicht weit von
der Tür, oder stehen muß 41 ), geht auf
eine andere Bewertung der Sch.s (als
eines unreinen Zustandes) zurück, wie
sie mittelalterliche Schriftsteller zeigen 42 ),
und die besondere Benediktionen und
kirchliche Fürbitten nötig macht 43 ). Da¬
mit wird vielfach zusammen gebracht,
daß es der Sch.n oft verwehrt ist,
Gevatter zu stehen oder vor Gericht
den Eid zu leisten (s. u.). Ob hier ein
| Rechtsgedanke, Sch.e als nicht eidfähige,
„nicht vollgültige Persönlichkeit“ am An¬
fang stand oder die „mystische Ursache“,
„die Scheu vor der Nähe von etwas Un¬
geweih tem“ 44 ), ist vom germanischen
Gebiet her zugunsten des Rechtsgedan¬
kens zu entscheiden. Die Sch.e haftet
nicht mehr für sich allein (vgl. die Gel¬
tung der Sch.s im germ. Recht), weshalb
sie in Scheu vor einem unbewußten Mein¬
eid den Eid verweigern darf und nach
ältesten Volksrechten unter höherem Wer¬
geid steht 45 ).
Die Vorstellung von abergläubisch ge¬
fürchteter oder religiös bedingter Un¬
reinheit der Sch.en 46 ) fehlt in den
Überlieferungen des altgermanischen Hei¬
dentums 47 ). Sie hängt offenbar mit den
hier fremden Tabu Vorstellungen und dann
mit einer fremden Wertung der Frau und
des Sexuellen zusammen. Es ist deshalb
sehr fraglich, wieweit man die Vorstel¬
lungen von Unreinheit, Gefährlichkeit,
unheilbringender oder auch zauberischer
! „Macht“ der Sch.en im deutschen Aber¬
glauben als Reste älterer Kulturstufen
ansprechen darf, wieweit hier das „Tabu“
von „Personen, die sich in einem anor¬
malen und deshalb gefährlichen Zustand
I befinden“ 48 ), vor die uns natürlichere
45
I4H
Schwangerschaft
1412
Auffassung von heilvoller und glück¬
verheißender Macht der werdenden
Mutter inmitten ihrer sie schützenden
Gemeinschaft gestellt werden darf. „Die
schwangere Frau ist unrein“, sagt Edvard
Lehmann 49 ), , ,und den Angriffen der bösen
Geister in so hohem Grade ausgesetzt,
daß sie auch ihrerseits zumal für die Um¬
gebung gefährlich wird; ja, noch in einigen
Ländern Europas gilt, daß sie den bösen
Blick hat, daß sie dem Brennen des Feuers
schadet u. ä.“. Bei den Japanern darf
eine sch.e Frau „von der Zeit, wo sie den
obi (,,Gürtel“) umbindet, bis 100 Tage
nach der Geburt keinen Schrein be¬
suchen“, „bei den Griechen mußte sich
die Mutter 40 Tage nach der Entbindung
vom Heiligtum fernhalten“ 50 ), bei den
alten Indern ist die Sch.e vom dritten
Monat an den gefährlichen Mächten aus¬
gesetzt und wird durch Baden und Feuer
geschützt 51 ) (vgl. die Schs.-Riten bei
Naturvölkern) 52 ). So leicht dieser Zug
allgemein menschlich sein könnte (obwohl
die Schs. einem seßhäften Volk als „nor¬
mal“ gelten kann), so sehr muß doch die
in der Welt so verschiedene Bewertung
des Geschlechtlichen und der Frau hier
beachtet werden, und für den deutschen
Volksglauben in Rechnung gestellt wer¬
den, daß die alt jüdische (Lev. 12, 2—4)
und biblisch-klerikale Wertung der un¬
reinen Frau und der in Sünde empfan¬
genen Geburt die Wertung der Sch.en
bei uns verändert haben muß 53 ). Da¬
durch gewinnt das Fehlen der Vorstellung
von unreiner und deshalb unheilvoller
Schs. in den germanisch heidnischen
Überlieferungen an Beweiskraft. Es ist
Überlieferungen an Beweiskraft. Es ist
auch Tatsache, daß in dem auf die Schs.
bezüglichen deutschen Volksglauben die
Vorstellung von geheimnisvollen Zusam¬
menhängen zwischen dem Tun und Lassen
der Sch.en und dem Glück und Schicksal
des Kindes im Mittelpunkt steht. Man
wird deshalb nicht ausgehen dürfen von
jener primitiven Vorstellung der Unrein¬
heit und Gefährlichkeit der Sch.en, son¬
dern an die Möglichkeit späterer Aus¬
bildung dieser Vorstellung denken dürfen
und auch die Frage stellen, wieweit sich
selbst die Vorstellungen von besonders
gefährdeter und unheilbringender Schs.
ohne heidnische böse Geister, die das
unrein Gewordene gefährden, er¬
klären lassen. Z. B.:
Das bisweilen gegen Zauberei über die
Haustür gehängte Sträußlein von Dosten
und Dorant (s. 2, 361 ff.), das „jede
Sch.e mit sich tragen sollte“ 54 ), vertreibt
nach einer Thüringer Erzählung den Un¬
hold aus der Geisterwelt, der eine Sch.e
in den Keller lockte 55 ). Solche Ge¬
schichten beschränken sich aber in keiner
Weise auf die etwa besonders bösen
Geistern verfallene sch.e Frau, sondern
sind wie die Schutzmittel ganz allge¬
mein in einem Aberglauben, dem ge¬
rade das Heilige und Reine (z. B. auch
der Priester) besonders vom Teufel be¬
droht erscheint.
A ) And ree Braunschweig 286. 2 ) Schön-
werth Oberpfalz 1, 324 f. 3 ) Mannhardt
1, 51 f.; Fogel Pennsylvania 2T t u. a. 4 ) Frazer
1, 140 ff. 5 ) Se bi Hot Folk-Lore 2, 242. 6 ) Meyer
Baden 387. 7 ) Vgl. Theiner Die Einführung
der erzwungenen Ehelosigkeit bei den christlichen
Geistlichen und ihre Folgen. 3. Aufl. 1892 — <* 3 .
8 ) Falk Ehe des Mittelalters 4 f. 9 ) Thurneysen
Sagen aus dem alten Irland 23; Ders. Die
irische Helden- und Königssage 302. 10 ) Vgl.
etwa Amos 1, n f. 11 ) Floß Kind 1, 25 ff.
12 ) Ebd. Vgl. A. M. Pachinger Die Sch. und
das Neugeborene im Glauben und Brauch der
Völker, Anthropophyteia 3 (1906). 13 ) Neu¬
druck München 1910 v. G. Klein. l4 ) Neu¬
druck München 1910 v. G. Klein, vgl. noch
Fr. Mauriceau Der sch.n u. kreissenden Weihs¬
personen allerbeste Hülffleistung, deutsch Nürn¬
berg (Hofmann) 1681. 13 ) Edda (Neckel)
228 ff. 16 ) Vatnsdölasaga 15, 5. 17 ) Landnama-
bok III; die Insel im Fjord, wo sie gebiert,
wird nach ihr genannt, das Neugeborene be¬
kommt den Zunamen ,.Inselsonne". 18 ) Eiriks-
saga rauda. 19 ) Krause Die Frau in der
Sprache der isländischen Familiengeschichten 229.
20 ) Wittstock Siebenbürgen 76. 21 ) V'gl.
Hoff mann-Krayer 22; Hillner Siebenbürgen
qf.; Mannhardt Germ. Myth. 305; Gassner
Mettersdorf 6; Meyer Baden 380. * 2 ) Höhn
Geburt 256. 23 ) Meyer Baden 386. 24 ) Schra-
mek Böhmerwald 179. 25 ) Drechsler 1, 177.
26 ) Schönwerth Obe;pfalz 1, 152. 27 ) Drechs¬
ler i, 177. 28 ) Schramek Böhmerwald 179.
29 ) Höhn Geburt 258. 30 ) Meyer Baden
386. 3l ) Höhn Geburt 258; Meyer Baden 386.
32 ) Meyer Baden 386; Eckart Südhannover.
Sagen 141. 33 ) Meier Schivaben 1, 476; Wuttke
§ 571; Peschue 1 -Loe.sche l'olksk. v. Loango
216; Grimm RA. 1, 564 t. 34 ) Höhn Geburt
258; Meyer Baden 387; Sartori Sitte r,
21; Grimm RA. 1, 564!. 33 ) Höhn Geburt
2 t
Schwangerschaft
1414
r
1413
258. 36 ) Sartori 1, 22 (Mähren). 37 ) Höhn
Geburt 258. 38 ) Urquell 4, 188. 39 ) Bir-
linger Aus Schwaben 1, 87 t.; Schönwerth
Oberpfalz 1, 153. 40 ) Thule 19, 398. 4l ) Meyer
Baden 387; Höhn Geburt 258. 42 ) Franz
Benediktionen 2, 186 f. 43 ) Z. B. Schultz
Alltagsleben 194; Niderberger Unterwalden
3, 16. 44 ) Ploß Weib (8. Aufl.) 1, 860; ZfVk.
17 (1907), 165. 45 ) Ploß Kind 1, 31; Grimm
RA. 1, 564 p Für rechtliche Bewertung der
Schs. in nachmittelalterlicher Zeit vgl. etwa
Pagenstecher De jure ventris, vom Recht
schwangerer Weiber, Bremen 1704, oder J. J.
Beck Von Schwäch- und Schwängerung der
Jungfern und ehrlichen Wittwen Nürnberg 1743.
48 ) Wächter Reinheit 142. 47 ) Vgl. aber
Weinhold Frauen 2, 347 und Wikman
Tabu- och orenhetsbegrepp i nordgermansk folk-
tro om könen, in Folklorist, och etnogr. Stu¬
dier II, Helsingfors 1916. 48 ) Chantepie
de la Saussaye 4 153. 49 ) Ebd. 1, 56.
50 ) Ebd. 1, 279. 5l ) Ebd. 2, 44. 52 ) Z. B. Gen-
nep Rites de passage 12. 57 ff. M ) Vgl. Samter
Geburt 22 Anm. 1. 64 ) SAVk. 23 (1921), 163.
55 ) Regel Thüringen 2 (1895), 669.
2. Die Sch.e, im Zustand gewisser
Schwäche und Schutzbedürftig¬
keit, bedient sich bestimmter Schutz¬
mittel, Schutzgürtel (Gürtel Mariae) 5# ),
Schutzbriefe gegen Gespensterschaden 57 ),
Amulette 58 ) (vgl. den Tahong der sch.en
„Semang“-Frauen auf Maläka, eine vor
fremder Sicht gehütete Darstellung aller
Zustände 59 ) der Schs. und ein Zauber
gegen ihre Beschwerden) oder des Feuer-
segens („Bis willkommen, feuriger
Gast“) 60 ), und damit nach uralter Vor¬
stellung überhaupt des vor dem Bösen
schützenden (Herd-)Feuers und seiner
Nähe. Sie fürchtet das Dunkel und die
wüde Jagd 61 ), den bösen Blick, der den
Foetus bannen und also die Geburt hem¬
men kann 62 ). Aus Angst vor dem Bösen
darf sie nach Gebetläuten oder mitter¬
nachts 63 ) nicht aus der Stube 64 ) oder
aus dem Hause 65 ) gehen, oder abends in
bloßem Kopfe nicht ausgehen 66 ). Be¬
sondere Gefährdung der Sch.en durch
den bösen Blick erwähnt Seligmann 67 )
für Italien, Rußland, Indien und Af¬
ghanistan. Hierher kann man noch stellen
die Vorschrift, die Sch.e soll nicht zu
Begräbnissen gehen 68 ), man soll sie nicht
zu Gevatter bitten 69 ), und nicht bei Ge¬
burten helfen oder Zusehen lassen 70 ). Man
sorgt zumal bei der Patenschaft einer
Sch.en 71 ) (die „zwei Schürzen vorbin¬
den“ muß, Pommern) 72 ), sowohl für das
Leben der Sch.en und ihres Kindes wie
für das Kind der anderen 73 ); man glaubt,
daß der Täufling nicht alt wird 74 ) oder,
wenn es ein Mädchen ist, „nicht ehrlich“
bleibt 75 ); oder man sagt, daß die Sch.e
ihr Kind im Leib erdrückt, wenn sie den
Täufling darüber hält 76 ). Ähnlich meidet
die Sch.e ausdrücklich um des Kindes
willen das Schwören vor Gericht 77 ),
nach Oldenburgischer Meinung, „damit
das Kind später nicht viel mit dem Gericht
zu tun bekomme“ 78 ). Seltsam ist das
Verbot, auf der Türschwelle des Hauses
einer Sch.en ein Messer zu wetzen 79 ).
Die Fürsorge für die Sch.e und ihr
Kind kann alle diese Vorschriften ge¬
boren haben, und nur verhältnismäßig
gering scheint eine ursprüngliche Scheu
vor der Sch.en hier mitzuwirken. Hierher
gehört es auch, daß Sch.e nicht zur Tanz¬
musik gehen sollen, weil die Burschen
dann rauflustig werden 80 ) oder daß nach
einem schwedischen Aberglauben Wunden
nicht mehr geheilt werden können, wenn
böse Augen oder sch.e Frauen sie ange¬
sehen haben 81 ), oder daß Sch.e an un¬
heimlichen Wegstellen vom Wagen
steigen müssen, weil sonst die Pferde
durchgehen 82 ). Hierher gehört auch die
Verwendung der Sch.en in der Mantik 83 )
und der mit härtester Todesstrafe ge¬
ahndete Mißbrauch Sch.er zu bösem
Zauber M ), z. B. Verwendung von Grab¬
erde einer in Schs. gestorbenen Frau oder
vom Gras auf solchem Grab im Liebes¬
zauber 85 ). Die Geschichte vom Heuer¬
mann oder Müller, der seine sch.e Frau
(an den Juden zwecks Zauberei) verkaufte,
führt ins Mittelalter zurück 86 ). Endlich
sei hier genannt der Glaube galizischer
Juden, daß die Bestattung einer Sch.en
mit ungeborenem Kind eine Gefahr für
die ganze Stadt bedeutet 87 ). Diese Vor¬
stellungen führen meist in fremdes Gebiet,
so bei Tartaren der Glaube, daß der böse
Bück Sch.er Augenleiden erzeuge, oder
in China der Brauch, Kinder vor dem
Blick einer Sch.en und ihres Mannes
zu schützen 88 ).
56 ) Ploß Kind 1, 31; Gürtel 2 m lang, angeblich
das Maß von Mariä Gürtel; Gürtel der hl.
1415
Schwangersch af t
1416
Margarethe zu St. Germain. Die Länge nach
dem Bild des hl. Sixtus bemessen; Grimm
Myth. 3, 417. 57 ) Mitt. Anh. Gesch. 14. 12.
68 ) Pollinger Landshut 239; z. B.: Bei Zi¬
geunern ein um den Leib gebundenes Täfelchen
aus Eselsknochen, bei abnehmendem Mond mit
Kinderblut bespritzt, Urquell 3, 8. 59 ) Se¬
ligmann 1, 241 f. 60 ) Birlinger Volksth.
1, 202. 61 ) Gräber Kärnten 84. 62 ) Se¬
ligmann 1, 197. 63 ) Schramek Böhmerwald
179. 64 ) Grüner Egerland 35; John West¬
böhmen 101. 6S ) Meyer Baden 387. 66 ) Bir¬
linger Schwaben 1, 392; Wuttke § 57 2 »
Sebillot Folk-Lore 1, 160 f. 67 ) Seligmann
1, 194. 68 ) Höhn Tod 340. 69 ) Strackerjan
2, 201. 203; vgl. Schönbach Berthold v. R.
152; Schönwerth Oberpfalz 1, 154. 70 ) Grüner
Egerland 35. 71 ) Vgl. Hof fmann-Kray er 23.
72 ) Urquell 6, 94. 73 ) Grimm Mythol. 3, 453
Nr. 547 (440 Nr. 176); Wuttke § 594* 57 1 '»
Lammert 172; Drechsler 1, 179; Hansen
Charakterbilder (Hamburg 1858) 11; Panzer
Beitrag 1, 308; ZfrwVk 1905, 179; Köhler
Voigtland 435; Strackerjan 1, 55; Gaßner
Mettersdorf 9 f. 74 ) Rochholz Kinderlied 295;
Meyer Baden 22; Kuhn Westfalen 2, 35.
75 ) Knoop Hinterpommern 157. 76 ) ZfVk. 17,
164. 77 ) Urquell 3, 185 ff., Bericht aus Oslo.
78 ) Strackerjan i, 52. 79 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 280. 80 ) Schramek Böhmerwald
179. 81 ) ZfVk. 11, 318. 82 ) Kühnau Sagen
1, 328. 83 ) Vgl. Kiesewetter Faust 466ff.
84 ) Vgl. Müller Aargau 1, 384 nach Osen-
brüggen Dt. R. A. „Wer einer sch.en Frau
den Leib auf schneidet, der soll auf die Richt¬
statt geführt und allda sein Leib mit feurigen
Zangen zerrissen und unter dem Galgen be¬
graben werden“. 85 ) Krauss Rel. Brauch 136.
86 ) Als geschichtl. Tatsache wird der Verkauf
einer Sch.en durch den Ehemann an einen Juden
zwecks Zauberei mit der Frucht aus dem An¬
fang des 19. Jh.s erzählt. Die Kinder haben
den Handel belauscht, die Mutter gewarnt. Die
Brüder der Sch.en verprügeln den Juden; der
Mann kommt ins Zuchthaus; Strackerjan
Oldenburg 2, 201. Der älteste Fall dieses Aber¬
glaubens in Deutschland: Keller Fastnachts¬
spiele 1349; vgl. ferner Böckel Volkslieder
XXVII. XXVIII (Sch.e ermordet); Birlinger
Aus Schwaben 1, 115. 339. 5 ° 9 ; Rochholz
Kinderlied 344; Wolf Beiträge 1, 216; Panzer
Beitrag 2, 295; Schulenburg 236. 244, 125;
Alemannia 4, 36 u. a. 87 ) Urquell, N. F. 1897,
1, 270. 88 ) Seligmann 1, 203 mit Literatur;
vgl. auch 2, 286.
3. Daneben steht der Glaube an
besondere Heil- und Segenskraft in
der Sch.en. „Als bewährte Trägerin der
Fruchtbarkeit“ kann sie „ihre gesegnete
Kraft auch anderen übermitteln“ 89 ). Sie
ist heilbringend im Angang 90 ). Ihr
Besuch bei Neuvermählten bringt Kinder¬
segen 91 ). Ihr am Neujahrsmorgen zu
begegnen, ist glückbringend 92 ). Der
Obstbaum oder Nußbaum, dessen erste
Ernte eine Sch.e bricht, schüttelt oder
verzehrt, wird alle Jahre gut tragen 93 ).
Sie vermag Raupen zu vertreiben 94 ) (mit
Spruch: Raupen, scheret euch, die
Schwangere jaget euch usw.) und die
Geburt der Haustiere zu erleichtern, z. B.
wenn sie die sch.e Stute Heu aus ihrer
Schürze fressen läßt (s. o.) 95 ). Nach
Albertus Magnus vermag die sch.e Frau
durch Kleidertausch ihrem fieberkranken
Mann das Fieber abzunehmen 96 ). Nach
schlesischem Aberglauben kann sie den
Mann heilen, indem sie mit dem Fuß ihm
auf den Leib tritt 97 ). Auch Überbeine
heilt sie, indem sie darauf tritt 98 ). Bis¬
weilen wird sie auch für hellsichtig
gehalten; ihre Träume zumal in der
letzten Zeit gelten für bedeutungsvoll 99 ).
Der Traum von einem Verstorbenen zeigt
ihr an, daß dieser einen Namensvetter
sucht nach nordischem Volksglauben 100 ).
Nach einer Sage hörte man einst eine
scheintot begrabene Sch.e im Grabe ein
Kinderlied singen und fand Mutter und
Kind am Leben 101 ).
89 ) Sartori Sitte 1, 21. 90 ) Z. B. Hillner
Siebenbürgen 13. 91 ) Wuttke §288. 92 ) Schra¬
mek Böhmerwald 124; John Westböhmen 27.
93 ) Fogel Pennsylvania 209; Meyer Baden
386; Birlinger Schwaben 1, 39°; Wuttke
§ 572; Vernaleken Alpensagen 315; Grimm
Myth. 3, 455 Nr. 622. 94 ) Engelien-Lahn
272. 95 ) Schönwerth 1, 325. 96 ) A. M. De
mirabilibus Mundi 176; Meyer Aberglauben 103.
97 ) Drechsler 1, 179. 98 ) ZfVk. 4, 46; Kuhn
u. Schwartz 463. 99 ) Lammert 158. 10 °)
Liebrecht Zur Volksk. 311. 101 ) Ebd. 60.
4. „Soll das zu erwartende Kind
körperlich, geistig und sittlich gesund
sein, so muß die Sch.e gewisse Vorsichts¬
maßregeln beobachten inbezug auf ihre
Nahrung, ihre Handlungen, ihre Ein¬
drücke, Arbeiten usw.“ 102 ). „Was die
Sch.e tut und läßt, geschieht mehr mit
Rücksicht auf die Frucht ihres Leibes
als auf sie selbst; denn durch alle mög¬
lichen Handlungen kann das Kind im
physischen und moralischen Sinne beein¬
flußt werden“ 103 ). Der Aberglaube geht
hier von tatsächlichen Zusammenhängen
aus und über diese weit hinaus 104 ).
Konrad von Megenberg nennt in
1417
Schwangerschaft
1418
seinem „Buch der Natur“ als vierzehntes
Kennzeichen der Schs. „das Auftreten
schädlicher Gelüste“ 105 ) (nach Ablauf
des ersten oder zweiten Monats). Die
Beobachtung dieser anormalen Schs.-
Gelüste findet im Volksglauben starken
Widerhall. Der von Cysat als Anflug
von Kannibalismus berichtete Biß in den
Schenkel des Mannes 106 ) bleibt freilich
vereinzelt. Die „picae gravidarum“
richten sich meist auf unzeitgemäße und !
absonderliche Speisen 107 ), aber auch
(z. B. bei den Hindus) auf kostbare Klei¬
der und besondere Spaziergänge in Gärten,
wo Bäche rieseln u. a. m. 108 ). Der Aber¬
glaube rät, diese Gelüste unbedingt zu
erfüllen 109 ) und der Sch.en nichts abzu¬
schlagen ll °) oder nichts Gutes vor ihr
zu essen, ohne ihr davon zu geben 111 ),
weil das üble Folgen hat für das
Kind 112 ): Man meint, es wird immer
die Zunge herausstrecken 113 ), oder es
wird das betreffende, der Mutter ab¬
geschlagene Gericht nie essen lernen 114 ),
es wird ohne Nase oder mit Wolfsrachen
geboren u. a. m. 115 ). So erklärte man
auch eine rettichförmige Geschwulst am
Kind (in Baden) als Folge unbefriedigten
Verlangens der Sch.en nach Rettich 116 ).
In Schlesien führte man die Schuppen¬
krankheit auf ein der Sch.en abgeschlage¬
nes (oft unheilvoll gedeutetes 117 )) Gelüst
nach Fisch zurück 118 ). Auch Gelüste
nach unreifem Obst, nach Kirschen und
Beeren müssen befriedigt werden, sonst
zeigt sich ein entsprechend geformtes Mal
beim Kind 119 ), wie überhaupt Mutter-
mäler teils allgemein entweder als Folge
des „Versehens“ (s. u.) oder als Folge der
Nichtbefriedigung solcher „Gelüste“ auf¬
gefaßt werden 12 °).
Es gibt aber auch gelegentlich be¬
stimmte Speiseverbote für Sch.e (s. u.)
und abergläubisch beachtete Diätvor¬
schriften 121 ).
Unzählig sind die Dinge, die die Sch.e
um des Kindes willen nicht tun darf,
und die vernünftige Forderung, daß sie
zwar keine zu schwere Arbeit tun soll,
aber durchaus tätig sein soll, daß sie etwa
dreimal täglich die Stube fegen 122 ) oder
täglich zwanzigmal den Besen die Stiege
hinaufwerfen soll 123 ), würde durch den
Aberglauben wirkungslos gemacht, wenn
alle diese Verbote 124 ) zugleich in jeder
Gegend Geltung hätten.
Die Sch.e darf kein Unrecht be¬
gehen, sonst tut das Kind dasselbe 125 ),
so darf sie zumal nicht fluchen und steh¬
len 126 ), ja nicht einmal eine Ähre ab-
zupfen 127 ).
Sie darf nicht durchs Fenster in ver¬
schlossenes Zimmer steigen, sonst wird
das Kind ein Dieb 128 ), nicht zur Bleiche
gehen, sonst wird das Kind bleich 129 ),
nicht durchs Schlüsselloch sehen, sonst
wird das Kind neugierig 130 ) oder schielt 131 ).
Das Kind wird ein Säufer, wenn die
Sch.e aus einer Flasche trinkt 132 ), es
wird naschhaft 133 ), unersättlich 134 ) oder
gefräßig oder bekommt Mitesser, wenn
die Sch.e im Stehen vor dem Eßschrank
ißt 135 ); oder es wird geil, wollüstig, un¬
züchtig, wenn die Sch.e Hahn-, Ziegen¬
bock- oder Stierfleisch ißt 136 ). In Braun¬
schweig macht das Überschreiten einer
Wagenkette das erwartete Kind zum
Säufer oder liederlich 137 ). Das Schmieren
des Wagens macht das Kind schmutzig
u. a. m. 138 ).
Ähnlich wie der Charakter, hängt
auch Glück und Schicksal, äußere
Gestalt und Krankheit des erwarteten
Kindes vom Benehmen der Sch.en ab.
Die Sch.e darf sich nicht aufs Wasser¬
gefäß setzen, sonst ertrinkt das Kind 139 ),
nicht über die Deichsel schreiten, sonst
verfällt es dem Scharfrichter 140 ). Die Sch.e
darf nicht spinnen, Garn wickeln, sonst
spinnt sie dem Kind den Henkerstrick 141 )
oder der Nabelstrang legt sich um seinen
Hals bei der Geburt 142 ) desgleichen,
wenn sie unter der Waschleine hindurch¬
geht, einen Strick statt eines Gürtels
trägt oder über einen Strick schreitet 143 ).
Stiehlt sie Krautköpfe, stirbt das Kind
durch den Henker 144 ); sticht sie Brot
mit Messer oder Gabel an, werden dem
Kind die Augen ausgestochen 145 ). Die
Sch.e darf nicht über ein Grab oder auf
den Kirchhof gehen; sonst stirbt das
Kind 146 ), oder wird ein „verschlafenes“
Kind 147 ).
Sie darf keiner Hinrichtung, keinem
1419
Schwangerschaft
Schwangerschaft
1422
„armen Sünder“ nachgehen 148 ), mit kei¬
nem Toten zu tun haben, keinen Toten
sehen und ihm die Augen schließen, keine
Kindsleiche tragen, sonst hat das Kind
Totenfarbe 149 ), kann den Mund nicht
schließen 15 °), bekommt eingefallene oder
blinde Augen 151 ) oder stirbt 152 ). Unglück
bringt es dem Kind, wenn die Sch.e an
der Tischecke sitzt u. a. m. 153 ).
Bezeichnend ist, daß man meint, das
Kind wird geschwätzig oder kommt in
übles Gerede, wenn die Sch.e ihren Zu¬
stand ausplaudert, ehe es andere mer¬
ken 154 ). Die Sch.e darf nicht aus einer
Kelle kosten, sonst schreit das Kind
viel 155 ), nicht aus einem Kessel essen,
sonst stammelt das Kind 156 ). Die Sch.e
darf nicht baden, sonst wird das Kind
blind 157 ), nicht in Vollmond sehen, sonst
wird es mondsüchtig 158 ), nicht über ver¬
dorrtes Rasenstück schreiten, sonst welkt
es, wenn es das Alter der Mutter hat 159 ),
nicht in den Ofen blasen, sonst bekommt
es kurzen Atem 180 ), nicht in unreines
Wasser greifen, sonst bekommt es grobe
Hände 161 ).
Die Sch.e darf nichts mit der Schürze
abwischen und sich keinen Blumenstrauß
voraustragen lassen, sonst wird das Kind
ungestüm oder bekommt stinkenden
Atem 162 ). Die Hasenscharte bekommt
es, wenn die Sch.e über das Lager eines
Hasen geht 163 ) oder das Maul eines Hasen
sieht 164 ) oder aus einer abgeschlagenen
Tasse trinkt 165 ). Schieläugig wird es,
wenn die Sch.e über ,, Schwindelhafer“
(lolium temulentum) schreitet 166 ) oder
sich gegen schlechten Geruch die Nase
zuhält 167 ). Es wird ein Kahlkopf oder
bekommt früh graues Haar, wenn sich
die Sch.e das Haar (bei zunehmendem
Monde) schneidet 168 ) oder wenn sie über
Barbierschaum schreitet 169 ). Sie soll
sich aber morgens rasch kämmen und
waschen, schöne Gegenstände und Bilder
betrachten, hübsche Kinder ins Haus
nehmen, damit ihr Kind sauber, brav
und hübsch wird 170 ).
Die Sch.e darf sich nicht auf Stein
setzen und sich nichts in die Schürze
zählen lassen, sonst bekommt das Kind
den Stein 171 ). Sie darf weder Wasser
1420
tragen noch kaltes Wasser trinken, sonst
bekommt das Kind den Speichelfluß oder
einen Wasserkopf 172 ). Niemand darf
ihr über die Füße laufen, sonst wird das
Kind krumm 173 ). Sie darf nicht von
verkrüppeltem Vieh oder Geflügel essen,
sonst bekommt das Kind den gleichen
Schaden 174 ) (von keinem Raubvogel, von
keiner Frucht mit harter Schale u. a. 175 )),
wie sie auch nicht Kranke ansehen und
Mißgestalteten begegnen darf 176 ).
Eine Warnung vor schwerer Arbeit
liegt wohl in dem Glauben, daß sie nicht
Sand graben darf (sonst bekommt das
Kind Ungeziefer) 177 ) und nicht (in der
Stube) Äxte schäften soll 178 ), nicht Holz
übers Knie brechen soll a. u. m. 179 ).
Besonders zu werten ist vielleicht das
Verbot, die Schs. abzuleugnen 180 ).
102 ) John Westböhmen 100. 103 )Sartori 1,21 ;
Ploss Kind 1, 10 ff. 104 ) John Erzgebirge 47.
105 ) Megenberg Buch der Natur 30h 106 ) Cy-
sat 31; vgl. Aug. Petraeus Curiose Gedanken
von der Lüsternheit der sch. Weiber, Dresden u.
Leipzig 1701. 107 ) Vgl. Ploss Kind 1, 43h.;
Sebillot Folk-Lore 4, 449; Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 153; Gassner Mellersdorf 9; Kuhn
Märkische Sagen 383; Hillner Siebenbürgen
10, 14; Pollinger Landshut 288L; Wittstock
Siebenbürgen 72. 108 ) Seligmann 1, 169.
1M ) Zu Anm. 107 noch Höhn Geburt 257;
Andree Braunschweig 286. uo ) Lammert
161; Wuttke 372. m ) Birlinger Volksth.
1, 496. 112 ) Ploss-Bartels 1, 948h.; Manz
Sargans 86. 113 ) ZfVk. 23, 277. 114 ) Höhn
Geburt 257. 115 ) Lammert 161. 116 ) Meyer
Baden 387. 117 ) Grimm Mythol. 3, 459 Nr. 727.
118 ) Drechsler 1, 178. 119 ) Ebd. 1, 178; Stoll
Zauber glauben iogf. 12 °) Vgl. noch SAVk.
5, 187 Nr. 104; Schweizld. 4, 151; Hovorka-
Kronfeld 2, 767t. 121 ) Ploss Kind 1, 39h.;
Andree Parallelen 1, 115t. 301; Vonbun Bei¬
träge 66 f.; Vernaleken Alpensagen 220;
Jecklin Volkstümliches 147. 122 ) Schramek
Böhmerwald 179. 123 ) Meyer Baden 387.
! 24 ) Vgj e twa Gaßner Metiersdorf 10. 125 ) Ur¬
quell 2, 196; Schramek Böhmerwald 179;
Wuttke § 572. 126 ) John Westböhmen 101;
ders. Erzgeb. 47; Grüner Egerland 35; Drechs¬
ler 1, 178; Meyer Baden 386; ZfrwVk. 1913,
164; Schönwerth Oberpfalz 1, 153; Grimm
Mythol. 3, 459 Nr. 728. 127 ) Strackerjan
1, 3 2 - 128 ) Knoop Hinterpommern 153; Pol¬
linger Landshut 243. 129 ) Grimm Mythol.
3, 449 Nr. 455. 13 °) Andree Braunschweig 285.
131 ) Schulenburg 107. 132 ) Drechsler
1, 178. 133 ) ZfVk. 23, 277. 134 ) Meyer Aber¬
glauben 221; Schütze Holst. Idiot. 4, 24.
135 ) Grimm Mythol. 3, 463 Nr. 817; 436 Nr. 41.
13# ) John Westböhmen 100; Grüner Egerland
1421
1•
35; Drechsler 1, 178. 137 ) Andree Braun¬
schweig 285. 138 ) Sartori 1, 21. 139 ) Wolf
Beiträge 2, 372; Boeder Ehsten 43. 14 °) Grimm
Myth. 3, 459. 141 ) Höhn Geburt 257; Urquell
2, 115; vgl. auch Hillner Siebenbürgen 13.
142 ) SchwVk. 5, 46. 143 ) Grimm Myth. 3, 449
Nr. 459; ZfVk. 9, 443; Hoffmann-Krayer 23;
Hesemann Ravensberg 58; ZfVk. 17, 164.
144 ) Drechsler 1, 178. 145 ) Grimm Mythol.
3, 458 Nr. 702. 146 ) Panzer Beitrag 1, 262;
Wuttke § 571; Birlinger Aus Schwaben 1,
392; Grimm Myth. 3, 444 Nr. 293. 147 )
Drechsler 1, 178. 148 ) Panzer Beitr. 2, 298;
Grimm Mythol. 3, 449 Nr. 465; (Keller) Grab
des Aberglaubens 5, 297. 149 ) ZfVk. 1, 183;
Bartsch Mecklenburg 2, 41; Grüner Eger¬
land 35; Höhn Geburt 257; Jensen Nord¬
fries. Inseln 2i6f. 15 °) Drechsler 1, 178.
151 ) Ebd.; Wuttke § 571; Meyer Baden
387; Gaßner Mettersdorf 9. J52 ) Meyer Baden
393. 153 ) Drechsler 1, 179. 154 ) Urquell 1, 132.
1 55 ) Wuttke § 571. 156 ) Meyer Aberglauben
221; Grimm Myth. 3, 468 Nr. 924. 157 ) Wutt¬
ke § 572 (Thüringen). 158 ) ZföVk. 5, 137;
Schönwerth Oberpfalz 2, 62. 159 ) ZfVk. 7, 45.
ieo ) Urquell 4, 188. 161 ) Grimm Myth. 3, 459-
162 ) Grimm Myth. 3, 459. 163 ) Urquell 3, 184.
164 ) Liebrecht Zur Volkskunde 314.
165
)
Wuttke § 572. 166 ) Liebrecht Zur Volksk.
314. 167 ) Schulenburg 107. 168 ) Andree
Braunschweig 285; Sartori 1, 21. 169 ) Wuttke
372. 17 °) ZfVk. 23, 278; Megenberg 419;
ZfrwVk. 1913, 163. 171 ) Drechsler 1, 179.
172 ) Andree Braunschweig 2S5. 173 ) ZfVk.
4, 50. 174 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 152.
175 ) Grüner Egerland 35; John Westböhmen
100. 176 ) Höhn Geburt 256; ZfrwVk. 1906,
231; Seefried-Gulgow'ski Kaschubei 120.
177 ) Grüner Egerland 35; John Westböhmen
100. 178 ) Liebrecht Zur Volkskunde 321t.
179 ) Schulenburg 108. 18 °) Kück Lüneburger
Heide 7.
V. Die Sch.e bedarf einer inneren und
äußeren Ruhe; deshalb fürchtet man
für sie und das Kind, wenn sie erschrickt
oder in Unruhe gebracht wird 181 ). Sie darf
sich nicht ärgern oder auf regen, sonst
wird das Kind ein Schreihals 182 )
oder wird zornig 183 ) oder bekommt
Krämpfe 184 ). Sie darf sich nicht sto¬
ßen 185 ) (Kind bekommt Beulen) und
nicht fluchen 186 ).
Sie muß dafür sorgen, daß sie nichts
Häßliches sieht 187 ) (man verbirgt vor
ihr Gebrechen) 188 ), sondern schöne Dinge
betrachten, damit sich ,,die Frucht nach
dem Gedankengang der Mutter ent¬
wickelt“ 189 ). So mögen schöne Menschen¬
statuen (Griechenland), Heiligenbilder und
Engelsbilder 190 ) in den Ruf kommen, die
Züge des Kindes der sie an schauenden
Sch.en mit zu veredeln 191 ).
Das ,,Versehen“ 192 ) (Vergucken, Ab¬
gucken, Abschauen) 193 ) gilt dem Aber¬
glauben als eine große Gefahr (bisweilen
auch beim Vieh) 194 ) und als Ursache vieler
Schäden am Kind 195 ), die ihrerseits wohl
die immer neue Ursache und Bestätigung
dieses alten 196 ) Aberglaubens liefern 197 ),
der ja einen sachlichen Grund hat als
Warnung, die werdende Mutter in ihrer
besonderen Schutzbedürftigkeit und Emp¬
findlichkeit vor Schreck und ungewöhn¬
lichem Anblick zu bewahren, Volks¬
medizin und Aberglaube sind hier
völlig untrennbar 198 ).
In einem Ratsprotokoll der Reichs¬
stadt Hall von 1622 heißt es: ,,Der
kröpfend Bettelvogt soll seines Unfleißes,
absonderlich aber des abscheulichen Krop¬
fes, der kindenden Weiber wegen, ab¬
geschafft werden“. Die große Angst
vor Mißgeburten, die man sofort ver¬
scharrte 199 ), steigerte die Scheu vor
dem „Versehen“, und viele Verbote 200 )
und auch Vorrechte 201 ) der Sch.en er¬
klären sich daraus.
Selbst die unerwünschte Rothaarig¬
keit der Kinder erklärt man als Folge
des Versehens der Sch.en an rothaariger
Nachbarin 202 ) (oder Eichhörnchen) 203 )
oder des Erschreckens über Rothaarige 204 ),
wie man ihr blasses Aussehen oder die
Skropheln der Kinder (als „Hurenübel“)
mit Versehen an einer Leiche 205 ), an
Sterbendem 206 ) oder an einer unehelichen
Sch.n 207 ) erklärt.
Versieht sich die Sch. an einem Seil¬
tänzer, so bekommt das Kind schlen¬
kernde Glieder und kann nicht gehen
und stehen 208 ), versieht sie sich im
Schreck an Maus oder Hund, so be¬
kommt das Kind Mäusehaut oder Hunde¬
füße 209 ), an einem Hasen (s. o.), so
bekommt das Kind ein zitterndes Kinn 2093 )
oder eine Hasenscharte 210 ). Er¬
schrecken vor Mäusen und Fröschen
bringt dem Kinde einen diesen Tieren
ähnlich gestalteten Auswuchs 211 ) oder
ein Mal 212 ) (Mäusefleck).
Dieses Mal bei schreckhaftem Ver¬
sehen an Frosch, Maus, Schlange u. a.
entsteht zumal, wenn die Sch., statt den
Arm auszustrecken 213 ), im Schreck sich
mit der Hand berührt (an der Stirn usw.),
und zwar beim Kind an der gleichen
Stelle 214 ). Besonders gilt das vom
Feuermal als Folge des Versehens an
Brand und Feuer 215 ).
Aber auch wenn die Sch. ein Gelüst
auf etwas hat und sich dabei anfaßt 216 ),
oder kratzt 217 ), oder beim Beerensuchen
fällt und sich mit Blick aufs Beeren-
Körbchen anfaßt 218 ), oder beim Holz¬
hacken, von einem Scheit getroffen, sich
anfaßt und womöglich in den Spiegel
schaut 219 ), entsteht so ein Mal beim
Kind. Weder den alten Donnergott
noch den Teufel noch Elben und
Geister wird man für die Erklärung
dieses Aberglaubens nötig haben; des¬
halb ist wohl auch die Warnung an die
Sch., beim Backen der Fastnachtsküch¬
lein sehr vorsichtig zu sein, weil die ihr
etwa anspritzenden Ölflecke dem Kinde,
das sie trägt, an der betreffenden Stelle
auf die Haut kommen, nicht mit Höfler
dahin zu erklären, daß die Ölflecke
sprachlich (volksetymologisch) entstellte
Elbflecke seien, ,,Hautmale, die die Elben
(Alp) zur Strafe für das versagte Dämo¬
nenopfer (Kultspeise) erzeugen“ 22 °).
Als Mittel gegen die Gefahr des‘Ver¬
sehens empfiehlt der Aberglaube mög¬
lichste Vorsicht und Zurückhaltung 221 ).
,,Guck nit üm, was Schwarzes kümmt“,
sagt man in Unterfranken zur Sch.n,
wenn eine Mißgestalt in Sicht ist 222 ).
Andererseits bannt man die Gefahr, in¬
dem man die betreffende Person oder
Sache fest ansieht 223 ), die Hand im
Gürtel 224 ) oder solange hinsieht, bis
„das Zittern wieder aus den Knochen
ist“ 225 ); oder die Sch.e muß in die rechte
Hand schauen 226 ), die Hand an der
Schürze abreiben oder die Arme zurück¬
nehmen und sagen: „Weggesagt“ 227 ),
wie ja immer der Volksglaube sich mit
dem Glauben an die Macht des Wortes
zu helfen sucht gegen die Drohung der
bösen Zufälle und Dämonen.
181 ) Ploß Weib i, 953ff.; Hovorka-Kron-
feld 2, 545ÜF. 182 ) Andree Braunschweig 285.
183 ) Höhn Geburt 258. 18< ) Meyer Baden 37;
Lammert 122. 185 ) Höhn Geburt 257. 18< )
Baumgarten Aus der Heimat 3, 5: Wuttke
§ 572. 187 ) Drechsler 1, 177; Grüner Eger-
land 34. 188 ) StoW Zauber glaube 110. 189 ) Me-
genberg Buch der Natur 419. 19 °) Höhn Ge¬
burt 257. 191 ) Lammert 159. 192 ) Vgl. bes.
f. das „Versehen“ der Sch.n und seine Ver¬
breitung G. v. Weisenburg Das Versehen der
Frauen in Vergangenheit u. Gegenwart Leipzig
1899; Stern Türkei 2, 290; Tetzner Slaven
373; Gaßner Mettersdorf 8; Hillner Sieben¬
bürgen 10; Wrede Rhein. Volksk. 106; Schultz
Alltagsleben 193: Alemannia 25, 104; Grüner
Egerland 34; Pollinger Landshut 238. 193 )
Meyer Baden 387. 194 ) Vgl. Schönwerth
Oberpfalz 1, 239; Kuhn u. Sch wart z 450; Kuhn
Märkische Sagen 380. 195 ) Manz Sargans 86;
Ploß Kind 1, 43h. Vgl. allgemein Jensen
Nordfries. Inseln 261 f.; Birlinger Schwaben
1, 391; Drechsler 1, 177f. 196 ) Beispiele aus
alter Zeit bei Kellner synops. ephemerid. acad.
nat. curios. 664. 197 ) Stoll Zauberglauben in.
198 ) Kelly Zs. f. Kinderforschung (Langen¬
salza) 24 (1919), 215ff.; Rohleder Archiv f.
Frauenk. u. Eugenik 6 (1920), 86, 96. 199 )
Lammert 170. 20 °) John Erzgebirge 47.
201 ) Höhn Geburt 258. 202 ) Stoll Zauberglauben
109. 203 ) Seefried-Gulgowski Kaschubei 120.
204 ) ZfrwVk. 1913, 163. 205 ) Köhler
Voigtland 435; John Westböhmen 100; Kuhn
Mark. Sagen 383. 206 ) Pollinger Landshut 296.
207 ) ZfVk. 11, 312; Wigström Allmogeseder 5r.
208 ) Lammert 141. 209 ) Manz Sargans 86;
Höhn Geburt 256. 209a ) John Westböhmen 100.
21 °) Schramek Böhmerwald 179. 2U ) Drechs¬
ler 1, 178. 21Z ) ZfrwVk. 1913, 163; Andree
Braunschweig 285. 213 ) Höhn Geburt 256.
2U ) John Erzgebirge 47; SAVk. 21, 227.
215 ) John Westböhmen 100; Drechsler 1, 178;
Andree Braunschweig 285. 2l8 ) Schramek
Böhmerwald 179; SAVk. 21, 227. 217 ) Groh-
mann 114. 2l8 ) Stoll Zauberglauben 118.
219 ) ZfrwVk. 1913. 163. 22 °) Urquell N. F.
1 (1897), 105; Höfler Krankheitsnamen
887; ders. Fastengebäcke 41. 221 ) Vgl. Hillner
Siebenbürgen i2f. 222 ) Lammert 159. 223 )
Meyer Baden 387; John Westböhmen 100.
224 ) Urquell 4, 188; Höhn Geburt 256. 225 ) An¬
dree Braunschweig 285; Bartsch Mecklenburg
2, 41. 226 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 153.
227 ) Wuttke § 572.
VI. Mit Rücksicht auf leichte Ge¬
burt (s. d.) wird der Sch.n verboten,
Wäsche aufzuhängen 228 ), Faden zu zwir¬
nen 229 ), sich auf verschließbaren Kasten
zu setzen 23 °), Birnen von veredeltem
Weißdorn oder Früchte von einem Baum
mit zweierlei Fruchtarten zu essen 231 ),
über Kreuzweg zu schreiten 232 ), unter
etwas durchzukriechen 233 ), geistige Ge¬
tränke zu trinken u. a. m. 234 ). Sie soll
auch nicht bei der Geburt helfen 235 ),
1425
Schwangerschaft
1426
kein trächtiges Pferd sehen 236 ) oder die
Kuh zum Zuchtochsen führen u. a. m. 237 )
(s. Geburt und Empfängnis).
Sie darf keinem Pferd oder Ochsen aus
ihrer Schürze zu fressen geben, sonst
muß sie das Kind 12 Monate tragen 238 ).
Andernorts wird gerade dies empfoh¬
len 239 ) und ihr geraten, mit Hafer in der
Schürze den Schimmel um baldige Ent¬
bindung zu bitten 240 ).
Erwähnt sei auch hier der Kleider-
und Schuhwechsel zur Förderung der
Schs. 241 ), das Durchkriechen, z. B.
unter der Wagendeichsel 242 ), unter der
Stute usw. 243 ) (in Armenien z. B. das
Durchgehen unter einem Kamel) 244 ).
Andererseits soll die Sch. um der leichten
Geburt willen (daß sich das Kind nicht
„verschlingt“, s. o.) alles Verstrickte
und Hängende meiden, durch keine
Waschleine hindurchgehen und durch
keinen Zaun kriechen; elf Monate statt
neun muß sie tragen, wenn sie über
einen Pferdestrick, mit dem ein Mutter¬
pferd angebunden war, schreitet 245 ).
Volksmedizinisch bemerkenswert ist
der Aderlaß mit anschließendem Nach¬
barinnenkaffee 246 ) während der Schs.
und der abergläubische Gebrauch einer
besonderen Leibkette 247 ), welche nach
serbischem Glauben ein junger Schlosser
um Mitternacht anfertigen muß 248 ).
Natürlich ergibt sich der Sch.n in ihrer
zu frommen Gedanken neigenden Sorge
und Hoffnung auch innerhalb des eigent¬
lich Religiösen viel abergläubisches
Tun, und neben das bei Heiden wie
Christen übliche Beten und Opfern um
gesegnete Schs. und leichte Geburt treten
viele fromm gebrauchte Zaubermittel.
Sie trägt einen Zettel, beschrieben etwa
mit einem Psalm, auf der bloßen Haut 249 )
u. a. m. 25 °). Wie sie fromm noch zum
Abendmahl oder zum Bild des Hei¬
ligen gehen zu müssen glaubt 251 ), so
nimmt sie im Aberglauben an, es fördere
ihre Schs., wenn sie dabei über die Rinne
von einem Glockenguß springt 252 ) oder
wenn die dreimal „mit der Sonne“ (vgl.
germ. Brauch in Island) um die Kapelle
schreitet 253 ) (Vgl. andernorts die Schs.-
Zeremonien, von Priestern vollzogen 254 ),
oder die rituellen Tauchbäder der Sch.n,
im 5., 7., 9. Monat je neunmal, usw.) 255 ).
228) Wuttke § 572. 229 ) Kohlrusch Sagen
340. 23 °) Drechsler 1, 179. 231 ) Höhn Geburt
257; ZfVk. 23, 277. 232 ) Schönwerth Ober¬
pfalz 1, 152. 233 ) Ploß Weib 1, 412; Liebrecht
Zur Volksk. 369; Panzer Beitr. 2, 301. 234 )
Alemannia 25, 36. 235 ) Grüner Egerland 35.
236 ) ZfdMyth. 1, 200. 237 ) Drechsler 1, 178.
238 ) ZfdMyth. 1, 206; Drechsler 1, 179; SAVk.
14, 292. 239 ) Z. B. Schönwerth Oberpfalz
1, 325; Boeder Ehsten 45L; Brauner Cu-
riositäien (1737), 491: Grimm Myth. 2, 549;
3, 445. 24 °) Wolf Beiträge 407; Wuttke
§ 174. 573. 241 ) Boeder Ehsten 45L; Grimm
Myth. 2, 983. 242 ) Grimm Myth. 2, 440. 243 )
Hoffmann-Krayer 23. 244 )ZfVk. 12, m. 245 )
Grimm Myth. 3, 447. 458. 469. 465. 246 ) Zfrw¬
Vk. 1913, 163. 247 ) Antropophyteia 3 (1906), 34.
248 ) Seligmann 2, 8 f. 249 ) ZfVk. 23, 62.
25 °) Vgl. die Sitte des sog. „Apostelziehens“;
Grimm Myth. 3, 418 Nr. 39. 251 ) Alemannia
27, 227; Meyer Baden 535. 252 ) Grimm Myth.
3, 446 (Chemn. Rockenphilos.); Prätorius
Phil. 209. 253 ) Knuchel Umwandlung 9.
254 ) ZfVk. 20, 162 (Indien). 255 ) Urquell 4, 188.
VII. Die Vorstellungen von anormal
verursachter Schs. (s. Empfängnis),
etwa durch Sonne 256 ), Mond 257 ), Wind 258 ),
Teufel oder Baumgeister 259 ) u. a., wie
die anderen von anormaler Art (das
sch.e Bein und die Bezeichnung „groß-
fot“ für Sch. 26 °) oder Dauer der Schs. 261 ))
sind im allgemeinen unter Empfängnis
und Geburt behandelt (In einer Würz¬
burger Urkunde des Jahres 1437 wird
die Möglichkeit zwei- oder dreijähriger
Schs. betont mit Hinweis auf Rüben¬
oder Komsaat, die bisweilen erst im
zweiten oder dritten Jahr auf geht) 262 ).
Vielfach gibt es die Schwanger¬
schaftsorakel (s. J ungf rauenprobe),
die entweder die Tatsache der eingetre¬
tenen Schs. oder die Tage ihrer Dauer
oder das Geschlecht des Kindes (s. Kind)
angeben sollen. So tut die Sch. Alkohol¬
getränk auf metallenen Löffel oder eine
Nähnadel in kupfernes Gefäß mit Flüssig¬
keit (Urin) und läßt es über Nacht stehen.
Bricht sie sich dann nach dem Getränk
oder zeigt die Nadel rote Flecke, so ist
die Frau sch. 263 ). Oder sie läßt Stute
oder Füllen aus ihrem Fürtuch fressen.
Die Zahl der übrig bleibenden Körner
zeigt die Tage bis zur Geburt an 264 ).
Die Versuche, das Geschlecht des Kindes
1427
Schwanstein—Schwanz
1429
Schwanz
1430
1428
zu erraten, beherrschen die ganze Zeit
der Schs. 265 ). Die mühsamere, schwerere,
unruhigere (auch längere!) Schs. zeigt
den Knaben an 266 ). Kopfschmerz (Zahn¬
schmerz) wird männlichem, Sodbrennen
weiblichem Kind zugesprochen 267 ). Haut¬
farbe, Brust, Form des Leibes, Art der
Schs.-Gelüste geben weitere „Auskunft".
238 ) Bolte-Polivka 3, 89. 257 ) Schön¬
werth 2, 63. 258 ) Gerhardt Franz. Nov. 73.
259 ) Frazer 2, 50 ff. z6 °) ZfdMyth. 4, 430;
Liebrecht Zur Volksk. 491. 261 ) Vgl. Roscher
Die Zahl 50 3; Schönwerth Oberpfalz i, 154
u. a. 2Ö2 ) Lammert 157. 263 ) Ders. 158; Ur¬
quell 5, 179. 264 ) Panzer Beitrag 2, 301;
Wuttke § 348. 265 ) Grimm Myth. 2, 936.
266 ) ZfVk. 17, 163. 267 ) Schramek Böhmer¬
wald 179; Lammert 251; Andree Braun¬
schweig 285 u. a. 268 ) Z. B. St oll Zauberglaube
72. 109; Megenberg Buch der Natur 32; Ur¬
quell 4 (1893), 117; ZfdMyth. 3, 314; Ploß
Weib 1, 835ff. u. a. Kummer.
Schwan&tein, Adebarstein. Die großen
Granitblöcke, die an der Küste von
Jasmund zerstreut liegen, werden von
den Saßnitzern S.e genannt. In ihnen
verschlossen liegen die kleinen Kinder.
Fragt ein Kind seine Mutter, woher die
kleinen Schwankinder kommen, so lautet
die Antwort: „Aus dem S.; der wird
mit einem Schlüssel aufgeschlossen und
ein Schwankind herausgeholt". Andere
Steinblöcke werden als Adebarsteine be¬
zeichnet, auf denen der Storch die kleinen
Kinder, nachdem er sie aus der Ostsee
geholt hat, trocknet, bevor er sie den
Müttern ins Haus bringt. Aus dem Ade¬
barstein bei Gristow in der Nähe Cammins
besorgt der Storch den Kindervorrat
von Cammin. — Unter Adebarsteinen
versteht man auch kleine, runde, glatte
Steine von schwarzer oder milchweißer
Farbe. Diese werfen die Kinder rück¬
wärts über den Kopf und bitten dabei
in einem Sprüchlein den Adebar um
ein Brüderchen oder Schwesterchen 4 ).
0 Haas Rügen 147 f.; Urquell 5, 254 ff.;
Jahn Pommern 390 Nr. 497; Dieterich Mutter
Erde z 20 1 . Vgl. Kleinkindersteine.
f Olbrich.
Schwanz.
Geister sind mit Sch. ausge¬
stattet. Bei den Umzügen zu Fastnacht,
Pfingsten, am Maitag u. Johannistag sind
verkleidete und mit Kalbssch. versehene
Burschen, die offenbar den stier- oder
kuhgestaltigen Geist, das Pflanzen Wachs¬
tum darstellen 1 ). Bei Worbis ziehen die
Schäfer am Donnerstag vor Fastnacht
mit einer Art Schüttegabel umher und
sammeln Würste ein („Der Rehschwanz
geht herum") 2 ). Aus dem Wort folgert
Mannhardt, daß ehemals ein blutiger
abgehauener Sch. umhergetragen wurde,
wie man in Westfalen einen lebendigen
Fuchs herumtrug, dem der Sch. ab¬
geschlagen war 3 ). Auch dieser Fuchs
ist eine, besonders in Frankreich bekannte,
Darstellung des Korndämons. Hierzu
gehört auch, daß der Schnitter oder
Drescher des Letzten das entweichende
Komtier beim Schw. ergreift, das „Hasen-
schwänzle", den „Zagei" hat und daß
in Ober Österreich der Drescher, der den
letzten Schlag tut, „Saufud" heißt. Er
erhält beim Dreschermahl vom Schweine¬
braten das Stück mit dem Sch. 4 ). Wenn
in Kurland die erste Gerste gesät wird,
kocht man Schweinerücken, schlägt den
Sch. ab und steckt ihn in den Feldrain.
So lang wie der Sch. ist, sollen die Ähren
wachsen. Ein Rest des Getreidetiers also
soll dazu dienen, dieses selbst in der neuen
Vegetation wieder zu gebären 5 ). Ein
verwandter Fruchtbarkeitszauber ist in
der schwäbischen Hochzeitssitte zu sehen,
wo man der Braut zum Schluß des Mahls
eine verdeckte Schüssel reicht, in der
sich das Schweifchen des gebratenen
Schweines befindet 6 ). Bei den Römern
wurde der Sch. des als Opfer dargebrachten
Oktoberrosses abgehauen und in eiligem
Lauf zur Regia getragen, daß das warme
Blut noch auf den Focus tropfen konnte 7 ).
Auch bei dem jüdischen Passahfest findet
sich eine ähnliche Sitte 8 ). Hierher gehört
wohl auch der Brauch, am Fastnachts¬
dienstag einen Strohkerl mit langem
Sch. aufzuhängen. Wer ihn beim Springen
herunterwarf, mußte Branntwein geben 9 ).
Auch andere Geister erscheinen
in den Vorstellungen mit Sch. ausge¬
stattet. So hat die nordische Göttin
Huldra einen Kuhschwanz. Dieser ist
auch das Kennzeichen der unterirdischen
Bergfrauen, der einstigen Bewohnerinnen
des himmlischen Wolkenberges 10 ). Der
T e u f e 1 hat ebenfalls einen Kuhschwanz 11 ),
und auch die Sturmdämonen sind mit
einem Sch. versehen (Sturmsau, Wirbel¬
wind = Sauschwanz) 12 ). In der Magde¬
burger Börde ist die Redensart „ets
suschtaert = es stürmt" 13 ). Der wilde
Jäger hat Hunde, auf deren Sch. ein
Licht brennt 14 ).
*) Mannhardt Forschungen 64. 2 ) Ebd.
191. Dazu Pollinger Landshut 214 (der
Pfingstlümmel); Schönbach Berthold v. R.
109. 3 ) Woeste Mark 27 = Mannhardt For¬
schungen 110. 4 ) Mannhardt Forschungen 186
= Sartori 2, 104. 5 ) Ebd. 183 t. 6 ) Bavaria
2, 1863; Köhler Voigtland 237 = Mann¬
hardt Forschungen 186. 7 ) Mannhardt For¬
schungen 139. 8 ) Ebd. 176. Zu dem Ganzen:
Grimm Myth. unter Sch. 9 )Hiiser Beiträge z,
33. 10 ) Mannhardt Germ. Mythen 80. Dazu
Grimm Myth. 1, 223. n ) Ebd. 2, 830. 12 ) Laist-
ner Nebelsagen 279. 13 ) Stephan Askanische
Volkskunde 8. 208. Dazu Kuhn u. Schwartz
XXVII; Bartsch Mecklenburg 1 Nr. 142.
14 ) Müllenhoff Sageii 338.
Der Sch. im Brauch. Am Neujahrs¬
morgen zwickt man jedes Stück Vieh in
den Sch., bis Blut fließt, dann bleibt es
im Jahr von Rotlauf verschont 15 ). Ist
das Vieh aufgetrieben, so schneidet man
es in den Schweif 16 ). Um Schweine vor
dem Verfangen zu schützen, hält man sie
beim Herauslassen am Sch. fest, bis sie
schreien 17 ). Ein Stück vom Sch., dazu
ein dreieckiges Loch ins Ohr ist ein Mittel
gegen Geschwulst beim Schwein 18 ). Die
Spitzen der Sch.federn schneidet man
jungen Gänsen ab, um sie damit zu
räuchern lö ). Den Hühnern schneidet
man am Aschermittwoch die Sch.federn
ab, damit sie die Eier nicht verlegen
und tut die Federn büschelweise ins
Nest 21 ). Um Tauben zu halten, rupft
man ihnen drei mittlere Sch.federn aus
und wirft sie in eine Ecke des Tauben¬
söllers oder verbrennt sie 22 ). Damit die
Kuh nicht so lange nach dem Kalbe
schreie, stößt der Metzger beim Abholen
das Kalb mit dem Sch. an das Maul der
Kuh 23 ). Der Kuhschwanz diente früher
an Tor und Tür als Handhabe wie ein
Riemen zur Klinke 24 ). Dem Gemeinde¬
stier kämmt und schmückt man den
Sch. vor dem ersten Weidegang 25 ). Der
Lindwurm hat das Leben im Sch., deshalb
schlägt ihm der Kämpfer diesen ab 26 ).
Der Sch. als Apotropäon. Wenn
man im Hof einen Wolfsschwanz ver¬
gräbt, wagt sich kein Wolf hinein. Hängt
man ihn am Hause auf, so kommen
keine Fliegen hin 27 ). In Frankreich
schützt ein angenagelter Wolfsschwanz
allgemein vor Zauber 28 ). Der Fuchs¬
schwanz zwischen die Augen des Pferdes
gehängt, bringt Schutz gegen den bösen
Blick 29 ), ein Eidechsenschwanz in Lorient
gegen Behexung 30 ), ebenso ein Gürtel
aus den Sch.haaren des Esels für Schwan¬
gere in Serbien 31 ). Hierher gehört wohl
auch der Brauch, Haare aus dem Sch.
des Hornviehs in die Spitze der Geißel
zu flechten 32 ). Haare aus dem Kuh¬
schwanz dienen zur Verhexung Land¬
streicher tragen einen Eselschweif gegen
Läuse 34 ). Die Birchmäuse, die ein
Knötchen im Sch. haben, bringen dem
Senner Segen 35 ).
Auch in der Volksmedizin erscheint
der Sch. Sieben Tropfen Blut aus der
abgehauenen Sch.spitze der Katze sind
gut gegen Epilepsie (Westfalen). Gegen
Schnupfen und Katarrh rieche man an
der Sch.spitze einer schwarzen Katze 36 ).
Kuhschwanz gekocht ist gut gegen Durch¬
fall 37 ).
In Indien führt man an das Lager eines
Sterbenden eine Kuh mit Kalb. Der
Sterbende ergreift sie am Sch., damit sie
ihn wohlbehalten in die andere Welt
geleite 38 ). Das Anklammem an den
Schweif des Rosses bekundet Zugehörig¬
keit zu diesem und seinem Reiter 39 ).
Beim Verkauf eines Stücks Vieh ist
es heute noch weitverbreitete Sitte, das
Sch.geld zu geben 40 ), wohl ursprünglich
Geld, das für den Sch. des Tieres gerechnet
wird. Vgl. dazu Schwänzelgeld, Schwän¬
zelpfennig, auf den Sch. schlagen 41 ).
Wird das Sch.geld eines verkauften
Schweines zum Ankauf eines neuen ver¬
wertet, so wird dieses um so fetter 42 ).
15 ) ZfVk. 12. 421 = Sartori 3, 68.
16 ) Schramek Böhmerwald 286. 17 ) Wutt¬
ke 438 § 688. 18 ) Drechsler 2, 181.
19 ) Wuttke 432 § 677; Wirth Beiträge 4/5,
19; Frischbier Hexenspr . 128. 20 ) John
Westböhmen 47. 21 ) Wuttke 430 § 674. 22 ) Ur¬
quell 3. 175 = Drechsler Haustiere 11.
23 ) Engelien u. Lahn 271 — Sartori 2,
142. 24 ) ZfVk. 9 (i899), 92. 25 ) Sartori 2,
1431
schwarz
schwarz
1434
1432
154. 26 ) Witzschel Thüringen 1, 284 Nr. 291.
27 ) Andree Braunschweig 401. 28 ) Seligmann
Blich 2, 134. 29 ) Ebd. 118. 30 ) Ebd. 116.
31 ) Ebd.; vgl. ferner 8. 117.130.133. 32 ) Schön¬
werth Oberpfalz 1, 348. 33 ) Drechsler 2, 311.
34 ) Alpenburg Tirol 390. 35 ) Heyl Tirol
790 Nr. 169. 36 ) Wuttke 266 § 390. 37 ) Schu¬
lenburg 106. 38 ) ZfVk. 11 (1901), 407. 39 ) Ebd.
40 ) Wirth Beiträge 4/5 S. 10. 41 ) Grimm DWb.
Schwanz. 42 ) John Erzgebirge 226. Wirth.
schwarz.
1. Terminologie und Etymologie. 2. Dämonen -
und Geisterfarbe. 3a. Zauberfarbe, b. Schutz¬
farbe. 4. Symbolik. 5. Allerlei Aberglauben.
1. Ursprünglich ist s. keine genaue
Farbenbezeichnung, sondern geht mehr
auf die dunklere Färbung im Gegensatz
zu weiß, hell, licht. So spricht man heute
noch von einer s.en Wolke, einem s.en
Wald (z. B. Schwarzwald) usw. *). S. ist
gemein - germanischer Ausdruck (ahd.
swarz ,,dunkelfarbig, s.“, got. swarts,
anord. svartr, ags. sweart, engl, swart,
ndl. zwart; vgl. anord. sorta ,,s.e Farbe“ —
Sorte„s.eWolke“, lat.sordes,,Schmutz“ 2 ))
für „die Abwesenheit jeglichen Licht¬
effekts auf die Netzhaut des Auges“, wo¬
für u. a. folgende indogermanischen Be¬
zeichnungen gelten: scr. kala-„schwarz“,
griech. xsXatvoc, lat. caligo „Dunkel¬
heit“; scr. malinä- „schwarz“ (mala-
„Schmutz“, griech. piXcte, lett. melns 3 )).
Vgl. auch Blau. Das Nhd. kennt folgende
Ausdrücke für bestimmte Nuancen: „dia-
mant-, ebenholz-, floh-, kohl-, kohlen-,
kohlraben-, lampen-, mohren-, nacht-,
pech-, pechteer-, pudel-, raben-, ruß-,
teer-, tief-, tinten-, torfschwarz; s.blau,
s.braun, s.rot 4 ).
*) Paul Deutsches Wb. 480. 2 ) Kluge Etymo¬
log. Wb. 418. 3 ) Schräder Reallex. 2 2, 358.
4 ) Urquell N. F. 1 (1897), 247 f.
2. Die Dunkelheit der herauf ziehenden
Nacht, die alles in ein gleichmäßiges S.
hüllt und die bisher deutlich zu sehenden
Gegenstände nur in ungewissen Umrissen
sichtbar werden läßt, dazu die plötzlich
einsetzende, unheimliche Stille, das alles,
Ursache und Wirkung, ist für primitives
Denken der Tätigkeit böser Geister zu¬
zuschreiben, welche das Tageslicht scheuen
und in der Dunkelheit dem Menschen
zu schaden suchen. Entsprechend der
Zeit ihres Auftretens (zwischen Sonnen¬
untergang und -aufgang) zeigen sich diese
Wesen in dunkler, s.weißer oder s.er Ge¬
stalt 5 ). Zugleich ist s. die Farbe der
Unterwelt, des Totenreiches. Nach Pau-
sanias 5, 17.4 war auf der Kypseloslade
Thanatos s., Hypnos aber weiß darge¬
stellt. Der Nacht und dem Hesperus ver¬
liehen die Alten s.e Flügel (Eurip. Orest.
178; Statius Theb. 8, 159). Merkur, der
Götterbote und Geleiter der Totenseelen,
wurde mit halbs.em, halbweißem Pileus
dargestellt 5a ). Von chthonischen Gott¬
heiten wie Demeter, Persephone u. a.
gab es s.e Standbilder, mit denen letzten
Endes auch die s.en Marienbilder ver¬
wandt sind, wenn auch christliche Auf¬
fassung den Zusammenhang längst ver¬
gessen hat 6 ). Wie noch heute in der Wall¬
fahrtskirche zu Einsiedeln das Mutter¬
gottesbild Gesicht und Hände aus s.em
Holz hat, so stand zu Luthers Zeiten in
der Kreuzkirche zu Dresden „der s.e
Herrgott“, ein angeblich mit Menschen¬
haut überzogener, ganz s. aussehender
Crucifixus 7 ). Hel ist halb s., halb men¬
schenfarbig, wofür die deutschen Quellen
s. und weiß setzen. S.weiß ist die Göttin
der Unterwelt infolge ihrer Doppelnatur
als lebenspendende Erdgöttin und Herrin
des Totenreiches 8 ). S. oder s.weiß ist
auch die Kleidung der Klagemutter, eines
auch in Tiergestalt erscheinenden, tod-
ankündigenden Dämons 9 ).
S. ist vor allem der Teufel, weil s. zu¬
gleich die böse Farbe und die der Unter¬
welt ist. Er heißt darum vielfach ein¬
fach der „Schwarze“ 10 ). In manchen
Gegenden werden Leute, bei deren Un¬
glück der „Schwarze“ seine Hände im
Spiel haben soll, von ihren Mitmenschen
boykottiert X1 ). S. von Gestalt sind auch
die Hexen 12 ), bei deren Versammlung
Brot aus s.er Hirse gereicht wird 13 ).
Etliche opferten dem Teufel s.e Kerzen 14 ).
Einer, der mit dem Teufel einen Bund
geschlossen hatte, wurde nach dem Tod
ganz s. 15 ). Wer nachts in den Spiegel
schaut, über den hält der Teufel zwei
Finger, wovon der Mensch zeitlebens
ganz s. bleibt 16 ). Die Ausdrücke „s.e
Kunst, S.künstler“ u. a. beruhen auf
volkstümlicher Deutung von „Nekro-
mantie“ (s. d., Zwischenstufe: Nigro-
1433
mantie) usw. S. sind auch die den Men¬
schen feindlichen Elben und Zwerge 17 ).
Aufhockgeister heißen einfach die
„Schwarzen“ 18 ). Ein s.er Wassergeist
nimmt einen Knaben mit in die Tiefe 19 ).
Als s.er Mann, manchmal in Begleitung
eines weißen Vogels, oder als s.es Weib
schreitet die Pest, der s.e Tod 20 ), durch
das Land 21 ). In Rußland heißt eine Vieh¬
seuche „s.e Krankheit“, der süddeutsche
„Viehschelm“ ist ein s.er, hinten ver¬
wester Stier 22 ).
Nach dem Glauben der Tschuktschen
(NordostSibirien) saugt ein böser Geist
mit s.em Gesicht den schlafenden Men¬
schen das Blut aus der Kehle. Als s.es
Weib mit langen s.en Haaren sucht ein
böser Geist Wöchnerinnen und Kinder
zu töten (Sumatra). Auf Java wie bei
den Magyaren hält man das Alpdrücken
für ein s.es Weib, das sich den Schlafenden
auf die Brust setzt 23 ). Von der Mahr als
einer s.en Dame erzählt auch eine rhei¬
nische Sage 24 ).
Isländische Wiedergängerberichte aus
alter und neuer Zeit sprechen von „Blau-
männem“ (Mohren), d. h. sie verwerten
die durch die Erfahrung erwiesene Tat¬
sache, daß Leichen sich blau und s.
färben 25 ). Die übertreibende Phantasie
versieht dann den Dämon mit tiefs.er
Farbe, wie sie auch die Größe des Leich¬
nams steigert. Die allermeisten der s.en
Dämonen und Geister scheinen präanimi-
stischen Ursprungs zu sein. Wenn Hüne
(nach Siebs) „der Tote“, das Adjektiv hün
„dunkel, schwarz“ bedeutet 26 ), dann ist ein
Hünengrab das Grab der toten,s.en Männer.
Hierher gehört auch der von Jordan es
(c. 24) bezeugte gotische Glaube an die
dämonische Natur der Hunnen, deren
Name von Hoops zu dem germ. hün
gestellt wird. Eine andere s.e Dämonen¬
schar, das Totenheer, wird durch den
exercitus feralis der Harier dargestellt,
von dem Tacitus Germ. 43 berichtet 27 ).
Den Tod denkt sich das Volk vielfach
als langen, s.en Mann 28 ), der nachts am
Fenster des Hauses lehnt, in dem ein
Mensch stirbt; der Sterbende aber sieht,
wie er sich über ihn hinlegt 29 ). Der wüde
Jäger ist ein s.er Mann mit langem, s.em
Bart 30 ). Sein weibliches Gegenstück ist
die s.e, wilde Jägerin, die „Schwarze
Margaret“ 31 ). Wie der s.e Mann, so
dient auch mancherorts „die Schwarze“
als Kinderschreck 32 ). Aus s.en, mensch¬
lichen Gestalten besteht die wilde Jagd 33 ).
Eine andere Erscheinungsform des wilden
Heeres ist die gespenstische, s.e Kutsche
(Leichenwagen), die unter Lärm nachts
durch die Lüfte saust (s. Geister kutsche) 34 ).
S. oder, je nach dem Grad ihrer Erlösungs¬
fähigkeit, mehr oder weniger s.weiß, er¬
scheinen büßende Seelen (s. arme See¬
len) 35 ). Wenn ein Verbrecher stirbt,
wird er kohlrabens. 36 ).
Auch Vegetationsdämonen erscheinen
in s.er Gestalt, so Demeter jAstattva, der
Kommann, die Roggenmöhr, das „Hei-
gidle“ (Heugütel) und der Bilmesschnit¬
ter 37 ). Sie sind wahrscheinlich als Frucht¬
barkeit spendende Totendämonen, Vor¬
fahren, Tote aufzufassen 38 ).
Die menschliche Seele (s. Seelentier),
ferner Totengeister und Dämonen, bevor¬
zugen die Gestalt eines s.en Tieres 39 ).
Als s.er Hund (Pudel) geht der Teufel
um 40 ), s.e Hunde bilden einen Teil der
wilden Jagd 41 ) oder hüten Schätze 42 ).
Auch einzelne Totenseelen zeigen sich
als s.e Hunde, deren Erscheinen gewöhn¬
lich Unglück bedeutet 43 ). Gewaltig groß und
s. ist auch der Welthund 44 ). S.e Katzen
sind Hexentiere 45 ). Auch Kobolde 46 )
und Seelengeister bevorzugen die Ge¬
stalt s.er Katzen 47 ). Als solche drückt
auch die Drud (Mährt, Schrättele) 48 ).
Wer einen s.en Kater nährt, wird selbst
s. 49 ). Eine s.e Katze darf man nachts
nicht mit der rechten Hand schlagen,
sonst wird der ganze Arm lahm *°). Wer
Freimaurer werden will, muß in einem
s. ausgeschlagenen Sarg zusammen mit
einer Katze in tiefer Gruft einen Schwur
leisten 51 ). Als s.e, vielfach kopflose
Pferde 52 ) treiben ihr Wesen der Teufel 53 ),
Wassergeister 54 ) und büßende Seelen 55 ).
Auch s.e Kühe lassen sich sehen 56 ). Weit
verbreitet ist die sprichwörtliche Redens¬
art: „Die s.e Kuh drückt ihn, hat ihn
getreten“ für: „er fühlt Mangel, hat
schwere Sorge“ 57 ). In einem s.en
Schwein 58 ) oder einem s.en Bock 59 )
1435
schwarz
1436
kann ebenfalls der Teufel stecken oder
eine Hexe oder eine böser Geist. S.e
Vögel (Dohlen, Krähen, Raben u. a.)
können den Teufel, Hexen oder Toten¬
seelen beherbergen 60 ). Ein besonderes
Teufelstier ist eine s.e Henne 61 ), in deren
Gestalt auch einmal das Schrättele durchs
Kammerfenster hereinkommt 62 ). Eine
Henne, die ein s.es Ei legt, muß verbrannt
werden 63 ). Seelengeister spuken auch als
große, s.e, bärartige Ungetüme 64 ). Arme
Seelen leben als s.e Fische in kohls.em
Wasser 65 ). S.e Kröten und Schlangen
mit feurigen Augen schrecken den Schatz¬
gräber 66 ). Die Totenuhr (Erdammerl,
Erdschmied) denkt man sich als s.en
Käfer 67 ). S.e ,,bose, spitzige Würmer“
finden sich im Bett eines verhexten Mäd¬
chens 68 ). In Pforzheim hieß es im 18. Jh.:
„Wer nicht betet, dem holen die Schwa¬
ben (s.e Käfer, Würmer) das Mehl aus
dem Kasten“ 69 ).
Auch gewöhnlichem Spuk eignet be¬
sonders die s.e Farbe 70 ).
5 ) ZfVk. 23 (1913), 146 t. 8a ) Bachofen
Gräber Symbolik 5 ff. 6 ) Simrock Mythologie
480. 7 ) Meiche Sagen 960. 8 ) Simrock
Mythologie 58. 313; Schönwerth Oberpfalz
1, 269. *) Ebd. 1, 266 f. 10 ) Fischer Aberglaube
1; Fox Saarland 276; Gredt Luxemburg
Nr. 139; Haas Pomm. Sagen 4 f.; Rüg. Sagen
65; Kronfeld Krieg 37 f.; Meiche Sagen
408. 439. 462. 465. 473. 485. 515. 553; Schön¬
werth Ober pfalz 3, 322; Simrock Mythologie
480; Tharsander 2, 280. 453; SAVk. 8, 281;
ZfrwVk. 1910, 108 f. n ) ZfrwVk. 1910, 108.
12 ) Gredt Luxemburg Nr. 191. 13 ) Tharsander
2, 454. 14 ) Ebd. 2, 450. 15 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 69. 16 ) Fischer Aberglaube 199.
17 ) ZfVk. 23 (1913), 147. 18 ) Schmitt Hetlingen
7 Nr. 7. l9 ) Haas Pomm. Sagen 38; vgl. Schön¬
werth Oberpfalz 2, 184. 20 ) Müllenhoff
Sagen 24 1 Nr. 329. 21 ) Andree-Eysn Volks¬
kundliches 63; ZfVk. 23 (1913)» 14 7 ; 35 (1925)»
41. vgl. ebd. 167. 169; Schönwerth Oberpfalz
3, 17. 22 ) ZfVk. 23 (1913). 147 - 23 ) E t>d. 147 f -
24 ) Schell Berg. Sagen 373 Nr. n. 25 ) Vgl.
auch Strackerjan 2, 114. 26 ) Siebs Zfd-
Philologie 24, 155; HoopsG^rw. Abh.f. H. Paul
(1902) 178; doch s. a. Kluge EtWb. 259.
27 ) Naumann Gemeinschaftskultur 47 ff.
23 ) Mannhardt 1, 322; Schönwerth Ober¬
pfalz 3, 5. 29 ) Ebd. 3, 7. 30 ) Gredt Luxcm-
burg Nr. 274; Kuhn u. Schwartz 99 t.
Nr. 115; Schönwerth Oberpfalz 2, 150 t.
161. 3i ) Haas Pomm. Sagen 131; Knoop
Hinterpommern 34. 32 ) Panzer Beitrag 1, 19.
33 ) Luck Alpensagen 23. 79. 34 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 3, 127; Gredt Luxem¬
burg Nr. in; Haas Pomm. Sagen 13; Usedom
83; Meiche Sagen 183. 197; Ranke Sagen 91.
35 ) Baumgarten Aus der Heimat 3, 129;
Fox Saarland 274; Gredt Luxemburg Nr. 129;
Haas Pomm. Sagen 3. 6. 107; Rüg. Sagen
10. 106 f. 112; Usedom 151; Herrlein Sagen
des Spessarts 1, 28; Kuhn u. Schwartz 23
Nr. 30; 45 Nr. 47; 83 f. Nr. 92; Lütolf Sagen
171 f. Nr. 110; Meiche Sagen 35. 98. 115.
117. 403; Panzer Beitrag 2, 153; Pollinger
Landshut 103; Pröhle Harzsagen 170; Ranke
Sagen 107. 241; Rochholz Sagen 2, 94 Nr. 326;
Schön werth Oberpfalz 1, 282; 2, 175; 3, 143 ff.;
Wolf Hess. Sagen 104. 168. 176; ZfdMyth.
1 (1853), 191; ZfVk. 23 (1913)» 148; ZföVk. 6
{1900), 123; ZfrwVk. 1914, 280. 38 ) Birlinger
Aus Schwaben 1, 86; ZfVk. 37 (1927), 74.
37 ) Aberglaube u. Sympathie in der Altmark (Bis¬
marck 1894) 14; John Oberlohma 162; Meiche
Sagen 292. 308. 310; Ranke Sagen 149. 203;
Schön werth Oberpfalz 1, 429. 432. 38 ) Nau¬
mann Geyneinschaftskultur 120 f. 39 ) Haas Rüg.
Sagen 57; Usedom 86; Meiche Sagen 298 f.;
Ranke Sagen 1; Schönwerth Oberpfalz 3,
107; ZfVk. 3 (1893), 382; 23 (1913). I 47 -
40 ) Fox Saarland 243; Gredt Luxemburg
Nr. 133; Meiche Sage>i 69 f. 504; Schönwerth
Oberpfalz 2, 245; 3, 46. 56; Strackerjan 2,
114; Zingerle Tirol 58 Nr. 495; ZfVk. 23
(1913), 148. 41 ) Gredt Luxemburg Nr. 280;
Haas Pomm. Sagen 5; Schönwerth Oberpfalz
2, 158. 42 ) Haas Poynm. Sagen 9. 100; Rüg.
Sagen 14. 103; Knoop Hiyiterpommern 32;
Kuhn u. Schwartz 121 Nr. 138; 246 Nr. 272;
Meiche Sagen 56. 61. 72. 572; Ranke Sagen
116; Schönwerth Oberpfalz 2, 261; Wolf
Hess. Sagen 52; ZfVk. 29 (1919)» x 5 ’ 43 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 469; Becker Köln vor 60 Jahren
(1922) 17; Haas Pomm. Sagen 42; Usedom 151;
Meiche Sagen 52. 55. 59 t. 62. 406; Ranke
Sagen 234; Schönwerth Oberpfalz 2, 340t.;
Schullerus Siebenbürgen 135; Strackerjan
1, 314. 44 ) Kuhn u. Schwartz 255 Nr. 287.
4S ) Bartsch Mecklenburg 2, 140; Curtze Wal¬
deck 230 Nr. 57; 389 Nr. 100; Fogel Pennsyl¬
vania 140 Nr. 645; Fox Saarland 271. 277. 287;
Gredt Luxemburg Nr. 152. 174. 187. 200. 202;
Haas Rüg. Sagen 73; Usedom 65; Heyl Tirol
245 Nr. 60; Luck Alpensageyi 61; Meiche
Sagen 64; Meyer Baden 555; Ranke Sagen
16; Sartori Sitte u. Brauch 2, 130; Schön¬
werth Oberpfalz 3, 59. 190; Strackerjan 2,
114; Wolf Beiträge 2, 439; Hess. Sagen 50. 70t.;
Zimmermann Volksheilkuyide 11; Zingerle
Tirol 93 f. Nr. 804L; Urquell 1 (1897), 48;
ZfVk.i (1891), 180.191. 48 ) Kuhn u. Schwartz
421 Nr. 206. 47 ) Haas Pomyn. Sagen 11. 48 )
Haas Rüg. Sageyi 15; Schön werth Oberpfalz
1, 212; Zimmer mann Volksheilkunde 34.
49 ) Zingerle Tirol 93 Nr 798. 50 ) Schmitt
Hetlingen 16. 51 ) Haas Rügen. Sagen 82. 52 )
Haas Pomm. Sagen 103; Kuhn u. Schwartz
115 Nr. 128; Lütolf Sagen 430 Nr. 410c;
Schönwerth Oberpfalz 1, 325; Wolf Hess.
Sagen 25; ZfVk. 11 (1901), 417 f. 53 ) Toeppen
1437
schwarz
1438
Masuren 119. 54 ) Haas Poynyyi. Sagen 37; Rüg.
Sagen 43; Harrys Niedersachsen 1, 28ff. Nr. 11;
Luck Alpensageyi 39ff.; Ranke Sagen 201.
55 ) Lütolf Sagen 44 Nr. 15; Schönwerth
Oberpfalz 3, 192. 56 ) Gredt Luxemburg Nr. 131;
Kuhn u. Schwartz 259 Nr. 290, 2; Schön¬
werth Oberpfalz 1, 301 f. 57 ) Drechsler 2, 107L;
Engelien u. Lahn 283; Grimm Myth. 2,
554 » x » 3 » Haltrich Siebenb. Sachsen 360.
88 ) Schönwerth Oberpfalz 3, 26; ZfVk. 23
(1913), 148. 59 ) Haas Poynm. Sageyi j5] Usedom
64; Lütolf Sageyi 33 yÜ. Nr. 286a—c; Meiche
Sagen 461. 727. 740; Schönwerth Oberpfalz 3,
338. 60 ) Haas Pomm. Sagen 74; Köhler Voigt-
layid 288; Meiche Sagen 469. 480. 539. 544. 550.
636; Schönwerth Oberpfalz 1, 233. 267. 270; 3,
39. 108. 122; Zingerle Tirol 87 Nr. 738; ZfVk.
27 (1917), 68; ZföVk. 6 (1900), 210; ZfrwVk.
1900, 86. 61 ) Drechsler 2, 93; Meiche Sagen
690. 719; Schönwerth 3, m. 128; Stracker¬
jan 2, 114. 62 ) Ranke Sagen 5. 63 ) Zingerle
Tirol 82 Nr. 692. 64 ) Haas Usedom 82; Meiche
Sageyi 49. 85 ) Haas Poynm. Sagen 91; Schön¬
werth Oberpfalz 2, 230. 88 ) Meiche Sagen 277.
8: ) Schönwerth Oberpfalz 1, 271. * 8 ) Meiche
Sageyi 483. 69 ) Grimm Myth. 3, 455 Nr. 607.
70 ) BiPommVk. 5, 80 Nr. 12; Meiche Sagen
664; Strackerjan 2, 296; Wolf Hess. Sagen
102.
3 a. Als Zauberfarbe bewährt s. seine
kathartisch-lustrative Kraft 71 ) zunächst
im Heilzauber. S.e Tiere, die dabei
eine große Rolle spielen, sind wohl auf¬
zufassen als Krankheitsdämonen oder
als Opfer an solche oder chthonische Gott¬
heiten, wobei sich die kräftesteigernde
oder abwehrende Natur der Farbe be¬
sonders geltend macht. Will oder kann
z. B. ein Kind nicht essen, so gebe man
den Vögeln in der Luft oder einem s.en
Hund ein kleines Traktament (Land ob
der Enns, 18. Jh.) 72 ). In Berar (Nord¬
indien) opfert man bei einer Cholera¬
epidemie dem Totengott Yamaraja eine
ganz s.e Kuh 73 ). Der Kopf einer s.en
Katze, in einem neuen Topf verkohlt
und gepulvert und davon in das Auge
geblasen, hilft gegen verschiedene Augen¬
krankheiten 74 ). Blut aus dem Ohr einer
s.en Katze, mit Schweineschmalz und
dem Saft der Hauswurz vermischt, gibt
eine heilende Salbe 75 ). Drei Tropfen
solchen Blutes läßt man auf Brot fallen
und ißt es gegen Fieber (Schw.) 76 ).
Einem Kind, das Krämpfe hat, gibt man
Blut von einer s.en Katze zu trinken 77 ).
Hat jemand Fieber, so hetze er eine s.e
Katze so lange, bis sie tot liegen bleibt 78 ).
Die Korwar (Nordindien) jagen bei einer
Choleraepidemie einen s.en Hahn oder
eine s.e Ziege in ein anderes Dorf 79 ). In
Deutschland war ein s.es Huhn das häu¬
figste Opfertier bei Krankheits- und
Todesfällen 80 ). Nach der Zimmerischen
Chronik (2, 203) trug man 1538 aus Rohr¬
dorf (b. Meßkirch) einen Impotenten
nach Altheim (b. Überlingen) zum hl.
Pankraz, dem er eine s.e Henne opfern
mußte 81 ). Einem Kind, das Krämpfe
hat, macht man einen Umschlag mit
Federn, die einer s.en Henne unter dem
linken Flügel ausgerissen sind (Schles.) 82 ).
Warzen reibt man ein mit Blut von einem
ganz s.en Huhn 83 ). Eine Suppe von einem
ganz s.en Huhn ist gut gegen Hartleibig¬
keit und das beste Gericht für eine Wöch¬
nerin 84 ). Um Sommersprossen zu ver¬
treiben, reibt man das Gesicht mit einer
s.en Schnecke ein 85 ). Dasselbe Mittel
hilft gegen Warzen 86 ), besonders wenn
man das Tier darauf auf einen Weißdorn
spießt, damit Schnecke und Warzen
verdorren. Auch Hühneraugen werden
so behandelt 87 ). Einen Höcker vertreibt
man durch Einreiben mit einer Salbe
aus s.en Schnecken und Spitzwegerich,
der auf einem Kreuzweg gewachsen ist,
wo Hochzeitszüge darüber gehen 88 ). Zu
einer sympathetischen Kur der „faulen¬
den Lungen“ nimmt man „die frische
Lunge eines frischgeschlachteten schwar¬
zen Kalbes“ . . . kleingehackt mit Wein
und Zucker zu einem Syrup gekocht
(morgens und abends i Eßlöffel) 89 ).
Gegen „Hinfallendes“ hilft der Harn
eines s.en Pferdes oder einer s.en Kuh
mit Löschwasser vermengt und getrun¬
ken 90 ), gegen Magenkrampf ein s.er
Katzenbalg auf die Brust gelegt 90 ).
Schmerzende Glieder reibt man mit dem
erwärmten Fett einer s.en Katze ein 91 ).
Die Milch einer s.en Kuh empfahl schon
Hippokrates (Morb. mul. 43) 92 ). Molken
von s.en Ziegen wurde auch gegen Hart¬
leibigkeit empfohlen 93 ). Gegen Schwäche
der Kinder: man fängt den Harn des
Kindes in einem neuen Topf, tut in
diesen das Ei einer kohls.en Henne, sticht
neun Löcher in das Ei und stellt den
mit Leinwand zugebundenen Topf in
1439
schwarz
1440
einem ungesucht gefundenen Ameisen¬
haufen 94 ).
S.e Wollfäden und Tücher sind im Heil¬
zauber sehr beliebt. Dabei unterstützt
die zauberkräftige Farbe die an sich
schon der Wolle eigene Kraft. So emp¬
fiehlt Plinius s.e Wolle in quartanis (n. h.
28, iii, 114), ad mammarum vitia
(n. h. 20, 225) und gegen den Biß toller
Hunde (n. h. 28, 82) 95 ). Gegen Kropf
und Drüsen verordnet er „soviel Gras,
daß neun Knoten dran sind, in frisch¬
geschorene s.e Wolle gewickelt“. Mit
sieben Knoten und s.er Wolle um den
Kopf gewickelt soll es Kopfweh ver¬
treiben 96 ). Noch heute verwendet die
Volksmedizin s.e Wollfäden, seidene Bän¬
der und Tücher. So soll man zum Schutz
gegen Halsbräune stets ein s.seidenes
Floretband um den Hals tragen 97 ).
Gegen Krämpfe bindet man in Sachsen
dem Kind ein s.es Samtband um den
Hals, das nach acht Tagen ins Wasser
geworfen wird 98 ). In Baden glaubt man,
durch ein um den Hals gebundenes s.es
Band Zahnschmerzen beheben zu kön¬
nen 99 ). Ein s.es Halsband erleichtert
den Kindern das Zahnen 10 °). Wer einen
Kropf hat, soll ein s.es Samtband über
den Hals eines eben gestorbenen Men¬
schen ziehen und es sich dann um den
Hals binden 101 ). Gegen Halsschmerzen
umwickelt man den Hals mit einem s.en
Strumpf, den man den Tag über ge¬
tragen hat 102 ). Epileptikern legt man
ein s.seidenes Tuch über das Gesicht
(auf den Mund), dann vergeht der An¬
fall 103 ). Puer si in veri genitoris indusium
nigrum seu maculatum involvatur, si
epilepsiaipsum angat, nunquam redibit 104 ).
S.e Johannisbeeren werden gegen
Gicht 105 ) und Darmkrämpfe der Kin¬
der 106 ) verwendet. Bestreicht man einen
Kranken mit Kirschwasser aus s.en Kir¬
schen, so kann man den Tod hintanhal¬
ten 107 ). „Will man erfahren, ob ein
Patient werde aufkommen oder sterben,
so soll man einen Floh nehmen aus dem
linken Ohr eines s.en Hundes, welcher
keine andern Flecken an sich hat, und
solchen bey sich tragen, sich darauf zu
den Füßen des Patienten stellen, und ihn
wegen seiner Krankheit befragen. Gibt
er richtige Antwort, so ists gut, schweigt
er aber stille, so ists mit ihm am Ende“ 108 ).
Auch im Regen- und Wetter¬
zauber ist die s.e Farbe von Bedeutung.
Der Zauberer opfert s.e Tiere (Schaf,.
Schwein, Huhn) und trägt während der
Regenperiode s.e Kleider (Ostafrika, As¬
sam, Timor). In Japan führt der Priester
während der Prozession einen s.en Hund
mit, der geopfert wird 109 ). Appaiser
la tempete en ecrivant, Consummatum
est, d'une certaine maniere, et en le
mettant ensuite sur la pointe d'un cou-
teau ä manche noir 110 ). Um eine Wind¬
hose unschädlich zu machen: ,,Es fällt
einer auf die Knie neben dem Fuß des
großen Masts nieder, in der einen Hand
hält er ein Messer mit einem s.en Stieb
und lieset dabey das Evangelium Jo¬
hannis. Wann er kömmt zu den Worten:
das Wort ward Fleisch usw., so kehret
er sich zur Seiten, da die Hose ist und
macht einen Qveer-Schnitt in die Luft,
als wollt er sie durchschneiden, sie sagen
auch, daß die Hose alsdann in der That
durchschnitten sey . . .“ m ). In den
Niederlanden wird beim Wetterzauber
ein s.es Huhn geopfert. In Schlesien
stecken die Bauern gegen Wetterschaden
einen Knochen eines s.en Schafes, das
tags zuvor gebraten und gemeinsam ver¬
zehrt wurde, vor Sonnenaufgang ins
Saatfeld 112 ). Der Indus überschwemmt
alljährlich das Land und gilt wie der Nil
als Spender aller Fruchtbarkeit. Des¬
halb werden, sobald er zu steigen be¬
ginnt, Stiere und s.e Pferde geopfert 113 ).
In die Bode (Harz) wird zu Pfingsten jetzt
noch ein s.er Hahn „geopfert“ 114 ). Eine
s.e Katze, unter einem unfruchtbaren
Baum vergraben, macht ihn wieder tra¬
gend (Siebenb.). In Böhmen kocht man
zu Weihnachten einen s.en Kater und
vergräbt ihn in der Nacht unter einem
Baum, damit kein böser Geist dem
Feld schade 115 ).
Wer im Spiel gewinnen will, nehme
während des Spiels für 6 Heller Retschen-
pful (?) und drei s.e Kümmelkömer, zu¬
sammen in ein Papier gewickelt, in die
linke Hand 116 ). Ein s.er wollener Fleck
1441
schwarz
1442
unters Butterfaß gelegt beschleunigt das
Buttem U7 ). „Vieh auf dem Markte leicht
zu verkaufen, räuchere man es mit der
aus der Mitte eines Ameisenhaufens ge¬
grabenen s.en Kugel“ (Chemn. Rocken¬
phil.) U8 ). Durch ein s.es Tuch gewinnt
man in der Johannisnacht den berge¬
großen Bernsteinblock, der im Kumme-
rower See schwimmt U9 ). Gräbt man
am Christabend, wenn es 7 Uhr schlägt,
auf einem Kreuzweg einen s.en Katzen¬
kopf ein und Schlag 12 Uhr wieder aus,
so findet man das ganze Loch voll Geld 120 ).
Schatzsucher nehmen einen s.en Stein
und ein Stück Stahl von einem Hoch¬
gerichtshaken in die Hand; an der Stelle,
wo ein Schatz liegt, reibt sich der Stein
von selbst an dem Stahl 121 ). Unsichtbar
kann man sich machen, indem man einen
Däumling aus einem ganz s.en Katzen¬
balg am linken Daumen trägt oder Milch
von einer ganz s.en Kuh trinkt 122 ). Wer
den Stein Beratides, der von s.er Farbe
ist, in den Mund nimmt, kann die Gedan¬
ken und Pläne anderer Leute erkennen 123 ).
Um Liebe zu gewinnen trage man
weiße Steine aus dem Magen eines s.en
Hahnes bei sich oder lege die Zunge eines
solchen unter seine eigene Zunge und
spreche: „Wie der Hahn die Henne, so
liebe mich die Tochter des N. N.“ 124 ).
Wer bestohlen worden ist, nehme eine
s.e Henne und esse an neun Freitagen
samt dieser Henne nichts, der Dieb wird
entweder das Gestohlene wiederbringen
oder sterben 125 ). Ein anderer Diebs¬
zwang bestand darin, daß die Bestoh¬
lene „ein Fewr von lauter häßlenem Holz
in dem Nammen etc. anzunden / Wasser
darüber stellen / drey Eijer von einer
ganz s.en Hennen gelegt / darein werffen /
vnd mit einer häßlenen Ruten / vnder
der Sprechung gewisser Worten / in das
Wasser / wann es anfangt sieden / schla¬
gen; vnd glauben / daß solche Schläge
den Dieben treffen / vnd jhne den Dieb¬
stall wiederumb an seinen ort zulegen /
zwingen“ 126 ). Oder man bestreicht eine
Henne mit Ruß und läßt sie von den Ver¬
dächtigen betasten; wer keine s.en Hände
bekommt, ist der Dieb 127 ).
Im Schadenzauber finden mit Vor-
Bächtold-Staubli , Aberglaube VII
liebe Teile von s.en Tieren Verwendung.
Mit Seilen, aus den Mähnenhaaren eines
s.en Hengstes geflochten, entziehen irische
Hexen fremden Kühen die Milch. Indische
Zauberer benutzen zur Vernichtung ihres
Feindes die Zähne einer s.en Schlange .
Aus dem Kadaver eines s.en Katers kann
man ein wirksames Gift hersteilen 128 ).
Besonders gesucht sind s.e Hennen, rechte
Teufelstiere, die besonders auch von
Feuergeistern verlangt werden 129 ). Um
eine s.e Henfie beten gewisse Leute die
ihnen bezeichneten Menschen tot, indem
sie das Vaterunser neunmal rückwärts
hersagen 130 ). Besonders wertvoll sind
die Eier solcher Tiere, die man nicht nur
im Heilzauber gegen Bruchleiden ver¬
wendet 131 ), sondern auch sieben Tage
lang unter der linken Achsel trägt, um
einen kleinen hilfreichen Teufel (spiritus
familiaris, s. d.) auszubrüten 132 ). Außer¬
dem kann eine Bäuerin, die mit dem erst¬
gelegten Ei einer s.en Henne unter das
Vieh tritt, die Hexe erkennen, welche
den Kühen die Milch entzieht 133 ). Wer
mit dem ersten Ei einer s.en Henne in
die Kirche geht, sieht alle Zauberer und
Hexen auf ihren Köpfen gehend in die
Kirche hereinkommen 134 ). Zukunft¬
deutende Figuren erhält man nach der
Rückkehr aus der Christmette in der
Schüssel Wasser, in die man vor dem
Kirchgang das am Christabend gelegte
Ei einer rabens.en Henne geschlagen
hat 135 ). Eier s.er Hennen, besonders
Karfreitagseier, werden ihrer wunder¬
baren Wirkung wegen sorgfältig auf¬
bewahrt 136 ). S.e Eier erhält man, indem
man den Hennen Holderblüten unter das
Futter mischt (Sympathie) 137 ). Mit
Hilfe eines s.en Zaumes, den sie ihm um¬
wirft, verwandelt eine Hexe einen Knecht
in ein Pferd (Sympathie) 138 ). Der
sächsische General Sybilski von Wolfs¬
berg, ein arger Zauberer, der einmal s.e
Haferkömer in Fußvolk verwandelt haben
soll, ließ am Tag vor dem Gefecht bei Zäh¬
ren und Lommatzsch (13. 12. 1745), in
dem er die preußische Nachhut schlug,
sein Regiment zu drei Mann über einen
s.en Mantel marschieren 139 ).
71 ) Rohde Psyche 2, 443. 72 ) Grimm Myth.
46
1443
schwarz
1444
3, 460 Nr. 741. 73 ) Cr00ke Northern India 1,
16g. 74 ) BIPommVk. 5, 73; Flügel Volks¬
medizin 65; Hmtbl. (Unterinntal) 1 (1923)»
Heft 6, 7. 75 ) Hager Chiemgau 237. 76 ) Wutt-
ke 354 § 53°. 77 ) Drechsler 2, 307. 78 ) Grimm
Myth. 3, 475 Nr. 1080. 79 ) Crooke Northern
India 1, 169; ZfVk. 23 (1913), I 5 of - 80 ) Höhn
Volksheilkunde 1, 90. 81 ) Zimmer mann Volks¬
heilkunde 58. 82 ) Drechsler 2, 307. 83 ) Fogel
Pennsylvania 316 Nr. 1677. 84 ) Ebd. 278 Nr.
1458. 85 ) ZfVk. 27 (1917), 149 - 86 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 237; Zimmermann Volksheil¬
kunde 73. 87 ) Flügel Volksmedizin 43; Hager
Chiemgau 237. 88 ) Zingerle Tirol 31 Nr. 217.
8ö ) Burrigel Oeconomische Schatz - und Kunst-
Kammer, Stuttgart 1734, 137. 90 ) Schönvverth
Oberpfalz 3, 262. 267. 91 ) Fox Saarland 305.
92 ) Höfler Organotherapie 169. 93 ) Burrigel
a. a. O. 10. 94 ) Grimm Myth. 3, 465 Nr. 864.
95 ) Pley de lanae usu 99. 96 ) Marz eil Heil¬
pflanzen 24. 97 ) Lammert 140. 98 ) John
Erzgebirge 53; Seyfarth Sachsen 223. 99 ) Zim¬
mermann Volksheilkunde 42. 10 °) Ebd. 38h
101 ) MschlesVk. 25 (1924), 93 Nr. 12; vgl. Zim¬
mermann Volksheilkunde 67. 102 ) ZfrwVk.
1904, 93 - 103 ) Birlinger Volksth. 1, 481;
Lammert 271; Strackerjan i, 98; 2, 114.
104 ) Grimm Myth. 3, 466 Nr. 871. 105 ) Fischer
Aberglaube 225. 106 ) Zimmermann Volks¬
heilkunde 50. 107 ) Ebd. 19. 108 ) Tharsander
2, 53. 109 ) Frazer Der goldene Zweig (Abgekürz¬
te deutsche Ausgabe 1928) 9 8 - io 5 - 110 ) Lieb¬
recht Gervasius 254 Nr. 429; Zachariae
Kl. Sehr. 351. m ) Tharsander 3, 239. 112 )
Jahn Opfer gebrauche 12. 148. 1I3 ) Bachofen
Gräbersymbolik 321. 114 ) Grimm Myth. 3, 165;
Jahn Opfergebräuche 151. 115 ) Ebd. 17, 267.
116 ) Marzeil Kräuterbuch 224. 117 ) Eberhardt
Landwirtschaft Nr. 3, 18. u8 ) Grimm Myth.
3, 441 Nr. 199. 119 ) Haas Pomm. Sagen 123.
12 °) Zingerle Tirol 195 Nr. 1593* 121 ) Anhorn
Magiologia 857. m ) Zingerle Tirol 71 Nr.
607t. 123 ) Tharsander 3, 255. 124 ) Jahrb. f.
jüd. Vk. 1923, 199. 125 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 292. 126 ) Magiologia das ist: Christi.
Bericht von dem Aberglauben und Zauberey
(Augustae Rauracorum 1675), 770. 127 ) Stern p-
linger Aberglaube 56. 128 ) ZfVk. 23 (1913), 149.
129 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 89. 95f. 13 °) Ebd.
3, 199. 131 ) Men sing Schlesw. Wb. i, 1024.
132 ) Haas Rüg. Sagen 24; Vernaleken Mythen
261 f.; ZfVk. 28 (1918), 41 ff.; ZföVk. 2, in.
133 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 367. 134 ) Men¬
sing Schlesw. Wb. 1, 1024. 135 ) Zingerle Tirol
195 Nr. 1592. 136 ) Birlinger Volksth. 2, 78.
137 ) Burrigel a. a. O. 446. 138 ) Gredt Luxem¬
burg Nr. 211. 139 ) Meie he Sagen 536 t.
3 b. Die negative, apotropäische Kraft
der s.en Farbe macht sie auch zur Schutz¬
farbe gegen Dämonen und Geister und
ihre schädlichen Einwirkungen. Darum
glaubt man z. B. in Ostpreußen, Leute
mit s.en Haaren könnten nicht beschrieen
werden; ein ganzes Dorf sucht man vor
Hexen dadurch zu schützen, daß man
es mit zwei s.en Kühen umpflügt 140 ).
Wenn die Alten das Gesicht ihrer Kinder
mit Schmutz oder Badeschlamm ein¬
schmierten, um den bösen Blick abzu¬
wehren 141 ), so konnte dieser Verunstal¬
tung ebenso die Absicht zu Grunde liegen,
dem Neid der bösen Geister die Kinder
zu entziehen oder sie einfach unkennt¬
lich zu machen, wie der Glaube an die
Dämonen abwehrende Kraft der s.en
Farbe 142 ). Das Bemalen mit s.er
Farbe zur Abschreckung böser Geister
ist überaus weit verbreitet. In Griechen¬
land malt man in der Christnacht zum
Schutz gegen die Kallikantzari s.e Kreuze
an die Tür 143 ). Die Juden in der Buko¬
wina streichen bei Epidemien die Wände
ihrer Häuser mit Kohle an 144 ). In Per¬
sien, Indien u. a. schwärzt man die Wim¬
pern oder das ganze Gesicht der Kinder
zum Schutz gegen das Beschreien, im
Pandschab selbst die Augen der Götter¬
bilder. Wenn eine Eskimofrau in Nord¬
westalaska ihrem Kind neue Kleider an¬
zieht, versieht sie das Gesicht des Kindes
mit einem breiten, s.en Streifen. Bei
den Mundrucus (Zentralbrasilien) schwär¬
zen sich die weiblichen Angehörigen eines
Verstorbenen, bei den Menomini-
Indianern alle Hinterbliebenen das Ge¬
sicht. Auch in Nordwestamerika, auf
einigen Inseln des Bismarck-Archipels
und in Neu-Guinea ist das S.färben bei
Todesfällen üblich 145 ). Einen Überrest
dieses S.färbens haben wir vielleicht in
dem in Deutschland und anderwärts
an verschiedenen Festen des Jahres (Drei¬
könig, Abschluß der winterlichen Spinn¬
zeit, Fastnacht, Ostern, Pfingsten, Schluß
des Ausdreschens) üblichen Schwärzen
des Gesichts zu erblicken 146 ), während
andere in diesem Brauch eine Nach¬
ahmung der Vegetationsdämonen, also
einen Fruchtbarkeitszauber sehen 147 ).
Wenn dagegen z. B. auf der Insel Wetter
j die Frauen als Zeichen der Trauer s.e
j Schamgürtel anlegen und ihre Armbänder
; mit s.en Tüchern verhüllen, so haben
| wir das, wie überhaupt das Anlegen s.er
I Trauergewänder, als Versuch aufzu¬
1445
schwarz
1446
fassen, dem Neid des Toten durch ein
unscheinbares Äußeres zu entgehen 148 ).
Unzweifelhaft ist die prophylaktische und
apotropäische Natur s.er Gegenstände und
Amulette. In einer Predigt de idola-
triae cultu des San Bernardino da Siena
(1380—1444) heißt es: contra dolorem,
sive tumefactionem gutturis, seu contra
cantarellas incantant cum cultello qui
habeat manubrium nigrum. In manchen
Gegenden Griechenlands legt man der
Wöchnerin zum Schutz gegen böse Geister
ein Messer mit s.em Griff unter das Kopf¬
kissen 149 ). In Siegelsbach (Baden) gibt
man den Männern, besonders den Schwer¬
arbeitern und Knechten, Karfreitagseier
von s.en Hühnern als Vorbeugungsmittel
gegen Nabel-, Leisten- oder Hoden¬
bruch 15 °). In Portugal sucht man die
Kinder vor dem bösen Blick durch ver¬
schiedene Gegenstände zu schützen, die
auf einem s.en Faden aufgezogen werden.
Nach Plinius n. h. 37, 54. 6 schützt Anti-
pathes, ein s.er Stein, vor der Faszina¬
tion 151 ). Denselben Dienst tun Queck¬
silber und weiße Steine aus dem Magen
eines s.en Hahnes, bei Frauen einer s.en
Henne 152 ).
S.e Opfertiere gehören den Unter¬
irdischen 153 ). Zum Geisterzitieren
schlachtete man an einem mit s.en oder
himmelblauen Bändern und Zypressen
geschmückten Altar s.e Tiere 154 ). Der
Teufel verlangte von den Leuten, die
er in seiner Gewalt hatte, bestimmte
Opfer, besonders s.e Hühner 155 ). In
Zeiten einer Pestepidemie schlachtete
man einen s.en Hund, einen s.en Hahn
und eine s.e Katze und tauchte in ihr
Blut Garn, um es rückwärts gehend um
das Haus zu spannen; dazu sprach man:
„Komm nicht herein, der s.e Hund wird
dich beißen, die s.e Katze dich zerreißen,
der s.e Hahn nach dir hacken“ 156 ). Der
apotropäische Charakter dieses Opfers
ist unzweideutig. Um böse Geister fem-
zuhalten opfern auch Schatzgräber s.e
Tiere (Bock, Hund, Katze, Huhn) 157 ).
Wassergeistern mußten ebenfalls s.e Tiere
dargebracht werden, wenn nicht zu ge¬
wissen Zeiten jemand ertrinken sollte 158 ).
Eine Drud kann erlöst werden, wenn
man ihr erlaubt, ein s.es Tier zu er¬
drücken 159 ). Eine Feuersbrunst glauben
die Esten dadurch zu hemmen, daß sie
ein lebendiges s.es Huhn in die Flammen
werfen 160 ). Bei der Grundsteinlegung
von wichtigen Bauten wurden als Bau¬
opfer mit Vorliebe s.e Tiere eingemauert
(s. Tieropfer) 161 ). Noch heute haut man
in der Landshuter Gegend bei Unglück
im Stall einer s.en Henne den Kopf ab,
reißt drei Steine vom Stallpflaster auf
und vergräbt die Henne hinein 162 ). Um
ein Haus vor Feuer zu schützen nimmt
man nach dem Rat eines Zigeuners
morgens und abends eine kohls.e Henne,
schneidet ihr den Hals ab, wirft sie auf
die Erde und schneidet den Magen ganz
aus dem Leib, aber ohne etwas davon
wegzunehmen. Dann wickelt man den
Magen zusammen mit einem Gründon¬
nerstagsei in ein tellergroßes Stück von
einem mit Menstruationsblut durchtränk¬
ten Hemd einer reinen Jungfrau, umgibt
diese drei Stücke (s.-weiß-rot, die kräftig¬
sten Zauberfarben) mit Wachs und ver¬
gräbt das Ganze in einem „Achtels-Maaß-
Häflein“ unter der Haustürschwelle 163 ).
Auch die außerordentlich weit verbreitete
Meinung, man könne das Vieh vor Krank¬
heit (Behexung) bewahren, wenn man
ein s.es Tier (Ziegenbock, Katze, Huhn,
Hund) im Stall hält, wurzelt in dem
Glauben an die apotropäische Kraft s.er
(Opfer-)Tiere 164 ). In einem Haus, in
dem ein s.er Hahn, eine s.e Katze und
ein s.er Hund ist, kommt nie Feuer
aus 165 ). Welches Tier einen s.en Rachen
hat, dem können die Leute nichts an-
haben 166 ). Wer einen ganz s.en Hahn,
eine ganz s.e Katze oder ein ganz s.es
Lamm dazu brächte, auf einer schnee¬
bedeckten Alm dreimal zu schreiten,
würde die Alm vom Schnee befreien 167 ).
Wegen ihrer übelabwehrenden Kraft soll
man s.e Tiere nicht aus dem Hause tun 168 ).
Geburt, Hochzeit und Tod sind
die drei Lebensabschnitte, in denen der
Mensch den Einflüssen böser Geister be¬
sonders ausgesetzt ist und deshalb ab¬
wehrender Mittel besonders bedarf. Für
Mutter und Kind sind s.e Gegenstände
von großer Bedeutung. Bei den Malayen
46*
M 47
schwarz
schwarz
1450
1448
auf Ceylon, in der Türkei und in Griechen¬
land wird das Kind durch Anbringen
s.er Rußflecken im Gesicht gegen den
bösen Blick geschützt 169 ). Zu demselben
Zweck hängt man in gewissen Gegenden
Österreichs dem Kind ein Büschelchen
s.er Bockshaare um den Hals 170 ). Gegen
Krämpfe bekommt das Kind ein Ge¬
sangbuch und ein s.seidenes Tuch unter
das Kopfkissen (Erzgeb.) m ) oder man
bedeckt sein Gesicht mit dem s.seidenen
Tuch einer verstorbenen Patin 172 ). In
Estland trägt die Wöchnerin zum Schutz
gegen den bösen Blick nur s.e Kleider 173 ).
Im OA. Ravensburg (Württtemb.) sind
Wöchnerin und Gevatterin beim ersten
Kirchgang ganz s. gekleidet 174 ). Drei
Tage nach der Taufe „weisen“ in Öster¬
reich die Gevattersleute der Wöchnerin
Geschenke, u. a. eine s.e Henne 175 ). Da¬
gegen darf man in der Oberpfalz beim
Besuch einer Wöchnerin keine s.en Kleider
tragen; es wäre der Tod für Mutter und
Kind 176 ). Auch sonst gilt s. für un¬
günstig. Eine Schwangere soll keine
Schwarzbeeren (Heidelbeeren) pflücken,
sonst bekommt das Kind viele s.e Mutter¬
male (Karlsbad) 177 ). Auch soll sie keine
s.en Kleider tragen, sonst wird das Kind
furchtsam 178 ). Dasselbe gilt von der
Wöchnerin 179 ). Auch das Kind soll nicht
s. gekleidet werden, sonst nimmt man
ihm die Freude am Leben (OA. Mergent¬
heim) 18 °). Dagegen soll man kleine
Kinder auf s.en Füllen reiten lassen,
dann bekommen sie bald Zähne (Chem¬
nitzer Rockenphilos.) 181 ).
Im österreichischen erhielten früher
die Leutlader in jedem Haus ein Ge¬
schenk, womöglich einen s.en Hahn oder
eine s.e Henne 182 ). Von der Verkündigung
bis zur Hochzeit trägt im hochaleman¬
nischen Gebiet, in Oberschwaben und
Altbayem, die Braut ein s.es Kleid 183 ).
Bei der Kapitulation mußte man früher
dem Pfarrer eine s.e Henne oder 2 fl.
bringen (für Heirat in verbotener Zeit) 184 ).
Auf dem Kammerwagen der Braut führte
man in der Tachauer Gegend eine s.e
Henne mit, damit die eheliche Treue ge¬
wahrt bleibe 185 ). Beim Einzug ins neue
Heim sollen die Brautleute eine s.e Henne
voran zur Haustür einlaufen lassen oder
zum Fenster hineinstecken; alles Un¬
glück trifft dann das Tier (Chemn.
Rockenphilos.) 186 ).
In der Oberpfalz hält man dem Ster¬
benden eine s.e Lorettokerze vor, welche
böse Geister und jeden Zauber fern¬
hält 187 ). Vor den Leichenhäusern pflanzte
man im alten Rom die den unterirdischen
Göttern geweihte atra cupressus auf
(Serv. Aen. 3, 62—68) 188 ). In Ru¬
mänien setzt man, um einen Todesfall
anzuzeigen, eine s.e Fahne oder einen
mit trockenen Früchten oder Bändern
behängten Fichtenbaum vors Haus 189 ).
In s.e Gewänder hüllten die Alten die
Toten (Lukian Philops. 31 f.) 190 ). Im Ber-
gischen z.B. wurde der Sarg mit einem
s.en Tuch bedeckt; war der Tote ver¬
heiratet, so ist es ein s.es Tuch mit
weißem Kreuz 191 ). Im OA. Crailsheim
und anderwärts ist noch heute der
Leichenlader s. angezogen 192 ). Zur Toten¬
wache erscheinen im Bergischen die Män¬
ner mit hängenden Schleiern und ab¬
gezogenen Hüten, die Frauen aber in
s.e Regentücher verhüllt im Sterbe¬
haus 193 ). Im Böhmerwald wird ein
Junggeselle von s.gekleideten Burschen
auf den Friedhof getragen 194 ). Im
Bergischen erhielten die verheirateten
Leichenträger, bevor der Trauerzug das
Haus verließ, s.e Lederhandschuhe. Die
Pferde des s. gestrichenen Leichenwagens
trugen einen s.en Flor 195 ). Im Ber¬
gischen wie in Oldenburg trugen noch
im 19. Jh. die Frauen des Trauergefolges
das schwere, s.e Regentuch, das bis zu
den Füßen herabfiel und die ganze Klei¬
dung bedeckte; ärmere Frauen legten
statt dessen eine s.e Schürze über den
Kopf 196 ). In Topusko (Kroatien) schlach¬
ten die Katholiken gleich nach der Hin¬
austragung des Toten eine s.e Henne,
ihr Fleisch wird vergraben oder ver¬
schenkt, nur die ärmsten Leute ver¬
wenden es zum Trauermahl 197 ).
Ihre vielfachen Beziehungen zu bösen
Dämonen und Geistern, zu Tod und
Sterben verliehen der s.en Farbe ihren
unheilverkündenden Charakter. In
Indien gelten Männer mit s.en Lippen
1449
und s.er Zunge für besonders bösartig
und gefährlich 198 ). S.e Gespenster ver¬
künden Unglück und Tod (Berg, Nieder-
österr.) 199 ). S.e Flecken auf den Nägeln
bedeuten Unglück (Oldenb.) 20 °). Vor
allem gelten s.e Tiere im deutschen
Volksglauben als unheilbringend 201 ): Be¬
gegnet man einer s.en Katze, so hat man
nichts Gutes zu erwarten und geht am
besten wieder nach Hause 202 ). Laufen
s.e Katzen einem Leichenzug nach, so
steht es mit der Seele des Toten nicht
gut 203 ). In einem Haus, in dem ein
kleines Kind in der Wiege liegt, soll man
keine s.e Katze mit einem weißen Fleck
halten; der Atem des Tieres würde das
Kind töten 204 ). Das Erscheinen oder das
Heulen eines s.en Hundes zeigt einen
bevorstehenden Todesfall an 205 ). Von
den Vögeln gelten besonders Rabe, Krähe
und Eule als Todesboten 206 ). Erscheinen
viele s.e Käfer in einem Haus, so stirbt
jemand. Ist der erste Schmetterling,
den man im Jahr sieht, ein Trauer¬
mantel, so bekommt man Trauer 207 ).
Beim ersten Austrieb vermeidet man,
eine s.e Kuh voranzutreiben; denn das
würde Unglück, zum mindesten schlechtes
Wetter bringen 208 ). Wer eine s.e Kuh
oder einen s.en Ochsen (hl. Opfertiere P 209 ))
schlachtet, hat einen Todesfall in seinem
Haus zu erwarten 21 °). Trägt die Braut
an ihrem Hochzeitstag ein s.es Kleid, so
bedeutet das Unglück 211 ). Wird die
Brautkutsche von s.en Pferden gezogen,
so zieht Not und Unglück in die Ehe
ein 212 ). S.e Flecken in der Wäsche
deuten auf den Tod eines Familien¬
glieds 213 ). S.e Blasen am gebackenen
Brot oder s. gebackenes Brot verkünden
Unglück und Trauer 214 ). Legt man
Brot, in das ein Kranker gebissen hat,
an einen Ort, wohin weder Sonne noch
Mond scheint, so wird es immer dunkler,
wenn die Krankheit zunimmt, und sechs
Stunden vor des Kranken Tod wird es
ganz s. 215 ). Zum Binden eines Blumen¬
straußes darf man keinen s.en Faden
nehmen 216 ). Ein in der Stube liegender
s.er Faden kündet einem der Einziehenden
Tod an 217 ). Eine elsäß.-jüdische Redens¬
art sagt deshalb: ,,'s könnt mir nit
emaul e s. Bändele an der Leib" (= bin
immer fröhlich) 218 ). Im Traum be¬
deuten s.e Pferde Streit 219 ), s.e Kirschen
einen bevorstehenden Todesfall 22 °). In
der Andreasnacht kleben in manchen
Gegenden die Mädchen Blätter von Im¬
mergrün an das Fenster; werden die
Blätter über Nacht s., so stirbt das
Mädchen noch in demselben Jahr 221 ).
Wer beim Nüsseaufmachen am Christ¬
abend oder Silvesterabend zuerst eine
s.e Nuß trifft, stirbt im kommenden
jahr 222 ). Bei einem Gewitter soll man
nicht sagen: ,,Der Himmel ist s.“, sonst
wird Gott zornig 223 ). An der Ostsee¬
küste zeigt ein s.es Gespensterschiff eine
kommende Sturmflut an 224 ). In Schle¬
sien heißt es: viel Brombeeren, viel
Schnee 225 ). Eine ganz s.e Raupe zeigt
einen strengen Winter an 226 ). Auch
wenn die zwei Zeichen zwischen den
Rückenflossen des Barsches im Herbst
s. sind, steht ein strenger Winter bevor 227 ).
Weit seltener ist S. als Glücksfarbe.
So sollen ein s.er Hund, eine s.e Katze
oder ein s.er Hahn auf dem Hof Glück
bringen 228 ). Der Angang einer s.en
Katze bedeutet Glück 229 ). Dasselbe
trifft zu, wenn einem eine s.e Katze
nachgeworfen wird 230 ). Wer von einem
s.en Pferd träumt, bekommt einen Brief 231 ).
S.e Kühe und Kälber deuten auf ein
besonderes Glück 232 ). Eine s.e Spinne,
die einem Menschen zu Leibe kriecht oder
sich spinnend herabläßt, bringt Glück 233 ).
Das tun auch große, s.e Ameisen, wenn
man sie in einer Schachtel in den Geld¬
schrank stellt 234 ). Weit verbreitet ist
der Brauch, daß junge Mädchen die
ihnen begegnenden Schimmel zählen und
nach einer bestimmten Anzahl (meist 100)
nach einem Schornsteinfeger ausschauen.
Begegnet ihnen ein solcher mit einer
Leiter, so bedeutet das Hochzeit. Der
junge Mann, den sie zuerst treffen, ist
ihr Zukünftiger.
14 °) Seligmann Blick 2, 244. 141 ) Ebd. 2,
243 f. 142 ) Vgl. ZfVk. 23 (1913)» 152. 143 ) Ebd.
151. 144 ) ZföVk. 2, 81. 145 ) Seligmann Blick
2, 244t; ZfVk. 23 (1913). 146 ) Birlinger
Aus Schwaben 2, 30; Fontaine Luxemburg 29;
Hoffmann-Krayer 135; John Westböhmen
192; Kapff Festgebräuche Nr. 2, 12; Mann-
1451
schwarz
1452
hardt 1, 342P 365. 426; Naumann Gemein-
Schaftskultur 47ff.; Panzer Beitrag 2, n8f. 223.
234. 250; Pollinger Landshut 204; Reiser
Allgäu 2, 59; Sartori Sitte u. Brauch 2, 192;
3, 100; Schmitt Bettingen 23; Strackerjan
2, 72; Zingerle Tirol 136 Nr. 1198t.; 137 Nr.
1205; 170 Nr. 1429; 175 Nr. 1461; ZfVk. 23
( I 9 I 3 )» J 5 2 - 147 ) Mannhardt 1, 322; Schröder
Rigveda 460t.; vgl. Pfannenschmid Ernte¬
feste 583.618. 148 ) ZfVk.23 (1913), 152. 149 ) Za-
chariae Kl. Sehr. 351. 15 °) Zimmermann
Volksheilkunde 59; vgl. Spieß Obererzgebirge
12. 151 ) Seligmann Blick 2, 28. 244. 152 ) Jahrb.
f. jüd. Vk. 1923, 212. 1S3 ) Grimm Myth. 1, 40;
Höfler Organotherapie 30L; Panzer Beitrag 1,
371; Siecke Götterattribute 301; Vernaleken
Mythen 261 f.; ZfVk. 23 (1913), 149. 154 ) Fi¬
scher Aberglaube 312; Jahrb. f. jüd. Vk. 1923,
179. 155 ) BlfHmtk. (Graz), 4,95; Fox Saarland
243. 156 ) ZfVk. 35 (1925), 41. 1S7 ) BIPommVk.
5, 100; Curtze Waldeck 194 Nr. 14; Fischer
Aberglaube 159; Grimm Myth. 3, 192; Haas
Usedom 148; Harrys Niedersachsen 2, 86f.
Nr. 38; Jacobi Behuts. Vorstellung 17, 15;
Kuhn u. Schwartz iof. 20. 468; Kühnau
Sagen 3, 560; Meiche Sagen 557; Pfister Hes¬
sen 121; Wolf Sagen 9 Nr. 10; Zingerle Tirol
159 Nr. 1352. 158 ) Jahn Opfergebräuche 151;
Kuhn u. Schwartz 172 Nr. 197; 426 Nr. 237;
Ranke Sagen 191. 159 ) Schönwerth Oberpfalz
t, 210. 220. 224. 18 °) Grimm Myth. 3, 491
Nr. 82. 161 ) ZfVk. 23 (1913), 150; Harrys
Nieder Sachsen 2, 70. 162 ) Pollinger Landshut
156. 163 ) ZföVk. 6 (1900), 113. 164 ) Bayld. 25
(1913/14), 439; Eberhardt Landwirtschaft
13; Fogel Pennsylvania 142 Nr. 656; Grimm
Myth. 3, 456 Nr. 640; Hager Chiemgau 244;
Haltrich Siebenb. Sachsen 278; Meyer Baden
371; Schmitt Hettingen 15; Schönwerth
Oberpfalz 1, 319. 327. 342. 346; Seligmann
Blick 2, 244; Zimmermann Volksheilkunde
96; SAVk. 7 (1903), 141; 21 (1917)» 54 ; ZfVk.
2 3 (1913)» 150; ZföVk. 4 (1898), 215. 165 )
Drechsler 2, 146; Grimm Myth. 3, 474 Nr.
1056; Sartori Sitte u. Brauch 2, 130; Wolf
Beiträge 2, 388. 166 ) Grimm Myth. 3, 456 Nr.
641. 167 ) ZfdMyth. 2 (1854), 31 f. 168 ) Sartori
Sitte u. Brauch 2, 130; ZfVk. 1 (1891), 191.
1€9 ) Seligmann Blick 2. 244ff.; Stern Türkei
2, 409. 17 °) Baumgarten Aus der Heimat 3,
23f. 171 ) Spieß Obererzgebirge 36. 172 ) John
Erzgebirge 54. 173 ) Seligmann Blick 2, 244.
174 ) Höh n Geburt Nr. 4, 266. 175 ) Baumgarten
Aus der Heimat 3, 20. I76 ) Schönwerth Ober¬
pfalz i, 158. I77 ) Mar zell Heilpflanzen 121.
178 ) Brückner Reuß 179. 179 ) Fischer Aber¬
glaube 257; Grimm Myth. 3, 436 Nr. 49; John
Erzgebirge 52; Köhler Voigtland 437; Spieß
Obererzgebirge 36. 18 °) Höhn Geburt Nr. 4, 277.
181 ) Grimm Myth. 3, 448 Nr. 428. 182 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 3, 53. 183 ) Meyer
Baden 265; Weinhold Frauen 1, 343. 184 ) John
Westböhmen 216; Weinhold Frauen i, 386.
185 ) John Westböhmen 217. l86 ) Grimm Myth.
3, 446 Nr. 358. 187 ) Schönwerth Oberpfalz 1,
241. 188 ) Bachof en Gräber Symbolik 8. 189 ) Sar¬
tori Sitte u. Brauch 1, 131. 19 °) Bachofen
Gräbersymbolik 7. 391 ) ZfrwVk. 1908, 252.
192 ) Höhn Tod Nr. 7, 328; vgl. SAVk. 19, 42.
193 ) ZfrwVk. 1908, 252. 194 ) Schramek Böhmer¬
wald 228. 195 ) ZfrwVk. 1906, 252. 259. 261.
196 ) Ebd.259; Strackerjan 2, 114. I97 ) Krauß
Relig. Brauch 154. 198 ) ZfVk. 23 (1913), I4if.
IM) Wolf Sagen 54; ZfrwVk. 1906, 65. 20 °)
Strackerjan 2, 114. 201 ) Lütolf Sagen 276 Nr.
215; Niderberger Unterwalden 1, 52; Strak-
kerjan 2, 114; ZfVk. 23 (1913), 148. 202 ) Fogel
Pennsylvania 67 Nr. 215; 99 Nr. 402; 105 Nr.
443; 108 Nr. 463; 142 Nr. 655. 658; Spieß
Obererzgebirge 18. 203 ) Baumgarten Aus der
Heimat 3, 124. 204 ) ZfVk. 23 (1913), 148. 20S )
BayHfte. 1 (1914), 229; Schönwerth Ober-
Pfalz 1, 262. 206 ) Fox Saarland 231; ZfVk.
30/32 (1920), 149. 207 ) ZfVk. 30/32 (1920), 149 *.
208 ) John Erzgebirge 228; Spieß Obererzgebirge
13. 209 ) Grimm Myth. 1, 40. 21 °) Drechsler
2, 107; Grimm Myth. 3, 467 Nr. 887; Urquell
N. F. 1 (1897), 17; ZfrwVk. 1908, 244 f. 211 )
Curtze Waldeck 375 Nr. 31; Fogel Pennsyl¬
vania 70 Nr. 233; Zingerle Tirol 19 Nr. 119.
212 ) John Erzgebirge 95. 213 ) ZfrwVk. 1905, 199.
214 ) FränkHmt. 4 (1925), 12; John Westböhmen
246. 21S ) BIPommVk. 5,40. 216 ) ZfVk.23 (1913),
148. 217 ) John Erzgebirge 28. 218 ) SAVk. 11
(1907), 4. 219 ) Fogel Pennsylvynia 79 Nr. 284.
22 °) Lütolf Sagen 558 Nr. 582. 221 ) Marzell
Kräuterbuch 476. 222 ) Spieß Obererzgebirge 22.
223 ) Ebd. 31. 224 ) Haas Pomm. Sagen 1. 225 )
Drechsler 2, 218; Marzell Kräuterbuch 133.
226 ) Fogel Pennsylvania 230 Nr. 1183. 227 )
BIPommVk. 5, m. 228 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 137; Fogel Pennsylvania 162 Nr. 766.
229 ) Ebd. 142 Nr. 657. 23 °) HmtK. 37 (1927),
135. 231 ) Fogel Pennsylvania 78 Nr. 281.
232 ) Sartori Sitte u. Brauch 2, 140. 233 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 183. 234 ) Meiche Sagen 303.
4. Vielfach ist die Zauberkraft der
s.en Farbe in Vergessenheit geraten. Man
sieht in S. nur den vollen Gegensatz zu
Weiß, der Licht- und Lebensfarbe. So
wird S. zum Symbol des erloschenen
Lebens, des Todes und der tiefsten
Trauer. Da S. die Farbe der Unterwelt
ist (vgl. Hesiod Theog. 726), chthonischen
Göttern s.e Opfer gebühren (s. o. 3 b),
so trug auch der Priester (zunächst als
Apotropäum) beim Opfer an die Unter¬
irdischen s.e Kleider (Orph. Argon. 968) 235 ).
Einen letzten Überrest dieser kultischen
Verwendung der s.en Farbe bildet ihre
Aufnahme unter die liturgischen Farben
der röm.-katholischen Kirche, die für
Karfreitag und die Totenliturgie zum
„Zeichen der tiefsten, schmerzlichsten
Trauer und Klage, wie sie durch den
1453
schwarz
1454
Tod verursacht wird", s.e Gewänder vor¬
schreibt 236 ). Am Sonntag Judica (in
manchen Kirchen an Laetare) werden
die Altäre s. verhängt 237 )- Dieser Sonn¬
tag heißt deshalb „s.er Sonntag". Er
gilt vielfach als Unglückstag 238 ). In
Westböhmen aber heißt es: „Ist’s am
s.en Sonntag schön, so wird schönes
Heu" 239 ). In Schlesien heißt die Kar¬
woche „s.e Woche" 24 °). Auch in der
Adventszeit waren in manchen Kirchen
die Priestergewänder s., und in manchen
protestantischen Kirchen werden noch
in jüngster Zeit Altar und Kanzel s. be¬
hängt. Frauen und Mädchen kamen in
s.er Kleidung zum Gottesdienst 241 ). Auch
zu Festgewändern verwendete man im
MA. die s.e Farbe, wie auch heute noch
s.e Röcke und Jacken zur Frauen- und
Mädchentracht an hohen Feiertagen (Weih¬
nachten, Ostern, Pfingsten) gehören 242 ).
Für gewöhnlich aber gilt die schon im
MA. übliche Deutung: S. bedeutet Tod,
Schuld und Verdammnis; s.e Kleidung
ist Trauerkleidung 243 ). In Dar-For (Nord¬
afrika) war es von übelster Vorbedeutung,
wenn der Sultan einem Statthalter statt
des roten ein s.es Gewand schickte oder
selbst in s.er Kleidung erschien 244 ). Bei
den mittelalterlichen Femgerichten spielte
die s.e Farbe nicht umsonst eine große
Rolle 245 ). Im Sächsischen mußte einst
ein Edler zum Zeichen, daß er einmal
dem Richtschwert verfallen war, zeit¬
lebens eine s.e Schnur um den Hals
tragen 246 ). Anderwärts mußte bei Be¬
gnadigung des Delinquenten der Scharf¬
richter eine s.e Henne zerreißen, um
Blut zu sehen und seine Grausamkeit zu
befriedigen 247 ).
Manche Leute glaubten aus der Ge¬
stalt und Haarfarbe einer Person auf
deren Charakter schließen zu können:
„Weilen die Moren vnverständig vnd
hartnakig; so seyen auch die in jhrem
Angesicht gelb-schwarzen / hartnakige
vnd vnverständige Leut" 248 ). Bei einigen
arabischen Stämmen hat die s.e Farbe
u. U. geradezu die Bedeutung des Nie¬
drigen und Ehrlosen. Vermag einer
seinen Gast nicht zu schützen und einen
ihm entwendeten Gegenstand nicht wieder
zu beschaffen, so tituliert man ihn bei
den Imrän-Arabern mit „S.er Hund".
Eine s.e Fahne, die er neben seinem
Zelt auf pflanzen muß, darf nicht ent¬
fernt werden, bevor das Gestohlene wieder
herbeigeschafft ist. Nimmt ein Mann
aus Feigheit nicht an einem Kriegszug
teil, so färben ihm die Frauen das Ge¬
sicht s. Bei den Kalmücken heißen
Männer und Frauen aus dem Volk „s.e
Knochen" und „s.es Fleisch", während
die Vornehmen und die höhere Geistlich¬
keit „weiße Knochen" und „weißes Fleisch
genannt werden 249 ).
In früheren Zeiten war der Aber¬
glaube der Tagwählerei sehr verbreitet.
„Wir halten aber für Tagweller . . . die¬
jenigen: Welche ins gemein / die Tage
abtheilen in s.e und weisse: in glük-
hafftige vnd vnglükhafftige
" 250
235 ) Zitiert bei Panzer Beitrag 1, 370 - 236 )
Gihr Meßopfer 261 ft. 237 ) John Westböhmen
49; Sartori Sitte u. Brauch 3, 134. 238 ) Schultz
Alltagsleben 240. 239 ) John Westböhmen 49.
24 °) Drechsler 1,77. 241 ) Pfannenschmid
Erntefeste 517. 242 ) Schulenburg 131 ; Schül¬
ler us Siebenbürgen 47 - 49 : Weinhold Frauen
2, 255 ff. 243 ) Strackerjan 2, 114; Weinhold
Frauen 2, 255 ff. 244 ) Schurtz Tracht 83 f.
245 ) Vgl. Schönwerth Oberpfalz 3, 171- 246 )
Meiche Sägern 1007. 247 ) ZföVk. 6 (1900), 119.
248 ) Anhorn Magiologia 227. 249 ) ZVfk. 23
/ T ^t \ xi-'* 250\ A nhnrn ATapinloPld I^O f.
5. Gebannte Diebe muß man vor Sonnen¬
aufgang lösen, sonst sterben sie und
werden kohls. (s. auch bannen) 251 ),
d. h. sie werden zu Teufeln 252 ). S.e
Schafe sind geistersichtig (s. d.) 253 ).
Manche Leute besitzen diese Gabe eben¬
falls. Sie sehen in der Silvesternacht auf
dem Haus, aus dem jemand stirbt, eine
s.e Bahre oder einen s.en Sarg 254 ). Eine
Schwangere erschrickt vor einem Maul¬
wurf und berührt ihren Hinterkopf; das
Kind bekommt an dieser Stelle s.e Haare,
während es sonst rötliche hat 255 ). So¬
lange das Trauergeläut anhält, soll man
nichts essen, sonst bekommt man s.e
Zähne 256 ). Schwarzdorn und Weißdorn
haben einen Widerwillen gegeneinander;
stehen sie beisammen, so geht immer
der Schwarzdom ein 257 ). Der Schell¬
fisch hat auf dem Rücken, dicht hinter
1455
Schwarzbeere—Schwarzwurz (el)
schwatzen
Schwefel
1458
1456
dem Kopf, einen s.en Fleck; da hat ihn
beim großen Fischzug Petrus angefaßt 258 ).
251 ) Haas Usedom 68; Kuhn u. Schwartz
449 Nr. 378; Ranke Sagen 25; Strackerjan
2, 114. 252 ) Gredt Luxemburg Nr. 269; Ranke
Sagen 26. 253 ) Grimm Myth. 3, 476 Nr. im.
254 ) Haas Usedom 97; Liedersammlung von
Fritz Anmüller aus Michelau (Oberfranken),
niedergeschr. 1901 2, Nr. 565 (Würzburger
Archiv). 255 ) Pollinger Landshut 239. 256 )
ZfVk. 30/32 (1920/2), 159. 257 ) Grimm Myth.
3, 471 Nr. 972. 258 ) Kuhn u. Schwartz 302
Nr. 346. Mengis.
Schwarzbeere s. Heidelbeere.
Schwarzdorn s. Schlehe.
schwärzen s. Ruß.
Schwarzkümmel (schwarzer Kreuz¬
kümmel; Nigella sativa).
1. Botanisches. Hahnenfußgewächs
mit doppelt gefiederten Blättern und
weißen oder bläulichen Blüten. Die
Fruchtkapsel enthält zahlreiche schwarze
runzelige Samen. Die in Südeuropa und
Westasien heimische Pflanze wird bei
uns ab und zu wegen ihrer in der Volks¬
heilkunde verwendeten Samen ange¬
pflanzt 1 ). Als „Kreuzkümmel“ wird
auch öfter der römische Kümmel (Cu-
minum cyminum) bezeichnet, so daß
aus der volkskundlichen Literatur nicht
immer zu ersehen ist, ob diese Pflanze
oder der Sch. gemeint ist. Auch die
Samen des Stechapfels (s. d.) sollen
,,Kreuzkümmel“ heißen 2 ).
1 ) Marzeil Kräuterbuch 223 f. 2 ) Knoop
Hinterpommern 159.
2. Der Sch. (bzw. der Rauch aus den
Samen) ist ein altes hexen vertreibendes
Mittel 3 ). Die Braut steckt ihn in die
Strümpfe 4 ) oder trägt ihn auf der Brust 5 ),
den kleinen Kindern gibt man Sch. ins
Badwasser 6 ). Damit böse Leute dem
Vieh nichts schaden können, räuchert
man mit Teufelsdreck, weißem Kampfer,
Dillsamen, schwarzem Köhm (= Sch.),
weißem Arand (= weißer Dorant, s.
Sumpfgarbe) 7 ). Wenn eine Kuh ge¬
kälbert hat, reicht man ihr drei mit Salz
und Sch. bestreute Brotschnitten, um
die Hexen abzuhalten 8 ). In Palästina
hilft der Sch. gegen den „bösen Blick“ 9 ).
Um beim Spielen zu gewinnen, tue man
für 6 Heller Retschenpful (?) und drei
schwarze Kümmelkörner zusammen in
ein Papierchen und nehme es während
des Spielens in die linke Hand 10 ). Knollen
vom Aronstab (1,599) zusammen mit
Sch., Allermannsharnisch und heidnisch
Wundkraut (Senecio Fuchsii) machen
einen Bestandteil der Räucherkräuter
aus, durch deren Verbrennung man sich
die Liebe eines Mädchens zu erwerben
glaubt 11 ). In Unterfranken gehört der
Sch. zum Kräuterbüschel 12 ), s. Kräuter¬
weihe.
3 ) Bartsch Mecklenburg 1, 194. 4 ) Enge¬
lien u. Lahn 244. 5 ) Knoop Hinterpommern
159; vgl. auch Geschichtsbl. f. Stadt u.
Land Magdeburg 14 (1879), 142. 6 ) Sam-
land: Urquell i, 133. 7 ) Urquell 1, 187.
8 ) Mar zell Bayer. Volksbotanik 208. 9 ) Ca-
naan Aber gl. u. Volksmed. im Lande d. Bibel
1914, 64. 10 ) Bartsch Mecklenburg 2, 352.
u ) Veckenstedts Zs. 4, 147. 12 ) Marzell
Bayer. Volksbot. 55.
Marzell.
Schwarzkünstler s. Kunst.
Schwarzwurz(el) (Beinwell, Wallwurz;
Symphytum officinale).
1. Botanisches. Rauhblättriges, statt¬
liches Kraut mit glockenförmigen Blüten
von schmutzigroter oder auch gelblich-
weißer Farbe. Die Sch. ist auf feuchten
Wiesen, in Gräben und in Gebüsch nicht
selten 1 ). Das Kraut ist ein altes Volks¬
heilmittel bei Knochenbrüchen usw. 2 ).
Sch. ist auch eine Bezeichnung für die
in Gärten gezogene Scorzonera hispanica,
deren Wurzeln als Gemüse gegessen
werden.
*) Marzell Kräuterbuch 270 f. 2 ) W. Sieben
Sch. als heimisches Volksheilkraut, in: ZfrwVk.
24, 151 — 154.
2. Zur Heilung von Brüchen (Hernien)
nimmt man den Kot des Bruchleidenden,
gräbt gegen die Morgensonne (am besten
an der Ostecke des Hauses) ein kleines
Grübchen, legt den Kot hinein,
pflanzt ein Wurzelstückchen der Sch.
und deckt alles wieder im Namen des
des Vaters, des Sohnes usw. zu. Sobald
die Wurzel treibt, wird auch der Bruch
heilen und beim Erscheinen des ersten
Blattes völlig verschwunden sein 3 ). Aus
Thüringen wird das Mittel in der Form
berichtet, daß man bei abnehmendem
Monde früh vor Sonnenaufgang zu dem
1457
Kranken geht, mit der Wurzel drei
Kreuze auf den Leibesschaden drückt
und dabei den Namen des Kranken sagt.
Dann geht man an einen Ort, wo der
Patient so bald nicht hinkommt, macht
ein Loch in die Erde, hält die Wurzel
ins Loch und sagt: „N. N. hier stecke
ich die Wurzel in das Loch, dann ver¬
geht dir dein Bruch im Namen Gottes
usw.“. Dies sprich dreimal. Laß dann
die Wurzel im Loch stecken, mach es
zu und geh stillschweigend nach Haus 4 ).
Man hält die Sch. auf den zurückgedrück¬
ten Bruch, bis sie warm ist. Dann pflanzt
man sie ein; wenn sie wächst, verschwin¬
det der Bruch 5 ), vgl. auch Fetthenne (2,
1388). Lim Schweine von dem „Drach“
(einer Lähmung der Hinterbeine) zu
befreien, steckt man ein Wurzel von der
Sch. (Symphytum?) in eine Mauerritze
des Schweinestalles und spricht dabei:
Drach, Drach, Drach,
Weich aus dem Gemach.
Das tu ich dir zu Buße (dabei steckt man
die Wurzel in die Ritze). Im Namen des Va¬
ters usw. 6 ).
Auch in einem ostpreußischen Pest¬
spruch (s. Bibernelle 1,1223) erscheint der
,,Benweir ‘ (Beinwell), was j edoch sicherlich
mißverstanden ist für Bibernelle (Bewer-
nell!) 7 ), s. auch Tausendgüldenkraut.
0 Kt. Zürich: SchwVk. 17, 66. 4 ) Witz-
schel Thüringen 2, 289. 5 ) Fogel Penn¬
sylvania 288. 6 ) Kreis Schlüchtern: Unsere
Heimat. Schlüchtern 12 (1920), 67. 7 ) Frisch¬
bier Naturkunde 332.
3. Wo die längste der aus der Erde
gezogenen ,, Schatz wurzeln ‘ ‘ (Schwarz¬
wurzel [hier wohl Scorzonera ? ]) hin¬
zeigt, kommt der Schatz her 8 ), vgl.
Ampfer (1,372).
8 ) Mansfelder Seekreis: ZfVk. 19, 440.
Marzell.
schwatzen s. reden.
schweben s. Geist.
Schwefel.
Mhd. swevel, swebel, ein gemein-ger¬
manisches Wort, das erstickender, töten¬
der oder glänzender Stoff bedeutet x ).
Der üble Geruch des Schwefels führte
zu dem Aberglauben, er sei den bösen
Geistern eigentümlich. Vom Teufel, Ge¬
spenstern, dem Nachtjäger geht Schwefel¬
gestank aus 2 ). In Tirol heißt es: „Im
Schwefel sitzt der Teufel, er ist sein
Lieblingserzeugnis, sein Räucherpulver,
denn er brennt und stinkt. Arme Seelen,
die Pein leiden müssen, erleiden durch
den Schwefel das Ärgste“ 3 ). Nach einer
mir bekannten Sage aus der Grafschaft
Glatz hat der Teufel die Schwefelhölzer
erfunden; der letzte Feuerstein Verkäufer,
der seitdem seine Steine nicht mehr los¬
wurde, warf sie dem Teufel wütend an
den Kopf. Nach einem böhmischen Aber¬
glauben brauchen die Irrlichter Schwefel;
man kann sie unschädlich machen, wenn
man Schwefel oder Schwefelhölzchen bei
sich trägt und den Irrlichtern zu geben
verspricht 4 ). Auch der höllische Drache
stinkt nach Schwefel; wenn er seine Last
fallen läßt und man nicht schnell unter
Dach und Fach ist, beschmutzt er einen
mit einem Schwefelgestank, den man sein
Lebtag nicht mehr los wird 5 ). Aus einem
Schwefelbade stieg der böse Geist Orco
empor, der in den Sagen Südtirols spukt 6 ).
In alten Chroniken wird wiederholt be¬
richtet, daß es in einem Jahre Schwefel
regnete 7 ). Zu diesem Aberglauben führte
vielleicht eine gelbe Masse, die man zur
Sommerszeit auf den Feldern findet. Im
Fichtelgebirge schrieben manche sie dem
Drachen zu, der sie hätte fallen lassen,
und nannten sie deshalb Drachen¬
schmalz 8 ). Ein unausstehlicher Geruch
wie nach angezündetem Schwefel war
1585 nach einer Görlitzer Sage Vorbote
des großen Sterbens, das dieser giftige
Pestgestank angezeigt hatte 9 ). Aus
einem großen Sumpfe im Spessart, in
dem die Pest hauste, stieg ein dem
Schwefelbrand gleichender dicker Dampf
impor 10 ).
x ) Schade s. v. 905; Kluge Etym. Wb. s. v.;
Schräder Reallex . 2 2, 359. 2 ) Wuttke 37
§ 41; Kühnau Sagen 4 (Register) s. v. Schwe¬
felgeruch; Amersbach Grimmelshausen 1, 16;
Pfister Hessen 24; Rochholz Naturmythen
[6*Abs. 2. 3 ) Alpenburg Tirol 412; Klapper
Erzählungen 230 Z. 13 u. 373 Z. 22 (Höllen¬
trunk, Höllenfeuer) u. Caesarius 12, 41; vgl.
Goethe Faust 2, 5 (Grablegung) u. Apokalypse
19, 20 u. 21, 8. 4 ) Wuttke 478 § 762 = Groh-
mann 21; vgl. Amersbach Lichtgeister 7.
') Schwartz Studien 89; vgl. Bartsch Meck¬
lenburg 1, 259 Nr. 13 Abs. 2. 6 ) Amersbach
M 59
Schweifstern—schweigen
schweigen
I462
I46O
als Kugelblitz. ') Haupt Lausitz 1, 258 Nr.
325; Kühnau Sagen 3, 449 u. 488; vgl. Keller
Grab 4, 97 ff.; Bressl. Samml. Regb. 270 (anno
1708). 8 ) Schwartz a. O. ö ) Haupt a. O. 1,
272 Nr. 354 II; vgl. Ullrich Kuhländchen 82
Nr. 89. 10 ) Schober Spessart 209 Nr. 41.
In der Heilkunst wurde im Altertum
und bis zum Ende der Vorherrschaft der
galenisch-arabischen Schule der Schwefel
nur als solcher angewendet. Zu den zahl¬
reichen von Plinius angegebenen Heil¬
kräften des Schwefels fügen die medi¬
zinischen Werke des Mittelalters noch
seine Wirksamkeit gegen Podagra, Gift,
und Pestilenz. Zedlers Universallexikon
nennt ihn eine Panacee gegen allerhand
Krankheiten u ). Noch 1866 trugen viele
Leute in Leipzig ein Stück Schwefel auf
der Brust als Schutzmittel gegen die
Cholera 12 ). In der Pfalz wird gegen
Gelbsucht das Tragen eines Schwefel¬
fadens als linkes Strumpfband empfohlen
(similia similibus) 13 ). Gegen Gesichts¬
rose ist ein Säckchen mit Schwefelblüte
um den Hals zu tragen; auch beräuchert
man kranke Körperteile, vor allem bei
Rose, mit Schwefel u ). Gegen Schwindel,
den Rotlauf und Blattern hängt man
ganzen roten Schwefel um den Hals und
glaubt, dadurch von dem Übel befreit zu
sein 15 ). Gegen Krämpfe in Händen und
Füßen tragen einige stets ein Stück
Stangenschwefel bei sich auf der Brust,
auch im Bette 16 ). Gegen Krätze hängt
man als Präservativ Säckchen mit Schwe¬
felblumen um 17 ). Auch verwendet man
gegen diese Hautkrankheit Schwefelsal¬
ben 18 ). Ein Stück Schwefel in der
Hosentasche soll vor Wadenkrämpfen
schützen 19 ). Eine sofortige Entleerung
der Blase soll eintreten, wenn man vier
angezündete Schwefelhölzchen unter die
Nase hält. Angezündeter Schwefel wird
gegen Warzen verwendet 20 ). Auch beim
Vieh verwendet die Volksheilkunde Schwe¬
fel. Schweinen, die Rotlauf haben, gibt
man eine Mischung ein, deren Haupt¬
bestandteil grauer Schwefel ist 21 ). Wenn
eine Färse gekalbt hat und nicht Milch
geben will, gibt man ihr viermal etwas
gestoßenen Schwefel ein 22 ). Schwefel
wird benützt, um den Kälbern die Läuse
zu vertreiben 23 ). Ausgekrochenen Küch¬
lein bestreicht man nach einigen Tagen
ihre Köpfchen mit Schwefel; dann nimmt
die Krähe keines 24 ). —- Wenn auch
einigen der genannten Verwendungen des
Schwefels in der Volksheilkunde eine ge¬
wisse Berechtigung nicht abgesprochen
werden darf, so schwebt bei anderen
doch noch der bereits in der Antike
herrschende Aberglaube vor, daß der
reinigende Schwefel ein Gegenmittel gegen
Beschreiung ist 25 ). Im Altertum wurde
gegen Beschreiungen und zur Entsühnung
mit Schwefel geräuchert 26 ).
n ) Peters Pharmazeutik 2, 129!.; Lonicer
52; Zedier 36, 134 ff.; Bressl. Samml.
6 , 1825; vgl. Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, 798
u. 800; Plin. n. h . 35 § 174. 12 ) Seyfarth
Sachsen 263; Köhler Voigtland 351. 13 ) Lam-
mert 250; Schönwerth Oberpfalz 1, 180 Nr. 7;
Hovorka-Kronfeld 2, 109. 14 ) ZfrwVk. 1
(1904), 102; ZdVfVk. 4 (1894), 325; Köhler
Voigtland 351; Seyfarth a. O. 263. 15 ) ZföVk.
6 , m; Huß Aberglaube 6 Nr. 20; vgl. Schön¬
werth Oberpfalz 3, 256 Nr. 6; Fossel Volks¬
medizin 151. 138. 88; vgl. Most Encyklop. 563,
12. 16 ) Urquell 3 (1892), 70; vgl. Steiner
Mineralreich 116 2 (Schwefel gegen Reißen).
17 ) Lammert 180. 18 ) Lammert a. O.; Zahler
Simmenthal 85. 19 ) SAVk. 19, 215; vgl. Sey¬
farth 234. 20 ) ZfrwVk. 1 (1904), 98; Hüser
Beiträge 1893, 24. 21 ) Kuhn u. Schwartz
450 Nr. 782. 22 ) Schulenburg 105. 23 ) Zahler
a. O. 24 ) Frischbier Hexenspr. 128. 25 ) Selig¬
mann 2, 38. 26 ) Plin. n. h. 35 § 176 f.; Selig¬
mann 2, 38. f Olbrich.
Schweifstem s. Komet.
schweigen. Sch. wird aus verschie¬
denen Gründen 4 ) beobachtet. A. als
bewußte Übung des Nichtredens, in der
ausdrücklichen Absicht, sich dadurch zu
etwas Außergewöhnlichem zu befähigen„
seine Kräfte für bestimmte Fähigkeiten
zu steigern. B. Zur Verhinderung der
Störung einer rituellen Handlung durch
Reden. Daher wird Sch. für die ver¬
schiedensten Unternehmungen vorge¬
schrieben 2 ).
A. Sch. steigert die besonderen Kräfte
des Menschen; von dem asketisch-monasti-
schen Sch. 3 ) in der christlichen Kirche
wird im Sinne des Handwörterbuches
hier abgesehen, siehe zum Sch. allgemein
G. Mensching und O. Casel 4 ). Dieses
würde aber Gegenstand des Aberglaubens,
in dem Falle, wo das primitiv-religiöse
Volk darin die Ursache für höhere Macht
1461
des Priesters bzw. Mönches über die
Geister sähe; von manchem Priester, der
als Teufels- und Geisterbeschwörer gilt,
wird seine Schweigsamkeit betont. In
dieser Auffassung, daß Sch. eine Kraft¬
steigerung des Menschen bedeutet, daß
es ihn zu übermenschlichen Handlungen
befähigt, wie es auch in der Vorbereitung
des Priesters und Zauberers bei den Tief¬
kulturvölkern eine Rolle spielt, wurzelt
m. E. die Wichtigkeit des Sch.s:
1. Beim Schatzheben, wo es eine
wichtige Vorbedingung für das Ge¬
lingen ist 5 ); wird hier auch mancher¬
lei Zauberhandlung verrichtet, das Ge¬
lingen hängt vom Sch. ab. Auch
der Teufel und die Geister, die
Schützer des Schatzes, denen er gegen
ihren Willen entzogen werden soll, richten
ihre Anstrengungen und Listen aller Art
darauf, daß sie den Schatzheber gerade
zum Brechen des Sch.s bringen, in dem
Augenblick, wo dies eintritt, ist auch die
Bannkraft über den Schatz und bzw.
seinen Besitzer geschwunden. Hierzu ge¬
hört auch das Sch. auf dem Weg zur Stelle
als Vorbereitung. Die durch Sch. ge¬
steigerte Zauberkraft des Banners soll
sich stärker erweisen als die des Schatz¬
besitzers, bzw. Hüters. Daher bedeutet
sein Sieg eine schwere Gefährdung, auch
den Tod des Schatzhebers. Dem Schatz¬
heben gleichbedeutend ist das Totenbahre¬
ziehen, bei dem auch Sch. zur Erlangung
des Geldsackes nötig ist (Innviertel 6 )).
Uber die Zeit des eigentlichen Hebens hin¬
aus erscheint das Sch.gebot noch weiter
ausgedehnt, zeitlich auf drei Tage 7 ), ört¬
lich, bis der Schatz aus dem Berge, bis er
über den Fluß gebracht ist 8 ).
Eine weitere Gruppe unter den Schatz¬
hebungssagen bilden die, in welchen die
Hebung einer versunkenen Glocke mi߬
lingt, weil zur Unzeit geredet wurde 9 ).
2. Sch. bei der Erlösung: Diese wird
davon abhängig gemacht, daß der zur Er¬
lösung Berufene für eine bestimmte Zeit
und auch oft unter noch weiteren Bedin¬
gungen freiwillig Sch. beobachtet 10 ). Der
Erfolg tritt ein, wenn der Erlösende durch
Sch. seine Kraft soweit steigert, daß sie
stärker ist als der Bannzauber. Eine
Jungfrau kann der erlösen, der sie, ohne
anzuhalten und anzusehen, auf einen
Kirchhof trägt und dort mit voller Gewalt
zur Erde wirft 11 ); auch durch keine Spuk-
und Truggestalten, die sich zeigen, darf
man sich erschrecken lassen und das Sch.
brechen 12 ). Sch. durch 7 Jahre erlöst
verwünschte Brüder 13 ).
U Fehrle Keuschheit 69 (reiche Lit.).
2 ) Strackerjan 2, 182 Nr. 421. 3 ) Ale¬
mannia 2, 15 4 ) G. Mensching Das heilige
Schweigen, RVV. 20, 2. u. Odo Casel De philo -
sophorum Graecorum silentio mystico, RVV. 16, 2.
5 ) Die Lit. ist nicht vollständig: Grimm Myth.
2, 811; Unoth 1, 188 (Schaffh.); Strackerjan 2,
220 Nr. 466; Kühnau Sagen 3, 690; Pollinger
Landshut 106; Meiche Sagen 684 Nr. 848; 725
Nr. 897; 155 Nr. 206; 737 Nr. 907; Eisei
Voigtland 177 Nr. 474; Witzschel Thüringen
2, 41 Nr. 39; 2, 82 Nr. 96; Kuhn Mark. Sagen
32 ff.; Baader Sagen 52. 94 ff.; Reusch
Samland 134; Zingerle Tirol 97 Nr. 125;
ZfdMyth. 4, 47; ZfrwVk 1910, 37; BayHfte j„
256; Rogasener Familienblatt 2, 51; Lach¬
mann Überlingen 97; Lenggenhager Sagen
46, 159; Niderberger Unterwalden 1, 59;
Sommert Egerland 40 Nr. 22; Kuoni St.
G aller Sagen 174; Gräber Kärnten 41;
Bartsch Mecklenburg 1, 256; Birlinger
Schwaben 1, 262. 260; Heyl Tirol 516^.83;
Hüser Beiträge 2, 19 Nr. 57; MschlesVk. 3. 41;
18, 94 ff.; Söbillot Folk-Lore 1, 244; 2, 454;
4, 201. 6 ) Baumgarten Jahr 15. 16.
7 ) Kühnau Sagen 380; Kruspe Erfurt 2, 48.
8 ) Müllenhoff Sagen 205 ff. Nr. 278. 9 ) ZfVk.
7, 280; Pröhle Unterharz 153; Knoop Hinter¬
pommern 136. 10 ) Baader Sagen 24; Pröhle
Unterharz 129; Reusch Samland Nr. 55;
Meiche Sagen 578 Nr. 720; Heyl Tirol 456
Nr. 15. 41 ) Grimm Myth. 2, 807. 12 ) Heyl
Tirol 584 Nr. 44. 13 ) Strackerjan 2, 183
Nr. 421.
3. Die Beobachtung des Sch.s bewirkt
einen Analogiezauber: Beim Abendessen
am Weihnachtsabend schweigt man, da¬
mit der Förster niemanden von der Fa¬
milie beim Holzstehlen abfange und be¬
strafe (um Oppeln) 14 ). Das eigene Sch.
soll die gänzliche Nichtbeachtung durch
den Förster bewirken. Auf derselben
Grundlage des Analogiezaubers beruhen
Schweigegebote bei verschiedenen volks¬
medizinischen Behandlungen (s. u. B 2}
und in der Viehzucht (s. u. B 3).
14 ) Drechsler 1, 30 = 2, 262.
4. Durch die Steigerung der Kräfte über
das Menschliche hinaus kann der Mensch
nun auch mit der außermenschlichen Welt
in Verbindung treten. Sch. ist zu beachten
1463
schweigen
1464
a) während des Zusammentreffens mit
der Geisterwelt 15 ). Die genaueste Beob¬
achtung des Sch.s ist die Hauptbedingung
für den ungefährlichen Verkehr mit ihr,
eine Übertretung wird schwer, ja sogar
mit dem Tod bestraft. Hierher gehört
das Zusammentreffen mit dem Zug der
Frau Holla und der wilden Jagd. In dem
Rat des Eckart an die Kinder zum Sch.
kommt zugleich die fürchterliche Gefahr
für den Menschen zum Ausdruck, wenn
er Geistern begegnet, —• es würde ihm der
Hals umgedreht — und ihre Milderung
durch eine spätere freundlichere Auf¬
fassung 16 ). Wer bei Erscheinen der
Gstampe (Tirol) husten muß, tue dies in
eine Mohnstampfe hinein 17 ). Während
einem der Feuermann heimleuchtet, darf
kein Wort gesprochen werden, und man
muß rücklings zur Tür hineingehen 18 ).
Sch. rettet bei einem Feenerlebnis 19 ),
ferner in der Hexenversammlung und
beim Hexenritt 20 ).
Als ein gefährliches In-Verbindung-
treten mit der Geisterwelt mag auch die
Erforschung der Zukunft aufgefaßt werden.
Sch. ist dabei notwendig, bzw. eine Ver¬
letzung desselben kann für den Erforschen¬
den gefährlich sein, ihm das Leben
kosten 21 ). Das beim Kreisstehen Er¬
forschte muß Geheimnis bleiben 22 ). Wäh¬
rend im deutschen Aberglauben bei Be¬
gegnung des Geisterheeres Sch. geboten
ist, verkehren in den antiken heidnischen
Sagen Sterbliche mit Unsterblichen und
vereinigen sich zu einem Liebesbund, be¬
züglich dessen auch insofern ein Schweige¬
gebot besteht, als der Sterbliche keine
Frage an den Unsterblichen richten
darf 23 ) (s. Frage).
b) In weiterer Folge ergibt sich das Ge¬
bot des Sch.s über die Erlebnisse mit der
Geistern; auch über ihr Tun darf nicht
erzählt werden 24 ). Der irdische Held, der
die Liebe einer Himmlischen gewinnt,
darf kein Wort reden. Vgl.: Anchises
rühmt sich in angeheitertem Zustand
seines Liebesglückes bei Aphrodite, und
Zeus straft ihn mit dem Blitz, daß er lahm
bleibt 25 ). Die Schweigefrist ist auf drei
Tage beschränkt 26 ). Auch der Traum ist
drei Tage zu verschweigen 27 ). Umgekehrt
müssen auch Wechselbälge der Zwerge
Sch. bewahren; gelingt es, sie durch List
zum Reden zu bringen, so ist der Zauber
gebrochen, ihr Anschlag ist mißlungen,
sie müssen zurück 28 ).
c) Schließlich ergibt sich das Sch. über
Geschenke und Gaben verschiedenster
Art von den Geistern an die Menschen.
Die Verletzung des Schweigegebotes hat
außer dem Schwinden der Geschenke auch
oft noch eine Strafe zur Folge. Ein nie
ausgehender Garnknäuel ist sofort zu
Ende 29 ). Hierher gehören die Sagen von
dem unerschöpflichen Weinkrug, der so
lange fließt, bis das Sch. gebrochen wird 30 ),
ferner von den Bierkrügen, aus denen die
wilde Jagd trinkt 31 ). Nixen geben den
Zwergen nichtige Geschenke mit dem Ver¬
sprechen, daß daraus Gold wird, wenn
das Stillsch. eine gewisse Zeit beobachtet
wird 32 ). Vgl. denselben franz. Volks¬
glauben 33 ). Von der Anwesenheit eines
Drachen im Hause darf nicht gesprochen
werden 34 ). Ein Nachtwächter, der das
Gesehene dem Pastor mitteilt, wird mit
Stummheit gestraft 35 ). Ein Berggeist,
der für seine Hilfe täglich Anteil am Essen
und ewiges Stillschweigen verlangte,
strafte den Bruch des Sch.s mit furcht¬
barem Bergmannstod 36 ). Manchmal ge¬
schieht es, daß der, welcher das Sch. ge¬
brochen hat, verschwindet 37 ), krank wird
oder stirbt, weil er das im unterirdischen
Geisterreich Gesehene ausplaudert 38 ).
Gleichzuhalten dem Verbot zu reden ist
auch das zu lachen. Ein Senner lacht über
das Wichtelmännlein beim Käsen, und so¬
gleich ist es verschwunden 39 ).
15 ) Müller Tsergebirge 35. 16 ) Grimm Sagen
6 Nr. 7; Witzschel Thüringen 1, 189 Nr. 184;
2, 76 Nr. 89; ZfVk. 13, 186. l7 ) Heyl Tirol
166 Nr. 75 2 . 18 ) Schönwerth Oberpfalz 2, 92.
19 ) Müllenhoff Sagen 341 Nr. 457; Herzog
Schweizersagen 2, 163. 20 ) Schambach u.
Müller 178 Nr. 195 2 . 385; Heyl Tirol 308
Nr. 123; Schell B er gische Sagen 58 Nr. 93.
21 ) Wuttke 252 Nr. 364; Meiche Sagen 234
Nr. 296. 22 ) John Erzgebirge 181; Baum¬
garten Jahr 15; ZfdA. 4, 509. 23 ) Güntert
Kalypso 113 £f. 146; Bolte-Polivka 2, 328;
Aly Märchen 93 ft. 24 ) Strackerjan 1, 172.
25 ) Güntert Kalypso 186. 26 ) Schönwerth
Oberpfalz 3, 106. 27 ) Ebd. 3, 243 . 28 ) Stracker¬
jan 2, 183 Nr. 421; Schambach u. Müller
133 Nr. 49 1 ; 134 Nr. 49 2 . 29 ) Schambach u.
1465
schweigen j 466
Müller 122 Nr. 145. 352. 30 ) Wolf Beiträge
2, 123. 31 ) Heyl Tirol 6 Nr. 7. 32 ) Meiche
Sagen 31 ff. Nr. 30; MschlesVk. 18, 75. 33 ) Se-
billot Folk-Lore 1, 438; 2, 121. 200; 3, 207.
34 ) Meiche Sagen 310 ff. Nr. 407. 35 ) Kühnau
Sagen 3, 491 ff. 36 ) Ebd. 2, 435 ff. 37 ) Ebd.
3. 570. 38 ) Ebd. 3, 593 = Peter Burgen u.
Schlösser (1879) 1, 2301t. 3a ) Vernaieken
Alpensagen 217.
B. Durch Sch. soll die Störung einer
rituellen Handlung hintangehalten werden.
Daß die Schweigegebote im Zusammen¬
hang mit einer solchen diese Ursache
haben, ergibt sich daraus, daß nicht nur
das menschliche Reden sondern jede Art
von äußerer Unruhe und Störung dabei
verboten ist und die ganze Handlung unter
Stillsein vor sich gehen muß. Sch. ist
ebensosehr für die Zauber- wie für die
religiöse Handlung im weitesten Sinn vor¬
geschrieben ; doch besteht ein wesentlicher
Unterschied zwischen den römischen kulti¬
schen Handlungen und den verschiedent-
lichen christlichen; während für die
ersteren die Wirkung der Handlung von
der Einhaltung des Sch.s (favete linguis)
abhängt, ist eine christliche Kulthandlung
durch Verletzung des Sch.s von seiten
einer profanen Störung nicht aufgehoben.
Zudem konnte der ursprüngliche Sinn
des Sch.s in einer rituellen Handlung
allmählich verdunkelt und nicht mehr
erkannt werden, so daß es auch in solche
hineingetragen wurde, in denen es ur¬
sprünglich keinen wesentlichen Bestand¬
teil und keine Bedingung für das Gelingen
bildete. So wurde es schließlich eine nahe¬
zu allgemeine Zugabe zur zauberischen
Handlung, nach dem Grundsatz, daß diese
um so eher Erfolg verspricht, je mehr und
je schwierigere Bedingungen zu erfüllen
sind 40 ).
40 ) Helm Religgesch. 1, 45 ff.; J ec kl in Volks-
tüml. 265 ff.
1. Sch. dient der Steigerung der zaube¬
rischen Wirkung bei gewissen Arbeiten.
Zauberkräftige Linnen werden im Märchen
von den 7 Raben schweigend verfertigt 41 ).
An dem Nothemd arbeitet ein unschuldi¬
ges Mädchen 7 Jahre lang, stumm und
schweigend 42 ). Auch der Nothaken muß
schweigend geschmiedet werden 43 ) (s.
Nothaken). Der magische Kreis ist eben¬
falls schweigend zu ziehen. Auch 44 ) schon
vor Beginn der Zauberhandlung ist Sch.
zu bewahren 45 ).
41 ) Wolf Beiträge 2, 213. 42 ) Grimm
Myth. 2, 920. 43 ) Schell Bergische Sagen 302
Nr. 19. 44 ) Witzschel Thüringen 2, 196 Nr.
25. 45 ) Strackerjan 2, 183 Nr. 421.
2. Sch. ist notwendig bei den verschie¬
denen volksmedizinischen Praktiken
für Mensch und Tier 46 ). Der Kranke darf
während der oft wochenlangen Behand¬
lung nicht von sich und seiner Krank¬
heit 47 ) reden. Er soll wohl die Existenz
seiner Person vor den Krankheitsgeistern
verbergen. Im besonderen erfolgt
nahezu jede Behandlung unter Beob¬
achtung von Sch., z. B. Blutstillung: man
nimmt einen kleinen Stein oder ein
Stückchen Holz, läßt einige Tropfen Blut
darauf fallen und verbindet es dann still¬
schweigend 48 ).
Sch. beim Handauflegen s. Handaufle¬
gen 49 ). Beim Besprechen: Der Bespre¬
chende hat bereits auf dem Weg zum Kran¬
ken 50 ) Sch. zu beobachten. Es darf ihm
niemand drein reden 51 ). Er muß schweigend
ans Krankenbett treten 52 ). Beim Durch¬
kriechen 53 ): Der Gichtsegen ist dreimal
stillschweigend bei Mondschein zu ge¬
brauchen 54 ), ferner beim Wundsegen 55 )
und gegen das Gerstenkorn 56 ) (s. Gersten¬
korn).
Sch. beim Krankheitsübertragen 57 ).
Es muß beim Schneiden der Zweige, die die
Wunden heilen sollen, beobachtet werden,
weil sonst der Zauber aufgehoben wird 58 ).
Gegen die englische Krankheit (s. d.) oder
Auszehrung (s. d.) hat der Leidende einen
sog. Kringel (ringförmiges Gebäck) von
Kehrmehl stillschweigend auf einen Kreuz¬
weg zu tragen 59 ). Bei Epilepsie ist dem
Kranken das Hemd beim ersten oder
zweiten Anfall auszuziehen, zu zerreißen
und stillschweigend auf einen Kreuzweg
zu werfen 60 ). Bei der Übertragung von
Warzen (Walchow) 61 ) ist Sch. nötig. Ge¬
gen Kolik (s. d.) ist am Karfreitag still¬
schweigend ein frisch gelegtes Gänseei zu
verzehren 62 ). Damit das Kind leicht zahne,
gehe die stillende Mutter an drei Sonntagen
aus der Kirche und zwar schweigend und
blase dem Kind jedesmal in den Mund 63 ).
Gegen die Gesichtsrose 64 ) (s. d.), gegen
1467
schweigen
1468
Blasen auf der Zunge 65 ), eine wunde
Zunge 66 ).
46 ) John Erzgebirge 106; Westböhmen 268;
Bartsch Mecklenburg 2, 106 ff.; Seyfarth
Sachsen 179; Lammert 32; Drechsler 2, 277;
Wuttke 323 § 478; ZfVk. 22, 123 (MA.).
47 ) Wuttke 323 § 478. 48 ) Lammert 193;
Bartsch Mecklenburg 2, 376. 49 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 424; ZfVk. 7, 412. 50 ) Wuttke
324 § 482; Seyfarth Sachsen 70. 51 ) Wuttke
3 2 4 § 43 I - 52 ) John Westböhmen 268. 53 ) Kolbe
Hessen 93. 54 ) Bartsch Mecklenburg 2, 428.
55 ) Ebd. 2, 382; Grimm Myth. 3,471 Nr. 970.
56 ) Bartsch Mecklenburg 2, 108. 57 ) Ebd. 2,
104 ff. 108 ff. 58 ) ZfrwVk. 1908, 94. 59 )
Drechsler 2, 315. 60 ) Frischbier Hexenspr.
47. 61 ) Bartsch Mecklenburg 2, 118; ZfVk.
8, 199. 62 ) Drechsler 1, 90. 63 ) Grimm
Myth. 3, 477 Nr. 1132. 64 ) Bartsch Meck-
lenb. 2, 417. 65 ) ZfVk. 17, 451. 6Ö ) ZfwVk. 8,
205 (Ruppin).
3. Sch. ist eine feststehende Zugabe
zu den wichtigsten agrarischen Arbeiten
und Bräuchen: Auch in ihnen geht es
nicht auf eine Auffassung allein zurück.
Entweder wird es beobachtet gegenüber
verschiedenen schädlichen Geistern und
ihrer Einwirkung oder zur Verhinderung
von Behexung und Schadenzauber oder
als Analogiezauber.
a) Der erste Austrieb erfolgt in tiefem
Sch., um dem Wolf den Mund zu schlie¬
ßen 67 ). Der Stall ist vor dem Besprechen
des Viehes ebenfalls stillschweigend zu
betreten 68 ). Wenn die Kuh kalbt, darf
kein Wort im Haus gesprochen werden,
auch der eintretende Fremde wird mit
keinem Wort begrüßt, sonst müßten das
Junge und das Muttertier sterben (Todten¬
hausen, Kr. Minden) 69 ). Dasselbe beim
Schwein 70 ). Gegenüber Beschreiung wird
über die von der Kuh gegebene Milch Still¬
schweigen beobachtet 71 ). Eine Kuh, die
das erste Mal gekalbt hat, muß man das
erste Mal stillschweigend melken, dann
wird sie fromm, d. i. leicht behandel¬
bar (Blexen) 72 ). Um junge Stiere
zu bändigen, verschafft man sich
in einem Bauernhaus einen Riemen oder
ein Band, die an der Stubentür ange¬
bunden sind. Man nimmt diese still¬
schweigend an sich, verwahrt sie bis zur
Anbändigung und bindet sie vorn an
die Peitsche und haut den Stier still¬
schweigend hinter die Ohren, dann wird
er sich rasch gewöhnen 73 ). Einer beim
Melken unbändigen Kuh bindet man die
Schnur um, die stillschweigend vom
Spinnrad genommen wurde 74 ). Wer das
Vieh stillschweigend um Mitternacht
füttert, bewahrt dieses vor Krankheiten
(Rahden, Kr. Minden) 75 ). Gegen Würmer
im Schwein sagt man zum Besitzer:
Deine Schweine haben Würmer. Er
erwidert nichts und geht stillschweigend
seinen Weg 76 ). Der Maien, der am Kar¬
freitag über der Stalltür befestigt wird,
muß schweigend vor Sonnenaufgang ge¬
pflückt werden. Schweigend wird am
1. Mai durch eine weibliche Person der
Wiesentau gegen die Krankheiten der
Kühe von den Gräsern gestreift 77 ).
b) Anbau: Das Saatkorn muß schwei¬
gend aufs Feld gefahren werden 78 ); beim
Einschütten des Samens soll sich der
Bauer feierlicher Stille befleißigen 79 ).
Beim Säen spricht er kein Wort und
dankt auf keinen Gruß ®°). Das Sch.
während des Säens ist Bedingung neben
anderen Handlungen und wird verschie¬
dentlich begründet. Der Weizen soll
keinen Brand bekommen 81 ), die Vögel
sollen nichts merken 82 ). Es sollen keine
Spatzen ins Feld kommen 83 ); zu diesem
Zweck wirft der Sämann ebenfalls stül-
schweigend 3 Körner in den Busch 84 ).
Beim Zwiebelstecken muß man schweigen
und sich nicht auf richten, damit er nicht
schießt (Saulgau) 85 ). Ebenso schweigt
man beim Erbsenlegen, indem man drei
Erbsen unter der Zunge hält 88 ). Damit der
Flachs gedeiht, gehen Frauen am Jo¬
hannistag um das Feld und fassen ihn
schweigend an 87 ).
c) Ernte: Man zieht schweigend zur
Erntearbeit aus 88 ): man bindet sich still¬
schweigend die erste Handvoll Ähren um
den Leib gegen Rückenschmerzen während
der Ernte 89 ). Der erste Getreidewagen
wird stillschweigend aufgeladen und heim-
gefahren, abgeladen *°) t so still und ohne
das Korn oder Stroh zu schneiden, ver¬
halten sich die Mäuse (Krossnow, Kr.
Bütow) 91 ). Der Flachs soll stillschweigend,
ohne daß ein Gruß erwidert wird, gerupft
werden, er würde sonst nicht gut 92 ).
d) Schweigegebot besteht für manche
1469
Schwein
1470
Frühlingsbräuche, in denen es vermieden
werden soll, die Geister aufzurufen 93 ).
Der Obstbaumzauber muß stillschwei¬
gend vollzogen werden, damit die Bäume
fruchtbringend 94 ) sind, gegen ihre Be¬
hexung 95 ).
Schweigend müssen am Johannistag
die neunerlei Kräuter gepflückt werden,
die vor Krankheit schützen sollen 96 ).
e) Bei der Tierbannung. Gegen
Raupen wird Sand vom letzten Grab
schweigend und ohne sich umzusehen, über
die Pflanzen gestreut 97 ). Von einem ge¬
fundenen Vogelnest darf man nach Son¬
nenuntergang nicht reden, sonst kommen
die Ameisen und verzehren die Brut 98 ).
« 7 ) Frisch hier Hexenspr . 146; Sartori Sitte
2, 150. « 8 ) ZfVk. 8, 306. 89 ) ZfrwVk. 1906, 203.
70 ) Ebd. 71 ) Seligmann Blick 2,262. 72 )Strak-
kerjan 1,123 = \Vuttke446 §764. 73 )Bartsch
Mecklenburg 2. 148. 74 ) Ebd. 2, 146. 75 ) ZfrwVk.
1907, 12. 78 ) Frischbier Hexenspr. 98.
77 ) Fehrle Volksfeste 61. 78 ) John Erzgebirge
220. 79 ) Ebd. 80 ) ZfrwVk. 1910. 37; Meyer
Baden 418; Wuttke 419 § 653; Bartsch Meck¬
lenburg 2,161; Toeppen Masuren 91 = Sartori
Sitte 2, 64. 81 ) ZfVk. 10. 212; ZfdMyth. 1, 200.
*2) John Erzgebirge 220. 83 ) Meyer Baden
418. 84 ) Bartsch Mecklenburg 2, 162. 85 )
Eberhardt Landwirtschaft 3. 86 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 165. 87 ) And ree Braunschweig
167 = Sartori Sitte 3, 112. 88 ) ZfVk. 7, 152;
Messikommer 1,46 = Sartori Sitte 2,75;
Reuschel Volksk. 2. 33. 89 ) ZfVk. 12. 337.
90 ) Wuttke 423 § 661; Strackerjan 2 1, 55;
Maack Lübeck 98; Knoop Hinterpommern
175 (186) = Sartori Sitte 2, 81. 91 ) Knoop
Hinterpommern 175. 92 ) Grimm Myth. 3, 491
= Sartori Sitte 3, 114; Boeder Ehsten 137.
93 ) Fehrle Volksfeste 61; Krauß Sitte u.
Brauch 178. 179. 94 ) Wuttke 426 § 668.
95 ) Strackerjan i, 445 Nr. 242. 96 ) Fehrle
Volksfeste 61. 97 ) Frischbier Hexenspr. 138
= Wuttke 417 § 648. 98 ) Rogasener Familien¬
blatt 5. 12.
4. Beim Betreten eines Hauses: Vgl. den
Brauch der Pythagoräer, schweigend durch
Tür und Tor zu gehen (nach Porphyrius,
de antro nympharum 27), und dasselbe
finden wir noch bei Bauersfrauen um Die-
kirch, die beim ersten Eintritt in ein Haus
schweigen ").
99 ) Radermacher Beiträge 630. = Rtrp.
26, 284.
5. Beim Schöpfen des wunderkräftigen
Wassers: Die dem Wasser innewohnende
Kraft ist im deutschen Volksglauben be¬
kannt ; das Wasser muß früh, vor Sonnen¬
aufgang, stromwärts und schweigend ge¬
schöpft werden. Diese Zauberkraft kommt
in besonderem Maße dem sog. Osterwasser
zu (s. d.). Es heißt auch das stille Wasser,
weil es unter Sch. geschöpft werden muß,
nur dann hat es die Zauberkraft. Hat
man beim Schöpfen das Sch. gebrochen,
ist es Plapperwasser (Kätscher) und ohne
Kraft (Ratibor, Bunzlau) 100 ).
i°°) Grimm Myth. 1, 487; 3 . 437 Nr.
89; 461 Nr. 775; And ree Braunschweig
338; Wuttke 72 § 83; Kück Lüneburger Heide
37ff.; Drechsler 1, 83!!.
6. Sonstiges: Sch. gegen Neid und bösen
Blick (siehe oben Sch. bei Betreten des
Stalles). Die Römer verwendeten als
Amulett kleine nackte männliche und
weibliche Figürchen, die zum Zeichen des
Sch.s den Finger auf den Mund legten.
Eine ähnliche Bedeutung und abwehrende
Wirkung sollte als Amulett der Gott
Harpokrates haben 101 ).
Während des Wurstkochens darf nicht
geredet werden, sonst kocht die Wurst
aus 102 ).
Zum Sch. im psychoanalytischen Sym¬
bolismus s. Storfer 103 ).
101 ) Seligmann Blick 2, 271*5. 102 ) Knoop
Hinterpommern 172 = Sartori Sitte 2, 156.
103 ) Jungfr. Mutterschaft 83. Jungwirth.
Schwein. 1. Die wichtige Rolle, die
das Sch. im Aberglauben spielt, ist er¬
klärlich aus seiner großen Bedeutung für
den menschlichen Haushalt. Seit den
ältesten Zeiten ist es ein Haustier des
Menschen, wie Funde von Sch.eknochen
in den Pfahlbauten und Abbildungen von
Sch.en durch vorgeschichtliche Höhlen¬
bewohner beweisen 1 ). Als Totenbeigabe
ist es bereits in der Hallstatt-Periode 2 )
nachgewiesen, ebenso bei den süddeutschen
Völkern der La Tene-Zeit (Eisen-Bronze¬
zeit) und der Völkerwanderungszeit 3 ).
Auf dem alemannischen Opferaltar sind
Sch.eopfer zu 17% vertreten 4 ). Bei allen
Völkern erscheint es seit den ältesten
Zeiten als Opfertier 5 ), bei den Germanen
und den späteren Deutschen war es in
höchstem Ansehen. Im Mittelalter stand
die Sch.ezucht in hoher Blüte. Als Beispiel
dafür sei erwähnt, daß im Walde Bußhart
zwischen Bruchsal und Philippsburg in
i4;i
Schwein
1472
Baden 1437 etwa 50000 Sch.e in die Eichel-
mast gingen 6 ). Der Volksglaube, daß der
Atem des Sch.s verunreinigt 7 ), daß die
Milch gerinnt, wenn es am Eimer riecht 8 ),
daß man es nicht auf den Friedhof lassen
dürfe (Schweiz) 9 ), daß es der Sitz un¬
reiner Geister sei 10 ), ist nicht deutsch,
sondern durch jüdisch-christliche Ein¬
flüsse verursacht, vielleicht durch den
syrisch-babylonischen Adoniskult 11 ), s.
Eber 1.
J ) Keller Haustiere 2 65 — 69; es begegnet
zunächst in den Pfahlbauten der Po-Ebene
und den mykenischen Gräbern (Schräder
Reallex. 746). Sch.sidole (Amulette) aus Ton
finden sich aus noch älterer Zeit in Ägypten,
ferner in der ungarischen Steinzeit (HöfIer
Organotherapie 101), während der jüngern Stein¬
zeit in Nord- u. Mitteleuropa nachgewiesen
(Schräder Reallex. 746). 2 ) Höfler Organo¬
therapie 99. 3 ) Ebd. 101 — Anthropologie
Bayerns 15, 183. 185. 187; 16, 100; 17, 29.
3 1 • 34 - 39 - 4 2 I Arch. f. Anthropol. 27 (1902),
184. — Bei den Schweden der Völkerwande¬
rungszeit sind Sch.e-Schinken Grabbeigabe
(Höfler Org. 101 = Montelius 246. 243 ff.
246; Müller Altertumsk. 2, 115. 141); Hastings
1,525 (Indien). 605 (Griechen); 2,41 (Indogerm.);
5, 668; 12, 133. 445 (Römer). 4 ) Ebd. 99.
6 ) Sch.e-Opfer sind bezeugt bei den Ägyptern
(allerdings nur einmal im Jahr), Babyloniern,
Phöniziern; bei den Juden bis zur Zeit des
Jesaias bei bes. feierlichen Gelegenheiten; den
Griechen; bei den Römern scheint das Sch.
das üblichste Opfertier gewesen zu sein bei
allen Opfern, die vegetative und animalische
Fruchtbarkeit erzielen sollten (Höfler Org.
97 — I01 * 2141 Schräder a. a. O. [Ägypten];
ZdVfVk. 14, 9 [Griechen]). 6 ) Meyer Baden
404, vgl. noch Meyer Religionsgesch. 414t.
7 ) Grimm Myth. 2, 549 Anm. 1. 8 ) Ebd.
3, 463 Nr. 820. 9 ) Davoser Landbuch 31.
10 ) Fehrle Volksfeste 86; Lütolf Sagen 462.
11 ) Hoops Reallexikon 4, 149; — die Adonis¬
verehrer aßen kein Sch.efleisch (Frazer 5, 265);
vgl. dazu den Glauben der Kariben, die kein
Sch. essen, um nicht so kleine Augen zu be¬
kommen wie diese (ZdVfVk. 13, 376 = Ger-
land u. Waitz Anthropologie 3, 384).
2. Die grunzende, erdaufwühlende Sau 12 )
vertritt nach der Deutung einiger Mytho-
logen teils die Wetterwolke, teils den
Wirbelsturm. In Sch.egestalt denkt
das Volk sich den Wirbelwind 13 ), der
nach bayerischem Glauben durch den
Teufel und Hexen erregt wird 14 ); er wird
als „Sauwedel, -zagel, -kegel,
-arsch, -dreck, Windsau“ 15 ), als
„Sa uze hl (Vogtl.) 16 ) bezeichnet, wird
mit der Holle oder Werre in Verbindung
gebracht, die man ebenfalls mit dem
Namen Sauzehl bezeichnet 17 ). Ein auf¬
steigendes Sturmgewölk heißt eine
„Moore“ (Muttersau) mit 7 Jungen
(Schweiz) 18 ), ein mit einem Kreuzdorn¬
stock getroffenes gespenstiges Sch. bringt
Sturm hervor 19 ). Die furchtbare Rochel-
moore (s. d.), die spukt, wenn das Käuz¬
chen schreit 20 ), zieht dem singenden Gun¬
disheer, Guetigsheer, dem wildenHeer,
d. i. dem Wind, voran, dessen Zug ander¬
wärts von einer lärmenden Sch.eherde er¬
öffnet wird (Schwz.) 21 ). Einäugige oder
feurige Sch.e sind Begleiter des wilden
Jägers 22 ), das „Wildg’fahr“ erscheint
als „foirige Fok“ (Tirol) 23 ) oder
als Sch.eherde 24 ). Auch das Opfer
und die Erscheinung des Sch.s am
Donnerstag und seine Verbindung
mit Derk mit dem Beer (Eber) weist
auf den Gewittersturm 25 ). Die sieben¬
bürger Adventssau oder der Gotts-
borich (Gotteseber) 26 ) geht zur Weih¬
nachtszeit um wie das von einer Frau
gerittene weiße Sch. und die auf dem
Misthaufen umziehende Sau mit ihren
Jungen in Schwaben 27 ). Hier sind an-
Jungen in Schwaben 27 ). Hier sind an¬
zuschließen die Sagen von den Sch.en
der Frau Harke 28 ), von der alten ein¬
äugigen Sau 29 ) und von den Sch.en (bei
den Toten) im Berge (Kyffhäuser) 30 ),
die nichts anderes sind als die im wilden
Heere mitziehenden Sch.e 31 ). — Die bes.
zur Weihnachtszeit umziehenden gespenst.
Sch.e sind vielfach sogenannte Dorf¬
tiere, an denen die Schweiz und Süd¬
deutschland reich ist 32 ), die sich nachts
vor dem Dorfe herumtreiben und dem
Wanderer auflauern (s. Eber 2).
12 ) Meyer Germ. Myth. 102 = Schwärtz
Urspr. d. Mythol. 230. 13 ) Simrock 5 33 =
Panzer Beitr. 2, 209. 389. 14 ) Quitzmann
182; Laistner Nebelsagen 280 = Panzer
2, 209; Sch melier BayWb. 2, 848; Alemannia
3, 284. 15 ) Meyer a. a. O. 102 = Grimm
Myth. 1, 236 Anm. 1; 3, 91. 180; Rochholz
Sagen 2, 187; AfdA. n, 152; John Westböhmen
218; Jahn Opfergebräuche 176. 16 ) Eisei
Voigtland 105 Nr. 265 Anm. 3. 17 ) Eisei a. a. O.
251 Nr. 627 Anm. 1. 18 ) Meyer Germ. Myth.
102 = Rochholz Naturmythen 272; Laistner
Nebelsagen 279; ebd. 272 = Lütolf Sagen 467;
ZdVfVk. 7 (1897), 277 (Literaturangaben). 233.
19 ) Meyer Germ. Myth. 102 = Kuhn Märk .
102
1473
Schwein
1474
Sagen 212f. 20 ) SAfVk. 8, 276. 21 ) Meyer Germ.
Myth. 102 = Rochholz Schweizersagen 1, 150;
Kuhn Westfalen 326f. Anm. 2; 327 Anm. 2 =
Rochholz a. a. O. 22 ) Meyer a. a. O. 240.
2l ) Quitzmann 84 — Älpenburg Tirol 54.
24 ) Meyer a. a. O. 102 = Rochholz Schweizer¬
sagen 1, 92. 101; Rochholz Naturmythen 100
Nr. 31. 25 ) Meyer German. Mythol. 102 =
Grimm Myth. 1, 177; Mannhardt Korn¬
dämonen 8. 11. 26 ) Meyer a. a. O. 27 ) Meyer
a. a. O. = Birlinger Volksth. 1, 112; Meyer
a. a. O. 287 — Birlinger a. a. O. 1, 113. —-
Die schwedische Gloso mit Feuer-Augen und
-Borsten grunzt, daß die Erde dröhnt (Ge¬
witter!) und bedrängt, wie die schon. Gluffe-
suggan, die smäl. Torresuggan, Thorsau, den
Wanderer nachts. Sie geht namentlich in den
Julnächten um: Meyer Germ. Myth. 102 —
H. Cavallius Wärend och Wirdarne 1, 177.
240. 243; Wigström Folkdigtning i Skane 221.
28 ) Sepp Sagen 421 Nr. 114; Mannhardt
Götter 298; Meyer Germ. Myth. 281; ebd. 278
(= Kuhn u. Schwartz ii2f. Nr. 126, 7 —
Kuhn Westfalen 326. 328; Witzschel Thü¬
ringen 1, 232); Bechstein 4, 57 (Sag. v. Kyff¬
häuser) = Kuhn u. Schwartz 482L Anm. 126.
2> ) Kuhn Westfalen 1, 325. 328L 331 f.; ebd.
326 Anm. 2 = Ders. Märk. Sagen 145 Nr. 136;
Kuhn u. Schwartz 155 Nr. 180. 472 Anm. 35.
in Nr. 126, 4; Schambach u. Müller
Nr. 86. 30 ) Kuhn Westfalen 1, 3270. u. Anm. 2
(= Kuhn u. Schwartz 221 Nr. 247, 7; Scham ¬
bach u. Müll er Nr. 140,12; Kuhn u. Schwartz
483 Anm. 126 = Müllenhoff Sagen Nr. 387
= Bechstein Thüringen 4, 21. 22. 57);
Kuhn Westfalen 1, 328 (Anm. 3) = Bech¬
stein Thüringen 4, 57; ebd. 1, 323 — Bech¬
stein Fränk. Sagen 300 Nr. 160; Kuhn a. a. O.
370 Nr. 415 Anm. (Literatur); Ranke Sagen 2
86 — Pröhle Deutsche SagenNi. 220; ZdVfVk. 7
(1897), 275; Eisei Voigtland 70 Nr. 168; 190
Nr. 503; Meyer Germ. Myth. 282. 31 ) Mann¬
hardt Götter 138. 32 ) Meyer Germ. Mythol.
103 = Rochholz Sagen i f 214; Wuttke
53 § 591 Laistner Nebelsagen 117. 279; Roch¬
holz Naiurmythen 72 Nr. 90; 97 Nr. 30; 98
Nr. 31; SAfVk. 21 (1917),189; 25,48L; Kuoni
St. Galler Sagen 78 Nr. 166; Walliser Sagen 150;
Kohlrusch Sagen 45.
3. Viele Sagen und abergläubische Mei¬
nungen lassen auf einen innigen Zu¬
sammenhang des Sch.s mit demMaren-
und Alpglauben schließen. Die Tier-
mar'e erscheint auch als Sch. 33 ), die
Mutter der Mahrt in Engelland lockt
Sch.e 34 ), das Tier muß aber auch als
Seelentier angesehen worden sein. Denn
Seelen erscheinen oft als Irrlichter, und
das Vogtland 35 ) weiß von solchen zu
berichten, die einem Saurüssel gleichen.
Aus all den genannten Elementen er-
• ^
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
wuchsen (s. oben 2) die Scharen ge¬
spenstiger Tiere, unter denen das Sch.
besonders stark vertreten ist 36 ). In allen
deutschen (und ehern, deutschen) Gegen¬
den spuken, meist zwischen 11 und
12 Uhr 37 ) (Meckl. 38 ), Old. 39 ), Schwa. 40 ),
Schwz. 41 ), Tir. 42 ), Württ. 43 )), schwarze
(Bay. 44 ), Eis. 45 ), Schwz. 46 ), Thür. 47 )),
weiße (Schwa.) 48 ), schwarzweiße
(Schwa. 48 )) graue (Meckl. 49 )), rote
(Schles. 50 )), feurige und feueratmende
(Allgäu 53 ), österr. 51 ), Sachs. 52 ), Schles. 54 )
Tir. 42 )) Schweine, manchmal mit Feuer¬
augen (Tir.) 56 ). Sie laufen den Leuten
nach (Bay. 44 )), zwingen sie, auf ihnen zu
reiten und verschwinden dann plötzlich
(Vogtl. 56 ), Westf. 57 )), verlocken den
Wanderer (Schles. 58 )) und hetzen ihn,
bis er sie durch den Namen Gottes
(Schles. 59 )), durch Fluchen oder des
Teufels Namen (Schwz. ®°)) vertreibt.
Sie verschwinden im Wasser (Schles. 61 ))
oder schlüpfen auf wunderbare Weise
durch den Zaun (Schles. 62 )). Wer sie
sieht, bekommt einen geschwollenen Kopf
(Schwz. 46 )). Mit Vorliebe erscheinen
sie zur Weihnachtszeit und im Ad¬
vent (Schw. 63 )) (siehe oben 2). Viel¬
fach erscheinen als Sch.e Tote (Bad.,
Sachs., Tir. 64 )), die keine Ruhe im Grabe
finden und als „Wiedergänger“ (Old.)
die Lebenden behelligen, „verwünschte“
Seelen (Bay., Schwz., Tir.) 65 ), die zur
Strafe in Sch.e verwandelt wurden.
Ermordete (Meckl.) 66 ) oder Menschen,
die eine Schuld auf sich geladen, wie
z. B. Selbstmörder (Nordbö.) 67 ), oder
Frevel begangen haben. Zahlreich
unter ihnen sind die Hartherzigen,
Geizigen und Wucherer vertreten,
die nun als hungrige Sch.e mit den Sch.en
fressen müssen (Bad. 68 ), Bay. 69 ), Berg. 70 ),
Elsaß 45 ), Mark 71 ), Niedersachsen 72 ),
Sachs. 73 ), Schwa. 74 ), Schles. 75 ), Schwz. 76 ),
Tir. 77 ), Thür. 78 ), Westf. 79 )) und die
Unredlichen 80 ) und Betrüger, unter
letzteren vielfach Frauen (Bay. 81 ),
Schwa. 63 ), Schwz. 82 ), Tir. 83 )); Kindes¬
mörderinnen müssen als Säue mit
Ferkeln umgehen (Tir. 84 ), Württ. 85 )).
Pfaffenkellnerinnen müssen in Sch.e¬
gestalt ebenso umgehen (Schwz.) 86 ) wie
47
1475
Schwein
1476
zänkische Eheleute, die unversöhnt
gestorben sind (Bay.) 87 ), ein unnatür¬
licher Sohn 82 j in gleicher Weise wie
der Geist eines Juden, der einmal den
Schloßbrunnen in Würzburg vergiften
wollte 88 ). Reich ist wiederum die Schweiz
an solchen Spukgestalten (Tuutier,
Gräägi, Fährlisau) 89 ). Vielfach sind
christliche Anschauungen unlöslich mit
heidn.-mythischem Erbe vermischt (s.
Eber 3).
33 ) Meyer Germ. Myth. 77. 34 ) Ranke
Sagen 2 18f. = Kuhn u. Sch wartz 14 Nr. 16;
469 Anm. 1; Meyer a. a. O. 127— Jahn
Pommern 366t. 373. 35 ) Eisei Voigtland 167
Nr. 455. 36 ) Wuttke 127 § 171. 37 ) Simrock
Mythologie 5 468. 38 ) Bartsch Mecklenburg
i, 145. * 39 ) Strackerjan Oldenburg 2, 142
Nr. 371. 40 ) Birlinger Volksth. 1, 112. 114.
41 ) Lütolf Sagen 466t.; Rochholz Natur¬
mythen 97; Laistner Nebelsagen 297 = Lütolf
a. a. O. 345L 42 ) Alpenburg Tirol 212Ü.
Nr. 7. 43 ) Bohnenberger Nr. 1, S. 8. 44 )
Pollinger Landshut 128 Nr. 9. 45 ) Rochholz
Sagen 2, 136= Stöber Elsaß Nr. 196. 46 )
Rochholz Naturmythen 91 Nr. 24. 47 ) Ders.
Sagen 2, 136. 48 ) Meier Schwaben 1, 224. 225;
Wuttke 53 § 59. 49 ) Bartsch a. a. O. 1, 144.
60 ) Drechsler Schlesien 2, 118; Urquell 2
(1891), 206. 61 ) Vernaleken Mythen 135
Nr. 15 (Sch. mit goldenem Schatzschlüssel).
62 ) Meie he Sagenbuch 49 Nr. 41. 63 ) Reiser
Allgäu 1, 273. 54 ) Kühnau Sagen 1, 302.
ö5 ) Alpenburg a. a. O. 213 Nr. 8. 56 ) Eisei
Voigtland 128 Nr. 135. 37 ) Kuhn Westfalen
370 Nr. 415. 58 ) Kühnau a. a. O. 1, 577.
69 ) Drechsler Schlesien 2, 118. 60 ) Kuoni
St.Galler Sagen 158 Nr. 285. 61 ) Kühnau
a. a. O. 2, 3iiff. 62 ) Ebd. 1, 3T4L ® 3 ) Meier
Schwaben i, 226; Wolf Beitr. 2, 412. 64 ) Baader
N Sagen (1859) 28; Meie he Sagenbuch 49 Nr. 41;
Heyl Tirol 464 Nr. 24. 65 ) Pollinger Lands¬
hut 97 Nr. 8; Quitzmann 84. 177b; Lütolf
Sagen 466f.; Alpenburg Tirol 213b Nr. 9;
Heyl Tirol 22 Nr. 23. 6Ö ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 144b 67 ) Kühnau Sagen 1, 526 =
Langer Das östliche Deutschböhmen 6 (1906),
187. 68 ) Baader NSagen (1859), 388; Waibel
u. Flamm 2, 271. 69 ) Panzer Beitr. 2, 16. 490.
70 ) Schell Bergische Sagen 84 Nr. 3. 71 ) Woeste
Mark 46. 72 ) Schambach u. Müller 365
Nr. 240. 73 ) Meiche a. a. O. 54 Nr. 55. 74 )
Birlinger Volksth. 1, 113. 75 ) Kühnau Sagen
1, u6f. 144. 76 ) Kuoni St.Galler Sagen 35.
77 ) Heyl Tirol 464 Nr. 24. 78 ) Rochholz
Sagen 2, 136. 79 ) Sartori Westfalen 365 Nr. 242.
80 ) ZdVfVk. 3 (1893), 81 ) Panzer Beitr.
2, 209. 490. 82 ) Laistner Nebelsagen 279;
Alemannia 4, 175; SAfVk. 25, 125. 83 ) Heyl
Tirol 70 Nr. 30 2 . 84 ) Ebd. 357 Nr. 29. 85 )
Bohnenberger Nr. 1, S. 8. 10. 86 ) Lütolf
Sagen 345. 87 ) Pollinger Landshut 96b
8S ) ZfdMyth. 3,62. 89 ) Kuoni a. a.O. 78b 250L
Nr. 423; 83 Nr. 176; 156 Nr. 283; 190 Nr. 339;
vgl. zum möglichen Werdegang solcher Sagen
ZdVfVk. 4 (1894), 327.
4. Das Sch. ist Teufels- 90 ) und
Hexentier 91 ). Der Teufel erscheint
gerne als grunzendes (Bay., Kämt., Old.
Samland) 92 ), oft schwarzes 93 ) Sch. mit
feurigen Augen und glühendem Kopf
(Schles.) 94 ), von ihm hat er die Augen
(Oberpf.) 95 ), in Sch.egestalt zieht der
Böse einen Graben (Schw.) ö6 ) um ein
Stück Land, das ihm Gott geschenkt
hat (Schwz.) 97 ). Ein Teufelsgespenst
grunzt wie eine Herde Sch.e 98 ). Hexen
nehmen oft die Gestalt eines (roten) 99 )
Sch.s an (Bad., Hessen, Meckl., Ndtl.,
Old., Schw., Schwz.) 100 ); sieht man in
der Kirche durch ein Karfreitagsei hin¬
durch, so sieht man, wie die Hexen statt
der Gesangsbücher Speck in den Händen
haben (Eis.) 101 ). Das Sch. ist Reittier
der Hexen 102 ) und des Teufels (Bad.,
Bay., öst., Vorarlberg) 103 ) sowie (ver¬
dammter) Verstorbener 104 ), die manch¬
mal auf glühenden Sch.en reitend er¬
scheinen 105 ). Der Ritt auf dem Sch.
wurzelt tief im Volksbewußtsein, ist
aber gewiß sehr von christlichen An¬
schauungen durchdrungen; wenn die
Sage erzählt, daß Luther auf seiner Flucht
auf einem Sch.e geritten sei 106 ), so sind
die Niederschläge aus den kirchlichen
Kämpfen der Reformationszeit offensicht¬
lich. Als Sch. erscheinen auch Kobolde
(Schwz.) 107 ) und der Almputz (Tir.) 108 ).
In Zusammenhang mit dem teuflischen
Wesen des Tieres stehen die schätz-
anzeigenden (Tirol) 109 ) und schatz¬
hütenden Sch.e (Schwz.) no ). Über
Sch.e, die Glocken auswühlen s. unter 14
und Eber 8 (s. a. Eber 3).
90 ) Meyer Germ. Myth. 103 = Grimm Myth.
2 » 832; 3, 294; Baumgarten Aus der Heimat
1, 75. 91 ) Wuttke 127 § 171. 92 ) Grimm
Myth. 2, 832; Simrock 5 480; Sepp Religion
l 7 ‘> Quitzmann 84; Gräber Kärnten 4 299b
305; Strackerjan 2, 142 Nr. 371; Reusch
Samland 78 Nr. 80. 93 ) Wuttke 37 § 41.
94 ) Drechsler Schlesien 2, 118. ö5 ) Quitz¬
mann 84 = Schönwerth Oberpfalz 3, 40;
Schönwerth a. a, O. 1, 344. — Nach magyar.
Volksgl. ist das nach rechts gedrehte Ringel¬
schwänzchen des Sch. vom Teufel verursacht:
Wlislocki Magyar. Volksglaube 104. 93 )
77
Schwein
1478
Grimm Myth. 2, 855. 3, 302. 97 ) Simrock
Mythologie 5 303; ebd. 542 = Rochholz Natur¬
mythen 101 Nr. 31. Vgl. Grimm Myth. 2, 855.
98 ) Kiesewetter Faust 2 1, 1. Buch 233. —
In Sch.e-Gestalt verläßt der Teufel eine ehern,
arianische den Katholiken wieder zurück-
gegebene Kirche: Meyer Aberglaube 160 b
") ZdVfVk. 23 (1913), 262. 10 °) Laistner
Nebelsagen 281; Hertz Werwolf 74; Kämpfen
Hexen 57; Bartsch Mecklenburg 1, i 45;
Waibel u. Flamm 2, 343; Meier Schwaben
186. 502; Wolf Sagen 196; Strackerjan Olden¬
burg 1, 327; Kuhn u. Schwartz 25 Nr. 32.
101 ) Wuttke 256 § 373. 102 ) Ebd. 127 § 171;
Laistner Nebelsagen = Hertz Werwolf 57;
Strackerjan a. a. O. 2,142 Nr. 371. 281b;
103 ) Simrock Mythologie* 473 = Baader Sagen
16; Panzer Beitr. 2, 97. 308; Vernaleken
Mythen 113; Vonbun Sagen 75. 104 ) Eisei
Voigtland 66 Nr. 154; Birlinger Volksth.
1, ii2fb; Wolf a. a. O. 409; Ders. Sagen 334;
Wuttke 127 § 171. 105 ) Wolf Beitr. 2, 409.
l06 ) Ebd. 408b 107 ) Kohlrusch Sagen 273.
108 ) Heyl Tirol 22 Nr. 23. 109 ) Quitzmann
241 = Zingerle Sagen 387. 391; Heyl
Tirol 492 Nr. 55; 627 Nr. 93. 110 ) Ku¬
oni St. Galler Sagen 172fr Nr. 308. — Die
dänische Grafso hockt auf einem Schatz:
Meyer Germ. Myth. 102 = Mannhardt Korn-
dämonen 12.
5. Obwohl Teufels- und Hexentiere,
sind Sch.e leicht zu behexen U1 ) und
gegen böse Einflüsse empfänglich. Ein
Sch., welches in einer Scheuer unter¬
gebracht war, wo sich einer erhenkt hatte,
konnte sich des morgens nicht mehr
rühren. Da rief man den Kapuziner, der
es mit Malefixwachs einschmierte; und
nach zwei Stunden war es wieder voll¬
kommen gesund 112 ). Sie sind sehr für
den bösen Blick empfänglich 113 ), und
besonders die Ferkel sind durch das
Auge überwollender Menschen allerlei
Krankheiten ausgesetzt 114 ). Man läßt
sie aus Furcht davor keinen Unbekannten
sehen und bedeckt sie mit einem Stück
Zeug (Old., Ostpreuß. 113 )) oder läßt
wenigstens die Neugekauften drei Tage
von niemand ansehen (Schles.) 115 ). Man
kann bei ihnen den ,,Hexenschuß“ be¬
wirken, wobei sie plötzlich geradeaus
rennen und dann tot niederfallen 116 ).
Schlägt man einen Sargnagel in den
Sch.etrog ein, so krepieren die Sch.e
und Ferkel, und keine Zucht kommt auf
(Lauenb.) 117 ).
m ) Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371.
lia ) SAfVk. ii (1907), 132. 113 ) Seligmann
Blick 1, 215b — Auch in England u. Frankreich.
1I4 ) ZdVfVk. 11 (1901), 320. 1I5 ) Drechsler
Schlesien 2, 118. l16 ) Wuttke 267 § 392.
n? ) Ebd. u. 135 § 186.
*
6 . Deshalb wird der Fürsorge für die
Sch.e und ihr Gedeihen die größte Auf¬
merksamkeit entgegengebracht, die bis
zur Selbstentäußerung geht. Ein Bauer
in Baden, der Jahre lang Unglück mit
seinen Sch.en hatte, versprach, an
Sonn- und Feiertagen kein Sch.efleisch
zu kochen, was noch heute in dem Hause
beobachtet wird 118 ). Vor allen Dingen
müssen neugekaufte Sch.e besonders
behandelt werden. Wählt man aus einem
Stamme Ferkel eines aus, so muß man
das zuerst ergriffene behalten. Wählt
man ein anderes, so gedeiht es nicht 119 ).
Einem neugekauften Sch. legt man beim
Eintun Stroh vom Wagen (Erzgeb.) 120 )
oder Streu von seinem alten Lager
und etwas Brot des Verkäufers (Bad.) 121 ),
drei Brotkrusten, in welche einige
unter dem Arme eines Menschen aus-
gerissene Haare eingewickelt sind, dann
gedeiht es gut (Wetterau) 122 ); man läßt
es zuerst aus der Suppenschüssel
fressen, dann frißt es immer gern (Ober¬
pfalz) 121 ). In Bayern muß man ein ge¬
kauftes Sch. ,,arschling“ in den Stall
bringen, sonst würde es mit dem Hinter¬
teil zuerst herauskommen, d. h. umge¬
standen 123 ). In einigen Orten Ober¬
frankens spricht man, wenn ein neues
Sch. in den Stall geführt wird, um es an
den Stall zu gewöhnen: ,,Sau, eil in dein
Gestell, wie der Advokat in die Holl’“ 124 ).
Im Vogtl. rauft man ihm einige Borsten
aus dem Rücken, legt sie unter die Stall¬
schwelle und sagt: „du Sch., komm wieder
in deine Stell’, als wie der Advokat in
die Holl’“ 125 ). Hat man verschiedene
Sch.e zusammengekauft, so muß man
ihnen den Rüssel mit Schnaps einreiben,
damit sie infolge des gleichen Geruches
sich besser vertragen (Eßlingen) (Das
scheint aber kein Aberglaube zu sein). Um
sie an Reinlichkeit zu gewöhnen, leert man
einen Hafen lauen Wassers in eine Ecke
der „Sausteig“, damit sie diese Ecke als
Abort benützen (Württ.) 126 ). — Damit
die Sch.e abends gern wieder nach Hause
47 *
M 79
Schwein
Schwein
1482
I480
kommen, läßt man sie, wenn sie die Tür¬
schwelle zuerst beschreiten, d. h. zum
erstenmal ausgetrieben werden, über ein
Stück Waschtuch oder einen Knie¬
riemen 127 ), den Gürtel des Mannes
oder das Strumpfband der Frau oder
die Schürze der Magd 128 ) (auch nur
ein Stück Schürze) 129 ), die man auf die
Stallschwelle legt, springen (Bad., Bay.,
Pfalz, Frk., Wald.); oder die Hirtin
breitet beim ersten Austrieb ihr Für¬
tuch vor die Stalltür und läßt die Sch.e
darüber gehen (Oberpf.) 130 ). In Sieben¬
bürgen muß der Sch.ehirt beim ersten
Austrieb nackt sein. Um die mitter¬
nächtige Stunde wurden die Sch.e mit
lautem Geschrei und Peitschenknall aus
dem Dorfe hinaus auf einen bestimmten
Platz getrieben, dort wurde die Herde
vom nackten Hirten (früher von nackten
alten Weibern) dreimal im Kreis um¬
sprungen und dann bis zum grauenden
Morgen draußen gehalten. Hiedurch,
so glaubte man, sollten alle Fährlich-
keiten von den Sch.en für das betreffende
Jahr abgewendet werden 131 ). Der Tag
des ersten Austriebes ist bedeutsam.
Ferkel darf man nicht am Mittwoch
(einem Hexentage) zum erstenmal aus-
treiben, sonst kehren sie nicht heim
(Bad.) 132 ). In Ermland erfolgt der erste
Austrieb zu Petri Stuhlfeier (22.Febr.) 133 ).
Auch am Ostertag darf man sie nicht
austreiben, sonst werden sie ackerläufig
(Siebenb.) 134 ). — Damit die Ferkel treff¬
lich wachsen, badet man sie in Wasser,
worin ein gemetzeltes Sch. gebrüht wurde
(Bad.) 135 ). Damit die Sch.e glatt werden,
bekommen sie das Wasser, mit welchem
man beim Backen das Brot glättet (Ost-
preuß.) 136 ). Damit sie fressen und gesund
bleiben, füttert man sie zu Weihnachten
aus dem Reif: „man lokcht dy saw für
das tar an dem weinacht margen vnd
gibt in habern in ainem raif vnd sprechent:
1 die meins nachtpawrn ain sümpl . die
mein aein grumpV . so sind sew des iars
frisch, vnd seins natpawr krankch. vnd
des iars gentz gern an das veld“ (Ob.-
Öst., 14. oder 15. Jh. 137 )). Auch gibt
man ihnen am Neujahrsmorgen Erbsen
als erstes Futter (Ostpreuß.) 138 ). In
dem Kübel, in welchem der Trank für
die Sch.e gesammelt wird, hält man
eine Schildkröte, davon werden die
Sch.e fett; stirbt sie, so gehen auch die
Sch.e drauf (Ostpreuß.) 139 ). Wollen die
Sch.e nicht fressen, so geht man an drei
aufeinander folgenden Tagen nachts
12 Uhr unbeschrien in den Stall und
spricht ein gewisses Gebet (Bay.) 140 ).
Gegen Behexung schützt man die
Sch.eställe und Koben durch das Kreuz¬
zeichen 141 ), hitzige Krankheiten der Sch.e
und Behexung werden durch Hausmittel
unter Beihilfe von Segen und Sprüchen 142 ),
ferner durch Zauberhandlungen geheilt
und abgewehrt. Am Weihnachtsabend
werden die Sch.e mit Birkenreisern
über den Rücken gefegt und so gegen
böse Einflüsse geschützt (Meckl.) 143 ).
Damit die Sau nicht finnig wird, darf
man am Freitag nicht Sch.efleisch essen
(Ob.-Öst. 14. oder 15. Jh. 144 )); damit sie
keine Würmer bekommt, darf man am
Aschermittwoch nicht spinnen (Sieben¬
bürgen) 134 ). Man schützt sie vor Hexen¬
werk und Krankheiten, wenn man eine
aus einem Sarge gezogene Schraube
in den Futtertrog schraubt (Old.) (siehe
das Gegenteil oben 5), oder einen Nagel
im Namen der Dreifaltigkeit hineinklopft
(Meckl.), oder viele Nägel in den Boden
des Stalles schlägt (Bad.), oder ein Hexen¬
nest (d. h. die manchmal nestartig ver¬
wachsenen Zweige und Knorren einer
Birke) in den Stall hängt (Old.); oder
man spuckt dreimal in den Backtrog
(Old.) 145 ). Um sie vor dem ,,Ver¬
fangen“ zu schützen, hält man sie bei
dem Herauslassen am Schwänze so lange
fest, bis sie schreien (Old.) 146 ); hat sich
ein Sch. verfangen, so geht man dreimal
um dasselbe herum, kneipt es in den
Schwanz und spricht einen Segen
(Old.) 147 ). Häufig ist die Anwendung
des sog. „Fangwassers“: Über einen
Sch.ekoven wird Wasser gegossen und
dasselbe aufgefangen, und zwar dreimal;
dies Fangwasser wird dem erkrankten
Sch. zum Saufen eingegeben, um es wieder
gesund zu machen (Meckl.) 148 ). Ist ein
Sch. krank, so ruft man den Nachbar
und macht mit ihm einen Scheinhandel
1481
r
»
(Schles.) 149 ), oder der Schinder muß den
Kopf einer Schimmelstute auf den
Sch.estall legen (Oberpf.) 150 ). Gegen
die gefürchtete „Kornkrankheit“ der
Sch.e wird im elsässischen Dorfe Hindis¬
heim ein Sch.esegen von 1717 als Fa¬
milienheiligtum geehrt und von Geschlecht
zu Geschlecht vererbt. Selbst feindliche
Nachbarn und Leute aus der Fremde er¬
bitten nicht selten unter Tränen das
vergilbte Papier mit den verblaßten
Schnörkeln 151 ). Gegen Hitze oder son¬
stige Krankheiten nagelt man Eber¬
wurz (Carlina) in den Säutrog und ver¬
wendet Säuwurz, Saukraut (Tollkirsche:
Atropa Belladona), gegen Rotlauf (das
St. Antoniusfeuer) Sauranke (Scrophu-
laria nodosa) und Eberkraut (Sch.skraut),
auch Antonius- oder Feuerkraut genannt
(Epilobium angustifolium) 152 ). Um Krank¬
heiten und Seuchen von den Tieren ab¬
zuwehren, trieb man sie durch Notfeuer
(noch 1831) 153 ). Hat ein Sch. den Fuß
gebrochen, so umbindet und schient man
das dem gebrochenen Fuße entsprechende
Bein eines Stuhles; es darf sich aber
niemand darauf setzen, bis das Tier
geheilt ist (Bay.) 154 ). — Ist die Sau
beim Eber gewesen, so wirft man ihr
so viel Hände voll Hafer in den Trog,
als man Junge wünscht (Old., Jever-
land) 155 ). Wird ein Sch. zum Eber ge¬
führt, so muß, wenn man männliche
Junge erzielen will, ein Mann bei der
Zurückkunft die Stalltür schließen
(Thür.) 156 ). — Geschenkte Schweine ge¬
raten nicht (Thür.) 157 ). — Beim Verkauf
von Milchsch.en darf man, wenn der
Bauer zum Markt fährt, nicht nach dem
Preise fragen, sonst hat der Verkäufer
kein Glück (Bad.) 158 ).
118 ) Meyer Baden 530. 119 )ZdVfVk. 10 (1900),
209. 12 °) John Erzgebirge 233. m ) Wuttke
437 § 687. 122 ) Wolf Beitr. 1, 200. 123 ) Pol-
linger Landshut 156. 124 ) Wuttke a. a. O.
= Bavaria 3, 345. 125 ) Wuttke a. a. O. =
Köhler Voigtland 428. 12 «) Eberhard t Land¬
wirtschaft Nr. 3, S. 15. 127 ) Wuttke a. a. O.
128 ) Ebd.; Grimm Myth. 3, 455 Nr. 615.
129 ) Ebd. 3,454 Nr. 578. 13 °) Wuttke 437
§ 687 = Schönwerth Oberpfalz 1, 321 Nr. 9.
131 ) Halt rieh Siebenb. Sachsen 279 f. 132 )
Grimm Myth. 3, 455 Nr. 613. 133 ) Sartori
3, 89 Anm. 12 = Kück u. Sohnrey 69.
134 ) Meyer Germ. Mythol. 286 — Haltrich
a. a. O. 284. — In Schweden dürfen die Sch.e
am Tage der hl. Lucia (13. Dez.), einer Ver¬
treterin der bayr. Perchta, nicht ausgetrieben
werden, sonst bekommen sie Läuse: Meyer
Germ. Myth. 286 = Grimm Myth. 3, 480
Nr. 75. 13S ) Grimm Myth. 3, 455 Nr. 620.
i 38 ) Wuttke 437 § 688. 137 ) Grimm Mythol.
3, 418 Nr. 46. 138 ) Sartori 3, Ö7 65 = Lemke
Ostpreußen 1, 7. 339 ) Wuttke a. a. O. = Top¬
pen Masuren 99; Sartori 2, 134 12 = Toppen
a. a. O.; Bartsch Mecklenburg 2,157 ( 7 * 9 )*
14 °) Pollinger Landshut 157. 14i ) Wuttke
286 § 420. 142 ) Sartori 2, 134 11 (Literatur).
143 ) Ebd. 3, 33 7 = Bartsch Mecklenburg 2, 227L
144 ) Grimm Myth. 3, 419 Nr. 62. 145 ) Wuttke
437f. § 688. 146 ) Ebd. 438 § 688. 147 ) Knuchel
64; Mittel gegen das Verfangen: Strackerjan
Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 148 ) Bartsch Meck¬
lenburg 2, 157. 149 ) Drechsler Schlesien 2, 118.
15 °) Wuttke 438 § 688. 151 ) Ebd. 148 § 243 =
Alemannia 16, 54. 152 ) Marzell Pflanzen¬
namen 103 Nr. 55; m Nr. 57; 105^.55.
1M ) ZdVfVk. 11 (1901). 217. Vgl. dazu Jahn
Opfergebräuche 27 u. 32, der Wolfs Erklärung
(Beitr. 1, 116) ablehnt und eine natürliche ver¬
sucht. 1B4 ) Wuttke 436 § 686 = Panzer
Beitr. 2, 302. 15S ) Wuttke 438 § 688 —
Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371; Eber¬
hardt Landwirtschaft Nr. 3, S. 16; Sartori
2, 134 13 . 15a ) Sartori 2, 137 4 = Witzschel
Thüringen 2, 279 (37). 157 ) Wuttke 438
§ 688. 168 ) Meyer Baden 404.
7. Das Sch. ist Orakeltier und zu¬
kunftkündend. Man deutet seinen
Angang und weiß ihm Prophezeiungen
für Hochzeit und Tod zu entnehmen 159 ).
a) Im Angangglauben gilt es (einzelne
und in Herden) viel häufiger als übles
und unheilverkündendes Vorzeichen 160 ).
egegnet man ihnen bei Antritt einer
Reise oder auf dem Wege zu einem Be¬
such, so hat man entweder Unglück oder
üblen Empfang zu gewärtigen (fast allg.,
Westf., Brand., Schwz., Old., Schles.,
Schw., Erzg.) 161 ). Man kehre in so einem
Falle lieber um und unternehme an diesem
Tage nichts. Besonders Jäger 162 ) und
Geschäftsreisende 163 ) halten vielfach
darauf (fast allg.). In einzelnen Gegen¬
den des deutschen Sprachgebietes gelten
sie als unheilverkündend, wenn man ihrer
zur Rechten ansichtig wird. „Sch.e
rechts, Bedeuten Schlechte („Sch.e zur
Rechten, 's gibt Vas durchzufechten),
Sch.e zur Linken, ’s wird Freude dir
winken“ u. a. (Schles.) 164 ). In Teplitz
(D.-Bö.) aber bedeutet ein Sch. zur linken
Hand Unglück 165 ). Wenn sie einem
1483 Schwein 1484
Hochzeitszuge begegnen, so gibt es eine
unglückliche Ehe (Schw.) 166 ). Um das
Eintreffen des Unglückes abzuwehren,
mache man den begegnenden Sch. drei
Verbeugungen (Schl.) 167 ) oder spucke
aus und sage: ,,Pfui, pfui!“ (Bay.) 168 ),
oder weiche nach rechts aus (Old.) 169 ),
sonst verliert man z. B. seinen Prozeß.
N ach Montanus dagegen wird sein An¬
gang als glückbringendes Omen auf¬
gefaßt 170 ) (auch in Ostpreußen) 171 ), be¬
sonders der eines kleinen Sch.es 172 ) im
Anfang einer Reise. Doch macht man
ihm drei Knixe (Schl.) 173 ) oder greift
an ein Eisen (Schles. 173 ), Ostpreuß.) 171 ).
Ebenso für günstig gilt der Angang einer
Sau mit Ferkeln 174 ) und eine einem
Hochzeitszug begegnende Sch.eherde
(Eifel) 175 ). Die Glücksbedeutung scheint
das Ursprüngliche zu sein. Darauf deuten
ohne Zweifel die Redensarten: „einSau-
glück,einGlückssch.haben'‘ (Erzg.) 176 ).
b) Sch.e sind auch wetterkundig.
Sie können auch Sturm riechen (West¬
falen) 177 ). Schleppen sie grunzend Stroh
(zu ihren Schlafstellen), so wird es bald
regnen (Dithm.) 178 ) oder kaltes Wetter 179 )
tritt ein. Das muß nicht Aberglaube sein.
Ein Todesanzeichen ist es, wenn im
Frühjahr das Sch. die gefrorene Erde auf¬
wühlt 180 ). Wendet ein getötetes und zum
Sengen zurechtgelegtes Sch. den Kopf
nach einer Seite, so sagt man, es sterbe
jemand von den Leuten, die in der Rich¬
tung wohnen, nach der es den Kopf ge¬
wendet hat; ebenso bedeutet es einen
Todesfall, wenn ein lebendes Sch. auf
der rechten Seite liegt und den Kopf
hängen läßt 181 ). Die Schweinemilz
gilt als Todesanzeichen 182 ). Ist sie
umgeklappt, so gibt es in der Familie, in
der geschlachtet wurde, noch im selben
Jahre einen Todesfall (Altmark) 183 ). Will
man wissen, ob ein Kranker mit dem
Leben davonkommt, so streicht man ihm
die Herzgegend und die Fußsohlen mit
einer Schweineschwarte. Diese gebe
man einem Hunde. Frißt er sie, so ge¬
sundet der Patient, und umgekehrt 184 ).
c) Von Sch.en träumen, besonders
vor Antritt einer Reise, bedeutet Glück
(Siebenb.) 185 ), bei den Malkrogern und
in Mettersdorf aber einen Todesfall in
der Familie 186 ).
d) Bedeutsam als Eheorakel ist das
Schweinestallhorchen, das in der
Andreas- und Thomas- (Bayern) 187 ), be¬
sonders aber in der Christnacht (Mecklen¬
burg) 188 ) geübt wird und Auskunft über
Liebe,Ehe und auch Fruchtbarkeit gibt 189 ).
Das Mädchen muß nackt am Sch.estall
klopfen (öst.) 19ü ) oder ebenso wie der
junge Bursche auf dem Besenstiel hin¬
reiten und damit anklopfen (Meckl. 188 )).
Antwortet dem Mädchen auf sein Klopfen
ein erwachsenes Sch., so wird es von einem
Witwer oder älteren Manne geheiratet;
grunzt ein Ferkel, so ist der künftige
Freier ein Bursche; regt sich nichts, so
bleibt es noch ein Jahr ledig (Bad., öst.,
Oberpf., Bay.) 191 ). In anderen Gegenden
stoßt das Mädchen mit dem Fuß an den
Stall; wieviele Male das Sch. grunzt, so
viele Jahre muß sie bis zu ihrer Verehe¬
lichung warten 192 ). Der an den Stall
klopfende Bursche bekommt, w r enn die
Tiere laut und zornig grunzen, eine böse
Frau; aber die Zukünftige wird desto
braver sein, je ruhiger die Tiere sind
(Bad.) 193 ) (s. a. Eber 4, Eheorakel,
horchen, Liebesorakel, Tierorakel).
169 ) Sartori 3, 133 8 " 10 (Literatur); Schön¬
werth Oberpfalz 1, 345. 36 °) Wuttke 127
§ 171; das Sch. als Unglücksvorzeichen s.
ZdVfVk. 25 (1915), 23. 161 ) (Keller) Grab
des Aberglaubens 2, 206; Grimm Myth. 2, 944:
3, 466 Nr. 282; Wuttke a. a. O. u. 200 § 272;
Wolf Beitr. 1,220; ZdVfVk. 22 (1912), 112;
Kuhn Westfalen 2,59 Nr. 173; Ders. Mark.
Sagen 387 Nr. 96; Unoth 1, 186 Nr. 115;
Strackerjan Oldenburg 2, 342 Nr. 371; 1,23;
Drechsler Schlesien 2, 118; Birlinger Volksth.
1, 222; John Erzgebirge 218. 162 ) Strackerjan
a. a. O. 1, 23. 163 ) Lammert 83. 164 ) Drechs¬
ler a. a. O. 2, 118. 193. 166 ) Laube Teplitz 2 53.
166 ) Wuttke 200f. 272. Nach magyar. Volks¬
glauben bedeutet Begegnen eines Sch.es beim
Hochzeitsgang ( ,Elend in der Ehe", beim Tauf¬
gang ,,Armut des Kindes": Wlislocki Magyar .
Volksgl. 74. 167 ) Drechsler a. a. O. 2,235.
368) Pollinger Landshut 167. 169 ) Wuttke
201 § 272 = Strackerjan a. a. O. 1,23.
17 °) ZrhwVk. 1904, 261. m ) ZdVfVk. 22
(1912), 112. 172 ) SAfVk. 8, 268. 173 )Drechsler
a. a. O. 2, 118. 174 ) Simrock Mythologie 5 534.
17S ) ZrhwVk. 1908, 119. — Bei den Esten
auf Oesel ist das Begegnen eines Sch.es
ein gutes Zeichen, und für geradezu glückbrin¬
gend wird das Entgegenkommen einer träch-
Schwein
tigen Sau angesehen: Ho vorka-Kro nfeld
3, 32. 176 ) John Erzgebirge 218. — Das Ur¬
bild des Glücksschweinchens, ein Knöchelchen
in der Forelle, war früher dem Volke wohl be¬
kannt und geschätzt, jetzt ist es aber fast ver¬
gessen: ZdVfVk. 22, m. 177 ) Kuhn Westfalen
2, 93 Nr. 292 (vgl. oben 2). 178 ) ZdVfVk. 24
(1914), 59 - — Nach magyar. Volksglauben ist
Regen zu erwarten, wenn sie unruhig herum¬
laufen; liegen sie lange im Kot, so dauert das
schöne Wetter lang an: Wlislocki a. a. O.
75 (Kann ebenfalls auf genauer Beobachtung
beruhen). Grunzen sie in der Christ- und Neu¬
jahrsnacht laut und oft, so ist ein unfrucht¬
bares Jahr zu erwarten (ebd. 74 f.). 179 ) Ur¬
quell 4 (1893), 88. 18 °) Ebd. — Scharren
Sch.e vor dem Hauseingang, so soll man sie mit
Salzwasser begießen, denn „siegraben jemandem
das Grab" (Wlislocki a. a. O. 75). 181 ) Urquell
4 (893), 19: Nach kroatischem Glauben soll,
wenn eine Zuchtsau lauter weibliche Ferkeln
wirft, die Hausfrau, wenn nur Männchen, der
Hausvorstand sterben: ZdVfVk. 2 (1892), 180.
182 ) Stäuber Zürich 1, 30. 183 ) Wuttke 201
§ 272 = Kuhn u. Schwartz 447 Nr. 873.
384 ) Jühling Tiere 184. 186 ) Haltrich Siebenb.
Sachsen 292. 186 ) Gassner Mettersdorf 80. —
Bei den Magyaren bedeutet ein solcher Traum,
daß der Betreffende mit Feinden zu tun haben
wird (Wlislocki Magyar. Volksgl. 75); nach
nordischem Glauben bedeuten Träume von
wühlenden Sch.en hohe See und Regen oder
Fruchtbarkeit (Meyer Germ. Mythol. 102). Be¬
sondere Bedeutung wurde den Träumen im
Sch.e-Stall beigemessen, denn die treffen ein.
So wurde schon dem norweg. König Halfdan
dem Schwarzen geraten, in einem Schweinestall
zu träumen; der Traum werde eintreffen
(Grimm Myth. 2, 960; 3, 332; Simrock Mytho¬
logie* 533; Meyer Baden 200. 405). 187 ) Quitz-
mann 241. 188 ) Bartsch Mecklenburg 2, 490.
189 ) Meyer Germ. Myth. 287= Jahn Opfer¬
gebräuche 226. 19 °) ZföVk. 6 (1900), 121.
m ) ZdVfVk. 4 (1894), 315; Wuttke 238 §341 —
Meyer Baden 200; Vernaleken Mythen 329
Nr. 1; Schönwerth Oberpfalz 1, 138; Quitz-
mann 241 = Vernalekena.a. O. 192 ) ZdVfVk.
4 (1894), 315. 193 ) Meyer Baden 200.
8. Das Sch. im Zauberglauben.
a) Anfangszauber: Am Neujahr muß
man einen gesottenen Sch.srüssel essen
(Alpenl.) 194 ) oder Sch.efleisch (D.bö.) 195 ),
damit man im kommenden Jahre immer
Glück, Geld und Überfluß hat, ebenso
bringt der Genuß von Sch.efleisch zur
Fastnachtszeit (imlaufenden Jahre) Glück
und Geld ins Haus 196 ), Blutwurst,
nüchtern gegessen, bewirkt Gesundheit
durchs ganze Jahr 197 ).
b) Glückszauber: Ein Sch.sgehör
(Knochen am Ohr, s. u. S p. 1493) in der
Tasche bringt Glück beim Kartenspiel
(Schleswig) 198 ).
c) Fruchtbarkeitszauber: Rippen
und Knochen, besonders das „Jungfer
im Bad“ 199 ) (Luz[a], Judenknochen 199 ),
Jud auf der Wanne 200 ), Saujungfer“ 201 ))
genannte Wirbelbein des za Fastnacht
genossenen (ehern. Opfer-) Sch.es hängt
man am Stubenboden auf und steckt sie
in den zur Aussaat bestimmten Lein¬
samen (Meiningen, Hess., Schwa., Ober¬
pfalz) 202 ) oder, wie auch einen Sch.e-
schwanz 203 ), ins Feld, um es fruchtbar
zu machen. In verschiedenen Orten
Siebenbürgens legt man die Knochen in
die fertigen Heuschober 204 ). In Kurland
erhält der Sämann bei der ersten Gersten¬
saat den mit dem Sch.srücken gekochten
Sch.eschwanz, den er in den Feldrain
steckt, damit die Ähren so lang wachsen
wie der Schwanz 205 ). Im Günstal 206 )
und Vogtland 207 ) erhält die Braut in
einer verdeckten Schüssel einen Sch.e¬
schwanz vorgesetzt, in Westbö.“ 208 ) wird
ein reich mit Rosinen und Mandeln ver¬
ziertes Sch.eschwänzchen für die Paten¬
frau auf den Tisch gesetzt. Auch müssen
die Kinder, besonders das kleinste, beim
Sch.eschlachten den S c h .e s c h w anzessen
(Erzg., Baden) 209 ), wodurch es in einem
Jahre so viel wächst als das Schwänzchen
lang ist (Erzg.) 210 ); dagegen vermeidet
man es in anderen Teilen Badens, weil
das Kind sonst nicht mehr wächst 211 ).
Hierher gehört auch der Sch.eschwanz,
der im Münsterland aus der das Leib¬
gericht, grüne Veitsbohnen mit Mettwurst
enthaltenden Kumme, woraus die Essen¬
den ihren Bedarf auf die Schüsseln legen,
hervorragt 212 ), und das dem letzten
Drescher beim Dreschermahle Vorge¬
setzte Stück mit dem Sch.eschwanz
(Ob.öst.) 213 ). — Einer Bruthenne lege
man die Eier unter, wenn die Sch.e ein-
kommen, und laufe so geschwind, wenn
man sie ins Nest trägt, wie die Sch.e
laufen, so kommen die Eier geschwind
hintereinander aus (Harz) 214 ).
d) Liebeszauber: Wenn das Mäd¬
chen ein Sch.eherz mit Nadeln spickt
und es dann kocht, so muß der Bräutigam
zu ihr kommen (Regbez. Potsdam) 215 ).
1487
Schwein
1488
Ein Mittel, den treubrüchigen Mann zu
fesseln, ist folgendes: Haare und Fett
von einem männlichen Sch. werden ein¬
geschmiert, nachdem sich die Frau ent¬
kleidet in einen Bach gelegt hat (Bö.) 216 ).
e) Schutz- und Abwehrzauber: In
Altmünster und Crailsheim wickelt man
ein Sch.sgehör in einen Segen, macht
ein Büscheln (Amulett) aus ungebleichtem
Tuch und trägt es um den Hals, das hilft
auf 1 Jahr (wofür?) 217 ). Zur Abwehr von
Unglück nagelt man Sch.shufe am Tore
auf 218 ).Um sich das ganze Jahr gegen Rot¬
lauf oder Flöhen zu schützen, ißt man am
Fastnachtsmorgen Blutwurst 219 ). Um¬
fassend sind die Abwehrmaßregeln gegen
Seuchen der Sch.e. Gegen die Sch.epest
erhielten die gesund gebliebenen Tiere
die verkohlten Reste (Asche) eines ganzen
kranken verbrannten Sch.es als Vor-
beugungsmittei 220 ) (Niederrhein; Huns¬
rück, Eifel, Gebiet von Speier); die noch
gesund gebliebenen Tiere wurden an die
Stelle getrieben, damit sie die vom Feuer
übrig gebliebenen Knochen und die Asche,
worin Hafer gestreut wurde, fraßen. Im
Speierschen warf man ca. 1790, wenn
kurz hintereinander viele Sch.e fielen, ein
Tier in den Backofen und verbrannte
es, um damit auch die Hexe zu verbren¬
nen 221 ); man vergrub auch das Tier
lebendig unter der Dachtraufe, damit
die Hexe starb (Schwz.) 222 ). Auch die
Fundamente von Kirchen und Häusern
bedürfen zu ihrer Befestigung nur des
Vergrabens eines Sch.s 223 ). In anderen
Gegenden wurde das Herz eines ge¬
fallenen Sch.s, klein gehackt und mit
Kleie gemischt, den übrigen als Mittel
gegen die Sch.epest zu fressen gegeben 224 ),
in Bayern schlug man einem toten Sch.
den Kopf ab und vergrub ihn unter der
Schwelle des Sch.estalles 225 ). Deut¬
lich blicken hier noch die ehemaligen Sühn¬
opfer durch. — Sch.eknochen, mit etwas
Salbei gekocht und an den Eingang der
Ställe gelegt, schützen Tauben- und
Hühnerställe vor Mardern (Schles.) 226 ).
Läßt man zum ersten Male die Küchlein
ins Freie, so blickt man durch den Knochen
indem sich die Augenhöhlen befinden, die
Küchlein an und spricht: „Rabe, Weihe,
Elster! Seid alle blind, nur meine Hühn¬
chen sollen sehen“. Dann bleiben die
Küchlein vor Raubvögeln verschont 227 ).
Sch.sborsten, in den Schuh der Braut
(beim Kirchgang) gelegt, bewirken, daß
der Viehstand des jungen Paares gedeiht
(Schles.) 228 ). Auch schützen sie gegen
Alpdruck. Wen die Nachtmahr be¬
sucht, ein großes Weib mit lang fliegen¬
dem Haar, der bohre ein Loch unten in die
Tür und lege so viel Sch.eborsten hinein,
bis es ausgefüllt wird. Dann schlafe er
ruhig und verspreche der Nachtmahr,
wenn sie kommt, ein Geschenk; sie wird
ihn verlassen und das Gelobte den andern
Tag in Menschengestalt abholen 229 ). Denn
das Sch. bleibt vom Alp unversehrt
(Bay.) 23 °), da er es nicht leiden kann.
Dem Sch. kann auch die Schlange nicht
an 231 ).
f) Bosheitszauber: Wenn man am
Karfreitag vor Tage ein Stück Schweine¬
fleisch an dem Grenzrain so eingräbt,
daß die Speckseite nach dem eigenen
Felde, die magere nach dem des Nachbars
zu liegt, so zieht man allen Milchnutzen
vom Nachbar auf das eigene Vieh (Bö.) 232 ).
Mit Sch.efleisch kann man jemandem auch
Läuse machen, in dem man ein Stück
davon in einen Ameisenhaufen legt und
den Namen des Menschen nennt; dieser
bekommt soviel Läuse, als das Fleisch
wiegt (Bö.) 233 ). — Steckt man die Haare
von kranken Sch.en einem in das Wagen¬
rad, so kommen ihm keine Sch.e auf,
sondern alle krepieren 234 ). Sch.sborsten
bilden laut einem Prozesse aus dem Mur¬
tale von 1602 einen Bestandteil der
Hexensalbe 235 ).
m ) Vernaleken Alpensagen 343 Nr. 7;
Reiser Allgäu 2, 33. 195 ) mündlich. 1M ) Sar-
tori 3, ii2 96 f. (Literatur); s. u. 12. 197 )Hofier
Organotherapie 290. 198 ) ZföVk. 4 (1898), 115.
199 ) Ebd.; eingehender ZdVfVk. 5 (1895), 101 f.
20 °) Mannhardt Forschungen 187. 201 ) Sartori
2, 134 = ZdVfVk. 5 (1895), 101 ff. = Birlinger
Volksth. i, 122. 360; vgl. auch Fogel Penn¬
sylvania 376 Nr. 2017. 202 ) Meyer Germ.
Myth. 103; ebd. 291 = Mannhar dtForschungen
187; ebd. 287 = Jahn Opfergebräuche 103 t.
196 = Witzschel Thüringen 2, 189 Nr. 11;
Witzschel a. a. O. 2, 218 Nr. 36; Mann¬
hardt a. a. O. 192; Wuttke 84 § 98 =
Mühlhause m. 203 ) Meyer a. a. O. 103
'= Mannhardt Forschungen 186. — Die
1489
Schwein
1490
Ägypter verbrannten die Sch.emilz mit dem
Ende des Sch.e-Schwanzes und dem Bauchnetz
beim Opfer an den Mond (Höfler Organo¬
therapie 100. 266). 204 ) Jahn Opfer gebrauche
230. 205 ) Mannhardt Forschungen 186 f. —
In Weißrußland werden die Knochen eines ge¬
rösteten Spanferkels hinterwärts auf die Felder
geworfen, um sie vor Hagel zu bewahren; im
Hause aufbewahrt, schützen sie dieses vor Blitz¬
schlag (Mannhardt a. a. O. 188). — Bei den
Griechen wurde das Sch. als Symbol der Frucht¬
barkeit der Demeter geopfert und seine auf den
Altar gelegten Reste wurden nach Hause ge¬
nommen und mit der Saat vermischt (ZdVfVk. 14,
9 = A. Mommsen Feste 314; Rhein. Mus. 25,
549). 206 ) Meyer Germ. Mythol. 103. 286 =
Mannhardt a. a. O. 186 Anm. 1 = Bavaria 2
(1863), 289. 207 ) Meyer a. a. O. = Mannhardt
a. a. O. = Köhler Voigtland 237; Sartori
1, 93 = Köhler a. a. O.; vgl. ZdVfVk. 10, 369
(Heanzen). 20s ) John Westböhmen 218.
208 ) Wuttke 394 § 605; Schmitt Hettingen 14.
21 °) Wuttke a. a. O. 2n ) Wuttke 395 § 605;
Meyer Baden 51. 212 ) Strackerjan Oldenburg
2, 39 Nr. 295. 213 ) Mannhardt a. a. O. 186.
214 ) Grimm Myth. 3,461 Nr. 762. 215 )ZdVfVk.
1 (1891), 182. 210 ) Kühnau Sagen 3, 18. Aphro¬
disische Wirkungen hat auch die Eberraute,
-reis (Artemisia Abrotanum L.). Will man ein
Mädchen zu seinem Schatz haben, so muß man
ihr heimlich unter das Schürzenband ein Büschel
Eberraute stecken, worauf das Mädchen selbst
zu ihm kommt. Die Liebe aber dauert nur einige
Jahre, weil sie keine natürliche, sondern ange¬
zaubert ist. Dann wandelt sie sich in Haß
(ZdVfVk. 24, 13). 217 ) Höhn Volksheilkunde
1, 143. 218 ) ZrhwVk. 1914, 261; Höfler
Organotherapie 100 = Globus 91 Nr. 21, 337.
ai9 ) Höfler Fasten 8; ders. Organoth. 247 =
Jübling 181. 22 °) Höfler Organoth. 99; J ahn
3 .. a. O. 25 — Schmitz Eifel 99. 221 ) Jahn
a. a. O. 222 ) Kuoni St. Galler Sagen 280 Nr. 743.
— In Schottland wurde ein Ferkel lebendig ver¬
brannt als Schutz gegen den ,,bösen Blick"
(Frazer 10, 302 t.). 223 ) Jahn a. a. O. 18 =
Grimm Myth. 2, 956. 224 ) ZdVfVk. 8 (1898),390.
225 ) Pollinger Landshut 156. — Die Schädel
von Tieren, denen zum Wohle der ganzen Herde
der Kopf abgeschnitten wurde, galten als heil¬
kräftige Talismane und sanken allmählich zum
bloßen Zauber herab. Sie galten (meist am
First des Hauses aufbewahrt) in erster Linie
als Abwehrmittel gegen Viehseuchen, wurden
aber dann zum Abwehrmittel gegen Pest, Ge¬
witter usw., zu einer Art Universalheilmittel,
(vgl. Jahna, a. O. 14. 16. 20—23). — Denselben
Zweck hatten jedenfalls die Sch.e-Köpfe am
Rathause in Harmersbach (Schwaben): Bir¬
linger Aus Schwaben 1, 289. 220 ) Drechsler
Schlesien 2, 95. 227 ) ZdVfVk. 4 (1894), 322.
227 ) Drechsler Schlesien 1, 259. 229 ) Grimm
Myth. 3, 466 Nr. 878. 23 °) Leoprechting
Lechrain 11; Meyer Religionsgeschichte 113. Man
beachte, daß man in Italien auch die Figur eines
Sch.s oder wilden Ebers als Amulett gegen die
Jettatura trägt (Seligmann Blick 2, 132).
231 ) Meyer ebd. 23a ) Wuttke 267 § 391.
233 ) Ebd. 267 f. § 393 = Grohmann 199.
234 ) Urquell 3 (1892), 100. 235 ) ZdVfVk. 7, 251.
9. In der Volksmedizin findet das
Sch. in ausgedehntestem Maße Ver¬
wendung 236 ).
a) Sch.sblase: Gegen „blauenHusten“
(Keuchhusten) bindet man drei große
Stücke Kandiszucker in eine Sch.sblase,
hängt sie 24 Stunden lang in fließendes
Wasser, reicht den darin enthaltenen
Zuckersaft dem kleinen Patienten und
wirft dann die Blase unbeschrien wieder
in den Fluß (Unterfrk.) 237 ); gegen Wasser¬
sucht füllt man sie mit dem Urin des
Kranken und hängt sie in den Rauchfang.
Ist der Urin verdunstet, so ist die Krank¬
heit weg, die Sch.sblase aber muß in den
Düngerhaufen vergraben werden (West-
bö.) 238 ). Ähnlich ist das Mittel gegen
Reißen und Rheumatismus, wobei man
die gefüllte Blase an drei im Rauchfang
übereinander eingeschlagene Nägel bindet
und drei Tage lang darunter ein ununter¬
brochenes Feuer unterhält 239 ); gegen Be¬
hexung der Kühe, wo mit dem Eintrocknen
der Blase die Hexe verdorrt (Oberpf.,
Schwz.) 24 °). Endlich wird dieses probate
Mittel angewendet, wenn einem „das
Wasser oder Mannsrecht (Zeugungsfähig¬
keit) genommen ist“ 241 ). Gegen den
„Grind“ („bösen Kopf“) schmiere man
den Kopf mit frischem Sch.efett und
streue darauf das Pulver einer Kröte,
über das Ganze lege man eine ange¬
feuchtete Sch.sblase und lasse diese 24
Stunden liegen (Westbö.) 242 ).
b) Gegen Rotlauf oder Rose (Schön¬
röte, Schöne, Überröte, Scharröte, Erysi-
pelas) dörrt man das dem entzwei ge¬
schnittenen Herzen eines frisch ge¬
schlachteten Schweines entnommene Blut,
stößt es zu Pulver und trägt es in einem
Bündelchen am Halse. Wenn man Rot¬
lauf hat, streue man von diesem Pulver
darauf und halte die Stelle warm 243 ); oder
man streiche auf blaues (Zuckerhut-)
Papier eine Honigwabe, streut das ge¬
dörrte Blut darauf und erneuere diesen
Umschlag alle 24 Stunden (1740). Auch
das Blut eines im Zimmer abgestochenen
1491
Schwein
1492
Tut- (Span-) Ferkels wird auf die Erysi¬
pelasstelle gelegt (1740) 244 ). Auf gich¬
tische Stellen legt man auf ein Tuch ver¬
riebenes Blut eines. Wildsch.es auf, gegen
Lahmheit salbt man die betr. Stelle mit
Wildsch.blut und ganz klein gestoßenem
Gartenheil, das man durch ein Tuch ge¬
drückt hat 245 ). Im Samland gibt man
gegen Krämpfe den Kindern drei Bluts¬
tropfen von einer jungen Sau, die zum
erstenmal geferkelt hat, im Namen Gottes
des Vaters usw. ein 246 ).
c) Der Darm eines frisch geschlachteten
Sch.es, um den Leib des Patienten ge¬
wickelt, hilft gegen Kurzatmigkeit 247 ),
mit dem Schleim desselben bestreicht
man Fisteln 248 ).
d) Warzen muß man mit den Zitzen
(Euter) eines frisch geschlachteten Sch.es
bestreichen und diese dann vergraben 249 ).
Ferner wird besonders
e) Schweinefleisch gebraucht zur
Vertreibung von Warzen. Man bestreicht
die Warzen bei zunehmendem Mond mit
einem Stück gestohlenen oder erbettelten
rohen Sch.efleisch unter den Worten:
„Was ich sehe, nehme zu, Was ich streiche,
nehme ab!“ und vergrabe dann das Fleisch
unter dem Sautrog 249 ) oder unter der
Dachrinne, überhaupt an einer schattigen
Stelle, damit es rasch verwest (Würt.) 250 );
bei Kindern streicht man dreimal
stillschweigend kreuzweise mit einem er¬
bettelten Stück Sch.efleisch und legt
dieses einem Toten in den Sarg 251 ).
Ferner vertreibt man Trunksucht, indem
man ein Stück Sch.efleisch insgeheim in
das Bett eines Juden legt, es nach
9 Tagen nimmt und in pulverisierter
Form dem Trinker eingibt. Er wird sich
vom Saufen in gleicher Weise abwenden
wie der Jude vom Sch.efleisch 252 ). Es
wird auch als Arcanum gegen Krank¬
heiten aller Art verwendet: Man kocht
nämlich ein Stück Sch.efleisch im Urin
des Kranken, bis er eingekocht ist. Als¬
dann gießt man frischen Urin dazu, läßt
ihn abermals (ein-)kochen und wiederholt
dies ein drittes Mal. Das Fleisch gibt man
dann einer hungrigen Sau zu fressen. Da¬
mit ist dem Kranken geholfen, denn die
Krankheit ist auf das Sch. übertragen 253 ).
f) Sch.sgalle verhindert das Wachsen
der Haare und ist gedörrt ein gutes Mittel
Stuhlverstopfung (1683) 254 ) wie
gegen Fingergeschwüre („Wurm, das böse
Ding“, Panaritium 255 ), Westbö.) 256 ),
ebenso Ferkelgalle 257 ), die auch, auf die
Augen gestrichen, gegen „Wolken in den
Augen“ hilft 258 ). Man heilt mit ihr Epi¬
lepsie (St. Valentins-Krankheit) 259 ) und
bringt Frostbeulen zum Schwinden, wenn
man sie bei abnehmendem Mond damit
einreibt 26 °) (Ostpreuß.) 261 ). Gegen er¬
frorene Hände und Füße verwendet man
auch die Gallenblase eines frisch geschlach¬
teten Sch.es, die man zweimal gefrieren
und wieder auftauen läßt, worauf man
die erfrorenen Teile mit der Galle be¬
streicht 262 ) (s. homogenes, similia simili-
bus). Getrocknet und einen Tag lang in
Wasser erweicht ist sie gut gegen Ri߬
wunden 263 ).
g) Wenn man den Harn und das Ge¬
hirn eines Wildschweines in einer Blase
in den Rauchfang hängt, so wird ein „Lini¬
ment“ daraus, das gegen den Grind
(Hautausschlag) gut ist 264 ).
h) Der Genuß von Sch.sgenitalien
ist gut gegen Bettnässen 265 ). Knaben
gibt man, ohne daß sie davon wissen, die
gebratenen Schamteile eines Mutter-
sch.es zu essen (Unterfrk.) 266 ), bei Mäd¬
chen ist es umgekehrt. Ferkelhoden
dienen auch als Mittel zur Erlangung der
Zeugungsfähigkeit. Im 15. Jh. nahm man
von einem kleinen Spanferkel, das eine
Saumutter allein getragen, die Nieren
(Hoden), welche wirkten, „so die Mutter
rein ist, wenn sie Kinder macht“ 267 ).
Ebenso verleiht Leber von einem kleinen
Ferkel samt den Geilen (Hoden), ge¬
trocknet und zu Pulver gestoßen und
Mann und Weib des Nachts zu trinken ge¬
geben, dem zum Kindererzeugen un¬
tüchtigen Mann die Fähigkeit zu zeugen,
der der Empfängnis baren Frau die Fähig¬
keit zu empfangen 268 ). Ein Zeugnis aus
dem Jahre 1685 nennt Leber und Testikel
ein venerisches Geheimnis 269 ) (s. Ebers).
i) Sch.shaar (Borsten) und Beifuß
gestoßen und mit Öl gemengt legt man
zum BlutstilJen auf 270 ). Sie werden noch
jetzt hie und da als Arznei gegeben 271 ).
1493
Schwein
1494
k) Das Trinken von Harn (Urin)
einer verschnittenen Sau hilft gegen
Harnbeschwerden 272 ) (Old.) 273 ), ebenso
das Einnehmen einer gekochten oder
gebrannten Sch.sharnblase durch den
Kranken, der das Wasser nicht halten
kann 274 ); „wan ein Weib zerrissen wird
und ihr Wasser nicht halten kann, trockne
man die Blase von einem wilden Sch.,
das eine Woche Mutter ist, zerstoße sie
zu Pulver und gebe sie mit dem gleichen
Teil getrockneter zerstoßener Hühner¬
kämme der Kranken ein“ 275 ). Eine
Salbe aus einer Harnblase, dem Urin und
Fett ist gut zur Heilung des Kopfgrindes 276 )
und gegen „kurze Adern“ infolge Ader-
zertrennung bei schlecht verheilten Wun¬
den 277 ). Zur Vertreibung von Geschwül¬
sten verwendet man in Schwaben die
Harnblase in gleicher Weise wie die
Sch.sblase 278 ) (s. oben 9a).
l ) Sch.sherz dient zur Heilung von
Rotlauf 279 ). Häufiger wird Sch.eblut,
d. h. Blut aus dem Herzen, dafür ver¬
wendet (s. oben Blut 9b).
m) Gegen Magenschmerzen röstete man
Sch.ehufe, klopfte sie in einem Lappen
möglichst klein und nahm sie morgens
nüchtern, dann noch zweimal im Tage, in
Schnaps oder doppelter Anisette 280 ). Zur
Heilung des Bettnässens der Kinder hängte
man die Klaue eines frisch geschlachteten
Sch.es, nachdem man sie mit dem Urin des
Kranken gefüllt, in den Rauchfang und
ließ den Urin verdunsten 281 ). Kolik heilte
man durch Einnehmen von drei Messer¬
spitzen zu Pulver gebrannter Schweins¬
pfoten (Meckl.) 282 ).
n) S ch.sk nochen dienen vielfach als
Heilmittel. In einigen Teilen Schwabens
nehmen Arbeiter, die viel „lupfen“ (heben)
müssen, ein Beinchen vom Rückgrat eines
Sch.es, das einem Totenkopf ziemlich
ähnlich sieht, in die Tasche. Müssen sie
auch noch so schwer „lupfen“, so ist jeden¬
falls kein Leibschaden zu besorgen 283 ).
Von dem aus dem „Kehr bein“ eines Sch.s
gemahlenen Mehl wird Kindern gegen
„Gichter“ jeweils eine Messerspitze voll
in die Milch getan (Bad.) 284 ), s. o.
Am häufigsten erscheint das „S au¬
gehör“ (pars petrosa, Felsenbein, „Sau-
g’hör“, „Säuludi“ 285 )), Gehörbein, ge¬
hörntes Beinlein“; wegen seiner ent¬
fernten Ähnlichkeit mit einem Totenkopf
auch „Totenköpflein“ genannt; auch als
„Judenknöchlein“ bezeichnet, welcher
Name wohl von jüdischen Ärzten her¬
rührt, die im Mittelalter im Verdacht der
Zauberei standen; ein sogenannter „Aufer¬
stehungsknochen“, wegen seiner Härte 286 ),
ein besonders wichtiger Sympathiegegen-
stand und fast stets Teil der sogenannten
Fraisenkette, für Knaben von einem Sau¬
bären, für Mädchen von einer noch nicht
trächtigen Sau genommen 287 ). In erster
Linie wird es gegen Pestanfall, Krämpfe
aller Art und Fraisen („Vergicht, Gich¬
ter“) der Kinder verwendet 288 ), wie seine
geläufigen Namen „Fraisbeindl, Frais¬
knochen, Frais-Peterl“ besagen, und gegen
Epilepsie (Oberpf.) 289 ). Selten wird es
dem Kinde pulverisiert eingegeben (West¬
bö., Bay., Steierm., Ob. öst., Tir.) 2d0 ),
meist ihm nach vorausgegangener Weihe
(Schwz.) 291 ), in einem Säcklein ein¬
genäht, um den Hals gehängt, gegen
Krämpfe aller Art, Zahnweh 292 ) und
Rotlauf. Im letzteren Falle nimmt man
den Knochen eines im abnehmenden
Monde geschlachteten Sch.es (Bay.,
Westbö.) 293 ). Gegen Zahnweh, ebenso
gegen Ohrenschmerzen und Taubheit,
trägt man drei (Bay.) 294 ) oder ein Stück
(Bay., öst.) 295 ); umgehängt und ständig
getragen schützt es auch gegen Rücken¬
weh (Würt.) 296 ).
o) Sch.ekot ist ein Universalheil¬
mittel für Krankheiten aller Art. Er gilt
als gutes Mittel gegen Schnapsrausch,
damit der Säufer nicht verbrennt
(Würt.) 297 ). Gegen Verstopfung 298 )
röstet man den Kot eines schwarzen Sch.s
auf einer Herdschaufel, pulverisiert ihn
dann und nimmt einen Löffel ein; das
hilft auch, wenn nichts mehr helfen will
(Graz) 2 "). Gegen die rote Ruhr (den
roten Schaden, das rote Auslaufen, rote
Wehe) 300 ), Kolik 301 ), Bauchgrimmen
(Preuß.) 302 ) gibt man den Kot eines (un¬
geschnittenen) Sch.s in Rotwein, Bier
oder Branntwein, gegen Brand (Feuer
in den Gliedern) 303 ) ein Pflaster aus
blauen Kornblumen mit Sch.ekot. Glied-
1495
Schwein
1496
schwamm (Gliedwasser) heilt man mit
Kompressen aus dem Kote eines im
abnehmenden Monde geschlachteten
Sch.es 304 ), mit Weizenmehl legt man ihn
auf gegen Überbein 305 ), warm (frisch)
bildet er einen guten Umschlag gegen
(Drüsen-) Geschwülste 306 ), Wunden 307 ),
den sog. Erdtritt 308 ) (wenn die Fußsohle
rot und geschwollen erscheint und ohne
ein Geschwür zu bilden in der Mitte der
Sohle einen schwarzen Fleck zeigt), mit
Essig gekocht oder in Wasser zerrieben,
gegen Bienen- und Spinnenstich 309 ) oder
den Biß und Stich giftiger Tiere (West-
bö.) 310 ) wie gegen geschwollene Brüste 307 )
der Frauen nach der Geburt. Mit Honig
vermengt und dem Kranken ohne sein
Wissen eingegeben, heilt er Flüsse 311 ).
Vor allem gilt er als vorzügliches Mittel
gegen Nasenbluten 312 ), zu dessen Stillung
er in den verschiedensten Formen, frisch,
gedörrt und zu Pulver zerrieben, als Saft
usw. verwendet wird, überhaupt zum
Blutstillen 303 ), gegen Blutspeien 313 );
warm in ein Tüchlein gebunden und vor
die vagina gelegt, hilft er gegen zu starke
Menstruation 314 ). Endlich verwendet
man den zu Asche gebrannten und pul¬
verisierten Kot gegen Syphilis und
Schmerzen am Penis 315 ).
p) Sch.eleber wird Ende des 16. und
Anfang des 17. Jh.s gut gebraten ohne
Brot als Mittel gegen die rote Ruhr 316 )
verwendet (Würt.), ebenso ist die Leber
eines schwarzen Sch.s ein wirksames
Mittel gegen Nachtnebel (Westbö.) 317 ).
q) Sch.slunge findet sich einmal, ganz
klein gehackt, in einem neuen Topf mit
Bier gegeben als Heilmittel gegen die
Emopticam (?) genannte Seuche 318 ).
r) Sch.emagen findet Verwendung
gegen Würmer in den Zähnen, überhaupt
Zahnschmerzen 319 ). Man legt ein Stück
vom Magen eines frisch geschlachteten
Sch.es, das man in einem Tüchlein am
Feuer heiß werden läßt, auf die Zähne.
s) Sch.emark, morgens nüchtern ge¬
gessen, vertreibt Kopfweh (Westbö.) 320 ),
eine Salbe aus Schinken- und Schulter¬
knochenmark mit Butter, Eidottern und
Weihrauch ist gut gegen ,,zerbrochene“
Beine 321 ), mit anderen Zutaten gegen die 1
,,böhse“ (Läuse) 322 ) (Mark aus Sch.e-
zähnen s. unter 9 x.)
t) Die Milch eines Sch.es (das zum
ersten Male Junge geworfen hat) ist ein
wirksames Mittel gegen die Fallsucht
(die ,,böse fallende Krankheit“, ,,schwere
Not“, ,,s’Werfende“, das ,,schwere Ge¬
brechen“) (Oberfrk. 323 ), Westbö. 324 )).
Sie ist ferner gut gegen Trunksucht
(Württ.) 297 ), Verstopfung, Schwindsucht,
sehr dienlich bei Gemütskrankheit und
Raserei, und selbst gegen den Tod 325 ).
Endlich gilt sie als gutes Schlafmittel 326 ),
das auch, einem Schlafenden auf die
Stirne gestrichen, bewirkt, daß er drei
Tage schläft 305 ).
u) Der Nabel hilft, gebraten oder
zerhackt und zu einer Wurst verarbeitet,
dem Leidenden zu essen ^e^eben.
dem Leidenden zu essen gegeben,
gegen Bettnässen (Württ.) 327 ) und
wird, je älter desto besser, als Hauptmittel
gegen gerissene und gestochene Wunden
verwendet (Bay. 328 ), Schw. 329 )).
v) Sch.snieren oder die Köpflein
vom Tragsack des Sch.s helfen, wenn
man sie einer Kranken ohne ihr Wissen
als Bratwurst zum essen gibt, gegen
Blasenleiden (Württ.) 327 ).
w) Sch.efett (-feist, -schmer,
-schmalz) und -Speck wird verwendet
gegen frische und alte Schäden und
Wunden aller Art, gerissenen und ge¬
stochenen (Bay. 328 ), Schw. 329 )), Wund¬
sein bei gerissenem Nabel 325 ), gegen Ge¬
schwulst und Hitze 330 ) (mit Knoblauch
gemischt), schwere Brandwunden 331 ) (mit
Wasser verrührt). Es spielt eine große
Rolle bei allen offenen Eiterungen 332 ) und
blutigen Geschwüren 311 ), Rheuma 298 ),
Grind 333 ) heilt man mit einer Abkochung
aus Sch.efett mit Meisterwurz und Ei¬
dotter, wofür auch das aus den Schwarten
der Sch.ebacken gebrannte Schmalz gut
ist, nachdem man den Kopf mit Lorbeer¬
lauge gewaschen hat. Gichtische Augen¬
entzündungen vertreibt man, wenn man
das leidende Auge so lange mit Sch.especk
einreibt, bis dasselbe erwärmt wird 334 ). Mit
Kalk gemischt vertreibt es die Härte der
Brüste 321 ), mit Nußblättern zerlassen und
kalt auf das Ohr gelegt, tötet es die
Würmer im Gehirn 319 ); mit Schwefel
1497
Schwein
1498
hilft es gegen den Haarwurm (,,hoore
wurm“) 326 ). Gegen ,,Kälte in den
Füßen“ galten als besonders gut die Haut
von Sch.eflommen 335 ) (Bauch- und Nie¬
renfett), auf Frostbeulen 336 ) legt man
das Fell von Sch.eblume. Den Hühnern
fettet man zur Heilung des Pips (auch
der Influenza) Kamm, Hals und Wangen
mit Sch.eschmalz ein (Bayr. Schw.) 337 ).
Meist wird das Fett rein und unvermischt
verwendet, oft aber auch gemischt mit
Ingredienzien wie Storax, roten Myrrhen,
Weihrauch, Safran und dem Fett aller
möglichen Vierfüßler und Vögel zu¬
sammengeschmolzen 338 ). Z. B. besteht
eine wirksame Salbe gegen Atrophie
(Schwinden der Glieder) aus reinem
Sch.eschmalz, Hahnen- und Enten¬
schmalz, Wachs, Terpentin, altem Baum¬
öl, Foenum Graecum, Leinsamen, Bdely (?),
Oppoponacis, gestoßenem Mastix und
Weihrauch 339 ). Zum Teil haben einzelne
Verwendungsarten ihre Berechtigung, in
einer großen Anzahl von Fällen aber bildet
alter Opfer- bzw. Zauberbrauch die Grund¬
lage 340 ). Speck dient zum Übertragen und
Vertreiben von Krankheiten, bes. wenn er
gestohlen ist 341 ). Warzen bestreicht man
mit Speck (der abends zuvor gestohlen ist)
und vergräbt ihn dann unweit des Sch.e-
blockes in die Erde 342 ) (Old. 343 )); oder
hängt ihn an einen Baum; sobald der
Speck vertrocknet ist, verschwinden auch
die Warzen (Lauenb.) 344 ). Oder man be¬
streicht sie während des Begräbnisläutens
mit einer Sch.sschwarte und vergräbt
diese dann in der Dämmerung oder bei
Mondschein (Schl.) schweigend unter der
Dachtraufe, auf einen Kreuzweg, unter
die Hausschwelle oder in eine Rinne 345 )
(fast allg.). In ähnlicher Weise bringt
man Hühneraugen zum Schwinden, in¬
dem man nach dem Bestreichen die
Speckschwarte bei einem Begräbnis nach
einem Vaterunser ins Grab wirft oder
sie in den Sarg legt (S.-Dtl., Vgtl.) 346 ).
Er hilft, mit Seife einem futterehne Pferd
in den After eingeschoben, diesem und
ist gut gegen den Wurm im Ohr bei
Pferden, wenn man ihn in Essig und
Wein siedet und den Pferden lau oder
kalt ins Ohr gießt 347 ).
x) Sch.szähne wurden in Silber hülsen
gefaßt und den Kindern um den Hals
gehängt, um ihnen das Zahnen zu er¬
leichtern; auch wurden sie zerstoßen und
ihnen gegen Krämpfe (Zahnfraisen) ein¬
gegeben 348 ). Das Tragen von Sch.ezähnen
soll auch bei Erwachsenen Zahnweh an
sich ziehen (Schwz. 349 ), Pennsylva-
nien 350 )); bes. Heilwirkung wurde den
Augenzähnen zugeschrieben bei Rheuma
(Pennsylvanien) 351 ) und Epilepsie 352 )
(Regbez. Trier) 353 ), wo man sie als Pulver
in etwas Wasser einnahm, bevor der An¬
fall eintrat, und Gichter (Pennsylva¬
nien) 364 ). Das Mark aus großen Sch.e¬
zähnen zieht, auf eine schmerzende Stelle,
in die man sich einen Dorn oder Schiefer
eingezogen hat, gebunden, den Fremd¬
körper binnen kurzem aus 355 ) (s.
Eber 5).
236 ) Wuttke 127 § 171 = ZdVfVk. 8, 47.
237 ) Lammert 140. 238 ) Urban Heilkunde West¬
böhmens 49. 238 ) Jühling Tiere 183.
240) Wuttke 445 § 701. 241 ) Höhn Volksheil¬
kunde 1, 119t. 242 ) Urban a. a. O. 83. 243 ) SA-
fVk. 1906, 271; Höfler Organotherapie 247.
244 ) Christi Granatapfel 2, 310 f.; Höfler a. a. O.
245 ) Jühling a. a. O. 174 f. 246 ) Hovorka u.
Kronfeld 1, 80 f.; 2, 206; über Sch.e-Blut im
Heil- und Reinigungsopfer bei den Griechen s.
Höfler Organoth. 98. 247 ) Jühling Tiere 181.
248 ) Ebd. 182. 248 ) Ebd. 183. 25 °) Bohnen¬
berger Nr. 1, S. 14. 251 ) Jühling a. a. O.
343. 262 ) Hovorka u. Kronfeld 2, 352.
253 ) Jühling Tiere 180. 184; ZdVfVk. 8 (1898),
47. 254 ) Höfler Organoth. 212. 255 ) Ebd.; Jüh¬
ling a. a. O. 181. 183. 266 ) Urban a. a. O. 63. —
Das Mittel geht auf Plinius zurück, der die
Sch.e-Galle mit Bleiessig als Ätzmittel gegen
die verschiedenen Geschwürformen benutzt.
Aus der antiken Medizin, wo man sie bes. gegen
eitrige Ohrenentzündungen anwendete, über¬
nahm es das Mittelalter (Höfler Organotherapie
211 f.; Neue Jahrbücher f. Philol. 149» 139 )-
Hippokrates gebraucht sie gegen Genitalleiden,
Plinius zur Heilung von Milzkrankheiten. In
altnorwegischen Hexenformularen und in einem
isländischen Heilbuche des 13. Jh.s verwendet
man sie an Stelle von Bärengalle (als Wund-
mittel) gegen Wurm- und Schlangenbiß, was
vermutlich aus der antiken durch Mönche
überlieferten Medizin stammt (ebd. 212).
257 ) Jühling a. a. O. 178. 258 ) Ebd. 180;
ZdVfVk. 8 (1898), 47. 258 ) Jühling Tiere 183;
Höfler Organotherapie 212. 26 °) Jühling 181.
261 ) Urquell 1 (1890), 137. 262 ) Stoll Zauber¬
glauben 91 f. 263 ) Hovorka u. Kronfeld 2,
374. 264 ) Höfler Organoth. 101 f. — Die antike
Medizin verwendet es als Mittel gegen Schlan¬
genbisse und Karbunkel, später gegen alle
1499
Schwein
Schwein
1502
1500
Schmerzen und Genitalleiden (ebd.). 265 ) Sta-
ricius Heldenschatz (1679), 411 f.; Fogel
Pennsylvania 282 Nr. 1482. 286 ) Lammert
136. 267 ) Jühling Tiere 173; Höfler a. a. O.
175. 268 ) Jühling a. a. O. 184; Höfler a. a. O.
269 ) Höfler a. a. O. — Als ehemaliger Anteil
der Götter am Opfer wohnt den Genitalien hei¬
lende Zauberkraft inne { Opfergebräuche 103. 226).
In Griechenland erhielt der Oberzauberer beim
Kulte der Demeter Chloe als Gottheitsanteil die
Fut eines nichtträchtigen Schweines (Höfler
a. a. O. 99 = Nilsson Griech. Feste 328).
Über Sch.e-Hoden beim Reinigungs- (= Heil-)
Opfer s. Höfler 98 t. 175. 27 °) Jühling Tiere
174. 27 n ZdVfVk. 7 (1897), 251. 272) jühling
a. a. O. 183. 273 ) Wuttke 322 § 477 =
Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371.
274 ) Jühling a. a. O. 171. 275 ) Ebd. 176.
278 ) Ebd. 179. 277 ) Ebd. 178. 278 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 394. 279 ) Höfler Organotherapie
247. — Bei den Christen des sloven. Balkans
und in Bosnien wird das Herz eines wilden
Sch.es gegen den Biß toller Hunde genossen
(Ebd. 247; Urquell 2 [1891], 129). Möglicher¬
weise sind antike Einflüsse vorhanden.
280 ) ZrhwVk. 1904, 95. 281 ) Jühling Tiere
180. 282 ) Ebd. 184. —- Sch.e-Kopf und
-Füße gab schon Hippokrates als Krankenkost
ein, gekochte Sch.e-Füße empfahl Pseudo-
Dioskurides (4. Jh. n. Chr.) als Mittel gegen
Schleimauswurf. Diese Mittel stammen eben¬
falls aus dem Opferkult (Höfler a. a. O. 99).
283 ) Birlinger Aus Schwaben 2, 445L 284 ) Meyer
Baden 41. 285 ) Erklärung des Namens bei Lü-
tolf Sagen in. 286 ) ZföVk. 4 (1898), ii4f.
287 ) Ebd. 13 (1907), 100. 116. 118; Höfler
Organotherapie 99. 288 ) ZföVk. 13,100.114.116;
Jühling Tiere 180; Lammert 125. 289 ) Schön¬
werth Oberpfalz 3, 262. 29 °) Jühling a. a. O.
184; Schmidt Kräuterbuch 62Nr. 95; ZföVk. 4,
ui = Lammert 125; Fossel Volksmedizin 72;
Baumgarten Aus der Heimat 84; Heyl Tirol
788. — Beim Anfall wird dort, wohin der Kopf
des Kranken fällt, eine kleine Grube gegraben
und an dieser Stelle ein Kohlenstückchen ge¬
funden; man gibt dies ebenfalls dem Kranken
ein, und er ist geheilt (Hovorka-Kronfeld
2, 226). 291 ) Manz Sargans 55. 292 ) Ebd.;
Lammert 236; ZföVk. 4, 114. 293 ) Jühling
Tiere 182 — Schönwerth Oberpfalz 3, 256;
Urban Heilkunde Westböhmens 56. 294 ) ZföVk.
4, 114. 295 )Ebd. 13 (1907), 100. 116; Pollinger
Landshut 279. 296 ) Bohnenberger Nr. 1,
5. 21; Höhn Volksheilkunde 1, 137. 297 ) Höhn
■a. a. O. 1, 158. 298 ) J ühling Tiere 181. 2 ") Ho¬
vorka u. Kronfeld 2, 133. 30 °) Jühling
Tiere 175. 30i ) Ebd. 176. 302 ) Hovorka u.
Kronfeld 2, 125; Frisch bi er Hexenprozesse 35.
303 ) Jühling a. a. O. 176. 304 ) Ebd. 181. 182;
SAfVk. 15 (1911), 180. 305 ) ZdVfVk. 8, 48.
306 ) Urban a. a. O. 93. 307 ) J ühling Tiere 171.
508 ) StoW Zauber glauben 89. 309 ) Urban a. a. O.
67. 31 °) Schmidt Kräuterbuch 49 Nr. 51.
311 ) Jühling Tiere 175. 312 ) Ebd. 174. 176 f.
178. i8i;Höhn Volksheilkunde 1,84. 313 ) Urban
a. a. O. 20; Schmidt a. a. O. 59 Nr. 86.
314 ) Jühling a. a. O. 173. 315 ) Ebd. 171. 180;
ZdVfVk. 8, 48. 316 ) Höhn a. a. O. 1, 149. — Das
Mittel scheint aus der antiken Medizin zu
stammen. Näheres s. Höfler Organotherapie
174t. Die zauberhafte Kraft der Leber (des
ehern, heilsamen Opfertieres) erhellt aus der
altgriechischen Sage, nach welcher sich Achilles,
als er bei dem Zauberarzte Cheiron weilte, durch
den Genuß von Sch.e-Leber seine übernatürliche
Kraft erwarb (Höfler a. a. O. 174 = Mann¬
hardt 2, 52). In der Edda (2. Gudrunlied
Str. 22,Edda von Jordan 414 ff.) bildet Sch.e-
leber einen Bestandteil eines Vergessenheits¬
trankes (Höfler a. a. O. 175 f.). 317 ) Urban
a. a. O. 25. 318 ) Jühling Tiere 175. — Auch
hier scheint die deutsche Volksmedizin eine
Anleihe bei der Antike gemacht zu haben. Vgl.
Höfler a. a. O. 275. 319 ) Jühling a. a. O.
174t. 32 °) Urban Heilkunde Westböhmens 17.
321 ) Jühling a. a. O. 171. 322 ) ZrhwVk. 1912,
226. 323 ) Wuttke 355 § 352 = Lammert
272; Jühling Tiere 182t.; Hovorka-Kron¬
feld 2, 214. 324 ) Urban a. a. O. 61. 325 ) Jüh¬
ling a. a. O. 182. 326 ) Ebd. 179. 327 ) Höhn
a. a. O. 1, 116. 328 ) Hovorka u. Kronfeld
2,371. 329 ) Lammert 207. 33 °) Jühling 177.
S31 ) Ebd. 174. 332 ) SAfVk. 8, 150. 333 ) ZdVfVk.
8 (1898), 47; Jühling a. a. O. 180. 334 ) Lam¬
mert 229. 335 ) ZrhwVk. 1918, 10. 33a ) Ebd.
1904, 103. 337 ) Eberhardt Landwirtschaft Nr. 3,
S. 21. 338 ) Vgl. J ühling Tiere 171. 177. 339 ) J üh¬
ling Tiere 178. — In der nordischen Medizin ver¬
wendete man Schmalz von einem roten Sch.
gegen Würmer, die dämonisch im Menschen
hausen (Höfler Organotherapie 100). — In der
Ukraine schmieren sich die Kranken die Brust
mit etwas angebranntem Fett eines frisch ge¬
schlachteten Wild- oder Hausschweines ein; an
der Stelle, wo sie das Fett aus dem Tiere zu dem
Zwecke herausschneiden, schneiden sie mit dem
Messer ein Kreuz ein (Hovorka u. Kronfeld
2, 61). 34 °) Vgl. das Bestreichen der Türpfosten
mit Sch.e-Fett bei der römischen Hochzeitsfeier
wie bei den Griechen (Mannhardt Forschungen
178; Seligmann Blick 2, 132). 341 ) Wuttke
12 7 § 17 1 - 342 ) J ühling Tiere 183. 343 ) Wuttke
344 § 5 i 3 - 344 ) Ebd. 338 f. § 504. 345 ) Ebd. 331
§ 492. 346 ) Ebd. 334 § 496. 347 ) ZdVfVk. 8, 48. -
Die Huzulen binden sich gegen Halsschmerzen
Speck in dünnen Scheiben um den Hals und
gurgeln dazu mit Alaun (Hovorka u. Kron¬
feld 2, 13). — Dem Speck schrieb man solche
Heilkraft zu, daß man ungeborene, d. h. aus
dem Mutterleib geschnittene Kinder in dem
Speck (Bauche) frisch geschlachteter Schweine
zur Reife brachte (Meyer German. Mythol. 103
= Grimm Myth. 1, 322 — Zfhess. Gesch. 1, 97).
348 ) ZföVk. 13 (1907), 105 f.; Jühling Tiere 183.
349 ) Manz Sargans 56 = SAfVk. 15, 241 Nr. 24.
35 °) Fogel Pennsylvania 314 Nr. 1668. 351 ) Ebd.
327 Nr. 1739. 352 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 212. 353 ) ZdVfVk. 7 (1897), 290. 354 ) Fogel
a. a. O. 333 Nr. 1769. 355 ) ZdVfVk. 8, 47. —
Bei den Ägyptern wurden Sch.e-Zähne zer¬
1501
rieben und in das Innere von 4 Zuckerkuchen
gegeben als gutes Magenmittel (Höfler Organo¬
therapie 98). Der Glaube an ihre heilsame,
unheilabwehrende Wirkung veranlaßte auch bei
anderen Völkern ihre Verwendung als Amulett.
In Italien und in der Türkei hängt man die Zähne
des Sch.es den Kindern, in Jerusalem den
Pferden um den Hals. In Persien, wo man ein
wildes Sch. in den Pferdeställen hält, um die
Pferde gegen den bösen Blick zu schützen,
hängt man jedem Tier ein Amulett um den Hals,
an dem ein Eberzahn befestigt ist (Seligmann
Blick 2, 132) (s. Eber 4 37 ).
10. Heilende Kraft hat auch alles,
was mit den Sch.en zusammenhängt.
a) Ein Bad oder Waschen der Hände
und Füße in warmem Sch.ebrühwasser
hilft gegen Frostbeulen an Händen und
Füßen (Braunschw., Schles., Wetterau) 356 )
und Warzen (Württ.) 357 ).
b) Wenn man sich am Sch.estall
scheuert, wo sich die Sch.e gescheuert
haben, so vergehen die Warzen (Mecklen¬
burg) 358 ) und Croup (Pennsyl.) 359 ).
Hat man das Sch.sfieber (das dreitägige),
so soll man mit den Sch.en fressen und
sich in die Stalltür legen, daß die Sch.e
über eins laufen 36 °) (Siebenb. 361 )), ebenso
läßt man die Sch.e über sich hinweg¬
laufen, nachdem man sich in eine Ver¬
tiefung des Sch.estall gelegt hat, um
lästige Geschwüre loszuwerden 362 ). Gegen
Bettnässen läßt man das Kind auf das
Stroh im Sch.estall pissen und auf dem¬
selben kurze Zeit schlafen 363 ). Kann
ein Kind (infolge Behexung) nicht schla¬
fen, ist ,,ihm die Ruhe genommen“, so
legt man ihm den Sch.estallriegel
unter (Bay.) 364 ).
c) Eine große Rolle im Heilzauber
spielt der Sch.e trog, an dem man sich
reibt gegen Krankheit (Pennsylv.) 365 ).
Um das Kind vom Keuchhusten zu
befreien, führt man es vor Sonnenaufgang
in den Sch.estall und läßt es in den Sch.e-
trog beißen (Posen) 366 ). Warzen ver¬
treibt man auf folgende Weise: Man
bindet um sie einen roten Zwirnsfaden
oder einen roten Seidenfaden dreimal
kreuzweise in Knoten und versteckt ihn
dann unter einen Sch.etrog, wohin weder
Sonne noch Mond scheint (Meckl., Schl.,
Brand., Thür., Frk., Bö., Hess., Bad.) 367 );
oder man schneidet, in der Tilsiter und
Goldaper Gegend, in ein Leinwand¬
läppchen so viele Löcher, als man Warzen
hat, und legt den Lappen dann unter den
Sch.etrog 368 ); oder man nimmt eine
Haberstange, schneidet davon das unterste
oder zweite Knie ab, reibt die Warze
damit, daß sie schäbig und rauh wird,
dann legt man das Ende, womit man
die Warze gerieben hat, unter einen
Sch.etrog (Meckl.) 369 ). Gegen Augen-
wären (hordeola, Gerstenkorn) schneidet
man einen Span aus der Stelle aus dem
Sautrog, wo das Sch. seinen Hals zu
fegen pflegt und überstreicht mit diesem
Splitter das Gerstenkorn 370 ). Auch der
Riegel am Sch.etrogtürchen ist heil¬
kräftig (Frk.) 371 ).
356 ) Wuttke 346 § 517; Jühling Tiere 182;
Andree Braunschweig 422. 357 ) Schmitt Het -
tingen 16. 358 ) Bartsch Mecklenburg 2, 120.
359 ) Fogel Pennsylvania 267 Nr. 1383. 36 °) Jüh¬
ling a. a. O. 179. 361 ) Haltrich Siebenb. Sachsen
272 Nr. 8. 362 ) ZrhwVk. 1908. 96. 3Ö3 ) Jüh¬
ling a. a. O. 180. M4 ) Ebd. 181; Wuttke
386 § 587. 36s ) Fogel a. a. O. 299 Nr. 1579.
368 ) Wuttke 361 § 587. 387 ) Ebd. 331 § 492.
368 ) Frischbier Hexenprozesse 93. 389 ) Bartsch
a. a. O. 2, 119.
370
) Jühling a. a. O. 182.
371 ) Wuttke 132 § 181.
11. Von sonstigem Aberglauben
wäre zu nennen, daß eine schwangere Frau
ein Sch. nicht mit dem Fuße fortstoßen
darf, weil sie sonst eine schwere Geburt
hat 372 ); daß eine Magd, die von einer
Sch.eschnauze ißt, viel Geschirr zer¬
bricht (Bay., Old.) 373 ), daß Kinder,
die vom Hirn des Sch.es essen, dumm
werden (Meiningen) 374 ). Letzterer Glaube
geht vielleicht auf folgendes zurück:
Wenn der Mond bis zum letzten Punkt
abgenommen hat, nimmt auch das Ge¬
hirn der Sau mehr ab wie bei irgend
einem anderen Tier und ist schließlich
äußerst klein im Verhältnis zur Größe
des Tieres 375 ). Zu erwähnen ist schlie߬
lich noch, daß man auf die Zeit wähl
beim Schlachten großes Gewicht legt.
In Mecklenburg soll man am Gallustage
(16. Okt.) kein Sch. schlachten 376 ). Viel¬
fach richtet man sich nach dem Mond. In
Norddeutschland (Old., Pom.) 377 ) schlach¬
tet man nur bei abnehmenden Mond,
damit das Fleisch sich besser erhält und
nicht leicht Maden bekommt, in Bayern
Schwein
Schwein
1506
1503
1504
und Baden 378 ) geschieht es bei zunehmen¬
dem Mond, damit das Fleisch beim Sieden
recht aufläuft und Fleisch und Speck
beim Kochen quellen und ergiebiger sind,
bezw. damit der Speck nicht auslaufe.
372 ) Urquell NF. 1 (1897), 48. 373 ) Wuttke
404 § 623 = Panzer Beitr . 1, 260; Stracker-
jan Oldenburg 1, 50. 374 ) Urquell 1 (1890), 111.
375 ) Megenberg Buch der Natur 100. 376 ) Sar-
tori 3, 259 1 = Bartsch Mecklenburg 2, 220.
377 ) Knoop Hinterpommern 172; Strackerjan
a. a. O. 2, 142 Nr. 371. 378 ) Wuttke 450 § 710
= Pollinger Landshut 157; Wuttke 58 § 65.
12. Als Festspeise ist das Sch. als
eines der ältesten und verbreitetsten,
feierlich gezüchteten Opfertiere 379 ) an
vielen Tagen des Jahres im ganzen
deutschen Sprachgebiet Hauptgericht des
Festmahles, was in den meisten Fällen
auf alten Opferbrauch und Kulthand¬
lungen zurückzuführen ist, aber nicht
in allen; man muß sich stets vor Augen
halten, daß in manchen Gegenden aus
einem Uberschuß an Schlachttieren ge¬
schlachtet werden mußte, daß aus prak¬
tischen Gründen das Sch. während des
Winters fast die einzige Fleischspeise
ist 380 ). Vor allem zur Erntezeit und
im (Mitt-)Winter 381 ), aber auch zu
weniger festlichen Zeiten fielen Sch.e
als Opfer, wurden Opfermahle mit Sch.e¬
fleisch als Kultessen abgehalten, da
wie dort zu Ehren der mütterlichen Erd¬
gottheit und der Wachstums- und Frucht¬
barkeitsdämonen 382 ), denen das Sch.,
wegen seiner Fruchtbarkeit und seiner
erdaufwühlenden Natur 383 ) (s. Eber 7)
ein wohlgefälliges Opfer sein mußte.
Das Tier, das besonders in der früh¬
germanischen Zeit eine wichtige Rolle
spielt 384 ), ist bei uns überall mit dem
Ackerbau und unserer Pflugkultur ver¬
einigt 385 ). Sch.efleisch in irgend einer
Form ist Festgericht überall zu Weih¬
nachten und Neujahr 386 ): Sch.s-
kopf 387 ) (Bay., Old., Pom., Salzb., Sater¬
land, Schlesw.-Holst., Schles., Tir., Ucker¬
mark), Schinken 388 ) (am Rhein),
Ferkel 389 )(Thür.),(Metten-)Würste 390 )
(Bay.) bilden den Mittelpunkt des Essens.
Am fetten Donnerstag 391 ) und anderen
Tagen der Fastnachtszeit 392 ) (Nord-
u. M.Dtl., Hess., Meckl., Oberpf., Schw.,
Siebenb., Schwz.), zu Ostern 393 ), wo
man kirchlich geweihtes Sch.efleisch aß^
vor allem wieder bei den Festmahlen der
Erntezeit 394 ) (Süddtl.) ist es ebenso*
notwendig wie zur Kirchweih 395 ) (Dbö. r
Schles.) und am Martinstage 396 )(Braun-
schw., Vogtl., Westf.), an dem man hie
und da Sch.e (Eber) vor dem Mahle in
einem Ring mit einander kämpfen und
sich zerreißen ließ, um dann ihr Fleisch
zu verzehren 397 ). Auch bei Familien¬
festen wie Hochzeit (Sch.ekopf in
Hessen 398 ), Sch.sohren in Tirol 399 )) und
Taufschmaus spielt es eine wichtige
Rolle (s. o. 8: Sch. im Zauberglauben).—
Daneben werden überall Sch.chen aus
Semmel- und Kuchenteig (Gebildbrote)
zur Erntezeit 400 ) (Löskuchlein in Bay.„
N.-Öst., Schw., Saufud in Mittelfr.) und
zu Weihnachten 401 ) (Bay., Bö., Jever¬
land, Lüneb., Meckl., Old., Ostfriesl.,.
Sachs., Schles., Schlesw., Schw., Thür.„
Westf., Niederl.) gegessen, in Anklam
hängt man nach schwed. Sitte ein
Zuckersch. an den Christbaum. Sie
betonen den Opfercharakter nicht minder
als die eisernen (Mutter-)Sch.e (mit Fer¬
keln), die als Votivgaben in den Leon-
hardikirchen Oberbayerns geopfert wer¬
den 402 ). — Ein goldenes Sch.chen er¬
scheint zu Weihnachten oder Neu¬
jahr im Traum 403 ), und wer am hl. Abend
bis zum Abendessen fastet, sieht das
„goldene Schweindl, goldene junge
Ferkel“ 404 ), das sich nur unschuldigen
Kindern zeigt und immer glückbrin¬
gend 405 ) ist (Bad., Dbö., Thür.) 406 }
(s. Eber 6).
379 ) Vgl. die Ferkelabgabe an Gotteshäuser
in Bayern (Meyer Germ. MythoL 102 =
Schmeller BayWb. 1, 619). 38 °) ZdVfVk. 3
(1893), 270 1 = Jahn Opfer gebrauche 265; Zd¬
VfVk. 12 (1902), 82; ZföVk. 4 (1898), 15; Fried¬
berg Bußbücher 18. — Darauf scheinen die
„Dickbauchs-" und „Vollbauchsabende'*
im Gebiet nördlich der Elbe, im Saterland, zu
deuten (ZdVfVk. 3, 270). Immer wird man nicht
an Opfer denken dürfen. Denn Sch.e-Fleisch
mit Sauerkraut, noch heute ein Lieblings- und
Nationalgericht, wird schon im 13. Jh. gepriesen
(Lammert 41; John Westböhmen 217). Es
bildete eben vielfach die Hauptnahrung, wie
die Ausgrabungen in den sog. Zwergküchen be¬
weisen (Sepp Religion 286). Die Sch.e gelten
als Haustiere der Zwerge, welche ihr Fleisch mit
1505
Vorliebe essen. Auch reiten Zwerge in Sagen
häufig auf Sch.en (Rochholz Naturmythen
121 Nr. 15; ders. Sagen 2, 227; Lütolf Sagen
478; Wolf Beitr. 2, 331 = Schambach u.
Müller Nr. 140 12 ). ^jMeyerG^w. Myth. 102;
ZdVfVk. 3, 270; Sepp Religion 279 fr.; Quitz-
mann 85. 382 ) Quitzmann 86; Jahn Opfer¬
gebräuche 139 f. 231; das Opfer des Sch.s und
seine Erscheinung weist auf Donar (Meyer
a. a. O.). — Über Sch.e-Opfer zu Ehren von Erd-
und Fruchtbarkeits-Gottheiten bei Griechen und
Römern vgl. Panzer Beitr. 2, 295. 297. 492 f.
495 f. 497 — 501; Mannhardt Forschungen 115.
119; Höfler Organotherapie 22f.91.99; ZdVfVk.
14 (1904), 9; Reuterskiöld Speise Sakramente
128. — Unzweifelhaft Opfer für Fruchtbarkeit
sind die Sch.e-Opfer bei der Aufnahme der
jungen Männer in den Mannesverband bei vielen
australischen Völkern. Gleichzeitig sind sie
auch als Abwehr- (Schutz-) Zauber aufzufassen.
Vgl. Frazer n, 240 f. 246. 383 ) Jahn a. a. O.
106. 884 ) Schräder Reallex. 745 ff.; Hoops
Reallexikon 4, 149. 385 ) Hoops a. a. O.; Grimm
Myth. 2, 555. Auch Plutarch im Symposion.
3 ®®) Meyer a. a. O. 103; ZdVfVk. 10 (1900), 3;
12, 87; 15, 179; Wuttke 290 § 425; Höfler
Weihnacht 13 f.; Reinsberg-Düringsfeld
Böhmen 542; John Westböhmen 12; Quitz¬
mann 86; Lippert Christentum 587 f. 677 ff.;
Jahn a. a. O. 265 t; Sartori 3, 28. 66 (Lite¬
ratur). 387 ) Meyer Mythologie der Germanen
(1903), 327; Höfler Weihnacht 12 f.; Wuttke ;
66 § 76; 127 § 171.; Strackerjan Oldenburg
2, 38; Kück u. Sohnrey 35; ZdVfVk. 3, 269h;
ZföVk.9,187; Kuhn u. Schwartz 411 Nr. 161.
Über den Sch.s-Kopf als Julgericht im Norden
vgl. Grimm Myth. 1, 41; Meyer Religionsge¬
schichte 201; Albers Das Jahr 329, in England
u. Schottland: Grimm Myth. 1, 178; Höfler
a. a. O. — In Siechenhäusern wurden die
Sch.skopf-Essen erst spät durch Geldspenden
abgelöst (ZföVk. 4, 115). — Überdas Sch.emahl
am Stephanstage in Kaufbeuren vgl.: Bir-
linger Aus Schwaben 2, 14 f.; über das Lauter¬
bacher Goldferch: Meyer Germ. Myth. 103. 227.
287 = Jahn Opfer gebrauche 264 = Grimm
Weist. 3, 369; Simrock Mythologie 5 329; Sepp
Religion 7; Kuhn Westfalen 1, 331; über das
sog. Antoniusgemeindesch., Franziskussch. usw.:
Meyer Germ. Myth. 103 — Montanus Volks¬
feste 1, 170; Kuhn Westfalen 2, 111 Nr. 332;
Sepp Religion 287; Sartori 3, 28. — In Däne¬
mark sind neben dem Sch.skopf am Julabend
auch Sch.sfüße Festgericht (Höfler Weihnacht
13)- 388 ) Höfler Weihnacht 13. 389 ) Kück u.
Sohnrey a. a. O. 33 °) ZföVk. 9, 187. 391 )Jahn
a. a. O. 103L 392 ) Meyer Germ. Mythol. 287 =
Jahn a. a. O. 103h 196; Bartsch Mecklenburg
2, 254; Kuhn u. Schwartz 371; Höfler Fast¬
nacht 28. 61. Vgl. auch Sartori 3, 115 (Lite¬
ratur). 393 ) SAVk. 1906, 151; Meyer
a. a. O. 287= Jahn a. a. O. 139; Höfler
Organotherapie 290; Wolf Beitr. 1, 49f- 394 )
Sepp Religion 280. über das Vinkbucher
Gerichtssch. vgl.: Simrock Mythologie 5 329;
Bäcbtold-Stäubli, Aberglaube Vll
Meyer Germ. Myth. 103 = Grimm Myth.
1, 41 f.; Jahn a. a. O. 229; Lippert Christen¬
tum 628; über das Mediascher Gerichtssch.
Jahn a. a. O. 229. 3Ö5 ) Drechsler Schlesien
1, 162f.; John Westböhmen 217. 396 ) Meyer
Germ. Myth. 254. 103; Jahn Opfer gebrauche
230. 234; Pfannenschmid Erntefeste 217;
Andree Braunschweig 368L; Sartori 3,
266 = Kuhn Westfalen 2, 98; Köhler
Voigtland 259; ZrhwVk. 1909, 196. 387 )
Meyer a. a. O. = Jahn a. a. O. 230. 398 )
Höfler Hochzeit 10. 3 ") Heyl Tirol 766
Nr. 77. 400 ) Jahn Opfergebräuche 227; ebd. 225
= Panzer Beitr. 2, 223. 234f. 516; Panzer
2, 221 f. 487!.; Quitzmann 65; Sepp Reli¬
gion 28of. — Bei den Griechen wurden der
Demeter an Stelle eines wirklichen Sch.es
Brotfiguren in Gestalt trächtiger Sch.e geopfert
(Sepp Religion 281. Vgl. weiter Reuterskiöld
Speisesakr. 123, über Mehlteigfiguren in Sch.s-
gestalt: Höfler a. a. O. 60f. 100; bei den
• « _
Ägyptern Eberfiguren aus Brotteig: ZdVfVk. 14
(1904), 266. 401 ) Wuttke 66 § 76; Reuter¬
skiöld Speisesakr. 109; Höfler Weihnacht 61;
Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 578!.;
Lippert Christentum 677; ZdVfVk. 14 (1904),
266; 12 (1902), 198L = Wolf Beitr. r, 124;
Strackerjan Oldenburg 2, 33. 142 Nr. 371;
Kück u. Sohnrey 35; Weinhold Weinachts¬
spiele 26; Wolf Beitr. 1,104. — Über Kuchensch.
in Schweden, auf Oesei und in Estland sowie
in Frankreich vgl. Höfler Weihnacht 59ff.
402 ) Andree Votive 154L; Sepp Religion 339;
Jahn a. a. O. 52L; vgl. Hovorka u. Kron-
feld 1, 340 (Abb.). — Auch bei den Opfern an
die Ceres gebrauchte man silberne und goldene
Sch.e (Panzer Beitr. 2, 501t.). 403 ) Mann¬
hardt 2, 205. 404 ) Ders. Götter 236f.; Jahn
Opfergebr. 265. 40S ) Höfler Weihnacht 61;
Wolf Beitr. 1, 191. 406 ) Meyer Baden 489;
Reinsberg-Düringsfeld Böhmen 5780.;
Grohmann 1 Nr. 4; John Westböhmen 217;
Laube Teplitz 235 (Auch bei den Tschechen
vgl. Grohmann 2); Simrock Mythologie 3
329. 528; Wolf Beitr. 1, 104.
13. Aus den engen Beziehungen des
Sch.es zum Ackerbau 407 ) (s. oben 12)
sind Erntebräuche und Redensarten
entstanden, die auf mythische Grund¬
lagen zurückgeführt werden müssen: der
letzte Drescher muß die „lös (lass)
vertragen“, erhält „die Roggensau“
aufgebürdet 408 ). Er selbst oder der
Mäher, der die letzten Halme ab¬
schneidet, wird als „Sau“ 409 ) (Bad.,
Bay., Schw.), „Kornsch., Korn-, Rog¬
gen-, Gersten-, Habersau 410 ), Sau¬
treiber 4U ), Saumoggl“ 412 ) (Bay.) oder
als „Saufud“ (O.-Öst.) 413 ) bezeichnet;
die letzte Garbe heißt „Roggen- oder
Fersau“ u. a. In ihr steckt der Geist
48
1507
Schwein
1508
des Wachstums, die verkörperte Segens¬
kraft, der Korndämon, das Roggen¬
schwein 414 ), der mit dem Wind in engem
Zusammenhang steht 415 ). So gibt sich
das Sch. auch als Symbol der Wachs¬
tumskraft zu erkennen. Wenn die
goldene Fülle im Winde wogt, „laufen
die wilden Sch.e durchs Korn" 416 ).
Mythische Anschauungen und Reste ehe¬
maligen Opferkultes geben sich hier deut¬
lich zu erkennen und tragen bedeutend
zum Verständnis des Sch.s im Aber¬
glauben bei. Doch werden Elemente
dieses Glaubens auch recht realer Natur
sein und aus einer Zeit stammen, wo
wilde Sch.e das Land unsicher machten
und leicht arglos in das Getreide sich
begebenden Leuten gefährlich werden
konnten 417 ). Auch von hier aus ging
ein Weg zur Dämonisierung des Sch.es
(s. Eber 7).
407 ) Vgl- die schwed. Grubbso < grubba,
Pfiugfurche (Meyer German. Mythol. 103).
4Ü8 ) Mannhardt Götter 101; Jahn Opfer -
gebrauche 105; Panzer Beitr. 2, 408 — 424. 487;
Leoprechting Lechrain 165t.; Sepp Religion
280. 285; Quitzmann 65. 241; Blaas Volks¬
tümliches aus N. Österreich in Germania 29,
100 Nr. 11; Jahn a. a. O. 227 = Meier Schwa¬
ben 444 Nr. 162; Birlinger Aus Schwaben
2, 328. 409 ) Birlinger Volkst. 2, 425. 428;
Panzer Beitr. 2, 2iiff.; Reiser Allgäu 2, 367;
Leoprechting a. a. O.; Meyer Baden 436f.;
Sartori 2, 101. 41 °) Sepp Religion 283.
411 ) Mannhardt Forschungen 186. 412 ) Sepp
a. a. O. 284. 413 ) Mannhardt Götter 101.
414 ) Sartori 3, 115; Mannhardt 2, 202;
Meyer Germ. Mythol. 103. 415 ) Laistner
Nebelsagen 208. 4l6 ) Pfannenschmid Ernte¬
feste 401 — Kuhn Westfalen 2, 93 Nr. 293.
417 ) Jahn Opfergebr. 179. — Das Roggensch. ist
auch in Estland und auf Oesel bekannt (Mann¬
hardt Forschungen 187 u. Anm. 1).
14. Sagen von Sch.en sind in der
volkstümlichen Überlieferung sehr zahl¬
reich. An erster Stelle erwähnen wir die
zahlreichen Sagen von Sch.en, die Glok-
ken aus wühlen 418 ), wobei gelegent¬
lich der kräftige, an ihre Auffindung er¬
innernde Klang der Glocken („Sau aus-
g'wühlt“), die darauf bezügliche Namen
führen („Saufang“ in Köln 419 ), „Sau¬
glocke“ von Dreßling in Ob.-Bay. 420 ))
hervorgehoben wird 421 ). Die Verbindung
der Glocken mit dem Sch. als Tier der
Fruchtbarkeit kann nicht befremden,
wenn wir in ihr wirklich ein Symbol der
Gewitterwolke 422 ) (Donnerglocke 423 ))
sehen dürfen. Vielfach werden aber
auch tatsächliche Vorkommnisse auf
die Entstehung solcher Sagen (bes.
dreißigjähriger Krieg!) von Einfluß ge¬
wesen sein. Es fragt sich, ob wir es hier
nicht mit einer Wandersage zu tun haben.
Sch.e wühlen ferner aus: eine mit Hafer
gefüllte Glocke (Siebenb.) 424 ), Schätze
(Meckl. 425 ), Schles. 426 ), Siebenb. 427 )),
eine goldene Wiege (Westf.) 428 ), ein
Marienbild (Frk.) 429 ), einen Kirchen¬
schlüssel (Vogtl.) 43 °), eine Quelle (Nord-
dtl.) 431 ), Salzquelle (Sachs., Thür.) 432 ),
einen Kinderbrunnen, der Flensburg unter
seinen Fluten begräbt 433 ). — Andere
Sagen berichten von Ortsgründun¬
gen 434 ) und Namengebung 435 ) durch
Sch.e, von in Strohwische verwandel¬
ten 436 ), von tanzenden 437 ) Säuen; von
einem Ferkel, das beim Schlachten immer
größer 438 ), von einem Sch., dem das
Abendmahl gegeben wird 439 ); von ge¬
spenstigen Sch.sköpfen, durch deren Er¬
scheinung Trinker und Schieler gebessert
werden 44 °); sie suchen verschiedene
Sch.sgestalten 441 ) und -köpfe (in Wap¬
pen) 442 ) zu erklären. Sch.e warnen Be¬
lagerte 443 ), werden an gewissen Orten
scheu 444 ) u. v. a. — Uber andere Sagen
s. o. 2, 3, 4 (s. Eber 8).
Vgl. noch Eber, Spanferkel.
4l8 ) Meyer German. Mythol. 90; ebd. 102 =
Wolf Beitr. 2, 294; Kuhn Westfalen 1, 31. 166
Nr. 172. 243; ZdVfVk. 7 (1897), 275 (viele
Literaturangaben); Kuhn Westfalen 167 Nr. 172
Anm. (viele Literaturangaben f. Bad., Bay.,
Franken, Hess., Niedersachs., Preuß., Schw.,
Unterharz, Thür., Westf.). 335 Nr. 370; Ders.
Märkische Sagen 108; Ranke Sagen 2 259
(Bad., Vogtl.); Sepp Religion 122 f. (Bay.,
N. Öst.); Quitzmann 241; Meiche Sagenbuch
681 Nr. 845; 677—680 Nr. 8370. 840. 841. 843.
844 (Bö., Sachs., Vogtl.); Otte Glockenkunde
69 (Köln); Bartsch Mecklenburg 1, 374;
Schambach u. Müller 55L 340 (N. Sachs.);
Jahn Pommern 209f. 223; Eisei Voigtland
276 Nr. 694; 303 Nr. 764; Witzschel Thü¬
ringen 2, 59 Nr. 69; Grabinski Sagen 22
(Schl.); Schulenburg Wend. Sagen 290b;
Ders. Wend. Volkst. 7. 419 ) Die älteste Glocke
der Zäzilienkirche: Otte Glockenkunde 69.
420 ) Panzer Beitr. 2, 548; vgl. Meier Schwaben
421 ) ZdVfVk. 7, 276t. (Literaturang.); Sepp
Religion 122P; Lyncker Sagen 145. 422 ) Vgl.
1509
Schweine—Schwelle
1510
Meyer Germ. Myth. 90. 102. 423 ) Sepp a. a. O.
123. 424 ) ZdVfVk. 7, 279 = Panzer Beitr.
2, 182. 425 ) Bartsch Mecklenburg 1, 360.
426 ) Schulen bürg Wend. Volkst. 3. 427 ) Mül¬
ler Siebenbürgen 96. 428 ) Meyer a. a. O. 102
= Kuhn Westfalen 1, 302. 429 ) Bechstein
Frankenland 76. 43 °) Eisei Voigtland 336
Nr. 839. 431 ) Meyer Germ. Myth. 102 = Kuhn
u. Schwartz 223 Nr. 247, 11; Knoop Hinter¬
pommern 89. 432 ) Sommer Sagen 70 Nr. 61.
433 ) Meyer a. a. O. = Müllenhoff Sagen 105
Nr. 234; Grimm Myth. 3, 191 = Müllenhoff
a. a. O.; ZdVfVk. 7, 276. 434 ) Urquell 4 (1893),
167; Quitzmann 241 — Panzer Beitr. 2,
Nr. 271; Schöppner Sagen Nr. 70. 538. 435 )
Strackerjan Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 438 )
ZrhwVk. 1914, 89. 43? ) Eisei Voigtl. 215.
438 ) ZdVfVk. 3 (1893), 50P 439 ) Stracker¬
jan Oldenburg 2, 142 Nr. 371. 44 °) Schell
Bergische Sagen 203 Nr. 152. 441 ) Pollinger i
Landshut 97 Nr. 8 . 442 ) Schambach u. Müller
yi. 443 ) Eckart Südhannover. Sagen 86f.
444 ) Eisei Voigtland 244 Nr. 607 Anm.
Herold.
Schweine s. Schwinden, Schwund.
Schweinsfisch ist der Name für drei
verschiedene Fische: 1. Batistes capriscus
Gm., auch von den Italienern Pesce
porco genannt, eine Art der Drücker¬
fische (Balistidae) 4 ), 2. Phocaena com¬
munis Less., auch Braunfisch, Tümm¬
ler (s. d.), Meerschwein 2 ), 3. Delphinus
(s. Delphin Bd. 2, 186) tursio Fahr. 3 ).
S. Tümmler.
x ) Brehm 3, 431. 2 ) Leunis Synopsis d.
Tierkunde 3 1, § 175, 2. 3 ) Ebd. § 175, 5.
Hoffmann-Krayer.
Schweiß, schwitzen s. Nachtrag.
Schwelle.
I. Allgemeines. II. Aufenthaltsort von
Geistern. a) Bestattung unter der S. b)
Unter der S. wohnen Seelen und ähnliche
Geister. c) Krankheitsdämonen. d) Spuk.
III. Opfer, a) Bauopfer, b) Bei Viehsterben
und Seuchen, c) Um das Vieh vor Krankheit
zu bewahren, d) Hochzeit, e) Für Dämonen.
IV. Unter der S. durch. V. Die S. als Grenze.
1. Übergangsriten und Riten bei der Aufnahme
in die Hausgemeinschaft. a) Geburt, Taufe.
b) Hochzeit, c) Einziehen, d) Aufnahme des
Gesindes. e) Aufnahme der neuen Tiere,
f) Eintrieb des Viehes. 2. Verlassen der Haus¬
gemeinschaft. a) Tod. b) Verkauf des Viehs.
c) Erster Austrieb. VI. Ort zauberischer
Handlungen, a) Sicherung des Segens, b) Eid¬
zauber. c) Geisterbannen, d) Schadenzauber,
e) Liebeszauber, f) Gegenzauber. 1. Aus- und
Vergraben. 2. Verpflocken, Schlagen, g) Die¬
beszauber. h) Heilzauber, i) Abwehrzauber,
k) Verschiedene Zauberhandlungen. 1. Bei
verschiedenen Anlässen. 2. An bestimmten
Zeiten. 1 ) Zauber mit Bestandteilen der S.
1. Räuchern. 2. Eingeben. VII. Abwehr- und
Schutz, a) Abwehrzauber, b) Einfache, dau¬
ernde Schutzmittel, c) Dauernde Schutzmittel
unter der S. und in der S. verpflockt. d) Schutz
bei bestimmten Anlässen. 1. Hexen, Alp,
wilder Mann, Gespenst. 2. Viehsterben. 3.
Schutzmaßnahmen an Festzeiten. 4. Bei bösem
Wetter. VIII. Orakel. IX. Vorzeichen, a) Gute,
b) Böse, c) Verschiedene. X. S. darf nicht be¬
rührt werden. XI. Verschiedene Verbote und
Gebote. XII. S. personifiziert.
I. Allgemeines. Die S. ist mit der
Tür (s. d) und der Obers, als Eingang
des Hauses eine wichtige Grenze, die die
fremde feindliche Außenwelt von der ge¬
schützten häuslichen trennt 1 ). An der
S. sammeln sich allerhand Geister, die
das Haus bedrängen und die durch die
verschiedensten Maßnahmen und Zauber
zurückgehalten werden müssen 2 ). Die
Eigenschaften der S. als Grenze, Über¬
gang in wörtlicher und z. T. übertragener
Bedeutung, erklärt an sich schon die
meisten Vorstellungen, die sich im Volks¬
glauben an sie knüpfen. Daß die S.
ein bevorzugter und dauernder Aufent¬
haltsort für Geister ist, scheint aber
noch seine bes. Begründung in einer
ehemaligen Bestattung unter ihr zu ha¬
ben 3 ). Diese Annahme wird trotz der
wenigen Belege auf europäischem Gebiet
(s. u. II a) durch die Eigenschaft der S.
als Grenze, an der man in alter Zeit zu
begraben pflegte, gestützt, ohne jedoch
gesichert zu erscheinen.
Die Wichtigkeit der S. im deutschen
Volksglauben tritt in der Überlieferung
deutlich hervor, ohne daß man im Einzel¬
fall entscheiden könnte, welche Vorstel¬
lung einer Vorschrift oder einem Glauben
zugrunde liege. Die vergleichende Be¬
trachtung legt die Annahme nahe, daß
die Abwehrmaßnahmen in späterer Zeit
einen breiteren Raum in der Überlieferung
beanspruchen, als dies in früherer Zeit
gewesen sein dürfte. Als im Laufe der
Zeit die Bedeutsamkeit der S. im Be¬
wußtsein mehr zurücktrat, scheint man
viele Maßnahmen als Abwehr- oder Zau¬
berhandlungen umgedeutet zu haben, weü
ein anderer Sinn nicht mehr verständlich
war. Auch dadurch findet man nicht
wenig Widersprüche in der Überlieferung.
48*
Schwelle
1512
I5II
Bei den späteren Umdeutungen und Ab¬
schwächungen spielt wohl die Verände¬
rung des Wohnhauses eine gewisse Rolle,
da an Stelle der einen S. mehrere S.n
traten. In den meisten Fällen ist die
Haustürs. gemeint, oft ist das ausdrück¬
lich gesagt, es ist aber auch von der
Stubens., von mehreren S.n, mitunter von
allen S.n des Hauses 4 ) die Rede. Ferner
sind die Riten an der S. und am Herd,
z. T. an der Dachluke 5 ) sehr ähnlich,
z. B. bei der Hochzeit, Tod, Eiden, oder
Herd und S.ngebräuche sind vereinigt.
Gegen die Pest mußte ein nackter Mann
den Kesselhaken mit der Sonne dreimal
ums Haus tragen und dann unter der
S. vergraben 6 ). Ähnlich wie die S. gilt
auch, neben dem Herd, die Ecke als
Geistersitz 7 ). Parallel mit anderen Ge¬
bräuchen beim Hausbau schlägt der Haus¬
herr den ersten Nagel in das „G'schwell“,
so viel Streiche er tut, so viele Maß Bier
zahlt er 8 ). Wie an anderen wichtigen
Stellen des Hauses wurden an der S.
Rechtshandlungen ohne 9 ) und mit zau¬
berischem Inhalt (s. VI b) vorgenommen.
Von der Heiligkeit der S. im strengen
Sinn oder von einer Verehrung, wie sie
z. B. die alten Römer kannten, ist auf
deutschem Gebiet kaum eine Spur zu
finden. Die Römer hatten einen im
Kulte nicht ganz unwichtigen S.ngott
Limentinus 10 ), die S. war der Vesta
heüig u ), die Vorstellungen von der Hauss.
waren auch auf das Haus des Totenfürsten
mit der ehernen S. übertragen 12 ). In der
Odyssee 13 ) wird die S. einmal wie
der Herd als Asyl erwähnt. Nach Tibull
und im Kultus der Märtyrer wurde die
S. geküßt u ). Auch von Opfern, die ent¬
weder der S. selbst oder den hier ge¬
dachten Ahnen gelten, sind nur wenige
Resterscheinungen auf germanischem Ge¬
biet bekannt.
*) Gennep Rites de passage 26. 2 ) Feilberg
in Aarbog for dansk Kulturhistorie 1892, 18.
3 ) Frazer The Keepers of the Threshold, Taylor-
Festschrift 1907, 167—173; Samt er Geburt
142; Eitrem Hermes und die Toten (Christiania,
Videnskab Selskabs Forhandlinger 1909);
Schreuer in ZfvgRw. 34, 90 ff. Die S. ist
daher eine bevorzugte Stelle für den Ahnenkult.
Vgl. Trumbull The Threshold Covenant, 1896,
Bes. C. 1. Sehr zahlreiches Vergleichsmaterial
für die Antike O gl e Housedoor in greek and roman
religion and folklore. Amer. Journ. of Philol. 1911.
Vgl. gegen Ogle und Samter, DeubnerAfRw.
20, 419 f. 4 ) In Rußland ist an jeder S. ein Huf¬
eisen befestigt, Gennep Rites des passage 33.
fi ) Sartori Westfalen 23. 6 ) Grimm Myth. 2,
993 - Vgl. Liebrecht Gervasius 100. 7 ) Bei
den Zigeunern Nordungarns legt die Patin den
Täufling auf die S. die Füße nach der Hütte
gekehrt mit einem Spruch, der ihn vor Krank¬
heit bewahren soll, dann in die 4 Ecken, um ihm
den Schlaf zu sichern, auf den Herd, um ihm die
Wärme, auf den Tisch, um ihm die Nahrung zu
sichern. Urquell 2, 21. Vgl. Zauber mit Vier¬
winkelstaub auf der S. Goldmann Chrene -
cruda. Studien zum Titel 58 der Lex Salica,
Deutschrechtliche Beiträge 13, H. 1. 8 ) Sar¬
tori Sitte und Brauch 2, 4. 8 ) Grimm RA. i„
240; Goldmann Chrene cruda 71 Anm. 3 (Lit.).
10 ) Pauly-Wissowa s. v. X1 ) Eitrem Hermes
und die Toten 14. 12 ) Ebd.; ARw. 15, 359 ff.
13 ) X, 62. 14 ) Eitrem Hermes usw. 15 ff. Vgl.
Radermacher Beiträge 65.
II. Aufenthaltsort von Geistern.
a) Bestattung unter der S.: Nach
Paulus Diaconus, Historia Langobardorum
2 c. 28 wurde König Alboin unter
der Treppe seines Palastes, also etwa
an der S., bestattet. In der anord.
Überlieferung wird einmal in der Laxdöla-
saga c. 17 15 ) eine Beerdigung unter der
S. berichtet. Nach Eitrem 16 ) ist die S.
bei den Griechen eine der Beerdigungs¬
stationen, über welche der Bestattungs¬
platz der Toten vom Herde ins Freie
verlegt wurde. Schreuer nimmt dieselbe
Entwicklung auf germanischem Gebiet
an 17 ). Im Zusammenhang hiermit kann
erwähnt werden, daß in Kleinrußland
ungetauft verstorbene Kinder unter der
S. begraben werden, und daß man bei
der Bestattung von Kindern alte Be¬
gräbnissitten besonders lange bewahrt
hat 18 ). Totgeborene Kinder werden eben¬
falls in Zentral- und Nordindien unter
der S. begraben 19 ). An dem römischen
Totenfest der Feralien legten alte Weiber
als Gabe für die Unterweits- oder Toten¬
göttin Tacita drei Weihrauchstückchen
unter die S. 20 ) m
b) Unter der S. wohnen Seelen und
ähnliche Geister 21 ). Wennman in Ober-
franken ein neues Haus betritt, soll man
nicht auf die S. treten, weil dies den armen
Seelen, die darunter sind, weh tut 22 ).
Ähnlich heißt es in Norwegen, man dürfe
1513
Schwelle
1514
die Füße nicht auf der S. trocknen, den
Grund hierfür wußte der Gewährsmann
nicht mehr sicher, aber es war wegen der
Toten 23 ). In Bayern, Voigtland, Böhmen
darf man auf der S. kein Holz spalten,
weil die Hausotter darunter liegt 24 ). In
Norwegen muß man vor dem Aus¬
schütten von heißem Wasser (Absud)
auf die S. sagen: ,,Ich nehme mich in
acht, nehmt ihr euch auch in acht“; oder:
,,Achtung! heißes Wasser“ 25 )! Um ein
Gespenst loszuwerden, läßt man beim
Abbruch eines Hauses die S. liegen, des¬
halb muß das Gespenst in den Trümmern
bleiben 26 ). Die S.n des abgebrochenen
Hauses mußten jahrelang auf dem Platz
bleiben, bis sie verfaulten 27 ). Die Unter¬
irdischen wohnen unter der Stalls. (Hinter¬
pommern) 28 ), neben oder unter der Haus¬
türs. (Schweden 29 ), Schottland) 30 ).
c) Krankheitsdämonen unter derS.
Ein Schmied ließ, wenn er Fieber hatte
einen Geistesbanner holen, der hob die
S. aus und bannte den Geist in einen
Weidenbaum 31 ). Der Schwellenvogel
oder Summer-Sunnen-Suntevogel. In
Westfalen heißen geheimnisvolle Wesen —
Kröten, Ottern, Schlangen und anderes
böses Gewürm —, das von Kindern 32 ),
z. T. von Erwachsenen (Schweinehirt) 33 )
mit hölzernen Hämmern geweckt und
vertrieben wird, S.nvogel und ebenfalls
Insektenlarven im S.nholz, die schon im
Hexenhammer als Urheber des abortus
habitualis bei Mensch und Tier an¬
gesehen wurden. 1766 versuchte man den
S.nvogel durch Niederlegung von Zauber¬
sachen zu verscheuchen 34 ) (Vgl. Maßnahme
gegen das Verwerfen beim Vieh III b).
d) Spuk auf der S. In Ratibor
erzählte man, daß noch im 19. Jh.
in der Dämmerung auf der S. eines
bestimmten Hauses eine Gestalt saß,
die die mit einem Bierkrug Vorbei¬
kommenden um einen Labetrunk an¬
sprach, wirklich trank, dankte und seinen
Namen angab 35 ). Will man Hexen er¬
kennen, muß man sich beim Verlassen
der Kirche hüten, daß sie einem nicht
auf der S. erwischen 36 ). Sitzt man auf
der S., wird man von Spuk heimgesucht 37 )
(Island).
15 ) Der Betreffende hat es sich gewünscht,
stehend unter der S. begraben zu werden, um
sein Hauswesen besser übersehen zu können.
lö ) Hermes und die Toten. 17 ) Das Recht
der Toten § 15. 18 ) Schräder Reall. s. v.
Friedhof § 1. 19 ) In Zentralafrika (auch
bei den Huzulen, ohne Begründung, Mittei¬
lungen der Anthropologischen Gesellschaft
Wien 1896, 150) vergräbt man die Nachgeburt
unter der S., um den Kindern eine Art Doppel¬
gänger oder Schutzgeist zu sichern. Frazer
Folklore in the old testament 3, 13; The golden
bough 5, 93. In Bonny {Kongo bei den Bram-
baras) wird der Tote unter der S. begraben.
Durch ein Rohr gießt der Neger jedesmal, wenn
er aus der Hütte heraus tritt, Blut zum Munde
des Toten hinunter. Tylor Primitive Cultur
2, 31. 20 ) Samter Geburt 142. 2l ) Von Indien
{Winternitz Hochzeitsritual 72) bis Deutsch¬
land hin (ZfVk. 2, 264; Meyer Germ. Myth.
73 f.). 22 ) w. 396 § 608; 471 § 750; 481 § 767.
**) Kristian Bugges Samlinger 3, 142.
24 ) W. 51 § 57 ; ZfVk. 4. 82f., 455 * ; Groh-
mann Aberglaube 78 Nr. 560. 25 ) Kristian
Bugges Samlinger 3, 156 Nr. 24. 28 ) Reiser
Allgäu 1,330; Alpenburg Tirol 208 Nr. 85.
27 ) Lütolf Sagen 161, 98. 28 ) Knoop Hinter¬
pommern 69. 29 ) Hylt6n-Cavallius 1, 268;
ZfVk. 8, 275 Anm. 4. 30 ) J. Jamiesen Scottish
Dictionary 2, 422. Z. B. Armenien: Samter Ge¬
burt 142. 31 ) Panzer Beitrag 2, 302. 32 ) Sar¬
tori Westfalen 143 f. Nach Meyer Baden
80 f. dreht es sich dabei um Vertreibung dä¬
monischen Ungeziefers. 33 ) Sartori Sitte und
Brauch 2, 147 Anm. 9. 3< ) Rochholz Glaube
2, 167; Höf ler Krankheitsdämonen AfRw. 2,98.
35 ) Kühnau Sagen i, 210. 38 ) Schramek
Böhmerwald 118. 37 ) Liebrecht Zur Volksk.
370; ZfVk. 8. 286.
III. Opfer auf und unter der S.
Während das Opfern auf der S. bei
anderen Völkern noch vielfach üblich
ist 38 ), gibt es auf deutschem Gebiet nur
wenige Nachrichten. Wahrscheinlich kann
man in manchen der vielen Zaubervor¬
schriften unter der S. Reste von ehe¬
maligem Kult (Totenkult ?) wiederfinden,
wie es Eitrem für den antiken S.zauber
vermutet 39 ). So scheinen Schutzmittel
unter der S. und Bauopfer im Volks¬
glauben vermischt worden zu sein *°).
Bei den unter c als Opfer angeführten
Maßnahmen bleibt es zweifelhaft, ob sie
als Opfer- oder Zauberhandlung auf¬
gefaßt wurden.
a) Bauopfer. Unter der S. eines
1625 erbauten Hauses fand man Geld
und einen Hund eingemauert. An
zwei andern Orten soll man unter
Schwelle
1516
1515
der S. Menschenschädel gefunden ha¬
ben 41 ). Außerdem werden Hühnereier 42 ),
lebende Hunde, Rinderschädel, Pferdefüße,
Hufeisen usw. unter der Schwelle ver¬
graben 43 ). In la Neuville (Normandie)
läßt man einige Tropfen des geschlach¬
teten Huhnes auf die S. des fertigen
Neubaues fließen 44 ). Die Südslaven
schlachten auf der S. eines Neubaues
irgendein Tier, sonst müßte noch vor
Ablauf eines Jahres ein Hausgenosse
sterben 45 ).
b) Bei Viehsterben und Seuchen.
In Kärnten begräbt man, wenn alle anderen
Mittel vergeblich waren, ein Stück des
kranken Viehes 46 ), einen lebendigen Hund
in der Oberpfalz 47 ), unter der S. Ebenso
vergrub man in Oberösterreich, wenn man
mit den Pferden dauernd Unglück hatte,
ein lebendiges Pferd samt Kummet unter
der Stalls. 48 ). Bei Viehsterben begräbt
man ein gefallenes Kalb unter der S., so
bleiben die anderen Tiere verschont 49 ).
Bei Schweinesterben braucht man nur
einem toten Schwein den Kopf abzu¬
schlagen und unter die S. zu vergraben 50 ).
Statt des lebenden oder toten Tieres
vergrub man in Kärnten auch eiserne
Tiere, besonders wenn sie sich vorher
schon an heiliger Stätte befunden hat¬
ten 51 ). Totgeborene Kälber vergrub man
in England unter die S. 52 ). Ähnlich
hängt man ein verworfenes Kalb als
Abwehr gegen Wiederholung des Unfalles,
an der Außenseite des Stalles auf 53 ).
Vgl. Aufenthalt von Krankheitsdämonen
unter der Schwelle, besonders des Schwel¬
lenvogels, der als Ursache des abortus
habitualis galt (o. II c). Vgl. den süd¬
slawischen Brauch: Wenn in einem Haus
mehrere Kinder sterben, so schlachtet
der Hausvorstand, während das jüngst
Gestorbene eingesegnet wird, ein Huhn
auf der S., vergräbt den Kopf unter
der S., den Leib legt er auf die S., damit
der Geistliche darüber hinwegschreite 54 ).
c) Um das Vieh vor Krankheit zu
bewahren. In Mecklenburg glaubt man,
man müsse einen eben geborenen, noch
blinden Hund unter der S. eingraben,
wenn man die Pferde das ganze Jahr
gesund erhalten wolle 65 ). Kopf, Herz
und Fuß eines kohlschwarzen Hahnes
in einem dicht verschlossenen Topf unter
der S. vergraben, schützt das Haus vor
Krankheit 56 ). Vergrabe eine schwarze
Katze oder einen Raben unter der Stalls.,
so soll deinem Vieh nie etwas zustoßen.
Das muß geschehen, bevor der Kuckuck
ruft 57 ).
d) Bei der Hochzeit. Während
in außereuropäischen Gebieten 58 ) und
z. T. in außerdeutschen Gegenden S.n-
opfer bei der Hochzeit Vorkommen,
ist dies für Deutschland unsicher. Viel¬
leicht ist eine Überlieferung als Rest
eines einstigen S.nopfers anzusehen: In
Thüringen wird der Ärmste des Dorfes
aufgefordert, sich an der Tür aufzu¬
stellen. Ihm gibt die Braut beim über¬
schreiten der S. Geld und Kuchen, um
alles Unglück von der Ehe femzuhalten 59 ).
e) Für Dämonen. In Schweden wirft
man bei einer von den Elben herrüh¬
renden Krankheit das Opfer auf der S.
über die linke Schulter 60 ). Die Süd¬
slawen schlachten das Opfer für die
Vilen auf der S. 61 ).
38 ) Z. B. in Ägypten und Syrien wird noch
jetzt auf der S. geopfert, wenn ein Gast in die
Hausgemeinschaft aufgenommen wird. Trum¬
bull Threshold 3 ff. 7. Ebenso in Zentralafrika
ebd. 8. 9. Blutopfer an die S. sind in Arabien
häufig Eitrem Opferritus 433. 39 ) Hermes und
die Toten 17. Das Opfer z. B. Geopon. 15, 8,
das Haus und Hof vor Zauber beschützen soll,
besteht aus Totensymbolen und Totenbeigaben.
Ebd. 66. Vgl. die schwarzen Tiere in den unter
Opfer c) angeführten Beispielen. 40 ) And ree -
Eysn Volkstümliches 100 f. 4l ) ZrwVk. 1912,
229. 42 ) Grafschaft Ruppin, Urquell 2, 110.
43 ) ZfVk. 16, 166. 44 ) ZfEthn. 1898, 23. Vgl.
Trumbull Threshold 45 fr. 45 ) Krauss Relig.
Brauch 160. 46 ) Andree-Eysn Volkstüm¬
liches m ; das war schon im Altertum gebräuch¬
lich Col.
Toten 17.
Das Jahr
7, 5, 17, Eitrem Hermes und die
47 ) W. 299 § 439. 48 ) Baumgarten
u. s. Tage 31 Anm. 1. Auch John
Westböhmen 214. Norddeutschland: Jahn
Opfergebräuche 17; Schweden: Grimm Myth.
3, 174. 49 ) Drechsler 2, 107; Urquell 1, 15.
158 Ditmarschen. 60 ) Pollinger Landshut 156.
“) Andree-Eysn Volkstümliches in ; Andree
Votive 54. 52 ) Frazer Folklore in the old testa-
ment 3, 14 f. 63 ) Andree-Eysn Volkstümliches
ui. 54 ) Krauss Relig. Brauch 154. 55 ) Maack
Lübeck 54 f. «) Tirol, ZfVk. 8, 170. 57 ) Nor¬
wegen, Kristian Bugges Samlinger 3, 141
Nr. 5, e. 68 ) Trumbull Threshold 25 ff. Die
Mordwinen rufen nach der Verlobung die Hilfe
1517
Schwelle
der Ahnen an und opfern Salz und Brot, das
auf die S. niedergelegt wird. Samt er Geburt
211. 59 ) W. 371 §563. 60 ) Hylten-Cavallius
2, Tilläg 13. S1 ) Krauss Rel. Brauch 156.
IV. Unter der S. durch. Die
Leichen von Missetätern und Selbst¬
mördern dürfen nicht über die S. ge¬
tragen, sondern müssen unter der S. aus
dem Haus gebracht werden (vgl. Fenster,
Tür). Neben der Angst vor dem Toten,
der so den Weg nicht zurückfinden
sollte 62 ), spielt wohl auch die Vor¬
stellung mit, daß die S. nicht verunreinigt
werden dürfe. Die Hinrichtung mit dem
Beil wurde bisweilen auf der S. des
Tatortes vollzogen, fiel der Rumpf in
das Haus, mußte er unter der S. durch¬
gezogen werden 63 ). In gleicher Weise
verfuhr man mit dem Selbstmörder, da¬
mit er nicht geistere 64 ). In mecklen¬
burgischen 65 ) Dörfern (auch im Braun¬
schweigischen) 66 ) hatte man früher an
den Haustüren bewegliche S.n, ähnlich
auch bei den Polaben im hannoveranischen
Wendland 67 ). Auf diese Art wurde ein
verhaßter Abt von den Appenzellem zu
Grabe gebracht. In den Predigten des
Berthold v. Regensburg wird diese Be¬
gräbnisart für Wucherer empfohlen, für
alle Ketzer vorgeschrieben 68 ). In der
Oberpfalz nimmt man die S. der Hinter¬
tür heraus, wenn der Selbstmörder hin¬
ausgetragen wird. Sie wird später wieder
eingesetzt und geweiht 69 ). Hat man den
Verdacht, daß die Leiche einem Doppel¬
sauger angehört, so verfährt man ebenso
mit der Hauss. Ist diese wieder in ihrer
alten Lage, kann er nicht mehr ins Haus
zurück 70 ). In einem Ort des Amtes
Mergentheim ließ man, um den in sein
Haus zurückkehrenden Toten den Weg
zu entfremden, einige S.n herausnehmen
und neue einsetzen 71 ). In denselben
Vorstellungskreis der verhinderten Rück¬
kehr gehört die Sage, ein Kapuziner
habe einen Geist durch ein Loch unter
der S. hinausgebannt 72 ). Im Gegensatz
dazu hieß es von dem Geist Pölterken,
daß er sich sogar unter der S. herwälzen
konnte 73 ).
6a ) Lütolf Sagen 398. 400 Nr. 386. * 3 ) Amira
Todesstrafen 124 Anm. 4. 131. ® 4 ) Sartori
Sitte und Brauch 1,143; Liebrecht Zur Volksh.
1518
373 (Schwaben). 414: Hylten-Cavallius 1,
473. 65 ) Bartsch Mecklenburg 2, 100. 66 ) An¬
dree Braunschweig 321. 67 ) Globus 77, 222.
68 ) Rochholz Glaube 2, 171. 69 ) Schönwerth
3, m. 70 ) Andree Braunschweig 321. 71 ) Höhn
Tod Nr. 7, 356. Ebenso in Rußland Trumbull
Threshold 24. 72 ) Rochholz Glaube 2, 171 f.;
Lütolf Sagen 341; Niderberger Unterwalden
2, 82. 73 ) Kuhn Westfalen 216 Nr. 244. Die
Hindu in Punjab ziehen u. a. ein Kind, das
angeblich seinen Eltern Unglück bringen solle,
unter der S. durch Frazer 11, 190.
V. Die S. als Grenze. In öster¬
reichischen Weistümern kommt öfter die
Bestimmung vor, daß der Verletzer des
Hausfriedens so viele Male zahlen muß,
als er über die S. gelaufen ist 74 ). Geister
können die S. nicht überschreiten;
das Seeweibchen kommt nie über die
S. 75 ). Der Geist Pölterken dagegen
konnte sich unter der S. durchwälzen 76 ).
Die Mutter legt den Wechselbalg auf die
S. und läßt ihn schreien, dann wird das
richtige Kind wieder zurückgebracht 77 ).
Der beschworene Schratt setzt sich auf
die S. 78 ). Beim Ausgang tritt man auf
die S. und spricht ein Gebet, das mit
den Worten: Hier tret ich auf die S. . ..
beginnt 79 ). Beim ersten Eintreten in
die Sennhütte hackt man ein Kreuz in
die S., legt eine Axt darauf und steigt
über die S. 80 ). In Setesdal kniete die
Sennin, wenn sie mit dem Vieh zur Senn¬
hütte kam, die ein Wicht bewohnte, auf
der S. nieder und bat um Erlaubnis, eine
bestimmte Zeit hierbleiben zu dürfen 81 ).
Wenn die Männer vom ersten Pflügen
nach Hause kamen, wurden sie von den
Frauen des Hauses mit Wasser über¬
gossen. Gelang es ihnen aber unbemerkt
über die S. zu kommen, so war das Recht
der Weiber verloren. Ebenso ging es den
Weibern, wenn sie zum erstenmal im
Garten umgruben 82 ). Den Kehricht
darf man nicht über die S. fegen, sonst
kehrt man das Glück hinaus 83 ). Junge
Kälber werden nicht über die S. getrie¬
ben, sondern getragen, als ob sie so im
Schutze des Hauses blieben 84 ). Die
erste Milch nach dem Kalben wird beson¬
ders zubereitet und dann in der Stube
gegessen; sie darf nicht über die S. ge¬
tragen und nur im Hause genossen wer¬
den 85 ). Das Überschreiten der S. be-
I 5 I 9
Schw eile
1521
Schwelle
1522
1^20
deutet bei den Lappen und Magyaren,
daß man sich unter den Schutz der Fa¬
milie und der Hausgeister stellt 86 ). Die
Hexe spuckt beim Verlassen ihres Hauses
auf die S. 87 ).
1) Übergangsriten und Riten bei
der Aufnahme in die Hausgemein¬
schaft. Es handelt sich hierbei um ver¬
schiedene Arten von Handlungen, die an
den wichtigsten Einschnitten des Lebens,
die Trennung vom alten Lebensabschnitt
und die Aufnahme in den neuen herstei¬
len und zugleich während des gefährdeten
Überganges Schutz vor bösen Einflüssen
gewähren 88 ).
a) Geburt und Taufe. Die Wöch¬
nerin darf (besonders vor dem 9. Tag)
nicht über die S. 89 ) (sie muß zu¬
erst 27 Wassersuppen essen ) 90 ), sonst
kommt etwas über sie. Muß sie vor der
Aussegnung ausgehen, so muß sie zuerst
den rechten Fuß über die S. setzen und
sich gut umsehen, ob eine verdächtige
Person in der Nähe ist, die ihr schaden
könnte 91 ). Tritt eine Wöchnerin über
die S., so muß sie den Atem anziehen 92 ).
Besonders deutlich zeigt der altrömische
Brauch, nach der Entbindung die S. mit
einem Beil und einer Mörserkeule zu
schlagen und dann mit einem Besen zu
fegen, daß man sich die S. bei der Geburt
von Dämonen bedrängt vorstellte 93 ).
Das ungetaufte Kind darf nicht über
die S. des Hauses kommen, damit ihm
die bösen Geister nicht schaden können,
damit es nicht ein Ausreißer wird, der
seine Eltern verachtet 94 ). Wird das un¬
getaufte Kind über die S. getragen, so
spuckt die Mutter aus (Norwegen 95 ),
Ungarn) 96 ). Auf daß der erste Ausgang
des Neugeborenen glücklich sei, legt man
ein Gebetbuch auf die S. und über¬
schreitet diese mit dem rechten Fuß 97 ).
In Ostpreußen und in Westfalen muß
der zur Kirche gehende Taufzug über eine
Axt und einen Besen auf der S. hinweg¬
schreiten 98 ). Das (erste) 99 ) Badewasser des
Neugeborenen darf man nicht unter
freiem Himmel ausschütten, sondern muß
es unter die S. gießen 100 ). Wenn in
Litauen der Täufling von der Kirche
zurückgebracht wurde, so hielt ihn der
Vater eine zeitlang über die S., um das
neue Familienmitglied unter den Schutz
der Hausgeister zu stellen 101 ).
b) Hochzeit. Unter die Aufnahmeriten
bei der Hochzeit scheint früher ein Opfer
an die S. gehört zu haben. Die schwedische
Braut auf der Insel Worms muß beim
Eintritt in das neue Wohnhaus auf jede
S. eine Kupfermünze legen. In der
frz. Schweiz wurde früher die S. des
Hauses des Bräutigams ganz mit öl
eingerieben. In Bulgarien bestreicht
die Braut alle S.n, die sie überschreitet
mit Honig. In Rumänien bestreicht sie
die S. mit etwas Butter und Honig, bei
den griechisch orthodoxen Bosniern küßt
die Braut die S. und opfert einige Kupfer¬
münzen, die dem gehören, der sie auf¬
hebt 102 ). In Thüringen gibt die Braut
dem Ärmsten des Dorfes, der sich neben
die Tür stellen muß, beim Überschreiten
der S. Geld und Kuchen 103 ). Die Braut
darf die S. nicht betreten, sie wird über
die S. gehoben im alten Rom 104 ), in
Schlesien 105 ), in der Alt mark 106 ), in
Brandenburg 107 ), in manchen Gegenden
von Lothringen 108 ), der frz. Schweiz 109 ),
in Frankreich, Wales, Lincolnshire, Schott¬
land no ), bei den Serben in Slavonien m ),
den Neugriechen U2 ), in Palästina, Ru߬
land, Indien, Java, Afrika 113 ). Die römi¬
sche Braut wurde beim ersten Betreten
des Hauses ihres Gatten mit Wasser und
Feuer empfangen 114 ). Das Brautpaar
muß beim Verlassen des Hauses, um in
die Kirche zu gehen, über einen auf die S.
gelegten Feuerbrand 115 ), ein Messer mit
drei Kreuzen 116 ), eine mit der Schneide
nach oben liegende Axt 117 ), einen Besen
hinwegschreiten 118 ), oder der Hochzeits¬
lader macht beim Verlassen des Hauses
mit dem Schwert drei Kreuze auf die
S. 119 ).
c) Beim Einziehen darf man nicht
auf die S. treten, weil man sonst kein
Jahr in der Wohnung bleibt lao ).
d) Aufnahme des Gesindes. An der
Niederwupper gab man dem neu ein-
tretenden Gesinde auch einen gepulver¬
ten Spließ aus der S. ein. Der Betreffende
war dagegen verpflichtet, den anderen
Personen ein Trinkgeld zu geben 121 ).
Abschnitzel von der S. gibt man der
neuen Magd ein, damit sie nicht fort
läuft 122 ). Wenn eine neue Magd zum
erstenmal in den Kuhstall tritt, muß sie
die S. mit dem rechten Fuß überschrei¬
ten 123 ). Der neue Knecht muß mit der
Mütze dreimal an die S. schlagen 124 ).
e) Aufnahme der neuen Tiere.
Früher ließ man ein neues Stück Vieh
mit dem rechten Fuß über einen auf die
Stalls, gelegten Besen oder Groschen
schreiten, den man den Armen gab 125 ).
Vor die S. legt man eine Axt (Beil, auch
Messer oder Schere 126 ), Hacke 127 )), einen
Besen, dann bleibt das neuerworbene
Tier vor Krankheit bewahrt 128 ). Vor
Unheil beschützt man es, wenn man eine
Mistgabel oder eine Brieftasche mit Geld
und Hacke, oder eine Hacke mit der
Schneide nach oben, ein Gebetbuch und
einen Rosenkranz 129 ), einen Dreifuß und
eine Schürze 130 ), ein Stück Brot 131 ), ein
Messer auf die S. legt und spricht „im
Namen“ usw. 132 ). Man führt das Vieh mit
gehaltenem Atem über das Beil unter der
S., es schreit dann nicht 133 ). Man nimmt
Mispel vom Birnbaum, schneidet dem
neuen Pferd vom Schopf und Schweif
etliche Haare und bindet alles in ein
Tüchlein. Wenn das Pferd im Stall steht,
bohrt man ein Loch in die S., steckt das
Zusammengebundene hinein und schließt
es mit einem Nagel aus Haselnuß zu.
Hierauf führt man das Pferd so weit, bis
es mit dem einen Fuß über die S. tritt,
zeichnet den Huf auf der Erde ab, schnei¬
det die Erde mit dem Messer aus, und
in das Loch streut man Salz und legt das
heraus Genommene wieder darauf 134 ).
Wenn man einen neuen Hund bekommt,
muß man Hundehaare in der S. ver-
pflocken 135 ). Um die Schweine bald an
den Stall zu gewöhnen, braucht man nur
bei ihrem ersten Auslassen einige Borsten
aus dem Rücken zu raufen, dieselben
unter die S. des Stalles zu legen und dabei
zu sagen: „Schwein komm wieder in deine
StelT, als wie der Advokat in dieHöll“ 136 ).
f) Beim Eintreiben des Viehes
im Herbst. Man legt ein scharfes
Beil auf die S. 137 ) oder hackt drei
Kreuze in die S. 138 ).
2. Verlassen der Hausgemein¬
schaft.
a) Tod. Der Sarg soll beim Hinaus¬
tragen dreimal auf die S. (auf alle
S.n des Hauses) 139 ) niedergesetzt
werden 140 ). Ais Grund wird angegeben,
daß der Tote in diesem Hause kein Recht
mehr habe 141 ); damit der Tote die S.
nicht mehr überschreite 142 ); damit der
Segen des Verstorbenen im Hause blei¬
be 143 ). In Abtsgemünd wird der Sarg
nur noch bei der Beerdigung eines Kindes
dreimal auf die S. gestellt. Hier tut man
es, damit das tote Kind nicht eines aus
der Familie nachhole 144 ). Vgl.: Ein im
1. Lebensjahr verstorbenes Kind kehrt
unter der S. um, d. h. es holt sich im
Laufe des Jahres noch ein Familien¬
glied nach 145 ). Ein Vampir erhält
etwas Erde von der S. in den Sarg, da¬
mit er nicht ins Haus zurückkehren
kann 146 ). Anderwärts aber darf der Sarg
die S. nicht berühren, damit der Tote
nicht am Geistersitz haften bleibe 147 ),
nicht niedergesetzt werden, weil sonst
alle im Hause sterben müßten 148 ).
Der Sarg wird in solchen Gebieten beim
Heraustragen an derS. dreimal gesenkt 149 ),
oder man zeichnet durch Hin- und Her¬
schwenken des Sarges drei Kreuze über
die S., damit der Tote nicht wieder¬
kehrt 15 °). Denselben Sinn wie die er¬
wähnten drei Kreuze haben die Axt oder
das Schloß, das beim Hinaustragen des
Sarges auf der S. liegen muß (Ostpr.) 151 ).
Der Leichenbitter darf die S. nicht über¬
schreiten, sonst wird der Tod ins Haus
gebracht 152 ). Wenn der Sarg über die
Haustür hinaus ist, werden die Stühle
im Sterbezimmer umgekippt, Gestelle
oder die Bänke, auf denen der Sarg ge¬
standen ist, umgestürzt oder zerbrochen,
das Leichenbrett umgewendet 153 ). Ist die
Leiche zur Tür hinaus, schüttet man an der
oberen Donau ein Schaff Wasser auf die S.,
damit der Tote nicht wiederkehrt 154 ).
b) Beim Verkauf des Viehes.
Als die verkaufte Kuh aus dem Stall
geholt werden sollte, bat die Frau um
etwas Geduld, sie suchte, während sie
ein Messer schon in der Hand hatte,
ein Beil. Der Käufer erriet die Absicht
Schwelle
1524
1523
und wollte abwehren. Die Frau aber
sagte: Still, still, still, anders geiht dat
Glück nich öwem süll! Messer und Beil
legte sie kreuzweise über die S. und ließ
die Kuh hinübergehen 155 ).
c) Beim ersten Austrieb des Viehs.
Beim ersten Austrieb legt man ein Beil vor
die S. gegen Hexerei 156 ); ein Beil mit der
Schneide nach oben, damit es auf der
Weide keinen Schaden erleide 157 ), damit
die Kälber keine schlimmen Beine be¬
kommen 158 ); damit das Vieh allem Schar¬
fem aus dem Wege gehe 159 ). Gutes Ge¬
deihen bringt es dem Vieh, wenn es das
Beil nicht berührt, Mißgedeihen, wenn
es dran stößt 160 ). Einige Leute legen
beim Austrieb ein frisches Ei (so auch
die Esten) 161 ), ein Beil (oder eine Schüs¬
sel) 162 ) samt einem Beil unter die Stalls,
und bedecken es mit einem Stück Rasen,
das schützt gegen Behexung 163 ); oder
ein Beil und eine blaue Schürze 164 );
einen roten Strumpf 165 ); einen Besen 166 );
ein rotes Tuch u. einen Kreuzdornstock 167 ).
Wenn man auf die Stalls., über die das
Vieh zur Weide geht, mit einer geweihten
Kreide ein Kreuz macht, bleibt das Vieh
vom Blähen verschont 168 ). Man legt ein
Kreuz aus geweihten Palmen vor oder
hinter die S. (Baden) oder kreuzweis
gelegte Palmzweige (Steiermark), damit
die Tiere beim ersten Austrieb darüber¬
schreiten müssen 169 ). Man legt ein Band
quer vor den Eingang des Gottesackers,
so daß eine Leiche darüber hinweg
getragen wird; dann legt man das Band
quer vor die S. des Stalles, daß die Kühe
beim ersten Austrieb darüberschreiten
müssen. Die Kühe grasen dann ruhig und
laufen nicht davon 170 ). In Norwegen
muß die Sennerin, wenn sie zum ersten¬
mal zur Sennhütte kommt, etwas Erde
vor oder hinter der S. mit Salz zusammen
den Tieren geben 171 ). Nach dem Kalben,
wenn die Kuh das erstemal den Stall ver¬
läßt, wird sie an der S. über eine Axt ge¬
führt, sonst bleibt sie nicht gesund 172 ).
Wenn man das Kalb von der Kuh nimmt,
muß man eine Schürze über die S. werfen,
dann bekommt sie kein Heimweh 173 ).
74 ) Rochholz Glaube 2, 157. 75 ) Kuhn
Westfalen 1, 74 Nr. 2. 76 ) Ebd. 1, 216 Nr. 244.
77 ) Lüers Sitte und Brauch 22. 78 ) Gräber
Kärnten 35. 79 ) Wolf Beiträge 1, 258; Urquell
1, 186. 80 ) Kristian Bugges Samlinger 3,
140, ade. 81 ) Joh. Ska.T Gamalt or Saetesdal 8.
82 ) Kuhn Westfalen 2, 153 Nr. 428. 83 ) John
Westböhmen 251; W. 397 § 610; Schlesw. Holst.:
ZfVk. 20, 383 Nr. 33. In Bulgarien sollen Mäd¬
chen die S. nicht kehren, sonst bekommen sie
große Brüste, was als unschön gilt ZfVk. 11,
264. Vgl. Kehren der S. als Abwehr bei den
Römern Liebrecht Gervasius 99. 100 und
u. V. 1, a. 84 ) Saterland ZfVk. 3, 390; Stracker-
jan 1, 446 Nr. 244. 85 ) Schulenburg Wend.
Volkstum 115. 86 ) Trumbull Threshold 12.
87 ) Gräber Kärnten 39. 88 ) Gennep Rites de
Passage c. 1. 89 ) Höhn Geburt Nr. 4, 265; ebenso
bei den Parsis Samter Geburt 139. 90 ) Drechs¬
ler 1, 204. 91 ) Hartmann Dachau und Bruck
202 Nr. 37. 92 ) Drechsler 1, 205. 93 ) Samter
Geburt 29 ff. 94 ) John Erzgebirge 52; Andree
Braunschweig 288. 95 ) Reichborn-Kj enn e-
rud Trolldomsmedisin 2, 89. 9fi ) Samter Geburt
139 - 97 ) Iglauer Sprachinsel ZfVk. 6, 254. 98 )
W. 387 § 591. ") Kristian Bugges Samlinger
3, 149 Nr. 18. 10 °) Norwegen, Reichborn-
Kjennerud Trolldomsmedisin 2, 94. 101 ) Trum¬
bull Threshold 19. 102 ) Samter Geburt 140. In
Palästina kommt das junge Mädchen mit einem
Gefäß Wasser auf dem Kopf. Indem sie die
S. ihres zukünftigen Mannes überschreitet,
läßt er das Gefäß herabfallen. Tr um bull
Threshold 26—29 faßt diese Zeremonie als Li-
bation auf, Gennep Rites de passage 191 als
rite d'agregation. 103 ) W. 371 § 563. J04 ) Sam-
terGeburt 136. 105 ) Drechsler 1, 264. 106 )Tem-
me Altmark 73. 107 ) Weinhold Frauen 1, 380.
108 ) Reinsberg Hochzeitsbuch 251. 109 ) Ebd.
106. no ) Frazer Folklore in the old testament
з, 9. ni ) Reinsberg Hochzeitsbuch 84. 112 )
Samter Geburt 136. 113 ) Frazer Folklore in
the old testament 3, 6 f. Bei den Mordwinen
und in China. Samter Geburt 136. Dieses He¬
ben über die S. wurde von verschiedenen For¬
schern, Rossbach, Leopold v. Schroeder
и. a., als Rest des alten Frauenraubes aufgefaßt,
eine Hypothese, die wohl nicht haltbar ist.
Zachariae (Zeitschr. f. d. Kunde des Morgen¬
landes 18, 140) meint, das Nichtberühren der
S. sei nur sekundär, in der Hauptsache komme
es auf das Heben an. Samter erklärt das
Nichtberühren und die vorerwähnten Opfer
durch die Voraussetzung, daß die S. der Auf¬
enthalt der Seelen sei. Geburt 140 in Überein¬
stimmung mit Winternitz Altindisches Hoch¬
zeitsritual 79 und Frazer Folklore of the old
testament 3, 11. Gennep faßt das Heben über
die S. als rite de passage 186. 114 ) Samter
Familienfeste 14. 115 ) W. 371 § 563. 116 ) Brun¬
ner Ostdeutsche Volksk. 172. 117 ) Ostpr. Hess.
Ebd. 118 ) W. 371 § 563. 119 ) Brunner Ost¬
deutsche Volksk. 173. l2 °) Drechsler 2, 2 f.
m ) ZfrwVk. 4, 294; Wrede Rhein. Volksk.
200. 123 ) Fogel Pennsylvania 153 Nr. 721.
123 ) W. 404 § 623. 124 ) Ebd. 125 ) Meyer Baden
399. 126 ) Strackerjan 1,433 t.; Grohmann
1525
Schwelle
1526
Aberglaube 137 Nr. 996. 127 ) Köhler Vogtland
427. 128 ) ZfVk. 1, 187. 129 ) John Westböhmen
208. 13 °) Wolf Beiträge 1, 219. 131 ) Schlesien
ZfVk. 11, 352. 132 ) ZfVk. 10, 208. 139 ) Wolf
Beiträge 219. 134 ) Haltrich Siebenbürgen 279.
135 ) F 0 gel Pennsylvania 145 Nr. 676. 136 ) Köh¬
ler Vogtland 428 = W. 437 § 687. 43 ') Strak-
kerjan 1, 433. 138 ) Bartsch Mecklenburg 2,
141. I39 ) Oberpfalz, Niederbayern, an der Glon,
am Inn, zwischen Inn und Salzach; Lammert
106; Höhn Tod Nr. 7, 337; Schulenburg
in. 14 °) Grimm Myth. 3, 464 Nr. 846; Drechs¬
ler 1, 301; Pollinger Landshut 299; Schön¬
werth 1, 250; John Westböhmen 263; Wenden
Oberlausitz ZfVk. 10, 120; Jüterbock-Lucken-
walde ZfVk. 9, 444 ; Iglau ZfVk. 6, 409. 141 )
SchwVk. 8, 38. 142 ) Schönwerth 1, 250t.;
Rochholz Glaube 1, 197; Köhler Vogtland
253; Drechsler 1, 301; Franzisci Kärnten
81; John Westböhmen 174; Lammert 106.
143 ) Grohmann Aberglaube 189 Nr. 1342.
144 ) Höhn Tod Nr. 7, 338. 145 ) Köhler Vogt¬
land 441. 146 ) Seefried - Gulgowski 191.
147 ) Lüers Sitte und Brauch 95 f. 148 ) W. 464
§ 736. 149 ) Schramek Böhmerwald 228. 15 °)
Drechsler 1, 302; ZfVk. 8, 447. i«) W. 464
§ 736. 152 ) ZfrwVk. 1, 54; ZfVk. 3, 151. 1 33 ) Sey-
farth Sachsen 26. 154 ) Samter Geburt 87.
m ) Strackerjan 1, 434. '$*) ZfVk. 15, 143.
157 ) Bartsch Mecklenburg 2, 141. i* 8 ) Strak-
kerjan 1, 433. i* 9 ) ZrwVk. 3, 231. 1«°) ZfVk.
24, 61. 161 ) Meyer Aberglaube 224. 162 ) W.
77 § 89. 163 ) Mannhardt Germ. Myth. 11 =
Temme Altmark 7. 164 ) Grimm Myth. 3, 460
Nr. 752. 165 ) Ebd. 3, 468 Nr. 927. ™ 8 ) Stracker¬
jan 1, 437 Nr. 235. i« 7 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 142. 168 ) Reiser Allgäu 2, 438. 169 )
Meyer Baden 137. 1™) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 147. 171 ) Kristian Bugges Samlinger
3 * *45 Nr. 11, b. 172 ) Andree Braunschweig
401. 173 ) Fogel Pennsylvania 171 Nr. 815.
VI. S. als Ort zauberischer Hand¬
lungen.
a) Sicherung des Segens: Über¬
reste von Hingerichteten unter der S.
vergraben verschaffen beständigen Haus¬
segen 174 ). Legt man einen Maul¬
wurf unter die S., so wird das Vieh
hübsch 173 ). Wer Glück haben will,
legt einen Pfennig unter die S. 176 ). Ein
mit einem Loch versehenes, gefundenes
Stück Geld auf die S. genagelt, bringt
Glück 177 ). Um viele Käufer zu haben:
,,Jezt tret ich über die S.en und nehme
Gott zum Mitgesellen, daß die Leute
kommen von nah und fern wie zur Zeit
da St. Johannis taufte im Namen des
Herrn“ usw. 178 ). An der. S. von Hand¬
lungen, Wirtshäusern schlägt man Mün¬
zen oder ein Hufeisen 179 ) an, die bringen
Schefas (reichliche Losung) 18 °) (S. auch
unter Schutz und Abwehr).
b) Eidzauber. Nach dem Titel 58 der
Lex Salica geht der Wergeidschuldner in
sein Haus, nimmt aus den vier Ecken
eine Handvoll Erde, stellt sich auf die
S. und wirft, nach dem Innern des Hauses
schauend, die Erde mit der linken Hand
rückwärts über die Schulter auf den
nächsten Verwandten. Nach Gold¬
mann 181 ) handelt es sich bei dem Chrene-
crudawurf um einen Eidzauberakt, wie
er aus einem andern niederdeutschen
Recht, dem friesischen, bekannt ist. Die
friesische Witwe, die ihren Ehesitz ver¬
lassen soll, mußte auf der S. ihren Kin¬
dern, falls diese es verlangten, einen
Vieheid, d. h. einen in der Verfluchung
ihres Vermögens gipfelnden Eid leisten,
daß der ihr gemachte Vorwurf einer
Verheimlichung von Gut beim Verlassen
des Ehesitzes ungerechtfertigt sei 182 ).
c) Geisterbannen. Ein Priester, der
einen Bilwis bannen will, muß unter der
Tür mit einem Fuß vor, mit dem anderen
hinter der S. stehen 183 ).
d) Schadenzauber. Schon im Alter¬
tum meinte man durch Vergraben ver¬
schiedener Dinge unter der S. dem
Feinde Schaden zuzufügen 184 ). Nägel
vom Kopfbrett eines Leichen sarges,
unter die S. gelegt, bringen dem
Hausherrn die Abzehrung 185 ). Fin¬
det man einen verrosteten Sargnagel auf
dem Friedhof und schlägt ihn in die S.
seines Feindes, wird dieser abgezehrt,
so wie der Nagel plattgetreten wird 186 ).
Man vergräbt das Haar eines Menschen
vor der S.; sobald er darüberschreitet,
muß er sterben 187 ). Eine 1521 wegen
Zauberei verbrannte Bäuerin gestand,
sie habe unterm Galgen Totengebein
aufgelesen, es mit Menschenhaar ge¬
bürstet und gebunden und unter der S.
vergraben. Dadurch sei eine Frau un¬
fruchtbar, ein Mann impotent und sechs
Hengste störrisch geworden 188 ). Hexen
legen oder vergraben unter die S. Toten¬
gebein, Haar und Nägel von Toten, das
bewirkt unabwendbares Verderben 189 ).
Die Milch wird durch Galgenholz unter
der S. vertan 190 ). In Polen kann man
1527
Schwelle
1528
durch Vergraben einer jüdischen Leiche
unter der S. des Schafstalles den Tod
der Herde bewirken 191 ). Um gewisse
Krankheiten über die Herde des Feindes
zu bringen, vergräbt man am ersten
Donnerstag nach Neumond um Mitter¬
nacht ein Stück einer christlichen Lei¬
che lö2 ) (Vgl. Sicherung des Segens
durch Überreste eines Hingerichteten
Via). Knochen von einem gefallenen
Tier unter der Stalls, bringen Unglück,
oder auch Haare, besonders Menschen¬
haare, in einem recht verworrenen Knaul
verscharrt 193 ). Legt man ein Stück
Luder unter die Stalls., so ist kein Pferd
aus demselben zu bringen 194 ). Vergräbt
man eine tote Katze 195 ) oder gefallenes
Vieh 196 ) unter der S., bringt man Unglück
über den Betreffenden (vgl. Vergraben
von toten Tieren zur Abwendung von
Seuchen III b). Das Vieh wird von Hexen
durch Vergraben 197 ), Bestreichen 198 ) von
Hexenpulver oder von Bitweisem durch
Vergraben von Teufelswerk 199 ) vertan.
Der Leibarzt Kaiser Maximilians II.
widmet den unter der S. verborgenen
Gegenständen ein ganzes Kapitel seines
Buches von ,,Heylung zauberischer Schä¬
den“ 200 ). Ein Knecht sah, wie eine Frau
ein Päckchen unter die Stalls, vergrub;
er nahm es heraus und vergrub es unter
die S. der Frau, der nun ein Stück Vieh
nach dem andern starb 201 ). Als das Vieh
behext war, ließ der Geistliche unter der
S. nachgraben; man fand drei weiße
Schachteln, die man auf offenem Acker
vergrub, und das Vieh wurde gesund 202 ).
Einem Bauer, der mit den Hühnern Un¬
glück hatte, riet ein kluger Mann, das,
was er unter der S. vergraben fand, zu
kochen; sie fanden ein großes Stück
Fleisch und eine sehr große Kröte 203 ).
Viele stehen in dem Wahn, daß sie
durch . . . Vergrabung einer Kröte oder
Eidechse unter der S. ganz verkommen
müßten 204 ). Als man die S. zu einem
neuen Hause legte, kam eine alte Frau
und sah der Arbeit zu. Man wurde ein
wenig ängstlich, aber die S. wurde doch
gelegt. Indessen starb die Tochter des
Eigentümers noch im selben Jahr, da
wurde die S. wieder herausgenommen 205 ).
Die Hostie wird zu Zauberzwecken unter
der S. vergraben 206 ). Wetzt man ein
Messer auf der S., wo eine Schwangere
wohnt, so geht das Kind zurück und ärzt¬
liche Hilfe ist nötig 207 ). Ein Knoten
unter die S. eines neuen Hauses ver¬
graben, bewirkt, daß die Frau des Hauses
kränklich wird (1727 Schweden in Finn¬
land) 208 ). Eine Hexe wollte zur Kirche
und befahl dem Mädchen beim Weg¬
gehen, etwas Milch von der besten Kuh
in ein Loch der S. zu gießen. Das Mäd¬
chen wollte, daß die Hexe entdeckt
werde, und goß kochendes Wasser in
die S. Da schrie die verbrannte Hexe
aus Leibeskräften in der Kirche 209 ).
Prügelzauber. Wenn man seine Jacke
auf die S. legt und recht peitscht, treffen
die Schläge den, den man im Sinn hat 210 )
(S. auch Gegenzauber).
e) Liebeszauber. In der Antike: Nach
Sophron wurden die Zaubermittel unter
den Türangelzapfen auf die S. des Ge¬
liebten hingeschmiert, nach Theokrit auf
die Oberfläche der S. und ähnlich bei
Ovid 211 ). Eine Frau kann einen Mann
seiner Frau abwendig machen und an
sich fesseln, wenn sie eine Kröte unter
seine S. vergräbt, sobald er darüber¬
schreitet, ist er gefesselt 212 ). In Ungarn
stiehlt das Mädchen etwas von dem un¬
willigen Geliebten und bringt es einer
Hexe, die das Gestohlene mit anderen
Dingen in einem Topf mit einem Zauber¬
spruch unter der S. des betreffenden
vergräbt 213 ). Will man häufigen Besuch
des Geliebten, so reißt man ihm heimlich
ein Haar aus und steckt es unter die eigene
Türs. 214 ). Leidenschaftliche Sehnsucht
kann hervorgerufen oder geheilt werden,
wenn man kreuzweise drei Beinchen
von einem toten Menschen, dazu Haare
und Eierschalen unter die S. legt 215 ).
Um die Liebe eines Schmiedes zu ge¬
winnen, wurden ein Knoten und andere
Dinge unter seiner S. vergraben 216 ).
f) Gegenzauber, aa) Ausgraben und
Vergraben. Das erste, das man tun muß,
hält man sein Vieh für verhext, ist u. a.,
daß man die S. untergräbt. Findet man
Kohlen, Haare, Pflanzenwerk, Lappen
etc., so ist es Zauberwerk und muß ver¬
1529
Schwelle
153°
brannt werden 217 ). Um zu wissen, ob
das Vieh behext ist, steckt man ein Messer
in die Stalls.; auf die Klinge legt man
Osterbrot. Fehlt es im ganzen Stall, so
fällt das Brot herunter, und die Klinge
bricht; fehlt es nur bei einigen Stücken
Vieh, so dreht sich nur das Brot um 218 ).
Der Gießner Stadtphysikus Dr. E. Gocke-
lius erzählt von sich, daß er samt seinen
Hausgenossen und Haustieren ohne er¬
kennbare Ursache erkrankt sei und
,,nicht eher einig Remedium erfunden
worden, biß ongefähr die Magd unter der
Türs. ein Töpfchen und in demselben
ein mit Lappen und Faden umwickeltes
Ei angetroffen; sobald diese Dinge weg¬
genommen worden, habe das Malum auf¬
gehört “ 219 ). Unter der S. fand man ein
Pferdeskelett 220 ) (Knochen, Norwe¬
gen) 221 ), man vergrub es wieder und
schlug darüber einen Eggezinken in die
S., seither gediehen die Pferde 222 ). Ein
Bauer, der mit den Hülmern Unglück
hatte, grub auf klugen Rat ein großes
Stück Fleisch und eine große Kröte unter
der S. hervor und warf die Dinge in einen
bereitgehaltenen Kessel mit Wasser überm
Feuer. Gleich kam die Nachbarsfrau
und wollte etwas leihen. Dadurch er¬
kannte man die Hexe und jagte sie aus
dem Haus 223 ). Ein Bauer kochte auf
guten Rat hin ein Stück Knäul. Sobald |
er ins Kochen komme, würde der Mensch
erscheinen, der das Vieh behext habe. Er
machte nicht auf und vergrub das Knäul
unter der Stalls. 224 ) und das half. Gegen
Bezauberung des Viehs vergrabe man
Teufelsdreck und reine Asche zwischen
zwei reinen Topfdecken unter die S. des
Pferdestalles 225 ). In Pommern schneidet
man schweigend einem Tier ein Stück
Haut aus und begräbt es unter der S. 226 ).
In Kärnten gräbt der Zauberer nachts
von 10 Uhr angefangen unter der S. des
Stalles, wo die Krankheit ist, bis er die
Figur eines eisernen Rindes findet, die
einst zur Abw r ehr hier begraben wurde.
Dann nimmt er einige Haare des ver¬
zauberten Tieres und verkeilt sie unter
Gemurmel in einen lebenden Baum 227 ).
Wenn eine Kuh die Milch verliert, macht
der Schwarzkünstler ein Kreuz aus Lär¬
chenholz und legt es unter die Hoftors.,,
vergräbt um Mitternacht einen lebendigen
Igel unter die Stalls., zerreibt eine leben¬
dige Fledermaus in Schweinefett und
beschmiert alle S.n, über die das Vieh
gehen muß 228 ).
bb) Verpflocken, schlagen usw.
Wenn eine Kuh die Milch verliert:
Etliche Tropfen Milch ausmelken,
nimm einen Erbbohrer und bohre ein
Loch in die S., steck einen Pfropfen
hinein und schlage darauf, beim dritten
Male ist die Hexe tot 229 ). In einem an¬
deren Fall muß außer der Milch noch
etwas ,,in der Stadt“ Gekauftes ver-
pflockt werden 230 ). Wenn die Kuh ver¬
hext ist, verbohrt man drei geweihte
Palmenkätzchen in der S. 231 ). Wenn
eine Kuh rote Milch gibt, so habe drei
Schalen unter der Stalls, und tropfe
drei Tropfen Milch hinein in den drei
höchsten Namen und lege dann jedes
wieder an seinen Platz 232 ). Wenn die
Milch nach dem Melken gerinnt, gießt
man sie auf drei S.n und schlägt sie mit
dem Besen, bis sie trocken sind (Ost¬
preußen) 233 ). Eine sehr verwickelte Vor¬
schrift, um die Milch zu entzaubern, wobei
ein Seihtuch über drei S.n geschleift
werden muß, ist aus Dänemark berich¬
tet 234 ). Um Hexen, die Schaden ge¬
stiftet hatten, zu verbannen, erhielt
eine Frau vom Scharfrichter eine Hand¬
voll Kräuter, die sie kochen mußte. Der
Sud mußte kreuzweise über die S. ge¬
gossen und der Spruch gesagt werden:
Ich gieße das Kreuz böser Leute meinem
Nutzen 235 ). Wenn eine Henne kräht,
also Unglück verkündet, so muß man
sie nehmen, mit ihr die Länge der Stube,,
von der der Stubentür entgegengesetzten
Wand an messen, indem man sie immer
kopfüber umdreht; kommt bei der letzten
Umdrehung der Kopf der Henne nach
der S., so schlägt man ihr den Kopf ab,,
kommt das Schwanzende dahin, so schlägt
man ihr diesen ab 236 ).
g) Diebszauber. Man schlägt drei
Roßnägelstempel in drei Teufelsnamen
in die S. des Einfahrttores, wodurch
der Dieb gezwungen wird, das Gestoh¬
lene zurückzubringen 237 ). Schreib auf
Schwelle
1532
1531
zwei (drei) 238 ) Zettel folgende Worte,
dann leg' das eine über die Tür und das
andre unter die S. (das dritte an den Ort,
wo er's gestohlen), so bringt er am dritten
Tag das Gestohlene 239 ) (wenn er’s nicht
verkauft hat); dann folgt die Formel.
• •
Ähnlich heißt es in Island: Leg das
Diebeszeichen unter die S. deines Fein¬
des und er wird, wenn er darüber geht,
zusammenfahren, falls er an dir einen
Diebstahl begangen hat 24 °).
h) Heilzauber. Ein krankes Kind legt
man auf die S. 241 ), geht dreimal gegen
die Sonne ums Haus und sagt einen
Spruch 242 ). Am Donnerstag Abend
knien Patient und Besprecher auf der
S. nieder, da kann die Besprechung
gegen das Knarrband oder Knirrband
(Verrenkung der Hand) vor sich gehen 243 ).
Weit verbreitet ist diese Art des Heil¬
zaubers in Norwegen, der öfters dreimal
auf drei S.n ausgeführt werden muß 244 ).
Auch bei den Schweden Finnlands wird
der „Knarren“ so geheilt, daß die Hand
auf der S. liegt, drei Strohhalme darüber
gelegt und unter einer Frage- und Ant¬
wortformel auf beiden Seiten abgehackt
werden 245 ). Auch den Schlag in der Hand
oder im Fuß heilt man auf der S. 246 ).
Das Feuer für ein Zauberbad muß auf
der S. gesägt werden 247 ). Die S. ist eine
geeignete Stelle, wo die Krankheiten
unter bestimmten Sprüchen eingepflockt
wurden 248 ). Um das Vieh gesund zu
machen, verpfiockt der Wunderdoktor
ein Pulver in drei Löcher der S. 249 ). Um
den Müttern die Milch zu vertreiben,
fegen abergläubische Weiber von drei
S.n Kutter zusammen und bestreuen
damit die Brust in den drei hohen Na¬
men 250 ). Um die Kinder fürs ganze
Leben vor Zahnschmerzen zu bewahren,
stößt ein Pate bei der Taufe dreimal an
die Kirchens. 251 ). Damit die Kinder
leicht zahnen, legt man sie auf die Stuben-
s. und schlägt ihnen mit der flachen Hand
dreimal auf den Hintern 252 ). Ein Rezept
gegen Zahnweh enthält u. a. die Vor¬
schrift, neun Tage keine S. zu berüh¬
ren 253 ). Fast allgemein verbreitet ist der
Glaube, man könne Warzen vertreiben,
indem man sie mit verschiedenen Dingen,
am besten mit einem Stück Rindfleisch,
einreibt und den Gegenstand unter der
S. vergräbt 254 ), wenn man einen Woll-
faden darum bindet und diesen unter der
S. vergräbt (Norwegen) 255 ). Um Hühner¬
augen zu beseitigen, nimmt man einen
Strohhalm, macht so viele Knoten als
man Hühneraugen hat und legt diesen
unter die S. Derjenige, der zuerst über
die S. geht, erbt das Übel; der andere
verliert es 256 ). Die Wöchnerin, die sich
versehen hat, soll sieben aufeinander¬
folgende Freitage auf der S. mit dem
Gesicht dem Haus zugekehrt sitzen, so
wird das Kind sein Gebrechen los 257 ).
In Nordland (Norwegen) kehrte eine
Frau, die an einem Ausschlage (gust)
leidet, den Staub von beiden Seiten der
S. und warf den Staub auf die kranke
Stelle 258 ). Gegen Schmerzen in den
Lenden soll eine Frau, die zwei Söhne
auf einmal geboren hat, dreimal die S.
mit dem Fuße stampfen und dazu ge¬
wissen Unsinn sagen (um 1400) 259 ). In
Schweden erbittet man von der Seejung¬
frau Wasser gegen Bezauberung und
gegen Skrofeln, das man in einem Bohr¬
loch eines Dielenbrettes in der Nähe der
S. auf bewahrt 26 °). Ein durch den bösen
Blick erkranktes Kind wird auf der S.
gewaschen 261 ). In der Herzegowina
pflegen schwangere Frauen unter der S.
durchzuschlüpfen, um leichter zu ge¬
bären 262 ).
i) Abwehrzauber (s. u. Abwehr
und Schutz).
k) Verschiedene Zauberhand¬
lungen: 1) bei verschiedenen An¬
lässen. Damit die Schweine (das
Vieh) 263 ) abends wieder nach Hause
kommen, legt man ein Stück Wasch¬
tuch, einen Knieriemen (ne Schört) 264 )
auf die S. 265 ). Bauernfrauen heften,
wenn eine Kuh des nachts auf dem Feld
geblieben ist, eine Sichel in die S., damit
das Tier vor den Wölfen sicher sei 266 ). Um
eine baldige Kündigung zu verhüten, legt
man einen Lenkhahl auf die S. 267 ). Wenn
die Weiber aus der Kirche heimgehen,
nachdem sie in die Kirche eingeführt
wurden, pflegen sie auf ein an die S. ge¬
legtes Eisenstück zu treten, damit sie
1533
Schwelle
1534
so stark wie Eisen würden 268 ). Auf
die S., die man mit dem Täufling über¬
schreitet, legt man eine Bibel oder ein
Gesangbuch, dann wird das Kind
fromm 269 ). Wenn ein junger Mann
gern einen Bart bekommen möchte, so
soll er, gleich nachdem ein junges Mäd¬
chen durch die Tür gegangen ist, sich
stillschweigend niederlegen und die S.
mit dem Munde scheuern 270 ). Nimm
einen Eichenspan oder Holz und schreibe
mit Hasenblut den Namen einer Frau
auf die S., daß sie darüber gehen muß,
und wenn sie darübergeht, so hebt sie
das Gewand auf bis zum Nabel 271 ). Wenn
man auf die Jagd geht, stößt man mit
dem Flintenlauf dreimal unter die S.
spuckt dreimal hin, mischt mit dem
Staub einen Brei und bestreicht damit
die Flinte, so trifft sie 272 ). Deine Kühe
kannst du dir in folgender Weise nutzbar
machen. Bei Neumond kaufe ein Ei,
stoße es auf dem einen Ende durch und
klopfe das Innere heraus. In die Schale
melke deine Kühe, verklebe sie und ver¬
grabe sie unter die S., wo das Vieh heraus¬
geht 273 ). Die Toten kann man am Wieder¬
kehren verhindern, wenn man Leinsamen
auf die S. streut 274 ) (Skandinavien). Bei
Uneinigkeit in der Ehe opfert der Mann
eine Henne, deren Kopf er am Samstag
bei Neumond in der Dunkelheit ums Haus
herum trägt, wenn seine Frau im Hause
ist. Dann vergräbt er den Kopf unter
der S. und sagt: „Bisher waltete dein
Wille, von nun an soll der meinige gel¬
ten“. Mit dem Herzen und Schnabel muß
er andere Zauber verrichten; dann wird
ihm seine Frau nicht mehr widerspre¬
chen 275 ). 2) An bestimmten Zeiten:
Fastnachtdonnerstag vor Sonnenauf¬
gang legt man eine Schürze auf die S.,
drei Brocken Brot mit Dreikönigswasser
getränkt, dann jagt man die Hühner
darüber, dann verlegen sie nicht 276 ).
Hochzeit. Die Braut, die nach der
Herrschaft im Haus strebt, läßt nach
der Trauung ihren Gürtel und Trauring
in die Türs. legen, daß der Bräutigam
darüber schreitet 277 ). Der Bräutigam
führt die Braut aus dem Haus und läßt
sie an der S. dreimal unter seinem Arm
durchgehen, damit in der Ehe alles nach
seinem Willen geht 278 ).
1 ) Zauber mitBestandteilen der S.
1. Räuchern. Ist das Vieh vertan, nimmt
man Holz von neun S.n und räuchert das
Vieh damit 279 ). Ebenso räuchert man ein
verschrienes Kind mit Holz und allen
S.n und der untersten Treppenstufe 280 ).
In Estland haut man ein Stück aus der
S. und verbrennt es, wenn ein Mensch
mit dem bösen Blick darübergegangen
ist 281 ). 2. Eingeben. Nach dem Kalben
gibt man der Kuh etwas von dem Holz
sämtlicher S.n des Hauses im Futter
ein 282 ) (Vgl. II c, III b). Der neuen
Magd wird etwas von der S. eingegeben 283 ),
c. o. V 1 d.
174 ) W. 137 § 188. 175 ) Drechsler 2, 100.
176 ) J ohn Erzgebirge 251. 177 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 312 Nr. 1517. 178 ) Ebd. 2, 351. 17# ) W.
130 § 176. 180 ) Galizische Juden Urquell 4,
75. 181 ) Chrenecruda Studien zum Titel 58 der
Lex Salica, Deutschrechtliche Beiträge 13,
H. 1, 107fl. 182 ) Ebd. in. Weitere Belege
im germanischen Recht von Eiden, die an der
S. abzulegen waren (ohne zauberischen Inhalt)
ebd. 113 Anm. 4. 183 ) Schönwerth 3, 124.
184 ) Plinius hist, nat . 25, 9; Horaz Sat. 1, 8;
Epod. 5 und 17. Vgl. eine südslawische Be¬
schwörung, die so beginnt: Die Beschreiung
sitzt auf der S. . . . Krauß Relig. Brauch
44fl. 185 ) Voitsberg, Hovorka-Kronfeld 2,
42
186
) Schönwerth 3, 200 Nr. 3.
187
) W.
269 § 395 - 188 ) Rochholz Glaube 2, 167t.
189 ) Gräber Kärnten 221. 19 °) Schönbach
Berthold v. R. 132. 1#1 ) Urquell 3, 51. m ) Ebd.
53. 193 ) Drechsler 2, 107. Vgl. ähnliche Vor¬
stellungen in einem französischen Indiculus
Superstitionum Mitte des 17. Jh.s ZfVk. 14,
414. m ) Köhler Vogtland 412. 1#5 ) W. 127
§ 173 = Grohmann Aberglaube 55 Nr.
358. 1M ) Schulenburg Wend. Volkstum 115.
187 ) Meyer Aberglaube 250. 198 ) Alpenburg
Tirol 264. 19# ) Kuhn Mark. Sagen 375. 20 °) Kie¬
sewetter Faust 254. 801 ) Müllenhoff Sagen
565 Nr. 574. 202 ) Heyl Tirol 188 Nr. 88. 203 )
Strackerjan 1, 438. 204 ) Seyfarth Sachsen
61 = Fischer Buch vom Aberglauben (1791)
1, 136. Vergräbt man unter die Stalls, eine
Kröte und sagt drei derbe Flüche dazu, so
sollen alle Tiere, die dar überschreiten, drauf¬
gehen. Grohmann Aberglaube 132 Nr. 964.
205 ) Strackerjan 1, 344, d. 2 ® 6 ) Meiche
Sagen 494 Nr. 642. 207 ) Schönwerth 3, 280.
208 ) Budkavlen 1927, 81 Nr. 26. 203 ) O. T. Ol¬
sen Norske Folkeeventyr og Sagn 112. 21ü )
Schönwerth 3, 201; Kuhn Westfalen 2,
192 Nr. 543. 2U ) Theokrit 2, 59ff.; Ovid
Fast. 2, 571—528; HessBl. 25, 226 f. 212 ) Bö.
W. 365 § 550. 213 ) Trumbull Threshold 19t.
1535
Schwelle
Vgl. Vergil Ecl. 8, 91 ff. 214 ) W. 367 § 553 =
Grohmann Aberglaube 209 Nr. 1456; ähnlich
Hovorka-Kronfeld 2, 179 bei den Magy¬
aren. 216 ) Grohmann Aberglaube 209 Nr. 1451.
216 ) Schweden in Finnland, Budkavlen 1927,
81 Nr. 29. 217 ) Frischbier Hexenspr. 17L
218 ) Leoprechting Lechrain 28. 219 ) Von
Beschreyn und Verzaubern Frankfurt 1717,
8 = Kiesewetter Faust 253t. 22 °) Kühnau
Sagen 3, 43. 221 ) Kristian Bugges Samlinger
3, 140 Nr. 5c, 5d. 222 ) Kühnau Sagen 3, 43.
223 ) Strackerjan 1, 438. 224 ) ZfVk. 11, 338.
225 ) Drechsler 2, 114. 226 ) Seligmann
Blick 1, 282. 227 ) Ebd. 1, 284. 228 ) Grohmann
Aberglaube 133 Nr. 971. 229 ) Urquell 1, 187.
23 °) Bartsch Mecklenburg 1, 117. 118. 231 ) Leo¬
prechting Lechrain 28. z32 ) Zahler Simmen -
thal 94. 233 ) W. 448 § 706. »*) Paul Heur-
green Husdjuren i Nor dis k Folktro 39. 235 )
Sommer Sagen 60 Nr. 52. 236 ) Westpr. W.
287 § 422. 237 ) Meyer Baden 567. 238 ) Wein¬
hold Festschrift 116b. 239 ) Knoop Hinter -
pommern 170 Nr. 137. 24 °) ZfVk. 13, 279;
SAVk. 2, 266. 241 ) Vintlers Blume der Tugend
(1411) V. 193; Rochholz Glaube 2, 166; Thü¬
ringen W. 360 § 542. 242 ) ZfVk. 11, 275.
243 ) Hovorka-Kronfeld 2, 272 = Frisch¬
bier Hexenspr. 69; Kuhn u. Schwartz 443
Nr. 3 3 7 * 244 ) Nils Lid Joleband og Vegetas -
jonsguddom 261 f.; Reichborn-Kj ennerud
Troldomsmedisin 2,154. 245 ) Finnlands svenska
Folkdiktning 7, 5. 24 ®) ZfVk. 1, 174; vgl.
Grimm Myth. 2, 975. 247 ) Grimm Myth. 1,
505. 248 ) Andree Braunschweig 385. 249 ) Heyl
Tirol 672 Nr. 147. 25 °) Birlinger Schwaben
U 394 - 251 ) W. 367 § 595 Thüringen. 252 ) Ur¬
quell 1, 134. 253 ) Oberösterr. ZfVk. 8, 228.
254 ) W. 331 § 492. 25S ) Folkevennen 1862,
462 Nr. 354. 258 ) Grabinski Sagen 42. 257 )
Haltrich Siebenbürgen 288. 258 ) Kristian
Bugge Samlinger 3, 139. 259 ) Zachariae
Aberglauben in den Predigten Bernardinos
von Siena (1380—1444) ZfVk. 22, 126. 26 °) ZfVk.
11, 329 = Eva Wigström Folktro og Sägner
J 35 Nr. 440. 261 ) Litauen, Trumbull Thre-
shold 19.
262
) ZfVk. 20, 376.
263 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 143. 264 Ebd. 265 ) W. 473
§ 687. 266 ) Hertel Abergläubische Gebräuche
aus dem Mittelalter ZfVk. 11, 274. 267 ) Sar-
tori Sitte und Brauch 2, 42 — ZfrwV. 6,
260. 268 ) ZföVk. 4, 217. 269 ) ZfVk. 1, 184.
2, °) Bartsch Mecklenburg 2, 315 Nr. 1556.
271 ) SAVk. 7, 52. 272 ) W. 453 § 715. 273 ) Groh¬
mann Aberglaube 137 Nr. 993. 274 ) Reich¬
born-Kj ennerud Trolldomsmedisin 1, 6.
275 ) Krauß Relig. Brauch 355. 276 ) Schön¬
werth 1, 349 Nr. 7, 277 ) Chemnitzer
Rockenphilosophie = Grimm Myth. 3, 447
Nr. 391 278 ) Krauß Sitte und Brauch 398.
279 ) Bartsch Mecklenburg 2, 149 Nr. 673.
28 °) Ebd. 2, 52 Nr. 129. 281 ) Seligmann Blick
2, 242. 282 ) Kuhn Westfalen 2, 62 Nr. 191;
Sartori Sitte und Brauch 2, 137 = Wolf
Beiträge 1, 219; W. 443 § 697. 283 ) Wrede
Rhein. Volksk. 200.
VII. Abwehr und Schutz.
a) Abwehrzauber. Gegen Zauberei
schneidet man Sonntags vor Sonnenauf¬
gang einen Haselstecken, nimmt Kehricht
von vier Ecken des Hauses und des Stalles
in einen Sack und schlägt ihn auf der
Türs. 284 ) zusammen. S. o. unter III c.
b) Einfache dauernde Schutzmit¬
tel. Ein gefundenes Hufeisen auf die
S. genagelt bewahrt das Vieh vor Krank¬
heit 285 ), verhindert den Teufel, die S.
zu überschreiten 286 ), schützt vor Be¬
hexung 287 ), mit der offenen Seite nach
innen vor allem Zauber und bewirkt
Glück und Gewinn 288 ). Gegen Zauberei
schützt das Vieh auch Eisen- und Stahl¬
geräte auf der S. 289 ). Um das Vieh vor
Krankheit zu bewahren, legt man eine
Wassertracht quer vor die Türs., aber
innerhalb des Stalles 29 °). Schlägt man
drei Hufnägel in Dreieckform auf die S.„
so kann die Hexe nicht in die Stube m ).
Gegen die Drud schützt ein mit einem
Bockshaar umwickelter Keil vom Elsen¬
baum, den man in die Stalls, schlägt 292 ).
c) Dauernde Schutzmittel unter
der S. und in der S. verpflockt.
Schutzmittel vergrub man schon in der
Antike unter die S. 293 ). Man vergräbt
eine lebende Eidechse 294 ), Hufeisen 295 ),
Stahl und Eisen 296 ), Stachelbeerstau¬
den 297 ), Johanniskräuter 298 ), neunerlei
Holz 299 ), eine Kröte 300 ), etwas Meister¬
wurz, ein Stücklein geweihtes Harz und
ein bißchen Bast 301 ), Glasröhren mit
Wachs und Klostersiegel verschlossen, in
denen etwas Geweihtes 302 ) (Schutzbriefe
oder Segen) 303 ), Salz und ein Bene-
diktuspfennig 304 ) liegen 305 ), die Abbil¬
dung eines päpstlichen Conceptionszettels.
in Blech verlötet 306 ), einen Zauberzet¬
tel 307 ) (s. o. unter III a). Weit ver¬
breitet ist der Glaube, daß man mit dem
Magen eines schwarzen Huhnes zusammen
mit einem Stück eines Hemdes mit
Menstrualblut einer Jungfrau und einem
Gründonnerstagei unter der S. vergraben,
das Haus vor Feuer bewahren kann 308 ).
Gegen Verhexung bohrt der Wunderdoktor
oder Kapuziner ein Loch in die S., steckt
etwas Geweihtes hinein und pflockt es im
Namen der Dreieinigkeit zu 309 ). Gegen
1537
Schwelle
den Schrättling wird ein Loch in der S.
mit Malefizwachs gefüllt und verschlos¬
sen 310 ). In die Stalls, muß man drei
Löcher bohren, Kreuzkümmel darein
tun, dann kann keine Hexe hinein 311 ).
Gegen böse Leute, daß sie dem Vieh
nicht zukönnen: Nimm Wermuth, schwar¬
zen Kümmel, Fünf fingerkrau t und Teufels¬
dreck, von jedem Stück für 2 Kreuzer,
nimm Saubohnenstroh, die Zusammen-
kehrung hinter der Stalltür zusammen¬
gefaßt und ein wenig Salz, alles in ein
Bündelein in ein Loch getan in die S.n,
wo das Vieh ein- und ausgeht, mit Elzen-
bäumen-Holz zugeschlagen hilft gewiß 312 ).
Osternägel aus Weihrauch und Wachs
legt man in Belgien unter die S. eines
neugebauten Hauses zum Schutz gegen
Zauberei 313 ).
d) Schutz bei bestimmten An¬
lässen. 1. Hexen, Alp, wilden Mann,
Gespenst. Man verjagt Hexen, in¬
dem man mit einer Kuhkette auf die
S. schlägt 314 ). Um sich zu schützen,
legt man zwei kreuzweise gestellte
Nadeln unter die S. oder in eine
Ritze, daß die Nadeln nach oben weisen,
oder andere spitze Gegenstände, oder legt
zwei Strohhalme kreuzförmig 315 ) (auch
gegen den wilden Mann) 316 ) oder Axt
und Besen auf die S. 317 ). Vor dem Aus¬
gang einer nicht für gut gehaltenen
Person legt man einen Stock an die
innere Seite der Türs. und geht darüber
hinweg, um sich vor dem Behexen zu j
schützen 318 ). Auf die S. des Stalles j
legt man Rasen, damit die Hexe durch j
das Zählen der Gräser auf gehalten wird 319 ). j
Ähnlich schützt man sich durch das Hin¬
legen von Besenruten vor dem Alb, der
sie zählen und, wenn er beim letzten
Schlag Mitternacht nicht fertig ist, um¬
kehren muß 320 ). Man schützt sich gegen
den Alp, wenn man einen Mistelzweig
auf die S. legt 321 ). Ein Geistlicher gab
einer Bäurin Maserun und Oberraut gegen
den wilden Mann unter die S. zu legen 322 ).
Gegen ein vermeintliches Gespenst ver¬
grub man das Vaterunser und den Glauben
kreuzweise unter der S. 323 ). 2. Bei Vieh¬
sterben s. o. III c. 3. Schutzma߬
nahmen an Festzeiten: Am 22. Fe-
Bäcbiold-Stäubli, Aberglaube VII
bruar schlägt jeder Nachbar dem anderen
vor Sonnenaufgang mit einer Axt auf die
S., um ihn dadurch gegen den S.nvogel zu
sichern 324 ) (s. II c). Vgl. damit den
rauch der Hausfrauen, am Karsamstag
mit einem Scheit Holz auf die S. zu
klopfen und zu sagen: „Alles naus —
Ratt’ und Maus“ 325 ). Am Georgitag
wird die S. besonders gut gefegt und der
Kehricht verbrannt oder in fließendes
Wasser geworfen 326 ). In Siebenbürgen
wird am Georgitag in die Stalls. Salz,
Knoblauch und Sauerteig gelegt und mit
einem Dorn verstopft. Es darf aber nie¬
mand Zusehen, sonst schadet es 327 ). Am
Palmsonntag schreiten in Oberfranken
alle Familienmitglieder über auf die S.
gelegte Palmen 328 ). Zu Ostern vergräbt
man ein geweihtes Ei unter der S. 329 ).
Am Karsamstag vergräbt man Kohlen
vom Osterfeuer unter der S., damit die
Kühe keine rote Milch geben 330 ). Am
Ostertag, nachdem das Weihwasser für
das neue Kirchenjahr frisch gesegnet war,
wurde die S. von dem Sigrist mit der
sog. Ostertauf besprengt 331 ). In der
Walpurgisnacht legt man Besen und
Rasenstücke vor die S. 332 ). An Jo¬
hannis legt man über die S. jedes Vieh¬
stalles ein frisch ausgestochenes Rasen¬
stück, zwei Besen kreuzweise, oder Birken¬
oder Eichenzweige 333 ), Kohlen vom Jo¬
hannisfeuer unter die S. 334 ). 4. Bei
bösem Wetter. Unwetter glaubt man
dadurch zu stillen, daß man mit der
Axt in die S. haut 335 ). Schlägt man mit
dem Strick eines Gehängten die S. drei¬
mal, so schlägt kein Blitz ein 336 ). Die
Rumänen in der Bukowina legen bei
Hagel eine Backschaufel und Krücke
kreuzweise vor die S. 337 ).
284 ) Rochholz Glaube 2, 166. 285 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 313. 145. 286 ) Strackerjan
1, 300 Nr. 190. 287 ) W. 286 § 420. 288 ) In
Schlesien sehr lebendiger Glaube Drechsler
2, 235. 289 ) Liebrecht Gervasius 100; ZfrwVk.
3, 204. 29 °) Bartsch Mecklenburg 2, 144 Nr.
645. 289. Vgl. Plinius nat. hist. 34, 151: Man
schlägt einen Grabnagel in die S., um sich gegen
nächtlichen Spuk zu schützen. 291 ) Wedtlenstedt:
ZfVk. 24, 416. 292 ) Schönwerth 1, 311
Nr. 6 . 293 ) S. Ogle Housesdoor in greek
and roman religion and folklore. Amer.
Journ. of Philol. 1911. So machen es
49
1539
Schwelle
1540
auch die Hexen bei Sophron HessBl. 25, 225.
Fließendes Harz und Salz über den Huf
des rechten Vorderfußes eines Esels, den
man unter die S. legt, schützt das Haus gegen
Übel. Eitrem Opferritus 328; Geopon. 15,
8. Die alten Assyrer vergruben Schutzmittel
unter der S. Trumbull Threshold 14. 294 )
Gegen Hexen Müllenhoff Sagen 212. 295 )
Strackerjan 1, 434. 296 ) W. 282 § 414.
29?) Frjj. 286 § 420. 298 ) W. 99 § 124;
SAVk. 2, 272 Nr. 186. 2 ") W. 286 § 420.
300 } SAVk. 7, 141 Nr. 126. 301 ) 1590: Lütolf
Sagen 177 i. 302 ) Manz Sargans m; die S. der
Stalltür wurde ausgegraben, eine neue ein¬
gesetzt und etwas Geweihtes darunter gelegt.
Heyl Tirol 315 Nr. 134. 303 ) Jesus von nazaret
ein König der Juden, dieser siger Tittel bewahr
mein Haus alles was drinnen ist mit Christus
Jesus, drei Kreuze ZrwVk. 1, 151. 304 ) Schön¬
werth 1, 311 Nr. 2; Meyer Baden 396. 305 )
Andree-Eysn Volkskundliches ioof. Diese
vergrabenen Gegenstände werden ,,Hausschatz''
genannt, dabei scheint Schutzmittel und Bau¬
opfer mitunter vermischt zu sein. 306 ) Roch-
holz Glaube 2, 168. 307 ) Ganzlin Sächsische
Zauberformeln 20 Nr. 37. 308 ) Wolf Beiträge 1,
236; Leoprechting Lechrain 22; Schramek
Böhmerwald 276; SAVk. 15, 90; Geistlicher
Schild 149; Zigeuner ZföVk. 6, 113. 309 ) Süd¬
deutschland W. 286 § 420— Seligmann Blick
2, 334 - 31 °) Manz Sargans 106. 311 ) Knoop Hin¬
terpommern 168 Nr. 129. 312 ) Romanusbüchlein
8 = SAVk. 2, 272 Nr. 186, wo Kerig-Kehricht,
mißverstanden ist. 313 ) de Cock u. Teirlinck
Sagenboek 1, 60 f. 314 ) Meyer Baden 396.
31S ) ZrwVk 1914, 290. 316 ) Heyl Tirol 351 Nr.
20. Die Wadschagga schützen eine offene Hütte
durch ein über die S. gelegtes Bananenblatt.
Sie glauben, daß jede in böser Absicht kommen¬
de Personen, die über die S. schreitet, krank
werde oder sterbe. SAVk 25, 3. 317 ) Kuhn und
Schwartz 447 Nr. 375. 318 ) Strackerjan
1, 434 Nr. 235. 319 ) Drechsler 2, 100. 320 ) Ebd.
2, I77. 324 ) W. 285 § 419. 3 22) SAVk. 23,
i ?5 323) SAVk. 18, 115 = Jeremias Gott¬
helf Bauernspiegel. 324 ) Rochholz Glaube
2, 166 f. = Praetorius Blockesberg ii5ff.
325 ) John Westböhmen 64. 326 ) Baumgarten
Aus der Heimat 23. In Nordwestkamerun
nimmt der Häuptling alljährlich eine Reini¬
gungszeremonie vor: durch Ausgießen von
Wasser auf der S. seines Gehöftes entsühnt
er das Gemeinwesen. Korr.blatt d. Ges. f.
Anthrop. Ethn. Urgesch. 41, 82. 327 ) Haltrich
Siebenbürgen 279. 328 ) oben 6, 1369. 329 ) Leo¬
prechting Lechrain 175; schützt die Bewohner
vor Unkeuschheit Hoffmann-Krayer 144.
33 °) Zingerle Tirol Nr. 737. 331 ) Rochholz
Glaube 2, 168. In der Osterwoche legen die
Wodjaken gegen die umgehenden Hexen eine
Axt auf die S. Urquell 4, 160. 332 ) W. 76
§ 89. 333 ) Drechsler 1, 139. 334 ) Böhmen,
Lippert Christentum 650. Am Abend vor
Pfingsten muß man in Ungarn die S. mit Salz
und Knoblauch einreiben, damit die ,,Bösen“
vor:
den ,,Segen Gottes“, der in dieser Nacht vom
Himmel fällt, nicht vom Haus nehmen. ZfVk.
4, 401. Die Permier stellen beim Totenmahl,
wenn die Gäste kommen, brennende Wachs¬
lichter zu beiden Seiten der S. auf. Globus 71,
372 = ZfVk. 17,380. 335 ) Tettau-Temme
284; W. 303 § 444. 336 ) W. 137 § 189. 337 )
ZföVk. 2, 251.
VIII. Orakel. Um den Ausgang eines
Beginnens zu erfahren, stellt man Nu߬
schalen mit Salz auf die S. Bleibt das
Salz trocken, so hat man Glück 338 ).
Man gießt in dem Augenblick, in dem
die gekaufte Kuh die S. überschreitet,
eine Kanne Wasser aufs Dach. Begießt
das herabfließende Wasser das Rind, wird
es gut gedeihen und eine Kuh viel Milch
geben 339 ). In Ungarn versammeln sich
die Mädchen am Silvesterabend, und jede
legt eine Speckgriebe auf die S. Deren
Griebe die Katze zuerst frißt, die heiratet
vor allen anderen 340 ).
338 ) W. 406 § 628. 339 ) Drechsler 2, 103.
34 °) ZfVk. 4. 317.
IX. Vorzeichen.
a) Gute: Beim Hinausgehen bei einem
wichtigen Gang muß man mit dem linken
Fuß zuerst über die S. Sonst heißt es meist
mit dem rechten 341 ). Tritt man beim Aus¬
gang mit dem rechten Fuß auf die S., hat
man Glück 342 ). Nach der Taufe wird, be¬
vor die Paten eintreten, bei einem Knaben
eine Axt und Rodehacke, bei einem
Mädchen eine Kriebtasche und ein Besen
auf die S. gelegt werden, darüber müssen
alle hinwegschreiten, das bringt Glück 343 ).
Stolpert man, wenn man in ein Haus
geht, so bedeutet das, daß man will¬
kommen ist 344 ).
b) Schlechte Vorzeichen. Schon im
alten Rom galt das Anstoßen an oder gar
Stolpern über die S.als böses Vorzeichen 345 ).
Mit dem Fuß an die S. stoßen bedeutet
Unglück 346 ). Stolpert man beim Aus¬
gehen über die S., soll man wieder um¬
kehren 347 ). Beim Eintreten hat das
Stolpern eine so üble Bedeutung, daß ein
Mädchen, dem es noch dazu Sonntags
begegnete, ganz unwohl wurde und das
Haus sofort wieder verließ und es seit¬
dem um keinen Preis wieder betreten
haben würde, weil sie dort ein Übel er¬
wartete 348 ). Ebenso glaubt man in Nor¬
wegen, daß Stolpern über die S. Unglück
1541
Schwelle
1542
bedeute. Stolpert ein Gast über die S.
und geht dennoch ins Haus, wird ihm
hier ein Unglück begegnen 349 ). Über¬
schreiten der S. mit dem linken Fuß läßt
es einem verkehrt gehen 350 ). Es kommt
alles darauf an, wie einer über die S.
tritt, gerade so, wie wenn der erste Nagel,
der in die S. eines neuen Hauses ge¬
schlagen wird, raucht, man damit rechnen
kann, daß das Haus verbrennen werde 351 ).
Tritt der Freier bei der Werbung mit dem
linken Fuß über die S., so bedeutet es
Unglück, mag er die Braut bekommen
oder nicht 352 ). Es ist nicht gut, wenn man
mit ausgestreckten Armen in der Türs.
(vgl. Tür) steht 353 ). Ebenso in Nor¬
wegen; es ist nicht gut, jemanden auf der
S. zu umarmen, mit den Händen den
Türstock zu berühren oder auf der S. zu
stehen 354 ). Eine Kröte auf der S. be¬
deutet Unglück (s. auch VI. d, e) 355 ).
c) Verschiedenes. Findet man einen
Strohhalm auf der S., gibt es bald Be¬
such 356 ).
344 ) W. 406 § 628; Grohmann Aberglaube
221 Nr. 1521. 342 ) Grimm Myth. 3, 445 Nr.
349. 343 ) Schulenburg 109. Es handelt sich
hier wohl um eine Umdeutung von Bräuchen,
die unter V, 1, a besprochen wurden. 344 ) Kri-
stian Bugges Samlinger 3, 139. 345 ) Samter
Geburt 138; St oll Zauber glaube 141. 348 ) Wolf
Beiträge 1, 217 Nr. 182; ZfVk. 25, 26. 347 )
Agrippa 1, 244; Grimm Myth. 3, 467 Nr.
895; 2, 935; De decem pra?ceptis von Thomas
Ebendorfer ZfVk. 12, 9; Haltrich Sieben¬
bürgen 316. 348 ) Stoll Zauberglauben 141.
349 ) Nordland, Kristian Bugges Samlinger
3, 139. 35 °) John Erzgebirge 34. 351 ) SAVk. 21,
181. 352 ) Höhn 6. 353 ) Panzer Beitrag
2, 295. 354 ) Kristian Bugges Samlinger 3,
139 - 355 ) Schweizld. 3, 877. Sollte ein Hund
die Hauss. benässen, so gäbe es ein gewaltiges
Unglück. Bulgarisch: Urquell 3, 296. 356 )
Kuhn Westfalen 2, 60 Nr. 180.
X. Die S. darf nicht berührt
werden. Weit verbreitet ist der Glaube,
daß das Treten und Stoßen der S. ein
böses Vorzeichen sei 357 ); entweder immer,
oder an bestimmten Zeiten (s. o. IX b).
Völlig durchgeführt ist die Vorstellung,
die S. dürfe nicht berührt werden, jedoch
nirgends. Obwohl im alten Rom das
Anstoßen an die S. als üble Vorbedeutung
galt, war es doch gut, wenn der Hausvater
im Vorübergehen an die S. trat 358 ). Die
Braut darf in vielen Gegenden die S.
nicht berühren (s. o. V 1 b). Der Sarg
darf in vielen Gebieten die S. nicht be¬
rühren (s. V 2 a). Man darf nie auf die
S. treten (ohne Angabe des Grundes) 359 ),
weil man früher eine lebende Katze unter
der S. zu begraben pflegte. Besonders
Frauen dürfen es nicht tun, sie würden
von der Katze gekratzt werden 360 ). Man
darf sich nicht an der S. ab trocknen,
Begründung nicht klar, wegen der Toten.
Die S. war auch immer sorgfältig blank
gescheuert, aber das Verbot wurde sicher
nicht nur aus Reinlichkeitsgründen ge¬
geben 361 ). Gründonnerstag oder Kar¬
freitag darf man beim Darübergehen die S.
nicht schwer drücken, man bekommt auch
viel Schmerzen davon 362 ). Nach einer
norwegischen Erzählung gerieten zwei
Frauen in ein Huldrehaus. Der Mann bot
ihnen Essen an, aber sie wollten nur
wieder hinaus. Die Frau bat für sie und
sagte, sie müßten über die S. springen.
Die eine tat dies, die andere berührte
beim Springen die S. und hinkte ihr
Leben lang 363 ). — Der Kranz, durch
den man vom künftigen Gatten träumen
kann, darf über keine S. gebracht worden
sein 364 ), ebensowenig wie die Eichen¬
kränze, die in der Johannisnacht zum
Schutz gegen die Hexen vor die Fenster
gehängt werden 365 ).
357 ) Das Betreten bes. der Tempels, war bei
den alten Juden, den modernen Syrern, mittel¬
alterlichen Chinesen verboten. Bei den Tartaren
wurde das Betreten der S. des prinzlichen Zeltes
mit dem Tode bestraft. Frazer Folklore in
the old testament 3, 1 fi. Bei den Mongolen gibt
es eine Redensart: Tritt nicht auf die S., es
ist Sünde. Ebd. 3, 4. In Bagdad, Persien, bei
den weniger civiiisierten Fidschiinsulanern, in
Afrika, bei den Eingeborenen Indiens, den Kal¬
mücken genießt die S. großen Respekt. 358 )
Eitrem Hermes und die Toten 14. Die mo¬
hammedanische Braut muß an alle S. stoßen.
359 ) Aalesund, Nord- und Söndfjord Kristian
Bugges Samlinger 3, 139. 360 ) Ebd. 3, 140, 5, b.
291 ) Ebd. 3, 142. 3 ® 2 ) Ebd. 3, 143, 9 - 383 ) Hä-
löygminne 1932» 4 2 3 * 364 ) Engelien und
Lahn 235 Nr. 28. 365 ) Kühnau Sagen 3, 39.
XI. Verschiedene Verbote und Ge¬
bote. Wer etwas sagen will und es ver¬
gessen hat, schreitet über die S. hinaus
und wieder herein, so fällt es ihm ein 368 ).
In den zwölf Tagen vor Weihnachten
darf man nicht kauend über die S.
49 *
1543 Schwendtage 1544
treten, sonst wird das Vieh im Sommer
von Maden gequält 367 ). Die abgeschnit¬
tenen Nägel müssen unter der S. ver¬
wahrt werden 368 ). Wenn ein Kind nicht
sterben kann, muß die Hebamme auf
der Hauss. kniend ein Vaterunser beten
(Ostpr.) 369 ). Wenn jemand unversehens
eintritt, wo gebuttert wird, muß er über
die S. hinein springen, damit er die Butter
nicht wegnehme 37 °). Einschlagen des
Blitzes kann man verschulden und ver¬
anlassen, wenn man während eines Ge¬
witters auf der S. steht 371 ). Geht eine
Schwangere über eine S., von der gerade
jemand mit einer Axt etwas abgehackt
hat, so bekommt das Kind eine Hasen¬
scharte 372 ).
368 ) Grimm Myth. 3, 476 Nr. noi;Rochholz
Glaube 2, 170. 387 ) Haltrich Siebenbürgen
269 Nr. 1. 368 ) ZfVk. 20, 386. 369 ) W. 458 § 724.
37 °) Seligmann Blick 1, 235; Kristensen
Folkeminder 6, 291, 377; ZfVk. 11, 322. 371 ) W.
304 § 447 = Grohmann Aberglaube 38 Nr.
223. 224. 373 ) Kristian Bugges Samlinger 3,
149 Nr. 18.
XII. S. personifiziert. Die S. kann
reden und tritt als Beschirmerin der
Hausehre auf, indem sie die Fehltritte
der Braut verrät 373 ). In der antiken
Liebespoesie wird die Liebesklage an die
S. gerichtet 374 ).
373 ) Dänische Märchen in: Märchen der Welt¬
literatur (Jena 1915) 1, 104 Nr. 20. 374 ) Rader-
m ach er Beiträge 65. Weiser-Aall.
Schwendtage. Damit bezeichnet man
in Tirol 4 ), Österreich 2 ), Bayern 3 ), im
Egerland 4 ) und auch in Siebenbürgen 5 )
bestimmte Unglückstage (s. d.), die
durchaus nicht mit den sonst namhaft
gemachten Unglückstagen des Kalenders
übereinstimmen, die in den gleichen
Gegenden ebenfalls bekannt sind. Es
ist daher irrig, die Schw. als eine bloße,
in Oberbayern und Tirol übliche Bezeich¬
nung der unglücklichen Tage hinzu¬
stellen 6 ). Die Schw. haben, ähnlich wie
die kritischen Tage (s. d.), eine be¬
sondere Beziehung zur Volksheilkunde.
Darauf verweist schon der Name, da
das faktitive oder kausative Zeitwort
„schwenden“ hier vornehmlich in dem
Sinne zu verstehen ist, daß es das
Schwinden des Körpers in gesund¬
heitlicher Beziehung bewirkt. Und
dies betont auch besonders der auf diese
Tage bezügliche Aberglaube. So heißt
es in Tirol 7 ): Wenn man sich an einem
dieser Tage zu einer bestimmten, jedoch
dem Menschen unbekannten Stunde ver¬
wundet oder sonst versehrt, so ist das
Übel unheilbar. Wenn man die Rinde
eines Baumes an einem solchen Tage
nur ein wenig beschädigt, stirbt der
Baum ab, was daran erinnert, daß man
noch heute, besonders in Süddeutschland,
das Schwenden (= Schwindenmachen)
der Bäume kennt, deren Rinde man am
Fuße des Baumes abschält, um sie zum
Absterben zu bringen. Ferner heißt es:
Wenn an einem Sch. ein Kind geboren
wird, so wird es nicht lange leben oder
sein Lebtag kränklich sein und den Eltern
viel Kummer machen. Wenn man sich
an einem Schw. zur Ader läßt, verblutet
man sich; wenn man sich die Haare
schneiden läßt, so wachsen sie nicht
mehr. Aus diesem letzten Aberglauben
ist besonders deutlich sichtlich, daß der
Sch. dem abnehmenden Mond (s. d.)
entspricht, daß hier das Analogiegesetz
wirksam ist, indem mit dem sprachlichen
Ausdruck „schwinden“, bzw. „schwen¬
den“ das Nichtmehrgedeihen, Schwinden
und Absterben von Personen und Sachen
verknüpft wird. Dem Gesetz der Ver¬
allgemeinerung folgt der Aberglaube,
wenn es weiter heißt 8 ), daß an Schw.n ge¬
schlossene Ehen unglücklich sein werden,
indem die daraus entstehenden Kinder
böse werden und dem Teufel zufahren,
und endlich, daß jeder an einem Schw.
begonnene Prozeß verloren wird. Das
Gegenteil tritt ein, und der Schw. wird
zu einem Glückstag, wenn, ebenfalls
aus der sprachlichen Analogie heraus, das
Schwenden zum Schwindenmachen
der Krankheit wird, wie ähnlich das
Wenden (s. d.). So braucht man in
Tirol, um Kopfschmerz zu vertreiben,
bloß an einem Schw. auf Eisen beißen.
Und wenn man an einem solchen Tage
pflügt, wird der Acker von Unkraut voll¬
kommen gereinigt, weil die abgeschnitte¬
nen Wurzeln nicht mehr wachsen 9 ).
In Tirol 10 ) gelten die folgenden Tage
als Schw.: 1., 2., 4., 6., 11., 20., 22. Jänner;
1545
Schwertel—Schwertlilie
1546
1., 17. Feber; 14., 16. März; 10., 16.,
17. April; 7., 8.Mai; 17. Juni; 17., 21. Juli;
20., 21. August; 10., 18. September;
6. Oktober; 6. November; 6. 11., 15. De¬
zember.
Die gleichen 28 Tage gelten in Schwa¬
ben als verworfene Tage (s. d.). Nach
westböhmischem Volksglauben gibt es
30 Schw. im Jahre, außer diesen aber
noch 30 besondere Unglückstage, an
denen man nichts unternehmen soll n ).
Wie man sieht, werden auch der Anzahl
nach diese Schw. von den allgemeinen
Unglückstagen (s. d.), die meist 42 Tage
umfassen, geschieden. Dem widerspricht
nicht, wenn in Oberbayern und Tirol
besonders fünf Tage (1. April, 30. Juli,
1., 25. August, 1. Dezember) als Schw.
bezeichnet werden 12 ), da damit nur
Unglückstage (s. d.) von erhöhter Be¬
deutung gemeint sind.
Offenbar hat man es bei den Schw.n mit
einer landschaftlichen Bedeutungs¬
verengerung von früher allgemeinen
Unglückstagen zu tun. Denn sie gehen
auf eine bestimmte, noch nicht näher
erforschte Gruppe von 32 Unglückstagen
zurück, die ohne nähere Bezeichnung
neben den 42 Unglückstagen (s. d.) und
den meist 24 ägyptischen Tagen (s. d.)
schon seit dem Mittelalter überliefert
werden, so in einer schlesischen Hand¬
schrift aus 1466 mit 32 Tagen 13 ), in
einer Freiburger Handschrift aus dem
16. Jh., in der die Monate April und De¬
zember mit ihren je drei Tagen fehlen, so
daß nur 27 Tage verzeichnet sind 14 ),
ferner bei Maennling mit 32 Tagen 15 )
und noch in neuerer Zeit aus Mühlhausen
mit 31 Tagen 16 ).
Daß die Schw. ursprünglich „Tage der
Ruhe und der Feier“ waren und Über¬
bleibsel alter Feste sein sollen 17 ),
läßt sich nicht beweisen. Vereinzelt
werden in Tirol auch Wochentage, an
denen alles viel schlechter und gefähr¬
licher sein soll, nämlich der Dienstag,
Donnerstag und Samstag, als Schw. be¬
zeichnet 18 ).
1 ) ZfdMyth. 2 (1854), 357 h = Simrock
Myth. 594. 2 ) Baumgarten Jahr u. s. Tage
-29. 8 ) Leoprechting Lechrain 212, der aber
bloß den 30. Juli und 29. August nennt. 4 ) John
Westböhmen 2 259. 5 ) Hillner Siebenbürgen 16. 26
Nr. 102. 6 ) Wuttke 88 § 106 = Stemp-
linger Aberglaube 116. 7 ) ZfdMyth. 2 (1854),
357 f.; Zingerle Tirol 201 f. 8 ) Ebd. an beiden
Stellen. 9 ) ZföVk. 2 (1895), 149 = Hovorka
u. Kronfeld 2, 192. 10 ) ZfdMyth. a. a. O. 357;
Zingerle Tirol 201. u ) John Westböhmen 2 259.
12 ) Wuttke 88 § 106. Der 25. August ist wohl
ein Druckfehler für den 29., den Leoprechting
(s. o.) und Bavaria 1, 388 anführen. 13 ) Klapper
Schlesien 256 f., wo auf die Quelle dieser hier
„verworfene oder verdorbene Tage“ genannten
Unglückstage mit den Worten hingedeutet wird:
„also dy meyster von Paris gescriben haben“.
14 ) Alemannia 22 (1894), 121. 15 ) Maennling
188 — Happelius Cosmograph. 1,41 = Schultz
Alltagsleben 238. 16 ) Mittantiquar. Ges. Zürich
(1858/60) 12, 27. 17 ) ZfdMyth. a. a. O. 358 =
Simrock Myth. 594. 18 ) Zingerle Tirol 124
Nr. 1122. Jungbauer.
Schwertel s. Siegwurz.
Schwertfisch (Xiphias gladius L). Die
abergläubische Vorstellung, daß der S.
Schiffe anbohre, scheint auf die Antike
zurückzugehen 1 ). Auch Konrad v. Megen-
berg (S. 237) erwähnt sie, unter Berufung
auf Plinius und Isidor, dagegen können
wir die Quelle für seine weitere Be¬
schreibung, die mit der Natur nicht über¬
einstimmt, nicht nachweisen.
Nach einer westfälischen Sage befinden
sich S.e in dem Teich „Bullenkuhle“,
der unterirdisch mit der Nordsee in Ver¬
bindung steht 2 ).
*) Pauly-Wiss. 2. R. 2, 1, 817t.; Isidorus
Etym. (Lindsay) 12, 6, 15; Albertus Magnus
De anim. (Stadler) 24, 35: „Cum gladio occidit
pisces, et ut dicunt perforat naves“; Gesner
Fischbuch 61 b. (Portugiesische Schiffe im
„Indiaschen Meer“ durchstoßen). 2 ) Kuhn
Westfalen 1, 290. Hoff mann-Krayer.
Schwertlilie (Iris-Arten).
1. Botanisches. Die Sch.n sind den
Liliengewächsen nahe stehende Pflanzen
mit langen, schwertförmigen Blättern.
Die deutsche Sch. (blaue Lilie, I. ger¬
manica) wird häufig (wie viele verwandte
Arten) in Gärten gezogen. Eine Garten¬
pflanze ist auch die Florentiner Sch.
(Veilchenwurzel; I. florentina). Ihr
Wurzelstock wird oft kleinen Kindern zur
Erleichterung des Zahnens angehängt l ).
An Ufern, in Wassergräben usw. wächst
wild die gelbblühende Wasser-Sch. (I.
pseudacorus) 2 ). In den meisten Fällen
dürfte es der Wurzelstock gewesen sein.
1547
Schwerttanz
Schwerttanz
1550
der im Aberglauben Verwendung fand.
Als „Schwertel“ wird auch die verwandte
Siegwurz (s. d.) bezeichnet.
J ) Tschirch Handb. d. Pharmakognosie 2
(1917), 1154 —56;Hovorkau.Kronfeld 1, 389.
2. Die Sch. galt (vielleicht wegen der
auffälligen Blütenform) als ein Apo-
tropäum. Eine Hs. des 15. Jh.s (Cgm.
384) verzeichnet: der schwertelen wurc-
zen by im treit dem mag kain tüffel kain
layd noch kain schaden by lebendem lib
nit ge tun. Wer auch dieselben wurczellen
under aines besessen menschen houpt
guot gewand tut oder darinn lait so sait
der tüffel was man in franget und flücht
von danne zu hand 3 ). In die Pferdeställe
oder den Pferden um den Hals gehängt
schützt sie die Tiere gegen Behexung 4 ).
Nach antikem Glauben sollen die Turtel¬
tauben die Frucht der Sch. (?) gegen den
bösen Blick in ihre Nester legen 5 ). Sch.n-
wurzel, in der Osternacht ausgegraben
und getrocknet bei sich auf der bloßen
Haut getragen, macht hieb- und stich¬
fest 6 ). Der Glaube zeigt Beziehungen zu
dem an den Alraun (s. 1,3x3)» der j a
auch aus den Wurzelstöcken der Sch.
verfertigt wurde, und an den Allermanns-
hamisch (s. 1,265). In einem Hexen¬
prozeß aus Rottenburg (Wttbg.) vom
Jahre 1650 bekennt der Angeklagte, daß \
er von der im Mörser gestoßenen „Lilien¬
wurzel“ (aus dem Vorhergehenden er¬
sichtlich, handelt es sich hier nicht um
die Lilie, sondern wohl um die Sch.)
wisse, die man den Pferden unter das
Futter mische. Dadurch würden diese
sehr schön und zögen alle Lasten, die man
ihnen auflade 7 ). Bei slavischen Völkern
scheint die Sch., wie aus manchen ihrer
Namen (z. B. serbisch perunika) hervor¬
geht, Beziehungen zum Gotte Perun ge¬
habt zu haben 8 ).Eine Sch.n-Art (I.biflora)
fand in Rußland abergläubische Ver¬
wendung °). Das ab und zu als , »deutscher''
Volksglaube angegebene Rezept, in den
Bienenstock eine „blaue Lilie“ (I. ger¬
manica) hineinzulegen, damit die Bienen
nicht fortfliegen 10 ), stammt aus dem
(Pseudo-)Apuleius: Herbam veneriam in
vaso apium suspensam habeto, nunquam
seducentur n ). Vgl. ferner Kalmus.
1548
2 ) Marzell Kräuterbuch 171. 426. 3 ) Anz. f.
Kde. d. Vorzeit 12 (1865), 352 = Birlinger
Aus Schwaben 461. 4 ) Seligmann Blick 2, 84.
5 ) Aelian Hist. amm. 1, 35 = Seligmann
Blick 2, 6. 84. 6 ) Nassau im 17. Jh.: Zs. f.
Kulturgesch. N. F. 3 (1S96), 223. 7 ) Birlinger
Aus Schwaben 1, 164. 8 ) Wiss. Mitt. BosnHerc.
10 (1907), 626; Schroeder Arische Relig. 1
(1914), 550. ö ) Georgi Geogr.-physik.-natur-
hist. Beschr. d. russ. Reiches 1800, 2, 669.
10 ) Wartmann St. Gallen 41; Eberhardt
Landwirtschaft 220; Bohnenberger 113.
n ) Corp. Medic. Latin. 4 (1927), 36.
3. In der Sympathiemedizin wurde
die „gelb lilgenwurz“ (Iris pseudacorus),
die am Johannistag gegraben war, gegen
Zahnweh gebraucht 12 ), vgl. florentinische
Sch. (unter 1). Schon Plinius 13 ) schreibt,
daß man die Wurzel der „iris“ den zahnen¬
den Kindern umhänge. Ebenso gibt
er 14 ) den Glauben an, daß man die
„xyris silvestris“ (Iris foetidissima ?), um
Kröpfe, Geschwülste und aufgelaufene
Schamteile damit zu heilen, mit der
linken Hand aus der Erde ziehen und
dabei sagen müsse, für wen die Wurzel
gebraucht werde. Ein altes Sympathie¬
rezept (Quelle?) besagt, daß man gegen
den Krampf die Wurzel der gelben Sch.
am Mittwoch vor Sonnenaufgang in
der Stunde des Saturn sammeln und
sie dann an einem Sonntag bei Sonnen¬
aufgang mit gleich viel weißem „Agstein“
(s. Achat 1, 150) in roten Samt eingenäht
an den Hals hängen müsse 15 ), auf ähn¬
liche Weise soll dieses Mittel die rote
Ruhr stillen 16 ). Wegen der gelben Blüten¬
farbe wird die gelbe Sch. auch gegen
Gelbsucht verwendet 17 ).
12 ) Schmeller BayWb. 1, 1469; vgl. auch
Black Folk-Mcdicine 203. 13 ) Nat. hist. 21, 140.
14 ) a. a. O. 21, 143. 15 ) Schröder Apotheke 802 ;
Bräun er Thesaur. Sanitat. 1728, 3, 49; vgl.
Neidhart Schwaben 55; Zahler Simmenthal
171; ZfVk. 7, 290; Höhn Volksheilkunde 1, 12S.
16 ) Schroeder a. a. O. 802; Bräuner a. a.
O.; Gottsched Flora prussica 1703, 6. 17 )
Bartsch Mecklenburg 2, 10S. Marzell.
Schwerttanz. Tacitus berichtet von
den Germanen: „Genus spectaculorum
unum atque in omni coetu idem: Nudi
juvenes, quibus id ludicrum est, inter
gladios se atque infestas frameas saltu
iaciunt. Exercitatio artem paravit, ars
decorem, non in quaestum tarnen aut
mercedem; quamvis audacis lasciviae
1549
pretium est voluptas spectantium“ x ).
Von einem Sch. (als Fastnachtsspiel) er¬
fahren wir dann zuerst wieder aus Brügge
in Flandern im Jahre 1389 2 ). In den
folgenden Jh.en werden die Beispiele
häufiger bis in die neuere Zeit hinein.
Der bürgerliche Sch. ist uns früher be¬
kannt als der bäuerliche 3 ); aber die
bäuerliche Stufe ist wohl die geschicht¬
lich ältere 4 ). Neben den Tänzen zu
Fastnacht, die die Regel bilden, kommen
später auch solche zu Weihnachten, am
Maifest, bei Hochzeiten, Empfängen von
Fürsten, Volksfesten usw. vor 5 ). Die
Tänzer — immer ledige Burschen, in den
Zünften die Gesellen 6 ) — führen kunst¬
gerechte Fechterschläge aus, bilden aus
den zusammengehaltenen Klingen ma-
nigfache Figuren und fügen sie schlie߬
lich so geschickt zu einer „Rose“ zu¬
sammen 7 ), daß der Vortänzer darauf
treten und, auf ihnen in die Höhe gehoben,
eine Ansprache halten kann 8 ). Die
Tänzer haben meist ein weißes Hemd
über den Kleidern und Schellen an den
Beinen oder um den Leib 9 ). Mitunter
vermischen sich die Sch.e mit den lärmen¬
den Fruchtbarkeitsumzügen 10 ). Mas¬
kierte Gestalten, namentlich ein Narr,
pflegen dabei zu sein ll ). Es wird auch
wohl in mimischer Darstellung einer ge¬
tötet und einer zum König erhoben 32 ).
In Böhmen tritt ein „Mehlweib“ mit auf;
die roten Flecken, die es auf seinem
weißen Gewände aufgenäht trägt, legt
die Bäuerin in die Nester ihrer Hennen,
damit diese recht viele Eier legen 13 ).
In Nordengland ist der Sch. mit dem
Pflugziehen (s. d.) verbunden; hier wird
der Narr getötet und der König auf den
Schwertern emporgehoben 14 ). Während
Tacitus erzählt, daß die Jünglinge den
Tanz nur als Sport betrachten und zum
bloßen Vergnügen der Zuschauer aus¬
führen, werden die Sch.er des Mittelalters
und der neueren Zeit für ihre Leistungen
belohnt; in den Städten gewöhnlich mit
Geld 15 ). In Westfalen (Kr. Steinfurt)
durchzogen sie alle Höfe der Bauern¬
schaft und wurden bewirtet und mit
Würsten beschenkt 16 ).
Obgleich Tacitus den von ihm ge¬
schilderten Sch. nicht als Kulttanz be¬
trachtet 17 ), nimmt man heute gewöhn¬
lich an, daß die Sch.e in ihrer letzten
Wurzel auf die Darstellung eines Kampfes
zwischen guten und bösen Dämonen
(„Sommer und Winter“) zurückgehen 18 ).
Manche sind geneigt, Beziehungen zum
Schwertgotte Tiuz anzunehmen 19 ). Auch
an einen Analogiezauber für den Krieg
hat man gedacht 20 ). Nach Mogk besteht
kein Zusammenhang zwischen altgerma¬
nischen und neuzeitlichen Sch.en; diese
seien vielmehr als Innungstänze städ¬
tischer Messer- und Schwertschmiede ent¬
standen 21 ). L. v. Schröder hat den Sch.
mit der Jünglingsweihe in Zusammenhang
gebracht, wobei die Tänzer die abge¬
schiedenen Geister des Stammes dar¬
stellen 22 ). In Sachsen wird auch von
Sch.en nachts auf den Kirchhöfen be¬
richtet 23 ).
Nach hessischen Akten (von 1631) soll
der Tanz der Hexen dem der Sch.er
gleichen 24 ).
2 ) Germ. 24. Vgl. Meschke Schwerttanz u.
Schwerttanzspiel im germanischen Kulturkreis
(1931) 133 ff. sieht in dem Waffentanz des
Tacitus einen unmittelbaren Vorläufer des
mittelalterlichen Schwerttanzes. 2 ) JbNdSpr.
1875, 105. Weiterer Ausführungsbereich:
Meschke 20 ff. 3 ) Älteste Belege für diesen:
Meschke 74. 4 ) Ebd. 112. 113. 140. 5 ) Ebd.
26 f. 6 ) Ebd. 78 f.; MitteldBIfVk. 7 (1932), 18 ff.
7 ) Über die Tanzformen: Meschke 44 ff.
8 ) Müllenhoff Altertumsk. 4, 350 ff. 573:
Heckscher 156 f. 403; Meyer Deutsche Volksk.
23. 162; Sartori Sitte u. Br. 3, 110; Ders.
Westfalen 2 148; Fehrle in BadHmt 1 (1914),
161 ff.; Nds. 12, 405 f.; ZfrwVk. 3, 218 ff.;
Baumgarten Jahr (1860) 18; HessBl. 25 (1927),
156 ff.; MschlesVk. 14 (1905), 13 f.; ZfVk. 21
(1911), 353; Sepp Religion 91 ff.; Quitzmann
76 f.; Ger am b Brauchtum 15 f. 23 ff. 88; Hertz
Elsaß 28. 193 t.; Bayerischer Heimatschutz 27
(1931), iöf. ; Sieber in MitteldBIfVk. 7 (1932),
1 ff. 138 f.; de Witt-Huberts Zwaard dansen
(1932). In außerdeutschem Gebiet: Ztschr. f.
Völkerpsychologie 19 (1889), 227 f.; Sepp
Religion 93 f.; Festskrift til Feilberg (1911)
738 ff. (806 f.); Meschke 99 h- 9 ) Ztschr. f.
Völkerpsychol. 19, 235 ff. 417; Meschke 32 f.
36. 10 ) Ztschr. f. Völkerpsychol. 19, 248. 258 f.
11 ) Meschke 30 f. 80. In England: 62!. 145 f.
180. 12 ) Ebd. 147; MitteldBIfVk. 7 (1932), 17 f.;
Ztschr. f. Völkerpsychol. 19, 229 ff.; BadHmt 1,
176 f.; HessBl. 25, 157; Naumann Gemein¬
schaftskultur 124 ff. 13 ) Ztschr. f. Völkerpsychol.
19, 417. 424; Meschke 81. 115. 14 ) Meyer
German. Mythol. 222; BadHmt. 1, 177 L;
Schwester—Schwiegereltern
1552
1553
Schwiegerei tern
1554
1551
Kauft mann Balder 291 Anm. 2. 15 ) Meschke
28 f. 16 ) HmtbIRE. 2 (1921), 178; vgl. auch
Lyncker Sagen 240. 17 ) Meschke 160 f.
18 ) BadHmt 1, 161 ff.; Ztschr. f. Volkerpsychol.
19, 256 ff. 425 f.; Naumann Gemeinschafts¬
kultur 133 f.; Philippson German. Heidentum
bei d. Angelsachsen 155. 200. Vgl. Gruppe
Griech. Mythol. u. Religionsgesch. 2, 298;
Frazer 9, 251. 19 ) Ztschr. f. Volkerpsychol. 19.
256 f.; Golther Mythologie 203; Meyer Reli-
gionsgesch. 185; Meschke 153. 159. 20 ) Meschke
159. 2I ) NddZfVk. 7 (1929), 147 f- 22 ) Weiser
Altgerman. Jünglingsweihen u. Männerbünde
9. 84; vgl. Meschke 139 ff- 142 ff.; Wolfram
in Wiener Ztschr.f.Volkskunde 37 (1932), 3 ff-,'
Oben 5, 1828. 23 ) Meschke 27; MitteldBlfVk. 7
(1932), 20. 139. 24 ) Grimm Mythol. 2, 896; vgl.
Meschke 21 Anm. 5. Sartori.
Schwester. Beim Übergang von der
Endogamie zur Exogamie und von der
Raub- zur Tausch- bzw. Kaufehe war es
üblich, daß der werbende Bruder als
Entgelt für die Braut eine Sch. dem
fremden Geschlecht hingab 1 ). Eine
andere Eheform gewährte demjenigen,
welcher die älteste von mehreren Sch.n
heiratete, ein Anrecht auch auf alle
jüngeren 2 ) oder zum mindesten auf
einen Ersatz für den Fall ihres Todes 3 ),
besonders wenn die erste Frau kinderlos
starb.
Ob es sich hier um Reste von Gruppen¬
ehe handelt 4 ), ist heute nicht auszu¬
machen 5 ). Umgekehrt ist im A. T. ver¬
boten, zwei Sch.n zu heiraten (gleich¬
zeitig oder überhaupt?) 6 ). In strenger
Interpretation wird vom englischen Recht
noch heute das Verbot, die Sch. einer
vorverstorbenen Frau zu heiraten, bei¬
behalten. Hierher gehört auch der Aber¬
glaube, der sich an das Sitzen zwischen
zwei Sch.n knüpft 7 ).
Trotz ihrer Zurücksetzung im Leben 8 )
spielt die Sch. 9 ) eine große Rolle in Kult
und Mythos, wo sie die Pluralität der
wirkenden Naturkräfte zu versinnbild¬
lichen scheint, wobei bald die Zweizahl 10 ),
bald die Dreizahl erscheint n ). Hierbei
repräsentiert das schwesterliche Verhält¬
nis, daß bei wesenhafter Identität auch
immanente Verschiedenheit im Natur-
und Geistesleben besteht, sei es, daß sie
verschiedene, einander ergänzende Wir¬
kungssphären haben, wie die Parzen und
Nornen, einander entgegenwirken wie
die Schicksalssch.n im Domröschen¬
märchen oder einander bekämpfen 12 ).
Das letzte Motiv, welches auch auf männ¬
liche Geschwister (s. Bruder) angewendet
wird, wird bei Sch.n meist in der Weise
variiert, daß die eine Sch. aller Tugenden,
die andere aller Untugenden voll ist 13 ),
und überdies mit dem Stiefsch.- (s. d.)
und Stiefmutter- (s. d.) Motiv in Ver¬
bindung gebracht.
*) Frazer Old Testament 2, 399; Frazer
Totemism 1, 502ff.; 4. 341. 367ff. 2 ) Roth
North Queensland Ethnography, Bulletin
Nr. 10; Marriage Ceremonies and Infant Life,
p. 3. 3 ) E. Westermarck Marriage (London
1921), 392h. 4 ) Köhler in Holtzendorff
Enzyklopädie d. Rechtswissenschaft i, 27; Ho-
witt in FL. 17, 189. 5 ) Westermarck Mar¬
riage 2, 271. 6 ) Lev. 18, 18. 7 ) Dähnhardt
Volkstüml. 2, 89 Nr. 368. 8 ) Krauß Sitte und
Brauch 677. 9 ) Storfer Jungfr. Mutterschaft
23. 10 ) Rochholz Glaube 1, 99ff. il ) Sim-
rock Myth. 635; Wolf Beitr. 2, 192t.', Meyer
Mythologie d. Germanen (1903), 520. 12 ) Ur¬
quell 1898, 167. 13 ) Panzer Beitrag 1, 125;
Mannhardt German. Mythen 430ff.
2. In Dänemark und England gehört
zu den Weihnachtsbräuchen 14 ) das Ver¬
zehren einer Brottorte, „Sch.kuchen“ ge¬
nannt, welche auf den Kult der Schick¬
salssch.n Bezug haben dürfte 15 ), aber
auch mit der Stiftung eines überlebenden
weiblichen Zwillings erklärt wird 16 ).
14 ) Höfler Weihnacht 35. 15 ) ZfVk. 14
(1904), 268. 16 ) Ebd.
3. Das römische sororium tigillum, der
Sch.balken, bei Reinigungsbräuchen ver¬
wendet, wurde mit dem Sch.mord des
Horatiers etymologisch in Verbindung ge¬
bracht 17 ).
17 ) ZfVk. 20 (1910), 180; Zachariae Kl.
Sehr. 399.
4. Analog zur Wahlbrüderschaft er¬
scheint auch die Wahlsch.schaft 18 ) sowohl
als individuelle wie als soziale Bildung 19 ),
doch reicht die Bedeutung der Sch.schaft
meist lange nicht an die Brüderschaft
heran 20 ).
18 ) Ciszewski Künstliche Verwandtschaft 23 s.
19 ) Sartori 2, 190; Hildebrand Mat. z.
Gesch. d. Volksliedes 1, 89ff. 20 ) Frobenius
Die atlantische Götterlehre (Jena 1926), 38.
M. Beth.
Schwiegereltern. Das Verhältnis zwi¬
schen Schwiegerkindern und Sch. 4 ) ist je
nach den herrschenden Eheformen sehr
verschieden gestaltet. Häufig obliegt den
jungen Leuten, ihre Sch. dauernd zu
unterstützen, indem etwa gewisse Teile
jedes erbeuteten Wildes an diese abzu¬
liefern sind. In den meisten Fällen aber
findet sich eine mehr oder weniger stark
entwickelte Schwiegerscheu 2 ) zwischen
den verschiedenen Geschlechtern, welche
dem gefürchteten Inzest Vorbeugen soll.
Andere erklären sie, was für manche
Fälle auch zutreffen mag, aus den Er¬
fahrungen der Raubehe, wo der Schwieger¬
sohn sich den durch seine Gewalttat be¬
leidigten Sch. nicht nahen darf. Doch
könnte solche Erklärung nur für eine
Scheu zwischen Sohn und Schwiegervater
zur Erklärung dienen, nicht für eirte solche
zwischen Sohn und Schwiegermutter,
welche viel häufiger ist, noch gar zwischen
Tochter und Schwiegervater. Diese
Schwiegerscheu geht so weit, daß etwa
ein junger Mann seine Schwiegermutter
niemals anblicken, niemals mit ihr
sprechen darf, noch sich von ihr einen
Dienst erweisen läßt 3 ). Muß sie etwas
an den Ort bringen, wo er sich aufhält,
so muß sie von rückwärts näher treten,
damit er sie nicht sieht 4 ), ebenso wie er
bei denselben nordaustralischen Stämmen
niemals mit seinen jüngeren Schwestern
sprechen darf. Der jungen Frau obliegt
es, z.B. den Namen ihres Schwiegervaters
nicht auszusprechen oder ihm nicht zu
nahen 5 ); meist wird dieses Tabu aber
nach einiger Zeit, insbesondere nach der
Geburt oder Entwöhnung des ersten
Kindes, weniger streng gehandhabt. Bei
den Südslawen muß die junge Frau
während der ersten Zeit allen Ver¬
wandten ihres Mannes gegenüber Zurück¬
haltung üben und soll bisweilen über¬
haupt nicht sprechen. Schwiegerscheu
dürfte auch bei den indogermanischen
Völkern weithin vorgekommen sein 6 ).
Bei den Armeniern obliegt der jungen
Frau das Schweigegebot bis zur Geburt
des ersten Kindes. Die Notwendigkeit
solchen Tabus gerade in jenen urtüm¬
lichen Verhältnissen, wo die ganze Fa¬
milie auf enggedrängtem Raume zu¬
sammenlebt und der Schwiegervater,
welcher normalerweise das Haupt der
Familie ist, unbegrenzte Macht besitzt, er¬
weist die Tatsache, daß z. B. die Russen
ein eigenes Wort für die Buhlerei mit der
Schwiegertochter haben, nämlich sno
chäcestvo, und daß dieses Verhältnis
von der Schwiegermutter trotz des Wider¬
willens der Schwiegertochter Förderung
zu finden pflegt. Auch der Codex Ham-
murabi sieht sich genötigt, besondere
Bestimmungen aufzunehmen, welche die
Schwiegertochter gegen den Schwieger¬
vater schützen sollen, da eine abergläu¬
bische Schwiegerscheu in Babylon nicht
bestand.
Aus anderen Motiven ergibt sich die
Schwiegerscheu zwischen Frau und Mutter
des Mannes in der patriarchalischen
Familie. Hier ist die Schwiegermutter 7 )
der jung eintretenden Frau, der nevesta,
d. i. ,,Unbekannten“, gegenüber die Vor¬
gesetzte, die unumschränkte Herrin. Da¬
her das südslavische Sprichwort: „Wie
glücklich ist das Vögelein, es hat keine
Schwiegermutter“. In der Crnagora
schläft die Schwiegermutter während der
ersten Nächte bei dem jungen Paar und
bestimmt die Zeit des ersten Beilagers 8 ).
Sie hatte offenbar auch bei der Frage der
Aufzucht der Kinder ein einflußreiches
Wort. Als Liafburg, die Mutter des
heiligen Liudger, geboren wurde, befahl
die Schwiegermutter (ihre Großmutter
väterlicherseits), das Kind zu ertränken;
Liafburg wurde nur dadurch gerettet,
daß ihr eine mitleidige Nachbarin Honig
in den Mund steckte, wodurch sie in die
menschliche Gemeinschaft endgiltig auf¬
genommen war 9 ). Dieses Recht spiegelt
sich in den zahlreichen Märchen, wo sich
die böse Schwiegermutter eindrängt und
(oft in Abwesenheit des Gatten, von dem
die spätere Märchenweltanschauung einen
wirksamen Schutz der Geliebten er¬
wartet, den diese in der Urzeit schwer¬
lich wirklich gefunden hätte) die Neu¬
geborenen tötet, verzaubert oder ver¬
schleppt 10 ). Oft kombiniert sich hier
das Schwiegermuttermotiv mit dem Stief¬
muttermotiv. Im Saterlande dürfen die
Sch. nicht Taufpaten werden 11 ). Bis¬
weilen richten sich auch die Nachstellungen
direkt gegen die infolge der Abwesenheit
i ihres Gatten schutzlose Frau 12 ); einzelne
1555
schwimmen—Scriptomantie
1556
Märchen bringen die Umkehrung, wie
die Schwiegermutter von der jungen
Frau während der Abwesenheit ihres
Sohnes mißhandelt und aus dem Hause
gewiesen wird, so daß er sie zuletzt nicht
erkennt und verliert.
Die „böse Schwiegermutter“ ist typisch
die Mannesmutter 13 ). Die Ostindoger¬
manen haben für diese bis heute eine
eigene Bezeichnung. Auf der anderen
Seite ist das Wort für Schwiegertochter
„Schmer“ gemein-indogermanisch und
dürfte „Söhnin“ bedeuten. Die Mutter
der Frau kommt ursprünglich mit dem
Gatten ihrer Tochter kaum in Berührung.
Wo dies geschieht, zeigt sie sich fürsorg¬
lich für ihn besorgt. Erst später wird
durch Übertragung, größtenteils durch
die Literatur, die Mutter der Frau zur
Trägerin der längst typisch gewordenen
Züge der „bösen Schwiegermutter“ 14 ).
x ) St orfer Jungfr. Mutterschaft 138; M-
schlesVk. 13-—14, 177^-; Frazer 12,405; Tote-
mism 4, 361. 2 ) Ebd. 4, 326; Wilutzky 1,
201; Andree Parallelen 1, 159. 3 ) Frazer
12, 463; Hartland Primitive Paternity 2, 93.
4 ) B. Spencer Native Trihes of Northern Au-
stralia 3, 324. 5 ) Frazer Totemism 4, 342.
6 ) Schräder Indogermanen 57. 77. 7 )
Weinhold Festschrift 198; Strauß Bulgaren
513f. 8 ) Krauß Sitte und Brauch 455. ®)
Mannhardt Germ. Mythen 311. 10 ) Grimm
Myth. 2, 915. n ) Strackerjan 2, 203 Nr. 451.
32 ) Liebrecht Zur Volksk. 187. 13 ) Otto
Schräder Die Schwiegermutter und der Hage¬
stolz pass.; vgl. hierzu Arch. f. Kulturwissen¬
schaft 3, 239h 14 ) Schräder Reall. 2, 374.
M. Beth.
schwimmen s. Nachtrag.
Schwindel s. Nachtrag.
Schwinden, Schwund s. 6, 690. 692.
Schwinden (Schwindsucht, Schwund)
(Segen) 1 ).
1. Die Dreieinigkeit (u. a.). Ein
eigentümlicher, negativer Vergleich: das
kranke Glied soll so wenig sch. wie die
(drei) heiligen Personen. Die frühesten
Belege im 16. Jh. Beispiel: „Nun schwin
als lutzel als got der vater, der sun unnd
der hailig gaist die geschwunen nie unnd
geschwinen nimer“ 2 ). Auch noch mit
Maria (bei der hl. Geburt) als vierte
Person 3 ). In neuerer Zeit z. B.: „Das
Waith Got der Vatter, schweint nit, Got
d. S. schweint nit“ usw. 4 ). Mitunter
sinnlos wegen Wegfalls der negativen
Bestimmung: „Schenkel schwein wie G.
d. V.“ usw., zum Schluß: „schwein als
ein Stein“ 5 ). — Der negative Vergleich
kann auch den Weltkörpem gelten:
„Huff, Blatt, Blut ... schweinet nit, wie
die Erde ... die Sonne u. die Sterne
... wie Himmel u. Erde nie geschweinet
haben“ 6 ).
3 ) Viele Belege Höhn Volksheilkunde 1, 96ff.
2 ) Alemannia 22, 122; vgl. 15, 123 und Mone
Anzeiger 6, 461 (17. Jh.). Verschieden: Jüh-
ling Tiere 283 (16. Jh.). 3 ) Birlinger Schwa¬
ben 1, 451 (16. Jh.). 4 ) Hovorka u. Kronfeld
2, 42 Schwaben; Birlinger Schwaben 1, 449:
Birlinger Volksth. 1 (1890), 209; Lammert 246;
Urquell 1, 186 Nr. 19 Rendsburg. 5 ) Man2
Sargans 73; Höhn Volksheilkunde 1, 96f.;
BIPommVk. 7, 103 Nr. 6. ®) Lammert 246;
Birlinger Volksth. 1, 208. 210.
2. Bannung, stufenweise, aus dem
Körper, gewöhnlich nach ödem Ort 7 )
(vgl. Verbannung in den Segen § 1—2).
Beispiel: „...aus dem Mark in's Bein,
aus dem Bein in's Fleisch (usw.) ... Haut
... Haar ... in den wilden Wald, wo
weder Sonn noch Mond hinscheint“.
Auch „in das tiefe Meer hinein, wo sich
weder Menschen noch Vieh erquicken
können“, „neun Klafter tief in die Erde
hinab“, „in die Luft“.
Seltener werden die Glieder zum Zu-
nehmen gemahnt: „...Nimm wieder
zu, wie der Mond am Himmel (wie der
Tag im Frühling), wie der Hopfen an
den Stangen“ 8 ).
Außerdem kommen recht viele Schwund¬
segen vor, durchweg aber vereinzelt;
ihre Motive finden sich meist in anderen
Krankheitssegen wieder.
7 ) Manz Sargans 73; Birlinger Volksth .
1, 209 (obiges Bsp.); Schwaben 1, 45° :
Alemannia 25, 126; Höhn V olksheilkunde
1, 9Öff.; Seyfarth Sachen 81; BIPomm¬
Vk. 7, 103 Nr. 5. 8 ) Romanusbüchlein 13;
Ganzlin Sachs. Zauberformeln 8 Nr. 3; Mschles-
Vk. Heft 4, 65t.; Drechsler 2, 313.
Ohrt.
Schwindsucht s. Nachtrag.
schwitzen, Schweiß s. Nachtrag.
schwören, Schwur s. Eid.
Scotus, Michael s. Nachtrag.
Scriptomantie. In der von einem unge¬
nannten Predigermönch aus Ungarn (Mi¬
1557
Sebastian—See
1558
chael de Hungaria oder Frater Hungarus)
im 15. Jh. verfaßten Biga Salutis, einer
Sammlung von Fastenpredigten, wird im
8. Sermon über das 1. Gebot unter den
13 Künsten der Hexen die S. genannt *).
Gemeint ist die Herstellung von geschrie¬
benen Amuletten; daher der zwitterhafte
lateinisch-griechische Name, der sich
äußerlich denen anderer Divinations-
formen angleicht, obwohl die Sache selbst
mit Mantik nichts zu tun hat, ein ähnlicher
Vorgang wie die Bezeichnung Nekro-
mantie für Zauberei überhaupt.
3 ) Geffcken Bilderkatechismus 32, 55.
Boehm.
Sebastian, hl., s. Nachtrag.
Sebastiansminne. Auf das Andenken
des heiligen Sebastians den Becher zu
leeren *), scheint eine Sitte von nur lo¬
kaler Bedeutung gewesen zu sein. Jeden¬
falls ist sie uns nur aus Bayern bekannt.
Eine Notiz von Jahre 1520 bezeugt sie
unter dem Namen St. Sebastians Pfeil für
Regensburg 2 ); in Ebersberg hat sie
sich, anscheinend unter kirchlichem
Schutz, bis ins 19. Jh. gehalten. Sie
wurde hier aus der angeblichen Hirn¬
schale Sebastians dem Volke gereicht 3 ).
— Die S. bildet ein treffliches Beispiel
für die ursprüngliche Form der Heiligen¬
minne, die zunächst nur die Bedeutung
eines Gelegenheitskults von lokaler Gel¬
tung hatte 4 ); erst in späterer Zeit ge¬
wannen einzelne Minnetrunkkulte teils
durch kirchliche Begünstigung, teils durch
wachsende Beliebtheit beim Volke er¬
höhte und erweiterte 'Bedeutung 5 ), die
der S. versagt blieb.
3 ) Vgl. den Artikel Minne. 2 ) Franz Bene¬
diktionen i, 294. 3 ) Höfler Waldkult S. 168;
ZdVfVk. 1 (1890), 293; Franz Benediktionen
1, 294. 4 ) Vgl. die Artikel Benediktsminne,
Emmeransminne, Erichsminne, Olafsminne, Ul¬
richsminne, Urbansminne. 5 ) Vgl. die Artikel
Gertrudenminne, Johannisminne, Karlsminne,
Martinsminne, Michaelsminne. Mackensen.
sechs s. Zahlen B.
Sechseläuten. Ein Zürcher Frühlings¬
fest, das jährlich am ersten Montag nach
der Frühlings-Tag- und Nachtgleiche ge¬
feiert wird. Man nennt es so, weil dann
zum erstenmal die Feierabendglocke um
6 Uhr geläutet wird. Vormittags ziehen
verkleidete Kinder um; ehedem auch
weißgekleidete Mädchen, die sog. Mareieli,
entweder ein Maibäumchen oder einen
mit Bändern und Blumen geschmück¬
ten Kranz mit Glöckchen und ausgebla¬
senen Eiern tragend und vor den Häusern
singend. Die Buben führten auf Wägel¬
chen Strohmänner (Bööggen-Popanze;
s. oben 1, 1466) durch die Straßen, und
wenn abends um 6 Uhr zum erstenmal
die Glocke ertönte, verbrannten sie
diese auf einer hohen Stange an verschie¬
denen Ecken der Stadt. Der Winter ist
damit vernichtet x ). Heute wird nur noch
eine einzige Strohpuppe verbrannt. Wenn
der Böögg nicht oben an der Stange ver¬
brennt, sondern vorher ins Feuer stürzt,
so schließt man auf nochmalige Rückkehr
der Kälte 2 ). Auch die Zünfte feiern.
Jetzt sind die gegenseitigen Besuche und
die bald ernsten, bald karnevalartigen
Festzüge, die von ihnen seit 1830 veran¬
staltet werden, die Hauptsache geworden 3 ).
3 ) Hoffmann-Krayer 137k; Rochholz
Kinderlied 506; Herzog Volksfeste 1640.;
Vernaleken Alpensagen 361 ff.; Rochholz
Teil 11 f.; Stäuber Zürich 2, 158L iöiff.;
SAVk. 11 (1907), 259 f.; SchwVk. 11, 31;
14, 20f.; Reinsberg Festjahr noff.; Fehrle
Volksfeste 50h; Frazer 4, 2Öof. 2 ) Hoffmann-
Krayer 138. 3 ) Brockmann-Jerosch
Schweizer Volksleben 1, ii7ff. Sartori.
sechzehn s. Zahlen B.
sechzig s. Zahlen B.
Secreta secretorum s. Nachtrag.
See, Teich, Weiher.
1. Wesen und Entstehung. Das
Wesen des S.s besteht im Gegensatz
zu Quelle (s. Brunnen) und Fluß (s.
d.) darin, daß sein Wasser stillsteht,
vom Meer (s. d.) unterscheidet er sich
durch seine Begrenztheit: was hin¬
einfällt, bleibt auf dem Grunde, wenn
es nicht heraufgeholt oder heraufgespült
wird. Sein Charakter ist meist tückisch:
seine spiegelglatte Fläche lockt den Arg¬
losen an, seine geheimnisvolle Tiefe ist
gefährlich. Viele S.n gelten als uner¬
gründlich (s. d.); sie hängen unter¬
irdisch mit dem Meer*) oder anderen
S.n 2 ) zusammen: Ochsen, die in einen S.
fielen 3 ), ein Fuhrmann, der bei Nacht in
den S. fuhr 4 ), Fische eines S.s, die man
gezeichnet hatte 5 ), kamen in anderen S.n
1559
See
1560
1561
See
zum Vorschein. „Es ist nicht unmöglich,
daß hier einmal das wilde Heer durchge¬
rumpelt ist und die Verbindung herge¬
stellt hat“ ö ). Der Wildmöser S. hat einen
unterirdischen Abfluß: eine Botin, die hin¬
einfiel, wurde bei Hall im Unterinntal als
Leiche herausgefischt 7 ). Entstanden
ist der S. zuweilen auf Gebet oder Ver¬
wünschung: den Luciner-S. in Mecklen¬
burg ließ die Jungfrau Maria entstehen,
um eine Rotte plündernder und mordender
Soldaten zu ertränken 8 ); der Ammersee,
einst ein Sumpf, wurde auf Wunsch dreier
Jungfrauen, die ihn bearbeiteten, zum
S. 9 ). Oft ist die Entstehung des S.s ein
Strafgericht: Nachbarn zanken sich um
einen Wald, eines Tages befindet sich an
seiner Stelle der Walchsee 10 ), und ebenso
geht es mit der Wiese, um die drei
Schwestern sich zankten n ). Wegen Über¬
muts der Sennen, die Kegel aus Butter
herstellen, verwandelt sich die Alm in
einen S. 12 ); das Schloß 13 ) oder Haus 14 )
eines Gottlosen versinkt, frevelhafte Berg¬
leute werden verschüttet 15 ), ein S. ent¬
steht an der Stelle; das Haus eines
Frevlers brennt völlig nieder, das zur
Löschung verwendete Wasser bildet einen
S. 16 ). Der Teufel hat den S. entstehen
lassen 17 ): er ist das Überbleibsel eines
i eufelswetters 18 ); der Teufel wirft seinen
Hammer in die Erde, es bilden sich dort
S.n, oder er muß den S. ausgraben auf
Wunsch einer Dame lö ). Ein Riese hat
einen Tropfen 20 ) seines Bechers ver¬
schüttet; vgl. dazu die Volksmärchen,
wo ein fliehendes Liebespaar vor dem Ver¬
folger einen S. entstehen läßt, indem es
ein paar Tropfen Wasser hinter sich
schüttet oder ausspuckt 21 ). Nach einer
Sage aus Frankreich kommt ein S. von
einem Mädchen, das 14 Tage nicht gepißt
hatte 22 ). Ein Müller zaubert einen S.
unter seinen Kirschbaum, auf den Diebe
hinaufgeklettert sind 23 ). Manche S.n
haben besondere Eigentümlichkeiten.
Megenberg erwähnt in seinem Buch der
Natur (414), daß im S. Asphaltides (Totes
Meer) kein Lebewesen untersinken könne,
während im S. Altes bei Porrentan nichts
an der Oberfläche bleibe; wer vom Wasser
eines gewissen tobenden S.s trinke, werde I
von unkeuscher Begierde entzündet, wäh¬
rend der Trunk vom Wasser eines S.s in
Italien bewirke, daß einem der Wein zu¬
wider werde (415), und Augustinus be¬
richtet von einigen S.n, deren Wasser drei¬
mal am Tage bitter und dreimal süß sei
(416). Der Blutteich bei Braunau hat
eine rote Farbe, weil dort ein Ritter seine
Knechte erschlug 24 ).
0 Sepp Sagen 343Ä. 365; Kühnau Sagen
3, 382. 2 ) Heyl Tirol 399 Nr. 85t. 3 ) Reiser
Allgäu 1, 233t. 4 ) Ebd. 1, 232. 5 ) Ebd. 234;
Kühnau a. a. O. 3, 302; Birlinger Volksth.
1, 138; Reiser a. a. O. 1, 233. 6 ) Ebd. i, 233f.
7 ) ZfVk. 3 (1893), 175. 8 ) Bartsch Mecklen¬
burg 1, 404. 9 ) Panzer Beitrag i, 34. 10 ) Heyl
a. a. O. 92 Nr. 55. n ) Reiser Allgäu i, 299
Nr. 255t. 12 ) Heyl a. a. O. 93 Nr. 56; Ver-
naleken Alpensagen 247f. 13 ) Sebillot Folk-
Lore 2, 403. 14 ) Heyl a. a. O. 399 Nr. 84.
16 ) Ebd. 269 Nr. 84. 16 ) Kühnau a. a. O.
3 . 339 - 17 ) Knoop Hinterpommern 21. 18 )
Schwartz Studien 442. 19 ) Sebillot a. a. O.
2, 403f. 20 ) Ebd. 2, 402. 21 ) Urquell 3 (1892),
58. 22) Sebillot a. a. O. 2, 43. 23 ) SAVk.
25, 141. 24 ) Grohmann Sagen 266.
2. Unheimliches und Gefährliches.
Manche S.n geben bei herannahendem
Gewitter unheimliche Töne von sich 25 );
das Wasser des Wahlteiches bei Hohen¬
leuben rauscht zuweilen ohne allen Grund
auf 26 ); das „Seeschießen“ des Bodens.s,
ein donnerartiges Getöse bei Barometer¬
änderung, führt man übrigens auf Gase
zurück, die sich in der Tiefe sammeln und
an die Oberfläche gelangen 27 ). Ver¬
schiedene S.n kann kein Vogel über¬
fliegen; versucht er es, so fällt er tot
nieder 28 ). Der Starnbergers, gibt keine
Leiche eines in ihm Ertrunkenen zurück,
sondern reiht alle aufrecht stehend in
seinem lehmigen Grund aneinander 29 ).
Manche S.n ziehen die Leute, die in ihrer
Nähe schlafen, in sich hinein 30 ). Ein
Jäger, der einen halben Scheibenschuß
von einem solchen S. einschlief, war beim
Aufwachen mit den Füßen schon im
Wasser 31 ). Von vielen S.n sagt man, daß
sie eines Tages ausbrechen und die
Ortschaften in ihrer Nähe überschwemmen
würden 32 ); dasselbe fürchtet man von
S.n, die sich im Inneren der Berge be¬
finden 33 ). Den Ausbruch wird ein Drache
veranlassen, der im S. liegt 34 ), oder eine
* Hexe 35 ). Ein Zauberer hätte den Ant-
;
u.<
1562
holzer S. ausgelassen, wenn es ihm ge¬
glückt wäre, drei Körner vom Grunde des
S.s heraufzuholen 36 ); ein anderer Zau¬
berer, der dasselbe vorhat, stürzt sich
selbst in die Flut, als eine Prozession mit
Gebet naht 37 ). Auch anderswo wird all¬
jährlich gebetet 38 ) und Messe gelesen 39 ),
um das Unheil abzuwenden. Nekro¬
manten weihen bei einem nur ihnen zu¬
gänglichen S. ihre Bücher dem Teufel 40 ).
So unheimlich wie der S. selbst sind meist
auch die Lebewesen, die sich darin auf¬
halten. In verschiedenen S.n darf man
nicht fischen, denn die Fische gehören
den S.geistern, die sie zurückfordern 41 ),
oder es sind arme Seelen, die hier den Tag
des Gerichtes erwarten 42 ). S.schlangen¬
artige Fische hat der Walensee in der
Schweiz **). Auch Drachen (S.drache)
und unheimliche Pferde, die den Pflug und
das andere Pferd, womit man sie zu¬
sammengespannt hat, hinunterziehen 44 ),
leben in S.n. Die S.geister (s. d.) sind
nur selten harmlos: im Bezirk Minden
waren Teiche die Aufenthaltsorte für
Hexen 45 ); in einem Tiroler S. lebt der
„Blutschink“, der, in Bärengestalt und ]
mit blutigen Füßen, nachts die Menschen
holt und ihr Blut trinkt 46 ); im Hutzen¬
bacher S. wohnte ein böses Weib, das in
die Nähe kommende Kinder raubte und
lebendig auffraß 47 ). Frevler sind in den
S. gebannt 48 ), sie zeigen sich als feurige
Menschengestalt bei Nacht 49 ) oder als
Aufhocker 50 ); ein Senn mit einer Kuh,
von einer schlecht behandelten alten Frau
hineingewünscht, taucht alle sieben Jahre
auf, melkt die Kuh und versinkt hände¬
ringend 51 ). Das menschenähnlicheUngetüm
im Schwindels, bei Wurzach ist das Kind
eines Kreuzritters und einer Sklavin aus
dem Morgenland, das der Ritter hinein¬
werfen ließ 52 ). Im Haidweiher bei Amberg
strecken die alten Jungfern die Arme übers
Wasser und schreien: „Einen Mann, einen
Mann“ 53 ). Geister werden in S.n ge¬
bannt 54 ), so daß es manchmal schon sehr
eng darin ist 55 ); in Gestalt von wilden
Tieren hausen sie im Rachelsee 56 ), des
Pilatus Geist weilt im Pilatuss. 57 ). In
manchen S.n weilen die Toten 58 ) (s. a.
Wasserhölle). Auf dem Grunde von S.n
befinden sich versunkene Städte 59 ) und
Schlösser 60 ), Kirchen 61 ), Schätze und
Glocken (s. Gold, Schatz, Glocke). Wenn
man Steine oder andere Gegenstände
in bestimmte S.n wirft oder mit einem
Stock hineinschlägt, entsteht ein Un¬
wetter (s. Mummeis., Wetters.).
25 ) Kohlrusch Sagen 253!.; ZfVk. 3 (1893),
I 75 - 26 ) Eisei Voigtland 252 Nr. 629. 27 )ZfVk.
7 (1897), 283. 28 ) Sepp Sagen 3850. Nr. 102.
29 ) Bavaria 1, 317h; Lammert 47. 30 ) Küh¬
nau Sagen 2, 230; Heyl Tirol 94 Nr. 56. 31 ) Zfd-
Myth. 2 (1854), 351. 32 ) ZfVk. 3 (1893), 175;
Heyl a. a. O. 693 Nr. 16; Schönwerth Ober¬
pfalz 2, 219; Waibel u. Flamm 2, 124. 170;
Sepp a. a. O. 355 Nr. 94; 393 Nr. 105; Bir¬
linger Volksth. i, 136; Lammert 47. 33 ) Se¬
billot Folk-Lore I, 243 f.; Panzer Beitrag
i, 18. 34 ) Reiser Allgäu 1, 265; Heyl a. a. O.
88 Nr. 51; 486 Nr. 52. 35 ) Ebd. 678 Nr. 155.
36 ) Ebd. 177 Nr. 81. 37 ) Ebd. 673 Nr. 148.
38 ) Sepp a. a. O. 363 Nr. 96. 39 ) Sebillot
a. a. O. i, 243!. 40 ) Kluge Bunte Blätter 32.
41 ) Kuhn u. Schwartz Nr. 35. 180. 42 ) Heyl
a. a. O. 64 Nr. 23; Sepp a. a. O. 393 Nr.
105; Vernaleken Mythen 155. 43 ) SAVk.
25, 237. 44 ) Bartsch Mecklenburg 1 Nr. 550;
Kuhn u. Schwartz 155 Nr. 179. 45 ) ZfrwVk.
3 (1906), 200. 46 ) Alpenburg Tirol 59.
47 ) Bohnenberger 4. 48 ) Müller Urner
Sagen 1, 79 Nr. 105; 80 Nr. 106; 81 Nr. 107.
49 ) Reiser Allgäu 1, 234. 60 ) Kühnau Sagen
1, 439. 51 ) Vernaleken Alpensagen 32.
52 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 193. 53 )
Quitzmann Baiwaren 135. 54 ) Ebd. 179;
Schönwerth a. a. O. 3, 145; Panzer a. a. O.
2, 105. 55 ) Schambach u. Müller 232 Nr. 6.
56 ) Panzer a. a. O. 2, 138L 67 ) Lütolf Sagen
15. 275. 58 ) Mannhardt Germ. Mythen 444L
69 ) Sepp a. a. O. 391 Nr. 104; Kühnau Sagen
3 , 377 - €0 ) Ebd. 3,385. 61 ) Strackerjan
2,115-
3. Opfer und Kult. Ganz in der¬
selben Weise wie mancher Fluß (s. d.)
fordern auch gewisse S.n alljährlich ihr
Menschenopfer, meist an bestimmten
Tagen: „'s ist heut Simon und Judae,
da rast der S. und will sein Opfer haben“
(Schillers „Teil“, 1. Aufz. i.Auftr.); so
der Walkteich bei Stollberg 62 ), der Mühl¬
teich bei Schlegenberg 63 ), der Schlawer
S. in Niederschlesien 64 ), der Forellenteich
im Oberwald in Oberhessen 65 ), der Wild¬
alps. und der Zirainers. in Tirol 66 ), der
Nonnens. bei Bergen 67 ); ein Marin, der
an dem Unheiltage Wasser aus der Peken-
kuhle bei Sanderahm schöpft und trinkt,
fällt tot um 68 ); der Schloßweiher zu
Neumarkt fordert alle sieben Jahre ein
1563
See
1564
Opfer 69 ), der S. zwischen Brandeis und
Altbunzlau einen Menschen oder ein
Tier 70 ); in den Mohriner S. lockt eine
weiße Gestalt am Marientag einen Men¬
schen hinab 71 ), in der Lausitz holt sich
der Nix alljährlich einen Knaben, indem
er da ein Loch macht, wo es voriges Jahr
seicht war, und wenn es erst an Silvester
geschieht 72 ). Ein Mann, den ein Müller
gewaltsam davon zurückhält, über den
Schweriner S. zu gehen, erklärt nachher,
es habe ihn unwiderstehlich dazu ge¬
trieben, er habe gar keine Veranlassung
dazu gehabt 73 ). Freiwillige Opfer der
Menschen und kultische Verehrung
haben meist den Zweck, den S. zu be¬
sänftigen, daß er sie verschone. Wenn
ein Kind in Westböhmen im Zeichen des
Wassermanns geboren war, mußte man
auf dem Weg zur Taufe ein Geldstück
ins Wasser werfen mit den Worten: ,,Da
hast du das Deine, laß mir das Meine“ 74 ).
Zur Besänftigung des Wassers dienen
auch Käse- und Brotopfer 75 ). Früher
warf man bei heftigen Sturmfluten eine
heilige Hostie in den Achens. 76 ). Durch
einen hineingeworfenen Ring beschwich¬
tigt man den Ammers. 77 ), den Drei¬
sessels. im bayrischen Wald 78 ) und den
Wallers, in Oberbayern 79 ), und dies ist
der ursprüngliche Sinn, wenn sich jeder
altbayrische Herzog mit dem Walchens.,
wie der Doge von Venedig mit dem Meere,
durch einen Ring, den er hinein warf,
vermählte 80 ). Aus dem gleichen Grund
fand alljährlich ein feierlicher Bittgang
an oberbayrische S.n statt 81 ), und auch
in der Eifel wird ein S. jedes Frühjahr
betend umzogen 82 ). Zwecks Heilung
von Rheumatismus und Hautkrank¬
heiten wird der S. von St. Andeol an
gewissen Tagen, genau wie manche
Brunnen (s. d.), umwandelt **), ebenso
ein Teich im Kanton Tessin 84 ). Wenn
in Böhmen ein Mädchen Fieber hat, so
muß sie dreimal um einen Teich herum¬
laufen und beim ersten Male ein Stück
Brot, beim zweiten Male eine Spindel und
beim dritten Male ein Stück Flachs ins
Wasser werfen, wodurch das Fieber, das
unten im Teiche sitzt, zurückgehalten
wird und nicht zur bestimmten Zeit
kommen kann 85 ). Daß bestimmte S.n
unseren heidnischen Vorfahren heilig
waren, beweist der S. in der Germania
des Tacitus (Kap. 40), in dem die Göttin
Nerthus und ihr Wagen gewaschen wur¬
den, während die Sklaven, die dabei
waren, der S. verschlang; auch die Tat¬
sache, daß die ältesten Christentempel
häufig Wasserkirchen waren, scheint da¬
rauf hinzu weisen, daß die Kirche hier
die heidnische Verehrung verdrängen
wollte 86 ). Die Mutter Gottes erschien
einem jungen Menschen über dem Lieb-
frauens. bei Kissingen, als er sich darin
ertränken wollte; daher der Name 87 ).
In der Umgegend von Kiew darf man
einen Toten nicht über einen Teich führen,
sonst verlassen die Krebse den Teich 88 ).
Ungeborene Kinder befinden sich in
Oberdeutschland 89 ) und Böhmen 90 ) in
Teichen, aus denen man sie herausfischt.
62 ) John Erzgebirge 207. 63 ) Kühnau Sagen
2, 253. 84 ) Drechsler Schlesien 1, 289. ® 5 )
Bindewald Sagenbuch 172. 6Ö ) Schönwerth
Oberpfalz 2, 170; Alpenburg Tirol 237. ® 7 ) Zf-
Vk. 7 (1897), 119. 68 ) Strackerjan 1,287.
e8 ) Schönwerth a. a. O. 2, 177. 70 ) Groh-
mann Aberglaube 49. 71 ) Kuhn Mark. Sagen 246.
72 ) Haupt Lausitz 1, 47L 73 ) Bartsch Meck-
lenburg 1, 154. 74 ) John Westböhmen 289.
75 ) Grimm Myth. 1, 496. 76 ) Heyl Tirol 808
Nr. 287. 77 ) Sepp Sagen 361 Nr. 95. 78 ) Ebd.;
Panzer Beitrag 2, 138b 78 ) Ebd. i, 22.
80 ) Sepp a. a. O. 361 Nr. 95. 81 ) Ebd. 8a )
Schmitz Eifel 2, 72f. 83 ) Sebillot Folk-
Lore 2, 461. 84 ) SAVk. 14, 46. 85 ) Groh-
mann a. a. O. 163! 86 ) Rochholz Gau¬
göttinnen 131. 87 ) ZfVk. 13 (1903)» 434 - 88 ) Ur-
quell 3 (1892), 51. 88 ) Meyer Baden 13;
Schläger Badisches Kinderleben in Spiel u.
Beim 12; Höhn Geburt 259. 90 ) Grohmann
a. a. O. 105. Nr. 748. 750.
4. Weissagung. Der Murtens. 91 ) und
ein S. in Bayern 92 ) werden blutrot, wenn
bald ein Krieg ausbricht, ebenso der
Mäuseteich zu Breslau, wenn der Stadt
ein Unglück bevorsteht 93 ). Im Spiegel
des S.s sehen die Mädchen am Andreas¬
abend, genau wie im Brunnen (s. d.)
oder im Fluß (s. d.), vom Baum herab
ihren Zukünftigen 94 ); oder sie schöpfen
in der Matthiasnacht drei Eimer aus
einem stillstehenden Wasser und gießen
es jedesmal hinter sich aus, beim dritten
Eimer sehen sie über die Schulter und
erblicken da den zukünftigen Gatten 95 ).
1565
Seebarbe—Seelenbad
1566
94 ) SAVk. 19 , 209. 92 ) Sepp Sagen 376
Nr. 100. 83 ) Kühnau Sagen 3, 431. 94 ) Drechs¬
ler Schlesien 1, 10. 85 ) Kuhn Westfalen 2, 123h;
Strackerjan 1, 93.
S. a. Meer 6, 65 ff. Hünnerkopf.
Seebarbe (Mullus barbatus L.), Rot¬
bart, Alb.Magnus: harderen,gehört zur
Familie der Mullidae. ,,Dise fisch frisch
zerschnitten, aufgelegt, item auch in der
speyß genossen, widerstedt dem gif ft
(nach Plin. N. H. 32, 25) etlicher Meer¬
fischen, vnd dem gifft des flusses der
wyber, menstrua genant (n. Plin. N. H.
32, 43 f. und dieser aus Bithus von
Dyrrhachium). Sein gall mit honig an¬
geschmiert scherpfft das gesicht,
vnd sein fleisch gesotten mit honig ge¬
mischt ist seer nützlich den pristen
des sitzes. Die ischen von dem kopff
der fischen ist krefftig wider alles gifft,
mit honig vertreybt es die heissen, gifftigen
eissen (n. Plin. N. H. 32, 27) oder
schwartzen blateren vnd prästen
des sitzes (Plin. 32, 104). Dise fisch in
der speyß gässen, item in weyn ertrenckt,
der selbig getruncken, hinderet die
empfencknuß, vnd vertreybt die
geilheit in mannen vnd weyberen, vnd
widerstedt dem gifft“ *).
Auch Isidor v. Sevilla (1636):
,,Mullus, cujus cibo tradunt libidinem
inhiberi, oculorum autem aciem
hebetare (nach Plin. N. H. 32, 70);
homines vero, a quibus saepe pastus est,
piscem olent 2 ). Mullus in vino necatus iis
qui inde biberint taedium vini affert
(n. Plin. N. H. 32, 138; s. Aal Bd. 1, 2) 3 ).
Das meiste findet sich auch bei Vinzenz
von Beauvais 4 ).
*) Gesner Fischbuch 1563, 20 a. 2 ) Plinius
{N. H. 32, 9) sagt von dem lepus marinus
(Aplysia depilans): „homines quibus inpactus
est piscem olent“. Also wohl Versehen des Isidor.
Nach ihm auch Vinc. Bellov. C. LXIX u.
Alb. Magnus XXIV, 43. 3 ) Etym. 12, 6, 25.
4 ) Vincentius Bellovacensis Speculum na¬
turale L. XVII,c.LIX (Geilheit,Augen,Weinekel).
LXX (Kopf gegen Gifte, gegen Ischias, Men¬
struation, Karbunkel, Weinekel). Ferner Al¬
bertus Magnus De anim. 24, 43 (gegen
Geilheit, augenschwächend, Weinekel).
Hoff mann- Kr ay er.
Seegeister s. Meergeister 6, 71 ff.
Seehund s. Robbe.
Seele s. Nachtrag.
Seelenbad. S.er (balnea animarum)
sind meist letztwillige, barmherzige Stif¬
tungen zugunsten der Armen, die un¬
entgeltlich das Bad genießen wollen,
und beruhen auf dem Glauben, daß
Werke der Barmherzigkeit der Seele des
Stifters im Jenseits zum Heile gereichen
und vor allem einen Teil der Sünden¬
strafen zu tilgen vermögen. Daher ent¬
halten die S.Vermächtnisse offenbar die
Verpflichtung, für den Stifter zu beten.
Manche Urkunden betonen das ausdrück¬
lich. Die S.er gehören zu den mannig¬
fachen Seelgeräten, Stiftungen, die dem
Seelenheil des Stifters förderlich sein
sollen: in einem Koldizer Aktenstück
aus dem 15. Jh. heißt es ausdrücklich
„zelgerethe zcu der badestuben“, 134°
in Zittau „Seelengeräth auf der Stuben
vor der Stadt“. Die Subachsche Seel¬
gerätstiftung von 1440 für das Jung¬
frauenkloster St. Georg zu Glauchau bei
Halle schreibt die Abhaltung von Vigilien
und Seelenmessen und an demselben Tag
ein Bad vor, ebenso eine Wiener Stiftung
ein Seelenamt mit nachfolgendem Bad.
Eine Dresdener Seelenbadstiftung von
1394 bestimmte, daß 12 Badetücher für
die Armen bereit gehalten werden sollen;
in Halle (1552) schröpfte man die Baden¬
den auch unentgeltlich, ebenso in Hirsch¬
berg noch im 18. Jh. Auch andere kleine
Vergünstigungen für die Armen kamen
vor: in Hirschberg erhielten sie einen
Trunk Bier und eine Schnitte gebähtes
Brot und, da das S. am Allerseelentag
abgehalten wurde, auch Seelenbrote. In
Wien wurden sie mit Wein und Brot
gespeist (1428).
Die S.er wurden vielfach nur einmal
oder während des ersten Jahres nach
dem Tod des Stifters einmal wöchentlich
abgehalten. Daneben finden sich aber
sehr häufig auch Stiftungen „auf ewige
Zeiten“ (zwei- bis viermal jährlich, auch
alle Montage oder Donnerstage). Die
Badezeit begann in der Regel nach dem
Morgengottesdienst und erstreckte sich
über den ganzen Tag hin. Der Beginn
wurde mancherorts vom Bader durch
Läuten angezeigt.
S.er stiftete man besonders bei Tot-
Seelenüberfahrt
Seelen ü ber f ahr t
1570
1568
schlag zum besten des Getöteten (1504
Halle), Todsühnebriefe von 1474, 1508,
1515 aus Freiberg nennen solche Ver¬
mächtnisse. Die Stifter sind in der Regel
einzelne Personen oder Familien, meist
k
bürgerliche, selten adelige oder fürstliche
(Friedrich d. Weise 1517). Weltliche oder
geistliche Korporationen als Stifter sind
Ausnahmen. In Wien wurden im 14.
und 15. Jh. oft die Dürftigen und Siechen
im Spital mit S.Stiftungen bedacht, viel
häufiger aber die Armen ganz allgemein.
Der Besuch der S.er war zeitweise so
stark, daß die Leute ,,uber einander“
geschlagen wurden (1445 Gerolzhofen).
Die S.er waren über ganz Deutschland
verbreitet. Da sie auf der katholischen
Lehre von der Verdienstlichkeit der guten
Werke beruhen, gingen sie mit der Re¬
formation sehr zurück. Gleichwohl hatte
z. B. in Hirschberg (Schles.) die Kürsch¬
nerzunft noch lange eine solche Stiftung
zu verwalten. In München gaben noch
1836 einige Zünfte zu Quatember und
anderen Zeiten S.er für die Seelen ihrer
verstorbenen Angehörigen. Ebenfalls in
München wurden 1867 bei Trauergottes¬
diensten eine Anzahl von S.ern ausge¬
boten, in denen man die Armen zum
Gedächtnis des Toten unentgeltlich
waschen sollte.
Eine andere Auffassung des S.es stützt
sich auf die alte Meinung, die Seele müsse
bei ihrem Scheiden aus dem Leib durch
Wasser gehen (s. Seele), weshalb man in
manchen Gegenden bei einem Todesfall
alles Wasser im Haus ausschüttet. Auch
empfängt man in den Ostseeländern am
Allerseelentag die Seelen in der Bade¬
stube, wo sie bewirtet werden und ein
Bad nehmen.
Unser Wort „Salbader“ (= Seelbader)
kann einen Arzt von einem Krankenhaus
bezeichnen (Kluge). Da aber „Bader“
auch häufig „der Badende“ bedeutet,
liegt für „Salbader“ die Deutung „der
im S. badende“ nahe. Bei den großen
S.ern geriet wohl mit der Zeit der eigent¬
liche Zweck, das fromme Gedenken des
Stifters, immer mehr in Vergessenheit
oder wurde wenigstens bei vielen ein
leeres Wortemachen. So kann „sal¬
badern“ zu der Bedeutung „viele und
unnütze Worte reden“, „Salbader“ zu
der Bedeutung „Schwätzer“ gekommen
sein.
Martin Badewesen 188ff.; Mitt. f. schles.
Vk. 21 (1919). 108ff. Mengis.
Seelenüberfahrt. 1. In einer ostfrie¬
sischen Sage wird von einem Unbekannten
in holländischer Kaufmannstracht ein
Fischer gedungen, um in der Nacht Seelen
nach der weißen Insel überzusetzen.
Sein Schiff, das die Wellen anfangs leicht
hin und her schaukeln, bewegt sich, so¬
bald der Vollmond erscheint, weniger
leicht und sinkt immer tiefer, so daß
schließlich das Wasser nur noch eine
Hand breit vom Rande entfernt ist. Der
Fährmann nimmt an, daß die Seelen jetzt
an Bord seien, und stößt ab, kann aber
von seinen Passagieren nichts wahr¬
nehmen als einige Nebelstreifen, die sich
hin und her bewegen, ohne eine bestimmte
Gestalt anzunehmen. Es handelt sich
hierbei um eine bei den verschiedensten
Völkern aller Zeiten verbreitete Vor¬
stellung 1 ), die im Seelenschiff der orien¬
talischen und griechischen Plastik be¬
sonders auch Amuletten ebenso begegnet
wie auf primitiven Kunstwerken der
Amerikaner oder als eines der frühesten
christlichen Symbole 2 ).
Der Zug oder die Fahrt der Toten oder
der Seelen, denen die Zwerge der zahl¬
reichen deutschen Sagen gleichzusetzen
sind 3 ), erfolgt überall da, wo ein Meer
oder Fluß den Horizont eines Volkes
begrenzt, über das Wasser, den Toten¬
strom, wobei alle die menschlichen Mittel,
ein Wasser zu überschreiten (Schwimmen,
Schiff, Brücke), wiederkehren 4 ). Der
Fluß — für die Primitiven ein starkes
Verkehrshindernis, weshalb auch ge¬
bannte Geister (s. Geisterbann) über
einen Fluß geführt werden (z. B. den
Rhein 5 )) — trennt die Unterwelt vom
Diesseits. Bei den Indogermanen dient
er vielfach zur Bewässerung der Unter¬
welt, so der Acheron der Griechen, und
auch bei den Germanen fließt vor der
Hel, wie vor der Walhalla ein Strom 6 ).
Nach griechischem Glauben setzt Charon
die Seelen in einem schmalen, zwei-
1569
rudrigen Boot in das Totenreich über,
wofür er ein Fährgeld erhält. Zu diesem
Zweck legte man dem Toten einen Obolos
in den Mund. Die Sitte, der Leiche eine
kleine Münze in den Mund zu legen, ur¬
sprünglich zur Ablösung des Gesamt¬
besitzes 7 ), dann als Fährgeld oder
Brückenzoll (s. u.) gedeutet, findet sich
auch bei Deutschen 8 ). Als Fährmann
der Seelen begegnet auch Wuotan, der
allein den Weg über den Totenstrom ins
Reich der Unterwelt weist 9 ). In nor¬
dischen Sagen bringt man die Leiche
auf ein Schiff, das man den Wogen und
dem Wind überläßt, anderwärts trifft
dieses Schicksal nur die vom Leib be¬
freiten Seelen 10 ).
Der vorzüglichste Totenstrom der Deut¬
schen ist der Rhein (schon Procop. bell,
goth. 4, 20), so daß die Redensart „Uber
den Rhein fahren“ so viel bedeutet wie
„sterben“ n ). Beliebte Übergangsstellen
sind Speyer und Köln 12 ). Vielleicht
hängt damit auch die in Meiderich nach¬
zuweisende Sitte zusammen, den Grab¬
hügeln die Form von Schiffen zu geben 13 ).
Auch der andere Grenzstrom Germaniens
(Tacitus, Germ. 1), die Donau, galt als
Totenstrom. Der Elfenfährmann des
Nibelungenlieds ist der Ferge der Toten 14 ).
Der Zwergkönig Cyrillis läßt sich mit
seiner Schar von einem Fischer bei
Langenberg über die Elster setzen. Bei
Audorf vernahmen die Leute nachts oft
den Ruf: Überfahren!, ohne daß der
Fährmann jemand am Ufer antraf.
Dasselbe wird von der Mosel berichtet 15 ).
Der Fährmann Beck zu Spichem in Thü¬
ringen erzählte von der Anmeldung un¬
zähliger Wichteln, von der Überfahrt
Perhtas mit den Heimchen bei Kaulsdorf
an der Saale und an der Elster bei
Köstriz 16 ).
Das Totenland ist in erster Linie die
Insel Brittia (Procop. bell. goth. 4, 20),
d. i. England, nach der Auffassung des
Volkes „Engelland“, das Reich der Seelen.
Fischer und Ackersleute, die am Ufer des
Festlandes, von altersher aller Abgaben
entbunden, wohnen, setzen die Toten
nach Brittia über. Trotz der schweren
Belastung (Tiefgang des Schiffes!) legen
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII.
sie den Weg, der sonst einen Tag und eine
Nacht benötigt, in einer Stunde zurück
(Schnelligkeit des Geisterschiffs, s. d.;
vgl. auch die Phaiaken der Odyssee).
Nach der Landung entleert sich der
Nachen sofort, wobei eine Stimme die
unsichtbaren Ankömmlinge nach Namen
und Vaterland fragt 17 ).
Nach weitverbreiteter Meinung erfolgt
die Überfahrt der Seelen auf Eierschalen 18 ).
Die Vorstellung, daß die Seele nach dem
Verlassen des Leibes ein Wasser passieren
müsse, hat sich nicht überall an ein be¬
stimmtes Gewässer geheftet. So bittet
in München der Geist eines Verstorbenen:
„Zeige mir den Weg zum nächsten Wasser,
ich muß hindurch, um an den Ort zur
gelangen, wo ich meine Ruhe habe“ 19 ).
In einem Beichtspiegel vom Jahre 1456
heißt es u. a.: „Also wenn die menschen
sterbend, so far die sei durch das wasser“.
Deshalb stellt man einem Kranken, der
sich durchgelegen hat, eine Schüssel
Wasser unter das Bett, ein sympathe¬
tisches Heilbad 20 ) und zugleich eine
Vorbereitung auf das bevorstehende Bad
im Totenstrom. So erklärt in manchen
Gegenden das Volk auch den katholischen
Brauch, Leiche und Sarg mit Weihwasser
zu besprengen, als Mittel, die Seele an
das kalte Wasser zu gewöhnen 21 ).
Nach älterer germanischer Vorstellung
sammeln sich die Seelen hinter den
Wolken. Durch die Wolkengewässer
also nimmt die Seele ihren Weg, wenn
sie von der Erde zurückkehrt 22 ). Im
Wolkenschiff (Regenschiff, vgl. das Mut¬
tergottesschiff) führt Holda die Seelen **).
Bei der Auffassung der Mondsichel im
ersten und letzten Viertel als Seelen¬
schiff war offenbar die Anschauung des
Aufgangs und Untergangs der Gestirne
als Verschwinden in einer jenseitigen
Welt ausschlaggebend 24 ).
*) ARw. 4 (1901), 3i4f.; Caesarius v, Hei¬
sterbach 147; Grimm Myth. 2, 6920.;
Hocker Volksglaube 232 t.; Kuhn Mythol.
Stud. 2, 68Ü.; Laistner Nebelsagen 118; Reu-
schel Volkskunde 2, 28; Franken-Warte 7
(1919), Nr. 26; Unoth 1(1868), 115. 2 ) Wundt
Mythus u. Religion r, 72. 159. 301. 3 ) Kuhn
Mythol. Stud. 2, 68h.; ZfrwVk. 1908, 277.
4 ) Dieterich Kl. Sehr. 315t. 5 ) Schell Ber-
gische Sagen 526 Nr. 69; 563 Nr. 47; Schmitz
50
Seelenvogel
Seelenvogel
1574
1571
1572
Eifel 2, 27. 6 ) Abt Apuleius 29f.; ARw. 4
(1901), 314t.; Cleraen Leben n. d. Tode 455.;
Grimm Myth. 2, 693t.; Kuhn Mythol. Stud.
2 , 685 . 7 ) Dieterich Kl. Sehr. 315L 8 ) Grimm
Myth. 2, 693h; 3, 441 Nr. 207. 9 ) ARw. 4
(1901), 3 r 9 f- 10 ) Grimm Myth. 2, 693f.
u ) ARw. 4 (1901), 321; Mannhardt Germ.
Mythen 361; Sepp Sagen 638 Nr. 173; ZfrwVk.
1908, 275. 12 ) ARw. 4 (1901), 314. 322 h;
Sepp Sagen 638 Nr. 173; ZfrwVk. 1908, 276.
13 ) ARw. 4 (1901), 317h. 14 ) Ebd. 317. 15 )
Sepp Sagen 638 Nr. 173. 16 ) Witzschel
Thüringen 107. 212. 17 ) ARw. 4 (1901), 319.
324; Grimm Myth. 2, 694h; Laistner Nebel¬
sagen 118; Tylor Cultur 2, 64. 18 ) Grimm
Myth. 3, 248. 19 ) ARw. 4 (1901), 325. 20 ) Roch-
holz Glaube 1, 173. Aus dem Munde kranker
Leute kriecht bisweilen während des Schlafes
die Seele und badet in einem Gewässer, wodurch
der Kranke gesund wird. Panzer Beitrag
2, 195*-; ZfVk. 18 (1908), 377. 2i) Rochholz
Glaube 1, 173L; Pfannenschmid Weihwasser
114; ZfVk. 18 (1908), 377. 22) ARw. 4 (1901),
3i4f.; Pfannenschmid Weihwasser 99; Use-
ner Kl. Sehr. 4, 395. 23 ) Mannhardt Germ.
Mythen 366 Anm.; Meyer Germ. Myth. 282.
24 ) Wundt Mythus u. Religion 2, 253.
2. Neben der Überfahrt zu Schiff
kennt der Volksglaube auch eine Brücke,
die über den Totenstrom ins Jenseits
führt. Der Geldzoll, den die Seelen bei
ihrem Beschreiten entrichten müssen,
erinnert an das Fährgeld, das der Toten¬
fährmann erhält 25 ). Nach altpersischer
Religion muß jede Seele die über die
Hölle ausgespannte Richterbrücke über¬
schreiten. Diese ist für die Guten breit
und bequem, für die Bösen aber eng und
haarscharf, so daß sie unrettbar in die
Hölle stürzen. Das spättalmudische
Judentum entnahm im 3. und 4. Jh.
diese auch den alten Indern bekannte
Darstellung dem Parsismus und brachte
sie mit dem messianischen Weltgericht
in Verbindung. Durch Vermittlung des
Judentums wurde dann der Islam mit
der Idee der Richterbrücke bekannt 26 ).
Auch die Germanen kannten eine Seelen¬
brücke 27 ). „Sterben“ heißt darum schon
altn. „Gehen auf der Gjallarbrücke“.
In einem nordenglischen Lied, das einst
bei der Totenwache gesungen wurde, ist
die Rede von einer Angstbrücke, die
nur die Breite eines Drahtes hat, und
über welche der Weg zur Unterwelt
führt 28 ). Vielfach wird die Milchstraße
als Seelenbrücke betrachtet (so schon ‘
bei den Griechen, z. B. Lukian Demosth.
encom. 50) 29 ). Diese heißt in Westfalen
auch Hilweg, Helweg und Heerstraße 30 ).
Auch der Regenbogen gilt vielfach als
Seelenbrücke 31 ).
Eine weitere Möglichkeit ins Jenseits
zu kommen besteht für die Seele in der
Überfahrt zu Wagen durch die Luft (wie
beim wütenden Heer, vgl. auch Geister¬
kutsche). Nach englischem Volksglauben
ist der mit einem weißen Tuch bedeckte
Wagen so mit Seelen beladen, daß die
Räder knarren 32 ).
25 ) Grimm Myth. 2, 696L 26 ) Scheftelo-
witz Altpersische Religion i8of. 27 ) Laistner
Nebelsagen 102. 178; Meyer Germ. Myth. 134;
Schröder Germanentum 35. 28 ) ARw. 4 (1901),
317L 29 ) Jeremias Relig.-Gesch. 235; Kuhn
Mythol. Stud. 2, 87. 30 ) Kulm Westfalen 2, 85.
31 ) Jeremias Relig.-Gesch. 235; Meyer Germ.
Myth. 134. 32 ) Grimm Myth. 2, 695 f. ; 3, 282.
Mengis.
Seelenvogel. Der Glaube an die Vogel¬
gestalt der Menschenseele ist gemein
indogermanisch, läßt sich aber auch in
China, Indonesien, Melanesien, Afrika
und Amerika belegen x ). Bei den Semang-
Pygmäen auf der Halbinsel Malakka tötet
der Mann, bei dessen Frau eine Emp¬
fängnis stattgefunden hat, einen Vogel
und gibt der Frau das Fleisch zu essen;
dadurch erhält der dem materiellen Da¬
sein nach dem Zeugungsakt entstammende
Foetus die Seele. Der getötete und ver¬
speiste S. enthält also oder ist die Seele
des Kindes, die von dem höchsten Wesen
Kari in Gestalt eines bestimmten Vogels
aus dem Himmel gesandt wird 2 ). Wie
im Glauben der Antike (bes. Hipponax
fr. 54 xprpj 82 vsxptüv a^eXos 82 xal
x 9 jpt>£) so gelten auch im deutschen
Volksglauben aller Zeiten die Vögel als
geisterhafte, prophetische Wesen, Todes¬
boten, d. h. als in Vogelgestalt erschei¬
nende Seelen von Abgeschiedenen, die
einen Überlebenden ins Totenreich nach¬
ziehen, abrufen 3 ). In Vogelgestalt ent¬
weicht die Seele aus dem Mund des
Sterbenden. Eine rotfigurige Amphora
Brit. Mus. E 477 zeigt den der sterben¬
den Prokris entfliehenden S. 4 ). Die
Seele Alexanders des Großen flog als
Adler zum Himmel (Kallisth. 3, 33), die
1573
des Peregrinus als Geier (Lukian Peregr.
39) 5 ). Auch nach der Vorstellung der
slavischen Völker entweicht die Seele
in Vogelgestalt aus dem Munde 6 ). Das¬
selbe kennt der deutsche Volksglaube 7 ).
Zu scheiden ist hiervon die in zahlreichen
Erzählungen des Altertums, des Mittel¬
alters und der Neuzeit anzutreffende An¬
schauung, daß ein Gestorbener mit Leib
und Seele zum Vogel wird und so auf
der Erde weiterlebt oder ein Lebender
zur Strafe in einen Vogel verwandelt
wird 8 ). Nach schlesischem Volksglauben
umflattern die Seelen der Kinder als Vögel
die Grabsteine auf den Friedhöfen, wie
überhaupt die an Allerseelen die Friedhof¬
kreuze umfliegenden Vögel für Seelen
gehalten werden. In manchen Gegenden
streuen zu Frühlingsanfang die Kinder den
Vögeln auch Brot als Opfer für die armen
Seelen (s. d.) 9 ). Auch die in Gruppen
und Scharen herumziehenden Seelen haben
nicht nur im griechischen Mythos (Od.
11,605; vor allem die stymphalischen
Vögel) 10 ) sondern auch im neueren Volks¬
glauben Vogelgestalt: so gelten Möven
im Bosporus als Seelen grausamer Schiffs¬
kapitäne, und König Abels Leute, die
demselben seinen Bruder Erich ermorden
halfen, nisten als Möven auf einer Insel
der Schlei bei Schleswig 11 ).
Der S. ist neben der Seelenschlange das
spezifische Seelentier (s. Seele). Für die
Antike hat die Forschung auszugehen von
den Sirenen (s. d.), die wesensgleich sind
mit den Harpyien, Keren, Strigen, Erinyen,
Stymphaliden u. a., Totengeistern, die
zu Dämonen mit speziellen Funktionen
geworden sind 12 ). Die oft stark betonte
phallische Natur in der bildlichen Dar¬
stellung dieser Dämonen 13 ) beweist das
grob erotische Wesen, das dem S. ur¬
sprünglich eignet. Besänftigt können die
Sirenen zu wohlwollenden (Euripides
Helena 165f.), ja lebenspendenden, dem
Kinde bei der Geburt die Seele ver¬
mittelnden Dämonen werden (Proklos
Comm. in Platon. Rem publ. p. 34, 18),
wie es ursprünglich die ihnen wesens¬
gleichen rptTOTraropsc und Eumeniden
(Aischylos. Eum. 835, 895, 904) waren u ).
Daneben aber sind die Sirenen wie die
ihnen verwandten Dämonen sowohl blut¬
saugende (s. a. Vampir) und buhlerische
Gespenster, wie auch Seelen gewaltsam
entführende Wesen, als die aus der Lite¬
ratur Keren, Erinyen und Harpyien be¬
kannt sind 15 ). In der darstellenden
Kunst ist der Typus des S.s eine Schöp¬
fung der Ägypter (Hieroglyphe für Seele:
Vögel, gewöhnlich mit Menschenkopf und
Händen) 16 ). Möglich, daß gewisse Raub¬
vögel, die als Leichenfresser (wie der
Wurm!) von selbst zu Inkarnationen der
Seele werden mußten, die Anregung dazu
bildeten 17 ). Jedoch kennt die ägyp¬
tische Kunst den Typus des entführenden
S.s nicht. Dieser ist vielmehr der grie¬
chischen Vorstellung eigentümlich. Am
gewaltsamsten entführt seine Opfer durch
die Luft der Dämon einer etruskisch¬
schwarzfigurigen, auf ostgriechische Vor¬
lagen zurückgehenden Vase (Berlin
2117) 18 ), während schon auf dem sog.
Harpyienmonument von Xanthos in Ly¬
kien (6. Jh.) das Rauben zum Geleiten,
zum schonenden Davontragen der Psyche
in das Schattenreich wird. Der Todes¬
engel löst den Todesdämon ab 19 ).
Auch in deutschen Volkssagen finden
sich Züge, die an diese Seelen raubenden
Dämonen erinnern. So streiten z. B. in
einer bergischen Sage ein schwarzer und
weißer Rabe um die Seele eines Sterben¬
den 20 ). Und wenn die Kaiserin Mathilde,
die einmal in Pöhlde gewohnt hat, immer
ihre Dienerinnen in den Wald schickte,
damit sie die Vögel fütterten, um der
Seele des Kaisers die Ruhe zu geben 21 ),
so ist das im Grunde ebenso eine Speisung
der Seelenvögel wie der vor allem aus
der Antike bekannte Brauch, der Seele
die zu ihrer Fortexistenz nötigen Spenden
und Opfer darzubringen.
Ganz evident ist die Seelennatur der
sog. „Heroenvögel“. Es sammelten sich
nämlich am Grabe Memnons alljährlich
zahllose Vögel, die Seelen seiner Ge¬
fährten und Gegner, die man direkt als
av-tyo/oi (Hesych. s. v.). Verwandlungs¬
form der Seele, bezeichnete, und kämpften
in den Lüften miteinander (Dionys, or-
nith. 1,6; s. a. Geisterschlacht). Das¬
selbe berichtet Pausanias 1, 32. 3 von
1575
Seelenvogel
1576
den gespenstischen Marathonkämpfern.
Nach eschatologischen Berichten haben
auch die Seelen im Jenseits Vogelgestalt.
Die Träume hausen in der Unterwelt
(Od. 24,12) und erscheinen als Seelen¬
wesen in Vogelgestalt oder werden we¬
nigstens fliegend gedacht (Verg. Aen.
6, 701 ff. 8930.). Daher deutet auch
Artemidor jeden im Traum gesehenen
Vogel auf einen Menschen (Oneirocr.
p. 110,24; 112,19; u. a.), und
alle Flugversuche im Traum verraten
das Bestreben der Seele, sich als S. zum
Elysium aufzuschwingen (ebd. 159,7;
160, 14. 20) 22 ).
Übernatürliche Wesen sind die Vögel,
denen menschliche Stimme zugeschrieben
wird oder deren Sprache begnadete
Menschen (Melampus, Teiresias, Sieg¬
fried) verstehen. Nach Plinius 10,126
haben die Diomedesvögel Jubas oculos
igneo calore; entsprechend sagt die Petrus¬
apokalypse § 7 von den Seligen: 4 gsp yezo
•yap airo etystuc GtüTüiv axtiv tjXiol» 23 ).
Und wenn Statius Silv. 2, 1.204 die
Seelen im Elysium mutae volucres nennt,
so fliegen nach Alexander von Myndos
(Aelian. nat. an. 3,23) die Störche im
Alter nach den seligen Inseln des Ozeans
und leben dort in Menschengestalt weiter.
Die altchristliche Kunst kennt eben¬
falls die S., die ihren Platz im Jenseits
unter Bäumen haben. Die Übernahme
dieses Symbols der Seele wurde zudem
erleichtert durch den Bericht von der
Taufe Christi (Matth. 3,16; Marc. 1,10;
Luc. 3, 22). In den Katakomben finden
sich zahlreiche Vogelbilder, die durch die
Beischrift anima innocens, anima simplex
oder des Namens des Verstorbenen ein¬
deutig als Seelensymbole gekennzeichnet
sind. Vor allem ist die Taube die Er¬
scheinungsform der sich beim Tode zum
Himmel aufschwingenden Seele (Pru-
dentius Peristeph. 3, i6if.), die Taube,
die bei Aelian nat. an. 10,33 in Ver¬
bindung mit den Moiren und Erinyen
(s. o.) genannt wird 24 ). Mittelalterliche
Predigten weisen zahlreiche Anspielungen
auf die Vogelgestalt der Seele auf, und
in mancher deutschen Volkssage ver¬
läßt die Seele des Gerechten den Körper
als weiße Taube, die des Verdammten
aber als Rabe 25 ). Auch als Hühner
zeigen sich die Seelen Verstorbener 26 ).
Eine weitere auch im Altertum sehr
beliebte Darstellungsform der Seele ist
der Schmetterling (s. d.). Bevorzugt
wird der dickleibige Nachtfalter mit
kleinen, weißen Flügeln (?dXatvot; Sym¬
bol der Unsterblichkeit) 27 ). Die älteste
griechische Vorstellung vom Seelen¬
schmetterling war die eines geflügelten
Phallos (Vasenbilder] cpdXotiva / cpa'XXatva
von cpaXXoc wie ösatva von öeoc, Xuxatva
von Xuxo;). Aus der Puppe (vsxuöaXoc)
entwickelt sich der Schmetterling, die
Seele aus dem Leichnam. Den besten
sprachlichen Beleg für den volkstüm¬
lichen Glauben an den Seelenschmetter¬
ling liefert das Wort <Jselbst, das
„Seele" und „Schmetterling, Falter" be¬
deutet (z. B. Aristoteles, hist. an. 5,
19. 5 ) 28 )- Auch der Volksglaube der
Gegenwart sieht im Schmetterling ein
Seelen wesen. So sagt man in Litauen,
wenn ein Nachtfalter um das Licht
flattert, es sterbe jemand, und die Seele
gehe von hinnen. Vesha heißt bei den
Slovenen „Irrlicht, Schmetterling und
Hexe". Auch im deutschen Sprachgebiet
kennt man den Seelenschmetterling. Diese
Vorstellung begegnet z. B. in der von
Hans Sachs gebrauchten Redensart „die
seel muß im gras umbhupfen". Wiesen¬
hüpfer, Wiesenhüpfer in bedeutet auch
Irrlicht 29 ). Als Schmetterling erscheint
der Alp, die Holden und Elben sowie
Hexen 30 ). Andere Insekten sind eben¬
falls Seelentiere, so vor allem die Biene
(schon im Altertum) 31 ), dann Mücke 32 ),
Hummel und Wespe 33 ).
J ) Ackermann Shakespeare 40; ARw. 7
(1904), 485; 16 (1913). 345^.; Baumgarten
Aus der Heimat 3, 105; Frazer Golden Bougk
3 . 33 f-; Grimm Myth. 2, 690; 3, 246; KL Sehr.
5 , 447 : Heer Altglarner Heidentum 28 Anm.;
Hertz Elsaß 257 {.; Werwolf 20; Hocker
Volksglaube 238; Hopf Tierorakel 48. 105.
241 f. ; Laistner Rätsel der Sphinx 2, 257;
v. d. Leyen Märchen 53; Lippert Kultur¬
völker 44; Mannhardt Germ. Mythen 298t.;
Mogk Germ. Mythologie 1006. 1026; Samter
Familienfeste 6 Anm. 1; Schade Ursula 70;
Schwebel Tod u. ewiges Leben i6ff.; Se-
billot Folk-Lore de France 3, 209; Unoth 1
(1868), in ff.; Weicker Seelenvogel 20ff.;
15 77
Seelen Wanderung
1578
Wundt Mythus u. Religion 1, 157ff.; ZfVk. 17
(1907), 470. 2 ) Schmidt Gottesidee 1, 293.
3 ) ARw. 16 (1913), 345h.; Grimm Myth.
2, 95 o; 3, 326; Kuhn u. Schwartz 436h
Nr. 306; Rochholz Schweizer sagen 1, 245;
Weicker Seelcnvogel 23h 4 ) Roscher
Lexikon 2, 1101; Weicker Seelenvogel i66f.
Fig. 86. 5 ) Stemplinger Aberglaube 59.
6 ) ZfVk. 13 (1903). 37 1 : J 4 (1904), 28. 7 ) Bir-
linger Volksth. 1, 507; Golther Mythologie
81 f.; Wackernagel Epea 40 h.; ARw. 16
(1913), 345ff. 8 ) Wackernagel Epea 40h
9 ) Drechsler i, 310; Mitt. f. schles. Vk. 10
{1908), iof.; Sepp Religion 4070. 10 ) Weicker
Seelenvogel 21.32.45. 41 ) ARw. 16 (1913),
337f.; Mülienhoff Sagen 137; Wackernagel
Epea 42; ZfVk. 15 (1905), 2. 12 ) ARw. 16 (1913),
33öff. 387; Weicker Seelenvogel 1. 13 ) Z. B.
Amphora Wien Nr. 318b; Weicker Seelen¬
vogel 123 Fig. 48. 14 ) Weicker Seelenvogel 50.
59. 15 ) Ebd. iff.; Rohde Psyche 2, 219;
ARw. 16 (1913), 337 *-: ZfVk. 15 (1905), 3 -
J6 ) Liebrecht Gervasius 263; Weicker
Seelenvogel 85h. 17 ) ARw. 16 (1913), 337!.
18 ) Roscher Mythol. Lexikon 2, 1847 Fig. 1;
Weicker Seelenvogel 6 Fig. 1. 19 ) Weicker
7 Fig. 4. 20 ) Schell Berg. Sagen 426 Nr.
15. 2l ) Pröhle Harzsagen 186, vgl. 292;
Sartori Totenspeisung 63f.; ZfVk. 15 (1905),
9. 22 ) Weicker Seelenvogel 23. 23 ) Die¬
terich Nekyia 38; Weicker Seelenvogel 25.
24 ) ARw. 16 (1913). 345 tf- 387t-: Grimm
Myth. 2, 691; Weicker Seelenvogel 26. 25 )
Baumgarten Aus der Heimat 2, 107; Böckel
Volkssage 112; Grimm Myth. 2, 691; Groh-
mann Aberglaube 194; Kühnau Sagen 1,63;
3, 172h; Meiche Sagen 484 Nr. 628. 550;
Ranke Sagen 24; Schönwerth Oberpfalz
1, 115; Wackernagel Epea 39ff.; Wuttke
483 § 770; Mitt. f. schles. Vk. 7 (1908), 19. Heft,
17. 26 ) Birlinger Volksth. i, 502. 27 ) Immisch
Glotta 6, 193ff. 28 ) ARw. 16 (1913), 3820.;
Grimm Myth. 2, 692; 3, 246t.; Güntert
Kalypso 2i8ff. 29 ) Grimm Myth. 2, 692. 30 )
Grimm Myth. 2, 905; 3, 246; Grohmann
Sagen 242; Maas Mistral 15; Vonbun Bei¬
träge 83. 31 ) Weicker Seelenvogel 29L; Witt- I
stock Siebenbürgen 60. 32 ) Sartori Toten¬
speisung 44; Wittstock Siebenbürgen 61.
33 ) Vonbun Beiträge 83. Mengis.
Seelen Wanderung *). Die S. ist eine
Anschauungsform ursprünglichen, pri¬
mitiven Denkens, dem ein Neuentstehen,
ein Neugeborenwerden unfaßbar ist. Die
präexistente Seele (s. d.) kommt von
der Erde und geht wieder dahin zurück,
um von da immer wieder zur Geburt aus¬
zufahren. Daher pflegen manche Völker
kleine Kinder, die vor einem gewissen
Alter gestorben sind, in der Erde zu be¬
statten, auch wenn sonst die Verbrennung
der Toten üblich ist. Es wird eben nach¬
weisbar die baldige Wiedergeburt aus
dem Schoß der Erde erwartet. Damit
aber die Seele ein volles, den Tod über¬
dauerndes Leben habe, kann sie die Ver¬
bindung mit einem neuen Leib nicht
entbehren 2 ). Neben dem Glauben an
die Wiedergeburt der Seele findet sich
sehr häufig auch die Vorstellung einer
Verkörperung der Seele in Tieren oder
Pflanzen. So wird das Motiv der Tier-
verwandlung der Seele (s. d.) als Strafe
konsequent zu Ende geführt 3 ).
Während bei Primitiven die Vorstellung
von der S. volkstümliche Formen be¬
halten hat 4 ), wurde sie von den Indern
zuerst planmäßig durchgebildet 5 ). Nach
orphisch-pythagoreischer, vielleicht auf
altem Volksglauben beruhender Lehre
muß die durch die Geburt sündig ge¬
wordene Seele nach Ablauf von 1000 Jah¬
ren nach dem leiblichen Tode noch neun¬
mal in andere Leiber übergehen und sich
vor jeder Wiedergeburt wiederum 1000
Jahre der Läuterung unterziehen. Dabei
kann sie jeweils den Körper selbst
wählen: wählt sie schlecht, so kann sie
eine Tier- oder Pflanzenseele werden.
Erst wenn sie den großen Kreislauf von
10000 Jahren (Tpö^o; ^svsasüK,
örph. Frg. 226) beendet hat, kehrt sie
frei in ihren Ursprung, den Äther, zu
den Göttern zurück 6 ). Ob die Ger¬
manen eine S. in diesem Sinn gekannt
haben, ist strittig. Appian nennt zwar
(wohl nach Asinius PoÜio) die Germanen
ikxvatou xaxotcppovyjTal 5t’ eXtuögc avaßuoasüK,
überträgt dabei aber wohl griechisch-
römische Vorstellungen auf die Ger¬
manen 7 ), wie es im Mittelalter auch der
Hexenglaube tut (vgl. z. B. die Quaestio
de strigis des Jordanes de Bergamo, um
1460) 8 ). Auch die Tiergestalten der
Seele (s. d.) und der Totengeister (s.
Geist) haben mit der S. nichts zu tun.
Dagegen kannten die Germanen die Vor¬
stellung von der Tierverwandlung der
Seele als Strafe. Ist doch nach deutschem
Volksglauben der Kuckuck ein ver¬
wünschter Bäckersknecht, der den armen
Leuten Teig stahl. Wie diese Verwand¬
lung so erinnern die, welche man sich
auch von Kiebitz, Eule und Wiedehopf
Seemännchen—Seerose
See schlänge—Segen
1582
erzählt, an die griechischen Sagen von
Tereus, Philomele und Prokne 9 ). Eben¬
falls eng berührt sich mit dem Glauben an
eine S. die alte Sitte, Neugeborenen den
vollen und unveränderten Namen (s. d.)
eines verstorbenen Verwandten, besonders
des Vaters, zu geben. Mit dem Namen
lebt dann auch die Seele des Verstorbenen
in dem Kind weiter. So wurde Pipin
d. Kl. nach seinem eben gestorbenen Gro߬
vater Pipin v. Heristal benannt, Karl der
Große nach Karl Marteil u. a. Bezeich¬
nende Beispiele kennt besonders die nor¬
dische Sagaliteratur: der längst verstor¬
bene König Olaf Geirstadaälfr erscheint
einem Mann im Tjaum und befiehlt ihm,
aus seinem Grabhügel Waffen und einen
Gürtel zu nehmen und diesen der schwan¬
geren Fürstin Asta in den Wehestunden
umzulegen, dafür aber sich die Namen¬
gebung auszubedingen. Das Kind war
Olaf der Heilige. In Nord- und West¬
norwegen ist die sog. Opkaldelse, die
nach manchen in der Wikingerzeit mit
dem Glauben an eine S. aus der Fremde
eingeführte Sitte, Kinder nach Verstor¬
benen zu benennen, noch heute üblich.
Regelmäßig erhalten Kinder den Namen
ihrer verstorbenen Geschwister. Erst seit
Einführung des Christentums wird auch
der Name eines noch lebenden Ange¬
hörigen verwendet. Sehr bezeichnend ist
endlich folgende norwegische Sitte:
Träumt eine schwangere Frau von einem
Verstorbenen, so glaubt man, dieser suche
einen Namensvetter, und das Kind muß
nach ihm getauft werden. Ist der Tote
ein Mann, das Kind aber ein Mädchen, so
muß man von dem männlichen Namen
einen weiblichen bilden (und umgekehrt),
woher so viele unschöne Namen kommen
wie Larsine, Andersine usw. 10 ). Auch
Spuren eines Glaubens an die Präexistenz
der Seele finden sich im deutschen Volks¬
glauben, wenn man sagt, daß die Seelen
der ungeborenen Kinder in Bäumen und
Teichen, unter der Erde in Felsen und
Quellen verborgen ihrer Zeit harren u ).
l ) Bischoff Jenseits der Seele 145t. 258; Kabba-
lah i, 238; Frazer Golden Bough 12, 500; Tote -
mism 4, 374; Gennep Rites de passage 231 ff.;
Hartland Primitive Paternity 1, 2460.; Nils-
son Primitive Religion 60; Norden Aeneis VI
16 ff. 303 ff.; Roh de Kl. Sehr. 2, 472; Schindler
Aberglaube 26; Schmidt Gottesidee 1, 20; Sim-
rock Mythologie 635; Tylor Cultur 2, 468; ZfVk.
13 (1903), 369. 2 ) Cie men Leben nach dem Tode
25f.; Dieterich Mutter Erde (1925) 31. 33. 56;
Kl. Sehr. 93H 315. 471; Rohde Psyche 2, 133t.
3 ) Hovorka-Kronfeld 1, 179; Jeremias
Relig. Gesch. 206; Wundt Mythus u. Religion
2, 207. 220; 3, 396h 4 ) Frazer Totemism
3, 297; Gennep Rites de passage 75f.; Jere¬
mias Relig.-Gesch. 206; Tylor Cultur 2, 2ff.;
Wilutzky Recht 1, 63; Urquell 4 (1893). 96.
6 ) Crooke Northern India 333t.; Grimm
Rechtsaltertümer 1, XV; Jeremias Relig.
Gesch. 167; Wundt Mythus u. Religion 3, 396f.
«) ARw. 4 (1901), 250«.; 7 (1904), 518; 17
(1914), 5i3ff.; Dieterich Kl. Sehr. 471; Ne-
kyia 88. H7ff. 144. 156f.; Eisler Weltenmantel
u. Himmelszelt 2, 502 ff.; Grimm Myth. 3, 247;
Norden Aeneis VI i6ff.; Rohde Psyche
2, 31. 122f. 129. 134h 163. 386; Samter Relig.
der Griechen 82. 7 ) Pfannenschmid Ernte¬
feste 432; Mitt. f. schles. Vk. 1 (1896), 34 f.
g ) Hansen Hexenwahn 196. 9 ) Grimm Rechts¬
altertümer 1, XV; Meyer Relig. Gesch. 85;
Pfannenschmid Erntefeste 432; Schönwerth
Oberpfalz 3, 107 Nr. 2; Wuttke 476 § 760.
I0 ) Mitt. i. schles. Vk. 1 (1896), 34f.;ZfVk. 7
(1897), 3i8f. n ) Dieterich Kl. Sehr. 471.
Mengis.
Seemännchen s. Meergeister.
Seerose (Mummel, Nixenblume, Wasser¬
rose; Nymphaea alba).
1. Die weisse S. hat große, schildför¬
mige, auf dem Wasser schwimmende
Blätter und weiße Blüten. Die nah ver¬
wandte gelbe S. (Nuphar luteum) blüht
gelb. Beide Arten sind in stehenden
und langsam fließenden Gewässern nicht
selten x ).
*) Marz eil Kräuterbuch 406. 408.
2. Die S.n stehen mit den Wasser¬
geistern (Nixen) in Verbindung, sie sind
die Geister Ertrunkener 2 ). Der Name
,,Mummel, Mümmelchen“ weist auf die
Wassermuhme (in Westfalen: Water-
möme), ein geisterhaftes Wesen, hin. Der
Mummelsee (Schwarzwald) ist von Nixen
bewohnt 3 ). Schon Dioskurides leitet
den Namen vupepettot von den wasser¬
bewohnenden Nymphen ab 4 ). Nach einer
Wolliner Sage sind die S.n Fischerseelen 5 ).
Die S. gehört dem Wassergeist Kühlebom,
daher ist es gefährlich sie zu brechen;
wer dies unternehmen will, soll vorher den
Geist um Erlaubnis bitten, sonst wird man
von unsichtbarer Hand in die Tiefe ge¬
zogen 6 ). In der toten Kinzig bei Hanau
1581
(einem Arm der Kinzig, der keinen Ab¬
fluß hat) sollen so viel Blätter der gelben
S. sein, als Menschen in der Kinzig er¬
trunken sind 7 ). Damit hängt wohl auch
der Glaube zusammen, daß man die S.n
nicht ins Haus bringen soll, sonst sterbe
einer der Inwohner 8 ) oder das Vieh 9 ).
S.n bringt man in Braunsberg (Ostpr.)
auf die Kirchhöfe 10 ). Z. T. hat das Verbot,
S.n zu pflücken, wohl darin seinen Grund,
weil dabei öfters Bootsunfälle Vorkom¬
men u ). Die Blüte der weißen S. soll man
niemanden schenken, da sie Unheil
bringt 12 ). Die gelben S.n soll man nicht
brechen, denn wo sie wachsen, hat das
Wetter ins Wasser geschlagen 13 ).
2 ) Wuttke 104 § 133; Herzog Schweizer¬
sagen 2, iii . 113; Lohmeyer Saarbrücken 28;
Gräber Kärnten 3; Meie he Sagen 367 Nr. 484;
631 Nr. 776; Grohmann Sagen 147; Schulen¬
burg Wend. Volkstum 53. 3 ) Grimm Myth.
2, 405.545; 3,142; Simrock Mythologie 498.
4 ) Mat. med. 3, 132. 5 ) Hempler Psychol. d.
Volksglaub. 1930, 48. s ) Schell Bergische
Sagen 278; Montanus D. Vorzeit usw. 1 (1870),
228; ähnlich Bartsch Mecklenburg 2, 192.
7 ) Zaunert Hessen-Nassauische Sagen 1929,
55. 8 )Haas Rügensche Sagen 1891,154; Vecken-
stedts Zs. 3, 233 (polnisch). 9 ) Treichel
Westpreußen 2, 203; Temme Pommern 346.
10 ) Treichel a. a. O. 10, 467. n ) Hempler
Psychol. d. Volksglaub. 1930, 48. 12 ) Alt¬
richter u. Schnarf Volkst. Pflanzennamen d.
Iglauer Sprachinsel (S. A. aus ,,Heimatspiegel)
19 2 9 , 5 - 13 ) ZfVk. 11, 226.
3. Bei den antiken Ärzten galt die S.
als ein antaphrodisisches Mittel. Sie
ist wirksam gegen Samenerguß (Priapis¬
mus) und bewirkt das Schlaffwerden des
männlichen Gliedes 14 ). Marcellus Em-
piricus 15 ) schreibt: „Herba est, quae
Graece nymphaea, Latine clava Herculis,
Gallice baditis appellatur; eius radix
contunditur et ex aceto edenda daturpuero
per continuos decem dies, mirandum in
modum fiet eunuchus“. Der Glaube hat
sich durch die alten deutschen Kräuter¬
bücher fortgepflanzt 16 ). In Frankreich
sagt man von jemanden, der sexuell wenig
aktiv ist: ,,il a bu de l'eau de volet
(= S.)“ 17 ). Die Mönche des Klosters
Tegernsee (Oberbayem) hatten als Zöli-
batäre die S. im Wappen 18 ), vielleicht
spielt aber dieses Pflanzenwappen nur auf
das Kloster am See an. Der gelehrt¬
magischen Medizin gehört es zunächst an,
daß die im Schatten getrocknete Wurzel
der S., an das Bett gehängt,den Krampf
vertreibe 19 ). Auch dieses Mittel ist in die
Volksmedizin übergegangen. In St. Gallen
legt man den S.n wurzelstock unter das
Bett, dann ist man vor dem Krampf
sicher; die Pflanze heißt dort daher auch
„ Krampfworzel'‘ 20 ). Nach einem west¬
preußischen Glauben soll die S. Krätze
verursachen 21 ), vielleicht nur ein Schreck¬
mittel, damit sie nicht gepflückt wird.
14 ) Dioskurides Mat. med. 3, 132;
Alexander v. Tralles ed. Puschmann 2,
500. 15 ) De medicamentis ed. Helmreich 33,
63. 16 ) Z. B. Me genberg Buch der Natur
ed. Pfeiffer 411: „sie krenkt der unkäusch
gir". 17 ) Rolland Flore pop. 1, 155. 18 )
Höfler Kelten 267, vgl. auch Schmeller Bay -
Wb. 2,201. 19 ) Schröder Apotheke 1763, 1077;
Seitz Trost der Armen 1715, 128. 20 ) Wart¬
mann St. Gallen 51 f., ebenso Schramek
Böhmerwald 262. 21 ) Hempler Psychol. d.
Volksglaubens 1930, 48. Marzeil.
Seeschlange s. Nachtrag.
Sefenbaum s. Sadebaum.
Seezunge, Sohle (Solea vulgaris). Die
volksmedizinische Verwendung bei Milz¬
erkrankungen, die Jühling ( Tiere 32)
nach Gesner {Fischbuch 55) erwähnt, ist
schon antik (Plinius N.H. 32, 102).
Hoffmann-Krayer.
Segen (s. auch Beschwörung, Be¬
sprechen , Zauberspruch).
1. Wort, Begriff und Umfang. 2. Chronolo¬
gisches und Urkundliches. 3( — 6). Formen.
4. Aufbau der „Erzählung". 5. Sonderformen
der „Erzählung". 6. Deutsch und Lateinisch.
Poetisch und Prosaisch. 7. Inhalt und Zweck.
8. Die Antike als Quelle. 9( — 12). Das Christen¬
tum als Quelle. 10. Kirchlicher und legen¬
darischer Inhalt. 11. Verfasser und Sinn christ¬
licher Segen. 12. Das Christusbild der volks¬
tümlichen Segen. I3(—16). Deutsches Heiden¬
tum als Quelle. 14. Heidnische Namen und
Vorstellungen. 15. Heidnisches in Form und
Stil. 16. Heidnisches im Inhalt (Wortlaut).
17. Literatur.
1. Wort, Begriff und Umfang.
Das deutsche Wort S. entspricht dem
lateinischen signuni (sc. crucis); da es
aber Masc. ist und in den übrigen germ.
Sprachen teils nicht vorkommt, teils (alt-
engl.) andere Bedeutung hat, ist wohl
das deutsche S. nicht als direkt aus
! signum abgeleitet, sondern mit Grimm
1583
1584
und Kluge l ) als Neubildung zum Verbum tage tritt (vgl. Grimm: „christlicher und
segnen (ahd. seganön), einer Verdeut- nicht-christlicher Art“), z. B. die meisten
schung des lat. signare (cruce), aufzu- Sprüchlein gegen Warzen, Hühneraugen
fassen. u. dgl. Selbst bösartigen Sprüchen gegen-
Außer den uns hier nicht berührenden über ist eine scharfe Abgrenzung wohl
kirchlichen u. a. Bedeutungen hat das unmöglich; oft nehmen sogar Unglück
Wort eine für den Aberglauben wichtige bezweckende Sprüche den Namen S. in
Verwendung; es bedeutet nämlich auch Anspruch, z. B. „Diebss.“, und werden
einen fest formulierten Spruch oder Text von den Verwendern als gottesgefällig
(gesprochen oder geschrieben), dem eine verteidigt („mein“ Feind ist auch Gottes
übernatürliche Kraft beigelegt wird. Der Feind); sie können denn auch ganz nach
Sprachgebrauch der Forscher ist hier üblichem S.sschema verfaßt sein, z. B.
verschieden. So umfaßt „Segen“ nach können Verfluchungen aus Zitaten davi-
Hoffmann, Mone, Martin Müller, Ehris- discher Psalmen bestehen und, wie die
mann 2 ) allein die (Übel) vorbeugenden S. allgemein, im Namen der Dreieinigkeit
Sprüche, nicht auch die abhelfenden. schließen. Natürlich gibt es eine äußerste
Nach Rieh. Meyer 3 ) bezwecken „S.“ (u. Grenze, die absolute und bewußte Bös-
Flüche) etwas Allgemeines, Zauber- artigkeit wie der Teufelspakt, wo niemand
Sprüche etwas Einzelnes. Wir schließen den Ausdruck S. gebrauchen wird,
uns hier prinzipiell J. Grimms umfas- Kirche. Die S. gehören als außer-
sender Definition 4 ) an; ihm sind die S. kirchlich, der Kirche mißliebig oder gar
„Formeln im außerkirchlichen Gebrauch, von ihr verboten, dem Aberglauben an.
christlicher und nicht-christlicher Art, Geschichtlich ist diese Grenze etwas
denen eine übernatürliche Wirkung und fließend gewesen, nicht bloß in der kirch-
zwar meist schützender, heilsamer Art liehen, sondern auch in der volkstüm-
zugeschrieben wird“, „incantamentum et liehen Praxis, da nicht selten kirchliche
adjuratio magica“. Diese Definition Gebete, Teufelsbeschwörungen, Kirchen-
dürfte auch dem volkstümlichen Sprach- Symbole und -lieder in den Schwarz¬
gebrauch entsprechen. Wir bestimmen, büchern und im mündlichen Gebrauch
hierauf fußend, in Kürze die Abgrenzungen der klugen Leute Aufnahme fanden,
gegenüber anderen Gebieten. Kunstmagie. Die S. sind uns ein
Religion. Als Mittel des Aberglaubens relativ volkstümlicher Begriff: alle Be-
unterscheiden sich die S. *—• wie das schwörungen oder Formeln, die der syste-
Zauberwort 5 ) überhaupt — durch die matischen, astrologischen, dämonologi-
(angenommene) zwangsmäßige Art ihres sehen gelehrten Magie entsprungen sind,
Wirkens von dem religiösen Worte, bei schließen wir aus. Ebenso die „Formeln“
dem sich Geist an Geist wendet. Ein im engeren Sinn, d. h. die sinnlosen,
formeller Unterschied wäre damit gegeben, bzw. längst sinnlos gewordenen Wort-
daß im eigentlichen S. der Leidende, im re- oder Buchstabenreihen,
ligiösen Gebet die Gottheit angeredet Mit diesen Beschränkungen nehmen
wird. Den Begriff der S. umgibt dennoch wir die S. als Gesamtbenennung der in
von Anfang an die (jüdische und) christliche der christlichen Welt üblichen aber-
Atmosphäre (benedictio, signum crucis). gläubischen Sprüche. Streng genommen
Sprüche, deren Inhalt ausgesprochen un- ist zwar noch ein Gebiet abzugrenzen,
christlich ist, sind keine „S.“; so heißt es nämlich die Beschwörung (s. d.).
gew. „Merseburger Sprüche“, weil der Beschwörun g (con-, adjuratio, exoreis¬
erne von diesen heidnische Namen enthält, mus; das Wort Beschwörung ist ahd. nicht
aber „Trierer S.“ (trotz der Überschrift belegt) unterscheidet sich vom S. prinzi-
incantatio ), weil hier Christus auftritt. — piell durch das Objekt. Beschwörung ist
Dagegen nennt man gewöhnlich auch Anrede an ein dämonisches Wesen, S. An-
solche, neutrale Sprüche S., in denen ein rede an einen Leidenden oder dem Leiden
christlicher Charakter nicht positiv zu- Ausgesetzten. Man beschwört einen Geist,
Segen
1586
1585
den Teufel (im Heidentum auch die I Vorstellungen ihrer Urheber Ausdruck.
Götter), eine Krankheit, eine Zauber¬
pflanze, die Geliebte. Man segnet den
Abreisenden, den Kranken, auch das
kranke Glied. (Vgl. oben die entspre¬
chende formelle Grenze zwischen S. und
Gebet). Der Sprachgebrauch wirft jedoch
von Alters her die beiden Benennungen
zusammen, was dadurch gefördert sein
mag, daß oft ein und derselbe Text zu¬
gleich segnende und beschwörende Ele¬
mente enthält. Einige wenige Zitate aus
früher Zeit mögen hier den Gebrauch der
Wörter S., segnen als gleichdeutig mit
Beschwörung darlegen. Im 11. Jh. sagt
der Straßburger Bluts. 6 ): „ter heiligo
Tumbo uersegene tiusa uunda“, im
12. der Bamberger 7 ): „ich besuere
dich... heil sis tu wunde“. Um 1200
heißt es im Münchener Ausfahrtsegen 8 ):
„min suert eine wil ich von dem segen scei-
den“ (dieser „Segen“ war aber eine Be¬
schwörung der Waffen der Feinde). Im
16. Jh. bei Hans Sachs 9 ): „Ich bschwur
es (ein Tier) mit eim guten segn“. Um
1200 gar in malam partem: „von des
fluoches segene“, d. h. die Fluch¬
formel 10 ). — (Für „Beschwörung" in
streng formalem Sinne gebrauchen wir
im Folgenden die Benennung „Be¬
sprechung“, s. § 3). Und in der Folge
dieses Artikels „Segen“ fassen wir dann,
auch aus rein praktischen Gründen,
dieses Wort in der weitest möglichen
Bedeutung.
Das Formelmäßige haftet zwar den
Segen an — ihre Wirkung denkt man sich
an buchstäblich genaue Zitierung ge¬
bunden —; aber nfeben dieser magisch¬
mechanischen Auffassung läuft im Volke
doch immer eine geistigere: die Wirkung
setzt auch eine seelische Kraft oder einen
starken Glauben des S.Sprechers voraus;
und der Inhalt kann sich (auch trotz
etwaiger Textverderbung) mehr oder
weniger dem Bewußtsein geltend machen.
Letzteres hängt mit dem Ursprung der
S. zusammen; von Anfang an waren sie
(von den bloßen Buchstabenformeln u. ä.
abgesehen) durchgehends keine toten Re¬
miniszenzen, sondern gaben metaphysi¬
schen, medizinischen, psychologischen u.a.
Eben diese historische Betrachtung gibt
den S. ihr Interesse für die Geisteskultur.
Stofflich sind sie vielfach Zeugen eines
Lebens, obschon sie selbst dem Toten¬
reich des formelhaft Magischen verfielen.
Etwas anders liegt wieder die Sache,
wenn z. B. ein religiös noch immer leben¬
diger Text abergläubisch verwendet wird
(Gebrauch des Vaterunsers).
x ) DWb. io. 1, 100; Kluge Et. Wb. 1 * 448.
2 ) Belege bei Müller Stilform 3 f. ; Ehrismann
Gesch. d. deutsch. Lit. bis 2. Ausgang desMA.s 1
(1918), 53. 3 ) Meyer Religgesch. 138. 4 ) DWb.
X 1, 104. 5 ) de Boor in Merker-Stammlers
Reallexikon d. d. Literatur gesch. 3, 512. 6 ) MSD.
1, 18 Nr. 6. 7 ) AfdA. 15, 216. 8 ) MSD. 1, 182.
8 ) H. Sachs hrsg. von A. Keller 5 (Bibi, des
lit. Vereins CVI), 295. 10 ) Diemer Gedichte
des 11. u. 12. Jh.s 72 Z. 2.
2. Chronologisches und Urkund¬
liches. Die ältesten bisher bekannten
Aufzeichnungen in deutscher Sprache
sind zwei aus dem 9. Jh., nämlich die
Beschwörung „Gang uz Nesso“ und der
Wiener Hundes. 11 ). Es ist überall
zu erinnern, daß ein Spruch älter sein
kann als die erste uns vorliegende Auf¬
zeichnung desselben. Aus dem 10. Jh.
sind wohl 6 Nummern bekannt, unter
ihnen die beiden Merseburger Sprüche, s. d.,
der Trierer (Pferde-)Segen, s. d., und der
Lorscher Bienens., s. Bienens. Weiter
aus dem 11. Jh. etwa 10, aus dem 12.
mindestens 25 Nummern, verhältnis¬
mäßig wenige aus dem 13. (ungef. 10?),
dann aus der Zeit von etwa 1400 an bis
zur Gegenwart eine große Fülle 12 ). — S. in
lateinischer Sprache in schon lange auf
deutschem Boden befindlichen Hand¬
schriften finden sich datierend vom 9. Jh.
an (aus dem 9. Jh. mehr als dreißig). In
einigen Fällen gibt sich bei lateinischen
S. die Mitwirkung eines Deutschen zu er¬
kennen; z. B. sind in einem Texte des
alten Dreiengelsegens, s. d., die Krank¬
heitsnamen deutsch: Troppho , Stechido ,
Gegihte usw. 13 ).
Was die übrigen germanischen Völker
betrifft, so stammen die urnordischen,
rein heidnischen, teilweise magisch ge¬
prägten Runeninschriften aus sehr alten
Zeiten, die aller ältesten, wie man an-
1587
Segen
Segen
1590
1588
nimmt, schon aus der Zeit um 300 nach
Chr. (ungefähr aus derselben Zeit wie die
ältesten erhaltenen griechischen magischen
Papyri); die alt(west)nordische Lite¬
ratur, entstanden etwa vom 9. Jh. an,
erwähnt recht häufig Zaubersprüche, gibt
aber sehr wenige Texte. Die meisten
altenglischen Beschwörungen sind
ums Jahr 1000 auf ge zeichnet. Die spätere
nordische und englische literarische
S.stradition liefert uns von c. 1300 an
Belege.
Die Urkunden aus Deutschlands
Mittelalter finden sich meistens in Hand¬
schriften religiösen oder theologischen,
sowie auch medizinischen Inhalts; manch¬
mal sind sie auf einen leeren Raum von
späterer Hand eingetragen (so stehen
z. B. die Merseburger Sprüche auf einem
Vorsatzblatte einer um ein Jh. älteren
Hschr. hauptsächlich liturgischen In¬
halts). — Nach der Reformationszeit er¬
öffnen sich andere Quellen, teils Arznei-
und Schwarzbücher von Nicht-Geist¬
lichen geschrieben, teils Zitate in den
Gerichtsprotokollen („Hexenprozessen“).
Aber sogar im 17. und 18. Jh. wurden
auch noch abergläubische kirchliche,
private Benediktions- und Konjurations-
sammlungen (besonders der katholischen
Ordensgeistlichen) gedruckt 14 ). In der
Neuzeit, wo die soziale Verschiebung des
Besegnens von der Geistlichkeit über
Adel und Bürgerschaft in die Unter¬
schicht allein (haupts. die ländliche) voll¬
zogen ist, stehen allerdings S. den
Sammlern massenhaft zu Gebot, aber
die Tradition ist zum Teil erstarrt durch
die gedruckten Sammlungen mit häufig
schlechter, verwilderter Form der S.s-
texte (s. Zauberbücher). *— Schon von
der ältesten Zeit an spielte die schrift¬
liche Fixierung bei den S. eine so große
Rolle — was mit dem Gewicht, das hier
auf die wörtlich genaue Wiedergabe ge¬
legt wurde, zusammenhängt, •— daß die¬
selben durchaus nicht zur rein münd¬
lichen Volksüberlieferung zu rechnen
sind.
u ) MSD. i, 17 Nr. 5 B 11. 3. 12 ) Romania
I 7 * 343 fr 13 ) ZfdA. 22, 246 u. ö. 14 ) Franz
Benediktionen 2, 585. 648.
Eine Einteilung der S. läßt sich von
drei verschiedenen Gesichtspunkten aus
durchführen: Form (§ 3—6), Inhalt,
Zweck (§ 7).
3. Formen. Ein S. enthält normal
sowohl subjektive als objektive Elemente,
oft in intimer Verflechtung. Subjektiv
ist die Willensäußerung des Segners,
objektiv ist die Erwähnung solcher
Tatsachen, die für den Fall in Betracht
kommen. „Blut, du sollst stille stehen
(subj.), wie das Wasser im Jordan stand
(obj.)“. „Dat sali vergahn (subj.) as de
Dau in’t Gras (obj.)“ 15 ). D.as subjektive
Element muß, jedenfalls latent, in jedem
S. vorhanden sein.
Die Sonderform, in der sich das sub¬
jektive Element direkt zu erkennen gibt,
ist die Besprechung (oder Beschwörung
im strengeren Sinn vgl. Sp. 1584 t.), die An¬
rede des Ich des Segners an das Du des
Übels. Die Formen des Verbs sind hier
Präsens, Futurum oder Imperativ („ich
gebiete“; „du sollst weichen“; „ver¬
schwinde“, vgl. 1, m8ff.). Aber auch
diese Form des S.s ist normal mit objek¬
tivem Stoff durchsetzt, zieht aus diesem
Kraft und Zuversicht. Unter den ob¬
jektiven Formen sind hervorzuheben:
Das Herrechnen,’ die „Erzählung“, der
rituelle Spruch (Ritusanzeige); endlich
der Vergleich. Das Herrechnen (die
magisch umsichtige Aufzählung) gilt be¬
sonders den Äußerungsformen des Übels
oder der hilfskräftigen Mächte (auch
weil das Aussprechen des Namens Macht
über dessen Träger verleiht): „(Ich be¬
schwöre dich) ridtt, gesüecht, krampff
vnd gegiecht... bei dem mon vnd bei
der sunnen vnd bei der hailigen Wand¬
lung“ 16 ). In der „Erzählung“ (Dar¬
stellung) erscheint das Verb (von mit¬
geteilten Gesprächen abgesehen) gew.
in der Vergangenheit: „Gott der Herr
ging über Land“. Der Gebrauch dieser,
„epischen“. Form wird (dem Glauben
an die Kraft des Namens analog) ur¬
sprünglich auf der Zuversicht beruhen,
daß der Inhalt der Erzählung, in der
Regel die hilfreiche Tat der guten Macht
in der Vorzeit, eben durch das Hersagen
wieder lebendig und für den vorliegenden
1589
Fall wirkungskräftig wird 17 ) (man ver¬
gleiche aus dem Kultus den katholischen
Glauben an die Wirkung des rituellen
Rezitierens des Berichtes über das erste
Abendmahl). Einzelformen s. § 5. Hieran
schließt sich die Beschreibung eines noch
vorhandenen Tatbestandes (Verbum im
Präsens): „In Christi Garten da steht ein
Baum“, gew. „topographische“ oder
„physische“ Beschreibungen. Die Ritus¬
anzeige (Verbum normal im Präsens):
Wo irgend eine Handlung magischer Art
vorgenommen oder ein Geschehnis ma¬
gisch ausgenutzt wird, kann eine be¬
gleitende Aussage dieses formell an¬
kündigen und es dadurch so zu sagen
vollgültig machen: „Sie läuten dem
Toten in das Grab, ich wasche meine
Warzen ab“ 18 ). In Dialogform, als Frage
und Antwort, z. B. Krankheitssegen
§ 3 b. Dem rituellen Segensspruch ver¬
gleichbar ist der Arbeitsgesang und be¬
sonders das Wort bei der symbolischen
Rechtshandlung 19 ).
Die Vergleichsform ist eine formelle
Abänderung der beiden letzten Gruppen.
Im Vergleich werden subjektive und ob¬
jektive Elemente mittelst einer Kon¬
junktion (sowie, quomodo usw.) zu¬
sammengestellt, so daß der Hauptsatz
die subjektiven, der Nebensatz die ob¬
jektiven bringt. „Feuer steh, wie Christus
am Kreuze stand“ (entspricht einer Er¬
zählung); „dat sali vergahn as de Dau
in’t Gras un de Dodenkopp in’t Grav“ 2°)
(entspricht einer Beschreibung). „So
soll in aller Teufel Namen der Müller
vergehn wie die [gleichzeitig ausgegossene]
Milch auf den heißen Steinen“ 21 ) (ent¬
spricht einer direkten Ritusanzeige). Eine
besondere Abart, negativer Natur, ist
die unerfüllbare Bedingung (unlös¬
bare Aufgabe), die dem übel gestellt
wird: „Blut, du sollst nicht bluten... ehe
Mutter. Maria ihren anderen Sohn ge¬
bärt“ 22 ) (so wahr wie sie keinen ge¬
bären wird); s. z. B. auch Fiebersegen
§ 3 b. — Ursprünglich ist der Vergleich
sicher nicht bloß äußerlicher Art, sondern
sehr innerlich gemeint: die Kraft des
objektiven Satzes gießt sich in die aktuelle
Willensäußerung des Segners über und
kommt so dem vorliegenden, analog vor¬
gestellten Falle zugute.
In der Praxis sind die augenfälligsten
Segensformen die Besprechung (mit sub¬
jektiver Basis), die „Erzählung“ und
der rituelle Spruch (beide mit objektiver
Basis). Von diesen dreien fordert noch
die Erzählung eine etwas genauere Er¬
wähnung.
15 ) ZfVk. 7, 56; Bartsch Mecklenburg 2,
423. 18 ) Alemannia 27, 118. 17 ) Vgl. Dieterich
Kl. Sehr. 322; Meyer Religgesch. 137.
18 ) Frischbier Hexenspr. 95. 1# ) W. Vogt
Stil ge schichte der eddischen Wissensdichtung 1
(Breslau 1927), 167. 20 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 423. 21 ) Müllenhoff Sagen 518.
22 ) Jahn Hexenwahn 124.
4. Aufbau der „Erzählung“
(, ,Historiola 4 *, Darstellung, ,,epischer' 4
Segen). Eine einfache und doch formell
vollständige Gestaltung ist diese: „Unser
Herr Jesus Christus schlug mit einer
Ruthe in den Jordan und hieß das Wasser
stille stahn; also thue ich diesem Blute
auch 4423 ). Wir vermerken hier: a) die
Person(en); b) Handlung und Wort
derselben; dazu c) die Übertragung auf
den vorliegenden Fall, a) ist sehr häufig
mit einer Beschreibung der Situation
erweitert (Christus kam zum Jordan;
Chr. u. Petrus gingen zusammen usw.).
Wenn mehr als eine Person auftreten,
ist doch eine die entscheidende (eine
andere oft die leidende); mehrere, be¬
sonders drei, können eine Einheit bilden
(z. B. drei Brüder, denen Christus be¬
gegnet). *— b) Eins von den beiden Glie¬
dern, Handlung und Wort, kann aus-
bleiben; das Wort ist oft in direkter Form
angeführt (Stehe still oder dgl.). Mitunter
geht dem entscheidenden Ereignis als
Voraussetzung eine Katastrophe vor¬
aus; z. B. das Pferd Jesu brach sein Bein;
„Christ ward wund“ (da ward er gesund).
Bisweilen kann eben die Katastrophe
die für uns entscheidende Kraft abgeben;
z. B.,, (Longinus stach Jesus in seine Seite)
Blut und Wasser ging daraus; in dem
Namen ziehe ich dich, Pfeil, aus" 24 ). —
c) Die Übertragung ist eigentlich eine
Form des Vergleichs (Sp. 1589): „Also (sc.
wie eben berichtet) tue ich auch“, d. h.
ich tue so, wie der Heilige damals tat. Die
1591
Segen
1592
Übertragung kann von Alters her die
Form eines Versprechens haben: einem
jeden, der diese Worte (den Bericht)
liest (trägt, glaubt usw.), wird ebenso
geholfen werden.— Oft ist die Über¬
tragung, und damit die Grenze zwischen
damals und jetzt, nicht scharf gezogen;
sie kann in verschiedener Weise schon in
der Erzählung gegeben sein, z. B. wenn
in derselben der jetzige Segner oder
Kranke erwähnt wird: ,,Christus fragte
Maria: wo gehst du hin ? Ich gehe, dem
getauften Karl Klaus vor den schlim¬
men Hals rathen“ 25 ); ,,ich ging durch
einen roten Wald“ usw. Endlich kann
die formelle Übertragung gänzlich fehlen,
so daß der S. bloß in einer Erzählung be¬
steht. — Mit der Übertragung kann ein
besprechender Abschluß eng ver¬
bunden sein. Aber auch wo formelle
Übertragung fehlt,, kann eine Besprechung
die Erzählung abschließen; diese Be¬
sprechung muß man sich dann sowohl von
dem Heiligen damals als von dem jetzigen
Sprecher gesprochen vorstellen (so in den
Merseburger Sprüchen, s. d.).
23 ) Bartsch Mecklenburg 2, 374. 24 ) Ale¬
mannia 27, 104. 25 ) Frischbier Hexenspr. 65.
5. Sonderformen der ,,Erzählung“.
Es seien hervorgehoben:
Zwistform. Zwei Personen (oder Be¬
griffe) treten als Gegner auf, die gute
schließlich als die überlegene. Hierher
gehören sowohl feierlich religiös ge¬
prägte als derb volkstümliche S. ,,Der
mortslag der slug, der hl. Christ der
hup“ 26 ); s. auch Artikel Streitmotiv.
Verwandt sind Typen wie ,,Mathes gang
ein, Pilatus aus“ 27 ) u. a.; vgl. auch unten
„Begegnung b“.
Dreiheitsform. Drei gleichbenannte
Personen (oder Dinge) treten auf und
werden jede für sich, oder zwei der
dritten gegenüber, geschildert. Es können
sich die beiden ersten zu der dritten
(oder auch die zweite zu der ersten und
der dritten) gegensätzlich verhalten.
. .3 Brunnen, der eine fließt, der andere
fließt, der dritte steht stille, so soll auch
dies Blut stehen“ 28 ). Oder sie wirken,
jede für sich, der dritten parallel, ohne
jedoch wie die dritte die vorliegende
Sache zu fördern: „es kamen 3 Jungfern
... die eine pflückt Laub, die andere
pflückt Gras, und die dritte brach die
Rose [Krankheit] ab“ 29 ). Oder endlich
alle drei drücken jede für sich dasselbe
Grundwesen oder Wirken aus: „ ... drei
Blümelein, das eine heißet Wohlgemuth,
das andere heißet Demuth, die dritte
heißet Blut stehe stille“ 30 ). In jedem
Falle ist aber (wie in den Märchen) erst
die dritte die entscheidende, und der Auf¬
bau dieser S. ist eher einem psychologi¬
schen Gesetze als der Logik entsprungen
(s. auch Dreiblumen-, Dreifrauen-, Drei¬
rosen-S.). — Nicht hierher gehören solche
S., wo die drei (resp. sieben, neun) über¬
haupt nicht getrennt, sondern als eine
Einheit auftreten (s. Dreibrüder, Drei¬
engel, auch Dreifrauen § 2 biblische Form).
Begegnung. Hier, wie bei der Zwist¬
form werden zwei vorgeführt; die beiden
Parteien begegnen sich irgendwo, und die
eine, die heilige, ist der anderen von vorn¬
herein ohne weiteres überlegen, sei es zur
Hilfe oder zur Abweisung und Ver¬
dammung. Beispiele s. u. a. Dreibrüders.,
Hiobs. Es gibt demnach zwei Haupt¬
gruppen :
a) Begegnung mit dem Hilfsbe¬
dürftigen. Die normale Gliederung ist
diese: Eingang: Die heilige Macht be¬
gegnet einem Leidenden oder auch einem
niederen Heiligen, der für den Leidenden
Hilfe sucht. Schema etwa: ,,A. ging über
Land, da kam gegangen B.“; die Reihen¬
folge der Auftretenden ist gleichgültig.
Die Art des Leidens kann schon hier
genannt oder angedeutet sein; „S. Peter
saß .. . vnd hub sein wange in der hant“ 31 ).
—• Gespräch: Die heilige Macht fragt
nach dem Leiden (bzw. nach dem Ziel
des Hilfesuchenden) und erhält Ant¬
wort. — Schluß: Die heilige Macht offen¬
bart, wie zu helfen ist; oft schreibt sie
eine bestimmte Kur vor (s. z. B. Drei¬
brüders.), oder — seltener — sie greift
selber handelnd oder redend ein („. ..
Marey irem hl. trawt chind sein pain be-
graif‘' 32 )). Das Gespräch zwischen dem
Hauptheiligen und dem niederen Heiligen
kommt auch außerhalb des eigentlichen
Begegnungsschemas vor.
1593
1594
b) Begegnung mit der bösen Macht 33 ),
d. h. mit der personifizierten Krankheit
oder sonst einem bösen Geist. Eingang
wie in a, nur wird das Leiden selten schon
hier genannt. — Gespräch: Wohin?
Hin, den NN zu plagen. Das Übel ist hier
normal erst beabsichtigt, in a dagegen
schon eingetroffen. — Schluß: Verbot
(„Nein“), oft noch Bannung des Bösen.
Alte Sonderform: die böse Macht ver¬
spricht noch, NN (weiter) zu verschonen
(vgl. Sp. 1590 f. Versprechen, und Fieber¬
segen § 1 c).
Längere, kombinierte S. können in
buntem Wechsel besprechende und er¬
zählende Stücke aufweisen; Beispiele
bieten bes. Augen- und Gichtsegen.
Von anderen Einteilungen der S.
hat besonders die Schönbachs An¬
klang gefunden: Erzählung, Vergleich,
Nachbildungen kirchlicher Benediktionen,
endlich kabbalistische Zauberworte 34 ).
28 ) Schönbachs hschr. Sammlung in Gießen
Nr. 238. 27 ) Grimm Myth . 3, 503. 28 ) Württ-
Vjh. 13, 218 Kr. 258. 29 ) Kuhn Westfalen
2, 202. 30 ) Temme Pommern 342. 31 ) ZfVk.
1, 175. 32 ) ZfdA. 24,68. 33 )Lit.: Ebermann
ZfVk. 26,128 fi. 34 ) Schönbach Berthold v. R.
124 fi.
6. Weiter verteilen sich die in deutschem
Sprachgebiet durch die Zeiten üblichen
S. nach Sprache und Stil in Deutsche
und lateinische S. (vgl. § 9 Schluß),
poetische und prosaische Segen. Mit
Ausnahme weniger, recht spät vorlie¬
gender Sprüche —wie „Dismas etGestas“
s. Gerichts., „Sta sangvis fixus“ s.
Bluts. § 1, Apolloniasegen s. Zahns.
§ 2 — sind die lateinischen christlichen
S. in Prosa abgefaßt. Von den deutschen
ist eine beträchtliche Zahl besonders
recht kurzer (epischer u. a.) S. poetisch
geformt, ganz oder teilweise; in wenigen
Fällen ist die Form altgermanisch, wie
in den Merseburger Sprüchen, sonst die
modernen mit Endreimen; älteste Belege
des Endreimes, aus dem 10. Jh., sind hier
der erste Trierer S. und der Lorscher
Bienens. 35 ). Das weitere gehört in die
Metrik 36 ). Auch in der Prosa, vor allem
in den Besprechungen, kommen oft
rythmische Bewegung und Häufung
paralleler Satzteile vor (bes. wegen der
: magischen Wichtigkeit des genauen Her-
l rechnens vgl. § 3), sowie auch gereimte
i Worte.
35 ) ZfdA. 52, 171; MSD. 1, 34 Nr. XVI.
S6 ) Vgl. Koegel Gesch. d. deutsch. Lit. I 1, 259ff.;
i 2, 152 fi. — 2. T. wohl etwas zu feinhörig.
7. Einteilung nach Inhalt und Zweck
der S. Inhaltlich spielt der Unter¬
schied zwischen Religiösem und Medi¬
zinischem eine Hauptrolle. Scharf ge¬
trennt sind diese Elemente keineswegs
immer; so kann z.B. in der „Begegnung“
derHeilige eine Kur vorschreiben (Sp. 15 93).
Auch ist an sich die Grenze zwischen
primitiver Religion und Medizin keine
scharfe. Über das Medizinische in den S. s.
die betreffenden Artikel. Unter dem
Religiösen verstehen wir hier allein die
Erwähnung der Gottheit und der Heiligen,
sowie guter und böser Dämonen, nebst
des Kultes. Christlich orientiert kann
] man dann etwa zwischen alt- und neu-
testamentlichem Stoff sondern, weiter
nach Personen (Christus, Maria usw.).
Tiefer ginge eine historisch und psycho¬
logisch angelegte Sonderung — so weit
durchführbar — u. a. betreffend die Auf¬
fassungen des Verhältnisses der Gottheit
zum Menschenleiden, vgl. Artikel Christus
in den S.
i Zweck. Eine augenfällige Einteilung
ergibt sich durch die Bezugnahme auf die
Aufgaben, welche sich die Segner mit den
einzelnen Texten stellen, also etwa Ein¬
teilung nach Krankheiten (äußeren und
inneren, bei Menschen und Tieren), Ver¬
hältnis zu den Mitmenschen (Liebe und
Ehe, Gericht, Feinde, Krieg), zu den
Tieren (positiv und negativ) und Pflan¬
zen 37 ); auch moralisch: Hilfs- bzw. Ab-
| wehrsegen und bösartige Sprüche. Derar¬
tige Einteilungen sind wegen ihrer Über¬
sichtlichkeit die üblichen in den Text¬
sammlungen, obgleich sie oft inhaltlich
Verwandtes oder Identisches trennen
I müssen. Auch in unserm Handwörterbuch
sind die meisten Einzelartikel über S.
nach Zweckangaben geordnet: Augen-,
Bienensegen usw.; in wenigeren Fällen,
bes. wo eine inhaltsmäßige Benennung all¬
bekannt ist — z. B. Dreibrüders., Un-
1595
Segen
1598
gerechter Mann — ist ein S. unter solchem
Stichwort behandelt.
37 ) Ganz ähnlich z. B. Hälsig Zauberspruch
22 ff.
8 . Ursprung deutscher Segen
(§ 8—16). Es kann hier hauptsächlich von
drei Quellen die Rede sein: a) Die Antike
(§ 8), b) das Christentum (§ 9 ff.), c) das
nationale Heidentum (§ 13 ff.). Die
Grenzen scharf zu ziehen ist unmöglich;
u. a. standen die vom Süden kommenden
christl. S. im Banne klassischer Muster;
andererseits waren die medizinischen Ver¬
fasser des ausgehenden Altertums meist
Christen und ihre Sprüche teilweise
christlich gefärbt; sogar die Zauber¬
papyri und -tafeln dieser Zeit zeigen bei
sehr großem orientalischen auch einen
jüdischen, mitunter gar christlichen Ein¬
schlag. Auch die Grenze zwischen a und c,
sowie zwischen b und c wird nicht leicht
zu ziehen sein, vgl. unten.
Antikes Heidentum. Die griechisch-
römische (orientalisch beeinflußte) Ver¬
balmagie konnte auf die altdeutsche ein¬
wirken teils in der Praxis des Verkehrs —
und zwar schon in sehr alter Zeit, durch
Handelsleute, Kolonisten, Soldaten usw.,
mündlich sowie durch Zauberzettel und
-bücher —, teils auf rein literarischem
Weg, besonders durch die medizinischen
Schriftsteller und Kompilatoren von Pli-
nius an, welche nicht wenigen Stoff
bringen. Diese letztere Quelle war immer
neu zugänglich, und möglich ist, daß einige
der betr. Sprüche in Deutschland erst
spät üblich wurden.
Erstlich bestehen im Allgemeinen
große Übereinstimmungen, insbes. was
das Formelle betrifft: Hauptarten, Stil,
Vorliebe für detaillierte Aufzählungen
und Bezeichnungen der Übel, die Rolle
des Namens, der Vergleich 38 ). Hier ist
aber äußerst schwer zu entscheiden, wie
viel auf den antiken und altgermanischen
Sprüchen gemeinsamen Voraussetzungen
beruht, wie viel auf unmittelbare Ein¬
wirkung und wie viel endlich auf Ver¬
mittlung durch christl. S. Da wir keine
in rein heidnischer Zeit geschriebenen
Aufzeichnungen deutscher Sprüche be¬
sitzen, erhält für unsere Frage die
urnordische Runenmagie ein be¬
sonderes Interesse; sie bietet teilweise
dieselben Erscheinungen wie die spät-
griechischen, urkundlich gleichzeitigen
Zauberpapyri, z. B. Zahlenspielereien,
Geheimworte, magische Wirkung der
Buchstaben reihe, Hervorhebung der
Person und Macht des Magiers, eine
Kurzform wie „Gegen (dies u. das)
Übel“. Hier kann Einfluß der Antike
schwerlich ganz geleugnet werden 39 ).
Vieles davon setzt notwendig schrift¬
liche Muster voraus. Auch die altengli¬
schen, noch kaum genügend untersuchten
Zaubersprüche zeigen neben christlichem
auch antiken Einfluß (Geheimworte, z. T.
wohl auch Stil der Kräuterbeschwörungen).
Eine Beeinflussung altgermanischer und
keltischer mündlicher Magie durch die
Antike könnte an sich noch älter sein
als der Anfang des Runengebrauchs.
Weiter können einzelne Sprüche oder
Spruchteile übernommen sein, außer den
Geheimworten („Zauberworten“), die uns
hier nicht beschäftigen. Die greifbarsten
Beispiele geben einige berichtende und
schildernde Sprüche, vor allem bei dem
Mediziner Marcellus von Bordeaux, um
400. So besteht sicher ein literarischer
Zusammenhang zwischen dessen Drei¬
jungfernspruch „Stabat arbor“ (usw.)
und einer deutschen Fassung, 14. Jh.
(Texte s. Dreifrauensegen); fast dieselbe
deutsche Form ist durch ein gedrucktes
Zauberbuch 40 ) allgemein geworden. Der
Spruch gegen Podagra „Summum caelum,
ima terra, medium medicamentum“ 41 )
ist nachgebildet in dem recht beliebten
Spruchteile „Der Himmel ist ob dir,
das Erdreich unter dir, du bist in der
Mitten, ich segne dich vor das Ver-
ritten“ (d. h. die Verhexung) 42 ). An
die Aussage, gegen Zäpfchenbeschwerde,
„Formica sanguinem non habet nec fei“ 43 )
schließt sich in sehr verbreitetem deut¬
schem Fiebersegen (s. d. § 4 b) die ent¬
sprechende von der Taube ohne Galle. —
Unter den „Besprechungen“ sei in erster
Reihe auf die Kräuterbeschwörungen
hingewiesen, s. d. — Uber den Gruß an
ein Gestirn s. Mondsegen § 3 a. Eine
griechisch wie lateinisch sehr übliche
Anredeform an irgend ein Übel lautet
griechisch z. B. „Fliehe, Podagra, Per¬
seus verfolgt dich“, so auf einer Gemme
mit Perseus, Medusas Kopf haltend 44 );
auch andere Namen kommen vor, lat.
z. B. „Solomon te sequitur“ 45 ); diese
Form findet sich recht früh verchrist-
licht, „Fuge, diabolus, Christus te se¬
quitur“ 46 ), aus England (Hschr. wohl um
1000); und neudeutsch ist sie öfters nach¬
gebildet, z. B. „Flechten, scheret euch,
meine Hände jagen euch“ 47 ). Die An¬
rede in den Gebärmuttersegen (s. Koliks.)
„Lege dich wieder nieder an deine rechte
Statt“ 48 ) findet sich fast wörtlich in
griechischem Papyrus 49 ) (in einem jüdisch
geprägten Spruche). Hier kommen wir
aber an Fälle, wo es schwierig ist zu ent¬
scheiden, ob das Gemeinsame bloß die
Vorstellung von Krankheit und Heil¬
verfahren ist, oder zugleich die Worte
übernommen sind. So öfters in den
Ritusanzeigen (oben § 3), wo der Ritus
das primäre, die begleitenden Worte
sekundär sind und sich oft nicht ganz
decken, z. B. in antiken und deutschen
Fiebersprüchen (Anrede an einen Baum
schon bei Pseudo-Plinius), Diebssprüchen
u. a. m. ®°).
Theokrits Liebeszwangs-
verse (Idylle II 28) finden sich (jedoch
ohne den Ritus) wenig abgeändert als
deutscher prosaischer Spruch im 14. Jh. 51 ).
38 ) Vgl. 2. B. Stemplinger Volksmedizin
45 f. 51. 3# ) Vgl. z. B. Linderholm Nordisk
Magi I (Svenska Landsmal 1918) passim;
Lindquist Relig. Runtexter I (Lund 1932) 62.
40 ) Jahn Hexenwesen 79; WürttVjh. 13, 194
Nr. 163. 41 ) Marcellus De medicamentis 36, 19.
42 ) ZföVk. 2, 149. 43 ) Marcellus 14, 67.
44 ) Heim Incantamenta 480. 45 ) Ebd. 479
aus Pseudo-Plinius 3, 15. 46 ) JAmFl. 22, 186.
47 ) Frischbier Hexenspruch 57; s. auch
Herzgespann § 2a. 48 ) Lammert 252.
4# ) Wiener Denkschriften 42, 28. 50 ) Belege
Ohrt Trylleord 15 ff. 51 ) Schönbach
Berthold v. R. 144.
9. Christentum (§ 9—12, nebst
Judentum und altem Orient). Daß die
überwältigende Mehrzahl der deutschen
Sprüche christlichen Gepräges ist, wird
niemand leugnen. Christlich sind schon
der Wiener Hundes, und die Trierers, um
900. — Nicht bloß die Namen Gottes und
der Heiligen, sondern die ganze christ¬
liche Vorstellungswelt, bald streng biblisch,
bald legendarisch, tritt wieder und wieder
zutage. Die Grenze zwischen (ursprüng¬
lich) kirchlich rezipierten Benediktionen
und volkstümlich freier gestalteten S. ist
eine etwas fließende 52 ).
Viele deutsche und lateinische christ¬
liche S. werden erst innerhalb der römi¬
schen Kirche gebildet sein; eine große
Zahl aber findet sich als S. auch im
byzantinisch Griechischen. Leider
sind die byzantinischen Aufzeichnungen
meist recht spät, von um 1400 an; in ei¬
nigen wenigen Fällen ist Übernahme sei¬
tens des Byzantinischen vom Latei¬
nischen nicht unwahrscheinlich — so
Thekla- (s. Augens. § 2) und Hiobs, (s.
d. § 2 Anm. 14) —, in anderen ist der by¬
zantinische Ursprung einleuchtend. By¬
zantinisch liegen u. a. vor: Die Patriarchen
in Diebss. (s. d. § 5), Gebärs. (s. d.
§ 1) über Maria und Elisabeth, (drei)
Hauptdaten im Leben Jesu, schon um
400 in Fiebers, auf Papyrus (s. Glück¬
selige Stunden § ia), Zwei böse Augen
und drei gute (Neugriech., s. Verhexung, S.
wider § 2), Dreibrüder (s.d.) und Longinus
(s. d.), Dreiengel (s. d.), das Versprechen
Engeln oder dem St. Johann (s. Fiebers.
§ 1 c und Wetters. § 2), Siebenschläfer
(vgl. Fiebers. § 2), Sünder (s. Sünder in
den S. § 2). Das Motiv „Der Jordan (s. d.
§ 1 u. 3) stand still“ kommt in S.sform
griechisch erst spät und vereinzelt vor,
war aber als griech. Legende schon im
Altertum in ähnlicher Fassung bekannt.
Hierzu kommen einige nicht religiös
geprägte Themata, § 16 b.
Über den Ursprung des beliebten B e g e g -
nungsschemas (§ 5) ist zu bemerken: Das
Schema der Begegnungss. entspricht
einigermaßen demjenigen bekannter
evangelischer Erzählungen, z. B. Matt. 8,
1 ff. Jesus und ein Leidender, Matt. '8,
28 ff. Jesus und die böse Macht. Auch
die Namen sind christlich, aber Taten
und Worte sind fast nie aus der Bibel
oder aus einer nachweisbaren Legende
geschöpft; und die erste Quelle dieser
Art S. ist sicher nicht in den Evangelien
sondern in alter, nicht- und auch vor¬
christlicher Zauberpraxis zu suchen. Für
1599 Segen 1600
die Begegnung mit dem Bösen hat
Pradel 53 ) auf die Dämonenaustreibungen
hingewiesen: für die Kuranweisung könnte
man die antike Inkubation heranziehen.
Schon die (jüdischen und) alt orientalischen
(Legenden u.) Zaubersprüche kennen das
Schema mit der Kuranweisung sowie
mit der Bedrohung 54 ). — Der älteste
klare deutsche Beleg ist ein Text des
Dreibrüdersegens, 12. Jh. 5Ö ); ein latei¬
nischer Text des Dreiengels.s (s. d.) mit
deutschen Worten vermischt geht ver¬
meintlich auf das 9. Jh. zurück. Ein
griechischer christlicher Begegnungsspruch
liegt schon um 500 vor (Ägypten) 56 ).
Einige S. mit alttestamentl. Stoff gehen
sicher letzten Endes auf altjüdischen
Brauch zurück, so die Namen Abraham
Isaak Jakob in Besprechungen 57 ), viel¬
leicht auch der Grundstock des Gellos.
(s. Fiebers. § ic); andere solche werden
erst von christlicher Hand gebildet sein.
Lateinische oder deutsche Grund¬
form. Recht viele von den christl.,
in Deutschland üblichen S. liegen vom
Frühmittelalter an sowohl lat. als deutsch
vor, einige bloß lat., oder vorwiegend lat.
und selten (oder spät) deutsch, vgl.
Dreiengels., Kräuters. In der neueren
Zeit verlor sich der Gebrauch der lat.
S. mit dem allmählichen Schwinden des
S.Sprechens aus den gelehrteren Kreisen
(Sp. 1586f.). — Die sich hier erhebenden
Fragen sind noch wenig erörtert. Daß
bei zweisprachlicher Vertretung die lat.
Form durchgängig die originale ist, darf
man wohl annehmen, insbes. bei poeti¬
scher Form 58 ). In einem Einzelfalle, bei
der Aufzeichnung einer gereimten deut¬
schen Fassung, 13. Jh., des Dreibrüders.s,
steht der Vermerk ,,Ritmizata theuto-
nice“ 59 ), die Vorlage war hier also
lateinisch. Nachträgliche Latinisierung
eines deutschen Originals ist wohl in
keinem Falle sicher erwiesen; möglich
ist sie etwa bei der uns bekannten lat.
Form des Tumbos.s, s. d., obgleich die
betr. Aufzeichnung chronologisch die äl¬
tere ist; vgl. auch Hiob in den S. § 1.
Die Grenze zwischen lat. und deutsch
deckt sich durchaus nicht immer mit der
Grenze zwischen den korrekten biblischen
oder kirchlichen und den volkstümlichen
S. (vgl. § 10); so liegt der legendarische
Longinuss. seit ungefähr 1000 in beiden
Sprachen vor; die älteste Variante des
S.s über das Stehen des Jordans, um
900, ist in barbarischem Latein.
Lateinische Sprüche müssen die Ein¬
wirkung aus dem Süden, antike wie
durchgängig auch christliche, vermittelt
haben.
52 ) Vgl. Schönbach in ZfVk. 12, 2. 6S ) Pra¬
del Gebete 94. 64 ) Gaster in FL. 11, 129 ff.;
v. Oefele ZfVk. 26, 135; Ohrt Trylleord
65 ff. 65 ) Grenfell & Hunt The Oxyrhyn-
chus Papyri XI Nr. 1384. 56 ) ZfdA. 15, 454.
67 ) Test. Salomonis, Migne Patr. Graeca 122,
1343; WürttVjh. 13, 191 Nr. 143. 58 ) Müller
Stilformen 13 fl. 5# ) ZfdA. 15, 452 f.
10. Kirchlicher und legendari¬
scher Inhalt. Die Aussagen der christ¬
lich geprägten S. über Gott, biblische
und nachbiblische Personen und heilige
Dinge bieten für die Forschung eine reiche
Quelle zur Kenntnis der religiösen Vor¬
stellungen und Anschauungen der Ver¬
fasser (und Bearbeiter).
a) Korrekt Hochkirchliches (vgl.
1, 1122 f. und 1125 f.). Vielfach stimmt
der Inhalt mit der Bibel, der offiziellen
Dogmatik und dem Kultus überein, teils
wenn Bibelsprüche, Symbolstücke oder
kirchlich zugelassene Benediktionen im
S.sbrauch Vorkommen, teils auch in volks¬
tümlicheren S. Es gibt hier Beispiele aus
allen Zeiten (und Ländern) der Christen¬
heit, wo überhaupt S. bekannt sind. Wir
beschränken uns auf einige sehr alte
Belege aus deutschen S. Mit ,,ter pater
noster“ schließt eine Fassung des Spruches
„Gang uz nesso“, 9. Jh. 60 ); „Increatus
pater“ usw. aus dem Symb. Athanas.
steht in einem teilweise deutschen (Eiter- ?)
S., 11. (?) Jh. 61 ); der „Regensburger
Augens.“, 11. Jh., erwähnt die Heilung
des Blindgeborenen, Joh. 9, „der der daz
tages lieht nie ne gesah“ 62 ); das „Über¬
bein“ wird dogmatisch korrekt beschwo¬
ren, 12. Jh., „bi demo holze, da der al-
mahtigo got an ersterb an wolda durich
meneschon sunda“ 63 ); der Schluß des
Lorscher Bienens.s, 10. Jh., „uuirki godes
uuillon“ 64 ) spielt auf die Wachsproduktion
für den Gottesdienst an.
1601
Segen
1602
b) Legendarisches. Weiter birgt
sich in den S. von alter Zeit an viel
Legendenstoff. Dieser macht sich geltend
teils bloß in der Ausmalung biblischer
Geschichten, teils als selbständige Le¬
genden ; zu den wirklichen Legenden
kommen dann die augenscheinlich nur
für den Fall erfundenen Geschehnisse,
wie manches in den „Begegnungen“
(§ § 5 u. 9); von dieser letzten Gruppe
sehen wir in den folgenden Beispielen
meist ab. Um von der Fülle und Art
dieses Stoffes einen Begriff zu geben
seien bekanntere, sowohl einmal als öfter
belegte Fälle hervorgehoben, die Jahres¬
zahl gibt die Zeit des (m. W.) ersten
Beleges der Legende in Segensform;
unsere Liste, welche auch lateinische S.
umfaßt, zeigt, daß der Legendenreichtum
der S. durchaus nicht, wie von einigen
angenommen, erst dem Schluß des Mittel¬
alters zugehört.
8—900: Adam rief Eva herauszu¬
kommen 65 ); Christus vor Wolf und Dieb
geboren 66 ); leidende(r) Heilige(r) auf
dem Stein 67 ); Drei Engel (s. d.).
900—1000: Der Jordan (s. d.) steht
still; Longinus (s. d.) in mehr biblischer
Form; die Siebenschläfer 68 ); der Petrus-
Zahns. (s. Zahns. §1); törichtes Weib
(später Tumbo , s. d.) und Kind.
1000—1100: Adamsbrücke (s. Fall-
suchts.); Longinus in freierer Form;
Martha zählt Meeressand 69 ); Helena und
das Kreuz (s. Diebss. §6).
11— 1200: Adam und der Gottes¬
name 70 ); Hiob im Mist rief zu Christ,
s. Hiob in den S. §1; Jesus genießt
das hl. Abendmahl bei der Taufe 71 );
Theklalegende (s. Augens. § 2); der
Hagel und die Engel (s. Wetters. §2);
Dreibrüder (s. d.).
12— 1300: Trauer Marias (oder an¬
derer) über Christi Leiden 72 ).
13— 1400: Elias' Nasenbluten 73 ); die
Würmer aßen Hiob (s. d. § 2 Anm. 14);
die Diebe und das Jesuskindlein (s.
Diebss. § 1); Christus und die Juden
im Saal (s. Gerichts.); Pilatus, Jesus
und die Gicht (s. Gichts. §2); Tod des
Richters Jesu (s. Ungerechter Mann);
Petri Fieber (s. Fiebers. § ib); endlich
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
die ersten Belege solcher begegnungs¬
mäßigen S.,w r o Christus Maria hilft (heilt)
oder umgekehrt (s. Maria in den S. § 6).
14—1500: Dualistische S. (Gott und
Teufel als Schöpfer 74 ), Christus und
der Mord 75 ); David und die Fall-
süchtige 76 ); S. Johann und die Ritten
(s. Fiebers. § ic); verdorrte Hand der
Häscher Christi (s. Gichts. § 1); vier
Herren an einem See 77 ); Apollonia (s.
Zahns. §2). Auch erst später belegte S.
können aus dem Mittelalter stammen
(so der Laurentiuss., s. d.).
In einigen Fällen gehen von alter Zeit
her korrektere und freiere Formen neben¬
einander, ohne daß es möglich wäre, die
letzteren als bloße Mißverständnisse bes¬
serer Texte aufzufassen, so in den Lon¬
ginus- und Jordans, (s. d.). Manchmal
ist sogar nachweisbar ein anstoßfreier
Zug durch nachträgliche Korrektur ein¬
geführt ; ein Beispiel gibt Franz 78 ): Ein
(sogar kirchlich rezipierter) Wetters.,
9. Jh., sagt, der Jordan sei das Wasser
„ubi Maria . . . pedes suos lavavit“; dies
ist in einer Variante des 10. Jh. unge¬
schickt verbessert in „ubi Maria ... in
utero candido portavit“. — Andere ab¬
sonderliche Züge hinwieder sind natür-
lirh zufällig oder sekundär.
60 ) MSD. 1, 17 Nr. 5 B. 61 ) ZfdA. 21, 210.
* 2 ) ZfdA. 46, 303. 63 ) MSD. 2, 305. 64 ) MSD.
i, 34 Nr. XVI. 65 ) Heim Incaniamenta 564.
66 ) MSD. 1, 16 Nr. 3. 67 ) ZfdA. 23, 261, vgl. Ger¬
mania 25, 70. 68 ) v. Steinmeyer Die kleineren
ahd. Sprachdenkmäler 392.
69
) Hälsig
Zauberspruch 61. 70 ) Graff Diutisca 2, 297.
71 ) MSD. 2, 286 f. 72 ) Mone Anzeiger 7,422.
73 ) MSD. 2, 275 f. 74 ) ZfVk. 1, 174. 75 ) Schön¬
bachs hschr. Sammlungen (Gießen) Nr. 238.
443. 959. 76 ) Birlinger Aus Schwaben 1, 461.
77 ) Bartsch Die altdeutschen Handschriften der
Universitätsbibliothek in Heidelberg 48. 78 )
Franz Benediktionen 2, 76.
11. Verfasser und Sinn christ¬
licher Segen. Daß Geistliche und
Mönche im deutschen Mittelalter — wie
schon im Süden in dem ausgehenden
Altertum — allen Verboten zum Trotze,
Verbalmagie ausübten, wird immer und
immer bezeugt 79 ). Aber weiter muß als
sicher gelten und ist auch längst er¬
kannt 80 ), daß die christlichen S. des
Mittelalters eben in diesen Kreisen auch
51
i6o3
Segen
Segen
IÖ06
1604
ihre Verfasser und Bearbeiter hatten.
Nur Geistliche konnten weiter S. aus
dem Lateinischen in eine Volkssprache
übertragen und sie überhaupt schriftlich
fixieren. Bei allem Aberglauben zeigen
die alten S. auch durchgängig größere
Vertrautheit mit dem christlichen Stoff
als bei Laien damals denkbar. Man be¬
denke weiter, daß die Grenze zwischen
Verbotenem und Zulässigem nicht immer
scharf und klar war. Noch nach der
Reformation haben sich Geistliche, auch
in den protestantischen Ländern, am
Besegnen beteiligt; aber in so später Zeit
war die eigentliche Produktivität er¬
loschen.
Kirchliche Quellen nennen recht früh
auch Weiber und andere Laien als be¬
teiligt, so Burchard ums Jahr 1000: ,,Si
qua mulier . . . incantationes diabolicas
fecerit“; ,,De bubulcis vel venatoribus,
qui suas incantationes exercuerint“ 81 ).
Insofern hier wirklich auch vom Verfassen
die Rede sein kann (und nicht bloß vom
Vortragen), müssen kurze Sprüche (auch
Reminiszensen aus heidnischer Zeit?,
vgl. § 16b) in Betracht kommen. Die
Sprüche der Hexen aus den Hexen¬
prozessen späterer Zeiten unterscheiden
sich von dem sonst bekannten S.schätz
nicht wesentlich.
Sind die legendarischen und überhaupt
die konkreten Züge in den S. ganz einfach
und buchstäblich oder aber symbo¬
lisch - allegorisch zu verstehen ? Letzteres
behauptet von den christlichen S. Eu¬
ropas überhaupt insbesondere Mansikka
(seit 1909) und hat damit, wie es scheint,
vielfach Anklang gefunden. Die Vor¬
stellungen in den S. zeugen nach ihm
,,von einer intimen, detaillierten Kenntnis
der biblischen, apokryphen und kano¬
nischen Symbolik“; die gelehrten Ver¬
fasser „haben in ihnen mit ihren Kennt¬
nissen in der christlichen Allegorie ge¬
spielt und den Laien mit einer Symbolik
hinters Licht geführt, deren Bedeutung
dem Volke . . . verborgen blieb“ 82 ). So
bedeutet z. B. die Verrenkung (s. d. §1)
des Fußes Christi seinen Kreuzestod;
die Taube ohne Galle in den Fiebers,
(s. d. § 4b) ist Christus oder Maria als
sündenfrei; die „stulta femina“ mit „stul-
tus infans in sinu“ (s. Tumbo ) ist Maria
mit dem Kinde, und die Quelle (fons),
an der sie sitzt, ist wieder Maria als Jesu
Lebensborn 83 ); der marmorne Tisch und
das Faß in Marcellus’ Dreijungfern -
Sprüchen (s. d. §1) sind der göttliche
Altar, mit Christus identisch, bzw. „die
symbolische Schüssel mit dem Leib und
Blut Christi“ 84 ). Solche Auslegungen
kommen in russischen Dreifrauens. (s. d.
§ x Schluß), wie es scheint, tatsächlich
vor, was jedoch in bezug auf den lat.
Verfasser der Marcellussprüche selbst
nichts beweisen kann.
Eben wegen seiner großen Ergiebigkeit
scheint dieses ganze Verfahren ebenso
gefährlich wie die konsequente Durch¬
führung einer heidnischen Auslegung
(s. § 16) (und wie die stoische Inter¬
pretation Homers, die altkirchliche der
Bibel); es gibt kaum einen Fall, wo sich
ein S. nicht auf eine oder gar mehrere
Weisen allegorisch erklären ließe. Prin¬
zipiell muß wohl gelten, daß, soweit sich
die buchstäbliche Auffassung ohne Zwang
durchführen läßt, sie den Vorzug ver¬
dient; auch ist darauf zu achten, ob sich
nicht in dem betreffenden S. das etwa auf
Symbolik deutende Gepräge als sekundär
eingedrungen erweist (s. z. B. Verrenkung
§!)•
Hiermit soll nicht geleugnet sein, daß
in einigen Fällen eine symbolische
(schwerlich eine allegorisch-zusammen-
gestückelte) Bedeutung in einem S. steckt.
Bei der Fassung des Krankheitss.s „Chri¬
stus wart gekreuzigt — verloren — wider
funden“ 85 ), eine Parallele der älteren
„Chr. geboren — gekreuzigt — aufer-
standen“ (Sp. 1598), mag der Dichter an
eine symbolische Bedeutung des Auf¬
trittes Luk. 2, 41 ff. (vgl. Apoc. 12,5)
gedacht haben. Gewöhnlich wird jedoch
das eventuell Symbolische hinter der
Segensform liegen, d. h. in den (etwa
liturgischen, hymnischen usw.) Reminis¬
zenzen, aus denen der S. geschöpft wurde,
jedoch so, daß dem Verfasser des S.s z. B.
der Schlüssel ein wirklicher Schlüssel,
die Taube eine wirkliche Taube war.
Daß mancher korrektere S. eine recht
große Gelehrsamkeit zeigt, ist unleug¬
bar (z. B. Bluts. §2b. 3b). Andererseits
können sogar rezipierte alte Benediktionen
grob abergläubische und offenbar ganz
realistisch gemeinte Züge enthalten (vgl.
Sp. 1602f.). Mansikka’s Behauptung, daß
in den „Arzneibüchern“ des Mittelalters
die Symbolik „lebendiger und unver¬
sehrter“ hervortrete als in neueren Fas¬
sungen 86 ), ist schwerlich stichhaltig; in
den Aufzeichnungen des 9.—12. Jh.s
(Sp. 1601) stehen die Züge und Dinge als
ebenso massive Realitäten wie in den
späteren.
Wir suchen demnach die Verfasser der
geläufigen legendarischen S. nicht in den
gelehrten Kreisen des Klerus (also nicht
in denselben Kreisen, aus welcher ihre
Verketzerung hervorging). Andererseits
gehören sie auch nicht der aller unkun¬
digsten Schicht desselben an, wie schon
die häufige Anwendung des Lateinischen
zeigt; aber ihre religiöse Auffassung war
eine volkstümliche, und ihre Produkte
haben einen nicht ganz geringen Wert
für unser Verständnis der mittelalter¬
lichen Volksreligion.
79 ) Vgl. z. B. Franz Benediktionen 2, 426.
430; Hansen Zauberwahn 40 ff. 80 ) Vgl.
z. B. Wackernagel Deutsches Lesebuch 4, 274
{..Basel 1848“, erschien 1851 — 55). 81 ) Decre-
talium über X cap. 8 u. 18 (Migne Patr. Lat.
140, 834 ff.). 82 ) Mansikka Über russische
Zauberformeln V.
83
) Ebd. 70.
84
) Ebd.
173 - 194 -
85
) Franz Benediktionen 2, 451.
«6
) Mansikka a. a. O. V
12. Das Christusbild der volks¬
tümlichen Segen. Bemerkenswert ist,
daß die volkstümlich gestalteten S.
sich mit dem Hauptteil der Evangelien,
den Wundern und Reden Christi, sehr
wenig beschäftigen; was den Heiland
betrifft, konzentriert sich der Stoff ganz
um seine Geburt und seinen Lebens¬
ausgang, und hier wuchern (wie ja auch
außerhalb der S.) die Legendenzüge.
Dies mag zwar auf geringe Bibelkenntnis
der Verfasser deuten, letztlich ist doch
aber diese Auswahl durch das kirchliche
Interesse bedingt: jene Geschehnisse
waren vor allem die heilbringenden, auf
die demnach in Predigt und Bildkunst
das Hauptgewicht fiel. Wo Christus (und
Maria) in den ,,Begegnungs“-S. als Helfer
und Wundertäter auftritt, ist dies
normal nicht aus den Evangelien ge¬
schöpft (Sp. 1599).
Christus selbst (s. „Chr. in den
Segen“ 2,82ff.) ist in sehr alten latei¬
nischen und deutschen S. nach dem
„apathischen“, der alten Kirche und dem
Frühmittelalter vertrauten Christusideal
aufgefaßt, bloß in volkstümlich ver¬
gröberter Art; noch einzelne später ent¬
standene legendarische S. halten an diesem
alten Bilde fest. — Dagegen gehören die
S., in denen Christus wie ein hilfloses
Kind von seiner Mutter getröstet und
geheilt wird, so weit bekannt, ausschlie߬
lich dem späteren Mittelalter an; dasselbe
gilt, merkwürdigerweise, überhaupt dem
häufigeren Auftreten Marias in den S.
(s. d.), Passions- sowie Begegnungs-S.,
sei es als helfend oder als hilfsbedürftig.
Die Auswahl aus dem alten Testa¬
ment ist verhältnismäßig groß, umfaßt
aber wohl durchgängig solche Gestalten —
Adam, Eva, Noah, Abraham, Moses,
Hiob, Tobias, Jünglinge im Feuerofen —,
die als Prototypen Christi oder der
Christen recht allgemein bekannt waren,
z. B. aus dem Bilderschatz („Biblia pau-
perum“).
13. Deutsches Heidentum (§ 13
bis 16). Das Vorhandensein einer ein¬
heimischen Verbalmagie vor jeglichem
Einfluß des Christentums und gar der
griechisch-römischen Antike, ist an sich
sehr wahrscheinlich, ebenso daß sich
diese Sprüche teilweise in poetische Form
kleideten 87 ). Die Bestätigung kann bei
anderen germanischen Stämmen gefunden
werden. Die alten nordischen Runenin¬
schriften um 300—1000 bieten neben anders¬
artigen Erscheinungen (Sp. 1595!.) auch
einige sinnvolle Beschwörungen und Ver¬
fluchungen, die auf alte mündliche Über¬
lieferung zurückgehen mögen. Und in
einigen der alt englischen Sprüche (um’s
Jahr 1000 aufgezeichnet) (Sp. 1596) deutet
wohl jedenfalls der poetische Stil auf
noch ältere Vorgänger. Dagegen geben
die meist sehr kurzen auf deutschem
Boden gefundenen Runeninschriften, um
500—650, kaum magische Sprüche (vom
51*
Zauberwort alu abgesehen) 88 ), obgleich
Versuche, Magisches herauszulesen 89 ),
nicht gänzlich fehlen. Die Nordendorfer
Spange, die Wodan und Donar nennt,
ist wohl eher als religiöse denn als „ma¬
gische“ Urkunde zu beurteilen, aber
Deutung und Ursprung sind hier unsicher.
Ein paar deutsche Runeninschriften sind
vermeintlich schon christlich geprägt 90 ).
Das ehemalige Vorhandensein deutscher
und anderer südgermanischer heidnischer
Zaubersprüche könnte noch bestätigt
werden durch die häufige Erwähnung
„heidnischer“ (auch „teuflischer“)
Sprüche und Zauberworte in der kirch¬
lichen, germanische Völkerschaften be¬
treffenden oder mit einbetreffenden Lite¬
ratur des Frühmittelalters (Konzilien¬
beschlüsse, Kapitularien, Predigten, Bu߬
bücher usw.), wenn nicht eben hier große
Vorsicht geboten wäre. In sehr vielen
Fällen kann hier einfach Wiederholung
vorliegen aus Quellen, die ausschließlich
südgallische und römische Verhältnisse
berücksichtigen 91 ), mithin wesentlich von
spätantiker synkretistischer Magie die
Rede sein. Weiter will die Bezeichnung
Heide, heidnisch sehr oft ein rein religiös¬
moralisches Urteil ausdrücken, z. B. wenn
als „paganus“ bezeichnet wird ein jeder,
der „angelorum uel Salamonis cäracteres“
trägt 92 ); hinter den in den Inkantationen
angerufenen „Dämonen“ stecken sicher
nicht immer Namen der Heidengötter
(noch im 15. Jh. werden Geistliche, welche
christlich-tuende abergläubische S. ge¬
brauchen, als Anrufer der Dämonen ge¬
rügt 93 )). Wirklich auf deutsche Ver¬
hältnisse bezieht sich die Behauptung
des Papstes Gregor III. (J. 742), daß
auch in Hessen und Thüringen u. a.
„filacteria et incantatores“ in Gebrauch
gewesen 94 ). Hierher gehören wohl auch
einige Stellen des „Corrector“ Burchards
von Worms (ums J. 1020) über Sprüche
oder Worte („incantationes“, „verbum")
gewisser Weiber, um sich Milch und Honig
anderer Leute anzueignen oder junge
Haustiere zu verderben 95 ). Wenn eine
Predigt um 790 (Hschrr. in München und
Wien) unter „pagania“ nebst Inkan¬
tationen auch Opfer „lovi vel Mercurio“
(d. i. Donar und Wotan) rechnet 96 ),
könnte man hier auch die Zauberlieder
als deutsch-heidnische auf fassen. — Die
Zaubertexte selbst werden in den kirch¬
lichen Quellen niemals mitgeteilt.
Die eventuellen Reste oder Spuren
deutschen Heidentums in der Verbal¬
magie müssen also innerhalb der erst seit
dem 9. Jh. (§2) vorliegenden deutschen
S.- und Spruchüberlieferung gesucht
werden. Es ist hier von Wichtigkeit,
zwischen Heidnischem in einem Spruche
(Namen, Vorstellungen, § 14) und heid¬
nischen Sprüchen (§15—17) zu sondern.
Das Vorkommen heidnischer Elemente
bedeutet nicht ohne weiteres, daß der
Spruch als solcher altheidnisches Erbe
sei, kann überhaupt nicht ohne weiteres
als Beweis für die ehemalige Existenz
eines entsprechenden heidnischen Zauber¬
spruches dienen.
87 ) Vgl. E. Schröder ZfdA. 37, 258 ff. (wo
jedoch die Darlegung über das Wort spell nicht
überzeugend scheint). 88 ) Henning Die deut¬
schen Runendenkmäler 120. 131. 89 ) Feist
ZfdPh. 47, 1; 49, 1. ,0 ) Wimmer Aarboger for
nordisk Oldkyndighed 1894, 44. 91 ) Helm
Religgesch. 1, 87 ff.; W. Boudriot Die altgerm.
Religion in der amtl. kirchl. Literatur (1928)
passim. 92 ) Homilia de sacrilegiis (um 740)
Casparis Ausg. § 14 ff. 93 ) Franz Benediktionen
2, 431 Anm. 1 (vgl. im 12. Jh. Bourgain La
chaire fvavgaise 314). 94 ) Mon. Germ. Hist.,
Epistolae selectae I 69. 95 ) Cap. 168 f., Herrn.
Schmitz Die Bußbüchcr 2, 446, vgl. Boudriot
a. a. O. 63 f. 96 )ZfdA. 12, 439. Die Bemerkung
Hrabanus’ Opera 6 , 334, über Runen und
Zauberlieder hat offenbar nordische, nicht
deutsche Verhältnisse vor Augen.
14. Heidnische Namen und Vor¬
stellungen. Wenn ethisch neutrale
oder gute Gestalten des alten Volks¬
glaubens in Beschwörungen als böse
Wesen beschimpft und fortgebannt wer¬
den, so liegt hier natürlich kein heid¬
nischer Spruch vor. So die elvi und
elvae, Alb und Elbin in lateinischen
(schon um 800) und deutschen Alp¬
drucks. (s. d.). Unsicher ist, ob Doner
in einem S. um 1100 wider Fallsucht
(s. d.) über Teufelssohn und Adamssohn,
hierher gehört; denn man kann schwerlich
entscheiden, ob in der Grundform Doner
mit dem Teufelssohn identisch war, ja
ob das Wort hier überhaupt als Name
1609
Segen
IÖIO
fungiert. — In anderen Fällen mag das
mythische Wesen (wenn überhaupt wirk¬
lich altheidnisch) schon dem Heidentum
ein (unter Umständen) schädliches ge¬
wesen sein; hier kann sich aber dennoch
der ganze Spruch deutlich als christlich
erweisen; so der Wicht ( uuiht ) im Züricher
Haussegen, 10. Jh. 97 ), und wutungis her
zw. christlichen Namen in einem rein
literarischen Produkt, 14. Jh. 98 ). In
einem Wetters., 15. Jh., heißt es: „ich
peut dir Fasolt , daß du das wetter verfirst
mir und meinen nachpaurn an schaden“;
alte lateinische Wetters., weiche Ent¬
sprechendes bieten, nennen statt Fasolt
Mermeunt , einen jüdischen Namen 99 ). —
Dagegen kommen im 2. Merseburger
Spruche, 10. Jh., Gestalten des alten
Glaubens in wohltätiger Funktion vor
(s. Phol, Wodan usw.). Über diesen
Spruch s. § 15. 16. — Die Anrufung beim
Beginn des Säens „O Wode, o Wode! hoal
dinenParden Foder“ usw. 100 ) —ein Mittel¬
ding zwischen Gebet und Zauberspruch —
dürfte inhaltlich alt sein, obschon die
Form recht spät sein mag.
Von Interesse ist die Verfolgung der
Sachlage in den nordischen Sprüchen
der älteren und der jüngeren Zeit. In den
Beschwörungen und Grabinschriften der
altnordischen Runendenkmäler bis um
900 können Göttemamen überhaupt nicht
nachgewiesen werden (auch kaum An¬
spielungen auf Göttermythen); doch
waren einzelne der, magisch kräftigen,
Runenzeichen selbst nach Göttern be¬
nannt, und ein Eddagedicht aus der
Wikingerzeit 101 ) rät dem Siegsuchenden,
„zweimal Ty zu nennen“; Ty ist Gott
und Rune. Dagegen kann der Runen¬
magier sein eigenes Ich hervorheben,
z. B. „Ich verbarg hier Macht-Runen,
furchtlos bösem Zauber gegenüber“ 102 ).
Um 900 wird dann Thor in Runen¬
inschriften genannt, und um 935 be¬
schwört der Skalde Egil in einem Zauber-
verse Odin, Frey und Njord 103 ). — In
den Sprüchen später, christlicher Zeit
kommen besonders in Island und Schwe¬
den nicht ganz selten Göttemamen vor;
dies ist aber überall als „unecht“ zu
beurteilen, d. h. beruht nicht auf Über¬
lieferung innerhalb der Sprüche 104 ). Ein
Beispiel aus Island, 17. Jh. 105 ): „Hierzu
[ein Weib zu zwingen] verhelfen mir
alle Götter, Thor, Odin, Frigg, Freia,
Satan, Belsebub und alle Bewohner und
Bewohnerinnen Walhals in deinem mäch¬
tigsten Namen Odin“. Dies gilt auch
von dem Auftreten Odins (u. a. Götter)
in späten ostschwedischen Aufzeich¬
nungen 106 ), w t o der Gott — mit Jesus,
Maria usw. wechselnd — gewöhnlich als
die hilfreiche Person in Begegnungs¬
sprüchen (einem orientalisch-christlichem
Typus, § 9) auftritt und auch sonst einige
i Male, u. a. in Verrenkungssprüchen, z. B.
„Odin reitet über Berg und Stein, er
reitet sein Pferd aus Verrenkung in Ein¬
renkung“ (auch „Fylle“ und „Freya“ 107 )).
Für die Beurteilung des 2. Merseburger
Spruches sind diese Varianten ohne Be¬
weiskraft. — Die von Grimm vermu¬
tete 108 ) „Frau Freia“ in einem dänischen
S. (Abendgebet) beruht auf Mißver¬
ständnis, denn der Text bedeutet „dann
schlafe ich auf (d. h. in) unserer Frauen
Frieden“ („paa vor Frou Frey“).
In altenglischen Sprüchen (um 1000)
kommen einige Göttemamen vor, esa
(Gen. Plur.), Woden, Erce; die betreffen¬
den Texte 109 ) sind jedoch vielleicht
antiken und christlichen Mustern nach¬
gebildet (Erce als Allmutter Erde, Woden
als Schlangen toter), bzw. setzen christ¬
liche Anschauung voraus (die Äsen als
Krankheitsdämonen).
Vorstellungen, die im Heidentum
wurzeln können, liegen manchmal auch
in recht jungen Aufzeichnungen vor, so
der Ritt des Tages: „Grüß dich gott du
heiliger sonntag, ich sich dich dort her-
kommen reiten“ 110 ), wo aber der übrige
Text christlich ist.
Heidnische Sprüche. Die Nach¬
wirkung oder das Fortleben deutsch¬
heidnischer Sprüche innerhalb des uns
überlieferten Spruch- und S.bestandes
könnte sich teils durch Formen und Stil
(§ I 5 )» teils im Inhalt oder gar Wortlaut
(§ 16) kundgeben.
97 ) Germania 22, 352; Steinmeyer 389; s.
auch Teufel in den S. § 1. 98 ) F. H. v. d.
Hagen Gesammtabentheuer 3, 77. 99 ) Franz
16 i i
Segen
IÖI2
Benediktionen 2, 56 mit weiteren Hinweisen.
10 °) Strackerjan 2, 127; Wossidlo Ernte¬
bräuche 30 f. Rituelle Wodensprüche auch
dänisch, Thiele Danmarks Folkesagn 2, 119,
u. schwedisch, Hylten-Cavallius 212. 101 )
Sigrdrifumäl Str. 5. 102 ) Uppsala Univ.Ärsskrift
1916 II, 2, 20. 103 ) Egilssaga 197. 104 ) Ohrt
T rylleord 94 ff. 105 ) N. Lindqvist En isländsk
Svaribok 66. 106 ) Christiansen FFC. 18,
50 — 58. 107 ) Bugge Heldensagen 306; vgl.
Art. Verrenkung, S. wider, §1 mit Anm. 3.
108 ) Grimm Myth. 3, 508 aus Pontoppidan
Everriculutn (1736) 66; nach Grimm noch
Bugge Heldensagen 303 und Grendon JAmFl.
22 (1909), 155. 109 ) Grendon ebda. 22, 176. 190.
no ) Mone Anzeiger 6, 459; vgl. Grimm Myth. 2,
615- 4
^15. Formen und Stil. Einige wenige
altdeutsche Sprüche tragen ausgesprochen
poetische Form; metrischer Bau und
Stabreim finden sich in den beiden Merse¬
burger Sprüchen und auch in dem inhalt¬
lich christlichen Weingartner Reises. 111 ),
entsprechendes im Altenglischen und
Altnordischen. Dies deutet auf alte
Spruchformentradition 112 ), um so mehr
als die spätantiken und altchristlichen
magischen Sprüche des Südens gewöhnlich
prosaisch sind, beweist aber natürlich
nicht, daß jeder betreffende Zauberspruch
aus heidnischer Zeit herstammt.
Vielleicht könnten aber anderweitig
gewisse Sprüche eine so eigentümliche
Prägung tragen, daß sich ihre altgerma¬
nische Herkunft geradezu aufdrängt. Für
einige altdeutsche Sprüche (von den alt¬
englischen müssen wir hier absehen 113 ))
ist dies mit besonderer Kraft und Klar¬
heit von W. H. Vogt behauptet 114 ). Nach
ihm sind hier zwei polare Gegensätze
vertreten (vgl. oben § 3): die bündige
Darstellung einer jenseitigen Urhandlung
(so die zwei Merseburger Sprüche, unten
gekürzt Msb.) und der reine Befehl des
gegenwärtigen Zauberers (z. B. ,,Gang
ut nesso“ s. Verbannung in den S. § 1,
vgl. auch ,,Uuola uuiht“ s. Teufel in
den S. §1). Beide Pole sind nach Vogt
heidnisch und zwar Ausdrücke einer
intensiven Willensleistung des Magiers;
alle Zwischenformen zwischen diesen Polen
(Vergleich, Reflexion, Beschwörung durch
fremde Mächte u. a.) schwächen die
Willenskraft ab und sind christlich.
Diese Typen sind jedoch nicht ganz
Sondereigentum der Germanen; auch in
der spät antiken, synchretistischen Magie
finden sich nicht bloß die Zwischenformen
sondern auch, in ,,reiner“ Form, die beiden
Pole: Reine Darstellung geben z. B. die
Dreifrauensprüche bei Marcellus (s. Drei-
frauens. §1); reinen Befehl gibt z. B.
der Spruch ,,Fuge, fuge, podagra et
omnis nervorum dolor de pedibus meis et
Omnibus membris meis“ 115 ). Anderseits
ist zu merken, daß unter den uns be¬
kannten, sicher heidnischen ur- und alt¬
nordischen Zaubersprüchen keiner die
darstellende Form, reine oder nicht-reine,
vertritt (allerdings kennen wir aus dem
alten Norden fast nur Abwehr- und
Schadensprüche, nicht z. B. Krankheits¬
heilungen), und auch die Nachahmung
und Erwähnung des Wortzaubers in der
altnordischen Literatur geben kaum An¬
deutungen von der Existenz dieser Spruch¬
form 116 ). Die Darstellungsform könnten
aber die deutschen (und angelsächsischen)
Sprüche südlichen Mustern nachgebildet
haben, sei es antik-heidnischen, sei es
christlichen; die christlichen S. bieten sie
ja massenhaft, w r enn auch nicht ganz in
der ,,reinen“ Form.
Aber noch eine, und zwar ganz beson¬
dere, Eigentümlichkeit bieten nach Vogt
die beiden Msb.: der reine Befehl kommt
hier neben der Darstellung vor, aber als
Worte von den Mächten selbst gesprochen,
und bildet so den Gipfel und Abschluß,
,,in dem Jenseits und Diesseits kraftvoll
zusammenschlägt“, mithin Urhandlung
und Gelegenheit zusammengezwungen
werden. Selbst wenn man die Darstellung
(ohne Befehl) als vom Süden übernommen
ansehen will, gibt sich hier also etwas
Eigenartiges Ausdruck. Zu merken ist
noch, daß in den späteren Varianten des
2. (nicht des 1.) Msb. dieser Typus sich
mehr oder weniger rein wiederfindet (vgl.
Verrenkungss. §ib). Diese Darlegung
des Sondergepräges der Msb. ist sehr
beachtenswert. Es fragt sich wohl, ob
seelisch wirklich eine so tiefe Kluft gähnt
zwischen diesen Sprüchen und z. B. den¬
jenigen christlichen Begegnungss., die in
die Verbannung des Dämons (seitens des
Heiligen) auslaufen (§5). Auch sonst
Segen
bieten später durch die Zeiten etliche
deutsche (und nordische) Segensvarianten
eine derjenigen der Msb. sehr ähnliche
Vereinigung reiner Darstellung und reinen
Befehls (letzterer sei als Wort der Gottheit
gedacht oder nicht) 117 ). Solches könnte
man dann zwar als heidnisches Erbe
auf fassen; jedenfalls in einem Falle (,,Der
herre Job lach .... des buozte im der
hl. Crist .... also si des manewurmes,
des härwurmes .... der wurm der si nü
t6t“) ist jedoch der betreffende S.kreis
schwerlich germanischen Ursprungs; er
findet sich z. B. auf Sizilien vertreten,
und zw r ar in sehr intensiver Form
(,,S. Hiob hatte den Wurm; der Wurm
ins Wasser; tot bist du“) 118 ), hier sicher
als Kürzung einer älteren, weniger ker¬
nigen Form (eine Kürzung, die also
schwerlich altgermanischem Geiste ent¬
sprungen ist) (vgl. Hiob in den S. § 1
u. 2). — Es bedarf vielleicht weiterer
Untersuchung des christlichen Materials,
ehe man den Stil der Msb. als entschieden
urgermanisch und nur germanisch ab¬
grenzt; die Möglichkeit ist kaum abzu¬
weisen, daß es sich um einen auch sonst
sich entfaltenden volkstümlichen Ty¬
pus (vom gelehrten oder kirchlich ge¬
prägten verschieden) handelt.
m ) MSD. 1, 18 Nr. 8. 112 ) Uber die vermeint¬
liche urgermanische „Galderform" Lindquist
Galdrar (1923), rez. DanSt. 1923, 183 t!.
113 ) über deren Stil H eusler Die altgerm.
Dichtung 61. 114 ) ZfdA. 65, 117 t!. 115 ) Mar¬
cellus De medicamentis XXXVI 70 (Heim
Incantamenta 477). 11C ) Höchstens Sklrnismäl
Str. 32 Ichform in der Vergangenheit; Darra-
darljöd (Njälssaga cap. 158) Schilderung in der
Gegenwart (rituelles Zauberlied). 117 ) MSD.
2, 275, 12. Jh., „Wazzer rinnet" (vgl. hier Vogt
ZfdA. 65, 121); ebd. 1, 181, 12. Jh., ..Der herre
Job" s. oben; Schönbach HSG. 15. Jh.,
„Jhesus unde der mordt", s. Mordsegen; Ale¬
mannia 27, 123, 16. Jh., ,,Es ginge S. Peter“;
ZfVk. 7, 57, spät, ,,Unser Herr Christ" (Wund¬
segen); DanmTryllefml. Nr. 130. 318. 447h.
318 ) Pitrö Bibblioteca delle tradizioni popolari
Siciliane 19, 394. Vgl. auch z. B. neugriech.
Folk-Lore 7, 144 (Dreiheitsspruch); altgr.
Denkschriften der Wiener Akademie 42, 26
Z.197 fi.
16. Inhalt (und Wortlaut). Eine
Sonderung der Fragen über Inhalt und
über Form ist notwendig. Es kann ein
vom Süden übernommener Spruch einen
Umguß nach altererbtem heidnischem
Typus erfahren haben und umgekehrt
ein heidnischer Spruch christlichen Mu¬
stern angepaßt sein. Ein Beispiel ersterer
Art bietet der große alt englische, in alter¬
tümlich-nationale Form gekleidete Neun-
kräuterspruch 119 ), der jedenfalls teilweise
den Inhalt antiker und christlicher
Sprüche wiedergibt.
Wir betrachten hier a) zuerst wieder
die Merseburger Sprüche, b) dann andere.
a) Daß die Merseburger Sprüche
sowohl inhaltlich als auch formell heid¬
nisch-germanischer Herkunft sein mußten,
hat bis mehr als 50 Jahre nach ihrer
Auffindung niemand bezweifelt. Selbst
einem S. Bugge 12 °) war trotz seiner
Deutung des P(h)ol als Paulus auch der
2. Msb. ursprünglich heidnisch, und selbst
einem E. H. Meyer 121 ) atmete derselbe
,,höchste Altertümlichkeit“. Dann er¬
klärte (1901) der finnische Forscher
K. Krohn 122 ) den 2. Spruch (inhaltlich)
für eine christliche Legende über Jesu
Eselsritt in Jerusalem mit nachträglich
substituierten heidnischen Namen (außer
Pol = Paulus); Krohn betont teils, daß
eine Spazierfahrt Wodans keinen Sinn
habe, wogegen der Spruch als christliche
Legende leicht verständlich sei, teils daß
die zahlreichen anderen Varianten des
Spruches christliche Namen tragen. Einige
Forscher 123 ) haben sich dieser Auffassung
angeschlossen, Schwietering 124 ) hat auch
den 1. Msb. als christlich zu erklären
versucht.
Den ersten Spruch, eine (sehr selb¬
ständige) Parallele zu den Marcellus¬
sprüchen über drei Jungfern (s. Drei-
frauens. §1), möchte man als inhaltlich
weder speziell heidnisch noch speziell
christlich bezeichnen; daß die zaubernden
Weiber (idisi) eben Walküren bedeuten,
ist nicht ausgemacht.
Der zweite Spruch bringt aber
heidnische Götternamen. Der gewöhn¬
liche Einwand gegen christlichen Ur¬
sprung, daß die Einsetzung heidnischer,
den Geistlichen durchweg als böse Dä¬
monen geltender Götter an Stelle christ¬
licher Heiligen undenkbar sei, ist kaum
stichhaltig. Tatsächlich hat ja doch hier
IÖI 5 Segen l6l6
ein Geistlicher jedenfalls kein Bedenken Schluß des 2. Msb. Spruches, mit wechseln -
getragen, einen Spruch mit heidnischen
Namen in eine christlich rituelle Hand¬
schrift einzuschreiben; bloß aus histori¬
schem oder ästhetischem Interesse hat
er dies sicher nicht getan 125 ). Eher wäre
hervorzuheben, daß der Spruch über den
Heiligen und sein Pferd nicht in romani¬
schen Landen und nicht lateinisch be¬
kannt ist (vgl. Verrenkung, S. wider,
§ !)•
Ein völlig entsprechender und einheit¬
licher Mythus läßt sich weder in germani¬
scher noch in antiker Mythologie als
Quelle des 2. Spruches angeben (der bib¬
lische Esel erleidet ja keinen Schaden);
aber die magischen Historiolae verfahren
überhaupt mit ihrem Stoff sehr frei (vgl.
Verrenkung, S. wider § ic). Eine hand¬
schriftlich ungefähr gleichzeitige (10. Jh.)
christliche Parallele in Prosa liegt in
einem Trierer Segen (s. d.) vor, dessen
nahe Verwandtschaft nicht zu leugnen
ist; der Anfang des Tr. S.s ist mit dem
des 2. Msb. völlig gleichlaufend, während
der Schluß wohl kirchliche Bearbeitung
einer volkstüml. Grundlage verrät. Für
evangelische Quelle (Matth, cap. 21) des
2. Msb. Spruches wäre das Wort jolo so
gut wie entscheidend, falls man mit
Mogk 126 ) urgieren dürfte, daß dies Wort
im Altdeutschen nur in der Bedeutung
Füllen (nicht auch: ausgewachsenes Pferd)
belegt ist, was wohl aber Zufall sein kann.
Jedenfalls war der Verfasser mit alter
heidnischer Tradition vertraut (Namen,
dichterischer Form), und der Spruch
ist vielleicht bedeutend älter als sein
erster Beleg. Schon in sehr frühen Jahr¬
hunderten hat aber auch südliche Zauber¬
tradition sich geltend machen können.
Daß die Schlußbeschwörungen der
Msb. Sprüche (im 2. von Wotan ge¬
sprochen) als Typus uralt sind (vgl. § 15;
Ad. Kuhn 127 ) hat gar einen parallelen
altindischen Zauberspruch herangezogen),
und daß sogar ihr Wortlaut aus heidni¬
scher Zeit stammen kann, wird niemand
leugnen; ungefähr so mußte sich zu allen
Zeiten ein Befehl an die verrenkten
Glieder oder an den Gefangenen formen;
noch in neuerer Zeit findet sich der
der Reihenfolge der Glieder, im Volke
auch ohne das Vorstück 128 ) und auch
anderen Segen angegliedert 129 ).
b) Andere Sprüche. Daß etliche
religiös neutrale, aus älterer oder
späterer Zeit überlieferte unepische Sprü¬
che (Besprechungen) dem Inhalt oder gar
Wortlaut nach aus deutschem Heiden¬
tum stammen können, ist eine offen zu
lassende Möglichkeit, in einigen Fällen
die nächstliegende. So vor allem der,
wesentlich prosaische, Spruch (gegen
Wurm) ,,Gang uz nesso“ (vgl. Sp. 1611),
9. Jh. 13 °); auch zwei Langzeilen im
übrigens christlichen Weingärtner Reise¬
segen, 12. Jh. 131 ): ,,Offin si dir diz sigi-
dor“ usw. Ja dasselbe kann der Fall
sein mit dieser und jener erst in später
Zeit aus mündlicher Tradition aufge¬
zeichneten kurzen Beschwörung oder
Ritusanzeige (nach Art z. B. des ,,Ben
zi bena“ des 2. Msb.); dies entzieht sich
aber jeder Kontrolle. Das Gepräge solcher
Sprüche ist recht international; einige
in Deutschland belegte, religiös neutrale
Sprüche und Motive finden sich z. B.
im Byzantinischen (und Neugriechischen)
wieder, so der Mond, der das Geschwür
fortnimmt 132 ), das Fortlocken des Übels
an einen Ort, wo es zu essen und trinken
gibt 133 ), die Verbannung (s. d.) an einen
öden Ort.
Aber auf den Merseburger Sprüchen
fußend sind frühere Forscher viel weiter
gegangen und haben heidnische Grund¬
lage auch für Segen mit christlichen
Namen angenommen. So natürlich mit
dem Verrenkungssegen über Jesu Pferd,
auch mit alten volkstüml. Segen w r ie dem
,,Straßburger** und dem „Bamberger“
Blutsegen, Varianten des Longinussegens
(s. d.). Aber dann auch in den christl.
Segen überhaupt; J. Grimm erwartete
hier bes. von den skandinavischen Segen
viele Aufklärung 134 ) (vgl. Sp. 1609!.). Noch
ein H. Usener meinte (1902), daß Namen
wie Christus u. Maria in die Segen für
ältere heidnische eingesetzt wären, ,,und
in dieser christl. Umbildung laufen sie
(die Heidengötter) bis heute um“ 135 ).
Von solchem Gesichtspunkte aus be-
Segen
l6l8
I617
deutete dann ein Eingang wie , »Christus I Stoffsammlungen nur wichtigere Publi-
u. Petrus gingen über Land“ Wotans
Wanderung mit anderen Göttern 136 );
das j* in einem Kreuzessegen war Donars
Hammer 137 ); der verrenkte, von Christus
geheilte Hirsch war Frohs oder auch
Balders Tier 138 ); drei Schwestern in
einem ölgarten (in Blutsegen, vgl. Mark.
Ev. 16, 1) waren die Nornen unter dem
Yggdrasilbaume 139 ). Und erst dies gab
in den Augen mancher den Segen über¬
haupt ein Interesse, ,,es wäre wünschens¬
wert, daß diese einmal ordentlich ge¬
sammelt würden, denn gerade hier hat
sich ... vieles aus der heidnischen Zeit
erhalten“ 14 °).
Daß man in dieser raschen Zuversicht
ganz auf Irrwege gekommen war, wird
jetzt wohl allgemein erkannt, ohne Rück¬
sicht darauf, wie man zu den Msb.
Sprüchen steht. Die Methode war zu
leicht und willkürlich; und das Studium
der einzelnen Segen zeigt mehr u. mehr,
daß sie im (volkstüml.) Katholizismus
wurzeln. Was hier an „Heidnischem“
steckt, ist (mit den oben gegebenen Be¬
schränkungen ) das breit-volkstümliche
Christentum des europ. Mittelalters im
Allgemeinen. Ein nationales Element
macht sich hier im Stil, im Geschmack
und in Einzelheiten, wie wohl überall,
auch in Deutschland geltend, aber dies
hat mit germanischer Mythologie wenig
zu schaffen.
119 ) JAmFl. 22, 190. 12 °) Bugge Helden¬
sagen 301. 121 ) E. H. Meyer Mythologie der
Germanen (1903) 392. 122 ) Finnisch-ugrische
Forschungen 1, 148h; 5, 129 h. 123 ) S. bes.
R. Th, Christiansen Die nordischen u. finni¬
schen Varianten des 2. Msb. (F. F. C., Nr. 18,
Hamina 1914). 124 ) ZfdA. 55, 1480. 12S ) Vgl.
AfdA. 43, 37 f. 126 ) Ebd. 127 ) ZfvglSpr. 13, 58.
128) Frischbier Hexenspr. 92. 129 ) Eber-
mann Blutsegen 23, 130 ) MSD. 1, 17 Nr. 5.
131 ) MSD. 1, 18 Nr. 8. 132 ) Legrand Biblio-
thique grecque vulgaire 2 S. XXII. 133 ) Pradel
Gebete 15; vgl. Lammert 131. 134 ) Grimm
Myth. S. 1043. 13S ) HessBl. 1, 2; so für den
Wiener Hundesegen (s. Wolfss. § 1 — 2) noch
Ehrismann Gesch. d. d. Lit. 1 (1918), 100.
1S «) Wuttke §242. 1 37 ) J.W. Wolf ZfdA.
7, 537 - 138 ) Losch WürttVjh. 13, 157 f.
139 ) Kronfeld Krieg (1915) 203. 14 °) Gallee
Germania 32, 452.
17. Literatur. Es können hier bei
der fast unübersehbaren Menge bes. der
kationen genannt werden, und einer ge¬
wissen Willkür in der Auswahl ist kaum
zu entgehen. Wir geben unten zuerst
Sammlungen und zwar a) Texte aus
älterer Zeit, b) nach Möglichkeit in
geographischer Ordnung Sammlungen
späterer Texte, aus dem Volksmund oder
aus handschriftlichen (u. gedruckten)
Zauberbüchern u. dgl.; dann c) wichtigere
Arbeiten über Wesen und Geschichte
der Segen und Beiträge zu ihrer Erklärung.
Für Text Sammlungen, sowie für Ab¬
handlungen, einzelne Segengruppen be¬
treffend siehe die Literaturangaben bei
den Sonderartikeln (Blutsegen, Kräuter¬
segen usw.).
(Einige der unten angeführten Publikationen
konnten für die Einzelartikel über S. nur teil¬
weise oder gar nicht verwertet werden.)
a. Sammlungen älterer Texte (deutscher,
und lateinischer aus deutschem Gebiet), bes.
vor 1600: Bartsch Mecklenburg 2, 10 ff.;
Bartsch Die ahd. Handschriften der Univ. Bibi,
in Heidelberg = Katalog der Handschrr. der
UB. in Hdlbg. 1 (1887) Register ,,Segen";
Birlinger Aus Schwaben 1, 4570.; Fr. By-
loff Volkskundliches aus Strafprozessen der
österr. Alpenländer (1929) Index; Franz
Benediktionen 2 (198 ff. 480 ff.), 493 ff.; Gallee
Altsächsische Sprachdenkmäler (Leiden 1894)
208; Hälsig Zauberspruch passim; MSD. 1,
15 ff. 34 ff. 180 ff.; 2, 272 ff.; R. Priebsch
Deutsche Handschriften in England 1 — 2 (1896
bis 1901) Register ,,Segen"; A. Schönbach
Analecta Graeciensia (Graz 1893) 25 ff. Stein-
meyer 3650.; J. Wierus De praestigiis dae-
monum (1563; Ausg. Basel 1577) 518 ff.;
Alemannia 16, 2330.; 22, 120 ff.; 25, 262 ff.;
26, 70 ff.; 27, 93 ff.; AnzfKddV. 1853, 135 f.;
1854, 17 f. 165!.; 1862, 234 ff.; 1865, 349 ff-;
1871, 301 ff.; 1873, 227 ff.; Germania 12, 463 ff.;
17, 75 f.; 24, 73 ff. 311; 25, 67«. 507 t-; 32,
452 ff.; Mones Anzeiger 3 (1834), 2770.; 6
(1837), 460ff.; 7 (1838),420ff.; MschlesVk. H. 13
(1905). 25 S-; H. 18 (1907), 5 ff.; Urquell2 (1898),
101 ff. 172 ff. 241 ff.; ZfdA. 13, 214 ff.; 15,
452 ff.; 18. 78 ff.; 21, 207 ff.; 23, 435 ff.; 24,
65 ff.; 27, 308 ff.; 35, 248 ff.; 38,14 ff.; ZfdMyth.
1, 279 ff.; 3, 318 ff.; ZfVk. 1, 172 ff. 315 ff.
b. Sammlungen späterer Texte. Alten¬
burg: V. Lommer Volkstümliches aus dem
Saalthal (Orlamünde 1878) 1 ff. — Baden:
Schmitt Hettingen 18 ff.; Zimmermann Ba¬
dische Volksheilkunde (1927) passim; Alemannia
2, 126 ff.; 31, 177 ff.; ZfVk. 5, 293 ff. — Bayern
(m.w.): Flügel Volksmedizin 37 ff.,* Höfler
Volksmedizin u. Aber gl. in Oberbayern (2. Aufl.
segnen—sehen
1020
1619
1893) 31 ff.; Lamraert 131 ff.; Reiser Allgäu
2, 441 ff.; Schönwerth Oberpfalz 3, 234 ff.;
BIBayVk. 1, 54 ff.; 2, 23 ff.; Heimatbilder aus
Oberfranken 2 (1914), 233 ff. — Böhmen: John
Westböhmen 296 ff. 310 ff.; Schramek Böhmer¬
wald 264 ff.; ZfVk. i, 201 ff. 307 ff.; 2, 165 ff.
(siehe weiter Jungbauer Bibliogr. 3570.). —
Brandenburg: Engelien u. Lahn passim;
ZfVk. 1, 193 ff. — Braunschweig: Andree
Braunschweig 416 ff.; ZfVk. io, 62 ff.; 22,
296 ff. — Elsaß: Alemannia 17, 239 ff. —
Hannover: Die Volkskunde der Prov. Hannover
1, 126 ff. — Hessen: Heßler Hess. Bandes- u.
Volkskunde 2 (1904) passim; Mitteilungen des
Wetzlarer Geschichtsvereins 12, 7 ff.; Zf Kultur-
gesch. 8, 299 ff. — Holstein (m. w.): Müllen-
hoff Sagen 508 ff. (Ausg. 1921: 5090.).; Ur¬
quell 2 (1898), 259 f. — Kärnten: WZfVk. 31,
47 ff. — Krain (Gottschee): ZföVk. 15, 171. —
Luxemburg: Ons Hemecht 1921/22. — Mecklen¬
burg: Bartsch Mecklenburg 2, 3240.; Staak
Die magischen Krankheitsbehandlungen in M.
(1931); ZfVk. 7, 53 ff. 162 ff. 287 ff. 4050.;
8, 56 ff. 197 ff. 304 ff. 389 ff. — Österreich:
Germania 26, 229 ff.; ZföVk. 3, 4 ff. — Olden¬
burg: Strackerjan 1, 74 ff. — Ostfriesland:
Niederdeutsche Ztschr. f. Volkskunde 7, 33 f. —
Pommern: Jahn Hexenwesen 51 ff.; Kuhn
u. Schwartz43ff. (nicht alle ausP.); Blpomm-
Vk. i, 46 ff. 106 ff. 139 ä.; 2, 27. 43 f.; 3, 26;
4, 159 f. 169 f.; 5, 25 ff.; 7, 96. 103 ff. H4ff.
150ff.; 9, 85ff.; ZfEthn. 31, 459 (der Verhandl.)ff.
— Preußen (Prov.): Frischbier Hexenspr. —
Rheinland: H. Holschbach Volkskunde des
Kreises Altenkirchen (Elberfeld 1929) 132 ff.
Rheinisches Land 10, 171 ff.; ZfrwVk. 7, 54 ff.;
8, 65 ff.; 23, 1x6 ff.; ZfVk. 16, 170 ff. — Sachsen:
Ganzlin Sachs. Zauberformeln ; John Erz¬
gebirge 107 ff.; Seyfarth Sachsen 75 ff. —
Schlesien: Drechsler 2, 2840.; Klapper
Schlesien 232 (z.T. ältere Texte); MschlesVk. H.
6 (1899), 30 ff.; H. 14 (1905), 86 ff. (s. auch Sp.
1618). — „Schwaben": Birlinger Volksth . 1,
202 ff.; Ders. Aus Schwaben 1, 441 ff. (vgl.
Sp. 1618); Meier Schwaben 2, 515 ff. (s. auch
Baden usw.). — Schweiz: Manz Sargans 57 ff.
(passim). 113 ff.; Stoll Zauberglauben passim;
Zahler Simmenthal 100 ff.; SAVk. 2, 2570.;
4, 321 ff.; 24, 293 ff.; 26, 65 ff.; ZfdMyth. 4,
103 ff. — Siebenbürgen: Haltrich Siebenb.
Sachsen 262 ff.; Schuster Siebenb.-sächsische
Volkslieder (Hermannstadt 1865) 2850.; Wli-
slocki Sieb. Volksgl. 83 h.; KbbSbLkde 42,
39 ff-; 45, 16 ff. — Steiermark: Fossel
Volksmedizin 145 ff. und passim. — Thüringen:
Köhler Voigtland 4030.; Sagen u. Gebräuche
aus Thüringen 2 (Wien 1878), 271 ff. — Tirol:
ZföVk. 2, 149 ff. — Westfalen: Kuhn West¬
falen 2, 191 ff.; ZfrwVk. 1, 207 ff.; 2, 280 ff. —
Württemberg: Höhn Volksheilkunde passim;
Alemannia 14, 670.; 25, 126 ff.; Heimatblätter
vom ob. Neckar 7 (1931), 1159 f.; Württ. Jahr¬
bücher f. Statistik u. Landeskunde 1917/18,
110 ff.
Weiteres. Grimm Myth. 3, 492 ff. (Ho-
vorkau. Kronfeld 1 — 2 passim, auch slavische
u. a.) (W^uttke §227 — 241). — Für die ge¬
druckten Zauberbücher s. d. Art. und Art.
Romanusbüchlein sowie WürttVjh. 13, 157:0.
S. auch Hof fmann-Krayer Volkskundl.
Bibliographie für 1917 ff. sowie die Dar¬
stellungen der Volkskunde Deutschlands oder
deutscher Gebiete.
Größere Sammlungen von Segen- und
Zaubersprüchen in anderen, bes. germani¬
schen Sprachen. Altenglisch: Wülker Bibliot.
der angelsächs. Prosa VI (Hamburg 1905);
Grendon JAmFl. 22. Altgriechisch u. römisch:
Heim Incantamenta. Dänisch DanmTryllefml.
1—2. Englisch: Hinweisungen bei Kittredge
Witchcraft in Old and New England (Harv. Univ.
Press 1929) 389. Finnisch: Suomen kansan
vanhat runot (Helsinki 1908 ff.) s. die Inhalts¬
angaben der Einzelbände. Französisch Eber¬
mann ZfVk. 1914, 134 ff. Litauisch: Man-
sikka FFC. Nr. 87. Niederländisch: Verdam
siehe unter c; de Cock Volksgeneeskunde in
Viaanderen (Gent 1891) 133 ff. Norwegisch:
Bang Norske Hexefml. Polnisch (Masurisch):
Toeppen Masuren 45 ff. (verdeutscht). Rus¬
sisch: Mansikka Über russ. Zauberformeln (Hel-
singfors 1909) passim. (Literaturangaben
S. VII ff.). Schwedisch in Schweden: E. Lin-
derholm Svenska signelser, in Svenska lands¬
malen, bisher H. 176. 185. Schwed. in Finnland:
W. Forsblom Finlands svenska folkdiktning
VII. Bd. 5 (1927, Registerband 1930). Tsche¬
chisch: Grohmann. Ungarisch: Wlislocki
Volksglaube der Magyaren, s. Index sub Zauber¬
spruch.
Handschriftliche Sammlungen (nicht öffent¬
lich zugänglich). A. Schönbachshinterlassene
Sammlung, Universitätsbibliothek, Gießen (äl¬
tere S.). Prof. Wossidlos Samml., Waren,
Mecklenburg.
c) Arbeiten über S. (außer den betreffenden
Abschnitten in den Darstellungen der deutschen
Literaturgeschichte und der germ. Religions¬
geschichte). M. Brie Der germ. insbesondere
der englische Zauber Spruch MschlesVk. 16
(1906), i ff.; Fehrle Zauber und Segen (Jena
1926); Franz Benediktionen 2, 420 ff.; Grimm
Myth. 2, 1023 ff.; Hälsig Zauber Spruch. ; Heus-
ler Die altgerm. Dichtung (1923) in O. Walzeis
Handbuch der Literaturwissenschaft ; Klapper
MschlesVk. H. 18 (1907), 5 ff.;MSD. 2, 42ff. goff.
272 ff.; Müller Stilform ; Paul’s Grundriß d.
germ. Philologie, 2. Ausg., II 1 (1909) S. 63 ff.;
Steinmeyer 365 ff.; Verdam Over Bezwerings-
formulieren, Handel, en Meded. van de Maatsch.
de Nederland. Letterkunde te Leiden 1900/01,
3 ff.; Wuttke §221—248. — Uber Segens¬
parodien Ebermann HessBl. 12,182 ff.; Wein¬
reich HessBl. 9, 126 ff. — Außerdem bieten
mehrere der Textsammlungen orientierende
Bemerkungen. Ohrt.
segnen s. Nachtrag.
sehen (s. Blick, umsehen, Zusehen).
Um die abergläubischen Vorstellungen
IÖ2I
Seidelbast
1622
beim Sehen sich zu vergegenwärtigen, sei
ein typischer Einzelfall vorangestellt:
Ein Knecht erkrankt, nachdem er von
einer bekannten Ortshexe angesprochen
ist (s. blasen). Eine kluge Frau warnt
ihn, die Hexe dürfe ihn in drei Tagen nicht
sehen. Am dritten Tage ist sie mit einem
Male in der Krankenstube, geht an das
Bett und lacht laut. Nach langer Krank¬
heit starb der Knecht. Hätte seine Frau
die Hexe sofort blutig geschlagen, so wäre
der Zauber gebrochen gewesen (s. Blut) 1 ).
Es genügte also einfaches Hinsehen, um
diejenige Verbindung mit dem Objekt
herzustellen, die erforderlich ist, um
zauberische Wirkung auszuüben. Damit
stellt sich das Ansehen in eine Reihe mit
einer großen Anzahl analoger Handlungen,
dem Anrühren, Ansprechen, Anblasen, Be¬
nutzung von Kleidungsstücken, Exkre¬
menten, Aussprechen des Namens u. ä.
Wer also zuerst sieht 2 ), kann eine zaube¬
rische Macht ausüben. Umgekehrt kann
in der durch das Sehen hergestellten Ver¬
bindung eine Gefahr liegen, selbst von
dem Gesehenen beeinflußt zu werden 3 ),
gewöhnlich als versehen (s. d.) bezeichnet.
Ebenso genügt oft ein Sehen oder Hören,
um helfende Mächte mobil zu machen 4 ).
*) ZdVfVk. 11, 308. 2 ) Grimm Myth. i, 394;
2,903; S6billot Folk-Lore 4,490- a ) Frazer
3, 9. 4 ) Für Hören etwa Alexis Hosen d. Herrn
v. Bredow 11 112. Aly.
Seidelbast (Kellerhals, Wolfsbast, Zei-
land, Ziland; Daphne mezereum).
1. Botanisches. Niedriger Strauch mit
duftenden, purpurroten, vierzipfeligen Blü¬
ten. Die Blätter sind länglich-lanzettlich
und erscheinen erst nach den Blüten. Die :
Früchte sind rote Beeren. Der S. ist eine
der ersten Frühlingspflanzen, in Wäldern
und im Gebüsch ist er nicht selten. Die
scharf schmeckende Rinde wird als blasen¬
ziehendes Mittel manchmal im Volke ver¬
wendet *). Den antiken Schriftstellern
war der S. anscheinend nicht bekannt, er
ist also (volkskundlich) eine echt „ger¬
manische“ Pflanze 2 ).
*) Marzeil Kräuterbuch 460t. 2 ) Marzeil
Der S. in der Volkskunde in: BayHfte 3,
110-119; M. Springenfeld Beitrag z. Gesch.
d. S.s, Dissert. Dorpat 1890, 140 S.; Höfler
Kelten 254; Tschirch Handb. d. Pharm. 2
(1917), I 355 -
2. Die altdeutschen Namen cigilinta,
zigelinta, ziulinberi (nhd. Zeiland, Ziland)
für den S. wurden von der älteren mytho¬
logischen Schule gern mit dem Gotte Ziu
(als Frühlingshimmel? Der S. ist eine
Frühlingspflanze) bzw. mit dem Namen
der Schwanenjungfrau Sigel int in Ver¬
bindung gebracht, vgl. auch die dänische
Bezeichnung tysved (nach Grimm viel¬
leicht ahd. ziowitu = Martis arbor) 3 ).
Nach Björkman 4 ) sind jedoch die Ety¬
mologien nicht annehmbar. Nach einer
oberösterreichischen Legende hat der S.
(Zwülindn) eine besondere Kraft, weil
dem Heiland bei seinem feierlichen Einzug
in Jerusalem nebst Palmen (der S. ist
auch ein Bestandteil des „Palms“, s.
unten) auch „Zwülindn“ gestreut wurde 4 ).
Der S. soll einst ein stolzer Baum gewesen
sein, als aber die Juden das Kreuz Christi
aus seinem Holz zimmerten, traf den S.
der Fluch und er wurde zu einem Sträuch-
lein 5 ). Bei den Esten ist der S. des Teufels
Strauch, er darf nicht verbrannt werden,
sonst zündet der Teufel das Haus an. Den
Pferden die ihren Strick zerrissen haben,
dreht man einen aus dem Baste des S.s 6 ).
Eine sächsische Sage erzählt von einem
im Garten gepflanzten „Zeilaunderstrauch“
der beim Erkranken seines Besitzers zu
verdorren begann 7 ).
3 ) Grimm Myth. 1, 165; 2, 355. 998f.;
Mannhardt 1, 582; Höfler Botanik 114;
Herr mann D. Myth. 1898, 283. 4 ) ZfdWort-
forsch. 3 (1902), 280; vgl. auch Falk u. Torp
Norw.-Dän. Etym. Wb. 1910/11, 1306 s. v.
Tybast. 4 ) Baumgarten Aus der Heimat 155.
B ) Perger * Pflanzensagen 221. ®) Dähnhardt
Natursagen 1, 200; Grimm Myth. 2, 99S er¬
innert bei dem Namen „Wolfsbast" an die
dem Fenriswolfe angelegte Fessel. 7 ) Meiche
Sagen 12.
3. Der S. hat, besonders auch im nordi¬
schen Glauben 8 ), apotropäische Eigen¬
schaften. Nach einer badischen Sage
bannte eine Hexe alle Pflüge der im Feld
arbeitenden Bauern bis auf einen. Da
/
sagte sie: „Kein Wunder! der hat ge¬
weihten Zyland (= S.) im Kummet“ oder
nach anderer Version: „O du verfluch¬
ter Zylander, wie machst du mi zua
Schande“ ®). Ganz ähnlich sagt in einer
schwedischen Volkssage der Troll: „tibast
och vanderot stä mig emot“ (= S. und
1623
Seidelbast
1624
Baldrian sind mir zuwider) 10 ). Im Nor¬
wegischen heißt der S. auch „trollved“ u).
Der S. dient gegen die Verzauberung des
Viehs 12 ), in Mähren räuchert man die
jungen Gänschen damit 13 ). Die Hirten
behaupten, mit dem S. könne man sogar
den Teufel festbinden 14 ). In Vorarlberg
wurden bei Gewitter geweihte Palmen
(s. d.), in denen S. sein mußte, ange¬
zündet 15 ). Zweige von S. werden auch
in Oberösterreich in den Palmbuschen :
gebunden, teils um davon zu gewissen
Gesicht 23 ). Das gleiche glaubt man von
anderen Frühlingsblumen, vgl. Märzglöck¬
chen (5, 1741). Beim S. ist es jedoch
wohl mehr als ein bloßerAberglaube,dadie
Pflanze eine stark hautreizende Wirkung
hat und eine Berührung des Gesichts mit
den Blüten bei sehr empfindlichen Per¬
sonen wohl einen Ausschlag hervorbringen
kann 24 ). Die reifen Beeren des S.s („Zier¬
körner“) werden getrocknet und in un¬
gerader Zahl (3 oder 5) eingenommen.
Sollen sie Erbrechen bewirken, müssen
Zeiten dem Vieh einzugeben, teils um die
„Harnwindn“ (Strangurie) zu wenden,
indem man dem Vieh damit auf den
Rücken „schmeißt“ und dabei einen Spruch
sagt 16 ). In Baden 17 ) ist der S. (es können
nur fruchttragende Zweige gemeint sein)
auch ein Bestandteil des Kräuter¬
büschels 18 ). S. im Keller wirkt gegen
den Zauber, wenn es dort die
Scheidung der Milch verhindert. In Est¬
land treiben mancherorts die Hirten die
Kühe mit S.zweigen auf die Weide, damit
sie recht viel Milch geben 19 ). Hier spielt
der S. offenbar die Rolle der „Lebens¬
rute“.
8 ) Vgl., Reichborn-Kjennerud Laegeurier
68f. 9 ) Meyer Baden 397. 557f. = Wuttke
io 5 § 135. 10 ) Fries Växtnamen 1880, 142, vgl. j
auch SAVk. 23, 179; Meyer Germ. Myth. 117. !
n ) Rcichborn-Kjennerud a. a. O. 12 ) Zah¬
ler Simmental 176. 13 ) Grohmann 140.
14 ) Alpenburg Tirol 396. 15 ) Vierteljahrs-
schr. f. Gesch. u. Landeskde Vorarlbergs N.
F. 2 (1918), 84; Helbok Vorarlberg 1927,
56; vgl. auch Vonbun Beiträge 128. 16 ) Baum¬
garten Aus der Heimat 147. 17 ) Meyer Baden
105. 18 ) Vonbun Beiträge 106. 128; Helbok
Vorarlberg 1927, 60. 19 ) Springenfeld a. a. O.
iof.
3. Als Frühlingspflanze (s. 3, 160)
hat der S. besondere Wirkungen. 1—2 |
frische Blüten davon gegessen, schützen
das ganze Jahr vor der „Motter“ (Sod- |
brennen) Die ersten Blüten des S.s
muß man unbeschrieen suchen, wenn man
ihn gefunden hat, muß man ihn in die
rechte Hand nehmen und sprechen:
Den ersten Zylander, den ich fand.
Den nehme ich in meine Hand,
Damit kann ich stillen Blut, Schmerz i
und Brand 21 ). !
i
Wer an den Blüten riecht, bekommt eine j
sie „herauf zu“ (also von unten nach oben)
abgepflückt werden, sollen sie aber
als Abführmittel dienen, dann müssen sie
„herunter zu“ gepflückt werden 2S ), vgl.
Holunder (4, 273) (vgl. abwärts, aufwärts
1, 125ff.). Die Hirten binden den S. gegen
Krämpfe um die Füße 26 ). Wenn man in
der Gegend von Insterburg den schmerzen¬
den hohlen Zahn mit einem trockenen
Stengel des S.s ausstochert, so ist das wohl
auf die hautreizende Wirkung der Pflanze
zurückzuführen 27 ). Die Beeren gibt man
gegen das „kalte Fieber“ ein 28 )\ Auch
sind sie in Altbayern ein bäuerliches Aphro¬
disiakum. Wenn der „Kammerwagen“
(Hochzeitswagen) durchs Dorf fährt, hat
der Fuhrmann seinen Pferden S.beeren
zu fressen gegeben, daß sie „Schneid“
bekommen und fest wiehern 29 ). Pferde-
gewieher bedeutet Glück 30 ). Die stimu¬
lierende Wirkung des S.s auf die Sexual¬
organe ist übrigens pharmakologisch nach¬
gewiesen 31 ).
20 ) Schmalkalden: Veckenstedts Zs. 4, 149.
21 ) Marzeil Bayer. Volksbot. 1S0. 22 ) Kummer
Volkst. Pflanzennamen usw. aus d. Kt. Schaff-
hausen 1928, 96; Erlanger Heimatbl. 10 (1927),
146; eine ,,große“ Nase: ZfVk. 11, 60. 23 ) Mittel¬
franken: Marzell Bayer. Volksbot. 183. 24 ) Vgl.
Mitt. Deutsch. Dendrol. Gesellsch. 38 (1927),
70. 25 ) Nordwestböhmen: Orig.-Mitt. v. Stelz-
hamer 1910. 26 ) Alpenburg Tirol 39t).
27 ) Urquell 1, 137. 28 ) Peter Österreichisch -
Schlesien 2, 242. 29 ) Marzell Altbayr. Volks¬
bot. 1909, 9; Strobl Altbayr. Mittel 1926,
41. 42. 51. 30 ) Grimm Myth. 3, 442. 31 )
Schultz Vorles. über Wirkung u. Anwend. d.
deutsch. Arzneipflanzen 1919, 114.
4. Wirft man die S.beeren unter das
Kochloch, so kann nicht mehr gehörig
gekocht werden; alle Speise brennen
an, bis man die Asche und mit ihr die
„böse“ Nase 22 ) oder ein
geschwollenes ; Beeren wieder entfernt hat 32 ). Der Aber-
1625
Seidenfaden—Seife
1626
glaube geht wohl auf den scharfen bren¬
nenden Geschmack der Beeren zurück.
32 ) Wartmann St. Gallen 30.
5. Wie die Blütenähre des S.s auf blüht,
so soll man säen: blüht sie oben zuerst
auf, so ist die Frühsaat die beste, blüht
sie zuerst in der Mitte, so ist die Mittelsaat,
blüht sie zuerst unten auf, so ist die Spät¬
saat die günstigste 33 ), vgl. Augentrost
(i, 720).
33 ) Marzell Bayer. Volksbot. 103, vgl.
Fischer SchwäbWb. 5, 1321. Marzell.
Seidenfaden. Wo ein Faden gebraucht
wird, soll es sehr oft ein Seidenfaden sein,
weil die Seide fest, dünn und selten ist.
Gelegentlich tritt auch der Spinnweb¬
faden dafür ein (s. d.) Aiy.
Seidenschwanz (Bombycilla garru-
lus L.), auch Kriegs-, Pest-, Toten- j
Vogel 1 ). Nach Brehm 2 ) bewohnt er
vorwiegend nördliche Länder und wan¬
dert nur südwärts, wei i sich dort be¬
sonders starke Schneefälle einstellen.
Der S. gilt allgemein als Unheilverkün¬
der; er zeigt Krieg oder Pest an;
mancherorts erscheint er alle sieben
Jahre 3 ).
*) Suolahti Vogelnamen 144 ff. 2 ) Vogel-
brehm 519. 3 ) Kronfeld Krieg 182; Birlin-
ger Aus Schwaben 1,396; Lammert Volksme¬
dizin 100; Hopf Tierorakel 133; „Der Bund“
(Bern) 17. Juni 1915, Abendbl. (zit. Alb. Heß
in d. „Schweiz. Bll. f. Ornith.“, wo auch Buf-
fon erwähnt. S. als Verkünder der Cholera in
Zürich 1866 u. des Weltkriegs, Winter 1913/14);
Baumgarten Aus d. Heimat 1, 102; Derselbe
Das Jahr 15; ZfdMyth. 1, 202 (Harz); Andree-
Eysn Vkdl. 158; SAVk. 19, 209.
Hoff mann-Kray er.
Seife. 1. In der Volksmedizin findet
die S. vielfach Verwendung. Damit die
Nachgeburt nicht anwachse, soll neben
anderem die Schwangere sich jeden
Morgen die Nabelgegend einreiben mit
einem Ansatz von geschnittener S. und
Kornschnaps *); S. kommt auf Wunden 2 ),
als Pfropf bei Verstopfung in den After 3 ),
auf ein geschwollenes Glied in Form einer
Salbe von S., Schweinefett, Kreide und
Essig 4 ) (Neckargemünd); einen Schaden
bestreicht man mit S., mit der eine Leiche
gewaschen wurde, und zwar in der Rich¬
tung, in der ein Leichenzug am Hause
vorbeigeht 5 ); S.nwasser gilt als Reini¬
gungsmittel bei Seborrhoea capilitii 6 ),
gegen Finnen gibt man es den Schweinen,
nachdem man sich vorher darinnen ge¬
waschen hat 7 ).
Schwarze S. scheint früher als Abor¬
tivmittel verwendet worden zu sein 8 );
grüne S. 9 ), auf einen Lappen gestrichen
und auf die Stelle gelegt, wo ein Splitter
sitzt, zieht ihn heraus 10 ), auch in Verbin¬
dung mit feinem Salze wird sie verwen¬
det n ), bei Zahnweh legt man ein Pflaster
aus grüner S. und etwas gemahlenem
Kaffee hinter das dieser Seite entgegenge-
| setzte Ohr 12 ); endlich verhütet sie Blasen¬
bildung bei Brandflecken 13 ). Um den
Alp festzuhalten, schmiert man sich die
Hände mit grüner S. 13a ). Braune S.
hilft gegen Blutvergiftung 14 ) (Kr. Biele¬
feld). S.nspiritus tut gut als Einreibemittel
gegen alle Schmerzen 15 ),
*) John Westböhmen 101. 2 ) Fogel Penn¬
sylvania 301 Nr. 1595. 3 ) ZfrwVk. 1, 96.
4 ) Alemannia 27, 437. 6 ) John Erzgebirge
no=Seyfarth Sachsen 212. 6 ) Lammert
118. 7 ) ZfVk. 8, 307; vgl. Fogel Pennsylvania
165 Nr. 786; 166 Nr. 788. 8 ) Hovorka-Kron-
feld 1, 172. 9 ) Vgl. Hovorka-Kronfeld
1, 172. 10 ) ZfrwVk. 1, 101. u ) Ebd. 1, 204.
12 ) Ebd. 1, 93. 13 ) Ebd. 1, 99. 13a ) ZfdMyth. 2,
140 (s. oben 1, 304). 14 ) Ebd. 2, 95. 15 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 201; über die Herstellung: Ro¬
manusbüchlein 44.
2. Verschiedener Aberglaube: Fällt
einem ein Stück S. aus der Hand, so ist
Besuch zu erwarten 16 ); aus S.nblasen, die
unmittelbar im Wasser erzeugt wurden,
ist früher in der Thomasnacht auf die
Zukunft geschlossen worden 17 ). Einer
im Kindbett verstorbenen Mutter wird
neben anderem auch S. ins Grab mitge¬
geben 18 ).
Es gibt geheiligte S. 19 ), eine Segens¬
formel für S. ist erhalten *°). Zwischen
S.nkochen und Hexe 21 ), S.nkochen und
Märzschnee 22 ), S.nkochen und Brot 23 )
stellt man Verbindungen her.
Auch zum Zauber wird die S. ver¬
wendet, so zum Liebeszauber, durch den
sich das Mädchen einen Mann gewinnt 24 ) ;
mit S. kann man unter Umständen Jung¬
frauen erlösen und Schätze gewinnen 25 ).
Schenken sich Liebende S., so löst sich
allerdings das Verhältnis 26 ). Ehedem
glaubte man, w r enn man mit S., mit der
ein neu- und erstgeborener Sohn zum
1627
Seitenstechen
Selbstmörder
Selbstmörder
1630
erstenmal gewaschen wurde, das Gewehr
beschmiere, treffe man alles damit 27 ).
lfi ) John Erzgebirge 33. 17 ) Reiser Allgäu
2, 14. 18 ) John Westböhmen 178. lö ) Fischer
Angelsachsen 7. 20 ) Franz Benediktionen 1,
644. 21 ) Fogel Pennsylvania 140 Nr. 644.
22 ) Ebd. 258 Nr. 1345. 23 ) Ebd. 876 Nr. 2020 ff.
24 ) Bartsch Mecklenburg 2, 239 Nr. 240.
25 ) Knoop Hinterpommern 152. 26 ) John Erz¬
gebirge 75. 27 ) John Westböhmen 327.
3. Im außerdeutschen Aberglauben sei
lediglich auf die S. als Heilmittel hinge¬
wiesen 28 ) und auf den Brauch der Ru¬
mänen, an Freitagen nicht mit S. zu
waschen 29 ). Vgl. noch über S. bei Rö¬
mern 30 ), Südslaven 31 ), Türken 32 ).
28 ) ZfVk. 2, 17S. 29 ) ZföVk. 3, 181 Nr. 249.
30 ) Pauly-Wissowa 2. R. 2, 1, j.112 ff.; ZfdA.
(N. F.) 36, 400 f.; Fischer Altertumskunde 44;
Schräder Reallexikon 760. 31 ) Krauss Sitte
u. Brauch 557. 32 ) Stern Türkei 409.
Webinger.
Seitenstechen s. Nachtrag.
Selbstmörder.
1. Der Selbstmord wird bei verschie¬
denen Völkern verschieden beurteilt, da¬
her wird auch der S. verschieden behan- !
delt, verschieden sind auch die Vorstel¬
lungen über sein Fortleben x ). In heid¬
nischer Zeit galt offenbar bei den Deut¬
schen der Selbstmord nicht als tadelns¬
wert, manchmal, als Selbstopferung, sogar
als ehrenwert. Die christliche Kirche, be¬
sonders Augustin, bekämpften ihn, stellen
ihn dem Morde gleich und stempeln ihn so
zur Todsünde. Der Einfluß der Kirche
machte sich nach und nach sowohl im
Recht als auch in der Auffassung des
Volkes geltend: Der S. wird als Ver¬
brecher behandelt, die Strafe wird am
Leichnam vollzogen; er gerät in die Klasse
der vorzeitig oder auf gewaltsame Art Ver¬
storbenen, wird zum bösartigen Wieder¬
gänger und darum mit allerlei Abwehr¬
riten umgeben. Diese Auffassung der ka¬
tholischen Kirche wird von der protestan¬
tischen übernommen, und erst der Ra¬
tionalismus des 18. Jh. drängt auf eine
Änderung. Die Ausnahmebräuche ver¬
schwinden aus dem Recht; im Volk haben
sie sich teilweise bis heute erhalten
können 2 ).
x ) Lasch in Globus 74, 37 ff.; 75, 69 ff.; 76,
•63 ff.; 77, 110 ff.; Westermarck Urspr. d.
1628
Moralbegr . 2, 196 ff. mit Lit.; Hirzel in ARw.
11, 75 ff. (im Altertum); Steinmetz Rechts-
verhältn. 421; Jobbe Les niorts malfaisants
586 f. 2 ) SAVk. 26, 145 ff- mit Lit.
2. Die Veranlassung zum Selbst¬
mord wird schon von Augustin und Luther
dem Teufel zugeschrieben 3 ). Auch nach
dem heutigen Volksglauben hilft der
Teufel dabei 4 ); teuflisch ist auch wohl
die schöne Musik, die einer zu hören glaubt,
wenn er sich umbringen will 5 ). Gewisse
Leute sind zum Selbstmord prädestiniert:
wer zwei Haarwirbel hat 6 ); S. sind an
einem verwünschten Tag geboren 7 ).
Der Teufel soll manchmal auch den
Sturm erregen, der bei einem Selbstmord
eintritt: er reißt den S. in der Luft hin und
her, oder er fährt mit der Seele durch die
Luft 8 ). Gewöhnlich heißt es, ohne daß
der Teufel genannt wird, wenn sich einer
erhängt habe, entstehe ein dreitägiger
Sturm 9 ) ,,die Bäume läuten aus“ 10 ).
In Schwaben sagt man, die reine Luft em¬
pöre sich über die Verunreinigung durch
den Leichnam n ). Zur Erklärung werden
das Hängen als Opfer an den Windgott
Wodan herangezogen 12 ) und die im
Sturm herumziehenden Seelen 13 ). Doch
wird auch behauptet, wenn einer er¬
trunken sei, entstehe Sturm 14 ), oder es
regne 3 Tage lang 15 ). Trübes Wetter
soll Folge eines Selbstmords sein 16 ), eben¬
so Hagelwetter 17 ). Etwas anderes ist es,
wenn es heißt, ein S. dürfe nicht auf dem
Friedhof oder ehrlich bestattet werden,
sonst verhagelt es im nächsten Jahr oder
3 Jahre lang die Feldflur 18 ); oder es
heißt, die Markung, wo ein S. begraben
liegt, wird 3 Jahre nacheinander vom
Wetter getroffen 19 ). Ebenso halten
Russen, Bulgaren und Rumänen die S.
für Urheber von Dürre oder Gewittern 20 ).
3 ) SAVk. 26, 148. 166. 4 ) Schüller, Progr.
Schäßburg 1863, 66; Gander Niederlausitz 89;
KühnauSage»3,246; Unoth. 1,27; vgl.Mschles-
Vk. 8 Heft 16, 103 f.: Krähen beim Begräbnis;
Schönwerth Oberpfalz 3, m. 5 ) Lütolf Sa¬
gen 185; SchweizVk. 14, 36; Sooder Rohr¬
bach 113. 6 ) SAVk. 24, 66. 7 ) Vernaleken Al¬
pensagen 420. 8 ) Vernaleken a. a. O. 415;
Drechsler Schlesien 2, 151; Köhler Voigtland
386; Sooder Rohrbach 68; Landsteiner Nie-
derösterr. 28; Baumgarten Aus d. Heimat 3,
125; Haltrich Siebenb. 301; vgl. Rochholz
Glaube 1, 213. 9 ) SAVk. 2, 218; 25, 63; Aargau,
1629
Bern mündl.; Köhler Voigtland 386; Urquell 3,
108; Andree Braunschweig 404; Birlinger
Volksth. 1, 193; MSchönhVk. 8, 102; MschlesVk.
7 Heft 14. 75; Laube Teplitz 50; Wittstock
Siebenb. 60; Schmitt Hetlingen 17; Baumgar¬
ten Aus d. Heimat 1, 39; Kuhn Mark. Sagen
387; Müllenhoff Sagen 109; Rockenphiloso¬
phie 648 No. 27; Wirth Beiträge 2/3, 47; Keller
Grab d. Abergl. 5, 73; Germania 29, 104; 17, 79;
ZföVk. 11, 193. 10 ) John Westböhmen 180 u.
238; MschlesVk. 27, 232; Schulenburg 236.
1J ) Meier Schivaben 257. 12 ) Amira Todes¬
strafe 202; Helm Rel.gesch. 1, 262 f. 13 ) Kuhn
Mythol. Studien 2, 40; Mannhardt Germ.
Myth. 270; vgl. Eitrem Opferritus 253. 14 ) Gaß-
ner Mettersdorf 80. 15 ) Drechsler Schlesien 2,
150. 16 ) SAVk. 21, 51; vgl. SAVk. 25,54.
17 ) Fossel Volksmedizin 171; Höhn Tod 356.
18 ) Alemannia 8, 129; Höhn Tod 346; John
Westböhmen 180; Hartmann Dachau u. Bruck
227; Baumgarten Aus d. Heimat 3, 125; Kel¬
ler Grab d. Abergl. 1, 7; 4, 251; 2, 145; Lam-
mert 109; Pollinger Landshut 299; Panzer
Beitrag 2, 294. 19 ) Grimm Myth. 3, 457; Ale¬
mannia 10, 11; Meier Schwaben 2, 490.
20 ) ARw. 13, 627; Löwenstimm Aberglaube
102 f.; Globus 76, 64.
3. Groß ist die Scheu vor der Leiche
eines S.s. Früher wurde, wer einen Er¬
hängten vom Strick losmachte, unehr¬
lich 21 ). Man wagt die Leiche nicht zu
berühren 22 ). Man gibt dem Gehängten
eine Ohrfeige, bevor man ihn abschneidet,
sonst dreht er einem den Hals um 23 ).
Auch die Gegenstände, die zum Selbst¬
mord dienten oder zum Begräbnis ge¬
braucht werden, erhalten etwas Gefähr¬
liches, müssen beseitigt werden. Der
Baum, woran sich einer hängte, verdorrt,
der Balken muß ersetzt oder vernichtet
werden 24 ). Bahre und Grabladen werden
entzweigesägt und aufs Grab gelegt 25 ).
Strick, Messer, ein Stück vom Balken
müssen ihm mitgegeben werden 26 ). Auch
Geld erhält er mit, damit er nicht zu¬
rückkehre 27 ).
Seine Habe behält etwas Unheimliches
an sich; wer in seinem Bett schläft, wird
.geplagt 28 ); sein Bild schwitzt am Tage
des Selbstmords 29 ).
21 ) Keller Grafe d. Abergl. 3,77', vgl.Krünitz
Encycl. 73, 257; Globus 76, 64. 22 ) SAVk. 26,
150 Anm. 3; LeBraz Ligende 2, 14; Urquell 5,
•88; vgl. Müller Isergebirge 25 ; Nicht nachsehen:
Peuckert Schlesien 229. 23 ) Drechsler Schle¬
sien 1, 312; vgl. Schönwerth Oberpfalz 3, 111.
^ 4 ) SAVk. 26, 165; Hartmann Dachau u.
Bruck 228. 25 ) Messikommer Aus alter Zeit
1, 182; vgl. Melusine 4, 12; Feilberg Dansk
Bondeliv 2, 134. 2S ) MschlesVk. 11, 89; Müller
Isergebirge 24; Feilberg Dansk Bondeliv 2, 134.
37 ) Feilberg a. a. O.; Höhn Tod 333. 28 ) M-
schlesVk. 8, Heft 16, 88. 29 ) Meiche Sagen 253.
4. Weil der S. als Wiedergänger ge¬
fürchtet wird, werden allerlei Abwehr-
mittel angewandt. In früherer Zeit
suchte man den Toten durch Vernichtung,
Entfernung oder andere an oder mit der
Leiche vollzogene Maßnahmen unschäd¬
lich zu machen. Meist wurde es von Ge¬
richts wegen als Strafe dem Toten aufer¬
legt und mit der Zeit als bloße Entehrung
ausgelegt.
Im 16. Jh. wurden S. verbrannt,
wie beim Nachzehrer (s. d.) auch etwa
erst, wenn es spukte 30 ). Früher, schon im
14. Jh., ließ man die Leiche ,,rinnen“,
d. h. sie wurde in ein Faß verschlossen
und in ein fließendes Wasser geworfen.
Die Gefahr wurde dadurch wegge¬
schwemmt. Zum erstenmal wird es 1384
(Stadtrecht von Baden) erwähnt, kam
dann auch sonst in Süd- und Mittel¬
deutschland öfters bis in den Anfang des
19. Jh.s vor 31 ). Seltener war Versenken
in einen Sumpf (Schlesien 1385) oder
Begraben an der Flutgrenze am Strande 32 ).
Der Tote wurde auch unschädlich ge¬
macht durch Pfählen oder Köpfen 33 ).
Beim Wegschaffen der Leiche war oft
üblich, sie auf einer Kuhhaut zu schleifen;
Brunner leitet es von einem alten Opfer¬
brauch ab 34 ). Die Leichen wurden bis in
neuere Zeiten nicht durch die Tür hin¬
ausgetragen, sondern durch ein Loch in
der Wand, durchs Fenster, durchs Dach
oder unter der Schwelle durch hinausge¬
schafft (vgl. Leichenzug VB 1) 35 ). Sie
dürfen nicht durchs Friedhofstor geführt
| werden, sondern müssen verkehrt über
die Mauer gehoben werden 36 ). Man führt
sie auf Nebenwegen 37 ). Sie werden mit dem
Gesicht nach unten in den Sarg gelegt 38 );
man trägt die Leiche mit dem Kopf
voraus 39 ). Türschlösser werden verändert,
Schwellen entfernt, Türen versetzt 40 ).
Die Leiche wird nicht gewaschen und
bekommt keine besonderen Kleider 41 ).
30 ) SAVk. 26, 153 f. 31 ) SAVk. 26, 154 t.;
Lavater Von Gespänsten (1569) 4i a . 32 ) SAVk.
26, 158. 33 ) SAVk. 26, 157 t.: Löwenstimm
Aberglaube 98 (Rußland i. J. 1892); MschlesVk.
1631
Selbstmörder
Sellerie
1634
ii, 77; Fielding Tom Jones Book 7 chap. 7.
34 ) SAVk. 26, 157. 35 ) SAVk. 26, 158 f.; Urquell
3, 50; ZfVk. 11, 268; Kühnau Sagen 3, 213;
MittSchlesVk. 8 Heft 16, 87; Wittstock Sie¬
benbürgen 60. 62; Bodemeyer Rechtsalterl. 180;
LeBraz Legende 1, 335; MsächsVk. 6, 253; Feil-
berg Dansk Bondeliv 2, 134; Müller Urner
Sagen 1, 61; Rosen DÖdsrike 195; SudetZVk.
1, 104. 3Ö ) SAVk. 26, 159; Rosen Död och be-
gravning 11; Wirth Beiträge 2/3, 64; Becker
Pfalz 142; Köhler Voigtland 258; HmtK. 33,
210. 37 ) Urquell 3, 50. 38 ) SAVk. 26, 159; M-
schlesVk. 10 Heft 19,21; Grimm RA 2 . 727;
vgl. Wirth Beiträge 2/3, 64; FL. 18, 370.
3Ö ) SAVk. 26, 159; mit d. linken Händen ge¬
tragen: Wien ZfVk. 34, 29. 40 ) Höhn Tod 356.
41 ) Gassner Mettersdorf 85.
5. Die Kirche strafte den Selbstmörder,
indem sie ihre Teilnahme am Begräbnis
verweigerte; Glockenläuten und Gesang
fielen weg 42 ). Werden S. mit kirchlichen
Ehren bestattet, so kommen sie wieder 43 ).
Begräbniszeiten waren Nacht, früher Mor¬
gen oder später Abend 44 ).
Kirchlicher Einfluß bestimmte auch
den Begräbnisort; die Kirche verwei¬
gerte das Begräbnis in geweihter Erde,
der weltliche Richter gebot Verscharren
unter dem Galgen oder auf dem Schind¬
anger, „Eselsbegräbnis“ 45 ). Als gefähr¬
liche Wiedergänger wurden sie auch auf
Kreuzwegen (mit einem Pfahl durch den
Leib) verscharrt oder auch an der Gemein¬
degrenze 46 ), oder man wählte einen ab¬
gelegenen, wüsten Ort 47 ). Auf dem Fried¬
hof duldete man sie nur ungern und ge¬
zwungen; man glaubte, die andern Toten !
würfen sie wieder hinaus 48 ). Und wenn !
man sie aufnahm, so wies man ihnen eine ;
besondere Ecke an der Mauer oder unter
der Dachtraufe an 49 ). In Schottland gab
man ihnen einen Platz, von wo sie nicht
aufs Meer sehen konnten, weil das dem
Fischfang geschadet hätte 50 ), ein Glaube,
ähnlich dem obengenannten, wonach sie ;
den Feldern Schaden bringen könnten.
Man will nicht neben einem S. begra¬
ben werden 51 ); sein Grab wird nicht ge¬
pflegt 52 ), und es spukt an diesen Orten 63 ).
Auch die Stelle, wo der Selbstmord ge¬
schehen, ist verflucht, bleibt unfrucht¬
bar 54 ).
42 ) SAVk. 26, 163. 167 t.; Gassner Metters¬
dorf 92; Meiche Sagen 524. 43 ) Drechsler
Schlesien 1, 311; vgl. Bohnenberger Nr. 1,21.
44 ) SAVk. 26, 164; Rosen Död och begravning j
11; Feilberg Dansk Bondeliv 2, 133. 45 ) SAVk.
26, 163; Bodemeyer Rechtsaltert. 181; Fon¬
taine Luxemburg 185; Rosen Dödsrike 51 ff.
46 ) SAVk. 26, 163; FL. 14, 73; Feilberg Dansk
Bondeliv 2, 135; Ackermann Shakespeare 125;
Melusine 4, 11 ff.; Peter österr. Schlesien 2,
55 f.; Köhler Voigtland 525. 47 ) SAVk. 26,163;
Kühnau Sagen 3,209; Urquell 3, 50; Argovia 5,
250; Kuoni St. Galler Sagen 263. 48 ) SAVk.
26, 164; TroelsLund 14, 236t.; Brückner
Reuß 195; Künzig Schwarzwald 53; Waibel
u. Flamm 2, 138t.; ZfVk. 21, 401; Köhler
Voigtland 257f.; Sooder Rohrbach 65. 49 ) SAVk.
26, 164. 167 f.; Becker Pfalz 142; Wirth Bei¬
träge 2/3, 64; Meiche Sagen 188; FL. 18, 369;
Schweizld. 2, 433. 50 ) FL. 14, 369 ff.; Melusine
4, 12; Le Braz Legende 1, 335. 51 ) Höhn Tod
346. 62 ) Sartori Sitte u. Brauch 3, 261 10 ;
Wirth Beiträge 2/3, 64. 53 ) John Westböhmen
180. 54 ) Schambach u. Müller 18; Urquell 3„
52 f.; ZfVk. 18, 373.
6 . Der S. wird zum Wiedergänger,
meist gefährlicher Art. Drum heißt es,
die Leiche oder nur die Schuhe bleiben
lange unverwest 55 ). Er muß ,,schwe¬
ben“, als Spuk umgehen bis zur Zeit,
wo sein natürlicher Tod erfolgt wäre 66 ).
Die Seele eines Erhängten kommt weder
in den Himmel noch in die Hölle; der
Teufel erwischt sie nämlich nicht, weil er
beim Munde auf sie lauert und sie durch den
After entweicht 57 ). Der S. schaut auch
seinem eigenen Begräbnis zu (s. Leichen -
zug (ii) 58 ); er muß Friedhofwache hal¬
ten (s.Friedhof), bis der nächste kommt 59 ).
Er spukt in seinem Hause 60 ), am Ort,
wo man ihn verscharrt hat 61 ), oder am
Ort, wo er die Tat begangen hat 62 ). Er
verlegt anderen Toten den Weg zum Fried¬
hof 63 ). Er muß wandern, ohne Ruhe zu
finden; nur wenn er mit dem ewigen Ju¬
den zusammentrifft, darf er mit ihm unter
zwei aufgestellten Eggen eine Zeitlang
ruhen 64 ). Der S. als Wiedergänger kann
die Angehörigen plagen, ihnen Unglück
schicken 65 ). Oft verwandeln sie sich in
gespenstische Tiere oder andere Wesen;
in Pommern gelten sie als die Hunde des
Wöd 66 ); sie gehen als kopflose Gespenster,
als Hunde, Ziegenböcke oder als Irrlichter
um 67 ). Sie spuken besonders in der Ad-
ventszeit 68 ).
55 ) SAVk. 26, 150. 56 ) SAVk. 26, 151 f.;
Bohnenberger Nr. 1, 6; Feilberg Dansk
Bondeliv 2, 132; vgl. ZfVk. 14, 31; Singer
Schweiz. Märchen 2, 153. 57 ) Le Braz Le¬
gende 2, 9. 68 ) Meiche Sagen 524. 59 )
Drechsler Schlesien 1, 311. 60 ) SAVk. 26,
150 (mit Lit.); Haupt Lausitz i, 140; Heyl
Tirol 72; Correvon Gespenstergesch. 25 f.; Ei¬
sei Voigtland 85 f.; Künzig Schwarzwald 51.55;
Schell Berg. Sagen 405. 476; Kühnau Sagen
3, 214; Kuoni St. Galler Sagen 296. 61 ) Eisei
Voigtland 192; Baumgarten Aus d. Heimat 3,
132. ® 2 ) Witzschel Thüringen 2, 131; Meiche
Sagen 180; Pollinger Landshut 96; Eisei
Voigtland 244; Hof mann Bad. Franken 19;
Gander Niederlausitz 89. 91; MSchlesVk. 8
Heft 16, 88; SAVk. 25, 54; 26, 150. w ) Meiche
Sagen 135. * 4 ) St rackerjan 1, 222. 65 )Strak-
kerjan 1,222; vgl. Thurston Southern India
218; Kühnau Sagen 1, 162 ff. ® 6 ) Mannhardt
Germ. Myth. 301. #7 ) Eisei Voigtland 63;Meiche
Sagen 50. 53. 70 f. 273; Strackerjan i, 122;
Urquell 3, 52; Grohmann Sagen 207; Müllen-
hoff Sagen 188; Gräber Kärnten 435; Kuoni
St. Galler Sagen 297. 68 ) Gander Niederlausitz
88 f.; Meyer Baden 597.
7. Die Leiche des S.s und alles, was mit
ihr in Berührung kommt, gilt als be¬
sonders zauberkräftig; der Glaube ist
wohl von den Hingerichteten (als Opfer)
auf die S. übertragen worden 69 ). Das
Eisen, woran sich einer erhängt hat, dient
dazu, Ringe, die Heilkraft haben, oder
sogen. Nothaken (s.d.)zu schmieden 70 ). Mit
Kleiderfetzen eines S.s soll man das Vieh
reiben, damit es gedeiht 71 ). Besonders
zauber- und heilkräftig ist der Strick, wo¬
mit sich einer erhängt hat 72 ). Die Hand
eines S.s dient zum Diebs- und Heil¬
zauber 73 ). In Schottland will man Epi¬
lepsie heilen, indem man aus dem Schä¬
del eines S.s trinkt 74 ). Am Grab eines S.s
holt sich der Zauberer vom Teufel Zau¬
berkraft 75 ).
69 ) SAVk. 26, 165; Sartori Speisung 38.
70 ) HessBI. 6, 103; Heckenbach de nuditate
92 ff.; Schell Berg. Sagen 302. 71 ) Haltrich
Siebenb. 309; Gaßner Mettersdorf 84; Globus
76, 65. 72 ) Seyfarth Sachsen 286; Urquell 4,
99; Panzer Beitrag 2, 279 (auch das Messer
eines S.); MSchönhVk. 8, 102; Fogel Penn¬
sylvania 333 Nr. 1772; Strack Blut 47; Su-
detendZfVk. 1, 104 f. 73 ) Gross Handbuch
1, 537 ; Black Folk Medicine 101. 74 ) FL. 14,
370; Melusine 4, 13. 75 ) Urquell 3, 201. Geiger.
Selenomantie, Mondwahrsagung. Die
einzige Stelle, in der diese antike Be¬
zeichnung überliefert ist, läßt nicht er¬
kennen, um welche der verschiedenen
auf den Mond bezüglichen Divinationen
(s. Mondwahrsagung) es sich handelt.
Plinius *) berichtet nur von einem Edel¬
stein Glossopetra (s.d.) der angeblich nicht
Bächtold-Stäubli, Aberglaube VII
in derErde entstehe, sondern bei abnehmen¬
dem Mond vom Himmel falle und außer¬
dem zur Beschwichtigung des Windes
diene; er sei zur S. notwendig. Möglich,
daß die in der alten Literatur so oft er¬
wähnte Kunst der Zauberinnen, den Mond
vom Himmel herabzubannen, gemeint ist.
Auffallend ist, daß die auf Bereicherung
ihrer Divinationsverzeichnisse so bedach¬
ten Systematiker des Mittelalters diese
echt antike Bezeichnung übersehen haben.
4 ) Naturalis Historia 37, 164. Boehm.
Sellerie (Eppich; Apium graveolens).
1. Doldenblütler mit dicker, fleischiger
Wurzel und glänzenden, fiederteiligen Blät¬
tern. Der S. wird häufig in den Gärten als
Gewürz- bzw. Salatpflanze kultiviert.
Er ist teilweise identisch mit der Pflanze
aeXtvov (apium) der Antike, die im Toten¬
kult eine große Rolle spielte *). Unter
,,Eppich“ werden auch andere Dolden¬
blütler (z. B. Wasser-Eppich = Sium lati-
folium; Garten-Eppich = Petroselinum
sativum; Roß-Eppich = Heracleum sphon-
dylium, Seseli macedonicum, Smymium
olusatrum) sowie der Efeu verstanden.
In einem Wälschtiroler Märchen wird ein
Mädchen, als es S. ausziehen soll, von der
Pflanze hinabgezogen 2 ).
*) Pauly-Wissowa 6, 1, 252 ff.; Rohde
Psyche 2, 432; Köchling de coronarum vi 50.
2 ) Schneller Wälschtirol 84 ff.
2. Der S. gilt wegen des starken Ge¬
ruches wie viele seiner Verwandten (s.
Dill, Fenchel, Kümmel, Meisterwurz) als
hexenabwehrendes Mittel 3 ). Das
Brautpaar mußte eine S.wurzel in die
Tasche oder in die Schuhe stecken 4 ), s.
Dill (2, 296). Das Kraut steckte man in
Fugen und Ritzen des Schweine Stalles,
damit die Tiere nicht verrufen werden.
Auch in die Kuhställe wurde es gebracht,
damit die Milch nicht gerinnt 5 ). Bei den
Neugriechen ist S. eine Glückspflanze
und wird nebst Knoblauch und Zwiebel
in Zimmern aufgehängt, an Seiden¬
wurmhürden angebunden, den kleinen
Kindern beigegeben usw. 6 ).
3 ) Dirksen Meiderich 45; ZfVk. 4, 324;
Seligmann Blick 2, 84. 4 ) Treichel West¬
preußen 2, 193; Knoop Hinterpommern 159.
5 ) Treichel a. a. O. 4, 5. 6 ) Fraas Synopsis
plantar um flor ae classicae 1845, 147 = Hovorka
u. Kronfeld i, 390.
52
1635
Seltertum—-Semmel
1636
Semmel
1638
3. Der S. gilt im Volke allgemein als
starkes Aphrodisiakum, was jedoch
pharmakologisch nicht erwiesen ist 7 ). So
sagt schon Konrad v. Megenberg 8 ): „ez
sprechent auch etleich, daz daz kraut und
sein sam den ammen schad sei, wan ez
pringt unkäusch und mit der unkäusch
sinket in diu behend fäuht auz den prüst-
leinn hin ab zuo der unkäuschen stat“.
In einem Arzneibuch des 15. Jh.s heißt es:
,,Item das dich din frouw für al man lieb
hatt, so nim epich safft mit honig ge¬
stoßen und tempteriert und schmir den
zagel da mit und die hoden, so machst du
als wohl, das ir kein ander für dich liebt“ •).
Verschiedene erotische Reime spielen auf
diese vermeintliche Kraft des S.s an, z. B.
in der Pfalz:
Schatzl, back meer Aier
Mit Zellerie und Salat,
Am Sonntak gehe meer maie,
Mei Mudder hat's gesaht 10 ).
ln Frankreich sagt man: „Si la femme
savait ce que le celeri vaut ä l’homme,
Elle en irait chercher jusqu'ä Rome“ u ), 1
vgl. Petersilie. Auch Volksnamen des S.s ;
wie Geilwurz (Baden), Böckekriut (Bock- I
kraut; Südhannover), Hemadspreizer
(Niederösterreich), Stehsalat (erectio pe-
nis) (Pfalz) weisen auf diesen Glauben hin.
Der Cod. Bonensis 218 (aus Maria Laach)
des 11. Jh.s bringt ein Orakel, um zu er¬
fahren, was das Weib gebären wird. Man
legt ihr grünen Eppich, ohne daß die Frau
es weiß, auf ihr Haupt; wenn sie zuerst
einen Mann nennt, wird sie ein Kind männ¬
lichen Geschlechts gebären, wenn eine
Frau, ein Kind weiblichen Geschlechts 12 ).
Auf ähnliche Weise erfährt man die Jung¬
fräulichkeit eines Weibes: „Nim epich
und brenn in unde habe in einer (Frau)
für die nas, diu da sprichet, si sei dime:
ist si niht ein dirn, so beseichet si sich“ 13 ),
s. Brennessel (1, 1560).
7 ) Schulz Vorles. über Wirkung u. Anwend,
d. deutsch. Arzneipflanzen 1919, 275. 8 ) Ed.
Pfeiffer 3S2. ») SAVk. 27, 82. 10 ) Wilde Pfalz
227. u ) Rolland Flore pop. 6, 174. 12 ) Heim
Incantamenta 553; ebenso Joubert Erreurs po¬
pul. 1579, 276 = Rolland Flore pop. 6, 174.
13 ) Pfeiffer Arzneibücher 149. Marzell.
Seltertum, wohl entstanden aus [da]s
Eltertum = Altartum, ist eine dem
vorreformatorischen Pfarrer in der I
Gegend von Zweibrücken gereichte Na¬
turalleistung, die als freiwillige Opfer-
gäbe im heutigen bayrisch-österreichi¬
schen Wallfahrtsbrauchtum und dem
daran geknüpften Glauben wohl noch
fortlebt. Bisher unter diesem Namen
sonst nicht bezeugt x ).
*) Becker JbfVk. 1 (1936 v. G. Schreiber),
302; ZfRechtsgesch. 56 (193b), 398. Becker.
Semiphoras und Sehern ha mphoras,
Name eines Zauberbuchs 1 ). l&Hlssn CK'
/ T : -
ist der „deutliche, ausgesprochene Gottes¬
name“, der als zauberkräftig galt 2 ).
So steht er auch unter den Gottesnamen
in Beschwörungen z. B. beim Graben der
Päonie 3 ): 2 » t ut|A<popa£, in einer Kyliko-
mantie zum Entdecken von Dieben 4 ) :
Scemhemmaphoras.
0 Bei Andreas Luppius 1686 erschienen vgl,
Abt Apuleius 112 (38) Anm. 4. 2 ) Buxtorff
Lexic. Chaldaicum usw. ed. Fischer (1879).
1205; Bousset Die Religion des Judentums im
neutest. Zeitalter (1906), 355; Bise hoff Die
Kahbalah (1903), 82. 3 ) Haag Hermetica 34
(168). 4 ) Thiers 1, 166. Jacoby.
Semmel. 1. Der Name kommt von
simila (Weizenmehl, so oft in der Vul¬
gata 1 )); man übertrug den Namen vom
Mehl auf das Gebäck 2 ); die Form ist
verschieden (siehe Brezel, Strützel, Weck,
Kipf, Stollen, Stute, Gebildbrote), am
häufigsten ist die Weckform 3 ), auch
Semmelringe, wie sie die Züricher den
Straßburger Kindern schenkten 4 ), als
das glückhafte Schiff dort landete. Schon
zur Zeit Karls des Großen war der Name
auf das Gebäck übertragen: Im Kapi-
tulare de villis lesen wir: pistores qui
similam ad opus nostrum faciunt 5 ).
Nach den Stellen bei Du Cange war das
Semmelgebäck vor allem im Kloster
beliebt 6 ); schon im 11. Jh. ist die S. als
Klostergebäck bezeugt 7 ). Nach einer
Urkunde wird 1292 im Kloster Herren-
alb Semmelbrot eingeführt 8 ). Semmel¬
geräusch 9 ) ist in Reichenbach im Voigt¬
lande wie Rührei, aus Semmelscheiben
Mehl und Ei gebacken.
4 ) Konkordantia testamenti s. v.; Sirach 38, 11;
Offenb. Joh. 18, 13. 2 ) Hoops Reallex. 1, 331;
Grimm DWb. 10, 1, 559 mit Lit.; Kluge Et-
Wb. s. v.; Paul DWb. 483; in der Schweiz Sim¬
mels oder Simmlen, Staub Brot 131. 135. 138;
Ducange 7, 489. 491; Blümner Rom. Privat¬
altertümer 161. 163 A. 5: pistor similaginarius.
3 ) Nach einem Beschluß vom Jahre 1454 soll,,wel¬
cher wolle Simmlen buchen, keine halb Weggen
bachen und umgekehrt“: Staub Brot 138 A. 1;
sonst werden Wecken und S. als eine Art er¬
wähnt: Staub 130—135. 4 ) Grimm DWb.
10, 1, 566: Semmelring; Rochholz Sagen 2,
327. 5 ) MG. leges 2,1,87, 20; Du Cange 7,
4S9; Höfler Weihnachten 51. 6 ) Du Cange
simila: 1. c. 490; simula: 491; siminellus: 489;
auf den unter simenellus erwähnten Sonntags,
war oft das Bild des Erlösers oder der Jungfrau
Maria aufgedrückt. ") Weinhold Frauen 2,
54. 56. 8 ) Mones Zeitschrift 2, 364; Grimm
DWb. 10, 1, 563. 9 ) Köhler Voigtland 263.
2. Wie das einfache Brot, so ist auch
dieses Backwerk heilig und darf nicht
verunehrt werden: In der Tiroler
Sage wird Frau Hütt furchtbar bestraft,
weil sie den Knaben mit Semmelkrumen
und Brosamen reinigt 10 ). In Danzig
zeigt man einen Stein, an den sich fol¬
gende Begebenheit knüpft: Zur Zeit der
Hungersnot reinigte eine Frau ihr Kind
mit einem Stück S., weil sie nichts anderes
hatte. Aber die S. verwandelte sich in
einen Stein, so daß die Frau Haut und
Fleisch des Kindes wegrieb; das Kind
starb, die Frau wurde wahnsinnig 11 ).
Die Einwohner der pommerschen
Stadt Stubbenkammer streuten in ihrem
Übermut die S. auf die Straße; durch
eine Flut geht die Stadt unter 12 ). Die
Einwohner der versunkenen Stadt Vineta
wischten die Kinder mit S.n ab 13 ).
10 ) Alpenburg Tirol 240 Nr. x; Globus 42,
91; Grimm Sagen 2 1, 277 Nr. 234. n ) Tettau-
Temme 208 ff.; Globus 42, 91. 12 ) Haas
Pomm. Sagen 134 Nr. 252. 13 ) Temme Pommern
2 5 -
3. Die Zwerge und Kobolde sind
lüstern nach S.n: Die Zwerge trugen
früher den Einwohnern von Gera das
frischgebackene Brot weg und stahlen
den Bäckern die S.n von den Fenstern
weg 14 ). Wenn die Wemburger früher
brauen wollten, liehen sie die Brau¬
pfanne von dem Berggeist; wenn sie die
Pfanne wieder brachten, legten sie eine
Flasche Wein und eine S. hinein 15 ). S.
und Wein ist eine Fest speise 16 ). Ebenso
borgten die Einwohner von Etzdorf die
Braupfanne von einem Berggeist und
gaben sie wieder mit einer Reihe S.n zu¬
rück 17 ); vgl. die Reihens, in Mecklen¬
burg 18 ). Die schatzhütenden Geister
halten eine S. in der Hand (goldgelbe
Farbe?). Wenn man auf der Landskrone
in das Gewölbe hinabgeht, wo der Schatz
liegt, sieht man den Ziscibor vor ihm
sitzen, mit einer weichen S. in der
Hand 19 ); dazu ist das witzige Gedicht
zu vergleichen: der Semmeljunge und die
Männer im Zobten 20 ). Im Schlaraffen¬
land von H. Sachs reifen an den Milch¬
bächen auf den Weidenbäumen S.n 21 ).
Uber ein in Schlesien gefundenes Semmel¬
gewächs siehe Kühnau 22 ). Die Heimchen
speisen das verirrte Kind mit S.n und
Milch 23 ). Auch die Hexen schenken
einem Neugierigen, der der Hexenver¬
sammlung zusieht, S.; aber diese wird
zu Kuhdung und die Wurst zu einem
Spannseil 24 ).
14 ) Eisei Sagen 14 Nr. 26; 18 Nr. 28.
15 ) Witz sc hei Thüringen 2, 89 Nr. 109, vgl.
88. 10 ) Grimm DWb. 10, 1, 562; vgl.
das Augurium bei Wuttke § 360. 17 )
Witzschel 1 . c. 2, 88 Nr. 107. 18 ) AfAn-
throp. NF. 6, 103. 19 ) Kühnau Sagen 3,560
Nr. 1964. 20 ) 1 . c. 3, 469 Nr. 2050. 21 )
Bolte-Polivka 3,250. 22 ) Kühnau 5 a^n
3, 478 ff. Nr. 1867. 23 ) BlpommVk. 1, 180
Nr. 51. 24 ) Bartsch Mecklenburg 1, 288 Nr.
-jHt • vtr] Oa nder Niederlausitz 28 Nr. 72 .
4. Semmelopfer: Das Opfer mit
S.mehl wird häufig im alten Testament
erwähnt 25 ); Grimm weist auch auf die
Sachs’sche Übersetzung der Worte Syr.
35, 3 hin 26 ):
Wer Gott danket zu aller Frist,
Ein recht S.opfer das ist.
Im 79. Kanon des Konzils von Konstanti¬
nopel wird „simila“ als Geschenk zu
Ehren des Kindbettes Marias erwähnt 27 ),
wohl ein Brei 28 ), kein S.gebäck 29 ). Die
erwähnte Spende der Wernburger ist
wohl als Opfer aufzufassen. Der boshafte
Berggeist im Schachte Orschel wollte
einen Knaben töten; doch schonte er ihn,
weil er ihm jeden Tag eine S. brachte;
als aber der Knabe eines Tages keine S.
brachte, wurde er erwürgt 30 ). Die Be¬
wohner der früheren Grafschaft Glatz
lassen von ihrem Weihnachtsfestgericht,
Milchsuppe mit S., Stritzel, Obst und
Nüsse etwas übrig, damit die Engel, die
kommen, wenn alles schläft, im Falle
sie etwas essen wollen, etwas finden:
wenn sie nichts finden, würde es einem
1639
Semmel
1640
nicht gut gehen 31 ). Als man die Burg
Liebenstein in Thüringen baute, opferte
man ein Kind, das von einer Land¬
streicherin gekauft wurde; diesem gab
man eine S. in die Hand 32 ). Einen Rest
eines Totenopfers haben wir im hannover¬
schen Clenze: Nach dem Begräbnis geht
man in die Bauernstube; die Angehörigen
müssen Bier geben; auf die letzte leere
Tonne setzt man zwei Lichter, ein Glas
Bier und eine S.; dann schließt man die
Türe zu; das Seelchen soll nun kommen
und etwas nehmen 33 ).
26 ) Konkordantia s. v. 2 *) DWb. 10, 1, 566:
S.Opfer. 27 j Hefele Conzilien 3, 310, 79.
28 ) Usener Kl. Schriften 4, 424 = ARw. 7,
288. 2®) Hofier Weihnacht 51. 30 ) Meie he
Sagenbuch 401 Nr. 526. 31 ) Reinsberg Jahr
395: Höf ler Weihnachten 19 ff. 32 ) W 440;
Bechstein Sagen Thür. Landes 1835 ff. 4,
157; Wucke Sagen von der mittleren Werra
(1864) 1, 85. 141. 149. 33 ) Globus 81, 271;
Sartori Totenspeisung 26; AfAnthrop. NF.
6, 95 * v gl* 103 Fig. 1; Bodemeyer Rechts¬
altert. 193.
5. S. bei Vegetationsriten (Mi¬
schung von Opfer- und Übertragungs¬
gedanken, S. als Fruchtbarkeitssymbol):
Wenn man in Marksuhl den Lein im Mai
sät, befand sich außer den Knochen
und Rippen von dem an Fastnacht ge¬
gessenen Schweinefleisch im Leinsack
noch eine S., Wurst und Eierkuchen und
etwas Branntwein als Frühstück für den
Bauer; das mußte er auf seinem eigenen
Felde sitzend essen 34 ). Wenn die Mägde
Kraut gepflanzt haben, müssen sie S. und
Milch erhalten und Sauerkraut 35 ). Beim
Brunnenumzug in Schöten bei Apolda
bekommen die Kinder Eier und S. 36 ).
Beim Pfingstritt zu Blumenhagen ist eine
auf eine Stange gespießte S. das Mal des
Wettrittes 37 ). Beim Hudlerlaufen in der
Gegend von Hall in Tirol am schmutzigen
Donnerstag trägt der Hudler um die
Lenden einen mit S.n besteckten Gurt;
an der langen Peitsche hängen mehr als
50 Brezeln; nach dem Wettlauf bewirtet
der Hudler den Ereilten mit einer S. und
Wein 38 ); hier ist die Bedeutung der S.
als Fruchtbarkeitssymbol ganz klar.
S.spenden: a) Spenden bei Todes¬
fall und Seelenspenden: Beim
Seelenopfer in Niederbayem legen die
drei nächsten Verwandten außer Kerzen¬
lichtern und einem Kruge mit Geld für
Wein auch für drei Kreuzer S.n nieder 39 ).
In Inkhofen bei Moosburg opferte der
Taufpate bei einem Sterbefalle auf dem
Altar einen Maßkrug, auf dem ein
brennendes Wachslicht steckt, die andern
legen S.n auf denAltar 40 ). Auf Hiddensee
bekommen beim Leichenmahl die Leid¬
tragenden je drei S.n, die Leichenträger
je vier 41 ). In Simbach wurden 1437 am
Jahrestag eines Sterbefalles S.n unter die
armen Spitäler verteilt 42 ). Am Jahres¬
tag des Todes Walters von der Vogel¬
weide wurde an die Kanoniker des Neu¬
münsters eine S.spende verteilt 43 ). In
einigen Städten in Böhmen verteilt man
am Allerseelentag in den Schulen aus den
Gemeindeeinkünften Brot und S.n unter
die Kinder 44 ). Am Oberrhein kennt
man am Allerseelentag eine Armenspende
von S.n auf dem Friedhof 45 ). In Tepel-
Weseritz im Egerland ißt man am Aller¬
heiligenabend S.n (knochenförmige Gebild-
brote aus S.mehl, siehe Knaufgebäcke)
und kalte Milch, um den armen Seelen
im Fegfeuer Kühlung zu verschaffen.
Man darf nicht zuviel davon essen; sonst
drückt einen die Trud oder schneidet
einem den Bauch auf. Beim Morgen¬
läuten kehren die mit diesem S.brei
gespeisten Seelen wieder in ihre Gräber
zurück. Die Bäuerinnen bespritzen mit
dieser S.milch das Gesicht der Mägde,
damit sie nicht schläfrig sind, wenn sie
ins Gras gehen 46 ).
b) Andere Spenden (bes. an die
Armen): Ein Schäfer, der Liebling des
Berggeistes von Etzdorf, machte eine
Stiftung an die Armen, nach der die
Armen jedes Jahr eine Reihe S.n erhielten;
als ein Pfarrer den Brauch abschaffen
wollte, wurde die Kirche ruiniert 47 ).
Alljährlich wurde bei der Wekingsspende
in Herford am 1. 10. an die Schüler eine
Spende von Timpen-Semmeln 48 ) aus¬
geteilt 49 ). In Nördlingen verteilt man
an die Armen das Spitalbrot, eine Doppel¬
semmel 50 ) (vgl. das Straßburger Teilbrot),
die Reihens., die Schichts. 51 ). In Ulm
bekamen in den Klöstern am Kindleins¬
tag die Armen und die Conventualen je
1641
Semmel
I642
ein S.brot * 2 ). Uber die witzige S.lieferung
im Mannsfeldischen siehe Sommer 53 ).
Behebt sind die S.geschenke der Paten 54 ),
so am Lechrain beim Kindelmahl 55 ).
S. an Festen: a) S. als Fruchtbar¬
keitssymbol und glückbringendes
Festgebäck an der Hochzeit: In der
Landgemeinde von Grevismühlen in Meck¬
lenburg war es noch vor 50 Jahren Sitte,
daß den von der Trauung heimkehrenden
jungen Eheleuten, ehe sie das Hochzeits¬
haus betraten, eine lange, eigens für
diesen Zweck gebackene große S. dar¬
geboten wurde, wovon jeder Teil von der
Spitze einen Bissen nahm, der möglichst
groß sein mußte. Diese Bissen wurden
nach der Hochzeit noch einmal gebacken,
um sie vor dem Schimmeln zu schützen,
und gegen Krankheiten wurde von dem
Stück etwas im Mörser gestoßen und den
Leidenden eingegeben; diese „Hochtiden¬
beten' ‘ waren sehr gesucht 56 ). Das Journal
berichtet als Aberglaube aus dem Erz¬
gebirge um Chemnitz: Von Hochzeits¬
brot und S. muß etwas aufgehoben
werden, damit den Eheleuten kein Brot
mangle. Solch Brot schimmelt nicht und
hilft Schwangeren, die keine Eßlust haben,
sobald man etwas davon in ihre Suppe
wirft 57 ). In manchen Gegenden von
Pommern erhält der Bräutigam das von
den Brautjungfern angefertigte Braut¬
faß: Eine Krone aus Buchs- oder Tannen¬
zweigen mit vergoldeten Äpfeln und
bunten Fahnen verziert, mit einem Ei,
einem Huhn und einem kleinen Ehebett
ausstaffiiert; in der Mitte ist eine Wiege,
in deren Hohlraum ein mit S.brot und
Obst gefüllter Zinnteller 58 ). Auf dem
Gemälde des Meisters Bertram von Ham¬
burg (1364—1415) sehen wir einen S.weck
abgebildet in der Form der rima vulvae 59 ).
b) S. bei der Geburt, Taufe und
Konfirmation 59 ): Eine wichtige, noch
zu deutende Rolle spielt die S. im
Kreise Zerbst und im wendischen Volks¬
tum 592 ). Im Liesertale gibt man der
Person, die man auf dem Weg zur
Taufe zuerst trifft, eine S., die man
„Pleppers.“ nennt, weil diese Person ge¬
wöhnlich eine Plaudertasche ist 60 ). In
der Karlsbad-Duppauer Gegend gehen
Kinder und Erwachsene in das Haus, in
dem man einen Taufschmaus abhält,
auf den „Goisoa“; sie bitten um Butters.n;
von diesen soll man schön werden 61 ).
In Roding in der Oberpfalz kommen,
sowie das Kind von der Taufe der Mutter
zurückgegeben wird, die Nachbarsweiber
zu der Wöchnerin und bringen dem
Kinde S.n und Zucker, wäre es auch nur
einen Kreuzer wert, damit es nicht
neidisch werde. Auf diesen Brauch hält
man sehr viel, selbst solche, die bis dahin
mit der Mutter verfeindet waren 62 ). Um
Landshut ist zwei bis vier Wochen nach
der Taufe „das Weiset“. Die Gevatters¬
leute besuchen Mutter und Kind und be¬
schenken sie mit Zucker, Kaffee, S.n und
Backwerk 63 ). In Oberösterreich geht
man mit dem Taufkind zum Taufpaten,
der dem Kind ein Ei, eine S. und ein
Glas Wein schenkt 64 ) (vgl. Ei § 22).
In Deutsch-Evern bei Lüneburg darf sich
jedes unkonfirmierte Kind im Tauf haus
eine S. holen; wird die Gabe verweigert,
so ziehen die Kinder wochenlang abends
vor das Haus und rufen: Dat Kind heet
keenen Foot 65 ) (siehe Knaufgebäcke).
In Oldenburg gibt es bei der Taufe
S.schnitten in Schmalz oder Butter ge¬
backen 66 ), in Deutschböhmen wird beim
Taufschmaus die Branntweins, vorge¬
setzt 67 ). Nach dem Journal herrschte
in Osterode im Harz der Glaube: Einem
entwöhnt werdenden Kinde muß man
dreimal geben: eine S. zum Essen, einen
Pfennig zum Verlieren und eine Schüssel 68 ).
In Schlesien soll man dem Konfirmanden
heimlich eine halbe S. in die Tasche
stecken; dann bekommt er kein Zahn¬
weh 69 ).
c) S. an Jahresfesten: Um Bämau
feiern die Mädchen den „Schoidlrocka"
durch ein Festmahl mit Milch und S.n;
diesen Brauch illustriert neben der alter¬
tümlichen Speise (vgl. Weihnachtss.) der
beim Tanz gesungene Spruch: Dreimal
uman Kachluafn- 70 ). In England
heißt der Mittfastensonntag Simnel- oder
Simbler-Sunday wegen des üblichen S.ge-
bäckes 71 ). Im Hirschbergischen (Warm¬
brunn) wird am Palmsonntag der Tall-
sack gebacken, ein aus S.teig gebackener
1643
Semmel
Semmel
1646
1644
Mann mit Rosinenaugen (vgl. die Oster¬
männer) 72 ). Tallsack bezeichnet einen
tollen albernen Kerl 73 ). In Deutsch-
Böhmen erhält am Osterdienstag die
ganze Hausgenossenschaft süße Milch
mit S.n als Mittel gegen Mückenbisse 74 ).
Im deutschen Teil des Böhmerwaldes tat
man das am weißen Sonntag, um gegen
das Beißen der Mücken am weißen
Sonntag geschützt zu sein 75 ). Nach
deutsch-böhmischem Glauben kann der,
welcher am Gründonnerstag Honigbrot
ißt, von keinen giftigen Tieren (Bienen,
Flöhe, Wespen) gestochen werden 76 ).
In Böhmisch-Leipa bekommen die Hunde
ein Stück Honigs., damit sie nicht toll
werden 77 ). Im tschechischen Elbtal gibt
es am Gründonnerstag Honigs. 78 ). In
gewissen Teilen von England wird die
Karfreitagss. als Heilmittel genos¬
sen und auch bei Seuchen dem Vieh
gegeben 79 ). In Österreich wurde früher
am weißen Sonntag die ganze Haus¬
genossenschaft mit süßer Milch und
S.n bewirtet, damit alle im Sommer
bei der Arbeit von den Mückenstichen
beschützt seien (vgl. Osterbrot, Honig) 80 ).
In der Niederlausitz holen sich die Kinder
am Ostermontag von ihren Paten die
Dingeier: drei bunte Eier, dazu eine S.,
einen Pfefferkuchen und eine Brezel 81 ).
Spezielle Ostersemmelgebäcke sind die
Oberlausitzer Patens. 82 ), die ober-bayri¬
schen Kreuzers.n 83 ), Ulmer Kaisers.,
Wiener Munds., DillingerMohns., Stettiner
Rosens. 84 ), der für 1577 belegte S.-
weck 85 ), die Propsts. 86 ). In Driftsethe
(Geestemünde) werden am ersten Oster¬
tag am Nachmittag S.n auf einer Dreh¬
scheibe ausgespielt 87 ).
In der Woche vor Ostern müssen die
Untertanen der Vogtei Meßdorf eine
Menge Weizenmehl zusammenbringen, in
Meßdorf davon S.n (früher Osterfladen)
backen und nach Wolfsburg bringen;
am Karfreitag Mittag muß der S.wagen
auf dem Schloßhof ankommen, und nun
bekommt jeder sein Teil, vom regierenden
Herrn bis zum Bedienten 88 ).
Am Himmelfahrtstag gingen früher die
Leute in Reichenbach im Voigtland in
die S.milch 89 ). In Herford werden am
Michaelistag Timpens.n an die Schulkinder
verteilt zum Andenken an Widukind 89a ).
An St. Nikolaus und St. Lucia stellen in
Tirol die Kinder S.bröselchen vor das
Fenster für die Esel der beiden Hei¬
ligen 89b ). An Weihnachten muß in
Neuhaus jeder, und wäre er ein Bettler,
zuerst warme Milch mit S.n essen, dann
Graupen mit Milch usw. 90 ). In Reichen¬
berg ißt man, wo man nach alter Sitte
lebt, zuerst Pflaumensuppe mit gedörrten
Pilzen, zum Schluß Mohnmilch mit
kleinen S.brocken drinnen, dann Brei,
damit man das ganze Jahr Glück habe 91 )
(vgl. Speiseopfer § 6). Über die Kraft
der Speise S. und Milch gibt es eine
oberpfälzer Erzählung in Velburg: Ein
Weib wollte ihren Mann durch einen
Schadentrank beseitigen. Der durch¬
schaute des Weibes Absicht und sagte:
O Weib,
S. und Milch tötet mich;
Aber Rayacker
macht mich wacker.
Das Weib gab ihm S. und Milch, und der
Mann wurde stark 92 ). Über einen Weih¬
nachtsbrauch mit S.speise informiert der
79. Kanon des Konzils zu Konstantinopel
(690/91) (A. 27—29).
S. im Zauber: a) imLiebeszauber:
Schon als Liebeszeichen spielt die S. eine
große Rolle: Wenn in der Oberpfalz der
Bursche die Bekanntschaft eines Mäd¬
chens macht, lädt er es zum Bier ein und
bricht ihm eine S. vor. Beim Aufbruch
nimmt das Mädchen, falls ihr der Bursche
gefällt, zum Zeichen der Geneigtheit die
Stückchen Weißbrot mit, die ihr der
Bursche vorgebrockt hat 93 ). Schon
deutlicher sagt das Mädchen bei den Süd¬
slaven zum Burschen:
Mein Schatz kauf mir eine S.,
Wenn du mich vögeln willst 84 ).
Bei den Lausitzern wird der Liebeszauber,
der dort eine große Rolle spielt, u. a. mit
einer S. oder einem Pfefferkuchen zuwege
gebracht 95 ). Die Lausitzer Sorben bringen
einen Tropfen Menstrualblut in eine S.,
um den Mann toll zu machen 96 ). Um
den Mann mit dem Körperfluidum zu
bezaubern, trägt man eine S. am Körper,
die den Schweiß 97 ) annimmt. In Posen
1645
trägt das Weib die S. unter der Achsel
(vgl. Brot) und gibt sie dem Mann zu
essen 98 ). Zum gleichen Zweck wird die
S. auch zwischen die Beine gesteckt 99 ).
b) im Gegenzauber als Opfer und als
Kraft- und Glücksmittel: In einem Zauber¬
papyrus muß der Zauberer drei S.n
verzehren 10 °). Um einen Teufelsgroschen
loszuwerden und seine Kraft zu brechen,
muß ein Mann aus Neuwalde bei Naum¬
burg a. B. für den Groschen eine S.
kaufen; die S. muß er in vier Ecken zer¬
brechen und diese vier verschiedenen
Kindern zu essen geben (mündlich von
einer Waschfrau) 101 ). Nach einer böh¬
mischen Sage konnte der Wassermann
denen nichts anhaben, die am Morgen
vor dem Ausgehen gebackene S.schnitten
verzehrten 102 ) (vgl. Brot). Ebenfalls
nach böhmischem Glauben muß eine
Wöchnerin, um das Wasser nicht zu
verunreinigen, drei Brotrinden hinein¬
werfen 103 ). Um Glück mit dem Vieh zu
haben, kaufe am Martinstag ein Pfund
Fleisch, dazu S.brot, gib es an diesem
Tag den Kühen um Gottes Willen zu
fressen, so hast du gutes Glück 104 ). In
Mariazell stand 1887 in einer Bäckerei
ein Holzesel, auf dem eine Christusfigur
saß; in deren Hand lag eine S., die als
hochgeweiht galt. Diese galt als wunder¬
tätig gegen Brände, in die man sie hinein¬
warf 105 ). Es ist daran zu erinnern, daß
beim Umzug am Palmsonntag in Lienz
der Zaun des auf dem Esel sitzenden
Christus mit Brezeln 106 ) geschmückt war,
ebenso die Palmstangen selbst 107 ).
Semmelaugurium 108 ): a) Weih-
nachtsorakel: Wenn in Westböhmen die
Weihnachtss. nicht gerät, stirbt jemand
in der Familie 108a ). Weist die Rinde der
Egerländer Weihnachtss. Risse auf, so
steht ein Todesfall in der Familie be¬
vor 109 ). In den tschechischen Teilen
von Schlesien ißt man am heiligen Abend
Fische und Mohngebäck, auch steckt
man eine Kruste einer Weihnachtss. und
sonstigem Kornbrot an ein Messer und
läßt dieses, in ein Tüchel gehüllt, eine
Nacht im Freien liegen; hat die S. an dem
Messer einen größeren Rostfleck verur¬
sacht, so gedeiht der Weizen im kom¬
menden Jahr weniger gut, wenn das
Kombrot Flecken verursacht hat, so
gerät das Brotkom nicht no ). In Däne¬
mark steckt man drei Messer in das
Roggenbrot am Weihnachtsabend, eins
für den Roggen, eins für die Gerste, eins
für den Hafer; welches Messer am fol¬
genden Morgen am meisten angelaufen
ist, das sagt die Getreideart an, die im
nächsten Jahr am meisten geraten wird 111 ).
b)Liebesaugurium: NachPraetorius,
Satumalia: Einige kaufen Christnachts für
drei Heller S.n, teilen die in drei Bissen
und verzehren sie durch drei Gassen, in
jeder Gasse ein Stück; in der dritten
Gasse wird man den Liebsten sehen 112 ).
In Ungarn fastet das Mädchen am Andreas¬
tag, ißt vor dem Schlafengehen eine halbe
S. und steckt die andere Hälfte unter
das Kopfpolster; wenn sie von einem
Manne träumt, daß er die andere Hälfte
ißt, ist das der Zukünftige 113 ). Einige
kaufen am Tag vor dem heiligen Abend
für einen Pfennig das letzte Endstößchen
S., schneiden ein bischen Rinde ab und
binden es unter den rechten Arm, tragen
es so den Tag über, und beim Schlafen¬
gehen; Christnachts legen sie es unter
ihren Kopf und sprechen: Jetzt hab' ich
mich gelegt und Brot bei mir; wenn doch
nun mein feins Lieb käme und äße mit
mir; findet sich von der S. am Morgen
etwas abgenagt, so wird die Heirat das
Jahr über geschlossen werden 114 ). In
Posen kommen in der Andreasnacht die
Mädchen zusammen, jedes bringt eine
frische S. mit, auf die es den Namen
eines Burschen aufgezeichnet hat; die S.n
werden in einer Reihe auf die Diele gelegt,
und ein Hund wird hereingelassen; das
Mädchen, dessen S. der Hund zuerst
ergreift, wird zuerst heiraten 115 ). Am
Andreasabend vor dem Schlafengehen
spricht das heiratslustige Mädchen: O du
lieber Andreas mein, hier steh ich vor
meinen Bettsäulen, laß meinen Liebsten
bei mir erscheinen; soll ich mit ihm leiden
Not, so laß ihn erscheinen bei Wasser
und Brot; soll ich mit ihm leiden keine,
so laß ihn erscheinen bei S. und Weine 116 ).
In Hof war früher das S.beißen üblich:
Man aß auf der Straße, so lange der Ver-
Semmel
kehr noch nicht ausgestorben war, in der
Dämmerung auf drei Bissen eine halbe
Kreuzers., dann ging man lautlos auf der
Straße hin; der erste begegnende Mann
muß aufmerksam betrachtet werden; denn
entsprechend seiner bürgerlichen Stellung
wird sich der Beruf und das Leben des
Zukünftigen gestalten 117 ).
S. im Heilzauber und in der
Volksmedizin: Gegen den Wichtel (eine
widernatürliche fette Verfilzung des
Haupt- und Barthaares): Man gräbt ihn
ab (er darf nicht abgeschnitten werden),
indem man ihn in Werg nachbildet und
dies mit einer S. und einem Geldstück
in einem dunklen Winkel vergräbt,
meist in der Kirche; wenn nach geraumer
Zeit alles verschwunden ist, darf man am
nächsten Karfreitag unter Hersagen ge¬
wisser Sprüche den Wichtelzopf mit einem
scharfen Stein abschneiden 118 ). Der
Fieberkranke legt eine S. auf die Stirne
und gibt sie einem Hund zu fressen,
damit das Fieber auf diesen übergeht 119 ).
Gegen Erbrechen: Nimb S., laß die in
einem Ofen dürre und braun werden, zer¬
stoß und laß es also zerstoßen in Essig
wol erweichen, tue dazu das Gelee von
etlichen hart gesottenen Eyern, Mastix,
Weyrauch und Gummi arabicum . .. un
misch es wohl zu einem Pflaster und leg
es dem Kind auf den Bauch 120 ). Gegen
Gerstenkorn 121 ) und Bindehautkatarrh 122 )
macht man Umschläge aus S. in Milch
auf geweicht. Gegen Lähmung nimmt
man S. in Baumöl getaucht 123 ), gegen
Spulwürmer harte S. in Branntwein ge¬
taucht 124 ).
Allerlei Aberglaube mit S.n: Wenn
eine S. hohl ist, sagt man in Mün¬
chen zu den Kindern: da ist der Bäcker
hineingeschlüpft, oder da ist der Kuckuck
darin 125 ) (vgl. Brot, backen). Wenn
man Brot oder S. ißt, woran die Mäuse
genagt haben, bekommt man gute
Zähne 126 ). Wenn einem die S. in den
Kaffee fällt, kommt Besuch ins Haus 127 ).
34 ) Witzschel 1 . c. 2, 218 Nr. 36; Jahn
Opfergebräuche 196. 3a ) Witzschel 1 . c. 2,218
Nr. 34. 36 ) 1 . c. 284 Nr. 291. 37 ) Mannhardt
1, 393 - 3 I 7 - 38 ) 1 - c - L 26 9 - 3 W: ders. For¬
schungen 169. 39 ) AfAnthrop. NF. 6, 107;
Bavaria 1, 993. 40 ) h c. 108. 41 ) Globus 78,
385; Sartori Totenspeisung 25. 42 ) AfAnthrop.
1 . c. 104. 43 ) ZfVk. 15, 1; AfAntrop. 1 . c. 108;
ZföVk. 13, 79. 44 ) Reinsberg Böhmen 495.
45 ) ZföVk. 13, 79. 46 ) Reinsberg Böhmen 494;
ZföVk. 13, 79; vgl. Höfler Weihnachten 50.
47 ) Witzschel 1 . c. 2, 88 Nr. 107. 48 ) Höfler
Hochzeit 42. 4Ö ) Rochholz Glaube 1, 313;
ZfVk. 11, 198. 50 ) AfAnthrop. 1 . c. 102.
51 ) 1 . c. 103 Fig. 1. 52 ) Birlinger Schwaben
2, 13; Höfler Weihnachten 74. 53 ) Kloster 7,
IX; 9, 291; Sommer Sagen 149; Rochholz
Glaube 2, 294. 54 ) ZfVk. 23, 184. 55 ) Leo-
prechting Lechrain 237. 56 ) Bartsch 1 . c.
2, 66 Nr. 238; vgl. 67 Nr. 240: auf einer Bauern¬
hochzeit zu Gerdshagen schnitt die Braut nach
alter Sitte jedem Gast bei Beginn des Hoch¬
zeitsmahles eigenhändig ein Stück Brot; ein
Fruchtbarkeitssymbol ist auch der wagenrad¬
große Kringel, der an der Feldscheide zwischen
Kritzkow und Kues angeboten wird; dazu
trinkt man Bier und Branntwein aus Gie߬
kannen: 1 . c. 83 Nr. 266. 57 ) Grimm Mythol.
3, 450 Nr. 489. 58 ) Kloster 12, 170. 59 ) Höfler
Hochzeit 9 Fig- 7 - 43 Fig. 30. 69a ) Bargheer-
Freudenthal Volkskundearbeit 189 ff. 60 |Ho-
vorka-Kronfeld 2, 643. 61 ) ZföVk. 1908, 125.
€2 ) Schönwerth Oberpfalz 1, 176. 63 ) Pol-
linger Landshut 242. 64 ) ZföVk. 15, 102;
Münchener med. Woch. 1904, 1438. 6d ) ZföVk.
15, 102; Niedersachsen 8 Nr. 9. 6R ) ZföVk. 15,
101; Ploß-Bartels Weib 2, 361. 67 ) ZföVk.
15, 102; John Westböhmen 135. C8 ) Grimm
1 . c. 3, 461 Nr. 770. 69 ) Drechsler Schlesien 2,
300. 70 ) Schönwerth 1 . c. 1, 425 Nr. 10.
71 ) Höfler Fastengebäck 93; Hazlitt Faiths
and Folklore 2, 549. 72 ) Höfler Ostern Fig. 64 ff.
73 ) Drechsler 1 . c. 1, 76; Sartori Sitte 3, 137.
74 ) John Westböhmen 69; Höfler Ostergebäcke
61. 75 ) Höfler 1 . c. 63. 76 j Höfler 1 . c. 6 ff.;
John 1 . c. 61; W. 450. 620. 77 ) Reinsberg
Böhmen 121. 78 ) Höfler 1 . c. 6. 79 ) Höfler
1 . c. 15; Hazlitt 1 . c. 1, 283. 79a ) ZföVk. 1902,
26S; vgl. Bartsch Mecklenburg 2, 259 Nr. 1351.
80 ) Kloster 7, 926. 81 ) Höfler Ostern Fig. 32.
82 ) 1 . c. Fig. 18. 83 ) 1 . c. Fig. 41. 42. 84 ) Bir¬
linger Wb. 385; Diefenbach Glossarium i,
409; Höfler 1 . c. 43. 86 ) Germania 9, 199;
Höfler 1 . c. 20. 86 ) Niedersachsen 15, 241;
Sartori 1 . c. 3, 157. 87 ) Kuhn Märk. Sagen
370. 88 ) Köhler Voigtland 175. 89 ) Reins¬
berg Böhmen 557; Höfler Weihnachten 19. 89a )
ZfVk. 11, 198. 89b ) Schneller Wälschtirol. 239.
90 ) Reinsberg 1 . c. 558; Höfler 1 . c. 18.
91 ) Schönwerth 1 . c. 1, 130 Nr. 1. 92 ) Schön¬
werth 1 . c. 1, 49 - 93 ) Kryptadia 7, 142.
94 ) Gander Niederlausitz 26. 9o ) ARw. 25,
336 ff. 96 ) Anthropophyteia 9, 349 Nr. 87.
97 ) Hovorka-Kronfeld 2, 172; vgl. ARw.
25, 333 ff. 98 )MschlesVk. 1903, Heft 13, 45 Nr. 17.
") Ploß Weib 2, 176. 10 °) MschlesVk. 1922, 4.
101 ) Gander I. c. 16. 102 ) Grohmann Sagen
163; ZfVölkerpsychol. 18, 24. 103 ) Groh¬
mann Aberglaube 115 Nr. 857. 104 ) Alpen¬
burg Tirol 362. 105 ) ZföVk. 13. m ff. 106 )Zin-
gerle Tirol 147 Nr. 1263. 10 ') Ders. 146
Semper, Semperlaufen—September
Nr. 1260. 108 ) Die Art wie man auf pommer-
schen Hochschulen die Eignung der Medi¬
ziner zum Beruf augurierte, indem sie eine
.auf einer Leiche liegende S. verzehren
mußten, ist ein kräftiger Witz: BlpomVk. 3,
105; John 1. c. 17. 109 ) Egerland 1905, 33;
Höfler Weihnachten 51. 110 ) Globus 1900,
340; Höfler 1 . c. 50 ff. m ) Höfler 1, c. 28.
212 ) Grimm 1 . c. 3, 470 Nr. 959; Höfler 1 . c.
50. 113 ) ZfVk. 4, 406. n4 ) Grimm 1 . c. Nr. 957.
115 ) MschlesVk. 1905 Heft 13,47 Nr. 38. lie ) W.
360. 117 ) Köhler Voigtland 380. 118 )Drechsler
1. c. 2, 296. 119 ) Hovorka-Kronfeld 2, 336.
12 °) Coler Öconomia 2, 355. 121 ) Hovorka-
Kronfeld 2, 794. 122 ) 1. c. 787. 123 ) 1 . c. 247.
124 ) 1 . c. 99. 126 ) ZfdMyth. 3, 400; vgl. Zingerle
I. c. 57 Nr. 494. 126 ) Grabinski Sagen 46.
127 ) Pollinger Landshut 167. Eckstein.
Sinapis alba;
Sempre, Semperlaufen s. 5, 1766 und
7, 1040.
Senf (Weißer S. —
schwarzer S. = Brassica nigra). S.kömer
dienten im alten Indien als Schutz gegen
böse Geister und galten als glückbringend.
Das Neugeborene wird mit Körnern ge¬
räuchert, die mit Senf gemischt sind, und
mit Sprüchen, die eine Verwünschung
der Dämonen enthalten, wirft der Zau¬
berer diese Körner ins Feuer 1 ). S. hat
die Braut bei sich, um das Regiment im
Haus zu erlangen 2 ), s. Dill (2, 296). Wer
alle Morgen einige S.kömer nüchtern
genießt, ist sicher vor Schlag 3 ).
2 ) ZfVk. 15, 76; Selig mann Blick 2, 85;
Samter Gehurt 153. 159. 171; Knuchel Um¬
wandlung 12. 2 ) Engelien u. Lahn 243.
3 ) Schreger Hausbüchlein 1770, 138 =
Hovorka u. Kronfeld 2, 246.
2. In Shakespeares „Sommernachts¬
traum“ heißen Elfen ,,S.samen“ 4 ); ,,S.-
chörnli“ ist auch ein Zwergname 5 ).
4 ) Simrock Mythologie 474. 5 ) Lütolf
Sagen 476. Marzell.
Sepa, Zauberwort in der Formel gegen
Blutverlust: Sepa -f- sepaga -f- sepagoga
+ sta sanguis etc. 1 ), vgl. avis gravis seps
sipa 2 ) und: Iza + Sipa + Rezia + Catze-
rin + Bachlabena + 3 ). Die letzte Form
läßt die Vermutung zu, daß es sich um
‘eine Entstellung der von Cato 4 ) über¬
lieferten Formel: huat hauat huat ista
pista sista dannabo dannaustra, gegen
Fraktur, handelt, die bei Thiers 5 ) so
gegeben wird: Sista Pista Rista Xista.
Vgl. auch Sepia 6 ).
*) Meyer Aberglaube 259 nach Wier De
praestigiis daemonum I. 5c. 8. 2 ) Hansen
Hexenwahn 46, nach Arnaldus de Villanova
de maleficiis (Lyon 1509) fol. 215 (um 1300).
3 ) Seyfarth Sachsen 175. 4 ) Heim Incanta-
menta 534. 5 ) Thiers 1, 361. «) Ohrt Trylle-
formler 2, 126. Jacoby.
September.
1. Im alten römischen Kalender, in dem
das Jahr mit dem März begann, war der
S. der 7. Monat, welchen Namen er auch
weiterhin behalten hat 1 ). Zu Karls des
Großen Zeit finden sich dafür die deut¬
schen Bezeichnungen Witumänoth 2 )
und Herbistmänoth 3 ), von welchen
die zweite dauernde Geltung bekam. Als
der erste Herbst oder erste Herbst¬
monat wird der S. vom Oktober (s. d.)
und November (s. d.) unterschieden 4 ),
vom August (s. d.) alsder ander Augst 5 ).
Auf die Fülle der Erntezeit verweist der
Name Fulmonet, bei Fischart Voll¬
monat 6 ). Im Tegernseer Kalender
(16. Jh.) heißt der S. auch Saumonat 7 ),
weil die Saujagd begann, und Über¬
herbst 8 ). Als Zeit der Wintersaat führt
er, wie der Oktober, auch den Namen
Sämonat 9 ). Dithmarsisch Silmand 10 )
scheint Seelenmonat zu bedeuten, da der
neunte Monat im Jahr der Opfermonat
war 11 ). In Fischarts „Aller Praktik
Großmutter“ finden sich noch die Namen
Verenamonat (1. S.) 12 ) und Michelsmonat
(29. S.) 13 ).
Betreffs Personifikation des S.s vgl.
Monat.
l ) Reinsberg Festjahr 257. 2 ) Wein¬
hold Monatnamen 62. 3 ) Ebd. 42. 4 ) Ebd.
41 ff. 5 ) Ebd. 32. 6 ) Ebd. 59 f. 7 ) Ebd. 54.
8 ) Ebd. 59. 9 ) Ebd. 53 f. 1 °) Ebd. 55. n)Wid-
lak Synode v. Liftinae 14. 12 ) Weinhold
a. a. O. 59. 1 3 ) Ebd. 50.
2. Mit dem S. tritt die Sonne in das
Zeichen der Waage 4 ). Aber in der ersten
Hälfte des Monats, der noch zum Frauen-
dreißiger (s. d.) gehört, gilt noch das
Zeichen der Jungfrau (s. August) und
findet im Feste Maria Geburt (s. d.)
seinen Ausdruck. Im S. finden sich bei
verschiedenen Völkern Abwehrbräuche.
Im alten Rom wurde am 13. S. durch
Einschlagen eines Nagels in eine Mauer
alles Unheil verbannt 2 ); in den Dörfern
um Moskau wurden am Vorabend des
1. S.s Notfeuer entzündet 3 ); am i. S.
1651
1653
Serpentaria—Severinus, hl.
1654
September
war es in Rußland üblich, die der Ernte
schädlichen Insekten durch einen Zauber
zu vertreiben 4 ); in Peru, wo mit dem S.
die von Krankheiten begleitete Regenzeit
beginnt, erfolgte die Vertreibung alles
Übels durch die Inkas 5 ). Abwehrzauber
spielte sicher auch mit bei dem heid¬
nischen Herbstfest der Germanen, das
mit dem Opfer von Tierköpfen und Opfer-
schmäusen begangen wurde 6 ). Doch
dürfte sich hier mit einem älteren Toten¬
fest, das zu feiern der anbrechende
Winter gemahnte 7 ), ein Erntedank¬
fest 8 ) verbunden haben. Das erste lebt
in dem Feste des hl. Michael (s. d.)
weiter, das zweite in den Kirchweih¬
festen (s. d.). Die Verquickung der zwei
Feste beweist, daß es am Lechrain üblich
war, am Kirchweihmontag ein Seelen-
amt für alle Verstorbenen aus der Ge¬
meinde abzuhalten. „Auf dieses Seelen¬
amt wird mit einer unglaublichen Hals¬
starrigkeit gehalten, welche oft zwischen
dem Pfarrer und der Gemeinde zu Zer¬
würfnissen führt. Wenn es sich nämlich
trifft, daß gerade dieser Montag auf einen
Frauentag oder den eines großen Heiligen,
wie z. B. Sankt Michael selber, fällt, wo
nach kirchlichen Vorschriften kein Seelen¬
amt gehalten werden darf (festutn duplex ),
so hat der Pfarrer einen schweren Stand,
denn lieber verzichten die Bauern auf die
ganze Nachkirchweih, als auf ein Ver¬
schieben des Seelengottesdienstes“ 9 ). An
das altheidnische Opferfest, zu dem man
aus weitem Umkreise zusammenkam, er¬
innert vielleicht auch noch die Tatsache,
daß gerade im S. die meisten Wall¬
fahrten stattfinden 10 ).
Der hundertjährige Kalender, der für
den Juni, Juli und August besonderes
Maßhalten im Essen und Trinken anrät,
trägt der festlichen Ernte- und Kirch¬
weihstimmung des S.s Rechnung, wenn
er Dunstbimen als vortreffliches Essen
empfiehlt, ferner meint, man soll jetzt
wieder den Leib durch Arzneien, Pur¬
gieren und Aderlässen reinigen, wohl
vor Überfluß in allem Obst warnt,
aber den Rat gibt, ,,hingegen sich
der Gänse, Kapaunen, Indian und
Rebhühner, auch Schnepfen, Fasanen,
Krametsvögel, Wachteln und Staren be¬
dienen“ u ).
Vom Volksglauben der Gegen¬
wart ist bloß zu erwähnen: Der 1. S.,
an dem Sodom und Gomorrha unter-
*
gegangen sein sollen, ist ein Unglücks¬
tag (s. d.) 12 ); in Ungarn auch der 30. S.,
an dem man nicht säen soll, denn das
Korn bleibt grün und wird nicht reif 13 ).
Andrerseits ist der 1. S. (Ägidius) vor¬
bedeutend für das ganze Herbstwetter 14 ).
Ein weiterer Lostag ist der 17. S. (Lam¬
bert) 15 ) und der 21. S. (Matthäus) 16 ).
So viel Nachtfröste man vor dem 21. S.
zählt, so viel werden auch in dem kom¬
menden Mai erfolgen 17 ). Noch mehr als
Maria Geburt, wo die Schwalben fort¬
fliegen 18 ), gilt der Michaelstag als Be¬
ginn der kalten und dunklen Jahreszeit.
Von diesem Tag an arbeiten die Hand¬
werker wieder bei Licht 19 ), und von
Michaeli bis Ostern war seinerzeit das
Siebenuhrläuten üblich 20 ). Günstig ist
Nebel im S., denn:
Wenn's im September viel Nebel geit,
Der Bauer sich auf den Hirast(Herbst) g’freut* 1 ).
Gewitter im S. verheißen für das nächste
| Jahr viel Obst und Wein 22 ). Ähnlich
heißt es:
Wenn der September noch donnern kann,
Setzen die Bäume viel Blüten an 23 ).
Ebenso lautet der Eingang eines unter
Hermes Trismegistos , Namen überlieferten
Brontologion, das wohl einst in Versen
abgefaßt war, in seiner gegenwärtigen
Gestalt aber der römischen Kaiserzeit
angehört: ,,Wenn im September Donner
oder Blitz am Tage eintritt, so werden
günstige Sterne sein und viel heitere
Tage; alle junge Frucht wird schön er¬
blühen“ 24 ). Der S.sonne kommt, beson¬
ders bezüglich der Traubenreife, nur mehr
wenig Kraft zu: „Was Juli und August
nicht kochen, das kann der S. nicht
braten“ 25 ). Vom Gemüse sagt man im
Nahetal: ,,Geht es freudig in den S., so
geht es traurig heraus“, was auch umge¬
kehrt gilt 26 ).
x ) Vgl. Nork Festkalender 555. 2 ) Frazer
9, 66. 3 ) Ebd. io, 139. 4 ) Ebd. 8, 279 f.
fi ) Ebd. 9, 128. •) Widlak Synode v. Liftinae
14; M üllenhoff Altertumsk . 4, 439. 7 ) Vgl.
Nork Festkalender 564 ff.; vgl. Oktober. *) Al-
bers Das Jahr 273. •) Leoprechting Lech¬
rain 195. 10 ) Vgl. Reinsberg Festjahr 259 ff.
n ) Hovorka u. Kronfeld 2, 380. 12 ) Wuttke
84 § 300; John Erzgebirge 196. 13 ) ZfVk. 4
(1894), 405. 14 ) Bartsch Mecklenburg 2, 295;
Leoprechting Lechrain 193; Baum garten
Aus der Heimat 1, 52; Zingerle Tirol 170 f.;
Reinsberg Böhmen 430u. Wetter 171; B. Haidy
Die deutschen Bauernregeln (Jena 1923) 80 f.
15 ) Haldy 81. Vgl. Reinsberg Festjahr 276
(Lambertusfest in Münster). 16 ) Reinsberg
Böhmen 450 t. u. Wetter 173 f.; Haldy 79 f.
17 ) Bartsch Mecklenburg 2, 212. 18 ) Leop¬
rechting Lechrain 194; Zingerle Tirol 171;
Reinsberg Wetter 172; Haldy 81; Jung¬
bauer Volksdichtung 225. 19 ) Leoprechting
Lechrain 195 f.; Baumgarten Aus der Heimat
1, 52; Zingerle Tirol 171. 20 ) Zingerle Tirol
171 f. 21 )Reiterer Ennstalerisch 55. 22 ) E b e r-
hardt Landwirtschaft Nr. 3, 13. 23 ) Haldy 77.
24 ) Boll Offenbarung Joh. 10.
Mecklenburg 2, 215; Wrede
150 (s. August). 26 ) ZfrwVk.
25 ) Bartsch
Rhein. Volksk.
1909, 300.
Jungbauer.
Serpentaria s. Knöterich.
Serpentin, Lapis serpentinus genannt,
nach serpens = Schlange, Schlangen¬
stein.
Von jeher verglich man den S. mit
einer Schlangenhaut, da er in allerlei
trüben Farben schimmert und meistens
bunt gefleckt ist x ). Man glaubte deshalb,
er sei gut gegen Schlangenbisse. Zu
diesem Zwecke mußte er, wie Zedier
berichtet, warm gemacht und auf die
Wunde gelegt werden, auch sollte der
Gebissene Wein aus einer S.schale trinken,
in der der Stein eine Zeitlang gelegen
Hatte -). Gesner erzählt, man habe aus
dem Marmor, quem vulgo Serpentariam
nominant, Löffel und Becher hergestellt,
da man überzeugt war, sie widerständen
dem Gifte 3 ). In Tirol galt das besonders
für Trinkgefäße aus edlem, d. h. schön
grünlich gelbem S.; solche Steinbecher
zersprangen angeblich sofort, wenn ver¬
giftetes Getränk in sie gegossen wurde 4 ).
Nach der Sage besaß König Weking
(Wittekind) einen solchen Becher, den
der große Karl ihm geschenkt hatte 5 ).
Das Wasser, das aus dem S. dringt
oder mit d?m es eingenommen wird,
galt als unfehlbares Mittel gegen Gift,
Schlafsucht, Kopfweh, Lendenreißen,
Quartanfieber und sollte schweißtreibend
wirken. Wegen seiner eigenartigen Flecken
und Marmorierung hielt man den S. auch
gut für Nierenleiden und legte ihn auf
die schmerzende Stelle 6 ) (vgl. Nephrit). —
Zu dem S. als Schreckstein siehe s. d„
(Abbildung eines S.amuletts bei Andree-
Eysn 141 Fig. 113; ebd. 139).
J ) Quenstedt 247. 2 ) Zedier s. v. Bd. 37,
410. 3 ) Gesner d. f. L 99, Abbildung 112 1 ;
über die Zöblitzer Serpentindrechslermnung:
Bergmann 496 f.; zu den dort hergestellten
Arzneien aus Serpentin Seyfarth Sachsen
260 f. 4 ) Alpenburg Tirol 412. 5 ) Kuhn
Westfalen 1, 267 Nr. 306; Graesse Preußen 1,
714. 6 ) Zedier s. v. Bd. 37, 410; Seyfarth
a. O.; Most Enzyklopädie 492 s. v. Ophites.
f Olbrich.
Servatius, hl., Bischof von Tongern
und Maasstricht, f um 384 1 ). Sein Grab
in Maastricht grünt auch im Winter und
wird nie mit Schnee bedeckt 2 ). In ihm
fand man einen noch heute in Maastricht
als Reliquie aufbewahrten Petrusschlüssel
und seinen Krückenstab 3 ). Schon für
das 12. Jh. ist dort der noch jetzt übliche
Brauch nachgewiesen, daß in der Fest¬
oktav des Heiligen Leute aus seiner Schale
tranken zum Schutze gegen Fieber 4 ).
In der Gegend von Speyer soll er eine
Quelle hervorgerufen haben, indem er mit
dem Finger ein Kreuzzeichen auf dem
Boden machte 5 ). Sein Gedächtnistag ist
der 13. Mai. Er ist einer der sog. Eis¬
heiligen (s. d.). In der Bretagne er¬
flehte man am S.tage in der Kapelle des
Heiligen Erntesegen, woran sich ein ge¬
waltiger Kampf um seine Fahne schloß 6 ).
Alles Vieh, das an diesem Tage zur Welt
kommt, wird verunglücken (Nordenau in
Westfalen) 7 ).
*) Künstle Ikonographie d. Heiligen 529 !.;
Samson D. Heiligen als Kirchenpatrone 359ff.
2 ) Gregor. Turon. hist. Franc . 2, 5 = Menzel
Symbolik 2, 340. 3 ) Künstle 530; Beißel
Heiligenverehrung 1, 8ff.; SchwVk. 19, 71.
4 ) Beißel 2, 90; ZfVk. 22 (1912), 4. 5 ) Schöpp-
ner Sagen 2, 317 (792). 6 ) Mannhardt For¬
schungen 195. 7 ) Hüser 2, 26. Sartori.
Severinus, hl., der zweite Bischof
von Köln, f 403. Sein Gedächtnistag
ist der 23. Oktober 1 ). Man sagt von ihm
an der unteren Wupper: „Severing Wirpt
den kahlen (= kalten) Steen en den Rhing,
Gierdrück met derMuus Treckt en widder
herus“, und im Siebengebirge: „De Gied-
röck mät de Muus De holt de kaele Steen
eruus. De zente Vring Dä schmiess en en
Seuche—Sibylle
Sibylle
1658
1655
1656
«den Rhing“ 2 ). Bei anhaltender Dürre
wurden in Köln die Gebeine des Heiligen
aufgestellt, worauf regelmäßig Regen ein¬
trat 3 ). Einer der Priester, die den Schrein
heraussetzen, muß binnen Jahresfrist
sterben 4 ).
*) Samson Die Heiligen als Kirchenpatrone
361 f. z ) ZfrwVk. 11 (1914),269; 12 (1915)» 2 37 -
3 ) Meyer Aberglaube 168; Simrock Mythol . 2
542; Nork Festkalender 2, 655 f.; Zaunert
Rheinlandsagen 1, 137. 4 ) Wolf Deutsche
Märchen u. Sagen 208 f. Sartori.
Seuche s. Nachtrag.
Sevenbaum s. Sadebaum.
Sibylle. Gestalt und Name der S. ist
dem Volke auf vier verschiedenen Wegen
zugekommen. Für die Scheidung der
Gestalten, die S.n-Volksbücher und ihre
quellenkritische Aufarbeitung wie für
die Frage des Nachlebens der Gestalt im
deutschen Volksglauben verweise ich auf
meine Untersuchung ,, Sibylle Weiß“.
Zum ersten Male ist dem Volk im MA.
die Sibylle entgegen getreten; das ,,teste
David cum Sibylla“, des Dies-irae-Gesan¬
ges vermag ein Bild von ihrem unbe¬
stimmten und nicht recht greifbaren
Wesen zu geben •— dem Wesen der von
Gott begnadeten, wie dieser Gesang
bezeugt — und dennoch heidnischen
Frau, wovon man durch Vergil genug
erfuhr. Aber bereits dem MA. verwandelt
sich die S. zu den S.n. Wir sehen in
diesen Werdeprozeß noch nicht genügend
tief hinein, um ihn in allen Stadien be¬
schreiben zu können. Ein sicherstes
Zeugnis für die Vervielfältigung der Ge¬
stalt gewähren uns die üblich werdenden
Beinamen: Sibylla Cumana, S. Erithrea,
S j Tiburtina usw. Das 15. Jh. weiß dann
von 12 S.n, die den Propheten gegenüber
gestellt werden, ja die wohl diesen erst
verdanken, daß man die runde Zahl für
sie erfand. Zu den Propheten des AT.
treten in gleicher Zahl die prophetischen
Stimmen des Heidentums, die (wie die
zwölf Propheten) Christum verheißen
haben. Der Nachklang der vierten Ecloge
Vergils und der der Erithrea zugeschrie¬
benen Sage ist deutlich zu erkennen.
Bereits die Kunst des 15. Jh.s bemäch¬
tigte sich der zwölf. Vielleicht als eine
Anweisung
bildende Künstler, in
jedem Falle aber abschließend die Ent¬
wicklung und typusformend, wird in
dem Opusculum de vaticiniis Sibillarum
des Filippo Barbieri von diesen zwölf
gehandelt, ihr Name, Aussehen und ihre
Vaticinia festgelegt. Das Opusculum l )
ging in das deutsche Volksbuch ,,Zwölff
Sibyllen Weissagungen“ von 151b über l )
und wirkte auf diese Art ins Volk.
Schon im 14. Jh. schälte sich aus der
Vielzahl der S.n als wichtigste die Tibur¬
tina (s. u.) heraus. Auf ihrer Grundlage
entstand in der Zeit Karl IV. ein deut¬
sches S.ngedicht 2 ), das sich großer Be¬
liebtheit erfreute, Köbel die erste An¬
regung zum oben erwähnten Volksbuch
gab 1 ), in dieses selbst einging, wodurch
die Gestalt der ,,13. S.“ geschaffen wurde,
daneben aber selbständig fortlebte, gegen
Ende des 16. Jh.s nicht nur in einer Um¬
dichtung 3 ), sondern als im Volk wirkend
und glauben-formend bezeugt ist x ), und
sich dann über die deutschen Grenzen
ausbreitete, den Norden erfaßte, wo es
noch heut in Drucken umgeht und in
zahlreichen Sagensammlungen von ihm
berichtet wird 1 ).
Wie ich bereits bemerkte, schuf der
Oppenheimer Drucker Johann Köbel das
deutsche Volksbuch ,,Zwölf Sibyllen Weis¬
sagungen“, in dem er den durch eine Pre¬
digt Jost Eychmans von Heidelberg er¬
weiterten Text Barbieris mit einer
Prosaumschreibung des deutschen Ge¬
dichtes vereinte 1 ). Manch kleineres Ein¬
sprengsel mag hier unerwähnt bleiben.
Kobels Druck vermochte nicht, sich
durchzusetzen; erst in den Händen der
geschäftstüchtigen Firma Egenolph in
Frankfurt a. M., die dem Köbelschen
Text einen Anhang beifügte 4 ), wurde
aus dem Schriftchen der Volksbuchtext,
der sich bis in das vorige Jh. erhielt 5 ).
Im zweiten Jahrzehnt des 19. Jh.s ge¬
langte das Volksbuch in die Hände eines
Nationaltschechen, anscheinend aus der
Umgegend Pilsens 1 ). Dieser, ein dich¬
terisch hochbegabter Mann, schmolz es
mit der Schilderung eines deutschen
Prälaten zum Kampf von der Schlacht am
Weißen Berge, wohl auch mit Reminis-
1657
zenzen, die am Untersbergbüchel hängen,
und anderem Gut zusammen zu der
„Proroctvf Michaldy, krälowny ze Säby,
trinacte Sibylly“: Prophezeiung der Kö¬
nigin Michalda von Saba, der dreizehnten
S. Einige tschechische Drucke aus der
ersten Hälfte des 19. Jh.s waren in Prag
aufzustöbem 1 ). Die Deutschen in Öster¬
reich lasen, gebannt von den großen
Gesichten des tschechischen Dichters,
über die ihnen feindseligen Stellen hin¬
weg, und es entstanden in der zweiten
Hälfte des vorigen Jh.s zwei Übersetzun¬
gen der ,,Proroctvf“, von denen die eine
in Linz, die andere in Leitomischl erschien.
Die Verbreitung der Leitomischier „Pro¬
phezeiung“ scheint sich auf das deutsche
Nordböhmen und -mähren beschränkt
zu haben; die Linzer hat anscheinend
den ganzen „deutsch-österreichischen“
Teil der alten Monarchie erfaßt l ).
Über weitere S.n-Volksbücher vgl.
meine „Sibylle Weiß“.
2. Es ist mir möglich gewesen, die Ver¬
breitungsgebiete der drei wichtigsten S.n-
Bücher (das Gedicht, Köbels „Zwölf!
S.n Weissagungen.“, tschechische „Pro¬
phezeiung Michaldas“) abzugrenzen x ).
Das gibt eine erste Antwort auf die Frage,
aus welcher der Schriften eine Volks¬
vorstellung entsprang. Das Gedicht
lebte um 1600 am Kyffhäuser 1 ) und besitzt
jetzt Dänemark, Schweden, schwedisches
Finnland, Norwegen. Das Köbelsche
Volksbuch ist einmal in Schwaben, Tirol,
Salzburg, Bayern, Ober-Österreich, West¬
böhmen nachzuweisen, hat ein zweites
Zentrum am Rhein (Köln), und scheint
nach Thüringen verschleppt worden zu
sein. Der „Proroctvf“ gehörte das innere
Böhmen und Polen bis nach Kulm,
Thom; ihre deutsche Übersetzung strahlt
nach allen Seiten aus und erreicht im
Norden Breslau und Schweidnitz, im
Westen die Oberpfalz und Salzburg, im
Süden Friesach und das Metnitztal in
Nordkämten, Salzburg x ).
Ich kann, nachdem ich das Werden und
Wachsen der einzelnen Motive im Volk in
meiner „Sibylle Weiß“ verfolgt habe,
hier nicht ausführlich mehr darauf ein-
gehen, sondern nur kurz anmerken, daß
aus dem Anhang des Köbelschen Druckes
die „Türkenschlacht bei Köln“ aus-
wuchs 1 ), und wir für deren Propheten
(Spielbähn usw.) Kenntnis der Schrift
nach weisen können 1 ) t daß aus der
deutschen „Prophezeiung“ vor allem die
Prophetie gekommen ist, ein Fuhrmann
werde einst mit der Peitsche auf eine
wüste Stelle zeigen und seinen Fahrgästen
erklären: Hier stand einst die stolze
Stadt Prag (Breslau, Graz usw.) x ).
3. Während in NW-Deutschland S.
ein Name für die witten wiver wurde,
nennt seit dem Ende des 17. Jh.s das
mittel- und obd. Volk die an einem Baum
wohnende Bitweise: Billeweis (Kärnten),
Willeweis (Tirol), Sibylle Weiß (Ober¬
pfalz, Steiermark), Sewilla Weiß (Eger-
land), S. (Lausitz, Grafsch. Glatz, Schwa¬
ben) 5 ). Es tritt eine Vermischung beider
Gestalten ein, aus der sich als volks¬
läufiger Typus die Zukunft wissende Frau
an oder unter einem Baume heraus¬
kristallisiert, die die Endschlacht weis¬
sagt, wenn dies und das Vorzeichen ge¬
schehen ist.
5 ) Vgl. auch Schlachtenbaum (s. Nachtrag).
4. Ein unvergleichlich bunteres Fort¬
leben ist aus der Volkserzählung und dem
Volksglauben der deutsch-slavisehen Be¬
rührungszone festzustellen. S. tritt hier
in die Märchen vom Schlangenturm zu
Babel, vom Fürsten Lichtenstein ein x ),
wird zu einer der drei Schlangenjung-
frauen des Märchens J ), tritt neben oder
für die Melusine der böhmischen und
polnisch-schlesischen Sage ein l ).
5. Seit dem 14. Jh. hat man bei Norcia
einen Monte della Sibilla und eine Höhle
der S. gekannt x ). An einem See hat man
dort in dieser und der folgenden Zeit
nekromantische Zaubereien vorgenommen,
magische Bücher geweiht usw. x ).
In Deutschland hat man bei mantischen
Praktiken die S. beschworen, wovon
Carpzow berichtet, und wovon ein Ritual
im „Nigromantischen Kunstbuch“ vor-
iiegt.
Über die S. in Sagen und über S.n-
Weissagungen vgl. meine „Sibylle Weiß“.
S. auch Tiburtina.
1 ) Peuckert Sybille Weiß. 2 ) Lothar Dar-
n
1
Sichel—Sickin gen
1660 1661
Sideromantie—Sieb
1662
nedde Deutsche Sibyllen-Weissagung. Phil. Diss
Greifswald 1933, mit manchem Irrweg in Ein¬
leitung und Schlüssen. 3 ) Peuckert Legende
vom Kreuzholz Christi , MschlVk. 28 (1927), 1640.
4 ) Nachweis über die Herkunft der einzelnen
Teile: Peuckert Zwölff Sibyllen Weissagungen,
in MschlesVk. 29, 217. 5 ) Bibliographie der
mir bekannt gewordenen Drucke in meiner Sy-
bylle Weiß. Peuckert.
Sichel s. Nachtrag.
Sickingen, Franz von.
1. Ritter Franz v. S. t geb. 2. März 1481
auf der Ebernburg (bei Bad Kreuznach),
der ,,Herberge der Gerechtigkeit“, wo
ihn seit 1889 ein Denkmal zusammen
mit seinem literarischen Freunde Ulrich
von Hutten ehrt, starb nach einem strate¬
gischen Vagantenleben als wohlbegüterter,
gesuchter und erfolgreicher Kondottiere,
als ehrgeiziger ,,letzter Ritter“, aber auch
tatkräftiger Förderer der reformatorischen
Ideen seiner Zeit am 7. Mai 1523 in dem
von Feindeshand gebrochenen Felsgemach
seiner Feste Nannstein (bei Landstuhl
in der Pfalz) x ). Das Schicksalhaft-
Heldenhafte seiner volkstümlichen Per¬
sönlichkeit („Fränzchen“ im Pfälzer
Volksmund) Heß seine Gestalt rasch ins
Mythische wachsen; Glaube und Lied
umranken sein volksnahes irdisches Da¬
sein und verleihen ihm auch in der Dich¬
tung dauerndes Fortleben. Die Grund¬
lagen dieses volkskundhchen Franz v. S.
sind so nicht erst ein Gebilde der Ro¬
mantik, die in Albrecht Dürers Stich
Ritter , Tod und Teufel S. wiederzufinden
glaubte 2 ).
*) H. Ulmann, Franz von Sickingen. Leipz.
1872; ders., ADB. 34. Weiteres Schriftt. Albert
Becker [Das] Hutten-Sickingen [- Bild] im
Zeitenwandel (Beiträge z. Heimatkde. d. Pfalz 16,
Heidelb. 1936). 2 ) Becker a. a. O. 24.
2. Durch der Sterne (s. d.) Lauf ist
sein Schicksal schon in der Stunde der
Geburt bestimmt. Der Felsgeist des
Rotenfels (unweit seiner Geburtsstätte)
nimmt den heranwachsenden Knaben
in seinen Schutz. Von dem Manne S.
führen Fäden zu Johannes Lichtenberger
(s. d.), Faustus (s. d.), Johannes Trithe-
mius (s. d.), Konrad Celtes u. a., zur
astrologischen- und Weissagungslite¬
ratur, der reformatorisch-revolutionären
Pubhzistik, dem deutschen Humanismus
und den Anfängen deutscher Volkskunde
in jener fließenden Übergangszeit um
1500. S.s Feste Nannenstul 3 ) (dann
Nannstein, fälschlich Landstuhl) steht
vielleicht im Zusammenhang mit dem
Matronendenkmal 4 ) des Heidenfelsen
am Fuß des Nannstein; in den dort dar¬
gestellten Matronen (s. Matronenkult)
sieht das Volk Mitglieder des S. feind-
Hchen Kriegsrates, die vor dem Sturm
auf S.s Feste ihre Pläne schmieden.
Indes befragt oben auf der Burg S. im
Würfelspiel das Schicksal und schleudert
die riesigen Würfel (s. d.), da sie ihm
Unglück künden, hinab ins Tal: so deutet
das Volk die Überreste eines römischen
Grabdenkmals in Landstuhl; auch in
S.s Wappen (byzantinische Pesanten-
münzen) erkennt es wieder die verhäng¬
nisvollen, an Saturn (s. d.), den römischen
Würfelgott, gemahnenden Würfel. Als
S. dann seinem Schicksal eriiegt, sieht
Melanchthon und Lucas Cranachs Sohn
einen Stern am Himmel, um den Pauken¬
ton erdröhnt und zwei Heere im Kampfe
liegen; Kurfürst Johann von Sachsen
aber glaubt in Weimar einen Stern zu
sehen, der sich bald in eine Kerze (s. d.),
bald in ein Kreuz (s. d.) verwandelt 5 ).
3 ) R. Henning, ZfdA. 49, 469 ff. Becker
a. a. O. 36 20 . 4 ) Beckera. a. O. 15. 5 ) Klingner
Luther 96.
3. In bald nach S.s Tode erschienenen
Flugschriften 6 ) kHngt dieser Glaube
an das Wunderbare fort, und das gleich¬
zeitige Landsknechts- und VolksHed 7 )
läßt das menschHch Gewinnende seiner
Persönhchkeit und die WirkHchkeitsnähe
seines rastlosen Tuns weit erspielen. Die
Dichtung (Epos, Roman, Novelle, Drama
bis her zum Rundfunk-Hörspiel) wird
des Stoffes niemals müde 8 ). In Tagen
vaterländisch-kriegerischer Not erwacht
S.s Bild neu in der Sage: wie Karl XII.,
der Zweibrücker Herzog auf Schwedens
Thron, wie Barbarossas (s. bergentrückt)
Geist in Kaiserslautern, wie die im
Speyerer Kaiserdom bestatteten Deut¬
schen Kaiser sich zur Hilfeleistung er¬
heben 9 ), so ersteht S., mit Zügen Wodans
(s. d.) ausgestattet, ein zweiter Roden¬
steiner (s. d.) 10 ) oder Maltitz 11 ), und zieht
t.
'i
• u
im Sturmwind aus den Ruinen seiner
Burg, um drohendes Unheil zu künden.
8 ) K. Schottenloher Flugblatt und Zeitung.
Berlin 1922. 66 ff. 7 ) Becker a. a. O. 36 24 .
6 ) Becker a. a. O. 20—29. # ) Becker a. a. O.
37 26 . 10 ) Becker Pfalz 18. 129. 294. Ders.,
Jb. f. Volksk. 1 (1936), m. L1 ) Becker
Hutten-Sickingen 22.
4. Der Zug zum Geheimnisvollen
schleppt sich wie eine verhängnisvolle
Erbschaft durch die Famüie S. fort, die
in einzelnen ihrer Glieder (18. Jh.) der
Goldmacherei anhängt, in andern aber
auch zur wissenschaftlichen Chemie hin
findet. Der letzte Pfälzer S. starb ver¬
armt am 24725. November 1834 in Sauer¬
tal bei Lorch und Caub am Rhein 12 ).
12 ) Becker a. a. O. 29 f. H. Schreibmüller
Pfälzer Reichsministerialen. Kaiserslautern 1911,
78 t. (irrig 1836 statt 1834). Becker.
Sideromantie, Wahrsagung vermittelst
Eisen (atör^pos); gelehrte, antiken Divi-
nationsnamen nachgebildete Bezeichnung.
Nach den vorhegenden Zeugnissen x ) be¬
zieht sie sich nicht etwa auf alle irgendwie
mit dem Eisen zusammenhängenden
Orakelbräuche (s. o. 2, 729), sondern nur
auf einen bestimmten: Auf glühend
heißes Eisen (vermutlich Herdplatte,
Schaufel oder dergl.) warf man eine un¬
gleiche Zahl von Strohhalmen. Aus ihren
Bewegungen, Verkrümmungen und Ge¬
staltungen unter der Einwirkung der
Hitze sowie aus dem Funkensprühen und
dem Rauch deutete man die Zukunft.
Wie man sieht, handelt es sich um die
Methode der Pyromantie, Blätter, Körner
und andere organische Stoffe den Ein¬
wirkungen einer erhitzten Fläche auszu¬
setzen (oben 7,409); in einem Beichtzettel
aus dem bayrischen Kloster Scheyern
v. J. 1468 wird als Liebesorakel erwähnt,
daß die Leute am Silvesterabend Schweins¬
borsten auf erhitzte Steine legen 2 ). Am
nächsten kommen ihr die unter Phyllo-
mantie (oben 7, 21) und Krithomantie
(oben 5, 594) beschriebenen Formen, die
z. T. schon für Altertum und Mittelalter
belegt sind. Ob die Bezeichnung S. auf
Grund der antiken Zeugnisse oder gleich¬
zeitigen Volksbrauches geprägt wurde,
ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden.
l ) Boissardus (1528—1602) De divinatione,
Oppenheim 1615, 20. Von ihm abhängig die
späteren Zeugnisse: De l’Ancre L'incredulite
etc. (Paris 1622) 278; hier wird die S. auch mit
dem Lapis siderites der Alten, d. h. dem Ma¬
gnet, in Verbindung gebracht, eine haltlose Ver¬
mutung; (Bouhours) Remarques ou Reflec-
tions (Amsterdam 1692) 116; Potter Archaeol.
Graec. 1 (Oxford 1697), 320; Fabricius Bi-
bliogr. antiquar. 3 (Hamburg 1760) 610. 2 )Use-
ner Religionsgeschichil. Unters. 2 (Bonn 1889),
83 ff. Boehm.
Sieb,
1. S. als Lustrationsmittel und Apotropaion.
2. S. als Fruchtbarkeitssymbol- und Behälter.
3. Andere Grundvorstellungen: Durch Löcher
sehen. 4. Material.
A. Siebaberglaube ohne lustrativ-apotropä-
ischen Hintergrund:
5. Wasser im Sieb tragen im Jenseitsglauben.
6. Wassertragen als Gottesurteil. 7. Wasser¬
tragen im Märchen. 8. Wassertragen der
Pythonissa. 9. Regenzauber. 10. S. im Grab.
B. Das S. in Reinigungsriten und als
Apotropaion:
11. Samen durch S. seien. 12. Kultfeuer im S.
13. Reinigungskreis und Bannkreis. 14. Durch
ein S. sehen. 15. S. als Apotropaion.
C. Das S. zusammen mit der Getreide¬
schwinge als Fruchtbarkeitsbehälter
und -Überträger:
a) Hochzeitsriten:
16. S. bei den xaxayuaixata. 17. Ringe im S.
18. Kerze im S. u. anderes. 19. S. und Jung¬
fräulichkeit.
b) Kind und Korn:
20. S. als Wiege. 21. Mehl 3- und 7-mal sieben.
D. S. im Zauber allgemein und als
Werkzeug und Attribut der Hexen,
Dämonen und Zauberer:
22. Die „Siebfrau“ und ähnliches. 23. Hexen
fahren auf S. 24. S. Verwandlungsform des
Alp. 25. S. im Gegenzauber. 26. S. im Zauber
allgemein. 27. Sieborakel. 28. Siebdrehen.
29. S. im Heilzauber. 30. S. beim Viehbe¬
sprechen. 31. S. im Analogiezauber an bestimm¬
ten Jahrestagen.
1. Über das S. als altes Kultur¬
gerät der Getreidebauem: Ebert 4 ), Kroll 2 ),
Hug 3 ), Hoops 4 ) und Grimm 5 ), ferner
Schräder 6 ). Für den alten und eigen¬
tümlichen Gebrauch des S.s in Kult und
Aberglaube ist zunächst festzuhalten,
daß sowohl dem griechischen xoaxtvov 7 )
wie dem lat. cribrum 8 ), wie dem deut¬
schen S. 9 ) die Grundbedeutung „scheiden,
trennen“ innewohnt. Mit Recht geht
Fehrle 10 ) in seiner kleinen Monographie
über das S. von dieser Grundbedeutung
aus, und auch Gunning 11 ) und Bloom-
field 12 ) stellen die lustrative Be¬
deutung an die Spitze; was im S.
1663
Sieb
1664
zurückbleibt, ist rein, so wird das S.
zum Apotropaion und Alexikakon;
diese scheidende und reinigende Eigen¬
schaft des S.s macht es für kultliche
Lustrationszeremonien 13 ) sehr geeignet;
in dieselbe Sphäre gehören die Über¬
tragungen der Tätigkeit des Siebens auf
das moralische Gebiet: ,,deswegen ihr
lieben Eltern gebt ein S. ab, und tut
euere guten Kinder von den bösen Ge¬
sellen absönderen“ (Abraham a St.
Clara) 14 ). Die meisten dieser BÜder
gehen wohl auf Lukas zurück 15 ): ’Ioou
6 aatavac £;TQrqaaio 6pac, tou aiviocsat ok
täv atiov (ut cribraret: Vulgata).
J ) Reallex. 12, 74 — 84. 2 ) Pauly-Wissowa
25. Halbb., 538—41*; vgl. Blümner Die römi¬
schen Privataltertümer München 19x1, 158.
3 ) Pauly-Wissowa 22. Halbb., 1483 ff.
4 ) Reallex. 4, 171 ff. b )DWb. 19, 1, 774 g.; vgl.
745 ff.; das Haars, erfanden die Gallier, Haupt¬
stelle bei Plinius 18, 108: cribrorum genera
Galliae saetis equorum invenere, Hispaniae lino
excussoria et pollinaria, Ägyptus papyro atque
iunco (aus Binsen). 6 ) Reallex. 764. 7 ) Hug
1 . c.; Pauly-Wissowa 22. Halbb., i486;
Boisacq dictionaire dt. de la langue grecque
500; Prellwitz Etymol. Wb. 2 239. 8 ) Walde
Etymol. Wb. 2 154 (cerno). 177; Thurneysen
im Thesaurus linguae lat. 4, 1189. # ) Grimm
DWb. 10,1, 773 ff. 745: das sichten sie mit dem
S., damit es rein Getreide werde; vgj. Kluge
Et. Wb. 426; Paul Deutsches Wb. 486. 10 ) ARw.
19» 547—5X; dazu ergänzend 1. c. 21, 235 —
38. n ) Pauly-Wissowa 22. Halbb., i486. 12 )
The sacred book of the east 42, 473: the siew is
allways the tangible expression of passing throug
and out. 13 ) So in Eleusis: Gruppe Grie¬
chische Mythologie und Religionsgeschichte 1
(1906), 56. 14 ) bei Grimm DWb. 1 . c. 775.
15 ) 22, 31; vgl. Schweiz. Id. 6, 1728.
2. Das S., in dem man Korn und Mehl
sichtet und reinigt, in dem also Frucht-
barkeits- und Kraftbringer Zurück¬
bleiben, wird für die ackerbautreibenden
Völker auch zum Fruchtbarkeitsträger
und Überträger rein empirisch (für den
vitalistischen Menschen); für eine Stufe,
die im Getreidewachstum das Wirken
der Fruchtbarkeitsdämonen- und Geister
sah, mag Gruppe recht deuten: „man
meinte, im Korns, blieben Fruchtbarkeits¬
geister zurück, mit denen man Menschen
erfüllen könne'* 16 ). Beide Vorstellungen,
die vom reinigenden Apotropaion und
vom Fruchtbarkeitsträger, lagern in be¬
stimmten Gebräuchen über einander, so
wenn man, wie Eitrem 17 ) erwähnt, im
neugriechischen Hause das S. als Symbol
des häuslichen Glücks und Segens auf¬
hängt; man möge bedenken, daß die
Bäuerin, die selbst das Mehl siebt, mit
diesem Hausgerät gerade so verwachsen
ist, wie mit dem Backtrog, der ja auch
als Fruchtbarkeitsbehälter eine Rolle
spielt. Man braucht also nicht mit
Fehrle 18 ) nur eine Wurzel des S.kultes.
annehmen, das Alexikakon. Wo der
apotropäisch-lustrative Charakter ganz
klar ist, wird im folgenden mit ap. kurz
darauf hingewiesen werden. Für die
Verwendung des S.s im Zauber des
S.drehens spielt, wie wir sehen werden,.
noch eine andere Vorstellung herein „
die mit den beiden angeführten Wurzeln
des S.kultes keine Berührung hat.
16 ) Gruppe Mythologie 2 (1906), 1424.
17 ) Eitrem Opferritus 307. 18 ) 1 . c. 549.
3. Viele S.bräuche tangieren die Sphäre
der Lustration in keiner Weise, knüpfen,
auch nicht an einen Fruchtbarkeitszauber
an; hier spielt wohl das S. als Zauber¬
medium katexochen oder das Seltsam-
Eigenartige des durchlöcherten Bodens
eine Rolle und die Veränderung des Bildes
der Außenwelt, wenn man diese durch
diese Löcher anschaut: In Niederländisch-
Indien glaubt man, daß ein Kind, das
durch ein S. schaut, soviel Eitergeschwüre
bekommt, als das S. Löcher hat 19 ). In
der Bukovina sagt man, es sei nicht gut,,
wenn ein Kind durch ein S. oder Reuter
schaue, denn dann würde es schielen 20 ).
Zu vergleichen ist der schwedische Aber¬
glaube bei den Bauern: Wenn eine
Schwangere durch ein Loch in der Mauer
oder durch die Türspalte schaut, wird
das Kind schielen 21 ). Ähnlich warnt
der St. Florianer Papierkodex: Item in
den unternachten trait man nicht reitter
über den hof, das das viech nicht da
durich lueg, das es nicht werd schiech
noch hin scherff 22 ). Aber e contrario
empfiehlt man in Wulkow gegen Gersten¬
körner: Siehe dreimal durch ein S. in die
untergehende Sonne, ohne zu lachen und
sprich dabei leise: Im Namen des Vaters
usw. 23 ). Bei den Wotjaken heißt es:
1665 Sieb XÖ66
Auf deinen Kopf leg kein Reuters., Du
wächst nicht 24 ).
lö ) Frazer 1, 1, 157. 20 ) ZföYk. 1897, 21 Nr.
131. 2] ) Seligmann Blich 1, 185. 22 ) Grimm
Mythologie 3, 418 Nr. 35. 23 ) ZfVk. 7, 164
Nr. 8. 24 ) Urquell 4 (1893), 159 Nr. 142.
4. Zur Deutung des deutschen Mate¬
rials müssen auch die antiken Belege
herangezogen werden, da die meisten
heutigen Gebräuche schon in der Antike
vorgebildet sind; nicht zu übergehen
sind die Parallelen der heutigen Völker
mit primitiver Eigenwirtschaft, vor allem
der Inder, für die das S. ein ,,powerful
fetish“ 25 ) ist, wie im deutschen Aber¬
glauben ,,ein heiliges Gerät, dem man
Wunderkraft beilegte“ 26 ).
25 ) W. Crooke Northern India (Allahabad
1894) 85. 99. 307. 347; vgl. M. Bloomfield in
Sacred books of the east 42, 248. 473. 519;
ZfVk. 12, 112 ff.; Zachariae KISchr. 244.
26 ) Grimm Myth. 2, 1004; vgl. 931.
A. S.aberglauben und -Bräuche,
bei denen die lustrativ-apotropä-
ische Grundanschauung keine
Rolle spielt:
5. Wasser im Sieb tragen: Das
Wasserschöpfen der Danaiden gehört zum
Topos der Adynata 27 ), wie schon Rohde
in einem Exkurs ausgeführt 2Ö ) hat. Da
sie das Ziel des Lebens, die Ehe, nicht
erreicht haben, müssen sie Wasser in ein
Faß ohne Boden tragen. Auch im deut¬
schen Volksglauben müssen Ehelose im
Jenseits Sand oder Wasser in Körben
mit Löchern tragen oder sonst unnütze
Arbeiten verrichten 29 ). Später kommt
in Anlehnung an das Sprichwort 30 ) xoa-
xtvtp Comp TTSpupEpsts, die Version auf,
daß die Danaiden Wasser in S.en tragen
müssen. In Patschkau, im Kreis Neiße,
erzählt man sich, daß die alten Jungfern
nach dem Tode den Turm von Patschkau
abwaschen und die Junggesellen das
Wasser dazu in S.en herbeitragen müs¬
müssen 31 ) (s. 1, 334h.).
Abgeschwächt erscheint diese Version
in der Sage von den weißen Jungfrauen zu
Hachen an der Röhr: diese müssen nachts
zwölf bis eins Wasser schöpfen 32 ). Nach
Sommer bekommt eine verstorbene Frau
die Auflage, einen Teich mit dem S. aus¬
zuschöpfen 33 ): Nach einer mündlichen
Bachtold-Stäubli, Aberglaube VII
Überlieferung aus Mansfeld besuchte die
verstorbene Frau des Amtmanns zu
Helbra aus Liebe zu ihren Kindern immer
das Schloß, bis der Amtmann die Ver¬
storbene durch einen Jesuiten bannen
ließ; dieser hieß die Leiche in das Pfarr-
holz bringen, bei dem ein Teich war; aus
diesem Teich mußte die Frau das Wasser
schöpfen; als sie diese Aufgabe erfüllt
hatte, erschien sie aufs neue auf dem Hof;
da bannte sie der Jesuit über die Grenze.
Frau Holle trägt zwischen zwölf und eins
Wasser in einem Faß ohne Boden 34 );
sie ist eine schwarze Frau mit zwei Eimern
ohne Boden 35 ).
27 ) Lukian Demonax 28 (386); Plato Rep. p.
363 D; Schweiz.Id.6, 1726: mit einer Reiter Wasser
schöpfen. 28 ) Psyche 1, 326 ff.; Glotz l'ordalie
dans la Grbce primitive 98; Fehrle 1 . c. 550 ff.;
Kuhn Herabkunft des Feuers ; vgl. die Deutung
bei Kuhn Westfalen i, 203 ff.; Gesemann
Regenzauber 13. 29 ) SAVk. 1, 139 ff.; Fehrle
1 . c. 551. 30 ) Suidas s. v. xoaxtvr^ov (Gaisford-
Bernardy 2,352): xoaxivr^oov. 8fx7jv xoaxtWj. xo-
axt'vu) uoujp ccEpttv er! ttuv «ouvaxiuv; vgl. Plau-
tus Pseudolus 102: Non pluris refert, quam
si imbrem in cribrum legas; vgl. Philologus
N. F. 31, 160 A. 27; über ähnliche Bilder in
der mhd. Lit.: Grimm DWb. 10, 1, 776; vgl.
Eyring copia proverbiorum 2, 445 bei Bolte-
Polfvka 3, 477 A. 1. 31 ) Kühnau Sagen 3, 47
Nr. 1401 b. 32 ) Kuhn Westfalen i, 203 Nr. 228.
33 ) Sommer Sagen 13 ff. Nr. 10. 34 ) Pröhle
Oberharzsagen 155; Kuhn 1 . c. 35 ) L. c. 135.
6 . Als Adynaton finden wir diese Hand¬
lung auch im Gottesurteil 36 ) u. a.
neben der Feuerprobe. Nach einem Ge¬
dicht des Valerius Maximus 37 ) und einer
kurzen Notiz des Plinius 38 ) wurde die
Vestalin Tuccia angeklagt, mit einem
Manne verkehrt zu haben; um ihre Un¬
schuld vor der Göttin Vesta zu beweisen,
holt sie in einem S. Wasser. Wald-
schmid 39 ) vermutet auf Grund von Au¬
gustinus 40 ), daß der Teufel die Löcher
des S.s verstopft habe. Die indische
Mariatale trägt, solange ihre Gedanken
noch rein sind, das zu einer Kugel geballte
Wasser ohne Gefäß 41 ). Goethe ver¬
wendet in seinem Gedicht Paria (Legende)
das Motiv. Nach einer Schweizer Er¬
zählung mußte ein Knabe im Kloster
Wasser in einem S. tragen; weil er un¬
schuldig war, ging kein Tropfen ver¬
loren 42 ). Nach indischem Glauben können
53
1667
Sieb
1668
die reinen Jungfrauen Wasser in einem
S. tragen 43 ).
38 ) Gruppe 1 . c. 37 ) Memorabilia 8 , t, 5:
Arripuit cribrum; tum Vestae cernua dixit:
Diva! Meae testis virginitatis ades!
Si, dea Vesta, tuas manus haec non polluit
aras.
Hoc cribro Tiberim sub tua tecta ferat.
Vgl. Blümner Die Römischen Privataltertümer
158 A. 12; Gruppe 1 . c. 2, 877 A. 11;
Grimm Mythol. 2, 931. 88 ) Nat. Hist . 18,
12: exstat Tucciae Vestalis incesti deprecatio,
qua usa aqua in cribro tulit anno urbis
609; vgl. Augustinus de civitate dei 10, 16;
Bachofen Gr aber Symbolik 395 (!). 39 ) M.
J. Praetorius de coscinomantia oder vom
Sieblauffe diatribe curiosa . Curiae Varisco-
rum 1677, D2-D3; vgl. Tharsander 2, 339.
40 ) De civitate dei 10, 16 (= 1, 379, 5 h. Dom¬
bart); 22,11 ( = 2, 513, 16 ff. D.). 41 ) Sonnerat
Reise nach Ostindien (1786) i, 205; Bolte-
Polivka 3, 477; Simrock Mythologie 379.
‘■ 2 ) Bolte-Poiivka 1 . c. 476 ff. 43 ) Grimm
RA. 2, 598.
7. Im Märchen gibt die Stiefmutter
der Stieftochter den Auftrag als Ady-
naton, Wasser im S. zu holen, so
in einer norwegischen und irischen
Variation des Märchens vom Frosch¬
könig 44 ) ; in einer schwedischen Erzählung
aus Upland und Ostgotland haben wir
dasselbe Motiv 45 ); ebenso soll in einer
italienischen Variation der Frau Holle
die gute Tochter ein S. bei den Feen
leihen 46 ). Nach einer Sage aus Folgareit
bekam Frau Berta von einer alten Frau
die Aufgabe, in zwei S.en Wasser zu
holen 47 ). In einer französischen Erzäh¬
lung von Ille-et-Vilaine verlangt der
Teufel von denen, die ihm dienen wollen,
daß sie Wasser in ein S. schöpfen 48 ).
In einem nordischen Märchen befiehlt
die Hexe dem Mädchen, Wasser im S.
zu holen 49 ).
44 ) Bolte-Poiivka 1, 5. 45 ) Mannhardt
German. Mythen 431. 46 )L. c. 215. 47 ) Schnel¬
ler Wälschtirol 200, 1, vgl. 202, 1. 48 ) Sebillot
s. v. crible. 49 ) Grimm Mythol. 2, 931.
8. Eine eigentümliche Deutung gibt
Langer 50 ) einer polnischen Episode aus
dem Feldzug Konrads von Masovien
gegen Wlodislaw (1209) nach demChroni-
kon montis sereni: Wlodislaw wird von
Konrad belagert, bietet diesem eine Zu¬
sammenkunft an, plant aber für den
Abend vor der Zusammenkunft einen
verräterischen Überfall. Ein Ritter rät
davon ab; an seine Treue gemahnt, sagt
er: Ich werde in den Kampf ziehen; aber
ich weiß, daß ich mein Vaterland nicht
mehr sehen werde. „Habebat autem
ducem belli pythonissam quandam, quae
de flumine cribro haustam nec fiuentem,
ut ferebatur, ducens aquam exercitum
praecedebat, et hoc signo eis victoriam
permittebat" 51 ). In der Schlacht aber
fielen die pythonissa und der warnende
Ritter. Nach Langer sind die hinter
dem S. Schreitenden, die Gesiebten, die
Auserwählten, die von Gott Ausersehenen;
Fehrle deutet wohl richtig, daß die pytho¬
nissa durch die Ausführung des Ady-
naton die göttliche Sendung dokumen¬
tieren wollte 52 ).
50 ) Intellektualmythologie 117. 51 ) Bei Grimm
Mythol. 2, 930 ff. 52 ) 1 . c. 550.
9. Wenn Roscher 53 ), Kuhn 54 ) und
Gesemann 55 ) die Danaidensage als ur¬
sprünglichen Regenzauber deuten, so
machen die oben angeführten Parallelen
diese Erklärung höchst unwahrscheinlich.
Die Belege, welche das S. im Regenzauber
vorführen, haben ein anderes Gepräge:
In der finnischen Kalevala sendet die
Göttin Uutar den Dunst in Sieben vom
Himmel 56 ). Die Wolke ist ein wasser¬
durchlässiges S., und auch die Wetter¬
hexen haben das S. als Attribut und
Medium 57 ). Kuhn führt die Redensart
an, die bei feinem Regen üblich ist: Das
Wasser kommt wie gesiebt herunter 58 ).
Platen gebraucht ein ähnliches Bild in
seinem peruanischen Lied 59 ):
Du himmlische Jungfrau, du,
Du tränkst das dürre Peru,
Du labst mit dem ehernen Krug in der Hand
Das lechzende Land.
Bei einer Regenprozession der Zuni-
Clowns 60 ) in Neumexiko und bei der¬
selben Zeremonie in der alten Mokian-
siedelung Awatobi in Arizona 61 ) (siehe
nackt) schütten Weiber Wasser in Krügen
vom Dach herunter auf die nackten
Männer. Die Pueblo führen einen Kult¬
tanz auf, bei dem der Regengott einen
netzartig überzogenen Ring in der Hand
hält mit einem Loch in der Mitte; dieser
wird Wassersieb genannt, weil die Gott¬
f
Sieb
heiten durch solche S.e den Regen auf
die Erde senden 62 ). Oldenberg erzählt
von einer indischen Sitte, daß Mädchen
bei einem Regenzauber gefüllte Wasser¬
krüge in ein Feuer gießen 63 ). Um Regen
zu bekommen, fangen die Bauersfrauen
einer Bauemkaste, der Kapu in Madra,
einen Frosch und binden ihn lebend in
ein Bambuss. (eig. Wanne); in die Wanne
legen sie einige Margosablätter und ziehen
singend von Haus zu Haus: Frau Frosch
muß ihr Bad haben! Gott, gib ein bißchen
Wasser für sie; währenddessen gießen
die Männer Wasser in das S. über den
Frosch 64 ). Im Jahre 1868 wollten Bauern
im Tarashchansk-Distrikt Regen machen,
indem sie einen Toten ausgruben und
diesen um Regen anflehten; dabei ließ
man Wasser durch ein S. auf den Toten
laufen 65 ). Bei den Ainos schüttet man
Wasser durch ein S., um Regen zu er¬
zeugen 66 ). Nach Diodor kannten die
Ägypter eine Zeremonie, bei der die
Priester eines Heiligtums in Akanthus
bei Memphis täglich Nilwasser in ein
Faß ohne Boden schöpfen mußten 67 ).
Zu vergleichen ist eine Legende bei Suidas,
die daraus entstanden ist 68 ).
53 ) Mythologie 2, 831. 54 ) Herabkunft 154.
55 ) Regenzauber 13. 56 ) Cast re n Finnische
Mythologie (Schiefner) 68. 98; Kuhn West¬
falen 1, 18 Nr. 22 A.; 203 Nr. 228 A. 57 ) E. H.
Meyer Germanische Mythologie 90. 58 ) Ur¬
sprung der Mythologie 8; Simrock Mythologie
379. 59 ) Kuhn 1 . c. 204 Nr. 228 A. 60 ) Journal
of Americ. Ethnol. and Archaeolog. 1, 18; ange¬
führt von Preuß in Archiv für Anthrop. NF.
1, 131 ff. mit Bild. 61 ) Preuß 1 . c. 129 ff. mit
Bild. 62 ) ARw. 9, 131 ; Gesemann l.c.A. 63 ) Die
Religion des Veda 445; vgl. 603 A. 4: Seien des
Somas. 64 ) Frazer 1, 1, 294. 65 ) Frazer 1, 1,
285. 6ß ) 1 . c. 251. 67 ) Diodor i, 97: t:i' 0 ov
sFvat T£TpT}uevov eic ov tq>v e£Vjxovta x«i
i;axo3tO’j; xxft’exacSTTjv T;jX£pav Gouip e®£pov i x
tou NeiXo’j ; Bachofen 1 . c. 60 ff. 6S ) Gruppe
831 A. 6; Suidas Kavtono;; Rufinus Kirchen¬
geschichte 2, 26 (534 Mi).
10. Die Sitte, den Unverheirateten
ein S. mit ins Grab zu geben, um sie damit
als aicXsic zu kennzeichnen (vgl. § 5),
ist antik und sonst nicht belegt 69 ).
69 ) Mitteil. d. archaeol. Inst. Rom. Abt. 25,
274 ff.; Fehrle 1 . c. 551.
B. Das S. in Reinigungsriten und
als Apotropaion:
11. Durchseien des Samens: Wie
man in Ostpreußen die Erbsen, bevor
man sie sät, durch eine Radnabe rinnen
läßt, damit sie nicht vom Mehltau be¬
fallen werden 70 ), so muß man nach den
Geoponica, um die Saat gegen Hagel und
Rost zu schützen, den Samen durch ein
S. aus Seehundsfell passieren lassen 71 ).
Nach einer andern Stelle soll man den
Samen durch ein S. aus Wolf£feil mit
30 72 ) Löchern rinnen lassen (hier sind
die Apotropaia gehäuft) 73 ).
70 ) Toppen Masuren 93; W. 655. 71 ) Geo¬
ponica 5, 33, 7; zitiert bei Ries in Pauly-
Wissowa 1, 79; Fehrle Geoponica ijff. 72 ) Über
die Zahl der Löcher: Selig mann 1, 275.
73 ) Geoponica 2, 19, 5.
12. Kultfeuer im S.: Die uralte Zere¬
monie des Feuerreibens ist noch in Rom
erhalten beim Entfachen des heiligen
Vestafeuers: Mos erat tabulam felicis
materiae tamdiu terebrare, quousque ex-
ceptum ignem cribro aeneo virgo in aedem
ferret 74 ).
74 ) Gruppe 1 . c. 2, 726 A. 1 ; Thesaurus 1, 1, 4,
1189; Festus ep. 106; Fehrle im ARw. 19, 548
A. 4; Wissowa Religion 160; Pauly-Wissowa
22. Halbb,, i486.
13. S. im Reinigungs- und Bann¬
kreis: Wer die Hexen sehen will, muß
nach einer Mitteilung aus Testorf das
Dorf mit einer Erbegge und einem Erbs.
umziehen, sich dann das S. auf den Kopf
stülpen und sich hinter die auf den Weg
gestellte Egge setzen 75 ). Nach den
Akten der medizinischen Fakultät in
Rostock zogen zwei Bewohner eines
Dorfes mit einer Kette einen Kreis um
das Dorf, um ein Ehepaar der Hexerei zu
überführen; beim Verhör geben sie an:
,,sie hätten gehört, daß die Dragoner auch
also mit einem seidenen Faden und S.e
umb S. gezogen** 76 ). ,,Wird Hab und
Gute gestohlen, so gieße man Wasser
durch eine Reiter, kugle sie um das Haus,
und der Dieb muß das Gestohlene zurück¬
bringen** 77 ). Ist das Einsäen des Samens
fertig, so wird zum Schluß in Schönebeck
(Kreis Saatzig in Pommern) noch einmal
um das beeggte Land ein S. herumgezogen;
dies nennt man den Deifsegen 78 ). Wenn
einen Kranken die weißen Leute quälen,
wird in Polen Freitags ein Lager von
Erbsenstroh gemacht, der Laken ge-
53 *
1671
Sieb
1672
spreitet und der Kranke darauf gelegt.
Dann trägt einer ein S. mit Asche auf
dem Rücken, geht um den Kranken
herum und läßt die Asche auslaufen,
so daß das ganze Lager davon umstreut
wird. Frühmorgens zählt man alle Striche
auf der Asche, und stillschweigend, ohne
unterwegs zu grüßen, hinterbringt sie
einer der klugen Frau, die nun Mittel
verschreibt 79 ).
75 ) Bartsch Mecklenburg 2, 266 Nr. 1384(1;
vgl. Seligmann Blick 1, 175. 76 )Bartsch 2, 35
Nr. 13. 77 ) ZfVk. 7, 188. 78 ) BlpommVk. 3, 90.
79 ) Grimm Mythol. 2, 975.
14. Durch ein S. sehen (vgl. durch
Löcher sehen) 80 ): In Wulkow soll man
gegen Gerstenkörner dreimal durch ein S.
in die untergehende Sonne schauen, ohne
zu lachen und dabei sagen: Im Namen...
(vgl. A. 23). Wer eine Blatter im Auge
hat, soll in Böhmen durch einen Seiher
in die Sonne schauen 81 ), in Bayern durch
ein Astloch 82 ). Wer den Nachtnebel hat,
den man beim Schauen in die unter¬
gehende Sonne oder den Vollmond be¬
kommt, soll durch ein S. auf Schafe
schauen, wenn der Schäfer diese früh
aus dem Schafstall treibt 83 ). In Fausts
Hexenküche läßt der Kater die Kätzin
durch das S. sehen, um einen Dieb zu
erkennen 84 ):
Sieh durch das Sieb,
Erkennst du den Dieb
Und darfst ihn nicht nennen.
Diese Verwendung zum Erkennen eines
Diebes ist ohne Parallele (vgl. Siebdrehen).
80 ) Seligmann 1, 175 ff. 327. 275. 81 )
Grohmann 174 Nr. 1237; W. 525. 82 ) W.
5 2 5 - 359 - 83 ) Grohmann 174 Nr. 1232; W.
524. 84 ) Vgl. Fehrle 1 . c. 550; Urquell 4, 199.
15. Das S. als Apotropaion: In
Bulgarien geht bei drohendem Gewitter
eine alte Frau nackt (siehe dies) mit einer
brennenden Kerze 85 ), roten Eiern und
einem S. den Wolken entgegen; sie ver¬
wünscht das Unwetter in den wüsten
Wald 86 ). Nach Eitrem 87 ) vertreibt ein
aufgehängtes S. bei den Neugriechen die
Kalikantzaren 88 ).
85 ) ZfVk. 12, 113 A. 1. 86 ) Klio 12, 356;
Fehrle I. c. 87 ) Eitrem I. c. 307. 88 ) Joh.
Bodinus De magorum Daemonomania (Frank¬
furt 1603) 335.
C. Das S. zusammen mit der Ge¬
treideschwinge (Xixvov) als Frucht¬
barkeitsbehälter und -Überträger:
Beim Reiserntefest in Java wird das
„Brautpaar" (zwei Reisarten) in ein S.
gelegt 88a ).
88») Frazer 7, 200.
a) Hochzeitsgebräuche:
16. Bei allen getreidepflanzenden Völ¬
kern spielen die xaTct^foptaxa in den
Hochzeitsriten eine große Rolle, indem
man Getreide, Reis, Hirse usw. über die
Braut ausgießt oder durch die Braut
ausgießen läßt; darüber ausführlich Sam-
ter 89 ) und Mannhardt ö0 ), ebenso Pi-
prek 91 ), Frazer 92 ), Reinsberg-Dürings-
feld 93 ), Gruppe 94 ). Meist ist das Gefäß
bei diesem Fruchtbarkeitszauber eine
Getreideschwinge, eine Reiter oder ein S.:
In Bihar wandeln Braut und Bräutigam
fünfmal um das Opferfeuer; sie tragen
dabei ein S.; die Braut hält das S. vor
sich hin; der Bräutigam folgt und streckt
die Arme so vor, daß er auch das S. hält;
der Bruder der Braut füllt das S. mit
gerösteten Körnern, die der Bräutigam
ausstreut 95 ). In ganz Oberindien begleitet
der Bruder der Braut bei der Rückkehr
nach dem Brauthaus das Paar und streut
aus einem S. geröstete Körner auf den
Boden als Zauber für Glück und Frucht¬
barkeit 96 ). Nach Krauß reicht in der
Herzegowina die Schwiegermutter im
Hause des Gatten der jungen Frau eine
Getreidereiter voll Frucht; die Braut
streut die Frucht aus und wirft die Reiter
hinter sich über den Kopf 97 ). Ähnlich
werfen die Mädchen bei dem bekannten
Regenzauber am Schluß ein S. hoch aus
dem Hause 98 ). In Dalmatien wirft die
Braut die mit Äpfeln gefüllte Reiter samt
den Äpfeln über das Haus "). Bei den
Serben wirft die Braut einige Hände voll
Getreide aus einem S. und wirft es hinter
sich 10 °), bei den Slovenen in Krain dient
ein Korb' als Behälter für das Getreide 101 ).
Petrowitsch beschreibt eine andere Sitte:
Am Schluß der Zeremonie des über-
schüttens wirft die Braut das S. auf das
Dach; die Gäste fangen das S. auf und
zerreißen es 102 ). In der Morlachei wird
ein Kind zu der Braut aufs Pferd gehoben;
es reicht ihr ein S. mit Mandeln, Nüssen,
Feigen, die sie zum Zeichen, sie habe jetzt
1673
Sieb
1674
an andere Dinge zu denken als ans
Naschen, geringschätzig unter die Kinder
wirft 103 ) (die Begründung ist hier sekun¬
där). In Nordschottland hielt die Schwie¬
germutter an der Schwelle des Hauses
ein S. mit Brot und Käse über das Haupt
der Braut; Brot und Käse wurden unter
die Gäste verteilt und unter die Menge
gestreut 104 ). Suidas 105 ) überliefert eine
gute Parallele: Ein in Athen üblicher
Hochzeitsbrauch bestand darin, daß ein
Knabe, dessen beide Eltern noch lebten,
auf dem Kopf einen Kranz von Akanthus-
blättern und Eicheln hatte und eine mit
Broten gefüllte Getreideschwinge (kixvov)
trug und die Formel sprach: xaxov,
tupov apstvov (Übergang des Frucht-
barkeitszaubers in das Apotropaion);
diesen Spruch sagte auch der Myste nach
der Weihe 106 ). Aus demselben Kreis
bringt Dieterich eine Parallele zum Aus¬
schütten der Früchte bei der Hochzeit :
Auf dem Relief einer römischen Aschenurne
ist die Weihe dargestellt; eine Frau
schüttet ein Xixvov mit Körnern über den
Mysten 107 ).
8B ) Familienfeste 4. 24. 99 ff. 90 ) Forschungen
357 ff. 366 ff. 91 ) Piprek 43. 187. 92 ) 7, 6 ff.
93 ) Hochzeitsbuch (so im folgenden zitiert) 66 ff.
w ) 1 . c. 2, 1424. ö5 ) M. Winternitz Das alt¬
indische Hochzeitsrituell 61 ff.; G. A. Grior-
son Bihor Peasent Life Calcutta 1885 § 1332;
Krauß Sitte u. Brauch 399. 430. 444. ® 8 )
Crooke 1 . c. 307. 97 ) Krauß Sitte 430.
399. 444; Samter 1 . c. 4 A. 3. 98 ) Regen¬
zauber 13A. M ) Krauß 1 . c. 430; Hochzeitsbuch
77; Samter 1 . c. 24. 10 °) Hochzeitsbuch 66.
101 ) 1 . c. 88. 102 ) Ausland 1876, 630; Mann¬
hardt 1 . c. 357. 103 ) Hochzeitsbuch 78 ff. 187.
1M ) Mannhardt 1 . c. 360 ff. 106 ) s. v. f vgl.
Mannhardt l.c. 371; Samter 1 . c. 100. 106 )
Demosthenes über den Kranz 259. 107 ) Rhein.
Mus. 48, 276; die Lit. bei Samter 1 . c. 98.
17. Damit ist eine andere Gruppe von
Gebräuchen zusammenzustellen. Bei den
Kroaten und Serben trägt die Braut ein
S. mit den Blumen, die dem Bräutigam
an dem Hut befestigt werden sollen 108 ).
Zu vergleichen ist auch eine sehr rare
Sitte in Weiningen (Kt. Zürich; durch
Mannhardt 109 ) auf gezeichnet und durch
Bächtolds Aufzeichnungen 11 °) ergänzt):
Am Polterabend wurde der Rest der
schönsten Ähren von ein paar Frauen
zu einem Fruchtkranz geflochten und der
Braut aufgesetzt; ein Büschel Ähren
bekam sie in die Hand; mittlerweile
hielten andere Frauen dem Bräutigam
eine Komritere vor; in diese warf er zu¬
erst Rappen, dann Schillinge, Batzen
und kleine Silbermünzen; wenn er reich
war, brachte man ihm dann eine Holz-
äpfelritere, in die er Gulden und Taler
werfen mußte. Das Geld kam in die
Weiberkasse, aus der das Weibermahl
bestritten wurde. In Rustschuk wird bei
der Verlobung ein S. gebracht; das be¬
deckt man mit einem Tuch und legt
Ohrringe und Ringe hinein; man dreht
das S. dreimal um, übergibt die Ohrringe
der Braut und den Ring dem Bräutigam.
Alle Beteiligten werfen in das S. eine
Münze; das Geld gibt der Vater der
Braut 111 ). In einem russischen Schwank
bedeckt man am Morgen nach der Braut¬
nacht die Eheleute mit einem weißen
Tuch, darauf legt man ein S. und in dieses
werfen die Gäste Geldgeschenke 112 ). Bei
den Serben müssen Braut und Bräutigam
die Ringe in dem mit Roggen gefüllten
S. suchen 113 ). In Zarnewenz im Fürsten¬
tum Ratzeburg und auf den umliegenden
Bauerndörfern geht die Braut einige Tage
vor der Hochzeit bei den Bauern mit
einem S. herum; von jedem Bauer erhält
sie Bettfedern in das S. mit. Mit diesen
Federn muß sie die Betten stopfen, damit
sie beim Gebrauch immer daran erinnert
wird, daß sie bitten und dem Mann ge¬
horchen muß; in einigen Dörfern wird
statt des S.es ein Spinnrad genommen;
entsprechend bestehen dann die Ge¬
schenke in andern Dingen 114 ).
los) Piprek 125. 109 ) 1. c. 360. no ) Zettel¬
kasten für Hochzeitsgebräuche; Schwld. 6,
1727; Schweiz. Familienzeitung 1878 Nr. 1
u. 2. m ) Z. f. vergl. Rechtsw. 29, 125.
312 ) Kryptadia 1, 204 Nr. 61. 113 ) Piprek
27. 114 ) Bartsch Mecklenburg 2, 59 Nr. 186b.
18. Bei den Bulgaren hält die Braut
in der Hand ein S. mit Kerzen und drei
brennenden Holzspänen; die Begleiter
des Bräutigams werden erst nach langen
Verhandlungen und nachdem sie Ge¬
schenke gegeben haben, zur Braut ge¬
lassen; dann folgt das Beschenken der
Braut 115 ).
In Kukus und Tatar Pazardzik emp-
1675
Sieb
Sieb
1678
fängt die Braut die Abgesandten des
Bräutigams, indem sie in den Händen
einen Reiter mit Leinsamen hält und einen
brennenden Tannen- oder Fichtenzweig.
Das Mädchen streut den Samen im Hof
aus, die Gäste werfen ihn über das Haus
hin 116 ). In Slavonien bekommt die Braut
beim Eintritt ins Haus eine Reiter voll
Weizen in die Hand. Sie reit er t ein wenig
und wirft den Weizen den Hühnern hin
zum Zeichen, daß sie eine gute Hausfrau
ist 117 ).
In Kukus (Bulgarien) findet der Bräu¬
tigam und sein Gefolge die Braut mit
ihrer Familie in einem Zimmer einge¬
schlossen; die Braut hält in einer Hand
ein S. mit Samenkörnern; in Liedern
werden die Burschen auf gef ordert, die
Braut zu kaufen 118 ).
115 ) Piprek 146. 116 ) Krauß 1 . c. 444.
117 ) 1 . c. 399 - U8 ) 1 . c. 145.
19. In Tripolitza werden die Brautleute
beim Eintritt in ihr Haus mit Blumen,
Früchten, Nüssen und Backwerk über¬
schüttet ; die Braut muß zum Beweis
ihrer Jungfräulichkeit in ein S. aus Fell
steigen und es durch treten 119 ). Im Gö-
morer Komitat bedeckt man ein neu¬
geborenes Mädchen mit einem S., damit
es keusch bleibe 120 ).
119 ) Wachsmuth Das alte Griechenland im
neuen, Bonn 1864, 97; Hochzeitsbuch 57; Doug¬
las An essay on certain points of resemblance
bttween the ancient and modern Greeks London
1813, 112; Mannhardt 1 . c. 364. 368. 12 °) Ho-
vorka-Kronfeld 2, 641.
b) Kind und Korn 121 ):
m ) Darüber Mannhardt 1 . c. 3666.;
Gruppe 1 . c. 1, 55 ff.; 2, 726. 1172.; Preller-
Robert Griechische Mythol. 764 A. 2;
J. Harrison in Journ. hell. stud. 1903» 3 22 ff-J
Dieterich Mutter Erde ioiff.; Kruse in
Pauly-Wissowa 25. Halbb., 537 ff.
20. Gebräuche, die über alle Zeiten und
getreidebauenden Völker sich erstrecken,
haben einen gemeinsamen Zug: Wie man
das Korn in der primitiven Getreide¬
schwinge 122 ) worfelte, so war es Brauch,
das Neugeborene in eine Getreideschwinge,
manchmal auch in ein Sieb zu legen und
zu schwingen (in Dänemark legt man
einen neugeborenen Knaben in einen
Säkorb, damit er ein guter Sämann
werde 123 )). Unwahrscheinlich dehnt
Scheftelowitz die Begründung des S.Zau¬
bers bei der Viehbesprechung (vgl. § 30)
auch auf die Sitte aus, das Kind in die
Schwinge oder das S. zu setzen: ,,Man
glaubte, daß der dämonische Stoff infolge
des Hin- und Herbewegens des Siebes
durch dasselbe fallen würde“ 124 ). Die Grie¬
chen nannten Dionysos Xtxvtx rfi 125 ); sie
dachten sich das kleine Kind in einem
Liknon liegend: Hesych.: XtxvixrjC ertde-
tov Aiovusou ob™ tcüv Xtxvuiv, sv 01* ra ?:ai-
8ta xoiuamat 126 ). Besonders die Or¬
phiker besangen ihren Gott als Lik-
nites 127 ). Im Liknon schlafen auch das
Hermeskind 128 ) und das Zeuskind 129 )
(vgl. Christus Xixvrnjc) 130 ). Allgemein
hatte die Wiege die Form des Liknon,
vgl. Hesych. oben und Servius 131 ):
Nonnulli Liberum patrem apud Grae-
cos XtxviTTjV dici asserunt; vannus
autem apud eos nuncupatur, ubi de
more positus esse dicitur, postquam
est utero matris editus. In Indien ist
das S. die erste Wiege des Kindes, und
wenn die Mutter ein Kind verloren hat,
legt sie das nächste in das S. und schleppt
es herum ,,calling it Kadheran or Gha-
sitan“ the dragged one ,,so as to baffle
the evil eye by a pretence of contempt“ 132 ).
Bei den Beduinen wird das an die Welt
kommende Kind in einem S. auf gefangen,
während die Frauen den Leib der Mutter
drücken 133 ).
Uber die Bedeutung der Sitte, das Kind
in das Liknon zu legen, äußert sich der
Scholiast zu Kallimachos 134 ): iv 7a p-
Xt'xvot; xats xotpiCov tä ßpscpvj ttXoüxov xal
xapitou» otojvtCojxevoi. Daß man das
Kind im Liknon schw r ang, zeigt ein
Terrakottarelief 135 ). Auch in den My¬
sterien spielt das Liknon für die raXi^e-
veaia eine Rolle 136 ). Isis sammelt die
Glieder ihres zerstückelten Gatten in
einem S. (Wiedergeburt) 137 ). Diesen
Geburtsritus im Kult und in den Myste¬
rien 138 ) kann man sich nur denken, wenn
man die Sitte, das Kind in die Getreide¬
schwinge oder das Getreides, zu legen,
sich als uralt und gemeinindogermanisch,
ja allgemein menschlich vor stellt. Paral¬
lelen beweisen das: In Oberägypten legt
man das Neugeborene ungewaschen in
ein Korns, und umgibt es mit Korn; am
Morgen des siebenten Tages nach der
Geburt setzt man das Kind auf ein S.
und trägt das Neugeborene umgeben von
Kerzenlichtern in Prozession der weib¬
lichen Besucher durch das Haus, während
die Wehmutter Weizen, Gerste, Erbsen
und Salz umherstreut, als Schutz gegen
Schadenzauber, zum Futter für die bösen
Geister. Man schüttelt und siebt das
Kind, damit es den Schrecken für das
Leben verlieren soll. Auch der Vater
veranstaltet mit seinen Freunden ein
Fest; das Kind wird im S. herein gebracht
und den Gästen gezeigt 139 ). In Indien
legt man das Neugeborene in ein S. mit
Reis und gibt den Reis der Amme 140 ).
In China setzt man das Kind am ersten
Geburtstag in ein Bambuss. und legt
allerlei Dinge hinein wie Früchte, Schmuck
usw.; aus dem Gegenstand, den das Kind
ergreift, weissagt man 141 ). In Monastir
saugt das Kind nach dem Weggang des
Priesters zum erstenmal; die Mutter,
über deren Haupt eine Frau in einem S.
ein Brot hält (vgl. oben A. 104), während
jene eine Flasche Wein in der Rechten
hält, die Symbole des Glückes, drückt
das Kind an die Brust und bringt einige
Tropfen Milch in seinen Mund 142 ). In
diesen Bräuchen scheint eine Vereinigung
von Reinigungs- und Fruchtbar¬
keitszeremonie vorzuliegen 143 ); eine
besondere Deutung gibt Gruppe 144 ).
122 ) Über das Liknon mit Lit. W. Kroll in
Pauly-Wissowa 1 . c. 536 ff. 123 ) Th iele Däne¬
marks Eolkesagen 3, 83. 3S4 ff.; Mannhardt
1 . c. 366. 124 ) J. Scheftelowitz Altpalästi -
nensxscher Bauernglaube 65. 125 ) Alles im Ar¬
tikel Liknites von Kruse 1 . c. 126 ) Hesych s. v.
327 ) Kruse 1 . c. 537. 128 ) Hymnus auf Hermes
v. 21. 150. 129 ) Kallimachus Hymnus auf
Zeus 1, 47. 130 ) Eisler Weltenmantcl und
Himmelszelt 1, 185 A. 4. 1S1 ) Servius zu
Vergil Georgica 1, 166. 132 ) Crooke 1 . c. 307.
133 ) Stern Türkei 2,306. 134 ) Schol. zu Kalli¬
machos Hymnen 1, 18. 135 ) Mannhardt
1 * c - 369 ff- 136 ) Kruse I. c. 338. 137 ) Gruppe
1 . c. 2, 1424; Frazer 6, 97. 138 ) Eisler 1 . c.
3, 210 A. 4. 139 ) Frazer 7, 7; Mannhardt
1 . c. 366 ff. ; Munzinger Bilder aus Ober¬
ägypten Stuttgart 1877, 181; Ausland 1871,
949 - 14 °) Frazer 7, 7. 141 ) 1 . c. 7, 6. 142 ) ZfVk.
4, 146; vgl. Stern Türkei 2, 319. 143 ) Mann¬
hardt 1 . c. 351 ff.; Dieterich 1 . c.; Harrison
1. c. 144 ) 1. c. 1424.
21. Reinigungs- und Fruchtbarkeits¬
zauber vereinigt sich auch in den Vor¬
schriften, das Mehl 3, 7 usw.-mal zu
sieben: In der Gegend von Ljeskovce
sieben die Mädchen, die den Hochzeits¬
fladen bereiten, das Mehl durch sieben S.e.
In einem der S.e befindet sich der Ring
des Bräutigams und einige Nüsse. Zwei
Knaben, der eine ein erstgeborenes Kind,
der andere ein Findling, halten das S.;
dabei singen die Mädchen S.lieder 145 ).
Der aus dem ausgesiebten Mehl gebackene
Honigkuchen wird über dem Haupt des
Bräutigams gebrochen (vgl. oben A. 104).
Der Tag, da man das Mehl siebt, heißt
der Siebetag 146 ). In der Gegend von
Struga und Kukus wird das Mehl zum
Hochzeitsfladen in drei Trögen und drei
S.en getrennt gesiebt; ein Kind, dessen
Vater und Mutter noch am Leben sind,
rührt den Teig mit Wasser und Salz
an 147 ). Bei den Südslaven backt man
nach dem Kindstaufmahl feierlich ein
großes Brezelbrot. Alle Anwesenden
müssen während des Mehlsiebens das S.
halten; nachdem der Teig geknetet ist,
steckt man Geldstücke hinein 148 ). Will
bei den Südslaven ein Mann ein Mädchen
liebest oll machen, so siebt er Mehl in
einem verkehrten S. und macht daraus
einen Kuchen (hier schon schwerer
Zauber) 149 ).
345 ) Krauß 1 . c. 439; Piprek 143. 146 ) Hoch¬
zeitsbuch 53. 147 ) Krauß 1 . c. 437 ff. 14S ) Ho-
vorka-Kronfeld 2, 645. 149 ) Anthropo-
phyteia 5, 245 Nr. 31.
D. Das S. im Zauber xax’e£o^v
und als Werkzeug und Attribut
der Dämonen und Hexen.
22. Die indische Gottheit der Krank¬
heiten Matangi Sakti trägt einen Besen
und eine Getreideschwinge, mit der sie
die Menschen siebt. Diese Schwinge ist
ein sehr mächtiger Fetisch I50 ). Bei den
Griechen gehört Kosko, die ,,Siebfrau“,
wie Karko, Mormo und Baubo 151 ) usw.
zu den Lamiae 152 ). Weiber mit S.en,
die Zauber treiben, bezeugt uns Apollonios
von Tyana 153 ): Weiber mit S.en besuchen
die Schafhirten und manchmal auch die
Rinder hirten, sie heilen die kranken
Jungtiere, wie sie sagen durch fiavxuoj;
1679
Sieb
Sieb
1682
1680
l68l
sie verlangen, daß man sie weise nennt,
und sogar weiser als die zunftmäßigen
jxavTsic. In einem von Wessely heraus¬
gegebenen Pariser Zauberpapyrus wird
die Kraft des Gebetes noch erhöht durch
den Zusatz Hekates: axsuoc rotXatov xocrxtvov
uou aupßoXov 154 ).
150 ) Crooke 1 . c. 85; Frazer 9, 145. 151 )
Rohde Psyche 2, 407 ff. 152 ) Vgl. Artikel
Kosko von Gunning in Pauly-Wissow a 22.
Halbb., 1484-1486, vgl. 1482. 153 ) Bei Phi-
lostratos 6, 11 (22 2, 28 Kaiser). 154 )
Wessely Griech Zauberpapyri Abh. der
Wiener Akad. 1888, 2303; Gunning l. c. 1485;
vgl. 1482; Fehrle 1 . c. 548.
23. Auch im germanischen Aberglauben
ist das S. das Zauberattribut der Hexen 155 ):
Das S. ist vor allem das Gerät der Wetter¬
hexen 156 ). In dem oben angeführten
Gutachten der medizinischen Fakultät
zu Rostock (1681) wird über den Ange¬
klagten ausgesagt: ,,Nach einer Stunde
sahen sie P. R. auf einer Schwinge, da
das Handgriff vorgewesen, reiten, die
Füße von der Erde, unter der Schwinge
waren Füße an der Erde“ 157 ). In Rheden
bei Diepholz waren zwei Walriderske
oder Hexen; die fuhren in einem S. von
Holland zurück nach Rheden 158 ). Nach
einer mündlichen Sage aus Barnoize
fand ein Waldhüter an einem Steg, der
durchs Korn führte, ein S.; als er es mit¬
nahm, lief ihm ein Frauenzimmer nach
und rief, indem sie ängstlich auf- und
niederlaufend etwas suchte: Wie weinen
meine Kinder in Engelland; wie weinen
meine Kinder in Engelland 159 ); da legte
der Mann das S. hin, und S. und Frau
waren verschwunden. Dieselbe Version
bei Bechstein 160 ). Auf Rügen flog einem
Schäfer aus einem Wirbelwind ein S.rand
zu; als er den Rand faßte, stand sofort ein
Mädchen neben ihm und klagte:
Min Sevenrand, min Sevenrand,
Wo röpt min Moder in Engelland!
Da reichte der Schäfer dem Mädchen den
S.rand; und sofort war es verschwun¬
den 161 ). Dieselbe Klage führt in Olden¬
burg ein Mar, der eine viehhütende Dirne
plagte; diese suchte zusammen mit dem
Bruder den Mar zu erwischen und be¬
kam nur einen S.rand zu fassen; als der
Bursche immer weiter zog, hörte er eine
Stimme 162 ):
Och Säwenrand, och Säwenrand,
Wanner kamt wi nach Engelland.
Die schlesischen Fenesmannel und -weibel
sollen auf Fässern und S.n wie die Hexen
nach Amerika und wie die Maren nach
England gefahren sein 163 ). Die erste
Hexe in Shakespeares Macbeth ist als
Ratte ohne Schwanz in einem S. nach
Aleppo geschwommen (1, 3) 164 ).
Nach einer Oldenburger Version kommt
eine Mare auf einem S. aus England übers
Meer gefahren, mit Kuhrippen oder
Schulterknochen rudernd 165 ).
15S ) Roscher 1 . c. 2, 831 A. 6; W.215; Sim-
rock Mythol. 378 ff. 15e ) E. H. Meyer Ger¬
manische Mythologie 90. 157 ) Bartsch Mecklen¬
burg 2, 35. 158 ) Kuhn Westfalen 1, 18 Nr. 22;
Simrock 1 . c. 475* 159 ) Kuhn-Schwartz
262 ff. Nr. 293; Mannhardt Germanische My¬
then 345: vgl. Kuhn Westfalen 1, 18. 160 ) Sagen
von Thüringen 1,133. 161 ) ZfdMyth. 2, 141 Nr. 5;
vgl. Ranke Volkssagen 5 ff.; E. H. Meyer
1 . c. 78. 123. 135. 175. 162 ) Müllenhoff Sagen 1
244 Nr. 333 = 2. Aufl. 260 Nr. 388; Mann¬
hardt Germ. Mythen 345- 163 ) Drechsler
Schlesien 2, 171. 164 ) Ackermann Shakespeare
63 165 ) \v. 402; vgl. E. H. Meyer 1 . c. 175;
ders. Mythologie der Germanen 167. 169.
24. Das S. ist die Verwandlungs¬
form des Alp und Werkzeug der
Hexen: Der Postillon Karl Maschke
fuhr einmal von Bütow nach Berent;
als er nach Abgabe der Postsachen ruhen
wollte, wurde er von einem Mar gestört;
auf der Rückfahrt morgens 4 Uhr lief
ein S.rand vor dem Wagen her; der
Postillon erkannte, daß es ein Mar war
und schlug mit der Peitsche auf den
S.rand los; da entlief der S.rand quer¬
feldein und rief: Lick mi im M... 166 ).
Als in Klein-Ellgut im Kreise Öls ein
Mädchen den Alp zum Kammerfenster
hereinkommen sah, packte sie ihn; los¬
gelassen wurde der Alp zu einem S.,
streckte sich und flog summend zum
Kammerloch hinaus 167 ). Als man zu
Ukerath einen Werwolf fangen wollte,
fand man drei Lichter am Wege stehen,
über welche ein Stoppeis. gelegt war;
da konnte man dem Werwolf nichts an¬
tun 168 ). Der Drac in der Languedoc
hat siebförmige Hände 169 ). Nach der
Tiroler Version erkennt man die Hexen
daran, daß sie in der Kirche Milchs. auf
dem Kopfe haben 17 °). Wenn man
während der Christmette mit einem Ei
unter jeder Achselhöhle die ersten drei
Schritte rückwärts in die Kirche geht,
und die Eier vor die Augen nimmt,
kann man die Hexen sehen, die einen
Schein auf dem Kopf wie ein Butters.
haben 171 ). Andererseits darf man in
Pommern das Milchs. wie die andern
Milchgefäße nicht anschauen, da sie
sonst mit dem bösen Blick bezaubert
werden könnten 172 ). Der Pfeifer Huisele
in Pens im Sarntal holte sich Wasser,
mit dem er zaubern wollte, aus dem
Durnholzer See; das Wasser holte er,
indem er auf einen Wagen, der mit zwei
schwarzen Katzen bespannt war, eine
Reiter legte; aus dem S.korb rann kein
Tropfen Wasser 173 ).
166 ) Knoop Hinterpommern 27 ff. Nr. 49.
167 ) Kühnau Sagen 3, 122 Nr. 1490. 188 ) Schell
Bergische Sagen 442 Nr. 44. 189 ) Liebrecht
Gervasius 135 A. 1; Schwartz Ursprung der
Mythologie 8; Simrock I. c. 379. 17 °) Heyl
Tirol 800 Nr. 244. 171 ) Bavaria 2a, 241. 172 ) Bl-
pommVk. 3, 150. 173 ) 1 . c. 287 Nr. 104.
25. S. im Gegenzauber: Um einen
von einem bösen Geiste Besessenen zu
heilen, schüttet der Ojha, der die Lokal¬
geister beherrscht, Gerstenkörner in ein
S. und schüttelt dieses, bis nur noch
einige Körner Zurückbleiben; dann bannt
er den Geist durch das Zählen der
Körner 174 ). In Dänemark verwendet
man gegen die Mar ein großes S. mit
der Vorstellung, daß die Mar, welche über
die heilige Zahl drei nicht hinauskommt,
erst die Löcher zählen muß, bevor sie
schaden kann 175 ).
Bei den Hindus treibt am Fest of
lamps, an dem die Seelen der Ahnen das
Haus besuchen, die älteste Frau die
Dämonen aus; sie nimmt ein Kornsieb
oder eine Kornwanne (beiden Dingen
schreibt man große Zauberkraft zu) und
schlägt damit in alle Winkel des Hauses,
indem sie ruft: Gott bleibt hier, die
Armut gehe fort. Das S. wird dann aus
dem Dorfe getragen, meist nach Norden
oder Osten; damit trägt man die Armut
fort 176 ). In Ostpreußen bannt man den
Alp mit einem Erbsieb 177 ). Wer nach
der schlesischen Version ein S. über
einen dreibeinigen Hasen (Hexe) deckt,
findet Kot darunter 178 ).
174 ) Crooke 99. 308. 347. 175 ) E. H. Meyer
Mythologie der Germanen 135; Crooke 1 . c.
307 ü.; Frazer 9, 145. 176 ) Scheftelowitz
1 . c. 66. 177 ) W. 419. 178 ) Drechsler Schlesien
2, 234 Nr. 610.
26. S. im Zauber allgemein 179 ):
Wlislocki berichtet von einem S.zauber
der Magyaren, ohne auf Näheres einzu¬
gehen 18 °). In Ertingen hatte ein Hexen¬
meister ein S., in das der Teufel Erde
hineinschöpfte; schwang der Hexen¬
meister das S., dann fielen Taler und
Münzen unten heraus; der Teufel holte
den Hexenmeister später während eines
Gewitters 181 ).
In Eschelkam in der Oberpfalz gab
ein Mädchen dem in die Feme ziehenden
Geliebten aus dem Milchsiebchen ein
Haar zum Andenken; als sie nach drei
Tagen von Sehnsucht ergriffen ward,
sah sie das Milchsiebchen zur Türe
hereinkommen und zum Fenster hinaus¬
fliegen ; dem Geliebten aber flog im fernen
Dorf das S. zu. Später gestand er, daß
er bei einer Hexe gewesen sei und das
Haar habe besprechen lassen, daß, wer
es getragen, ihm nachlaufen müsse 182 ).
In der Gegend von Arlon gibt ein Mädchen
einem Soldaten statt seiner Haare ein
paar Haare von einem Haars, zum An¬
denken; das S. läuft dem Soldaten
nach 18Sa ).
Nach einer Erzählung der Malabaren
half der Gott Vistnun den Rixijs Grund
und Boden für einen Tempel suchen,
indem er ein Reiss. oder eine Reiswanne
schüttelte, wodurch das Meer zurück¬
trat ; der Gott des Wassers aber ver¬
wandelte sich in weiße Ameisen und zer¬
fraß das S. 183 ). Der St. Florianer
Papierkodex rät: Item durich ain reitter
saicht ainew, so tanczt man mit ir gern
vor für die andern 184 ); ferner: das man
mit ainer var tancz das sy zu dem
tancz get, so siez sy auf ainn drifues
oder sy saicht durich ain reitter 185 )
(Vgl. durch einen Ring urinieren gegen
fascinatio) 186 ).
179 ) Grimm Mythol. 2, 913. 180 ) Magyaren
122. 181 ) Birlinger Volkstümliches 1, 317
Nr. 508; Fischer Wb. 5, 1380. 182 ) Schön-
i68 3
Sieb
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
1686
werth Oberpfalz 1, 132 ff. Nr. 3; Ranke Volks¬
sagen 26. 182a ) Gredt Luxemburg 476 ff.
Nr. 243. 183 ) Philipp Baldaeus Beschreibung
der ostindischen Küsten Malabar und Coro-
mandel Amsterdam 1672, 496b; ZfVk. 12, 113
A. 2; Zachariae Kleine Schriften 244.
184 ) Grimm Mythol. 3, 418 Nr. 36. 185 ) 1 . c. 419
Nr. 60. 186 ) Bächtold Hochzeit 1, 177; Selig¬
mann i, 302 (durch Ring, Besen und Loch).
27. Sieborakel: Die finnischen Wahr¬
sager werfen auf ein S. ein Stückchen
Brot und Kohle; wenn in dem Moment,
in dem man einen Wunsch ausspricht, ein
Pendel zwischen den beiden Stückchen
sich bewegt, geht der Wunsch in Erfül¬
lung 186a ). In Schottland stellt man
folgendes Orakel an, um etwas über
die Zukünftige zu erfahren: Man geht
in die Scheune und öffnet beide Tore,
womöglich hebt man die Tore aus
den Angeln; dann führt man mit einem
S. oder einer Kornreiter dreimal in des
Teufels Namen die Aktion des Korn-
siebens aus; dann kommt die Zukünftige
durch das Windtor herein und zum andern
Tor hinaus 187 ). Bei den Hochzeiten der
Pulayars in Travankore ist folgendes
Liebesorakel üblich: In der Dämmerung
dreht man eine Muschel in einem S. und
beobachtet, wohin die Muschel fällt;
wenn sie nach Norden fällt, ist das
günstig; die Südrichtung ist die ungün¬
stigste 188 ). Bei den Südslaven legt man
am Johannistag so viel weiße Johannis¬
blumen in ein S., als Personen im Hause
sind und denkt jeder Person eine Blume
zu; wessen Blume zuerst welkt, der stirbt
im selben Jahr 189 ). Dasselbe Orakel
stellen die Zigeuner am St. Georgsfest
an 190 ).
186a) Busch an Völkerkunde 3, 421. 187 )
Frazer 10, 236. 188 ) ZfVk. 14, 406. 18d )
Krauß Rel. Brauch 34. 19 °) Wlislocki Zi¬
geuner 148.
28. Siebdrehen s. Sp. 1686ff.
29. S. im Heilzauber: In den meisten,
besonders in den indischen Gebräuchen
handelt es sich um reinigend-apotro-
päische Zeremonien gegen Krankheits¬
dämonen (vgl. Gegenzauber § 25): In
den von F. M. Müller herausgegebenen
,,Hymns of the Atharva-Veda“ handelt
es sich um Heilgesänge und Zeremonien
gegen bestimmte Krankheiten; letztere
sind sehr undurchsichtig: In einem Zau¬
ber gegen Husten und Kopfschmerzen
trägt der Patient in der linken Hand ge¬
röstete Körner in einem S. (vgl. A 95) und
streut die Körner mit der Linken aus m ).
Auch in einer andern sehr komplizierten
Reinigungszeremonie gegen Krankheits¬
dämonen wirft der Patient die geopferten
Gegenstände in ein S. 192 ). In einer
andern symbolischen Zeremonie gegen
alle Krankheitsdämonen werden ge¬
röstete Getreidekörner in einem S. ge¬
reinigt und dann auf den Weg gewor¬
fen 193 ). Wenn man in Indien auf Grund
des Horoskopes Krankheit befürchtet,
wird das Kind in Scharlach gewickelt
(apotr. Zauberfarbe), in ein S. gelegt
und dann durch die Hinterbeine einer
Kuh durchgezogen 194 ). Reinigungs- und
Analogiezauber (durchschlüpfen) ver¬
bindet sich in dem bekannten römischen
Brauch, mit dem man den Frauen die
Geburt erleichterte: Cribro in limite
abjecto herbae intus exstantes decerptae
adalligataeque gravidis partus adce-
lerant 195 ). Nach der rabbinischen Heil¬
magie soll man über ein Kind, das puls¬
los ist (so lehrt die Pflegemutter des
babylonischen Lehrers Abajji), ein S. hin-
und her schwenken 196 ).
Um die Augenkrankheit loszubekom¬
men, wirft der Japaner drei Bohnen in
den Brunnen seines Hauses; dabei hält er
ein Sieb so über den Brunnenrand, daß
es sich nur halb im Brunnen spiegelt;
nach der Genesung läßt man das S. sich
ganz im Wasser spiegeln und opfert wieder
drei Bohnen 197 ).
Gegen Magenbeschwerden legt man
bei den Huzulen ein S. auf den Magen des
Kranken und läßt durch dieses Wasser,
in dem Kohlen gelöscht wurden, tropfen 198 ).
191 ) The sacred booksof the east 42, 248. 192 ) 1 . c.
519. 193 ) 1 . c. 473. 194 ) ZfVk. 12, 112 ff . 195 ) Pli -
nius Nat. hist. 24, 171; vgl. Fehrle 1 . c. 547;
Grimm Mythol. 2, 1004; 3, 352. 196 ) ARw.
2i, 235. 197 ) H ovorka-Kronfeld 2, 791 ff .
198 ) 1. c. 2, 84.
30. S. im Viehbesprechen und im Vieh¬
heilzauber: Oben wurde die Stelle aus
Apollonios zitiert, nach der alte Weiber
mit dem S. das Vieh heilten (Anm. 153).
Kranke Hühner, die an pituita (Ver-
schleimung) litten, setzte man auf ein
S. (Wicken- oder Hirses.) und räucherte
sie mit Polei 199 ).
Ausgeschlüpfte Gänseküchlein muß
man in der Mark in einem S.e räuchern,
und zwar nimmt man als Räucherwerk
etwas vom Schwänze eines Küchleins,
etwas aus dem Brutnest und einige
Daunen von den Gänsen 20 °); dann steckt
man sie durch die Öffnung eines Pferde¬
schädels oder durch das Astloch eines
Eichenklobens.
Die kleinen Hühner und Gänse werden
in Pommern in ein S. getan und mit
Pulver beräuchert: dann tun ihnen die
Krähen nichts 201 ). Kranke Hühner
schwenkt man im Harz 202 ) in einem S.
über das Kohlenfeuer hin und her. In
Hornhausen im Halberstädtischen hält
man die jungen Gänse über das Feuer 203 ).
Im Katalog der abergläubischen Ge¬
bräuche im Tosefta Sabbat heißt es:
Wenn eine Frau die Küchlein im S. siebt,
und wenn eine Frau Eisen zwischen die
Küchlein legt, so ist das erlaubt 204 ).
Die böhmische Hausfrau dreht die Gänse
beim Setzen dreimal in der Stube herum,
dann setzt sie sie auf das Nest von
Erbsenstroh in ein S. 205 ). Nach dem
Ausschlupfen beräuchert sie die Jungen
in einem S. mit Hammerschlag, dem
zarten Flaum der Gänschen, geweihten
Palmen, Rosenblättern und Seidelbast
und Nessel 206 ). In Elbekosteletz werden
die jungen Gänschen, damit sie nicht
krank werden, in ein S. gelegt, das über
einem Kohlenfeuer hängt; dort werden
ihnen die zarten Flaumfedern am
Schwänze abgeschnitten und in das
Kohlenbecken geworfen 207 ). ,,Besiehe
das Vieh, so Läuse hat, mit gebrannter
Zwöftenbuchenasche; das ist aber nur
für die kleinen Läuse; für die großen
brenne Erbsenstroh zu Asche und besiehe
damit das Vieh“ (Mecklenburg, Tessin 208 )).
Item so ain chue ain erstchalb trait, so
nimpt die peyrinn ain aichenlaub, und
stekcht ain nadel darin und lecht es
enmitten in den sechter, und nymt dann
das uberruckh mit dem gor und Spindel
ab dem rokchen und stekcht es auch
enmitten in den sechter, so mag man der 1
chue nicht nemen die milich und des
ersten milich sy in den sechter, do das
ding in stekcht, die selb chue am ersten,
die weil das dinkch dar inn stekcht 209 ).
Damit die Hühner nicht verlegen, läßt
man in Mergentheim am Karfreitag alle
Hühner aus einem S. fressen 210 ).
199 )Columella 8, 5; Pauly-Wissowa 1, 91;
11, 1484; ARw. 2i, 235 ff.] ZfVk. 3, 39; Fehrle
1 . c. 548; W. 677. 20 °) Kuhn Mark 381 Nr. 40;
ZfVk. 1 . c. ; Seefried-Gulgowski Kaschubei
176; Berthold Unverwundbarkeit 40. 201 ) Bl-
pommVk. 3,90. 202 )W. 676. 203 )ZfdMyth. 1, 202.
204 ) ARw. 21, 235; Scheftelowitz 1 . c. 66.
205 ) G roh mann Aberglaube 139 Nr. 1021.
206 ) 1 . c. 140. 207 ) 1 . c. 140 Nr. 1027; W. 676 — 77.
208 ) Bartsch Mecklenburg 2, 152 Nr. 684.
209 ) Grimm Mythol. 3, 416 Nr. 18. 21 °) Eber¬
hardt Landwirtschaft Nr. 3, 21.
31. Am Matthiastag darf man bei den
Esten keine Spindel sehen lassen, damit die
Schlangen keinen Schaden zufügen, auch
kein S., damit es in diesem Jahre nicht
viel Fliegen und Ungeziefer gibt 211 ).
Manche lassen sich zu Fastnacht mit der
Schafschurschere die Spitzen der Kopf¬
haare abschneiden und auf den Boden
eines S.es stellen; dann wachsen die Haare
lang und schön 212 ). In der Gegend von
Timowo in Bulgarien siebt die Hausfrau
am Weihnachtsabend in einem groß-
löcherigen S. Hafer und Spelt über die
Schlafenden und spricht: In diesem Haus
soll es heute viele Hühner, Enten, Kälber
usw. geben 212a ). Im Banat steht am
Weihnachtsabend in manchen Orten vom
Eintritt der Dämmerung bis zum Morgen
ein S., in welches ein Nest gemacht ist
und worin man gerebelten Mais legt, damit
das kommende Jahr viele Hühner bringe.
Das S. soll nicht umgestoßen werden,
sonst sitzen die Bruthennen unruhig und
die Küchlein laufen fort 212b ).
211 ) Bcecler Ehsten 77/79. 212 ) 1 . c. 80.
212a) Arnaudoff Bulgarien 18. 212b) Bell
Das Deutschtum im Ausland (1926) 124.
Eckstein.
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
(s.a. Koskinomantie). 1. Der Begriff xocrxt-
vGjjLavTeia und Stand der xoaxtvojiavieic
waren im Altertum vorhanden: Den
ältesten Beleg finden wir bei Theokrit 2 )
in seinem dritten Gedicht, wo er eine
Agroio als xoaxtvofAavttc bezeichnet;
aus den Scholien 2 ) geht hervor, daß es
1687
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
• •
ein armes Weib war, das Afiren aut dem
Felde las; wenn Ganschinietz 3 ) daraus
vermutet, daß die Ähren eine Rolle beim
Weissagen spielten, so dürfte wohl diese
Interpretation durch Wortlaut und Sinn
nicht zu begründen sein. Apollonius von
Tyana 4 ) berichtet von weisen Frauen,
die Herdenkrankheiten mit dem Sieb
besprachen und sich p.avru nannten;
dieses Milieu paßt zu dem bei Theokrit
geschilderten. Die andern Stellen (Lu-
kian 5 ), Pollux 6 ), im Traumbuch des
Artemidor 7 ), bei Josephus 8 ) und Choiro-
boskos in den Anekdota Bekkers 9 )) bieten
nur die Tatsache der Koskinomantie.
Über die Praxis der antiken Koskino¬
mantie wissen wir gar nichts.
*) 3, 31: Elfte xat ’Aypouü xctXaO^a xor/ivoua-
vxt;. Jahrb. d. K. d. archaeol. Instituts,
Erg. Heft 6 (B. 1905), 48; A. Bouche-Le-
clerq Histoire de la divination dans l'antiquitb
1 (Paris 1879), 183. 2 ) p. 120 Wendel: f, rapa-
xoXoufloOsa xotc iHeptaral; xai too; axa/ua; avaXe-
70jjivjj; Stemplinger Antiker Aberglaube 56.
3 ) Pauly-Wissowa 11, 1481 ff. 4 ) Bei Phi-
lostratos 6, 11 (222, 28 Kayser): yoae; avr)u-
ptivat xosxtva <c>otxu>atv iizi rotuiva;, ote 5 e xai
ßouxdXooc, (uip-evai xd voaouvta xuiv ftpcu^dxtov
jAavTtxirj, u>; 'faaiv. d£ioOai 0 i aoWi < 5 vo[Ad£ea#ai
xal 3 o<pitmpai 7j ol aTeyvdi; p.avxeic. ß ) Alex¬
ander Pseudomantis c. 9 (— 2, 120, 3
Jakobitz): xosxi'voj xd xoü Xoyou pavxti»dp.cvoc
(die Paphlagonier als Gaukler u. Spiritisten).
6 ) 7, 188 (— 318 ff. Bekker) dXcpixopdvxstc ...
xo5xtvopctVTEic. 7 ) 2, 69 (= 161, 20 Hercher):
03 a ydp dv X^w 3 i... xo 3 xtvop.dvxetc. . . rdvxa
xai dviurd^Taxa yprj voptCEiv. xal ydp at xfyvat
ajxujv ttei xotaOxat xal adxr,; p.iv pavxtxf}; ou 5 e
ßpayj faam, yoTjxEuovxcC hi xai aTraTÜivTec är:o 5 i-
odaxojat xob{ EvruyydvovTa;. 8 ) Migne Patro -
logia graeca 160: die 23te pavxtla 7rap’ a EXX7)3iv
ist: ^ ota xocxi'vou. ®) Bekker Anecdota 3,
1193: xoaxtvdfxavxi;. .. dXEupduavxtc.
2. Plötzlich taucht in den Werken des
16. und 17. Jahrhunderts die Koskino¬
mantie wieder auf mit einer ganz be¬
stimmten Technik. Wohl den ältesten
Beleg bietet ein Gedicht aus dem Kreis
des Strickers 10 ):
Und das ein wlp ein sib tribe
Sünder vleisch und sunder ribe,
Dä. nicht inne waere,
das sind alles gelogniu maere.
Wohl eine der ältesten Beschreibungen
mit Abbildung (s. d.) bietet Georg
Pictorius aus Villingen in seiner Ab¬
handlung de speciebus magiae cere-
monialis, wo er die Arten derMantik auf¬
1688
zählt: Die Koskinomantie gibt Auskunft
über Diebstahl, über geheime Verbrechen
und über eine Wunde, die man von
einem Unbekannten empfangen hat; die
auch in den folgenden Belegen des 16.
und 17. Jh.s oft unklare Beschreibung
der Technik des Siebhaltens geht aus der
Figur klar hervor; vor allem ist die
besondere Art der Schere zu beachten;
die Worte lauten: dies, mies, ieschet,
benedoefet, dovvina, enitemaus. Pic¬
torius hat dieses Orakel selbst gebraucht:
Vor rund dreißig Jahren (um 1530) habe
ich diese Art der Divination selbst ge¬
braucht zuerst wegen eines Diebstahles,
dann wegen eines Jagdnetzes, das mir
ein Mißgünstiger durchschnitt, drittens
wegen eines verlorenen Hundes, und immer
habe ich erfahren, daß der Würfel nach
Wunsch fiel; später aber habe ich es
sein lassen aus Furcht, daß der Teufel
mir gegen die Natur die Wahrheit ent¬
deckte und mir den Mund zuschmierte
und durch seine Verfügung mich in seine
Falle lockte. Diese Divination hielt man
sonst für zuverlässiger, wie auch Erasmus
im Sprichwort schreibt: cribro divi-
nare 11 ) = stulte de rebus occultis divi-
nare 12 ). Hermann Neuwaldt bietet die
bei Pictorius beschriebene Technik,
erwähnt aber Diebsegen, die von Petrus
und Paulus handeln 13 ). Die K. wurde
in der Gesellschaft als Kuriosum vorge¬
führt: Bodinus erzählt in seiner Daemo-
nologia, daß er in Paris um das Jahr 1583
in einer vornehmen Gesellschaft zusah,
wie ein junger Mann bei Anwesenheit
berühmter Männer ein S. laufen ließ,
ohne es zu berühren, nur durch Hersagen
einiger französischer Wörter; daß aber,
meint Bodinus, hinter dieser Manipula¬
tion eine teuflische Kunst steckte, gehe
daraus hervor, daß ein anderer in Ab¬
wesenheit des Siebzauberers mit den¬
selben Worten das S. nicht zum Laufen
brachte 14 ). Kaspar Peucer in seinem
Commentarius erwähnt unter den in-
cantationes zusammen mit der Axino-
mantie (s. d.) die K. zur Aufdeckung ver¬
borgener Verbrechen. Diese übt man aus,
indem man ein S. auf einer Schere auf¬
setzt und die Schere nur mit zwei Fingern
I
I
0
k
I689
ergreift und in die Höhe hebt; hierauf
spricht man ein Gebet und sagt den
Namen der Verdächtigen; wenn nach
der Nennung eines Verdächtigen das S.
zittert pder sich bewegt oder dreht (tremit
vel nutat vel convertitur), klagt man
den als verdächtig an 15 ). Schröder (1563):
Dar hen under gehören ok de, de wat
vorlaren hebben, edder wenn en wat
gestalen ys, so besöken se de Tatern
(Zigeuner), de Warsager, de Thöverers,
de schölen ydt en vorkündigen, wol dat
gedan hefft, de moten en dat Seve laten
ummelopen, welcker wysen schal up den
Deeff, und den melden 16 ). In seiner
Schrift de magis infamibus erwähnt Wierus
(= Weier) unter den vielen Arten der
Manteia auch zusammen mit der Axino-
manteia die Koskinomanteia mit denselben
Worten wie Peucer, nur zitiert er die
adjuratio per sex verba: dies,nues, jeschet,
benedoefer, donuina, enitemaus 17 ).
Waldschmidt weist in seiner fünften
Predigt auf Peucerus, Wierus und Bodinus
hin: Wie auch die Coscinomantia die
S.Wahrsagung, durch welche sie die Dieb
und andere verborgene Ding erkundigten,
dann sie nahmen eine Zang in zween
Finger / legten ein Sieb darauff / und
sprachen ihr gewöhnliche Zauberwort /
wann sie nun des Thäters Namen nen-
neten / so zitterte das Sieb und bewegte
sich / und ist des Dings noch vielmehr
gewesen / so sie zum Wahrsagen gebraucht /
ist nicht möglich alles in kurtzer Zeit zu
erzählen / es habens der Länge nach
Peucerus, Wierus und Bodinus beschrie¬
ben 18 ). Der Stendaler Pfarrer Daniel
Schalter wettert in seinen acht Predigten
von Zauberhändeln gegen die, welche
mit Kristallen, Spiegeln, Ringen, Becken
und S.en augurieren lö ).
David Herlicius schreibt: Eine andere
noch teuflischere Weissagekunst ist die
Coscinomantia, welche lehrt, daß durch
ein S. auf Drängen des Teufels geweissagt
werde; wer der Urheber irgendeiner Tat
sei, wer diesen Diebstahl begangen habe,
wer diese Wunde geschlagen habe, ob
dieser oder jener Bursche der Verlobte
des Mädchens sein werde oder was derlei
ist. Sie hangen nämlich zwischen den
1690
Mittelfingern von zwei einander gegen¬
überstehenden Personen das S. mittels
einer Zange auf und zitieren durch Worte,
die sie selbst nicht verstehen, den Teufel
herbei, damit nach Nennung des Schul¬
digen das S. sich sofort dreht; damit
vergleicht der Autor die Axinomantie 20 ).
Dazu stellt Praetorius das Orakel mit
einem Schlüssel, den man mit einem
Papier umwickelt, auf dem der Name
des vermuteten Diebes geschrieben steht;
den Schlüssel hängt man an einem hei¬
ligen Buch auf; beim Nennen des wahren
Diebes bewegt sich der Schlüssel 21 ).
Herrenschmid in seiner Sündenrolle be¬
schreibt nach der Verwerfung des Schlüs¬
selorakels das „ Sieblauf en“: Man nimmt
eine Zange in zwei Finger, leget ein S.
darauf und spricht sonderbare Worte
darüber; wenn man den Namen des
Diebes nennt, schwenkt sich das S. oder
bewegt sich wenigstens 22 ).
F. Balduin erwähnt die Koskinomantia
nur kurz 23 ); nach ihm war eine besondere
Art folgende: Man legte Zettel in ein S.,
und wenn man beim Nennen eines Ver¬
dächtigen den Zettel mit dem Namen
des Petrus zog, war der Verdächtige
überführt 24 ). Eine besondere Technik
hatte man nach Praetorius in Polen 25 ):
In Polen haben sie folgende Sitte von den
Vätern übernommen: Sie nehmen so viel
Zettel als sie Leute im Verdacht haben
und schreiben auf diese Zettel die Namen
und legen sie in ein S.; das bringen sie
in eine Kufe mit Wasser; alle Zettel
werden naß, nur der nicht, der den
Namen des Schuldigen trägt (hier wirkt
die Wasserprobe ein). Der Züricher
Pfarrer J. Müller schreibt 1646: da etlich
eine schär darsetzen auff ein sieb und
murmeln gewüsse wort: die schär durch
satans trieb indessen auff dem Geschirr
ganz ungeheuer umbrennet, wann eine
die nit fromb mit nammen wird genen-
net 26 ). Der Pfarrer Barth. Anhorn zählt
unter den Manteiai auf: D. Die Sieb-
Zang- Axt- oder Beilzauberey ist laider
under den Christen viel gemeiner als gut
ist / verborgener Dingen / Diebställen / und
dessen was verloren worden / Offenbahrung
zu suchen; da man ein Zang in zween
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
Finger nimmt / oder ein Axt / oder Beil in
einen runden Pfahl schlage / ein Sieb drauf
setzt / sonderbare Zauberwort spricht /
und die Namen derer / die in dem Arg¬
wohn sind / einanderen nach nennet.
Wann man dann den Namen dessen
nennet / der schuldig ist / und dieses oder
jenes gestohlen hat / so soll sich das Sieb
schwenken / oder wenigst bewegen und
zittern 27 ). Alle diese und noch andere
Zeugnisse benutzt Praetorius in seiner
Monographie; darin viele absurde Deu¬
tungen, so die etymologischen Erklä¬
rungen 28 ), und ,,Teufel und S.“ 29 ).
Fischer in seinem Kompilationswerk gibt
seiner Beschreibung des Zaubers eine
Abbildung bei, die eine von der allgemein
üblichen Zeremonie abweichende Version
bietet: zwei Weiber halten das S. an der
Schenkelspitze einer Schere, während der
weise Mann dieWorte sagt 30 ). Die übliche
Technik bieten Tharsander 31 ) und Agrippa
von Nettesheim 32 ). Nach Agrippa war
zu seiner Zeit das S.drehen besonders
in Frankreich im Schwünge bei Bürgern
und Bauern 33 ). Nach Maimonides wurde
die Kunst auch von den Hebräern ge¬
übt 34 ). Einen Fall kennen wir aus den
Akten von Günzburg aus dem 17. Jh.:
die Angeklagte wurde überführt und zur
Geige verurteilt 35 ); in einem Prozeß 1708
wird ebenfalls das Laufen des S.es er¬
wähnt 36 ). Im Hexenprozeß gegen Anna
Maria Everkams 1676 ist das S.drehen
das kriminelle Verbrechen; die Angeklagte
hatte für eine Frau in Zemlin, der ein
Hemd gestohlen war, das Erbs. laufen
lassen mit dem Spruch: St. Peter, St. Pa-
gel. St. Matthias 37 ).
10 ) Grimm Mythol. 2, 928. n ) De illorum
daemonum, qui süb lunari collimitio versantur,
ortu, nominibus . per Georgium Pic-
torium Villinganum; quibus accedit De
speciebus magiae ceremonialis .. . Basileae 1563,
63 ff.; Zedier 37, 1039 ff. 12 ) M. Joh. Prae¬
torius De coscinomantia oder vom Sieblauffe
diatribe curiosa Curiae Variscorum 1677, L. 3.
13 ) Hermann Neuwaldt Exegesis purgationis
sive examinis sagarum super aquam frigidam
proiectarum ... Helmstadt 1584, F. 5 ff. 14 ) De
magorum daemonomania libri 4: lib. 2 cap. 1
Frankfurt 1603, 151. 15 ) Commentarius de
praecipuis generibus divinationum . .. Witten¬
berg 1560, 170b (de fatbooi;). 16 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 330 Nr. 1601a. 17 ) Johannis
Wieri Opera omnia Amsterdam 1660, 134 T. 11.
18 ) Pythonissa endorea das ist: acht und zwantzig
Hexen- und Gespenst-Predigten . von
M. Bernhardo Waldschmidt Frankf. 1660,
100 ff. 19 ) Daniel Schalter acht Predigen von
Zauberhändeln Stendal 1611; Praetorius 1 . c.
H. 4. 20 ) David Herlicius Orationes lib . 1,
Greifswald 1602; Praetorius 1 . c. A. 2. 21 )
Praetorius I. c. C. 22 ) Jak. Ad. Herren¬
schmied Sündenrolle p. 4 ff.; Praetorius 1 . c.
C. 23 ) Friedericus Balduinus de casibus cons-
cientiae Wittenberg 1628, 769. 24 )1. c.771. 25 )l.c.
C 2 ff. 26 ) Vorrede zu Rud. Gwerbs leuth - und
vyschbesägnen Zürich 1646; ZfdMyth. 4, 131.
27 ) Anhorn Magiologia 519. 773; Meyer
Aberglaube 284. 28 ) 1 . c. L 3 ff. 29 ) 1 . c. K 4 ff.
30 ) Aberglaube 297. 31 ) Tharsander 2, 182.
32 ) 4, 179; 5, 363 ff. 33 ) Carus Sterne Die
Wahrsagung aus den Bewegungen lebloser Körper
Weimar 1862, 136. 34 ) 1 . c. 134; Molitor Philo¬
sophie der Geschichte 1839, 1,316. 35 )Birlinger
Schwaben 2, 496. 38 ) Akten des bad. General¬
landesarchivs Breisgau Generalia 2120. 37 ) Bl-
pommVk. 4, 139, 11.
3. Die S.dreher werden oft unter den
Zauberern und Wahrsagern genannt: aut
qui ariolos suscitaturi inspectores cribro-
rum pro cognoscendis furtis et observant
somnia 38 ). Grimmelshausen erwähnt
im Simplicissimus einen Profos: er war
ein rechter Schwarzkünstler, S.dreher und
Teufelsbanner 39 ). Im Vogelnest 2. Teil
cap. 1 bringt er schwarzkünstlerische
Lumpen, S.träher und Segensprecher 40 );
im cap. 2 werden neben den Teufels-
bannern die S.dreher genannt 41 ). Nach
Anhom wurde ein S.dreher am 17. Tag
des Oktober 1629 vom Rat in Basel dazu
verurteilt, in der Kirche St. Leonhard
öffentliche Kirchenbuße zu leisten 42 ). In
Westböhmen kennt man noch beson¬
dere S.dreher 43 ).
38 ) Schönbach Berth. von Regensburg 135.
3# ) Buch 2 cap. 22; Amersbach Grimmels¬
hausen 1, 28. 40 ) 4, 15, 18 Kurz. 41 ) 4, 21, 22
Kurz; Amersbach Grimmelshausen 2, 76.
42 ) Magiologia 1048; ZfdMyth. 4, 131. 43 ) John
Westböhmen 275.
4. Die Technik des S.drehens ist nicht
einheitlich; am gebräuchlichsten war die
von Pictorius gezeichnete, die auch in den
obigen Belegen in der Regel sich findet;
diese gebräuchlichste Art beschreibt auch
der Scharfrichter Huß in seinem Buch
vom Aberglauben 44 ): Nun nihmt der
gescheite Mann das Erbs. und stecket
auf den Raif die offene Erbschere, an
denen zwey Ohren haltet zu jeder Seite
y
einer mit dem Zeigfinger das Ohr, nach
einem langen geheimen Gemurmel und
Vorstellungen, bey welchen Namen sich
das S. umdrehet, dieser oder diese soll
und muß der Dieb sein.
Nach den Gerichtsakten der Herr¬
schaft Pernstein 1750 holte ein Bauer,
dem ein Faß Butter gestohlen wurde,
einen weisen Mann, um den Ort zu
finden, wo das Faß versteckt war; dieser
steckte eine Schneiderschere in eine
Haberreiter und lehnte die Reiter an
die Stallwand; dann kniete er nieder und
betete barhäuptig ein Vaterunser und
ein Avemaria; darauf mußte einer die
Schere bei dem Griff auswendig halten;
ein zweiter mußte die verdächtigen Orte
hersagen, während dessen sprach der
Meister das Sieb an mit den Worten: Hei¬
liger Petrus und Paulus, befindet sich
das Schmalz an diesem Ort, so gehe, ist
es aber allda nicht, so stehe 45 ).
Alte schweizer Handschrift 46 ): Man
nimbt eine Kornreitern und eine Schaf¬
schär. Steckt die Schär in den drei
höchsten Namen oben in die Reitern,
dann stehen zwei gegen einander und
nehmen die Schär in welchen die Reitern
hangend ist, dann spricht einer: Dies,
mies, Mues, fette Mus, Muß in Asch;
benedicto Sanktpetrus Sanktpaulus, ich
frage euch, hat J. Str. dem
J. St. eine Kupfergelten ge-
stollen, so trä di, hat er dies aber nicht
genohmen, so bleib stehn. In einer alten
Vorschrift aus Schwaben ist die Technik
genau die von Pictorius beschriebene;
hier spricht der, bei dem nicht gestohlen
wurde: Paulus hat gestohlen im Namen
usw. (dreimal); dann nennt man die ver¬
meintliche Diebsperson und sagt: N. N.
gestohlen im Namen usw. (dreimal).
Wendet sich das S., so weiß man den
Dieb 47 ). Meier beschreibt die schwä¬
bische Praxis ebenso, und fährt fort:
Jetzt fragt der eine: Soll ich dies Jahr
noch heiraten? Wird mein Vater bald
sterben? hat der und der mir das Holz
gestohlen? Bejaht das Sieb eine Frage,
so dreht sichs bei dem Fragenden ge¬
waltsam von der rechten zur linken
Seite 48 ). Aus einem Privatbrief (1868):
Man nimmt ein Ährensieb, steckt die
Spitzen einer geöffneten Schere hinein,
die zwei Personen mit einem Finger, dem
längsten der Hand, halten, während eine
Person das bekannte Evangelium Im
Anfang war das Wort usw. betet; nun
denken sämtliche Personen auf eine
verdächtige Person; hat dieselbe wirklich
den Diebstahl vollbracht, so dreht sich
das S. um. Habe gestern selbst das
Orakulum mit gemacht 49 ).
In Westböhmen nimmt man den
Mittel- oder Zeigefinger beim Sieb- oder
Raddrehen 50 ); ein Dritter spricht den
Namen der verdächtigen Person aus 51 ).
In Böhmen nimmt der Beschwörer ein S.,
befestigt in der Mitte eine Schere und
hält diese beim Griff mit den Worten:
Heiliger Johann, Kilian, ich bitte euch
um der Wunden Christi willen, sagt mir,
ob die Sachen N. gestohlen hat 52 ). Sieber
beschreibt die Methode der ,,klugen
Frauen“ im böhmischen Wittigtale: Eine
dreimal vererbte Schere wurde ge¬
öffnet und mit gespreizten Schenkeln fest
in die Siebrechen eines dreimal ver¬
erbten Siebes mit Holzboden einge¬
stochen ; der den Dieb Suchende mußte den
kleinen Finger der rechten Hand in den
einen Scherenring stecken, in den andern
Ring griff die kluge Frau; unter geheimen
Formeln und unter Kreuzschlagen zählte
sie die Namen der Verdächtigen auf;
beim Nennen des Diebes bewegte sich
das Sieb 52a ). Im Landbezirk Znaim
in Mähren nimmt die Hausfrau die
Zeremonie vor; sie denkt dabei an
den Dieb, den sie im Verdacht hat;
ist dieser der Dieb, so dreht sich das
Sieb im Halbkreis 53 ). In Mecklenburg ist
die Technik, die von Bassewitz beschrie¬
ben wird, sehr unklar 54 ). In Waldeck
finden wir die übliche Technik mit dem
Spruch: Im Namen Gottes des Vaters
usw. 55 ). Das Schöffengericht zu Greifen¬
berg i. A. verurteilte ein Mädchen auf
Grund des Siebdrehens 56 ). Zwei Per¬
sonen verschiedenen Geschlechts
halten (in Schlesien) ein Erbsieb an einer
weitgeöffneten Erbschere schwebend, in¬
dem jede einen Griff der Schere auf der
Spitze des rechten Mittelfingers, ganz
1695
Siebdrehen, S.eblaufen, Siebtreiben
I696
leicht aufliegend, hält. Die eine Person
sagt: Peter und Paul hat geschrieben,
N. N. hat das gestohlen; die andere sagt:
Peter und Paul hat geschrieben; durch
eine Drehung entscheidet das Sieb, wer
von beiden recht hat (Kätscher, Kreuz¬
birg 67 )).
Eine sehr einfache Methode bestand
darin, daß man die Mitte des Sieb¬
geflechtes mit zwei Fingern wie mit einer
Radwelle hielt und auf die Bewegung
achtete 58 ).
Das Orakel mit Sieb und Schere ist
für England im Glossarium von Brocket
bezeugt. In Northumberland stellen die
jungen Leute um Mitternacht zwischen
zwei offenen Toren durch Siebdrehen ein
Liebesaugurium an 59 ). Das Siebdrehen
ist in derselben Form in Hessen 60 ) be¬
legt, in Braunschweig 61 ), außerdem in
Bosnien 62 ), in Siebenbürgen bei einer
Feuersbrunst 63 ), weiteres bei Panzer 64 ),
Enslin 65 ), Sartori 66 ), Fehrle 67 ), Lieb¬
recht 68 ). Abzulehnen ist die Tamfana-
Hypothese von Grimm 69 ) und Sim-
rock 70 ). Höpler berichtet von einem
Fall, wo in Wien im April 1898 das Sieb¬
laufen geübt wurde 70a ).
44 ) Huß Aberglaube 24 ff.; ARw. 19, 549;
ZföVk. 6, 118; John Westböhmen 275; Bavaria
4 > 395 - <6 ) Baumgarten Heimat 1864, 85 ff.
4Ö ) SAVk. 2, 266 ff. 47 ) Birlinger Schwaben
L 453 ; Fischer Wb. 5, 1380. 48 ) Schwaben 1,
282 ff. Nr. 318; Fischer Wb. 2, 769. 4Ö ) Zettel¬
katalog von Bächtold-Stäubli. 60 ) Meyer
Baden 567; SAVk. 2, 10. Im badischen Ried
ist nach dem Zeugnis von Professor Roegele
(Bruchsal) das Sieb- und Raddrehen noch
vor 30 Jahren geübt worden; ein bekannter
,,Braucher" hat dort einmal einen Dieb durch
Raddrehen zum Erscheinen gezwungen, indem
er ein Wagenrad unter bestimmten Formeln
drehte. 51 ) John Westböhmen 275. 62 ) Groh-
mann 204 Nr. 1417. 52a ) Bautzener Tageblatt
1925 Beil. 18. 58 ) ZföVk. 2, 319. 64 ) Bartsch
Mecklenburg 2, 334 Nr. 1610. 65 ) Curtze Wal¬
deck 420 Nr. 244; SAVk. 25, 9ff. 56 ) SAVk. 10.
67 ) Drechsler 2, 242, 619; vgl. Liebrecht ZVk.
344. M ) Sterne 1 . c. 137. 69 ) Kuhn-Schwartz
523 ff-; Tylor Culiur 1, 127 ff.; Halliday
Greek divination London 1913, 219 mit Lit.
®°) Lyncker Hessische Sagen 261. 81 ) Andree
Braunschweig 406. 62 ) Lilek Familien- und
Volksleben in Bosnien 461; ZföVk. 6, 207 ff.
63 ) Haltrich Siebenbürgen 310. ® 4 ) Panzer j
Beitr. 2, 297 ft. 65 ) Bas Siebdrehen im Frank¬
furter Museum 1856 Nr. 4 u. 5; SAVk. 25, 10;
dazu Hellwig Aberglaube 98; Freudenberg '
Wahrsagekunst 49; Löwenstimm Aberglaube
84; Keller Grab 4, 153 ff.; 5, 411. 439 ff.; En-
ders Kuhländchen 90. 66 ) Sitte und Brauch 2 r
19 A. 54; ZfdM. 17 (1903), 355. #7 ) 1 . c. ® 8 ) Volks¬
kunde 344. ® 9 ) Mythologie 2, 928 A. 1; vgl.
DWb. 10, 1, 777. 70 ) Mythologie 397. 70a ) Groß-
Höpler Handbuch für Untersuchungsrichter
(1922) 2, 501.
5. In der Oberpfalz kennt man eine
von der bekannten Zeremonie abweichende
Technik: Der Meister nimmt seine Schere,
stellt sie auseinander und das S. wagrecht
auf die beiden Spitzen; zittert das S. bei
Nennung eines Namens, so ist das der
Dieb 71 ).
71 ) Bavaria 4b, 395; C. Sterne 1 . c. 137.
6. Das S. dreht sich und fällt: Alte
Aargauer Überlieferung 72 ):
Man sticht eine schere mit beiden spitzen
in die sarge einer riteren; zwei personen
heben das sieb an den griffen der schere mit
dem unterlegten daumen der rechten hand
in die schwebe; so wie dasselbe ruhig steht,
nennt der eine den namen dessen der hier
gestolen oder etwas beschädigt haben
sol]; der andere aber spricht: nein der ist
es nicht, so zu dreienmalen . . . dreht sich
das sieb und fällt, so ist der gleichzeitig
genannte der täter. Brauch in Mecklen¬
burg 73 ) : „Man nimmt ein von Verwandten
geerbtes sieb, stellt es auf den rand hin,
spreizt eine erbschere und sticht ihre
spitzen so tief in den rand des siebes,
daß man es daran tragen kann; dann
gehen zwei verschiednen geschlechts damit
an einen völlig dunklen ort (das S. wird
wie zumeist mit dem Mittelfinger der
rechten Hand gehalten) . . . nun beginnt
der eine den andern zu fragen :imn.g.d.v.
etc. frage ich dich, sage mir die Wahrheit
und lüge nicht, wer hat das und das
gestolen? hat es Hans, Fritz, Peter ge¬
tan ? beim nennen des verdächtigen
gleitet der ring ab, das sieb fällt zu boden
und man weiß den dieb“.
72 ) ZfdMyth. 4, 131; für die Schweiz vgl.
Schweiz. Id. 6, 1727; 7, 43. 73 ) Mecklenburger
Jahrbücher 5, 108; BlpommVk. 4, 139;
Grimm 1 . c. 927 A. 1.
7. S. an einem Tuch oder Faden
hängend 74 ): Wenn jemand in Posen
einen Trauring verloren hat, dann nimmt
er ein S. und das Trautuch einer Ver¬
storbenen; hält er das S. in dem Tuch, so
1697
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
1698
fängt es an, sich zu drehen; sobald aber
der Namen des Diebes ausgesprochen
wird, steht es still 74a ). Wenn bei den
Wenden etwas gestohlen worden ist,
nimmt einer von zweien ein ,,abge¬
storbenes'* Sieb, hält es an einer Strippe
und frägt, indem er an den denkt, auf
den er Verdacht hat: Du hast es mir ge¬
nommen; und der andere sagt: ich habe
es nicht genommen. Ist so dreimal gefragt
worden und der Verdächtige schuldig,
so dreht sich das Sieb dreimal herum 74b ).
Der hölzerne Reif des Siebs hat in der
Oberpfalz zwei entgegengesetzte Ein¬
schnitte, Handheben genannt, in welchen
man das Sieb faßt; durch einen derselben
zieht man einen Faden von der Länge
einer halben Elle und macht ihn fest;
dann bindet man das freie Ende des
Fadens an einen Schlüssel, dessen Bart
ein Kreuz macht, so daß es in die Mitte
des Rohres zu stehen kommt; nun faßt
man die beiden Enden des Schlüssels
und läßt das Sieb frei hängen, bis es sich
nicht mehr bewegt; dann spricht man:
Sieb, ich beschwöre dich bei Christi Kreuz,
laß mir die Wahrheit zeugen; dann frägt
man, was man wissen will; handelt es
sich um eine Person, so nennt man zu¬
gleich dessen Tauf- und Schreibnamen.
Dreht sich innerhalb des Zeitraumes von
drei Vaterunsern das Sieb nicht, ist die
Frage bejaht; gerät es aber in Schwin¬
gungen, geht die Sache schief oder die
genannte Person ist die Unrechte. Man
wendet das Sieborakel an, um zu erfahren,
ob ein Freier kommt, ob Kinder am Leben
bleiben, ob ein Unternehmen gelingen
wird, ob der Bursche bei der Aushebung
das Los zum Soldaten zieht, besonders
aber ob ein Verdächtiger der wahre Dieb
ist 75 ).
In Ostpreußen legt man auf einen Erb¬
tisch eine Erbbibel und auf diese einen
Erbschlüssel; über diesem wird das Sieb
an einem Faden an der Decke schwebend
aufgehängt; der Beschwörer ruft dreimal
den Namen Gottes 76 ).
74 1 C. Sterne 1 . c. 134 ff. 74a ) Veckenst.
ZfVk. 1, 4S, 3. 74b ) Schulenburg m. 75 )
Schönwerth Oberpfalz 3, 2170. Nr. 13. 76 )
W. 369; Frischbier Hexenspruch 117 ff.
Bächtold-Stäubli , Aberglaube VII
8. Sieb am Schlüssel aufgehängt:
Volksmann beschreibt eine Art des Siebora¬
kels in Scharkholz: Man nimmt eine
Erbbibel, legt einen Erbschlüssel hinein
und hängt auf denselben ein Sieb (auch
an einer Zange wird das Sieb auf gehängt) 77 );
sobald man den Namen des Verdächtigen
nennt, fängt das Sieb an, sich zu bewegen
und fällt zur Erde 78 ). In Ostpreußen
sagt man dabei: Siebchen, Siebchen,
sag mir alles 79 ). Auf Christiansholm bei
Rendsburg hat man auch den Dieb einer
Jacke mit Erbbibel, Erbschlüssel und S.
ausfindig gemacht 80 ); diese Art ist offen¬
bar in dem oben für Mecklenburg ange¬
führten Siebzauber gemeint (vgl. A. 54).
In Dithmarschen legt man einen Erb¬
schlüssel in eine Erbbibel, um ihn zu
heiligen; dann läßt der weise Mann das Sieb
auf dem Schlüssel kreisen; dabei nennt
er die Namen; der ist der Dieb, bei dessen
Namen das Sieb herunter fällt 81 ).
77 ) Sterne 1 . c. 137. 7B ) Urquell 2, 126. 7Ö )
W. 369; Toppen 57. 80 ) Urquell 1 . c. 81 )
Müllenhoff-Mensing Sagen 211 Nr. 313
Anm. (alte Aufl.: 200 Nr. 272).
9. Siebzauber mit Wasser: Hierher
gehört der oben aus Praetorius erwähnte
Zauber aus Polen. Durch einen Hexen¬
meister in Morsum auf Sylt wurde ein
Diebstahl auf Antum entdeckt: Der
Meister legte einen Schlüssel und eine
Schere in ein Mehlsieb und setzte das Sieb
auf ein großes mit Wasser gefülltes Gefäß;
darauf sprach er Zauberformeln, und die
Frau mußte die Namen der Verdächtigen
mehrmals nennen; so oft sie die Namen
der Täter nannte, tanzten Schlüssel und
Schere herum; der Hexenmeister ließ
sie ins Wasser sehen, und da erkannte sie
den Täter 82 ).
82 ) Müllenhoff-Mensing 1 . c.; vgl. das Sehen
des Diebes im Zauberspiegel: BlpommVk. 4,
139 ff.
10. Eine ganz singuläre Zeremonie
bietet eine Handschrift aus dem Mittel-
alter 83 ): Accipe cribrum, nim ein sip
und stich en mitten da durch ein spinnelen,
da an ein enspin (Ring, um der Spindel
die nötige Schwere zu geben) und gib das
zwein ze haben uf den vingern gegen¬
einander unde bestelle alle die, hinz den
du dich der diube versehest und sprich
54
Siebdrehen, Sieblaufen, Siebtreiben
1699
1700
wider ein: er ist hinne, der das hat ver-
stolen. der ander sprech: ern ist (nicht);
di wort sprechen dri stunt und sprich den:
nü seze es got üf den recht schuldegen
und lege den ein salz üf das sip in dem
namen des vaters.und sprich den
disiu worte in crimis wise: pecto. pertho.
pecho. perdo. pedo. (13. Jh.).
83 ) Germania 8, 303.
11. Eine andere Art besteht darin, daß
man ein S. hinstellt und Bohnen auf das
Geflecht wirft; hüpft die Bohne beim
Nennen eines Verdächtigen heraus, so
ist der unschuldig, bleibt sie aber im Siebe
stecken, so ist der Dieb überführt 84 ).
Um einen Dieb zu entdecken, wirft man
gestohlene Bohnen, die man auf die
Namen verschiedener verdächtiger Per¬
sonen getauft hat, auf das Siebgeflecht
und nennt die Namen; bleibt die Bohne
auf dem Sieb, so ist der Dieb entdeckt 84a ).
84 ) Groß Handbuch 1, 548; Fehrle 1 . c.
549 ff. 81a ) Groß-Höpler 1 . c.
12. Der Spruch beim S.drehen ist, wie
aus den Beispielen klar wird, verschieden.
In Thüringen, Schlesien und ähnlich in
Bayern, Böhmen, Ostpreußen und Pfalz
müssen es zwei Personen verschiedenen
Geschlechtes sein; eine sagt: St. Paulus
zu Rom ist gestorben; darauf die andere:
und das ist wahr; jene: hat N. gestohlen,
so dreh dich rum und um; hat er es aber
nicht gestohlen, so bleib still stehen 85 ).
In den Akten aus Günzburg heißt die
Besprechung: So wahr St. Peter und
Paul begraben liegt, so wahr hat N. das
entfremdete Gut 86 ). Auch sonst kommt
St. Peter in den Diebesbeschwörungen
häufig vor 87 ) (vgl. oben A. 57). Über
Diebessegen vgl. Franz 88 ).
85 ) W. 369. 86 ) Birlinger Schwaben 2, 496.
87 ) Kain dl Beschwörungsbuch in Zf Ethno¬
logie 25, 29, 21; BlpommVk. 4, 170. 88 ) Bene¬
diktionen 2, 362; ZfdA. 18, 78; Stemplinger 1 .
c. 56.
13. Wie man Erb ketten 89 ) und Erb¬
schlüssel 90 ) beim ganz ähnlichen
Schlüsselzauber bevorzugt, so wird auch
meist ein Erbsieb 91 ) und eine Erbschere
gebraucht, wenn man das Sieb laufen läßt.
Beim Zauber mit dem Buch und Schlüssel
(§7) bedient man sich in Masuren eines
religiösen Buches aus der Hinterlassen¬
schaft eines Verstorbenen, der im Rufe
der Ehrlichkeit stand 92 ).
89 ) Bartsch ]. c. 2, 34. 90 ) Baumgarten
Heimat 1864, 86; BlpommVk. 4, 120; 8, 14.
16; 10,16; Kuhn-Schwartz 448,377; Schön¬
werth 1 . c. 3, 318, 15; Anhorn 1 . c. 772;
W. 368. 91 ) Panzer Beitrag 1, 258, 32; Lie¬
brecht l.c. 344; Drechsler2, 242 ff.; Bartsch
1 . c. 2, 331, 1603. 334, 1610; Meier Schwaben
282 ff. 318; Curtze Waldeck 420, 244; Schulen¬
burg 111; Müllenhoff 200, 272 (= 211, 313
2. Aufl.); Andree Braunschweig 406; Grimm
Mythologie 2, 927; Groß Handbuch 1, 548;
W. 369; ZföVk. 6, 118; Urquell 2, 126; Stemp¬
linger 1 . c. 56. 92 ) Toeppen Masuren 57;
Urquell 3, 200.
14. Psychologisch knüpft der Aber¬
glaube vom sich bewegenden Sieb an alle
jene Zimmerspielgeräte an, die aus leich¬
tem Stoff gefertigt, frei schweben und
sich beim leisesten Windhauch bewegen;
Wünsch hat ähnliches Zaubergerät aus
der Antike nachgewiesen 93 ): Man stellte
Orakel an mit einer schwebenden Scheibe
und concepta carmina.
Im deutschen Kulturkreis heißt ein
Hängegebilde, das nach Verwendung und
Namen bis nach Dänemark 94 ) bekannt
ist, und das aus Strohhalmen, Birken¬
schwämmen und andern leicht beweg¬
lichen Substanzen gefertigt ist (auch der
Lätarekranz wird so gebraucht) 95 ) die
„Unruh“ 96 ); es bewegt sich bei jedem
Luftstrom; in Bayern sagt man, daß die
Unruh still stehe, sobald eine Hexe das
Zimmer betrete; in Schlesien und
Franken hängt man einen Distelkopf an
einem Faden als Unruh an die Decke;
die Bewegung soll die Hexen vertreiben 97 ).
Über das pendulum (auch in England)
Tylor 98 ) und Halliday "). Vor 60 Jahren
schrieb Carus Sterne (Ernst Krause) eine
Monographie über die Weissagung mit
Pendeln und auch über den Siebzau¬
ber 10 °). Schon Gregor III. verbot die
Divination aus den res suspendendae 101 ).
Einen Sympathiezauber mit einem sich
sehr leicht bewegenden Gegenstand stellen
auch die Araber bei Diebstahl an: Wenn
die vorislamischen Beduinen einen Dieb¬
stahl aufklären wollten, ließ der Beschwörer
die verdächtigen Leute sich im Kreis
aufstellen; dann nahm er einen Erbkrug
zwischen die beiden Zeigefinger, blies
1701
sieben, Siebenjahr, siebenköpfig, siebenter—Siebenschläfer
1702
und sprach eine Formel und ging mit dem
Krug die Reihe entlang. Wenn er bei
dem Dieb angekommen war, begann sich
der Krug angeblich zu drehen 102 ).
93 ) Jahrb. des K. d. archaeol. Instituts Erg.
Heft 6 (B. 1905), 48. M ) Feilberg Dansk
Bondelev 1, 2, 53 ff. 95 ) Arnim-Brentano
Des Knaben Wunderhorn Reclamausgabe 798.
<j6 ) Andree-Eysn Volkskundliches 90 ff.;
Pröhle Harzbilder 1855, 85. 97 ) Seligmann
Blick 2, 58. 66. 98 ) Tylor Cultur 1, 127 ff.
") Halliday 1 . c. 218 ff. 10 °) 1 . c. 39-85.
134 — 1 3 6 - 101 ) 1 - c - 136 A 1. 102 ) Negelein
Aberglaube 1, 193. Eckstein.
sieben, Siebenjahr, siebenköpfig
siebenter s. Zahlen B. 7.
Siebenbrüdertag wird am 10. Juli zum
Gedächtnis von sieben Brüdern (Felix,
Januarius, Philippus, Alexander, Si-
lanus, Vitalis, Martialis) gefeiert, die
mit ihrer Mutter Felicitas unter Mark
Aurel oder Antoninus Pius den Märtyrer¬
tod erlitten 4 ). Wenn es an diesem Tage
regnet, so regnet es sieben Wochen 2 ).
Der Drak zieht im Lande umher, und
daher wird alles Geschirr ins Haus ge¬
bracht 3 ). Wo am S. Farnkräuter aus-
gerissen werden, wachsen keine mehr 4 ).
*) Künstle Ikonographie d. Heiligen 233;
Nork Festkalender 1, 458. 2 ) Wuttke 85 (101);
Bartsch Mecklenb. 2, 294; Schnippei Ost-
und Westpreußen 2, 18; NddZfVk. 8 (1930),
54 (Ostpreußen); Kück Wetterglaube 74 (in
Hänigsen vier Wochen). 3 ) Bartsch 2, 294.
4 ) JbEIsaß-Lothr. 6, 170 = Sartori Sitte 3,
240, wohl vom Abdontage (s. d.) übertragen.
Sartori.
siebenerlei Kräuter (Blumen). An
Stelle der „neunerlei Kräuter“ (s. d.)
finden auch oft die „s. Kr.“ Verwendung.
Am Gründonnerstag werden als „Seben-
sterke“ um Göttingen die folgenden
Pflanzen als Gemüse gegessen: 1. Brauner
Kohl, 2. Spinat, 3. Taubnessel, 4. Geschel
(Aegopodium podagraria, s. Zipperleins¬
kraut), 5. Hopfen, 6. Kümmel, 7. Schörbok
(Scharbockskraut) *). Der Johanniskranz
(s. Johanniskräuter), der das Haus das
ganze Jahr vor Unwetter und sonstigem
Unglück schützt, wird ebenfalls gern aus
s. K.n gewunden 8 ). In einigen Dörfern des
Leitmeritzer Gebietes begeben sich an
Johanni die Mädchen, welche den Stand
ihres zukünftigen Mannes erfahren wollen,
in ein Erbsenfeld, flechten dort einen
Kranz aus sieben verschiedenartigen
Blumen (einige nehmen nur fünferlei
Blumen, aber von verschiedener Farbe),
legen sich diesen Kranz als Kissen unters
rechte Ohr, worauf ihnen aus der Erde
eine unterirdische Stimme ihr zukünftiges
Schicksal verkünden soll 3 ). Bei den Slawen
werden häufig Kränze von siebenerlei
Blumen von den Mädchen zur Erforschung
der Zukunft ins Wasser geworfen 4 ).
In Oberfranken gibt man an Walburgi
den Kühen s. Kr. zu fressen, damit die
Tiere das ganze Jahr über viel Milch
geben 5 ). S. Kr. (Pflanzen der sieben
Planeten) spielen auch in der alten Magie
eine Rolle, z. B. in den „Kyraniden“ 6 ).
In Hartliebs „Buch aller verboten Kunst“
(1456) wird die Hexensalbe aus sieben
Kräutern gemacht. Die Hexen „prechen
yeckliches kraut an einem tag, der dann
demselben kraut zugehört; als am sundag
solsequium [Wegwarte], am mentag lu-
nariam [Mondraute], am erctag verbenam
[Eisenkraut], am mittwochen mercu-
rialem [Bingelkraut], am pfinztag bar-
bam Jovis [Hauswurz], am freitag capillos
Veneris [Frauenhaar, Polytrichum bzw.
Adiantum capillus Veneris] 7 ). Über
siebenerlei Holz vgl. neunerlei Holz.
J ) Schambach Wb. 188; vgl. Knorrn
Pommern 121; Reinsberg Festjahr 2 128.
2 ) Kück u. Sohnrey 1909, 145 f. 3 ) Reins¬
berg Böhmen 312; vgl. Bartsch Mecklenburg
2, 285. 4 ) Hanusch Wissensch. v. slaw. My¬
thus 1842, 310. 5 ) Heimatbilder aus Oberfr. 4
(1916), 148. 6 ) Dieterich Abraxas 157; über
die „Kyraniden“ vgl. Meyer Gesch. d. Botanik
2 (1855), 348 ff. 7 ) Hansen Hexenwahn 131;
Riezler Hexenprozesse 1896, 328. Marzeli.
Siebengestirn s. Sternbilder I.
Siebengezeit s. Schabziegerklee.
siebenhundert s. Zahlen B 700.
Siebenschläfer. 1. Von Schläfern, die
ihren zauberhaften Schlaf über einen
außergewöhnlichen Zeitraum hin aus¬
dehnen und dann wieder erwachen, wissen
die Sagen mancher Völker zu erzählen.
Die Siebenzahl spielt dabei oft eine
Rolle. Bald stellt sie die Zahl der ver¬
schlafenen Jahre dar 1 ), bald die der
Schlummernden 2 ). Am berühmtesten ist
die Legende, die sieben Jünglinge zur
Zeit der Verfolgung des Decius in eine
54 *
Sieben Sprung
1704
1703
Hohle bei Ephesus flüchten läßt, die
man zumauerte. Um 450 soll dann ein
Bauer sie geöffnet haben und die Jüng¬
linge alle lebendig zum Vorschein ge¬
kommen sein 3 ). Seit Gregor v. Tours 4 )
und Paulus Diaconus 5 ) ist diese Sage
auch in den Norden verpflanzt worden 6 ).
Als christliche Namen der Siebenschläfer
werden angegeben: Maximinianus, Mal-
chus, Martinianus, Constantinus, Dio¬
nysius, Johannes, Serapion 7 ). Ein mit
diesen Namen beschriebenes Blatt, das
man einem heimlich unter den Kopf
legt, ist gegen Schlaflosigkeit wirksam 8 ).
In Hollerich helfen die S. gegen Schlaf¬
losigkeit der Kinder 9 ). Sie gehören auch
zu den Fieberpatronen 10 ). Einen selt¬
samen Zug, der wohl vom Johannistage
(s. Johannes d. Täufer § 3) hierher ge¬
raten ist, erzählt Hygden: Eduard der
Heilige, König von England, saß 1065
bei Tische und Jachte. Als man ihn nach
dem Grunde fragte, erwiderte er, er habe
gesehen, wie die sieben Schläfer sich im
Schlafe umgewandt hätten. Man ließ
nachsehen, und es fand sich wirklich so.
Das deutete man auf die großen Ver¬
änderungen der Zeit, die Eroberung
Englands durch die Normannen usw. 11 ).
*) Bolte-Polivka 3, 460; Deecke Lübische
Sagen 2 94 f.; Wolf Deutsche Märch. u. Sag. 404
(279: hier auch noch dreimal 7 und siebenmal
7 Jahre); Meiche Sagen 732; Schulenburg
62 f.; Kreutzwald Estnische Märchen 160 ff.
Auch von 70 Jahren (Tendlau Buch d. Sagen
u. Legenden jüdischer Vorzeit 186 ff.; ZfVk.
2, 298 f.; Günter Christi. Legende d. Abend¬
landes 105) und von 700 Jahren (Grohmann
Sagen 23) ist die Rede. 3 ) Grimm Sagen
2 > 27 (392); Wolf Sagen 2; Kühnau Sagen
3, 3 J 2f., vgl. 517; Schulenburg 63 f.;
Veckenstedt Mythen d. Zamaiten 2, 232 f.
3 ) J. Koch Die Siebenschläferlegende, ihr Ur¬
sprung und ihre Verbreitung 1883; M. Huber
X). Wanderlegende von d. Siebenschläfern 1910;
vgl. ZfVk. 15, 462 A. 1; 27, 175 f.; Künstle
Ikonographie 532 t.; Doye Heilige u.
Selige d. römisch-katholischen Kirche 2, 324.
4 ) Bernoulli Merowinger 160 ff. 5 ) Hist.
Langob. 1, 4. 6 ) Roscher Sieben- u. Neunzahl
5 1 - 7 ) Franz Benediktionen 2, 480. Ihre
heidnischen Namen lauten nach Gregor v.
Tours: Achillidis, Diomedis, Diogenis, Proba-
tus, Stephanus, Sambatius, Quiriacus: Ebd.
480. Anm. 7. •) ZfVk. 8 (1898), 288 (Island).
Die Namen der S. und ihres Hundes helfen
auch gegen das böse Auge (Ägypten): Selig¬
mann Blick 2, 328. 9 ) Fontaine Luxemburg
112. 10 ) Franz Benediktionen 2, 474 h 480.
Oben 2, 1455. 1463 b “) Menzel Symbolik
2, 324 b
2. Den S.n ist der 27. Juni 12 ) gewidmet.
Regnet es an diesem Tage, so regnet es
7 Tage lang 13 ) oder 40 Tage 14 ) oder
7 Wochen 15 ) oder entweder 7 Tage oder
7 Wochen 16 ). Wie das Wetter ist, so
ist es noch 7 Wochen 17 ). An S. gesteckte
Pflanzen schlafen 7 Wochen lang 18 ).
Man muß früh auf stehen, sonst wird
man ein Langschläfer 19 ). Wer bis früh
7 Uhr schläft, tut das auch das ganze
Jahr hindurch 20 ).
Kinder, die an S. geboren sind, sterben
im ersten Lebensjahre 21 ).
1Z ) Ursprünglich der 27. Juli: Kück Wetter¬
glaube 74. 13 ) Bart sch Mecklenburg 2, 293.
14 ) Drechsler 1, 133. 15 ) Mitteil. Anhalt.
Gesch. 14, 21; Urquell 6, 15 f. (Ruppin);
ZfVk. 24(1914)359 (Ditmarschen); Schnippei
Ost- u. Westpreußen 2, 18; Kück Wetterglaube 74;
Lau ff er Niederdeutsche Volksk. 73; Wuttke
85 (101). Wenn es aber Siebenbrüder regnet,
so hat es sich abgeregnet und regnet nicht
weiter: Mündl. aus Dortmund. 16 ) And ree
Braunschweig 410; Urquell 6, 15 b (Ruppin);
Kück Wetter glaube 75 (im ostfälischen Gebiete
glaubt man, daß Regen an S. eine kürzere
Regenperiode, dagegen am Siebenbrüdertage
7 Wochen Regen bedeute). 17 ) Strackerjan
2, 93 - 18 ) John Erzgebirge 225. 19 ) Wuttke
313 (462). 85 (101). 20 ) Köhler Voigtland
377 b 21 ) John Erzgebirge 50.
3. In Lippe heißen die durch den Stich
einer Wespe hervorgerufenen, mit moos¬
artigem Grün umgebenen Rosengall¬
äpfel Siebenschläfer. Wer morgens zu
rechter Zeit aufwachen will, legt sie sich
unter das Kopfkissen, denn wer auf ihnen
ruht, kann nur 7 Stunden schlafen 22 ).
Auch Omithogalum umbellatum (eben-
sträußiger Milchstern) wird in der Ober¬
lausitz S. genannt, weil die Pflanze um
den S.tag blüht, oder weil sie erst spät
am Vormittag ihre Blüten öffnet 23 ).
”) ZfrwVk. IO (1913), 58. «) MitteldBlfVk.
5 (i 93 o), 152. Sartori.
Siebensprung. 1. Einstige in West¬
falen am ersten Ostertag ausgeführte Ge¬
wandtheitsübung: Um eine alte Eiche
auf der Haar waren in einer gewissen
Entfernung sieben Löcher gegraben. Man
faßte den Baum und machte die ,,siewen
Sprünge“; wer alle sieben Löcher traf.
1705
si eben undsieb zig—Siegelerde
glaubte, daß er wenigstens noch sieben
Jahre zu leben habe, oder in dieser Zeit
eine Frau bekommen werde 1 ). Später
führte man die Sprünge etwas abseits
von dem Baume aus, indem man den
linken Fuß in ein in die Nähe angebrachtes
Loch setzte und das rechte Bein rechtsum
hinterwärts schwang und, sonnenläufig
sich drehend, alle sieben Löcher zu treffen
suchte. Wem dies gelang, galt für den
,,Glücklichen“ 2 ).
*) Kuhn Westfalen 2, 149 f. 2 ) Woeste in
ZfdMyth. 3, 304; Kuhn Westfalen 2, 151; Sar¬
tori Westfalen 2 (1929) 67. 156; ders. Sitte 3,
162; Losch Balder 1930. — Vgl. auch Feilberg
Ordbog 3, 715 unter ,,syvspring 2)".
2. Eine Quelle im Harz, angeblich da¬
durch entstanden, daß sich sieben Prin¬
zessinnen über dem (Jrabe von sieben
durch Riesen erschlagenen Prinzen zu
Tode weinten 3 ).
3 ) Pröhle Unterharz S. 4 Nr. 11 und 12;
vgl. Kuhn Westfalen 2, 151.
3. Ein einst sehr verbreiteter, heute
aber meist vergessener Volkstanz, dessen
Eigenart in sieben durch den Tänzer zu
vollführenden, verschiedenartigen Sprün¬
gen besteht 4 ). Nicht über 1732 zurück
belegbar 5 ) diente er bei allerlei Festen,
wie Hochzeit, Emtefeier, Fastnacht und
dergl. zur Belustigung 6 ). Vorsichtig
erwägende Forscher weisen auf die man¬
cherlei jüngeren Züge hin, die der Tanz
unverkennbar zeigt, und möchten ihm
daher kein allzu hohes Alter zubilligen 7 ).
Andere widersprechen dem und möchten
in ihm den Nachklang eines heidnischen
Opfertanzes vermuten 8 ), welcher der Ge¬
deihen und Fruchtbarkeit spendenden
Lichtgottheit und der Mutter Erde ge¬
golten habe 9 ). Unter Heranziehung
altindischer Hochzeitsbräuche hat man
ferner geglaubt, ihn sogar in die indo¬
germanische Urzeit zurückdatieren zu
können 10 ); ja man scheut nicht davor
zurück, den S. kurzerhand zum Neuner¬
sprung zu erweitern und, unter Bezug¬
nahme auf altpersische Reinigungsge¬
bräuche, anzunehmen, dieser arische Tanz
habe Sündentilgung beabsichtigt; noch
ursprünglicher habe er Beziehung zur
Mondwende gehabt 11 ). Was im S. an
Ursprüngliches erinnert, läßt am ehesten
eine Parallele zu Gewittertänzen der
Primitiven ziehen 12 ).
4 ) Ausführliche Nachweise und viel neu bei¬
gebrachtes Material bei Ed. Hermann Der
S. = ZfVk. 15, 282—311. Dazu Nachträge ebd.
17, 81—85. S. ferner Nds. 7, 17; ZfVk. 17, 447;
Sartori Westfalen 2 97; Kolbe Hessen 178 f.;
Rhönwacht 1933 S. 32; Wrede Rhein . Vkds
202; Pinck Verklingende Weisen 1, 270.310.312;
H. J. Moser Tönende Volksaltertümer (1935)
S. 249 t.; Val. Beyer Elsässische Volkslieder
(1926) Nr. 53; Deutsche Volkstänze Heft 17/18
S. 6; Heft 20 S. 4; Vld. 32, 47 (Ungarn); Zoder
Altösterr. Volkstänze 1 (1922) Nr. 10 (mit wei¬
teren Belegen); Walther Schwäb. Vkde (1929)
122; Deutsches Volksliedarchiv A 43 563
(Rhld.); A 61 068 (Westfalen); A 139 376
(Altona; dort um 1910 aufgekommen!);
D 448 (Pommern). Holland: ZfMusik 92
(1925), 518; Jaap Kunst Terschellinger Volks¬
leven (1916), 124 f.; van Duyse Het oude neder-
landsche lied Nr. 364. Dänemark: S. Tver-
mose Thyregod Danmarks Sanglege (K0b.
1931) Nr. 154; Nordisk Kultur 24 (1933), 147;
Feilberg Ordbog 3, 715, Tillaeg353; FFC. 85,
160. 6 ) Im ,.Nouveau recueil de chansons choi-
sies, A la Haye 1732“, 6, 21 nach ZfVk. 15,
284 und 310. 6 ) ZfVk. 15, 311. 7 ) Vgl. die Aus¬
führungen von Hermann, sowie die von
Bloch in HessBIVk. 26, 76 ff. 8 ) Erk-Böhme
2, 758; Böhme Geschichte des Tanzes 1 (1886),
155; Kunst a. a. O. ®) Kolbe Hessen 178.
10 ) Bloch a. a. O. 77; Woeste in JbndSpr.
1877, 140; Kuhn Westfalen 2, 150 f.; s. a.
Nationalzeitung v. 28. 5. 1854 Nr. 245. X1 ) G.
und E. Hüsing Deutsche Laiche und Lieder
(Wien 1932) 120 f. 12 ) C. Sachs Eine Welt¬
geschichte des Tanzes (Berlin 1933) 59 - — Zur
Melodie vgl. noch Jos. M. Müller-Blattau in
Vierteljahrsschr. f. Lit. u. Geistesgesch. 3
(1925), 561. Seemann.
siebenundsiebzig s. Zahlen B 77.
siebenundzwanzig s. Zahlen B 27.
siebzehn s. Zahlen B 17.
siebzig s. Zahlen B 70.
Siegelerde, terra sigillata. Unter dem
Namen terra sigillata war in der Heilkunde
eine Art feiner Bolus oder Ton bekannt,
der man im Altertum, Mittelalter und bis
in die Neuzeit große Heilkräfte zuschrieb.
Man unterschied roten und weißen Bolus
(terra sigillata und terra Lemma). Die
der terra sigillata beigemessenen Heil¬
kräfte waren z. T. den Zeugnissen des
Altertums entnommen. Sie galt als un¬
fehlbares Mittel gegen Gift, Blutungen,
Geschwüre, Pest, Seuchen usw. Ihren
Namen hatte die Siegelerde von den ein-
Siegellack—Siegstein
1708
I707
gepreßten Buchstaben und Bildern, die
ihre Echtheit kennzeichnen sollten. Im
17. Jh. entdeckte man in Höhlen des
Georgsberges bei Striegau eine gleiche
Tonart, die als terra Strigensis in den
Handel kam. Sie sollte sogar die alt¬
berühmte terra Lemnia an Heilkraft
übertreffen, die Kenntmann als „sigil-
lata vera, omnium terrarum apud medicos
celeberrima" preist. Zedier sagt, die
Liegnitzer (= Striegauer) Siegelerde helfe
gegen alte Schäden, auch bei Krebs, die
Malteser sei gut gegen Bisse und Stiche
giftiger Tiere und werde deshalb auch
dem Theriak beigefügt. Viel gerühmt
wurden als Siegelerden die gelbe Axungia
Solis aus der alten Goldgrube bei Schweid¬
nitz und die graue Axungia Lunae aus
Liegnitz 1 ). Zwei von Höhn mitgeteilte
alte Rezepte gegen Pest und rote Ruhr
enthalten neben anderen Bestandteilen
gestoßene terra sigillata. Salben und
Pulver aus rotem Bolus (= t. s.) gegen
Gift, Epilepsie u. a. werden wiederholt
mitgeteüt 2 ). Als austrocknendes Mittel
wird die Siegelerde (roter Bolus) bis heute
von altmodischen Ärzten in Rezepten
verschrieben und in den meisten Apo¬
theken noch geführt 3 ). Auch Peters
berichtet, daß sie in den Obsoleten-
kammern älterer Apotheken noch zu
finden sei 4 ).
a ) Plin. n. h. 35 § 33 u. 34; Schade 1409
f. s. v. rami; Lonicer 56; Gesner d. /. I.
102 u. 153; Bressl. Samml. Regb. 666; Schles.
Histor. Layrinth (Breslau 1787), 712 f.; Zedier
37, 1077 t.; Bergmann 328 u. 500; Hellwig
Kalender 58; Quenstedt 379 h; Peters
Pharmazeutik 2, 158 t. 2 ) Höhn Volksheil¬
kunde 1, 149; ZdVfVk. 7 (1897), 412; Andree
Braunschweig (1896) 413; Kuhn u. Schwartz
45 ° Nr. 382; Drechsler Schlesien 2, 281 u. 306.
3 ) mündlich. 4 ) Peters 2, 159. Abbildungen
bei Gesner u. Peters a. O. j- Olbrich.
Siegellack. Die Verwendung des S.s
in der Volksheilkunde beruht größtenteils
auf dem Grundsätze similia similibus
(rot für rot). So trägt man in Bayern bei
Rotlauf mit rotem Ausschlag ein Stück
roten S. im Nacken oder in der Tasche
und legt bei Gesichtsrose eine Stange
roten S. auf die leidende Stelle 1 ). Gegen
die rote Ruhr wird „spanisches Wachs,
so man sonst zum Petschieren zu ver¬
wenden pflegt", zu Pulver zerstoßen und
in Wasser eingenommen 2 ). An die Ver¬
wendung roter Amulette als „Schreck¬
stein" (s. d.) erinnert es, wenn im Sar-
ganserland Siegellack als Abwehr gegen
Krämpfe getragen wird 3 ). In Schaff¬
hausen soll man gegen Rheumatismus
einen S.stengel bei sich tragen 4 ). Das
Tragen einer Stange S. gilt als Präser¬
vativ gegen schmerzhafte Katarrhe; un¬
garische Bauern tragen als Vorbeugungs¬
mittel ein Stückchen Siegelwachs am
Halse 6 ). Vor Zahnweh schützt ein Stück
S. in einem blauen Seidenfleckchen ein¬
genäht und auf der Herzgrube oder in
der Tasche getragen 6 ). Auf die alte
Farbensymbolik, die z. T. auf aber¬
gläubischen Vorstellungen beruht, geht
die heute wieder Mode gewordene S.-
spräche zurück 7 ).
*) Wuttke 322 § 477; 348 § 520; Lammert
220; Hovorka-Kronfeld 2, 736; Amers¬
bach Grimmelshausen 2, 59. 2 ) Schmidt
Mieser Kräuterbuch 55 Nr. 77; vgl. Höhn
Volksheilkunde 1, 110. 3 ) Manz Sargans 80.
4 ) SchwVk. 3,75. *) Hovorka-Kronfeld 2,
26; 2, 6; Lammert 242. c ) Lammert 234;
zu der mit wirkenden Heilkraft der Seide vgl.
Wuttke 132 § 181. 7 ) Urquell N. F. r
(1897), 247. Zur Farbensymbolik vgl. H.
Schräder Aus dem Wunder garten der deutschen
Sprache (1896), 1 ff. f Olbrich.
Siegstein. Schade führt als im Alter¬
tum bekannte Steine, die ihrem Träger
den Sieg verleihen sollten, an: victres,
gagatromes, pirophilus 1 ). Megenberg
bezeichnet auch den Almandin als S. 2 ).
Die alten Germanen trugen S.e als dem
Odin geweihte Amulette, z. B. Thors
Hammer, wahrscheinlich auch Steine aus
Rabennestem 3 ). Der Rabenstein galt
nach einer Sage auf den Faröer-Inseln als
S. 4 ). Bei den Angelsachsen galt der
Achat als siegverleihender Stein 5 ). Dem Cal-
cedon und Alabaster wurden gleiche magi¬
sche Kräfte zugeschrieben 6 ). Auch zwei
fossile Gebilde, der Sternstein und der
Drachenstein, werden als S.e bezeichnet 7 ).
Grimm führt aus mittelalterlichen Quellen
als S.e an: den unüberwindlich machen¬
den Hahnenstein, den siegverleihenden
Schlangenstein, den Diamant und den
„künstlich heimlich wie Glas wie Erz
gegossenen S. oder Siegelstein" 8 ). Aus
Glasfluß bestehen die sogenannten Alsen-
steine, genannt nach der Insel Alsen, wo
1709
Siegwurz—Signatur
I7IO
das erste derartige Stück gefunden wurde,
es sind frühmittelalterliche Gemmen, in
die ein bis vier menschliche Figuren und
allerlei Beiwerk in roher Arbeit einge¬
schnitten sind. Sie sind für eine Fassung
eingerichtet und konnten wahrscheinlich
auch zum Siegeln verwendet werden;
allerdings hat man sie nie in einem Siegel¬
ring gefunden. Vermutlich wurden sie
im Verborgenen getragen; sie erinnern
an die S.e, die schon in der Sage von Wie
land dem Schmied eine Rolle spielen 9 ).
Auch der Gottscheer shidlschtoin gehört
hierher; denn das Wort ist aus der
jüngeren, in Anlehnung an Siegel ge¬
bildeten Form Siegelstein infolge volks¬
tümlicher Umdeutung entstanden. Es
ist der alte zauberkräftige, siegverleihende
Stein der germanischen Mythe, der in der
Thidreksage ebenso vorkommt wie in
heutigen Mythen derFaröerinseln und aus¬
führlich von dem österreichischen Er¬
zähler des Mittelalters, dem Stricker,
beschrieben wird. In Gottscheer Märchen
befindet sich der Edelstein in der Schlan¬
genkrone; er ist schwer zu erringen, macht
seinen Besitzer reich und gesund, löscht
ihm Hunger und Durst und verleiht ihm
beständiges Glück. Ist jemand rasch
reich geworden, so sagt man, er hat den
shidlschtoin. Man kann ihn auch dem
Erben hinterlassen und der Tochter als
Mitgift schenken. Nach der Gottscheer
Volksetymologie heißt der Siedelstein so,
weil alles Glück sich bei ihm „angesiedelt"
hat 10 ).
x ) Schade 1440.1338 f. (= Megenberg 385).
1406 (= Megenberg 391 f.). 2 ) Megenberg
375. 3 ) Meyer Relgesch. 244®. 4 ) ZdVfVk. 2
\1892), 14 Nr. 16; vgl. Rabenstein. 5 ) Fischer
Angelsachsen 41; Liebrecht Gervasius 110
letzte Zeilen. 6 ) Kronfeld Krieg 166 (der
Nichomar); vgl. Calcedon und Alabaster s. v.
7 ) Brückmann 350 f.; vgl. Drachenstein u.
Fossilien § 4. 8 ) Grimm Myth. 2, 1020 f.;
vgl. Nork Sitten 717 u. 719. 9 ) ZdVfVk. 23
•(1913), 119 zu 7807. 10 ) Hauffen Gottschee 97.
j- Olbrich.
Siegwurz ([weiblicher] Allermannshar¬
nisch, Schwertel; Gladiolus communis).
Rotblühende Gartenpflanze mit schwert¬
förmigen Blättern und roten, fast zwei-
lippigen, in lockerer Ähre stehenden
Blüten. Wild wächst hin und wieder die
Sumpf-S. (G. palustris). Wie die Zwiebel
des Allermann sh amisches (1, 264 ff.) be¬
sitzt auch die Knolle der S. eine netz¬
artige Hülle, die mit einem Panzerhemd
(Harnisch) verglichen wurde. Der Träger
dieser Hülle sollte unverwundbar sein *).
Zum Unterschied von der Zwiebel des
Allermannsharnisches (Radix Victorialis
maris seu longae) wurde in der alten
Apothekersprache die Knolle der S. als
„Radix Victorialis feminae seu rotundae"
bezeichnet. Beide zusammen waren „Er
und Sie", plattdeutsch „He un Se"
(Heken un Seken). Unter diesem Namen
werden diese Knollen noch jetzt ab und
zu von abergläubischen Leuten in den
Apotheken verlangt, „der schwertelen
(= S. ?, vgl. Schwertlilie!) wurczen by im
treit, dem mag kain tüffel kayn layd
noch kain schaden by lebendem lib nit
getun. wer ouch dieselben Wurczellen
under aines besessen [Epileptiker? s. u.]
menschen houpt guot gewand tut oder
darinn lait, so sait der tüfel was man in
franget und flücht von danne ze hand" 2 ).
Den kleinen Kindern hing man diese
Knollen als Amulett gegen epileptische
Anfälle („Schoierken") um und nannte
sie „Schreckstein" 3 ). Das Volk benutzte
die Siegwurz auch, um in die Haut ein¬
gedrungene Splitter herauszuziehen 4 ).
*) Staricius Heldenschatz (1679), 77 f.;
Kuhn Westfalen 2, 171; Grabinski Neuere
Mystik 71; Schwartz Volksglaube 150 f.; unter
Sp. 1711. 2 ) Hs. d. 15. Jh.s: Birlinger Aus
Schwaben 1, 461. 3 ) Schambach Wb. 320 =
Die Spinnstube Göttingen 7 (1930). 18.
4 ) Camerarius Hortus med. et philosoph. 1588,
67 = Lammert 205. Marzeil.
Signatur. Die Kunst Signatum will
besagen, „das innere Sein und Wesen der
Dinge zeige sich schon in ihrer Gestalt.
Ein solcher Gedanke ist primitiv. Er
findet sich auch bei Ungelehrten. Und
er gehört auch dem Mittelalter mit seinem
analogischen Schließen. Aber im 16. Jh.,
da die magia naturalis den Grüblern und
Suchern das Herz berückt, da pascht er
sich in gelehrte Werke. Die Italiener
gebrauchen ihn. Und des Johannes Bap-
tista Porta kurieuse „Magia naturalis"
macht reichen Gebrauch von diesem
Prinzip" *).
Am Anfang der für uns wichtigen S.-
Lehre steht Paracelsus. „Ihr wißt, daß
Signatur
1712
1711
ein Jud ein gelbes Flecklein am Rock
oder Mantel trägt. Was ist solches an¬
ders denn ein Zeichen, daß jedermann
ihn für einen Juden dabei erkennen soll“.
„Die Natur zeichnet ein jegliches Ge¬
wächs, so von ihr ausgeht, zu dem das es
gut ist“. „Seht an die Wurzel Satyrion!
(Knabenkraut, Orchis). Ist sie nicht ge¬
staltet wie eines Mannes Scham ?...
Darum daß sie anzeigt, daß sie den Mannen
ihre verlorene Mannschaft und Unkeusch¬
heit wieder bringt. Also die Siegwurz, hat
Geflecht um sich wie ein Panzer. Das ist
auch ein magisch Zeichen und Bedeutung,
daß sie behüt vor Waffen wie ein Panzer“ 2 ).
Die Beispiele zeigen, wie tief im Volksglau¬
ben diese Ansichten bei Paracelsus wurzeln.
Die Fortentwicklung der paracel-
sisehen Signaturenlehre durch das 16.
und die erste Hälfte des 17. Jh.s habe ich
in meiner „Pansophie“ dargestellt. Es
ist für unsere Zwecke wichtig, zu unter¬
streichen, daß als wichtigster Zwischen¬
träger Croll 3 ) zu betrachten ist 3 ). Von
diesen Paracelsisten, die Portas Wissen 4 )
aufnehmen, gehen dann zwei Wege aus.
Der eine ist am besten als eine Schule der
Medizin zu bezeichnen; er führt über
Glauber 6 ) und Cudrio 6 ) zu den anti-allo¬
pathischen Ärzten und Nichtärzten des
19. und 20. Jh.s. Außer Chapiel 7 ) ist
hier vor allem Schlegel zu nennen 8 ), dem
Madaus 9 ) folgt, während Ernst Fuhrmann
diese Frage nur gelegentlich streift.
Wenn manche dieser Namen bedenklich
in die Nähe des großen geistigen Kom¬
plexes rücken, den wir gemeinhin „Ok¬
kultismus“ nennen, so mündete der zweite
der oben genannten Wege durchaus in die
Zauber- und Geheimwissenschaft des 17.
und 18. Jh.s. Es ist nicht so sehr
Tenzel, obwohl er manchmal unsere Ge¬
gend streift, als Antonius Mizaldus 10 ), der
anonyme Autor der „138 Geheimnisse“ u ),
und das aus ihnen wie den „Kunst und
Wunderbüchem“ der Hildebrand u. a.
in die Geheimbücher vom Schlage des
„6. und 7. Buch Moses“, „Albertus
Magnus... egyptische Geheimnisse“ 12 )
und „siebenmal versiegelte Buch“ 13 )
übergegangene Gut, in dem die Kunst
Signatum dem Volke, aus dem sie Para¬
celsuserfahren hatte,zurückgegeben wurde.
Soweit ich es zu sehen vermag, ist die
Signaturenlehre als Prinzip nicht mehr
im Volk lebendig; ich habe jedenfalls
keinen Fall, daß nach ihrer Methode aus
der S. einer Pflanze auf ihre Heilkraft
geschlossen wird, erfahren. Die Kräuter¬
weiber, die ich kenne, bewahren allein
das Wissen, „das ist gut für dies und das“,
ohne nach dem Grunde zu fragen, wenn
auch Heilmittel, die nur auf diesem Wege
zu Heilmitteln geworden sind, dabei
unterlaufen. Doch mag das in andern
Landschaften anders sein. Ein schwacher
Nachhall lebt im Schulunterricht fort;
der preußische Volksschullehrer des 19.
Jh.s besaß ein gutes botanisches Wissen, —
und bei der Übermittlung von Pflanzen¬
namen wurde gelegentlich erwähnt, man
habe das Leberkraut um der Gestalt
seiner Blätter willen für ein Leberheil¬
mittel gehalten usw. Das klingt zuweilen
noch auf und nach. Möglicherweise
kann aber die Laienmedizin (Bilz’sche
Naturheilkunde, Kneipps Kräuterheil¬
kunde, Hahnemanns Homöopathie usw.)
eine Belebung der Signaturenlehre er¬
zielen.
S. unter den verschiedenen Pflanzen
und Tieren, z. B. Maulwurf, die zu Heil¬
zwecken gebraucht werden.
*) Peuckert Pansophie 1936, 393. 2 ) Peu-
ckert 394 f.; Paracelsus Bücher vnd Schrifften
(ed. Huser 1589) 10, 152 ff. 425 ff. 469 ff.
3 ) Peuckert 395 ff.; Emil Schlegel Religionder
Arznei 1933, 75; Zentralbl. f. Okkultismus 1932/3.
4 ) Ein Auszug aus Porta’s Physognomonica:
Schlegel 76 ff. 5 ) Schlegel 75. 6 ) Johann
Cudrio von Tours Anatomia et Physiognomie
simplicium .. . Stuttgart 1659; ein Auszug bei
Schlegel 94 ff. 7 ) Chapiel Des rapports de
l’homoeopathie avec la doctrine des Signatur es,
Paris 1866; vgl. Schlegel 90 ff., wo auch auf
Imbert-Gourbeyre Lectures publique s sur
l’homoeopathie hingewiesen wird. 8 ) Emil
Schlegel Religion der Arznei Das ist Herr
Gotts Apotheke, 1933 3 . 9 ) Vgl. ebd. 33. 34.
iO) Vgl. etwa ,.Nützliche, curieuse und an¬
genehme Kunst-Stücke Antonii Mizaldi Me¬
dici“ s. 1 . et a. ll ) 1. Aufl. 1715; ich benütze die 2.
Vgl. dort Nr. 141, wo die Wurzel Fellriß gegen
Felle der Augen angepriesen wird. 12 ) Vgl.
etwa ein Augenwasser aus Augentrost usw.
Brabant 1725, 1, 26. 13 ) Druck u. Verlag C. A.
Hager in Chemnitz s. a. Vgl. etwa S. 49: Ge¬
pulverten Augentrost gegen triefende Augen;
S. 70 Knabenkraut bei männl. Unvermögen usw.
Peuckert.
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